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Meine lieben, jungen Freundinnen.

Es ist schon lange her, daß ich so jung war, wie Ihr es jetzt seid,
aber die Erinnerung an meine Jugendempfindungen ist mir deshalb
noch nicht abhanden gekommen. Ich weiß noch recht gut, was mir
damals Freude machte, mein Interesse erregte und meine Gedanken
beschäftigte. Ja, einige von den Neigungen, welche mich schon in
der Kindheit beherrschten, sind mir bis in mein Alter treu geblieben;
vor allen anderen die Lust am Lesen.

Heute schaue ich in jedes Buch hinein, das mir in die Hand
kommt, durchblättere es und entscheide für mich selbst, ob ich es lesen
will oder nicht. In meiner Jugend war das anders; da wurde mir
der Einblick in manches Buch versagt, dessen Titel schon genügte,
meine Phantasie in Feuer und Flamme zu versetzen und das ich mit
großem Herzeleid in den Tiefen eines verschlossenen Bücherschranks
verschwinden sah, wenn ich eben Miene machte, mir seinen Inhalt
anzueignen.

Ich glaube, damals hielt ich es fast für eine Art Grausamkeit, daß
ich nicht jedes Buch lesen durfte; jetzt freilich denke ich anders darüber.
Die Zeit hat mich einsehen gelehrt, daß selbst die Unterhaltungsbücher
lum diese handelte es sich damals vorzugsweise für mich oft Charaktere schildern, deren Handlungsweise begründen oder ihnen Schicksale andichten, für welche die Jugend noch kein Verständnis haben
kann, weil ihr einfach das Alter und mit ihm die Lebenserfahrungen
fehlen, welche dieses bedingt.

Später sind mir unter den Büchern, deren Lektüre mir in der
Jugend versagt wurde, viele begegnet, die mit einem Teile ihres
Inhaltes wohl geeignet sind, auch jungen Lesern Freude zu machen,
ihnen Unterhaltung und Belehrung zu bieten und sie ebenso zur Entwickelung des Guten, was in ihnen schlummert, anzuspornen, wie
zur Unterdrückung der ihnen innewohnenden Fehler.

Solche Bücher habe ich namentlich in der englischen Literatur
gefunden, die ihre Stoffe so vielfach dem täglichen Leben entnimmt
und uns in ihren Romanen so oft einen Spiegel unserer selbst und
unserer Umgebung vorhält.

Da habe ich oft gewünscht, der lieben Jugend diesen oder jenen
Spiegel auch vorhalten zu können, denn es ist heilsam und nötig,
daß der Mensch sich im Spiegel beschaue, in dem, welcher sein geistiges
Bild zurückwirft sowohl, als in dem, welcher sein leibliches wiedergiebt. Denn, sagt es selbst, wo können wir uns anders selbst sehen,
als im Spiegel? Und durch wen können wir es sicherer erfahren,
ob wir uns zu immer würdigeren Geschöpfen unseres Schöpfers
heranbilden, als durch den Spiegel?

Freilich gehört schon etwas Kunst dazu, in diesen Wunderspiegel
von Papier und Oruckerschwärze zu schauen und aus dem Vielen,
was er wiederspiegelt, herauszulesen, was uns angeht oder frommt;
doch ganz fremd wird Euch diese Kunst nicht sein und das Leben
vervollkommnet sie wunderbar bei Menschen, die das Wachstum in
der Selbsterkenntnis ernstlich suchen.

Daß Ihr das thut, setze ich zu Eurem eigenen Heile von Euch
voraus, meine lieben jungen Freundinnen, und wenn dieses Buch
solchem löblichen Streben etwas zu Hilfe kommen sollte, so würde
das innige Freude bereiten.

der Verfasserin.



Erstes Kapitel.

Es war unmöglich heute unsern gewöhnlichen Spaziergang zu
machen. Wir waren diesen Morgen eine Stunde lang durch den
laublosen Busch gewandert, aber seit dem Mittagessen (Mrs. Reed
aß zeitig zu Mittag, wenn sie keinen Besuch hatte, brachte der kalte
Winterwind so dunkle Wolken und einen so durchdringenden Regen
mit sich, daß an ein nochmaliges Ausgehen nicht zu denken war.

Ich freute mich darüber. Ich liebte lange Spaziergänge nicht;
am wenigsten an kalten Nachmittagen. Es war mir schrecklich, im
Zwielicht mit abgestorbenen Fingern und Zehen nach Hause zu kommen,
um Bessies, des Kindermädchens, Schelten zu hören; zudem fühlte ich
mich durch das Gefühl meiner Schwäche gedemütigt, gegenüber den
gegen Witterungseinflüsse unempfindlichen Geschwistern Eliza, John
und Georgiana Reed.

Besagte Eliza, John und Georgiana hatten sich jetzt im Wohnzimmer um ihre Mama geschart. Diese lag ausgestreckt auf dem
Sopha am Kamin und sah vollkommen glücklich aus in der Mitte
ihrer Lieblinge, die für den Augenblick weder weinten noch sich zankten.
Mir hatte sie verboten, mich der Gruppe anzuschließen, indem sie
sagte, ehe sie nicht von Bessie höre und aus eigener Beobachtung
sähe, daß ich ernstlich bemüht sei, ein kindlicheres und umgänglicheres
Wesen anzunehmen, könnte sie mir zu ihrem Leidwesen nicht erlauben,
die Vorrechte mitzugenießen, welche nur zufriedene und glückliche
kleine Kinder hätten.

,Wessen klagt mich denn Bessie an? fragte ich.
,Jane, ich liebe solche Fragen nicht. Es schickt sich durchaus
nicht für ein Kind, so zu älteren Leuten zu sprechen. Setze Dich
irgendwo hin und sei still, bis Du höflicher zu reden gelernt hast.
-
wissen und hing an dem Glauben, daß seine Blässe die Folge von
allzu großem Fleiße und vielleicht auch von Heimweh wäre.

John hatte wenig Liebe für seine Mutter und Schwestern und
eine Abneigung gegen mich. Er schlug und stieß mich, nicht etwa
mitunter, sondern unablässig. Jeder Nerv in mir fürchtete ihn, und
jedes meiner Glieder zitterte, wenn er mir nahe kam. Es gab Augenblicke, in denen ich aus Angst vor ihm außer mir war, denn ich fand
nirgends Schutz gegen seine Drohungen und Mißhandlungen. Die
Dienstleute scheuten sich, ihren jungen Herrn dadurch zu beleidigen,
daß sie Partei für mich nahm.en, und Mrs. Reed war, was ihren
Sohn betraf, blind und taub. Sie schien es nie zu sehen, wenn er
mich schlug, nie zu hören, wenn er mich schimpfte, obgleich er beides
zuweilen in ihrer Gegenwart that; häufiger freilich in ihrer Abwesenheit.

Gewohnheitsmäßig gehorsam gegen John, kam ich auf ihn zu.
Er füllte wohl drei Minuten damit aus, mir die Zunge so lang herauszustrecken, wie es ihm möglich war, ohne ihre Wurzel zu verletzen.
Ich wußte, er würde mich gleich schlagen, und während ich den gefürchteten Schlag erwartete, stellte ich meine Betrachtungen über sein
häßliches und abstoßendes Äußere an. Ich weiß nicht, ob er meine
Gedanken auf meinem Gesichte las; er schlug plötzlich, ohne zu sprechen,
heftig auf mich ein. Ich schwankte, und als ich mein Gleichgewicht
wieder erlangt hatte, zog ich mich um einige Schritte aus seiner
Nähe zurück.

,Das ist für die Frechheit, mit der Du Mama vorhin geantwortet hast, und für Deine schleichende Art, Dich hinter Vorhänge
zu verstecken, und für den Blick, mit dem Du mich soeben angesehen
hast, Du Ratte!’

An Johns Gezänk gewöhnt, fiel es mir nie ein, ihm zu antworten; ich dachte nur daran, wie ich den Schlag aushalten wollte,
der jeder Grobheit folgte.

,Was hast Du hinter dem Vorhang gemacht? fragte er.
,Gelesen.'
,Zeige das Buch.
Ich ging zum Fenster zurück und holte es.
,Wie kannst Du Dir einfallen lassen, unsere Bücher zu nehmen?
Du lebst von unsrer Gnade, sagt Mama; Du hast kein Geld, Dein
Vater hat Dir nichts hinterlassen. Du müßtest eigentlich betteln
gehen und nicht hier wie wir, die Kinder eines Edelmannes, leben,
dieselben Mahlzeiten wie wir essen und Kleider tragen, die Mama
bezahlt. - ich will Dich lehren, in meinem Bücherschrank zu kramen!
Das ganze Haus gehört mir oder wird mir in einigen Jahren gehören. Geh, stelle Dich an jene Thür.

Ich that es, ohne seine Absicht sogleich zu durchschauen, aber als
ich ihn das Buch erheben sah, um mich damit zu werfen, sprang
ich mit einem Schreckensschrei unwillkürlich auf die Seite, doch nicht
früh genug, denn der dicke Band traf mich, ich fiel mit dem Kopf
heftig gegen die Thür und verwundete mich. Die Wunde blutete,
der Schmerz war empfindlich. Da unterdrückte das Entsetzen jedes
andere Gefühl.

,Böser, grausamer Bube!' sagte ich. ,Du bist so schlimm wie
ein Mörder, wie ein Sklavenvoigt; Du bist wie die römischen Kaiser!'

Ich hatte Goldsmiths Geschichte von Rom gelesen und hatte mir
meine eigene Vorstellung von Nero, Caligula und so weiter gemacht.
Ich hatte in der Stille Vergleiche angestellt, aber nie gedacht, daß
ich meine Gedanken laut aussprechen würde.

,Wie? Was sagst Du? schrie er. ,Mir wagst Du das zu
sagen? Habt Ihr gehört, Eliza und Georgiana? Ich werde es
Mama sagen, aber zuvor -

Er rannte auf mich los, ich fühlte ihn meine Schulter und meine
Haare packen. Er hatte mit einer Verzweifelten angebunden. Ich sah
wirklich in ihm einen Tyrannen, einen Mörder. Ich fühlte Blutstropfen von meinem Kopfe auf den Nacken hinunterrieseln und empfand
einen stechenden Schmerz. Diese Gefühle gewannen für den Augenblick die Herrschaft über meine Furcht, und ich trat ihm zornig entgegen. Ich bin mir nicht klar bewußt, was ich mit meinen Händen
that, erinnere mich aber wohl, daß er mich ,Ratte'! schalt und laut
schrie. Man kam ihm zu Hülfe. Eliza und Georgiana hatten ihre
Mutter gerufen, und sie erschien in der Thür, gefolgt von Bessie und
ihrer Jungfer Abbot. Wir wurden getrennt und ich hörte die Worte:

,Um Gottes willen! Welch ein Wahnsinn, Junker John so anzufallen!

,Hat man jemals eine ähnliche Wut gesehen!
Zunächst dem Wohnzimmer lag ein kleines Frühstückszimmer.
Ich schlüpfte hinein. Es enthielt einen Bücherschrank. Ich bemächtigte mich eines Buches, versicherte mich aber zuerst, daß Bilder darin
waren, dann kletterte ich auf die Fensterbank, zog meine Füße nach
und saß mit gekreuzten Beinen wie die Türken; nachdem ich den
dichten, roten Vorhang zugezogen hatte, fühlte ich mich geborgen in
meiner doppelten Zurückgezogenheit.

Auf der einen Seite schloß mich der Vorhang von der Außenwelt ab, auf der anderen waren die klaren Glasscheiben, welche mich
vor dem naßkalten Novemberwetter beschützten. Ab und zu, während
ich die Blätter meines Buches umwandte, vertiefte ich mich in die
Betrachtung des Winternachmittags. In der Ferne war nichts als
dichter weißer Nebel zu sehen, in der Nähe erblickte man eine feuchte
Ebene, auf der der Sturm das laublose Gesträuch schüttelte und über
welche der heulende Wind unaufhörlich den Regen vor sich her jagte.

Ich blickte wieder in mein Buch; - Bewicks Geschichte englischer
Vögel- im allgemeinen zog mich der Text wenig an; und doch
waren da einige einleitende Seiten, die ich nicht unbeachtet lassen
konnte, so sehr ich auch noch Kind war. Es waren diejenigen, welche
von den Seevögeln handeln; von den einsamen Felsen und Vorgebirgen;
von der norwegischen Küste, die so ganz von Inseln eingerahmt ist,
von ihrem südlichsten Ende an bis zum Nordkap; auch fesselte mich
die Beschreibung der Küsten von Lappland, Sibirien, Spitzbergen,
Grönland, die ganze nördliche Zone mit ihren endlosen Ebenen voll
blendenden Schnees, auf denen große Eisblöcke, seit Jahrhunderten
angesammelt, bis zur Höhe der Alpen aufragten und den Pol umgaben, alles mit entsetzlicher Kälte erfüllend. Von diesen verlassenen
Gegenden bildete ich mir meine eigene Vorstellung, schattenhaft, wie
alle halb verstandenen Begriffe, welche einem Kinde durch den Sinn
gehen, aber wunderbar eindrucksvoll. Der Text auf diesen einleitenden
Seiten stand im Zusammenhange mit den folgenden Zeichnungen.
Da war ein einsamer Felsen unter schäumenden Wellen; ein zerschelltes
Boot, an öder Küste gestrandet; der kalte, geisterhafte Mond zwischen
Wolkenschichten, ein soeben gesunkenes Wrack beleuchtend.

Jedes Bild erzählte eine Geschichte. Sie war oft geheimnisvoll
und unverständlich für meinen unentwickelten Geist und meine schlummernden Gefühle, aber immer unendlich interessant, so interessant wie die Erzählungen von Bessie. An Winterabenden pflegte diese, wenn
sie gerade guter Laune war, ihren Plätttisch am Kamin der Kinderstube aufzustellen und uns zu erlauben, uns um sie herumzusetzen;
während sie dann Mrs. Reeds Spitzenfraisen plättete und ihre Nachthauben fältelte, erzählte sie uns Märchen oder Abenteuer, welche sie
alten Balladen entnahm.

In Gesellschaft meines Buches war ich ganz glücklich, wenigstens
auf meine Art. Ich fürchtete nichts als eine Störung, und die kam
bald genug. Die Zimmerthür öffnete sich.
,Heda, Schlafmütze!'' schrie John. Plötzlich hielt er inne, wahrscheinlich, weil er das Zimmer leer fand.

,Wo, zum Teufel, mag sie sein? Lizzy! Georgy! Jane ist nicht
hier, rief er seinen Schwestern zu. ,Sagt Mama, sie sei in den
Regen hinausgelaufen, das boshafte Tier.

,Wie gut, daß ich den Vorhang zuzog, dachte ich und wünschte
innig, daß er mein Versteck nicht finden möchte. Allein würde er
es auch nicht gefunden haben, denn er hatte ein schwaches Begriffsvermögen und keine Beobachtungsgabe, aber Eliza hatte kaum ihren
Kopf zur Thür hereingesteckt, so rief sie auch schon:

,Sie sitzt sicherlich in der Fensternische.
Ich kam sogleich zum Vorschein, denn ich zitterte bei dem Gedanken, von John hervorgezogen zu werden.

,Was willst Du von mir? fragte ich mit unverhohlenem Mißtrauen.

Seine Antwort war: ,Du sollst sagen ,was wünschen Sie,
Herr Reed?
John Reed war ein Schulknabe, vierzehn Jahre alt, also vier
Jahre älter als ich, die ich zehn Jahre zählte. Er war groß und
stark für sein Alter; er hatte eine dunkle ungesunde Gesichtsfarbe,
grobe Züge in einem breiten Gesicht und lange, ungelenke Gliedmaßen.
Er überaß sich regelmäßig bei Tische, wodurch er blöde und triefende
Augen und aufgeschwemmte Backen bekam und gallig wurde. Er
hätte jetzt auf der Schule sein müssen, aber seine Mama hatte ihn
auf ein bis zwei Monate zu sich genommen, seiner zarten Gesundheit
wegen. Mr. Miles, sein Lehrer, meinte zwar, er würde ganz gesund
sein, wenn man ihm weniger Süßigkeiten und Kuchen von Hause
schickte, aber seine Mutter wollte von dieser strengen Auffassung nichts

Dann fügte Mrs. Reed hinzu: ,Bringt sie in das rote Zimmer
und schließt sie dort ein. Vier Hände ergriffen mich sogleich und
ich wurde die Treppe hinaufgetragen.

Zweites Kapitel.

Ich sträubte. mich auf dem ganzen Wege. Das war etwas Ungewohntes an mir und bestärkte Bessie und Miß Abbot sehr in ihrer
schlechten Meinung von mir. Ich war in der That außer mir, wie
die Franzosen sagen würden. Ich wußte, daß meine Empörung mir
strenge Strafe eintragen würde, und war, wie jeder rebellische Sklave,
entschlossen, bis zum Äußersten zu gehen.

,Halten Sie ihr die Arme fest Miß Abbot, sie ist wie eine
wilde Katze.’

,Schämen Sie sich! Schämen Sie sich! schrie die Jungfer.
,Welch abscheuliches Betragen, Miß Eyre, den Junker zu
schlagen, den Sohn Ihrer Wohlthäterin, Ihren Herrn!’

,Herrn! Er ist mein Herr? Bin ich ein Dienstbote?’
,Nein, Sie sind weniger als ein Dienstbote; Sie thun gar nichts
dafür, daß Sie erhalten werden. Da, setzen Sie sich hin und denken
Sie über Ihre Schlechtigkeit nach.’

So sprechend, hatten sie mich in das von Mrs. Reed bezeichnete
Zimmer gebracht und mich auf einen Stuhl niedergesetzt. ich wollte
aufspringen, aber sie hielten mich fest.

,Wenn Sie nicht still sitzen, müssen Sie festgebunden werden,'
sagte Bessie, ,Miß Abbot, leihen Sie mir Ihre Strumpfbänder die
meinigen würde sie gleich zerreißen.

Miß Abbot schickte sich an, sie abzubinden. Diese Vorbereitung,
mich zu fesseln, kühlte meine Aufregung etwas ab.

,Binden Sie mich nicht fest, schrie ich. ,Ich will mich nicht
rühren.
Um sie von der Aufrichtigkeit meiner Worte zu überzeugen,
klammerte ich mich mit beiden Händen fest an den Stuhl.

,Hüten Sie sich, es zu thun,’ sagte Bessie. Als sie sich sicher
glaubte, daß ich gehorchte, ließ sie mich los; dann standen sie und Miß
Abbot mit verschränkten Armen vor mir und sahen mich ängstlich und
zweifelnd an, als ob sie glaubten, daß ich nicht recht' bei Sinnen
wäre.

,So habe ich sie noch nicht gesehen,’ sagte endlich Bessie, sich an
die Zofe wendend.

,Aber es lag immer in ihr,! war die Antwort. ,Ich habe es
Mrs. Reed oft gesagt, sie ist ein verstocktes kleines Ding, und
Mrs. Reed ist ganz meiner Meinung. Ich habe noch nie ein Mädchen in ihrem Alter gesehen, das so verschlossen gewesen wäre.

Bessie antwortete nicht. Bald darauf redete sie mich an und sagte:
, Sie sollten bedenken, Miß, daß Sie Mrs. Reed großen Dank
schuldig sind. Sie erhält Sie, und wenn sie ihre Hand von Ihnen
abzöge, kämen Sie in das Armenhaus.

Ich hatte auf diese Worte nichts zu erwidern, sie waren mir
nicht neu, meine frühsten Erinnerungen schlossen ähnliche Bemerkungen ein. Dieser Vorwurf meiner Abhängigkeit war meinem Ohr zu
einem unbestimmten Singsang geworden, der mir weh that und mich
niederdrückte, den ich aber nur halb verstand. Miß Abbot fügte hinzu:

,Und Sie müssen nicht etwa denken, daß die Misses und Junker
Reed Ihresgleichen find, weil Mrs. Reed so gütig ist, Sie mit ihnen
zu erziehen. Jene werden einmal sehr reich werden, und Sie haben
nicht das Geringste, darum sollten Sie demütig sein und darnach
trachten, sich bei ihnen beliebt zu machen.

,Wir sagen das zu Ihrem Besten,’ fügte Bessie mit strenger
Stimme hinzu. ,Sie sollten sich bemühen, nützlich und freundlich zu
sein, dann könnten Sie hier eine Heimat haben, wenn Sie heftig und
unartig bleiben, wird Sie Mrs. Reed sicherlich fortschicken.

,Und außerdem,' sagte Miß Abbot, ,wird Gott Sie strafen. Er
kann Sie mitten in Ihren Sünden sterben lassen, und wo würden Sie
dann hinkommen? Kommen Sie, Bessie, wir wollen sie allein lassen.
Ich möchte um Nichts in der Welt ihr schlechtes Herz haben. Wenn
Sie wieder zur Besinnung kommen, beten Sie, Miß Eyre, denn
wenn Sie nicht bereuen, wird der Böse durch den Schornstein
kommen und Sie mitnehmen.
Sie gingen und schlossen die Thür hinter sich zu.
Das rote Zimmer war ein unbenutztes Zimmer, in dem selten
jemand schlief, ich könnte fast behaupten niemals, es mußte denn
sein, daß ganz ungewöhnlich viel Besuch in Gatesheadhall vorsprach. Es
war dessen ungeachtet eines der größten und prächtigsten Zimmer im
ganzen Hause. In der Mitte desselben stand ein großes Bett von
Mahagoni mit einem Himmel von schwerem, dunkelrotem Damast, die
beiden Fenster, welche immer verhangen waren, hatten Draperien von
demselben Stoff; der Teppich war ebenfalls rot und der Tisch am
Fußende des Bettes war mit einer Decke von gleicher Farbe bedeckt,
die Wände waren von dunkler Farbe, Kleiderschrank, Toilettentisch,
Stühle von dunkel poliertem Mahagoni. Aus dieser düstren, schattenhaften Umgebung leuchteten um so heller das Bett mit seinen schneeweißen Kissen und ein ebenfalls weiß überzogener Lehnstuhl hervor,
der mir wie ein verblaßter Thronsessel erschien.

Das Zimmer war eisig kalt, weil selten ein Feuer darin brannte,
still, weil es von der Kinderstube und Küche weit ab lag; schauerlich, weil es selten ein menschlicher Fuß betrat. Es ward ängstlich gemieden, weil in diesem Zimmer vor neun Jahren Mr. Reed seinen
letzten Seufzer ausgehaucht hatte; weil hier seine sterblichen Reste
auf dem Paradebett lagen, bis sie zur ewigen Ruhe bestattet wurden.

Als Bessie und die böse Miß Abbot mich verlassen hatten, saß
ich eine zeitlang ganz still, ganz gedankenlos auf einer kleinen Ottomane neben dem Kamin, dann fiel mir ein, daß sie die Thür vielleicht doch nicht verschlossen hätten. Ich wagte es aufzustehen, um
nachzusehen. Ach, kein Gefängnis war leider sicherer verwahrt! Als
ich mich wieder von der Thür entfernte, kam ich bei dem Spiegel
vorüber, der zwischen beiden Fenstern hing. Ich sah unwillkürlich
hinein. In den Tiefen, die sich da enthüllten, erschien mir alles noch
kälter und dunkler, und das sonderbare kleine Wesen, welches mich
daraus anstarrte mit dem blassen Gesicht und den feurigen Augen,
die sich scheu und furchtsam nach allen Seiten umsahen, während sonst
alles unbeweglich war, machte mir den Eindruck einer Geistererscheinung. Meine Gespensterfurcht erwachte, aber noch sollte sie mich
nicht übermannen.

Johns Tyrannei, seiner Schwestern stolze Gleichgültigkeit, seiner
Mutter Abneigung gegen mich, die Parteilichkeit der Dienstboten, all
dies tauchte jetzt wieder vor meinem verstörten Geiste auf. Warum
mußte ich immer leiden, wurde geschlagen, angeklagt, verdammt?
Warum gefiel ich niemand, wenn ich mir auch alle Mühe gab, jedermanns Zuneigung zu gewinnen? Eliza, welche eigensinnig und selbstsüchtig war, wurde geehrt. Georgiana, welche launisch und boshaft
war, und ein widerspenstiges, ungezogenes Betragen hatte, wurde gehätschelt. Ihre Schönheit, ihre rosigen Wangen und goldenen Lockenschienen alle zu entzücken, welche sie ansahen, und schienen ihr Nachsicht mit alle ihren Fehlern einzutragen.

Johns Willen durchkreuzte niemand, noch weniger wurde er gestraft, mochte er den Tauben den Hals umdrehen, die jungen Pfauen
totschlagen, die Hunde auf die Schafe hetzen, die Obstspaliere ihrer
schönsten Früchte berauben oder im Treibhause von den auserlesensten
Pflanzen die Knospen abbrechen. Obgleich ihm seine Mutter alles
gestattete, nannte er sie ,alte Schraube', warf ihr ihre dunkle Hautfarbe vor, handelte frech ihren Wünschen zuwider, zerriß und beschmutzte oft ihre seidenen Kleider; aber trotz alledem blieb er ,ihr
einziger Liebling! Ich dagegen wagte nichts Unrechtes zu thun, ich
gab mir Mühe, meine Pflicht zu erfüllen, und ich wurde unartig,
unausstehlich, mürrisch und schleichend gescholten vom Morgen bis
zum Abend.

Mein Kopf schmerzte und blutete noch von dem Schlage, den ich
erhalten hatte, und niemand hatte John gescholten; ich dagegen wurde
mit schimpflicher Strafe belegt, weil ich mich gegen seine unvernünftige
Gewaltthätigkeit aufgelehnt hatte.

Das ist Ungerechtigkeit! schrie es in mir, und meine Empörung
rief den Entschluß wach, dieser unerträglichen Behandlung zu entfliehen, oder wenn das nicht möglich wäre, Hungers zu sterben.

Welch qualvoller Zustand an diesem traurigen Nachmittage!
Mein ganzes Denken und Fühlen war in Aufruhr, aber so viel ich
auch sann und mein Gehirn zermarterte, ich konnte keine Antwort
auf die Frage finden, warum ich so litt. Jetzt, so viele Jahre später
ist mir alles klar.

Ich war nicht an meinem Platze in Gatesheadhall, ich hatte nichts
gemein mit Mrs. Reed, ihren Kindern oder den Leuten, die zum
Hause gehörten. Wenn sie mich nicht liebten, so liebte ich sie ebenso
wenig. Welche Verpflichtung hatten sie, ein Kind mit Wohlwollen
zu betrachten, dessen Temperament, Fähigkeiten, Neigungen den ihrigen
ganz entgegengesetzt waren, ein nutzloses Ding, das unfähig war,
ihren Interessen. zu dienen, oder zu ihrem Behagen beizutragen, das
im Gegenteil Verachtung für ihre Behandlung sowohl, als für ihr
Urteil in sich nährte. Wenn ich ein fröhliches, sorgloses, hübsches.
ausgelassenes Kind gewesen wäre, so würde mich Mrs. Reed trotz
meiner Abhängigkeit und Verlassenheit geduldiger um sich gelitten
haben, ihre Kinder würden mir mehr Herzlichkeit und Freundschaft
bezeigt haben, und die Dienstleute würden weniger geneigt gewesen
sein, mich zum Sündenbock der Kinderstube zu machen.

Es war schon vier Uhr vorüber und das Tageslicht ging an
diesem regnerischen Nachmittage bereits in Dämmerung über. Der
Regen schlug unaufhörlich gegen das Treppenfenster und der Wind
heulte in dem Buschwerk hinter dem Hause Ich wurde nach und
nach so kalt wie Stein, und mein Mut verließ mich. Meine gewohnheitsmäßige Demut, mein Mißtrauen gegen mich selbst, meine Einsamkeit schlugen meinen schwindenden Zorn gänzlich nieder. Alle
sagten, ich wäre böse, war ich es denn nicht? Hatte ich nicht soeben
den Gedanken gehabt, verhungern zu wollen? Das war sicherlich
ein Verbrechen., War ich denn bereit zu sterben, und war die Gruft
unter der Kirche in Gatesheadhall ein einladender Aufenthalt? Sie
hatten mir erzählt, in einem solchen Gewölbe läge Onkel Reed begraben, und dadurch auf den Gedanken an ihn zurückgeführt, hing
ich demselben mit wachsender Furcht nach. Ich konnte mich seiner
nicht mehr erinnern, aber ich wußte, daß er mein rechter Onkel war,
der Bruder meiner Mutter, daß er mich als elternlose Waise in sein
Haus aufgenommen, und mit seinen letzten Augenblicken Mrs. Reed
das Versprechen abgefordert hatte, mich zu behalten und wie ihr
eigenes Kind zu erziehen. Mrs. Reed hielt sich wahrscheinlich für
überzeugt, daß sie ihr Versprechen gehalten habe. Sie hatte es ja
auch gethan, so gut es ihr Charakter erlaubte, aber wie konnte sie einen
Eindringling gern sehen, mit dem sie nach dem Tode ihres Gatten
kein verwandtschaftliches Band mehr vereinte? Es konnte ihr nur
lästig sein, sich durch ein ihr abgerungenes Versprechen genötigt zu
sehen, Mutterstelle an einem Kinde zu vertreten, das sie nicht lieben
konnte, und in ihre Familie ein Wesen aufzunehmen, das ihr nicht
sympathisch war.

Wenn Mr. Reed gelebt hätte, er würde mich liebevoll behandelt
haben, das fühlte ich. Und als ich so da saß, auf das weiße Bett
sehend, einen ängstlichen Blick in die dunklen Ecken oder ab und zu
in den trüben Spiegel werfend, da stieg die Erinnerung an alles,
was ich über Abgeschiedene gehört hatte, in mir auf: daß sie keine
Ruhe im Grabe hätten, wenn man ihren letzten Willen nicht erfüllte,
daß sie es verließen, um die Übelthäter zu strafen und die Unterdrückten zu rächen.
Und ich dachte, Mr. Reeds Geist, ruhelos um des Unrechts
willen, das man seinem Schwesterkinde anthat, könnte wohl seinen
Sarg oder die unbekannte Welt der Verstorbenen verlassen und mir
in diesem Zimmer erscheinen. Ich trocknete meine Thränen und unterdrückte mein Schluchzen, aus Furcht, daß diese Zeichen heftigen Kummers eine überirdische Stimme wach rufen könnten, welche mich trösten
wollte, oder daß aus der Dunkelheit hervor ein hohläugiges Gesicht
mich mitleidig anblicken könnte.

So tröstlich diese Idee in der Theorie war, zur Wirklichkeit geworden würde sie entsetzlich gewesen sein, das fühlte ich. Mit aller
Kraft strebte ich sie zu unterdrücken, fest zu sein. Meine Haare ans
dem Gesicht streichend, hob ich den Kopf in die Höhe und bemühte
mich, mich furchtlos in dem dunklen Raume umzusehen; in diesem
Augenblick fiel ein Lichtschein auf die Wand. War es ein Mondstrahl, der sich durch irgend eine Öffnung im Rouleau stahl, fragte
ich mich selbst. Nein, das Mondlicht war ruhig und dieses bewegte
sich hin und her, während ich es anblickte, glitt es von der Wand
zur Decke und zitterte über meinem Kopfe. Ich kann nicht mit Bestimmtheit sagen, woher dieser Lichtstrahl kam, höchst wahrscheinlich
war es der Schimmer einer Laterne, mit der jemand über den Grasplatz ging; aber in der Aufregung, in welcher mein Geist und meine
Nerven waren, glaubte ich, das plötzlich eindringende Licht sei der
Vorbote einer kommenden Erscheinung aus der anderen Welt. Mein
Herz schlug zum Zerspringen, mein Kopf glühte, meine Ohren hörten
ein Brausen, wie das Rauschen von Schwingen; etwas schien mir
nahe zu sein, mein Atem stockte, ich war überwältigt, ich stürzte
an die Thür und rüttelte mit verzweifelter Anstrengung am Schloß.
Eilige Schritte kamen den Korridor entlang, der Schlüssel wurde umgedreht und Bessie und Abbot traten ein.

,Miß Eyre, fehlt Ihnen etwas? sagte Bessie.
,Welch entsetzlicher Lärm!’ rief Miß Abbot.
,Laßt mich hinaus! ich will in die Kinderstube!r flehte ich.

,Weshalb? Haben Sie sich gestoßen? Haben Sie sich vor etwas
gefürchtet?! fragte Bessie weiter.

,O, ich sah ein Licht und dachte, ein Geist würde kommen. Ich
hatte Bessies Hand ergriffen, und sie entzog sie mir nicht.

,Deshalb hat sie so geschrieen, erklärte Abbot verächtlich. ,Und
welch fürchterlicher Schrei war das, er ging mir durch und durch!
Wenn sie Schmerzen gehabt hätte, so wäre sie noch allenfalls zu entschuldigen, aber sie wollte nur, daß wir hierher kämen, ich kenne ihre
Schliche.

,Was hat das zu bedeuten? fragte eine strenge Stimme und
Mrs. Reed kam in zorniger Aufregung durch den Korridor. ,Abbot
und Bessie, ich denke doch, daß ich Befehl gab, Miß Eyre sollte in
dem roten Zimmer bleiben, bis ich selbst hierher käme!

,Miß Jane schrie so laut, Madame, entschuldigte sch Bessie.
,Laß sie,! war die einzige Antwort. ,Laß Bessies Hand los,
Kind! Auf diese Art kommst Du nicht heraus, das versichere ich
Dich. Ich verabscheue Verstellung, besonders bei Kindern, es ist
meine Pflicht, Dir zu zeigen, daß Kunstgriffe Dir nichts helfen. Du
wirst jetzt noch eine Stunde länger hierbleiben, und nur unter der Bedingung, daß Du ganz still und fügsam bist, sollst Du dann frei sein.

,O, Tante, vergieb mir! Habe Mitleid! Ich kann es nicht
aushalten! Strafe mich auf eine andere Art! Ich muß sterben,
wenn-‘

,Still! Diese Heftigkeit ist abstoßend! Das war sicher ihre
aufrichtige Meinung. Ich war in ihren Augen eine abgefeimte
Schauspielerin.

Bessie und Abbot hatten sich zurückgezogen und Mrs. Reed, ungeduldig über meine wahnsinnige Angst und mein heftiges Schluchzen
stieß mich plötzlich von sich und schloß mich ohne weitere Antwort wieder ein. Ich hörte sie fortgehen und bald nachdem sie gegangen war, fiel ich, glaube ich, in eine Art von Ohnmacht, dann folgte eine lange Bewußtlosigkeit.



Drittes Kapitel.

Ich erwachte mit dem Gefühl, als hätte ich einen schrecklichen
Traum gehabt.

Ich sah vor mir einen entsetzlichen, roten Schein, den tiefdunkle
Streifen durchkreuzten und hörte hohle Stimmen sprechen, als würden.
sie durch das Rauschen des Windes oder Wassers gedämpft. Bald
darauf bemerkte ich, daß jemand sich bemühte, mich aufzurichten und
zwar auf eine so sanfte und liebreiche Art, wie es bisher niemand
gethan hatte. Ich lehnte meinen Kopf gegen ein Kissen oder einen
Arm und fühlte mich erleichtert.

Fünf Minuten später ließ meine Betäubung nach, und ich wurde
mir bewußt, daß ich in meinem eigenen Bette lag, und daß der rote
Glanz das Kaminfeuer in der Kinderstube war. Es war Nacht, ein
Licht brannte auf dem Tische, Bessie stand zu Füßen des Bettes, ein
Waschbecken in der Hand, und ein Herr saß über mich gebeugt auf
einem Stuhl am Kopfende desselben.

Ein unbeschreibliches Gefühl der Zufriedenheit durchströmte mich,
als ich einen Fremden im Zimmer sah, jemand, der nicht zu Gateshead gehörte und mit Mrs. Reed verwandt war, ich wußte mich in
Sicherheit und unter Schutz. Ich wandte mich von Bessie ab, obwohl mir ihre Gegenwart weit weniger zuwider war, als es die von
Abbot gewesen wäre, und betrachtete das Gesicht des Herrn. Ic
kannte ihn, es war Mr. Lloyd, ein Apotheker, der zuweilen gerufen
wurde, wenn die Dienstboten krank waren; für sich und die Kinder
nahm Mrs. Reed einen Arzt.

,Nun, wer bin ich?’ fragte er.
Ich nannte ihn beim Namen und streckte ihm zugleich meine
Hand hin, er nahm sie lächelnd und sagte: ,Es wird Alles mit
der Zeit gut werden. Dann legte er mich hin, und sich an Bessie
wendend, empfahl er ihr, sorgsam darauf zu achten, daß ich während
der Nacht nicht gestört würde. Nachdem er noch weitere Anordnungen gegeben und geäußert hatte, daß er morgen wiederkommen werde,
ging er, zu meinem Leidwesen. Während er da war, fühlte ich mic
so geborgen, und als sich die Thür hinter ihm schloß, beschlich mein
Herz unbeschreibliche Traurigkeit.

,Glauben Sie, daß Sie schlafen werden, Miß?’ fragte Bessie
ziemlich sanft.

Ich wagte kaum zu antworten, aus Furcht daß sie wieder so
unfreundlich wie sonst zu mir reden könnte. ,Ich will es versuchen.’

,Möchten Sie trinken, oder haben Sie Lust etwas zu essen?
,Nein, ich danke,’ Bessie.
,Dann will ich zu Bett gehen, denn Mitternacht ist schon vorüber,
aber wenn Sie etwas brauchen, dann rufen Sie mich.’

Welche ungewohnte Höflichkeit! Sie gab mir den Mut, eine
Frage zu thun.

,Bessie, was hat sich mit mir zugetragen? Bin ich krank?’
,Wir fanden Sie im roten Zimmer krank; vom vielen Weinen
sicherlich; Sie werden aber bald wieder gesund sein.’

Bessie ging in das Zimmer des Hausmädchens, welches nebenan
war, und ich hörte sie sagen:

,Sara, komm und schlafe bei mir in der Kinderstube. Ich
kann heute nicht mit der armen Kleinen allein schlafen. Wenn sie
nun stirbt? Diese Ohnmacht war doch sonderbar; ich möchte wohl
wissen, ob sie eine Erscheinung gesehen hat. Mrs. Reed. war zu hart
gegen sie.’

Sara kam mit Bessie herein und beide gingen zu Bett, aber
bevor sie einschliefen, unterhielten sie sich noch lange leise miteinander.
Ich hörte einige Sätze ihres Gesprächs, aus dem ich mir leicht das
übrige zusammen reimen konnte. ,Ein Geist, ganz in Weiß gekleidet,
ging bei ihr vorüber und verschwand! ,Einen großen schwarzen
Hund hinter sich? ,Es klopfte dreimal laut an die Zimmerthür'-
,Ein Licht auf dem Kirchhofe, gerade über seinem Grabe' —
u.s.w., u.s.w.

Endlich schliefen beide und das Licht und das Feuer verlöschten.
Für mich schlichen die Stunden dieser Nacht in schrecklicher Schlaflosigkeit vorüber; mein Auge, Ohr und Gehirn waren gespannt und erregt von Furcht, von einer Furcht, wie sie nur Kinder fühlen
können.

Diesem Ereignis folgte keine lange und ernste körperliche Krankheit, aber meine Nerven hatten einen Stoß bekommen, dessen Wirkungen ich heute noch fühle. Ja, Mrs. Reed, Ihnen verdanke ich ein quälendes Leiden. Aber ich vergebe Ihnen, denn Sie wußten
nicht, was Sie thaten; als Sie mein Herz zerrissen, glaubten Sie
nur meine schlechten Anlagen mit der Wurzel zu vertilgen.

Am nächsten Tage mittags war ich außer Bett und angezogen.
Ich saß in der Kinderstube am Kamin, in ein warmes Tuch gehüllt.
Ich fühlte mich körperlich, schwach und ganz zerschlagen, aber mein
schlimmstes Leiden war eine unbeschreibliche Niedergedrücktheit, die
mich fortwährend Thränen vergießen ließ. Kaum hatte ich einen
salzigen Tropfen abgewischt, so entfiel meinen Augen schon ein neuer.
Eigentlich hätte ich glücklich sein können, denn Reeds waren alle ausgefahren, Abbot nähte in einem entlegenen Zimmer, und Bessie, die
in der Kinderstube aufräumte, richtete mitunter ein freundliches Wort
an mich, was sie sonst nie that. Ich war so an fortwährendes
Schelten gewöhnt, daß mir dieser Stand der Dinge eigentlich hätte
paradiesisch friedvoll erscheinen müssen, aber meine zerrütteten Nerven
waren in einem Zustande, in denen sie keine Stille beruhigen und
keine Freude angenehm erregen konnte.

Bessie ging nach der Küche, und als sie wiederkam, brachte sie
mir ein Törtchen auf einem schön bemalten chinesischen Tablet, auf
dem ein Paradiesvogel zu sehen war, der sein Nest in einem Busch
von Rosenknospen hatte. Diese Malerei hatte immer mein höchstes
Entzücken wachgerufen, und ich hatte oft gebeten, das Tablet in die
Hand nehmen zu dürfen, um es recht genau zu besehen. Bis jetzt
hatte man mich dieser Erlaubnis immer für unwürdig gehalten.
Dieses kostbare Gerät wurde mir nun auf den Schoß gestellt und ich
wurde freundlich eingeladen, das ausgezeichnete Gebäck, welches darauf
lag, zu essen.

Verlorene Gunstbezeigung! Sie kam wie so viele, die man lange
ersehnt hat, und die lange hinausgeschoben wurden, zu spät. Ich
konnte die Torte nicht essen, und das Gefieder des Vogels, wie die
Farben der Blumen kamen mir sonderbar verblaßt vor. Ich setzte
Brett und Kuchen bei Seite. Bessie fragte, ob ich ein Buch haben
wollte. Das Wort Buch wirkte wie ein Reizmittel und ich bat sie,
Gullivers Reisen aus der Bibliothek zu holen. Dieses Buch hatte
ich wieder und wieder mit Entzücken gelesen. Ich hielt seinen Inhalt
für wahr, den Märchen von Feen und Elfen gegenüber, und darum
zog es mich so an. Die Elfen suchte ich immer vergeblich in den
Blumenkelchen, unter Pilzen und anderen Orten, an denen sie hausen
sollten und war endlich zu der Überzeugung gekommen, das; sie alle
England verlassen hätten, und in ein Land gegangen wären, wo es
dickere Wälder und weniger Menschen gäbe, während ich glaubte,
daß Liliput und Brobdignag in irgend einem Theile dieser Erde
lägen; und ich zweifelte nicht daran, daß ich einst, wenn ich große

Reisen machen würde, mit eignen Augen diese kleinen Felder, Häuser,
Bäume, Kühe und Schafe des winzigen Völkchens oder die mächtig
großen Felder, Wälder, Ochsen und Katzen der turmhohen Riesen
sehen könnte. Aber als das geliebte Buch heute in meine Hand
gelegt wurde, als ich darin blätterte und in seinen wundervollen
Bildern den Reiz suchte, den ich bisher immer in ihnen gefunden
hatte, war alles verwandelt; die Riesen waren entsetzliche Gespenster,
die Zwerge boshafte Kobolde, Gulliver ein unglücklicher Wanderer,
der sich in schreckliche und gefährliche Regionen verirrt hatte. Ich
schloß das Buch und legte es auf den Tisch neben die unberührte Torte.

Bessie war endlich mit dem Aufräumen des Zimmers fertig und
öffnete eine kleine Schublade, in der prachtvolle Reste von Sammet
und Seide lagen.

Sie machte sich daran, ans ihnen einen neuen Hut für' Georgianas Puppe zu machen. Sie sang bei ihrer Arbeit:

In der Jugend schönen Tagen,
Lange, lange ist es her.

Ich hatte das Lied oft gehört und immer mit lebhaftem Entzücken, denn Bessie hatte eine schöne Stimme, wenigstens schien sie
mir so. Aber jetzt fand ich die Melodie unbeschreiblich traurig. Zuweilen, wenn sie von
ihrer Arbeit abgezogen wurde, sang sie den
Refrain sehr leise und langsam, daß er sich anhörte wie der düsterste
Grabgesang. Dann ging sie zu einem Liede über, das wirklich
melancholisch war:

Lang ist der Weg durch das wilde Gestein,
Die Füße sind wund und müde die Glieder,
Es fällt von des Mondes silbernem Schein
Kein Strahl auf den Pfad der Waise hernieder.

Weshalb denn muß ich so einsam und weit
Den Weg mir suchen durch Moore und Klüfte?
Die Menschen sind hart! Euch klag ich mein Leid,
Schützende Engel im Reiche der Lifte.

Euch sendet Gott durch die finstere Nacht,
Der Waise zum Trost, der Schwachen zur Hilfe,
Denn er ist barmherzig, und seine Macht
Schützt mich auch hier im morastigen Schilfe.

Und lockt dich das Irrlicht auch in den Tod
Und strauchelt Dein Fuß an des Abgrundes Rande,
Getrost, arme Waise, am Herzen von Gott
Erwachst Du in einem schöneren Lande.

,O, Miß Jane, weinen Sie nicht,’ sagte Bessie, als sie geendet
hatte.

Sie hätte ebenso gut zum Feuer sagen können, es solle nicht
brennen. Aber was wußte sie von dem tiefen Schmerz, der mich
verzehrte!

Im Laufe des Morgens kam Herr Lloyd wieder.
,Wie, schon auf!' sagte er, als er in die Kinderstube eintrat.
,Nun, Kindermädchen, wie steht es?’

Bessie antwortete, daß es mir ganz gut ginge.
,Dann müßte sie heitrer aussehen. Kommen Sie zu mir, Miß
Jane, Ihr Name ist Jane, nicht wahr?’

,Ja, Herr, Jane Eyre.’
,Sie haben geweint, Miß Jane Eyre, können Sie mir sagen,
weshalb? Haben Sie Schmerzen?’

,Nein, Herr.’
,O, sie weint wahrscheinlich, weil sie nicht mit Mrs. Reed ausfahren konnte,’ schaltete Bessie ein.

,Deshalb gewiß nicht. Sie ist zu alt für solche Kinderei.’
So dachte ich auch, und weil mein Selbstgefühl durch diese Bemerkung verletzt war, antwortete ich sogleich. , Um dergleichen habe
ich in meinem Leben noch nicht geweint. Ich hasse das Ausfahren.
Ich weine, weil ich unglücklich bin.’

,O pfui, Miß!’ - sagte Bessie.
Der gute Apotheker schien etwas verlegen zu werden; er betrachtete mich lange mit einem durchdringenden Blick. Seine Augen
waren klein und grau, nicht sehr glänzend, aber schlau; er hatte
starke Züge, aber ein wohlwollendes Gesicht. Nachdem er mich lange
angesehen, sagte er:

,Was machte Sie gestern krank?’
,Sie ist gefallen,’ sagte Bessie, sich wieder in das Gespräch
mischend.

,Gefallen, wie ein kleines Kind! Kann sie in dem Alter noch
nicht laufen? sie muß acht oder neun Jahre alt sein.’

,Ich wurde geschlagen!’ stieß ich aus gedemütigtem Stolze
hervor. ,Aber davon wurde ich nicht krank, fügte ich hinzu, während Mr. Lloyd eine Prise nahm.

Als er seine Dose in die Westentasche steckte, läutete die Tischglocke für die Dienstboten. Er wußte, was das Läuten bedeutete
und sagte: ,Das gilt Ihnen, Kindermädchen. Gehen Sie ruhig,
ich werde Miß Jane eine Strafpredigt halten, während Sie fort
sind.’

Bessie wäre wohl lieber geblieben, aber in Gateshead war
Pünktlichkeit bei den Mahlzeiten streng geboten, und so mußte sie
gehen.

,Von dem Fall wurden Sie nicht krank, wovon denn sonst?’
fuhr Mr. Lloyd fort als Bessie gegangen war.

,Ich wurde in ein Zimmer eingeschlossen, in dem es spukt, wenn
es dunkel ist.’

Ich sah Mr. Lloyd zu gleicher Zeit lächeln und die Stirn
runzeln.

,Spuken! Sie scheinen wirklich noch ein Baby zu sein. Fürchten
Sie sich vor Geistern?’

,Vor Mr. Reeds Geist, ja. Er starb in jenem Zimmer und
stand dort als Leiche. Weder Bessie noch sonst jemand wagt, es
des Abends zu betreten und es war grausam, mich dort im Dunkeln
einzuschließen, so grausam, daß ich es nie vergessen werde.’

,Unsinn! Und das macht Sie so unglücklich? Fürchten Sie sich
denn auch jetzt bei Tageslicht?’

,Nein, aber es wird bald wieder Abend werden, - und ich bin
unglücklich, sehr unglücklich um ganz andere Dinge!'

,Um welche andere Dinge? Schütten Sie nur Ihr Herzchen aus.’

O, wie gern hätte ich das gethan! Aber Kinder verstehen nicht
alles auszudrücken, was sie fühlen. Doch die Furcht, daß ich die
erste und einzige Gelegenheit verlieren könnte, mein Herz durch Mitteilung zu erleichtern, gab mir nach einer verlegenen Pause eine
Antwort ein, welche das Richtige traf, wenn sie auch nicht alles ausdrückte, was mich bekümmerte.

,Weil ich weder Eltern noch Geschwister habe.’
,Sie haben dafür eine gütige Tante und Cousins und Cousinen.’

Ich schwieg eine Weile, dann sagte ich stockend.
,Aber John schlug mich, und meine Tante sperrte mich im roten
Zimmer ein.’

Mr. Lloyd holte wieder seine Schnupftabaksdose hervor.
,Sind Sie nicht dankbar, daß Sie in einem solchen Hause
wohnen dürfen?’

,Es ist nicht meine Heimat, Herr Lloyd, und Abbot sagt, ich
hätte weniger Recht, hier zu sein, als ein Dienstbote.

,Oho, aber Sie können nicht so unverständig sein und diesen
schönen Ort zu verlassen wünschen.’

,Ich würde ihn sehr gern verlassen, wenn ich nur wüßte, wo ich
hin sollte, aber ich muß hier bleiben, bis ich groß bin.'

,Vielleicht- wer kann das wissen? Haben Sie noch andere
Verwandte, außer Mrs. Reed.’

,Ich glaube nicht.’
,Keine von Ihres Vaters Seite?
,Ich weiß es nicht. Einmal fragte ich Tante Reed danach, sie
meinte, es wäre schon möglich, daß ich einige niedrige, arme Verwandte mit Namen Eyre hätte, aber sie wisse nichts von ihnen.’

,Wenn Sie welche hätten, würden Sie dann gern zu ihnen
gehen?’

Ich besann mich. Erwachsene scheuen schon die Armut, Kinder
aber noch weit mehr, sie haben keine Vorstellung von der arbeitsamen,
ehrenwerten Armut, sie verstehen unter Armut nur zerlumpte Kleidung, mangelhafte Nahrung, rohe Manieren und erniedrigende Laster;
Armut ist ihnen gleichbedeutend mit Verachtung. Meine Antwort
war deshalb:

,Nein, ich möchte nicht zu armen Leuten gehören.’
,Auch nicht, wenn sie gütig zu Ihnen wären?’
Ich schüttelte den Kopf. Ich konnte nicht begreifen, daß arme
Leute auch gut sein könnten. Und wenn ich dann wie sie sprechen
und ihre Manieren annehmen müßte! Nein, ich hatte nicht Heldenmut genug, meine Freiheit um diesen Preis zu erkaufen.

,Aber sind Ihre Verwandten denn so sehr arm? Sind sie
Tagelöhner?’

,Ich weiß es nicht, aber Tante Reed sagt, wenn ich welche
hätte, so müßten sie Bettelpack sein. Ich mag nicht betteln.'

,Möchten Sie in einer Kostschule leben?’
Ich besann mich wieder. Ich wußte kaum, was eine Kostschule
war. Bessie schilderte sie mitunter als einen Ort, an dem viele junge
Mädchen zusammen wären, Gradehalter trügen und sich außerordentlich artig und liebenswürdig betragen müßten. John haßte die
Schule, aber Johns Neigungen waren den meinigen immer entgegengesetzt. Bessie hatte ihre Ansichten über Schuldisziplin von den
Töchtern einer anderen Familie, in der sie diente, ehe sie nach Gateshead kam. und wenn die Strenge in solchen Anstalten auch etwas
Abstoßendes für mich hatte, so war mir doch auf der anderen Seite
sehr verlockend, was sie über die Fertigkeiten erzählte, die man sich
dort erwerben konnte. Sie rühmte, daß die jungen Mädchen schöne
Landschaften und Blumen zu malen, herrliche Lieder zu singen und
Musikstücke zu spielen lernten, daß sie Börsen zu häkeln und französische Bücher zu übersetzen verstünden. Mein Verlangen, dies alles
auch zu lernen, wurde angeregt, während ich Bessie zuhörte. Und
wie mußte sich alles ändern, wenn ich in eine Schule kam? Ich
mußte dann eine weite Reise machen, mich ganz von Gateshead
trennen und ein vollkommen neues Leben beginnen.

Das Resultat meiner Überlegung war der Ausspruch: ,Sa, ich
würde gern in eine Schule gehen.

,Schön, schön, wer weiß, was geschieht,! sagte Mr. Lloyd, als
er aufstand. ,Das Kind muß in andere Luft und eine andere Umgebung,' fügte er, wie zu sich selbst sprechend hinzu, ,seine Nerven
sind zu aufgeregt.’

Bessie kam jetzt wieder und in demselben Augenblick hörte man
einen Wagen auf dem Kieswege heranrollen.

,Ist das Ihre Herrin, Kindermädchen?’ fragte Mr. Lloyd. ,Ich
möchte sie noch sprechen, ehe ich gehe.’

Bessie nötigte ihn in das Frühstückszimmer. Ich schließe aus
den später folgenden Begebenheiten, daß der Apotheker in seine
Unterredung mit Mrs. Reed dringend empfahl, daß man mich in
eine Kostschule schicken möge. Eines Abends, als Abbot und Bessie
im Kinderzimmer nähten und mich eingeschlafen wähnten, besprachen
sie die Sache, und Abbot äußerte:

,Ich glaube sicher, daß Mrs. Reed sehr zufrieden ist, das unausstehliche Kind los zu werden, das immer aussieht, als ob es jeden beobachtet und Böses sinnt.’

Aus Abbots Erzählungen an Bessie hörte ich bei dieser Gelegenheit zum ersten Male, daß mein Vater ein armer Geistlicher
war, den meine Mutter gegen den Willen ihrer Familie geheiratet
hatte, weil diese die Heirat für nicht standesgemäß ansah; daß mein
Großvater Reed, aufgebracht über ihren Ungehorsam, sie enterbte;
daß, nachdem meine Eltern ein Jahr verheiratet waren, mein Vater
den Typhus bekam, der unter der Arbeiterbevölkerung der großen
Fabrikstadt ausgebrochen war, in welcher seine Parochie lag; daß
meine Mutter von ihm angesteckt wurde, und daß beide wenige Wochen
nacheinander starben.

Als Bessie diese Erzählung hörte, seufzte sie und sagte: ,Die
arme Miß Jane, sie ist recht zu beklagen, Abbot.

,Ja,' antwortete Abbot, ,wenn sie ein hübsches, liebenswürdiges
Kind wäre, könnte man ihre Verlassenheit bejammern. Aber wer
kann eine solche häßliche kleine Kröte bemitleiden?’

,Eine Schönheit wie Miß Georgiana würde in denselben Verhältnissen weit bejammernswerter sein,' gab Bessie zu.

,Ja, ich bin ganz vernarrt in Miß Georgiana,’ rief Abbot.
,Das süße Geschöpfchen! - mit ihren langen Locken, ihren blauen
Augen und dem rosigen Gesichtchen, das wie gemalt aussieht.
Bessie, ich ahne, es giebt heute zum Abendessen ein französisches
Kaninchen.'

,Ich auch, - mit gerösteten Zwiebeln. Kommen Sie, wir wollen
hinuntergehen.’

Und sie gingen.



Viertes Kapitel.

Aus meinem Gespräche mit Mr. Lloyd und der erwähnten Unterhaltung zwischen Bessie und Abbot schöpfte ich die sichere Hoffnung,
daß eine Änderung meiner Lage bevorstand. Ich wartete geduldig.
Tage und Wochen vergingen, ich ward wieder gesund, aber es wurde
der Sache weiter keine Erwähnung gethan. Mrs. Reed beobachtete
mich mitunter mit bösen Blicken, redete mich aber selten an. Seit
meiner Krankheit hatte sie eine strengere Grenze zwischen mir
und ihren Kindern gezogen. Sie hatte mir ein kleines Zimmer angewiesen, in dem ich ganz allein schlief, hatte mich verdammt, allein
in der Kinderstube zu essen und meine ganze Zeit zuzubringen, während meine Cousinen sich im Eßzimmer aufhielten. Sie ließ nicht
die leiseste Andeutung fallen, daß sie mich in eine Schule schicken
wollte, aber ich fühlte instinktmäßig, sie würde mich nicht lange mehr
unter ihrem Dache dulden, denn wenn ihr Blick einmal auf mir
ruhte, so verriet er mehr denn je eine unüberwindliche Abneigung.

Eliza und Georgiana sprachen so wenig wie möglich mit mir;
es war ihnen augenscheinlich so vorgeschrieben. John steckte mir die
Zunge heraus, so oft er mich sah. Einmal zeigte er Lust, mich zu
schlagen; ich machte aber kaum Miene, mich ihm zu widersetzen, durch
dasselbe Gefühl von Zorn und Verzweiflung angetrieben, welches
mich damals beherrscht hatte, als er schon davon abließ und fortrannte, Verwünschungen ausstoßend und schreiend, ich hätte seine
Nase zerschlagen. Ich hatte ihr in der That einen so harten Schlag
versetzt, wie die Kraft meiner Faust es irgend gestattete, und als ich
sah, wie dies oder mein Blick ihn erschreckte, hatte ich die größte
Lust, meinen Vorteil zu verfolgen, aber er hatte schon Schutz bei
seiner Mama gesucht. Ich hörte ihn in aufgeregtem Tone die Erzählung beginnen, wie diese boshafte Jane Eyre sich wie eine wilde
Katze auf ihn gestürzt habe. Seine Mutter unterbrach ihn fast streng.

,Sprich nicht von ihr, John. Ich habe Euch ja verboten, ihr
nahe zu kommen. Sie ist nicht wert, daß man sie beachtet. Ich
wünsche nicht, daß Du und Deine Schwestern sich mit ihr einlassen.

Da rief ich plötzlich, ohne meine Worte zu bedenken:
,Sie verdienen nicht, daß ich mich mit ihnen einlasse!'

Als Mrs. Reed diese kühne Erklärung hörte, stürzte sie auf mich
los, schob mich schnell wie der Wind in die Kinderstube, stieß mic
in einem Winkel zur Erde und empfahl mir mit erhobener Stimme,
daß ich bis zum Abend nicht wagen solle, mich zu erheben oder eine
Silbe zu sprechen.

,Was würde Onkel Reed sagen, wenn er noch lebte? war meine
unwillkürliche Frage. Ich sage unwillkürlich, denn es war, als ob
meine Zunge Worte sprach, ohne daß es meine Absicht war, sie zu
äußern.
,Was? rief Mrs. Reed atemlos. Ihr gewöhnlich kaltes, ruhiges
Auge wurde von einem Blicke getrübt, der fast Furcht verriet. Sie
ließ mich los und starrte mich an, als ob sie nicht wüßte, ob ich ein
Kind oder der böse Feind sei. Ich war jetzt im Zuge.

,Onkel Reed ist im Himmel und kann alles sehen, was Du
thust und denkst, und Mama und Papa können es auch; sie wissen,
daß Du mich den ganzen Tag einsperrst, und daß Du wünschst, ich
wäre tot.

Mrs. Reed faßte sich bald; sie schüttelte mich heftig, ohrfeigte
mich und ging ohne ein weiteres Wort. Bessie erging sich hierauf
in einer stundenlangen Strafpredigt, in der sie zweifellos bewies,
daß ich das schlechteste, verlorenste Kind auf Gottes Erdboden sei.
Ich glaubte es ihr fast, denn ich fühlte in der That, daß mein Inneres
von bösen Gedanken und unedlen Gefühlen erfüllt war.

November, Dezember und der halbe Januar gingen vorüber.
Weihnachten und Neujahr waren in Gateshead mit dem gewöhnlichen
Festesjubel gefeiert worden; man hatte sich beschenkt und Mittags-
und Abendgesellschaften gegeben. Ich wurde selbstverständlich von
jedem Vergnügen ausgeschlossen. Mein Anteil an den Lustbarkeiten
bestand darin, daß ich zusah, wie Eliza und Georgiana geputzt wurden,
um in das Gesellschaftszimmer zu gehen; daß ich dann auf den Klang
des Flügels und der Harfe horchte, die unten gespielt wurden, und
auf das Hin- und Herlaufen der Dienerschaft; auf das Klingen der
Gläser und Klappern der Teller, wenn Erfrischungen gereicht wurden;
auf das Summen der Unterhaltung, wenn die Thür des Gesellschaftszimmers geöffnet wurde. Wenn ich lange genug auf der Treppe gelauscht hatte und dessen müde war, pflegte ich mich in die stille, einsame Kinderstube zurückzuziehen; dort saß ich dann wohl etwas traurig,
aber ich fühlte mich nicht unglücklich. Ich hatte, um die Wahrheit
zu sagen, nicht den geringsten Wunsch, unten in der Gesellschaft zu
sein, denn in ihr wurde ich selten beachtet, und wenn Bessie nur immer
gütig und zugänglich gewesen wäre, so würde ich es als ein Vergnügen angesehen haben, die Abende ruhig mit ihr zu verbringen.
Aber sobald Bessie ihre jungen Damen angezogen hatte, pflegte sie
nach der Küche oder dem Zimmer der Haushälterin zu gehen, wo sie
mehr Unterhaltung erwartete, und fast immer nahm sie das Licht mit
sich. Dann saß ich am Feuer, meine Puppe auf den Knieen, bis
es niederbrannte. Wenn das Zimmer dunkler wurde, schaute ich zuweilen mit spähenden Blicken um mich, ob auch nichts außer mir
darin war, und endlich zog ich mich hastig aus und flüchtete mich
vor der Kälte und Dunkelheit in mein Bett. In dieses nahm ich
immer meine Puppe mit. Jeder Mensch muß etwas lieben, und in
Ermangelung eines würdigeren Gegenstandes hing ich mein Herz an
jene verblaßte, zerlumpte, kleine Vogelscheuche. Ich erstaune noch jetzt
darüber, mit welcher innigen Zärtlichkeit ich an diesem Spielzeug
hing; ich hielt meine Puppe beinahe für lebendig und empfindungsfähig. Ich konnte nicht schlafen, bevor ich sie in meinen Nachtrock
eingewickelt hatte, und wenn sie dort warm und geborgen lag, so
fühlte ich mich verhältnismäßig glücklich, weil ich glaubte, daß sie
auch glücklich sei.

Die Zeit wurde mir lang, wenn ich so auf den Aufbruch der
Gesellschaft oder Bessies Schritt auf der Treppe lauschte. Mitunter
kam sie, um mir etwas zum Abendbrot zu bringen, ein Stückchen
Kuchen oder dergleichen, dann setzte sie sich an mein Bett, während
ich , und wenn ich fertig war, wickelte sie mich in meine Decke.
Zweimal küßte sie mich und sagte: ,Gute Nacht, Miß Jane. Wenn
Bessie so liebreich war, schien sie mir das beste und lieblichste Wesen
in der Welt, und ich wünschte dann innig, daß sie immer so gütig
und liebenswürdig sein und mich niemals mehr stoßen, schelten oder
Unvernünftiges von mir verlangen möchte, was sie recht oft that.
Bessie Lee muß, glaube ich, von Natur gutherzig gewesen sein; sie
war lebhaft und hatte ein ausgezeichnetes Erzählertalent, das schließe
ich wenigstens aus dem Eindruck, den ihre Kinderstubengeschichten auf
mich gemacht haben. Sie war auch hübsch, wenn ich mich recht erinnere. Sie steht mir vor als ein schlankes, junges.Mädchen mit

schwarzen Haaren, dunklen Augen, hübschen Zügen und klarem Teint,
aber sie hatte ein launisches und heftiges Temperament und keinen
Sinn für Recht und Gerechtigkeit; doch wie sie auch sein mochte, ich
zog sie doch jedermann in Gateshead vor.

Es war der fünfte Januar, ungefähr neun Uhr morgens. Bessie
war hinuntergegangen, um zu frühstücken. Eliza setzte ihren Hut auf
und zog ihren warmen Mantel an. Sie wollte in den Hof gehen,
um ihr Federvieh zu füttern, eine Beschäftigung, welche sie ebenso
liebte wie die Gärtnerei, beide freilich um des Gewinnstes willen,
den sie dadurch erzielte. Sie trieb einen förmlichen Handel mit
Eiern, jungen Hühnern und den Erzeugnissen ihres Gärtchens. Das
Geld, welches sie einnahm, legte sie bei ihrer Mama auf Zinsen an,
die Auszahlung derselben überwachte sie mit ängstlicher Genauigkeit;
sie hatte alles in allem eine Freude am Gelde, die für ihr Alter
weder natürlich noch hübsch war.

Georgiana saß vor dem Spiegel, kämmte ihr Haar und durchflocht es mit Blumen und verblaßten Federn, von denen sie in einer
Schublade einen Vorrat gefunden hatte.

Ich machte mein Bett, denn Bessie hatte mir anbefohlen, es
fertig zu machen bis sie zurückkäme. (Bessie stellte mich jetzt häufig
als eine Art Stubenmädchen an; ich mußte die Kinderstube aufräumen,
den Staub wischen und so weiter. s Nachdem ich das Bett aufgeschüttelt und mein Nachtzeug zusammengelegt hatte, ging ich zur
Fensterbank, um einige Bilderbücher und Puppenstubenmöbel, die dort
umher lagen, fortzuräumen. Georgiana befahl mir, diese ihre Sachen
nicht anzurühren, und ich ließ von meiner Beschäftigung ab. In Ermangelung einer anderen verfiel ich darauf, gegen die gefrorenen
Scheiben zu hauchen. Ich taute auf diese Weise einige von den
Frostblumen ab, mit denen sie überdeckt waren, und gewann einen
Ausblick auf den Park, in dem alle? still und unter der Kälte erstarrt war.

Durch das Fenster war die Wohnung des Portiers und der
Fahrweg sichtbar. Gerade als ich die Scheibe soweit von Eis freigemacht hatte, um hindurch sehen zu können, wurde die Gitterthür
aufgemacht und ein Wagen fuhr hindurch. Ich betrachtete ihn gleichgültig. Wagen kamen oft nach Gateshead, aber sie brachten niemals
Besucher, die mich etwas angingen. Dieser hielt vor der Hausthür
still, die Hausglocke wurde geläutet und der Angekommene eingelassen.
Mich interessierte das nicht weiter; ich widmete meine ganze Aufmerksamkeit einem kleinen hungrigen Rotkehlchen, welches auf einem nahen Baume saß und zirpte. Ich bröckelte ein Milchbrot klein, daß noch
von meinem Frühstück übrig geblieben war, und bemühte mich, das
Fenster zu öffnen, um die Krümchen dem kleinen Hungernden hinauszuwerfen, als Bessie eilig die Treppe herauf und in das Zimmer kam.

,Miß Jane, nehmen Sie Ihre Schürze ab. Was thun Sie
da? Haben Sie schon Ihr Gesicht und Ihre Hände gewaschen?

In diesem Augenblicke glückte es mir, das Fenster zu öffnen;
ich streute die Brocken hinaus und schloß es wieder, bevor ich antwortete:

,Nein, Bessie, ich bin soeben erst mit Staubwischen fertig.
,Unartiges, nachlässiges Kind! Und was haben Sie jetzt gemacht? Sie sehen ganz rot aus, als hätten Sie etwas Unerlaubtes
gethan; weshalb haben Sie das Fenster geöffnet?

Die Antwort wurde mir erspart, denn Bessie schien zu eilig, um
auf Auseinandersetzungen zu hören, sie zog mich an den Waschtisch,
fuhr mir mit dem Seiflappen mitleidslos über Gesicht und Hände
und mit der Bürste ebenso über mein Haar, band meine Schürze los,
schob mich vor sich her bis an den Treppenrand und gebot mir, sogleich hinunter zu gehen, weil ich im Frühstückszimmer erwartet
werde.

Ich hätte so gern gefragt, wer mich erwartete; ob es Mrs. Reed
sei, aber Bessie war schon fort., Ich stieg zögernd die Treppe hinunter Fast seit drei Monaten hatte ich die unteren Zimmer nicht
betreten, und sie waren gefürchtete Regionen für mich geworden. Ich
stand zitternd vor der Thür des Frühstückszimmers. Welch einen erbärmlichen kleinen Feigling hatten Furcht und ungerechte Strafe aus
mir gemacht! Ich wagte weder vorwärts zu gehen, noch zurück in
die Kinderstube; ich stand wohl zehn Minuten ängstlich und unschlüssig
vor der Thür; da wurde im Zimmer heftig geklingelt; das brachte
mich zum Entschluß; ich trat ein. Ich sah im Zimmer außer Mrs. Reed
einen langen, hagern Mann mit einem grimmigen Gesicht.

Mrs. Reed saß auf ihrem gewöhnlichen Platz am Kamin; sie
bedeutete mir, näher zu kommen, und stellte mich dem unbeweglichen

Fremden mit den Worten vor: ,Dies ist das Kind, um dessentwillen
ich an Sie schrieb.

Er wandte seinen Kopf langsam nach mir um, musterte mich mit
durchdringenden Blicken und sagte langsam und mit tiefer Stimme:

,Sie ist noch klein wie alt ist sie?
,Zehn Jahre alt.
,So alt? war die zweifelnde Antwort, und er maß mich noch
einige Minuten lang mit seinen Blicken. Plötzlich redete er mich an:

,Wie heißt Du, Kleine?
,Jane Eyre, mein Herr.
,Jane Eyre, schön. Und bist Du ein artiges Kind?
Was sollte ich antworten, die meine ganze Umgebung für unartig hielt? Ich schwieg, aber Mrs. Reed antwortete für mich mit
einem ausdrucksvollen Schütteln des Kopfes und fügte bald hinzu:

,Über diesen Punkt wollen wir lieber schweigen, Mr. Brocklehurst.
,Oh, das ist schlimm. Ich muß ein Wort mit ihr reden. Er
setzte sich in einen Stuhl, Mrs. Reed gegenüber. ,Komm hierher,'
sagte er zu mir.

Ich ging zu ihm hin und stellte mich ihm gerade gegenüber
,Es giebt keinen häßlicheren Anblick als ein unartiges Kind,
begann er, , besonders ein unartiges Mädchen. Weißt Du, wo die
Bösen nach dem Tode hinkommen?’

,Sie kommen in die Hölle,’ war meine ebenso schnelle, als orthodoxe
Antwort.
,Was ist die Hölle, kannst Du mir das sagen?
,Ein feuriger Abgrund.'
,Möchtest Du in diesen Abgrund fallen und ewig brennen?
,Nein, Herr.
,Was mußt Du thun, um Dich davor zu hüten?
Ich überlegte einen Augenblick und antwortete dann ,Ich muß
gesund bleiben und nicht sterben.'

,Wie willst Du das machen? Täglich sterben Kinder, die jünger
sind als Du. Erst vor wenig Tagen habe ich ein kleines Kind begraben, das fünf Jahre alt war - ein gutes, kleines Kind, dessen
Seele nun im Himmel ist. Ich fürchte, wenn Du abgerufen würdest,
könnte man nicht dasselbe von Dir sagen.

Weil ich nicht in der Lage war, seine Befürchtung zu zerstreuen,
schlug ich meine Augen auf seine großen Füße nieder und seufzte, mich
weit hinwegwünschend.

,Ich hoffe, dieser Seufzer kommt vom Herzen und Du bereust,
Deine edle Wohlthäterin betrübt zu haben.

,Wohlthäterin!' sagte ich innerlich. ,Alle nennen Mrs. Reed
meine Wohlthäterin. Wenn sie das wirklich ist, dann ist eine Wohlthäterin etwas recht Häßliches.

,Betest Du jeden Morgen und Abend? setzte er sein Verhör fort.
,Ja, Herr.
,Liest Du in der Bibel?
,Mitunter.
,Thust Du das gern? Liebst Du sie?
,Ich liebe die Offenbarung und das Buch Daniel, das erste
Buch Mosis, das Buch Samuel, das zweite Buch Mosis, einen Teil
der Könige, Chronika, den Propheten Josua und das Buch Hiob.

,Und die Psalmen? Die liebst Du hoffentlich auch.
,Nein, Herr.
,Nein? Das ist schlimm! Ich habe einen kleinen Knaben, der
jünger ist als Du; er weiß sechs Psalmen auswendig, und wenn man
ihn fragt, ob er lieber einen Psalm lernen oder eine Pfeffernuß haben
will, so sagt er: Oh, ich will lieber einen Psalm lernen, Engel
singen Psalmen und ich möchte dort oben auch gern ein Engel sein.
Dann bekommt er zwei Pfeffernüsse zur Belohnung für seine kindliche
Frömmigkeit.

,Die Psalmen sind so langweilig,! bemerkte ich.
,Das zeigt, daß Du ein schlechtes Herz hast. Du mußt Gott
bitten, daß er es bessere, daß er Dir für Dein hartes, steinernes
Herz eines von Fleisch und Blut gebe.

Ich war drauf und dran, zu fragen, wie wohl der liebe Gott
diese Auswechslung bewerkstelligen könnte, als Mrs. Reed sich einmischte. Sie befahl mir, mich hinzusetzen, und führte selbst die Unterhaltung fort.

,Soviel ich mich erinnere, Herr Brocklehurst, teilte ich Ihnen in
meinem Briefe mit, daß dieses Kind leider keinen guten Charakter
hat. Wenn Sie Jane in die Schule von Lowood aufnehmen, so
wünschte ich sehr, daß die Vorsteherin und Lehrerinnen ersucht würden,
ein wachsames Auge auf sie zu haben und besonders ihre Neigung
zur Heuchelei zu bekämpfen. Ich spreche hiervon in Deiner Gegenwart, Jane, damit Du keinen Versuch machst, Mr. Brocklehurst zu täuschen.'

Wie natürlich war es, daß ich Mrs. Reed fürchtete und verabscheute, denn wo sie mich sah, verletzte sie mich mit herzloser Grausamkeit; ich war in ihrer Gegenwart nie glücklich. Wenn ich ihr auch
noch so ängstlich gehorchte, und noch so sorgsam bemüht war, ihren
Beifall zu erringen, so wurden doch alle meine Bemühungen mit
ähnlichen Aussprüchen, wie der obige, belohnt. Diese Anklage, einem
Fremden gegenüber, traf mich ins Herz. ich hörte kaum noch, daß
sie von Hoffnung auf meine Besserung durch das neue Leben, was
ich nun beginnen sollte, sprach, ich fühlte nur, daß sie meinen ferneren
Lebenspfad dadurch zu erschweren bemüht war, daß sie mir das Vertrauen und Wohlwollen derer zu rauben suchte, die ihn in Zukunft
überwachen sollten. Was konnte ich dagegen thun?

,Nichts, gar nichts, dachte ich, indem ich mein Schluchzen unterdrückte und hastig meine Thränen, die Zeugen meiner Angst, trocknete.

,Heuchelei ist ein schlimmer Fehler, sagte Mr Brocklehurst; ,er
ist der Lüge verwandt, und die Lügner werden im höllischen Feuer
brennen. Sie soll aufmerksam beobachtet werden, Mrs. Reed; ich
werde mit Miß Temple und den Lehrerinnen sprechen.

,Ich wünsche, daß sie zu bescheidenen Ansprüchen erzogen wird
und sich nützlich zu machen lernt, fuhr meine Wohlthäterin fort.
,Was die Ferien anbetrifft, so wird sie dieselben mit Ihrer Erlaubnis
stets in Lowood zubringen.

,Ihre Wünsche sind durchaus gerechtfertigt. Die christliche Tugend
der Demut wird den Zöglingen von Lowood ganz besonders anerzogen.
Ich lasse es meine größte Sorge sein, das weltliche Gefühl des Stolzes
ganz in ihnen zu unterdrücken, und daß meine Bemühungen mit
Erfolg gekrönt sind, davon hatte ich neulich einen erfreulichen Beweis.
Meine zweite Tochter, Auguste, besuchte mit ihrer Mama die Schule,
und bei ihrer Rückkehr rief sie aus, lieber Papa, wie einfach
und bescheiden sehen die Mädchen in Lowood aus mit ihren hinter
die Ohren gekämmten Haaren, ihren langen Schürzen und den
leinenen Taschen an der Außenseite ihrer Kleider. Sie erscheinen
wie armer Leute Kinder und staunten Mamas und meinen Anzug
an, als hätten sie noch nie in ihrem Leben ein seidenes Kleid gesehen.

,So wünsche ich es gerade. Ich hätte, glaube ich, in ganz
England keine Erziehungsanstalt finden können, die geeigneter für
ein Kind wie Jane wäre. Ich darf also darauf rechnen, daß sie in
Lowood aufgenommen und ihren Aussichten entsprechend erzogen
wird?

,Das können Sie, gnädige Fran, und ich hoffe, sie wird sich
für das Glück, der Anstalt anzugehören, dankbar zeigen.

,Dann werde ich sie sobald als möglich schicken. Denn ich kann
Sie versichern, Mr. Brocklehurst, daß mich sehr danach verlangt, von
der Verantwortlichkeit befreit zu werden, sie wird mir zu drückend.

,Gewiß, gewiß, gnädige Frau. Und nun muß ich mich empfehlen.
Ich werde in ungefähr acht bis vierzehn Tagen nach Brocklehursthall
zurückkehren, früher wird mich mein Freund, der Archidiakonus, nicht
fortlassen, aber ich werde Miß Temple benachrichtigen, daß sie eine
neue Schülerin zu erwarten hat, und ihre Aufnahme wird dann keine
Schwierigkeiten mehr machen. Leben Sie wohl, gnädige Frau.'

,Leben Sie wohl, Mr. Brocklehurst, und empfehlen Sie mich
Ihrer Familie.

,Danke, Madame. Hier, Kleine, ist ein Buch; es heißt: Des
Kindes Führer, lies es mit Andacht, besonders die Stelle von dem
schrecklichen und plötzlichen Tode Martha Gs., sie war ein unartiges
Kind, der Lüge und Heuchelei ergeben.

Mit diesen Worten legte Mr. Brocklehurst ein kleines Heft in
meine Hand, klingelte nach seinem Wagen und fuhr fort.

Mrs. Reed und ich waren allein. Einige Minuten lang herrschte
Stillschweigen, sie nähte und ich beobachtete sie, während ich auf
einem niedrigen Stuhl in geringer Entfernung von ihr saß. In
meiner Hand hielt ich die Schrift, und durch meinen Geist zogen die
Gedanken an die mich betreffende Unterredung, welche ich soeben gehört hatte. Jedes Wort hatte mich bis ins Innerste verletzt, und ein Gefühl des Grolls stieg in mir auf.

Mrs. Reed sah zu mir auf. ,Geh in die Kinderstube, war
ihr Gebot. Sie mußte aus meinem Blicke etwas Beleidigendes für
sie herausgelesen haben, denn sie sprach mit unterdrückter Heftigkeit.

Ich stand auf und ging nach der Thür, dann kehrte ih um, ging
aber durch das Zimmer ans Fenster und kam wieder zu ihr zurück.

Ich mußte sprechen. Man hatte mich zu schlecht behandelt, ich
mußte mich dagegen auflehnen. Aber was vermochte ich gegen meine
Widersacherin? Ich nahm meinen ganzen Mut zusammen und sagte
erregt:

,Ich bin keine Heuchlerin. Wenn ich eine wäre, so würde ich
sagen, ich liebte Dich, aber ich sage Dir gerade, daß ich Dich nicht
liebe, daß ich, John ausgenommen, niemand weniger leiden kann,
als Dich, und dieses Buch von der Lügnerin kannst Du nur Georgiana geben, denn sie lügt, nicht ich.

Mrs. Reed legte ihre Arbeit in den Schoß und ihr eisiger Blick
blieb auf mir ruhen.

,Hast Du noch mehr zu sagen? fragte sie in einem Tone, den
man wohl einem Widersacher gleichen Alters, aber nicht einem Kinde
gegenüber braucht.

Dieser Blick und Ton regten den ganzen Widerwillen in mir
auf, den ich gegen sie hatte. Vom Kopf bis zum Fuß vor Aufregung zitternd, fuhr ich fort:

,Ich freue mich, daß Du nicht mit mir verwandt bist. So lange
ich lebe, will ich Dich nicht mehr Tante nennen, ich werde Dich nie
besuchen, wenn ich groß bin, und wenn mich Jemand fragt, ob ich
Dich leiden kann und wie Du mich behandelt hast, werde ich sagen,
daß mich der bloße Gedanke an Dich krank macht, und daß Du mich
mit entsetzlicher Grausamkeit behandelt hast.

,Wie kannst Du das zu sagen wagen, Jane Eyre?
,Wie ich das wagen kann, Mrs. Reed? Ich sage es, weil es die
Wahrheit ist. Du denkst, ich habe kein Gefühl und brauche keine Liebe
und keine Güte, aber ich kann nicht ohne leben. Du hast ein hartes
Herz. Ich werde nicht vergessen, wie rauh und heftig Du mich von
Dir gestoßen und in dem roten Zimmer eingeschlossen hast, mein
Lebelang werde ich es nicht vergessen. Ich war in Verzweiflung und
jammerte:,Hab Erbarmen, hab Erbarmen, Tante Reed!! Aber
Du bliebst ungerührt, und diese Strafe ließest Du mich dulden, weil
Dein böser Sohn mich ohne Ursache schlug. Ich will jeden, der
mich fragt, die Geschichte genau erzählen. Die Leute denken, Du
bist eine gute Fran, aber Du bist schlecht und hartherzig. Du
heuchelst.

Während ich sprach, kam ein Gefühl von Freiheit und Triumph
über mich, wie ich es bisher nicht gekannt hatte. Mir war zu Mute,
als wären unsichtbare Bande gesprengt. Dies Gefühl hatte seinen
Grund darin, daß Mrs. Reed erschrocken aussah. Ihre Arbeit war
ihr entfallen, sie rückte unruhig auf ihrem Stuhle hin und her und
verzog das Gesicht zum Weinen.

,Jane, Du irrst Dich. Was hast Du! Warum zitterst Du so
heftig. Willst Du etwas Wasser trinken?

,Nein, Mrs. Reed.
,Hast Du sonst einen Wunsch, Jane? Ich versichere Dich, ich
wünsche Dir Freundin zu sein.'

,Das sagst Du? Und hast Du nicht Mr. Brocklehurst erzählt,
ich hätte einen schlechten Charakter und Anlage zur Heuchlerin? In
Lowood will ich Jedem erzählen, wie Du bist, und was Du gethan hast.

,Jane, Du verstehst davon nichts. Kinder müssen für ihre
Fehler gestraft werden.

,Heucheln ist nicht mein Fehler!' rief ich heftig.
,Aber Du bist heftig, das mußt Du zugeben, Jane. Und
nun gehe nach der Kinderstube- Liebchen - und lege Dich etwas
nieder.

,Ich bin nicht Dein Liebchen, und ich kann nicht still liegen.
Schicke mich bald nach Lowood, Mrs. Reed, ich verabscheue das
Leben hier.

,Ja, ich will Dich bald nach Lowood schicken! sagte Mrs. Reed
leise zu sich selbst, und ihre Arbeit aufraffend, verließ sie plötzlich
das Zimmer.

Ich ward allein gelassen und behauptete das Schlachtfeld. Es
war der härteste Kampf, den ich je gekämpft und der erste Sieg, den
ich errungen hatte. Eine Weile genoß ich das stolze Gefühl eines
Eroberers, doch wurde dasselbe ebenso schnell herabgestimmt, als sich
meine Pulse beruhigten. Ein Kind kann nicht gegen Altere so auftreten, wie ich es gethan, ohne nachher Reue zu fühlen.

Ich hatte zum ersten Male etwas wie Rache gekostet, aber die
Stille und das Nachdenken hatten mir bald das Thörichte und
Traurige meines Benehmens gezeigt. Gern hätte ich jetzt Mrs. Reed

um Verzeihung gebeten, aber ich wußte teils aus Erfahrung und
teils aus Instinkt, daß sie mich dann doppelt zornig von sich gestoßen haben und so meine Heftigkeit aufs Neue erregt haben würde.

Ich wollte versuchen etwas Besseres zu thun, als zornige Reden
zu halten und wollte mich von dem Gefühle finsterer Entrüstung losmachen, deshalb nahm ich ein Buch mit arabischen Märchen, setzte
mich und versuchte zu lesen. ich wußte nicht, was ich las und kehrte
immer zu meinen eigenen Gedanken zurück.

Ich öffnete die Glasthür, der Park war ganz still, der heftige
Frost regierte darin, unbezwungen von Sonne und Wind. ich zog
meinen Kleiderrock über den Kopf, wickelte die Arme hinein und
wanderte durch die erstarrten Büsche und über die verschneiten Grasplätze; aber die stillen Bäume, die bereiften Tannenzapfen und Blätter
nötigten mir heute keine Bewunderung ab. ich lehnte mich gegen
das Parkgitter und starrte in das leere Feld, auf dem sonst die
Schafe weideten und das Gras geschnitten und getrocknet wurde.
Es war ein düstrer Tag, ab und zu fielen Schneeflocken auf den
hart gefrorenen Weg, ohne zu schmelzen. Ich stand da, ein unglückliches Kind, und sagte immer wieder zu mir selbst: ,Was soll ich
thun? - was soll ich thun?
Auf einmal hörte ich eine klare Stimme rufen: ,Miß Jane, wo
sind Sie? Kommen Sie zum Frühstück.
Ich wußte sehr gut, daß es Bessie war, aber ich rührte mich
nicht; ihr leichter Schritt kam den Weg herunter.
,Sie unartiges, kleines Ding!' sagte sie.,Weshalb kommen
Sie nicht, wenn Sie gerufen werden?
Bessies Gegenwart war den Gedanken gegenüber, welchen ich
nachgehangen hatte, erfreulich, obgleich sie, wie gewöhnlich, etwas
ärgerlich war. ich schlang meine Arme um sie und sagte: ,Sei gut,
Bessie, schilt nicht.
Dies Benehmen war dreister und furchtloser, als sie es an mir
gewohnt war, und deshalb mochte es ihr wohl gefallen.
,Sie sind ein wunderliches Kind, Miß Jane,' sagte sie, als sie
zu mir heruntersah, ,lo allein unter Eis und Schnee herum zu
streifen. Sie sollen wohl jetzt in Pension kommen?
Ich nickte.
,Und thut es Ihnen nicht leid, die arme Bessie zu verlassen??
,Was macht sich Bessie aus mir? Sie schilt mich ja immer.
,Weil Sie ein sonderbares, schüchternes, ängstliches kleines Ding
Sie müßten dreister sein.
,Warum! Damit ich noch häufiger gestoßen würde?'
,Unsinn! Aber man spielt Ihnen schlimm mit, das ist wahr.
Als mich meine Mutter in der vorigen Woche besuchte, sagte sie, sie
möchte keines von ihren Kindern an Ihrer Stelle wissen. jetzt
kommen Sie mit mir hinein, ich habe eine gute Neuigkeit für Sie.
,Für mich kann es nichts Gutes geben, Bessie.
,Was meinen Sie damit, Miß Jane, und wie traurig sehen
Sie mich an! - Hören Sie, Mrs. Reed, Ihre Cousine und der
junge Herr fahren diesen Nachmittag ans, und Sie sollen mit mir
Thee trinken. Ich werde die Köchin bitten, daß sie Ihnen einen
kleinen Kuchen backt, und dann helfen Sie mir Ihre Sachen durchzusehen, denn ich muß bald Ihren Koffer packen. Mrs. Reed hat
die Absicht, Sie in ein bis zwei Tagen fortzuschicken, und Sie sollen
sich die Spielsachen aussuchen, die Sie mitnehmen wollen.
,Bessie, Du mußt mir versprechen, mich nicht mehr zu schelten,
bis ich fortgehe.

,Ich will es versprechen, aber dann müssen Sie auch ein gutes
Kind sein, Sich nicht mehr vor mir fürchten, und Sich nicht erschrecken, wenn ich ein bischen streng spreche.
,Ich glaube, ich werde mich nie mehr vor Dir fürchten, Bessie,
weil ich mich an Dich gewöhnt habe. Ich werde bald ganz andere
Menschen zu fürchten haben.'
,Wenn Sie sie fürchten, werden sie Ihnen nicht gut sein.

,Wie Du, Bessie.’
,Oh, Miß Jane, ich glaube, ich habe Sie lieber, als alle die
anderen.

,Das zeigst Du nicht.
,Sie kluges, kleines Ding! Sie haben plötzlich eine ganz andere
Art zu sprechen angenommen! Was macht Sie so dreist und sicher?

,Vielleicht die Gewißheit, daß ich mich bald von Dir trennen
muß. Ich war nahe daran, zu verraten, was sich zwischen Mrs.
Reed und mir zugetragen hatte, aber ich besann mich eines Besseren
und schwieg.

,Und Sie freuen Sich wohl, mich zu verlassen?
,Nein, gewiß nicht, Bessie; ich bin vielmehr traurig darüber.
Bessie umarmte und küßte mich und ich erwiderte ihre Liebkosungen von Herzen, dann gingen wir miteinander ins Haus, und
der Nachmittag verging in Friede und Harmonie. Abends erzählte
mir Bessie eine ihrer schönsten Geschichten und sang mir ihre
rührendsten Lieder. So hatte selbst für mich das Leben seinen
Sonnenschein.



Fünftes Kapitel.

Es hatte kaum fünf Uhr geschlagen am Morgen des neunzehnten
Januar, als Bessie mit Licht in meine Kammer trat, um mich zu
wecken. Ich war schon auf, hatte mich bereits gewaschen und halb
angezogen, wozu mir der Mond geleuchtet hatte, dessen Strahlen
durch das enge Fenster neben meinem Bette fielen. Ich sollte heute
Gateshead mit der Post verlassen, welche morgens sechs Uhr am
Parkthor vorüberfuhr. Bessie allein war aufgestanden; sie hatte
Feuer in der Kinderstube gemacht und bereitete mein Frühstück,
Wenige Kinder können in der Aufregung, die einer Reise vorangeht,
etwas essen; ich konnte es auch nicht. Bessie nötigte mich umsonst,
einige Theelöffel voll Milch und etwas Brot zu mir zu nehmen.
Als ich alles von mir wies, wickelte sie einige Biskuits ein und
steckte sie in meine Tasche, dann band sie mir meinen Pelz um, setzte
mir meinen Hut auf, hüllte sich selbst in ein großes Tuch und wir
gingen. Als wir an Mrs. Reeds Zimmer vorüber kamen, fragte sie:
,Wollen Sie der Tante Lebewohl sagen?
,Nein, Bessie, sie kam gestern, als Du zum Abendessen hinunter
gegangen warst, an mein Bett und sagte, daß ich sie und die Cousinen
morgens nicht stören sollte, daß ich daran denken sollte, wie sie immer
meine ,beste Freundin gewesen sei, und daß ich sie zu anderen Menschen
so nennen und ihr dankbar sein sollte.

,Und was antworteten Sie, Miß Jane?’
,Nichts!’ Ich zog die Bettdecke über das Gesicht und wendete
mich von ihr ab, der Wand zu.

,Das war nicht recht, Miß Jane.’
,Das war doch recht, Bessie. Deine Herrin war nie meine
Freundin, sie war meine Feindin.’

,Oh, Miß Jane, sprechen Sie nicht so!'
,Lebe wohl, Gateshead!’ rief ich, als wir durch den Flur
gingen und zur Hausthür hinaustraten.
Der Mond war untergegangen, und es war sehr dunkel. Bessie
trug eine Laterne, deren Licht auf die Pfützen fiel, die im Kieswege
standen, der vom Thau ganz durchweicht war. Der Wintermorgen
war rauh und kalt, und meine Zähne klapperten vor Frost, als ich
auf dem Fahrwege vorwärts eilte.
Im Portierhause war Licht; mein Koffer, welchen man den
Abend zuvor hinunter geschafft hatte, stand vor der Thür bereit. Es
fehlten nur noch wenige Minuten an sechs Uhr, und gleich nachdem
es voll geschlagen hatte, zeigte ein entferntes Rollen von Rädern die
Annäherung des Postwagens an. Ich trat vor die Thür und sah
das Licht in den beiden Wagenlaternen sich schnell nähern.
,Reist sie allein?’ fragte die Frau des Portiers.
,Ja.’
,Wie weit ist es denn?’
,Fünfzig Meilen.'
,So weit! Mich wundert, daß Mrs. Reed es wagt, sie allein
so weit reisen zu lassen.’
Die Kutsche hielt am Parkgitter, der Kutscher und Kondukteur
riefen uns zu, uns zu beeilen; mein Koffer wurde aufgeladen, man
nahm mich Bessie aus den Armen, an der ich mit Küssen hing.

,Versprecht mir, gut für sie zu sorgen,’ rief sie dem Kondukteur
zu, als er mich in den Wagen hob.
,Schon gut, schon gut,’ war die Antwort; die Thür wurde zugeschlagen, eine Stimme rief: ,Vorwärts!’ und wir fuhren davon.
So wurde ich von Bessie und Gateshead getrennt und flog neuen,
ganz unbekannten Regionen zu.
Ich weiß nur wenig von dieser Reise. Ich erinnere mich nur,
daß mir der Tag ganz entsetzlich lang erschien, und daß es mir
vorkam, als ob unser Weg viel über hundert Meilen lang wäre.
Wir kamen durch mehrere Städte; in einer sehr großen Stadt hielt
die Post an; die Pferde wurden ausgespannt und die Passagiere
stiegen aus, um zu Mittag zu essen. Ich wurde in einen Gasthof
getragen, und der Kondukteur forderte für mich etwas zu essen. Als
er sah, daß ich keinen Appetit hatte, ließ er mich in einem großen
Zimmer allein. Der Raum hatte zwei Kamine, ein Kronleuchter
hing von der Decke herunter, und oben an der einen Wand befand
sich eine kleine rote Galerie, auf der viele musikalische Instrumente
lagen. ich ging lange Zeit auf und ab, in beständiger Furcht, daß
jemand kommen könnte, um mich zu stehlen, denn ich glaubte an
Kindesräuber, ihre Thaten hatten oft den Inhalt von Bessies abendlichen Erzählungen ausgemacht. Endlich kam der Kondukteur wieder,
ich wurde zum zweiten Male in die Kutsche gesetzt, mein Beschützer
nahm seinen sitz ein, blies in sein Horn und dahin rasselten wir
über die steinige Straße, Lowood zu.

Der Nachmittag kam, es wurde feucht und neblig und als die
Dämmerung hereinbrach, mußte ich immer daran denken, wie weit,
sehr weit wir nun von Gateshead waren. Wir kamen durch keine
Städte mehr, die Gegend wurde ganz anders; große dunkle Hügel
erhoben sich am Horizont; als es dunkler wurde, fuhren wir in ein
Thal hinab, zuletzt konnte ich nichts mehr sehen, aber ich hörte, daß
der Wind sich erhob, und durch die Kronen der Bäume sauste. Eingelullt durch diese Musik, verfiel ich endlich in Schlaf. Ich hatte
nicht lange geschlafen, als das Gefährt plötzlich stillstand. Ich erwachte, schlug die Augen auf und sah den Kutschenschlag offen; davor
stand eine Frau, welche mir nach ihrem Anzuge eine Dienerin zu
sein schien.

,Ist hier ein kleines Mädchen, Jane Eyre genannt?’ fragte sie.
Ich antwortete ,Ja!’ Man hob mich aus den Wagen, gab meinen
Koffer vom Verdeck herunter, und der Wagen eilte sogleich weiter.

Ich war ganz steif vom langen Sitzen und ganz benommen von
dem Stoßen und Rütteln der Kutsche. ich suchte mich zu ermuntern
und zu sehen, wo ich mich befand. Regen, Wind und Dunkelheit
erfüllten die Luft, dessen ungeachtet nahm ich undeutlich eine Mauer
wahr und in derselben eine geöffnete Thür. Diese Thür durchschritt
ich mit meiner neuen Führerin, welche dieselbe wieder fest verschloß.
Ich konnte jetzt ein großes Haus mit vielen Fenstern sehen; in einigen
brannte Licht, ein breiter Kiesweg führte auf das Haus zu; wir
wurden eingelassen; man führte mich durch einen langen Gang in
ein Zimmer, in dem ein Kaminfeuer brannte und ließ mich allein.
Ich wärmte meine erstarrten Finger an der Flamme und schaute
mich um; es brannte kein Licht, aber bei dem flackernden Schein
des Feuers konnte ich tapezierte Wände, einen Teppich, Fenstervorhänge und glänzend mahagoni Möbel sehen; es war ein Sprechzimmer, nicht so groß und elegant wie das Besuchszimmer in Gateshead, aber behaglich. ich gab mir Mühe herauszufinden, was ein
Gemälde darstellte, das an der Wand hing, als die Thür aufging
und eine Gestalt mit Licht hereintrat, der eine zweite auf dem
Fuße folgte.
Die erste war eine große Dame mit schwarzem Haar, dunklen
Augen und einer hohen weißen Stirn. Sie war in einen Shawl gehüllt, trug sich grade und hatte ein ernstes Gesicht.

,Kind ist noch gar zu jung, um eine solche Reise allein zu
machen,' sagte sie, indem sie das Licht auf den Tisch stellte. Sie
betrachtete mich einige Minuten hindurch aufmerksam und fügte dann
hinzu:

,Es wird am besten sein, sie gleich zu Bett zu bringen; sie
sieht angegriffen aus. Bist Du müde, mein Kind?’ fragte sie mich,
ihre Hand auf meine Schulter legend.

,Ja, ein wenig.’
,Und ohne Zweifel auch hungrig. Geben Sie ihr etwas zu
essen, bevor sie zu Bett geht, Miß Miller. Hast Du Dich, um
hierher zu kommen, zum ersten Male von Deinen Eltern getrennt,
Kleine?’

Ich erzählte ihr, daß ich keine Eltern hätte. Sie fragte, wie
lange sie tot seien, wie alt ich wäre, wie ich hieße, ob ich schon lesen,
schreiben und etwas nähen könne; dann klopfte sie mir freundlich die
Backen, sagend, daß sie hoffe, ich werde ein artiges Kind sein, und
entließ mich mit Miß Miller.

Miß Miller, die jüngere der beiden Damen, welche, wie ich
später erfuhr, eine Unterlehrerin war, führte mich durch viele Gänge
und Abteilungen des weiten Gebäudes, in denen eine beängstigende
Stille herrschte, endlich aber hörten wir das Summen vieler Stimmen
und traten zuletzt in einen langen und breiten Raum, in dem viele
Tische standen, um welche herum auf hölzernen Bänken eine große
Menge Mädchen des verschiedensten Alters, von acht bis zu zwanzig
Jahren, saßen. Nur wenige Lichte brannten auf dem Tischen und
bei ihrem trüben Schein kam mir die Zahl der Mädchen' endlos vor,
obgleich es in Wirklichkeit nur achtzig waren. Sie waren alle gleich
gekleidet in braunen groben Stoff. Der Schnitt der Kleider war
sonderbar, dazu trugen sie alle lange holländische Schürzen.

Es war gerade Arbeitsstunde, und sie waren alle damit beschäftigt, ihre morgenden Aufgaben herzusagen; daher das Summen,
welches ich gehört hatte.
Miß Miller befahl mir, mich auf eine Bank nahe bei der Thür
zu setzen, dann ging sie an das Ende des großen Zimmers und rief:

,Aufseherinnen, sammelt die Bücher ein und legt sie fort.’
Vier große Mädchen standen an verschiedenen Tischen auf,
sammelten die Bücher ein und trugen sie fort. Hierauf befahl Miß
Miller weiter:
,Holt die Schüssel!’
Die großen Mädchen gingen hinaus und kamen bald mit Tablets
zurück, in deren Mitte ein Wasserkrug und Becher standen, während
rund herum eingeteilte Portionen lagen, doch konnte ich nicht erkennen,
was es war. Die Portionen wurden herumgereicht, und wer wollte,
konnte trinken, doch mußten sich alle desselben Bechers bedienen.
Als er zu mir kam, trank ich, denn ich war sehr durstig, aber das
Essen rührte ich nicht an, ich war zu ermattet und aufgeregt, um
essen zu können, doch sah ich jetzt, daß es dünner Haferkuchen war,
den man in Stücke geschnitten hatte.
Als das Mahl zu Ende war, las Miß Miller den Abendsegen,
dann gingen die Mädchen zu zweien in langer Reihe zum Saal
hinaus und die Treppen hinauf in den Schlafsaal. Ich war so überwältigt von Müdigkeit, daß ich kaum noch sah, wie der Raum aussah, in dem wir schlafen sollten, ich bemerkte nur noch, daß er mindestens so lang wie das Schulzimmer war. Für die erste Nacht
war ich Miß Millers Bettgenossin, sie half mir beim Ausziehen. Als
ich mich niederlegte, sah ich noch wie jedes Bett in der langen Reihe
schnell von je zwei Mädchen in Besitz genommen wurde, nach zehn
Minuten wurde das einzige Licht, welches allen geleuchtet hatte, ausgelöscht, es trat völlige Stille ein und ich verfiel in tiefen Schlaf.
Die Nacht verging schnell. Ich war zu ermüdet, um auch nur
zu träumen. Einmal nur wachte ich auf, hörte den Wind heftig
heulen, den Regen in Strömen gegen die Fensterscheiben schlagen,
und fühlte, daß Miß Miller ihren platz an meiner Seite eingenommen hatte. Als ich meine Augen zum zweiten Male aufschlug,
ertönte eine laute Glocke, die Mädchen waren aufgestanden und zogen
sich an; der Tag war noch nicht angebrochen und ein oder zwei Talglichte brannten im Zimmer. Auch ich stand auf; es war bitter kalt;
ich zog mich an, so gut ich es, vor Kälte zitternd, konnte und wusch
mich, sobald ein Waschnapf frei war. Das dauerte lange, denn für
je sechs Mädchen war immer nur ein Waschbecken bestimmt. Bald
wurde wieder geläutet; alle traten zu zweien an, gingen in bestimmter
Ordnung die Treppe hinunter und betraten das kalte und spärlich
beleuchtete Schulzimmer. Hier wurde die Morgenandacht gehalten,
als dieselbe beendet war, rief Miß Miller:
,Bildet Klassen!’
Für einige Minuten entstand ein großer Lärm, in welchen Mis;
Miller hinein rief: ,Ruhe! und ,Ordnung! Als beides entstand,
sah ich sie alle in vier Halbkreisen sitzen und vier Stühle waren vor
die Tische gestellt; sie hielten alle Bücher in der Hand, und ein
großes Buch, das fast wie eine Bibel aussah, lag auf jedem Tische,
vor dem unbesetzten Stuhle. Es folgte eine Pause von einigen
Sekunden, in der man das leise unbestimmte Geräusch hörte, welches
das Gemurmel vieler Stimmen hervorbringt, Miß Miller ging von
Klasse zu Klasse, um vollkommene Ruhe herzustellen.
In der Ferne hörte man eine Glocke anschlagen, und gleich
darauf traten drei Damen in das Zimmer; jede von ihnen ging auf
einen Tisch zu und nahm ihren Sitz ein; Miß Miller setzte sich auf
den letzten freien Stuhl, welcher der Thür zunächst war, und um den
die kleinsten Kinder versammelt waren; zu dieser untersten Klasse
wurde auch ich berufen und mußte in ihr den letzten Platz einnehmen.
Nun begann der Unterricht: es wurde ein Spruch für den Tag
ausgegeben, Bibelstellen wurden hergesagt und dann lange Kapitel
in der Bibel gelesen; das dauerte eine Stunde. Als diese Uebung
beendet war, war es völlig Tag geworden. Die unermüdliche Glocke
erklang jetzt zum vierten Male, die Klassen ordneten sich und marschierten in ein anderes Zimmer, zum Frühstück. Wie glücklich war
ich in der Aussicht, etwas zu essen zu bekommen! Ich war fast krank
vor Entkräftung, weil ich am Tage zuvor so wenig gegessen hatte.

Der Speisesaal war ein großer, niedriger, düsterer Raum; au:
zwei langen Tischen rauchten Näpfe mit etwas Heißem, das zu
meinem Entsetzen einen durchaus nicht einladenden Geruch verbreitete.
Alle Gesichter bezeugten Unzufriedenheit, als der Duft der Mahlzeit
in ihre Nasen stieg; aus der Vorhut des Zuges, die großen Mädchen
der ersten Klasse, verbreiteten sich die geflüsterten Worte:

,Ekelhaft! Die Suppe ist schon wieder angebrannt!'
,Ruhe!' befahl eine Stimme; nicht die von Miß Miller, sondern
von einer der Oberlehrerinnen, einer kleinen brünetten Person, aufgeputzt; mit mürrischem Gesichtsausdruck, welche sich am oberen Ende
des Tisches niederließ, während eine freundlichere Dame am anderen
Tische präsidierte. Ich sah mich umsonst nach derjenigen um, die ich
am Abend vorher gesehen hatte; sie war nicht sichtbar. Miß Miller
nahm das untere Ende des Tisches ein, an dem ich saß, und eine
ältliche, fremdartig aussehende Dame, die französische Lehrerin wie
ich später erfuhr, setzte sich auf den gleichen platz an der anderen
Tafel. Ein langes Tischgebet wurde gesprochen und ein Hymnus
gesungen, dann brachte eine Dienerin den Thee für die Lehrerinnen,
und das Mahl begann.

Gierig verschlang ich einen oder zwei Löffel voll von meiner
Portion, ohne an ihren Geschmack zu denken, aber als der erste
Heißhunger gestillt war, bemerkte ich, daß das Gericht ekelhaft war;
angebrannte Suppe ist ebenso schlimm, wie faule Kartoffeln, der
Hunger vergeht ihnen gegenüber. Zögernd wurden die Löffel zum
Munde geführt; Jede versuchte die Suppe hinunter zu schlucken, aber
in den meisten Fällen wurde der Versuch wieder aufgegeben. Das
Frühstück war vorüber und niemand hatte gefrühstückt. Ein Dankgebet wurde für die Mahlzeit gesprochen, welche wir nicht genossen
hatten, ein zweiter Hymnus gesungen und dann verließen wir den
Eßsaal und gingen wieder in das Schulzimmer. ich war eine der
letzten, welche hinaus gingen und sah, als ich bei den Tischen
vorüberkam, eine der Lehrerinnen die Suppe kosten; sie sah die anderen
an, und eine von ihnen flüsterte:

,Ein schauderhaftes Gericht! Es ist abscheulich!'
Es dauerte eine Viertelstunde, bis der Unterricht wieder anfing;
und während dieser Zeit war ein entsetzlicher Lärm im Schulzimmer;
es schien erlaubt zu sein, in dieser Zwischenstunde laut zu sprechen
und dieses Recht wurde möglichst ausgeübt. Die ganze Unterhaltung
drehte sich um das Frühstück, über das alle schimpften. Die armen
Geschöpfe! Es war der einzige Trost, den sie hatten. Miß Miller
war jetzt die einzige Lehrerin im Zimmer; eine Gruppe von großen
Mädchen stand bei ihr, und sprach mit ärgerlichen Geberden. Ich
hörte den Namen von Mr. Brocklehurst unehrerbietig aussprechen,
wozu Miß Miller tadelnd den Kopf schüttelte, aber sie machte keine
großen Anstrengungen, die allgemeine Entrüstung zu unterdrücken;
ohne Zweifel war sie auch davon erfüllt.
Die Uhr im Schulzimmer schlug ,neun'. Miß Miller verließ
den sie umgebenden Kreis, trat in die Mitte des Zimmers und rief:
,Ruhe! Auf Eure Plätze!'
Die Ordnung gewann die Oberhand, und in fünf Minuten war
nachdem furchtbaren Lärm verhältnismäßige Stille eingetreten. Die
Oberlehrerinnen nahmen ihre Posten pünktlich ein, aber alle schienen
noch auf etwas zu warten. Ich betrachtete die Reihen der Mädchen
und dann auch nacheinander die Lehrerinnen, von denen mir keine
so recht gefiel. Als meine Augen von einer zur anderen wanderten,
erhob sich plötzlich die ganze Schule, wie von einer Feder in die
Höhe geschnellt.

Was ging denn vor? Ich hatte keinen Befehl gehört und war
ganz verwirrt. Als ich mich gefaßt hatte, hatten die Klassen sich
wieder gesetzt, aber aller Augen waren jetzt auf einen Punkt gerichtet; die meinigen folgten der Richtung und begegneten dem Anblick
der Dame, welche mich gestern empfangen hatte. Sie stand am
Kamin, am Ende des langen Zimmers und überschaute die beiden
Reihen der Mädchen ernst und ruhig. Miß Miller näherte sich ihr,
und schien sie etwas zu fragen; als sie eine Antwort erhalten hatte,
ging sie an ihren Platz zurück und rief:
-
durch das Zimmer. Meine Augen folgten ihr mit staunender Bewunderung. Jetzt bei hellem Tageslicht sah sie hübsch aus; sie hatte
feine Züge, eine hohe weiße Stirn und ihre großen braunen Augen
blickten wohlwollend. Es war Miß Maria Temple, die Vorsteherin
von Lowood.
Sie nahm ihren Sitz an dem Tische ein, auf welchen man den
Globus gestellt hatte, sammelte die erste Klasse um sich und begann
eine Geographiestunde zu geben. Die unteren Klassen scharten sich
um ihre Lehrerin nun und nahmen Wiederholungen von Geschichte und
Grammatik vor; das dauerte eine Stunde, dann folgte Schreiben und
Rechnen; Miß Temple gab einigen älteren Mädchen Musikstunde,
bis endlich die Uhr zwölf schlug. Die Vorsteherin erhob sich:
,Ich habe den Zöglingen etwas zu sagen!'
Der Tumult, welcher gewöhnlich der Beendigung des Unterrichts
folgte, war schon losgebrochen, aber beim Klange ihrer Stimme legte
er sich sogleich wieder. Sie fuhr fort:

,Ihr habt heute ein Frühstück bekommen, das Ihr nicht essen
konntet und müßt folglich hungrig sein; ich habe deshalb angeordnet,

daß Euch ein zweites Frühstück, in Brot und Käse bestehend, verabreicht werde.

Die Lehrerinnen sahen sie erstaunt an.
,Es geschieht auf meine Verantwortung, fügte sie in erklärendem
Tone hinzu und verließ gleich darauf das Zimmer.

Zum höchsten Entzücken und zur Erquickung der ganzen Schule
brachte man das versprochene Brot mit Käse und verteilte es, dann
wurde der Befehl gegeben, in den Garten zu gehen. Jede setzte
einen groben Strohhut mit Bändern von gefärbtem Kattun auf und
zog einen Mantel von grauem Fries an. Ebenso ausstaffiert, folgte
ich dem Strome hinaus in's Freie.

Der Garten war von hohen Mauern umgeben, welche jede
Aussicht benahmen; eine bedeckte Veranda nahm die eine Seite ein,
und breite Wege schlossen in der Mitte einen Raum ein, der in
lauter kleine Beete geteilt war, welche den Zöglingen gehörten, und
die sie bearbeiten mußten. Wenn sie mit Blumen bedeckt waren,
mochten sie ganz hübsch aussehen, aber jetzt, Ausgangs Januar, war
alles erfroren und verfault. Ich schauderte zusammen, als ich so
dastand und mich umsah, denn es war ein unfreundlicher, nebliger
Tag und der Erdboden war noch ganz durchweicht von dem gestrigen
Regen. Die kräftigeren Mädchen rannten umher und unternahmen
lebhafte Spiele, aber die blassen und schwächlichen suchten unter der
Veranda Schutz und Wärme, sich dicht an einander drängend; und
dennoch zitterten sie in dem feuchten Nebel vor Kälte, und ich hörte
unter ihnen oft den Klang eines recht hohlen Hustens. Bis jetzt
hatte ich noch mit niemand gesprochen und niemand schien mich zu
beachten. ich stand ganz verlassen da, doch bedrückte mich das nicht
besonders, weil ich daran gewöhnt war. Ich lehnte mich gegen einen
Pfeiler der Veranda, zog meinen Mantel fest um mich herum, versuchte Kälte und Hunger zu vergessen und
und Beobachten. Meine Gedanken waren
überließ mich dem Denken
zu unbestimmt und unklar,
wußte kaum wo ich war;
das gegenwärtige war mir fremd und von der Zukunft konnte
ich mir erst recht kein Bild machen. Ich betrachtete den klösterlichen Garten und dann das Haus. Es war ein großes Gebäude,
dessen eine Hälfte grau war und alt schien, während die andere
neu aussah; über der Thür der letzteren war eine Steintafel angebracht, welche folgende Inschrift trug

,Lowood Stiftung. Dieser Teil wurde neu erbaut von
Naomi Brocklehurst von Brocklehursthall in dieser Grafschaft. ,Lasset
Euer Licht leuchten vor den Leuten, damit sie Eure guten Werke
sehen und Euren Vater im Himmel preisen.' St. Matth. V. 16.

Ich las diese Worte wieder und wieder, und fühlte, daß sie
einer Erklärung bedurften, ohne die ich ihre Bedeutung nicht begriff.
Ich grübelte über das Wort , Stiftung! und suchte es zu dem Bibelspruch dahinter in Beziehung zu bringen, als jemand dicht neben mir
hustete. ich wandte mich um, und sah dicht neben mir ein Mädchen
auf einer Steinbank sitzen. Sie war in ein Buch vertieft. Ich
konnte den Titel von meinem Platz aus lesen, er hieß ,Rasselas ;
ein Name, der mir sehr sonderbar und demgemäß anziehend erschien. Ein
Blatt umwendend blickte das Mädchen auf, und ich fragte sie schnell:

,Ist Dein Buch interessant? Ich hatte schon den Vorsatz gefaßt, sie zu bitten, es mir später zu leihen.’
,Mir gefällt es,’ sagte sie nach einer Pause, in der sie mich beobachtet hatte.

,Wovon handelt es, fuhr ich fort. Ich weiß nicht, woher ich
die Dreistigkeit nahm, ein Gespräch mit einer Fremden anzufangen;
es war ganz gegen meine Gewohnheit, doch glaube ich, daß mich
ihre Beschäftigung sympathisch anzog, denn ich liebte das Lesen gleichfalls, wenn auch oberflächliche Lektüre, weil ich für die ernstere noch kein Verständnis hatte.

,Du kannst das Buch ansehen,' sagte das Mädchen, indem sie
es mir darbot. Ich nahm es, aber eine kurze Durchsicht machte mir
klar, daß sein Inhalt für meinen Geschmack weniger anziehend war,
als sein Titel; es schien mir recht langweilig, denn ich sah darin
nichts von Feen und Geistern. Ich gab es ihr zurück; sie nahm es
schweigend und schickte sich an, weiter zu lesen, als ich noch einmal
wagte, sie zu stören:
,Kannst Du mir sagen, was die Inschrift über der Thür dort
bedeutet? Was heißt das ,Lowood Stiftung?’
,So heißt das Haus, in dem Du jetzt lebst.’
,Und weshalb heißt es ,Stiftung'? Unterscheidet es sich in
irgend etwas von anderen Anstalten?’
,Es ist zum Teil eine milde Stiftung; Du und ich und alle
die anderen sind Freischülerinnen. Du bist wahrscheinlich eine Waise.
Ist nicht entweder Dein Vater oder Deine Mutter gestorben?
,Beide starben, ehe ich denken konnte.
,Nun wohl, alle diese Mädchen haben entweder den Vater oder
die Mutter, oder beide Eltern verloren, und dieses Haus wird deshalb eine Stiftung für die Erziehung von Waisen genannt.

,Bezahlen wir keine Pension? Erziehen sie uns aus Mildthätigkeit?
,Wir oder unsere Angehörigen bezahlen das Jahr fünfzehn
Pfund.’

,Weshalb nennen sie uns denn Freischülerinnen?’
,Weil fünfzehn Pfund nicht genug find für unsere Erhaltung
und unsern Unterricht, und weil das Fehlende durch milde Beiträge
aufgebracht wird.’

,Wer zahlt denn Beiträge?’
,Verschiedene wohlwollende Herren und Damen aus der Nachbarschaft und aus London.’

,Wer war Naomi Brocklehurst?’
,Die Dame, welche den neuen Teil des Hauses baute, wie die
Tafel es besagt und deren Sohn die Anstalt unter sich hat und
dirigirt.’
,Dann gehört das Haus nicht der großen Dame, welche uns
heute Brot und Käse geben ließ?’
,Der Miß Temple? Oh, nein! Ich wünschte wohl, es gehörte
ihr! Sie muß Mr. Brocklehurst von allem Rechenschaft geben, was
sie thut. Mr. Brocklehurst kauft alle Lebensmittel, alle Bekleidungsgegenstände u.s.w.’

,Wohnt er hier?’
,Nein - zwei Meilen von hier in einem großen Gutshause.’
,Ist er ein guter Mann?’
,Er ist ein Geistlicher und man sagt von ihm, daß er viel
Gutes thut.’

,Und wie heißen die anderen Lehrerinnen?’
,Die mit den rothen Backen heißt Miß Smith; sie hat die
Arbeiten unter sich und schneidet zu, denn wir machen unsere Kleider
und Röcke und alles selbst; die Kleine mit den schwarzen Haaren ist
Miß Scatcherd, sie lehrt Geschichte und Grammatik, und die mit der
gelben Schleife ist Madame Pierrot; sie ist aus Lisle in Frankreich
und giebt den französischen Unterricht.’

,Kannst Du die Lehrerinnen leiden?’
,Recht gut.’
,Kannst Du auch die kleine Schwarze leiden und die Madame?
- ich kann ihren Namen nicht so wie Du aussprechen.’

,Miß Scatcherd ist heftig, Du mußt Dich hüten sie zu beleidigen;
Madame Pierrot ist nicht schlimm.’

,Aber Miß Temple ist die Beste - nicht wahr?’
,Miß Temple ist sehr gut und sehr klug; sie überragt alle
anderen mit ihren Kenntnissen.’

,Bist Du schon lange hier?’
,Zwei Jahre.’
,Bist Du auch eine Waise?’
,Meine Mutter ist tot.’
,Fühlst Du Dich hier glücklich?’
,Du fragst gar zu viel auf einmal. Für heute habe ich Dir
genug geantwortet und möchte wieder lesen.’

In diesem Augenblicke läutete aber die Tischglocke und wir gingen
ins Haus zurück. Der Duft, welcher jetzt den Speisesaal erfüllte, war
kaum einladender, als der, welcher uns diesen Morgen beim Frühstück
empfing; das Mittagessen war in zwei mächtig großen Zinnschüsseln
angerichtet, aus denen ein strenger Geruch nach ranzigem Fett aufstieg. Das Gericht bestand aus Kartoffeln und sonderbaren Stückchen
verdorbenen Fleisches, die zusammen gekocht waren. Von dieser
Mischung wurde jeder von uns eine ziemlich reichliche Portion zugeteilt. ich aß so viel ich konnte, und dachte bei mir, ob wohl das
Essen jeden Tag so wie heute sein würde. Nach dem Mittagessen
gingen wir sogleich wieder in das Schulzimmer; der Unterricht begann aufs neue und wurde bis fünf Uhr fortgesetzt. An diesem
Nachmittage war das einzige bemerkenswerte Ereignis, daß das
Mädchen, mit welchem ich im Garten gesprochen hatte, von Miß
Scatcherd in der Geschichtsstunde gescholten wurde und zur Strafe
für ein mir unbekanntes Vergehen in der Mitte des großen Schulzimmers ganz allein stehen mußte. Diese Strafe schien mir im
höchsten Grade schimpflich, besonders für ein so großes Mädchen -
sie schien wenigstens dreizehn Jahre alt zu sein. Ich erwartete, daß
sie sich sehr betrübt und beschämt zeigen würde; aber zu meinem
Erstaunen weinte sie weder, noch errötete sie; sie sah ganz ruhig,
wenn auch ernst aus. ,Wie sie das nur so ruhig ertragen kann,
dachte ich bei mir. ,Wenn ich an ihrer Stelle wäre, so würde ich
wünschen, daß die Erde sich öffnen und mich verschlingen möchte.
Mich soll es wundern, ob sie ein gutes oder unartiges Mädchen ist.'

Bald nach fünf Uhr bekamen wir wieder eine Mahlzeit, die aus
einem kleinen Becher Kaffee und einem Stückchen schwarzen Brotes
bestand.
Ich verschlang das Brot und trank den Kaffee mit Behagen,
hätte aber wohl gewünscht, beides wäre mehr gewesen, denn ich war
noch hungrig. Nun folgte eine halbe Stunde Erholungszeit und
hierauf die Arbeitsstunde, dann kam das Glas Wasser und der
Haferkuchen wie gestern und endlich die Abendandacht und das Bett.
So verlief mein erster Tag in Lowood.



Sechstes Kapitel.

Der folgende Tag begann wie der vorige; wir standen auf und
zogen uns an, aber das Waschen mußten wir aufgeben, weil das
Wasser in den Krügen gefroren war. Das Wetter war umgeschlagen
und die ganze Nacht hindurch pfiff ein heftiger Nordostwind durch
die Spalten der undichten Fenster unseres Schlafzimmers, so daß wir
in unseren Betten vor Kälte zitterten.

Während der Stunde der Morgenandacht glaubte ich vor Kälte
zu vergehen und ich war froh, als endlich die Frühstücksstunde kam.
Dieses Mal war die Suppe nicht verbrannt; sie war eßbar, aber es
gab eine so kleine Portion; wie sehr wünschte ich, sie wäre doppelt
so groß gewesen! Im Laufe des Tages wurde ich in die vierte
Klasse eingereiht und nahm Teil an ihren regelmäßigen Aufgaben
und Beschäftigungen. ich war so wenig an das Auswendiglernen
gewöhnt, die Lehrstunden schienen mir so lang; der häufige Wechsel
der Lehrgegenstände so verwirrend, daß ich froh war, als mir um
drei Uhr Nachmittags Miß Smith einen zwei Ellen langen Streifen
Mousselin nebst Fingerhut, Schere u.s.w. in die Hand gab und
mir befahl, mich in eine stille Ecke des Schulzimmers zu setzen und
den Streifen zu säumen. Fast alle nähten gleichfalls, nur eine Klasse
stand um Miß Scatcherds Stuhl herum und las. Weil alles ruhig
war, konnte man den ganzen Inhalt ihres Unterrichts hören; und
ebensowohl die Art beobachten, in welcher sich jedes Mädchen ihrer
Aufgabe entledigte, als die Rügen oder Lobeserhebungen, welche
Miß Scatcherd an ihre Leistungen knüpfte. Der Gegenstand des
Unterrichts war englische Geschichte. Unter den Leserinnen bemerkte
ich meine Bekannte von der Veranda; zu Anfang der Stunde saß
sie auf dem ersten platz der Klasse, sie wurde aber plötzlich auf den
letzten verwiesen, weil sie einen Fehler in der Betonung machte und
ein Interpunktionszeichen nicht beachtete. Miß Scatcherd beobachtete
sie auch auf diesem untersten platz fortwährend und hatte allerhand
an ihr auszusetzen.

,Burns, rief sie zum Beispiel (wir wurden wie die Knaben beim
Zunamen gerufen, ,Burns, Du stehst ganz einwärts, kehre die Fußspitzen nach außen' oder ,Burns, Du streckst Dein Kinn vor, ziehe es
ein' oder ,Burns, ich verlange, daß Du Deinen Kopf in die Höhe
hältst, ich will Dich nicht in dieser Stellung sehen' u.s.w. u.s.w.

Als das Kapitel zweimal gelesen war, mußten die Mädchen die
Bücher schließen und wurden über den Inhalt examiniert. Es
handelte über einen kleinen Zeitraum der Regierung Karls des Ersten;
und verschiedene Fragen betrafen den Tonnenzoll und Pfundzoll für
Schiffsladungen, wie auch die Schiffssteuer. Die meisten Mädchen
wußten die Fragen nicht zu beantworten; sobald aber die Reihe an
Burns kam, wurde jede Frage genau beantwortet; sie schien den
Inhalt des Kapitels bis in das kleinste hinein genau behalten zu
haben. Ich erwartete, daß Miß Scatcherd sie um ihrer Aufmerksamkeit willen loben werde, statt dessen rief sie plötzlich:

,Du schmutziges, unausstehliches Mädchen, Du hast heute morgen
wieder Deine Nägel nicht gereinigt!'!

Burns antwortete nicht, und ich wunderte mich über ihr Stillschweigen.
,Warum, dachte ich, ,sagt sie nicht, daß sie weder ihre Nägel
reinigen, noch ihr Gesicht waschen konnte, weil das Wasser gefroren war?
Meine Aufmerksamkeit wurde jetzt durch Miß Smith abgezogen,
welche mich bat, ihr eine Lage Garn zu halten; während sie es
wickelte sprach sie von Zeit zu Zeit mit mir und fragte mich, ob ich
schon früher in einer Schule gewesen wäre, ob ich zeichnen, nähen,
stricken könne u.s.w. Während sie mich beschäftigte, konnte ich meine
Beobachtungen von Miß Scatcherds Thun nicht fortsetzen. Als ich
auf meinen platz zurückkehrte, gab sie gerade einen Befehl, dessen
Bedeutung ich nicht begriff; aber Burns verließ auf denselben sogleich
die Klasse, ging in ein kleines Hinterzimmer, in dem die Bücher
aufbewahrt wurden, und kehrte in wenig Augenblicken zurück, in der
Hand ein Bündel Reiser tragend, welches sie Miß Scatcherd mit
einer höflichen Verbeugung darbot; dann band sie ruhig, ohne
weiteren Befehl, ihre Schürze ab und die Lehrerin gab ihr mit der
Rute zwölf heftige Schläge auf den entblößten Hals. Keine Thräne
kam in Burns Augen, nicht ein Zug in ihrem gedankenvollen Gesicht
änderte seinen gewöhnlichen Ausdruck, während ich mit Nähen inne
hielt, weil meine Finger bei diesem Anblick vor Unwillen und Entrüstung zitterten.
,Unverbesserliches Kind, rief Miß Scatcherd, ,Du wirst Deine
unordentlichen Gewohnheiten niemals ablegen. Trage die Rute fort.

Burns gehorchte. Ich sah sie aufmerksam an, als sie aus der
Bibliothek zurückkam; sie steckte soeben ihr Taschentuch in die Tasche
und Spuren von Thränen glänzten auf ihrer eingefallenen Wange.
Amt Abend hatten wir eine Spielstunde, und sie schien mir in
Lowood der schönste Teil des Tages. Das Stückchen Brot und der
Schluck Kaffee, welchen wir um fünf Uhr erhielten, hatten mich neu
belebt, wenn auch nicht meinen Hunger gestillt; das Schulzimmer
war wärmer als am Morgen, man ließ die Kaminfeuer etwas heller
brennen, damit sie einigermaßen die Lichte ersetzten, welche noch nicht
angezündet waren, und die Unruhe und das Durcheinander von
Stimmen gab mir die Gewißheit, unbeachtet zu sein, und damit eine
Art Freiheitsgefühl.

Am Abend desselben Tages, an welchem Miß Scatcherd Burns
geschlagen hatte, wanderte ich, wie gewöhnlich, zwischen Stühlen und
Tischen und den lachenden Gruppen der Schülerinnen ohne Gefährtin
umher, doch fühlte ich mich nicht verlassen. Wenn ich am Fenster
vorüber kam, hob ich dann und wann das Rouleau empor und sah
hinaus; der Schnee fiel dicht, und wenn ich mein Ohr an das
Fenster legte, so hörte ich durch den fröhlichen Lärm im Zimmer
das Stöhnen des Windes draußen. Wenn ich kürzlich eine geliebte
Heimat und teure Eltern verlassen hätte, so würde ich um diese
Stunde den Trennungsschmerz am lebhaftesten gefühlt haben; dieser
Wind würde mir das Herz schwer gemacht, dieses dunkle Chaos
meinen Frieden gestört haben; so aber versetzte mich beides in eine
sonderbare Aufregung; von fieberhafter Unruhe erfüllt, wünschte ich,
daß der Wind noch wilder heulen, die Dämmerung zur Dunkelheit
werden und das Stimmengeschwirr sich zum Lärm steigern möchte.

Ich sprang über Bänke und kroch unter Tischen hindurch, um
an einen Kamin zu kommen; dort fand ich Burns neben dem hohen
Drahtgitter knieend und ganz in ein Buch vertieft, welches sie bei
dem schwachen Licht des Kohlenfeuers las.

,Ist das noch Rasselas? fragte ich, zu ihr herantretend.
,Ja,! sagte sie, ,ich bin gleich damit zu Ende. Zu meiner
Freude klappte sie fünf Minuten darauf das Buch zu.

,jetzt, dachte ich,,kann ich sie vielleicht zum Sprechen bringen.
Ich setzte mich neben sie auf den Fußboden.

,Wie heißt Du noch außer Burns? fragte ich.
,Helene.
,Bist Du weit her?
,Ich komme von einem weiter nördlich, an den Grenzen Schottlands gelegenen Orte.
,Wirst Du einst dahin zurückkehren?
,Ich hoffe es, aber niemand ist der Zukunft sicher.
,Du mußt recht wünschen von Lowood fortzukommen.'
,Oh, nein. Weshalb sollte ich das wünschen? Ich bin zu
meiner Ausbildung hierher geschickt, und es wäre nicht gut, wenn ich
fortginge, ohne sie erlangt zu haben.

,Aber diese Lehrerin, Fräulein Scatcherd, behandelt Dich so
grausam.
,Grausam? Oh, nein! Sie ist streng und haßt meine Fehler.
,Wenn ich an Deiner Stelle wäre, würde ich sie hassen und
würde mich ihr widersetzen, wenn sie mich mit jener Rute schlagen
wollte; ich würde sie ihr aus der Hand reißen und sie vor ihrer
Nase zerbrechen.

,Wahrscheinlich würdest Du das nicht thun; aber wenn Du es
thätest, so würde Dich Mr. Brocklehurst aus der Anstalt ausstoßen
und das würde Deine Angehörigen sehr bekümmern. Es ist viel
besser, geduldig einen Schmerz zu ertragen, den man allein fühlt,
als eine unüberlegte Handlung zu begehen, deren Folgen sich auf
alle erstrecken, die mit uns zusammenhängen, und außerdem gebietet
uns die Bibel, Böses mit Gutem zu vergelten.

,Aber es ist so entehrend, geschlagen zu werden und zur Strafe
in der Mitte des Zimmers stehen zu müssen, den Blicken so vieler
Mädchen ausgesetzt. Du bist noch dazu schon so groß. Ich bin viel
kleiner und jünger als Du, und könnte es doch nicht ertragen.

,Wenn Du es nicht hindern könntest, so würde es Deine Pflicht
sein, es zu ertragen. Es ist eine Schwäche zu sagen, Du kannst
nicht tragen, was Dir zu tragen auferlegt ist.

Ich hörte ihr mit Erstaunen zu. Ich konnte diese Lehre vom
Ertragen nicht begreifen, aber noch weniger konnte ich die Duldsamkeit verstehen und mitfühlen, mit der sie über ihre Quälerin
sprach. Aber ich fühlte, daß Helene Burns die Dinge in einem
Lichte betrachtete, das mir unbekannt war. Ich ahnte, daß sie recht
und ich unrecht haben könnte, aber ich wollte nicht tiefer darüber
nachdenken, und verschob das auf eine passendere Zeit.

,Du sagst, Du hast Fehler, Helene; welche Fehler hast Du?
Mir scheinst Du sehr gut zu sein.

,Dann lerne an mir, daß man nicht nach dem Schein urteilen
soll. Ich bin, wie Miß Scatcherd sagt, nachlässig; ich bringe und
halte meine Sachen nicht in Ordnung; ich bin unachtsam; ich vergesse die vorgeschriebenen Gesetze; lese, wenn ich meine Aufgaben
lernen sollte; habe keine Methode und sage auch mitunter wie Du,
ich kann es nicht ertragen, so bestimmten Regeln unterworfen zu
sein. Das alles ärgert Miß Scatcherd sehr, die von Natur sehr
ordentlich, eigen und pünktlich ist.

,Und unfreundlich und grausam, fügte ich hinzu. Aber Helene
wollte nicht zustimmen, sondern schwieg still.
,Ist Miß Temple ebenso streng zu Dir, wie Miß Scatcherd?
Als ich Miß Temples Namen aussprach, flog ein sanftes Lächeln
über ihr ernstes Gesicht. ,Miß Temple ist unendlich gut. Es schmerzt
sie, irgend jemand, selbst die Schlechtesten, streng zu behandeln.
Sie sieht meine Fehler und macht mich freundlich aufmerksam auf
sie, und wenn ich irgend etwas Lobenswertes thue, erkennt sie es
aufs gütigste an. Ein sicheres Zeichen, welche schlechten Anlagen
und Fehler ich habe, ist, daß selbst ihre Ermahnungen, so mild und
vernünftig sie auch sind, nicht die Kraft haben, mich zu bessern, und
selbst ihre Anerkennung, so hoch ich sie schätze, kann mich nicht zu
unausgesetzter Aufmerksamkeit und Vorsorge anfeuern.

,Das ist wunderbar, sagte ich; ,es ist so leicht, aufmerksam
zu sein.'
,Für Dich mag es leicht sein; ich glaube es wohl. Ich beobachtete Dich diesen Morgen während des Unterrichts und sah Dich
ganz gespannt aufmerken; Deine Gedanken schienen nie abzuschweifen, während Miß Miller erklärte und Dich fragte. Die
meinigen wandern stets, und statt auf Miß Scatcherd zu hören und
sorgsam in mich aufzunehmen, was sie sagt, höre ich oft nicht einmal mehr ihre Stimme und träume. Mitunter scheint es mir dann,
als wäre ich in Northumberland, und das Geräusch, welches ich
um mich herum höre, dünkt mich das Gemurmel eines kleinen Baches
zu sein, der durch Deepden dicht an unserm Hause vorüber fließt;
wenn dann die Reihe an mir ist, zu antworten, so muß ich geweckt
werden, und weil ich nicht gehört habe, was gelesen wurde, so habe
ich keine Antwort bereit.
,Aber diesen Nachmittag hast Du so schön geantwortet.
,Das war ein Zufall; der Gegenstand über den wir lasen, interessierte mich. Anstatt von Deepden zu träumen, dachte ich, wie ein
Mensch, der gern gut sein möchte, so ungerecht und unweise handeln
konnte, wie Karl der Erste das oft that. Und ich bedauerte, daß
er bei seiner Redlichkeit und Gewissenhaftigkeit keine größeren Ziele
ins Auge faßte, als das, die Rechte der Krone zu wahren. Wenn
er nur etwas mehr Voraussicht gehabt hätte, und hätte berücksichtigen
können, was der Zeitgeist forderte. Ich liebe aber Karl den Ersten
trotzdem, ich achte ihn und bemitleide ihn, den armen hingeopferten
König! Seine Feinde waren doch schlimmer als er; sie vergossen
Blut, das zu vergießen sie kein Recht hatten. Wie konnten sie
wagen, ihn zu enthaupten!
Das letzte sprach Helene nur für sich selbst, denn ich konnte sie
nicht verstehen. Ich wußte kaum von der Existenz Karls des Ersten
und war zu jung, um ihre Gedanken darüber zu fassen; aber das
hatte sie ganz vergessen. ich lenkte ihre Aufmerksamkeit wieder
auf mich.

,Wandern denn Deine Gedanken auch, wenn Miß Temple Dich
unterrichtet?

,Dann nur selten; denn was Miß Temple lehrt, ist gewöhnlich
neuer, als meine eigenen Gedanken; ihre Art zu sprechen ist mir
besonders angenehm und oft lehrt sie gerade das, was ich zu lernen
wünschte.
,In Miß Temples Stunden bist Du also gut?
,Ja, ohne etwas dazu zu thun. Ich folge nur meiner Neigung, und dabei ist kein Verdienst.

,Oh, doch! Du bist gut bei denen, welche gut zu Dir sind. Mehr
würde ich von mir gar nicht verlangen! Wenn man immer gut und
gehorsam zu den Grausamen und Ungerechten wäre, dann würden
sie immer ihren Willen haben; sie wurden sich nie fürchten, Böses zu
thun und nie besser, sondern nur immer schlechter und schlechter
werden. Wenn wir ohne Veranlassung geschlagen werden, so sollten
wir wieder schlagen; ja das sollten wir, und zwar so kräftig, daß
Die, welche uns schlugen, es nicht noch einmal wagen!'

,Ich hoffe, wenn Du älter wirst, wirst Du Deine Meinung
ändern! Jetzt bist Du noch ein kleines unerzogenes Mädchen.
,Aber ich fühle, Helene, daß ich nie diejenigen werde leiden
mögen, welche unfreundlich gegen mich bleiben, wenn ich auch alles
thue, mich ihnen angenehm zu machen. Ich werde immer denen
Widerstand entgegen setzen müssen, welche mich ungerecht bestrafen.
Das ist ebenso natürlich, als daß ich die lieben muß, welche mir
Zuneigung zeigen, oder mich einer Strafe unterwerfen muß, von der
ich fühle, daß sie verdient ist.

,Heiden und Wilde bekennen sich zu dieser Lehre, aber Christen
und zivilisierte Nationen haben sich von ihr losgesagt.

,Wieso? Das verstehe ich nicht.
,Es ist nicht die Gewalt, welche den Haß am sichersten überwindet, noch die Rache, welche Beleidigungen am empfindlichsten
straft.

,Was ist es denn?
,Lies das neue Testament und beachte, was Christus darüber
sagt und wie er handelt, und dann mache seine Lehre zu Deiner
Richtschnur und sein Verhalten zu Deinem Vorbilde.
,Was sagt er denn?
,Liebet eure Feinde; segnet, die euch fluchen; thut wohl denen,
die euch beleidigen und verfolgen.

,Dann müßte ich Mrs. Reed lieben, und das kann ich nicht;
und ich müßte ihren Sohn John segnen, und das ist unmöglich.
jetzt war es an Helene mich zu fragen, und ich schüttete mein
ganzes Herz aus und erzählte auf meine Art die Geschichte meiner
Leiden. Voll Groll und Bitterkeit sprach ich, wie ich fühlte, ohne
Rückhalt und ohne zu beschönigen.

Helene hörte mich geduldig bis zu Ende. Ich erwartete, sie
würde eine Bemerkung machen, aber sie schwieg.

,Nun, fragte ich ungeduldig, ,ist Mrs. Reed nicht eine hartherzige, böse Frau.'

,Sie ist unfreundlich gegen Dich gewesen, ohne Zweifel, weil
sie, wie Du siehst, Deinen Charakter ebenso wenig leiden kann, wie
Miß Scatcherd den meinigen. Aber wie Du alles bis aufs kleinste
behalten hast, was sie zu Dir gesagt hat. Ihre Ungerechtigkeit
scheint einen wunderbar tiefen Eindruck auf Dich gemacht zu haben.
Mein Gefühl wird durch schlechte Behandlung nicht so nachhaltig erregt. Würdest Du nicht glücklicher sein, wenn Du Dich bemühtest,
ihre Strenge und die leidenschaftliche Erregung, welche sie hervorgerufen hat, zu vergessen? Mir scheint das Leben zu kurz, um es
dazu anzuwenden, Erbitterung zu nähren und die Erinnerung an
das Schlimme zu bewahren. Wir alle in dieser Weht haben Fehler
und müssen sie haben, aber ich glaube fest, daß die Zeit kommt, wo
wir sie mit unserem gebrechlichen Körper ablegen und nur der Geist
so rein und schuldlos zurückbleibt, wie er vom Schöpfer ausging und
sich als glänzender Seraph in den Himmel erhebt. Dann wird er
nie mehr zum Bösen abirren können! Diesen Glauben halte ich fest,
wie mein teuerstes Gut. Mit ihm kann ich so sicher den Verbrecher
von seinem Verbrechen unterscheiden, kann dem ersten so aufrichtig
vergeben, während ich das zweite verabscheue; durch ihn findet die
Rache nie Raum in meinem Herzen und die Ungerechtigkeit drückt
mich nie zu tief nieder; in ihm habe ich Frieden und sehe dem Ende
ruhig entgegen.
Helenes Kopf, den sie immer gebeugt trug, sank bei diesem
Ausspruch noch etwas tiefer auf die Brust. Ich sah an ihrem Blick,
daß sie nicht mehr mit mir reden, sondern lieber ihren eigenen Gedanken überlassen sein wollte. Aber es wurde ihr nicht lange Zeit
zum Nachdenken gegönnt; eine Aufseherin, ein großes, grobes Mädchen,
kam auf sie zu und sagte in unfreundlichem Tone:

,Helene Burns, wenn Du nicht augenblicklich Deine Arbeit
zusammenfaltest und Deine Schublade in Ordnung bringst, sage ich
Miß Scatcherd, daß sie sich Deine Sachen einmal ansehen möchte.

Helene seufzte, als sie ihren Träumereien entrissen wurde, stand
aber auf und folgte der Aufseherin sogleich ohne zu antworten.



Siebentes Kapitel.

Mein erstes Vierteljahr in Lowood schien mir ein Jahrhundert
lang, und wie das goldene Zeitalter kam es mir auch nicht vor. Es
bestand aus lästigen Kämpfen mit der Schwierigkeit, mich an die
herrschenden Gesetze und an ungewohnte Aufgaben zu gewöhnen.
Während des Januar, Februar und eines Teils des März
waren die Wege durch den tiefen und später durch den schmelzenden
Schnee ungangbar, und wir kamen deshalb nicht über die Gartenmauer hinaus, den Gang zur Kirche ausgenommen; aber innerhalb
dieser Mauer mußten wir täglich eine Stunde in freier Luft zubringen.
Unsere Bekleidung war unzureichend, um uns gegen die Kälte zu
schützen. Wir hatten keine Stiefel; in unsere Schuhe drang der
Schnee ein; Handschuh bekamen wir nicht, und so starben unsere
Hände in der Kälte ab und waren mit Frostbeulen bedeckt, und
unsere Füße desgleichen. Ich erinnere mich noch sehr wohl des ohnmächtigen Zornes, der sich meiner jeden Abend bemächtigte, wenn
meine Füße brannten und jeden Morgen, wenn ich die geschwollenen,
steifen Zehen in meine Schuhe zwängen mußte. Auch das karge
Maß von Nahrung, was uns zugeteilt wurde, war eine Plage; bei
dem regen Appetit im Wachstum begriffener Kinder, erhielten wir
kaum soviel, als genügt hätte, einen zarten Kranken am Leben zu
erhalten. Aus diesem Mangel an Nahrung entsprang ein Mißbrauch,
welcher die jüngeren Zöglinge hart bedrückte: sobald die hungrigen
großen Mädchen eine Gelegenheit fanden, schreckten sie die kleinen
mit Drohungen, bis diese ihre Portion hergaben. Oftmals habe ich
beim Vesper das kostbare Stück Schwarzbrod zwischen zwei Mitschülerinnen geteilt, welche Anspruch darauf erhoben, und nachdem
ich einer dritten die Hälfte meines Bechers Kaffee überlassen hatte,
den Rest mit einer Zugabe von geheimen Thränen hinuntergeschluckt,
welche mir der heftige Hunger auspreßte.

Die Sonntage waren traurige Tage in dieser Winterszeit. Wir
mußten zwei Meilen nach der Kirche von Brocklebridge wandern, wo
unser Patron den Gottesdienst abhielt. Wir froren schon, wenn wir
fortgingen, wenn wir in die Kirche kamen, waren wir noch mehr
durchkältet und während des Morgengottesdienstes lähmte uns die
Kälte förmlich.

Nach dem Schluß der Nachmittagskirche gingen wir auf einer
offenen hügeligen Straße zurück, über die der Nordwind von einer
schneebedeckten Hügelkette hinwegfegte und fast die Haut von unseren
Gesichtern riß.
Ich kann mich Miß Temples erinnern, wie sie leichtfüßig und
schnell unsere verzagten Reihen entlang schritt, uns durch Lehre und
Beispiel anfeuernd, tapfer auszuhalten und vorwärts zu gehen, wie
gestählte Soldaten. Die anderen Lehrerinnen waren gewöhnlich
selbst zu niedergedrückt, um zu versuchen Andere aufzurichten.

Wie sehnten wir uns nach dem Schein und. der Wärme eines
strahlenden Feuers, wenn wir nach Hause kamen! Aber, den Kleinen
wenigstens, war diese Wohlthat versagt, denn jeder Kamin im Schulzimmer war augenblicklich von einer doppelten Reihe großer Mädchen
umgeben, und hinter ihnen kauerten die kleinen Kinder in Gruppen,
ihre erstarrten Arme in ihre Schürzen wickelnd.
Eine kleine Erleichterung brachte die Vesperzeit in einer doppelten
Ration Brot mit der köstlichen Zugabe von etwas Butter. Ich
brachte es gewöhnlich dahin, die Hälfte dieser Mahlzeit für mich zu
behalten, aber die andere Hälfte mußte ich stets hergeben.
Der Sonntag Abend wurde dazu angewendet den Katechismus
auswendig herzusagen, ebenso wie das fünfte, sechste und siebente
Kapitel aus dem Evangelium Mathäi, und einer langen Predigt zuzuhören, welche Miß Miller las, die vor Müdigkeit unaufhörlich
gähnte. Eine häufige Unterbrechung dieser Andacht entstand dadurch,
daß ein halbes Dutzend kleiner Mädchen, vom Schlafe überwältigt,
hinfielen. Sie wurden dann in die Mitte des Schulzimmers gebracht
und genötigt dort zu stehen, bis die Predigt beendigt war. Mitunter versagten ihnen die Füße den Dienst und sie fielen alle übereinander.

Ich habe der Besuche von Mr. Brocklehurst noch nicht erwähnt.
Er war während des ersten Monats meiner Anwesenheit in Lowood
von Hause abwesend, und seine Abwesenheit war eine Erleichterung

für mich. ich brauche nicht zu sagen, daß ich meine besonderen
Gründe hatte, sein Kommen zu fürchten. Endlich kam er aber doch.
Eines Nachmittags saß ich, eine Schiefertafel in der Hand; ganz
verwirrt durch eine lange Reihe von Zahlen, richtete ich meine Blicke
in der Zerstreuung auf das Fenster und gewahrte eine Gestalt, welche
gerade daran vorbeiging. Ich erkannte fast instinktmäßig diese hageren
Umrisse, und als zwei Minuten später die ganze Schule, die Lehrerinnen mit eingeschlossen, sich erhob, hatte ich nicht nötig aufzusehen,
um genau zu wissen, wen sie so begrüßten. Ein langer Schritt durchmaß das Schulzimmer und gleich darauf stand neben Miß Temple,
die ebenfalls aufgestanden war, dieselbe schwarze Säule, welche mic
in Gateshead so stirnrunzelnd angeblickt hatte. Ich sah nach der
Seite. Ja, ich hatte Recht, es war Mr. Brocklehurst in seinem zugeknöpften Ueberzieher, länger, dünner und strenger aussehend, als
jemals.

Ich hatte guten Grund über diese Erscheinung erschrocken zu
sein, denn ich erinnerte mich nur zu gut der boshaften Bemerkungen
Mrs. Reeds über meinen Charakter u. s. w., und des Versprechens,
welches Mr. Brocklehurst gegeben hatte, Miß Temple und die übrigen
Lehrerinnen von meinen schlimmen Anlagen in Kenntniß zu setzen.
Ich hatte die Erfüllung dieses Versprechens schon lange gefürchtet
und mit Entsetzen dem Kommen Mr. Brocklehursts entgegengesehen.
Da stand er nun neben Miß Temple und sprach ihr leise ins Ohr.
Ich zweifelte nicht daran, daß er ihr Eröffnungen über meine
Schlechtigkeit machte, und ich sah ängstlich nach ihren Augen, jeden
Augenblick erwartend, daß ihre dunkle Pupille mich mit Abscheu und
Verachtung anblicken werde. ich horchte auch, und da ich gerade
am Ende des Zimmers saß, hörte ich das meiste, was er sagte, was
dazu beitrug, mich wenigstens für den Augenblick von meinen Befürchtungen zu befreien.
,Ich denke, Miß Temple, der Zwirn, den ich in Lowton gekauft
habe, wird gut sein; er schien mir ganz passend zu den baumwollenen
Hemden und die Nadeln habe ich passend sortiert. Sagen Sie doch
Miß Smith, daß ich vergessen habe, mir eine Notiz wegen der Stopfnadeln zu machen, aber ich werde ihr nächste Woche welche senden;
sie soll aber auf keinen Fall jeder Schülerin mehr als eine geben, wenn
die Kinder mehr haben, so gehen sie zu sorglos damit um und verlieren
sie. Und, Fräulein, ich wünschte, daß sorgfältiger nach den wollenen
Strümpfen gesehen würde! Als ich das letzte Mal hier war, ging
ich durch den Küchengarten und untersuchte die Kleider, welche auf
der Leine getrocknet wurden; da bemerkte ich eine Menge schwarzer
-

Er hielt inne.
,Und Fräulein, fuhr er fort, ,die Wäscherin sagt mir, daß
einige der Mädchen zwei reine Halskragen in der Woche getragen
haben, das ist zu viel, es ist ihnen nur einer gestattet.
,Darüber kann ich Auskunft geben, Mr. Brocklehurst. Am
letzten Donnerstag waren Agnes und Katharina Johnstone zu Freunden
in Lowton zum Thee geladen, und ich gab ihnen die Erlaubnis, bei
dieser Gelegenheit reine Kragen umzubinden.
Mr. Brocklehurst nickte.

,Gut, für einmal mag es hingehen, aber sorgen Sie, bitte, daß
sich das nicht oft wiederholt. Noch etwas hat mich in Erstaunen
gesetzt; als ich die Rechnungen der Haushälterin durchsah, fand ich,
daß zweimal während der letzten vierzehn Tage den Mädchen ein
Frühstück, aus Brot und Käse bestehend, gegeben worden ist. Was
hat das zu bedeuten? Ich sah die Statuten durch und fand kein
zweites Frühstück verzeichnet. Wer hat die Neuerung eingeführt?
und mit welchem Rechte?

,Dafür bin ich verantwortlich, mein Herr,' versetzte Miß Temple,
,das Frühstück war so schlecht zubereitet, daß die Zöglinge es unmöglich essen konnten, und ich wagte nicht, sie bis zum Mittagessen
fasten zu lassen.'
,Erlauben Sie, Madame. Es ist Ihnen doch wohl bekannt,
daß es nicht meine Absicht ist, diese Mädchen zu einem luxuriösen
und trägen Leben zu erziehen, sondern sie abzuhärten und sie an
Geduld und Selbstverleugnung zu gewöhnen. Wenn ihr Appetit
einmal dadurch enttäuscht wird, daß zufällig irgend eine Mahlzeit
verdorben ist, so sollte man diese Gelegenheit, die Kinder in der
Entsagung zu üben, nicht dadurch verscherzen, daß man ihnen zum
Ersatz für die verlorene Mahlzeit eine noch schmackhaftere bietet. Bei
solchen Gelegenheiten würde eine kurze Ansprache sehr am Orte sein,
in der ein weiser Erzieher auf die Leiden der ersten Christen und
Märtyrer hinweisen müßte, wie auf die Qualen des Erlösers selbst
und seine Aufforderung an die Jünger, ihr Kreuz auf sich zu nehmen
und ihm nachzufolgen; auf seine Mahnung, daß der Mensch nicht vom
Brote allein lebt, sondern vom Worte Gottes; auf seine göttlichen
Tröstungen: , selig sind, die da hungert und dürstet nach der Gerechtigkeit. Oh, Madame, wenn sie die Münder dieser Kinder mit Butter
und Käse füllen, anstatt mit angebrannter Suppe, nähren sie wohl
ihre irdischen Leiber, aber sie denken nicht daran, wie sie ihre unsterblichen Seelen verschmachten lassen.'

Mr. Brocklehurst hielt inne- vermuthlich weil er von seinen
Gefühlen überwältigt wurde. Als er anfing zu sprechen, hatte Miß
Temple zur Erde geblickt, aber jetzt sah sie ihm gerade ins Gesicht;
sie, die von Natur blaß war, wurde marmorbleich und nahm nach
und nach einen Ausdruck ganz ungewohnter Strenge an.
Unterdessen stand Mr. Brocklehurst am Kamin, und überschaute
(die Arme auf dem Rücken) die ganze Schule mit majestätischen
Blicken. Er mußte etwas besonders Auffälliges erblickt haben, denn
plötzlich sagte er in erregterem Tone als bisher:
,Miß Temple, Miß Temple, was- wer ist dieses Mädchen
mit dem krausen Haar? Notes Haar, Madame, und über und über
gelockt? Er erhob seinen Stock und zeigte mit zitternder Hand auf
den Gegenstand seines Entsetzens.

,Es ist Julia Severn, versetzte Miß Temple sehr ruhig.
,Julia Severn, Madame! Weshalb hat sie oder irgend eine
andere krauses Haar. Wie kann sie hier in einer evangelischen milden
Stiftung, allen Prinzipien, die in dieser Anstalt herrschen, zum Trotz,
ihr Haar so weltlich tragen?

,Julias Haar ist von Natur gelockt,' gab Miß Temple noch
ruhiger zurück.

,Von Natur! Wir wollen uns aber danach nicht richten. Ich
habe zu wiederholten Malen geäußert, daß ich wünsche, daß die
Mädchen ihr Haar anliegend, bescheiden, glatt tragen. Miß Temple,
das Haar dieses Kindes muß ganz und gar abgeschnitten werden.
Ich sehe noch manche andere, die einen viel zu üppigen Haarwuchs
haben. Befehlen Sie diesen großen Mädchen und der ganzen ersten
Abteilung aufzustehen und sich mit dem Gesicht gegen die Wand zu
stellen.

Miß Temple verbarg das unwillkürliche Lächeln, welches auf
ihre Lippen trat hinter ihrem Taschentuche und gab den gewünschten
Befehl, dem die erste Klasse gehorchte. Mich ein wenig auf meinem
Sitz zurücklehnend, konnte ich die Blicke und Grimassen sehen, mit
denen sie das Manöver begleiteten. Es war ein Jammer, daß
Mr. Brocklehurst sie nicht auch sehen konnte, sonst würde er wohl
inne geworden sein, daß er über den inneren Menschen bei keiner
dieser Mädchen eine Macht hatte, so weit auch sonst seine Gewalt
reichen mochte. Er musterte die Kehrseite alle dieser Köpfe fünf
Minuten lang und fällte dann seinen Richterspruch. Seine Worte
wirkten wie ein Verdammungsurteil:

,Alle diese Flechten müssen abgeschnitten werden.'
Miß Temple schien Einwendungen zu machen.
,Madame,! fuhr er fort, ,ich diene einem Herrn, dessen Reich
nicht von dieser Welt ist; meine Aufgabe ist, alle weltlichen Gelüste
in diesen Mädchen zu unterdrücken, sie zu lehren, sich einfach und bescheiden zu kleiden, nicht ihr Haar aufzuputzen und dergleichen. Jede
dieser jungen Mädchen hat ein Gewirr von Flechten auf dem Kopf,
das die Eitelkeit allein erfunden haben kann; ich wiederhole, diese

Zöpfe müssen abgeschnitten werden. Denken Sie an die Zeitverschwendung, welche-!

Hier wurde Mr. Brocklehurst dadurch unterbrochen, daß drei,
Damen in das Zimmer traten. Sie hätten eigentlich etwas früher
kommen müssen, um seine Predigt über den Anzug zu hören, denn
sie waren prachtvoll in Sammet, Seide und Pelzwerk gekleidet. Die
beiden jüngsten Damen (hübsche Mädchen von sechszehn und siebzehn
Jahren; trugen graue Biberhüte mit großen Straußenfedern, und
unter dieser graziösen Kopfbedeckung sah man eine Fülle blonden,
sorgfältig gekräuselten Haares; die ältere Dame war in einen kostbaren mit Hermelin besetzten Umhang gehüllt und trug vorn falsche
französische Locken.
Die Damen, Frau Brocklehurst und Töchter, wurden zuvorkommend von Miß Temple empfangen und zu Ehrensitzen am Ende
des Zimmers geführt. Sie schienen mit ihrem ehrenwerten Familienhaupt zu Wagen gekommen zu sein und die oberen Zimmer durchstöbert zu haben, während er mit der Haushälterin und Wäscherin
unterhandelt und die Vorsteherin zurechtgewiesen hatte. Sie richteten
jetzt verschiedene Bemerkungen und Rügen an Miß Smith, welche für
das Leinenzeug zu sorgen und die Schlafsäle zu überwachen hatte;

aber ich hatte keine Zeit, auf das zu achten, was sie sagten, denn
meine Aufmerksamkeit wurde von etwas anderem in Anspruch genommen.

Während ich dem Gespräch von Mr. Brocklehurst und Miß Temple
lauschte, hatte ich die Vorsicht gebraucht, mich hinter meiner Schiefertafel zu verbergen, indem ich mir den Anschein gab, eifrig zu rechnen;
wahrscheinlich wäre ich auf diese Weise der Aufmerksamkeit Mr Brocklehursts entgangen, wäre nicht meine Tafel meinen Händen entschlüpft und mit einem Lärm zu Boden gefallen, der aller Blicke auf
mich zog. Jetzt wußte ich, was ich zu erwarten hatte. Ich stand
auf, um die Scherben zu sammeln, und machte mich auf das
Schlimmste gefaßt. Es ließ nicht auf sich warten.
,Ein fahrlässiges Kind- sagte Mr. Brocklehurst, und fuhr gleich
darauf fort: ,Es ist die neue Schülerin, wie ich sehe. Ich darf
nicht vergessen, daß ich eine Eröffnung über sie zu machen habe; sie
soll vortreten.

Aus eigenem Antriebe würde ich mich nicht gerührt haben; ich
war wie gelähmt, aber zwei große Mädchen bemächtigten sich meiner
und schleppten mich vor den gefürchteten Richter, dann trat Miß
Temple an mich heran und flüsterte mir in gütigem Ton den Rat zu:

,Fürchte Dich nicht, Jane, ich sah, daß es nur Mißgeschick war,
Du sollst nicht bestraft werden.'
Dieser gütige Zuspruch traf mein Herz wie ein Dolchstoß.

,Noch eine Minute,' dachte ich, ,lo wird sie mich als Heuchlerin
verachten, und bei dieser Überzeugung ergriff mich Wut gegen
Reed, Brocklehurst und Kompagnie, denn ich war eben keine Helene
Burns.

,Bringt einen Stuhl,' sagte Mr. Brocklehurst und deutete auf
einen sehr hohen, den soeben eine Aufseherin verlassen hatte; er wurde
gebracht.

,Stellt das Kind darauf.
Ich wurde auf den Stuhl gestellt; von wem, weiß ich nicht,
denn ich war nicht in der Verfassung auf Einzelheiten zu achten; ich
gewahrte nur, daß sie mich zur Höhe von Mr. Brocklehursts Nase
erhoben, die kaum zwei Fuß von mir entfernt war, und daß der
-
Mr. Brocklehurst räusperte sich.
,Meine Damen,' sagte er, sich seiner Familie zuwendend, ,Miß
Temple, die Lehrerinnen alle und auch Ihr, Kinder, betrachten Sie
dieses Mädchen.'

Das thaten sie; denn ich fühlte, wie mich ihre Blicke trafen und
schmerzten, als ob Brenngläser mir die Haut versengten.

,Sie sehen, sie ist noch jung; sie hat das Aussehen anderer
Kinder; Gott hat ihr in seiner Gnade dieselbe Bildung wie uns verliehen; kein entstellendes Merkmal läßt auf einen ungewöhnlichen
Charakter schließen. Wer sollte glauben, daß der Böse schon eine
Anhängerin und ein williges Werkzeug in ihr gefunden hat. Aber
leider ist dem so, so schmerzlich es mir ist, es auszusprechen.

Es trat eine Pause ein, in der ich bemüht war, meine Nervenaufregung zu unterdrücken. Der Rubikon war überschritten, und die
Prüfung, der nicht mehr zu entgehen war, mußte geduldig getragen
werden.

,Meine lieben Kinder,' fuhr der schwarze, harte Geistliche fort,
,es ist eine traurige Aufgabe, aber meine Pflicht, Euch zu warnen
vor diesem Kinde, das ein Lamm Gottes sein könnte, aber eine kleine
Verlorene ist. Ihr müßt vor ihr auf Eurer Hut sein; ihr Beispiel
scheuen und, wenn es nötig ist, ihre Gesellschaft meiden, sie von
Euren Spielen und Eurer Unterhaltung ausschließen. Sie, meine
Damen,'' er wandte sich an die Lehrerinnen, , müssen sie überwachen,
ihre Worte und Handlungen prüfen, und sie häufig körperlichen
Strafen unterwerfen, um ihre Seele zu retten, wenn solche Errettung
überhaupt noch möglich ist, denn es wird mir so schwer, es auszusprechen, daß mir fast die Stimme versagt, dieses Mädchen, in einem
christlichen Lande geboren, ist schlimmer als manche kleine Heidin,
die zu Brahma oder anderen Götzen betet, dieses Mädchen ist -
eine Lügnerin!!

Nun kam eine Pause von zehn Minuten. Ich war wieder ganz
ruhig geworden, und bemerkte deutlich alles was vorging. Die weiblichen Brocklehursts holten ihre Taschentücher hervor und trockneten
sich die Augen, die ältere Dame schüttelte mit bekümmerter Miene
den Kopf und die jungen Mädchen flüsterten:, Wie schrecklich!'

Mr. Brocklehurst nahm seine Rede wieder auf.
,Ich erfuhr dies von ihrer Wohlthäterin; von einer frommen
und mildthätigen Dame, welche die Waise an Kindesstatt annahm
und wie ihre eigene Tochter erzog, und deren Güte und Großmut
die Undankbare durch ein so schreckliches Betragen lohnte, daß ihre
gütige Beschützerin sich zuletzt genötigt sah, sie von ihren eigenen
Kindern zu trennen, aus Furcht, daß ihr böses Beispiel den unschuldigen verderblich werden könnte. Sie hat sie zu ihrer Heilung hierher
geschickt, wie die alten Juden ihre Aussätzigen nach Bethseda schickten,
damit sie gereinigt würden.

Nach diesem erhabenen Schluß knöpfte Mr. Brocklehurst seinen
Rock zu und raunte seiner Familie einige Worte zu; diese erhob sich,
verbeugte sich gegen Miß Temple und die ganze erhabene Gesellschaft
verließ würdevoll das Zimmer. Sich an der Thür umwendend sagte
mein Richter noch:

,Man lasse sie eine halbe Stunde auf dem Stuhle stehen und
während des übrigen Tages niemand mit ihr sprechen.'
Da stand ich nun hoch erhaben; ich, die ich gesagt hatte, daß
ich die Schande nicht ertragen könnte, in der Mitte des Zimmers auf
meinen eigenen Füßen zu stehen, war nun aller Augen gleichsam auf
einer Schandsäule ausgesetzt. Keine Worte vermögen meine Gefühle
zu beschreiben; sie schnürten mir die Kehle zu, und würden sich wohl
in einem Thränenstrom Luft gemacht haben, wenn nicht in diesem
Augenblick eines der Mädchen bei mir vorübergegangen wäre und
ihren Blick zu mir erhoben hätte. Welch wunderbarer Glanz ging
von ihm aus! Wie durchzuckte er mich und stärkte mich! Es war,
als ob ein Märtyrer, ein Held einem armen Sklaven oder Opfer
von seiner Kraft mitgeteilt hätte. ich überwand meine Schwäche,
erhob mein Haupt, und stellte mich fester auf den Stuhl. Helene
Burns that irgend eine unbedeutende Frage über ihre Arbeit an Miß
Smith, ward über das Unnütze derselben gescholten, kehrte auf ihren
Platz zurück und lächelte mir zu, als sie das zweite Mal an mir
vorüber ging. Welch ein Lächeln! Ich erinnere mich desselben jetzt
noch, es war der Ausfluß eines edlen Geistes und wahren Mutes;
es verklärte ihre markierten Züge, ihr schmales Gesicht, ihre eingesunkenen Augen wie der Wiederschein von eines Engels Antlitz. Und
trotzdem trug Helene Burns in diesem Augenblicke an ihrem Arm
den Schandzettel, und ich hatte kaum vor einer Stunde gehört, daß
sie Miß Scatcherd morgen zu einer Mittagsmahlzeit von Brot und
Wasser verdammt hatte, weil sie eine Abschrift befleckt hatte. So
unvollkommen ist das menschliche Urteil! Auf der Scheibe des klarsten
Planeten finden sich Flecken; Miß Scatcherd konnte nur diese verschwindenden Unvollkommenheiten sehen und war blind für den Glanz
und die Klarheit der schönen Himmelserscheinung.



Achtes Kapitel.

Bevor die halbe Stunde zu Ende war, schlug es fünf Uhr; die
Schülerinnen wurden entlassen und begaben sich zum Vesper in den

Speisesaal. Ich wagte nun von meinem Stuhl herabzusteigen. Es
war tiefe Dämmerung; ich zog mich in einen Winkel zurück, und
setzte mich auf die Diele. Die Kraft, welche mich bisher aufrecht
erhalten hatte, begann nachzulassen, mein Kummer gewann die Oberhand und überwältigte mich so, daß ich mich mit dem Gesicht auf
die Erde warf und den Fußboden mit meinen Thränen benetzte. Ich
hatte mir vorgenommen, in Lowood so artig und fleißig zu sein, mir
Achtung zu erwerben und Liebe und Freundschaft dazu. Ich hatte
schon sichtliche Fortschritte gemacht; war diesen Morgen in meiner
Klasse die erste geworden; Miß Miller hatte mich warm gelobt; Miß
Temple mir ein anerkennendes Lächeln geschenkt; sie hatte mir versprochen, mich das Zeichnen zu lehren, und mir die Aussicht eröffnet,
daß ich französisch lernen dürfte, wenn ich noch zwei Monate hindurch
den gleichen Fleiß zeigte. Auch von meinen Mitschülerinnen war ich
wohl gelitten; die gleichaltrigen behandelten mich wie ihresgleichen;
und nun lag ich hier in den Staub getreten! Würde ich mich jemals
wieder erheben können?

,Niemals, dachte ich, und wünschte sehnsüchtig zu sterben.
Während ich schluchzend so klagte, näherte sich mir jemand. Ich fuhr
auf. Es war wieder Helene Burns, ich sah sie bei dem flackernden
Feuerschein durch das lange, öde Zimmer auf mich zukommen; sie
brachte meinen Kaffee und Brot.

,Komm, iß etwas, sagte sie; aber ich wies alles von mir.
Helene betrachtete mich, wahrscheinlich mit Erstaunen; ich konnte
meine Erregung jetzt nicht unterdrücken, so große Mühe ich mir auch
gab; ich fuhr fort laut zu weinen. Sie setzte sich neben mich auf den
Fußboden und legte meinen Kopf auf ihren Schoß. In dieser
Stellung verharrte sie schweigend, wie ein Indianer. Ich war die
erste, welche zu reden anfing: ,Helene, weshalb bleibst Du bei mir,
die jedermann für eine Lügnerin hält?

,Jedermann, Jane? Nur achtzig Menschen haben Dich so
nennen hören und die Welt besteht aus Hunderten von Millionen.
,Was gehen mich die Millionen an? Ich weiß, die Achtzig
verachten mich.

,Da bist Du im Irrtum, Jane! Wahrscheinlich verachtet Dich
nicht eine in der Anstalt, und ich bin überzeugt, daß viele Dich bemitleiden.
,Wie können sie mich bemitleiden, nach dem, was Mr. Brocklehurst gesagt hat?
,Mr. Brocklehurst ist kein Gott; er ist hier weder bewundert
noch geliebt; er hat nie danach getrachtet, sich die Liebe der Schülerinnen zu erwerben. Wenn er Dich wie seinen auserwählten Liebling behandelt hätte, würdest Du offene oder heimliche Feinde gefunden haben, aber so würden die meisten Mädchen Dir gern ihr
Mitleid zu erkennen geben, wenn sie es wagten. Vielleicht werden
Lehrerinnen und Schülerinnen einen bis zwei Tage kalt an Dir
vorübergehen, aber im Herzen sind sie Dir doch freundlich gesinnt,
und wenn Du fortfährst, Deine Pflicht zu thun, und gut zu sein, so
werden sich ihre Gefühle nach ihrer augenblicklichen Zurückhaltung
nur um so deutlicher zeigen. Außerdem Jane,' sie hielt inne.

,Nun, Helene,' sagte ich, meine Hand in die ihrige legend; sie
umschloß sie fest, um sie zu erwärmen, und fuhr fort:

,Wenn die ganze Welt Dich haßte und Dich für schlecht hielte;
wenn nur Dein eignes Gewissen Dich frei spricht, so wirst Du nicht
ohne Freunde sein.'
,Nein, ich weiß, Du wirst nicht schlecht von mir denken; aber
das ist nicht genug, wenn mich nicht auch andere lieben, dann möchte
ich lieber sterben- ich kann es nicht ertragen, gemieden und ungeliebt zu sein, Helene. Wenn Du oder Miß Temple oder sonst
jemand mich aufrichtig liebte, dann könnte ich alles ertragen; ich
wollte nicht murren, wenn man mir den Arm bräche, mich einem
wütenden Bullen vor die Hörner würfe oder mir von den Hufen der
Pferde die Brust zertreten ließe -
,Ruhig, ruhig, Jane! Du fragst zu viel nach der Liebe irdischer
Wesen; Du bist zu leidenschaftlich und heftig. Der Herr, welcher
Dich schuf, hat Dir andere Quellen des Trostes gegeben, als die
Zuneigung der Menschen. Jenseits dieser Welt ist eine unsichtbare
Welt, ein Königreich der Geister, diese Geister umgeben und behüten
uns als Schutzengel; sie kennen unsere Unschuld, wenn wir auch in
Schmach und Schande leben, und Gott der Herr erwartet nur die Zeit,
wo der Geist sich vom Körper loslöst, um uns mit seiner himmlischen
Krone für die Leiden dieser Erde zu belohnen. Warum sollten wir
dem Jammer erliegen, wenn doch das Leben so bald zu Ende ist,
und wenn der Tod so sicher zu Glück und Herrlichkeit führt?
Ich schwieg. Helene hatte mich beruhigt, aber die Ruhe, welche
sie mir einflößte, hatte eine Beimischung von unendlicher Traurigkeit.
Ich hatte ein Gefühl von Leid, während sie sprach, aber ich wußte
keine Ursache dafür. Als sie schwieg, atmete sie etwas schneller und
hustete trocken und kurz, so daß ich für den Augenblick meinen eigenen
Kummer vergaß und mich einem unbestimmten Gefühl des Mitleids
für sie hingab
Meinen Kopf an Helenens Schulter legend, umschlang ich sie
mit meinen Armen, sie zog mich an sich, und wir saßen so eine
Weile still bei einander. Doch wir blieben nicht lange allein. Der
Wind hatte die schweren Wolken verjagt, welche den Mond verdeckten;
sein Licht strömte jetzt durch das nahe Fenster und schien voll auf
uns und die nahende Gestalt, in der wir Miß Temple erkannten.

,Ich suchte Dich, Jane Eyre,’ sagte sie; ,ich wollte Dich in
mein Zimmer holen, und da Helene Burns bei Dir ist, mag sie auch
mitkommen.’
Wir folgten der Führung der Vorsteherin, mußten ein Gewirr
von Korridoren durchschreiten und dann eine Treppe empor steigen, bevor
wir ihr Zimmer erreichten; in demselben brannte ein helles Kaminfeuer, und es sah behaglich aus. Miß Temple wies Helene Burns
einen niedrigen Lehnstuhl an einer Seite des Kamins an, sie selbst
setzte sich in den gegenüberstehenden und rief mich zu sich.
,Ist jetzt alles vorbei?’ fragte sie, mir in's Gesicht sehend.
,Hast Du Deinen Kummer ausgeweint?’
,Das werde ich wohl nie können.’
,Wie so?’
,Weil ich ungerecht beschuldigt bin; und Sie, Madame, und
jedermann mich für schlecht halten wird.’
,Man wird Dich für das halten, mein Kind, als was Du Dich
zeigst. Fahre fort ein braves Kind zu sein, und Du wirst mich zufrieden stellen.’

,Werde ich das, Miß Temple?’
,Gewiß,' sagte sie, mich in den Arm nehmend. , Und nun erzähle mir, wer die Dame ist, welche Mr. Brocklehurst Deine Wohlthäterin nannte?’
,Mrs. Reed, meines Onkels Frau. Mein Onkel ist tot, und er
empfahl mich auf dem Sterbebette ihrer Fürsorge.’

,Hat sie Dich nicht aus eigenem Antriebe angenommen?’
,Nein, Madame, sie that es sehr ungern, aber ich hörte oft die
Dienstboten sagen, daß sie meinem Onkel das feierliche Versprechen
geben mußte, mich bei sich zu behalten.’

,Wenn Du es noch nicht weißt, Jane, so will ich es Dir sagen,
daß jeder Übelthäter, den man anklagt, das Recht hat, sich zu verteidigen. Du bist der Falschheit angeklagt, nun verteidige Dich mir
gegenüber, so gut Du kannst. Erzähle mir alles, dessen Du Dich
erinnerst, aber dichte nichts hinzu und übertreibe nichts.’

Ich beschloß in der Tiefe meines Herzens, daß ich so maßvoll
und genau sein wollte, wie nur möglich, und nachdem ich mich etwas
gesammelt hatte, um folgerichtig erzählen zu können, was ich zu sagen
hatte, erzählte ich ihr die ganze Geschichte meiner traurigen Kindheit. Von Aufregung erschöpft, sprach ich ruhiger, als es gewöhnlich
der Fall war, wenn ich mich über dieses Thema verbreitete; auch erinnerte ich mich an Helenes Warnungen vor Unduldsamkeit und Unversöhnlichkeit, und mischte meiner Erzählung viel weniger Bitterkeit
als gewöhnlich bei; sie klang dadurch glaubwürdiger und ich fühlte,
während ich sprach, daß Miß Temple völlig überzeugt von der Wahrheit meines Berichtes war.

Im Laufe der Erzählung erwähnte ich Mr. Lloyds, welcher mich
nach der Ohnmacht besuchte, die mich während meiner Gefangenschaft
im roten Zimmer befiel. Wenn ich diesen Vorfall erzählte, kam ich
immer in Aufregung; nichts konnte in meiner Erinnerung das Entsetzen verwischen, welches mich erfaßte, als Mrs. Reed, trotz meines
verzweifelten Flehens um Vergebung, mich zum zweiten male in das
dunkle Spukzimmer einschloß.
Ich hatte geendet. Miß Temple blickte mich einige Minuten
schweigend an, dann sagte sie:

,Ich kenne Mr. Lloyd; ich werde ihm schreiben, und wenn seine
Antwort mit Deinem Berichte übereinstimmt, werde ich Dich öffentlich von jeder Verunglimpfung freisprechen; vor mir stehst Du jetzt
rein da, Jane.’

Sie küßte mich und hielt mich neben sich fest, wodurch ich sehr
beglückt war, denn mit der Freude und Bewunderung eines Kindes
beobachtete ich gern ihr Gesicht, ihren Anzug, ihren Schmuck, ihre
weiße Stirn, ihre reichen glänzenden Locken und ihre strahlenden
dunklen Augen. Sie wandte sich jetzt an Helene Burns:
,Wie geht es Dir heute, Helene? Hast Du heute viel gehustet?’

,Ich denke nicht ganz so viel, wie sonst, Madame.’
,Und die Schmerzen in der Brust?’
,Sie haben etwas nachgelassen.’

Miß Temple stand auf, nahm ihre Hand und befühlte ihren
Puls, dann nahm sie ihren eigenen Sitz wieder ein, wobei ich sie
leise seufzen hörte. Sie war einige Minuten nachdenklich, dann raffte
sie sich auf und sagte freundlich:
,Aber Ihr seid heute Abend meine Gäste, und ich muß Euch
als solche bewirten.’
Sie klingelte.
Barbara,’ sagte sie zu den Mädchen, welches eintrat, ‘ich habe
noch keinen Thee gehabt, bringe das Theezeug und auch zwei Tassen
für diese beiden jungen Mädchen.’

Das Theegeschirr kam bald. Wie schön erschien meinen Augen
das Porzellan und die glänzende Theekanne, welche auf den kleinen
Tisch vor dem Kamin gestellt wurde. Wie appetitlich war der
Geruch des Getränkes und Toastes, von dem ich zu meinem Schmerz
nur eine sehr kleine Portion erhielt, denn ich war sehr hungrig gee
worden. Miß Temple hatte selbst zu wenig.

,Barbara, sagte sie, ,kannst Du nicht etwas mehr Brot und
Butter bringen? Es ist nicht genug für drei Personen.'
Barbara ging hinaus und kehrte bald zurück.
,Madame, Mrs. Harden sagt, sie hätte so viel wie gewöhnlich
heraufgeschickt.
Mrs. Harden war die Haushälterin, eine Frau nach Mr. Brocklehursts Herzen, aus ähnlichem Stoff, wie er.

,Schon gut, versetzte Miß Temple, ,dann müssen wir uns einzurichten suchen,’ und als das Mädchen sich entfernt hatte, setzte sie lächelnd hinzu: ,Glücklicherweise habe ich es diesesmal in meiner Macht, das Fehlende zu beschaffen.
Sie lud Helene und mich ein, am Tische Platz zu nehmen, und
setzte vor Jede von uns eine Tasse Thee mit einem köstlichen, aber
dünnen Stück Toast, dann stand sie auf, schloß einen Kasten auf,
nahm ein in Papier gewickeltes Packet heraus und enthüllte vor
unseren Augen eine appetitlich aussehende Sandtorte.
,Ich hatte die Absicht, Jeder von Euch hiervon ein Stückchen.
mitzugeben,'' sagte sie, ,da wir aber so wenig Toast haben, müßt Ihr
es jetzt essen, und sie zerschnitt mit freigiebiger Hand den Kuchen
in Stücke.
Die Mahlzeit schmeckte uns, als ob wir Nectar tranken und
Ambrosia aßen.
Unsere Wirtin betrachtete uns mit einem Lächeln der Befriedigung, während wir unseren Hunger mit den köstlichen Sachen stillten,
die sie uns so reichlich zuteilte. Als der Thee vorüber und der Tisch
abgeräumt war, rief sie uns wieder an das Feuer, und nun folgte
eine Unterhaltung zwischen ihr und Helene, der zuzuhören eine große
Vergünstigung war.
Miß Temple hatte immer einen Ausdruck von Heiterkeit und
Würde, und eine edle Ausdrucksweise, an die ich schon gewöhnt war,
aber Helene Burns setzte mich heute in Erstaunen.
Die erfrischende Mahlzeit, das belebende Feuer, die Anwesenheit
und Güte der geliebten Lehrerin und mehr als dies alles vielleicht ihr
eigener hoher Geist, hatten alle ihre Anlagen wach gerufen. Ihre
Wangen, welche ich bis jetzt nur blaß und blutleer gesehen hatte,
röteten sich; ihre Augen glänzten und schienen mir für den Augenblick fast schöner, wie Miß Temples. Ihre ganze Seele schien sich
auf die Lippen zu drängen! sie sprach begeistert, durch wessen Eingebung weiß ich nicht, denn Herz und Geist eines Mädchens von
14 Jahren sind doch gewöhnlich noch nicht so reich, um eine Quelle
reiner, mächtiger und inniger Beredsamkeit zu sein.

Miß Temple und Helene unterhielten sich von Dingen, von denen
ich nie gehört hatte, von fremden Nationen und vergangenen Zeiten;
von Naturkräften, die man entdeckt hatte, oder denen man nachforschte; sie sprachen auch von Büchern. Wie viele hatten sie gelesen, welche Schätze von Wissen angesammelt! Sie schienen so vertraut mit französischen Namen und Schriftstellern. Als aber Miß
Temple Helene fragte, ob sie noch ihre freien Augenblicke benutzte,
um das Latein zu wiederholen, was ihr Vater sie gelehrt hatte, da
erreichte mein Erstaunen seinen Gipfelpunkt. Miß Temple nahm ein
Buch vom Bücherbrett und bat Helene, ihr einen Abschnitt aus dem
Virgil zu lesen und zu übersetzen; Helene gehorchte und meine Verehrung für sie wuchs mit jeder Zeile, die sie las. Sie hatte kaum
geendigt, als die Glocke zum Zubettgehen rief; da war kein längeres
Verweilen gestattet; Miß Temple zog uns beide an ihr Herz, indem
sie sagte:

,Gott segne Euch, meine Kinder!'
Helene hielt sie etwas länger umschlossen und ließ sie zögernd
los; Helene folgten ihre Augen bis an die Thür, dieser sandte sie
einen bekümmerten Seufzer nach und für sie fiel eine Thräne auf
ihre Wange. Als wir in den Schlafsaal traten, hörten wir die Stimme
von Miß Scatcherd; sie untersuchte die Schubladen und hatte gerade
die von Helene Burns aufgezogen. Helene wurde mit einer scharfen
Rüge begrüßt, und es wurde ihr eröffnet, daß ihr morgen ein halbes
Dutzend schlecht zusammengelegter Sachen an die Schulter geheftet
werden würden, und daß sie diesen Schmuck den Tag über tragen
solle.
,Meine Sachen waren wirklich in unverantwortlicher Unordnung,'
sagte Helene leise zu mir. ,Ich hatte die Absicht sie zu ordnen, aber
ich vergaß es.
Am andern Morgen schrieb Miß Scatcherd mit in die Augen
fallenden Buchstaben das Wort ,Schlumpe’ auf ein Stück Papier
und band es als Denkzettel auf Helenes hohe, milde, kluge Stirn.
Sie trug es bis zum Abend geduldig und ohne zu grollen, denn sie
sah es als verdiente Strafe an. Nach Beendigung des Nachmittags-
Unterrichts, in dem Augenblick, wo sich Miß Scatcherd zurückzog, lief
ich zu Helene, riß ihr die Pappe ab und warf sie in das Feuer.
In meiner Seele hatte den ganzen Tag über die Wut gekocht, deren
sie unfähig war, und heiße, große Thränen waren mir oft genug
über die Wangen gerollt, denn der Anblick ihrer sanften Ergebung
bereitete meinem Herzen einen unerträglichen Schmerz.
Ungefähr eine Woche nach diesen Ereignissen erhielt Miß Temple
die Antwort von Mr. Lloyd, an den sie geschrieben hatte. Es schien,
als ob er die Wahrheit meiner Erzählung bestätigt hätte. Miß Temple
versammelte alle Zöglinge und kündigte an, daß man über Jane Eyres
Verhalten vor ihrem Eintritt in die Anstalt Erkundigungen eingezogen
hätte, und daß sie sich freue, dieselbe von der gegen sie erhobenen
Beschuldigung völlig freisprechen zu können. Hierauf gaben mir
die Lehrerinnen die Hand und küßten mich und durch die Reihen
meiner Mitschülerinnen rann ein freudiges Gemurmel.

Ich war von einem schweren Druck befreit und ging von dieser
Stunde an mit frischen Kräften an die Arbeit, entschlossen, jede
Schwierigkeit, die sich mir in den Weg stellen würde, zu überwinden.
Ich arbeitete angestrengt, und der Erfolg war meinen Anstrengungen
angemessen; mein Gedächtniß, das von Natur nicht sehr gut war,
stärkte sich durch Übung; mein Fassungsvermögen ebenso. In weniger
als Monatsfrist wurde mir erlaubt, das Französische und Zeichnen
anzufangen. Ich lernte die beiden ersten Zeiten des Zeitworts strs
und zeichnete mein erstes Bauernhaus (dessen Wände, nebenbei gesagt,
an Schiefheit noch den schiefen Turm von Pisa übertrafen) an demselben Tage. Als ich an jenem Abend zu Bett ging, vergaß ich,
meine Fantasie mit der Vorstellung eines köstlichen Abendessens von
heißen Röstkartoffeln oder Weißbrod mit frischer Milch zu beschäftigen,
an der sich gewöhnlich mein inneres Verlangen weidete; ich sättigte
mich statt dessen an der Vorstellung idealer Zeichnungen, die ich in
der Dunkelheit sah, und die alle von meiner Hand waren: aus freier
Hand gezeichnete Häuser und Bäume; malerische Felsen; Gruppen
von Rindvieh; zarte Aquarellen von Schmetterlingen, die sich auf
halb erblühten Rosen wiegten; von Vögeln, die reife Kirschen anpickten, von Vogelnestern, in denen gesprenkelte Eierchen lagen und
die mit Epheu bekränzt waren. Ich erwog auch in Gedanken, ob es
wohl möglich wäre, daß ich einstmals ein kleines französisches Geschichtenbuch, das mir Madame Pierrot heute gezeigt hatte, würde
geläufig übersetzen können. Ehe noch die Frage zu meiner Zufriedenheit entschieden war, schlief ich ein.
Jetzt hätte ich Lowood mit allen seinen Entbehrungen nicht mehr
mit Gateshead und seinem Wohlleben vertauschen mögen.




Neuntes Kapitel.

Aber die Entbehrungen oder wenigstens die Beschwerden verringerten sich. Der Frühling rückte näher, oder war eigentlich schon
da. Es hatte aufgehört zu frieren, der Schnee war geschmolzen und
der schneidende Wind milder geworden. Meine kranken Füße, die
entzündet und bis zur Lahmheit geschwollen waren, fingen bei der
milderen Aprilluft zu heilen an; die Nächte und Morgen erstarrten
nicht mehr das Blut in unseren Adern durch ihre canadische Temperatur; wir konnten es jetzt während der Spielstunde im Freien aushalten, an sonnigen Tagen war sie sogar angenehm; über die braunen
Beete breitete sich ein grüner Schimmer aus und nahm jeden Tag
zu und Blumen schauten unter den Blättern hervor: Schneeglöckchen,
Krokus, rote Aurikeln und goldäugige Stiefmütterchen. Des Donnerstags, wo wir nachmittags frei hatten, machten wir Spaziergänge,
und fanden noch schönere Blumen, die unter den Hecken an der Seite
des Weges sproßten.

Ich entdeckte, daß viel Schönes hinter den hohen Mauern unseres
Gartens lag. Ein Ausblick auf hohe Berge und ein großes, grünes
schattenreiches Thal zwischen ihnen, auf einen silberhellen Bach voll
dunkler Steine und schäumender Strudel entzückte das Auge. Wie
anders hatte diese Landschaft ausgesehen, als ich sie unter dem bleischweren Winterhimmel, mit Schnee bedeckt und im Frost erstarrt,
zuerst sah. Damals lag dicker Nebel auf den Bergen, den Wiesen,
den Abhängen und dem Bache. Dieser war damals ein Strom, der
Holz und Geröll mit sich fortriß und die Luft mit einem tobenden
Geräusch erfüllte, das oft noch durch das Rauschen des Regens und
Poltern des Hagels verstärkt wurde; und der schöne Wald an seinen
Ufern sah mit seinen kahlen Bäumen, die Reihen von Skeletten
glichen, traurig aus.
Aus dem April wurde Mai, und ein schöner heiterer Mai;
blauer Himmel, sanfter Sonnenschein und weiche West- oder Südwinde herrschten während des ganzen Monats; alles grünte und
blühte; die Skelette der mächtigen Ulmen, Eschen und Eichen bedeckten
sich mit Blättern; unter ihnen sproßten Waldpflanzen in reicher Fülle,
zahllose Arten von Moos wuchsen in den Vertiefungen und die
gelben Schlüsselblumen bedeckten stellenweise den Boden so dicht,
daß es fast aussah, als ob auf den schattigsten Stellen heller Sonnenschein läge. Alles dies konnte ich oft, unbewacht, in vollster Freiheit,
meist ganz allein genießen. Dieser ungewohnte Genuß hatte eine
besondere Ursache, von der ich jetzt berichten muß.
Wenn ich soeben unser Asyl schilderte, wie es in Hügeln und
Wäldern eingebettet an den Ufern des Wassers lag, so bot ich dem
Leser doch wohl ein erfreuliches Bild? Freundlich genug war Lowood
gelegen, aber ob es auch eine gesunde Lage hatte, das ist eine
andere Frage.
Das Waldthal, in welchem Lowood lag, war der Herd von ungesunden Nebeln, die ansteckende Krankheiten erzeugten. Mit dem
schnell hereinbrechenden Frühling schlichen sie sich in unsere Anstalt
ein, in dem überfüllten Hause brach der Typhus aus und machte
es zu einem Lazareth, noch ehe der Mai da war.

Mangelhafte Ernährung und vernachlässigte Erkältungen hatten
die meisten Schülerinnen für die Ansteckung empfänglich gemacht;
von den achtzig Mädchen lagen fünf und vierzig zu gleicher Zeit
krank darnieder. Der Unterricht wurde ausgesetzt, die Hausgesetze

weniger streng durchgeführt. Den wenigen, welche noch gesund waren,
wurde die größte Freiheit gestattet, weil der Arzt darauf bestand,
daß sie sich möglichst viel im Freien bewegen sollten, um der Ansteckung zu entgehen, auch hatte ja niemand Zeit, sie zu überwachen
und im Hause festzuhalten. Miß Temple widmete ihre ganze Kraft
den Patienten; sie verließ das Krankenzimmer nur, um einige Stunden
in der Nacht zu ruhen. Die Lehrerinnen waren vollauf mit dem
Einpacken für diejenigen Schülerinnen beschäftigt, welche glücklich genug
waren, Freunde und Verwandte zu besitzen, bei denen sie Aufnahme
finden und so der Gefahr der Ansteckung entgehen konnten. Manche,
die schon angesteckt waren, reisten nur nach Hause, um dort zu sterben;
einige starben in der Anstalt und wurden so still und schnell wie
möglich begraben, denn die Natur der Krankheit gestattete keinen
Aufschub.
Während im Hause Krankheit und Tod wüteten, war draußen
alles Herrlichkeit: die Lilien hatten' ihre Kelche erschlossen, die Tulpen
und Rosen standen in voller Blüthe, die Einfassungen der kleinen
Beete sahen reizend aus; sie bestanden aus rosa, roten und weißen
Tausendschönchen; morgens und abends strömten die blühenden Gewächse die herrlichsten Düfte aus und diese kostbaren Schätze gingen
für die Insassen von Lowood gänzlich verloren, sie gaben nur mitunter eine Hand voll Grün und Blumen für einen Sarg her.
Aber ich und alle, die gesund geblieben waren, genossen diese
Herrlichkeiten in vollen Zügen. Man ließ uns wie die Zigeuner
vom Morgen bis zum Abend umherlaufen; wir thaten was wir
wollten, liefen wohin wir wollten und wurden überdies noch besser
verpflegt. Mr. Brocklehurst und seine Familie kamen jetzt nie nach
Lowood; in Haushaltsangelegenheiten sprach niemand mehr mit; die
Wirtschafterin war aus Furcht vor Ansteckung entflohen, und ihre
Nacfolgerin, welcher die Gewohnheiten von Lowood fremd waren,
versorgte uns mit verhältnismäßiger Freigiebigkeit. Es waren ja
auch weniger Münder satt zu machen, denn die Kranken konnten
wenig essen; unsere Frühstückschüsseln waren voller, und wenn keine
Zeit war, ein regelrechtes Mittagessen zu bereiten, was sich oft ereignete, gab sie uns ein großes Stück kalter Pastete oder eine dicke Scheibe
Brot mit Käse, das nahmen wir mit uns in den Wald, wählten
jede den platz, welcher uns am besten gefiel, und dinierten mit Behagen.
Mein Lieblingssitz war ein glatter, großer Steinblock, welcher
sich in der Mitte des Baches befand und den man nur durch das
Wasser watend erreichen konnte, was ich barfuß bewerkstelligte. Der
Stein war gerade groß genug, um mich und ein anderes Mädchen
bequem zu fassen. Zu dieser Zeit war meine bevorzugte Gefährtin
Anna Wilson, eine schlaue, scharf beobachtende Person, an deren
Gesellschaft ich Gefallen fand, zum Teil weil sie witzig und originell
war, zum Teil weil sie ein Wesen hatte, das mir zusagte. Sie war
einige Jahre älter als ich, wußte mehr von der Welt und konnte
mir manches erzählen, was mich interessierte. Sie liebte zu belehren,
ich zu fragen und so entsprang aus unserem Verkehr viel Vergnügen
für uns und zugleich förderten wir einander.

Und wo war Helene Burns während dieser Zeit? Warum
brachte ich diese goldenen Tage der Freiheit nicht mit ihr zu? Hatte
ich sie vergessen oder war ich ihrer edlen Gesellschaft überdrüssig und
darum unwürdig? Anna Wilson stand tief unter meiner ersten Bekannten; sie konnte mir nur amüsante Geschichten erzählen und
Klatschereien wiederholen, während Helene diejenigen, welche das
Glück ihrer Unterhaltung genossen, zu veredeln verstand.

Ich wußte und fühlte das, und obgleich ich ein unvollkommenes
Wesen bin, mit vielen Fehlern und wenig Vorzügen, so wurde ich
doch Helenes niemals überdrüssig und hörte nie auf mit einer so
innigen, zärtlichen und ehrfurchtsvollen Zuneigung an ihr zu hängen,
wie deren mein Herz nur irgend fähig war. Wie konnte das auch
anders sein? Bezeigte mir doch Helene zu jeder Zeit und unter allen
Verhältnissen eine gleichmäßige, treue Freundschaft, die nie von übler
Laune getrübt wurde. Aber Helene war jetzt krank. Schon vor
Wochen war sie in, ich weiß nicht, welches Zimmer, eine Treppe
höher gebracht worden, denn ihr Leiden war nicht Typhus, sondern
Schwindsucht, und unter Schwindsucht verstand ich in meiner Unwissenheit etwas Ungefährliches, das die Zeit und Pflege sicher beseitigen werde.
In dieser Überzeugung wurde ich dadurch bestärkt, daß Helene
an sehr warmen, sonnigen Nachmittagen von Miß Temple einige
Male in den Garten geführt wurde. Aber bei diesen Gelegenheiten
durfte ich nicht mit ihr sprechen, ich sah sie nur aus dem Fenster
des Schulzimmers und konnte sie nicht einmal deutlich erkennen, wie
sie in Tücher eingehüllt unter der Veranda saß.

Eines Abends, Anfang Juni, war ich mit Anna sehr lange
draußen im Walde gewesen. Wir hatten uns wie gewöhnlich von
den übrigen getrennt und waren weit fort gewandert, so weit, daß
wir uns verirrten und in einer einsamen Hütte nach dem Wege fragen
mußten. Als wir zu Hause anlangten, war der Mond schon aufgegangen; ein Pony, welchen ich als den des Arztes kannte, stand
an der Gartenthür. Anna meinte, es müsse wohl jemand sehr krank
sein, weil man so spät abends nach Mr. Bates geschickt hätte. Sie
ging in das Haus, und ich blieb noch einige Minuten im Garten
zurück, um einige Pflanzen in die Erde zu stecken, die ich im Walde
ausgegraben hatte und von denen ich fürchtete, sie möchten verdorren,
wenn ich sie bis zum Morgen liegen ließe. Ich verweilte noch etwas,
nachdem ich dies besorgt hatte, denn die Blumen dufteten so schön,
und es war ein herrlicher Abend, so klar, so warm. Die rote Glut,
welche noch den Westen erhellte, versprach für morgen wieder einen
schönen Tag, und im Osten stieg der Mond so majestätisch empor!
Ich freute mich dieser Schönheiten, wie ein Kind es eben vermag,
und zum ersten Male in meinem Leben kam mir der Gedanke: ,Wie
traurig muß es sein, jetzt auf dem Krankenbette zu liegen und vielleicht
sterben zu müssen! Die Welt ist so schön; es muß doch schrecklich
sein, aus ihr abgerufen zu werden und nicht zu wissen, wohin man
geht!

Ich machte die erste ernstliche Anstrengung zu begreifen, was
man mich über die Vorstellungen von Himmel und Hölle gelehrt
hatte; zum ersten Male erfaßte meine Seele Unsicherheit und Angst,
sie sah auf allen Seiten einen endlosen Abgrund; sie fühlte nur die
Gegenwart als den einzig sicheren Punkt im Weltall, alles übrige
war unbestimmt und schwankend und sie zitterte bei dem Gedanken,
in dieses Chaos unterzutauchen. Während ich diesen Gedanken nachhing, wurde die Hausthür geöffnet; Mr. Bates trat heraus in Begleitung der Wärterin. Sie wartete bis er sein Pferd bestiegen
hatte und fortgeritten war und war eben im Begriff, die Thür zu
schließen, als ich auf sie zulief.

,Wie geht es Helene Burns? fragte ich.
,Sehr schlecht,' war die Antwort.
,Ist der Doktor um ihretwillen gekommen?
,Ja
,Und was sagt er über sie?
,Er sagt, sie wird nicht mehr lange hier sein.'
Hätte man mir das gestern gesagt, so würde ich nur dabei gedacht haben, daß man sie nach Northumberland in ihre Heimat
bringen wolle; es würde mir nicht eingefallen sein, daß man damit
meinen könne, sie müsse sterben; heute verstand ich augenblicklich, daß
ihre Tage in dieser Welt gezählt seien, daß sie bald in die Regionen
der Geister entrückt werden würde, wenn es solche wirklich gäbe. Mich
überkam zuerst Entsetzen, dann Trauer und endlich die unbezwingliche
Sehnsucht, sie noch einmal zu sehen, und ich fragte, in welchem
Zimmer sie läge.
,Sie liegt in Miß Temples Zimmer, sagte die Wärterin.

,Darf ich zu ihr gehen und mit ihr sprechen?
,Oh, nein, Kind! Das geht nicht! Jetzt ist es aber Zeit, daß
Du ins Haus kommst, wenn Du so lange draußen bleibst, bis der
Thau fällt, kannst Du das Fieber bekommen.
Die Wärterin schloß die Thür, und ich ging in das Schulzimmer, wo ich gerade rechtzeitig eintrat, um Miß Millers Aufforderung an die Schülerinnen zu hören, zu Bette zu gehen.

Es mochte zwei Stunden später sein, wahrscheinlich ungefähr elf
Uhr als ich - ich hatte nicht schlafen können und schloß aus der
tiefen Stille im Schlafsaal, daß meine Gefährtinnen alle entschlummert
waren- leise aufstand, mein Kleid über den Nachtrock zog und ohne
Schuhe leise aus dem Zimmer schlich, um Miß Temples Stube aufzusuchen. Sie lag am entgegengesetzten Ende des Hauses, aber ich
kannte meinen Weg und der helle Mondschein, welcher durch die
Fenster des Korridors fiel, setzte mich in den Stand, ihn ohne
Schwierigkeit zu finden. Der Geruch von Kampher und Essig verriet mir das Zimmer, in dem die Fieberkranken lagen; ich huschte
schnell an der Thür desselben vorüber aus Furcht, daß die Wärterin,
welche die Nachtwache hatte, mich hören könnte. Ich wollte nicht
entdeckt und zurückgeschickt sein; ich mußte Helene sehen: ich mußte
sie noch einmal in meine Arme schließen, ehe sie starb; mußte ihr
einen letzten Kuß geben, ein letztes Wort mit ihr sprechen.

Ich mußte eine Treppe hinabsteigen und einen Gang des unteren
Geschosses passieren; es gelang mir auch, zwei Thüren ohne Geräusch
auf- und zuzumachen und eine andere Treppenflucht zu erreichen;
diese stieg ich empor und stand gerade Miß Temples Zimmer gegenüber.

Durch das Schlüsselloch und die Thürspalte drang ein Lichtschein;
tiefe Stille herrschte rings umher. Als ich näher kam, fand ich die
Thür nur leicht angelehnt, vielleicht um etwas frische Luft in das
Krankenzimmer einzulassen. ich dachte nicht daran zu warten; alle

meine Gefühle waren aufgeregt, und alle meine Sinne zitterten vor
Todesangst, ich öffnete die Thür und sah mich im Zimmer um.
Meine Augen suchten Helene, die ich tot zu finden fürchtete.

Dicht neben Miß Temples Bett, noch halb von dessen weißen
Vorhängen verhüllt, stand ein kleines Bett. Ich sah die Umrisse
einer Gestalt unter den Betttüchern, aber das Gesicht war von den
Gardinen verhüllt; die Wärterin, mit der ich im Garten gesprochen
hatte, saß in einem Lehnstuhl und war eingeschlafen; ein ungeputztes
Licht auf dem Tische brannte trübe. Miß Temple war nicht zu sehen;
ich hörte später, daß man sie zu einer Sterbenden in das Krankenzimmer gerufen hatte. Ich schritt vorwärts, aber an der Seite des
Bettes stand ich still und meine Hand, die den Vorhang aufheben
wollte, hielt inne; ich zog es vor zu sprechen, bevor ich ihn zurückschlug, denn ich entsetzte mich vor der Möglichkeit, eine Leiche zu
finden.
,Helene!' flüsterte ich, ,bist Du wach?
Sie richtete sich auf, schob den Vorhang zur Seite und ich sah
ihr Gesicht, das blaß und abgezehrt aber ganz ruhig war; sie sah
so wenig verändert aus, daß meine Furcht gleichzerstreut wurde.
,Kannst Du das sein, Jane?’ fragte sie mit ihrer früheren
sanften Stimme.
,Oh,' dachte ich, ,sie wird nicht sterben, die das denken, irren
sich; sie könnte nicht so ruhig sprechen und aussehen, wenn sie sterben
müßte.’

Ich kletterte auf ihr Bett und küßte sie; ihre Stirn war kalt,
ihre Wangen und Hände ebenfalls, aber sie lächelte wie ehedem.
,Warum kommst Du, Jane? Es ist elf Uhr vorbei; ich hörte
es vor einigen Minuten schlagen.’
,Ich wollte Dich so gern sehen, Helene. Ich hörte, daß Du
sehr krank wärst und konnte nicht schlafen, ehe ich mit Dir gesprochen
hatte.’

,Du kamst um mir Lebewohl zu sagen; Du bist wahrscheinlich
zur rechten Zeit gekommen.’
,Gehst Du wo anders hin, Helene? Gehst Du nach Hause?’

,Ja, in meine ewige - meine letzte Heimat.’
,Nein, nein, Helene!’ Ich hielt angstvoll inne. Während ich
bemüht war, meine Thränen' hinunter zu schlucken, wurde Helene von
einem Hustenanfall ergriffen; er erweckte aber die Wärterin nicht.
Als er vorüber war, lag sie eine Weile erschöpft still, dann flüsterte
sie: ,Jane, Deine kleinen Füße sind nackt, strecke Dich aus und decke
Dich mit meinem Deckbett zu.

Ich that es, sie schlang ihren Arm um mich, und ich schmiegte
mich eng an sie an. Nacheiner langen Pause hub sie leise wieder an:

,Ich bin sehr glücklich, Jane; Du mußt daran denken, wenn ich
tot bin, und Dich nicht grämen; es ist kein Grund zur Trauer. Wir
müssen alle sterben, und die Krankheit, der ich erliege, ist nicht
schmerzhaft. Ich habe niemand, der meinen Tod sehr beklagen
könnte; ich habe nur einen Vater, der sich kürzlich wieder verheiratet
hat und mich nicht vermissen wird. Dadurch, daß ich jung sterbe,
entgehe ich vielen Leiden. Ich habe keine Anlagen und Talente, die
mir meinen Weg durch die Welt leicht gemacht hätten; ich würde oft
gefehlt haben.
,Aber wo gehst Du hin, Helene? Kannst Du das sehen, weißt
Du das?’

,Ich glaube und vertraue, daß ich zu Gott gehe.’
,Wo ist Gott? Wer ist Gott?’
,Mein Vater und der Deinige, der die nicht verleugnen wird,
welche er geschaffen hat. Ich baue fest auf seine Macht und seine
Güte; ich zähle die Stunden bis zu der, welche mich ihm vereinigen,
ihn mir enthüllen wird.’
,Du weißt es also sicher, Helene, daß es einen Himmel giebt,
in den unsere Seelen eingehen, wenn wir sterben?’

,Ich glaube an ein Leben nach dem Tode! ich glaube an Gottes
Güte und befehle ihm meine unsterbliche Seele vertrauensvoll. Gott
ist mein Vater und mein Freund, ich liebe ihn und glaube, daß er
mich wieder liebt.’

,Und werde ich Dich wiedersehen, wenn ich sterbe, Helene?’
,Du wirst auch in jenes Land der Glückseligkeit und zu demselben mächtigen Vater aller kommen, daran zweifle ich nicht, Jane.’
Ich fragte weiter, aber dieses Mal nur in meinen Gedanken:
Wo ist jenes Land? Giebt es ein solches? Und ich schlang meine
Arme fester um Helene; sie war mir theurer als jemals; ich fühlte,
daß ich mich nicht von ihr trennen konnte und barg mein Gesicht an
ihrem Halse. Plötzlich sagte sie mit sanfter Stimme:

,Wie wohl mir ist! Dieser letzte Hustenanfall hat mich etwas
müde gemacht, ich glaube, ich kann schlafen; aber verlaß mich nicht,
Jane, ich habe Dich so gern neben mir.’

,Ich will bei Dir bleiben, liebe Helene; niemand wird mich
fortbringen.’
,Bist Du warm, mein Liebling?’
,Ja.’
,Gute Nacht, Jane.’
,Gute Nacht, Helene.’
Sie küßte mich und ich sie, und bald schliefen wir beide.

Als ich erwachte war es heller Tag; ich sah auf, und sah mich
in den Armen der Wärterin, welche mich durch die Korridore in den
Schlafsaal zurücktrug. Ich wurde nicht darüber gescholten, daß ich
das Bett verlassen hatte; man hatte an andres zu denken. Auf
meine vielen Fragen wurde mir damals keine Auskunft, aber einige
Tage später hörte ich, daß Miß Temple, als sie bei Tagesanbruch
in ihr Zimmer zurückgekehrt war, mich gefunden hatte, meinen Kopf an
Helenes Schulter geschmiegt und meine Arme um ihren Hals geschlungen. Ich schlief und Helene war - tot.

Ihr Grab ist auf dem Kirchhofe von Brocklebridge. Fünfzehn
Jahre hindurch war es nur von einem Rasenhügel bedeckt, aber jetzt
schmückt es eine Tafel von grauem Marmor, auf der ihr Name und
das Wort ,Auferstehen' steht.



Zehntes Kapitel.

Bis jetzt habe ich die Ereignisse in meinem unbedeutenden
Dasein mit allen Einzelheiten berichtet, und über die ersten zehn
Jahre meines Lebens fast ebenso viele Kapitel geschrieben; jetzt aber
gehe ich über einen Zeitraum von acht Jahren hinweg, der dem
Leser wenig Interessantes bieten kann, und begnüge mich damit, nur
dasjenige zu berichten, was für den Zusammenhang dieser Lebensbeschreibung notwendig ist.
Als der Typhus sein Zerstörungswerk in Lowood gethan hatte,
verschwand er nach und nach, doch nicht ohne durch seine Heftigkeit
und die große Zahl seiner Opfer die öffentliche Aufmerksamkeit auf
Lowood gelenkt zu haben. Es wurde Nachfrage gehalten über den
Ursprung der Epidemie und nach und nach brachte man verschiedene
Thatsachen in Erfahrung, welche die Entrüstung des Publikums im
höchsten Grade erregten. Das Ungesunde der Lage, die schlechte
Beschaffenheit und Unzulänglichkeit der Nahrung, das salzige, faule
Wasser, mit dem sie zubereitet wurde, die ärmliche unangemessene
Kleidung der Zöglinge; alle diese Dinge kamen ans Licht, und diese
Entdeckung war sehr demütigend für Mr. Brocklehurst, wurde aber
der Anstalt zum Segen.
Mehrere reiche und wohlwollende Bewohner der Landschaft
brachten große Summen für die Errichtung eines neuen Gebäudes in
besserer Lage zusammen; neue Statuten wurden entworfen; Verbesserungen, die Nahrung und Kleidung betreffend, gemacht und die
Verwaltung des Anstaltsvermögens einem Aufsichtsrat anvertraut.
Mr. Brocklehurst, den man, wegen seines Reichtums und seiner einflußreichen Familienverbindungen, nicht übergehen konnte, behielt den Posten als Schatzmeister, wurde aber in der Ausübung seiner Pflichten von einem Herrn unterstützt, der nicht so engherzige Ansichten und eine wohlwollendere Gesinnung hatte. Seine Stellung als Inspektor wurde außerdem von Männern geteilt, die Vernunft mit Strenge,
Bequemlichkeit mit Sparsamkeit, Teilnahme mit Rechtschaffenheit zu
verbinden verstanden. Die so verbesserte Anstalt wurde mit der Zeit
ein sehr nützliches und geachtetes Institut. Ich gehörte ihr nach ihrer
Umgestaltung noch acht Jahre an; sechs als Schülerin und zwei als
Lehrerin und kann in beiden Eigenschaften Zeugnis für ihren Wert
ablegen.

Während dieser acht Jahre war mein Leben einförmig, aber nicht
unglücklich, denn es war der Arbeit geweiht. Es war mir die Gelegenheit geboten, außerordentlich guten Unterricht zu genießen; ich
hatte an der größten Zahl meiner Studien Freude und den Wunsch, mich
in allen Fächern auszuzeichnen; auch den Wunsch, meinen Lehrerinnen
zu gefallen, besonders denen, die ich liebte, und ich machte mir deshalb
die Vorteile, die sich mir boten, in vollem Maße zu nutze. Mit
der Zeit wurde ich die erste von der ganzen Anstalt und dann mit
dem Amte einer Lehrerin betraut, dem ich zwei Jahre hindurch mit
Eifer vorstand; dann aber verließ ich Lowood.
Miß Temple war die ganze Zeit hindurch Vorsteherin des Seminars geblieben und ihrer Belehrung verdanke ich den besten Teil
meiner Kenntnisse; ihre Freundschaft war mein größter Trost; sie
stand mir zur Seite als Mutter, Erzieherin und später als Gefährtin.
Nach dieser Zeit verheiratete sie sich mit einem Geistlichen, einem
ausgezeichneten Manne, der eines solchen Weibes würdig war; sie
zog mit ihrem Gatten in eine entfernte Landschaft und war infolgedessen für mich verloren.
Von dem Tage an, an welchem sie Lowood verließ, war ich nicht
mehr dieselbe; mit ihr hatte mich alles verlassen, was mich hier
fesselte und mir Lowood gewissermaßen zur Heimat gemacht hatte.
Ich hatte viel von ihrem Wesen in mich aufgenommen und ebenso
von ihren Gewohnheiten; meine Gedanken waren harmonischer, meine
Gefühle verstand ich besser zu beherrschen, ich war ruhig; ich glaubte,
ich wäre zufrieden; in den Augen anderer und meist auch in meinen
eigenen schien ich einen gesetzten und fügsamen Charakter zu haben.

Da trat das Schicksal, in Gestalt seiner Ehrwürden Mr. Nasmyth,
zwischen Miß Temple und mich. Ich sah sie kurz nah der Trauung
in ihrem Reiseanzuge in den Postwagen steigen; ich sah diesen den
Berg hinauf fahren und den Wagen im Walde verschwinden. Ich ging
auf mein Zimmer und brachte dort in Einsamkeit den größten Teil des
Feiertages zu, der uns aus Anlaß ihrer Hochzeit bewilligt war. Ich
ging die meiste Zeit in meinem Zimmer auf und ab, und bildete
mir ein, nur über meinen Verlust zu trauern und daran zu denken,
wie er mir ersetzt werden könnte, als ich aber aus meinen Träumereien
erwachte, konnte ich mich der Wahrheit nicht verschließen, daß eine
vollständige Umwandlung mit mir vorgegangen war, daß mein Geist
alles abgestreift hatte, was er von Miß Temple erborgt hatte, oder
vielmehr, daß sie die reine Atmosphäre mit sich genommen hatte, in
der ich unter ihren Augen atmete, daß ich jetzt wieder in meinem
Elemente war und meine alten Leidenschaften sich wieder erhoben.
Wenn es mir auch nicht an der Macht gebracht, sie niederzuhalten,
so schien doch mit Miß Temple die Veranlassung verschwunden, um
derentwillen ich es thun sollte. Viele Jahre hindurch war Lowood
meine Welt gewesen; alle meine Erfahrungen wurzelten hier; nun
erinnerte ich mich plötzlich, daß die wirkliche Welt weit war, und daß
diejenigen, welche den Mut hatten, in sie hinauszugehen, und in ihren
Gefahren Lebenserfahrung zu suchen, ein weites Feld für ihr Hoffen
und Fürchten, ihr Denken und Fühlen finden mußten.

Ich ging an das Fenster, öffnete es und blickte um mich. Da
lagen vor mir die beiden Flügel des Gebäudes, der Garten, die
ganze Umgebung von Lowood bis an die den Horizont begrenzenden
Hügel. Mein Auge schweifte über dies alles hin, um endlich in der
Ferne an den blauen Bergen zu haften; diese sehnte ich mich zu
überschreiten; alles, was von ihnen eingeschlossen war, schien mir ein
Gefängnis, ein Land der Verbannung zu sein. Mein Blick folgte
der hell schimmernden Straße, welche sich um den Fuß eines Berges
wand, um dann in einem Thale zwischen zwei Hügeln zu verschwinden.
Wie verlangte mich auf ihr davon zu eilen! Ich gedachte des Tages,
an dem ich als Kind auf dieser Straße im Postwagen fuhr, und im
Zwielicht den Hügel herabkam; ein Jahrhundert schien seitdem vergangen zu sein, und ich war niemals über Lowood hinaus gekommen.
Meine Ferien hatte ich immer hier verlebt; Mrs. Reed hatte mich nie
nach Gateshead holen lassen; weder sie noch die Ihrigen hatten mich
jemals besucht; nicht einmal durch Briefe hatte ich eine Verbindung
mit der Außenwelt; Schulgesetze, Schulpflichten, Schulgewohnheiten,
Schulsympathieen und Antipathieen, das war alles, was ich vom Leben
kannte. Jetzt fühlte ich, daß dies nicht genug wäre; an einem einzigen Nachmittage wurde ich dessen überdrüssig, was mir acht Jahre
hindurch zur Gewohnheit geworden war. Ich sehnte mich nach Freiheit, ich schmachtete nach ihr; ich bat Gott um Freiheit. Mein Gebet
schien im Winde zu verwehen; mein Flehen nahm einen demütigeren
Charakter an; ich bat um Wechsel, um Anregung, aber auch diese
Bitte schien in weiter Ferne zu verhallen; endlich rief ich in halber
Verzweiflung: ,Gieb mir, o Herr, wenigstens ein neues Feld der
Dienstbarkeit.’ Da rief mich plötzlich die Glocke nach unten zum
Abendessen.

Ich hatte vor Schlafenszeit keinen freien Augenblick, um meinen
unterbrochenen Gedankengang wieder aufzunehmen; selbst dann hielt
mich noch eine Lehrerin, mit der ich das Schlafzimmer teilte, durch
ein langes, gleichgültiges Gespräch ab, mich dem ersehnten Gegenstande wieder zuzuwenden. Wie wünschte ich, daß der Schlaf ihr
den Mund verschließen möchte! Es schien mir, als ob mir irgend
eine plötzliche Eingebung das Herz erleichtern würde, wenn es mir
nur vergönnt wäre, noch einmal zu den Gedanken zurückzukehren, die
mich erfaßten, als ich an meinem Fenster stand.
Endlich schnarchte Miß Gryce. Diese ihre Gewohnheit war bisher
von mir immer als eine Plage betrachtet worden, aber heute hörte
ich die ersten gurgelnden Töne mit Genugthuung, und sobald ich vor
Unterbrechung sicher war, wurden meine halb verwischten Gedanken
wieder lebendig.
,Ein neues Feld der Dienstbarkeit,' dachte ich, ,das wäre ein
Ausweg. Dienstbarkeit! das klingt freilich nicht so süß wie: Freiheit,
Anregung, Genuß, doch diese ersehnten Güter find nicht erreichbar
für mich. Aber Dienstbarkeit! das läßt sich hören. Dienen kann
jeder. Ich habe hier acht Jahre gedient und alles, was ich verlange,
ist, wo anders zu dienen. Kann ich das nicht erreichen? Ist das
unmöglich? Nein, nein, das ist nicht so schwer, ich muß nur überlegen, wie ich es anfange.
Ich richtete mich im Bette auf und strengte mein Gehirn an.

Es war eine kalte Nacht; ich schlug ein Tuch um meine Schultern
und sann und sann:
,Was fehlt mir? Eine andere Stellung in einem anderen Hause,
unter anderen Menschen in anderen Verhältnissen; ich ersehne sie,
weil etwas Besseres unerreichbar ist. Wie gelangen andere zu einer
solchen Stellung? Sie wenden sich an ihre Freunde; ich habe keine
Freunde. Aber es giebt außer mir noch viele Menschen, die keine
Freunde haben, die nur auf sich selbst gestellt find; wie fangen die
es an ??

Ich konnte keine Antwort auf diese Frage finden, so sehr ich
auch mein Hirn anstrengte. Ich wurde immer aufgeregter, alle meine
Pulse schlugen, aber mir kam kein rettender Gedanke. Fast eine
Stunde saß ich so, bis ich mich von der vergeblichen Anstrengung
wie im Fieber fühlte; da stand ich auf, ging im Zimmer auf und
ab; endlich zog ich den Fenstervorhang zurück; die Sterne standen
am Himmel; ich schaute zu ihnen empor, bis ich vor Kälte zitterte
und kroch wieder in mein Bett.
Während ich es verlassen hatte, hatte gewiß eine gütige Fee die
Eingebung auf mein Kopfkissen niedergelegt, denn ganz plötzlich kam
mir der Gedanke:,diejenigen, welche eine Stellung suchen, inserieren
in der Zeitung; Du mußt im -shire Herald inserieren.'

,Wie soll ich das machen; ich verstehe dergleichen nicht.
jetzt kamen die Antworten schnell und wie von selbst.’

,Du mußt das Inserat und die Bezahlung dafür unter Couvert
an den Herausgeber des Herald schicken, mußt es bei der ersten
Gelegenheit, die sich Dir bietet, in Lowton auf die Post geben, und
die Antworten poste restante dorthin senden lassen; eine Woche,
nachdem Du Deinen Brief abgeschickt hast, kannst Du die Antworten
abholen, wenn solche kommen.

Ich durchdachte diesen Plan zwei- oder dreimal, und als ich ihn
als praktisch und ausführbar erkannt hatte, fühlte ich mich beruhigt
und schlief ein. Mit Tagesanbruch stand ich auf und schrieb meine
Annonce; ehe noch die Glocke die Schülerinnen aus den Betten rief,
war sie kouvertiert; sie lautete, wie folgt:
,Eine junge Dame, im Unterrichten geübt'? (war ich nicht zwei
Jahre hindurch Lehrerin gewesen?, ,wünscht eine Stellung in einer
Familie bei Kindern unter vierzehn Jahren? (ich dachte daran, daß
ich kaum achtzehn Jahre alt war, und nicht die Erziehung von Mädchen
meines Alters übernehmen könnte. , Sie ist befähigt alles zu lehren,
was gewöhnlich von einer Erzieherin gefordert wird, besonders:
Französisch, Zeichnen und Musik' (zu damaliger Zeit wurden bescheidene
Kenntnisse in diesen Lehrfächern höher als jetzt angeschlagen?. ,Adresse
J. E. poste restante, Lowtonshire.

Den ganzen Tag über lag dieses Dokument in meiner Kommode
eingeschlossen; nachdem Thee erbat ich mir von der neuen Vorsteherin
Urlaub, um nach Lowton zu gehen und einige Besorgungen für mich
und mehrere meiner Kolleginnen zu machen; die Erlaubnis wurde
willig gegeben, und ich ging. ich hatte einen Weg von zwei Meilen
zurückzulegen; der Abend war feucht, aber die Tage noch lang; ich
ging in verschiedene Läden, steckte den Brief in den Briefkasten, und
ging durch strömenden Regen wieder nach Hause, wo ich mit durchnäßten Kleidern aber mit erleichtertem Herzen wieder ankam.

Die folgende Woche schien mir entsetzlich lang, doch ging sie
auch einmal zu Ende, wie alle irdischen Dinge, und ich befand mich
an einem schönen Herbstabende wieder auf dem Wege nach Lowton.
Es war, nebenbei gesagt, ein malerischer Pfad, auf dem ich wandelte,
immer an der Seite des Baches entlang, der sich in reizenden Windungen durch das Thal schlängelte; aber heute dachte ich mehr an
die Briefe, welche ich in dem kleinen Flecken, dem ich zustrebte, finden
oder nicht finden würde, als an die Reize der Landschaft.

Dieses Mal hatte ich für meinen Ausgang den Vorwand gebraucht, daß ich mir ein Paar Schuhe anmessen lassen wolle; ich
führte dieses Vorgeben erst aus und ging von dem Laden des Schuhmachers quer über die saubere, enge Straße nach der Post. Am
Schalter saß eine alte Dame, welche eine Hornbrille auf der Nase
und schwarze Handschuhe ohne Finger auf den Händen hatte.
,Sind einige Briefe für J. E. da? fragte ich.
Sie sah mich über ihre Brille hinweg an, dann öffnete sie eine
Schublade und wühlte lange Zeit in deren Inhalt, so lange, daß
meine Hoffnungen sanken. Endlich reichte sie mir einen Brief, nachdem sie das Dokument fast fünf Minuten durch die Brille besehen
hatte und nicht ohne mir einen fragenden und mißtrauischen Blick
zuzuwerfen; der Brief war für J. E.
,Ist nur einer da?’ fragte ich.

,Mehr sind nicht da, sagte sie. Ich steckte ihn in meine Tasche
und wendete mich heimwärts; ich konnte ihn nicht gleich öffnen, denn
die Hausordnung verlangte, daß ich um acht Uhr zurück wäre, und
es war schon halb acht Uhr. Verschiedene Pflichten erwarteten mich
bei meiner Rückkehr: ich mußte die Arbeitsstunde der Schülerinnen
beaufsichtigen, dann war ich an der Reihe, das Abendgebet zu halten,
das Zubettgehen zu überwachen, und nachher mußte ich mit den
übrigen Lehrerinnen zu Abend essen. Als wir uns endlich zur Nachtruhe zurückzogen, war die unvermeidliche Miß Gryce noch da. Wir
hatten auf unserem Leuchter nur ein kurzes Ende Licht, und ich
fürchtete, daß sie schwatzen würde, bis es niedergebrannt wäre, aber
glücklicherweise hatte das reichliche Abendessen, welches sie genossen
hatte, eine einschläfernde Wirkung; sie schnarchte schon, bevor ich ausgezogen war. Ein Stückchen Licht war noch da; ich nahm meinen
Brief aus der Tasche und erbrach das Siegel, welches den Buchstaben
F. trug. Der kurze Inhalt des Schriftstücks lautete:
,Wenn J. E., welche am letzten Donnerstage im -shire Herald
inserierte, die erwähnten Fähigkeiten besitzt und genügende Zeugnisse
für ihren Charakter und ihre Kenntnisse aufzuweisen hat, bietet sich
ihr eine Stellung bei einem kleinen Mädchen von zehn Jahren, mit
einem Gehalt von dreißig Pfund jährlich. J. E. wird gebeten, ihre
Zeugnisse, ihre Adresse und einen Bericht über alle Einzelheiten an
Mrs. Fairfax, Thornfield, bei Millcote —shire zu senden.
Ich unterwarf das Dokument einer langen Prüfung; die Handschrift war altmodisch und ziemlich unsicher, als ob sie einer ältlichen
Dame angehöre. Dieser Umstand war befriedigend, denn mich hatte
eine innere Furcht beschlichen, daß mein eigenmächtiges Handeln mich
in Gefahren stürzen könnte, und ich wünschte doch vor allen Dingen
eine achtbare Stellung zu erringen. Ich fühlte, daß eine ältliche
Dame eine sehr angenehme Zugabe für mein Unternehmen sein würde.
Mrs. Fairfax! Ich sah sie schon im Geiste im Trauerkleide und der
Wittwenhaube; vielleicht war sie streng, aber nicht unhöflich; sie erschien mir als das Muster einer achtbaren englischen Matrone. Thornfield! Das war zweifellos der Name ihres Hauses; sicherlich ein
sauberes, nettes Plätzchen, von dessen Aussehen mir meine Phantasie
aber kein ganz genaues Bild zu schaffen wußte. Millcote, -shire;
ich suchte meine Kenntnisse von der Karte von England zusammen;
ja ich erinnerte mich an beides, die Grafschaft und die Stadt. Die
Grafschaft lag siebzig Meilen näher an London, als der abgelegene
Landstrich, in dem ich jetzt hauste; das war eine Empfehlung für
mich. Ich sehnte mich nach einer Gegend zu kommen, in der reges
Leben herrschte. Millcote war eine große Fabrikstadt an den Ufern
des A., jedenfalls kein ruhiger Ort; um so besser, dann war der
Wechsel um so größer. Meine Phantasie ergötzte sich freilich nicht
bei dem Gedanken an hohe Schornsteine und dicke Rauchwolken, aber
ich schloß, Thornfield wird wohl ein ganzes Stück von der Stadt
entfernt liegen.
Da fiel das letzte Stückchen Licht um, und der Docht ging aus.
Am anderen Tage waren verschiedene Schritte zu thun; ich
konnte meine Pläne nicht länger mehr in mich verschließen, sondern
mußte sie, um ihren Erfolg zu sichern, anderen mitteilen. Ich suchte
während der Mittagsmahlzeit eine Audienz bei der Vorsteherin nach,
teilte ihr mit, daß ich eine Stelle in Aussicht hätte, in der mir das
Doppelte des Gehaltes geboten würde, welches ich in Lowood erhielt,
und bat sie, Mr. Brocklehurst oder das Komite davon in Kenntnis
zu setzen und sie für mich um die Erlaubnis zu bitten, mich auf ihr
Zeugnis berufen zu dürfen. Sie willigte freundlich ein, die Vermittelung in dieser Angelegenheit zu übernehmen, und teilte am
nächsten Tag Mr. Brocklehurst meine Wünsche mit. Dieser war der
Meinung, daß an Mrs. Reed geschrieben werden müsse, weil sie mein
natürlicher Vormund sei. Dies geschah, und es kam die Antwort
zurück, ,ich möge thun und lassen, was mir beliebe, sie habe seit
langer Zeit jede Einmischung in meine Angelegenheiten aufgegeben'.
Dieser Brief wurde dem Komité eingesandt und endlich, nach dieser,
wie es mir schien, höchst langweiligen und unnützen Verzögerung,
ward mir in aller Form die Erlaubnis erteilt, mich um eine bessere
Stellung zu bewerben, und das Zeugnis beigefügt, daß ich mich
immer gut geführt hätte, sowohl als Schülerin, wie als Lehrerin der
Lowoodstiftung, und daß mir ein Zeugnis über meinen Charakter
und meine Befähigung von den Vorstehern der Anstalt ausgestellt
werden würde.

Dieses Zeugnis erhielt ich nach Ablauf einer Woche; ich sandte
eine Abschrift desselben an Mrs. Fairfax, erhielt die Antwort, daß
es ihr genüge, und daß sie wünsche, ich möge in vierzehn Tagen
meine Stellung als Erzieherin in ihrem Hause antreten.

Ich traf meine Vorbereitungen für die Reise, unter denen die
vierzehn Tage schnell vergingen. Ich hatte keine große Garderobe,
wenn sie auch für meine Bedürfnisse ausreichend war, und so reichte
der letzte Tag hin, meinen Koffer zu packen, denselben Koffer, welchen
ich vor acht Jahren von Gateshead mitgebracht hatte. Er war beschnürrt, die Adresse aufgenagelt und der Fuhrmann, welcher ihn nach
Lowton bringen sollte, wurde in einer halben Stunde erwartet; ich
selbst mußte am nächsten Morgen in aller Frühe dort ein, um die
Post zu benutzen. Ich hatte mein schwarzes Reisekleid ausgebürstet,
meinen Hut, Handschuhe und Muff bereit gelegt, und durchsuchte alle
meine Schubladen, um zu sehen, ob ich auch nichts vergessen hätte;
als ich fertig war, setzte ich mich nieder und versuchte auszuruhen;
aber obgleich ich den ganzen Tag auf den Füßen gewesen war, konnte
ich keine Ruhe finden; ich war zu aufgeregt. Heute endete ein Abschnitt meines Lebens; morgen sollte ein neuer beginnen; wer hätte
da an Schlaf denken können? Während sich dieser Wechsel vollzog,
mußte ich wachen.
,Miß, sagte ein Dienstmädchen, welches mich in der Vorhalle
traf, in der ich wie ein ruheloser Geist auf- und abwanderte, ,unten
ist jemand, der Sie zu sprechen wünscht.'

,Jedenfalls der Fuhrmann,’ dachte ich und lief hinunter, ohne
weiter zu fragen. ich ging an einem Hinterzimmer vorüber, das
die Lehrerinnen gewöhnlich als gemeinschaftliches Wohnzimmer benutzten und dessen Thür jetzt offen stand, eine Frau trat heraus und
kam auf mich zu:

,Sie sind es; ich irre mich nicht! Ich hätte Sie unter
Hunderten wieder erkannt!' rief sie, mir den Weg vertretend und
meine Hand fassend.
Ich sah auf; vor mir stand eine gut, doch einfach gekleidete
Frau, welche recht hübsch und noch jung aussah; sie hatte schwarze
Augen und Haare und eine lebhafte Gesichtsfarbe.

,Nun, wer bin ich?' sagte sie mit einer Stimme und einem
Lächeln, die mir bekannt vorkamen, ,ich hoffe, Sie haben mich nicht
ganz vergessen, Miß Jane.

Im Augenblick darauf umarmte und küßte ich sie voll Entzücken:
,Bessie! Bessie! Bessie!' war alles, was ich sagte; sie lachte unter
Thränen und wir traten beide in das Zimmer. Am Kamin stand
ein kleiner Knabe von drei Jahren.
,Das ist mein Junge,’ sagte Bessie.
,Du bist also verheiratet,’ Bessie
,Ja, seit beinahe fünf Jahren mit Robert Leaven, dem Kutscher;
und ich habe außer Bobby noch ein kleines Mädchen, die wir Jane
getauft haben.

,Wohnst Du nicht mehr in Gateshead?’
,Ja, im Portierhause; der alte Portier ist fort.’
,Und wie geht es allen? Erzähle mir alles, Bessie; aber zuerst
setze Dich; und Du, Bobby, komm auf meinen Schoß, willst Du?’
aber Bobby zog es vor, sich an seine Mutter zu schmiegen.

,Sehr groß und stark sind Sie nicht geworden, Miß Jane,’
fuhr Mrs. Leaven fort. ,Sie sind in der Anstalt gewiß nicht gut
gepflegt worden; Miß Reed ist einen Kopf größer als Sie und Miß
Georgiana zweimal so breit.’

,Georgiana ist gewiß hübsch, denke ich mir.’
,Sehr hübsch. Sie war im vorigen Winter mit ihrer Mama
in London; sie ist dort allgemein bewundert worden; und ein junger
Lord verliebte sich in sie, aber seine Familie wollte die Heirat nicht
zugeben. Ich glaube, sie hätte ihn gern geheiratet, schon um aus
dem Hause zu kommen, denn sie lebt mit ihrer Schwester wie Hund
und Katze.’

,Und wie geht es John Reed?’
,Er thut nicht gut und macht seiner Mama große Sorge. Er
war auf der Schule, wurde aber fortgejagt; seine Oheime wünschten,
er möchte Advokat werden und Jura studieren, aber er ist so zerstreut;
ich glaube aus ihm wird niemals etwas werden.’

,Wie sieht er aus?’
,Er ist sehr groß; viele Leute finden ihn hübsch, aber er hat so
dicke Lippen.’

,Und Mrs. Reed?’
,Mrs. Reed sieht wohl und kräftig aus, aber ich glaube, daß
ihr das Herz oft schwer ist, denn Mr. Johns Aufführung macht ihr
Kummer- er verschwendet so viel Geld.’

,Hat sie Dich hergeschickt, Bessie?’

,Oh, nein! Aber ich hatte schon lange Sehnsucht, Sie zu sehen,
und als ich hörte, daß ein Brief von Ihnen angekommen wäre, und
daß Sie in eine ganz andere Gegend gingen, da machte ich mich
hierher auf, in der Furcht, Sie möchten später gar nicht mehr für
mich zu erreichen sein.'
,Ich fürchte, Du hast mich anders zu sehen erwartet, Bessie,
und bist nun arg enttäuscht,’ sagte ich lachend, denn ich bemerkte,
daß in Bessies Blick keineswegs Bewunderung, wenn auch Achtung lag.
,Nein, Miß Jane, durchaus nicht; Sie sind hübsch genug geworden und sehen vornehm aus; mehr hatte ich von Ihnen nicht
erwartet, denn Sie waren schon als Kind keine Schönheit.’

Ich lächelte über Bessies offenherzige Antwort. Daß sie das
Richtige traf, wußte ich und gestehe, daß ich keineswegs unempfindlich
für Bessies Urteil war. Mit achtzehn Jahren wünschen sich die
meisten Menschen zu gefallen, und die Überzeugung, daß ihre äußere
Erscheinung nicht geeignet ist, diesen Wunsch zu unterstützen, ist durchaus nicht angenehm.
,Gewiß sind Sie auch klug,’ fuhr Bessie in der Absicht mich
zu trösten fort. ,Was haben Sie denn alles gelernt? Können Sie
Klavier spielen?’
‘Ein wenig.’
Es stand ein Klavier im Zimmer; Bessie öffnete es und bat mich
ein Stückchen zu spielen; ich spielte einige Walzer, und sie war
entzückt.

,So schön können die Misses Reed nicht spielen!’ sagte sie begeistert. ,Ich habe immer gesagt, daß Sie mehr lernen würden!
Können Sie auch zeichnen?’
,Das Gemälde über dem Kamin ist von mir. Es war eine
Landschaft in Wasserfarben, mit welcher ich der Vorsteherin ein Geschenk gemacht hatte, um mich ihr erkenntlich zu zeigen für ihre Fürsprache zu meinen Gunsten bei dem Komité; sie hatte das Bild einrahmen lassen.’
,Oh, ist das schön! Miß Jane. Schöner könnte es der Zeichenlehrer der Miß Reed nicht machen, und daß Ihre Cousinen das jemals
lernten, daran ist gar nicht zu denken. Haben Sie auch Französisch
gelernt?’

,Oh, ja! Ich kann es lesen, schreiben und sprechen.’
,Und Sie können auch weiß und bunt sticken?’
,Auch das kann ich.’
,Oh, Sie sind eine vollkommene Dame, Miß Jane! Ich wußte,
daß Sie es werden würden; und Sie werden schon durch die Welt
kommen, ob sich Ihre Verwandten um Sie kümmern oder nicht. — Eins wollte ich Sie noch fragen, Miß Jane: Haben Sie jemals
etwas von Ihres Vaters Familie, den Eyres gehört?’
,Niemals!'
,Nun, Sie wissen ja, daß Mrs. Reed immer verächtlich von
ihnen sprach. Arm mögen sie vielleicht sein, aber ich glaube, daß sie
ebenso vornehme Leute wie die Reeds sind, denn eines Tages, es
müssen fast sieben Jahre her sein, kam ein Mr. Eyre nach Gateshead
und wünschte Sie zu sehen. Als Mrs. Reed sagte, Sie wären in
einem Pensionat, fünfzig Meilen von Gateshead entfernt, schien er
sehr niedergeschlagen, denn er konnte Sie nicht mehr aufsuchen, weil
er eine Reise übers Meer antreten wollte und das Schiff in ein oder
zwei Tagen von London abging. Er sah ganz wie ein Gentleman
aus; ich glaube, es war Ihres Vaters Bruder.’

,Wo reiste er hin, Bessie?’
,Nach einer Insel, tausend Meilen weit, wo es schönen Wein
giebt, wie mir der Kellermeister sagte-‘

,Madeira? schaltete ich ein.
,Ja, so hieß sie.

,Er ging also wieder fort?’
,Ja, er blieb nur wenige Minuten. Mrs. Reed benahm sich sehr
hochmütig gegen ihn; sie nannte ihn später einen jämmerlichen Krämer,
aber mein Robert glaubt, daß er ein Weinhändler war.
,Das ist schon möglich,’ erwiderte ich, ,vielleicht auch Commis
oder Agent eines Weinhändlers.’

Eine Stunde lang plauderten Bessie und ich noch von alten Zeiten,
dann mußte sie fort. Ich sah sie am nächsten Morgen noch für einige
Minuten in Lowton, während ich auf die Post wartete. Wir trennten
uns endlich vor der Posthalterei; sie suchte das Fuhrwerk auf, welches
sie nach Lowood zurück bringen sollte, und ich bestieg die Postkutsche,
welche mich neuen Pflichten und einem neuen Leben in der unbekannten Umgebung von Millcote entgegen führte.

Elftes Kapitel.

Ein neues Kapitel in einer Erzählung gleicht gewissermaßen
einem neuen Aufzuge in einem Schauspiele. Wenn ich jetzt den Vorhang aufziehe, mußt Du, lieber Leser, Dir ein Zimmer im Gasthofe
zum Ritter Georg in Millcote vorstellen; die Wände sind mit großen
Figuren bemalt, wie in den meisten Gasthauszimmern; Teppich,
Meublement, die Schmuckgegenstände auf dem Kamin unterscheiden
sich in nichts von den allgemein üblichen; sogar ein Bildnis von
Georg dem Dritten und ein zweites vom Prinzen von Wales fehlen
in der Zimmerausstattung nicht. Alles dies kannst Du beim Lichte
einer Öllampe bemerken, die von der Decke herabhängt; dazu denke
Dir ein behagliches Kaminfeuer, an dem ich in Hut und Mantel
sitze, um mich, nach einer Fahrt von sechzehn Stunden in dem
rauhen Oktoberwetter, zu erwärmen. Ich verließ Lowton um vier
Uhrmorgens und jetzt schlägt die Thurmuhr in Millcote die achte
Stunde.

Obgleich ich äußerlich in sehr angenehmer Lage zu sein scheine,
fühle ich mich durchaus nicht innerlich ruhig, lieber Leser. Ich hatte
geglaubt, es würde mich jemand hier erwarten; als ich aus dem
Wagen stieg, schaute ich mich ängstlich um, in der Voraussetzung, ich
würde meinen Namen aussprechen hören und einen Wagen sehen, der
mich weiter nach Thornfield bringen sollte. Aber nichts dergleichen
war zu erblicken. Ich fragte den Kellner, ob sich jemand nach Miß
Eyre erkundigt habe; er verneinte es; da blieb mir denn nichts anderes übrig, als ein Zimmer zu verlangen; und hier warte ich nun,
und alle möglichen Zweifel und Befürchtungen erfüllen meine Gedanken.

Für die unerfahrene Jugend ist es ein ganz sonderbares Gefühl,
sich so ganz allein in der Welt zu wissen; von denen, die man kennt,
vollständig abgeschnitten; unsicher, ob man das Ziel, dem man zustrebt, erreichen wird, und doch nicht im stande, an seine frühere Heimstätte zurückzukehren. Der Reiz des Abenteuerlichen versüßt dieses
Gefühl, die Macht des Stolzes erwärmt es, aber Furcht macht es
auch wiederum beängstigend; und bei mir wurde die Furcht überwiegend, als eine halbe Stunde vergangen und ich noch immer allein
war. Ich entschloß mich zu klingeln.

,Giebt es hier in der Nachbarschaft einen Ort, Thornfield genannt?' fragte ich den eintretenden Kellner.

,Thornfield? Ich weiß es nicht Ma'am, aber ich werde sogleich
danach fragen. Er verschwand, kehrte aber augenblicklich zurück.

,Ihr Name ist Eyre, Miß? sagte er.
,Ja.
,Es erwartet Sie jemand.
Ich sprang auf, nahm meinen Muff und Regenschirm und eilte
nach dem Flur; dort stand ein Mann in der offenen Thür und ich
sah bei der Straßenlaterne draußen undeutlich ein einspänniges
Fuhrwerk.
,Vermutlich ist dies Ihr Gepäck? sagte der Mann ziemlich
kurz, als er mich sah, und zeigte auf meinen Koffer.

,Ja. Er hob ihn auf das Fuhrwerk, welches eine Art von
Kabriolet war, dann stieg ich ein, ihn fragend, wie weit es noch bis
Thornfield wäre.
,Ungefähr sechs Meilen.'
,Wie lange haben wir zu fahren?’
, Beinahe eine und eine halbe Stunde.'

Er schloß die Wagenthür, kletterte auf den Kutschersitz und wir
fuhren ab. Wir kamen langsam vorwärts und ich hatte vollauf Zeit,
meinen Gedanken nachzuhängen. Ich war zufrieden, endlich dem
Ziel meiner Reise so nahe zu sein und lehnte mich behaglich in den
Fond des bequemen, wenn auch nicht eleganten Wagens zurück.

Nach der Einfachheit des Gefährts und Dieners zu urteilen,
scheint Mrs. Fairfax keine besonders hochgestellte Dame zu sein,
dachte ich; das war mir um so lieber, denn ich hatte mich damals
sehr elend gefühlt, als ich das eine Mal in meinem Leben unter vornehmen Leuten gewesen war. Ob sie wohl niemand als das kleine

Mädchen bei sich hat? In diesem Falle werde ich gewiß mit ihr
fertig werden, wenn sie nur einigermaßen liebenswürdig ist; ich will
mir alle Mühe geben; es ist nur traurig, daß dies nicht immer zum
Ziele führt. In Lowood hatte ich den Vorsatz auch gefaßt, führte ihn
durch und erwarb mir auch Achtung und Zuneigung, aber bei Mrs.
Reed waren meine größten Anstrengungen erfolglos. ich bat Gott,
er möge mich davor bewahren, daß Mrs. Fairfax sich als eine zweite
Mrs. Reed erwiese; glücklicherweise war ich ja nicht genötigt, auf
alle Fälle bei ihr zu bleiben, wenn ich mich unglücklich bei ihr fühlte,
konnte ich ja durch die Zeitung eine neue Stellung suchen. Wie weit
mögen wir wohl jetzt sein?

Ich sah mich um. Millcote lag bereits hinter uns; nach den
vielen Lichtern zu urteilen, mußte es eine Stadt von namhafter
Größe sein, weit größer als Lowton. So viel ich sehen konnte,
waren wir jetzt auf einer Ebene, die mit zerstreuten Häusern übersät
war; ich fühlte, daß ich in einer ganz anderen Umgebung als in
Lowood war, sie war volkreicher und weniger malerisch, unruhiger
und weniger romantisch.

Die Wege waren ausgefahren und das Wetter nebelich; der
Kutscher ließ das Pferd laufen, wie es wollte, und so kam es denn,
daß die anderthalb Stunden sich wohl zu zweien ausdehnten; endlich
wendete er sich auf seinem Sitze nach mir um und sagte:

,Jetzt sind wir in Thornfield.'
Ich sah wieder zum Wagen hinaus, und bemerkte, daß wir an
einer Kirche vorüber fuhren; ihr breiter, niedriger Turm zeichnete
sich gegen den Himmel ab; ich sah auch eine lange Reihe von Lichten
am Abhange eines Hügels, welche verrieten, daß dort ein Dorf lag.
Nach zehn Minuten sprang der Kutscher von seinem Sitz herunter
und öffnete ein Gitterthor, wir fuhren hindurch und es fiel hinter
uns wieder in's Schloß; langsam fuhren wir weiter und hielten
endlich vor der Front eines großen Hauses; ein Bogenfenster desselben war erleuchtet, alle übrigen dunkel. Die Hausthür wurde von
einem Mädchen geöffnet; ich stieg aus und trat ein.

,Bitte, hier entlang, Miß,! sagte das Mädchen und ich folgte
ihr durch eine quadratische Halle, welche nach allen Seiten hin
Thüren hatte. Sie nötigte mich in ein Zimmer, dessen doppelte Beleuchtung durch Lichte und Kaminfeuer mich zuerst durch den Kontrast
mit der Dunkelheit draußen blendete, an die meine Augen seit zwei
Stunden gewöhnt waren; als ich endlich sehen konnte, bot sich mir
ein angenehmer, traulicher Anblick dar.

Ein behagliches kleines Zimmer; ein runder Tisch vor einem
hellen Kaminfeuer, ein hochlehniger, altmodischer Armstuhl, in dem
die sauberste alte Dame saß, die man sich vorstellen kann; sie trug
die Wittwenhaube, ein schwarzseidenes Kleid, eine schneeweiße
Musselinschürze, und entsprach genau der Vorstellung, die ich mir
von Mrs. Fairfax gemacht hatte, nur daß sie weniger steif und viel
freundlicher aussah. Sie strickte; eine große Katze saß still zu ihren
Füßen; kurz, es fehlte nichts, um das Ideal einer gemütlichen Häuslichkeit zu vervollständigen. Ermutigender konnte der erste Eindruck
für eine Erzieherin kaum sein; da war nichts von überwältigender
Großartigkeit, keine Steifheit, keine Unruhe. Als ich eintrat, stand
die alte Dame auf und kam sogleich freundlich auf mich zu.
,Guten Abend, Miß, sagte sie. , ich fürchte, Sie haben eine
recht langweilige Fahrt gehabt. John fährt so langsam. Sie müssen
ganz durchgekältet sein; kommen Sie recht nahe an das Feuer.'
,Mrs. Fairfax, vermute ich?
,Ja, die bin ich. Bitte, nehmen Sie platz.
Sie führte mich zu ihrem eigenen Stuhl, dann nahm sie mir
meinen Shawl ab, band meine Hutbänder auf und war so geschäftig
um mich, daß ich sie bitten mußte, sich nicht so zu bemühen.

,Oh, das ist keine Mühe; ihre eigenen Hände sind ja ganz
klamm vor Kälte. Leah, mache etwas heiße Limonade und bringe
einige belegte Butterbrote; hier sind die Schlüssel von der Vorratskammer.

Sie nahm aus ihrer Tasche einen sehr hausmütterlichen Schlüsselbund und händigte ihn dem Mädchen ein.

,Nun rücken Sie näher zum Feuer,' fuhr sie fort ,Ihr Gepäck
haben Sie doch wohl mitgebracht, meine Liebe?

,Ja, Madame.
,Ich will es auf Ihr Zimmer bringen lassen, sagte sie und
ging geschäftig hinaus.
,Sie behandelt mich wie einen Besuch,! dachte ich.,Diese Aufnahme habe ich mir nicht träumen lassen; ich erwartete Zurückhaltung
und Kälte. Mein Empfang stimmt durchaus nicht mit dem überein,
was ich über die Behandlung der Erzieherinnen gehört habe; aber
ich darf nicht zu früh frohlocken.

Mrs. Fairfax kehrte zurück und nahm eigenhändig ihr Strickzeng
und einige Bücher vom Tisch, um platz für das Tablet zu machen,
das Leah jetzt brachte; dann reichte sie mir selbst die Erfrischungen
zu. Es machte mich ganz verwirrt, der Gegenstand von ß viel Aufmerksamkeit zu sein, mehr als mir bisher jemals zu teil geworden
war, aber Mrs. Fairfax selbst schien ihre Dienstleistungen durchaus
nicht als etwas in ihrer Stellung Ungehöriges anzusehen, und so
hielt ich es für das beste, ihre Zuvorkommenheit ruhig anzunehmen.
Nachdem ich den Erfrischungen zugesprochen hatte, welche sie mir
anbot, fragte ich:

,Werde ich heute Abend noch die Freude haben, Miß Fairfax
kennen zu lernen?’
,Wie sagten Sie, meine Liebe? Ich bin etwas schwerhörig,' erwiderte die alte Dame, ihr Ohr meinem Munde nähernd.

Ich wiederholte die Frage so deutlich, wie es mir möglich war.
,Miß Fairfax? Oh, Sie meinen Miß Varens! Varens ist der
Name Ihres künftigen Zöglings.’

,Varens! Dann ist sie also nicht Ihre Tochter?’
,Nein, - ich habe keine Familie.’
Ich hätte gern weitere Erkundigungen eingezogen, um zu erfahren, in welchem verwandtschaftlichen Verhältnis Miß Varens zu
zu Miß Fairfax stand, aber mir fiel noch zu rechter Zeit ein, daß es
unhöflich sei, viel zu fragen; ich mußte ja auch mit der Zeit alles
erfahren.

,Ich freue mich so' sagte sie, sich mir gegenübersetzend und
die Katze auf den Schoß nehmend; ‘ich freue mich so, daß Sie gekommen sind; es muß so angenehm sein, immer jemand um sich zu
haben! Es ist hier freilich zu allen Zeiten angenehm, denn Thornfield
ist ein schöner Wohnsitz; in den letzten Jahren freilich etwas vernachlässigt, aber trotzdem schön; aber im Winter fühlt man sich auch in der besten Umgebung bedrückt, wenn man ganz einsam lebt. Ich habe ja freilich Leah um mich, die ein gutes Mädchen ist, und John und seine Frau sind auch sehr achtbare Leute, aber es sind doch nur
Dienstboten, und man kann sich mit ihnen nicht wie mit seinesgleichen unterhalten; man muß sie immer in einer gewissen Entfernung von sich halten, damit man nicht die Autorität über sie verliert. Ich kann Sie versichern, daß letzten Winter- Sie werden
sich erinnern daß er sehr streng war, und daß es entweder fortwährend schneite oder regnete und stürmte-, daß letzten Winter außer dem Schlächter und Postboten vom November bis Februar nicht eine Seele hier war; ich wurde wirklich ganz melancholisch, weil ich jeden Abend hier allein saß. Mitunter ließ ich mir freilich von Leah vorlesen, aber ich glaube, daß dem armen Mädchen diese Beschäftigung recht zuwider war; sie schien sich wie eingesperrt vorzukommen. Im Frühling und Sommer erträgt sich die Abgeschlossenheit besser; der Sonnenschein belebt den Menschen und die langen Tage erleichtern
jede Beschäftigung; zu Anfang des Herbstes kam dann die kleine
Adele Varens mit ihrer Wärterin. Ein Kind macht gleich das ganze
Haus lebendig, und jetzt, wo auch Sie hier sind, werde ich ganz aufleben.

Mein Herz erwärmte sich immer mehr für die alte Dame,
während sie plauderte; ich rückte näher zu ihr heran und sprach den
aufrichtigen Wunsch aus, daß sie meine Gesellschaft so angenehm
finden möchte, wie sie voraussetzte.

,Aber,’ sagte sie, ,Sie dürfen heute Abend nicht so lange aufbleiben; es wird gleich zwölf schlagen; Sie müssen müde sein, denn
Sie sind den ganzen Tag gefahren; wenn Sie sich jetzt ordentlich
aufgewärmt haben, will ich Ihnen Ihr Schlafzimmer zeigen. Ich
habe das Zimmer dicht neben dem meinigen für Sie herrichten lassen;
es ist nur klein, aber ich dachte, es würde Ihnen lieber sein, als eines
von den großen Vorderzimmern; sie sind freilich eleganter ausgestattet, aber sie sehen so düster und ungemütlich aus; ich mag nicht
in ihnen schlafen.’

Ich dankte ihr für ihre rücksichtsvollen Anordnungen und zeigte
mich bereit, mich zurückzuziehen, da ich mich nach der langen Reise
wirklich sehr ermüdet fühlte. Sie nahm das Licht und ich folgte ihr.
Zuerst sah sie nach, ob die Hausthür verschlossen war; nahm den
Schlüssel aus dem Schloß und führte mich dann die Treppe hinauf;
diese war ebenso, wie das Geländer, von Eichenholz, das Treppenfenster hoch und vergittert. Das Treppenhaus sowohl, als die lange
Galerie, auf welche die Schlafstubenthüren mündeten, schienen eher
einer Kirche als einem Wohnhaus anzugehören; die Gewölbe machten
einen erkältenden Eindruck, und als ich endlich mein Zimmer betrat,
war ich froh, es nicht so weit und groß zu finden, wie ich es nach
dem Anblick der Halle erwartet hatte, sondern von kleinen Dimensionen und nach der üblichen herrschenden Mode möbliert.

Als Mrs. Fairfax mir freundlich eine gute Nacht gewünscht und
ich meine Thür verschlossen hatte, sah ich mich in meinem Reiche
um; die behagliche Einrichtung meines kleinen Zimmers erwischte
einigermaßen den unheimlichen Eindruck, welchen die weite Halle und
die dunkle, mächtige Treppe auf mich gemacht hatten, und ich fühlte
beglückt, daß ich nach einem Tage voll Anstrengung und voll ängstlicher Befürchtungen endlich im sicheren Hafen war. Das Gefühl
des Dankes schwellte mein Herz und ich kniete an der Seite meines
Bettes nieder, um ihn dem darzubringen, dem er gebührte, und flehte
ihn an, meine Schritte ferner zu lenken und mir die Kraft zu geben,
mir die gütige Gesinnung zu verdienen, welche man mir entgegenbrachte, ehe ich etwas hatte thun können, um sie zu gewinnen. In
dieser Nacht war mein Lager ohne Dornen; müde und ruhigen Herzens schlief ich bald fest ein, und als ich erwachte, war heller Tag.
Mein Zimmer sah so freundlich aus, als die Sonne durch die hellblauen Fenstergardinen auf die tapezierten Wände und den getäfelten
Fußboden schien, es war solch ein Abstand gegen die kahlen Wände
und den gepflasterten Fußboden von Lowood, daß der Anblick mein
Herz erfreute.

Auf die Jugend machen Äußerlichkeiten einen großen Eindruck;
es schien mir, als ob ein neuer Lebensabschnitt für mich begönne, der
ebensowohl Blumen und Genüsse bringen würde, wie Dornen und
Mühen. Meine Fähigkeiten erwachten alle und schienen zu wachsen,
weil ihnen ein neuer Wirkungskreis angewiesen wurde. Ich kann
nicht genau schildern, welches Glück mir für die Zukunft vorschwebte,
aber ich wußte, es würde kommen; wenn auch nicht heute oder in
diesem Monat, so doch in einer unbestimmten fernen Zeit.

Ich stand auf und kleidete mich sorgfältig an. Einfach konnte
mein Anzug nur sein (ich hatte nicht ein Garderobestück, das nicht
von äußerster Einfachheit wars, aber ich hielt stets darauf nett, zu
gehen. Gleichgültig gegen den Eindruck, welchen ich machte, war ich
niemals, im Gegenteil, ich wünschte immer so gut wie irgend möglich auszusehen und so gut zu gefallen, wie mein Mangel an Schönheit es erlaubte. Ich beklagte es mitunter, daß ich nicht hübscher war und wünschte, daß ich rote Backen, eine gerade Nase, einen
kleinen Kirschenmund hätte und groß und stattlich von Figur wäre;
ich empfand es als ein Unglück, daß ich so klein und blaß war und
so unregelmäßige, scharfe Züge hatte. Und aus welchem Grunde
wünschte und bedauerte ich das? Das zu sagen möchte schwer sein;
wußte ich es damals doch selbst noch nicht; und dennoch hatte ich
einen Grund dafür, einen natürlichen vernünftigen Grund. Ich machte
also mein Haar recht glatt und zog mein schwarzes Kleid an, das,
obgleich es etwas Quäkerhaftes hatte, doch den Vorzug beanspruchen
konnte, ausgezeichnet zu sitzen; legte einen reinen, weißen Kragen um
und dachte, daß ich so mit Ehren vor Mrs. Fairfax erscheinen könne,
und daß mein neuer Zögling nicht vor mir zurückzuschrecken brauche.
Nachdem ich das Fenster geöffnet und mich überzeugt hatte, daß mein
Toilettentisch sauber und alle Gegenstände auf ihm in Ordnung
waren, wagte ich mich aus dem Zimmer. Die lange, mit Teppichen
belegte Galerie durchschreitend, stieg ich die glatten, eichenen Stufen
hinunter und betrat die Halle; hier hielt ich mich einige Minuten
auf, um die Gemälde an den Wänden zu betrachten (eines stellte,
wie ich mich erinnere, einen finsteren Mann in einer Rüstung, das
andere eine Dame mit gepudertem Haar und einem Perlenhalsbande
dar). An der Decke hing eine Lampe von Bronze und an der einen
Wand stand eine große Uhr, deren Gehäuse künstlich aus Eichenholz
geschnitzt war und das die Zeit und häufiges Polieren so glänzend
wie Ebenholz gemacht hatten. Dies alles erregte meine Bewunderung; es sah so stattlich und großartig aus. Eine Glasthür führte
aus der Halle ins Freie; sie stand offen und ich trat hinaus. Es
war ein schöner Herbstmorgen; die Sonne schien hell auf die bräunlich gefärbten Wälder und die noch grünen Felder. Ich trat in die
Mitte des Grasplatzes und überschaute von dort aus die Front des
großen Herrenhauses. Es war drei Stock hoch, von stattlicher,
wenn auch nicht großartiger Ausdehnung, und machte nicht den Eindruck eines aristokratischen Wohnsitzes, wohl aber der Heimstätte eines
wohlhabenden Gentlemans; Zinnen liefen um das Dach des Gebäudes
und gaben ihm ein malerisches Ansehen. Krähen nisteten hinter
diesen Zinnen; sie flogen jetzt krächzend in großen Scharen über die
Grasplätze und das Buschwerk hin und ließen sich auf einer großen
Wiese nieder, welche nur durch einen eingefallenen Zaun vom Parke
getrennt war, in dessen Nähe mächtige alte Hagedornbüsche standen,
stark knotig und fast so dick wie Eichen; ihr Anblick machte mir auf einmal den Ursprung des Namens klar, welche dieser Landsitz trug. In der Ferne erblickte ich Hügel; sie waren nicht so hoch wie diejenigen in der Nähe von Lowood, die so rauh und starr zwischen
uns und der Welt standen, nein, es waren sanfte, freundliche Höhen,
welche Thornfield wie schützend umschlossen, daß kein Laut von dem
unruhigen Treiben in Millcote herüber drang. An einem dieser
Hügel zog sich ein Dörfchen empor, dessen Dächer von Bäumen beschattet waren; die Kirche, welche Thornfield näher lag, schaute durch
eine Lichtung des Parks. ich genoß mit Entzücken den friedlichen
Anblick, die köstliche frische Luft, ergötzte mich am Geschrei der Krähen
und übersah das große, graue Wohngebäude, denkend, welch ein ausgedehntes Besitztum es für eine so einsame kleine Dame wie Mrs. Fairfax wäre, als diese selbst in der Thür erschien.

,Wie! schon draußen? sagte sie. , Sie sind keine Langschläferin,
wie ich sehe.
Ich ging auf sie zu und wurde mit einem herzlichen Kuß und
Händedruck empfangen.

,Wie gefällt Ihnen Thornfield? fragte sie. Ich antwortete ihr,
daß es mir sehr gefiele.

,Ja, sagte sie, ,es ist ein schönes Gut; aber ich fürchte, die
Wirtschaft wird sehr in Unordnung geraten, wenn sich Mr. Rochester
nicht entschließen kann, hier für immer seinen Wohnsitz zu nehmen,
oder wenigstens häufiger her zu kommen. Große Besitzungen fordern
das wachsame Auge des Herrn.

,Mr. Rochester!' rief ich aus. ,Wer ist das?
,Der Besitzer von Thornfield, antwortete sie ruhig. ,Wußten
Sie nicht, daß er Rochester heißt?

Das wußte ich in der That nicht- ich hatte bisher nicht das
Geringste von seinem Dasein gehört, aber die alte Dame schien
vorauszusetzen, daß er jedermann bekannt sein müßte!

,Ich glaubte, fuhr ich fort, ,Thornfield gehörte Ihnen.'
,Mir? Welche Idee, liebes Kind! Mir? Ich bin nur die
Haushälterin, die Wirtschafterin. Freilich bin ich von mütterlicher
Seite den Rochesters entfernt verwandt, oder wenigstens mein Mann;
er war Geistlicher, Prediger in Hay, jenem kleinen Dorfe dort auf
dem Hügel, und diese Kirche, welche Sie hinter den Bäumen sehen,
war die seinige. Die Mutter des jetzigen Mr. Rochester war eine
Fairfax, mit meinem Manne Geschwisterkind. Ich berufe mich aber
nie auf die Verwandtschaft - sie geht mich nichts an; ich betrachte
mich nur wie eine ganz gewöhnliche Haushälterin; mein Prinzipal
ist immer höflich und mehr beanspruche ich nicht.
,Und das kleine Mädchen - meine Schülerin?
,Sie ist Mr. Rochesters Mündel. Er beauftragte mich, eine
Erzieherin für sie zu engagieren. Es scheint, er will das Kind hier
in -shire erziehen lassen. Da kommt sie mit ihrer Bonne, wie sie
ihre Wärterin nennt. ! Das Räthsel war jetzt gelöst; diese freundliche, kleine Witwe war keine große Dame, sondern in einer ebenso
abhängigen Stellung, wie ich selbst. Mir gefiel sie deshalb nur um
so besser. Die Gleichheit zwischen uns bestand wirklich und ihre
Freundlichkeit gegen mich war nicht das Resultat einer Herablassung
von ihrer Seite; um so besser, das gestaltete meine Stellung viel
freier.

Während ich über diese Entdeckung nachdachte, kam ein kleines
Mädchen über den Grasplatz, gefolgt von ihrer Wärterin. Ich betrachtete meine Schülerin, welche mich erst nicht zu beachten schien.
Sie war ein Kind von sieben oder acht Jahren, zart gebaut, mit
einem blassen, schmalen Gesicht und einer Fülle von Haaren, die in
Locken über ihren Hals fielen.
,Guten Morgen, Miß Adele, sagte Mrs. Fairfax. ,Kommen
Sie und begrüßen Sie die Dame, welche Sie unterrichten, und ein
kluges Mädchen aus Ihnen machen wird. Sie näherte sich.

,C’est là ma gouvernante?’ sagte sie zu ihrer Bonne, auf
mich deutend; diese antwortete:
,Mais oui certainenment.’
,Sind Sie Ausländer? fragte ich, erstaunt die französische
Sprache zu hören.
,Die Wärterin ist eine Ausländerin und Adele wurde auf dem
Festlande geboren; ich glaube, sie war auch immer dort bis vor sechs
Monaten. Als sie herkam, konnte sie kein Wort englisch sprechen,
jetzt kann sie es etwas radebrechen, ich verstehe sie aber nicht, sie
mischt es so mit französisch; Sie werden gewiß besser mit ihr zurecht
kommen.
Glücklicherweise hatte ich das Französische bei einer Französin
gelernt. Ich hatte die Gelegenheit gesucht, so oft als möglich mit
Madame Pierrot zu sprechen, und hatte außerdem während der letzten
sieben Jahre täglich einen Abschnitt Französisch auswendig gelernt;
ich hatte mich dabei bemüht, die Aussprache meiner Lehrerin so genau
als möglich nachzuahmen und hatte auf diese Weise eine solche
Herrschaft über die Sprache erlangt, daß ich Miß Adele gegenüber
nicht leicht in Verlegenheit kommen konnte. Als sie hörte, daß ich
ihre Erzieherin wäre, begrüßte sie mich, mir die Hand reichend; und
ich richtete einige Worte in ihrer eigenen Sprache an sie, während
ich sie in das Frühstückszimmer führte; sie antwortete zuerst kurz,
aber als wir am Frühstückstische saßen und sie mich mit ihren nußbraunen Augen etwa zehn Minuten hindurch beobachtet hatte, begann
sie plötzlich munter zu schwatzen.
,Oh!’ rief sie auf Französisch, ,Sie sprechen meine Sprache
ebenso gut, wie Mr. Rochester; ich kann mit Ihnen ebenso gut, wie
mit ihm sprechen, und Du auch, Sophie. Sie wird sich so freuen,
denn niemand versteht sie hier; Madame Fairfax ist ganz und gar
englisch. Sophie ist meine Wärterin; sie kam mit mir über die See
auf einem großen Schiff, mit einem Schornstein, welcher rauchte -
oh, wie der rauchte! - und ich war seekrank, und Sophie und Mr.
Rochester auch. Mr. Rochester lag auf dem Sofa in einem schönen
Raume, sie nannten ihn den Salon, und Sophie und ich hatten in
einem anderen Raume ganz kleine Betten. Ich fiel beinahe heraus
aus meinem Bett; es war wie ein Brett. Und Mademoiselle - wie
ist doch Ihr Name?
,Eyre - Jane Eyre.’
,Aire? Bah! ich kann das nicht aussprechen. Nun gut, unser
Schiff legte am Morgen, ehe es noch Tag wurde, bei einer großen
Stadt an, einer mächtigen Stadt mit schmutzigen, rauchigen Häusern;
sie war lange nicht so schön, wie die saubere, herrliche Stadt, aus
der ich kam. Mr. Rochester trug mich über die Schiffsplanken an
das Land und Sophie kam nach; wir stiegen alle in eine Kutsche
und fuhren nach einem schönen, großen Hause, es war viel schöner
und größer als dieses hier; sie nannten es: Hotel. Hier blieben wir
fast eine Woche; Sophie und ich gingen jeden Tag nach einem großen
grünen Platz, auf dem viele Bäume standen, welcher der Park hieß;
da waren noch viele Kinder außer mir, und ein Teich mit schönen
Vögeln darauf, die ich mit Semmelkrumen fütterte.’
,Können Sie sie denn verstehen, wenn sie so schnattert?’ fragte
Mrs. Fairfax.
Ich verstand sie sehr gut, denn ich war an die geläufige Zunge
von Madame Pierrot gewöhnt.
,Ich wünschte wohl,’ fuhr die alte Dame fort, ,Sie könnten
sie nach ihren Eltern fragen; ich möchte gern wissen, ob sie sich derselben erinnert.’
,Adele,' fragte ich, ,bei wem warst Du in der schönen, sauberen
Stadt, von welcher Du sprachst?’
,Früher war ich bei Mama und Papa in einem schönen eleganten
Hause. Es kamen viele geputzte Damen und Herren zu uns, die
alle meine Sprache sprachen; nur Papa sprach auch englisch; er hatte
es gewiß gelernt, weil er so oft nach England reiste. Mama und
mich nahm er niemals mit; Mama wollte auch nicht mit, sie sagte,
es wäre so rauchig dort.’

,Wo sind denn jetzt Deine Eltern?’
,Sie werden wohl beide im Himmel sein. Papa gewiß, denn
ich habe selbst gesehen, daß er tot war. Der arme Papa, nun kann
er nicht mehr mit mir spielen, und kann mir, wenn ich groß bin,
das schöne Pferd nicht mehr schenken, das er mir versprochen hat.
Wir freuten uns so darauf, daß wir zusammen ausreiten würden; er
ritt so gern. Aber warum nahm er auch immer so wilde Pferde,
nun hat ihn der Almansor abgeworfen, und sie brachten ihn mit zerbrochenen Beinen nach Hause und legten ihn auf sein Bett. Er sagte
gleich, er würde sterben, aber er müßte noch einen Brief schreiben.
Mama hat so geweint und Papa gebeten, er möchte doch bei uns
bleiben; ich mußte ihn auch bitten, aber er hat es doch nicht gethan;
eines Morgens brachten sie mich an Papas Bett und sagten mir, er
wäre tot und würde nun in den Himmel gehen. Papa sah aus, als
ob er schliefe, aber er war so kalt, huh, so kalt. Ich fragte Mama,
ob er denn im Himmel wieder warm werde? Mama antwortete
mir gar nicht, aber sie nahm Papas Hände und fing sie an zu reiben,
sie wollte ihn gewiß warm machen, aber er blieb immer kalt; da
holte sie aus dem Kamin eine Schippe voll glühender Kohlen, legte
sie in Papas Bett und sagte zu mir: ,Nun wird er warm werden.'!
Das gab aber einen schrecklichen Dampf im Zimmer und mit einem
Male stand das Bett in hellen Flammen und Mamas Kleider auch.
Da schrie ich vor Angst; die Bedienten stürzten herein, und als sie
den Brand sahen, kamen sie mit großen Decken, in die sie Mama
wickelten und gossen das Feuer mit Wasser aus. Mama war aber
sehr böse, daß Papa nun nicht mehr warm werden konnte; sie machte
so schreckliche Augen, daß ich mich ordentlich vor ihr fürchtete; ich
glaube, sie wollte die Diener schlagen. Meine Bonne brachte mich
schnell aus dem Zimmer.’

Hier schwieg Adele still und schien über etwas nachzusinnen, was
ihr bei diesen Vorgängen nicht klar geworden war; mich aber ergriff
eine schreckliche Ahnung ,Und wo ist Deine Mama jetzt?’ fragte
ich nach einer Weile.

,Ja, das weiß ich eben nicht; ich habe Mama nicht wiedergesehen. Meine Bonne sagte, sie wäre sehr krank, aber die alte Haushälterin meinte, sie wäre schlimmer als tot. Was ist denn schlimmer
als tot? Gewiß hat sie sich mit Papa in die schwarze Erde eingraben lassen, und kann nun nicht wieder heraus.’
Ich suchte ihren Gedanken eine andere Richtung zu geben, indem
ich sie nach ihren weiteren Erlebnissen fragte:

,Bliebst Du denn lange in dem großen schönen Hause?’
,Nein, nicht lange mehr,’ sagte sie traurig. ,Madame Friedrich
und ihr Mann nahmen mich mit sich. Ich glaube, sie sind arm,
denn sie hatten kein schönes Haus. Ich blieb nur kurze Zeit bei
ihnen, dann kam Mr. Rochester und fragte mich, ob ich mit ihm nach
England kommen und bei ihm bleiben wollte. Er war so gut zu
mir und brachte mir so viele schöne Spielsachen, darum sagte ich:
,Ja.’ Aber er hat sein Wort nicht gehalten; er hat mich nach England gebracht und ist wieder fortgereist; ich sehe ihn gar nicht mehr.’
Nach dem Frühstück zog ich mich mit Adele in die Bibliothek
zurück, welche Mr. Rochester uns, wie es schien, als Schulzimmer
angewiesen hatte. Die meisten Bücher waren in verschlossenen Glasschränken; nur ein Schrank war offen geblieben, aber er enthielt alles, was für den Elementarunterricht erforderlich war und außerdem
einige Bände leichter Literatur: Poesie, Biographieen, Reisen, einige
Romane u.s.w. Ich vermute, er hatte vorausgesetzt, daß dies für
die Bedürfnisse einer Erzieherin genüge; und ich war in der That
für den Augenblick vollkommen befriedigt, mit der spärlichen Bibliothek in Lowood verglichen schienen diese Bücher einen reichen Schatz
der Belehrung und Unterhaltung in sich zu schließen. In der Bibliothek stand auch ein ganz neuer Flügel von ausgezeichnetem Ton, eine
Staffelei zum Malen und zwei Globen.

Ich fand meine Schülerin ziemlich gelehrig, wenn auch wenig
zum Lernen geneigt; sie war nicht an regelmäßige Beschäftigung
irgend welcher Art gewöhnt. Ich fühlte, daß es unvernünftig sein
würde, sie gleich zuerst zu sehr anzustrengen, deshalb erlaubte ich ihr
gegen Mittag zu ihrer Wärterin zurückzukehren, nachdem ich ihr viel
erzählt und erreicht hatte, daß sie ein klein wenig behielt. Ich versprach ihr, in der übrigen Zeit einige kleine Zeichenvorschriften für
ihren Gebrauch anzufertigen.

Als ich die Treppe hinauf ging, um meine Mappe und meine
Bleistifte zu holen, rief mir Mrs. Fairfax zu ,Ihr Vormittagsunterricht ist doch gewiß jetzt beendigt? Sie war in einem Zimmer,
dessen Flügelthüren weit offen standen. Ich ging zu ihr hinein, als
sie mich anredete. Das Zimmer war groß und elegant, mit purpurroten Polstermöbeln und eben solchen Gardinen, einem türkischen
Teppich, Nußbaumpanelen an den Wänden, einem großen gemalten
Fenster und einer hohen, schön gewölbten Decke. Mrs. Fairfax war
beschäftigt, einige Vasen von schönem roten Marmor abzustauben,
welche auf einem Seitentischchen standen.

,Welch wundervolles Zimmer!' rief ich aus, denn ich hatte in
meinem Leben keines gesehen, das nur halb so stattlich aussah.
,Ja! Es ist das Eßzimmer. Ich habe das Fenster ein wenig
aufgemacht, um Luft und Sonnenschein herein zu lassen, denn in
Zimmern, die selten bewohnt werden, wird es leicht so dumpfig.
Das Gesellschaftszimmer drüben kommt mir wie ein Keller vor.

Sie zeigte auf ein großes Bogenfenster gegenüber, welches ebenfalls rote, jetzt aufgezogene Vorhänge hatte. Ich konnte einen Blick
in das Zimmer werfen, das meinem unverwöhnten Auge feenhaft
schön erschien. Es war wirklich ein wundervolles Gesellschaftszimmer
mit anstoßendem Boudoir; in beiden lagen weiße mit glänzenden
Blumen bestreute Teppiche; beide Zimmer hatten weiße, gewölbte Decken,
deren Stuckverzierungen aus Weinblättern und Trauben bestanden,
gegen welche die scharlachroten Ottomanen und Polsterstühle prächtig
abstachen; die Schmuckstücke auf dem Kaminsims von weißem, parischem Marmor waren von Rubinglas, und mächtige Spiegel zwischen
den Fenstern strahlten diesen schneeigen und feurigen Glanz noch einmal
zurück.
,Wie schön Sie diese Zimmer halten, Mrs. Fairfax!' sagte ich.
,Da ist keine Spinnwebe, kein Stäubchen zu sehen. Wenn nicht
die Luft darin so eisig wäre, könnte man denken, sie seien täglich
bewohnt.
,Freilich, Miß Eyre. Weil Mr. Rochesters Besuche hier stets
unerwartet sind, und ich bemerkte, daß es ihm unangenehm war,
wenn es bei seiner Ankunft an ein Räumen und Abziehen der
Möbelbezüge ging, hielt ich es für das Beste, die Zimmer immer
für seine Ankunft bereit zu halten.

,Ist Mr. Rochester ein strenger und stolzer Herr?
,Das nicht gerade; aber er hat den Geschmack und die Gewohnheiten eines vornehmen Mannes, und verlangt, daß man alles danach
einrichtet.
,Mögen Sie ihn gern? Ist er im allgemeinen beliebt?
,h, ja; die Familie hat hier in der Gegend stets in großer
Achtung gestanden. Fast alles Land hier herum, so weit Sie sehen
können, hat in alten Zeiten den Rochesters gehört.

,Ist er aber auch um seiner selbst willen geliebt, wenn man
seinen Besitz ganz außer Acht läßt; mögen Sie ihn leiden?

,Ich habe keine Ursache, ihn nicht gern zu haben; ich glaube
auch, daß er von seinen Pächtern als ein gerechter und freigiebiger
Herr angesehen wird; aber er hat nie lange unter ihnen gelebt.
,Hat er keine Eigentümlichkeiten? Kurz, wie ist sein Charakter?

,Oh, sein Charakter ist sicher fleckenlos. Er hat wohl seine
Eigenheiten, ja. Er ist viel gereist, und hat, wie es scheint, viel
von der Welt gesehen. ich glaube, er ist sehr klug, aber mit mir
hat er sich nie viel unterhalten.'

,Welche Eigenheiten hat er?
,Ja, das ist schwer zu sagen. Seine Sonderbarkeiten sind nicht
besonders auffallend, aber man empfindet sie, wenn man mit ihm
spricht; man weiß oft nicht genau, ob er im Ernst oder Scherz redet

und ist nicht immer sicher, ob er zufrieden oder das Gegenteil ist;
ich wenigstens weiß es nicht. Aber das schadet nichts; er ist doch
ein sehr guter Herr.

Das war alles, was ich von Mrs. Fairfax über ihren und
meinen Prinzipal erfuhr. Es giebt Leute, welche kein Talent haben,
einen Charakter zu zeichnen und die hervorragendsten Eigenschaften
an Personen und Dingen zu beobachten und wiederzugeben; zu dieser
Klasse von Menschen gehörte augenscheinlich die gute, alte Dame.
In ihren Augen war Mr. Rochester ein angesessener Landedelmann,
weiter nichts. Sie fragte und forschte nicht weiter und wunderte sich
offenbar über meinen Wunsch, eine bestimmte Vorstellung von seinem
Wesen zu gewinnen.

Als wir das Eßzimmer verließen, schlug sie mir vor, mir auch
die übrigen Räume des Hauses zu zeigen; und ich folgte ihr Trepp'
auf, Trepp' ab, alles bewundernd, denn alles war schön eingerichtet.
Die geräumigen Vorderzimmer kamen mir besonders großartig vor,
und einige von den Zimmern im dritten Stock interessierten mich
durch ihre Altertümlichkeit. Die Möbel waren aus der unteren
Etage nach und nach hier herauf gebracht, wenn sie unmodern geworden waren, und das unzulängliche Licht, welches durch die kleinen
Scheiben in die niedrigen Zimmer eindrang, fiel auf Bettstellen, die
hundert Jahre alt waren, auf Kommoden von Eichen- und Nußbaumholz mit wunderlichen Schnitzereien, die mit ihren Palmen und
Cherubsköpfen wie Modelle zur Arche Noah aussahen. Da standen
lange Reihen ehrwürdiger Stühle mit hohen und niedrigen Lehnen,
noch ältere Fußbänke mit halbverblaßten Stickereien, welche Hände
gearbeitet hatten, die schon längst in Staub zerfallen waren. Alle
diese Reliquieen gaben dem dritten Stockwerk von Thornfieldhall das
Ansehen einer Heimat für Vergangenes. Am Tage fand ich die Stille,
Dunkelheit und seltsame Einrichtung dieser Räume wunderschön, aber
eine Nacht in ihnen zuzubringen, durch die schweren eichenen Thüren
von der Welt abgeschnitten, dachte ich mir schrecklich. Wie sonderbar
mochten wohl diese schweren Bettvorhänge aussehen, wenn das Mondlicht auf diese phantastischen Blumen, Vögel und Menschengebilde
fiel, mit denen sie bedeckt waren; es war gewiß ein schauriger Anblick.
,Schläft hier die Dienerschaft?
,Nein, sie bewohnt eine Reihe kleiner Zimmer auf der Rückseite
des Hauses. Hier schläft niemals jemand. Wenn es in Thornfield
Geister gäbe, würden sie gewiß hier ihren Spuk treiben.'

,Geister haben Sie also hier nicht? sagte ich.
,Nicht, daß ich wüßte, erwiderte Mrs. Fairfax lächelnd.
,Auch keine Sagen von umgehenden Geistern?
,Ich glaube nicht. Aber man sagt, die Rochesters find früher
eher ein gewaltthätiges als friedfertiges Geschlecht gewesen; vielleicht
verhalten sie sich deshalb um so ruhiger in ihren Gräbern.'

,Ja, nach dem aufregenden Fieber des Lebens, schlafen sie fest,'
murmelte ich. ,Wo gehen Sie jetzt hin, Mrs. Fairfax? fragte ich,
als sie sich anschickte, fortzugehen.

,Auf den Boden; wollen Sie mitkommen, um die Aussicht von
dort zu sehen? Ich folgte ihr, stieg die enge Treppe zu den Dachkammern empor und dann eine Leiter hinauf zu einer Fallthüre, die
auf das Dach der Halle führte. Ich war nun auf gleicher Höhe
mit der Krähenkolonie, und konnte in ihre Nester sehen. Mich über
die Mauer lehnend, konnte ich tief hinunter sehen; wie eine Landkarte lag die Umgegend vor mir ausgebreitet; den Fuß des grauen
Herrenhauses umgaben die sammetgrünen Grasplätze wie ein Gürtel;
das Feld war wie ein großer Park mit alten Bäumen bestanden; der
Wald sah schwarzbraun aus von dem welken Laube, das noch in den
Baumkronen saß; ein Pfad wand sich hindurch, welcher ganz mit
Moos überwachsen und grüner war, als das Laub der Bäume; ich
sah die Kirche, den Fahrweg, die stillen Hügel von der klaren Herbstsonne beschienen, den Horizont von einem prächtig azurblauen, mit
weißen Wölkchen durchzogenen Himmel begrenzt. Auffallend schön
war die Landschaft nicht, aber sehr lieblich. Als ich mich umwandte
und wieder durch die Fallthür hinabstieg, konnte ich meinen Weg
zur Leiter kaum finden, so geblendet war ich von dem blauen Himmel
und Sonnenschein.

Mrs. Fairfax blieb etwas hinter mir zurück, um die Fallthür
wieder zu verschließen; ich stieg inzwischen die enge Treppe nach dem
oberen Stockwerk hinunter und wartete in dem langen Gange,
welcher die Vorder - von den Hinterzimmern trennte; er war eng,
niedrig und dunkel, hatte nur am äußersten Ende ein kleines Fenster
und sah mit den beiden Reihen niedriger, schwarzer Thüren, welche
alle geschlossen waren, wie ein Korridor in dem Schlosse irgend
welches Blaubarts aus.

Während ich langsam vorwärts ging, traf mein Ohr ein Laut,
den ich hier am wenigsten zu hören erwartet hätte, nämlich ein
Lachen. Es war ein sonderbares Lachen, deutlich, hohl, ohne Fröhlichkeit. Ich stand still; das Lachen verstummte, aber nur für einen
Augenblick, dann wiederholte es sich lauter und wurde dann zu einem
entsetzlichen Geschrei, das in jedem der verlassenen Zimmer ein Echo
zu wecken schien, obgleich es nur aus einem kam, und ich hätte mit
Bestimmtheit dasjenige angeben können, in dem es seinen Ursprung hatte.

,Mrs. Fairfax!' rief ich, denn ich hörte sie jetzt die Treppe
herunter kommen. ,Hörten Sie das laute Lachen? Wer kann das
gewesen sein?

,Vermutlich irgend jemand von den Dienstleuten, antwortete
sie, ,vielleicht Grace Poole.

,Hörten Sie es? fragte ich wieder.
,Ja, ganz deutlich; ich höre sie öfter so lachen; sie näht in
einem dieser Zimmer. Mitunter ist Leah bei ihr und dann sind sie
häufig recht laut.

Das Lachen wiederholte sich in tiefen, abgebrochenen Tönen und
endete in einem häßlichen Gemurmel.

,Grace!' rief Mrs. Fairfax.
Ich erwartete nicht, daß irgend eine Grace dem Rufe folgen
würde, denn das Lachen war so tragisch, so unnatürlich, wie ich nie
ein ähnliches gehört hatte, und ich würde an Geisterspuk gedacht
haben, wenn es nicht hoher Mittag gewesen wäre; aber der Augenschein zeigte mir deutlich, daß ich eine Närrin war, irgend etwas
Außergewöhnliches zu fürchten.

Die nächste Thür öffnete sich, und eine Dienerin trat heraus,
eine Fran im Alter zwischen vierzig und fünfzig Jahren, von untersetzter Gestalt, rothaarig, mit einem ganz gewöhnlichen Gesicht; mit
einem Worte, eine Erscheinung, die weniger romantisch und geisterhaft kaum gedacht werden konnte.

,Viel zu viel Lärm Grace, sagte Mrs. Fairfax.,Denke an
Deine Instruktion. Grace verbeugte sich schweigend und ging wieder
in ihr Zimmer zurück.

,Wir haben diese Person zum Nähen angenommen; auch muß
sie mitunter Leah bei der Hausarbeit helfen,! fuhr die Witwe fort,
,sie hat manche Fehler, ist aber im ganzen doch brauchbar. Aber
erzählen Sie mir doch, wie Sie mit Ihrer neuen Schülerin fertig
geworden sind.

So wandte sich die Unterhaltung auf Adele und blieb hei diesem
Thema, bis wir die hellen und freundlichen Regionen unten erreichten.
Adele lief uns in der Halle entgegen.

,Mesdames, vous êtes servies!’ rief sie, hinzufügend: ‘j’ai
bien faim, moi!’

Wir fanden in Mrs. Fairfaxs Zimmer das Mittagessen bereit.



Zwölftes Kapitel.

Ich deutete schon an, daß mir die ersten Eindrücke in Thornfieldhall ein zufriedenes, angenehmes Leben zu versprechen schienen,
und diese Voraussetzung bestätigte sich bei näherer Bekanntschaft mit
den Personen meiner Umgebung. Mrs. Fairfax war, was sie schien,
eine sanfte, wohlwollende Frau von ausreichender Bildung und
mittelmäßigen Geistesgaben. Meine Schülerin, ein lebhaftes Kind,
war verzogen und vernachlässigt worden und deshalb oft eigensinnig,
da sie aber meiner Leitung ganz überlassen blieb und meine Bemühungen sie zu ändern von keiner Seite durch unvernünftiges Verhalten durchkreuzt wurden, vergaß sie bald ihre kleinen Ungezogenheiten und wurde gehorsam und gelehrig. Sie hatte weder große
Talente, noch besonders hervortretende Charaktereigenschaften oder besonders entwickelte Gefühle, welche sie über Kinder ihres Alters
stellten, aber auch keine Fehler oder Laster. Sie machte angemessene
Fortschritte, zeigte zu mir eine lebhafte, wenn auch vielleicht nicht
sehr tiefe Zuneigung, und erfüllte mich durch ihre Aufrichtigkeit, ihr
lustiges Geplauder und ihre Bemühungen, mich zufrieden zu stellen,
mit einem Grade von Anhänglichkeit für sich, der genügte, uns unser
Beisammensein gegenseitig angenehm und erfreulich zu machen.

Personen, welche eine hohe Meinung von der engelhaften Natur
der Kinder haben und es für die Pflicht ihrer Erzieher halten, sie
abgöttisch zu lieben, werden obige Sprache sehr kühl nennen; aber es
ist nicht meine Absicht, der elterlichen Eigenliebe zu schmeicheln, in
Heucheleien einzustimmen oder Unsinn zu nähren; ich will unverfälschte Wahrheit reden. Ich überwachte Adeles Wohlergehen und
ihre Fortschritte mit gewissenhafter Sorge und hatte ihre kleine Person
gern; wie ich auch Mrs. Fairfax für ihre Güte gegen mich dankbar
zugethan und mein Vergnügen an ihrer Gesellschaft der ruhigen
Achtung angemessen war, mit der sie mich behandelte.
Der Leser wird meinen, daß ich nach obigem alle Ursache hatte,
mit meinem Leben in Thornfield sehr zufrieden zu sein, aber mag er
mich tadeln oder nicht, es gab dennoch Momente, in denen ich mich
nicht vollkommen befriedigt fühlte. Ab und zu ging ich allein in den
Feldern spazieren, schaute durch das Parkgitter die Fahrstraße entlang oder klomm die Bodentreppe empor, öffnete die Fallthür und
vertiefte mich in den Anblick der Felder und Hügel, die sich am fernen
Horizont ins Unbestimmte verloren; dann ergriff mich ein Verlangen,
ich möchte mit meinem Blicke über sie hinausreichen können, bis hinein in die geschäftige Welt der Städte und in Gegenden des lebhaften Verkehrs, die ich nie gesehen hatte; dann wünschte ich mir
mehr praktische Erfahrung, als ich besaß, mehr Umgang mit meinesgleichen und mit verschieden gearteten Menschen. ich schätzte alles
Gute in Mrs. Fairfax und Adele, aber ich glaubte, daß es noch
höher veranlagte Geister und Charaktere gäbe, und weil ich daran
glaubte, wollte ich sie auch kennen lernen.
Wer will mich deshalb tadeln? Sicherlich viele werden es thun
und werden mich unzufrieden schelten. Aber ich konnte mir nicht
helfen, diese Rastlosigkeit lag einmal in meiner Natur und wurde
mir zuweilen zur Qual. Dann suchte ich Erleichterung darin, daß
ich auf dem Korridor des dritten Stockwerks auf- und abschritt und
hier in der Stille und Einsamkeit mich auf den Flügeln der Phantasie
in die Regionen tragen ließ, welche voll von der ersehnten Aufregung
und Anregung waren.

Es ist unvernünftig, von den Menschen zu verlangen, daß sie in
der Abgeschiedenheit zufrieden sein sollen; sie müssen Abwechslung
haben, und wo sie dieselbe nicht finden, werden sie sie schaffen.

Millionen sind zu einem einförmigeren Leben verdammt, als ich es
war, und Millionen lehnen sich heimlich dagegen auf. Niemand weiß,
wie viel Revolutionen außer den politischen sich unter den Menschenmassen vollziehen, welche die Erde bedecken. Man hält die Frauen
im allgemeinen für leichter befriedigt in engeren Verhältnissen und
nimmt an, ihre geistigen Bedürfnisse seien geringer; aber Frauen
fühlen genau so wie die Männer; sie haben für ihre Fähigkeiten
ebenso gut wie diese einen angemessenen Wirkungskreis, nötig; sie
leiden unter zu strenger Zurückgezogenheit genau so, wie die Männer
leiden würden, und es ist engherzig von ihren bevorzugten Mitbrüdern, wenn sie behaupten, Frauen müßten sich nur der Aufgabe
widmen, Puddings zu machen, Strümpfe zu stricken, Klavier zu spielen,
zu sticken u. s. w. Es ist gedankenlos, sie zu verdammen oder auszulachen, wenn sie mehr zu lernen suchen, als es nach alt hergebrachter
Sitte bei ihrem Geschlechte üblich ist.

Wenn ich hier oben allein war, hörte ich nicht selten Grace
Poole lachen, dasselbe durchdringende, deutliche, langsame Haha,
was mich so erschreckte, als ich es das erste Mal hörte; oft folgte
auch ein erregtes Gemurmel, was noch sonderbarer als ihr Lachen
klang. Es gab Tage, an denen sie ganz still war, aber wieder
andere, an denen sie so wunderbare Töne ausstieß, daß ich mir dieselben nicht zu erklären wußte. Zuweilen sah ich sie aus ihrem
Zimmer herauskommen, ein Becken, eine Schüssel oder ein Tablet in
der Hand; sie ging dann in die Küche hinunter, kam aber immer
gleich wieder zurück, meistenteils (oh, romantischer Leser, vergieb,
wenn ich die ungeschminkte Wahrheit sage mit einem Kruge Porter
bewaffnet. Ihre Erscheinung wirkte immer wie ein Dämpfer auf die
Neugierde, welche mich in bezug auf sie beschlich, wenn ich sie lachen
und murmeln hörte; ihre harten, unbeweglichen Züge konnten kein
Interesse erwecken. Ich machte verschiedene Versuche, eine Unterhaltung mit ihr anzufangen, aber gewöhnlich schnitt eine einsilbige
Antwort von ihrer Seite jedes Gespräch ab.

Die anderen Mitglieder des Haushalts, d. h. John und seine
Frau; Leah, das Hausmädchen, und Sophie, die französische Bonne,
waren achtbare, aber in keiner Hinsicht besonders bemerkenswerte
Leute. Mit Sophie pflegte ich französisch zu sprechen und sie mitunter über ihre Heimat auszufragen, aber sie verstand es weder zu
beschreiben noch zu erzählen und gab gewöhnlich so unbestimmte und
wirre Antworten, daß sie mehr geeignet waren, den Fragenden still
zu machen, als ihn zu weiterem Forschen zu ermutigen. So vergingen Oktober, November und Dezember. Eines Nachmittags im
Januar erbat Mrs. Fairfax für Adele Urlaub, weil sie erkältet war, und als Adele diese Bitte mit einem Eifer unterstützte, der mich daran erinnerte, wie kostbar mir als Kind unverhoffte Feiertage gewesen waren, erfüllte ich ihr Verlangen. Es war ein schöner, windstiller,
wenn auch kalter Tag; Mrs. Fairfax hatte gerade einen Brief geschrieben, der auf seine Beförderung zur Post harrte; ich war von
dem langen Stillsitzen gelangweilt, so zog ich denn meinen Mantel
an, setzte meinen Hut auf und erbot mich, den Brief nach Hay zu
tragen- die zwei Meilen Weges dorthin waren ein schöner Spaziergang. Ich setzte Adele zuvor bequem in ihren kleinen Stuhl an
das Kaminfeuer in Mrs. Fairfax Wohnzimmer, hüllte sie warm ein,
gab ihr ihre beste Wachspuppe, die ich gewöhnlich in Silberpapier
gewickelt und verschlossen hielt, zum spielen, dazu ein Geschichtenbuch,
damit sie Abwechslung hatte, die sie sehr liebte; antwortete auf ihr:
,Reverent bientôt, ma Bonne Jamie, ma Chöre Mademoiselle Jeannette,’ mit einem Kuß und machte mich auf. Das Erdreich
war hart gefroren, die Luft still und mein Weg einsam; ich ging erst
schnell, bis ich warm wurde, dann aber langsamer, um mir des Genusses dieses schönen Spazierganges recht bewußt zu werden. Es
schlug drei Uhr vom Kirchturm, als ich daran vorbeiging. Die
hereinbrechende Dämmerung und die tiefstehende Sonne mit ihrem
matten Glanze gaben der Landschaft einen besonderen Reiz. Ich befand mich eine Meile von Thornfield auf einem Pfade, der berühmt
war im Sommer wegen der wilden Rosen, die an seinen Rändern
wuchsen, im Herbst wegen der Nüsse und Brombeeren, die man dort
fand, und der selbst jetzt im Winter noch einen Schatz von roten,
wie Korallen glänzenden Hagebutten barg, aber sein höchster Reiz in
dieser Jahreszeit lag doch in seiner vollkommenen Einsamkeit und
Stille. Hier rührte sich kein Lüftchen, die entblätterten Weißdorn- und Hazelbüsche waren so still, wie die meisten verwitterten Steine,
welche mitten im Wege lagen. Zu beiden Seiten desselben breiteten
sich weite Felder und Wiesen aus, auf denen jetzt kein Vieh weidete,
und kleine braune Vögel, welche zufällig in den Hecken aufflogen,
sahen wie einzelne vertrocknete Blätter aus, welche vergessen hatten
abzufallen.
Dieser Weg stieg bis Hay immer den Hügel hinan; als ich die
Hälfte zurückgelegt hatte, setzte ich mich auf einen großen Stein,
wickelte mich in meinen Mantel, barg die Hände im Muff und fühlte
so keine Kälte, obgleich es stark fror, was sich deutlich an einer Stelle
des Weges sehen ließ, die ein kleiner Bach beim letzten Thauwetter
überflutet hatte und die nun mit spiegelglattem Eis überdeckt war.
Von meinem Sitz aus konnte ich Thornfield unter mir liegen sehen;
das graue Herrenhaus war der hervorragendste Gegenstand in dem
Thale zu meinen Füßen; die dunkle Krähenansiedlung und die Wälder
zeichneten sich scharf am Abendhimmel ab. Ich wartete, bis die Sonne
wie eine glühende Kugel hinter den Bäumen versank, dann wendete
ich mich nach Osten.
Über dem Hügel vor mir stand der aufgehende Mond; er war
noch blaß wie ein Wölkchen, nahm aber von Minute zu Minute an
Glanz zu; dort drüben lag auch Hay, halb unter Bäumen versteckt;
aus seinen Schornsteinen stiegen Rauchwölkchen empor; es war noch
eine Meile entfernt, aber in der absoluten Stille konnte ich deutlich
die murmelnden Laute vernehmen, welche das in diesem Örtchen pulsierende Leben hervorrief.
Ein deutlicher Ton unterbrach plötzlich dieses gleichmäßige Geräusch; ein Klappern: trab, trab, welches mich aus meinen süßen,
träumerischen Gedanken aufstörte. Das Geräusch kam von dem Fußpfade, ein Pferd mußte es verursachen, das eine Windung des Weges
meinen Augen noch verbarg, aber es kam näher. Ich war im Begriff, meinen Sitz zu verlassen, doch weil der Weg eng war, blieb ich
lieber sitzen, um es erst vorbei zu lassen. Ich war damals jung
und mein Gehirn von allerhand Phantasieen erfüllt, sowohl lichten
als düsteren; das Andenken an die Kinderstubengeschichten spukte dort
neben anderem Unsinn, und die reifende Jugend verlieh ihnen, wenn
sie in der Erinnerung auftauchten, eine Lebendigkeit, welche die Einbildungskraft des Kindes ihnen unmöglich zu geben vermocht hatte.
Während das Pferd sich näherte und ich im Zwielicht sein Erscheinen
erwartete, gedachte ich einer Erzählung von Bessie, in der ein Geist,

,Gytrash! genannt, die Gestalt eines Pferdes, Esels oder Hundes annahm, auf einsamen Wegen umging und oft verspätete Wanderer
überfiel; gerade so kam jetzt dieses Pferd auf mich zu.

Ich sah es noch nicht, aber es war schon sehr nahe; da hörte
ich außer seinem trab, trab ein Rascheln unter der Hecke, und unter
den Haselsträuchern kam ein großer Hund hervor, dessen schwarz und
weiße Farbe ihn deutlich gegen den dunklen Hintergrund abzeichnete.
Es war ganz zutreffend eine der Gestalten, welche Bessies Gytrash
annahm- ein löwenartiges Geschöpf mit langem Haar und dickem
Kopf; es lief ruhig genug an mir vorüber und blieb nicht stehen, um
mich mit mordlustigen Blicken anzusehen, wie ich halb und halb erwartet hatte; das Pferd folgte ihm, ein schönes großes Tier, dessen
Rücken einen Reiter trug. Die Erscheinung eines Menschen zerstörte
plötzlich den Zauber, denn Gytrash hatte nie einen Reiter, er kam
immer allein, und Gespenster konnten in meiner Vorstellung wohl die
Gestalt von Tieren, aber nie die von ganz gewöhnlichen Menschen
annehmen. Das war also kein Gytrash, sondern nur ein Reisender,
der durch Benutzung dieses Fußpfades seinen Weg nach Millcote abkürzte. Er ritt vorüber und ich ging meinen Weg. Ich hatte nur
wenige Schritte gethan, da hörte ich einen Fall und den Ausruf:
,Was Teufel, ist jetzt zu machen!'! Ich wandte mich um; Reiter und
Pferd lagen am Boden; die Eisfläche, welche an der Stelle, wo der
Bach ausgetreten war, den Pfad überdeckte, hatte sie zu Falle gebracht. Der Hund kam in großen Sätzen zurück, und als er seinen
Herrn am Boden sah und das Pferd stöhnen hörte, bellte er, daß die
Hügel wiederhallten. Er beschnüffelte die liegende Gruppe und lief
dann auf mich zu; es war alles, was er thun konnte, denn andere
Hülfe war nicht zur Hand. Ich gehorchte ihm und näherte mich dem
Reisenden, der jetzt bemüht war, sich von seinem Pferde loszumachen.
Seine Bewegungen waren so heftig, daß ich mir nicht denken konnte,
er habe Schaden gelitten, dennoch fragte ich ihn:
,Sind Sie beschädigt, mein Herr?
Ich glaube, er fluchte, wenn ich auch dessen nicht gewiß bin,
wenigstens murmelte er etwas, das ihn verhinderte, mir direkt zu
antworten.

,Kann ich Ihnen behilflich sein? fragte ich wieder.
,Gehen Sie auf die Seite, sagte er, als er sich aufrichtete; ich
that es; dann folgte ein Stoßen, Stampfen, Klappern, begleitet von
einem Bellen und Heulen, das den Erfolg hatte, mich einige Ellen
zurückzutreiben. Endlich war das Pferd wieder auf seine Füße gebracht, der Hund mit einem ,Nieder, Pilot!'' beruhigt, und der Reisende befühlte jetzt sein Bein, wie um sich zu versichern, daß es unverletzt wäre; augenscheinlich hatte er Schmerzen, denn er hielt sich
an dem Stein fest, von dem ich vorhin aufgestanden war und setzte
sich dann auf ihn nieder.

Ich war in der Stimmung, mich nützlich zu machen, oder wenigstens dienstwillig zu zeigen und näherte mich wieder.

,Wenn Sie beschädigt sind und der Hülfe bedürfen, mein Herr,
kann ich entweder jemand aus Thornfieldhall oder aus Hay holen.

,Ich danke Ihnen; es wird gehen; ich habe mein Bein nicht
gebrochen, nur verstaucht,' und er stand wieder auf und prüfte seinen
Fuß, aber der Schmerz entlockte ihm ein unwillkürliches ,Ugh.’

Es war noch ein Schimmer von Tageslicht und der Mond
strahlte immer heller; ich konnte ihn ganz deutlich sehen. Er trug
einen Reitanzug mit Pelzkragen, war von mittelgroßem Wuchs und
entsprechender Breite; er hat ein dunkles Gesicht, mit strengen Zügen
und dicken Brauen; sein Blick verriet Zorn und Leidenschaft; über
die Jugend war er hinaus; er konnte ungefähr fünfunddreißig Jahre
alt sein. Er flößte mir keine Furcht ein, nur etwas Scheu. Wäre
er ein schöner, heldenhaft aussehender junger Mann gewesen, dann
hätte ich nicht gewagt, ihn so wider seinen Willen zu befragen, und
ihm unaufgefordert meine Dienste anzubieten, denn vor Schönheit
und Eleganz hatte ich eine Ehrfurcht, die mich stets in gemessener
Ferne hielt; selbst wenn der Fremde gelächelt und gutgelaunt mein
Anerbieten, ihm beizustehen, abgelehnt hätte, würde ich ruhig meiner
Wege gegangen sein, und mich weiter nicht um ihn bekümmert haben,
aber seine Rauheit reizte mich; ich blieb also ruhig stehen, als er
mir durch einen Wink zu gehen gebot und sagte:
,Es fällt mir nicht ein zu gehen, mein Herr und Sie auf diesem
einsamen Wege allein zu lassen, bis ich mich überzeugt habe, daß
Sie imstande sind, Ihr Pferd wieder zu besteigen.
Er sah auf, als ich so sprach; bisher hatte er mich kaum angesehen.

,Mich dünkt, Sie sollten um diese Zeit zu Hause sein, wenn
Ihre Heimat hier in der Nachbarschaft ist? Woher kommen Sie?
,Von dort unten. Wenn der Mond scheint, fürchte ich mich
gar nicht, so spät draußen zu sein. Wenn Sie es wünschen, will ich
gern von Hay Beistand für Sie holen; ich gehe so wie so dort hin,
um einen Brief auf die Post zu geben.

,Sie wohnen dort unten - meinen Sie jenes Haus dort mit
den Zinnen? fragte er, auf Thornfieldhall zeigend, das der Mond
hell beleuchtete und klar von dem dunklen Walde dahinter abhob.
,Ja, Herr.’
,Wem gehört das Haus?’
,Mr. Rochester.’
,Kennen Sie Mr. Rochester.’
,Nein, ich habe ihn noch nie gesehen.’
,Er wohnt also nicht dort?’
,Nein.’
,Können Sie mir sagen, wo er sich aufhält?’
,Ich weiß es nicht.’
,Sie können doch keine Dienerin in jenem Hause sein. Sie
sind!’- er hielt inne und warf einen Blick auf meinen Anzug, der
wie gewöhnlich ganz einfach war; ich trug einen schwarz wollenen
Mantel und einen Biberhut, beide selbst für eine Kammerjungfer
nicht fein genug. Er schien in Verlegenheit, was er aus mir machen
sollte; ich half ihm.

,Ich bin die Erzieherin.’
,Ah, die Erzieherin!' wiederholte er. ,Der Teufel soll mich
holen, wenn ich das nicht ganz vergessen hatte. Die Erzieherin!'
und wieder wurde mein Anzug einer Prüfung unterworfen. Nach
einigen Minuten erhob er sich von dem Stein; man sah ihm an,
daß diese Bewegung ihm Schmerzen verursachte.
,Ich kann Sie nicht beauftragen, Hülfe herbeizuholen, sagte
er; ,aber wenn Sie so gütig sein wollen, können Sie mir selbst
etwas helfen.'

,Ja, mein Herr.’
,Haben Sie vielleicht einen Regenschirm, den ich als Stock benutzen könnte?’

,Leider nicht.’
,Dann versuchen Sie den Zügel meines Pferdes zu fassen, und
führen Sie es zu mir her. Sie fürchten sich doch nicht?’
Ich fürchtete mich freilich ein Pferd zu berühren, war aber
dennoch gewillt, seinen Wunsch zu erfüllen. Ich legte meinen Muff
auf den Stein und ging auf das große Pferd zu, ich bemühte mich,
den Zügel zu ergreifen, aber das feurige Tier ließ mich nicht in seine
Nähe kommen; ich versuchte es immer aufs neue, aber immer vergebens, und dabei hatte ich entsetzliche Angst vor seinen stampfenden
Hufen. Der Reisende wartete und beobachtete mich eine Zeit lang,
dann lachte er.

,Ich sehe,' sagte er, ,der Berg will durchaus nicht zu Mahomet
kommen, Sie können also nur Mahomet helfen, daß er zum Berge
geht; ich muß Sie bitten, hierher zu kommen.’

Ich kam. ,Entschuldigen Sie, fuhr er fort, ,die Not zwingt
mich, mich auf Sie zu stützen.' Er legte seine schwere Hand auf
meine Schulter und sich mit seiner ganzen Wucht auf mich stützend,
hinkte er bis zu seinem Pferde. Sobald er den Zügel erfaßt hatte,
ward er auch desselben Meister und sprang in den Sattel, furchtbare
Gesichter schneidend, weil die Anstrengung ihm Schmerzen bereitete.

,Nun, sagte er, ,geben Sie mir gefälligst meine Reitpeitsche,
sie liegt dort unter der Hecke.'
Ich suchte und fand sie.
,Danke; jetzt beeilen Sie sich, Ihren Brief in Hay abzugeben
und kommen Sie so schnell als möglich zurück.

Er spornte sein Pferd, das erst einen entsetzten Sprung nach
rückwärts machte und dann in der Richtung auf Thornfieldhall
davon jagte, der Hund raste hinterdrein und alle Drei entschwanden
meinen Blicken.

Ich nahm meinen Muff auf und setzte meinen Weg fort. Der
Zwischenfall versetzte mich in eine angenehme, erregte Stimmung; es
war ja kein romantisches oder interessantes Abenteuer, was ich erlebt
hatte, aber doch ein Ereignis, das wenigstens in eine Stunde meines
einförmigen Leben etwas Abwechslung gebracht hatte. Meine Hilfe
war in Anspruch genommen worden; ich war erfreut, etwas genützt
zu haben; so unbedeutend meine That auch war, ich hatte doch etwas
geleistet; ich war meines bisher unthätigen Lebens so durchaus müde.
Außerdem hatte ich mit dem neuen Gesicht meinem Gedächtnis ein
neues Portrait einverleiht, es war noch dazu sehr von denjenigen
verschieden, welche ich bis jetzt darin bewahrte, einmal, weil es ein
männliches war, und dann weil es düster, ernst und streng aussah.
Ich hatte es immer noch vor mir, als ich in Hay ankam und den
Brief in den Schalter warf, und ich sah es den ganzen Weg über,
wie ich bergab nach Hause ging. Als ich wieder an den Stein kam,
stand ich einen Augenblick still und horchte, als ob ich dächte, ich
müsse wieder den Hufschlag des Pferdes auf dem Fußwege hören
und den Reiter und den Neufundländer wieder erscheinen sehen: ich
sah nur die Hecke und eine geköpfte Weide vor mir, vom Mondlicht
bestrahlt; ich hörte nur das schwache Säuseln des Windes, der sich
in den Bäumen um Thornfield erhob, das noch eine Meile entfernt
war; als ich meinen Blick über die Front des Herrenhauses gleiten
ließ, gewahrte ich Licht in einem Fenster, das mahnte mich daran,
daß ich mich verspätet hatte und ich beschleunigte meine Schritte.

Ich kehrte ungern nach Thornfield zurück. Seine Schwelle überschreiten hieß wieder dem alten Einerlei anheimfallen; ich mußte
wieder die einsame, totenstille Halle durchkreuzen, die matterleuchtete
Treppe emporsteigen, um in mein eigenes, kleines Zimmer zu gelangen; mußte wieder mit der gleichmäßig ruhigen Mrs. Fairfax die
langen Winterabende verleben; mit ihr ganz allein; der Gedanke war
geeignet, die frohe Erregung, welche mein Spaziergang in mir erzeugt, vollständig auszulöschen; mein Leben floß zu einförmig
dahin, und ich verlernte die sichere behagliche Existenz, welche mir
meine Stellung bereitete, nach ihrem wahren Wert zu schätzen.
Welche Wohlthat würde es für mich gewesen sein, wenn ich eine
Zeit lang mitten in die Stürme des Lebens und das Ringen und
Kämpfen um mein tägliches Brot hinein verseht worden wäre, und
die rauhe und bittere Erfahrung mich gelehrt hätte, mich nach der
Ruhe zu sehnen, die mich jetzt bedrückte!

Ich zögerte am Parkthor; ich schlich langsam über den Grasplatz; ich ging vor dem Hause auf und ab; die Laden der Glasthür
waren geschlossen, ich konnte nicht hinein sehen; mein Blick und meine
Gedanken wendeten sich von dem düsteren Hause ab, dem Himmel zu,
der sich wie ein blaues Meer vor mir ausbreitete; der Mond stieg
majestätisch immer höher und höher in ungemessene Fernen; meine
Sehnsucht folgte ihm, mein Herz schlug höher, meine Pulse fieberten.
Wenn wir uns so in das Unendliche verlieren, rufen uns die geringfügigsten Diuge in die Alltäglichkeit zurück; dieses Mal that es die
Uhr in der Halle, welche schlug; das genügte; ich wendete mich ah
von Mond und Sternen, öffnete die Seitenthür und trat ein.

Die Halle war nicht dunkel; sie war durch die große bronzene
Lampe erhellt, welche von der Decke herab hing; behagliche Wärme
durchdrang sie und teilte sich noch dem unteren Teile der großen,
eichenen Treppe mit. Ein rötlicher Schimmer ging von dem großen
Eßzimmer aus, dessen Flügelthüren offen standen und durch die man
ein großes Feuer im Kamin sah, welches seine weiße Marmorbekleidung und die eisernen Feuergerätschaften beleuchtete und die purpurnen
Vorhänge und polierten Meubles mit einem erfreulichen, belebenden
Schimmer übergoß. Es ließ auch eine Gruppe von menschlichen
Gestalten in der Nähe des Kamins erkennen; doch hatte ich diese
kaum ins Auge gefaßt, als sich die Thür schloß; ich hörte nur noch
ein Durcheinander von fröhlichen Stimmen, unter denen ich Adeles
zu unterscheiden glaubte.

Ich ging in das Zimmer von Mrs. Fairfax, dort brannte auch
ein Kaminfeuer, aber kein Licht und Mrs. Fairfax war nirgend zu
sehen; statt dessen sah ich einen großen, weiß und schwarzen, langhaarigen Hund auf dem Teppich sitzen, welcher gravitätisch in die
Flamme starrte und genau dem Gytrash glich, der heute meinen Weg
gekreuzt hatte. Er war ihm so ähnlich, daß ich auf ihn zuging und
,Pilot'' rief. Er stand auf, kam zu mir heran und beschnüffelte
mich. Ich liebkoste ihn und er wedelte mit seinem großen Schweif;
aber er kam mir so allein wie eine Erscheinung vor; ich konnte mir
nicht erklären, wo er herkam. Ich klingelte nach Licht. Leah kam.

,Was ist das für ein Hund?’ fragte ich.
,Er kam mit dem Herrn.’
,Mit wem?’
,Mit dem Herrn- mit Mr. Rochester- er ist eben angekommen.’
,Wirklich! Ist Mrs. Fairfax bei ihm?’
,Ja, und Miß Adele auch; sie sind im Eßzimmer, und John
ist nach dem Wundarzt geschickt worden, der Herr hatte einen Unfall,
sein Pferd ist gestürzt, und dabei hat er sich den Fuß verstaucht.’

,Stürzte das Pferd auf dem Wege nach Hay?’
,Ja, als er den Berg herunter kam; es glitt auf dem Eise aus.’
,Bringen Sie mir, bitte, ein Licht, Leah.’
Leah brachte es; zugleich mit ihr kam Mrs. Fairfax und wiederholte Leahs Bericht, hinzufügend, daß Mr. Carter, der Wundarzt gekommen wäre und jetzt bei Mr. Rochester sei, dann ging sie wieder hinaus, um das Abendessen anzuordnen, während ich auf mein
Zimmer ging, meine Sachen abzulegen.



Dreizehntes Kapitel.

Wahrscheinlich auf den Rat des Wundarztes ging Mr. Rochester
diesen Abend früh zu Bett und stand am nächsten Morgen erst spät
auf. Als er herunter kam, widmete er sich dem Geschäft; sein Geschäftsführer und einige seiner Pächter waren angekommen, um ihn
zu sprechen.
Adele und ich wurden jetzt aus der Bibliothek vertrieben, sie
wurde jetzt täglich als Empfangszimmer für Besucher gebraucht.
Man heizte eins von den oberen Zimmern, ich trug unsere Bücher
dort hin und richtete es als Schulzimmer ein. ich erfuhr im Laufe
des Vormittags, das Thornfieldhall wie mit einem Zauberschlage
ganz verändert und nicht mehr still wie eine Kirche war; mehrere
Male in der Stunde erschallte der Klopfer an der Thür oder hörte
man klingeln; oft schallten Schritte in der Halle, mir unbekannte

Stimmen sprachen unten in den verschiedensten Tonarten; ein frischer
Luftzug aus der Welt draußen durchdrang das Haus; man merkte,
es hatte einen Herrn und mir gefiel es so besser.
Es war schwer, Adele an diesem Tage zu unterrichten, sie konnte
nicht aufmerksam sein; sie rannte unaufhörlich hinaus und guckte über
das Treppengeländer, um Mr. Rochester zu erblicken, sie suchte Vorwände hinunter zu gehen, um, wie ich wohl merkte, in die Bibliothek
einzudringen, wo man sie nicht haben wollte. ich wurde endlich
etwas ärgerlich und brachte sie zum Stillsitzen, dann aber erzählte
sie unaufhörlich von ihrem ,ami, Monsieur Edouard Fairfax Rochester’, wie sie ihn nannte (ich hatte diese Beinamen früher nie gehört und sprach Vermutungen aus, was er ihr wohl für Geschenke mitgebracht haben könnte; es schien als hätte er am Abend vorher
erwähnt, daß sich unter seinem Gepäck, welches von Millcote geholt
werden sollte, eine Schachtel befände, deren Inhalt sie näher anginge.

‘Et cels doit signifier,’ sagte sie, quill y aura là dedans un cadeau pour moi, et peut-être pour vous aussi, Mademoiselle. Monsieur a parlé de vous: il m’a demandé le nom de ma gouvernante, et si elle n’était pas une petite personne, assez mince et un peu pâle. J’ait dit que oui: c’est vrai, n’est-ce pas, Mademoiselle?’

Adele und ich aßen wie gewöhnlich in Mrs. Fairfax Zimmer zu
Mittag; der Nachmittag war schneeig und stürmisch, wir gingen deshalb nicht hinaus, sondern verbrachten ihn im Schulzimmer. Als es
dunkel wurde, erlangte ich Adele ihre Bücher und ihre Arbeit beiseite
zu legen und hinunter zu laufen, denn ich schloß aus der Stille, die
jetzt dort herrschte und aus dem Schweigen der Hausglocke, daß Mr.
Rochester jetzt Muße habe. Mit mir allein gelassen, trat ich an das
Fenster, aber dort war nichts zu sehen; es herrschte Zwielicht, das
dicke Schneeflocken noch verdunkelten; die Büsche waren schon ganz
eingeschneit. ich ließ die Vorhänge nieder und trat an den Kamin.
Ich schaute in die Flamme und überließ mich nicht allzu erfreulichen Gedanken, welche mich in meiner Verlassenheit beschlichen, als
Mrs. Fairfax eintrat.
,Es wird Mr. Rochester sehr angenehm sein, wenn Sie und Adele
- diesen Abend mit ihm den Thee im Gesellschaftszimmer trinken wollen;
er war den ganzen Tag so in Anspruch genommen, daß er Sie nicht
früher zu sich bitten konnte.

,Wann wird der Thee serviert?’
‘Oh, um sechs Uhr; hier auf dem Lande hält er seine Mahlzeiten früh. Es wird gut sein, wenn Sie sich gleich umziehen; ich
will Ihnen dabei behilflich sein. Hier ist ein Licht.

,Muß ich mich umziehen?
,Ja, das wird wohl nötig sein. Wenn Mr. Rochester hier ist,
ziehe ich mich abends immer besser an.’
Mir kam diese Sitte etwas steif vor, nichtsdestoweniger ging ich
auf mein Zimmer und vertauschte mit Mrs. Fairfax Hilfe mein
schwarzwollenes Kleid mit einem schwarzseidenen, das einzige bessere,
was ich außer einem hellgrauen hatte; dieses letztere hielt ich aber,
bei meinen aus Lowood stammenden Ansichten über den Anzug, nur
für geeignet bei außerordentlichen Gelegenheiten getragen zu werden,
weil es mir zu elegant schien.
,Es fehlt noch eine Broche,’ sagte Mrs. Fairfax. Ich hatte
ein kleines Schmuckstück dieser Art, das mir Miß Temple beim Abschiede zum Andenken gab; ich steckte es an und ging dann hinunter.
Ich war an den Umgang mit Fremden so wenig gewöhnt, daß es
etwas Schweres für mich war, eine so förmliche Begegnung mit Mr.
Rochester vor, mir zu haben. Ich ließ Mrs. Fairfax vorangehen
und hielt mich hinter ihr, während wir das Eßzimmer durchschritten;
wir mußten die Portiere aufheben, welche heute niedergelassen war,
und betraten den eleganten Raum, in dem sich Mr. Rochester aufhielt.

Zwei Wachslichte brannten auf dem Tische und zwei andere auf
dem Kaminsims; vor dem Kaminfeuer lag Pilot, sich behaglich wärmend und neben ihm kniete Adele. Mr. Rochester lag halb zurückgelehnt auf einer Ottomane; sein beschädigter Fuß ruhte auf einem
Kissen; er beobachtete Adele und den Hund, und der Feuerschein fiel
voll auf sein Gesicht. Ich erkannte in ihm sogleich jenen Reisenden
mit seinen buschigen Augenbrauen und seiner breiten Stirn, die
durch sein zurückgekämmtes Haar noch breiter aussah; ich erkannte
seine entschiedene Nase wieder, die nicht gerade schön war, aber in
der Charakter lag; seinen strengen Mund und das ausgesprochene Kinn,
die auf große Entschiedenheit, vielleicht auch auf ein heftiges Temperament schließen ließen. Seine Gestalt, welche jetzt zum Teil unter einem breiten Mantel verborgen war, schien an Breite seinem Gesicht entsprechend, athletisch zu sein.

Mr. Rochester mußte Mrs. Fairfax und meinen Eintritt bemerkt
haben, aber er schien nicht in der Laune, davon Notiz zu nehmen,
denn er wendete seinen Blick nicht von der Gruppe am Kamin ab,
als wir uns näherten.
,Hier ist Miß Eyre, Herr,' sagte Mrs. Fairfax in ihrer ruhigen
Weise. Er verbeugte sich, ohne mich anzusehen.

,Bitten Sie, Miß Eyre Platz zu nehmen, sagte er, und es lag
etwas in der erzwungenen Verbeugung und dem ungeduldigen, wenn
auch höflichen Tone, das auszudrücken schien: ,Was Teufel geht es
mich an, ob Miß Eyre hier ist oder nicht? Ich bin jetzt nicht aufgelegt, mich um sie zu kümmern.
Ich setzte mich und war von jeder Scheu befreit. Es würde
mich wahrscheinlich verlegen gemacht haben, wenn ich mit ausgesuchter
Höflichkeit aufgenommen worden wäre; denn ich hätte nicht Gewandtheit genug gehabt, sie zu erwidern, aber rauhe Launenhaftigkeit
legte mir keine Verpflichtungen auf; im Gegenteil durch bescheidenes
Schweigen war ich, diesem grillenhaften Benehmen gegenüber, im
Vorteil. Nebenbei war mir dieses sonderbare Betragen auch interessant, und ich war neugierig, wie das weiter gehen würde.

Er blieb so stumm und unbeweglich wie eine Statue. Mrs.
Fairfax schien es von der Höflichkeit geboten zu finden, daß irgend
jemand spräche. Gütig wie immer, aber auch ebenso langweilig, beklagte sie ihn, wegen seiner Überhäufung mit Arbeit und der Unannehmlichkeit, eine so schmerzvolle Verstauchung bei dem Sturze davongetragen zu haben; dann empfahl sie ihm Geduld und Vorsicht u.s.w.

,Madame, ich wünsche meinen Thee,' war die einzige Erwiderung, welche ihr zu teil wurde. Sie beeilte sich, die Glocke zu
ziehen, und als das Theegeschirr kam, den Theetisch möglichst schnell
herzurichten. Adele und ich traten an den Tisch, aber der Hausherr
verließ seinen Sitz nicht.
,Wollen Sie so gütig sein, Mr. Rochester, diese Tasse Thee zu
bringen?' sagte Mrs. Fairfax zu mir; ,Adele könnte ihn verschütten.

Ich erfüllte ihr Verlangen. Als er mir die Tasse aus der Hand
nahm, rief Adele, die wahrscheinlich den Augenblick für geeignet hielt,
eine Frage zu meinen Gunsten zu thun:

’N’est ce pas, Monsieur, qu’il-y-a un cadeau pour Mademoiselle Ehre, dans votre petit coffre?’


,Wer spricht von Geschenken?’ sagte er unwirsch; ,erwarteten
Sie ein Geschenk, Miß Eyre? Lieben Sie Geschenke? und er erforschte
mein Gesicht mit Augen, die dunkel und durchdringend waren.

,Das weiß ich kaum zu sagen, mein Herr; ich habe gar keine
Erfahrung darin; im allgemeinen hält man Geschenke für etwas Angenehmes.’

,Im allgemeinen! Aber wie denken Sie darüber?’
,Ich müßte mich erst bedenken, ehe ich Ihnen eine befriedigende
Antwort geben könnte. Ein Geschenk hat verschiedene Seiten, und
man müßte sie alle in Betracht ziehen, ehe man ein Urteil über seinen
Wert aussprechen kann.'

,Miß Eyre, Sie sind nicht so aufrichtig wie Adele. Sie fordert
ungestüm ein ,cadeau’ von mir in dem Augenblicke, in welchem sie
mich sieht; Sie klopfen erst auf den Busch.’

,Weil ich weniger Vertrauen auf meine Berechtigung habe, wie
Adele. Sie kann sich auf das Recht einer alten Bekanntschaft und das
der Gewohnheit stützen, denn sie sagt, daß Sie ihr immer Spielsachen
geschenkt haben, aber ich bin eine Fremde für Sie und ich würde
verlegen sein, irgend eine Leistung meinerseits zu entdecken, die mir
ein Anrecht auf eine besondere Anerkennung gäbe.’

,Oh, keine falsche Bescheidenheit! ich habe Adele examiniert und
mich überzeugt, daß Sie sich große Mühe mit ihr gegeben haben;
sie ist nicht befähigt, hat auch keine Talente und hat doch in kurzer
Zeit große Fortschritte gemacht.’

,Ich danke, mein Herr; ich habe soeben mein Geschenk erhalten,
denn das Lob über die Fortschritte ihrer Schüler schätzen Lehrer am
höchsten.

,Hm!' sagte Mr. Rochester und trank schweigend seinen Thee.
Der Theetisch wurde abgeräumt, Mrs. Fairfax setzte sich mit
ihrem Strickzeug in eine Ecke und Adele nahm mich an die Hand
und führte mich im Zimmer umher, mir alle die schönen Bücher,
Schmuckgegenstände, Consolen und Möbel zeigend.

,Kommen Sie hier an das Feuer, sagte plötzlich Mr. Rochester.
Wir gehorchten pflichtmäßig. Adele wollte sich auf meinen Schoß
setzen, aber er befahl ihr, sich mit Pilot zu unterhalten.

,Sie sind drei Monate hier im Hause?
,Ja, Herr.
,Und Sie kamen aus-?

,Aus der Lowoodstiftung in -shire.
,Eine Wohlthätigkeitsanstalt. Wie lange waren Sie dort?
,Acht Jahre.
,Acht Jahre! Sie müssen ein zähes Leben haben. ich sollte
denken, die Hälfte der Zeit müßte genügen, um die Kräftigsten zu
Grunde zu richten. Da wundert es mich nicht mehr, daß Sie aussehen, als gehörten Sie einer anderen Welt an. Ich habe mir schon
den Kopf zerbrochen, woher Ihr Gesicht stammt. Als Sie mir gestern
auf dem Wege nach Hay begegneten, dachte ich unwillkürlich an
Märchenerzählungen, und hatte große Lust, Sie zu fragen, oh sie mein
Pferd behext hätten; ich bin auch noch nicht ganz klar darüber. Wer
sind Ihre Eltern.'
,Ich habe keine.
,Haben auch niemals welche gehabt, wie mir scheint. Erinnern
Sie sich ihrer?
,Nein.
,Das dachte ich mir. Sie warteten also auf die Ihrigen, als
Sie auf dem Steine saßen?
,Auf wen, mein Herr?
,Auf die Elfen; es war ein herrlicher Mondscheinabend für Euer
Treiben. Habe ich einen Ihrer Kreise gestört, daß Sie dies verdammte Eis auf den Weg zauberten?

Ich schüttelte den Kopf. ,Die Elfen haben England schon vor
hundert Jahren verlassen,' sagte ich, so ernsthaft redend wie er selbst.
,Nicht einmal auf jenem Pfade oder den umliegenden Feldern werden
sie noch eine Spur von ihnen finden. ich denke, der Mond wird
ihren Reigen zu keiner Jahreszeit mehr bescheinen.'
Mrs. Fairfax ließ ihr Strickzeug in den Schoß fallen und
hörte mit weit aufgerissenen, verwunderten Augen dieser ihr unverständlichen Unterhaltung zu.

,Nun wohl,' fuhr Mr. Rochester fort, wenn Sie Ihre Eltern
verleugnen, so müssen Sie wenigstens Verwandte haben, Onkel und
Tanten.
,Nein, ich kenne keine.
,Und wo ist Ihre Heimat?

,Ich habe keine.
,Wo leben Ihre Geschwister?
,Ich habe keine Geschwister.
,Wer empfahl Ihnen diese Stellung hier?
,Ich inserierte im -shire Herald, und Mrs. Fairfax nahm von
meinem Inserate Notiz, trat mit mir in Korrespondenz und engagierte
mich.

,Ja, sagte die gute Dame, welche nun sicheren Boden in der
Unterhaltung fühlte, ,und ich bin der Vorsehung täglich dankbar,
daß sie mich eine so gute Wahl treffen ließ. Miß Eyre war für mich
eine unschätzbare Gesellschafterin und für Adele eine gütige, sorgsame
Lehrerin.'
,Geben Sie sich keine Mühe, sie herauszustreichen,' versetzte
Mr. Rochester, mich bestechen solche Lobeserhebungen nicht, ich urteile
nach eigener Beobachtung. Sie begann damit, mein Pferd zu Falle
zu bringen.
,Sie, Herr? fragte Mrs. Fairfax.
,Ich verdanke ihr diese Verstauchung.

Die Witwe sah ihn erschreckt an.
,Haben Sie jemals in einer Stadt gelebt, Miß Eyre?’
,Nein, Herr.
,Haben Sie sich viel in der Gesellschaft bewegt?’
,Nur unter meinen Zöglingen und den Lehrerinnen in Lowood;
außer ihnen kenne ich nur die Bewohner von Thornfield.’

,Haben Sie viel gelesen?’
,Nur die Bücher, welche mir gerade in den Weg kamen, und
sie waren weder zahlreich noch besonders gelehrt.
,Sie haben wie eine Nonne gelebt und werden ohne Zweifel
im religiösen Formenwesen sehr geschult sein. Brocklehurst, der
wie ich hörte, Vorsteher von Lowood ist, ist ein Geistlicher, nicht wahr?’

,Ja, mein Herr.
,Und Ihr jungen Mädchen verehrtet ihn natürlich, wie die
Nonnen eines Klosters ihren Oberhirten anbeten.'
,Oh, nein.’
,Sie sind sehr kühl. Nein! Wie? Eine Novize, die ihren
Priester nicht anbetet! Das klingt wie eine Lästerung.’

,Mir war Mr. Brocklehurst zuwider, und ich stand mit diesem
Gefühl nicht allein. Er ist ein harter Mann, prahlerisch und intrigant; er ließ uns unser Haar abschneiden und kaufte uns aus Sparsamkeit schlechten Zwirn und schlechte Nadeln, mit denen wir kaum
nähen konnten.’
,Das war eine sehr falsche Sparsamkeit,’ bemerkte Mrs. Fairfax,
die jetzt den Faden der Unterhaltung wieder fand.
,Und welches war sein Hauptvergehen?’ fragte Mr. Rochester.

,Er ließ uns hungern, so lange er noch allein über die Verpflegung zu bestimmen hatte, bevor ein Komite eingesetzt war. Dann
langweilte er uns jede Woche mit einer langen Strafpredigt, und
quälte uns damit, daß wir des Abends Bücher lesen mußten, die er
selbst verfaßt hatte, und die über den plötzlichen Tod und schreckliches
Gericht in jener Welt handelten. Wir fürchteten uns nach dieser
Lektüre immer zu Bett zu gehen.’

,Wie alt waren Sie, als Sie nach Lowood kamen?’
,Ungefähr zehn Jahre.’

,Und Sie blieben dort acht Jahre, folglich sind Sie achtzehn
Jahre alt.
Ich stimmte zu.
,Die Rechenkunst ist nützlich, wie Sie sehen; ohne Ihre Hülfe
würde ich Ihr Alter kaum erraten haben. Bei Ihren beweglichen
Gesichtszügen und dem ewig wechselnden Ausdruck Ihrer Augen ist
es schwer, das Alter festzustellen. Und nun, was haben Sie in
Lowood gelernt? Können Sie Klavier spielen?’
,Ein wenig.’
,Natürlich! Das ist die gewöhnliche Antwort. Gehen Sie in
die Bibliothek- ich meine, wenn Sie die Güte haben wollen.
Entschuldigen Sie meinen befehlenden Ton; ich bin so daran gewöhnt,
und kann meine Gewohnheiten um einer neuen Hausgenossin willen
nicht ändern. Gehen Sie also in die Bibliothek, nehmen Sie ein
Licht mit, lassen Sie die Thür offen, setzen Sie sich an den Flügel
und spielen Sie etwas.’
Ich ging und gehorchte seinem Befehl.
,Genug!' rief er nach wenigen Minuten. ,Sie spielen ein
wenig, höre ich; wie jedes andere englische Schulmädchen; vielleicht
eine Kleinigkeit besser, als die meisten, aber nicht besonders gut.
-
behauptete, sie seien von Ihrer Hand. Ich weiß nicht, ob Sie dieselben allein gemacht haben, vermutlich hat Ihnen ein Lehrer dabei
geholfen.
,Nein, keineswegs! rief ich heftig.

,Aha, das verletzt den Stolz! Wohl, holen Sie mir Ihre
Zeichenmappe, wenn Sie dafür gut sagen können, daß sie nur Originale enthält; aber verbürgen Sie sich nicht dafür, wenn Sie dessen
nicht ganz gewiß sind; ich erkenne Flickwerk unfehlbar heraus.’

,Dann will ich gar nichts sagen, und Sie mögen selbst urteilen.'

Ich holte die Mappe aus der Bibliothek.
,Schieben Sie den Tisch heran, sagte er; und ich rollte den
Tisch an die Ottomane. Adele und Mrs. Fairfax kamen näher, um
die Zeichnungen ebenfalls zu sehen.
,Nicht so nahe,' sagte Mr. Rochester; ,nehmt mir die Zeichnungen aus der Hand, wenn ich damit fertig bin, aber kommt nicht
mit Euren Köpfen so nahe an mein Gesicht.’

Er prüfte bedächtig jedes Blatt. Drei Blätter legte er beiseite,
die anderen schob er fort.

,Nehmen Sie diese auf den andern Tisch,' sagte er zu Mrs.
Fairfax, ,und betrachten Sie sie dort mit Adele; Sie,' fuhr er mich
ansehend fort, ,behalten Ihren Platz und beantworten meine Fragen.
Ich sehe diese Malereien sind unter ein und derselben Hand entstanden; war das die Ihrige?’

,Ja.’
,Und wo haben Sie die Zeit dazu hergenommen? Denn sie
haben viel Zeit und auch einiges Nachdenken gekostet.

,ich habe sie in Lowood in den beiden letzten Ferien gemacht,
wo ich keine andere Beschäftigung hatte.

,Wo haben Sie Ihre Vorlagen hergenommen?’
,Aus meinem eigenen Kopfe.’
,Beherbergt dieser Kopf noch mehr dergleichen?’
,Ich denke wohl; hoffentlich beherbergt er noch manches Bessere.
Er breitete die Gemälde wieder vor sich aus und betrachtete sie
aufs neue nach einander.

Während er so beschäftigt ist, will ich Dir, lieber Leser, erzählen,
was sie darstellen, doch muß ich zuvor bemerken, daß sie nichts Bewundernswertes sind. Was sie darstellten, hatte in der That lebhaft
vor meiner Seele gestanden; ich sah es klar und deutlich mit meinem
geistigen Auge, bevor ich es zu verkörpern suchte; aber meine Hand
kam meiner Phantasie nicht nach, und ich brachte in jedem Falle nur
ein schwaches Abbild dessen zu stande, was mir vorschwebte. Die
Gemälde waren in Wasserfarben. Das erste stellte eine bewegte See
dar, über der niedrige und schwere Wolken lagen; der ganze Hintergrund war dunkel und ebenso der Vordergrund oder vielmehr die erste
Welle, denn Land war nirgend auf dem Bilde. Ein Lichtstrahl beleuchtete einen halb versunkenen Mast, auf dem ein dunkler, großer
Seerabe mit von Schaum bedeckten Schwingen saß; in seinem Schnabel
hielt er ein mit Juwelen besetztes Armband, das ich mit den glänzendsten
Farben gemalt hatte, die meine Palette enthielt, und so hervortretend,
wie ich es nur im stande war. Hinter dem Mast und Vogel sah
man durch das grüne Wasser eine im Untersinken begriffene Leiche;
das einzige Glied derselben, welches man noch deutlich erkennen
konnte, war ein schöner Arm, dem das Wasser oder der Rabe das
Armband entrissen haben mußte. Das zweite Gemälde zeigte im
Vordergrund die Spitze eines Hügels, der mit Gras bewachsen war.
Darüber und darunter breitete sich der Himmel aus, so dunkelblau,
wie er um die Dämmerungszeit auszusehen pflegt. In dem Blau
des Himmels zeichnete sich eine Frauengestalt ab, für die ich die
Farben so zart gemischt hatte, wie ich es irgend vermochte. Die
blasse Stirn war von einem Sterne gekrönt; ihre übrigen Züge waren
wie vom Nebel verhüllt; die Augen blickten düster und wild; das
Haar umfloß sie wie ein dunkler Schatten, wie eine Wolke, welche
der Sturm zerrissen hatte; auf dem Nacken lag ein blasser Schein,
wie vom Licht des Mondes und derselbe Schein streifte die dünnen
Wolken, aus denen die Erscheinung des Abendsterns auftauchte. Das
dritte Bild zeigte die Spitze eines Eisbergs, welche den nordischen
Winterhimmel durchdrang; ein Nordlicht am Horizont warf seine
blassen Strahlen auf den Hintergrund. Im Vordergrund erhob sich
ein Kopf, ein kolossaler Kopf, der dem Eisberg zugeneigt war und
sich an ihn anlehnte. Zwei dünne Hände stützten den Kopf und verhüllten den unteren Teil des Gesichts mit einem schwarzen Schleier;
der obere war blutlos und totenblaß, und aus ihm blickte ein Auge
hervor, das hohl und starr aussah, aber in dem dennoch die Verzweiflung zu erkennen war. Über den Schläfen, zwischen den Falten
der turbanartigen Kopfbedeckung, schimmerte matt ein weißer Flammenring hindurch, auf den mitunter ein hellerer Lichtstrahl fiel. Dieser
blasse Reifen war ,das Abbild einer Königskrone', und was sie
krönte war der Schatten des Todes.

,Waren Sie glücklich, als Sie diese Bilder malten?'
,Ich war ganz in die Idee versenkt und war auch glücklich, ja;
denn sie zu malen, war einer der höchsten Genüsse, die ich kannte.’

,Das will nicht viel sagen, denn nach Ihrer eigene: Erzählung
haben Sie in Ihrem Leben noch nicht viele Genüsse kennen gelernt;
aber ich glaube, Sie lebten gewissermaßen in einem künstlerischen
Traumlande, während Sie Ihre Farben mischten und diese wunderbaren Bilder entwarfen. Haben Sie viele Stunden am Tage daran
gemalt?’
,Ich hatte in den Ferien weiter nichts zu thun, und so malte
ich vom Morgen bis zum Mittag und vom Mittag bis zum Abend;
die Länge der Tage begünstigte meine Arbeitslust.

,Und Sie waren zufrieden mit dem Erfolge ihrer Arbeit?
,Durchaus nicht. Der Abstand zwischen meiner Idee und ihrer
Ausführung quälte mich. Ich konnte in keinem Falle erreichen, was
mir vorschwebte.’

,Sie übertreiben, aber Sie haben wahrscheinlich nur den Schatten
ihrer Vorstellungen festhalten können. Sie sind nicht künstlerisch gebildet genug, um mehr erreichen zu können, aber für ein Schulmädchen sind ihre Zeichnungen hervorragend, und die Gedanken, die zu Grunde liegen, find elfenhaft. Diese Augen im Abendstern müssen
Sie im Traume gesehen haben. Wie konnten Sie ihnen einen so
klaren Blick geben, ohne sie glänzend zu machen? Denn der Stern
über ihnen dämpft ihren Glanz. Und welcher Ausdruck liegt in
ihrer ernsten Tiefe? Und wer lehrte Sie den Wind zu malen?
Über diesen Himmel und Hügel jagt der Wind hin. Wo haben Sie
Latmos gesehen? Denn das ist Latmos. Hier- nehmen Sie die
Zeichnungen fort.’

Ich hatte kaum die Bänder meiner Mappe zugebunden, als er
nach seiner Uhr sehend, plötzlich sagte:

,Es ist neun Uhr. Was fällt Ihnen ein, Adele so lange aufsitzen zu lassen? Bringen Sie sie zu Bett.
Adele gab ihm einen Kuß, ehe sie das Zimmer verließ. Er
duldete die Liebkosung, aber sie schien ihm kaum so zu behagen, als
wenn Pilot ihn umschmeichelte.

,Ich wünsche Ihnen Allen jetzt gute Nacht, sagte er, eine Bewegung mit der Hand nach der Thür machend, welche andeutete,
daß er unserer Gesellschaft müde war und uns zu entlassen wünschte.
Mrs. Fairfax legte ihr Strickzeug zusammen, ich nahm meine Mappe,
wir verbeugten uns, empfingen eine frostige Verbeugung als Erwiderung und zogen uns zurück.

,Sie sagten, Mr. Rochester hätte keine auffallenden Sonderbarkeiten, Mrs. Fairfax,'' bemerkte ich, als ich die alte Dame in ihrem
Zimmer aufsuchte, nachdem ich Adele zu Bett gebracht hatte.
,Ja; hat er denn welche?
,Ich denke doch; er ist sehr launenhaft und barsch.
,Nun, einem Fremden mag er wohl so erscheinen; ich bin an
sein Wesen gewöhnt und mache mir keine Gedanken darüber; auch
verdient er wohl Nachsicht, wenn er Eigentümlichkeiten hat.

,Weshalb?’
,Einmal, weil sie ihm angeboren sind, und niemand kann wider
seine Natur, dann aber auch, weil er sicher trübe Gedanken hat,
welche ihn quälen und seine Stimmung ungleich machen.
,Worüber denn trübe Gedanken.
,Er hat Kummer in seiner Familie.
,Ich denke, er hat keine Familie.
,Jetzt nicht mehr. Sein ältester Bruder starb vor einigen Jahren.
,Sein älterer Bruder?
,Ja, der jetzige Mr. Rochester ist noch nicht lange im Besitz des
Gutes, etwa erst seit neun Jahren.

,Neun Jahre sind eine lange Zeit. Hat er seinen Bruder so
sehr geliebt, daß er jetzt noch untröstlich über seinen Verlust ist?

,Das wohl nicht. ich glaube sogar, die Brüder verstanden sich
nicht recht; und der alte Mr. Rochester war auch nicht gerecht gegen
Mr. Edward; er bevorzugte immer den älteren Sohn. Mr. Edward
hatte viel zu leiden; er ist nicht sehr nachgiebig und brach mit seiner
Familie; dann führte er mehrere Jahre hindurch ein unstätes Leben.

Ich glaube, daß er seit dem Tode seines Bruders sich noch nicht
vierzehn Tage hinter einander in Thornfield aufgehalten. Es ist
auch kein Wunder, daß er Thornfield meidet.

,Warum sollte er es meiden?
,Es kommt ihm vielleicht düster vor.
Die Antwort war ausweichend; ich hätte gern mehr erfahren,
aber Mrs. Fairfax konnte oder durfte keine nähere Auskunft über
die Prüfungen geben, die Mr. Rochester durchgemacht hatte. Sie
gab vor, daß sie ihr selbst ein Geheimnis wären, und daß sie nur
von anderen gehört hätte, was sie etwa wüßte. Es war augenscheinlich, daß sie wünschte, ich möchte das Gespräch fallen lassen, was ich
natürlich auch that.



Vierzehntes Kapitel.

Während der folgenden Tage sah ich Mr. Rochester nur flüchtig
Vormittags schien er sehr von Geschäften in Anspruch genommen zu
sein und nachmittags hatte er häufig Besuch von Herren aus Millcote
und der Nachbarschaft, die zuweilen zum Mittagessen bei ihm blieben.
Als seine Verstauchung sich besserte, ritt er viel aus; wahrscheinlich
erwiderte er die Besuche seiner Nachbarn, denn er kam oft erst spät
in der Nacht zurück.

Während dieser Zeit schickte er sogar selten nach Adele und mein
Verkehr mit ihm beschränkte sich auf gelegentliche Begegnungen in
der Halle, auf der Treppe oder im Korridor; er ging dann vornehm
und kalt an mir vorüber, nur durch ein Kopfnicken oder einen kalten
Blick, zuweilen freilich auch durch eine Verbeugung und ein höfliches
Lächeln zu erkennen gebend, daß er mich bemerke. Seine wechselnde
Laune beleidigte mich nicht, weil ich sah, daß sie mich nichts anging
und daß ihre Ebbe und Flut von Dingen abhing, die zu mir in
keiner Beziehung standen.

Eines Tages gab er ein Diner und sandte im Verlaufe desselben
nach meiner Zeichenmappe, wahrscheinlich um ihren Inhalt zu zeigen.
Die Herren brachen zeitig auf, um, wie mir Mrs. Fairfax mitteilte,
einem Verein in Millcote beizuwohnen, aber Mr. Rochester begleitete
sie nicht, weil das Wetter regnerisch und rauh war. Bald nachdem
sie fort waren, ertönte die Glocke, und ich empfing die Weisung, mit
Adele hinunter zu kommen. Ich bürstete Adeles Haar und machte
sie nett, dann versicherte ich mich selbst, daß mein Anzug in seiner
gewöhnlichen Ordnung war und wir gingen hinab. Adele erging
sich auf der Treppe in Vermutung, ob wohl der kleine Koffer endlich
angekommen sei, dessen Ankunft sich durch ein Mißverständnis bis jetzt
verzögert hatte. Sie wurde zufriedengestellt, denn es stand ein
kleiner Karton auf dem Tische, als wir in das Zimmer traten. Sie
schien ihn instinktmäßig als den ihrigen zu erkennen.
,Ma boîte, ma boîte’ rief sie, darauf zueilend.
,Ja- da ist Deine ,boîte’ endlich; nimm sie in irgend eine
Ecke, Du schlaue Pariserin, und unterhalte Dich damit, sie auszupacken, sprach Mr. Rochesters tiefe, etwas spöttische Stimme aus
der Tiefe eines Lehnstuhls hervor, der am Kamin stand. ,Und laß
Dir gesagt sein,’ fuhr er fort, ,daß Du mich nicht mit Deinem Geschwätz über den Inhalt der Schachtel u. s. w. langweilst; verhalte
Dich still - tiens-toi tranguille, enfant; comprends tu?
Adele schien dieser Warnung garnicht zu bedürfen; sie zog sich
schon mit ihrem Schatzkästlein auf das Sopha zurück und war eifrig
beschäftigt, die Schnur zu lösen, welche dasselbe verschloß. Nachdem
sie dieses Hindernis beseitigt und einige in Silberpapier eingewickelte
Packete geöffnet hatte, rief sie fröhlich aus:
,Oh. Ciel! Que c’est beau!’ und blieb dann still in begeisterte
Bewunderung versunken.

,Ist Miß Eyre hier?’ fragte jetzt Mr. Rochester, indem er sich
halb von seinem Sitze erhob, um sich nach der Thür umzusehen, an
welcher ich noch stand.
,Ah, gut! Kommen Sie näher und setzen Sie sich hierher,’
sagte er, einen Stuhl an den seinigen heranziehend., Ich liebe
Kindergeschwätz nicht,! fuhr er fort; ,für einen alten Junggesellen,
wie mich, wäre es unerträglich, einen ganzen Abend allein mit dieser
Brut verbringen zu müssen. Rücken Sie den Stuhl nicht weiter ab,
Miß Eyre, setzen Sie sich genau da hin, wo ich ihn hingestellt habe
- das heißt, wenn es Ihnen gefällig ist. Diese verwünschten Höflichkeitsformen vergesse ich regelmäßig! Aber ich wollte noch sagen,
daß ich außer der Unterhaltung mit Kindern auch die mit beschränkten
alten Damen nicht besonders liebe; trotzdem muß ich aber meine alte
Dame herbitten lassen; es würde unrecht sein, sie zu vernachlässigen,
denn sie ist eine Fairfax oder war wenigstens an einen Fairfax verheiratet, und ein altes Sprichwort sagt: Blut ist dicker als Wasser.
Er klingelte und übersandte eine Einladung an Mrs. Fairfax;
diese erschien denn auch bald mit ihrem Strickkorbe.

,Guten Abend, Madame; ich bat Sie hierher zu kommen, weil
ich Sie um ein Werk der Barmherzigkeit ersuchen möchte; ich habe
nämlich Adele verboten, über ihre Geschenke zu mir zu reden, und
sehe ihr nun an, daß sie, vor Verlangen sich auszusprechen, fast vergeht; haben Sie die Güte, ihr als Zuhörerin zu dienen, sie werden
damit eine der edelsten Thaten begehen, die Sie jemals vollbracht
haben.’

Adele hatte in der That Mrs. Fairfax kaum gesehen, als sie dieselbe auch schon zu sich an das Sopha rief und ihren Schoß mit alle
dem porzellanenen, elfenbeinernen und wächsernen Inhalt ihrer ,boîte’
füllte, indem sie zugleich erklärende oder entzückte Äußerungen in dem
gebrochenen Englisch that, das ihr zu Gebote stand.

,Nun habe ich den Pflichten eines guten Wirtes genügt,' sagte
Mr. Rochester, ,habe meinen Gästen die Gelegenheit gegeben, sich
mit einander zu amüsieren, jetzt darf ich mir auch die Freiheit nehmen,
an mein eigenes Vergnügen zu denken. Miß Eyre, rücken Sie Ihren
Stuhl noch etwas näher, Sie sitzen so im Schatten, daß ich Sie
nicht sehen kann, ohne meine bequeme Lage in diesem Stuhle aufzugeben, und das zu thun, bin ich nicht willens.

Ich that, was er wünschte, obgleich ich lieber meinen dunklen
Platz behalten hätte, aber Mr. Rochester sprach seine Befehle so bestimmt aus, daß es selbstverständlich schien, ihm ohne Widerrede zu
gehorchen.

Wir befanden uns im Eßzimmer, der Kronleuchter, den man
des Diners wegen angezündet hatte, erfüllte den Raum mit festlichem Glanze; das Feuer im Kamin strahlte in rotem Lichte, die
purpurnen Gardinen hingen in reichen Falten von den hohen Fenstern
und der noch höheren Thüre hernieder; alles war still, bis auf das
leise Geplauder von Adele (sie wagte nicht laut zu reden) und den
Regen, welcher an die Scheiben schlug.

Mr. Rochester sah in seinem roten Lehnstuhl ganz anders aus,
als ich ihn bisher gekannt hatte, nicht halb so streng und mürrisch;
auf seinen Lippen lag ein Lächeln und seine Augen glänzten; ob infolge des genossenen Weines, weiß ich nicht, doch ist es sehr wahrscheinlich. Er war mitteilsamer und heiterer in dieser Nachmittagstimmung, als in seiner frostigen Vormittagslaune, dennoch sah er
streng aus, wie er jetzt seinen mächtigen Kopf gegen die schwellenden
Kissen des Polsterstuhls lehnte und das Feuer seine erzenen Gesichtszüge und seine großen, dunklen Augen hell beschien- denn er hatte
große, dunkle, sogar schöne Augen, in denen zuweilen ein Ausdruck
lag, der, wenn er nicht von Weichheit und Herzensgüte zeugte, doch
wenigstens daran erinnerte.
Er sah mehrere Minuten hindurch in das Feuer und ich sah
während derselben Zeit ihn an, als er sich plötzlich umwandte und
meinen forschend auf ihn gerichteten Blick bemerkte.
,Sie beobachten mich, Miß Eyre,' sagte er, ,halten Sie mich
für hübsch?’
Bei einiger Überlegung würde ich auf diese Frage irgend eine
unbestimmte, höfliche Antwort gegeben haben, aber so kam mir fast
unbewußt die Antwort: ,Nein, Herr,' über die Lippen.
,So! Auf mein Wort, Sie find ein eigentümliches Wesen!' sagte
er. ,Sie sehen wie eine kleine Nonne aus: zierlich, ruhig, ernst und
einfach; wenn Sie so da sitzen mit gefalteten Händen, die Augen
meist auf den Boden geheftet (ausgenommen, wenn sie durchdringend
auf mich gerichtet sind, wie z. B eben jetzt, und wenn man Sie fragt
oder eine Bemerkung macht, auf die Sie zu antworten genötigt sind,
so geben Sie eine so unumwundene Erwiderung, die, wenn nicht
unhöflich, so doch barsch ist. Was ist Ihre Absicht dabei.
,Ich war zu geradezu, Herr, und bitte um Entschuldigung. Ich
hätte sagen sollen, daß es nicht leicht sei, über das Aussehen eines
Menschen ein schnelles Urteil zu fällen; daß der Geschmack verschieden
sei, daß die Schönheit keinen Wert habe, oder etwas Ähnliches.

,Dergleichen hätten Sie nicht antworten sollen. Die Schönheit
keinen Wert haben, wahrhaftig! Unter dem Vorwande, die Beleidigung auszulöschen und mich zu beruhigen, stoßen Sie mir ein feines
Messer ins Ohr. Fahren Sie nur fort; was gefällt Ihnen nicht an
mir, bitte? Ich denke doch, meine Gliedmaßen und Gesichtszüge sind
wie die jedes anderen Mannes.

,Mr. Rochester, erlauben Sie mir, meine erste Antwort zurückzunehmen, ich beabsichtigte nicht zu verletzen, es war nur eine Unbeholfenheit.

,Gewiß; das denke ich auch, und Sie sollen mir Genugthuung
geben, indem Sie mir sagen, was Ihnen nicht an mir gefällt.

Er strich seine wolligen Haarmassen zurück, welche die Stirn
verdeckten, und zeigte, daß sie hoch und geistreich war, wenn auch für
das Organ des Wohlwollens kein platz auf ihr zu sein schien.
,Nun, Miß, gehöre ich zu den Einfältigen?

,Gewiß nicht, Herr. Aber Sie werden mich vielleicht für
unhöflich halten, wenn ich zurückfrage, ob Sie ein Menschenfreund
sind?

,Da - schon wieder ein Stich mit dem Federmesser, obgleich
sie sich den Anschein giebt, als wollte sie mich streicheln; und warum?
- weil ich gesagt habe, ich liebe nicht die Gesellschaft von Kindern
und alten Weibern (leise sei es gesagt!s. Nein, meine junge Dame,
ich bin im ganzen kein Menschenfreund, aber ich habe ein Gewissen;
und er deutete auf die Erhebungen auf seinem Schädel, welche vorzugsweise der Sitz der Eigenschaften sein sollen, aus denen sich das
Gewissen zusammensetzt, und die, glücklicherweise für ihn, sehr hervortretend waren und seinem Kopf in der That eine bemerkliche Breite
gaben. ,Als ich so alt wie Sie war, gab es in meinem Herzen noch
eine Art rauher Zärtlichkeit, ich war ein ganz gefühlvoller Junge
und hatte besonders Teilnahme für die Unmündigen, Hungernden
und Unglücklichen; aber das Leben hat mir seitdem arg mitgespielt,
hat mich gestoßen und betrogen, und jetzt hoffe ich so hart zu sein,
wie die Kugel eines indianischen Räubers; unverwundbar, einige
kleine schwache Stellen ausgenommen und mit nur einem fühlenden
Punkt im ganzen Menschen. Ist da noch Hoffnung für mich vorhanden?
,Hoffnung, Herr? Hoffnung, worauf?
,Auf meine Rückverwandlung aus einem indianischen Räuber in
einen Menschen.'

Sicher hat er zu viel getrunken, dachte ich bei mir, denn ich
wußte nicht, was ich aus seiner sonderbaren Frage machen sollte.

,Sie sehen jetzt sehr verlegen aus, Miß Eyre, und obgleich Sie
durchaus nicht hübscher sind, als ich, steht Ihnen die Verlegenheit
doch sehr gut; außerdem ist sie mir angenehm, denn sie zieht ihre
durchdringenden Augen von meinem Gesicht ab und fesselt sie an die
verblühten Blumen des Teppichs. Ich bin heute in geselliger und
mitteilsamer Stimmung, meine junge Dame.

Mit dieser Ankündigung erhob er sich von seinem Sitze und
stellte sich an den Kamin, einen Arm auf dessen Sims stützend. In
dieser Stellung konnte man seine Figur ebenso deutlich sehen, wie
sein Gesicht, und die unverhältnismäßige Breite derselben im Vergleich zu ihrer Größe fiel sehr in die Augen. Ich glaube sicher, die
meisten Menschen würden ihn für einen häßlichen Mann gehalten
haben; und doch lag in seiner Haltung so viel Stolz und Ungezwungenheit, so viel Gleichgültigkeit gegen seine äußere Erscheinung, so viel
Zuversicht und männliche Kraft, daß sie für ein anziehendes Äußere
entschädigen konnten, und daß man in einem gewissen, wenn auch beschränkten Sinne, Vertrauen zu ihm gewann.

,Ich bin heute Abend in geselliger und mitteilsamer Stimmung,
wiederholte er; ,und deshalb habe ich Sie rufen lassen. Das Kaminfeuer und die Lichte waren keine ausreichende Gesellschaft für mich;
auch Pilot nicht, denn sie können alle nicht sprechen. Adele wäre
schon um einen Grad besser, aber mir noch nicht genügend, und
Mrs. Fairfax gleichfalls; Sie können mich unterhalten, wenn Sie
wollen, davon bin ich überzeugt; Sie verstanden es, mich zu interessieren, als ich Sie das erste Mal hier herunter bitten ließ. Seitdem habe ich Sie fast vergessen; mir gingen andere Dinge durch
den Kopf; aber heute bin ich entschlossen, es mir behaglich zu machen,
alles Lästige von mir zu weisen und zu thun, was mir gefällt. Es
gefällt mir aber, Sie auszuforschen, etwas über Sie zu erfahren -
darum sprechen Sie.

Statt zu sprechen, lächelte ich, und zwar weder sehr höflich noch
sehr unterwürfig.
,Sprechen Sie,' drängte er.
,Worüber, Herr?
,Worüber es Ihnen beliebt. Ich überlasse Ihnen die Wahl
des Themas sowohl, wie die Art es zu behandeln.'

Natürlich schwieg ich still und dachte nur: Er verlangt von
mir, daß ich nur reden soll, um zu reden, oder um meine Kenntnisse
auszukramen, aber ich werde ihm zeigen, daß er sich verrechnet hat.

,Sie sind stumm, Miß Eyre.
Ich blieb stumm. Er beugte seinen Kopf etwas vor und suchte
mit einem durchdringenden, schnellen Blicke meine Gedanken zu erforschen.
,Hartnäckig?' sagte er, ,und ärgerlich. Ah, es ist klar; ich
stellte meine Forderung in einer unpassenden, verletzenden Art. Ich
bitte um Entschuldigung, Miß Eyre. Es ist meine Absicht nicht, ein
für allemal sei es gesagt, Sie wie eine Untergebene zu behandeln;
das heißt,'! verbesserte er sich selbst, ,ich beanspruche nur das Übergewicht, welches mir zwanzig Jahre Altersverschiedenheit und meine
sehr weit reichenden Erfahrungen geben. Dazu bin ich berechtigt,
und I'z tiens,? um mit Adele zu reden, und im Sinne dieser Überlegenheit allein bitte ich Sie, jetzt zu mir zu sprechen und meine
Gedanken etwas zu zerstreuen, die müde vom Grübeln über ein und
dasselbe Thema sind.'
Er hatte sich zu einer Erklärung, gewissermaßen sogar zu einer
Abbitte herabgelassen. Ich war nicht unempfänglich gegen diese Nachgiebigkeit und wollte es auch nicht scheinen.

,Ich bin bereit, Sie zu unterhalten, Herr; gern bereit, aber ich
kann kein Thema anregen, denn wie kann ich wissen, was Sie interessiert? Fragen Sie mich und ich will antworten, so gut ich es
vermag.

,Dann also zuerst: stimmen Sie mit mir in der Ansicht überein,
daß ich ein Recht habe, etwas gebieterisch und kurz in meinen Forderungen zu sein, aus dem schon angeführten Grunde, daß ich alt genug
bin, um Ihr Vater sein zu können, und daß ich mich mit vielen
Menschen und Nationen umhergeschlagen und, den ganzen Erdball
durchstreifend, Erfahrungen gesammelt habe, während Sie ruhig unter
denselben Menschen und demselben Dache gewohnt haben?

,Thun Sie, was Ihnen beliebt, Mr. Rochester.
,Das ist keine Antwort oder ist vielmehr eine sehr verletzende,
weil sie sehr unbestimmt ist- antworten Sie ohne Umschweife.
,Ich denke, Herr, daß Ihr höheres Alter und Ihre reichere Erfahrung Ihnen noch kein Recht giebt, mir Befehle zu erteilen. Ihr
Recht, sich über mich zu stellen, hängt davon ab, welchen Gebrauch
Sie von Ihrer Zeit und Ihren Erfahrungen gemacht haben.
, Dm, das ist deutlich gesprochen. Aber ich kann diese Ansicht
nicht gelten lassen, sie findet keine Anwendung auf mich, weil ich von
beiden Vorzügen oft gar keinen Gebrauch gemacht habe. So wollen
wir denn die Rechtsfrage unörtert lassen, aber Sie müssen mir versprechen, mitunter meinen Befehlen zu gehorchen, ohne empfindlich
oder durch meine Art und Weise beleidigt zu sein- wollen Sie das?

Ich lächelte und dachte bei mir selbst: Mr. Rochester ist
sonderbar - er scheint ganz und gar zu vergessen, daß er mir jährlich H0 Pfund bezahlt, damit ich seinen Befehlen gehorche!
,Es ist schön, daß Sie lächeln,! sagte er, augenblicklich diesen
vorübergehenden Ausdruck auf meinem Gesichte bemerkend, ,aber
Sie müssen auch sprechen.'

,Ich dachte eben daran, daß es wohl wenig Herren geben
möchte, die sich darum kümmern, ob ihre bezahlten Untergebenen
durch ihre Befehle verletzt werden oder nicht.

,Bezahlte Untergebene! Wie, find Sie meine bezahlte Untergebene? Ach, richtig, ich hatte den Gehalt vergessen. Schön, wollen
Sie aus diesem kaufmännischen Grunde darin willigen, daß ich zuweilen den Eisenfresser spiele?
,Nein, Herr, aus diesem Grunde nicht, wohl aber deshalb, weil
Sie ihn vergaßen, und danach fragen, ob jemand, der von Ihnen
abhängig ist, sich in dieser Abhängigkeit wohl befindet, deshalb
willige ich von Herzen ein.
,Und wollen Sie mir ein gutes Teil Redensarten erlassen,
ohne zu glauben, daß ich es nicht aus Unhöflichkeit an ihnen fehlen
lasse?
,Ich weiß ganz genau, daß ich Mangel an Förmlichkeit nie
mit Unhöflichkeit verwechseln könnte; Förmlichkeit liebe ich gar nicht,
aber Unhöflichkeit wird kein Freigeborener ertragen, selbst nicht für
Gehalt.

,Unsinn! Die meisten Freigeborenen thun für Gehalt alles;
darum sprechen Sie nur von Ihren eigenen Empfindungen und übertragen Sie dieselben nicht auf die Allgemeinheit, denn davon verstehen Sie gar nichts. Dennoch reiche ich Ihnen im Geiste die
Hand für Ihre Äußerung, obgleich sie durchaus nicht zutreffend ist;
auch die Art, in der sie ausgesprochen war, ist mir sympathisch, fie
war freimütig und aufrichtig; dieser Art begegnet man nicht oft, im
Gegenteil, man empfängt für seine Aufrichtigkeit oft Antworten,
welche Ziererei, Kälte, Dummheit oder grobes Mißverstehen der
wahren Meinung des Gesagten diktiert haben. Nicht drei unter dreitausend Gouvernanten würden mir so' geantwortet haben, wie Sie
soeben. Aber ich will Ihnen nicht schmeicheln; wenn Sie sich von
der Mehrzahl unterscheiden, so ist das nicht Ihr Verdienst, sondern
das der Natur. Außerdem ziehe ich zu schnelle Schlüsse, vielleicht
sind Sie auch nicht besser, als die übrigen; Sie können ja auch
unerträgliche Fehler haben, welche Ihren wenigen guten Seiten die
Wage halten.
Und das kann auch mit Dir der Fall sein, dachte ich. Als
dieser Gedanke mir durch den Sinn ging, begegnete mein Blick dem
seinigen; er schien ihn erraten zu haben, denn er beantwortete ihn,
als ob ich ihn ausgesprochen hätte.

,Ja, ja, Sie haben recht, sagte er; ich habe selbst viele Fehler;
ich weiß es und will sie nicht beschönigen; aber schlimme Erfahrungen
in meiner Jugend tragen mit die Schuld daran; ich hätte unter
anderen Verhältnissen ein ganz anderer Mensch werden können, so
gut, so fleckenlos und weiser wie Sie. ich beneide Sie um Ihre
Gemütsruhe, Kleine, um Ihr reines Gewissen Ihre ungetrübten
Erinnerungen. Ungetrübte Erinnerungen müssen eine unversiegbare
Quelle reiner Freuden sein. Ist dem nicht so?

,Welche Erinnerungen hatten Sie, als Sie, wie ich, achtzehn
Jahre alt waren?

,Ja, da war es anders; da war mein Gewissen so rein, wie
jetzt das Ihrige, Miß Eyre. Ich hatte von Natur keine schlimmen
Anlagen; ich hätte ein guter Mensch werden können, aber Sie sehen,
daß ich das nicht bin. Sie sehen es nicht, wollen Sie sagen, wenigstens glaube ich das in Ihren Augen zu lesen. Hüten Sie sich,
Ihre Gedanken durch die Augen auszudrücken, wenn Sie sie verbergen
wollen, denn ich verstehe diese Sprache sehr gut. ich gebe Ihnen
mein Wort, daß ich kein schlechter Mensch bin; kein größerer Sünder,
als so viele, die sich nicht beugen mögen, und starr an ihrem Willen
hängen, selbst wenn Unheil daraus entsteht. Wundern Sie sich, daß
ichIhnen das mitteile? Sie werden im Laufe Ihres Lebens von
Ihren Bekannten noch oft zur Vertrauten ihrer Geheimnisse gemacht
werden; sie werden so gut, wie ich, herausfinden, daß Sie keine
Anlage haben von sich zu reden, wohl aber Talent denen zuzuhören,
welche es thun; sie werden auch herausfühlen, daß Sie ihren Herzensergüssen nicht mit Übelwollen oder Spott, sondern mit innerlicher
Sympathie begegnen, die deshalb nicht weniger wohlthuend und ermutigend ist, weil sie mit ihren äußeren Kundgebungen zurückhält.

,Woher wissen Sie?- woher erraten Sie dies alles, Herr?
,ich weiß es ganz sicher, und darum spreche ich so offen zu
Ihnen, als ob ich meine Gedanken in ein Tagebuchschriebe. Ich
hätte mich über die Verhältnisse erheben, hätte meinen Eigenwillen
unterdrücken müssen, wollen Sie sagen, - gewiß, ich hätte es thun
sollen; ich wollte, ich hätte es gethan! Gott weiß, wie innig ich es
wünsche. Aber als mir Unrecht geschah, war ich noch nicht weise
genug, ruhig zu bleiben, ich verzweifelte, und- wenn Ihnen die
Versuchung naht, fürchten Sie die Gewissensbisse, Miß Eyre, Gewissensbisse vergiften das Leben.
,Reue bringt Versöhnung, sagt man.
,Reue nicht- Besserung mag es thun. Aber wenn uns die
durch den Tod entrückt sind, an welchen wir ein Unrecht gutzumachen haben, was dann?

,Dann setze man diejenigen, welche ihnen lieb waren, zu Erben
seiner guten Vorsätze und Thaten ein, oder lasse sie der ganzen
Menschheit zu Gute kommen.

,Dann setze man diejenigen, welche ihnen lieb waren, zu Erben
seiner guten Thaten und Vorsätze ein,? wiederholte er wie träumend.
,Das ist mein Bemühen, kleine Weisheit, aber mein Gewissen fühlt
sich nicht erleichtert, weil ich die Unzurechnungsfähigen vor dem Verderben schütze oder die Unmündigen kleiden und erziehen lasse.'

Mein Blick suchte Adele.
,Ja, ja, sagte er, ,Sie haben recht, meine Gedanken stehen
im Zusammenhange mit ihr.
,Und wollen Sie weiter nichts an ihr thun, Herr, als sie kleiden
und erziehen lassen? Wollen Sie nicht auch versuchen, ihr die Liebe,
welche Eltern für ihre Kinder haben, durch warme Teilnahme wenigstens oder besser auch durch Liebe zu ersetzen.

,Teilnahme? Habe ich sie denn nicht für sie?
,Vielleicht; aber Sie geben sie dem Kinde nicht zu erkennen.
,Nicht zu erkennen! Ist sie nicht so eben beschäftigt mit den
Beweisen meiner Teilnahme und sind sie nicht vollkomnmen ausreichend,
um sie mit der höchsten Befriedigung zu erfüllen? sagte er mit einem
spöttischen Lächeln.

,h, Herr, Sie wollen mich nicht verstehen, oder Sie haben
keinen Begriff davon, wie wohlthuend für ein verwaistes Kinderherz
die Teilnahme und Liebe seiner Umgebung ist, wie unter ihrem
Sonnenschein die edelsten Blüten sich entfalten, und wie im Gegenteil Kälte und Gleichgültigkeit die schönsten Keime ersticken. Oh,
wenn Sie es lernten, Herr, sich die Liebe derer zu erwerben, denen
Sie Gutes thun, Sie würden einen Schatz beseligender, wohlthuender
Erinnerungen erwerben, die wohl im stande sein könnten, die trüben,
welche Sie quälen, zu verdrängen.

,Oh, Sie ernsthafter kleiner Prediger! Sie glauben an Ihre
Worte, ich weiß es,' sagte er, mich halb mitleidig, halb traurig, anblickend. ,Können Sie auch lachen, Miß Eyre, fragte er plötzlich.
,Sparen Sie sich die Antwort, - ich sehe Sie lachen selten, aber
Sie können sehr heiter lachen. Die Zurückhaltung, welche man Sie
in Lowood gelehrt, ist ihnen noch eigen und beherrscht Ihre Mienen,
dämpft Ihre Stimme und bestimmt Ihre Bewegungen und Sie sind
in Gegenwart eines Mannes, Vaters, Bruders oder Herren, wenn
deshalb küßte ich sie vielleicht heute inniger als gewöhnlich und sagte
in einem wärmeren Tone als sonst:

,Schlaf wohl, mein Liebling.
Sie schlang ihre Armchen um meinen Hals, drückte mich fest an
sich, und ,Je vous aime,’ flüsterte sie mir ins Ohr; ,dormez-bien,
ma chère Madamoiselle Jeannette.’



Fünfzehntes Kapitel.

Ich sah jetzt Mr. Rochester häufiger. Wenn Adele und ich spazieren gingen, so gesellte er sich mitunter zu uns, auch wurde ich
zuweilen in die Bibliothek entboten, um ihm vorzulesen; ich hatte
auch dann und wann Gelegenheit, ihn im Verkehr mit seinen Untergebenen zu beobachten. Er war gegen sie oft ungerecht streng, besaß
viel Stolz und Sarkasmus und eine Unduldsamkeit gegen geistige
Flachheit, die aller Beschreibung spottete; er war auch launisch und
unberechenbar in seiner Laune, sein Gesicht hatte oft einen mürrischen,
zuweilen einen fast bösen Ausdruck, aber trotz alledem konnte ich mich
der Überzeugung nicht erwehren, daß ihn nur ein widriges Geschick
zu dem gemacht hatte, was er jetzt zu sein schien, daß er von Natur
ein wohlwollendes Gemüt, einen für das Schöne und Gute empfänglichen Sinn und viele edle Eigenschaften besaß, welche nur die Verhältnisse zum Teil unterdrückt hatten und die Erziehung zum andern
Teil zu entwickeln versäumt hatte. Ich kann nicht leugnen, daß ich
ihn von Herzen beklagte und viel darum gegeben hätte, wenn ich ihn
hätte von dem Kummer befreien können, der auf ihm lastete; es war
die Dankbarkeit, welche mich das wünschen ließ, denn gegen mich
war er immer gütig, und wenn ich auch seine Fehler nie vergaß, so
verbanden sich mit seiner Erscheinung für mich doch so viele Erinnerungen an unterhaltende Gespräche und stets die Aussicht, aus seinem
reichen Schatz an Wissen und Erfahrung zu lernen, daß ich kein
Gesicht lieber sah, als das seinige und mir seine Gegenwart das
Zimmer mehr zu erhellen schien, als der hellste Lichterglanz. Die
Leichtigkeit seiner Manieren überwand meine Zurückhaltung; die
freundliche Offenheit, mit der er mich behandelte, zog mich zu ihm
hin. Ich hatte zuweilen das Gefühl, als sei er viel eher ein Verwandter von mir, als mein Herr; mitunter nahm er freilich auch
gegen mich einen gebieterischen Ton an, aber er verletzte mich nicht;
ich wußte, das war so seine Gewohnheit. Ich war so zufrieden mit
dem neuen Leben, das seine Anwesenheit in Thornfield hier schuf,
daß ich aufhörte, mich nach eigenen Verwandten zu sehnen; ich fühlte
mich befriedigt und das blieb nicht ohne günstigen Einfluß auf meine
Gesundheit; ich wurde stärker und kräftiger.
Eines Abends, als ich mich zu Bett gelegt und mein Licht bereits ausgelöscht hatte, überkam es mich wie eine Furcht, daß Mr.
Rochester abreisen könnte, und wir zu der früheren einförmigen Lebensweise zurückkehren müßten. Gewiß wird er bald wieder fortgehen,
dachte ich. Mrs. Fairfax sagt ja, daß er selten länger als vierzehn
Tage hier bleibt und jetzt ist er schon acht Wochen hier. Was mag
ihn diesem Hause so entfremden? Wenn er fortgeht und etwa den
Frühling, Sommer und Herbst hindurch fortbleibt, kann ich mir die
sonnigen und schönen Tage gar nicht froh denken.

Ich weiß nicht, ob ich nach diesen Gedanken eingeschlafen war
oder nicht, wenigstens fuhr ich von meinem Lager empor und war
völlig wach, als ich ein sonderbares Geräusch über meinem Haupte,
wie es mir schien, vernahm; ein dumpfes, unverständliches Murmeln.
Ich wünschte, ich hätte mein Licht brennen lassen, denn die Nacht
war stockfinster. Ich setzte mich im Bett aufrecht und horchte. Das
Geräusch verstummte.
Ich versuchte wieder einzuschlafen, aber mein Herz klopfte ängstlich. Die Uhr in der Halle schlug zwei. Da war es mir, als ob
etwas den Korridor entlang schlich und sich mit den Händen an der
Wand entlang tastend, meine Stubenthür berührte. , Wer ist daR
rief ich. Niemand antwortete. Ich war von Furcht gelähmt.

Plötzlich fiel mir ein, daß es Pilot sein könnte; es kam nicht
selten vor, daß die Küchenthür ofen blieb, und er dann den Weg zu
Mr. Rochesters Zimmer suchte und sich auf dessen Schwelle niederlegte; ich selbst hatte ihn zuweilen dort gefunden, wenn ich morgens
vorüber ging. Dieser Gedanke beruhigte mich etwas, und ich legte
mich wieder nieder. Stille beruhigt die Nerven, und da jetzt wieder
im ganzen Hause vollkommene Ruhe herrschte, fühlte ich, daß auch
der Schlaf wiederkehrte. Aber das Schicksal wollte nicht, daß ich in
dieser Nacht schlafen sollte. Kaum war ich wieder in einen traumhaften Schlummer versunken, als ich aufs neue emporgeschreckt wurde;
dieses Mal durch ein dämonisches, leises, unterdrücktes Lachen, das
durch das Schlüsselloch iu mein Zimmer zu dringen schien und mir
das Mark erstarren machte. Das Kopfende meines Bettes war nahe
an der Thür, und ich dachte zuerst, der gespenstige Lacher stünde neben
mir oder kauerte neben meinem Kopfkissen; ich richtete mich anf,
blickte mich um, konnte aber nichts sehen; während ich noch ins Leere
starrte, wiederholte sich der unnatürliche Klang und ich wurde mir
bewußt, daß er von außen kam. Meine erste Regung war aufzuspringen und den Riegel vorzuschieben, meine zweite wieder zu rufen:
Wer ist da?
Ich hörte ein grollendes Gemurmel und bald darauf vernahm
ich Schritte nach der Treppe vom dritten Stockwerk zu; vor dieser
Treppe war kürzlich eine verschließbare Thür gemacht worden, die ich
öffnen und zuschlagen hörte, dann war alles still.

War das Grace Poole? und ist sie vom Teufel besessen? dachte
ich. Ich konnte nicht länger allein bleiben; ich mußte Mrs. Fairfax
aufsuchen. Ich warf eilig mein Kleid über, band ein Tuch um, schob
den Riegel zurück und öffnete mit zitternder Hand die Thür. Draußen
auf dem Teppich des Korridors stand ein brennendes Licht; dieser
Umstand überraschte mich, aber noch erstaunter war ich, die Luft ganz
dick und mit Rauch angefüllt zu finden, und als ich nach rechts und
links umschaute, um zu erforschen, woher der blaue Dunst käme, bemerkte ich einen starken Brandgeruch. Ich hörte ein Knistern, Mr.
Rochesters Thür stand halb offen und dicke Rauchwolken entströmten
ihr. Ich dachte jetzt weder mehr an Mrs. Fairfax noch an Grace
Poole, ich war in einem Augenblick im Zimmer. Die Flammen
züngelten rund um das Bett, die Bettgardinen brannten, und mitten
in Flammen und Rauch lag Mr. Rochester und schlief fest.
,Wachen Sie auf! Wachen Sie auf!'' rief ich; aber der Rauch
hatte ihn betäubt, er murmelte nur Unverständliches und wendete
sich auf die andere Seite. Es war kein Augenblick zu verlieren,
denn die Betttücher fingen schon an zu brennen. Ich nahm seinen
Wasserkrug und Waschbecken und goß es auf die Flammen; flog in
dunkel im Zimmer, aber ich wußte, daß die Wasserschauer und das
Zerschellen meines Kruges, der mir aus der Hand glitt, Mr. Rochester
erweckt hatten, denn ich hörte ihn fluchen.

,Ist die Sündflut hereingebrochen? rief er.
,Nein, Herr, aber es war Feuer.
,In aller Elfen Namen, ist das Jane Eyre, die da spricht?
Wollen Sie mich ertränken?
,In des Himmels Namen stehen Sie auf, Herr. Jemand wollte
Sie verbrennen und sie können nicht schnell genug ausfindig machen,
wer es war.'

,Ja, ja, ich stehe schon auf; zum Glück haben Sie nicht alle
meine Sachen mit einer solchen Flut überschüttet, wie das Bett.
So, nun bin ich in meinen Kleidern; jetzt holen Sie ein Licht.
Ich brachte das Licht, welches auf dem Korridor stand; er nahm
es mir aus der Hand, hielt es hoch und betrachtete das Bett und
den Teppich; beides war verkohlt, geschwärzt und ganz durchnäßt.

,Was ist das? und wer that es? fragte er.
Ich erzählte ihm kurz, was ich gehört, gesehen und gethan.
Er hörte mir sehr ernst zu, doch drückte sein Gesicht mehr
Kummer als Erstaunen aus; als ich geendet hatte, schwieg er noch
eine Weile.

,Soll ich Mrs. Fairfax rufen? fragte ich.
,Nein, lassen Sie sie ruhig schlafen.
,Dann will ich Leah holen und John und seine Frau wecken.'
,Nein, setzen Sie sich ruhig in diesen Lehnstuhl und verhalten
Sie sich mäuschenstill, bis ich wiederkomme, ich muß dem oberen
Stockwerk einen Besuch abstatten.'

Er ging; ich verfolgte den Schein des Lichtes, bis es hinter der
Treppenthür verschwand und ich in tiefster Dunkelheit zurückblieb.
Lange Zeit verging; ich wurde müde und fror und war auf dem
Punkte, Mr. Rochesters Befehl ungehorsam zu werden und mein Zimmer
wieder aufzusuchen, da hörte ich Schritte. Hoffentlich ist er es, und
nichts Schlimmeres dachte ich.

Er kam blaß und mit verdüsterten Zügen zurück. ,Ich weiß,
wer es war,' sagte er; ,es ist alles, wie ich vermutete.

,Wie? Herr.
Er antwortete nicht. Nach einigen Minuten fragte er in einem
eigentümlichen Tone:
,Sahen Sie gar nichts, als Sie Ihre Stubenthür öffneten?
,Nein, Herr, nur das Licht auf dem Fußboden.
,Aber Sie hörten ein häßliches Lachen? Haben Sie dieses
Lachen schon öfter gehört?

,Ja, Herr; es ist eine Näherin im Haus, Grace Poole mit
Namen, sie lacht zuweilen auf diese sonderbare Art.
,Ja, Sie haben es erraten; es war Grace Poole;- ich werde
überlegen, was zu thun ist,' sprach er in abgerissenen Sätzen. ,Es
ist mir übrigens lieb, daß niemand außer Ihnen und mir mit den
Einzelheiten dieses nächtlichen Ereignisses bekannt ist. Sie sind nicht
schwatzhaft, darum werden Sie mir den Gefallen thun, über diese
Vorgänge zu schweigen. Die Erklärung dieser Verwüstung nehme
ich auf mich, sagte er, auf das Bett deutend. ,jetzt gehen Sie
zur Ruhe; ich werde die wenigen Stunden bis zum Morgen auf dem
Sofa in der Bibliothek verbringen.

,Gute Nacht denn, Herr, sagte ich, mich zum Gehen anschickend.
,Wie? so wollen Sie mich verlassen? rief er. ,Sie haben mich
vor einem schrecklichen, qualvollen Tode bewahrt und wollen wie
eine Fremde von mir gehen? Reichen Sie mir wenigstens die Hand
zum Abschiede.

Ich gab ihm meine Hand, die er in seine beiden nahm.
,Sie haben mir das Leben gerettet, und damit bin ich für alle
Zeiten ihr Schuldner geworden. Jedem Andern gegenüber würde
mir eine solche Schuld unerträglich drückend sein, aber Ihnen gegenüber ist es anders; es macht mir Freude, Ihnen so viel zu verdanken. Ich wußte, daß Sie mir auf irgend eine Weise Gutes thun würden, wußte es, als ich Sie das erste Mal sah; ich las es
in Ihren Augen; es mußte ein Vorgefühl davon sein'- er stockte -
,daß- er fuhr hastig fort - ,daß ihr Ausdruck und ihr klarer
Blick mich ins innerste Herz traf. Die Leute glauben an Sympathie
der Seelen; Märchen erzählen uns von guten Geistern- es ist doch
in jeder Fabel ein Korn Weisheit und Wahrheit. Gute Nacht,
meine liebe Retterin.

Seine Augen glänzten wunderbar und seine Stimme klang sehr
erregt.

,Ich freue mich, daß ich wach war, und Gott mir beistand, das
Unglück von Ihnen abzuwenden, sagte ich und ging.
In mein Zimmer zurückgekehrt, warf ich mich erschöpft auf mein
Bett, aber der Schlaf floh mich; ich wälzte mich bis zum Morgen
unruhig hin und her; mir war, als ob ich auf wogender See triebe;
ich sah die Küsten eines paradiesischen Landes vor mir, ein sanfter
Wind trieb mich ihnen entgegen und Entzücken erfüllte mein Herz
in der Hoffnung, daß ich sie erreichen könnte, da erhob sich eine
widrige Strömung und trieb mich zurück. So lag ich ruhelos bis
zum Morgengrauen, mit dem ich mich erhob.

Bald hörte ich, daß es im Hause lebendig wurde, es gab ein
Laufen und Lärmen in der Richtung von Mr. Rochesters Zimmer
und ich merkte wohl, daß man von dem Brande Kenntnis erhalten
und jetzt beschäftigt war, alles in Ordnung zu bringen. Ich zerbrach
mir den Kopf, wie Mr. Rochester wohl die Entstehung des Feuers
erklärt haben mochte und erwartete ihn jeden Augenblick in das Schulzimmer treten zu sehen; er zeigte sich zwar selten hier, aber nach den
Vorfällen dieser Nacht kommt er gewiß, dachte ich bei mir. Aber
der Vormittag verging wie gewöhnlich und nichts unterbrach den
ruhigen Verlauf von Adeles Studien.

Als ich zum Mittagessen hinunterging und an Mr. Rochesters
Zimmer vorüberkam, sah ich durch die offene Thür, daß alles wieder
in Ordnung war, nur die Bettgardinen fehlten, Leah stand am
Fenster und reinigte die rauchigen Scheiben und neben dem Bette
saß ein anderes weibliches Wesen und nähte Ringe an einen neuen
Vorhang. Die Frau blickte auf - zu meinem höchsten Erstaunen
war es Grace Poole.

Sie blickte mich so ruhig an, wie es ihre gewohnte Art war
und sagte in dem gleichmütigen Tone, den ich an ihr kannte:

,Guten Morgen, Miß.
Auch nicht der kleinste Zug in ihrem Gesicht, nicht das unbedeutendste Zeichen verriet, daß ihr Gewissen mit dem Bewußtsein eines
geplanten Verbrechens belastet war; diese Undurchdringlichkeit überstieg
meine Begriffe. Ich redete sie an:

,Guten Morgen, Grace. Hat sich hier irgend etwas Besonderes
zugetragen; ich hörte diesen Morgen ungewöhnlich viel Hin- und
Herlaufen auf dem Korridor.

,Der Herr hat gestern Abend im Bett gelesen und ist eingeschlafen, bevor er sein Licht ausgelöscht hatte; da haben die Vorhänge Feuer gefangen; glücklicherweise ist er erwacht, ehe die Betttücher und das Bettgestell selbst vom Brande ergriffen wurden und
es ist ihm gelungen, die Flammen mit dem Wasser von seinem
Toilettentische zu löschen.'
,Hat Mr. Rochester niemand geweckt? Hat ihn niemand gehört? fragte ich sie scharf ansehend.

,Die Dienstboten schlafen so weit ab; und Mrs. Fairfax ist,
wie Sie wissen, etwas taub, aber Sie sind jung, Miß, und haben
gewiß einen leiseren Schlaf, vielleicht haben Sie etwas gehört.

,Ja, ich hörte ein Schleichen und ein Lachen auf dem Korridor,'
sagte ich mit so gedämpfter Stimme, daß mich Leah nicht hören
konnte.
,Sie haben wohl geträumt, Miß.
,Nein, ich habe nicht geträumt,' sagte ich mit einiger Heftigkeit,
denn diese unzerstörbare Ruhe reizte mich.

,Haben Sie denn nicht Ihre Thür aufgemacht und auf den
Korridor hinausgesehen?

,Ich habe im Gegenteil meine Thür verriegelt.
,So! Thun Sie das nicht immer, Miß? Das sollten Sie doch
thun. Wir wohnen zwar in einem friedlichen Landstriche, in dem man
von Räubern lange nichts gehört hat, aber es ist doch weise, sich
auch gegen unvermutete Gefahren zu schützen.

In diesem Augenblick trat die Köchin ein und rief Grace Poole
zum Mittagessen; als sie mich sah, teilte sie mir mit, daß das unserige
bereit sei und Mrs. Fairfax mich schon erwarte.

Ich hörte kaum Mrs. Fairfax Bericht über den Vorfall, so sehr
waren meine Gedanken mit Grace Poole beschäftigt; ich konnte es
nicht begreifen, daß sie nicht in das Gefängniß abgeliefert oder
wenigstens aus dem Dienste entlassen war. Unser Mittagsmahl war
heute schnell beendigt; Mrs. Fairfax war außergewöhnlich beschäftigt,
und ich zu aufgeregt, um mehr als wenige Bissen zu mir zu nehmen.
Der Tag verging langsam; ich war nach der schlaflosen Nacht
wie im Fieber und kaum im stande, meine Gedanken so weit zu
sammeln, um mich mit Adele in den Unterrichtsstunden zu beschäftigen;
sie kehrten immer zu Mr. Rochester und Grace Poole zurück. Als
der Abend kam, wartete ich mit Ungeduld, daß ich hinuntergerufen
würde, um Mr. Rochester zu begegnen; ich hatte ihm so viel zu
sagen und brannte darauf, das Gespräch auf Grace Poole zu lenken
und ihn zu fragen, was es mit ihr für eine Bewandtnis habe und
warum er sie nicht den Gerichten überliefere. Ich war so erregt,
daß es mir gleichgültig war, ob meine neugierigen Fragen etwa
seinen Zorn reizen könnten.

Endlich kam Leah, um mir anzuzeigen, daß der Thee in Mrs.
Fairfax Zimmer bereit wäre Ich war froh, wenigstens aus meiner
Einsamkeit erlöst zu sein und ging mit Leah hinunter.

,Sie müssen nach Ihrem Thee verlangen,' sagte die gute, alte
Dame, ,denn Sie haben mittags so wenig gegessen. Ich fürchte,
Sie fühlen sich nicht wohl, Sie sehen erhitzt und fieberisch aus.

,Oh, ich fühle mich ganz wohl.
Mrs. Fairfax war beschäftigt, die Fenstervorhänge zuzuziehen
und bemerkte, einen Blick durch das Fenster werfend:

,Es ist ein schöner, wenn auch sternloser Abend; im ganzen hat
Mr. Rochester schönes Wetter zu seiner Reise.

,Reise! Ist Mr. Rochester verreist? Ich wußte nichts davon.
,Er ist gleich nach dem Frühstück aufgebrochen! Er besucht
Mr. Esthon, dessen Gut zehn Meilen jenseit Millcote liegt. Ich
glaube, es ist eine große Gesellschaft dort versammelt.

,Erwarten Sie ihn diese Nacht zurück?
,Nein, heute nicht. Ich denke mir, er wird wohl eine Woche
oder darüber fortbleiben. Wenn diese vornehmen Leute beisammen
sind, giebt es so viele Vergnügungen, daß sie sich nicht leicht wieder
trennen. Besonders Mr. Rochester hält man gern fest; er ist so
lebhaft und hat so viele gesellige Talente; ich glaube, er ist in Gesellschaft der allgemeine Liebling, besonders der Damen, obgleich er
gar nicht hübsch ist.

,Sind auch Damen dort?
,Oh, ja, Mrs. Esthon und ihre drei Töchter, dann Miß Blanche
und Mary Ingram, wunderschöne Mädchen. Ich sah sie alle auf
einem Balle, den Mr. Rochester einmal zu Weihnachten gab. Miß
Ingram war die Schönste von allen; sie war in der That die Königin
des Festes.
,Sie wurde wohl sehr bewundert?

,Gewiß! aber nicht allein um ihrer Schönheit, sondern auch um
ihrer Talente willen. Sie singt wundervoll und sang ein Duett mit
Mr. Rochester.

,Ich wußte gar nicht, daß Mr. Rochester singt. Und diese
schöne, talentvolle Dame ist noch unverheiratet?
,Es wundert mich auch, daß sich nicht schon ein reicher Herr
um ihre Hand beworben hat, z B. Mr. Rochester; sie ist zwar nicht
reich, aber er ist es desto mehr und ganz unabhängig, er kann ganz
nach seinen Wünschen wählen. Nun, was nicht ist, kann ja noch
werden.

Mit diesem tröstlichen Ausspruch der Mrs. Fairfax war unsere
Unterhaltung über diesen Gegenstand beendigt, aber mich beschäftigte
unser Gespräch noch lange, als ich wieder allein war. Ich sah im
Geiste die schöne Miß Ingram; sah Mr. Rochester ihr den Ho!
machen: sah sie als ein Paar vor dem Altare stehen; sah alle die
Hoffnungen, welche seit einiger Zeit mein Herz beschlichen, entfliehen;
alle die Luftschlösser, welche ich gebaut in Trümmer fallen und kam
zu der Überzeugung, daß es keine zweite Närrin, wie mich, in der
Welt gäbe, die sich einbilden konnte, sie gefiele Mr. Rochester und er
kümmere sich um sie; mir kam es nur zu, für sein Glück zu beten,
und das wollte ich mit der ganzen Kraft, die mir zu Gebote stand.

Ich ging ruhig meinen Pflichten nach, aber oft überkam mich
ein unbestimmtes Vorgefühl, daß Verhältnisse eintreten könnten, die
mich wünschen ließen, Thornfield zu verlassen, und ich verfaßte in
Gedanken Stellengesuche, die ich inserieren lassen wollte.
Wir hatten vierzehn Tage hindurch nichts von Mr. Rochester
gehört, da brachte eines Tages die Post einen Brief von ihm an
Mrs. Fairfax. Sie erbrach das Siegel und las.

,Nun, sagte sie, ,ich habe oft gedacht, wir leben hier gar zu
still, aber es scheint, wir werden für einige Zeit genug Unruhe und
Arbeit bekommen.
,Kommt Mr. Rochester zurück? fragte ich mit erzwungener
Gleichgültigkeit.
,Ja, in drei Tagen, und nicht allein, er bringt viele Gäste mit.
Er befiehlt, daß alle Schlafzimmer in Bereitschaft gesetzt, Dienerschaft
gemietet, Vorräte angeschafft und Gott weiß was alles besorgt werde,
und sie beendete eiligst ihr Frühstück und eilte fort, um ihre Vorbereitungen zu beginnen.
Adele wurde durch die Nachricht, daß Besuch erwartet werde, in
unbeschreibliches Entzücken versetzt; ich konnte es nur mit Strenge
erreichen, daß sie ihre Gedanken während der Schulstunden notdürftig
zusammenhielt; in der übrigen Zeit that sie nichts, als alle Zimmer
zu durchstöbern und Mrs. Fairfax mit Fragen über die zu erwartenden Gäste zu quälen.

Endlich kam der große Tag, den sie mit Ungeduld erwartete.
Das ganze Haus zeigte sich in festlichem Glanze, alle Zimmer waren
mit prachtvollen Blumen geschmückt und Mrs. Fairfax konnte mit
Genugthuung auf ihr vollendetes Werk blicken. Sie selbst hatte sich
in ihren höchsten Staat, ein schwarzes Atlaskleid, geworfen, ihre
goldene Uhr angelegt, Handschuhe angezogen und stand bereit, die
Gäste zu empfangen, denn Mr. Rochester erwartete von ihr, daß sie
den Damen die Zimmer anweise. ich hatte Adeles Bitten nachgegeben und ihr erlaubt, ein Musselinkleid anzulegen, obgleich wohl
wenig Aussicht war, daß sie noch diesen Abend Erlaubnis erhielt,
sich den Gästen zu zeigen.

,Es wird spät, sagte Mrs. Fairfax, ,ich freue mich, daß ich
das Mittagessen eine Stunde später angeordnet habe, als befohlen
war. Da kommt John, den ich auf Kundschaft ausgeschickt habe.
Kommen sie, John?

,Ja, Madame; in zehn Minuten werden sie hier sein.r!
Die zehn Minuten schienen mir lang, aber endlich hörte man
die Wagen rollen und sah vier Reiter dem Zuge voran auf das Haus
zusprengen. Die ersten waren zwei junge Herren, ihnen folgte
Mr. Rochester auf seinem schwarzen Pferde Mesrour, Pilot sprang
vor ihm her und eine Dame ritt an seiner Seite. Ihr rotes Reitkleid berührte fast den Erdboden, ihr Schleier wehte im Winde und
unter dem Hut fielen lange rabenschwarze Locken auf die Schultern
herab.
,Miß Ingram! rief Mrs. Fairfax und eilte auf ihren Posten. ,
Jetzt hörte man ein fröhliches Durcheinander von Stimmen in
der Halle, dann wurden Thüren auf- und zugemacht, worauf einige
Ruhe eintrat.

,Elles changent de toilettes,’ sagte Adele, die jedem Geräusch
mit aufmerksamem Ohre folgte, mit einem Seufzer.
Es kam, wie ich gedacht hatte, niemand kümmerte sich diesen
Abend um Adele, und es kostete sie Thränen, zu Bett gehen zu müssen,
ohne die fremden Damen gesehen zu haben.
Der folgende Tag war sonnig und schön, die Gesellschaft hatte
einen Ausflug in die Nachbarschaft beschlossen. Ich stand mit Mrs.
Fairfax am Fenster, als sie aufbrach; Miß Ingram war wieder die
einzige Dame zu Pferde.
,Ich wollte, ich könnte Miß Ingram einmal in der Nähe sehen,
ich habe noch keinen Blick in ihr Gesicht thun können.'

,Dazu werden Sie heute Abend Gelegenheit haben, sagte Mrs.
Fairfax. Ich teilte Mr. Rochester mit, wie sehnlich Adele wünscht,
den Damen vorgestellt zu werden, und er sagte:

,Oh, lassen Sie sie heute Abend in das Gesellschaftszimmer
kommen und bitten Sie Miß Eyre, sie zu begleiten.

,Ist es nicht möglich, daß Adele ohne mich geht?
,Nein, es war Mr. Rochesters ausdrücklicher Wunsch, daß Sie
herunter kommen sollten, und Sie wissen, daß man seinen Befehlen
nicht zuwider handeln darf.'

So entschloß ich mich denn, Toilette zu machen; eine Beschäftigung, die mir niemals besondere Freude machte, und heute weniger
als je. Adele dagegen war ganz beseligt, daß sie ihr rosa Atlaskleid anziehen durfte, und zeigte bei dem Prozeß des Ankleidens eine
Geduld und Ausdauer, die sie sonst nicht hatte.

Als sie fertig war, stiegen wir die Treppe hinab und begaben
uns in das Gesellschaftszimmer, das noch leer war und zum Glück
noch einen anderen Eingang, als den durch den Speisesaal hatte.
Obgleich die Thür nach diesem offen und von dem roten Vorhang
nur halb verdeckt war, hörte man die Unterhaltung drinnen doch nur
als ein unverständliches Gemurmel. Adele setzte sich auf mein Geheiß
still auf eine Fußbank nieder und ich zog mich in eine Fensternische
zurück.

Jetzt ließ sich das Rücken von Stühlen vernehmen, der Vorhang
wurde emporgehoben und ungefähr acht Damen betraten das Zimmer.
Ich will Dich nicht damit ermüden, lieber Leser, sie Dir alle zu
schildern, sondern Dir nur im allgemeinen sagen, daß sie alle stattliche und schöne Erscheinungen waren, neben denen ich mir wie eine
häßliche, kleine Zwergin vorkam; aber die Schönste war doch Miß
Ingram.
Als sie eintraten, machte ihnen Adele ein schulgerechtes Kompliment und sagte mit emphatischer Betonung:
,Bon Jour, mesdames.
Miß Ingram sah spöttisch auf sie herab und rief: ,Oh, welche
kleine Drahtpuppe!'
,Vermutlich ist das Mr. Rochesters Mündel, die kleine Französin,
von welcher er sprach, sagte eine andere Dame; eine dritte küßte sie,
einige andere brachen in Ausrufe des Entzückens aus und riefen sie
zu sich' auf das Sofa.

Sie fand allgemeine Beachtung, schwatzte nach Herzenslust, teils
Französisch, teils in gebrochenem Englisch und war ganz in ihrem
Elemente!

Endlich wurde der Kaffee gebracht und die Herren gesellten sich
wieder zu den Damen. Mr. Rochester trat zuletzt ein. Kaum erschien er in der Thür, so wandte sich aller Aufmerksamkeit ihm zu.
Auch ich konnte meine Augen nicht mehr von ihm abwenden; er dagegen würdigte mich keines Blickes. Wie anders hatte ich ihm gegenüber gestanden, als wir uns das letzte Mal begegneten; wie gütig
und warm hatte er zu mir gesprochen; die Wandlung erfüllte mich
mit einem bisher ungekannten Wehe; ich fühlte, daß mir niemand
auf der Welt theurer war, als er; aber ich wußte auch, daß ich meine
Gefühle unterdrücken mußte, daß seine Geburt und sein Reichtum uns
für immer trennten. Mr. Rochester zeichnete Miß Ingram besonders
aus; immer war er an ihrer Seite, begegnete ihren Wünschen mit
der größten Zuvorkommenheit und schien großes Gefallen an ihrer
Unterhaltung zu finden; warum sollte er sie sonst immer wieder aufgesucht haben? Mir erschien diese Unterhaltung freilich sehr oberflächlich, garnicht mit der Hingabe geführt zu sein, die ich an ihm
kannte, aber in einer so bunten Gesellschaft ließ sich nicht wohl ein
ernstes Gespräch beginnen.
Als ich mich gänzlich unbeachtet sah, hielt ich den Augenblick
für gekommen, mich zurückzuziehen; da traten Miß Ingram und
Mr. Rochester an den Flügel, um ein Duett zu fingen. Ich blieb
nach den ersten Tönen wie gebannt an meinem Platze. Mrs. Fairfax
hatte mir erzählt, Mr. Rochester habe eine schöne Stimme. Er hatte
einen wundervollen und mächtigen, dabei aber milden Baß und legte
so viel Seele in seinen Gesang, daß er mir in das innerste Herz
drang. Ich wartete, bis die letzte Note verhallt war, dann schlich ich
zur Seitenthür hinaus, die sich glücklicherweise in meiner Nähe befand.
Von ihr führte ein schmaler Gang in die Halle; als ich sie durchschritt, ging mein Arbeitskasten auf und sein Inhalt fiel zu Boden.
Während ich beschäftigt war, die zahllosen Kleinigkeiten wieder aufzusammeln, öffnete sich die Thür des Speisesaals, Mr. Rochester trat
heraus und stand mir gegenüber.

,Wie geht es Ihnen? fragte er
,Sehr gut, Herr.
,Weshalb haben Sie mich dort drinnen nicht angeredet?
Mir schien, ich hätte ihm die Frage zurückgeben können, aber ich
antwortete nur:
,Ich wollte Sie nicht belästigen; Sie schienen sehr in Anspruch
genommen.

,Was haben Sie während meiner Abwesenheit gemacht?
,Ich habe nichts Besonderes gethan, nur wie gewöhnlich Adele
unterrichtet.

,Und sind bedeutend magerer geworden! Ich sah es auf den
ersten Blick. Was fehlt Ihnen?

,Mir fehlt gar nichts, Herr.’
,Haben Sie sich etwa in jener Nacht, in welcher Sie mich fast
ertränkten, erkältet?’
,Durchaus nicht.’

,Gehen Sie wieder in das Gesellschaftszimmer zurück; Sie haben
es zu früh verlassen.’

,Ich bin müde, Herr.’
Er sah mich eine Minute lang forschend an.

,Und etwas niedergedrückt,' sagte er: ,Was fehlt Ihnen?
,Nichts, nichts, Herr. Ich bin nicht niedergedrückt.
,Aber ich weiß, daß Sie es sind, so sehr sind, daß nicht viel
fehlt, und diese Augen füllen sich mit Thränen. Sehen Sie, da sind
sie schon; so eben ist ein Tropfen auf die Fliesen gefallen. Wenn ich
nur Zeit hätte, dann müßte ich wissen, was das zu bedeuten hat.
Heute will ich Sie entschuldigen; aber ich wünsche, daß Sie jeden
Abend im Gesellschaftszimmer bleiben, so lange meine Gäste hier
sind; es ist mein ausdrücklicher Wunsch; richten Sie sich danach.
Jetzt gehen Sie und lassen Sie Adele durch Sophie holen. Gute
Nacht, mein-‘ er stockte, biß sich auf die Lippen und wandte sich
kurz ab.



Sechzehntes Kapitel.

Das war jetzt ein fröhliches, geschäftiges Leben in Thornfieldhall; himmelweit verschieden von den ersten einförmigen und einsamen drei Monaten, die ich unter diesem Dache zugebracht hatte.
Man konnte nicht über den Korridor gehen, nicht die sonst so verlassenen Vorderzimmer betreten, ohne wenigstens einer Jungfer oder
einem Diener zu begegnen. Und in den Gesellschaftszimmern herrschte
ein munteres Treiben; es wurden abwechselnd Spiele gemacht, musiziert, lebende Bilder gestellt und was dergleichen Unterhaltungen
mehr sind. Die Seele aller dieser Unternehmungen waren Miß Ingram
und Mr. Rochester. Letzterer forderte mich einmal auf, auch thätigen
Anteil an den allgemeinen Spielen und Beschäftigungen zu nehmen;
ich lehnte es ab und zog mich, wenn es irgend anging, auf meinen
gewöhnlichen Platz in der Fensternische zurück, wo ich unbeachtet die
ganze Gesellschaft beachten konnte; eigentlich sollte ich sagen Miß
Ingram und Mr. Rochester; denn die übrige Gesellschaft interessierte
mich nur in sehr geringem Maße. Blanche Ingram, das sah ich
wohl, nahm mit jedem Tage mehr eine Stellung ein, die sie eigentlich als die Herrin des Hauses erscheinen ließ; jeder fragte sie um
Rat und fügte sich höflich in ihre Wünsche; der Dienerschaft erteilte
sie Befehle und Zurechtweisungen und Mr. Rochester ließ das alles
als etwas ganz Selbstverständliches geschehen, und er, der nie einen
anderen Willen über sich gekannt, fügte sich dem ihrigen mit einer
Beflissenheit, die es jedermann als eine ausgemachte Sache erscheinen
ließ, daß er die stolze Blanche bald zur Gebieterin von Thornfieldhall
machen werde. Die Gäste flüsterten es sich gegenseitig im Salon z,
-
mir da in den Sinn kommen, anderer Meinung zu sein, als meine
ganze Umgebung. Aber mit derselben Genugthuung wie sie konnte
ich diesem Ereignis nicht entgegensehen. Wäre Miß Ingram ebenso
geistvoll, liebenswürdig und warmherzig gewesen, wie sie flach, launisch
und kalt war, ich würde anders gedacht haben. Denke nicht, lieber
Leser, daß ich hart und ungerecht urteile, wenn ich sie so nenne; ich
hatte zu oft beobachtet, wie mürrisch und wortkarg sie zu Zeiten war
und wie plötzlich diese Stimmung umschlug, wenn z B. Mr. Rochester
in das Gesellschaftszimmer trat; ich hatte zu oft gehört, wie sie jede
einigermaßen tiefere Unterhaltung durch ihre oberflächlichen, geistlosen
Bemerkungen, welche sie dazwischen warf, unmöglich machte; zu oft
die Takt- und Herzlosigkeit empfunden, mit der sie über meinesgleichen in meiner Gegenwart sprach, oder mit der sie Adele von sich
stieß, wenn sie zufällig in ihre Nähe kam. Und Mr. Rochester, er
sah das alles auch, ich kannte ihn schon zu gut und wußte, welch
ein feiner Menschenkenner er war, um nicht zu bemerken, wie ihm
kein Zug in dem Charakter seiner künftigen Lebensgefährtin entging.
Was mochte ihn bestimmen, sie dazu zu machen? War es ihre gleiche
Geburt, waren es Familienrücksichten, war es ihre kalte, stolze Schönheit? Ich sah nie, daß er dieser einen anderen als gleichgültigen
Blick schenkte, bemerkte nie, daß ein wärmeres Gefühl ihn zu ihr
hinzog. Er liebte sie nicht, konnte sie nicht lieben, das war meine
innerste Überzeugung und dies Bewußtsein erfüllte mich mit unendlicher Trauer. Wäre sie seiner wert gewesen und hätte ich mich überreden können, daß er an ihrer Seite das verdiente Glück finden werde,
dann würde ich vielleicht Ruhe und Friede errungen haben. Er
schien mir immer mehr des höchsten würdig, denn ich war in letzter
Zeit selbst gegen seine Fehler sehr nachsichtig geworden und forschte
unaufhörlich Gründen nach, die sie entschuldigen oder mildern konnten.

So saß ich am Nachmittage eines trüben Tages am Fenster
meines Zimmers und beschäftigte mich in Gedanken wieder mit Mr.
Rochester und Miß Ingram; Ersterer war in Geschäften ausgeritten
und man erwartete ihn zum Mittagessen zurück. Adele kniete neben
mir auf der Fensterbank und suchte sich die Zeit so gut wie möglich
zu vertreiben, indem sie mir dies und das erzählte, was sie im Salon
gesehen oder gehört hatte, diesem Eldorado ihrer Sehnsucht, dessen
Schwelle sie ja zu ihrem Leidwesen erst in einigen Stunden wieder betreten durfte. Sie blickte zuweilen forschend auf den Reitweg hinaus,
der sich schon in ziemlicher Nähe vom Hause in der hereinbrechenden
Dämmerung verlor.

,Voilà Monsieur Rochester, qui revient,’ rief sie plötzlich.
Mein Auge folgte dem ihrigen.

,Das kann nicht Mr. Rochester sein,' sagte ich; ,er war zu
Pferde und dort kommt ein Wagen.'
Es war in der That eine Postchaise, die bald darauf vor dem
Hause hielt. John sprang hinzu, öffnete den Schlag und half eineu
Herrn heraus. Adele folgte diesem Vorgange mit der gewöhnlichen
kindlichen Neugier; kaum hatte sie aber den Ankömmling erblickt, so
rief sie in einem unbeschreiblichen Tone des Entzückens:
,Grand Dieu, c’est mon oncle Mason,’ sprang mit einem
Satze von der Fensterbank herunter und eilte zur Thür hinaus, ihm
entgegen, ehe ich noch im stande war, sie zurückzuhalten. Ich eilte
ihr nach in die Halle, denn ich hatte nie von ihr eines Onkels erwähnen hören und hatte den Verdacht (den ich ihr jetzt noch abbitte,
so oft ich daran denke), ihr Ausruf und ihre Flucht sei wieder einer
jener blitzartigen Einfälle, durch die sie sich zuweilen meiner Aufsicht
zu entziehen und in die unteren Regionen zu entschlüpfen suchte,
wenn sie der Sehnsucht nach ihnen nicht widerstehen konnte; Einfälle,
die aber nie darauf abzielten, mich dauernd zu täuschen, dazu war
Adele eine zu offene Natur und mir zu ergeben, die ihr aber ein
köstlicher Spaß erschienen und die sie, selbst wenn sie ihren Zweck
nicht erreichte, so herzlich belachte, daß ich notgedrungen in ihre
Heiterkeit einstimmen mußte. Dieses Mal hatte sie aber nicht daran
gedacht, mich hinter das Licht zu führen, sondern ich fand sie am
Halse des Fremden hängend, ihn mit Küssen bedeckend, während
dieser sie mit inniger Zärtlichkeit an das Herz drückte, ihre Locken
streichelte und Thränen ihm die Wangen herabrollten. Bei diesem
Anblick wollte ich mich zurückziehen, als Adele meiner ansichtig wurde
und die Aufmerksamkeit Mr. Masons auf mich lenkte, indem sie, mich
gleichsam vorstellend, rief:
,Ma gouvernante.’
Er verneigte sich grüßend und redete mich mit etwas fremdartigem Accent, aber in gutem Englisch an.
,Mein Freund, Mr. Rochester, ist nicht zu Hause, wie ich höre?

,Leider nicht, mein Herr; aber er wird jeden Augenblick zurückerwartet.
,Er hat viel Gesellschaft, wie mir der Diener sagte.
,Sa, mein Herr.
,Würden Sie wohl die Güte haben, mir ein Zimmer anzuweisen, in dem ich ihn erwarten kann; es liegt mir daran, ihn allein
zu sprechen, ehe ich mich seinen Gästen vorstelle.

Ich führte ihn in die Bibliothek, denn ich wußte, daß diese
jetzt leer sein mußte; alle Herren und Damen hatten sich bereits auf
ihre Zimmer zurückgezogen und machten Toilette für die Mittagsmahlzeit. Ehe ich Mr. Mason verließ, bat er mich noch, den Herrn
des Hauses von seiner Ankunft zu benachrichtigen, sobald er zurückkehre; ich versprach es und ging Mrs. Fairfax aufzusuchen, um sie
von der Ankunft des neuen Gastes in Kenntnis zu setzen. Ich wandte
mich nach der Küche, die in einem Seitengebäude lag, und in der
ich um diese Zeit die alte Dame am sichersten zu finden hoffte, weil
sie gewöhnlich vor dem Mittagessen noch Anordnungen zu treffen
hatte; auf dem Wege dorthin mußte ich an der Hofthür vorüber,
welche zufällig offen stand. Ich warf einen Blick in den Hof und
sah von den Ställen her Mr. Rochester gerade auf diese Thür zukommen, er mußte von der hinteren Seite in den Hof gekommen und
hier vom Pferde gestiegen sein. Ich erwartete ihn. Als er mich erblickte, rief er in komischem Zorn:
,Den Teufel auch, ist man denn vor Ihren lauernden Blicken
niemals sicher? Im Gesellschaftszimmer verfolgen Sie mich damit
und nun spionieren Sie mich auch hier aus. Was haben Sie hier
zu suchen?
,Ich wartete auf Sie, Herr.
,Auf mich? fragte er erstaunt, und sah mich mit einem forschenden, fast ängstlichen Blicke an.
,Ja! Es ist ein Herr angekommen, der sich Ihren Freund nennt
und Sie ins Geheim zu sprechen wünscht; er bat mich, Ihnen dies
gleich bei Ihrer Rückkehr zu melden.

,Ein Freund von mir; ich erwarte niemand. Wer könnte
das sein?’
,Ein Onkel von Adele, Mr. Mason.’
,Mason?’ fiel er mir ins Wort. Er sprach den Namen in
einem Tone, der mich vermuten ließ, daß sich mit der Person des
Fremden keine angenehmen Erinnerungen für Mr. Rochester verbanden. Er hatte unwillkürlich meinen Arm ergriffen, wie um sich
darauf zu stützen, und während er ihn krampfhaft drückte, fühlte ich,
daß seine ganze Gestalt zitterte; er war leichenblaß geworden und
atmete schwer. Aber sein starker Wille gewann bald wieder die Herrschaft über seine Bewegung.
,Wo ist er?’ fragte er, mich loslassend.
,In der Bibliothek: Adele ist bei ihm.’
,Sagen Sie ihm, daß ich zurück sei und gleich zu ihm kommen
werde, und nehmen Sie Adele mit auf Ihr Zimmer.’
Es kostete mich einige Überredung, Adele zu bewegen, daß sie
mit mir ging, doch folgte sie mir endlich und ließ sich durch die Aussicht zufrieden stellen, daß sie ihren Onkel gleich nach dem Mittagessen im Gesellschaftszimmer wieder finden werde. Die Zeit bis dahin
wurde uns Beiden lang; wir erwarteten sie mit einer gewissen fieberhaften Unruhe, die bei mir den Charakter einer ängstlichen Spannung
annahm. Mr. Rochesters Benehmen, als ich ihm die Nachricht von
der Ankunft des neuen Gastes brachte, ließ mich vermuten, daß die
Begegnung der beiden Herren keine freundliche sein werde, und ich
war begierig, sie bei einander zu sehen.
Adele wußte mir von ihrem Onkel wenig mehr zu erzählen, als
daß er ein älterer Bruder ihrer Mutter war, daß sie ihn nur selten
gesehen habe, zuletzt am Begräbnistage ihres Vaters, daß er ihr aber
sehr gut sei, so oft sie ihn gesehen, sie reich beschenkt und immer so
schön mit ihr gespielt habe und daß sie ihn herzlich liebe.

In unserer Ungeduld stiegen wir früher als gewöhnlich in das
Gesellschaftszimmer hinab. Die Gesellschaft nebenan schien heute in
ungewöhnlich lebhafter Unterhaltung begriffen, aber die Stimme Mr.
Rochesters, der sich sonst stets lebhaft am Gespräch beteiligte, hörte
ich heute nur selten und in kurzen Sätzen. Adele konnte die Zeit
nicht erwarten, bis die Tafel aufgehoben wurde und sie ihren Onkel
wiedersehen durfte. Endlich traten wenigstens die Damen ein und
sie vergaß bald ihre Sehnsucht und Unruhe, als diese sie zum Mittelpunkte ihrer Aufmerksamkeit machten. Der Fremde war durch sein
unerwartetes Erscheinen der Gegenstand allgemeiner Neugierde geworden, sie hatten bereits herausgebracht, daß Adele seine Nichte
sei und hofften durch sie Näheres über ihn und seine Beziehungen zu
Mr. Rochester zu erfahren. Dieses Verlangen konnte die Kleine
zwar nicht befriedigen, aber ihr Geplauder hatte doch mit einem Male
Interesse für die versammelten Damen gewonnen, und so schwatzte
sie fort, bis die Herren erschienen.

Ich saß in meiner gewöhnlichen Ecke und konnte ihr Eintreten
beobachten. Unwillkürlich forschte mein Blick zuerst nach Mr. Rochester;
er trat mit seinem gewöhnlichen verbindlichen Lächeln in den Salon
und sein Wesen schien unverändert; daß er mir im Laufe des Abends
schweigsamer als sonst schien, war leicht zu erklären; trug doch
Mr. Mason fast allein die Kosten der Unterhaltung. Er war weit
gereist und wußte gut zu erzählen und zu schildern, und schien sich
das Interesse der Gesellschaft, Herren wie Damen, im Fluge erobert
zu haben. Ich hörte, wie sie zuweilen flüsternd ihre Urteile über
ihn austauschten. Sie nannten ihn einen vollendeten Gentleman,
bezeichneten ihn als ihr Ideal von Schönheit, priesen im einzelnen
seinen hübschen kleinen Mund, seine feine Nase, seinen sanften Gesichtsausdruck im Gegensatz zu Mr. Rochesters finsteren Brauen und
seinen ernsten, energischen Zügen. Letzterer stand hinter seinem Gaste
an den Kamin gelehnt, während dieser dicht am Feuer auf einem
Sessel saß und Adele auf seinen Knieen hatte; ich konnte so beide
bequem vergleichen. Ich mußte gewissermaßen dem Urteile über Mr.
Masons Erscheinung, das ich soeben gehört hatte, beipflichten; er
hatte schöne, regelmäßige Züge, aber seine ganze Erscheinung machte
den Eindruck des Weichlichen, um nicht zu sagen Weibischen, wie er
so fröstelnd am Kaminfeuer saß, während mir Mr. Rochester als das
Urbild der Kraft, Energie und ächter Männlichkeit erschien. Der
heutige Abend war nur der Konversation gewidmet, in der sich Adele
- mit der Zeit als ein störendes Element erwies; sie konnte es nicht
ertragen, daß die Gesellschaft ihr fortwährend ihren Onkel entzog und
suchte sich ihm abwechselnd durch kindische Fragen, die sie zwischen
die Unterhaltung warf und stürmische Liebkosungen bemerkbar zu
machen. Beides wurde ihm offenbar lästig, obgleich er wohl zu gütig
war, sich den kleinen Quälgeist abzuwehren. Da legte sich Mr.
Rochester ins Mittel.
,Es ist schon spät, Adele, sagte er, ,bitte Miß Eyre, daß sie
Dich zu Bett bringt.

Sie machte ein bekümmertes Gesichtchen, gehorchte aber sogleich,
bot der Gesellschaft eine ,gute Nacht? und wir zogen uns zurück.
Das überraschende Wiedersehen mit ihrem Onkel hatte sie so
aufgeregt, daß sie lange nicht einschlafen konnte; sie bat mich so
flehentlich, bei ihr zu bleiben, daß ich mich an ihr Bettchen setzte,
ihre kleinen Hände in die meinen nahm und geduldig wartete, bis
der Schlummer ihr die Augen schloß. Darüber war es spät geworden, zu spät, um noch einmal in das Gesellschaftszimmer hinunterzugehen; ich tröstete mich damit, daß Mr. Rochesters Aufmerksamkeit heute gewiß zu sehr von seinem neuen Gaste in Anspruch
genommen war, als daß er es bemerken oder zürnen würde, wenn
ich sein Gebot, bis zu einer späteren Stunde im Gesellschaftszimmer
auszuhalten, übertrat; so zog ich mich denn in mein eigenes kleines
Asyl zurück und legte mich frühzeitig zu Bett.

Nach einiger Zeit hörte ich die Gesellschaft ihre Zimmer aufsuchen und vernahm, unweit meiner Thür, Mr. Rochesters Stimme,
welche sagte: ,Hier entlang, Mason, hier ist Dein Zimmer.
Alles wurde still und ich schlief bald ein. Ich hatte vergessen,
meinen Fenstervorhang niederzulassen; draußen war heller Mondschein, und als die glänzende Mondscheibe in ihrem Laufe immer
weiter vorrückte, fielen ihre Strahlen in mein Fenster gerade auf
mein Gesicht und erweckten mich. Ich öffnete meine Augen und
schaute hinein in das sanfte, strahlende Licht; ich mußte es aber von
meinem Lager bannen, denn es war noch tief in der Nacht und ich
wollte noch schlafen; so schickte ich mich denn an aufzustehen und die
Vorhänge zu schließen. Aber meine Glieder erstarrten, meine Pulse
stockten und mein Herz stand still, ein so fürchterlicher Schrei gellte
durch das Haus. Guter Gott, was konnte das zu bedeuten haben?
Der Schrei kam wieder aus der dritten Etage gerade über meinem
Haupte, ich hörte einen heftigen Kampf, ein gewaltsames Ringen
und dann den Ruf einer halb erstickten Stimme:
,Hilfe, Hilfe, Hilfe! - Kommt denn Niemand? -
Rochester, Rochester, um Gottes Willen Hilfe.’

Eine Zimmerthür wurde geöffnet, es rannte jemand den Korridor
entlang die Treppe hinauf, von oben her schien noch eine Person
herbeizukommen, dann fiel etwas Schweres zu Boden und alles
wurde still.

Ich hatte meine Kleider angezogen und trat aus meinem Zimmer
auf den Korridor hinaus. Das ganze Haus war in Bewegung.
alles stürzte auf den Gang heraus, den das Mondlicht nur matt erhellte: ,Was ist geschehen? ,Ist jemand verwundet? ,Holt
doch Licht- ,Ist Feuer? , Sind Räuber ins Haus eingedrungen? so rief und schrie man durcheinander.
,Wo zum Teufel ist Rochester? rief einer der Herren, ,ich kann
ihn nicht in seinem Bette finden.

,Hier bin ich,' gab die Stimme Mr. Rochesters zurück, der
aus der oberen Etage kam. ,Beruhigen Sie sich, meine Herrschaften.

Alle eilten auf ihn zu: , Was ist denn Schreckliches geschehen?
riefen sie, wie aus einem Munde.

,Nichts, gar nichts, was Sie beunruhigen dürfte,'! sagte er, sich
gewaltsam zur Ruhe zwingend; wie erregt er war, sah ich aus der
weiten Ferne, in der ich stand, an dem Lichte, das in seiner Hand
zitterte.,Ich bedaure unendlich, daß Sie um eines so unbedeutenden Vorfalls willen alle aus dem Schlafe aufgestört worden sind. Es
hat nur eine Dienerin Alpdrücken gehabt, sie ist eine etwas wunderliche, nervöse Person, scheint ihre Träume für wahrhaftige Geistererscheinungen genommen zu haben, ist vor Entsetzen mit jenem furchtbaren Schrei in Ohnmacht gefallen und hat sich sehr verletzt, das ist
die ganze Geschichte. Die Verwundung scheint aber nicht gefährlich,
doch muß ich nach ihr sehen und nötigenfalls Hilfe holen; das kann
ich aber nicht, ehe ich Sie nicht alle wieder in Ihren Zimmern weiß.
Gehen Sie, überlassen Sie sich der Ruhe; ich werde sorgen, daß Sie
nichts mehr stören soll. Gehen Sie, gehen Sie; Sie werden sich auf
diesem eisigen Korridor erkälten. So brachte er es mit Ueberredung nach und nach dahin, daß sich alle in ihre Zimmer zurückzogen.

Ich war unbeachtet wieder in das meinige zurückgeschlüpft, wie
ich es unbeachtet verlassen hatte, aber ich legte mich nicht nieder,
sondern vervollständigte meine hastige Toilette und beschloß, den
Morgen wachend zu erwarten. Ich wußte, daß Mr. Rochesters Erzählung nur eine Erfindung war, mit der er seine Gäste beruhigen
wollte; vielleicht hatte niemand außer mir die Worte gehört, welche
dem Schrei folgten; mir gaben sie die Überzeugung, daß sich irgend
etwas Schreckliches zugetragen hatte, und ich war sicher, daß mich
der Schlaf in dieser Nacht fliehen mußte vor meinen ängstlichen Gedanken; so setzte ich mich denn an das Fenster und sah lange in die
mondhelle Nacht hinaus. Es blieb alles still. Da hörte ich auf
einmal eine Hand vorsichtig und leise die Klinke an meiner Thür
berühren.
,Wünscht man etwas von mir?

,Sind Sie wach? fragte Mr. Rochesters Stimme, welche ich
zu hören erwartet hatte.

,Ja, Herr.’
,Und angezogen?’
,Ja.’
,Dann kommen Sie heraus.’
Ich gehorchte. Mr. Rochester stand auf dem Korridor, ein Licht
in der Hand.

,Ich bedarf Ihrer,' sagte er, ,kommen Sie mit, aber gehen
Sie leise.

Meine Schuhe waren leicht und ich konnte auf den Teppichen
so leise wie eine Katze gehen. Mr. Rochester ging den Flur entlang,
stieg die Treppe nach dem oberen Stockwerk empor und blieb in dem
langen, niederen Gange stehen, ich war ihm gefolgt und stand dicht
neben ihm.

,Haben Sie einen Schwamm und Riechsalz in ihrem Zimmer?’
,Ja.’
,Dann holen Sie beides schnell.’
Ich eilte zurück, und als ich wiederkam, stand er, mich erwartend,
noch an derselben Stelle. Er hatte einen Schlüssel in der Hand,
und sich einer der schmalen, schwarzen Thüren nähernd, steckte er ihn
in das Schlüsselloch. Bevor er aufschloß, wandte er sich wieder
zu mir:
,Sie können doch Blut sehen, ohne ohnmächtig zu werden?’
fragte er.
,Ich habe es noch nicht versucht, aber ich denke, ich werde es
können,’ war meine Antwort.
,Geben Sie mir Ihre Hand; wenn ich fürchten muß, daß Sie
ohnmächtig werden, kann ich es nicht wagen. Nein, Ihre Hand ist
warm und Ihr Puls ruhig,’ bemerkte er und öffnete die Thür.

Ich kannte das Zimmer wieder, in das wir jetzt eintraten; ich
hatte einen Blick hineingeworfen, als mir Mrs. Fairfax damals das
ganze Haus zeigte, hatte aber nicht bemerkt, daß eine Tapetenthür
von dort aus in andere Räume führte; jetzt fiel ein Lichtschimmer
durch ihre Spalten. Mr. Rochester setzte das Licht auf den Tisch,
hieß mich einen Augenblick warten und verschwand im Nebenzimmer.
Er wurde mit jenem entsetzlichen Gelächter begrüßt, das ich nun
schon zu wiederholten Malen gehört hatte. Grace Poole war also
dort drinnen; ich schauderte. Er schien irgend eine Anordnung zu
treffen; eine leise Stimme antwortete ihm, dann kehrte er zu mir
zurück und schloß die Thür.

,Hier Jane, sagte er, an ein Bett tretend, dessen Vorhänge
mir bisher verbargen, daß in dem großen Raume, den sie einschlossen,
noch ein Lehnstuhl stand, in welchem jemand saß. Mr. Rochester
erhob das Licht und ich blickte in die totenbleichen Züge Mr. Masons.
Ich hätte geglaubt, eine Leiche vor mir zu sehen, wäre nicht von
seinem rechten Arm unaufhörlich das Blut auf das Kissen niedergeträufelt, das man ihm zu seiner Unterstützung untergeschoben hatte.
Man hatte dem Verwundeten den Rock ausgezogen und den Arm
notdürftig verbunden.

,Halten Sie das Licht,' sagte Mr. Rochester, nahm den Waschnapf vom Toilettentisch, gab ihn mir ebenfalls zu halten und befeuchtete die Schläfe des Leidenden; hierauf hielt er ihm das Riechsalz unter die Nase; Mr. Mason that einen langen Atemzug und
schlug die Augen auf. Sein Freund öffnete das Hemd; das Blut
tropfte unablässig von der verwundeten Schulter nieder.
,Ist es gefährlich?’ fragte der Verletzte mit schwacher Stimme.

,Nicht im Geringsten! Ermanne Dich; es ist nicht viel mehr
als eine Schramme! Ich werde jetzt einen Wundarzt holen, und
wenn der Morgen hereinbricht, wirst Du gewiß abreisen können.
Jane,' fuhr er fort, ,ich muß Sie jetzt für ein bis zwei Stunden
mit diesem Herrn hier allein lassen; Sie werden ihm das Blut, so
wie ich jetzt, abwaschen, wenn es sich zeigt, werden ihm zu trinken
geben, wenn er danach verlangt und ihm das Salz unter die Nase
halten, wenn er ohnmächtig werden sollte, aber hüten Sie sich, unter
irgend einem Vorwande mit ihm zu sprechen. Und Du, Richard,
wenn Dir Dein Leben lieb ist, rede keine Silbe, denn wenn Du Dich
aufregst, so kann ich nicht für die Folgen stehen.’

Der arme Mann stöhnte; Mr. Rochester gab mir den blutigen
Schwamm und ging; an der Thür wendete er sich um: ,Hüte Dich
zu sprechen,! warnte er noch einmal und verließ das Zimmer; ich
hörte wie er die Thür verschloß, den Schlüssel abzog und sein Schritt
auf dem Gange verhallte.
Ich trat mein Amt an, wusch das Blut ab, befeuchtete die
Lippen des Kranken und suchte seine Lebensgeister durch das Riechsalz
zu beleben, aber während ich das alles verrichtete und in das blasse
Antlitz vor mir schaute, auf dem sich Furcht, Entsetzen, und wer weiß,
welche wechselnden Empfindungen malten, marterte ich mein Hirn
mit Gedanken über die Ursache dieser furchtbaren Vorgänge bis zu
einem Grade, der meine Kräfte zu erschöpfen drohte; dazu gesellte
sich die Furcht, daß Grace Poole, die nur durch eine dünne Wand
von mir getrennt war, plötzlich auf mich hereinstürzen könnte. Trotzdem nebenan alles still war und ich nur einige Male ein schwaches
Murmeln hörte, wuchs meine Aufregung von Minute zu Minute. Ich
konnte mich nicht mehr aufrechthalten, wenn Mr. Rochester nicht bald
zurückkam. Da endlich hörte ich Schritte, der Schlüssel drehte sich
im Schloß und der Ersehnte trat in Begleitung des Wundarztes ein.

,Nun, Carter, beeilen Sie sich,' sagte er zu diesem. ,Ich gebe
Ihnen eine halbe Stunde Zeit, die Wunde zu verbinden und ihn
fortzuschaffen.'

,Ist er transportabel, Herr?’
,Ohne Zweifel. Nun, alter Freund, fasse Mut, jetzt wird alles
gut werden. Carter, versichern Sie ihm, daß keine Gefahr ist.’

,Das kann ich mit gutem Gewissen,’ sagte Carter, welcher schon
den Verband abgenommen hatte. ,Ich wünschte nur, daß ich früher
gekommen wäre, damit er nicht unnütz so viel Blut verloren hätte.
Aber was ist das; diese Wunde hier an der Schulter rührt von keinem
Messer her, da sind die Spuren von Zähnen.’

,Sie hat mich gebissen; sie hat mich wie eine Tigerin gewürgt,
als Rochester ihr das Messer entwunden hatte. Oh, es war schrecklich,’ sagte er schaudernd, ,und erst sah sie so ruhig aus; ich war
gar nicht darauf gefaßt.’

,Ich warnte Dich,’ war Mr. Rochesters Antwort. ,Warum
hast Du auch nicht bis zum Morgen gewartet und mich mit Dir
genommen; es war eine Thorheit, so allein und mitten in der Nacht
zu ihr zu gehen.'

,Ich dachte, mein Besuch würde ihr wohlthun.’
,Dachte, dachte,' wiederholte Mr. Rochester ungeduldig. ,Carter,
Garter beeilen Sie sich, die Sonne geht schon auf, und er muß fort.’

,Gleich, Herr,’ war die Antwort, ,die Wunde ist schon verbunden.’

Ich hatte unterdessen am Fenster gestanden und meine Blicke
von dem traurigen Vorgange abgewendet. Jetzt schickte man mich
hin und her; ich mußte reine Wäsche, stärkende Tropfen, Mr. Masons
Pelz und noch viele andere Dinge holen, deren man bedurfte, um
ihn reisefertig zu machen.
,Es ist ein Glück, daß Sie solchen Katzentritt haben, Jane.
Nun, Carter, fassen Sie Mason unter den andern Arm, ich stütze
diesen hier und ich wette, wir bringen ihn ganz gut die Treppen
hinunter. Laufen Sie voran nach der Hinterthür, Jane, dort wird
eine Postchaise halten; sagen Sie dem Postillon, daß er sich bereit
halten solle; wenn Ihnen jemand begegnet, kommen Sie unten an
die Treppe und husten Sie.’
Ich that, wie mir geheißen. Es war noch alles still im Hause;
unbemerkt wurde Mr. Mason in den Wagen gebracht und der Wundarzt folgte ihm.

,Pflegen Sie ihn gut, Carter, und lassen Sie ihn nicht abreisen,
bis er sich ganz erholt hat, ich komme in einigen Tagen, um nach
ihm zu sehen. Nun, wie geht es Dir, Dick?’
,Die frische Luft belebt mich.’

,Lassen Sie das Fenster offen, Carter, der Wind kommt nicht
von dieser Seite und nun lebe wohl, Dick.’
,Edward!'
,Nun, was soll’s?’
,Sorge gut für sie; laß sie so rücksichtsvoll behandeln wie es
möglich ist; laß sie—‘ er stockte und brach in Thränen aus.

,Ich thue, was ich kann, habe es immer gethan und werde es
immer thun.’

Er schlug die Wagenthür zu und das Fuhrwerk setzte sich in
Bewegung. Mr. Rochester sah ihm lange nach.

,Wollte Gott, das hätte bald alles ein Ende,’ murmelte er.
,Nun, gehen Sie, Jane, und versuchen Sie einen Teil der verlorenen
Nachtruhe nachzuholen.’

Ich suchte mein Zimmer wieder auf und Mr. Rochester ging in
den Garten, dort konnte ich ihn von meinem Fenster aus lange
ruhelos auf- und abgehen sehen. Nach und nach wurde es auch im
Hause lebendig, und einige junge Herren betraten den Garten ebenfalls. Er bemerkte sie schon von weitem.

,Schon so früh auf?' rief er ihnen zu. ,Mason hat Euch aber
doch den Rang abgelaufen; er ist schon um fünf Uhr abgereist und
ich bin bereits um vier Uhr aufgestanden, um ihn auf den Weg zu
bringen.



Siebzehntes Kapitel.

Noch eine Woche hindurch blieben die Gäste, und diese verfloß
wie die früheren. Mr. Rochester war unerschöpflich in Erfindung
von unterhaltenden Beschäftigungen und im Arrangement von Ausflügen zu Wagen und zu Pferde, welche das besser werdende Wetter
begünstigte. Ich kam in dieser Zeit selten in seine Nähe; nur hier
und da wechselte ich einige flüchtige Worte mit ihm, und ich würde
geglaubt haben, er gedenke des nächtlichen Vorfalles gar nicht mehr,
hätte mich nicht mitunter ein Blick von ihm gestreift, der Sorge, ja
fast Furcht verriet. Las er vielleicht in meinen Augen die stumme
Frage, was jenes schauerliche Ereignis zu bedeuten habe; oder was
aus Mr. Mason geworden sei? und fürchtete er, ich könne sie laut
aussprechen? Ich trug diese Fragen immer mit mir herum, aber
über meine Lippen kamen sie nicht; ich wartete auf eine gelegenere
Zeit, zu der ich sie aussprechen könnte, oder zu der Mr. Rochester sie
mir unaufgefordert beantworten werde.

,Mason empfiehlt sich meinen werten Gästen,’ sagte er eines
Tages; ,ich hatte gestern einen Brief von ihm, daß er sich heute nach
Madeira einschifft.’
Es leuchtete in seinen Augen etwas wie Befriedigung bei dieser
Mitteilung auf und ich kann sagen, daß sie mich sowohl um Mr.
Rochesters als Mr. Masons willen mit herzlicher Freude erfüllte;
seine Verwundung mußte also leicht gewesen und gänzlich geheilt sein.

An einem herrlichen Frühlingsmorgen brachen endlich die Besucher auf mit alle dem Lärm und der Unruhe, die bei solchen Gelegenheiten unvermeidlich ist. Adele war heute unfähig, dem Gange
des Unterrichts zu folgen; sie horchte auf jedes Geräusch und machte
unaufhörlich Bemerkungen über alles, was draußen vorgehen mochte;
ich mußte mich überzeugen, daß heute nichts in ihren Kopf hineinzubringen sei; so erlaubte ich ihr denn lieber, hinunterzugehen, und
die Abreise von Mr. Rochesters Gästen zu beobachten. Ich nahm
meinen Hut und mein Tuch und suchte der Unruhe im Hause durch
einen Spaziergang in den Wald zu entfliehen.

Oh, wie herrlich war es dort draußen! Die Sträucher, ja selbst
die Bäume waren schon wie mit einem Schleier von dem ersten
jungen Grün bedeckt, welches der warme Sonnenschein der letzten
Tage herausgelockt hatte; der blaue Frühlingshimmel leuchtete so
freundlich durch die Zweige der Baumkronen, welche ihm den Durchblick auf den Rasenteppich des Waldes noch nicht wehrten, aus
dem Anemonen und Schlüsselblumen zu tausenden ihre Köpfchen erhoben; die Luft war so balsamisch und erquickend, die ganze Welt
schien mir so schön, daß mein Herz vor Freude an ihr hätte aufjauchzen mögen, hätte mir die Erinnerung an jene schreckliche Nacht
nicht immer wieder einen Druck auf die Seele gelegt.
Und war es denn diese allein? Oh, nein, Jane, sei ehrlich
gegen Dich, sagte ich zu mir selbst, es ist vielmehr die Sorge um
das Wohl und Wehe Deines Gebieters. Weit häufiger noch als zu
jenen Vorgängen im dritten Stock kehren Deine Gedanken zu Miß
Ingram, seiner erwählten Braut zurück; und daß Du außer ihrer
Schönheit nichts an ihr entdecken kannst, was sie seiner würdig
machte, und daß Du an Mr. Rochester nichts von der Liebe wahrnimmst, die ein Mann für das Wesen empfinden muß, an das er
sein ganzes Leben kettet, das ist es, was Dich ängstigt und quält.

Wie träumend wandelte ich in solche Gedanken vertieft lange
Zeit dahin, da schreckte mich ein Geräusch aus meinen Grübeleien
auf; es raschelte in den dürren Blättern, welche hier und da noch
den Boden bedeckten, und als ich aufblickte, sah ich in großen Sätzen
Pilot auf mich zukommen; zugleich hörte ich Adeles Stimme:
,La voilà, Monsieur Rochester,’ rief sie diesem zu, welcher in
einiger Entfernung folgte, als das Kind, fröhlich in die Hände
klatschend, mir entgegenlief und sich an meinen Arm hing. Langsam
kam auch Mr. Rochester heran.

,Nun, kleine Elfe, sind Sie hier heraus geschlüpft, um mit Ihrer
Sippschaft ein Stelldichein für die nächste Mondscheinnacht zu verabreden? Ich sah noch eben ihr Kleid hinter den Baumstämmen
verschwinden, als ich meinen Gästen in den Wagen half. Nun muß
doch Adele wieder zu ihrer Lehrerin kommen, die ihr durchgegangen
ist und so kam ich mit ihr, Sie zu suchen.'

,Ich gab diesen Morgen den Versuch auf, ihre Gedanken zu
fesseln,’ erwiderte ich; , vielleicht haben meine Bemühungen jetzt, wo
wieder Ruhe eingetreten ist, besseren Erfolg. Komm, Adele,' wandte
ich mich an diese, ,wir wollen heim und den Unterricht fortsetzen.

Adele ließ das Köpfchen hängen, wandte sich aber gehorsam mit
mir zum Gehen. Mr. Rochester rief sie zurück.

,Du möchtest wohl lieber mit Pilot hier im Walde um die
Wette laufen, als Weisheit von Miß Eyres Lippen saugen?! fragte
er. Adele nickte.
,Nun, so lauf, so weit Du kannst; ich habe ohnehin mit Miß
Eyre zu reden.'

Adele ließ sich das nicht zweimal sagen, wie ein Pfeil flog sie
davon, Pilot jagte hinter ihr her.
Ich war stehen geblieben und sah Mr. Rochester fragend an.
,Lassen Sie uns langsam folgen,' sagte er; , ich denke hier unter
Gottes hellem Himmel wird es mir leichter als dort drinnen (auf
das Haus zeigend), wo es schon seit acht Tagen wie ein Alp auf
mir liegt, Ihnen die Erklärung zu geben, welche ich Ihnen schulde.
Ein unglücklicher Zufall hat Sie in das schauerliche Geheimnis eingeweiht, das Thornfieldhall birgt. Ich hätte es Ihnen gern erspart,
Mitwisserin zu werden; aber ich lese seit jener schrecklichen Nacht tagtäglich in ihren Augen die Frage: Was hatte das alles zu bedeuten?
Ist es ein Verbrechen, was dieses düstere Haus in sich schließt? Ich
kann diese stumme Frage nicht mehr ertragen und weiß es, Sie sind
meines Vertrauens wert; ja jene Nacht hat Ihnen ein Recht darauf
gegeben. So hören Sie mich denn ruhig an, Miß Eyre, wenn ich
Ihnen jetzt ein Bild meines Jugendlebens entrolle, mit dem die
geheimnisvolle Bewohnerin jenes dritten Stocks in engem Zusammenhange steht; ich will es so kurz wie möglich machen, denn die Aufgabe, alle Ereignisse und Empfindungen jener Zeit, all' mein Unglück
und alle meine Schuld wieder in der Erinnerung heraufzubeschwören,
ist ohnehin schon schwer genug für mich.'

,Oh, Herr, ich kann auf jede Erklärung verzichten, wenn sie
Ihnen Schmerz bereitet,’ sagte ich.
Er sah mich mit einem Blicke an, in dem etwas wie Freude
aufglänzte.
,Nein, ich will thun, was recht und billig ist,' sagte er dann
energisch. ,So hören Sie also: Nur zweimal in meiner Vergangenheit habe ich eine kunze Zeit des Glückes genossen; zuerst in meiner
sonnigen Kindheit, wo noch die liebenden Augen meiner Mutter auf
mir ruhten. Zwar war auch diese Zeit nicht ganz ungetrübt, denn
die Strenge, ja Härte, mit der mich mein Vater im Gegensatz zu
meinem älteren Bruder behandelte, bekümmerte und empörte abwechselnd mein Herz. Es ist ja wahr, mein Bruder war ein lenksamerer Knabe als ich; immer willig, die Wünsche des Vaters zu erfüllen, niemals einen Widerspruch laut werden lassend, niemals durch
eine unfreundliche Miene verratend, daß es doch auch ihm mitunter
schwer wurde, sich den Geboten des Vaters zu fügen; dazu war er
schön, sehr schön und auch in dieser Beziehung meines Vaters Stolz
und Freude. Ich war von der Natur mit keinem gefälligen Äußeren
bedacht, zeigte schon von früh an einen eigenen Willen, der sich gegen
viele Anordnungen meines Vaters aufbäumte, sich willig und unbedingt nur überzeugenden Gründen fügte, und gegen ungerechte Strenge
mit einer Gewaltsamkeit rebellierte, die mir damals vollkommen gerechtfertigt schien, von der ich aber jetzt sagen muß, daß sie wenig
Liebenswürdiges an sich hatte. Und dennoch war ich nicht unbeugsam. Unter dem liebenden Zuspruch meiner Mutter schmolz all' mein
Widerstand, all' mein Trotz dahin, wie Wachs an der Sonne.
,Oh, daß sie so früh sterben mußte!’ Er seufzte tief und schmerzlich
auf, und als er seine Augen gen Himmel richtete, wie um die Verklärte dort zu suchen, schimmerten sie feucht. ,So lange sie lebte,'
fuhr er nach einer längeren Pause fort, ,suchte sie mir mit doppelter
Liebe zu ersetzen, was ich von seiten meines Vaters entbehren mußte
und das Verhältnis zwischen diesem und mir so gut wie möglich zu
erhalten; auch die geschwisterliche Zuneigung unter uns Brüdern
wußte sie mit ihrem liebreichen Wesen zu beleben und so waren die
Tage meiner Jugend immerhin glückliche und sonnige zu nennen.
Da starb meine treue Mutter gerade zu einer Zeit, wo ich ihrer am
meisten bedurft hätte, als ich an der Schwelle von der Kindheit zur
Jugend stand. Ich will sie nicht wieder heraufbeschwören die Gefühle
des verzweiflungsvollen Schmerzes, der trostlosen Vereinsamung,
welche mich damals ergriffen. Eine kurze Zeit hindurch hielt ja das
Band des gemeinsamen Schmerzes mich mit meinem Vater und
Bruder verbunden; der Vater, der sich mir früher mehr fern gehalten
und dem Einfluß meiner Mutter überlassen hatte, mochte es wohl
wie eine Pflicht empfinden, sich mehr um mich zu bekümmern; aber
mein Hang zur Selbständigkeit ließ mich die ungewohnte Kontrolle
alle meiner Gedanken und Handlungen schwer empfinden; ich begann
mich trotzig dagegen aufzulehnen; der Vater begegnete mir immer
strenger und härter; das rief alle meine schlimmen Anlagen wach;
es machte mir ordentlich Freude, gegen ihn alles, was verwerflich in
mir war, herauszukehren und alle meine besseren Regungen sorgfältig
vor ihm zu verheimlichen; es war wahrlich kein Wunder, daß er mir
am Ende seine väterliche Zuneigung ganz entzog und unser Verhältnis
sehr unerträglich wurde. Mein Bruder versuchte oft den Vater zu
versöhnen; ich glaube jetzt sogar, daß er mich bemitleidete, um der
oft ungerechten Behandlung willen, die mir mein Vater angedeihen
ließ, aber es war ihm nicht gegeben, für seine Überzeugung mit Entschiedenheit einzutreten; mich empörten seine zaghaften Verteidigungen
meines Thuns und Lassens mehr als sie mich rührten; dazu nährte
die offenbare Bevorzugung meines Bruders eine Art Grimm gegen
ihn; nicht daß ich ihn beneidete; nein, ich sah ihn nur gewissermaßen
als die Ursache meiner Zurücksetzung an, und mein Herz entfremdete
sich ihm immer mehr.

Da kündigte mir mein Vater eines Tages in wenig freundlichen
Ausdrücken an, ich möge auf Reisen gehen; er sähe dies als ein
letztes Mittel an, mich zu bessern und mein für ihn unerträgliches
Wesen durch das Beispiel und vielleicht auch manche herbe Lehre,
die mir die Welt geben werde, abzulegen.
Reisen! Wie oft hatte der Wunsch, die Welt zu sehen, mich mit
fast unbezwinglicher Sehnsucht erfüllt! Wie dankbar wäre ich dem
Menschen erfüllen sollte, in einer anderen Form gemacht! So sah ich
mit verbittertem Gemüte in ihr nur die Verbannung vom Vaterhause.
Warum schickte er meinen Bruder nicht fort? Er war älter als ich
und hatte ein früheres Anrecht auf die Genüsse des Lebens als ich;
aber von ihm konnte er sich nicht trennen; an ihm hing sein ganzes
Herz; mich wollte er dagegen los sein, mich haßte er! Mit solchen
Empfindungen und ohne ein Wort des Dankes nahm ich meines
Vaters Anerbieten an. Wohl that mir das Herz weh, als der Tag
meiner Abreise heranrückte; mein Vater war alt, ich sollte mich auf
lange von ihm trennen. Werde ich ihn jemals wiedersehen? fragte
ich mich. Es gab Augenblicke, in denen ich mich hätte an seine
Brust werfen und ihn bitten mögen: Vater, laß alles vergessen sein,
was zwischen uns stand und gieb mir Deine Liebe; aber der Trotz
siegte über meine besseren Gefühle; wir trennten uns unversöhnt mit
kaltem Händedruck.

So lange ich noch in meinem Vaterlande war, konnte ich mich
nicht von einem gewissen Schuldbewußtsein frei machen, und meine
Stimmung war eine recht gedrückte, als ich aber nach Dover kam,
um mich nach Frankreich einzuschiffen und immer mehr neue Eindrücke
meine Sinne und Gedanken gefangennahmen, da meldete sich die
Stimme des Gewissens immer leiser und seltener.

Ich kam nach Paris. Sie kennen noch nichts von der Welt,
Miß Eyre, und können sich keinen Begriff davon machen, welchen
Zauber diese Stadt mit ihrer Eleganz, ihren berauschenden Vergnügungen, ihrem ganzen fröhlichen Treiben auf die Jugend ausübt;
mir schien sie die Perle der Welt zu sein, und ich konnte mich gar
nicht wieder von ihr trennen. Hier war es, wo ich Mason kennen
lernte. Ich schloß mich an den guten, leichtlebigen Burschen um so
inniger an, als ich niemand hatte, dem ich mich sonst mitteilen konnte,
und der Jugend ist Mitteilung ein Bedürfnis. Ihnen nicht, ich weiß
es wohl,! sagte er, mich ansehend, ,aber Sie find auch eine Ausnahme und nicht nur hierin allein.
Mason lebte in bescheidenen Verhältnissen mit seiner Mutter und
Schwester zusammen, wie er sagte; er bildete sich zum Naturforscher
aus, fand aber bei seinem Studium immer noch Zeit, mir einen
guten Teil des Tages zu widmen. So waren wir fast unzertrennlich;
und ich kam mir ganz verlassen und unglücklich vor, als der Freund
einige Tage gänzlich ausblieb. Ich hatte mich nicht einmal darum
bekümmert, wo er wohnte, und als mich endlich bei seinem längeren
Ausbleiben die Sorge ergriff, es möchte ihm ein Unfall zugestoßen
sein, da konnte ich mir nicht einmal Beruhigung dadurch verschaffen,
daß ich ihn aufsuchte. Endlich kam ein Billetchen von ihm, das
meine Befürchtungen bestätigte; er hatte durch einen Sturz von der
Treppe den Fuß gebrochen und bat mich, seine Adresse beifügend,
daß ich ihn aufsuchen möchte.
Ich eilte sogleich zu ihm. In einer bescheidenen aber behaglichen
Wohnung empfingen mich eine würdige Matrone und ein junges
Mädchen von so bezaubernder Anmut und Kindlichkeit, daß ich meinte,
nie etwas Lieblicheres gesehen zu haben; es waren Masons Mutter
und Schwester. Ich kam von da ab oft und immer öfter in das
Haus; Sie werden leicht erraten, daß es immer weniger meines
kranken Freundes, immer mehr Aimees wegen war. Um es kurz zu
sagen, sie nahm mein ganzes Herz gefangen, ich bot es ihr und
meine Hand dazu und wechselte mit ihr den Schwur der Treue. Und
wie hat sie ihn gehalten? Ich glaubte an ihre Liebe und die meine
überschüttete sie mit Beweisen meiner Zärtlichkeit. Nichts war mir
zu schön, sie damit zu schmücken, kein Opfer zu groß, ihr eine Freude
zu machen. Mich beglückte das Entzücken, welches ihr meine Aufmerksamkeiten bereiteten; in meinem Vertrauen auf ihre Neigung zu
mir, kam mir nie der Gedanke, daß diese vielleicht mehr einem Gefühle der Dankbarkeit, als wahrer inniger Liebe entsprang, und daß
sie die Erwartung einer glänzenden Zukunft möglicherweise über ihre
Empfindungen täuschte; daß dem so war, sollte ich bald genug erfahren.
Meines Vaters und Bruders hatte ich im Rausche meines
Glückes ganz vergessen; ich war ja davon entwöhnt, mit ihnen meine
Gedanken und Gefühle auszutauschen; es war muir das schon lange
kein Bedürfnis mehr und jetzt um so weniger, wo ich ein Herz mein
nannte, bei dem ich volles Verständnis für alles voraussetzte, was
mich bewegte. Da kam eines Tages ein Brief aus der Heimat, in
dem mein Vater seinen ganzen Zorn auf mich ausschüttete, weil ich
noch immer kein Lebenszeichen von mir gegeben. Ich antwortete
durch die kurze Benachrichtigung, daß ich mich mit Aimee verlobt
habe. Diese trug einen bürgerlichen Namen und gehörte einer Kaufmannsfamilie an. Ich kannte meines Vaters Abneigung gegen diesen
Stand; er war stolz darauf, daß in seine Familie aus diesem Stande
nie ein Glied aufgenommen war, und in der Furcht, daß er meiner
Wahl seine Zustimmung versagen könnte und würde, bemühte ich mich
erst gar nicht, sie ihm abzugewinnen. Wie sich die Zukunft für Aimee
und mich gestalten würde, daran dachte ich wenig, ich lebte der glücklichen Gegenwart, bis das Verhängnis über mich hereinbrach. Es
kam in Gestalt meines Bruders, den der Vater infolge meines
Briefes abgesendet hatte, um mich, wie er sagte, den Schlingen zu
entreißen, in die ich geraten war. Er verlangte im Namen meines
Vaters, ich solle auf der Stelle mein Verlöbnis lösen, wenn mir
daran gelegen sei, noch ferner sein Sohn zu heißen und solle Paris
verlassen, um nie wieder dorthin zurückzukehren. Als er mich nicht
dazu bewegen konnte, ihm mein Versprechen zu geben, daß ich den
Befehlen des Vaters folgen wolle, fielen harte Worte zwischen uns;
mein Bruder sagte, er könne es nicht begreifen, wie ich lieber ein
schlechter Sohn sein wolle, als ein Mädchen aufgeben; Alt-England
habe doch so viele liebenswerte Mädchen, mit denen sich die leichtsinnigen Französinnen gar nicht messen könnten.

,Ich möchte wohl wissen, ob Du eben so urteilen würdest, wenn
Du Aimee gesehen hättest!' gab ich ihm zur Antwort.

,Nun, das kannst Du leicht erfahren, meinte er, ,laß uns zu
ihr gehen.’

Ich weiß nicht, warum mich der Vorschlag so erschreckte;
vielleicht war es ein Vorgefühl, daß es mir Unglück bringen würde,
wenn ich auf ihn einging und so lehnte ich ihn ab.

,Du wirst Dir wohl bewußt sein, daß der Anblick Deiner Aimee
meine Ansichten nicht umstimmen könnte,’ höhnte mein Bruder.

Das reizte mich. ,So komm - rief ich meines Sieges sicher,
griff nach meinem Hute und wir gingen.
Als wir bei Aimee eintraten, kam sie mir mit ihrer gewöhnlichen
herzgewinnenden Fröhlichkeit entgegen; doch wie sie meines Bruders
ansichtig wurde, richtete sie ihre großen, flammenden Augen einen
Augenblick forschend auf ihn und schlug sie dann verwirrt zu Boden;
als ich ihr Richard als meinen Bruder vorstellte, nahm ihre Befangenheit zu und ein Zittern durchlief ihre ganze Gestalt. Das
war ja wohl natürlich, welches Mädchen beschliche nicht eine gewisse
Furcht, wenn sie zum ersten Male den Angehörigen ihres Erwählten
begegnet; sie wird. sich unwillkürlich bewußt, daß sie eine Art von
Prüfung zu bestehen hat, in der vielleicht nicht immer Unparteilichkeit
den Blick schärft und Wohlwollen das Wort führt. Ich sah mit
Genugthuung, daß meine schöne Braut in ihrer Verwirrung nur noch
schöner aussah und blickte meinen Bruder triumphierend an, der ganz
in ihren lieblichen Anblick verloren schien. Erschreckend schnell verwandelte sich mein Triumph in Verzweiflung. Ich vermag Ihnen
nicht zu beschreiben, wie mir nach und nach die Überzeugung kam,
daß mein Bruder mir Aimees Herz entwendet, ja, daß ich es vielleicht
nie ganz besessen habe; und wie in den Beiden schon beim ersten
Begegnen die Gewißheit zum Bewußtsein gekommen war, daß sie
für einander geschaffen seien. Als Mason abgeschickt wurde, Aimees
Freiheit von mir zurückzufordern, da hatte ich längst gewußt, was
da kommen werde. Ich gab sie ihr zurück, aber ich gab damit auch
den Glauben an Treue, an Glück, an alles Gute in den Menschen
für lange Zeit, wie ich damals wähnte, für immer hin. Ich durchlebte entsetzliche Tage und Wochen; Paris war mir jetzt ebenso zuwider, wie es mich vorher entzückt hatte und ich beschloß, es so bald wie möglich zu verlassen.
Mason hatte seine Studien gerade beendet, er wollte jetzt eine
Forschungsreise antreten; er beredete mich, ihn zu begleiten. Ich
glaube, der gute Junge war besorgt um mich, und mochte mich in meiner verdüsterten Stimmung nicht mir selbst überlassen.

Am Vorabende unserer Abreise zog mich die Sehnsucht noch
einmal nach dem Hause hin, in dem ich die glücklichste Zeit meines
Daseins verlebt. Nur noch einmal wollte ich aus der Ferne einen
Blick darauf werfen, um ihm dann für ewig Lebewohl zu sagen.
Mein Weg führte mich an einer kleinen Kapelle vorüber; die Thür
stand offen und in dem Augenblicke, wo ich an ihr vorbei wollte,
fuhr ein Wagen vor, mechanisch fiel mein Blick auf die Aussteigenden,
da (ein Schwindel faßte mich, ich mußte mich an einer Säule des
Portikus halten, der ich zunächst stands, da sah ich Aimees liebliches
Gesicht von Myrtenkranz und Schleier umrahmt im Fond des Wagens;
war das nicht mein Bruder, der ihr freudestrahlend heraushalf und
sie an seinem Arme in die Kapelle führte?! Mechanisch folgte ich
und schlüpfte instinktmäßig hinter einen Kirchenpfeiler; von dort aus
sah ich das Unglaubliche mit an. Aimee wurde meinem Bruder angetraut. Heimlich, ohne Vorwissen meines Vaters; das war mir
sofort klar. Richard wußte, daß er die Erlaubnis zu solchem Bunde
nie erhalten würde, und er, gerade der Sohn, der die ganze Liebe
seines Vaters besaß, hinterging ihn so, während ich, der zurückgesetzte,
daran nie gedacht hatte. Welche Gefühle während des Trauaktes
in mir tobten ist unsagbar. Daß Wut und Schmerz mich nicht so
weit übermannten, daß ich störend in die heilige Handlung eingriff,
ist mir noch heute wunderbar, denn ich war meiner nicht mehr
mächtig; es mußte wohl die von Kindheit anerzogene Scheu vor der
Heiligkeit des Ortes sein, welche mich an meinem Platze festhielt.
Als das Brautpaar und die Zeugen längst die Kirche verlassen hatten,
stand ich noch wie angewurzelt auf derselben Stelle und es bedurfte
erst einer Aufforderung des Kirchendieners, die Kirche zu verlassen,
um mich aus meiner Erstarrung aufzuwecken.
In dieser Stunde hatte sich alle Liebe, die für meinen Bruder
vielleicht noch in meinem Herzen schlummerte, in unauslöschlichen Haß
verwandelt. Er, dem schon die ganze Liebe meines Vaters zufiel,
hatte mir nun auch noch die Liebe geraubt, an der die ganze Seligkeit meines Lebens hing. Und dieser Vater! Mit welcher Bitterkeit
gedachte ich seiner. Diesen Sohn also liebte er, diesen Sohn zog er
mir vor, der ihn so schmählich betrog! Es erfaßte mich ein unwiderstehlicher Drang nach Rache; ehe ich mir recht bewußt wurde, was
ich that, ergriff ich die Feder und teilte meinem Vater in einem
kurzen Briefe mit, daß ich heute ungesehen der heimlichen Trauung
seines Lieblingssohnes Richard mit meiner Braut beigewohnt habe
und unterschrieb mich als sein schmählich betrogener und mißhandelter
Sohn. Als ich den Brief der Post übergeben hatte, erfaßte mich für
einen Augenblick ein Gefühl der Reue, aber es wurde bald wieder
von der Aufregung und Verzweiflung erstickt, welche mich ganz und
gar beherrschten.
Am anderen Morgen kam Mason, um mich abzuholen.
,Du wagst es, mir unter die Augen zu treten? herrschte ich
ihn vor Wut zitternd an. ,Hinterlistiger, ich weiß alles, was Du
mir verheimlicht hast.
,So danke ich Gott, daß mir die schwere Aufgabe erspart ist,
es Dir mitzuteilen,' war seine Antwort. ,Ich wollte es erst thun,
wenn wir Paris im Rücken hätten. Glaube mir, Edward, es ist
wider meinen Willen geschehen. Ich konnte meiner Schwester die
Bitte zwar nicht abschlagen, ihr Brautführer zu sein, aber ich habe
es nur unter der Bedingung gethan, daß wir fortan geschieden sind.
Komm, laß uns diese Stadt des Unglücks so schnell als möglich
verlassen.'

Ich folgte ihm willenlos wie ein Kind; er, den mein Wille sonst
gelenkt und bestimmt hatte, war jetzt der Energische, Handelnde, und
ich ordnete mich ihm unter in dem Gefühle, daß er es aufrichtig
und gut mit mir meine und daß ich unfähig war, für mich zu sorgen.
Wir durchreisten Frankreich bis zum mittelländischen Meere!
In stumpfer Gleichgültigkeit ging ich an allen Schönheiten dieses
gesegneten Landes vorüber; erst nach Tagen fing ich an, die Eindrücke, welchen ich ausgesetzt war, in mich aufzunehmen und etwas
Interesse an ihnen zu gewinnen.
Wir kamen in Marseille an, da traf mich ein neuer Schlag.
Ich fand dort einen Brief vom Haushofmeister meines Vaters vor,
der mich an das Sterbebett desselben rief. Das Schreiben war des
Inhalts: wahrscheinlich habe ihn der Schlag infolge einer unerwarteten, erschütternden Nachricht getroffen, denn man habe ihn am
Boden seines Zimmers liegend gefunden, einen Brief in der Hand.
Ich wußte, daß es mein Brief war. Das Bewußtsein habe ihn
noch nicht verlassen, meldete das Schreiben ferner; er habe energisch
gefordert, daß man den Brief vor seinen Augen verbrenne, den er
krampfhaft mit den Fingern umschlossen hielt, habe dann nach Gerichtspersonen verlangt und sein Testament gemacht; jetzt seien aber seine
Kräfte in schneller Abnahme begriffen, die Ärzte gäben gar keine
Hoffnung und ich möge eilen, wenn ich ihn noch am Leben finden
wolle, denn gerade nach mir verlange er ohne Unterlaß.

Da erwachte in meinem Herzen wieder die unterdrückte Kindesliebe mit aller Macht und von Sehnsucht getrieben, von Gewissensbissen gefoltert, trat ich unverzüglich den Weg nach meinem Heimatlande an; Tag und Nacht unausgesetzt reisend, um schneller an das
Ziel zu kommen. Aber England ist weit von Marseille und ich kam
zu spät. Er hielt schmerzlich bewegt inne und ging lange in Gedanken vertieft neben mir her; es schien, als habe er meine Anwesenheit ganz vergessen.

Ich fühlte, daß er wünschen mußte, seine traurigen Bekenntnisse
auf einmal abzulegen, und so hielt ich es für das Beste, ihn daran
zu erinnern, daß seine Erzählung noch nicht beendet sei und erweckte
ihn aus seinem Sinnen mit der Frage: ,Und Ihr Bruder folgte
seinem Vater bald in das Grab nach?’

,Mein Bruder? Nein; er lebte noch fast neun Jahre. Freilich, für die Welt war er gestorben. Mein Vater hatte ihn in seinem
Testamente von der Erbfolge gänzlich ausgeschlossen und ihm nur
unter der Bedingung ein Kapital, das ihm standesgemäß zu leben
ermöglichte, vermacht, daß er England miede, er und seine Nachkommen, und daß er einen anderen Namen annähme, denn seine Frau
wolle er nie als ein Glied seiner Familie anerkannt wissen. Können
Sie mir nachfühlen, Jane, mit welchen Empfindungen ich die Herrschaft über den großen Besitz antrat, den mir mein Vater hinterließ?
Ich wußte ja, ich verdankte ihn nicht seiner Liebe, sondern dem Haß
gegen meinen Bruder, in den die Neigung für seinen Lieblingssohn
sich durch dessen Handlungsweise verwandelt hatte; durch meine Schuld
ward dieser aus seinen Rechten verdrängt. Mein Gewissen verdammte
mich vielleicht strenger, als Sie es jetzt thun werden, Miß Eyre.

,Ich verdamme Sie nicht, Herr, wenn ich Sie auch tadeln muß,
ich beklage Sie vielmehr.
Er warf mir einen dankbaren Blick zu.
,Aber konnten Sie nicht Ihren Bruder wieder in seine Rechte
einsetzen? fuhr ich fort.

,Wie oft habe ich ihn dazu zu bewegen gesucht, aber er war zu
stolz, aus meinen Händen sein Erbe wieder anzunehmen; alle meine
Briefe, in denen ich ihn reuig darum beschwor, blieben ohne Erfolg.
Da hatte ich gehört, daß er oft heimlich nach England käme, um das
Grab unseres Vaters zu besuchen; ich wußte es einzurichten, daß ich
einmal dort mit ihm zusammentraf; ich flehte ihn bei den Manen
unseres Vaters an, mir zu verzeihen; sich mit mir zu versöhnen und
wieder in seinen Besitz einzutreten; er stieß mich als Verräter und
und Vatermörder von sich, und wir schieden auf Nimmerwiedersehen!

Mir ließ es keine Ruhe mehr in meinem Heimatlande; ich hatte
schon die ganze Dienerschaft entlassen und neue Leute angenommnen,
um nicht durch jene immer an die traurige Vergangenheit erinnert
zu werden; aber was half das, jeder Baum, jeder Strauch in Thornfieldhall brachte sie mir schon in Erinnerung. Da beschloß ich, mich
den quälenden Eindrücken auf einmal zu entreißen und ging auf
Reisen. Ich sah fast alle bekannten Länder der Erde, lernte viel
Schönes und Interessantes kennen und auch viele Menschen; diese
beobachtete und beurteilte ich aber mit verbittertem Gemüt, sah in
ihnen, den Erfahrungen meiner Jugend gemäß, nur Wesen, vor denen
man auf seiner Hut sein müsse, weil sieVertrauen mit Falschheit,
Liebe mit Treulosigkeit, Aufrichtigkeit mit Haß lohnten und so
schloß ich mich ihnen nie an. Manchmal ergriff mich dann die
Sehnsucht nach meinem Heimatlande, nach den Stätten, wo ich meine
Kindheit verlebt, nach den Gräbern meiner Eltern, besonders nach
dem Grabe meiner heißgeliebten Mutter. Dann kam ich wohl einmal
nach Thornfieldhall zurück; aber lange litt es mich hier nie in den
verödeten Räumen meines Hauses; ich mußte wieder hinaus in die
weite Welt. In Spanien traf ich auf meinen Reisen einmal zufällig
mit Mason zusammen. Er hatte kränklichkeitshalber seinem früheren
Berufe entsagen müssen, war Weinhändler geworden, lebte in Paris
und war soeben auf einer Reise begriffen, um Einkäufe für sein Geschäft zu machen. Er erzählte mir auch, daß mein Bruder auch seinen
Wohnsitz in Paris habe, dort unter dem bescheidenen Namen Varens
lebe und Vater einer Tochter sei. Sie erraten leicht, daß Adele diese
Tochter ist.
Ich blieb von da ab mit Mason in Verbindung und wenn wir
auch keine eifrige Korrespondenz führten, so hörten wir doch ab und
zu durch Briefe von einander.
Im August vorigen Jahres hielt ich mich in Palermo auf; da
erhielt ich eines Tages wieder einen Brief von Mason, schrecklichen
Inhalts. Er meldete, daß mein Bruder mit dem Pferde gestürzt
und unter unsäglichen Schmerzen nach wenigen Tagen verschieden
und daß seine Witwe aus Gram und Verzweiflung über den Verlust
des Gatten tobendem Wahnsinn anheimgefallen sei.'
Mir fielen jetzt Adeles Erzählungen vom ersten Tage, den ich
in Thornfieldhall verlebte, wieder ein; ich hatte nach ihnen das Schicksal
ihrer unglücklichen Mutter geahnt.
,In Masons Brief,'! fuhr Mr. Rochester fort, ,waren einige
Zeilen von der Hand meines Bruders eingelegt, die mich tief erschütterten. Er hatte sie auf dem Totenbette geschrieben, bat mich
in ihnen wegen seiner Unversöhnlichkeit um Verzeihung, versicherte
mich in herzlichen, brüderlichen Worten seiner Vergebung und empfahl
sein Weib und sein Kind meinem Schutze. Richards Brief rief alle
meine Liebe für ihn wach; ich fühlte mit einem Male, daß er mir
theurer war, als ich es selbst gedacht, und ich trauerte aufrichtig um
ihn. Mein ganzes Herz hing jetzt daran, seinen letzten Wunsch zu
erfüllen und den Seinen ein treuer Beschützer zu sein. Ich eilte,
so schnell ich es vermochte, nach Paris und suchte Mason auf. Er
gab mir eine treue Schilderung von den letzten Tagen meines armen
Bruders und weinte bittere Thränen über das unglückliche Schicksal
seiner Schwester, die er als unheilbar in eine Irrenanstalt hatte
bringen müssen; er hatte es mit schwerem Herzen gethan, aber er
konnte sie nicht in seinem Hause behalten, das in dem unruhigsten
Teile von Paris lag und täglich von geschäftlichen Besuchern wimmelte und in dem eine so schlimme Kranke weder Ruhe noch die
nötige Überwachung finden konnte; selbst für Adele war es kein geeignetes Haus; Mason hatte sie deshalb in die Obhut eines kinderlosen Ehepaars gegeben. Doch das Kind fühlte sich unglücklich bei
den ältlichen Leuten, und als ich sie in dem ernsten Bestreben, an
ihr wieder gut zu machen, was ich an ihrem Vater verschuldet, fragte,
ob sie mit mir gehen wollte, da willigte sie entzückt ein.
Ich bin kein Freund von Kindern, Miß Eyre, und brachte
diesem Kinde keine Sympathie entgegen; daß ich es mit mir nahm,
betrachtete ich nur als einen Akt der Sühne gegen meinen Bruder,
aber das Opfer hat sich gelohnt, denn durch Adele kamen Sie in
mein Haus und mit Ihnen, ja mit Ihnen, er hielt inne, sah mich
mit einem wunderbaren, unerklärlichen Blicke an und fuhr dann
schnell fort - ,mit Ihnen hoffentlich die Person, welche es vermag,
in Adele Besseres zu wecken, als ich bisher in ihrem leichtfertigen,
oberflächlichen Wesen zu entdeckten wußte.

,Sie werden sie, so hoffe ich, mit der Zeit besser beurteilen,
Herr; sie hat tieferes Gefühl, als man ihr von vornherein zutraut,
und besonders für Liebe eine rührende Dankbarkeit.’

,Vielleicht lernt sie von Ihnen, selbstlose, hingebende Liebe nicht
mit Treulosigkeit zu vergelten, wie es ihre Mutter gethan. Und doch
erfaßte mich tiefes Mitleid mit dieser, denn meinen Bruder hatte
sie geliebt, so heiß geliebt, um nicht mehr sie selbst zu sein, als er
sie verlassen mußte, um in Verzweiflung über seinen Tod in finsteren
Wahnsinn zu verfallen. Ich faßte den Entschluß, auch sie zu sehen,
und suchte sie mit Mason an ihrem traurigen Aufenthaltsorte auf.
Es war ein erschütterndes Wiedersehen! Sie glaubte in mir ihren
Gatten wiederzufinden, sie hing sich an meinen Hals und bat mich,
Todesangst in jedem Zuge des Gesichts und in jeder Gebärde, sie
vor ihrem Bruder zu schützen; er wolle nicht leiden, daß sie mich
pflege, wenn ich krank sei; er habe ihr das Feuer aus der Hand gerissen, mit dem sie mein Bett anzünden wolle, um mich zu wärmen,
wenn ich kalt sei; er habe sie hier eingesperrt. Sie beschwor mich,
sie mit sich zu nehmen, und ich, vom Jammer ihres Anblicks überwältigt, versprach es ihr. ich mietete eine Wärterin und brachte sie
hierher in mein einsames Haus, um ihre Pflege zu überwachen und
ihr ihren trostlosen Zustand so zu erleichtern, wie es irgend möglich
war. Dort oben haust sie nun,' sagte er, auf das Haus deutend,
dem wir uns inzwischen genähert hatten, , mit ihrer Wärterin Grace
Poole, und Sie werden nun Vieles begreifen, was Ihnen bisher unklar war.’

,Ich thue es, Herr, und bewundere Sie.’

,Nichts von bewundern. Geben Sie mir die Hand darauf, daß
Sie nicht schlecht von mir denken nach allem, was ich Ihnen erzählt,
und ich will Gott dafür danken.'

Ich that es und so trennten wir uns.



Achtzehntes Kapitel.

Ich ging durch mein Tagewerk, wie immer, aber meine Gedanken waren heute ebensowenig bei der Sache, wie Adeles; wie die
ihrigen in Feld und Wald hinaus, oder zu den abwechselnden Genüssen der letzten Wochen zurück, so schweiften die meinigen oft zu
Mr. Rochester hinüber, mit tiefem unsäglichen Mitgefühl für das,
was er erfahren, und mit dem Verlangen, daß ich es vermöchte, das
Andenken an seine früheren Leiden auszulöschen. Oh, welche tiefen,
,wie es schien immer wieder aufbrechenden Wunden, hatte seine Gattin
zu heilen! Und war Miß Ingram wohl das Wesen, die das vermochte; brachte sie seinem tiefen, unter Rauheit und Satyre versteckten
Gefühl das rechte Verständnis und ein warmes Herz entgegen? Nein
und nein, rief es in meinem Herzen, und es zog sich schmerzlich zusammen bei dem Gedanken einer Verbindung Rochesters mit ihr.
Ich zergrübelte mich, was ihn bewegen konnte, gerade sie zu wählen;
ich überraschte mich bei dem vergeblichen Versuche, dieses Problem zu
lösen während des Unterrichts und hatte ihn noch nicht aufgegeben,
als ich in der Dämmerstunde an meinem Fenster saß und Adele
längst zu Mr. Rochester hinuntergegangen war. Ich überhörte sogar,
daß es wiederholt an meine Thür geklopft hatte und fuhr überrascht
aus meinem Sinnen auf, als ich Leah plötzlich im Zimmer stehen sah.
,Mrs. Fairfax läßt Sie bitten, sich in ihr Zimmer zu bemühen,
Miß; es erwartet Sie dort jemand,! sagte Leah.
Ich folgte ihr verwundert. Wer konnte mich erwarten? Ich
hatte ja außer Mrs. Nasmyth, die frühere Miß Temple, niemand in
der Welt, der sich um mich kümmerte; mit ihr stand ich ja freilich
noch in Korrespondenz, aber sie lebte weit ab von Thornfield und
es war nicht daran zu denken, daß sie mich hier aufsuchte.

Als ich in Mrs. Fairfax Zimmer eintrat, sah ich in der Nähe
der Thür einen Mann stehen, der ungefähr das Aussehen eines
Dieners hatte; er war in tiefe Trauer gekleidet, und um seinen Hut,
welchen er in der Hand hielt, war ein breites Kreppband geschlungen.
,Sie kennen mich wohl nicht mehr, Miß?’ redete er mich an;
,es sind auch mehr als acht Jahre her, daß wir uns gesehen haben;
ich war damals Kutscher in Gateshead.’
,Guten Tag, Robert; oh, ja, ich erinnere mich Eurer jetzt sehr
gut; Ihr habt mich damals manches Mal auf Miß Georgianas Pony
reiten lassen. Ich weiß auch, daß Ihr jetzt Portier seid und Bessie
Euer Weib ist. Wie geht es ihr und den Kindern.
,Danke, Miß, sehr gut,' gab er zur Antwort; ,die Meinigen
sind alle gesund.’
,Und wie steht es im Herrenhause?’ fragte ich weiter, und mein
Blick fiel dabei unwillkürlich auf den Krepp an seinem Hut.

,Es thut mir leid, Miß, daß ich Ihnen da nichts Günstiges zu
melden habe. Mrs. Reed lebt und die beiden jungen Damen sind
gesund, aber Mr. John - er stockte - Mr. John ist heute vor acht
Tagen gestorben und seine Mutter hat die Nachricht so erschreckt, daß
sie jetzt krank darniederliegt. Es war ein Schlaganfall. Sie wissen,
Miß Eyre, Mr. John machte seiner Mutter vielen Kummer; er ist in
London in schlechte Gesellschaft geraten und hat viel Geld durchgebracht; Mrs. Reed hat oft seine Schulden bezahlt und ihr halbes
Vermögen hingegeben; vor vierzehn Tagen kam Mr. John plötzlich
nach Hause; er mußte wieder Schlimmes mitbringen, wie gewöhnlich,
denn Bessie hat von den übrigen Dienstleuten gehört, daß es viele
aufregende Scenen gegeben hat. Nach einigen Tagen reiste Mr. John
ebenso plötzlich ab, wie er gekommen war; seine Mutter hatte sich
geweigert, ihm den letzten Rest ihres Vermögens hinzugeben; er schied
erzürnt von ihr und vor acht Tagen kam die Nachricht von seinem
Tode. Sie sagen, er habe sich selbst entleibt,' setzte er
zögernd hinzu.
,Und wie trägt es seine Mutter?’ Robert.
,Sie fiel bei der Nachricht vom Schlage getroffen zu Boden,
und seitdem ist sie noch nicht wieder recht zu sich gekommen, sagt
Bessie. Aber ihren Namen Miß spricht sie oft aus, nur konnte
Bessie viele Tage hindurch nicht verstehen, was sie damit wollte; sie
sprach so undeutlich; endlich brachte sie heraus, daß sie Sie sehen
wollte. Bessie sagte es den jungen Damen und riet ihnen, Sie
holen zu lassen, aber diese wollten nicht hören; doch Mrs. Reed wurde
so unruhig und rief so ungeduldig nach Ihnen, daß ich geschickt
wurde. Man kann zwar nicht wissen, wie Mrs. es meint, daß sie
nach ihnen verlangt, aber Bessie denkt, Sie würden sich gewiß nicht
weigern zu kommen.’
,Gewiß nicht, Robert.’
,Dann würde ich Sie gern morgen früh mit mir nehmen, Miß
Jane. Aber Sie müssen wohl erst Erlaubnis nachsuchen?’

,Ja, das muß ich, und ich werde es gleich thun.’
Ich nahm Robert mit mir in die Küche, empfahl ihn dort der
Fürsorge Leahs und ging sogleich Mr. Rochester zu suchen. Ich fand
ihn in der Bibliothek vor seinem Schreibtisch sitzend; doch schien er
nicht zu schreiben, er saß, den Kopf in die Hand gestützt, ganz in
Gedanken verloren und bemerkte meinen Eintritt garnicht.
,Mr. Rochester,' redete ich ihn an.
,Jane? sagte er, den Kopf erhebend und mich erstaunt anblickend. ,Was giebt es?’
,Mr. Rochester,' wiederholte ich, ,ich möchte mir auf ein bis
zwei Wochen Urlaub erbitten, um eine kranke Verwandte zu besuchen,
welche nach mir geschickt hat.’

,Eine Verwandte? Sie haben mir ja gesagt, Sie hätten keine
Verwandte,’ gab er zurück, mich fast finster anblickend.
,Keine, die mich anerkennen wollten.’
,Wie heißt denn diese Verwandte?’
,Mrs. Reed auf Gateshead in -shire.’
,Reed von Gateshead! Ich kannte einen Landrat Reed auf
Gateshead.'
,Das war mein Onkel, Herr, der Bruder meiner Mutter, und
die jetzt nach mir schickt, ist seine Witwe.’
,Und warum haben Sie nie von dieser Tante gesprochen?’
,Sie hat mich verstoßen.'
,Weshalb?’
,Weil ich arm und ihr lästig war und weil sie mich nicht leiden
mochte.’
,Und dann wollen Sie hundert Meilen reisen, um ihr einen
Wunsch zu erfüllen? Unsinn, Jane! Sie muß ja eigene Kinder
haben; mag sie sich von denen pflegen lassen! Ich weiß, sie hat zwei
Töchter und einen Sohn, der als Tunichtgut in London eine Art von Berühmtheit genoß.’

,Ja, Herr. Dieser Sohn hat sich zu Grunde gerichtet und so
ziemlich auch seine Familie; sein plötzlicher Tod wird dem Selbstmorde zugeschrieben. Die Nachricht von diesem Unglück hat seine
Mutter so schwer getroffen, daß sie vom Schlage gerührt worden ist.’

,Was können Sie ihr da helfen? Und Sie sagen ja, daß die
Tante Sie verstoßen hat.’
,Ja, Herr, aber das ist lange her; und damals war sie in anderen Verhältnissen. Ich würde kein ruhiges Gewissen haben, wenn ich ihre Wünsche nicht erfüllte.’
,Ja, dann muß ich Sie wohl gehen lassen; aber versprechen Sie
mir, nicht länger als acht Tage fortzubleiben.’
,Ich möchte mein Wort nicht verpfänden, Herr, aus Furcht,
daß ich genötigt werden könnte, es zu brechen.’
,Dann geben Sie mir wenigstens die Hand darauf, daß Sie
sich nicht bereden lassen, immer bei ihr zu bleiben und daß Sie
wiederkommen, sobald sie können.'

,Meine Hand darauf!' sagte ich, sie ihm darreichend. Er nahm
sie in seine beiden Hände, hielt sie lange fest und sagte mit einem
Tone, der fast eine Beimischung von Wehmut hatte:
,Dann reisen Sie mit Gott, Jane, und vergessen Sie nie, daß
Sie hier Ihre Heimat und gute Freunde haben, die nach Ihrer
Rückkehr verlangen.
,Ich danke, Herr, für dieses gütige Wort, versetzte ich gerührt
und verließ das Zimmer, um mich für die morgende Abreise vorzubereiten.
Zwei Tage darauf langte ich in Gateshead an. Ich trat zuerst
bei Bessie ein.
,Gott segne Sie, Miß Jane!' rief sie, als sie meiner ansichtig
wurde. ,Ich wußte, daß Sie kommen würden.'

,Hoffentlich komme ich nicht zu spät, sagte ich, Bessie und ihre
Kleinen der Reihe nach küssend. ,Wie geht es Mrs. Reed? Sie ist
doch noch am Leben?
,Ja, es geht ihr sogar augenblicklich besser. Der Doktor meint,
sie könnte wohl noch acht bis vierzehn Tage leben, aber daß sie wieder
ganz gesund wird, glaubt er nicht.’
,So laß uns zu ihr gehen, Bessie.’
,Nein,' antwortete diese, ,Sie müssen sich erst nach der weiten
Reise ausruhen und stärken; zudem schläft Mrs. Reed gewöhnlich in
diesen Nachmittagsstunden. Und wie in meiner Kinderzeit nahm
Bessie mir Hut und Tuch ab, setzte mir einen Stuhl an den Kamin,
stellte ein Tischchen davor und bewirtete mich mit Thee und Toast,
und ich ließ es mir gern gefallen, denn ich war in der That von der
weiten Reise ermüdet und einiger Ruhe und Erquickung bedürftig.

Nachdem ich mich etwas erholt hatte, begleitete mich Bessie nach
dem Herrenhause und meldete meinen Cousinen meine Ankunft. Als
ich das Wohnzimmer betrat, kamen mir beide entgegen und begrüßten
mich, wie ich das kaum anders erwartet hatte, mit hochmütiger
Kälte. Ich wunderte mich über mich selbst, wie wenig mich das unhöfliche Entgegenkommen meiner Cousinen berührte, und wie gleichmütig ich es aufnahm, daß sie mich mit Miß Eyre anredeten; vor
wenigen Monaten noch hätte es mich vielleicht sehr gekränkt, jetzt aber
fühlte ich mich gehoben in dem Bewußtsein, daß ich an einem anderen
Orte gute Freunde, die mich achteten und für den Augenblick auch
eine Heimat hatte. So ließ ich mich durch das Benehmen der
Schwestern nicht beirren und fragte ruhig:
‘Wie geht es Mrs. Reed?’
Georgiana schien ganz erstaunt, daß ich es wagte, eine direkte Frage an sie zu richten, bequemte sich aber doch endlich, mir zu antworten:
,Sehr schlecht!'
,Wollen Sie nicht die Güte haben, sie zu benachrichtigen, daß
ich hier bin? ich weiß, daß sie den dringenden Wunsch hat, mich zu
sehen, und möchte ihn nicht länger unerfüllt lassen, als durchaus
nötig ist.

,Mama läßt sich Abends nicht gern stören, bemerkte Eliza, mich
von oben herab betrachtend.
Ich ließ mich durch ihren verächtlichen Blick nicht einschüchtern,
und als ich sah, daß weder sie noch Georgiana Anstalt machten,
meinem Verlangen nachzukommen, stand ich ruhig auf, legte Hut und
Tuch unaufgefordert ab und sagte, ich wolle zu Bessie gehen und von
ihr zu erfahren suchen, ob ich meine Tante noch heute sprechen könne.
Wäre ich meinem augenblicklichen Gefühle gefolgt, so würde ich
sogleich wieder abgereist sein, aber ich sah nach einiger Überlegung
ein, daß das thöricht gewesen wäre; wozu hätte ich denn wohl den
Weg von hundert Meilen gemacht? Ich faßte also den Entschluß,
zu bleiben, so lange es mir nötig scheinen würde, und suchte deshalb
zuerst die Haushälterin auf. Ich teilte ihr mit, daß ich für einige
Zeit im Hause zu bleiben gedenke, bezeichnete ihr ein Zimmer, das
sie für mich herrichten lassen sollte und ordnete an, daß man meinen
Koffer dort hinschaffen möge. Als ich zuletzt fragen wollte, wo Bessie
zu finden sei, kam diese mir schon von der Treppe herab entgegen.
,Lassen Sie uns jetzt gehen, Miß, sagte sie, ,Mrs. Reed ist
erwacht, wir wollen versuchen, ob Sie sie jetzt sprechen können.
Ich trat leise in die Krankenstube, in welcher eine Nachtlampe
nur ein mattes Licht ausstrahlte, schlich auf den Fußspitzen an
das Bett und blickte nach langen Jahren zum ersten Male wieder in
das Gesicht, das mir so oft Furcht und Schrecken eingeflößt hatte.
Es trug noch die selben harten, strengen Züge. Aber wie eingefallen
und vergrämt sah es aus und wie schneeweiß waren dis Haare geworden, die es einrahmten! Mein Herz wurde weich bei dem Anblick,
alle schrecklichen Erinnerungen, welche sich für mich an dieses Antlitz
knüpften, gingen in dem innigsten Mitgefühl unter und ich beugte
mich nieder, um es zu küssen.
,Wer ist das?’ sagte sie mit schwacher Stimme und sah mich
mit einem leeren Blicke an, an dem zu erkennen war, daß ihre
Geisteskräfte geschwächt waren.
,Ich bin es, Tante Reed, Jane Eyre. Wie geht es Dir, liebe
Tante?’
Ich hatte einst geschworen, sie nie wieder Tante zu nennen,
doch hielt ich es für keine Sünde, den Schwur jetzt zu brechen.

,Jane Eyre ist das nicht; Jane Eyre haßte mich und ich haßte
sie, und mein John konnte sie auch nicht leiden. Wo ist John? Ist
er noch nicht wieder da von London? Oh, wenn er kommt, dann will
er wieder Geld haben, und ich habe ihm schon so viel gegeben.
Du machst mich ganz arm, John; ich habe schon die Hälfte
der Dienerschaft entlassen, um Dir immer mehr Geld zu geben; höre
doch auf, mich immer um Geld zu quälen. Du mußt nicht spielen,
John. Ich weiß, Du verlierst immer, armer Junge, aber ich kann
das Haus nicht verkaufen, ich kann Dir nicht alles geben, wovon
sollen Deine Schwestern leben? - John, drohe mir nicht immer mit
Deinem Tode, ich kann es nicht ertragen. Wo bist Du John?’
fragte sie, sich plötzlich mit einer gewaltigen Anstrengung aufrichtend
und wild um sich starrend.
Ich nahm sie in den Arm, um sie zu beruhigen, aber sie stieß
mich mit einer Kraft von sich, die ich in diesem verfallenen Körper
nicht mehr vermutet hätte.
,John, John,’ schrie sie noch einmal verzweiflungsvoll und fiel
dann erschöpft in die Kissen zurück. Bessie brachte ihr mit Mühe
einen beruhigenden Trank bei, nachdem sie, wenn auch erst nach langer
Zeit, in einen leichten Schlummer verfiel.
,So spricht sie oft des Abends, sagte Bessie, ,heute scheint sie
mir freilich besonders aufgeregt; Ihr Anblick mag so auf sie gewirkt
haben, wenn sie Sie auch kaum erkannt zu haben scheint.

Ich verließ Mrs. Reed für heute und zog mich auf mein Zimmer
zurück. Am nächsten Morgen erfuhr ich von der Wärterin, daß es
mit der Kranken wieder schlechter gehe und daß sie in einen völlig
apathischen Zustand verfallen sei. Als ich mein Frühstück eingenommen
hatte, begab ich mich in das Krankenzimmer, bemühte mich aber, der
Patientin meine Anwesenheit zu verbergen, doch konnte ich mich bald
überzeugen, daß sie niemand, also auch mich nicht erkannte, und so
beschloß ich, den Besuch des Arztes hier abzuwarten und mit ihm zu
beraten, was ferner zu thun sei, denn, wenn meine Anwesenheit
der Tante keine Erleichterung, sondern nur mehr aufregende Gefühle
brachte, so schien es mir besser, daß ich wieder abreiste.
Der frühere Arzt von Mrs. Reed, den ich schon kannte, war inzwischen gestorben, aber sein Nachfolger hatte zum Glück ein vertrauenerweckendes, mir sehr sympathisches Gesicht; ich konnte mir
gleich ein Herz fassen, ihm von meinem Verhältnisse zu der Leidenden
so viel mitzuteilen, als nötig war. Er hörte mir aufmerksam zu,
ging, als ich geendet, wenige Minuten mit sich zu Rate und sagte
dann:

,Ihre Erzählung, mein Fräulein, zusammengehalten mit dem
Umstand, daß Mrs. Reed schon vor Ihrer Ankunft dringend nach
Ihnen verlangt hat, läßt es fast unzweifelhaft erscheinen, daß sie
Ihnen eine Mitteilung zu machen hat, durch die sie ihr Herz erleichtern möchte; sei es, daß sie sich mit Ihnen auszusöhnen wünscht,
oder sei es etwas anderes, das sich nicht erraten läßt. Mir würde
es gut scheinen, wenn Sie hier und so viel als möglich um die
Tante blieben. Bleiben Sie ihr fern, so würde sie bei einer notwendigen Zusammenkunft ihr Anblick wahrscheinlich ebenso wie gestern
aufregen, während sie sich in dem teilnahmlosen Zustande, in welchem
sie sich jetzt befindet und der erst nach und nach weichen kann, allmählich daran gewöhnen wird, Sie um sich zu sehen.
Mir war dieser Rat willkommen, denn er hielt in mir die Hoffnung wach, daß ich doch noch etwas zur Beruhigung der armen
Leidenden thun könnte und gab mir die Möglichkeit, meinen Verkehr
mit den Cousinen dadurch, daß ich bestimmte Pflichten übernahm,
nach Belieben einzuschränken. So etablierte ich mich denn im Krankenzimmer. Ich schickte die Wärterin, so oft es anging, fort und that
Mrs. Reed selbst alle Handreichungen; es machte mir Freude, zu bemerken, daß sie sich mit der Zeit an meine Dienste gewöhnte, es
sogar lieber zu haben schien, wenn ich ihr die Kissen zurecht rückte
und ihr die Medizin reichte, als wenn es die Wärterin that. Tagelang lag sie in fortwährendem Halbschlummer und schlug die Augen
nie auf; einige Male wollte es mich zwar bedünken, als schlossen sich
ihre Lider in dem Augenblicke, als ich sie von meinem Platze am
Fenster aus ansah, an dem ich meinen gewöhnlichen Aufenthalt hatte,
weil ich zu meiner Beschäftigung Licht brauchte (ich hatte meine
Zeichenutensilien mitgebracht, und weil ich von ihm zugleich das Bett
meiner Tante überschauen konnte; ich mußte mich aber wohl geirrt
haben, denn als ich mich der Kranken näherte, schlief sie jedesmal
fest. Zweimal fühlte ich auch einen schwachen Händedruck, als ich
sie gerade wieder bequem gebettet hatte und sie litt es ohne Widerstreben, wenn ich ihr mitunter die welke Hand streichelte oder die
eingefallene Wange küßte.
Eliza und Georgiana kamen jeden Tag nur einmal auf etwa
fünf Minuten in das Krankenzimmer, erkundigten sich nach dem Befinden ihrer Mutter, wie man einer Pflicht der Höflichkeit genügt,
ohne einen Schatten von Besorgnis oder das geringste Gefühl von
Teilnahme zu verraten, es schien vielmehr in ihrem Benehmen eine
gewisse Ungeduld zu liegen, daß der Zustand der Kranken sich so
unveränderlich gleich blieb. Mich beachteten sie in den ersten Tagen
ebensowenig, wie ich sie. Mit der Zeit aber fingen sie an, meiner
Beschäftigung einige Aufmerksamkeit zu schenken, sahen mir etliche
Minuten zu, wie ich zeichnete oder malte, richteten wohl auch einige
Fragen über die Zeichnungen an mich, welche sie unter meinen
Händen entstehen sahen. Nach und nach schien ich in ihrer Achtung
zu steigen und Georgiana überraschte mich eines Morgens mit dem
Vorschlage, einen Spaziergang mit ihr zu machen. Ich wies diesen
Versuch eines Entgegenkommens nicht zurück, holte mein Tuch und
meinen Hut und nachdem ich mich überzeugt hatte, daß die Kranke
augenblicklich meiner nicht bedurfte und der Wärterin anempfohlen
hatte, sie nicht zu verlassen, bis ich wiederkäme, ging ich mit meiner
Cousine. Wie frei und leicht atmete es sich hier draußen, wie so
ganz anders als in der dumpfen Luft des Krankenzimmers, und wie
wohl that dem Auge der Blick in die Weite, nachdem ich von den
Fenstern aus nur die beschränkte Aussicht auf die grünen Bäume des
Parkes gehabt hatte! Oh, wie sehnte ich mich mit einem Male hinaus aus diesem Hause, zwischen andere Felder, heim, oh heim. Denn
ich hatte ja eine Heimat; hatte Mr. Rochester nicht gesagt, ich solle
das nie vergessen? Ja, ich hatte sie, aber auf wie lange? Mr.
Rochester wollte mir wohl, ich wußte es, er würde mir in Thornfieldhall immer eine Heimat gewähren, aber seine stolze Braut, das
fühlte ich, würde mich bald, ach, nur zu bald, aus diesem Paradiese
vertreiben!
Georgiana ließ mir nicht Zeit, meinen Gedanken weiter nachzuhängen, sie forderte meine ganze Aufmerksamkeit für ihre Klagelieder. Worüber hatte sie alles zu klagen! Über ihren Bruder John,
der eine Schande der Familie gewesen; über die Schwäche ihrer
Mutter, die ihm den größten Teil ihres Vermögens geopfert und die
sich jetzt das Schicksal dieses Verlorenen so zu Herzen nähme, daß
sie so lange krank und das ganze Haus ausgestorben sei. Dann gab
sie ihrer Sehnsucht nach London Ausdruck, begnadigte mich mit einer
Erzählung der Triumphe, die sie dort gefeiert, klagte Eliza an, daß
sie ihr diese nicht gegönnt und machte mich zur Vertrauten aller
ihrer Zänkereien mit der gefühllosen und neidischen Schwester, wie sie
Eliza nannte. Sprach ich diese, denn auch sie würdigte mich jetzt
mitunter einiger vertraulicher Mitteilungen, so machte sie ihrer Entrüstung über Georgiana Luft, klagte sie der Eitelkeit und des Müßigganges an, und diese Anschuldigungen waren im Grunde nicht so
ungerechtfertigt, denn Georgiana brachte die längste Zeit des Tages
vor dem Spiegel oder auf dem Sofa liegend und Romane lesend
zu, während Eliza unablässig beschäftigt war. Ihre Beschäftigungen
schienen mir zwar keinen besonders hohen Zweck zu haben, sie bestanden hauptsächlich darin, Rechnungen über ihren Besitz anzustellen,
den Stand der Börsenpapiere zu studieren und mit äußerster Pünktlichkeit zu bestimmten Tageszeiten in einem Buche zu lesen, das
religiöse Betrachtungen enthielt. Das alles schien sie mit einer
großen Achtung vor ihrem eigenen Thun zu erfüllen, aber ich habe
nicht einmal bemerkt, daß ihre religiösen Übungen eine Regung der
Milde und Freundlichkeit oder ein Gefühl der Demut und Verträglichkeit hervorriefen.
So durchlebten wir mehrere Wochen. Ich hatte zuweilen an
Mrs. Fairfax geschrieben und von ihr gehört, daß Mr. Rochester nach
London gereist sei, um, wie es schiene, Vorbereitungen für seine bevorstehende Hochzeit zu treffen, obgleich er immer noch keine bestimmte
Äußerung über seine Absichten gethan habe; einmal habe sie es sogar
gewagt, ihn direkt nach seinen Plänen zu fragen, aber er habe ihr
nur mit einem Scherzwort und einer seiner gewöhnlichen Grimassen
geantwortet. In jedem Briefe sprach sie ihren Wunsch, mich bald
wiederzusehen, und Adeles Verlangen nach mir aus. Wie gern wäre
ich zu ihnen geeilt, aber jetzt hielt mich doch hier meine nächste Pflicht.

Eines Abends war ich wieder allein bei der Kranken; ich hatte
die Wärterin zum Abendessen in die Küche geschickt. Auf dem Tische
neben dem Krankenbette brannte die beschattete Nachtlampe; es war
nur ein mattes Dämmerlicht im Zimmer und so recht die Zeit, sich
seinen sehnsuchtsvollen Gedanken in die Ferne zu überlassen, mit denen
ich mich denn auch in meinen Schlupfwinkel am Fenster zurückgezogen hatte, da Mrs. Reed, wie gewöhnlich, in ihrem Halbschlummer
lag. Ich saß lange unbeweglich, da weckte mich plötzlich aus meinem
Sinnen eine schwache Stimme.

,Bin ich ganz allein? fragte die Kranke, und zugleich machte sie
einen Versuch, sich aufzurichten.
,Ich bin bei Dir, Tante Reed, sagte ich und war sogleich an
ihrer Seite.
,Warum bist Du jetzt bei mir, Jane? Du hassest mich ja und
wolltest mich nie wieder Tante nennen.

,Oh, ich war ein unverständiges Kind, wie ich das sagte; es
ist schon so lange her; denke nicht mehr daran, liebe Tante, und vergieb es mir.
,Du hattest ein Recht, mich zu hassen, denn ich verstieß Dich
und war grausam gegen Dich und -
,Rege Dich nicht auf, liebe Tante, das ist alles vergessen und
vergeben, beruhigte ich sie, ihr die Hände küssend, ,ich hätte Dich
schon damals gern geliebt, wenn Du es mir nur erlaubt hättest.

Sie streichelte mir die Wange und ihr sonst so strenges Auge
blickte so milde, wie ich es nie zuvor gesehen; sie lehnte sich in die
Kissen zurück und blieb einige Minuten ganz still; ich setzte mich
auf den Rand des Bettes und hielt ihre Hände in den meinigen.
Plötzlich nahm ihr Gesicht einen verstörten Ausdruck an.

,Ich kann nicht sterben, Jane, rief sie verzweiflungsvoll, ,wie
soll ich dort drüben Deinem Onkel begegnen? Ich habe ihm versprochen, Dich mit meinen eigenen Kindern, wie eines von ihnen, zu
erziehen, und habe mein Wort gebrochen.
,Er wird es Dir verzeihen, wie ich es Dir verziehen habe,
suchte ich sie zu beruhigen. ,Es war vielleicht gut so für mich und
notwendig, daß ich in anderen Verhältnissen auferzogen wurde. In
diesem Sinne redete ich ihr noch eine Weile zu; sie ließ sich beschwichtigen, aber es wollte mir dennoch scheinen, als ob ihr Gemüt
vor einem drückenden Gedanken, den sie nicht auszusprechen wagte,
nicht recht zur Ruhe kommen wollte.
,Es thut mir wohl, Jane, sagte sie nach einiger Zeit wieder,
,daß Du bei mir bist und mich Tante nennst, und mich nicht mehr
mit den fürchterlichen Augen ansiehst, wie damals; ich fürchte
mich davor, daß Du es wieder thust und mich wieder hassest, darum
wird es mir so schwer, Dir zu sagen, warum ich Dich herkommen
ließ.
,Wenn es Dein Herz erleichtern kann, so schütte es mir aus,
liebe Tante, das meinige hat jetzt keinen Raum für Haß.

Sie sah mich einige Sekunden ängstlich forschend an.
,Es muß sein!' sagte sie endlich. ,Ich werde bald vor dem
ewigen Richter stehen, und wenn ich Gnade vor seinen Augen finden
will, so muß ich meine Sünden hier wieder gut machen, so weit es
in meinen Kräften steht. Hole das Kästchen dort von der Kommode, Jane.

Ich that, wie sie mir geheißen.
,Hier ist der Schlüssel, sagte sie, einen kleinen Schlüssel unter
ihrem Kopfkissen hervorziehend, ,öffne es, nimm den Brief heraus,
den Du darin findest und lies.'

Sie sprach das Alles in abgebrochenen Sätzen, aufgeregt und
nach Atem ringend, der Entschluß, mir den Inhalt des Kästchens
preiszugeben, wurde ihr offenbar sehr schwer. Der Brief, den ich
lesen sollte, war in einer mir ganz fremden Handschrift und enthielt
nur wenige Zeilen; er lautete:

,Madame, wollen Sie die Güte haben, mir die Adresse meiner
Nichte, Jane Eyre, zu übersenden und mich von ihrem Ergehen in
Kenntnis zu setzen; es ist meine Absicht, sie möglichst bald zu mir
nach Madeira kommen zu lassen. Die Vorsehung hat meiner Arbeit
Segen verliehen; es ist mir gelungen, ein nicht unbedeutendes Vermögen zu erwerben, und da ich unverheiratet und kinderlos bin, so
ist es mein Wunsch, meine Nichte noch bei meinen Lebzeiten zu
adoptieren und ihr nach meinem Tode meine Besitztümer zu hinterlassen. Ich bin, Madame, u.s.w., u.s w.
John Eyre, Madeira.

Der Brief war drei Jahre zurück datiert.
,Wie kommt es, daß ich davon nie etwas gehört habe?
fragte ich.

,Oh, Jane, ich haßte Dich damals; ich konnte den Gedanken
nicht ertragen, daß Du reich und glücklich werden solltest, während
ich mit den Meinen immer mehr dem Ruin entgegenging. Ich
schrieb Deinem Onkel, Du seist in Lowood am Typhus gestorben!
Es war unrecht, es war schlecht; vergieb, vergieb, rief sie,
und streckte ihre mageren Arme flehend nach mir aus.

Ich kann nicht leugnen, daß mich zuerst ein Gefühl von Erbitterung und Entrüstung überkam, daß mich die Mißgunst während
dreier Jahre um das Glück gebracht hatte, unter dem Schutze und in
der Liebe eines so nahen Verwandten zu leben, der mir beides gewähren wollte, als ich aber in das angsterfüllte Antlitz meiner Tante
schaute und ihre verlangend nach mir ausgestreckten Arme sah, da
konnte ich nicht anders, als ihr um den Hals fallen und sagen:

,Habe Frieden, arme Seele, ich vergebe Dir von ganzem
Herzen!
Ich hielt sie eine Weile umschlungen, legte sie dann sanft in
die Kissen zurück und blieb an ihrem Bette sitzen; wir sprachen beide
kein Wort weiter, denn die Kräfte der Kranken waren durch die Aufregung erschöpft, ich wollte ihr Zeit lassen, sich zu beruhigen und
mußte auch meine eigenen Gefühle erst beschwichtigen. Sie hielt
meine eine Hand in den ihrigen, bis sie endlich einschlief, da machte
ich mich sanft von ihr los und ging auf mein eigenes Zimmer.
Du wirst es begreifen, lieber Leser, wenn ich Dir sage, daß ich
dort hart mit mir zu ringen hatte, um allen Groll, alle Bitterkeit in
mir niederzukämpfen, welche die Enthüllungen meiner Tante in mir
wachgerufen hatten, aber ich kämpfte tapfer und gewann den Sieg,
ich hatte wirklich meiner Tante von Herzen vergeben.

Als ich am anderen Morgen in ihr Zimmer trat, empfing mich
die Wärterin mit der Nachricht, daß sie in dieser Nacht hinüber geschlummert sei.

Ich trat an das Bett. Dort lag sie still und kalt, ihr sonst
so strenges Gesicht hatte einen ruhigen, friedlichen Ausdruck angenommen, es gemahnte mich in keinem Zuge mehr an das harte,
strenge Antlitz, das der Schrecken meiner Kinderjahre gewesen, ich
dachte nur daran, daß schweres Leiden diese Linien gesänftigt habe
und bat Gott, die arme gemarterte und reuige Seele gnädig
zu richten. Ich konnte es nicht hindern, daß eine Thräne auf die erkalteten Hände fiel, als ich sie noch einmal küßte; es war wohl die
einzige, welche um die Tote geweint wurde; ihre Kinder hatten
wenigstens keine für sie. Bald nach mir betraten auch sie das Sterbezimmer.
,Sie hätte noch lange und in Wohlhabenheit und Glück leben
können, sagte Georgiana, ihre Mutter ruhig und kalt betrachtend,
,wäre sie nicht so schwach gegen John gewesen.'

,Ja, fügte Eliza hinzu. ,sie hatte sich und uns ein trauriges
Geschick bereitet; hätte ich nicht selbst für mich zu sorgen gewußt, dann-!
Die Beisetzungsfeierlichkeiten waren vorüber. Mrs. Reeds
Bruder war dazu von London nach Gateshead gekommen. Georgiana
bat ihn, sie mit sich zu nehmen, denn sie könne, wie sie sagte, in
ihrer jetzigen Gemütsverfassung Elizas gefühlloses Wesen und die
trostlose Stille im Hause nicht ertragen. Ihr Onkel kam ihren
Bitten nach und sie rüstete sich zur Abreise. Ich schickte mich auch
an, Gateshead wieder zu verlassen, wo ich nun schon über drei Wochen
weilte, aber Georgiana quälte so lange, daß ich sie nicht mit ihrer
Schwester allein lassen möge, denn sie fürchte nichts auf der Welt
so sehr, als mit Eliza allein zu sein, daß ich mich entschloß, noch
acht Tage zu bleiben. Sie wußte in dieser Woche meine Zeit nützlich
auszufüllen, indem sie mich anstellte, ihre Garderobe in Ordnung zu
bringen und ihre Koffer zu packen, während sie selbst ruhig auf dem
Sofa lag und mir zusah. Ich hätte mich der mir zuerteilten Arbeit
gewiß nicht so gutwillig und ohne Georgiana selbst dazu anzuhalten,
unterzogen, hätte ich nicht gewußt, daß es wohl das letzte Mal war,
daß ich ihr einen Dienst erwies, denn unsere Wege waren fortan geschieden; so unterzog ich mich denn geduldig der Erfüllung ihrer
Wünsche und dachte nicht wieder an meine eigene Abreise, als bis
sie mit ihrem Onkel den Reisewagen bestiegen hatte und zum Thore
von Gatesheadpark hinausrollte.

Da ich nicht ferner Gelegenheit haben werde, ihrer zu erwähnen,
so will ich hier gleich bemerken, daß sie später einen vornehmen,
reichen, aber ganz alten Mann in London heiratete, als dessen
Frau sie während der Londoner Saison noch viele Triumphe
als gefeierte Schönheit genoß. Als der Wagen, welcher Georgiana
davontrug, hinter dem Parkgitter verschwand, ging ich eilig daran,
meinen Koffer zu packen. ich hatte kaum damit begonnen, so trat
Eliza in mein Zimmer und begehrte nun auch ihrerseits, ich sollte ihr
noch Hilfe bei der Ausführung eines großen Planes leisten; sie beabsichtige, sich nämlich ganz aus dieser Welt von Müßiggängern,
Verschwendern und Schwachköpfen (auf wen sie damit anspielte, war
unschwer zu erraten? zurückzuziehen. Sie habe mit ihrem Vermögen
so hausgehalten, daß sie sich jetzt damit den Eintritt in einen stillen
Zufluchtsort erkaufen könne, wo Ordnung, Arbeitsamkeit und Vernunft herrsche; sie haben einen solchen in Lisle, in Frankreich gefunden, werde in zwei Tagen dorthin abreisen, und wenn sich alles
ihren Erwartungen entsprechend zeigte, so werde sie für immer dort
bleiben. Ich solle ihr nur helfen, noch alle ihre Angelegenheiten zu
ordnen, verschiedene Briefe zu schreiben u.s.w. und es ihr ermöglichen, ihre Reise zur festgesetzten Zeit anzutreten. Mir könne sie nur
raten, einst denselben Weg einzuschlagen, denn ich schiene ihr gesunden Menschenverstand genug zu haben, um zu begreifen, daß es
im Kloster besser sei, als in dieser Welt voll hohler, eitler Menschen.
,Jedem das Seine,! sagte ich, , Cousine Eliza,! ohne ihr von
ihrem Vorhaben abzuraten, was auch völlig nutzlos gewesen wäre;
,ich bleibe meinem Glauben treu und habe, so jung ich bin, in dieser
Welt schon Menschen gefunden, auf die Deine Ansicht über unseresgleichen keine Anwendung findet, und es gelüstet mich, noch mehr
dergleichen zu entdecken. Meine Hilfe will ich Dir aber noch leihen.

Sie zuckte die Achseln und wir gingen an die Arbeit.
Nach einem Jahre hörte ich von ihr, daß sie wirklich zum Katholizismus übergegangen und als Nonne in das Kloster zu Lisle eingetreten sei, an dessen Spitze sie später als Abtissin gestanden haben
soll. Wir haben uns im Leben nie wiedergesehen!



Neunzehntes Kapitel.

Jetzt, lieber Leser, meinst Du mich nun gewiß endlich auf
meinem Wege nach Thornfield begleiten zu können. Oh, könnte ich
Dich doch mit mir dorthin nehmen! Aber das Schicksal will es
anders.

Es war mein letzter Abend in Gateshead. Ich hatte eben Anordnungen getroffen, daß man morgen zeitig einen Wagen für mich
bereit halten sollte, der mich an die nächste Poststation brächte, da
trat Bessie in mein Zimmer
,Diesen Brief bringt soeben ein expresser Bote, Miß, und fragt,
ob er etwa die Antwort nach der Station mit zurücknehmen solle.

Ich erkannte Mr. Rochesters Handschrift. Was es auch sei,
dachte ich, ich selbst komme jetzt schneller als jede Antwort nach
Thornfield, und hieß Bessie den Boten wieder fortschicken. Als ich
wieder allein war, öffnete ich den Brief; ein anderer war darin eingeschlossen, von einer Handschrift, die ich erst einmal gesehen hatte,
die ich aber unter tausenden wieder erkannt hätte; es waren die
Schriftzüge meines Okels.

Mr. Rochester hatte wenige Zeilen beigefügt, sie lauteten:

,Alle guten Geister haben Thornfieldshall verlassen und Dämonen
treiben hier ihr Wesen! Sie spuken in Adele und machen sie verwirrt und gedankenlos, wenn sie mir ihre Aufgaben hersagen soll
(denn ich bin ihr Schulmeister geworden, seit ihr richtiger davongelaufen ist; aber der Teufel hole das Schulmeistern!s; sie jagen sie
wohl hundertmal den Tag an das Fenster oder auf den Weg nach
Millcote; sie machen Mrs. Fairfax kopfhängerisch und Mr. Rochester
wild, daß er sich jetzt um Dinge kümmern soll, die ihn nichts angehen.

Werden Sie nun bald kommen und alle die bösen Geister zur
Ruhe bringen? Sie können es, Sie haben sie früher in Schach gehalten. Daß Sie so etwas von einer Hexe in sich haben, habe ich
auf den ersten Blick gesehen.
Wenn Sie Ihren Herrn nicht ungeduldig und zornig machen
wollen, so kommen Sie schnell und übernehmen Sie Ihr Amt wieder,
denn er hat für andere Dinge zu sorgen. In spätestens vier Wochen
denkt er seine Angebetete als Gattin heimzuführen und muß sich auf
einen würdigen Empfang vorbereiten.

Der einliegende Brief ist als eilig bezeichnet. Wie kommt es,
daß jemand, der allein in der Welt zu stehen behauptet, außer Verwandten in -shire, nun auch einen Korrespondenten in Madeira hat?
Hoffentlich ist es nicht wieder eine Tante, die Sie an ihr
Sterbebett ladet. Dann muß sie allein sterben, denn Ihr Urlaub
wird nun nicht mehr verlängert.
Edward Fairfax-Rochester.
Ich hatte gelächelt, als ich die ersten Zeilen des Briefes las;
warum strömte mir jetzt plötzlich alles Blut zum Herzen und warum
zitterte das Papier in meinen Händen? Wußte ich denn nicht, daß
Mr. Rochester sich bald verheiraten würde, auch ohne daß er es mir
selbst gesagt? Oh, wenn es nur nicht diese Blanche Ingram wäre.
die ihn nicht glücklich machen konnte, nicht glücklich machen würde!
Ich ging die Hände ringend im Zimmer auf und ab; ich suchte mir
Lady Ingrams Bild bis in seine kleinsten Züge in das Gedächtnis
zurückzurufen; ich war bestrebt, auch nur irgend einen Charakterzug
in ihr zu entdecken, der glückverheißend für Mr. Rochester war; ich
konnte nur Kälte, Oberflächlichkeit, Hochmut und noch vieles andere
entdecken, was mich mit Angst und Sorge erfüllte. Oh, wie hätte
ich ihn lieben wollen! wie- Aber welcher Wahnsinn, daran
auch nur zu denken! Was sollte nun aus mir werden? Daß ich
nicht in Thornfield bleiben konnte, das fühlte ich; sobald Mrs. Rochester
seine Schwelle überschritt, mußte ich es verlassen. Aber wo sollte
ich hin? Ich wollte sogleich eine Anzeige machen und eine neue
Stelle suchen.

Da fiel mir plötzlich der Brief meines Onkels ein; ihn hatte
ich ganz vergessen, war es denn nicht möglich, daß er an der Heimatlosen, der Verlorengeglaubten, von der er nun Kunde erhalten haben
mußte, jetzt auch noch seine früheren Pläne auszuführen gedachte?
Ich öffnete auch dieses Schreiben.

Theures Kind,

das ich schon als tot beweint habe und das der Himmel mir
nun zurückgegeben, komm an mein Herz, von dem man Dich so lange
fern gehalten; aus welchen Absichten vermag ich nicht zu begreifen.
Du mußt es sein, deren Tod mir Mrs. Reed gemeldet. In dem
Bilde, das mir mein Freund Mason von Dir entwirft, stimmt jeder
Zug mit demjenigen überein, was ich noch von meinem geliebten
Bruder in der Erinnerung trage. Der Himmel kann nicht so grausam
sein, daß er jetzt wieder alle meine Hoffnuungen zu Schanden werden
läßt. Es war gewiß seine Fügung, daß Mason nach Thornfieldhall
kommen, daß er Dich dort finden mußte.

Wenn Du es wirklich bist, das einzige Kind meines theuren
Bruders Bill, so eile zu mir, daß ich Dich noch von Angesicht zu
Angesicht sehe, so lange ich lebe! Denn meine Tage find gezählt,
mein liebes Kind; ich bin krank und schwach.

Dein Prinzipal, wenn er irgend ein billig denkender Mann ist, und
Mason sagt, daß er es ist, kann es Dir nicht versagen, Dich augenblicklich aus Deiner Stellung zu entlassen. Am 1. Juni geht ein
Schiff von Plymouth ab, welches auf seinem Wege nach der Capstadt
die direkte Route nachMadeira innehält, auf diesem findest Du in
der Frau eines Geschäftsfreundes, Mrs. Rivers, die von einem Besuche bei ihren Verwandten in England hierher zurückkehrt, eine
würdige Dame, die Dich auf der weiten Reise gern in ihren Schutz
nehmen wird. Mit dem Kapitän des Schiffes habe ich mich schon
in Beziehung gesetzt; er ist von Deinem Kommen unterrichtet, wird
einen Platz für Dich belegt haben und Dich mit Geld und allem
versehen, dessen Du bedarfst, wenn Du ihm die kleine Karte vorzeigst, welche Du in dem Couvert dieses Briefes findest.
Gott schütze Dich auf der weiten Reise, mein geliebtes Kind,
und führe Dich bald in die Arme Deines alten, nach Deinem Anblick
innig verlangenden Onkels

,Ja, ich komme, theurer Onkel, ich komme!' rief ich. ,Oh, wie
sehne ich mich nach Liebe, auf die mir schon die Geburt ein Recht
gegeben, nach der Liebe eines theuren Verwandten. Ich komme, um
bei Dir Schutz und eine Heimat zu suchen, welche mir beide das
Leben bisher versagt hat und der Himmel wird nicht wollen, daß
Dein Tod mir das nie gekannte Glück der Verwandtenliebe, dem
mein ganzes Herz entgegenschlägt, schon so bald wieder raubt; Du
wirst leben, geliebter Onkel, noch lange leben, denn ich will Dich
hüten und pflegen, als mein Theuerstes auf Erden.

Mein Theuerstes? Ja hüten und pflegen wollte ich ihn; ich
wollte ihn lieben mit der ganzen Liehe eines Kindes; aber in diesem
Augenblicke fühlte ich es klar, ich trug noch eine andere Liebe im
Herzen, eine Liebe, zu der ich kein Recht hatte, die ich bekämpfen
mußte mit der ganzen Stärke meines Willens. Der Himmel kam
mir selbst dabei zu Hilfe; er legte das Weltmeer zwischen Mr. Rochester und mich, er gab mir neue schöne Pflichten und so konnte er
mich mit der Zeit auch zu vergessen lehren; nein, vergessen niemals,
wohl aber in Ergebung und Demut mich bescheiden lehren. Nur
glücklich möge der Himmel meinen Freund machen, so glücklich, wie
ihn zu machen meine höchste Seligkeit gewesen wäre.

Und ich sollte England verlassen, ohne ihn noch einmal zu sehen,
ohne ihm noch einmal die Hand zu drücken, für alle Güte, die er der
Heimatlosen erwiesen hatte? Er wird zürnen, mich undankbar schelten,
dachte ich. Ac, nein, er kannte mich zu gut; er wußte, daß ich nicht
undankbar war; er mußte aus dem Briefe meines Onkels, den ich
ihm schicken wollte, so gut wie ich sehen, wo meine nächste Pflicht
lag und wenn er auch nicht wußte, wie mein Herz blutete bei dem
Gedanken, Thornfield und seine theuren Insassen nicht wiederzusehen,
daß es mir wehe that, fühlte er sicher und vielleicht beschlich auch
ihn ein Bedauern, daß er mir kein freundliches Wort mehr mit auf
den Weg geben konnte.

Ich schrieb einige Worte, wie sie mir gerade aus dem Herzen
kamen, an Mr. Rochester und siegelte sie mit dem Briefe meines
Onkels ein, mir vorbehaltend, an Mrs. Fairfax und Adele noch ausführlicher zu schreiben, dann schickte ich einen reitenden Boten mit
den Briefe nach der Poststation, nicht um ihn schneller zu befördern,
sondern um so schnell als möglich Postpferde für mich zu bestellen,
denn bis Plymouth war eine weite Reise; ich mußte Tag und Nacht
fahren, wollte ich noch zu rechter Zeit dort eintreffen; der Brief
meines Onkels mußte eine langsame Beförderung gehabt haben, wäre
er nur wenige Stunden später eingetroffen, so hätte ich das bezeichnete
Schiff nicht mehr erreichen können. Nachdem ich alles so angeordnet
hatte, daß ich abreisen konnte, sobald die Postpferde eintrafen, ging
ich zu Bessie hinüber und setzte sie von dem Wechsel meines Geschickes in Kenntnis. Sie freute sich, die treue Seele, denn sie war
mir immer gut gewesen und sie wußte nicht, daß es mich auch etwas
koste, meine Stellung in Thornfield aufzugeben.

Ich beschenkte ihre Kinder mit allem, was ich eben entbehren
konnte; küßte sie, reichte Robert zum Abschiede die Hand und erbat
mir von ihm die Erlaubnis, Bessie mit mir zu nehmen und bei mir
zu behalten, bis ich Gateshead verließ; ich sah sie vielleicht zum
letzten Male in diesem Leben und mochte gern in den letzten Stunden,
die ich in diesem öden Hause zubrachte, das einzige Wesen um mich
haben, an das sich hier für mich freundliche Erinnerungen knüpften.

Auch jetzt sorgte Bessie wieder in ihrer alten Weise für mich;
sie zwang mich, noch ein kräftiges Abendessen und ein Glas starken
Weines zu mir zu nehmen, um mich für die weite Fahrt zu stärken.
Ich that ihr den Gefallen, wenn es mir in meiner Aufregung auch
schwer wurde; dann packte sie noch allerhand Mundvorrat für mich
zusammen; hüllte mich, als sie den Wagen kommen hörte, sorglich
ein, damit ich gegen die kalte Nachtluft geschützt wäre, fiel mir weinend um den Hals und küßte mich wieder und immer wieder; auch
ich mußte mir eine Thräne abwischen, als ich der lieben Getreuen
zum letzten Male die Hand drückte; ich lehnte mich aus dem Wagen,
so lange ich sie noch sehen konnte, die vom Mondlicht hell beleuchtet
auf den Stufen des Hauseingangs stand, dann lehnte ich mich in
die Wagenecke zurück und versank in traurige Gedanken.
Ich will Dich nicht ermüden, lieber Leser, mit der Erzählung
alles dessen, was ich auf dem weiten Wege dachte und fühlte, Du
weißt ja schon so viel von meinem Leben und Wesen, daß Du Dich
gewiß in meine Empfindungen hineindenken kannst. So laß mich
denn nur sagen, daß ich zwei Nächte und einen Tag ohne Rast und
Ruhe weiterfuhr und endlich am Morgen des 1. Juni in Plymouth
anlangte.

Ich suchte zuerst den Kapitän des Schiffes auf, der ein freundlicher, biederer Seemann war. Von ihm empfing ich auch die Adresse
meiner Reisegefährtin, die schon wiederholentlich nach mir gefragt
hatte. Daß sie mich so lange vergeblich erwartet und die Hoffnung
mich mit sich nehmen zu können, wohl schon ganz aufgegeben hatte,
machte meinen Empfang von seiten der alten, würdigen Dame wohl
doppelt freundlich und herzlich; sie pries sich ein über das andere
Mal glücklich, daß sie meinem Onkel, ihren langjährigen Freunde,
nun nicht die Enttäuschung bereiten dürfe, ohne mich zurückzukommen
und konnte nicht müde werden, mir sein liebreiches Wesen, seinen
außerordentlichen Charakter und seine glänzenden Verhältnisse zu
rühmen, kurz mir alles vor die Seele zu führen, was meinen Mut
beleben konnte, eine weite Reise zu unternehmen, um meine nächste
Zukunft wenigstens einem mir unbekannten Verwandten zu widmen,
und in einem fremden Lande unter mir ganz fremden Menschen zu
wohnen.

Noch vor einem Jahre hätte es hierzu keiner besonderen Ermutigung bedurft; ich würde mein Vaterland vielleicht kaum mit Bedauern
verlassen haben, denn außer der Anhänglichkeit, die wohl jeder Mensch
an das Land seiner Geburt und an das Volk hat, das seine Sprache
spricht und in seiner Weise denkt und empfindet, hatte es mir nichts
von dem gewährt, was uns das Heimatland lieb und theuer macht;
ich hatte dort kein Herz, an dem das meine mit besonderer Liebe
hing, kannte keine Stätte, von der ich mich mit besonders schmerzlichen Gefühlen losgerissen hätte. Wie anders war das jetzt! Ich
hatte ja freilich auch kein größeres Heimatsrecht an Thornfield als
an Lowood oder Gateshead, aber ich liebte dieses Fleckchen Erde,
wie keinen anderen Ort in der Welt; ich liebte es um der Menschen
willen, die mir dort freundlich begegnet und mein Auge füllte sich
mit Thränen und mein Herz zog sich schmerzlich zusammen bei dem
Gedanken, daß ich diese theuren Menschen vielleicht nie wiedersehen
sollte. Wenigstens hören mußte ich von ihnen, wie hätte ich die
Trennung sonst ertragen können! Noch heute wollte ich Mrs. Fairfax
bitten, mir recht, recht bald zu schreiben und mir alles zu erzählen,
was sich in Thornfield zutrug, da nichts zu unbedeutend sei, was die
lieben Insassen von Thornfieldhall betreffen könne, um mich nicht zu
interessieren. Ich erbat mir also von meiner freundlichen, alten Reisegefährtin Urlaub und verbrachte die Zeit bis zu unserer Einschiffung,
welche noch diesen Abend erfolgen mußte, damit, ausführliche Briefe
an Mrs. Fairfax und Adele zu schreiben. Ich schrieb noch immer,
als Mrs. Rivers nach einigen Stunden bei mir eintrat, um mich
daran zu erinnern, daß es Zeit sei, sich zur Abreise zu rüsten. So
mußte ich denn meinen Brief schließen und ich that es mit dem Versprechen, recht bald wieder von mir hören zu lassen und mit der
Bitte, mein Schreiben recht bald zu beantworten.
Jetzt folgten nun Stunden der Aufregung und Unruhe. Ein
Wagen führte uns an den Hafen; dort lag der stattliche Dampfen,
dem wir uns nun für viele Tage anvertrauen sollten; schon rauchten
die Schlote und in und um ihn entfaltete sich das ganze bunte
Treiben, welches die nahe Abfahrt desselben verriet. Noch viele
Passagiere überschritten mit uns die schmale Brücke, welche das Schiff
augenblicklich noch mit dem Lande verband; viele Abschiedsgrüße und
Küsse wurden ausgetauscht und manche bittere Abschiedsthräne geweint. Die Matrosen eilten geschäftig hin und her; Köche und Kellner
vervollständigten noch die Vorräte des Schiffes durch frische Gemüse
und Früchte, welche sie aus den Booten, die das Schiff umlagerten,
in Körben emporzogen und diesem unruhigen und geschäftigen Treiben
setzte erst die Dämmerung und der Kommandoruf des Kapitäns ein
Ziel, welcher die Verbindungsbrücke abbrechen hieß. Es wurde dunkler
und dunkler, wir sahen die Lichte sich in der fernen Stadt entzünden
und sich im Wasser spiegeln und der Lärm und die Unruhe verwandelte sich allmählich in lautlose Stille. Meine alte Reisegefährtin
seufzte erleichtert auf, daß sie nun dem lärmenden, rastlosen Leben
in England Lebewohl sagen konnte und die Rückkehr nach der schönen
Insel in Aussicht hatte, die ihr eine zweite und liebere Heimat geworden war; mir dagegen war zu Mute, als wäre die Brücke zwischen
mir und meinem Glücke abgebrochen und wäre es nicht so dunkel
gewesen, so wären Mrs. Rivers die Thränen gewiß nicht verborgen
geblieben, welche wider meinen Willen meine Wangen überströmten.

Endlich suchten wir unsere Kabine auf, richteten uns so häuslich
wie möglich in derselben ein und verfügten uns zu Bett; doch konnte
ich lange keinen Schlaf finden; immer und immer eilten meine Gedanken wieder nach Thornfield zurück und fiel ich ja einmal in einen
Halbschlummer, so schreckten mich beängstigende Träume wieder aus
demselben empor; endlich forderte die Natur aber doch ihr Recht und
ich schlief fest ein. Gegen Morgen erweckte mich ein seltsames Stöhnen
und Brausen; ich fuhr erschreckt auf und hätte mir bald den Kopf
an der niedrigen Decke meines Bettes eingestoßen, das sich in der
Wand über dem von Mrs. Rivers befand. Verwundert blickte ich
mich um und kam erst allmählich zu dem Bewußtsein, wo ich mich
befand. Das Schiff krachte plötzlich in allen seinen Fugen, Kommandorufe drangen vom Deck bis zu uns herunter, die Dampfmaschine
schien gewaltige Atemzüge zu thun und plötzlich setzte sich der große
schwimmende Koloß in Bewegung. Ich bewerkstelligte eiligst meine
Toilette und stieg auf das Deck in dem Augenblicke, in dem das Schiff
den Hafen verließ. Die Wehmut wollte mich wieder übermannen,
als wir uns nun immer mehr von der Küste Englands entfernten,
aber ich kämpfte sie tapfer nieder und suchte gewaltsam Geist und
Sinne den neuen und mannigfaltigen Eindrücken zu öffnen, welche
sich mir darboten und ich glaube nicht, daß meine freundliche Gefährtin oder die übrigen Mitreisenden es bemerkt haben, von wie
widerstreitenden Gefühlen mein Herz bewegt war. Ich trat mit der
Zeit in ein angenehmes Verhältnis zu allen, nahm Teil an ihren
Interessen und muß gestehen, daß das Leben auf dem Schiffe sich zu
einem recht angenehmen gestaltete und daß ich, jung und unverwöhnt
wie ich war, seine Freuden auch wirklich genoß; das schloß ja nicht
aus, daß mein Herz immer wieder zu denen zurückverlangte, an denen
es hing, und daß ich das Gefühl, als Gleichberechtigte unter meiner
Umgebung dazustehen, das mich oft wie etwas unendlich Wohlthätiges
überkam, nicht augenblicklich für die Seligkeit hingegeben hätte, wieder
am Kaminfeuer in Thornfield Mr. Rochester gegenüber zu sitzen und
eine der gewohnten Unterhaltungen mit ihm zu führen, die Mrs.
Fairfax ein verwundertes Kopfschütteln abnötigten und deren Sinn
zu fassen selbst Adele in letzter Zeit bemüht war, weil es Mr. Rochester liebte, seine Gedanken in das Gewand der Fabel und des
Märchens zu kleiden; eine Ausdrucksweise, deren Poesie kindliche
Gemüter besonders anzieht. Für jene traulichen Abende in Thornfieldhall gab es keinen Ersatz auf dem Schiffe; so wie Mr. Rochester
erzählte niemand, so tiefe Gedanken wie er knüpfte niemand an die
augenblicklichen und wechselnden Eindrücke; aber ich lernte es, mich
mit ihm im Geiste zu unterhalten und ihm nachzufühlen, was er
wohl den Naturwundern gegenüber empfunden haben würde, die
während der Reise an meinen Sinnen vorüberzogen; in dieser stummen
Unterhaltung verlebte ich die seligsten Stunden auf der langen Seefahrt.
Alle die entzückenden Bilder zu beschreiben, welche sich meinem
Auge auf der Reise darboten, vermag ich nicht; wenn ich auch vielleicht
etwas von dem Blicke des Malers habe, der die Schönheit der Natur
in sich aufzunehmen und zu bewahren vermag, so habe ich doch nicht
die Gabe, durch Worte die glühenden Farben zu ersetzen, die seinem
Pinsel zu Gebote stehen, wenn er die Farbenpracht des Südens
wiedergeben will, in der Himmel und Meer und auch die Küsten
strahlten, denen wir uns oft näherten, als unser Schiff Frankreich
und die pyrenäische Halbinsel passierte.
Nach einer zehntägigen, glücklichen Fahrt näherten wir uns endlich
unserem Ziele. An einem schönen, leuchtenden Morgen tauchte am
Horizont die grüne Insel vor unseren Blicken auf und stieg immer
höher aus dem Meere empor; bald konnten wir in der südlich klaren
Luft schon die Weinberge unterscheiden, dann zu deren Füßen auch
die Stadt San Jiorge und endlich fuhren wir unter dem Jubel der
Bevölkerung, welche die gemeldete Ankunft des Schiffes an den Strand
gelockt hatte und unter dem fröhlichen Jauchzen unserer Matrosen in
den Hafen ein und warfen die Anker aus.

Das scharfe Auge von Mrs. Rivers hatte unter der, der Ankömmlinge harrenden Menge bald ihren Mann und meinen Onkel.
erkannt und als wir aus dem Boot stiegen, das uns an das Land
gebracht hatte, umfingen mich die liebenden Arme des letzteren und
hielten mich so fest umschlungen, als wollten sie mich nie wieder
lassen.
Ich hatte erwartet, einen hinfälligen Greis in ihm zu finden
und war freudig überrascht, einen anscheinend rüstigen und geistesfrischen Herrn in ihm zu sehen, auf den die Schilderung gar nicht
paßte, welche mir meine Reisegefährtin von ihm gemacht hatte.
Freilich schien diese selbst erstaunt, ihn so verwandelt zu finden, wie
sie sagte und meinte, das müsse die Freude zuwegegebracht haben,
endlich seine ersehnte Nichte bei sich zu sehen. Es mochte in der
That so sein, denn bald stellten sich bei meinem guten Onkel die
alten Leiden wieder ein, von denen er schon vor Wochen erwartet
hatte, daß sie seinem Leben ein Ende machen würden. Eine kurze
Zeit lebten wir freilich noch dem Glücke, uns gefunden zu haben,
ohne daß es von der Befürchtung einer baldigen Zerstörung getrübt
wurde. Der liebe Alte überhäufte mich mit Güte und Liebe und
mit allen Herrlichkeiten dieser Erde; er meinte, ich müsse nun alles
nachholen, was ich bisher entbehrt und ich hatte nur fortwährend
seiner Freigebigkeit und Opferwilligkeit zu steuern. Ich fand in
ihm einen so würdigen Menschen, daß ihm bald mein ganzes Henz
gehörte und ihm schien meine kindliche Liebe wohlzuthnn. So verlebten wir einige glückliche Wochen, da fiel mein armer Onkel in
sein altes Siechtum zurück und kaum drei Monate waren verflossen,
so stand ich aufs neue verwaist an seinem Sterbelager und war allein
in dem fremden Lande; so fern von meiner Heimat, so fern von denen,
die ich außer diesem Toten noch liebte.

Oh, wie mächtig ergriff mich da wieder das Verlangen nach
Thornfieldhall. Hätte ich nur einen Blick in das geliebte Haus
thun, nur erfahren können, was sich dort zugetragen und warum
nicht einer meiner vielen Briefe, die ich dort hingerichtet hatte, beantwortet worden war. Die Angst, daß sich dort irgend ein Unglück
zugetragen haben müßte, hatte mich schon oft gefoltert, jetzt am
Sterbelager meines Onkels steigerte sie das Gefühl der Verlassenheit
fast bis zur Unerträglichkeit. Ganz ohne Freunde war ich ja auch
in S. Jiorgo nicht oder wenigstens gab es dort viele Menschen, die
meinem Onkel nahe gestanden und die sich voll Güte und Teilnahme
meiner annahmen; sie standen mir bei in allem, was die nächsten
traurigen Wochen von mir forderten; sie hatten manches wohlthuende
Wort für mich und suchten mich liebevoll über das Gefühl der Vereinsamung hinwegzutäuschen. Ich war gewiß nicht undankbar für
so viel Güte, aber ich war unter meines Onkels Bekannten niemand
so nahe getreten, daß ich mich ihm hätte ganz und innig anschließen
können; wenn ich auch für die gute Mrs. Rivers eine nahezu töchterliche Zuneigung hatte, mein ganzes Herz konnte sie doch nicht ausfüllen. So wuchs denn von Tag zu Tag in mir die Sehnsucht nach
einer Stätte in dieser Welt, an die mich wieder ernste Pflichten
fesselten; ich fühlte, daß ich nur so die Überzeugung gewinnen konnte,
heimatsberechtigt an jener Stätte zu sein und kam manchmal zu dem
Glauben, daß es eigentlich mein Beruf sei, als Gouvernante zu leben
und zu sterben.
Wenn mich derartige Gedanken heimsuchten, flüchtete ich mich
mit ihnen an den Strand des Meeres, an welches der Garten der
Villa meines Onkels stieß; auf einer kleinen Anhöhe dort war mein
Lieblingsplatz. Hier saß ich auch eines Abends und blickte, wie ich
es so gern that, weit hinaus in das unabsehbare Meer; auf den
tiefblauen Wellen schaukelten die Boote der Fischer, hier und da
segelte auch ein Boot an mir vorüber, das fröhliche Gesellschaften
hinaustrug in die kühle, erfrischende See und in weiter Ferne steuerte
ein großes Schiff dem Norde: zu Mit ihn zogen meine Gedanken
hinüber nach dem geliebten Heimatlande.
,Oh, könnte ich mit Dir ziehen, dachte ich, heim, heim. Wohl
hast Du keine eigentliche Heimat dort, Jane,! fuhr ich in meinem
Selbstgespräche fort, aber Du möchtest doch wieder unter dem Volke
leben, das Deine Sprache spricht, dessen Sinn und Wesen Du so
viel besser begreifst, das Dir so viel sympathischer ist als die liebenswürdige Oberflächlichkeit diese: Südländer. Und was hindert Dich
denn nach England zurückzukehren? Bist Du durch die gütige Fürsorge Deines Onkels nicht unabhängig, ja fast reich? Kannst Du
Dir nicht eine traute Heimstätte gründen? Unweit Thornfield muß
sie liegen, daß Du von den liehen Menschen dort wenigstens hörst,
denn die Rückkehr dorthin wide Dir das kalte, hochmütige Wesen
Mrs. Rochesters, die jetzt dort herrschen muß, wohl unmöglich machen.
Adele wird sie gewiß auch nicht mehr dulden; das arme Kind war
ihr immer zuwider. Was mag aus Adele geworden sein? Oh,
welches Mitleid fühle ich mit dem unglücklichen Kinde, das elternlos
wie ich zu nennen ist, denn seine Mutter kennt es gar nicht mehr.
Da blitzte plötzlich der Gedanke in mir auf: Wie, wenn ich ihm eine
Heimat bereitete und mich seiner Erziehung widmete? Ja, so sollte
es sein. Diese glückliche Eingebung belebte mich neu; alle Energie
meines Wesens erwachte wieder und allen Gram und Schmerz für
den Augenblick vergessend, rief ich aufspringend, fast fröhlich über das
blaue Meer hinüber. ,Ich komme, ich komme, kleine Verlassene und
will Dich lieben und hegen wie eine treue Mutter oder Schwester.

,Jane!' rief da plötzlich hinter mir eine wohlbekannte Stimme,
eine Stimme, bei deren Klang mir alles Blut zum Herzen strömte.
Wie vom Schwindel erfaßt, schwankte ich und griff unwillkürlich nach
der Lehne der Bank, aber ehe ich sie noch ergreifen konnte, hatten
mich zwei starke Arme umfaßt und Mr. Rochesters liebes Gesicht
beugte sich zu mir nieder und seine forschenden Blicke suchten in
meinen Augen zu lesen.

,Habe ich Dich erschreckt kleine Zauberin? fragte er in einem
Tone, der mehr Freude als Besorgnis verriet; , ich meinte, Du müßtest
meine Nähe fühlen, da Du es doch warst, die mich so unwiderstehlich
Dir nachzog auf dieses weltentrückte Eiland.
,Oh, scherzen Sie nicht! - dieser Stunde, Herr! Mir ist ernst,
feierlich ernst zu Sinne. Sie können es freilich wohl nicht ahnen,
was es für mich, die ich hier in der Fremde allein stehe, bedeutet,
einen Freund, den einzigen Freund wiederzusehen, den ich in der
Heimat hatte! sagte ich, mich aus seinen schützenden Armen befreiend.
,Dank sei dem gütigen Geschick, das Sie nach dieser Insel führt!
,Und was mag es mir wohl bedeuten, daß ich das Weltmeer
durchschiffe, um einen Flüchtling einzufangen. Wenn ich ihn endlich
erreicht, werde ich ihn fassen und halten oder wird er mir wieder
entweichen und mit ihm das Glück eines Lebens?
Befremdet blickte ich zu Mr. Rochester auf; aber ich mußte gleich
wieder die Augen niederschlagen, denn aus seinen Augen traf mich
ein Blick so liebevoll, so angstvoll und flehend, daß mein thörichtes
Herz sich wohl einbilden konnte, e: richtete diese Frage an mich.
Aber das konnte ja nicht sein; er wan ja verheiratet. Wie kam ich
nur zu diesen thörichten Gedanken? ich wollte und mußte sie von
mir weisen und fast unbewußt griff ich nach der sichersten Schutzwehr
gegen solche Einbildungen, indem ich nachMrs. Rochester fragte und
den Wunsch äußerte, mich ihr während ihres Aufenthaltes in S. Jiorgo
gefällig zu zeigen.
Ein befremdliches Lächeln flog über Mr. Rochesters Gesicht.
,Mrs. Rochester hat mich nicht begleitet,' sagte er; ,sie ist
hoffentlich schon lange vor mir hier angekommen. Jane, Jane, kannst
Du denn nicht in meiner Seele lesen, wie ich in der Deinigen?
Weißt Du denn noch immer nicht, daß Du es bist, die ich liebe, daß
Du es bist, die ich zum Weibe begehre und nicht jene kalte, herzlose
Schönheit, Miß Ingram. Du liebst mich, Jane; Du kannst es mir
nicht verbergen; komm an mein Herz und sage, daß Du die Meine
sein willst.
Er wollte mich wieder in seine Arme nehmen, aber ich wehrte
ihm. ,Ja, ich liebe Dich, rief es in meinem Herzen, aber ich sprach
es nicht aus; ich konnte nicht an das Glück glauben, von ihm geliebt
zu sein, der noch vor wenig Monaten vor meinen Augen sich um
seine schöne Nachbarin beworben und vor aller Welt für ihren zukünftigen Gemahl gegolten hatte, ja vielleicht noch galt.
,Wollen Sie mit mir spielen, Herr, wie Sie mit Miß Ingram
gespielt? sagte ich fast ohne es zu wollen. ,Vielleicht haben Sie ihr
Herz gebrochen, wie Sie auch das meinige brechen können.

,Das Herz Miß Ingrams?’ lachte er bitter. ,Sie hat kein
Herz! Ich habe sie nie geliebt.’

,Und doch sie und andere glauben gemacht, daß Sie sie zum
Weibe begehrten?’

,Warum habe ich das gethan? Um Dein Herz zu prüfen, um
zu erfahren, ob ich in ihm Liebe für mich erwecken könnte und ob sie
sich mir verraten würde, wenn Du wähntest, ich schenke einer Unwürdigen meine Neigung. Und unwürdig war sie; sie strebte nur
nach meiner Hand, um meines Reichtums willen und als ich ein
Gerücht ausgesprengt hatte, daß mein Besitz kaum den dritten Teil.
dessen betrage, was sie annahm, da wurde ich mit abweisender Kälte
behandelt. Klagst Du noch um das arme gebrochene Herz, Jane?
Er hatte mich schon längst wieder an sich gezogen und ich ließ
es willig geschehen, mit unendlicher Wonne überströmte mich nach
und nach die Überzeugung, daß er Wahrheit rede, daß sich jetzt erfüllen sollte, was ich kaum zu träumen gewagt, daß ich das Weib
des einzigen Mannes werden sollte, den ich liebte und ewig geliebt
haben würde, wäre ich auch für ewig von ihm getrennt geblieben.
Jetzt konnte, jetzt durfte ich es ihm gestehen, denn ich war Mr.
Rochesters glückliche Braut.
,Und fragst Du denn gar nicht,' sagte er, nachdem wir unsere
innersten Gefühle ausgetauscht, ,warum Du gar nichts von mir, von
Thornfield gehört; warum alle Deine Briefe unbeantwortet geblieben?’

Es fiel mir wie ein schwererer Vorwurf auf das Herz, daß ich
noch nicht nach Adele und nach der guten Mrs. Fairfax gefragt.

,Oh, Jane, fuhr mein Edward fort (denn so durfte und mußte
ich ihn jetzt nennen. ,was hat sich in Thornfieldhall alles zugetragen,
seit Du uns verließest! Soll ich Dir meine Verzweiflung schildern,
als Dein Brief eintraf? Wenn Du mich liebst, wie ich Dich, so
mußt Du mir nachempfinden können, was ich empfand. In dem
Augenblicke sollte ich Dich verlieren, in dem ich schon am Ziele zu
sein glaubte; in dem ich Dich zurückerwartete und Dich für ewig an
mich fesseln wollte! Dein Brief traf spät am Abend ein. Ohne
mich zu besinnen, ohne jemand von meinem Vorhaben in Kenntnis
zu setzen, warf ich mich auf das Pferd und jagte von dannen in der
schnaubte; ich hielt einen Augenblick an, ihn verschnaufen zu lassen
und wendete mich, um einen Blick nach Thornfield hinunterzuwerfen,
obgleich es finstere Nacht war. Aber was war das? Fast aus jedem
Fenster meines Wohnsitzes strahlte mir heller Lichtschein entgegen;
nicht wie ein ödes, verlassenes, nein, wie ein zum festlichen Empfange
von Gästen erleuchtetes Haus sah Thornfieldhall aus; wie gebannt
hielt ich auf der Stelle und staunte die wunderbare Erscheinung an,
dann wendete ich mein Pferd, und ohne weiter meiner Absicht,
Plymouth so schnell als möglich zu erreichen, zu gedenken, flog ich
mit verhängtem Zügel den Weg wieder zurück, den ich gekommen
war, denn blitzschnell hatte mich die Überzeugung erfaßt, daß es
Feuer sein müsse und nicht Kerzenglanz, der mir dort aus allen
Fensteröffnungen entgegenstrahlte. Es war Feuer Ich hatte das
Haus noch nicht wieder erreicht, da züngelten schon die Flammen zum
Dache hinaus. Ich warf mich vom Pferde und stürzte in das brennende Haus. Adele und ihre Wärterin kamen mir schon entgegen,
ebenso einige Dienstleute retteten sich schnell in das Freie, es gelang
mir auch bald die, welche sich schon zur Ruhe begeben, aus dem
Schlafe aufzustören und in Sicherheit zu bringen; nur Mrs. Fairfax
hatte bei ihrer Taubheit noch nichts von dem Lärmen und der Aufregung vernommen; ich stürmte in ihr Zimmer; die Flammen hatten
es noch nicht erreicht, sie wüteten mehr in den Gesellschaftsräumen,
,aber mit erstickendem Qualm war es angefüllt; da galt kein Zaudern,
ich ergriff die alte Dame mit ihren Decken und Kissen und trug sie
hinaus in das Freie, wo ich sie der Sorge Leahs übergab. Nun erst
konnte ich an die Bergung meines Eigenthums denken, aber hoffnungslos stand ich davon ab, als ich sah, wie die Flammen durch
das ganze Haus wüteten; da war kein Zimmer, das sie nicht ergriffen hatten, schon züngelten sie an der Treppe empor, die Balken
knisterten und stöhnten und die Decken des unteren Geschosses drohten
einzubrechen. Da durchzuckte mich plötzlich der Gedanke: ,Oh, Gott,
Grace Poole und ihre Pflegebefohlene, sie sind noch nicht gerettet!' Ich
stürzte noch einmal in das Haus; meine Leute riefen mir entsetzt zu,
es nicht zu wagen; ich hörte nicht auf sie, flog die Treppen hinan;
ich fand die Thür nach dem dritten Stock offen; vom Korridor tönte
mir ein Wutgeschrei entgegen und als ich ihn erreicht, sah ich Grace
in verzweifelten Kampfe mit der Wahnsinnigen, welche ihre Wärterin
umschlossen hielt und es ihr unmöglich machte, der Gefahr zu entfliehen. Sobald die Kranke meiner ansichtig wurde, gab sie ihr Opfer
frei und floh vor mir die Bodentreppe empor, hinauf auf das Dach.
Ich eilte ihr nach, aber kaum tauchte mein Kopf aus der Fallthür
auf, so schwang sie sich mit einem Satze auf die hohe Ballustrade,
und ehe ich sie noch erreichen konnte, stürzte sie sich mit einem
gellenden Schrei in die Tiefe. Mir schauderte und ich schmiegte mich
fester an Mr. Rochester. ,Einen Augenblick stand ich ganz gelähmt
vom Schreck,! fuhr er fort, ,dann aber trieb mich die wachsende Gefahr und der Selbsterhaltungstrieb wieder die Treppen hinunter.
Ich fand Grace noch auf derselben Stelle, auf der ich sie verlassen
hatte; sie sträubte sich sogar, mir zu folgen; ich mußte sie mit Gewalt
die Treppen hinunterschleppen: ,Lassen Sie mich sterben, Herr,'
jammerte sie; ,ich verdiene es nicht besser, warum konnte ich es nicht
lassen, das fatale Trinken! Sie war so schlau; sie hat mir wieder
den Schlüssel aus der Tasche gezogen und das Haus in Brand gesteckt,' so kam es in abgerissenen Sätzen von ihren Lippen, bis Rauch
und Dampf ihre Stimme erstickten. Wir hatten glücklich die letzte
Treppe erreicht; sie stand auf einer Seite in hellen Flammen, aber
an der anderen war es noch möglich, hinunter zu kommen; ich zog
Grace hinter mir her, nun waren wir unten, nur noch wenige
Schritte, dann hatten wir die Ausgangsthür erreicht; ich setzte schon
einen Fuß auf die Schwelle, da ertönte ein furchtbarer Krach und
besinnungslos stürzte ich zusammen.
Entsetzt blickte ich zu Mr. Rochester auf, als müßte ich mich
versichern, daß er es wirklich war, der mich lebend in seinen
Armen hielt.
,Ja, ich bin es, Jane, noch lebend und heil,! sagte er, mich
fest an das Herz drückend und liebevoll lächelnd auf mich niederschauend, ,aber es hat lange gedauert, bis ich wieder zu mir selbst
kam; nach monatelangem Krankenlager genas ich endlich; die arme
Grace haben sie nicht mehr lebend unter den Trümmern hervorgezogen und Mrs. Fairfax ist auch vor wenigen Wochen erst von
einer schlimmen Krankheit erstanden, die der Schreck und die Aufregung ihr zugezogen haben. Jetzt ist sie aber wieder munter und
überwacht den Bau des neuen Hauses, das sich aus den Trümmern
erhebt; wenn Du als Mrs. Rochester dort einziehst, Geliebte, dann
wird sie es wieder zu einem Schmuckkästchen hergerichtet haben, denn
niemand wie sie führt so gewissenhaft jede Anordnung aus, die ich
treffe. Aber es muß noch lange Zeit vergehen, bis wir in' das wieder
erstandene Heim einziehen können; Adele muß ihre kleine Erzieherin
noch eine Weile entbehren. Ich habe sie vorläufig in eine Pension
in der Schweiz gebracht und ihr versprochen, sie zu besuchen, wenn
ich mit Mrs. Rochester auf meiner Tour durch Europa auch in dieses
Land komme. Nun muß ich aber zuerst danach trachten, Dich durch
ein unauflösliches Band an mich zu fesseln, denn über Deine Natur
bin ich noch immer nicht klar geworden, Jane, ob Du aus dem Geschlecht der Elfen stammst, und ich riskiere, daß Du mir auf einem
Mondenstrahl wieder enteilst, oder ob diese Perlen, die jetzt aus
Deinen Augen über die Wangen rollen, der Meerestiefe entstammen
und darauf hindeuten, daß Du die Nixen zu Deiner Sippschaft zählst
und ich fürchten muß, daß Du von mir zu ihnen in die blaue Tiefe
fliehst. Laß sie mich fortküssen, diese Perlen, und sage mir, ob Du
mir am Altar schwören willst, für das Leben bei mir auszuhalten in
der Welt der Prosa?

Ich nickte stumm.
,Dann sollst Du diesen Eid schwören, sobald wie möglich, und
dann entführe ich Dich mit dem ersten Schiff dieser Insel und zeige
Dir die Pracht der Erde, und Dich, ihr höchstes Kleinod in meinen
Augen, der Welt.

Und nun, lieber Leser, will ich von Dir scheiden. Du hast mich
treu begleitet durch die Leiden meiner Kindheit, durch die Kämpfe
und Erfahrungen meiner späteren Jahre, bis an die Pforten einer
Glück verheißenden Zukunft. Wenn es mir auch gelungen sein sollte,
Dir von meiner Vergangenheit eine zutreffende Schilderung zu geben;
daß ich für die Seligkeit der Gegenwart keine Worte finde, fühle ich
klar. Vielleicht giebt Dir Dein eigenes Gefühl ein vollkommeneres
Bild meines Glücks, als es meine Feder könnte, oder eine gütige
Vorsehung schenkt Dir ein ähnliches Glück; dann wirst Du aus
vollem Herzen mit mir sprechen:

,Sie that recht, ihre Feder niederzulegen, denn für das höchste
Glück giebt es keine Worte!


Erstes Capitel.

Es war keine Möglichkeit, an jenem Tage einen
Spaziergang zu machen. Wir waren freilich am
Morgen eine Stunde in der entlaubten Anpflanzung
umhergewandert, welche sich bis ans Haus zog; aber
seit dem zeitig eingenommenen Mittagessen hatte der
kalte winterliche Wind so düstere Wolken und so durchdringenden Regen mit sich geführt, daß von einer weiteren
Bewegung im Freien nicht die Rede sein konnte.
Mir war das gelegen, denn ich fand kein Vergnügen an weiten Spaziergängen, besonders nicht an
kalten Nachmittagen. Schrecklich war es mir, in der
öden Dämmerung mit erstarrten Fingern und Zehen
nach Hause zu kommen, wo ich dann durch das
Schelten der Kindermuhme Bessie noch trauriger gestimmt und durch das Bewußtsein gedemüthigt wurde,
daß ich in physischer Hinsicht Elise, John und Georgine Reed so weit nachstand.

Elise, John und Georgine hatten sich jetzt im
Gesellschaftszimmer um ihre Mama gedrängt; sie lag
auf einem Sopha in der Nähe des Kamins und
schien, von ihren Lieblingen umgeben, vollkommen
glücklich. mich hatte sie von dieser Gruppe ausgeschlossen, denn so lange sie nicht von Bessie hören
werde, erklärte sie mir, daß ich ernstlich bemüht sei,
mir eine geselligere und kindlichere Gemüthsart und
ein anziehenderes und lebhafteres Wesen anzueignen,
könne sie mir keine Vorrechte einräumen, die nur für
zufriedene und frohe kleine Kinder bestimmt seien.

,Was sagt Bessie, daß ich gethan habe?
fragte ich.
,Johanna, ich liebe den Widerspruch und das
Fragen nicht; überdies ist es wirklich abscheulich, wenn
ein Kind sich gegen ältere Personen so benimmt.
Setze dich irgendwo nieder und schweige, bis du gelernt hast, dich angenehmer zu machen.'
Neben dem Gesellschaftszimmer befand sich ein
kleines Frühstückzimmer, in dieses schlich ich mich.
Dort Stand ein Bücherschrank, ich nahm ein Buch
heraus, natürlich eines mit Bildern, stieg auf den
Fenstersitz, schlug meine Füße unter, wie ein Türke,
und zog die Vorhänge von rothem Moire dicht zu.
So war ich von beiden Seiten geschützt, auf der
rechten durch die Draperie, auf der linken durch die
Glasscheiben, vor dem unfreundlichen Novemberwetter.
Von Zeit zu Zeit, während ich die Blätter meines
Buches umschlug, versenkte ich mich in den Anblick
dieses Winternachmittags. In der Ferne bot er eine
bleiche Masse von Nebel und Gewölk dar; in der
Nähe eine Scene von nassen Rasenplätzen und sturmbewegten Gesträuchen mit unaufhörlichem Regen, den
ein klagender Wind wild vor sich her peitschte.
Ich kehrte zu meinem Buche zurück -- zu Bewick's Naturgeschichte der britischen Vögel. Um den
Text kümmerte ich mich im Allgemeinen wenig; doch
waren einige einleitende Bemerkungen da, die ich, so
sehr ich auch Kind war, nicht ganz übergehen konnte.
Sie handelten von den Wanderungen der Seevögel,
von den einsamen Felsen und Vorgebirgen, die nur
von jenen Vögeln bewohnt werden, von der norwegischen Küste, die von ihrem südlichen Ende bis zum
Nordkap mit Inseln besetzt ist.
Auch fesselte mich die Beschreibung der öden
Ufer von Lappland, Sibirien, Spitzbergen, Nowaja-Semlja, Island, Grönland mit dem weiten Kreise
der nördlichen Zone von Frost und Schnee, wo feste
Eisfelder, die Anhäufung von vielen tausend Wintern,
den Pol umgeben und die Kälte den höchsten Grad

erreicht. Von diesen schneeweißen Regionen bildete
ich mir meine eigene Idee -- unklar, gleich allen
halbbegriffenen Kenntnissen, die seltsam, aber lebhaft
durch das kindliche Gehirn treiben. Die Worte in
diesen einleitenden Bemerkungen verschmolzen sich mit
den folgenden Bildern und gaben dem in einer See
von Wogen und Schaum alleinstehenden Felsen, dem
zertrümmerten, an der verlassenen Küste gescheiterten
Boot, dem kalten und geisterhaften Monde, der durch
Wolkenschleier auf ein eben untersinkendes Wrack
niederblickt, ihre Bedeutung.
Jedes Bild erzählte eine Geschichte; oft geheimnisvoll für meinen unentwickelten Verstand und meine
unvollkommenen Gefühle, doch sehr interessant, so
interessant, wie die Märchen, die Bessie zuweilen an
Winterabenden erzählte, wenn sie zufällig bei guter
Laune war. Bewick's Buch auf meinem Knie, war
ich also glücklich; glücklich wenigstens auf meine Weise.
Ich fürchtete nichts als Störung, und die kam nur
zu bald. Die Thür des Frühstückzimmers öffnete sich.
,Heda! Jungfer Träumerin! rief John Reed's
Stimme. Er verstummte gleich wieder, da er das
Zimmer leer zu finden meinte.
,Wo, zum Popanz, mag sie sein? fuhr er fort
und rief dann seinen Schwestern zu:
,Lizzy! Georgy! Hannchen ist nicht hier. Sagt
Mama, sie sei in den Regen hinaus gelaufen -- das
böse Geschöpf!
,Es ist gut, daß ich den Vorhang zugezogen
habe,' dachte ich und wünschte inbrünstig, John
möge mein Versteck nicht entdecken; er würde mich
auch nicht gefunden haben, denn er hatte weder einen
raschen Blick, noch einen scharfen Verstand. Aber
umso mehr war Elise zu fürchten, und in der That,
kaum steckte sie ihren Kopf durch die Thür, da rief
sie auch schon:
,Sie ist gewiß auf dem Fenstersitze, John.
Ich kam sogleich hervor, denn ich zitterte bei
dem Gedanken, von John herausgezerrt zu werden.

,Was willst du von mir? fragte ich ihn mit
linkischer Schüchternheit.
,Was wollen Sie, Monsieur Reed, heißt
es, war die Antwort. ,Ich will, daß du hierher
kommst.
Hierauf setzte er sich in einen Lehnsessel und gab
mir durch eine gebieterische Bewegung zu verstehen,
daß ich mich vor ihn hinstellen sollte.
John Reed war ein Schulknabe von vierzehn
Jahren -- vier Jahre älter als ich, denn ich war
erst zehn -- groß und stark für sein Alter, von ungesunder Gesichtsfarbe, mit markirten Linien in seinem
breiten Gesichte, plumpen Gliedern und großen Händen und Füßen. Er aß sich bei Tische gewöhnlich
sehr voll, wodurch er gallsüchtig wurde und sich ein
trübes, gläsernes Auge und welke Backen zuzog. Er
hätte jetzt in der Schule sein sollen; doch
seine Mutter hatte ihn wegen seiner zarten Gesundheit
auf einen oder zwei Monate nach Hause genommen.
Herr Miles, sein Lehrer, versicherte, es würde sehr
gut sein, wenn ihm weniger Kuchen und Leckerbissen
von Hause geschickt würden; doch das Mutterherz
empörte sich über eine so harte Ansicht und war eher
zu der milderen Aufassung* geneigt, daß John's
abgefallenes Gesicht von übergroßer geistiger Anstrengung und vielleicht auch vom Heimweh herrühre.
John zeigte nicht viel Zärtlichkeit für Mutter
und Schwestern und hatte einen besonderen Widerwillen gegen mich. Er verfolgte und bestrafte mich
beständig, jeder Nerv, den ich hatte, fürchtete ihn, und
jedes Glied meines Körpers zitterte, wenn er mir
nahe kam. Es gab Augenblicke, wo mich der Schrecken,
den er mir einflößte, ganz verwirrt machte; ich konnte
mich bei Niemandem über seine Drohungen und
Tätlichkeiten beschweren, Mistreß Reed war in dieser
Hinsicht taub und blind, sie sah nie, wenn er mich
schlug, und hörte nicht, wenn er mich schalt, obgleich
er zuweilen beides in ihrer Gegenwart that.

Gewohnt, John zu gehorchen, näherte ich mich
seinem Stuhle; er brachte etwa drei Minuten damit
zu, seine Zunge herauszustrecken; während ich jeden
Augenblick fürchtete, daß er zuschlagen werde, betrachtete ich mit Abscheu und Ekel sein rohes Gesicht.
Vielleicht las er diese Empfindung in meiner Miene,
denn plötzlich schlug er heftig zu. Ich taumelte, und
als ich mein Gleichgewicht wieder erlangt hatte, zog
ich mich von seinem Stuhle zurück.
, Daß ist für deine Unverschämtheit, womit du
Mama vor einiger Zeit geantwortet hast, sagte er,
, dafür, daß du dich fortschleichst und dich hinter den
Vorhängen verbirgst, und für den Blick, mit dem du
mich soeben angesehen hast, du Ratte.
An John Reed's üble Behandlung gewöhnt, fiel
es mir nie ein, etwas darauf zu erwidern; meine
Sorge war jetzt nur, wie ich den neuen Schlag er-
tragen sollte, der gewiß folgen würde.
, Was thatest du dort hinter dem Vorhange?
fragte er.
, Ich las.
, Zeige das Buch.
Ich kehrte zum Fenster zurück und holte es von
dort her.
, Du hast kein Recht, unsere Bücher zu nehmen,
Mama sagt, du bist abhängig; du hast kein Geld;
dein Vater hat dir keins hinterlassen; du solltest betteln
und hier nicht mit anständigen Kindern, wie wir sind,
zusammen leben auf Kosten unserer Mutter. Nun
will ich dich lehren, meinen Bücherschrank zu durchstöbern, denn er ist mein, das ganze Haus ist mein,
oder wird mir doch in wenigen Jahren gehören.
Geh und stelle dich an die Thür, fern von dem
Spiegel und den Fenstern.
Ich that es, da ich nicht gleich wußte, was seine
Absicht war; als ich ihn aber das Buch erheben und
gegen mich schwingen sah, sprang ich instinctmäßig
mit einem Schrei des Schreckens auf die Seite; doch
nicht früh genug, das Buch traf mich, ich fiel hin
und verletzte meinen Kopf an der Thür. Die Wunde
blutete, der Schmerz war heftig, mein Schrecken groß.
, Böser, grausamer Junge!' rief ich. , Du gleichst
einem Mörder, du gleichst einem Sclavenaufseher --
du gleichst den römischen Kaisern!
Ich hatte Goldsmith's Geschichte von Rom gelesen und mir meinen Begriff von Nero und Caligula
gebildet und diese in der Stille oft mit John verglichen, obwohl ich es nie laut auszusprechen beabsichtigte.
, Was ! was ! rief er. , Sagte sie das zu mir?
Hörtet Ihr es, Elise und Georgine? Soll ich es nicht
Mama sagen? Aber vorher --
Er lief plötzlich auf mich zu und ergriff mich
am Haar und an der Schulter. Er hatte sich an ein
verzweifeltes Geschöpf gewagt. Ich sah in der That
einen Tyrannen, einen Mörder in ihm. Ich fühlte
einige Blutstropfen von meinem Kopfe auf meinen
Hals herabrinnen und empfand einen stechenden
Schmerz. Diese Empfindungen besiegten für den Augenblick die Furcht, und ich empfing meinen Peiniger
auf wahnsinnige Weise. Ich weiß nicht recht, was
ich mit meinen Händen that, doch er brüllte laut auf
und nannte mich Ratte! Ratte! Elise und Georgine
holten Mistreß Reed herbei, welche die Treppe hinaufgegangen war und jetzt auf dem Schauplatze erschien. Bessie und das Kammermädchen Abbot folgten
ihr. John und ich wurden getrennt und ich hörte
die Worte:
,O Himmel! welch' eine Furie, auf Monsieur
John loszustürzen!'
,Sah je ein Mensch eine solche Leidenschaft?
Dann fügte Mistreß Reed hinzu:
,Bringt sie in das rothe Zimmer und schließt
sie dort ein.'
Vier Hände ergriffen mich sogleich und trugen
mich die Treppe hinauf.

Zweites Capitel.
Ich widersetzte mich den ganzen Weg über, was
bei mir etwas Neues war und sehr dazu beitrug, die
schlimme Meinung zu verstärken, die Bessie und Miß
Abbot von mir zu hegen geneigt waren. Ich war
in der That außer mir. Da ich wußte, daß ich für
meine Empörung eine schwere Strafe zu erwarten
hatte, so war ich, gleich jedem anderen rebellischen
Sclaven, in meiner Verzweiflung entschlossen, noch
weiterzugehen.
, Halten Sie ihr die Arme fest, Miß Abbot; sie
ist wie eine wilde Katze.
,Pfui! pfui!' rief die Kammerjungfer. , Welch'
ein garstiges Betragen, Miß Eyre, einen jungen Herrn
zu schlagen, den Sohn Ihrer Wohlthäterin! Ihren
jungen Herrn!'
, Meinen Herrn ! Wie ist er denn mein Herr?
Bin ich denn eine Dienerin?
, Nein, Sie sind noch weniger als eine Dienerin,
denn Sie thun nichts für Ihren Unterhalt. Da setzen
Sie sich nieder und denken Sie über Ihre Bosheit nach.'
Sie hatten mich jetzt in das von Mistreß Reed
angedeutete Zimmer gebracht und mich auf einen
Stuhl geworfen. Mein erster Antrieb war, wieder
aufzuspringen, doch die vier Hände hielten mich augenblicklich wieder fest.
, Wenn Sie nicht still sitzen, so müssen wir Sie
festbinden, sagte Bessie. Sie war im Begriffe, ihre
Drohung wahr zu machen. Dieser Schande wollte ich
mich nicht aus setzen. Daher mäßigte ich mich ein wenig.
, Lassen Sie nur,' rief ich, ,ich will ruhig sitzen
bleiben.
Zum Beweise hielt ich mich mit den Händen an
meinem Stuhle fest.
, Halten Sie Wort!' sagte Bessie, und als sie
sich überzeugt hatte, daß ich wirklich ruhiger wurde,
ließ sie mich los; dann Standen sie und Miß Abbot
mit übereinandergeschlagenen Armen da und sahen
mir ins Gesicht, als ob sie an meinem Verstande
zweifelten.

,Sie ist noch nie so gewesen, sagte Bessie endlich zu Miß Abbot.
, Doch es lag immer in ihr, war die Antwort.
, Ich habe Missis oft meine Meinung über das Kind
gesagt, und Missis stimmte mir bei. Sie ist ein boshaftes kleines Ding, ich sah noch nie ein Mädchen
in ihrem Alter mit so viel versteckter List.
Bessie antwortete nicht, sondern wendete sich zu
mir und sagte:
, Sie sollten bedenken, Miß, was Sie Mistreß
Reed für Dank schuldig sind, sie ernährt Sie; wenn
sie Sie wegjagte, müßten Sie ins Waisenhaus gehen --
ich schwieg zu diesen Worten, sie waren mir
nicht neu, denn meine ersten Erinnerungen waren mit
Andeutungen dieser Art verschmolzen. Der Vorwurf
meiner Abhängigkeit war meinen Ohren längst ein
gewohntes Lied, schmerzlich und niederdrückend, obwohl nur halb verständlich.

,Und Sie sollten sich nicht für gleichberechtigt
mit den Misses Reed und Monsieur Reed halten.'
fiel Miß Abbot ein, weil Missis so gütig ist, Sie mit
ihnen erziehen zu lassen. Jene werden viel Geld bekommen und Sie keins.'
,Was wir Ihnen sagen, geschieht zu Ihrem
Besten,' fügte Bessie in mildem Tone hinzu, , Sie
sollten versuchen, sich nützlich und angenehm zu
machen, dann würden Sie vielleicht hier eine Heimat
haben; aber wenn Sie leidenschaftlich und roh werden,
so bin ich gewiß, daß Missis Sie fortschicken wird.
,Und wohin würden Sie dann gehen? sagte
Miß Abbot. , Ich möchte um die Welt nicht Ihr
Herz haben. Sprechen Sie Ihr Gebet, Miß Eyre,
wenn Sie wieder zu sich gekommen sind, denn wenn
Sie nicht bereuen, so könnte ein böser Geist im Kamin
herabfahren und Sie mitnehmen.

Sie gingen fort und machten die Thür zu.
Das rothe Zimmer war unbewohnt, und es
schlief nur dann Jemand darin, wenn eine ungewöhnliche Anzahl von Gästen in Gateshead Hall es nöthig
machte, alle Räume zu benutzen, die das Haus besaß.
Und doch war es das größte und stattlichste Zimmer
in dem ganzen Gebäude. Ein Bett, von Säulen aus
Mahagoniholz getragen und mit Vorhängen von
dunkelrothem Damast versehen, Stand in der Mitte;
zwei große Fenster, deren Taden* beständig geschlossen
waren, zeigten eine reiche Draperie von ähnlicher Farbe;
auch der Fußteppich und die Tapeten an den Wänden waren roth; der Tisch am Fuße des Bettes war
mit einer karmoisinrothen Decke belegt; der Kleiderschrank, der Toilettentisch und die Stühle waren von
dunkel polirtem altem Mahagoniholz. In dieser Dunkelheit erhoben sich hoch die aufgethürmten Matratzen
und Kissen des Bettes, welches mit einer schneeweißen Decke belegt war. Kaum weniger in die Augen
fallend war ein großer, mit Kissen belegter Lehnstuhl
am Kopfende des Bettes mit einem Fußschemel davor,
so daß er mir wie ein Thron vorkam.
Dieses Zimmer war kalt, weil es selten geheizt
wurde; es war still, weil es von der Kinderstube
und der Küche entfernt lag, und feierlich, weil selten
Jemand hineinkam. Nur das Hausmädchen betrat
es jeden Samstag, um von den Spiegeln und Möbeln
den Staub abzuwischen, und Mistreß Reed selber
besuchte es nur zu bestimmten Zeiten, um den Inhalt
eines gewissen geheimen Faches in dem Kleiderschranke
zu untersuchen, worin sie verschiedene Documente, ihr
Juwelenkästchen und ein Miniaturbild ihres verstorbenen Mannes aufbewahrte. Hier war der Punkt,
worin das Geheimnisvolle des rothen Zimmers beruhte, der mystische Zauber, der es ungeachtet seiner
Pracht vereinsamen ließ.
Herr Reed war vor neun Jahren in diesem
Zimmer gestorben, hier hatte er auf dem Paradebette
gelegen; von hier hatte man seinen Sarg weggetragen,

und seit jenem Tage schützte ein Gefühl der Furcht
das Zimmer vor häufigem Besuche.
Mein Sitz, auf den mich Bessie und die boshafte Miß Abbot gebannt hatten, war eine niedrige
Ottomane in der Nähe des marmornen Kamins.
Das Bett erhob sich vor mir; zu meiner Rechten Stand
der hohe dunkle Kleiderschrank, an dessen glänzenden
Verzierungen sich das matte Licht brach; zu meiner
Linken befanden sich die verhüllten Fenster und ein
großer Spiegel zwischen ihnen. Ich war nicht ganz
gewiß, ob sie die Thür verschlossen hatten, und als
ich mich zu bewegen wagte, Stand ich auf, um nachzusehen. Ach ja, kein Kerkermeister war je gewissenhafter in seinem Amte. Als ich zurückkehrte, mußte ich
an dem Spiegel vorüber; wie von einem Zauber
angezogen, blickte ich hinein. Alles erschien darin kälter
und dunkler, als in der Wirklichkeit, und die
fremde kleine Gestalt, die ich daraus anschaute und
deren Gesicht und Arme gespenstig weiß gegen die
Dunkelheit abstachen, machte auf mich den Eindruck
eines Geistes. Ich meinte, sie sei jenen winzigen
Phantomen, halb Fee, halb Zwerg, ähnlich, die
in Bessie's Abenderzählungen aus einsamen Schluchten
hervorkamen und verspäteten Wanderern erschienen. Ich
kehrte zu meinem Sitze zurück. Abergläubische Furcht
war in diesem Augenblicke mächtig in mir; doch die
Stimmung des empörten Sclaven behielt die Ober-
hand.
Alle Tyranneien John Reed's, alle stolze Gleichgültigkeit seiner Schwestern, alle Abneigung seiner
Mutter, alle Parteilichkeit der Diener vergegenwärtigte
ich mir in meinem verstörten Geiste. Warum mußte
ich immer leiden, immer hart behandelt, immer beschuldigt und immer verurtheilt werden? Warum
konnte ich nie gefallen? Warum war es nutzlos, zu
versuchen, irgend Jemandes Gunst zu erwerben?
Elise, die halsstarrig und selbstsüchtig war, wurde geachtet. Georgine, die eine verdorbene Gemüthsart,
einen sehr scharfen Spott, ein naseweises und freches

Benehmen hatte, wurde überall geduldet. Ihre Schönheit, ihre rothen Wangen und ihre goldenen Locken
schienen Alle, die sie ansahen, in Entzücken zu versetzen und ihr Straflosigkeit für jeden Fehler zu erkaufen. John wurde von Niemand getadelt oder gar
gestraft, obgleich er den Tauben die Hälse umdrehte,
die kleinen Pfauen tödtete, die Hunde hinter die
Schafe hetzte, die Weinstöcke im Treibhause ihrer
Früchte beraubte und die Knospen der seltensten
Pflanzen im Gewächshause abbrach. Obgleich er seine
Mutter ,ein altes Weib' nannte, sie wegen ihrer dunkeln
Haut, die der seinen glich, verspottete, ihren Wünschen
sich frech widersetzte, so war und blieb er doch
immer ihr Liebling. Ich bemühte mich, jede Pflicht zu
erfüllen, und dafür wurde ich vom Morgen bis
Mittag und vom Mittag bis Abend unartig und
lästig gescholten.
Mein Kopf schmerzte noch und blutete von dem
Schlage und dem Falle. Niemand hatte John Vorwürfe gemacht, weil er mich aus Uebermuth geschlagen hatte; ich aber, weil ich mich gewehrt, um mich
vor weiteren Gewaltthätigkeiten zu schützen, ich wurde
mit allgemeinem Tadel überhäuft.
, Ungerecht! -- ungerecht!' sagte meine Vernunft,
die durch den quälenden Stachel zu frühzeitiger Reife
gelangt war. Dieses bittere Gefühl der Ungerechtigkeit
brachte mich, um dem unerträglichen Drucke zu entfliehen, auf den seltsamen Entschluß, davonzulaufen
oder, wenn das nicht zu bewerkstelligen war, nicht
mehr zu essen und zu trinken und so zu sterben.
Welch' eine tiefe Trostlosigkeit empfand ich an
jenem traurigen Nachmittage. Wie war mein ganzes
Gehirn im Tumult und mein ganzes Herz im Aufruhr!
Doch in welcher Dunkelheit, in welcher Unwissenheit
wurde der Kampf gekämpft! Ich konnte die unaufhörliche innere Frage nicht beantworten, warum ich
o litt, jetzt freilich, nach einem Zeitraum -- ich will
nicht sagen, von wie vielen Jahren -- weiß ich es
sehr wohl.

Ich war in Gateshead Hall Allen unähnlich,
ich hatte nichts Uebereinstimmendes mit Mistreß Reed,
ihren Kindern oder ihrer auserwählten Dienerschaft.
Wenn sie mich nicht liebten, so liebte ich sie in der
That ebenso wenig. Sie waren nicht verpflichtet, ein
Wesen mit Zärtlichkeit zu behandeln, welches mit
keiner Person unter ihnen harmonirte; ich war ihnen
an Temperament und Neigung entgegengesetzt, unfähig ihrem Interesse zu dienen oder ihr Vergnügen
zu erhöhen; ein schädliches Wesen, welches ihre Behandlung mit Unwillen ertrug ihr Urtheil verachtete.
Ich weiß, wenn ich ein sanguinisches, leichtsinniges,
nachlässiges, anspruchsvolles, schönes und wildes Kind
gewesen wäre, so hätte Mistreß Reed meine Gegenwart geduldiger ertragen, ihre Kinder würden mehr
Freundschaft für mich empfanden haben und die
Diener weniger versucht gewesen sein, mich zum
Sündenbock der Kinderstube zu machen.
Das Tageslicht begann das rothe Zimmer zu
verlassen; es war vier Uhr vorbei, und der trübe
Nachmittag ging in graue Dämmerung über. Ich
hörte den Regen noch beständig an das Fenster auf der
Treppe schlagen und den Wind in den Bäumen der Allee
heulen. Nach und nach wurde mir eiskalt und dann
sank mein Muth. Meine gewohnte demüthige Stimmung, der Zweifel an mir selbst, löschten die glühenden Kohlen meines Zornes. Alle sagten, ich sei
boshaft, und vielleicht mochte ich es auch sein, wie
hatte ich auch erst eben auf den Gedanken kommen
können, mich todt zu hungern? Das war offenbar ein
Verbrechen. Und war ich den vorbereitet zu sterben?
Oder war das Gewölbe unter dem Chor in der
Kirche zu Gateshead ein einladendes Ziel? In solch'
einem Gewölbe, hatte man mir gesagt, liege Herr
Reed begraben; und bei diesem Gedanken verweilte
ich mit Schrecken. Ich erinnerte mich des Verstorbenen
nicht mehr; aber ich wußte, daß er mein Oheim --
meiner Mutter Bruder -- war, daß er mich als
elternloses Kind in sein Haus genommen und in

seinen letzten Augenblicken sich von Mistreß Reed das
Versprechen hatte geben lassen, mich wie eins ihrer
eigenen Kinder zu erziehen und zu unterhalten.
Mistreß Reed dachte wahrscheinlich, diese Versprechen
erfüllt zu haben, und sie hatte es auch nach ihrer Art
gethan, aber sie mußte es sehr lästig finden, durch ein
erzwungenes Versprechen gebunden zu sein, an einem
fremden Kinde, welches sie nicht lieben konnte, Mutterstelle zu vertreten und eine Fremde beständig ihrer
Familie aufgedrängt zu sehen.
Ich zweifelte nicht und hatte nie gezweifelt, daß
behandelt haben; und nun, als ich da saß und das
weiße Bett und die dunkelnden Wände ansah, mich auch
von Zeit zu Zeit von dem Zauber des trübe schimmernden Spiegels angezogen fühlte, begann ich mich zu erinnern, was ich von Verstorbenen gehört, die durch die
Verletzung ihrer letzten Wünsche in ihren Gräbern
beunruhigt, die Erde wieder besuchten, um die Meineidigen zu bestrafen und die Unterdrückten zu rächen;
und ich dachte, Herrn Reed's Geist, durch das Unrecht empört, welches dem Kinde seiner Schwester
widerfuhr, könne sich in diesem Zimmer wor mir
erheben. Ich trocknete meine Thränen und unterdrückte mein Schluchzen, da ich fürchtete, es könne
mich plötzlich eine übernatürliche Stimme nach der
Ursache meines Kummers fragen und mich trösten,
oder es könne in der Dunkelheit ein geisterhaftes
Gesicht erscheinen und sich mitleidig über mich beugen.
Ich fühlte, daß diese an sich tröstliche Idee in der
Wirklichkeit schrecklich sein werde, und bemühte mich
mit aller Macht, sie zu unterdrücken. Ich schüttelte
mein Haar aus meinen Augen, erhob den Kopf und
versuchte, mich kühn in dem dunklen Zimmer umzusehen. In diesem Augenblick schimmerte ein Licht
an der Wand. , Sollte es ein Strahl des Mondes
ein, der durch eine Oeffnung des Fensterladens fällt?
fragte ich mich? , Nein, das Mondlicht steht still aber
dieses hier bewegt sich. Während ich noch hinblickte.

erhob es sich zur Decke und bebte über meinem
Haupte. Ich vermuthete jetzt, daß dieser Lichtschimmer
von einer Laterne herrührte, die Jemand über den
Rasenplatz trug; aber da mein Geist auf etwas Entsetzliches vorbereitet und meine Nerven durch Aufregung erschüttert waren, hielt ich den wandelnden
Strahl für den Vorboten einer Erscheinung aus der
anderen Welt. Mein Herz schlug heftig, ich glaubte,
ein Geräusch wie das Rauschen von Flügeln zu vernehmen; es schien etwas in meiner Nähe zu sein;
ich war athemlos und glaubte zu ersticken. Das
konnte ich nicht länger ertragen, ich stürzte mich auf
die Thür zu und schüttelte das Schloß mit verzweifelter Anstrengung. Es eilte Jemand den äußeren Gang
daher, der Schlüssel wurde umgedreht und Bessie
und Abbot traten ein.
,Welch' ein schrecklicher Lärm! Es ist mir in alle
Glieder gefahren! rief Abbot.
,Laßt mich heraus! schrie ich.
,Weshalb? Ist Ihnen etwas geschehen? Haben
Sie etwas gesehen? fragte Bessie.
,O! ich sah ein Licht und glaubte, es würde
ein Geist kommen.
,Sie hat absichtlich geschrieen,' behauptete Abbot
gehässig, ,sie wollte uns nur hierher locken, ich kenne
ihre listigen Ränke.
,Was soll das heißen? fragte eine gebieterische
Stimme, und Mistreß Reed kam mit flatternder Haube
und stürmisch rauschendem Kleide den Corridor daher.
,Abbot und Bessie, ich meine doch befohlen zu haben,
Johanna Eyre solle in dem rothen Zimmer bleiben,
bis ich sie selber herauslasse.
,Miß Johanna schrie so laut, Madame,' sagte
Bessie entschuldigend.
,Laß sie nur,' war die Antwort. ,Laß Bessie's
Hand los, Kind, es wird dir nicht gelingen, auf
solche Weise herauszukommen. Ich verabscheue die
List, besonders bei Kindern; es ist meine Pflicht, dir
zu zeigen, daß du durch Ränke nicht deinen Zweck

erreichst. Du wirst jetzt eine Stunde hier länger bleiben, und nur unter der Bedingung der vollkommenen
Unterwürfigkeit werde ich dich dann befreien.
, O Tante, haben Sie Mitleid ! Verzeihen Sie mir!
Ich fürchte mich so sehr in diesem Zimmer -- bestrafen Sie mich auf eine andere Weise! Ich werde
sterben, wenn --'
, Still!' gebot Mistreß Reed, ,diese Heftigkeit ist
schändliche Verstellung !'
So kam es ihr ohne Zweifel vor. Ich war in
ihren Augen eine frühreife Schauspielerin, in deren
Charakter sich glühende Leidenschaften mit gefährlicher
Falschheit vereinigten.
Als Bessie und Abbot sich zurückgezogen hatten,
schob mich Mistreß Reed, aufgebracht über meine
wahnsinnige Angst und mein heftiges Schluchzen,
ohne Weiteres in das Zimmer zurück und schloß mich
ein. Ich hörte sie fortrauschen, und dann sank ich in
Ohnmacht.

Drittes Capitel.

Als ich wieder erwachte, geschah es mit einem
Gefühl, als hätte ich ein furchtbares Alpdrücken gehabt, und ich sah vor mir einen schrecklichen rothen
Schein, der von starken schwarzen Stangen durchkreuzt war. Ich hörte auch Stimmen, die in hohlem
Ton sprachen, als würden sie von dem Rauschen des
Windes erstickt. Die Ungewißheit und die vorherrschende Empfindung des Schreckens verwirrten meinen
Geist. Bald wurde ich gewahr, daß mich Jemand anfaßte und mich in sitzende Stellung hob, und zwar
sanfter, als man mich je vorher aufgerichtet oder
unterstützt hatte. Mein Kopf lag auf einem Kissen
oder auf einem Arme und ruhte weich.
Nach wenigen Minuten verschwand die Wolke
der Verwirrung, ich wußte, daß ich in meinem Bette
lag und daß der rothe Schein von dem Feuer des
Kamins in der Kinderstube herrührte. Es war Nacht,
ein Licht brannte auf dem Tische. Bessie Stand, ein
Becken in der Hand, am Fußende des Bettes; ein
Herr saß auf einem Stuhle neben meinem Kopfkissen
und neigte sich über mich.
Ich empfand eine unaussprechliche Erleichterung,
eine besänftigende Ueberzeugung des Schutzes und
der Sicherheit, als ich wußte, daß ein Fremder im
Zimmer war, eine Person, die nicht zu Gateshead
gehörte und nicht mit Mistreß Reed verwandt war.
Mich von Bessie abwendend, obgleich ihre Gegenwart mir viel weniger lästig war, als es die der
Miß Abbot gewesen sein würde, beobachtete ich das
Gesicht des Herrn. Ich kannte ihn; es war Herr
Lloyd, ein Apotheker und Wundarzt, der zuweilen
von Mistreß Reed gerufen wurde, wenn ihre Diener
krank waren, wegzogen sie und ihre Kinder einen
Arzt gebrauchten.
, Nun, wer bin ich? fragte er.
Ich nannte seinen Namen und reichte ihm zugleich meine Hand. Er nahm sie, lächelte und sagte:
, Es wird schon nach und nach besser mit
uns werden.
Dann legte er mich nieder und trug Bessie auf,
dafür zu sorgen, daß ich während der Nacht nicht
gestört werde. Nachdem er noch einige weitere Anordnungen gegeben, sagte er, er werde am nächsten
Tage wiederkommen, und entfernte sich zu meinem
Kummer. Ich hatte mich beschützt und sicher gefühlt,
während er auf dem Stuhle neben meinem Bette gesessen; als er die Thür hinter sich zumachte, sank
mein Muth, und eine unaussprechliche Traurigkeit
beschlich mein Herz.
,Meinen Sie, daß Sie schlafen könnten, Miß?
fragte Bessie ziemlich sanft.
Kaum wagte ich zu antworten, denn ihr nächstes
Wort konnte rauh sein.
, Ich will es versuchen, sagte ich.
, Möchten Sie vielleicht trinken oder etwas essen?

, Nein, ich danke Ihnen, Bessie.
, Dann, denke ich, will ich zu Bette gehen, denn
es ist schon über zwölf; aber Sie können mich rufen,
wenn Sie in der Nacht etwas bedürfen.'
Das war eine wunderbare Höflichkeit! Sie machte
mich so kühn, eine Frage zu thun.
, Bessie, was ist mit mir geschehen?
,Ich vermuthe, Sie wurden im rothen Zimmer
vom vielen Schreien ohnmächtig. Es wird ihnen bald
besser sein.
Bessie ging in das Zimmer des Hausmädchens,
welches an die Kinderstube stieß, und ich hörte sie sagen:
,Sara, komm' und schlafe mit mir in der Kinderstube; ich möchte um's Leben nicht die Nacht mit
dem armen Kinde allein sein; sie könnte sterben. Es
ist ein seltsamer Vorfall, diese Ohnmacht, es soll mich
wundern, ob sie wohl etwas gesehen hat; Missis war
doch zu hart gegen sie.'
Sara und Bessie legten sich zu Bette und flüsterten
noch eine halbe Stunde zusammen, ehe sie einschliefen.
Ich vernahm einige abgerissene Worte von ihrer
Unterhaltung.
,Es ist ihr etwas erschienen, ganz weiß gekleidet,
und dann verschwunden -- ein großer, schwarzer
Hund hinter ihm -- drei starke Schläge an die Kammerthür -- ein Licht auf dem Kirchhofe gerade über
seinem Grabe u. s. w.'
Endlich schliefen Beide, das Feuer und das Licht
gingen aus. Ich brachte die lange Nacht in schrecklichem Wachen zu; Ohr, Auge und Geist waren gleich
geschärft durch die Furcht -- solche Furcht, wie sie
nur Kinder empfinden können.
Keine schwere oder langwierige körperliche Krankheit folgte auf dieses Ereignis im rothen Zimmer, es
gab nur meinen Nerven einen Stoß, wovon ich die
Erschütterung noch heute empfinde. Ja, Mistreß Reed,
Ihnen habe ich einige furchtbare Qualen geistigen
Leidens zur Tast zu legen. Aber ich muß Ihnen verzeihen, denn Sie wußten nicht, was sie thaten; während Sie die Saiten meines Herzens zerrissen, glaubten
Sie nur meine bösen Neigungen auszurotten.
Am folgenden Tage um Mittag war ich auf und
saß angekleidet und in einen Shawl gehüllt, am Kamin
in der Kinderstube. Ich fühlte mich matt und niedergeschlagen; aber mein schwerstes Leiden war ein unaussprechliches Elend der Seele, welches mir beständig
stille Thränen auspreßte. Eigentlich hätte ich froh sein
sollen, denn keins von den Reed's war da; sie waren
alle mit ihrer Mama ans gefahren, Abbot nähte in
dem anderen Zimmer, und Bessie, die von Zeit zu
Zeit hereinkam, richtete hin und wieder ein ungewöhnlich freundliches Wort an mich. Aber meine angegriffenen Nerven befanden sich jetzt in einem solchen
Zustande, daß keine Ruhe sie besänftigen konnte.
Bessie war in der Küche gewesen und hatte eine
Torte auf einem glänzend bemalten chinesischen Teller
hereingebracht, dessen Paradiesvogel, der unter Rosenknospen nistete, mich stets in begeisterte Bewunderung
zu versetzen pflegte. Oft hatte ich gebeten, diesen Teller
in die Hand nehmen zu dürfen, um ihn genauer zu
betrachten, doch hatte man mich bisher immer dieses
Vorrechts für unwürdig erklärt. Dieses kostbare Gefäß wurde jetzt auf meine Knie gesetzt und ich freundlich eingeladen, das darauf befindliche delicate Gebäck
zu essen. Vergebliche Gunst! die, wie die meisten, oft
gewünschten und lange verweigerten Gunstbezeugungen,
zu spät kam! Ich konnte die Torte nicht essen, und
das Gefieder des Vogels, die Farben der Blumen erschienen mir seltsam verblichen. Ich stellte Teller und
Torte weg. Bessie fragte, ob ich ein Buch haben
wollte; das Wort Buch wirkte belebend auf mich,
und ich bat sie, Gulliver's Reisen aus der Bibliothek
zu holen. Dieses Buch hatte ich wiederholt mit Entzücken gelesen; ich betrachtete es als eine Erzählung
von Thatsachen und fand ein lebhafteres Interesse
daran, als an den Feenmärchen, nachdem ich die
Elfen vergebens unter Fingerhutblättern und Glockenblumen, unter Moosrosen und dem Epheu gesucht

hatte, der die alten Mauern überkleidete. Da Liliput
und Brobdignag meinem Glauben nach feste Theile
der Oberfläche der Erde waren, so zweifelte ich nicht,
daß ich einst auf einer weiteren Reise mit eigenen
Augen die kleinen Häuser und Bäume, das winzige
Völkchen, die zierlichen Kühe, Schafe und Vögel dieses
Reiches, und die Kornfelder, so hoc wie die Bäume
des Waldes, die mächtigen Hunde, die ungeheuren
Katzen und die thurmähnlichen Männer und Weiber
des anderen Reiches sehen werde. Doch als dieses ersehnte Buch jetzt in meine Hand gelegt wurde -- als
ich die Blätter umschlug, da erschien mir Alles öde
und leer. Ich machte das Buch zu und legte es neben
der unangerührten Torte auf den Tisch.
Bessie war jetzt mit Abstäuben und Auskehren
fertig, und nachdem sie ihre Hände gewaschen, öffnete
sie ein gewisses kleines Fach, welches mit glänzenden
Stücken Seidenzeug und Sammet angefüllt war, und
begann einen neuen Hut für Georginens Puppe zu
machen. Dabei sang sie mit klagender, aber angenehmer Stimme:
Wund sind die Füße und müde die Glieder,
Weit ist der Weg, es stürmt der Wind;
Bald senkt die Dämm'rung auf Pfade sich nieder,
Wo trostlos wandert das Waisenkind.
Ach! warum schickt man mich doch in die Ferne,
Wo öde Triften und Felsen nur sind;
Hart sind die Menschen, wie oft ich hier lerne:
Engel nur leiten das Waisenkind.
Sterne mir strahlen so lieblich dort oben,
Die Wolken verschwinden, die Luft wehet lind;
Gott gibt mir Trost, und ihn muß ich loben:
Er schützet gnädig das Waisenkind.
Sollt' ich auch fallen, wenn morsch ist die Brücke,
Und folgen dem täuschenden Irrlichte blind;
Stets ruft mein Vater mich liebend zurücke:
Nimmt an den Busen das Waisenkind.
Sollten auch oftmals die Kräfte mir fehlen,
Und ich nicht wissen, wo Obdach ich find :
Will ich den Himmel zur Heimat mir wählen:
Gott hat zum Freunde das Waisenkind.

, Ei, Miß Johanna, weinen Sie nicht, sagte
Bessie, als sie geendet hatte. Ebenso gut hätte sie zu
dem Feuer sagen können: ,Brenne nicht!
Im Laufe des Morgens kam Herr Lloyd wieder.
, Was? schon auf? sagte er, als er in die
Kinderstube trat. , Nun, Bessie, wie geht es mit ihr?
Bessie antwortete, es gehe sehr gut mit mir.
, Dann müßte sie heiterer aussehen. Kommen
Sie her, Miß Johanna; Ihr Name ist Johanna,
nicht wahr?
. Ja, Herr, Johanna Eyre.
, Sie haben geweint, Miß Johanna Eyre. Können
Sie mir sagen, warum? Empfinden Sie irgend einen
Schmerz?
, Nein, Herr.
, O! ich denke sie weint, weil sie nicht mit Missis
hat ausfahren dürfen, fiel Bessie ein.
Da meine Selbstachtung durch diese falsche Auskunft verwundet wurde, so antwortete ich sogleich:
, Ich weinte nie in meinem Leben wegen einer
solchen Sache und fahre überhaupt nicht gern im
Wagen. Ich weine, weil ich elend bin.
, O pfui, Miß! sagte Bessie.
Der gute Apotheker schien ein wenig verlegen,
wie er das nehmen sollte. Er richtete seine Augen
fest auf mich; diese Augen waren klein und grau,
nicht sehr hell, aber schlau genug; er hatte harte
Züge und doch ein gutmüthiges Gesicht. Nachdem er
mich mit Muße betrachtet hatte, sagte er:
, Was machte Sie gestern krank?
, Sie ist gefallen, antwortete Bessie wieder an
meiner Stelle.
, Ich wurde zu Boden geschlagen, war meine
unumwundene Erklärung. ,Aber das machte mich
nicht krank, fügte ich hinzu, während Herr Lloyd
eine Prise Schnupftabak nahm.
Als er die Dose wieder in seine Westentasche gesteckt hatte, wurde zum Mittagessen der Dienerschaft
geklingelt. Er wußte, was es bedeutete, und sagte:

, Das gilt Ihnen. Bessie, Sie können hinuntergehen; 
ich will inzwischen Miß Johanna meine ärztlichen
Vorschriften ertheilen.
 Bessie wäre lieber dageblieben, doch war sie ge
nöthigt zu gehen, denn Pünktlichkeit bei den Mahl
zeiten wurde in Gateshead Hall strenge gefordert.
 Der Fall machte Sie also nicht krank? fuhr 
Herr Lloyd fort, als Bessie gegangen war.
, Was
 also war es denn?
, Ich wurde bis nach der Dunkelheit in einZimmer eingeschlossen, wo sich ein Geist aufhält.'
Ich sah, wie Herr Lloyd zu gleicher Zeit lächelte
 und finster blickte.

, Geist! Sie fürchten Geister --

, Ja, Herrn Reed's Geist fürchte ich, er starb injenem Zimmer und wurde dort ausgestellt. Weder
 Bessie noch irgend sonst Jemand geht bei Nacht hinein, wenn es zu vermeiden ist; und es war grausam,
 mich allein und ohne Licht dort einzuschließen -- sograusam, daß ich es nie vergessen werde. Unsinn! und ist es das, was Sie so elend
 macht? Fürchten Sie sich denn auch jetzt bei
 Tage?

, Nein; aber die Nacht wird bald kommen, und
 überdies bin ich unglücklich -- sehr unglücklich wegen
s anderer Dinge.
, Wegen welcher anderen Dinge? Können Sie
 mir einige davon nennen?
 Wie sehr wünschte ich, diese Frage vollständig zu beantworten! Wie schwierig war es jedoch, eine 
Antwort zu geben! Kinder können fühlen, aber sie 
können ihre Gefühle nicht analysiren; und wenn diese Analyse auch zum Theil in Gedanken vorgeht, so
 wissen sie doch das Resultat des Processes nicht in W
orten auszudrücken. Da ich indessen fürchtete, meine
 erste und einzige Gelegenheit zu verlieren, meinen
 Kummer durch die Mittheilung zu erleichtern, gelang
 es mir nach einer Pause der Verwirrung, eine Antwort
 hervorzubringen.

,Für's Erste, weil ich weder Vater noch Mutter, weder Brüder noch Schwestern habe.'
,Aber Sie haben eine gütige Tante, Vetter und Cousinen? 
Ich schwieg wieder und stotterte dann hervor:
, Aber John Reed schlug mich zu Boden und
 meine Tante schloß mich in das rothe Zimmer ein.
Herr Lloyd bracht zum zweiten Male seine Schnupftabaksdose zum Vorschein.
, Ist nicht Gateshead Hall ein sehr schönes 
Haus? fragte er. Sind Sie nicht sehr dankbar, 
daß Sie an einem so schönen Orte leben können?
, Es ist nicht mein Haus, Herr, und Abbot sagt,
 ich habe weniger Recht, hier zu sein, als eine Die
nerin.

, Pah! Sie können nicht so thöricht sein, einen
 so reizenden Ort verlassen zu wollen!
, Wenn ich irgendwo anders hingehen könnte,
 würde ich ihn gern verlassen; aber ich kann nicht
 eher von Gateshead fort, als bis ich erwachsen bin.''
, Vielleicht doch -- wer weiß? Haben Sie noch
Verwandte, außer Mistreß Reed?
, Ich glaube nicht, Herr.
, Keine von Seite Ihres Vaters
, Ich weiß nicht; ich fragte Tante Reed einst 
darnach, und sie sagte, es könnte möglich sein, dass 
ich einige arme Verwandte niederen Standes habe, 
doch sie wisse nichts von ihnen.'
, Wenn Sie solche hätten, würden Sie zu ihnen
 gehen wollen?
Ich dachte nach. Die Armuth hat für erwachsene
 Leute etwas Abschreckendes und noch mehr für Kinder;
 sie verbinden mit diesem Worte die Vorstellung von
 zerlumpten Kleidern, spärlicher Nahrung, kalten Zimmern,
 rohen Sitten und entehrenden Lastern. Armuth war 
für mich mit Entehrung gleichbedeutend.
,Nein, ich möchte nicht bei armen Leuten sein,' war meine Antwort.
,Auch nicht, wenn sie gütig gegen Sie wären?

Ich schüttelte den Kopf, ich konnte nicht ein
sehen, wie es armen Leuten möglich sein sollte, gütig
 zu sein; ich erschrak vor dem Gedanken, ihre gemeine
 Sprache und ihre Sitten anzunehmen, unwissend zu
 werden und aufzuwachsen wie eins jener armen Weiber, 
die ich vor den Thüren der Häuser im Dorfe Gatesh
ead ihre Kleider hatte waschen sehen, nein, ich war 
nicht heroisch genug, die Freiheit um den Preis einer
 solchen Erniedrigung zu erkaufen.

, Aber sind Ihre Verwandten denn so sehr arm?

, Ich kann es nicht sagen; Tante Reed sagt,
 wenn ich welche hätte, müßte es ein bettelhaftes Pack 
sein; und ich möchte nicht betteln gehen.'
, Möchten Sie denn wohl in die Schule gehen?

Ich dachte wieder nach; ich wußte kaum, waseine Schule sei. Bessie sprach zuweilen davon, wie 
von einem Orte, wo junge Damen eingesperrt würden, 
Zwangsleibchen trügen und außerordentlich pünktlich
 und artig sein müßten; John Reed haßte seine 
Schule und verspottete seinen Lehrer; aber John
 Reed's Geschmack war keine Regel für mich; und
 wenn Bessie's Berichte von der Schuldisciplin, die
 ihr in ihrer früheren Stellung von den jungen Damen der Familie geschildert worden war, auch etwas abschreckend lauteten, so hatte sie mir doch auch von den Fertigkeiten erzählt, welche man dort erlangte, und daran fand ich großen Gefallen. Sie sprach von 
schönen Bildern, von Landschaften und Blumen, die 
sie verfertigen, von Liedern, die sie singen, und von
 Musikstücken, die sie spielen, von Börsen, die sie häkeln,
 und von französischen Büchern, die sie übersetzen
 lernten, so daß mein Geist zur Nacheiferung angetrieben wurde. Ueberdies wäre die Schule eine
 völlige Veränderung für mich gewesen: sie stellte 
mir eine weite Reise, eine gänzliche Trennung von
 Gateshead und den Eintritt in ein neues Leben in
 Aussicht.
, Ich möchte in der That wohl in die Schule
 gehen,'' war der hörbare Schluß meines Nachdenkens.


, Nun, wer weiß, was geschehen kann, sagte
 Herr Lloyd, indem er aufstand.
, Das Kind sollte Luftveränderung haben, fügte er, mit sich selber redend hinzu, ,die Nerven sind in keinem guten Zustande.
Jetzt kehrte Bessie zurück, und in demselbenAugenblick hörte man den Wagen über den Kiesweg
 dahinrollen.
, Ist das Ihre Dame, Bessie? fragte Herr 
Lloyd, ,ich möchte gern mit ihr reden, ehe ich gehe.
Bessie lud ihn ein, sich in das Frühstückzimmer
 zu begeben, und ging voran, um ihm den Weg zu 
zeigen. Aus späteren Ereignissen schließe ich, daß derApotheker in seiner Unterredung mit Mistreß Reed 
ihr den Vorschlag gemacht habe, mich in die Schule
zu schicken, und daß dieser Rath ohne Zweifel sehr 
bereitwillig aufgenommen wurde, denn eines Abends,
 als ich im Bette lag und Abbot und Bessie, die mic
h bereits schlafend glaubten, sich im anstoßenden Kinderzimmer bei ihrer Näharbeit unterhielten, hörte ich
 Abbot sagen:
, Ich zweifle nicht, daß Missis sehr froh ist,
 ein so lästiges und übelgesinntes Kind los zu werden,
welches immer aussieht, als wenn es Jedermann 
beobachte und geheime Pläne entwürfe.
Bei derselben Gelegenheit erfuhr ich zum ersten
Mal aus den Mittheilungen, die Miß Abbot Bessie
 machte, daß mein Vater ein armer Geistlicher gewesen, daß meine Mutter ihn gegen die Wünsche
 ihrer Verwandten geheiratet, welche die Verbindung
 unter ihrem Stande gehalten, und daß mein Großvater Reed in seinem Zorne über ihren Ungehorsam 
ihr keinen Schilling gegeben hatte. Wie Abbot weiter
erzählte, war ein Jahr nach der Heirat meiner Eltern mein Vater an Typhus erkrankt, den er sich 
bei einer Epidemie in der Arbeiterbevölkerung der
 Stadt, wo er Prediger war und die Armen besuchte,
 zugezogen hatte. Die Krankheit hatte sich auch auf
 meine Mutter übertragen und beide waren innerhalb
 eines Monats nach einander gestorben.

Als Bessie diese Erzählung hörte, seufzte sieund sagte:
, Die arme Miß Johanna ist doch sehr zu 
bedauern.
, Ja, antwortete Abbot, ,wenn sie ein hübsches, artiges Kind wäre, könnte man wohl Mitleid 
mit ihrer Verlassenheit haben, aber um eine solche Kröte kann man sich nicht viel kümmern.

, Freilich nicht viel,' stimmte Bessie ein, ,auf
 jeden Fall würde eine Schönheit, wie Miß Georgine,
viel rührender in einer solchen Lage sein.''
, Ja, ich schwärme für Miß Georgine! rief 
die begeisterte Abbot. , Der kleine Engel mit den langen Locken und blauen Augen! Und welch' einen 
lieblichen Teint sie hat! -- Bessie, ich möchte wohl
ein walisisches Kaninchen zum Abendessen haben.
, Mir würde es auch behagen -- mit einer gebratenen Zwiebel. Kommen Sie, wir wollen hinuntergehen
Und sie entfernten sich.


Viertes Capitel.
Meine Unterredung mit Herrn Lloyd und die 
oben berichtete Conferenz zwischen Bessie und Abbot 
erregten in mir den lebhaften Wunsch, bald wieder
hergestellt zu sein, denn eine Veränderung schien nahe 
-- ich wünschte und erwartete sie mit Schweigen.
Tage und Wochen vergingen, ich hatte meinen gewöhnlichen Gesundheitszustand wieder erlangt, doch 
wurde keine Anspielung auf den Gegenstand laut, 
worüber ich brütete. Mistreß Reed sah mich zuweilen 
mit durchdringenden Blicken an, sprach aber selten
mit mir; seit meiner Krankheit hatte sie eine noch s
trengere Trennungslinie zwischen mir und ihren
 eigenen Kindern gezogen, indem sie mir ein kleines Gemach zum Schlafen anwies, mich verurtheilte,
 meine Mahlzeiten allein einzunehmen und alle meine

Zeit in der Kinderstube zuzubringen, während ihre 
Kinder im Gesellschaftszimmer waren. Indessen ließ sie kein Wort davon fallen, daß sie mich in die
 Schule schicken wolle. Doch fühlte ich instinctmäßig 
die Gewißheit, daß sie mich nicht mehr lange unterihrem Dache dulden würde, denn wenn ihr Blick
 sich auf mich richtete, drückte er mehr als je eineunüberwindliche Abneigung aus. Offenbar nach ihrem
 Befehle handelnd, sprachen Elise und Georgine so
wenig als möglich mit mir. John drückte die Zunge 
gegen seine Wange, wenn er mich sah, und versuchte
 mich zu bestrafen; aber da ich, von derselben Em
pfindung tiefen Hasses und verzweifelter Empörung 
aufgeregt, die durch die frühere üble Behandlung veranlaßt worden, mich augenblicklich zur Wehr setzte,
 so hielt er es für besser, davon abzustehen, lief mit
 Verwünschungen davon und behauptete, ich hätte ihm 
das Nasenbein zerbrochen. Ich hatte ihm freilich einen
 so heftigen Schlag als meine schwache Muskelkraft
 zuließ, auf diesen vorragenden Gesichtstheil versetzt;
 und als ich sah, daß die Erinnerung an diesen 
Schlag oder mein Blick ihn erschreckte, empfand ich
 die größte Neigung, meinen Vortheil noch weiter zuverfolgen, aber er war schon bei seiner Mama. Ichhörte, wie er in plärrendem Ton begann, daß die
 garstige Johanna Eyre wie eine wilde Katze auf ihn
zugefahren sei, doch wurde er ziemlich rauh unterbrochen:
, Rede mir nicht von ihr, John; ich sagte dir, 
du solltest nicht in ihre Nähe kommen; sie ist der
 Beachtung nicht werth. Ich wünsche nicht, daß du
 oder deine Schwestern sich mit ihr einlassen.'
Hier lehnte ich mich über das Treppengeländer
und rief plötzlich und ohne Ueberlegung die Worte
 aus:
,Sie sind nicht werth, daß ich mich mit ihneneinlasse.
Mistreß Reed war eine wohlbeleibte Frau, doch 
als sie diese kühne Erklärung hörte, lief sie rasch die
Treppe hinauf, riß mich wie ein Wirbelwind mit 
in die Kinderstube fort, drückte mich auf den Rand 
meines Bettes nieder und gebot mir mit nachdrück
licher Stimme, mich den ganzen Tag nicht von der 
Stelle zu rühren oder eine Silbe zu sprechen.
, Was würde Onkel Reed sagen, wenn er noch
 am Leben wäre? war meine unwillkürliche Frage. Es schien als ob meine Zunge diese Worte gegen 
meinen Willen aussprach, und als rede etwas aus 
mir, worüber ich keine Gewalt hatte.
, Was sagte Mistreß Reed in leisem Tone;
 ihr gewöhnlich kaltes und ruhiges graues Auge
 wurde unruhig und nahm fast einen Ausdruck der 
Furcht an; sie ließ meinen Arm los und sah mich 
an, als wisse sie in der That nicht, ob ich ein Kindoder ein böser Geist sei. Ich hatte jetzt das Eis gebrochen und fuhr fort:
, Mein Onkel Reed ist im Himmel und kannAlles sehen, was sie thun und denken, ebenso auch Papa und Mama; sie wissen, daß Sie mich denganzen Tag eingeschlossen haben und meinen Tod 
wünschen.
Mistreß Reed faßte sich bald wieder; sie schüt
telte mich heftig, versetzte mir eine Ohrfeige auf jede
Wange und verließ mich, ohne ein Wort zu reden. 
Bessie erging sich dann in einer stundenlangen Strafpredigt, worin sie mir unzweifelhaft bewies, daß ichdas gottloseste und verworfenste Kind sei, das je 
unter einem Dache erzogen worden. Ich glaubte ihr
halb, denn ich empfand in der That, wie sich nur
 böse Gefühle in meiner Brust regten.
November, December und die Hälfte des Ja
nuar gingen vorüber, Weihnachten und Neujahrwaren in Gateshead mit der gewöhnlichen festlichen 
Heiterkeit begangen worden; man hatte Geschenke
 gewechselt, Mittagsmahlzeiten und Abendgesellschaftengegeben. Ich war natürlich von jedem Vergnügenausgeschlossen. Die Wahrheit zu sagen, hegte ich nichtden geringsten Wunsch, mich in Gesellschaft zu bewegen, denn dort wurde ich fast gar nicht beachtet,
und wenn Bessie nur freundlich und gesellig gewesen
 wäre, hätte ich viel lieber den Abend ganz in der
 Stille mit ihr zugebracht, anstatt unter den schrecklichen 
Augen der Mistreß Reed in einem mit Damen und
 Herren angefüllten Zimmer. Aber sobald Bessie ihrejungen Damen angekleidet hatte, pflegte sie sich in
 die lebhafteren Regionen der Küche und des Zimmers der Haushälterin zu begeben und gewöhnlich
 das Licht mitzunehmen. Ich saß dann da, meine 
Puppe auf dem Schoß, bis das Feuer niedergebrannt 
war, sah mich von Zeit zu Zeit um, ob nicht noch
 etwas Böseres als ich in dem sich verfinsternden
 Zimmer weile, und wenn die Kohlen nur noch einen 
schwachen Schimmer verbreiteten, kleidete ich michhastig aus und suchte Schutz vor der Kälte undDunkelheit in meinem Bettchen. In dieses Bettchen 
nahm ich immer meine Puppe mit; menschliche Wesen 
müssen etwas lieben, und in Ermangelung eineswürdigeren Gegenstandes fand ich ein Vergnügen 
daran, eine invalide Puppe mit fast schon farblosem
 Gesicht zu lieben und zu liebkosen.
 Die Stunden erschienen mir sehr lang, während 
ich die Entufernung* der Gesellschaft erwartete und auf 
Bessie's Tritte auf der Treppe horchte. Zuweilen kam 
sie herein, ihren Fingerhut oder ihre Scheere zu suchen, 
oder mir etwas zum Abendessen zu bringen, einen 
Fladen oder einen Käsekuchen, dann setzte sie sich auf
mein Bett, während ich , und wenn ich fertig war, 
drückte sie die Bettdecke fester um mich, küßte michund sagte:
, Gute Nacht, Miß Johanna. Wenn Bessie so sanft war, erschien sie mir als
 das beste, schönste und gütigste Wesen auf der Welt;
 und ich wünschte aufrichtig, sie möchte immer so angenehm und liebenswürdig sein und mich niemals 
herumstoßen und schelten, was sie oft zu thun pflegte.
 Bessie Lee mußte von guten natürlichen Anlagen sein,
 denn sie zeigte Geschick bei Allem, was sie that, und

besaß eine bemerkenswerthe Erzählergabe; so urtheile 
ich wenigstens nach dem Eindruck, den ihre Märchen 
auf mich machten. Ich sehe sie noch immer vor mir 
als ein hübsches junges Frauenzimmer mit schwarzemHaar, dunklen Augen, sehr angenehmen Gesichtszügen
 und reinem Teint; aber sie hatte ein launenhaftes 
und unruhiges Temperament und laue Ansichten von 
Grundsätzen und Gerechtigkeit; aber auch so wie sie
 war zog ich sie jeder anderen Person in Gateshead
 Hall vor.
Es war am 15. Januar um neun Uhr Mor
gens, Bessie befand sich unten beim Frühstück, und
 meine Cousinen waren noch nicht zu ihrer Mama
 gerufen. Elise zog ihr warmes Winterkleid an und
setzte ihren Hut auf, um das Federvieh zu füttern,
welche Beschäftigung sie besonders liebte, um die Eier 
an die Haushälterin zu verkaufen und das so gewonnene Gold aufzusparen. Sie hatte Geschick zum
 Handeln und eine vorherrschende Neigung zum Sparen, was sich nicht nur beim Verkaufen von Eiern
 und jungen Hühnern zeigte, sondern auch bei den Geschäften mit dem Gärtner, welcher von Mistreß Reed den Befehl hatte, seiner jungen Herrin alle Producte 
ihrer Blumenbeete abzukaufen, die sie zu verkaufen
 wünschte, und Elise hätte das Haar von ihrem Kopf verkauft, wenn sie einen hübschen Profit dabei gesehen
 hätte. Ihr Gold verbarg sie anfangs in Winkeln, 
doch als das Hausmädchen einige von diesen Schatzkammern entdeckt hatte, fürchtete Elise den Verlust 
ihrer Schätze und willigte ein, ihre Baarschaft ihrer 
Mutter zu dem übertriebenen Zins von fünfzig oder
 sechzig Procent anzuvertrauen, welchen Zins sie alle
 Vierteljahre pünktlich einforderte und in einem 
kleinen Buche mit ängstlicher Sorgfalt notirte.
 Georgine saß auf einem hohen Stuhle, ordnete
 ihr Haar vor einem Spiegel und durchflocht ihre
 Locken mit künstlichen Blumen und verblichenen
 Federn, wovon sie einen Vorrath in einem Face auf
 einer Dachstube gefunden. Ich machte mein Bett, da

ich von Bessie den strengen Befehl erhalten, es bis
 zu ihrer Rückkehr zu ordnen, denn Bessie beschäftigte
 mich jetzt häufig als ihre Gehilfin beim Auskehren 
der Stube, Abstäuben der Möbel u. s. w. Nachdem
 ich die Matratze zurecht gelegt und mein Nachtzeug
 zusammengefaltet, ging ich zu dem Fenstersitze, umeinige Bilderbücher und Spielsachen wegzuräumen.
Ein plötzlicher Befehl von Georginen, ihre Spielsachen 
in Ruhe zu lassen, bewog mich, davon abzustehen, und
 in Ermanglung anderer Beschäftigung begann ich 
Eisblumen am Fenster wegzuhauchen, wodurch ich
 den Ausblick auf die Wohnung des Portiers und
 den Fuhrweg gewann. Eben sah ich das Thor sich
 öffnen und einen Wagen hereinrollen. Bald darauf 
trat Bessie in die Kinderstube.

, Miß Johanna -- haben Sie diesen Morgen
 schon Ihre Hände und Ihr Gesicht gewaschen?
, Nein, Bessie, ich bin eben erst mit dem Abstäuben fertig geworden.
, Lässiges, sorgloses Kind! schalt Bessie, riß mich
 zu dem Waschtisch hin, rieb mir unerbittlich Gesicht
 und Hände mit Seife, Wasser und einem groben
 Handtuch, glättete mein Haar mit einer harten Bürste,
 zog mich zur Treppe hin und befahl mir, hinunter
zugehen, da man meiner im Frühstückzimmer bedürfe.
Ich wollte fragen, was ich dort solle, aberBessie war schon fort. Ich stieg also langsam hinunter. Seit beinahe drei Monaten hatte mich Mistreß 
Reed nie zu sich gerufen. So lange auf die Kinderstube beschränkt, waren mir das Frühstückzimmer, 
das Speisezimmer und die Gesellschaftszimmmer 
schreckensvolle Regionen geworden, die ich nur mit 
Furcht zu betreten wagte.
 Ich stand jetzt in dem leeren Vorsaale; vor
meinen Augen war die Thür des Frühstückzimmers 
und ich blieb furchtsam und zitternd stehen. Wie feigherzig war ich in jenen Tagen durch eine ungerechte
 Strafe geworden! Zehn Minuten stand ich in aufgeregtem Zaudern da, das heftige Klingeln in dem
 Frühstückszimmer brachte mich zu dem Schlusse, daß
 ich eintreten müsse.
, Wer mag mich rufen -- fragte ich mich selber,
 als ich mit beiden Händen den schweren Drücker
faßte.
, Wen mochte ich außer Tante Reed in jenem
 Zimmer finden -
- Die Thür ging auf, ich trat ein, machte eine 
tiefe Verneigung, sah auf und erblickte einen schwarzen Pfeiler! -- So erschien mir wenigstens beim ersten 
Anblick die schmale, schwarz gekleidete Gestalt,
die auf dem Teppich stand, und das grimmige Ge
sicht am oberen Ende hatte Aehnlichkeit mit einer
Maske, die man anstatt des Capitals auf den Schaft 
gestellt.
 Mistreß Reed nahm ihren gewöhnlichen Sitz am
 Kamin ein und gab mir ein Zeichen, mich zu nähern; 
ich that es, und sie stellte mich dem steinernen Gaste 
mit den Worten vor:

, Dies ist das kleine Mädchen, wegen welcher ich
 mich an Sie gewendet habe.'
Er, denn es war ein Mann, wendete seinen Kopf 
langsam zu der Stelle, wo ich stand, prüfte mich mit
 zwei forschenden grauen Augen, die unter buschigen
 Brauen funkelten, und sagte feierlich und mit tiefer
 Baßstimme:
, Sie ist von kleinem Wuchs; wie alt ist sie?

, Zehn Jahre.

, So alt? war die zweifelnde Antwort. Er
 setzte seine Beobachtung noch einige Minuten lang 
fort und redete mich darauf sogleich an:
, Dein Name, kleines Mädchen?

, Johanna Eyre, Herr.
 Indem ich diese Worte aussprach, blickte ich auf.
 Seine Gesichtszüge sowie alle Umrisse seiner Gestalt 
erschienen mir gleich strenge und geschraubt.
, Nun, Johanna Eyre, und du bist ein gutes Kind?

Da die kleine Welt, in der ich lebte, die entgegengesetzte Ansicht hegte, so war es unmöglich, diese

Frage zu bejahen, und ich schwieg. Mistreß Reed antwortete mit ausdrucksvollem Kopfschütteln für mich:
, Je weniger darüber gesagt wird, desto besser
 ist es wohl, Herr Brocklehurst.

, Thut mir leid, dies zu hören! Wir müssen uns 
ein wenig miteinander unterreden.
Hierauf veränderte er seine perpendiculäre Stellung
 in eine sitzende, nahm in dem Zehnsessel der Mistreß 
Reed gegenüber Platz und gebot mir: , Komm
 hierher.
Er stellte mich gerade vor sich hin. Welch' ein
 Gesicht hatte er jetzt, da es mit dem meinigen fast 
in gleicher Höhe war! Welch' eine Nase! und welch'
einen Mund! und welch' große vorragende Zähne!
, Kein Anblick ist so traurig, als der eines un
artigen Kindes, begann er, ,und ganz besonders
 eines unartigen kleinen Mädchens. Weißt du, wohin die Bösen nach dem Tode kommen?

, In die Hölle,' war meine rasche Antwort.
, Und was ist die Hölle? Kannst du mir das 
sage
n?

, Ein Abgrund voll Feuer.
, Und möchtest du in diesen Abgrund fallen und
 darin brennen?

, Nein, Herr.

, Und was mußt du thun, um es zu vermeiden? 
Ich sann einen Augenblick nach, endlich gab ich
 die Antwort:
, Ich muß mich bei guter Gesundheit erhalten 
und nicht sterben.'
, Wie kannst du dich bei guter Gesundheit erhalten? Kinder, jünger als du, sterben täglich. Erst 
vor wenigen Tagen begrub ich ein kleines Kind von 
fünf Jahren -- ein gutes, kleines Kind, dessen Seele
 jetzt im Himmel ist. Es ist zu fürchten, daß man 
nicht das selbe sagen könnte, wenn du abgerufenwürdest.'
Da ich nicht im Stande war, seinen Zweifel zu
 beseitigen, so schlug ich nur die Augen nieder, richtete

sie auf seine beiden großen Füße und seufzte, indem 
ich mich weit weg wünschte.
, Ich hoffe, dieser Seufzer kommt dir vom Herzenund du bereust, deine vortreffliche Wohlthäterin je 
beleidigt zu haben!'
Wohlthäterin ! Wohlthäterin! sagte ich bei mir 
selber, sie nennen alle Mistreß Reed meine Wohl
thäterin; ich stelle mir eine Wohlthäterin anders vor.

, Betest du Abends und Morgens? fuhr er zu 
inquiriren fort.
, Ja. Herr.

, Liest du in deiner Bibel?

, Zuweilen.
, Liest du gern?

, Mir gefällt das Buch Daniel, die Genesis und
 Samuel, ein kleines Stück vom Exodus und einige
 Theile von den Königen und den Chroniken, Hiob
 und Jonas.

, Und die Psalmen ? Ich hoffe, die gefallen dir auch.

, Nein, Herr.

, Nein? O das ist entsetzlich! Ich habe einenkleinen Knaben, jünger als du, der weiß sechs Psalmenauswendig, und wenn du ihn fragst, was er lieber 
will, eine Pfeffernuß essen oder einen Psalm lernen,
 so sagt er: , O! den Psalm ! Engel singen Psalmen,' 
sagt er, , ich will hier schon ein kleiner Engel werden.' -- 
Und dann bekommt er zwei Pfeffernüsse zur Beloh
nung für seine kindliche Frömmigkeit.'
,Die Psalmen sind nicht unterhaltend, be
merkte ich.
,Das beweist, daß du ein böses Herz hast, und
du mußt Gott bitten, dieses steinerne Herz wegzunehmen und dir ein Herz von Fleisch zu geben.'
Ich war im Begriff zu fragen, wie die Vertauschung meines Herzens geschehen könne, als Mistreß 
Reed mir niederzusetzen befahl und dann die Unter
redung selbst weiterführte.

,Herr Brocklehurst, ich glaube in dem Briefe,
 den ich Ihnen vor drei Wochen schrieb, angedeutet
zu haben, daß dieses kleine Mädchen nicht ganz den Charakter und die Gemüthsart habe, wie ich wünschen möchte; sollten Sie sie also in die Schule zu 
Lowood aufnehmen, so würde es mir lieb sein, wenn
 die Directrice und die Lehrerinnen gebeten würden,

ein scharfes Auge auf sie zu haben und sich besonders zu bemühen, ihr ihren ärgsten Fehler, eine Neigung zur Verstellung, abzugewöhnen. Ich erwähne
 dies in deiner Gegenwart, Johanna, damit es dir
 nicht einfallen möge, Herrn Brocklehurst ebenfalls
 täuschen zu wollen.'

Wohl hatte ich Ursache, Mistreß Reed zu verabscheuen, denn es lag in ihrer Art, mich grausam zu
 verwunden. So sehr ich mich auch bemühte, ihr zu
 gefallen, so wurden meine Anstrengungen doch immer 
durch ähnliche Aussprüche, wie der obige, zurückgewiesen und belohnt. Die Beschuldigung, die sie jetzt 
vor einem Fremden ausgesprochen, verwundete mir
 das Herz, ich sah ahnungsvoll ein, daß sie schon die Hoff
nung aus dem neuen Dasein verscheuchte und Ab
neigung und Unfreundlichkeit auf meinen künftigen
 Pfad säete. Ich sah mich vor Herrn Brocklehurst's
 Augen in ein listiges, bösartiges Kind verwandelt,
und was konnte ich thun, um das Unheil von mir
 abzuwenden?
Nichts in der That! dachte ich, während ich 
mich bemühte, ein Schluchzen zu unterdrücken und
 hastig einige Thränen, die ohnmächtigen Zeugen
meiner Seelenqual, trocknete.

,Verstellung ist ein trauriger Fehler an einem
 Kinde,' sagte Herr Brocklehurst, ,sie ist mit der Lüge
verwandt, und alle Lügner werden ihren Antheil an 
dem Pfuhl haben, worin Feuer und Schwefel brennen.
 Sie soll indeß streng beaufsichtigt werden, Mistreß 
Reed, ich will mit Miß Temple und den Lehrerinnen
 reden.'
,Ich wünsche sie so erzogen zu sehen, wie es 
ihren bescheidenen Aussichten angemessen ist, fuhrmeine Wohlthäterin fort, man suche sie nützlich zu
beschäftigen und ihr eine demüthige Gesinnung einzuflößen. Die Ferien wird sie, mit Ihrer Erlaubnis,
 immer in Lowood zubringen.
,Ihre Ansichten und Wünsche sind vollkommen
 gerechtfertigt, Madame, entgegnete Herr Brocklehurst.

,Demuth ist eine christliche Tugend, die sich besonders 
für die Zöglinge von Lowood schickt. Ich trage daher Sorge, daß die Anleitung zu derselben nicht versäumt wird. Ich habe viel Nachdenken darauf ver
wendet, wie man die weltliche Gesinnung des Stolzes 
am besten in solchen Kindern unterdrücken könne, und 
erst kürzlich hatte ich einen erfreulichen Beweis von
 einem glücklichen Erfolge. Meine zweite TochterAuguste ging mit ihrer Mutter, die Schule zu besich
tigen, und rief bei ihrer Rückkehr: ,O lieber Papa, 
wie bescheiden und einfach sehen alle die Mädchenin Lowood aus mit ihren hinter die Ohren gekämmten Haaren und ihren langen Tätzchen und den
 kleinen Taschen von Leinwand an der Außenseite ihrerKleider -- sie gleichen fast Kindern armer Leute! 
Sie blickten meine und Mamas Kleidung an, alshätten sie nie vorher ein seidenes Kleid gesehen.'
,Dies ist gerade, was ich wünsche,' entgegnete
 Mistreß Reed, , hätte ich ganz England durchsucht,
so würde ich kaum ein System gefunden haben, welches so vollkommen für ein Kind, wie Johanna
 Eyre, paßt. Einfachheit und Gleichförmigkeit, mein
 lieber Herr Brocklehurst -- dafür bin ich in allen
 Dingen.
,Einfachheit und Gleichförmigkeit, Madame, ist
 der erste der christlichen Grundsätze, und dieser wird
in dem Institut zu Lowood in jeder Hinsicht beobach
tet: einfache Speisen, einfacher Anzug, Abhärtung und
 Thätigkeit, Ausschließung aller überflüssigen Bequem
lichkeiten -- das ist die Ordnung des Tages im
 Hause und bei den Bewohnern.
,Ganz richtig, mein Herr. Ich kann mich also 
darauf verlassen, daß dieses Kind als Zögling inLowood aufgenommen und in Uebereinstimmung mit
ihren Lebensverhältnissen und ihren Aussichten be
handelt und erzogen werde?
,Das können Sie, Madame, sie soll in jenes
 Treibhaus aus erlesener Pflanzen aufgenommen werden -- und ich hoffe, sie wird sich für dieses unschätzbare Vorrecht dankbar zeigen.
,Ich will sie sobald als möglich schicken, Herr 
Brocklehurst, denn ich versichere Ihnen, ich möchte so
 schnell wie möglich von einer Verantwortlichkeit befreit werden, die mir allzu lästig wird.'
,Ohne Zweifel, Madame, und nun wünsche ich
 Ihnen einen guten Morgen. Ich kehre erst in einoder zwei Wochen nach Brocklehurst Hall zurück, den 
mein guter Freund, der Archidiaconus, wird mich
 nicht früher fortlassen wollen. Inzwischen werde ich 
Miß Temple Nachricht senden, daß sie eine neueSchülerin zu erwarten hat, damit deren Aufnahme
 keine Schwierigkeiten macht. Leben Sie wohl.
,Leben Sie wohl, Herr Brocklehurst, empfehlen
 Sie mich Mistreß und Miß Brocklehurst, Auguste und 
Theodore, sowie dem jungen Herrn Broughton 
Brocklehurst.
,Ich werde es ausrichten, Madame. Kleines 
Mädchen, hier ist ein Buch, betitelt: Der Kinderfreund. 
Lies darin vor deinem Gebet, besonders jenen Theil, 
der die Erzählung von dem schrecklichen und plötzlichen Tode eines unartigen Kindes, Namens Martha
 G. enthält, welches der Lüge und Verstellung ergeben war.

Bei diesen Worten gab mir Herr Brocklehurst
 ein kleines, in einen Umschlag geheftetes Buch in die 
Hand und entfernte sich.
 Mistreß Reed und ich blieben allein.
 Einige Minuten vergingen unter Schweigen; sienähte und ich beobachtete sie. Mistreß Reed mochte 
damals etwa sechs- oder siebenunddreißig Jahre alt 
sein; sie war eine Frau von zwar nicht großer, aber 
robuster Gestalt, breitschulterig und von starken Gliedern, sie hatte ein etwas breites Gesicht, die Stirn
war niedrig, ihr Kinn groß und vorragend, Mund
 und Nase ziemlich regelmäßig. Unter ihren hellen
 Brauen schimmerte ein unerbittliches Auge. Ihre Haut war dunkel und undurchsichtig, ihr Haar fast
flachsfarbig; ihre Constitution gesund, Krankheit war
 ihr unbekannt. Das Hauswesen und die Landwirth
schaft standen vollkommen unter ihrer geschickten und
 straffen Leitung; nur ihre Kinder trotzten zuweilen
 ihrer Autorität und verlachten sie. Sie hatte ein Benehmen und eine Haltung, die zu der stets sorgfältigen Kleidung paßten.

Wenige Schritte von ihrem Lehnsessel, auf einem
 niedrigen Stuhle sitzend, betrachtete ich ihre Gestalt
 und ihre Gesichtszüge. In der Hand hielt ich das
 Buch, welches den plötzlichen Tod der Lügnerin ent
hielt, auf welche Erzählung meine Aufmerksamkeit als
 geeignete Warnung gerichtet worden war. Was Mistreß
 Reed vorhin zu Herrn Brocklehurst von mir gesagt, 
stand noch frisch und lebhaft vor meinem Geiste. Ich hatte jedes Wort tief empfunden und ein leidenschaftliches Rachegefühl arbeitete jetzt in mir.
Mistreß Reed blickte von ihrer Arbeit auf; ihr
 Auge richtete sich auf das meine.
,Verlaß' das Zimmer und kehre in die Kinderstube zurück,' war ihr Befehl. Mein Blick, oder sonst 
etwas an mir mußte sie beleidigt haben, denn siesprach mit außerordentlicher, obgleich unterdrückter
 Aufregung. Ich stand auf und ging zur Thür, kehrte 
aber wieder zurück und stellte mich vor sie hin.
Reden mußte ich, man hatte mich hart getreten, 
und der Wurm mußte sich krümmen. -- Aber welche
 Kraft hatte ich, meiner Gegnerin Gleiches mit Gleichem zu vergelten? Ich sammelte meinen Muth und sprach meine Gedanken in diesem kühnen
 Satze aus:
,Ich verstelle mich nicht; wenn ich es thäte, 
würde ich sagen, ich liebe Sie; aber ich erkläre, ich
 liebe Sie nicht, ich verabscheue Sie am meisten auf 
der Welt, John Reed ausgenommen. Und dieses
Buch von der Lügnerin können Sie nur Ihrer Toch
ter Georgine geben, denn die lügt, und nicht ich.'
Mistreß Reed's Hände lagen noch unthätig auf 
ihrer Arbeit, ihr eiskaltes Auge ruhte erstarrend auf
 dem meinigen.

,Was hast du noch weiter zu sagen fragtesie in einem Tone, womit man einen erwachsenen 
Gegner anzureden pflegt.

Vom Kopf bis zu den Füßen zitternd, von un
bezähmbarer Aufregung durchbebt, fuhr ich fort:
, Ich bin froh, daß Sie keine Verwandte von 
mir sind, ich will Sie nie wieder Tante nennen, solange ich lebe, ich will Sie nie besuchen, wenn ic
h herangewachsen bin; und wenn mich Jemand fragt, 
wie Sie mir gefallen und wie Sie mich behandelt
 haben, so will ich sagen, daß mich schon der bloßeGedanke an Sie krank macht, und daß Sie mich mit
 elender Grausamkeit behandelt haben.'
,Wie kannst du wagen, das zu behaupten, Jo
hanna Eyre?

,Wie ich es wagen kann, Mistreß Reed? Weiles die Wahrheit ist. Sie denken, ich habe kein Gefühl; könne ohne die geringste Liebe oder Freundlich
keit leben; aber ich kann nicht so leben, und Sie haben 
kein Mitleid. Ich werde mich bis zum Tage meines 
Todes erinnern, wie Sie mich rauh und heftig in das 
rothe Zimmer stießen und mich dort einschlossen, obgleich ich in Todesangst fast erstickend, ausrief: , Haben 
Sie Mitleid! Haben Sie Mitleid, Tante Reed! Und 
diese Strafe mußte ich erdulden, weil Ihr böser
 Junge mich ohne Ursache zu Boden geschlagen hatte.
 Ich will Jedem, der mich fragt, diese Geschichte erzählen. Die Leute halten Sie für eine gute Frau, 
aber Sie verstellen sich, denn Sie sind böse und hart
herzig!' Während ich diese Worte sprach, regte sich 
in mir ein mächtiges Gefühl der Freiheit und des
 Triumpfes, wie ich es nie vorher gekannt hatte.
Es schien, als sei ein unsichtbares Band zerrissen
 und als habe ich eine ungehoffte Freiheit errungen.

Dies Gefühl war nicht ohne Ursache, denn Mistreß
 Reed sah erschrocken aus, ihre Arbeit war von ihrem
 Knie niedergeglitten, sie erhob ihre Hände, wiegte sich 
auf ihrem Stuhle hin und her und verzog sogar ihr
 Gesicht, als ob sie weinen wollte.

, Johanna, du bist im Irrthum. Was ist mit
 dir vorgegangen? Warum zitterst du so heftig? 
Möchtest du nicht ein wenig Wasser trinken?
, Nein, Mistreß Reed.

, Wünschest du denn irgend sonst etwas? Ich
 gebe dir die Versicherung, daß es mein Wunsch ist, deine
 Freundin zu sein.
, Das glaube ich nicht! Sie sagten Herrn Brockle
hurst, ich habe einen bösen Charakter und sei zur
 Verstellung geneigt. Ich will nun auch in Lowood
 Jedermann sagen, wer Sie sind, und was Sie gethan 
haben.'
, Johanna, du verstehst diese Dinge nicht; Kin
der müssen von ihren Fehlern gebessert werden.'
, Verstellung ist nicht mein Fehler!' rief ich mit
 wilder und lauter Stimme.
, Aber du bist leidenschaftlich, Johanna, das musst 
du zugestehen. Und nun kehre in die Kinderstube
zurück -- du bist mein gutes Kind -- und lege dich 
ein wenig nieder.
, Ich bin nicht Ihr gutes Kind; ich kann mich
 nicht niederlegen. Schicken Sie mich bald in die 
Schule, Mistreß Reed, denn ich hasse das Leben hier.'
, Ich will sie in der That bald zur Schule
 schicken, murmelte Mistreß Reed vor sich hin, nahm
 ihre Arbeit und verließ hastig das Zimmer.
Ich war allein zurückgeblieben -- ich hatte das
 Feld gewonnen. Es war der erste Sieg, denn ich 
errungen. Ich blieb eine Weile auf dem Teppich
 stehen, wo Herr Brocklehurst gestanden, und erfreute 
mich in der Einsamkeit meines Triumpfes. Zuerst 
fühlte ich mich gehoben; aber dieses lebhafte Vergnügen legte sich in mir, als die beschleunigten Schläge meines Pulses ruhiger wurden. Ein Kind kann keinen
Streit ausfechten mit älteren Personen, wie ich gethan;
 es kann seine ungestümen Gefühle nicht zügellos spielen 
lassen, wie es bei mir geschehen war, ohne später die Qual der Reue und eine lähmende Gegenwirkung zu
empfinden. Eine halbe Stunde des Schweigens und
 Nachdenkens zeigte mir den Wahnsinn meiner Handlungsweise und die ganze Trostlosigkeit meiner Tage.
Ich hatte zum ersten Mal die Rache gekostet;
 aromatisch wie warmer und würziger Wein, erschien
 sie mir im Augenblicke des Genusses, aber der Nachgeschmack war bitter und verursachte mir die Empfindung, als sei ich vergiftet. Gern wäre ich jetzt gegangen und hätte Mistreß Reed um Verzeihung gebeten; aber ich wußte, theils aus Erfahrung und theils aus Instinct, daß sie mich nur mit doppelter Verachtung zurückweisen und dadurch den stürmischen
 Impuls meiner Natur wieder aufregen werde.
Ich wollte mich in eine feierlichere Stimmung
 versetzen und Nahrung für weniger dämonische Gefühle, 
als die des düsteren Unwillens suchen. Ich nahm
 ein Buch, setzte mich nieder und versuchte zu lesen.
 Ich konnte keinen Sinn darin finden; meine eigenen 
Gedanken schwammen immer zwischen mir und den
 Blättern. Daher öffnete ich eine Glasthür in dem
 Frühstückszimmer und ging in der vereinsamten Allee 
spazieren; aber ich fand kein Vergnügen an den erfrorenen Ueberbleibseln des Herbstes, an den Blättern,
die frühere Winde auf einen Haufen zusammengeweht 
und die der Frost jetzt zu einer einzigen Masse erstarrt
hatte. Ich lehnte mich über die Pforte und blickte
 auf ein leeres Feld hinaus, wo jetzt keine Schafeweideten und das kurze Gras erfroren und erblichen
 war. Das Tageslicht war grau und der Himmel 
düster; von Zeit zu Zeit fielen Schneeflocken nieder,
 die auf dem harten Wege und dem unebenen Rasenplatze, ohne zu schmelzen, liegen blieben. Ich standda, ein unglückliches Kind, und flüsterte wiederholt:
,Was soll ich thun? -- Was soll ich thun?
Plötzlich hörte ich eine klare Stimme rufen:
,Miß Johanna! Wo sind Sie?

Es war Bessie, aber ich regte mich nicht, als sie mit leichten Schritten den Weg heruntertrippelte.

,Sie unartiges kleines Ding! sagte sie. , Warum
 kommen Sie nicht, wenn Sie gerufen werden?

Im Vergleich mit den Gedanken, denen ich
 brütend nachhing, erschien mir Bessie's Gegenwart
s wie eine Erlösung, selbst wenn sie, wie gewöhnlich, etwas rauh war. Uebrigens war ich nach dem Streite
s mit Mistreß Reed und dem Siege, den ich über sie
 erlangt, nicht gestimmt, mich viel um den vorübergehenden Zorn der Kindermuhme zu bekümmern,
 sondern eher geneigt, mich in der jugendlichen Heiterkeit ihres Herzens zu sonnen. Ich umfaßte sie mit
 beiden Armen und sagte:
,Komm, Bessie! und schilt nicht.

Ich sagte das unbefangener und furchtloser, als
s ich sonst mit ihr zu sprechen pflegte, und das gefiel ihr.
,Sie sind ein seltsames Kind, Miß Johanna, erwiderte sie, indem sie auf mich niederblickte, ,ein
kleines, ungeselliges Ding. Und Sie werden wohl in
 die Schule geschickt werden?
Ich nickte.

,Und wird es Ihnen nicht leid sein, die armeBessie zu verlassen?
,Was kümmert sich denn Bessie um mich? Sagte 
ich. , Sie schilt mich immer.
,Weil Sie ein seltsames, furchtsames und scheues
 kleines Ding sind. Sie sollten kühner sein.
,Wie? um noch mehr Schläge zu bekommen?
,Unsinn! aber Sie werden offenbar übel be
handelt. Als meine Mutter mich letzte Woche besuchte,
sagte sie, sie möchte nicht, daß eins von ihren Kleinen 
an Ihrer Stelle wäre. -- Und nun kommen Sie
 herein, ich habe eine gute Nachricht für Sie.
,Ich glaube es nicht, Bessie.
,Kind! welch kläglichen Blick richten Sie auf
 mich! Nun, Mistreß Reed und die jungen Damen
 und Monsieur John fahren Nachmittags aus, und
Sie sollen mit mir Thee trinken. Ich will die Köchin
 bitten, einen kleinen Kuchen für Sie zu backen, und
 dann sollen Sie mir helfen, Ihren Schrank auszuräumen, denn ich werde bald Ihren Koffer packen
 müssen. Missis will, daß Sie morgen oder übermorgen 
Gateshead verlassen, und Sie sollen die Spielsachen
 auswählen, die Sie mitnehmen wollen.'
, Bessie, du mußt mir versprechen, mich nichtmehr zu schelten, so lange ich noch hier bin.
,Nun gut, ich will es nicht; aber Sie müssen 
ein gutes Mädchen sein und sich nicht vor mir fürchten.
 Fahren Sie nicht gleich zusammen, wenn ich etwas 
heftig spreche.
,Ich denke, ich werde mich nie wieder vor dirfürchten, Bessie, weil ich mich an dich gewöhnt habe,
und ich werde bald eine andere Art von Leuten zufürchten haben.''
,Wenn Sie sie fürchten, werden Sie ihnen mißfallen.

,Wie ich dir mißfalle, Bessie
, Sie mißfallen mir nicht, Miß, ich glaube, ich 
bin zärtlicher gegen Sie, als alle die Anderen?
,Du zeigst es nicht.
,Sie kleines, scharfes Ding! Sie haben ja eine
 ganz neue Art zu reden. Was macht Sie so kühn
 und verwegen?
,Nun, ich werde bald von hier fort sein, und
 überdies --
Ich wollte etwas von der Unterredung sagen,
 die zwischen mir und Mistreß Reed stattgefunden 
hatte, aber bei reiferem Nachdenken hielt ich es für 
besser, davon zu schweigen.
,So sind Sie also froh, mich zu verlassen?
,Durchaus nicht, Bessie, im Gegentheil ist es
 mir jetzt fast leid.'

,Jetzt -- fast! Wie kalt meine kleine Dame 
spricht! Ich wette, wenn ich Sie jetzt um einen Kuß
 bäte, würden Sie mir keinen geben.'
,Ich will dich küssen, soviel du willst; beuge 
nur deinen Kopf nieder.

Bessie beugte sich nieder; wir umarmten einander, 
und ich folgte ihr ganz getröstet ins Haus. Jener
 Nachmittag verging in Frieden und Harmonie, und
 am Abend erzählte mir Bessie einige ihrer unterhaltendsten Geschichten und sang mir einige der lieblichsten Lieder vor. Selbst für mich hatte das Leben
zuweilen Sonnenschein.

Fünftes Capitel.
Kaum hatte die Uhr am Morgen des neun
zehnten Januar fünf geschlagen, als Bessie ein Licht 
in mein Gemach brachte. Ich war eine halbe Stunde
vor ihrem Eintritt aufgestanden, und bei dem Lichte
 des eben untergehenden Halbmondes, dessen Strahl
 durch das enge Fenster schimmerte, hatte ich mich gewaschen und angekleidet. Ich sollte an dem Tage
 Gateshead verlassen und mit einem Omnibus fahren,
 der um sechs Uhr Morgens am Parkthore vorüber
kam. Bessie war allein auf; sie hatte in der Kinderstube ein Feuer angezündet und bereitete dort jetzt
 mein Frühstück. Wenige Kinder können essen, wenn
 der Gedanke an eine Reise sie aufregt, und ich konnte es auch nicht. Nachdem Bessie mich vergebens aufgefordert hatte, einige Löffel voll gewärmter Milch 
und Brod zu genießen, wickelte sie etwas Zwieback
 in ein Papier und steckte ihn in meinen Korb; dann
 half sie mir meinen Pelz anlegen und meinen Hut
 aufsetzen, hüllte sich selbst in einen Shawl und verließ
 die Kinderstube. Als wir an Mistreß Reed's Schlafzimmer vorüberkamen, sagte sie:
,Wollen Sie nicht hineingehen und Missis Lebe
wohl sagen?

,Nein, Bessie, sie kam gestern Abend, als duzum Abendessen gegangen warst, an mein Bett und
 
sagte, ich dürfe sie und meine Cousinen am Morgen nicht stören und fügte hinzu, ich solle mich erinnern, daß sie stets meine beste Freundin gewesen sei; ich
solle ihr dankbar sein und in diesem Sinne von ihr 
reden.'
,Was sagten Sie, Miß?
,Nichts; ich bedeckte mein Gesicht mit dem Bett
tuch und wendete mich von ihr zu der Wand.'
,Das war Unrecht, Miß Johanna.

, Es war ganz recht, Bessie, deine Missis ist
 nicht meine Freundin, sie ist meine Feindin gewesen.'

,O Miß Johanna! sagen Sie das nicht!'
,Lebewohl, Gateshead!' rief ich, als wir durchden Vorsaal gegangen waren und aus der Hausthür
 traten.
Der Mond war untergegangen und es war ein 
rauher und kalter Wintermorgen; meine Zähne klap
perten, als ich den Weg hinunter eilte. Es war Licht 
in dem Häuschen des Portiers; als wir es erreichten, 
fanden wir seine Frau eben im Begriff, ihr Feuer
 anzuzünden; mein Koffer, der am Abend vorher hin
untergetragen worden, stand vor der Thür. Es fehltennur noch wenige Minuten bis sechs Uhr, und bald
 verkündete ein fernes Rollen von Rädern den ankommenden Wagen. Ich ging zur Thür und beobachtete, wie die Wagenlaternen sich rasch durch die Dunkelheit näherten.
, Wird sie ganz allein reisen? fragte die Fraudes Portiers.
, Ja.

, Und wie weit ist es?

,Fünfzig Meilen.

, Welch' ein weiter Weg! 
Der Wagen fuhr vor und hielt am Thor mit 
seinen vier Pferden und seinen mit Passagieren beladenen Außensitzen. Der Conducteur trieb laut zur
 Eile, mein Koffer wurde hinaufgehißt; ich wurde
 von Bessie's Halse genommen, an der ich mit Küssenhing.
,Tragen Sie ja Sorge für sie,' rief sie dem
 Conducteur zu, als ich mich in das Innere des 
Wagens setzte.
,Ja, ja! war die Antwort, die Thür wurdezugeschlagen, eine Stimme rief: ,Alles richtig,' und
 fort ging's. So war ich von Bessie und Gatesheadgetrennt, so wurde ich unbekannten und geheimnis
vollen Regionen entgegengeführt.
Ich habe nur wenig von der Reise behalten,
 ich weiß nur, daß mir der Tag unnatürlich lang erschien, und daß es mir vorkam, als legten wir viele 
hundert Meilen Wegs zurück. Wir kamen durch meh
rere Städte, und in einer derselben, die sehr groß
 war, hielt der Wagen an; die Pferde wurden abgespannt und die Passagiere stiegen aus, um zu Mittagzu speisen. Ich wurde in das Gasthaus getragen,
wo der Conducteur mir etwas zum Mittagessen bestellen wollte; doch da ich keinen Appetit hatte, so 
ließ er mich in einem sehr großen Zimmer zurück, 
welches an jedem Ende einen Kamin hatte, einen 
Kronleuchter in der Mitte und eine kleine rothe Gallerie
 hoch an der Wand, die mit musikalischen Instrumenten 
angefüllt war. Hier ging ich eine lange Zeit umher
 und hatte eine tödtliche Furcht, daß ein Seelenverkäufer kommen und mich entführen möchte, denn ich
h glaubte an Seelenverkäufer, deren Thaten häufig in
 Bessie's Abenderzählungen figurirten. Endlich kehrte
 der Conducteur zurück; ich wurde wieder in den 
Wagen gepackt, mein Beschützer stieg auf seinen Sitz, 
blies sein dumpfes Horn, und fort rollten wir über 
die unebene Straße von T.
Der Nachmittag war naß und etwas nebelig; 
als es dunkel zu werden anfing, begann ich zu fühlen, 
daß wir uns in der That sehr weit von Gateshead
 entfernten. Wir kamen nicht mehr durch Städte; die 
Gegend veränderte sich; große, graue Hügel erhoben
 sich rings am Horizont. Als die Dunkelheit noch mehr
 zunahm, fuhren wir in ein Thal hinunter, und lange 
nachdem die Nacht schon die Aussicht verhüllt hatte,
 hörte ich einen starken Wind in den Bäumen rauschen. 
Durch dieses Geräusch endlich eingelullt, sank ich
 in Schlummer. Ich hatte noch nicht lange geschlafen,

als das plötzliche Aufhören der Bewegung mich weckte; 
die Wagenthür war offen, es stand eine Person, die
 einer Dienerin glich, vor derselben, ich sah ihr Gesichtund ihre Kleidung bei dem Scheine der Lampen.
, Ist hier ein kleines Mädchen Namens Johanna 
Eyre? fragte sie.
, Ja, antwortete ich und wurde heraus gehoben, 
mein Koffer heruntergelangt, und der Wagen fuhr 
sogleich weiter.
Ich war steif vom langen Sitzen und betäubt
 und verwirrt von dem Geräusch und der Bewegung
 des Wagens. Meine Gedanken sammelnd, sah ich mich
 um. Trotz Regen, Wind und Dunkelheit erkannte ich 
eine Mauer vor mir, in welcher sich eine offene Thür 
befand. Durch diese Thür ging ich mit meiner neuen
 Führerin und diese verschloß sie wieder. Jetzt ward
 ein Haus oder mehrere Häuser -- denn das Gebäude
 breitete sich weit aus -- mit vielen Fenstern sichtbar, und aus einigen derselben schimmerten Lichter. Wir
 gingen einen breiten, mit Kieseln bestreuten, nassen
 Weg hinauf und wurden in eine Thür eingelassen; dann 
führte mich die Dienerin durch einen Gang in ein Zimmer, wo ein Feuer brannte, und ließ mich dort allein.
Ich stand da, wärmte meine erstarrten Finger über
 dem Feuer und sah mich dann um. Es war kein
 Licht im Zimmer, aber der Schein des Kaminfeuers zeigte mir von Zeit zu Zeit die mit Tapeten bedeckten
 Wände, den Fußteppich, die Vorhänge und Möbel 
von glänzendem Mahagoniholz; es war ein Sprechzimmer, weder so geräumig noch so glänzend wie 
das Gesellschaftszimmer in Gateshead, aber ganz bequem eingerichtet. Ich war eben beschäftigt, ein Gemälde an der Wand zu betrachten, als die Thür sich 
öffnete und eine Person eintrat, die ein Licht trug,
 und der eine andere folgte.
 Die erstere war eine große Dame mit dunklem
 Haar, schwarzen Augen und blasser und hoher Stirn.
 Ihre Gestalt war zum Theil in ein großes Tuch eingehüllt, ihr Gesicht ernst und ihre Haltung gerade.

,Das Kind ist sehr jung für eine so weite Reise 
ohne Begleitung, sagte sie, ihr Licht auf den Tisch
 setzend. Sie betrachtete mich einige Minuten aufmerksam und fügte dann hinzu:
, Es wäre besser, sie bald zu Bett zu bringen; 
sie sieht ermüdet aus. Bist du müde? fragte sie, mirdie Hand auf die Schulter legend.
, Ein wenig, mein Fräulein.

, Und hungrig auch, ohne Zweifel. Sorgen Sie,
 daß sie etwas zu essen bekommt, ehe sie zu Bette geht,
 Miß Miller. Ist dies die erste Trennung von deinen
 Eltern, kleines Mädchen?
Ich erklärte ihr, daß ich keine Eltern habe. Siefragte, wie lange sie schon todt wären, dann wie altich wäre, ob ich schon lesen, schreiben und ein wenig 
nähen könne, berührte dann sanft meine Wange mit 
dem Zeigefinger, sprach die Hoffnung aus, ich werde 
ein gutes Kind sein, und entließ mich mit Miß Miller. 
Die Dame, die mich in dieser Weise empfangen 
hatte, schien etwa neunundzwanzig Jahre alt zu sein,
und die, welche mit mir ging, war wohl einige Jahre
 jünger; die Erstere machte durch ihre Stimme, ihren
 Blick und ihre Miene einen lebhaften Eindruck auf 
mich. Miß Miller war gewöhnlicher, hatte eine röthliche Gesichtsfarbe und ein sorgenvolles Gesicht, war
 eilig in ihrem Gange und ihren Bewegungen, gleich 
einer Person, die vielfache Geschäfte zugleich zu besorgen hat, und machte den Eindruck einer Unterlehrerin, was sie auch wirklich war, wie ich spätererfuhr. Von ihr geführt, ging ich von Gemach zu
 Gemach, von Gang zu Gang durch ein unregelmäßiges 
Gebäude, bis wir uns dem Gesumme vieler Stimmen
 näherten und in ein großes matt erleuchtetes Zimmer
 traten. An jedem Ende standen zwei tannene Tische, 
um welche eine Versammlung von Mädchen jeden 
Alters von neun oder zehn bis zwanzig Jahren saßen.
 Bei dem trüben Schein der Talglichter erschien mir die
 Menge zahllos, obgleich ihrer in der That nicht mehr
als achtzig waren; ihr Anzug war gleichförmig und bestand in Kleidern aus braunem Zeuge von auffallendem Schnitt und in Schürzen von holländischer
 Leinwand. Sie waren beschäftigt, sich auf ihre Lectionen 
für den folgenden Morgen vorzubereiten, und das
 Gesumme, welches ich schon von draußen gehört hatte,
 war das vereinte Geräusch ihrer gedämpften Stimmen.
Miß Miller wies mir einen Platz auf der Bank 
in der Nähe der Thür an, ging dann nach dem
 oberen Ende des großen Zimmers und rief:
, Aufseherinnen, sammelt die Bücher ein undlegt sie weg!'
Vier große Mädchen erheben sich von den verschiedenen Tischen, gingen herum und nehmen die 
Bücher in Empfang. Hierauf gab Miß Miller das
 Commandowort:
, Aufseherinnen, holt das Abendessen herein!
Die großen Mädchen gingen hinaus und kehrten 
sogleich zurück, jede mit einem Präsentirbrett, worauf 
sich Portionen von Etwas befanden, was ich nicht
 kannte. Außerdem stand in der Mitte jedes solchen 
Brettes ein Wasserkrug und ein Becher. Die Portionenwurden herumgereicht; die, welche trinken wollten,
 tranken von dem Wasser, und der Becher war ge
meinschaftlich. Als ich an die Reihe kam, trank ich
 auch, denn ich war durstig, berührte die Speise aber
 nicht, da Aufregung und Ermüdung mir das Essen u
nmöglich machten; ich sah aber jetzt, daß es dünnerHaferkuchen war, den man in Stücke getheilt hatte.
Als die Mahlzeit vorüber war, las Miß Miller 
Gebete vor, dann marschirten die Classen, je zwei und
 zwei neben einander, die Treppe hinauf. Da ich jetzt
 von Ermüdung überwältigt war, so beachtete ich 
kaum, was das Schlafzimmer für ein Ort war, außer
 daß es mir, gleich dem Schulzimmer, sehr lang vorkam. Für diese Nacht war ich Bettgenossin der Miß
 Miller, und sie half mir beim Auskleiden. Als ich im
 Bette lag, überblickte ich die langen Reihen von Betten,
 wovon jedes rasch von zwei Mädchen eingenommen
wurde; nach zehn Minuten wurde das einzige Licht
ausgelöscht, und von Stille und völliger Dunkelheit
umgeben, schlief ich ein.
Die Nacht verging rasch; ich war zu ermüdet,
um auch nur zu träumen; ich erwachte nur einmal,
 um den Wind in wüthenden Stößen sausen und denRegen in Strömen fallen zu hören und mir bewußt
 zu werden, daß Miß Miller ihren Platz an meinerSeite eingenommen hatte. Als ich meine Augen wieder
 öffnete, ertönte eine laute Glocke. Die Mädchen waren
 schon auf und kleideten sich an; der Tag dämmerte
 noch nicht, und es brannten zwei kleine Talglichter im 
Zimmer. Ich stand widerstrebend auf; es war bitterlich kalt, und ich kleidete mich an, so gut ich es, vorKälte zitternd, konnte, und wusch mich, sobald eine
 Waschschale frei war, was nicht oft geschah, da nur
 eine für je sechs Mädchen da war, die auf einem Tische im mittleren Gange zwischen den Betten stand. 
Wieder ertönte die Glocke; alle bildeten eine Reihe
 und gingen zu zweien neben einander. In dieser 
Ordnung stiegen sie die Treppe hinunter und traten 
in das kalte und matt erleuchtete Schulzimmer. Hier
las Miß Miller Gebete vor und rief dann:
,Bildet Classen.

Ein großer Tumult erfolgte, der einige Minuten
 dauerte, während dessen Miß Miller wiederholt:
 Stille, Ordnung! gebot. Als sich dieser Tumult 
gelegt hatte, sah ich alle Mädchen in vier Halbkreise
 vor vier Stühlen aufgestellt, die an vier Tischen standen; alle hielten Bücher in den Händen, und eingroßes Buch, wie eine Bibel, lag auf jedem Tischevor dem leeren Sitze. Eine Stille von einigen Secunden
 erfolgte, die nur von dem leisen Summen Einzelner unterbrochen wurde. Miß Miller ging von
einer Classe zur anderen und bracht das Geflüster 
zur Ruhe. 
Eine ferne Glocke ertönte, sogleich traten drei 
Damen ins Zimmer, jede ging auf einen Tisch zuund nahm ihren Sitz ein; Miß Miller behauptete
 den vierten, leeren Stuhl, der der Thür am nächsten
stand, und um den sich die kleinsten Kinder versammelt
 hatten. Zu dieser letzten Classe wurde ich berufen und
erhielt den untersten Platz.
Jetzt begann das Geschäft, das Gebet des Tages
 wurde gelesen, dann verschiedene Sprüche hergesagt, 
worauf Capitel aus der Bibel vorgelesen wurden,
 was eine Stunde währte. Als diese Uebung zu Ende
 war, schien der Tag hell durch die Fenster. Die un
ermüdliche Glocke ertönte jetzt zum vierten Male; die
Classen wurden in Ordnung gestellt und marschirten 
in ein anderes Zimmer zum Frühstück, mit der Aussicht, etwas zu essen zu bekommen! Ich war jetzt 
fast krank vor Ermattung, da ich den Tag zuvor
 wenig genossen hatte.
Das Refectorium war ein großes, niedriges und
 düsteres Zimmer; auf zwei Tischen dampften Schüsseln, 
worin sich etwas Heißes befand, was aber zu meinem
 Schrecken einen durchaus nicht einladenden Geruchverbreitete. Ich beobachtete eine allgemeine Unzufriedenheit, als der Geruch der Speise denjenigen,
 die sie zu essen bestimmt waren, in die Nasen drang, 
und der Vortrab der Procession, die großen Mädchender ersten Classe, sprachen flüsternd:
, Abscheulich! die Suppe ist schon wieder angebrannt!
, Still! rief eine Stimme. Es war nicht Miß 
Miller, sondern eine von den Oberlehrerinnen, eine
 kleine schwarze Person, zierlich gekleidet, aber von 
etwas mürrischem Ansehen, die sich an das obere 
Ende des Tisches setzte, während eine voller aussehende
 Dame an dem anderen Ende präsidirte. Vergebens
 blickte ich mich nach derjenigen um, die ich amAbend vorher zuerst gesehen, sie war nicht da. Miß
 Miller saß am unteren Ende des Tisches, an welche m
ich mich befand, und eine fremdartig aussehende
 ältliche Dame, die französische Lehrerin, wie ich spätererfuhr, nahm den entsprechen den Sitz an dem anderen 
Tische ein. Ein langes Tischgebet wurde gesprochen und eine Hymne gesungen; dann brachte eine Dienerin Thee für die Lehrerinnen herein und das Mahlbegann.
Da ich jetzt sehr ermattet war, so verschlang ich 
begierig einige Löffel voll von meiner Portion, ohne
 mich um den Geschmack zu kümmern, aber als dererste Hunger gestillt war, bemerkte ich, daß ich ein
 übelschmeckendes Essen vor mir hatte. Angebrannte 
Suppe ist eine fast ebenso schlechte Kost, als verfaulte
 Kartoffeln; selbst dem Hungrigen widersteht sie zu
letzt. Die Löffel bewegten sich langsam; ich sah, wiedie Mädchen die Speise kosteten und mit großer
 Selbstüberwindung hinunterzuschlucken versuchten, doch 
die meisten gaben bald das Bemühen auf. DasFrühstück war vorüber und keine hatte gefrühstückt.
 Nachdem man ein Dankgebet gesprochen für das, 
was man nicht genossen, und eine zweite Hymne
g gesungen hatte, wurde das Refectorium mit dem 
Schulzimmer vertauscht. Ich war eine der Letzten,
die hinausgingen, und als ich an den Tischen vor
überkam, sah ich eine von den Lehrerinnen einen 
Teller mit Suppe nehmen und kosten; sie sah dieanderen Lehrerinnen an, deren Gesichter Mißfallen
 aus drückten. Eine von ihnen, es war die muntere
 und wohlbeleibte, flüsterte:
,Abscheuliches Zeug! Das ist empörend!'

Ehe die Lectionen wieder begannen, verging
 eine Viertelstunde, während welcher es im Schulzimmer
sehr lebhaft zuging. In dieser Zeit schien es erlaubt
 zu sein, laut und freier zu reden, die Mädchen benutzten ihr Vorrecht. Die ganze Unterhaltung drehtesich um das Frühstück, welches Alle sehr tadelten. Die
 armen Geschöpfe! ihre gemeinsame Entrüstung warder einzige Trost, den sie hatten. Von den Lehrerinnen 
war nur Miß Miller im Zimmer, eine Gruppe vongroßen Mädchen drängte sich um sie und sprach mit
 ernsten und finsteren Geberden. Ich hörte Herrn Brock
lehurst's Namen von einigen Lippen aussprechen,
 worüber Miß Miller mißbilligend den Kopf schüttelte, 
ohne jedoch einen kräftigen Versuch zu machen, der allgemeinen Wuth Einhalt zu thun. Ohne Zweifel
 theilte sie dieselbe.
Eine Uhr im Schulzimmer schlug neun. MißMiller verließ ihren Kreis, trat in die Mitte des Zim
mers und rief:
,Still! an eure Plätze!

Jetzt wirkte die Disciplin: in fünf Minuten hatte 
sich das verwirrte Gedränge in Ordnung verwandelt,
 und das laute Durcheinander der Stimmen war einer 
verhältnismäßigen Stille gewichen. Die Oberlehrer
innen nahmen jetzt ihre Plätze ein; aber noch schien 
Alles zu warten. Auf Bänken, an den Seiten des 
Zimmers, saßen die achtzig Mädchen aufrecht und
bewegungslos. Eine seltsame Versammlung war es; Alle trugen ihr Haar aus der Stirn gekämmt und
 keine Locke war sichtbar; alle hatten braune Kleider
 an, die hoch hinauf reichten und von einem schmalen 
Halsstreifen umgeben waren; vorn hatten sie kleine
 Taschen von Leinwand angebunden, die zur Aufbewahrung ihrer Handarbeiten bestimmt waren. Alle
 trugen grauwollene Strümpfe und starke Schuhe, 
mit messingenen Schnallen. Mehr als zwanzig waren
 völlig erwachsene Mädchen, oder vielmehr junge
 Frauenzimmer, das Costüm stand ihnen schlecht, und 
gab selbst den hübschesten ein sehr unvortheilhaftes
 Ansehen.
Ich sah sie an und musterte auch von Zeit zuZeit die Lehrerinnen, wovon mir keine recht eigentlich
 gefiel, denn die muntere und wohlbeleibte war ein 
wenig plump, die dunkle ziemlich heftig, die fremd
ländische hart und von seltsamem Wesen, und Miß
 Miller, das arme Geschöpf! sah angegriffen aus, als
 ob sie zu viel arbeiten müsse. Während mein Auge 
noch von einem Gesicht zum anderen wanderte, stand 
plötzlich die ganze Schule zugleich auf, wie von einer
 Springfeder gemeinschaftlich in die Höhe geschnellt.
Was war geschehen? Ich hatte keinen Befehlgehört, ich war verlegen. Ehe ich noch meine Gedan
ken gesammelt, hatten sich die Classen wieder niedergesetzt; aber da Aller Augen jetzt auf einen Punktgerichtet waren, so folgte das meinige der allgemeinen
 Richtung und begegnete der Person, die mich am 
letzten Abend empfangen hatte. Sie stand am Ende deslangen Zimmers am Kamin und überschaute schweigend
 und ernst die beiden Reihen der Mädchen. Miß Millernäherte sich ihr, schien ihr eine Frage vorzulegen, und
 nachdem sie Antwort erhalten, kehrte sie an ihrenPlatz zurück und sagte laut:

,Aufseherin der ersten Classe, hole den Globus!'

Während der Befehl ausgeführt wurde, kam 
die Dame langsam das Zimmer heraufgegangen. Ich 
empfinde noch immer das Gefühl der bewundernden
 Ehrfurct, womit meine Augen ihren Schritten folgten.
 Jetzt, bei hellem Tage gesehen, erschien sie groß, schön 
und stattlich; braune Augen mit wohlwollendem
Blicke, von schönen, langen Wimpern überschattet,
 erhöhten die Weiße ihrer hohen Stirn; an den
 Schläfen war ihr Haar, welches von sehr dunklem 
Braun war, in runden Locken geordnet; ihre Kleidung bestand aus dunkelviolettem Tuch, mit einer 
Art spanischem Besatz von schwarzem Sammt, und
 eine goldene Uhr schimmerte an ihrem Gürtel. Um
 das Bild zu vervollständigen, möge der Leser noch
 feine Züge, einen klaren, wenn gleich blassen Teint, 
und eine stattliche Haltung hinzufügen, und er wird
 eine richtige Idee von dem Aeußeren der Miß
 Temple haben, die mit Vornamen Maria hieß, wie 
ich später in einem Gebetbuch geschrieben sah, welches 
ich ihr in die Kirche tragen mußte. 
Die Directrice von Lowood -- denn dies war 
die Dame -- nahm ihren Platz vor dem Globus ein,
 der auf einen von den Tischen gestellt wurde, versammelte die erste Classe um sich und begann eine
Lection in der Geographie zu geben. Die unteren 
Classen erhielten von den anderen Lehrerinnen Unter
richt in der Geschichte und Sprachlehre, was eine
 Stunde währte, dann folgte Schreiben und Rechnen,
 und Miß Temple ertheilte den älteren Mädchen Anweisung in der Musik. Die Dauer jeder Lehrstunde 
wurde nach der Uhr abgemessen. Als diese endlich
 zwölf schlug, stand die Vorsteherin auf und sagte:
, Ich habe noch ein Wort an Euch Alle zu
richten. Ihr habt diesen Morgen ein Frühstück erhalten, welches Ihr nicht essen konntet. Ihr müßt 
hungrig sein. Ich habe befohlen, daß an Alle ein 
Stück Brot und Käse ausgetheilt werde.
 Die Lehrerinnen sahen sie mit Erstaunen an.

, Es geschieht auf meine Verantwortung, fügtesie als Erklärung für jene hinzu und verließ gleichdarauf das Zimmer.

Brot und Käse wurden gleich herein gebracht
und zum großen Entzücken der ganzen Schule vertheilt.
 Dann ertönte das Commandowort: ,In den Garten!'
Jede setzte einen groben Strohut mit Bändern von
 farbigem Calico auf, und legte einen Mantel vongrauem Wollenzeug an. Ich wurde ähnlich equipirt 
und folgte dem Strome.
Der Garten war ein weiter Raum, von so hohen
 Mauern umgeben, daß man nichts von der Außenwelt sehen konnte; ein bedeckter Gang zog sich an 
der einen Seite hin, und breite Wege begrenzten einen 
mittleren Raum, der in einige zwanzig kleine Beete
 getheilt war. Diese Beete waren den Schülerinnen
 zum Anbau übergeben, und jedes Beet hatte seine Besitzerin. Wenn sie voll Blumen waren, mußten sie
 ohne Zweifel einen hübschen Anblick gewähren, aber
 jetzt, am Ende des Januar, sah Alles winterlich und 
braun aus. Ich empfand einen Schauder, als ich
h dastand und mich umsah. Zur Bewegung im Freien
 war das Wetter sehr ungünstig, ein feuchter gelber
 Nebel breitete sich aus, und der Boden war noch
 naß von dem gestrigen Regen. Die kräftigsten unter
 den Mädchen begannen Spiele, welche eine lebhafte 
Bewegung gestatteten, aber mehrere blasse und
 schwächliche Kinder drängten sich zusammen, um Obdach und Wärme unter dem bedeckten Gange zu 
suchen, und unter diesen hörte ich bei dem dichten

Nebel, der ihre bebenden Körper durchdrang, häufig
 einen hohlen Husten.
Noch hatte ich mit Keiner gesprochen, auch schien 
Keine auf mich zu achten; ich stand einsam da, aber
an das Gefühl der Verlassenheit war ich gewöhnt,
 und es drückte mich nicht sehr nieder. Ich lehnte mich
 an einen Pfeiler des gedeckten Ganges, zog meinen 
grauen Mantel dicht um mich zu, versuchte die Kälte,
 die mir von Außen zusetzte, sowie den ungestillten 
Hunger zu vergessen, der im Innern nagte, und gab 
mich der Beschäftigung des Beobachtens und Denkens 
hin. Gateshead und mein früheres Leben schienen 
in unermeßliche Ferne zurückgedrängt; die Gegenwart
 war unbestimmt und seltsam, und von der Zukunftkonnte ich mir keinen Begriff machen. Ich sah mich
 in dem klösterlichen Garten um, und blickte dann zu
 dem Hause auf. Es war ein großes Gebäude, wovon
 die eine Hälfte grau und alt, die andere dagegen ganz
 neu erschien. Der neue Theil enthielt das Schul- und 
Schlafzimmer und empfing sein Licht durch vergitterte
 Spitzbogenfenster, die dem Gebäude ein kirchenartiges
 Ansehen gaben; eine steinerne Tafel über der Thür
 enthielt folgende Inschrift:
,Die Lowood-Stiftung. -- Dieser Theil wurde
 im Jahre des Herrn -- von Naomi Brocklehurstvon Brocklehurst Hall erbaut. -- Lasset Euer Lichtleuchten vor den Leuten, daß sie Eure guten Werkesehen und den Vater im Himmel preisen. -- Matth. 16.'
Ich las diese Worte wiederholt und war unfähig, vollkommen in ihre Bedeutung einzudringen.
 Ich dachte noch über die Bedeutung des Wortes
, Stiftung nach, und versuchte, ein Verbindungsglied
 zwischen den ersten Worten und den Versen der
 Schrift zu entdecken, als ein Husten dicht hinter mir
 mich veranlaßte den Kopf umzuwenden. In meiner
 Nähe saß ein Mädchen auf einer steinernen 
Bank; sie neigte sich über ein Buch, worin sie mit 
Aufmerksamkeit zu lesen schien. Von der Stelle, wo 
ich stand, konnte ich den Titel sehen. -- Es war

,Rasselas', ein Name, der mir auffallend und folglich
 anziehend vorkam. Als sie ein Blatt umschlug, blickte zufällig auf, und ich sagte sogleich zu ihr:

,Ist das Buch interessant?
Ich hatte schon die Absicht, sie zu bitten, es mirspäter ein Mal zu borgen.

,Es gefällt mir,' antwortete sie nach einer Pause
 von zwei bis drei Minuten, während welcher sie mich 
beobachtete.
, Wovon handelt es? fuhr ich fort. Ich weiß
 kaum, wo ich die Kühnheit hernahm, eine Unterredung mit einer Fremden zu beginnen, was meiner
 Natur und meinen Gewohnheiten entgegen war, 
aber ich glaube, ihre Beschäftigung schlug irgend
wo eine Saite der Sympathie an, denn auch ichliebte das Lesen.
, Du kannst es ansehen,' versetzte das Mädchen, 
mir das Buch anbietend.
Ich nahm es; eine kurze Untersuchung überzeugte mich, daß der Inhalt weniger interessant sei,
 als der Titel versprach, denn nach meinem Geschmack
 war es sehr langweilig; ich sah nichts von Feen, 
nichts von Geistern darin, und die eng gedruckten Seiten 
schienen keine erheiternde Abwechslung zu bieten. Ichgab es ihr wieder; sie nahm es schweigend ruhig zurück
 und schien im Begriff, weiter zu lesen, als ich sie nocheinmal zu stören wagte.

, Kannst du mir nicht sagen, was die Inschrift
 auf dem Stein über der Thür bedeutet? Was ist 
die
 Lowood-Stiftung?
, Dieses Haus, wohin du gekommen bist.
, Und warum nennt man es denn Stiftung? Ist es denn auf irgend eine Weise von anderen
 Schulen verschieden?

, Es ist eine halbe Freischule, du und ich undalle die Uebrigen werden hier umsonst unterrichtet
 und unterhalten. Ich vermuthe, du bist eine Waise: 
ist nicht dein Vater oder deine Mutter todt?

,Beide starben, ehe ich sie kennen lernte.

, Nun, alle Mädchen hier haben entweder Eins
 von ihren Eltern oder Beide verloren, und dies ist
 eine Stiftung zur Erziehung von Waisen.
, Zahlen wir denn kein Geld? und erhält man
 uns denn umsonnst?
, Wir, oder vielmehr unsere Verwandten, zahlen 
fünfzehn Pfund jährlich für jedes Kind.'
, Warum nennt man uns denn Waisenkinder?

, Weil fünfzehn Pfund nicht genug ist für Kost 
und Unterricht und das Fehlende durch Unterschriften 
beigetragen wird.'
, Wer unterschreibt denn?

, Verschiedene wohlthätige Damen und Herren in
 dieser Gegend und in London.'

, Wer war Naomi Brocklehurst?

, Die Dame, die den neuen Theil dieses Hauses 
erbaute, wie jene Tafel erwähnt, und deren Sohn 
hier Alles beaufsichtigt und leitet.'
, Warum?
, Weil er der Schatzmeister und Director der
 Stiftung ist.
, So gehört dieses Haus also nicht jener großen
 Dame, die eine Uhr trägt und welche sagte, wir
 sollten etwas Brot und Käse haben?
,Der Miß Temple? O nein! ich wollte, es ge
hörte ihr; aber sie muß Herrn Brocklehurst von AllemRechenschaft ablegen, was sie thut. Herr Brocklehurst kauft alle unsere Lebensmittel und unsere Kleider
ein.'
,Wohnt er hier?
,Nein -- zwei Meilen von hier in einem großen
 Herrenhause.
,Ist er ein guter Mann?

,Er ist ein Geistlicher, und man sagt, er thut
 sehr viel Gutes.

,Sagtest du nicht, daß die große Dame Miß 
Temple heiße?
,Ja.

,Und wie heißen die anderen Lehrerinnen?

, Die mit den rothen Backen heißt Miß Smith;
 sie führt die Aufsicht bei den Handarbeiten und schnei
det zu -- denn wir machen uns unsere Kleider,
 unsere Ueberröcke, Mäntel und Alles selbst; die Kleinemit dem schwarzen Haar ist Miß Scatcherd, sie unter
richtet in der Geschichte und Sprachlehre und über
hört, was die zweite Classe auswendig lernen muß; 
und die, welche einen Shawl trägt und ein Taschen
tuch an ihrer Seite, mit einem gelben Bande befestigt,
 ist Madame Pierrot; sie ist aus Lille in Frankreich
 und unterrichtet im Französischen.'

, Gefallen dir die Lehrerinnen
?
, Ziemlich gut.

, Gefällt dir die kleine Schwarze und Madame --
? -- Ich kann ihren Namen nicht so wie duaussprechen.

, Miß Scatcherd ist etwas heftig -- du mußtdich in Acht nehmen, sie nicht zu reizen; Madame
 Pierrot ist keine üble Person.
, Aber Miß Temple ist die Beste -- nicht wahr?

, Miß Temple ist sehr gut und sehr talentvoll; sie
 steht über den Anderen, weil sie viel mehr weiß als sie.'
, Bist du schon lange hier?

, Seit zwei Jahren.

, Bist du eine Waise?

, Meine Mutter ist todt.

, Fühlst du dich glücklich hier?

, Du thust auch zu viel fragen. Ich habe dir
 für jetzt Antworten genug ertheilt; nun will ich lesen.'

Aber in dem Augenblick ertönte die Aufforderung
zum Mittagessen und Alle traten wieder ins Haus.
 Der Geruch, der jetzt den Speisesaal erfüllte, war
 nicht viel appetitlicher als der, welcher uns beim
 Frühstück in die Nase drang. Das Mittagessen wurde 
in zwei ungeheuren zinnernen Schüsseln aufgetragen,
 woraus sich ein starker Geruch von ranzigem Fett
 erhob. Das Essen bestand in ziemlich schlechten Kartoffeln und Schnitten von muffigem Fleisch, die unter
einander gemischt und zusammen gekocht waren. Von

dieser Composition wurde jedem Zögling ein ziemlich 
reichlicher Teller voll gegeben. Ich aß soviel ich
 konnte, und war begierig zu wissen, ob unsere Speisen 
wohl jeden Tag von dieser Art sein würden.
Nach dem Mittagessen begaben wir uns sogleich 
in die Schulstube, die Lectionen begannen und wurden bis fünf Uhr fortgesetzt.
Das einzige bemerkenswerthe Ereignis an dem 
Nachmittage war, daß das Mädchen, mit dem ich in
 dem bedeckten Gange gesprochen hatte, von MißScatcherd in Ungnade ans der historischen Classe entlassen wurde und in der Mitte der großen Schulstube
 stehen mußte. Die Strafe schien mir im höchstenGrade schmachvoll, besonders für ein so großes Mäd
chen -- denn sie mußte dreizehn Jahre oder älter 
sein. Ich erwartete Zeichen großer Betrübnis oder
 Scham an ihr zu sehen, aber zu meiner Ueberraschung 
weinte und erröthete sie nicht, sondern stand gefaßt, 
obgleich ernst, als die Zielscheibe aller Augen da.
, Wie kann sie es so ruhig und gefaßt ertragen? 
fragte ich mich. , Wäre ich an ihrer Stelle, so würde ich wünschen, daß sich die Erde öffnen und mich ver
schlingen möge. Ihre Augen sind auf den Boden 
gerichtet, aber ich bin gewiß, ihre Gedanken sind nach 
Innen gekehrt; sie sieht aus, als dächte sie an etwas, 
das über ihre augenblickliche Strafe hinaus liegt. Ich 
möchte doch wissen, was sie für ein Mädchen ist, ob
 gut, oder nicht.
Bald nach fünf Uhr Nachmittags bekamen wir
 noch eine Mahlzeit, die in einem kleinen Becher mit
 Kaffee und einer halben Schnitte Schwarzbrot bestand. 
Ich verschlang mein Brot und trank meinen Kaffee
 mit Appetit; aber ich hätte gern noch mehr gehabt
 -- ich war noch immer hungrig. Eine halbe Stunde 
der Erholung folgte, dann wurde gelernt, dann kamdas Glas Wasser und das Stück Haferkuchen und
 dann ging's zu Bette. Dies war der Verlauf meines 
ersten Tages in Lowood.

Sechstes Capitel.

Der nächste Tag begann wie der erste; man stand 
bei dem düsteren Lichte auf und kleidete sich an; aber
 diesen Morgen waren wir genöthigt, auf die Ceremo
nie des Waschens zu verzichten, denn das Wasser inden Krügen war gefroren. Das Wetter hatte sich 
am vergangenen Abend geändert, und ein scharfer
 Nordostwind, der die ganze Nacht durch die Spaltender Fenster unseres Schlafzimmers pfiff, machte uns 
in unseren Betten vor Frost zittern und hatte den 
Inhalt der Wasserbehälter in Eis verwandelt.
Ehe die anderthalb Stunden des Gebetes und 
Bibellesens vorüber waren, glaubte ich vor Kälte
 umkommen zu müssen. Endlich kam die Zeit des 
Frühstücks, und diesen Morgen war die Suppe nicht
 angebrannt; sie war eßbar, die Quantität dafür aber
 um so geringer.
Im Laufe des Tages wurde ich als Mitglied
 der vierten Classe aufgenommen und man wies mir 
regelmäßige Aufgaben und Beschäftigungen an. Da ich aber an das Auswendiglernen nicht gewöhnt war,
so erschienen mir die Lectionen zugleich lang und
 schwierig, der häufige Uebergang von einer Lection
 zur anderen verwirrte mich auch, und ich war froh,
 als Miß Smith um drei Uhr Nachmittags mir einenzwei Ellen langen Streifen Mousselin nebst Nadel 
und Fingerhut in die Hand gab und mich in einen
 ruhigen Winkel des Schulzimmers schickte, mit dem
 Befehle, das Stück Mousselin zu säumen. Zu dieser 
Stunde nähten die meisten anderen auch; nur eine
 Classe stand um Miß Scatcherd's Stuhl und las, und
 da Alles still war, so konnte man den Lauf der Lec
tion und die Leistungen der einzelnen Schülerinnen 
verfolgen und die tadelnden Bemerkungen der Miß 
Scatcherd hören. Es war englische Geschichte. Unterden Leserinnen bemerkte ich meine Bekannte aus dem 
bedeckten Gange; zu Anfang der Lection hatte sie
den ersten Platz in der Classe eingenommen, doch

wegen irgend einer Unaufmerksamkeit mußte sie jetzt 
ganz unten stehen.
Miß Scatcherd beobachtete sie fortwährend und 
fand beständig etwas an ihr auszusetzen:
, Burns! -- dies schien ihr Name zu sein, denn 
hier wurden die Mädchen alle bei ihrem Geschlechtsnamen genannt -- , Burns, du stehst auf der Seite 
deines Schuhes, setze gleich die Zehen auswärts -- 
Burns, du streckst dein Kinn sehr unangenehm vor, 
gleich zieh es zurück -- Burns, ich muß darauf bestehen, daß du deinen Kopf aufrichtest, ich will nicht,
 daß du in dieser Stellung vor mir stehst,? u. s. w.
Nachdem ein Capitel zweimal vorgelesen, wurden 
die Bücher zugemacht und die Mädchen examinirt. 
Die Lection umfaßte einen Theil der Regierungszeit 
Karl des Ersten, und es kamen verschiedene Fragen 
vor, welche mehrere von ihnen nicht beantworten
 konnten. Um so größer war meine Ueberraschung,
als die Reihe an Burns kam; sie schien den Inhalt 
der ganzen Lection behalten zu haben und wußte 
jede Frage zu beantworten. Ich erwartete, das Miß
 Scatcherd ihre Aufmerksamkeit loben werde, statt dessen
 aber rief sie plötzlich aus:
, Du schmutziges, unordentliches Mädchen! Du
 hast ja diesen Morgen deine Nägel nicht gereinigt!'
Burns antwortete nicht, ich wunderte mich überihr Schweigen.

, Warum erklärt sie nicht, dachte ich, , daß sieweder ihre Nägel hat reinigen noch ihr Gesichtwaschen können, da das Wasser gefroren war.
Meine Aufmerksamkeit wurde jetzt von Miß 
Smith in Anspruch genommen, die mich aufforderte, 
einen Strang Zwirn zu halten. Während sie ihn
 abwickelte, sprach sie von Zeit zu Zeit mit mir undfragte, ob ich schon früher in der Schule gewesen, 
ob ich zeichnen, steppen und stricken könne u. s. w. 
Währenddem konnte ich der Unterrichtsstunde der 
Miß Scatcherd nicht folgen. Als Miß Smnith mich
 entließ und ich zu meinem Sitze zurückkehrte, sprach

Miß Scatcherd eben einen mir unverständlichen Befehl aus, worauf Burns in ein anstoßendes kleines 
Zimmer ging, in welchem die Bücher aufbewahrtwurden. Nach einer halben Minute kehrte sie mit
einem Ruthenbündel zurück und überreichte dieses der 
Miß Scatcherd mit einer respectvollen Verbeugung
 dann nahm sie ruhig und ohne daß es ihr geheißen
 wurde, ihre Schürze ab, und die Lehrerin theilte ihr 
mit dem Ruthenbündel augenblicklich ein Dutzend 
Hiebe auf den bloßen Nacken zu. Burns vergoß
 keine Thräne und kein Zug ihres nachdenkenden Ge
sichtes änderte seinen gewöhnlichen Ausdruck.
, Halsstarriges Madchen! rief Miß Scatcherd,
 , nichts kann dich bewegen, deine nachlässigen Gewohnheiten abzulegen, trage die Ruthe weg.
Burns gehorchte, ich sah sie genau an, als sieaus dem Bücherzimmer zurückkehrte, sie steckte gerade 
ihr Taschentuch wieder in die Tasche, und die Spur
 einer Thräne schimmerte auf ihrer schmalen Wange.
Die Spielstunde am Abend hielt ich für die 
angenehmste Erholung; das kleine Stück Brot undder Schluck Kaffee, den wir um fünf Uhr bekamen,
 hatten uns neu belebt, wenn auch nicht den Hunger
 gestillt. Der einförmige Zwang des Tages hatte aufgehört, das Schulzimmer war wärmer als am Morgen,
 denn man hatte das Feuer ein wenig heller brennen
 lassen, um den Mangel der Lichter zu ersetzen, die noch
 nicht da waren, und der röthliche Schimmer des Feuers, der erlaubte Lärm, das Durcheinander vieler Stimmen 
verlieh uns ein willkommenes Gefühl der Freiheit.
An dem Abend des Tages, wo Miß Scatcherd ihre 
Schülerin Burns gezüchtigt hatte, wanderte ich zwischen den Bänken und Tischen und lachenden Gruppen umher. Am Fenster vorübergehend, erhob ich
einen Vorhang und sah hinaus; der Schnee fiel unaufhörlich und hatte sich unter den Scheiben gelagert.
 Als ich mein Ohr an das Fenster hielt, konnte ich das
 trostlose Heulen des Windes draußen von dem heiteren 
Tumult im Intern unterscheiden.

Wenn ich kürzlich eine liebe Heimat und freundliche Verwandte verlassen hätte, so wäre dies ohne
 Zweifel die Stunde gewesen, wo ich die Trennung
 am lebhaftesten hätte empfinden müssen; dieser Wind 
würde mein Herz traurig gestimmt, dieses düstere 
Chaos meinen Frieden gestört haben; so aber verursachte mir beides eine seltsame Aufregung, und ich 
wünschte, der Wind möchte noch wilder heulen, dieDämmerung zur Dunkelheit werden und die Verwirrung in ein wildes Toben übergehen.
Ueber Bänke springend und unter Tischen durchkriechend, nahm ich meinen Weg zu einem von den
 Kaminen, wo ich Burns fand. Schweigend und ab
gesondert kniete sie an dem hohen Drahtgitter und
 las bei dem düsteren Schimmer der Kohlen in einem 
Buche.

, Ist es noch Rassellas? fragte ich, mich ihr 
nähernd.

, Ja, sagte sie, , ich bin gleich damit zu Ende.
Nach fünf Minuten machte sie das Buch zu. Es war mir lieb.
, Jetzt kann ich sie vielleicht zum Reden bringen,' 
dachte ich und setzte mich zu ihr auf den Boden nieder.
, Du heißt Burns. Wie noch?

, Helene.

, Ist deine Heimat weit von hier?

, Im Norden, nahe an der schottischen Grenze.

, Wirst du je zurückkehren?

, Ich hoffe es, aber Niemand kann der Zukunft
 gewiß sein.'
, Du sehnst dich, Lowood zu verlassen?

, Nein, warum sollte ich das? Ich wurde der 
Erziehung wegen nach Lowood geschickt, und es würde
 thöricht sein, diesen Ort zu verlassen, ehe ich jenen
 Zweck erreicht habe.
, Aber diese Lehrerin, Miß Scatcherd, ist so graus
am gegen dich!
, Grausam ? Durchaus nicht! Sie ist strenge, ihr
 mißfallen meine Fehler.'

, Wenn ich an deiner Stelle wäre, würde sie mir
 mißfallen; ich würde mich ihr widersetzen. Wenn siemich mit der Ruthe schlüge, würde ich sie ihr ausder Hand reißen und sie ihr vor der Nase zerbrechen.
, Wahrscheinlich würdest du nichts der gleichen
 thun. Wenn du es thätest, würde dich Herr Brocklehurst aus der Schule jagen, und das würde deinen 
Verwandten einen großen Kummer verursachen. Esist viel besser, einen Schmerz geduldig zu ertragen, 
den du nur allein fühlst, als eine übereilte Handlungzu begehen, deren üble Folgen Alle treffen würden, 
die mit dir in Verbindung stehen -- und überdies
 gebietet uns die Bibel, Böses mit Gutem zu vergelten.'
, Aber es scheint so schmachvoll, geschlagen zuwerden und in der Mitte des Zimmers vor allen
 Schülerinnen stehen zu müssen, und du bist schon einso großes Mädchen, ich bin viel jünger als du undkönnte das nicht ertragen.
, Doch es wäre deine Pflicht, es zu ertragen,
wenn du es nicht ertragen könntest; es ist schwach 
und thöricht, zu sagen, du kannst es nicht ertragen, 
wenn dein Schicksal es dir auferlegt.
Ich hörte ihr mit Verwunderung zu, ich konntediese Duldung nicht begreifen und noch viel weniger 
in der Achtung mit ihr übereinstimmen, die sie für 
die strenge Lehrerin an den Tag legte. Dennoch vermuthete ich, sie möchte Recht und ich Unrecht haben, 
aber ich verschob die Ueberlegung auf eine günstigere 
Zeit.
, Du sagst, du hast Fehler, Helene. Welche sind
 dies? Mir scheinst du sehr gut zu sein.
, Dann lerne von mir, nicht nach dem Schein 
zu urtheilen; ich bin nachlässig, wie Miß Scatcherdsagt, ich halte selten etwas in Ordnung, ich bin unachtsam; ich lese, wenn ich meine Lectionen lernen 
sollte, ich habe keine Methode und zuweilen sage ich, wie du, ich kann es nicht ertragen, der systematischen 
Ordnung unterworfen zu werden. Gegen alle diese Fehler ist Miß Scatcherd sehr empfindlich, die von Natur eigen, zierlich und pünktlich ist.
, Und strenge und grausam, fügte ich hinzu, aberHelene Burns wollte meinen Zusatz nicht gelten lassen.
, Ist Miß Temple ebenso streng gegen dich, wieMiß Scatcherd?
Als ich Miß Temple's Namen nannte, verbreitete 
sich ein sanftes Lächeln über Helenens ernstes Gesicht.
, Miß Temple ist voll Güte; es schmerzt sie,
 strenge gegen irgend Jemanden zu sein, selbst gegen 
die Unartigsten in der Schule. Sie sieht meine Fehlerund macht mich sanft darauf aufmerksam, und wenn 
ich etwas Lobenswerthes thue, so ertheilt sie mir frei
gebig mein Lob. Ein starker Beweis meiner elenden und
 mangelhaften Natur ist es, daß ihre so milden und
 vernünftigen Vorstellungen mich nicht von meinen
 Fehlern bekehren können und daß selbst ihr Lob, so 
hoch ich es auch schätze, mich nicht zu beständiger
 Sorgfalt und Vorsicht anzuspornen vermag.

, Das ist seltsam, sagte ich, , es ist doch so leicht,
 achtsam zu sein.'
, Für dich ohne Zweifel. Ich beobachtete dich diesenMorgen in deiner Classe und sah, wie aufmerksam 
du warst; deine Gedanken schienen nie umherzuwandern.
 Meine Gedanken schweifen dagegen beständig ab.
Wenn ich Miß Scatcherd zuhören und mir Alles, was
 sie sagt, merken soll, höre ich oft sogar den Laut ihrer
 Stimme nicht mehr und versinke wie in einen Traum. 
Zuweilen denke ich, ich sei in Northumberland, unddas Geräusch um mich her wäre das Plätschern eines 
kleinen Baches, der durch Deepden in der Nähe unseres 
Hauses fließt. Wenn dann die Reihe zu antworten
 an mich kommt, muß ich erst erweckt werden, und da
 ich Nichts von dem Vortrage gehört habe, während 
ich auf den eingebildeten Bach lauschte, so habe ichkeine Antwort zur Bereitschaft.
, Aber wie gut antwortetest du diesen Nachmittag!
, Es war bloßer Zufall; der Gegenstand, der 
verhandelt wurde, hatte mich interessirt. Annstatt von

Deepden zu träumen, wunderte ich mich, wie ein
 Mann, der Recht zu thun wünschte, so ungerecht undunweise handeln konnte, wie Karl der Erste.'
, Und wenn Miß Temple unterrichtet, schweifen
da deine Gedanken nicht umher? frug ich weiter.
, Nein, gewiß nicht oft, weil Miß Temple ge
wöhnlich etwas zu sagen hat, was für mich neu ist,
ihre Sprache ist mir außerordentlich angenehm, und
 ihre Belehrung, die sie gibt, ist oft gerade von der
Art, wie ich sie mir anzueignen wünsche.'
, Nun, mit Miß Temple bist du also gut
?
, Ja, auf passive Weise, ich mache keine Anstrengung; ich folge nur meiner Neigung, darin liegt 
kein Verdienst.'
, Im Gegentheil, sehr viel, du bist gut gegen
 die, welche gut gegen dich sind. Das ist Alles; was 
ich je zu sein wünsche. Wenn man immer freundlich 
und gehorsam gegen die wäre, welche grausam und
 ungerecht sind, so würden die bösen Menschen immerihren Willen haben und nur immer schlimmer werden.
 Wenn wir ohne Grund geschlagen werden, sollten
 wir sehr hart wieder schlagen, so hart, daß es der Person, die uns geschlagen, nie einfällt, es noch ein
mal zu thun.
, Du wirst hoffentlich deine Gesinnung ändern, 
wenn du älter wirst. Bis jetzt bist du noch ein kleines, 
unerfahrenes Mädchen.'
, Aber ich fühle, Helene, daß ich diejenigen ver
abscheuen muß, die nur Abneigung und Haß gegen mich hegen, was ich auch thun mag, ihnen zu gefallen; 
und daß ich mich denen widersetzen muß, die mich 
ungerechterweise bestrafen. Es ist ebenso natürlich, 
als daß ich die liebe, die Neigung für mich zeigen,
 oder mich nur bestrafen, wenn ich es verdient habe.'
, Lies das neue Testament und beachte, wasChristus sagt und wie er handelt -- mache sein Wort
zu deiner Regel und sein Benehmen zu deinem Vorbild.

, Was sagt er?
, Liebe deine Feinde, segne die dir fluchen, thue
 wohl denen, die dich hassen und verfolgen.
, Da müßte ich ja auch Mistreß Reed lieben, unddas kann ich nicht, ich müßte ihren Sohn John segnen,
und das ist mir unmöglich.'
Helene Burns wünschte über die genannten Per
sonen einige Aufklärung, und ich begann sogleich auf
meine eigene Weise die Erzählung von meinem Leiden und von meiner Rache. Bitter und aufgeregt
 sprach ich, wie mein Gefühl es mir eingab, ohne 
Rückhalt oder Milderung.
, Nun, fragte ich, ,ist nicht Mistreß Reed ein
 hartherziges, böses Weib?
, Sie ist ohne Zweifel unfreundlich gegen dichgewesen, denn wie du siehst, mißfällt ihr die Richtung
 deines Charakters, wie Miß Scatcherd die Richtung
 des meinigen mißfällt. Eher würdest du nicht glücklicher sein, wenn du versuchtest, ihre Strenge zu ver
gessen? Das Leben scheint mir zu kurz, um damit 
hingebracht zu werden, Feindschaft zu nähren oder 
über erlittenes Unrecht nachzudenken. Wir Alle, Einer
 wie der Andere, sind in dieser Welt mit Fehlern belastet, aber ich hoffe, die Zeit wird kommen, wo wir 
die Fehler zugleich mit unseren vergänglichen Körpern 
ablegen, wo mit dieser lästigen Gestalt von Fleisch 
auch Erniedrigung und Sünde von uns abfallen und 
nur der Funke des Geistes zurückbleiben wird, so rein 
wie er war, als er vom Schöpfer ausging, um die
 Creatur zu beleben; woher er kam, dorthin wird er 
zurückkehren, um vielleicht auf Stufen der Glorie aus
 der blassen menschlichen Seele in einen glänzenden 
Seraph überzugehen! Gewiß wird dieser Geist nie
 umgekehrt von einem Menschen zu einem Teufel herabsinken. Nein, das kann ich nicht denken, ich habe 
einen anderen Glauben, an dem ich hänge, denn er
 breitet die Hoffnung über Alle aus und macht die
 Ewigkeit zu einem Ruheplatze -- zu einer himmlischen 
Heimat -- nicht zu einem Abgrund des Schreckens
 und Entsetzens. Ueberdies kann ich bei diesem Glauben

so klar zwischen dem Verbrecher und seinem Verbrechen unterscheiden, ich kann so aufrichtig dem
 ersteren verzeihen, während ich das letztere verabscheue. Bei diesem Glauben quält Rache nie mein Herz, Entbehrung beugt mich nie zu tief, und Ungerechtigkeit
 schlägt mich nie zu hart darnieder. Ich lebe in Frie
den und denke an das Ende.
Helenens schon vorher geneigter Kopf sank noch
 tiefer, als sie diesen Satz ausgesprochen hatte. Eswurde ihr nicht viel Zeit zum Nachdenken gelassen,
 denn eine Aufseherin, ein großes, plumpes Mädchen,
 kam soeben heran und rief in breitem kumberländischem Dialekt:

, Helene Burns, wenn du nicht sogleich gehst und
 dein Fach in Ordnung bringst und deine Arbeit zu
sammenlegst, so rufe ich Miß Scatcherd und zeige
 es ihr.'
Helene seufzte, als ihre Träumerei gestört wurde,
 stand auf und gehorchte der Aufseherin unverzüglich
 und ohne Widerspruch.



Siebentes Capitel.

Mein erstes Vierteljahr in Lowood schien ein
 Jahrhundert, aber nicht das goldene Jahrhundert zusein, denn ich mußte einen harten Kampf mit der 
Schwierigkeit bestehen, mich an die neuen Regeln
 und ungewohnten Aufgaben zu gewöhnen. Die Furcht,
in dieser Hinsicht einen Fehler zu begehen, schreckte
 mich viel mehr, als die Härte meines äußeren Loses, 
obgleich dies auch keine Kleinigkeit war.
Während des Januar, Februar und eines Theiles 
des März verhinderten uns der hohe Schnee und dann
 beim Schmelzen desselben die fast unzugänglichen
 Wege, uns aus den Gartenmauern zu entfernen, außer um in die Kirche zu gehen; aber innerhalb
 dieser Grenzen durften wir jeden Tag eine Stunde
 in der freien Luft zubringen. Unsere Kleidung war

nicht hinreichend, uns gegen die strenge Kälte zuschützen, wir hatten keine Stiefel, der Schnee drang 
in unsere Schuhe, unsere Hände, die nicht durch Handschuhe geschützt waren, erstarrten und bedeckten sich
 mit Frostbeulen, ebenso wie unsere Füße. Ich erinneremich noch sehr wohl der verzweifelten Qual, die mir 
meine entzündeten Füße jeden Abend verursachten,
und des heftigen Schmerzes, wenn ich die angeschwollenen und steifen Zehen Morgens in meineSchuhe zwängen mußte. Ferner war die spärliche 
Nahrung ganz unzureichend. Im Verhältnis zu
dem starken Appetit, der sich bei heranwachsenden 
Kindern zeigt, bekamen wir kaum so viel, als nöthig
 gewesen wäre, um einen schwachen Kranken am Lebenzu erhalten. Aus diesem Mangel an hinreichender
 Ernährung entstand ein Mißbrauch, der die jüngeren 
Zöglinge sehr hart drückte, denn wenn die ansgehungerten großen Mädchen irgend Gelegenheit hatten, 
so bewogen sie die kleineren durch Schmeicheleien oder
 Drohungen, ihnen ihre Portionen zu geben. Oft habe
 ich das kostbare Stück Schwarzbrot, welches uns zur
 Theezeit gereicht wurde, unter zwei Fordernde getheilt 
und nachdem ich einer Dritten den halben Inhalt meiner 
Kaffeetasse zugestanden, den kümmerlichen Rest unter
geheimen Thränen hinuntergeschluckt, die mir durch 
den Hunger ausgzepreßt wurden.
 Die Sonntage waren traurige Tage zur Winterszeit. Wir hatten eine Stunde zur Kirche nach Brocklebridge zu gehen, wo unser Patron sein geistliches Amt 
verwaltete. Wir gingen frierend fort, kamen halb
erstarrt in der Kirche an und waren während des
Gottesdienstes fast gelähmt. Es war zu weit, um
 zum Mittagessen zurückzukehren, daher reichte man
 uns zwischen den beiden Predigten eine Ration von
 kaltem Fleisch und Brot, welche ebenso sparsam und
 kärglich wie unsere gewöhnlichen Mahlzeiten gehalten
 war.
Nach dem Schlusse des Nachmittagsgottesdienstes
 mußten wir auf einem freien und hügeligen Wege

zurückkehren, wo der kalte Wind, der über eine Reihe
 nördlicher Schneehügel daherwehte, uns fast die Hautvon den Gesichtern löste. Ich sehe noch immer, wie
 Miß Temple leicht und rasch an unserer trostlosen 
Reihe dahinging, ihren schottischen Mantel dicht um
 sich gezogen, und uns durch Wort und Beispiel er
munterte, den Muth nicht sinken zu lassen. Die anderen Lehrerinnen, die armen Dinger, waren ge
wöhnlich selber zu sehr niedergeschlagen, um zu ver
suchen, Andere aufzuheitern.
Wie verlangte uns nach dem Licht und der
 Wärme des glühenden Feuers, wenn wir zurückkehrten!
 Aber den kleineren Mädchen war diese Wohlthat verkümmert, den jeder Kamin im Schulzimmer wurde so
gleich von einer doppelten Reihe großer Mädchen um
ringt, und hinter ihnen hockten die jüngeren Kinder
 in Gruppen umher und hüllten ihre erstarrten Armein ihre Schürzen.
Ein kleiner Trost kam zur Theezeit in Gestalt
 einer doppelten Portion Brot -- einer ganzen Schnitte
anstatt einer halben -- mit einem dünnen Aufstrich 
von Butter. Es war ein allwöchentlich uns vergönnter Genuß, dem wir von einem Sabbath zum
 anderen sehnsuchtsvoll entgegensahen. Gewöhnlich ge
lang es mir, die eine Hälfte dieser reichlichen Mahlzeit für mich zu behalten, während ich stets genöthigt 
war, das Uebrige zu vertheilen.
Der Sonntagabend wurde mit Hersagen des
 Kirchenkatechismus hingebracht, und dann mußten 
wir noch eine lange Predigt anhören, die Miß Miller 
vorlas, während ihr unüberwindliches Gähnen ihre 
Ermüdung bezeugte. Ein häufiges Zwischenspiel bei 
diesen Andachtsübungen war, daß ein halbes Dutzendkleiner Mädchen, vom Schlaf überwältigt, von der 
Bank herabfiel und halb todt aufgehoben wurde. 
Das Heilmittel dagegen bestand darin, daß man
 sie in die Mitte der Schulstube schleppte und sie
 nöthigte, stehen zu bleiben, bis die Predigt zu 
Ende war. Zuweilen wollten ihre Füße sie nicht

tragen, und sie sanken in einen hilflosen Klumpen zu
sammen.
Herr Brocklehurst war während des größten 
Theiles des ersten Monats nach meiner Ankunft verreist, da er vermuthlich seinen Aufenthalt bei seinem
 Freunde, dem Archidiaconus, verlängert hatte. SeineAbwesenheit war eine Beruhigung für mich. Ichbrauche nicht erst zu sagen, daß ich Grund hatte, 
seine Ankunft zu fürchten; aber endlich kam er.
An einem Nachmittage, als ich gerade drei
 Wochen in Lowood war, saß ich, meine Schiefertafelin der Hand, da und war mit einem grozen Divisionsexempel beschäftigt, als ich die Augen zum Fenster
 erhob und eine Gestalt vorübergehen sah, deren seltsamen Umriß ich fast instinctmäßig erkannte. Alszwei Minuten später die ganze Schule, die Lehrerinnenmit eingeschlossen, in Masse aufstand, brauchte ich nicht
 erst aufzublicken, um mich zu überzeugen, wessen Eintritt begrüßt wurde. Ein weiter Schritt durchmaßdas Schulzimmer, und sogleich stand neben Miß
Temple, die sich ebenfalls erhoben hatte, die selbe
 schwarze Säule, die mich so unheimlich vor dem 
Kamin zu Gateshead angeblickt hatte. Ja, es war 
Herr Brocklehurst, in einen Oberrock geknöpft, längen, 
schmäler und strenger als je.

Ich hatte meine eigenen Gründe, über sein Er
scheinen zu erschrecken. Nur zu wohl erinnerte ich
 mich der Winke, die ihm Mistreß Reed über mich ge
geben hatte, sowie seines Versprechens, Miß Templeund die Lehrerinnen von meinen Fehlern in Kenntniszu setzen. Schon lange hatte ich mit Furcht der Ankunft des Mannes entgegengesehen, dessen Bericht über mein früheres Leben mich auf immer als ein böses Kind brandmarken sollte, und nun war er da.
 Er stand neben Miß Temple und sprach leise mit 
ihr, ich zweifelte nicht, daß er ihr Eröffnungen übermeine Bosheit mache, und beobachtete mit schmerzlicher Angst ihre Augen, jede Secunde erwartend, daß
 sie dieselben mit einem Blicke der Verachtung auf

mich richten werde. Ich horchte mit angehaltenem 
Athem, und da ich mich zufällig ganz am Ende desZimmers befand, so vernahm ich das Meiste, was
 gesprochen wurde; doch befreite mich der Inhalt der 
Unterredung von unmittelbarer Furcht.
, Ich hoffe, der Zwirn, den ich in Towton gekauft habe, wird gut sein, Miß Temple; ich dachte, er müsse gerade zu den Calicohemden passen, und
 ich wählte die Nadeln danach aus. Sie können Miß
 Smith sagen, daß ich vergessen habe, ein Verzeichnis 
von den Stopfnadeln zu machen, aber es soll ihr in
 der nächsten Woche geschickt werden. Auf jeden Fall
 soll sie jeder Schülerin zur Zeit nur eine Nadel geben, 
denn wenn sie mehr haben, werden sie unachtsam 
und verlieren sie. Und, o! Miß Temple, ich wünschte 
sehr, es würde besser nach den wollenen Strümpfengesehen! -- Als ich zuletzt hier war, ging ich in denKüchengarten und untersuchte die Wäsche, die zum 
Trocknen aufgehängt war; da waren viele Strümpfe 
in sehr schlechtem Zustande, und aus der Größe der 
Löcher schloß ich, daß sie nicht zur gehörigen Zeit
, ausgebessert würden.'
Er schwieg.

, Ihre Anordnungen sollen befolgt werden, mein
 Herr,' sagte Miß Temple.
, Und die Wäscherin sagt mir, Miß Temple,'
fuhr er fort, ,daß einige von den Mädchen wöchent
lich zwei reine Halsstreifen bekommen; das ist zu viel, 
die Regel gestattet nur einen.'
, Ich glaube diesen Umstand erklären zu können, 
mein Herr. Agnes und Katharina Johnstone wurden 
am letzten Donnerstag zu ihren Verwandten zum Thee
 nach Lowton eingeladen, und ich gab ihnen die Er
laubnis, bei dieser Gelegenheit reine Halsstreifen zu
 nehmen.

Herr Brocklehurst nickte.

, Nun, einmal mag es hingehen; aber ich bitte 
Sie, lassen Sie es nicht zu oft zu. Und noch etwas
 Anderes hat mich überrascht. Ich finde nämlich, bei

der Berechnung mit der Haushälterin, daß den Mädchen
 in den letzten vierzehn Tagen zweimal Brot und
 Käse gegeben worden ist. Wer führte diese Neuerung
 ein? Und auf wessen Autorität geschah sie?
, Ich trage die Verantwortlichkeit dafür, meinHerr,' versetzte Miß Temple, ,das Frühstück war soschlecht bereitet, daß die Mädchen es unmöglich essenkonnten, und ich glaubte sie nicht bis zur Mittagszeit
 hungern lassen zu dürfen.
, Erlauben Sie, Miß Temple, Sie wissen, daß 
mein Plan bei Auferziehung dieser Mädchen nicht 
ist, sie an Luxus und Schwelgerei zu gewöhnen, sondern 
sie abzuhärten, ihnen Geduld und Selbstverleugnung
 beizubringen. Sollte irgend ein zufälliger Umstand eintreten, daß die Erwartung, den Appetit zu stillen,
 nicht erfüllt würde, daß eine Speise angebrannt, zu
viel oder zu wenig gesalzen wäre, so würde man,
 indem man etwas Delicateres an die Stelle setzt, dem 
Zwecke dieser Anstalt entgegenhandeln. Eine kurze Belehrung bei solchen Gelegenheiten würde nicht übel
 angebracht sein, wobei eine verständige Lehrerin Gelegenheit nehmen könnte, auf die Leiden der erstenChristen, auf die Qualen der Märtyrer und die Ermahnungen unseres göttlichen Erlösers selbst zu verweisen, der seine Jünger auffordert, ihr Kreuz aufsich zu nehmen und ihm zu folgen; auf seine Warnungen, daß der Mensch nicht vom Brote allein leben
 soll, sondern von jedem Worte, das aus dem Munde
 Gottes kommt, und auf seine göttliche Tröstung: 
Selig seid Ihr, wenn Ihr hungert und dürstet um
 meinetwillen. O, Miß, wenn Sie diesen Kindern Brot
 und Käse anstatt angebrannter Suppe in den Mund
 stecken, so mögen Sie in der That ihre irdischen Körper 
sättigen, aber Sie vergessen, daß Sie ihre unsterblichenSeelen hungern lassen!
Herr Brocklehurst schwieg wieder -- vielleicht 
war er von seinem Gefühle überwältigt. Miß Temple
 hatte auf den Boden geblickt, als er zuerst angefangen 
mit ihr zu reden, aber jetzt sah sie gerade vor sich

hin, und ihr Gesicht, welches von Natur blaß wie
 Marmor war, schien auch die Kälte und Starrheit 
dieses Materials anzunehmen; ihr Mund schloß sich 
fest, und auf ihrer Stirn zeigte sich der Ausdruck
 versteinerter Strenge.
Inzwischen stand Herr Brocklehurst, seine Hände
 auf den Rücken gelegt, am Kamin und überschaute 
majestätisch die ganze Schule. Plötzlich blinzelte sein
 Auge, als ob sich ein Entsetzen seiner bemächtigte. Er 
wendete sich um und sprach in rascherem Tone alsbisher:
, Miß Temple, Miß Temple, was -- was ist
 dies für ein Mädchen mit gelocktem Haar? rothes H
aar, gelockt -- über und über gelockt?

Und er streckte seinen Stock aus und deutete mitzitternder Hand auf den Gegenstand, der ihm solchen 
Schrecken verursachte.
, Es ist Julie Severn, versetzte Miß Templesehr ruhig.

, Julie Severn, Miß! Warum richtet sie sich, allen 
Vorschriften und Grundsätzen dieses Hauses zum Trotz, 
so offen nach der eiteln Mode der Welt, daß sie indieser christlichen Anstalt ihr Haar in einer Masse von 
Locken trägt?
, Juliens Haar lockt sich von Natur,' entgegnete
 Miß Temple noch ruhiger als zuvor.

, Von Natur? Ja, aber wir sollen uns nicht
 nach der Natur richten; ich wünsche, daß diese Mädchen
 Kinder der Gnade werden; wozu also jene Haarfülle? 
Ich habe wiederholt angedeutet, daß das Haar kurz
 gehalten und bescheiden und einfach frisirt werden
 soll. Miß Temple, das Haar dieses Mädchens muß
 ganz abgeschnitten werden; ich will morgen einen Barbier schicken. Ich sehe auch noch Andere, die zu
viel von diesem unnöthigen Schmucke haben. Lassen 
Sie die ganze erste Bank aufstehen und ihre Gesichter
 nach der Wand wenden.'
Miß Temple fuhr mit dem Taschentuch über
 ihre Lippen, als wollte sie ein unwillkürliches Lächeln

verbergen, sie gab indessen den Befehl, und da die 
erste Classe nicht anders konnte, so gehorchte sie. Indem ich mich auf meiner Bank ein wenig zurücklehnte,
 konnte ich die Blicke und Grimassen sehen, womit die
 großen Mädchen dieses Manöver begleiteten. Es war 
schade, daß Herr Brocklehurst es nicht auch sehenkonnte; dann würde er vielleicht gefühlt haben, daß, 
wie er auch über das Aeußere seiner Pfleglinge verfügen mochte, das Innere weiter aus seinem Bereich 
liege, als er sich einbildete.
Er beobachtete den Revers dieser lebendigen
 Medaillen etwa fünf Minuten und sprach dann das 
Urtheil aus, welches wie der Spruch des jüngsten
 Gerichtes in alle die jungen Herzen drang:
, Alle diese Flechten müssen abgeschnitten werden.
Miß Temple wollte Gegenvorstellungen machen.

, Miß,' fiel er ihr ins Wort, ,ich habe einen 
Herrn, dem ich diene, und dessen Reich nicht vondieser Welt ist; meine Aufgabe ist es, die Lust des
 Fleisches in diesen Mädchen zu ertödten, sie zu lehren, 
sich mit Schamhaftigkeit und Nüchternheit zu kleiden,
und sich nicht mit geflochtenem Haar und köstlichen
 Kleidern zu schmücken. Jede von diesen jungen Per
sonen vor uns hat einen Theil ihres Haares zu
 Zöpfen verschlungen, wie sie die Eitelkeit selbst nur
 hätte flechten können. Ich wiederhole, diese müssenabgeschnitten werden; denken Sie an die verlorene 
Zeit, an --
Herr Brocklehurst wurde hier unterbrochen. Drei
 Damen traten ins Zimmer, die ebenfalls die Schule
 besichtigen wollten. Sie hätten ein wenig früher kommen
 sollen, um seine Vorlesung über die Eitelkeit anzuhören,
 denn sie waren glänzend in Sammet, Seide und Pelz
 gekleidet. Die beiden jüngeren von den Dreien --
schöne Mädchen von sechzehn oder siebzehn Jahren
 -- trugen Hüte mit Straußfedern, und unter dem 
Rande dieser anmuthigen Kopfbedeckung zeigte sich 
eine Fülle zierlich gekräuselter Locken. Die ältere Damewar in einen kostbaren Sammetshawl gehüllt, der mit

Hermelin besetzt war, und trug einen falschen Scheitel 
von französischen Locken.
Die Damen wurden von Miß Temple mit vieler 
Höflichkeit als Mistreß und Misses Brocklehurst empfangen und zu Ehrensitzen am oberen Ende desZimmers geführt. Sie schienen mit dem ehrwürdigen
 Herrn in demselben Wagen gekommen zu sein und in
 den oberen Zimmern ihre Untersuchungen angestellt 
zu haben, während er mit der Haushälterin gerechnet
 und der Vorsteherin der Anstalt seine Ermahnungen 
ertheilt hatte. Jetzt begannen sie, der Miß Smith,
 welche die Aufsicht über die Wäsche und die Schlafzimmer hatte, verschiedene Vorhaltungen zu machen
und ihren Tadel auszusprechen; aber ich hatte nicht
 Zeit, auf das zu achten, was sie sagten, denn andere
 Vorgänge fesselten meine Aufmerksamkeit.
 Bisher hatte ich keine Vorsicht versäumt, mich
 so unbemerkbar wie möglich zu machen, was ich dadurch zu erreichen meinte, daß ich mich weit auf die 
Bank zurücksetzte und, während ich mit Rechnen beschäftigt schien, meine Tafel so hielt, daß sie mein
 Gesicht verbarg. Ich würde auch der Beachtung entgangen sein, wäre nicht meine verrätherische Tafel
 mir aus der Hand geglitten und krachend zu Boden 
gefallen, was sogleich Aller Augen auf mich zog. 
Ich wußte, daß jetzt Alles verloren sei, und machtemich auf das Schlimmste gefaßt, während ich mich 
niederbeugte, um die beiden Stücke der Tafel auf
zuheben.

,Ein unachtsames Mädchen!' sagte Herr Brockle-
hurst, und fügte gleich darauf hinzu: , Es ist die neueSchülerin, wie ich sehe. Ich darf nicht vergessen, daßich Etwas über dieselbe zu sagen habe. Dann setzte
 er laut, o wie laut! hinzu: ,Lassen Sie das Mädchen 
vortreten.'
Aus eigenem Antriebe würde ich mich nicht ge
regt haben, denn ich war wie gelähmt; aber die 
beiden großen Mädchen, die zu jeder Seite vor mir
 saßen, richteten mich auf und schoben mich zu dem

gefürchteten Richter hin, während mich Miß Temple
 unterstützte und mir leise zuflüsterte:

,Fürchte dich nicht, Johanna, ich sah, daß es 
ohne deine Schuld geschah.'
Das freundliche Wort drang mir wie ein Dolch 
ins Herz.
,Noch eine Minute und sie wird mich als eine 
Heuchlerin verabscheuen, dachte ich, und eine 
heftige Wuth gegen Reed, Brocklehurst und Compagnie glühte in meinem Herzen. Ich war nicht Helene 
Burns.
,Holt einen Stuhl herbei, sagte Herr Brockle
hurst, auf einen sehr hohen Stuhl deutend, von
 welchem eine Aufseherin eben aufgestanden war. Er
 wurde herbeigebracht. , Stellt das Kind hinauf! Ich 
wurde hinaufgestellt, von wem, wußte ich nicht. Ichwar nicht in der Lage, die Einzelnheiten zu beachten;
 ich wurde nur gewahr, daß man mich bis zu der 
Höhe von Herrn Brocklehurst's Nase hinauf gehißt
 hatte, daß er nur einen Schritt von mir entfernt warund daß unter mir eine Wolke von silbergrauen 
Federn, dunkelrothem Zeidenpelze* und orangegelben
 Kleidern durcheinander wogte.
Herr Brocklehurst räusperte sich.
,Meine Damen, sagte er zu seiner Familie ge
wendet, ,Miß Temple, Lehrerinnen und Kinder, Sie
 sehen Alle dieses Mädchen?

Natürlich sahen sie mich, denn ich fühlte ihre
 Augen wie sengende Brenngläser auf mich gerichtet.
, Sie sehen, sie ist noch jung. Gott hat ihr in
 einer Gnade die Gestalt gegeben, die er uns Allen
 geschenkt; keine besondere Entstellung zeichnet sie als 
einen gebrandmarkten Charakter aus. Wer sollte 
denken, daß der Böse schon eine Gehilfin in ihr ge
funden hätte? Doch leider ist es der Fall.
Es trat eine Pause ein, während welcher ich
 meine erschütterten Nerven zu stählen suchte, denn ich
 fühlte, daß die Prüfung, da ihr nicht auszuweichen 
war, mit Festigkeit müsse bestanden werden.

,Meine lieben Kinder,' fulhr der schwarze,
 steinerne Geistliche mit Pathos fort, ,es ist meine 
traurige Pflicht, Euch vor diesem Mädchen zu warnen, 
welches eins von Gottes Lämmern sein könnte, aber 
kein Mitglied der wahren Herde ist, sondern offenbar
 einer fremden Schaar angehört. Ihr müßt Euch also
 vor ihr hüten, ihr Beispiel scheuen und, wenn es
 nöthig ist, ihre Gesellschaft meiden, sie von EurenSpielen und Eurer Unterhaltung ausschließen. -- 
Lehrerinnen! Sie müssen sie überwachen, alle ihre
 Worte abwägen, ihre Handlungen prüfen, ihren Leib 
bestrafen, um ihre Seele zu retten, wenn in der That 
noch eine solche Rettung möglich ist, denn -- meine Zunge
bebt, während ich es ausspreche -- dieses Mädchen, 
dieses Kind, diese geborene Christin ist schlimmer alsmanche kleine Heidin, die ihre Gebete an Brahma 
richtet -- dieses Mädchen ist eine Lügnerin.
Es trat eine lange Pause ein, während welcher 
ich, jetzt im vollen Besitze meiner Sinne, bemerkte,
 wie die weiblichen Brocklehurst's ihre Taschentücher 
hervorzogen und sie zu ihren Augen erhoben, wobei 
die beiden jüngeren flüsterten:
, Wie entsetzlich!

Herr Brocklehurst fuhr fort:

, Dies erfuhr ich von ihrer Wohlthäterin, von 
der frommen und christlichen Dame, die sich ihrer 
verwaisten Tage annahm, sie wie ihre eigene Tochtererzog, und deren Güte und Großmuth das unglück
liche Mädchen durch so schreckliche Undankbarkeit ver
galt, daß ihre vortreffliche Beschützerin sich genöthigt 
sah, sie von ihren eigenen Kindern zu trennen, da
 sie fürchtete, ihr verderbliches Beispiel möchte deren 
Reinheit beflecken. Sie hat sie hierher geschickt, um sie 
heilen zu lassen, wie die Juden vor Alters ihre Kranken 
an den wogenden See von Bethesda schickten. Und,
 Lehrerinnen und Vorsteherin, ich bitte Sie, lassen Sie die
 Wellen um dieses Kind nicht zum Stillstand kommen.
Nach diesem erhabenen Schlusse köpfte Herr 
Brocklehurst den oberen Knopf seines Rockes zu, sagte

einige leise Worte zu seiner Familie, welche aufstand,
 und verneigte sich gegen Miß Temple. Dann segelte 
die vornehme Gesellschaft stattlich zum Zimmer hinaus. 
An der Thür wandte sich Herr Brocklehurst noch einmal um und rief Miß Temple zu:
, Lassen Sie das Kind noch eine halbe Stunde
 länger auf dem Stuhle stehen und während desübrigen Tages Niemand mit ihr reden.'
Dort stand ich also auf meiner Erhöhung; ich,
 die ich gesagt, ich könne die Schande nicht ertragen,
 auf meinen natürlichen Füßen in der Mitte des 
Zimmers zu stehen, war allen Blicken auf einem Fußgestell der Schande ausgesetzt. Keine Sprache kann
 meine Empfindungen ausdrücken; aber gerade als
 Alle aufstanden, wobei es mir war, als ob mir die
 Kehle zugeschnürt würde, kam ein Mädchen vorüber
 und erhob die Augen zu mir. Welch' ein seltsames
 Licht sie erhellte! Mit welcher außerordentlichen Em
pfindung durchdrang mich dieser Strahl! Wie erhob
 mich dieses neue Gefühl! Es war, als wäre ein
 Märtyrer, ein Heros an einem Sklaven oder an einem 
Schlachtopfer vorübergegangen und hätte ihm Kräfte 
mitgetheilt. Ich bemeisterte meine Neigung zum Weinen, 
erhob den Kopf und stellte mich fest auf den Stuhl
 hin. Helene Burns richtete eine unbedeutende Frage
an Miß Smith, wurde wegen der unnöthigen Frage
 gescholten, kehrte zu ihrem Platze zurück unnd lächeltemir zu, als sie wieder an mir vorüberging. Welch'
ein Lächeln! Ich erinnere mich desselben noch jetzt 
und weiß, daß es der Ausfluß des feinen Verstandes
 und des wahren Muthes war; es erhellte ihre ausdrucksvollen Züge, ihr schmales Gesicht, ihr eingesunkenes graues Auge gleich einem Widerschein der 
Glorie eines Engels. Doch in dem Augenblick trug
 Helene Burns ein Zeichen der Schmachs an ihrem 
Arm; denn kaum vor einer Stunde hatte ich gehört, 
wie Miß Scatcherd sie auf den folgenden Tag zu ei
nem Mittagessen von Brot und Wasser verurtheilte,
 weil sie einen Fleck auf eine Vorschrift gemacht

während sie dieselbe nachgeschrieben. So ist die un
vollkommene Natur des Menschen! Solche Flecken
 gibt es auf der Scheibe des strahlendsten Planeten, 
und Augen, wie die der Miß Scatcherd, können nur 
diese kleinlichen Mängel entdecken; für den vollen 
Glanz des Gestirns sind sie blind.

Achtes Capitel.
Ehe die halbe Stunde um war, schlug es fünf; 
die Schülerinnen wurden entlassen und gingen zum
 Thee. Ich wagte jetzt, wo es bereits fast dunkel 
war, von dem Stuhle herunter zu steigen, zog michin einen Winkel zurück und setzte mich auf den Boden 
nieder. Der Zauber, der mich bis dahin aufrecht er
halten hatte, begann zu schwinden; es fand eine
 Gegenwirkung statt, und bald ergriff mich ein so
 heftiger Kummer, daß ich mit dem Gesichte auf den 
Boden niedersank. Nun weinte ich; Helene Burns 
war nicht da; Niemand hielt mich aufrecht, allein
 gelassen, gab ich mich auf, und meine Thränen benetzten die Dielen. Ich wollte ja gern in Lowood
 sein, wollte mir Freundinnen erwerben und die all
gemeine Achtung gewinnen. Ich hatte schon sichtbare
 Fortschritte gemacht, heute Morgen war ich die Erste
 in meiner Classe geworden; Miß Miller hatte mich
 mit Wärme gelobt, Miß Temple hatte mir beifällig 
zugelächelt; sie hatte versprochen, mir Zeichenstunde 
zu geben und mich im Französischen unterrichten zu 
lassen, wenn ich noch zwei Monate fortfahren würde,
 ähnliche Fortschritte zu machen. Darauf hin war ich 
von meinen Mitschülerinnen gut empfangen, und von
 denen meines Alters wie ihres Gleichen behandelt 
worden; und jetzt lag ich da, zu Boden geschmettert
 und mit Füßen getreten! Und konnte ich mich je wieder
 erheben?

, Nimmermehr!' dachte ich und hegte den glü
henden Wunsch zu sterben. Während ich diesen Wunsch

in Tönen hervorschluchzte, näherte sich mir Jemand;
 ich fuhr empor und erblickte wieder Helene Burns.
 Sie brachte mir Kaffee und Brot.
, Komm und iß ein wenig,' sagte sie; aber ich 
schob Beides von mir weg, denn es war mir, alsob ein Tropfen oder eine Krume mich in meiner
 gegenwärtigen Stimmung hätten ersticken müssen. Ich 
konnte meine Aufregung nicht überwinden, obgleich 
ich mich sehr bemühte, und fuhr fort, laut zu weinen.
 Helene setzte sich in meiner Nähe auf den Boden
 nieder. Ich sprach zuerst.
, Helene,' sagte ich, , warum bleibst du bei einem
 Mädchen, welches Jedermann für eine Lügnerinhält?
, Jedermann, Johanna? Es waren ja nur achtzig Personen da, die dich so nennen hörten, und die
 Welt zählt viele hundert Millionen Seelen.'
, Aber ich weiß, daß diese achtzig mich verachten.'
, Du irrst, Johanna, wahrscheinlich verachtet dich
 keine in der ganzen Schule, und ich bin gewiß, daßviele dich bemitleiden.
, Wie können sie mich bemitleiden nach dem, was 
Herr Brocklehurst sagte?
, Herr Brocklehurst ist hier wenig beliebt und hat 
nie etwas gethan, um sich beliebt zu machen. Hätte
 er dich mit besonderer Gunst behandelt, so würdest du 
viele Feindinnen bekommen haben, offene und verstockte. So wie die Sache steht, würde die größere 
Zahl dir Mitgefühl zeigen, wenn sie es wagten. Die Lehrerinnen und Schülerinnen mögen dich vielleicht auf einen oder zwei Tage kalt ansehen, aber in ihren Herzen hegen sie freundliche Gefühle für dich, und wenn du so brav und gut bleibst, wie bisher, so 
werden diese Gefühle sich nur umso lebhafter zeigen. 
Ueberdies, Johanna --

Sie schwieg. ,Nun, Helene? fragte ich, meineHand in die ihrige legend. Sie rieb meine Finger s
anft, um sie zu erwärmen, und fuhr dann fort:

, Wenn auch die ganze Welt dich haßte und dichfür böse hielte, während dein eigenes Gewissen dich 
von der Schuld freispricht, so würdest du nicht ohneFreunde sein.'
, Ich weiß. Ich würde gut von mir denken, aberdas ist mir nicht genug; wenn andere mich nicht 
lieben, wollte ich lieber sterben. Ich kann es nichtertragen, einsam zu sein und gehaßt zu werden, Helene.
 Um mir deine oder Miß Temples Zuneigung zu erwerben, würde ich mir den Arm zerbrechen, mich von
 einem wilden Stier aufspießen oder von einem Pferde
 unter die Hufe treten lassen.'
, Still, Johanna! Du hältst zu viel von der Liebe
 menschlicher Wesen; du folgst zu sehr den Antrieben 
deines Herzens, und du bist zu heftig. Die allmächtige 
Hand, die dich schuf, hat dir andere Stützen als dein
 schwaches Selbst oder deine ohnmächtigen Mitmenschen
 gegeben. Es gibt eine unsichtbare Welt und einKönigreich der Geister, und diese Welt, die überall ist,
 umgibt auch uns und überwacht und schützt uns.
 Und wenn wir in Schmerz und Schande sterben, wenn
 Verachtung uns von allen Seiten trifft und der Haß 
uns zu Boden schlägt, so sehen Engel unsere Qualen 
und erkennen unsere Unschuld, wenn wir unschuldig
 sind, wie ich weiß, daß du unschuldig bist. Denn ich
 glaube nicht an Brocklehurst's Anschuldigung; was
 ihm Mistreß Reed über dich gesagt hat, das hat er
 nur in pomphaften Worten wiederholt, und daß es
 nicht die Wahrheit ist, das lese ich in deinen auf
richtigen Augen und auf deiner klaren Stirn. -- Gott
 wartet nur auf die Trennung des Geistes vom Fleisch,
 um uns mit einer vollkommenen Belohnung zu krönen.
 Warum sollten wir denn je vom Kummer überschüttet
 danieder sinken, wenn das Leben so bald vorüber und der Tod ein so gewisser Eingang zum Glück und zur
 Glorie ist?
 Helene hatte mich beruhigt, aber in dieser Ruhe lag
 eine Beimischung unaussprechlicher Traurigkeit. Als
 sie ausgeredet hatte, athmete sie ein wenig rascher und

hustete kurz. Ich vergaß augenblicklich mein eigenes
 Leiden und gab mich ihretwegen einer unbestimmten 
Befürchtung hin.
Ich umschlang Helene mit meinen Armen, siezog mich an sich und so ruhten wir schweigend. Wir 
hatten noch nicht lange so gesessen, als Jemand her
einkam. Einige schwere Wolken wurden vom Winde fortgetrieben und ließen den Mond frei. Sein Licht
 strömte durch das nahe Fenster herein und schien vollauf uns Beide und auf die sich nähernde Gestalt, in
welcher wir sogleich Miß Temple erkannten.
, Ich komme, um dich aufzusuchen, Johanna Eyre,
 sagte sie.
, Folge mir in mein Zimmer; und da HeleneBurns bei dir ist, so kann sie auch mitkommen.'
Wir folgten der Vorsteherin in ihr sehr wohnliches, gut durchwärmtes Zimmer. Sie wies HeleneBurns einen niedrigen Lehnsessel auf der einen Seitedes Kamins an, und nachdem sie selbst auf einem
 anderen Platz genommen, rief sie mich an ihre Seite.
, Ist jetzt Alles vorüber? fragte sie, auf mein
 Gesicht niederblickend.
, Hast du deinen Kummer aus
geweint?
, Ich fürchte, das wird nie geschehen.

, Warum?

, Weil ich auf ungerechte Weise beschuldigt worden bin, und Sie, Miß, und alle Anderen mich für böse halten werden.
, Wir werden dich für das halten, als was dudich beweisest, mein Kind. Fahre fort, ein gutes
 Mädchen zu sein, wie bisher, und du wirst mich zu
friedenstellen.
, Werde ich das, Miß Temple?

, Das wirst du, sagte sie, mich mit ihrem Arme
 
umschlingend. , Und nun sage mir, wer ist die Dame, 
die Herr Brocklehurst deine Wohlthäterin nannte ?
, Mistreß Reed, meines Onkels Frau. Mein Onkel ist todt und überließ mich ihrer Sorge.

, So adoptirte sie dich also nicht aus eigenem Antriebe?

, Nein, Miß, es war ihr leid, es thun zu müssen; 
aber wie ich oft von der Dienerschaft habe sagen
 hören, nahm ihr mein Onkel, ehe er starb, das Versprechen ab, daß sie mich stets bei sich behalten wolle.
, Nun, Johanna, du weißt, oder wenn nicht, sowill ich es dir sagen, daß, wenn ein Verbrecher angeklagt
 wird, es ihm stets erlaubt ist, zu seiner eigenen Ver
teidigung zu sprechen. Du bist als Lügnerin angeklagt worden, vertheidige dich also gegen mich, so gutdu kannst. Erzähle mir Alles, dessen du dich genau 
erinnerst, aber füge nichts hinzu und übertreibe nichts.
Ich beschloß, sehr gemäßigt und sehr bestimmt
 zu sein; und nachdem ich einige Minuten nachgedacht,
 um das im Zusammenhange zu ordnen, was ich zusagen hatte, erzählte ich die ganze Geschichte meinertraurigen Kindheit. An Helenens Warnung denkend, 
mich nicht dem Rachegefühl hinzugeben, enthielt ich
 mich jeder Bitterkeit. So maßvoll gehalten, machte 
meine Erzählung den Eindruck der Wahrheit, und ich
 fühlte, daß Miß Temple mir vollkommenen Glauben
 schenkte.
Ich erwähnte auch Herrn Lloyd, der mich in
 meiner Krankheit besuchte, denn wie hätte ich der für 
mich so schrecklichen Episode des rothen Zimmers 
vergessen können! Selbst in meiner Erinnerung noch
 hatte die Todesangst sich frisch erhalten, die mein 
Herz packte, als Mistreß Reed meine dringende Bitte 
um Verzeihung zurückwies und mich zum zweiten Mal
 in das dunkle und geisterhafte Zimmer einschloß.
 Ich hatte meine Erzählung beendet, Miß Temple 
sah mich einige Minuten schweigend an und sagte 
darauf:
, Ich kenne Herrn Lloyd zufällig und werde an
 ihn schreiben. Wenn seine Antwort mit deiner Angabe übereinstimmt, so sollst du öffentlich von jeder Beschuldigung freigesprochen werden; für mich bist
 du es schon jetzt, Johanna.
Sie küßte mich und behielt mich noch an ihrer 
Seite, wo ich gern stand, denn ich empfand ein kindliches Vergnügen daran, ihr Gesicht, ihre dichten und
 schimmernden Locken und ihre glänzenden schwarzen 
Augen zu betrachten. Dann wandte sie sich an HeleneBurns:
, Wie befindest du dich diesen Abend, Helene? Hastdu heute viel gehustet?
, Nicht sehr viel, meine ich, mein Fräulein.

, Und der Schmerz in deiner Brust?

, Ist ein wenig besser.

Miß Temple faßte ihre Hand und fühlte ihren
 Puls, dann hörte ich sie tief seufzen. Sie war einigeMinuten nachdenkend, faßte sich dann wieder und
 sagte heiter:

, Ihr Beide seid heute Abend meine Gäste, undich werde Euch als solche bewirthen.
Bei diesen Worten klingelte sie.

, Barbara, sagte sie zu der Dienerin, welche
 eintrat, ,ich habe noch keinen Thee bekommen, bringe
 das Theezeug herein und auch Tassen für diese beiden 
juungen Damen.
Das Theegeschirr wurde bald hereingebracht. 
Wie hübsch erschienen meinen Augen die chinesischen
 Tassen und der glänzende Theetopf auf dem kleinen runden Tische am Feuer! Wie angenehm war der
 Duft des Getränkes und der Geruch des gerösteten 
Brotes, wovon ich zu meinem Schrecken -- denn ich
 begann Hunger zu empfinden -- nur eine sehr kleinePortion bemerkte. Miß Temple wurde auch darauf aufmerksam.
, Barbara,' sagte sie, , kannst du mir nicht noch ein
 wenig Brot und Butter bringen? Es ist nicht genugfür Drei.
Barbara ging hinaus und kehrte bald zurück
 mit den Worten:
, Mein Fräulein, Mistreß Harden sagt, sie habe die gewöhnliche Portion hereingeschickt.

Mistreß Harden war die Haushälterin, eine Person ganz nach Herrn Brocklehurst's Geschmack, zu
 gleichen Theilen aus Stein und Eisen bestehend.

, O! sehr gut; ich denke, wir müssen uns ein
richten, so gut es geht, Barbara, entgegnete Miß 
Temple, und als das Mädchen sich entfernt hatte, 
fügte sie lächelnd hinzu: ,Zum Glück steht es diesmal in meiner Macht, dem Mangel abzuhelfen.'

Nachdem sie Helenen und mir jeder eine TasseThee mit einem delicaten, aber sehr dünnem Stücke 
Zwieback vorgesetzt hatte, schloß sie ein Fach auf, nahm
 etwas heraus, was in Papier gewickelt war, und zeigte
 unseren Augen einen Streukuchen von ziemlicher Größe.
, Ich beabsichtigte, Jeder von euch ein Stück
 davon mitzugeben, sagte sie, aber da so wenig ge
röstetes Brot da ist, so müßt Ihr den Kuchen jetzt 
zum Thee essen.'

Und sie begann mit freigebiger Hand Stücke
 herunter zu schneiden.
Wir schwelgten diesen Abend wie in Nektar und 
Ambrosia; und mehr als Alles entzückte uns das
 heitere Lächeln, womit unsere Wirthin uns betrachtete,
 während wir unseren Appetit an der delicaten Speise 
stillten. Als der Thee getrunken und das Geschirr
 weggenommen war, rief sie uns wieder zum Feuer.
 Wir setzten uns ihr zu beiden Seiten, und jetzt erfolgte
 eine Unterhaltung zwischen ihr und Helenen, woran
 theilzunehmen in der Chat ein hoher Genuß war.
Miß Temple hatte immer etwas Heiteres in ihrer
 Miene, etwas Imponirendes und einen feinen Takt in
 ihrer Rede. Ihr Wesen schloß jede Aufregung, jede 
übermäßige Lebhaftigkeit aus, und Jedem, der ihr zuhörte, nöthigte sie ein gewisses Gefühl der Ehrfurcht 
ab. Dies war jetzt meine eigene Empfindung. Helene
 Burns aber setzte mich geradezu in Erstaunen.

Das erfrischende Mahl, das schimmernde Feuer,
 die Gegenwart und Freundlickeit ihrer geliebten Lehre
rin, oder vielleicht mehr als dies Alles, etwas in ihrem 
eigenen Geiste hatte alle Kräfte in ihr angeregt. Diese
 erwachten und glühten zuerst in der dunkleren Farbe
 ihrer Wange, die ich bis zu dieser Stunde nie anders 
als blaß und blutlos gesehen, dann schimmerten sie

in dem flüssigen Glanze ihrer Augen, die plötzlich eine 
auffallende Schönheit angenommen hatten, eine Schön
heit, die keine nur äußerliche war, sondern in dem
 vergeistigten Ausdrucke lag. Dann trat ihre Seele
 auf ihre Lippen. Aus welcher Quelle ihre Sprache 
floß, weiß ich nicht, denn hat ein Mädchen von vier
zehn Jahren ein Herz groß und kräftig geng, um
 den brausenden Quell der reinen, vollen und glühen
den Beredtsamkeit fassen zu können? Dies war das
 Charakteristische in Helenens Unterhaltung an jenem
 für mich so denkwürdigen Abend, ihr Geist schien in
 einem kurzen Zeitraum so viel erlebt zu haben, als
 Manche kaum in einem langen Dasein.
Sie sprach mit Miß Temple von Dingen, wo
von ich nie gehört hatte; von vergangenen Zeiten 
und Nationen; von entfernten Ländern, von entdeckten 
oder geahnten Geheimnissen der Natur, sie sprachen 
von Büchern -- und wie unendlich viele hatten siegelesen! welche Schätze von Kenntnissen besaßen sie!
 Dann schienen sie auch mit französischen Schriftstellern
 bekannt; aber mein Erstaunen stieg auf's Höchste, als
 Miß Temple Helene fragte, ob sie bisweilen einen 
Augenblick benutze, um das Latein aufzufrischen, wo
rin ihr Vater sie unterrichtet hatte. Hierauf nahm
 sie ein Buch aus ihrem Bücherschrank und forderte
 Helene auf, eine Seite im Virgil zu lesen und zuübersetzen. Helene gehorchte und meine Vewunderung
 steigerte sich bei jeder klangvollen Zeile. Kaum war
 sie damit zu Ende, als die Glocke die Zeit zum
 Schlafengehen verkündete. Jetzt war unseres Bleibens 
nicht mehr, Miß Temple umarmte uns Beide und
 sagte, indem sie uns an ihr Herz drückte:
, Gott segne Euch, meine Kinder!
Helene hielt sie ein wenig länger umarmt, als
 mich, und ließ sie nur widerstrebend von sich, wobei 
sie abermals einen traurigen Seufzer ausstieß und 
eine Thräne von ihrer Wange trocknete.
Als wir das Schlafzimmer erreichten, hörten wirdie Stimme der Miß Scatcherd. Sie untersuchte die

Fächer und war eben mit Helenens Fach beschäftigt. 
Helene wurde mit einem heftigen Tadel empfangen, 
und Miß Scatcherd kündigte ihr an, daß ihr am 
nächsten Morgen zur Strafe ein Papier angeheftet
 werden solle, worauf ihr Vergehen bezeichnet sei.
, Meine Sachen waren freilich in schmachvoller
 Unordnung, flüsterte Helene mir zu, ,ich wollte sie
 ordnen, vergaß es aber.
Am nächsten Morgen schrieb Miß Scatcherd mit
großen Buchstaben das Wort ,Schlampe' auf ein 
starkes Stück Papier und band es um Helenens Stirn. 
Sie trug es bis zum Abend geduldig und ohne Zorn, und betrachtete es als eine verdiente Strafe. Sobald
 Miß Scatcherd sich nach der Nachmittagsschule ent
fernte, lief ich zu Helene, riß das Papier herunter
und warf es ins Feuer; die Wuth hatte den ganzenTag in meiner Seele gebrannt, und beständig flossen große und heiße Thränen über meine Wange, dennder Anblick ihrer traurigen Resignation verursachte
 meinem Herzen eine unerträglice Pein.
Etwa eine Woche nach diesen Vorfällen erhielt 
Miß Temple eine Antwort von Herrn Lloyd, und esschien, als ob dieselbe meine Aussage bestätigt habe.
 Nachdem Miß Temple die ganze Schule versammelt 
hatte, verkündete sie, daß sie wegen der gegen Johanna 
Eyre erhobenen Anklagen Nachforschungen angestellt 
habe und sich glücklich fühle, die Schülerin für völlig
 frei von jeder Schuld erklären zu können. Die Lehrerinnen drückten mir die Hände und küßten mich, und 
ein freudiges Gemurmel lief durch die Reihen meinerMitschülerinnen.

So von einer schweren Last befreit, machte ich
 mich von dieser Stunde an frisch ans Werk und 
beschloß, jede Schwierigkeit zu überwinden; ich arbeitete angestrengt, und der Erfolg lohnte meine Be
mühungen. Die Uebung schärfte meinen Verstand; 
in wenigen Wochen wurde ich in eine höhere Classe
 versetzt, und kaum zwei Monate darauf erhielt ich die Erlaubnis, das Französische und das Zeichnen

anzufangen. An demselben Tage zeichnete ich meine erste 
Hütte, deren schräge Wände die Stellung des Thurmes 
zu Pisa noch übertrafen. Als ich am Abend zu Bettging, unterhielt ich mich mit idealen Zeichnun
gen, die ich im Dunkeln sah, und die alle das
 Werk meiner Hände waren -- mit frei gezeichneten
 Häusern und Bäumen, malerischen Felsen und Ruinen,
 lieblichen Schmetterlingen, die Rosenknospen umschwärmten, und Vögeln, die an reifen Kirschen pickten. 
Ich stellte mir auch in meinen Gedanken die Mög
lichkeit vor, ein kleines französisches Geschichtenbuch,
 welches Madame Pierrot mir an dem Tage
 gezeigt, geläufig übersetzen zu können, bis ich sanft
 einschlief.

Trefflich sagt Salomo: ,Besser ein Mahl von
 Kräutern, wo Liebe dabei ist, als ein gemästeter 
Ochse, wo der Haß ist.

Ich würde jetzt Lowood mit allen seinen Ent
behrungen nicht gegen Gateshead und seinen Luxus vertauscht haben.


Neuntes Capitel.

Der Frühsling kam heran, der Winterfrost hörte
 auf, der Schnee war geschmolzen, der schneidende 
Wind hatte sich gelegt. Meine angeschwollenen Füße
 begannen zu heilen, als die sanftere Luft des April
 wehte. Die sibirische Temperatur der Morgen- und 
Abendstunden erstarrte nicht mehr das Blut in unserenAdern; wir konnten jetzt die Spielstunde im Garten
 zubringen; an sonnigen Tagen war es sogar schon 
recht angenehm im Freien. Die braunen Beete färbten
 sich grün, Blumen brachen unter den Blättern her
vor, Schneeglöckchen, Crocus, purpurne Aurikeln undgoldäugige Stiefmütterchen. An den Donnerstagnachmittagen, wo wir frei hatten, machten wir jetzt Spaziergänge und fanden noch lieblichere Blumen an den Wegen und unter den Hecken.

Ich entdeckte auch, daß ein großer Genuß außer
halb der hohen Mauern unseres Gartens lag. Dieser 
Genuß bestand in einer Aussicht auf die Höhen, die
 ein üppiges und schattiges Thal umgaben, sowie in 
einem schimmernden Bache voll dunkler Steine und
 Wirbel. Wie ganz anders hatte diese Scenerie sich 
dargestellt, als sie unter ihrer eisernen Winterdecke, 
von Frost erstarrt und mit einem Leichentuche von
 Schnee überkleidet gewesen war, als Nebel, kalt wie
der Tod, von den Ostwinden über Wiese und Sumpf
 dahin gejagt wurden, und sich mit dem kalten Dunste
d es Baches verschmolzen.
Der April ging in den Mai über und nun 
zeigte sich die Vegetation in ihrer Kraft; der Wald
 wurde grün und blühend; die großen Ulmen, Eschenund Eichen nahmen wieder Leben an; Waldpflanzen
 sproßten üppig auf, zahllose Schlüsselblumen bedeckten
den Boden mit einem milden Schimmer. Dies Alles 
genoß ich unbewacht und fast allein, denn diese un
gewohnte Freiheit hatte einen Grund, worauf ich
 jetzt zurückkommen muß.
Ein tief zwischen Hügeln und Wald belegenes 
Haus, in dessen unmittelbarer Nähe sich ein Bach
 hinzieht, erfreut sich gewiß einer angenehmen Lage; 
ob die letztere aber auch eine Gesunde ist, das isteine andere Frage.
In der Waldschlucht, worin Lowood lag, bildeten
 sich die Nebel, und diese erzeugten ein bösartiges Fieber,
 welches mit dem Frühling ausbrach und sich in unsere
 Stiftung einschlich. Die Ansteckung griff unaufhaltsam
 um sich, und ehe der Mai erschien, war unsere 
Schule in ein Hospital umgewandelt. Durch Hunger
 und vernachlässigte Erkältungen war der Krankheit
 ein günstiger Nährboden bereitet worden, und fünfundvierzig Mädchen von achtzig lagen zugleich krank.
 Die wenigen, die verschont blieben, erhielten fast un
beschränkte Freiheit, weil der Arzt häufige Bewegung
 für nothwendig erklärte, um sie gesund zu erhalten;
 und wäre dies auch nicht der Fall gewesen, so hätte

doch Niemand Zeit gehabt, ihre Aufsicht über sie zu 
führen. Miß Temple widmete ihre ganze Aufmerksam
keit den Kranken, hielt sich beständig im Krankenzimmer 
auf und verließ es nur in der Nacht, um auf einige
 Stunden Ruhe zu suchen. Die Lehrerinnen waren vollauf mit Einpacken und anderen Vorkehrungen zur Abreise derjenigen Mädchen beschäftigt, die glücklich genugwaren, Freunde oder Verwandte zu besitzen, zu denen
 sie sich von dem Orte der Ansteckung flüchten konnten. 
Viele, die schon den Stoff der Krankheit in sich trugen,
 kamen nur nach Hause, um dort zu sterben, einigestarben in der Schule und wurden rasch und in der 
Stille begraben, da die Beschaffenheit der Krankheit 
den geringsten Aufschub verbot.
Während Krankheit und Tod, Furcht und Trauer
 in Lowood herrschten, während es in den Zimmern 
und Gängen wie in einem Hospitale roch und man 
vergebens bemüht war, durch Mixturen und Pillen
 der Seuche Einhalt zu thun, schien jener heitere Mai
 unbewölkt über Hügel und Wälder hin. Der Garten 
war mit Blumen überkleidet, Rosenpappeln waren 
hoch wie Bäume aufgeschossen, Lilien hatten sich ge
öffnet, Tulpen und Rosen blühten; die Einfassungender kleinen Beete waren mit dunklen und hellrothen
 Seenelken und gefüllten Maßliebchen übersäet; die 
Veilchen verbreiteten Morgens und Abends ihren 
Duft, und alle diese Schätze waren nutzlos für die
 meisten Bewohnerinnen von Lowood, außer um vonZeit zu Zeit einen Sarg zu schmücken.

Aber ich und die Uebrigen, welche gesund blieben,
 erfreuten uns der Schönheiten der Gegend und der 
Jahreszeit. Man ließ uns vom Morgen bis zumAbend wie Zigeunerkinder im Walde umherschweifen; 
wir thaten, was uns gefiel, gingen, wohin wir wollten, 
und erhielten auch bessere Kost. Herr Brocklehurst undseine Familie kamen jetzt nie nach Lowood, die strenge
 Haushälterin war fort, denn die Furcht vor der Ansteckung hatte sie weggetrieben, und ihre Nachfolgerin, eine Matrone, die in der Anstalt zu Lowton gewesen war

und die Gebräuche ihres neuen Aufenthaltes nicht kannte,
 hatte durchaus keine kargende Hand. Ueberdies waren
 weniger Kinder zu speisen als sonst, und die Krankenkonnten wenig essen; unsere Frühstückstassen waren 
besser gefüllt; wenn die Haushälterin keine Zeit hatte, 
ein regelmäßiges Mittagsessen zu bereiten, so gab sieuns ein großes Stück kalte Pastete oder einige dicke 
Schnitten Brot und Käse, und dies nahmen wir mituns in den Wald, wo jede sich den Ort aufsuchte, der
 ihr am besten gefiehl, und heiter das Mahl verzehrte.
Mein Lieblingssitz war ein Stein, der sich weiß
 und trocken aus der Mitte des Baches erhob, und
 nur zu erreichen war, wenn man durch das Wasser 
watete, was ich that, nachdem ich Schuhe und
 Strümpfe ausgezogen hatte. Der Stein war gerade
 breit genug, um mir und einem anderen Mädchen, 
das ich mir zu jener Zeit als Gesellschafterin aus
gewählt hatte, bequem als Sitz zu dienen. Es war
 Maria Anna Wilson, eine kleine Person von scharfer
 Beobachtungsgabe, an deren Gesellschaft ich besonders
 Vergnügen fand, weil sie witzig und originell war
 und weil sich's gut mit ihr umgehen ließ. EinigeJahre älter als ich, wußte sie mehr von der Weltund konnte mir vieles erzählen, was ich gern hörte. 
Bei ihr fand meine Neugierde Befriedigung; auch 
gegen meine Fehler war sie nachsichtig und suchte
 mich nie zu zügeln oder zu lenken. Sie belehrte gern,
 und ich fragte gern; so fanden wir viel Unterhaltung
 an unserem gegenseitigen Umgange, wenn wir auch
 nicht sehr dadurch gebessert wurden.
Und wo war inzwischen Helene Burns? Warumbrachte ich diese lieblichen Tage der Freiheit nicht mitihr zu? War ich so leichtsinnig, so unwürdig, daß ich ihrer veredelnden Gesellschaft überdrüssig geworden? 
Gewiß stand Maria Anna Wilson meiner ersten Bekannten nach, sie konnte mich nur angenehm unter
halten, während Helene befähigt war, denen, welche
sich ihres Umganges erfreuten, einen Geschmack an
 höheren Dingen einzuflößen.

Obgleich ich ein mangelhaftes Geschöpf war, 
mit vielen Fehlern und wenigen aussöhnenden Eigenschaften, so wurde ich doch der Gesellschaft Helenens
 niemals müde und hörte nie auf, ein so zärtliches 
und bewunderndes Gefühl für sie zu hegen, wie nur
 je eins mein Herz belebte. Aber Helene war jetztkrank, schon seit einigen Wochen war sie mir aus 
dem Gesichte gekommen, und ich wußte nicht inwelchem Zimmer sie sich befand. Man sagte mir, sie
 sei nicht in dem zum Hospitale eingerichteten Theile 
des Hauses, denn sie leide an der Auszehrung und
 nicht an Typhus; und unter Auszehrung verstandich in meiner Unwissenheit ein ungefährliches, mildes Leiden, was durch Zeit und Sorgfalt wieder geheilt
 werde könne.
Ich wurde in diesem Irrthum durch den Umstand bestärkt, daß sie einige Mal, an sehr warmen und
 sonnigen Nachmittagen, von Miß Temple im Garten
 umhergeführt wurde. Aber bei diesen Gelegenheiten 
wurde es mir nicht gestattet, zu ihr zu gehen undmit ihr zu reden; ich sah sie nur vom Schulfenster
 aus und nicht einmal deutlich, denn sie war einge
hüllt und saß in einiger Entfernung unter dem bedeckten Gange.

Eines Abends, zu Anfang Juni, war ich mit
 Maria Anna sehr lange im Walde geblieben; wirhatten uns, wie gewöhnlich, von den anderen getrenntund waren weit umhergewandert, so daß wir uns ver
irrt hatten und in einer einsamen Hütte, wo ein Mann 
und eine Frau wohnten, die eine halbwilde Schweineherde hüteten, nach dem Wege fragen mußten. Alswir zurückkehrten, stand ein Pferd an der Gartenthür, welches wir als das des Arztes erkannten.
 Maria Anna sprach die Vermuthung aus, es müsse 
Jemand sehr krank sein, da man Herrn Bates noch so
 spät habe rufen lassen. Sie ging in's Haus und ichblieb zurück, um eine Handvoll Wurzeln in meinem
 Garten zu pflanzen, die ich im Walde ausgegrabenhatte. Es war ein angenehmer, heiterer und warmer

Abend; der noch glühende Westen verhieß einen 
schönen Morgen. Im dunklen Osten stieg majestätisch 
der Mond empor. Ich betrachtete diese herrliche Na turscene und erfreute mich ihrer, wie ein Kind es
kann, als mir, wie oft zuvor, der Gedanke beikam:
, Wie traurig, jetzt auf dem Krankenlager zu
liegen, und in Todesgefahr zu sein! Diese Welt ist
 schön -- es muß schrecklich sein, von ihr abgerufenzu werden und gehen zu müssen, wer weiß wohin?

Und dann machte mein Geist seine erste ernste 
Anstrengung, zu begreifen, was man mir von Himmelund Hölle gesagt hatte; und zum ersten Male ließ
 mich meine Fassungsgabe im Stich. Alles erschien mir
 wie ein unergründliches Räthsel; meine Seele ver
mochte nur die Gegenwart zu erfassen und zu begreifen, alles Uebrige war eine leere Tiefe, und ich
 schauderte bei dem Gedanken, in dieses Chaos hin
abzustürzen. Während ich hierüber nachdachte, hörte
 ich die Vorderthür gehen; Herr Bates kam, von einer
 Wärterin begleitet, heraus. Als sie ihn das Pferd
 besteigen und fortreiten sah, war sie im Begriff, dieThür zu schließen, doch ich lief zu ihr hin.
, Wie geht es mit Helene Burns?

, Sehr schlecht,' war die Antwort.

, Ist Herr Bates um ihretwillen gekommen?

, Ja.

, Und was sagt er von ihr?

, Er sagt, sie werde nicht lange mehr hier sein.'

Wäre dieser Ausspruch gestern gethan worden,
 würde ich darunter nur verstanden haben, man
 werde sie in ihre Heimat nach Northumberland bringen; 
aber jetzt war es mir augenblicklich klar, daß Helene
 Burns ihre lezten Tage in dieser Welt zähle, und
 daß sie im Begriff sei, in die Region der Geister
 aufgenommen zu werden, wenn es eine solche Region
 gäbe. Ich empfand ein lebhaftes Entsetzen, dann
 einen tiefen Schmerz, dann ein unwiderstehliches Verlangen, sie zu sehen, und fragte, in welchem Zimmersie liege.

, Sie ist in Miß Temple's Zimmer, sagte dieWärterin.
, Darf ich zu ihr gehen und mit ihr reden
?
, O nein, Kind! es ist nicht passend, und jetzt 
ist es schon Zeit, daß du hereinkommst, du wirst das Fieber bekommen, wenn du draußen bleibst, während
 der Thau fällt.
Die Wärterin machte die Vorderthür zu; ich 
ging durch die Seitenthür herein, die zu dem Schlafzimmer führte, und kam gerade zur rechten Zeit,
 denn es war neun Uhr und Miß Miller rief die 
Schülerinnen herbei, um zu Bette zu gehen.
Es mochte etwa zwei Stunden später sein, wahrscheinlich gegen elf Uhr, als ich -- nicht im Stande, 
einzuschlafen, und aus der im Schlafsaale herrschen
den Stille schließend, daß alle meine Gefährtinnen
 im tiefen Schlummer lagen -- leise aufstand, meinKleid über mein Nachtgewand anzog, ohne Schuhe
 aus dem Zimmer schlich und Miß Temple's Gemach
 aufsuchte. Es befand sich ganz am anderen Endedes Hauses; aber das Licht des unbewölkten Mondes, 
welches hier und da durch die Fenster des Ganges 
hereindrang, zeigte mir den Weg. Ein Geruch von
Kampher und verbranntem Weinessig warnte mich,
 als ich in die Nähe des Fieberzimmers kam, und ich
 ging rasch an der Thür vorüber, damit die Wärterin, 
welche die ganze Nacht dort wachte, mich nicht höre. 
Ich fürchtete von ihr zurückgeschickt zu werden, denn 
ich mußte Helene sehen, ich mußte, ehe sie starb, ihr noch einen lezten Kuß geben und noch ein letztesWort mit ihr wechseln.
Als ich die Treppe hinuntergestiegen, durch einen
 Theil des unteren Hauses gegangen war, und zweiThüren ohne Geräusch geöffnet und geschlossen hatte,
 erreichte ich eine neue Treppe. Diese stieg ich hinauf
 und gerade vor mir befand sich Miß Temple's Zim
mer. Ein Licht schien durch das Schlüsselloch und
 durch die Spalte unter der Thür; tiefe Stille herrschte.
 Als ich in die Nähe kam, fand ich die Thür nur

angelehnt, wahrscheinlich um ein wenig Luft in dasKrankenzimmer einzulassen. Voll Ungeduld öffnete ich 
sie und blickte hinein. Mein Auge suchte Helene und
 fürchtete, sie todt zu finden.
Dicht neben Miß Temple's Bette und von den
 weißen Vorhängen desselben halb bedeckt, stand ein
 kleineres Bett. Ich sah die Umnrisse einer Gestalt unter 
der Bettdecke, aber das Gesicht war hinter den Vor
hängen verborgen. Die Wärterin, mit der ich imGarten gesprochen, saß schlafend in einem Lehnstuhle 
und ein ungeputztes Licht brannte trübe auf dem
 Tische. Miß Temple war nicht anwesend, sondern,
 wie ich später erfuhr, zu einer Fieberkranken gegangen. 
Ich trat näher, blieb an der Seite des kleinen Bettes 
stehen, meine Hand faßte den Vorhang, aber ich
 wollte lieber erst reden, ehe ich ihn entfernte. Ich 
fürchtete immer, eine Leiche zu sehen.

, Helene! flüsterte ich leise, wachst du?
Sie regte sich, schob selber den Vorhang zurück, 
und ich sah ihr bleiches und abgefallenes, aber völlig
 gefaßtes Gesicht.

, Ei, bist du es, Johanna? fragte sie mit ihrer
 eigenthümlich sanften Stimme.
, O! dachte ich, sie wird nicht sterben; man
 irrt, sie könnte nicht so ruhig reden und aussehen,
wenn sie dem Tode verfallen wäre.'
Ich neigte mich über ihr Bett und küßte sie,
 ihre Stirn war kalt und ihre hohle Wange ebenfalls, 
sowie auch ihre Hand, aber sie lächelte, wie immer.

, Warum bist du hierher gekommen, Johanna? 
Es ist elf Uhr vorbei; ich hörte es vor einigen Minuten schlagen.

, Ich komme, um dich zu sehen, Helene, ich hörte, 
du wärest sehr krank, und konnte nicht schlafen, bis
 ich mit dir gesprochen.
, Du bist also da, um Abschied von mir zu nehmen; 
du kommst wahrscheinlich gerade zur rechten Zeit.
, Wohin gehst du denn, Helene? Gehst du in
 deine Heimat?

, Ja, in meine ewige -- meine letzte Heimat.
, Nein, nein, Helene --
Ich hielt vor Schmerz inne. Während ich meine
Thränen zu verschlucken suchte, wurde Helene von
einem heftigen Hustenanfall ergriffen, ohne daß die
Wärterin jedoch davon erwachte. Als der Husten
vorüber war, lag sie einige Minuten erschöpft da
und flüsterte mir dann zu.
, Johanna, deine kleinen Füße sind bloß; lege dich nieder und decke dich mit meiner Decke zu.
Ich that es, sie schlang ihren Arm um mich, undich nistete mich dicht bei ihr ein. Nach langem 
Schweigen fuhr sie, noch immer flüsternd, fort:
, Ich bin sehr glücklich, Johanna, und wenn du 
hörst, daß ich todt bin, so mußt du dich nicht be
trüben. Wir alle müssen einst sterben, und die Krank
heit, die mich hinwegnimmt, ist nicht schmerzlich; sie
 schreitet sanft und allmählich vor, mein Gemüth ist
 ruhig. Ich lasse Niemanden zurück, der mich sehr
 bedauern wird. Ich habe nur einen Vater, der sichkürzlich wieder verheiratet hat und mich nicht vermissen wird. Dadurch, daß ich jung sterbe, werde ich
 großen Leiden entgehen. Ich besaß keine Fähigkeiten 
oder Talente, um mein Glück in der Welt zu machen;
 ich wäre beständig im Nachtheil gewesen.
, Aber wohin gehst du, Helene? Siehst du es?
 Weißt du es?
, Ich glaube und hege das feste Vertrauen, daßich zu Gott gehe.
, Wo ist Gott? Was ist Gott?

, Mein und dein Schöpfer, der nimmer mehr zer
stören wird, was er geschaffen hat. Ich verlasse mich
 unbedingt auf seine Macht und vertraue völlig seiner 
Güte; ich zähle die Stunden bis zu jenem Augenblick,
der mich ihm wiedergeben und mir ihn offenbaren
 wird.
, Bist du denn gewiß, Helene, daß es einen solchen
 Ort gibt, wie der Himmel, und daß unsere Seelen
 hineinkommen können, wenn wir sterben?

, Ich bin gewiß, daß es einen künftigen Zustand
gibt; ich glaube, Gott ist gut, und ich kann ihm
meinen unsterblichen Theil ohne Furcht übergeben.
Gott ist mein Vater; Gott ist mein Freund, ich liebe
ihn, und glaube, daß er mich liebt.
, Und werde ich dich wiedersehen, Helene, wenn 
ich sterbe?
, Du wirst in dieselbe Region des Glückes kommen,
und von demselben mächtigen Vater und Herrn der 
Welt aufgenommen werden, zweifle nicht, liebe Jo
hanna.
Ich fragte wieder, aber diesmal nur in meinen 
eigenen Gedanken: , Wo ist jene Region? Existirt sie
 wirklich?
Und ich schloß Helene fester in meine Arme, sie
 schien mir theurer als je; es war mir, als ob ich
 sie nicht loslassen könne, und ich lag da und verbarg 
mein Gesicht an ihrem Halse. Plötzlich sagte sie im 
lieblichsten Tone:

, Wie angenehm ist mir zu Muthe. Dieser letzte 
Husten hat mich ein wenig ermüdet und es ist mir,
 als könnte ich schlafen. Aber verlaß mich nicht, Johanna, ich habe dich gern bei mir.
, Ich will bei dir bleiben, liebe Helene. Niemand
 soll mich von dir wegbringen.
, Bist du warm, mein Liebling
?
, Ja.

, Gute Nacht, Johanna.

, Gute Nacht, Helene.
Sie küßte mich, ich küßte sie, und wir schliefen
 bald ein.
Als ich erwachte, war es Tag, eine ungewöhn
liche Bewegung erweckte mich, ich blickte auf und
 fand mich in den Armen der Wärterin, welche michdurch den Gang in den Schlafsaal zurücktrug. Ichwurde nicht gescholten, weil ich mein Bett verlassen.
Man hatte an Anderes zu denken und gab keine
 Antwort auf meine vielfachen Fragen; aber einen oder
 zwei Tage später erfuhr ich, daß Miß Temple, als

sie am Morgen in ihr Zimmer zurückgekehrt, mich in
 dem kleinen Bette, mein Gesicht an Helenens Schulter,
 meine Arme um ihren Hals geschlungen, gefunden.
 Ich schlief und Helene war -- todt.

Ihr Grab befindet sich auf dem Kirchhofe zu
 Brocklebridge: fünfzehn Jahre lang nach ihrem Tode
 war es nur mit einem Rasenhügel bedeckt, jetzt aber
 bezeichnet eine graue Marmorplatte mit ihrem Namen 
und dem Worte Auferstehen! die Stelle.

Zehntes Capitel.
Bisher habe ich die einzelnen Umstände meines
 unbedeutenden Daseins ausführlich erzählt und den
 zehn ersten Jahren meines Lebens fast ebenso viel Capitel gewidmet. Aber dies soll keine formgerechte 
Selbstbiographie sein, ich fühle mich nur verpflichtet,
 mein Gedächtnis zu befragen, wo seine Antworten 
irgend von Interesse sein werden; daher übergehe ich
 jetzt einen Zeitraum von acht Jahren fast mit Schweigen, 
denn wenige Zeilen sind nur nöthig, um die Ver
bindung aufrecht zu erhalten.
Das Typhusfieber verschwand fast gänzlich von 
Lowood; doch nicht eher, als bis die Wuth der 
Krankheit und die große Zahl der ihr erlegenen
 Opfer die allgemeine Aufmerksamkeit auf die Schule
 gerichtet hatten. Es wurden Nachforschungen nach
dem Ursprunge der Seuche angesiellt, und nach und nach kamen verschiedene Thatsachen zum Vorschein,
 die den allgemeinen Unwillen im höchsten Grade erregten. Die ungesunde Lage des Ortes; die Quantität 
und Beschaffenheit der den Kindern verabreichten
 Kost; das schlechte Wasser, welches bei der Bereitung 
derselben verwendet wurde; die mangelhafte Kleidung
 und die elenden Wohnräume -- dies Alles wurde
 entdeckt, und die Entdeckung hatte wohlthätige Folgen
 für die Stiftung, wenn sie auch Herrn Brocklehurst
 nicht zur Ehre gereichte.

Mehrere reiche und wohlwollende Personen in
 der Grafschaft subscribirten reichlich für die Errichtung eines bequemeren Gebäudes in einer besseren Tage,
 es wurde ein neues Reglement entworfen, Ver
besserungen in Kost und Kleidung eingeführt und die 
Fonds der Schule einem Comite zur Verwaltung anvertraut. Herr Brocklehurst, der seines Reichthums 
und seiner Familienverbindungen wegen nicht abgesetzt
 werden konnte, behielt seinen Posten als Schatzmeister;
 aber er wurde in der Ausübung seiner Pflichtenvon Männern unterstützt, die nicht so engherzig und
 gefühlslos waren; auch sein Amt als Inspector mußte
 er mit Anderen theilen, welche Strenge mit Milde,
 Sparsamkeit mit Einsicht, Vernunft mit Mitgefühl
zu vereinen wußten. Die so verbesserte Schule wurde
 zu ihrer Zeit eine wahrhaft nützliche und edle Anstalt.
 Ich blieb nach ihrer Erneuerung noch acht Jahre
 dort, sechs Jahre als Schülerin und zwei als Lehrerin; 
und in dem einen wie in dem anderen Verhältnisse hatte ich Ursache, die Vortrefflichkeit der Anstalt zu 
loben.

Während dieser acht Jahre war mein Leben 
zwar einförmig aber nicht unglücklich, denn es war
 reich an Thätigkeit. Die Mittel zu einer vortrefflichen
 Ausbildung lagen in meinem Bereiche; die Neigung
 zu einigen meiner Studien, und der Wunsch, mich in
 anderen auszuzeichnen, nebst dem lebhaften Verlangen, 
meinen Lehrerinnen zu gefallen, besonders denen, dieich liebte, beförderten meinen Eifer und ich benutzte 
auf's Beste die mir gebotenen Vortheile. In nicht
 langer Zeit wurde ich die Erste der ersten Classe, und 
dann übertrug man mir das Amt einer Lehrerin,
 welches ich zwei Jahre lang mit Eifer verwaltete.
 Nach Verlauf dieser Zeit trat ich in eine andere Laufbahn ein.
Bei allen Veränderungen war Miß Temple Vorsteherin der Anstalt geblieben, ihrer Belehrung und 
Anleitung verdanke ich den größten Theil meiner erworbenen Fertigkeiten und Kenntnisse, ihre Freundschaft und ihre Gesellschaft waren mein beständiger 
Trost; sie vertrat bei mir die Stelle der Mutter,
 wie der Erzieherin, und endlich wurde sie meine
 Freundin. Um diese Zeit verheiratete sie sich mit einemGeistlichen, einem vortrefflichen Manne, der einer
 solchen Gattin würdig war und folgte ihm in eine 
entfernte Grafschaft.
Von dem Tage an, als sie uns verließ, war sie
 für mich verloren. Mit ihr war die lezte theure Er
innerung, die Lowood gewissermaßen zu meiner Heimat 
machte, dahingeschwunden. Ich hatte etwas von ihrer Natur und viel von ihren Gewohnheiten eingesogen: 
edlere Gedanken, reinere und besser geklärte Gefühle. 
Pflicht untd Disziplin hatten meinen Charakter gemäßigt.
Aber das Schsicksal in Gestalt des hochehrwür
digen Herrn Nasmyth trat zwischen mich unnd Miß 
Temple; ich sah sie in ihrem Reiseanzuge, kurz nac
h der Trauung, in eine Postchaise steigen, ich sah den 
Wagen den Hügel hinauffahren und hinter demselben
 verschwinden. Dann zog ich mich auf mein Zimmerzurück und brachte dort den größten Theil des halben
 Feiertages, den man dieser Gelegenheit zu Ehre ge
währt, in Einsamkeit zu.
Ich ging den größten Theil der Zeit im Zimmerauf und ab. Miß Temple hatte die heitere Atmosphäre
mit genommen, die ich in ihrer Nähe geathmet; mit
 ihr war etwas verschwunden, das mir Antrieb und 
Ermuthigung gewesen war. Seit einigen Jahren war
 meine Welt in Lowood gewesen, meine Erfahrung 
hatte sich auf die Anstalt beschränkt; jetzt erinnerte
 ich mich, daß die wirkliche Welt groß sei, und dass 
ein wechselndes Feld von Hoffnungen und Ent
täuschungen, von Empfindungen und Anregungen sich
demjenigen öffne, welcher den Muth hatte, sich in 
diese Welt voll Gefahren zu wagen, um darin die
 wahre Kenntnis des Lebens zu suchen und zu finden.
Ich trat an mein Fenster, öffnete es und blickte 
hinaus. Da war der Garten und die Umgebung von 
Lowood; da war der von Hügeln begrenzte Horizont.

Mein Auge schweifte über alle anderen Gegenstände 
hinweg, um auf jenen fernen blauen Bergspitzen zu
 ruhen. Diese zu übersteigen war jetzt mein stärkstes
 Verlangen. Alles innerhalb der Umgrenzung der Felsen 
und der Haide schien mir ein Gefängnis, ein Verbannungsort. Ich folgte dem weißen Wege, der sichum den Fuß eines Berges zog und in einer Schlucht 
verschwand. Ich erinnerte mich der Zeit, wo ich im 
Omnibus auf diesem Wege hierher gekommen und
 in der Dämmerung den Hügel hinuntergefahren war. 
Ein Menschenalter schien seit dem Tage vergangen zu
 sein, der mich zuerst nach Lowood gebracht hatte, und 
ich hatte es seitdem nicht verlassen. Meine Ferien 
wurden alle in der Anstalt zugebracht, Mistreß Reedhatte mich nie nach Gateshead eingeladen, weder sie, 
noch irgend ein Mitglied ihrer Familie hatte mich je
 besucht. Ich hatte keinen brieflichen oder mündlichen
 Verkehr mit der äußeren Welt gehabt, Schulordnungen, 
Schulpflichten, Schulgewohnheiten und Ansichten,
 Stimmen und Gesichter, Vorliebe und Widerwillen,
 dies war Alles, was ich von dem Dasein kannte.
 Und von nun fühlte ich, daß es nicht genug war, 
ich wurde der Gewohnheit von acht Jahren in einem
 Nachmittag überdrüssig. Ich verlangte nach Freiheit,
 betete um Freiheit; doch schien mir dieser Wunsch zu 
kühn, zu unbescheiden; ich wollte mich mit Veränderung, 
mit neuen Anregungen begnügen, sei es auch um den
 Preis einer neuen Knechtschaft.
Die Glocke, die zum Abendessen läutete, rief mich 
hinunter. 
Es war mir nicht möglich, den unterbrochenen
 Faden meines Nachdenkens wieder anzuknüpfen, als 
bis die Zeit des Schlafen gehens kam. In meinem
 Zimmer war ich von Störung frei, und mein halb
erloschener Gedanke belebte sich augenblicklich wieder.
, Eine neue Knechtschaft! Darin liegt etwas Ver
nünftiges, dachte ich bei mir selber, ,Freiheit ist ein
 schönes Wort, aber für mich kann es nur ein hohler 
Klang sein, so daß es nur Zeit verschwenden hieße,

darauf zu horchen. Aber Knechtschaft! das ist wenigstens
s etwas Wirkliches. Jeder kann dienen, ich habe hieracht Jahre gedient; Alles, was ich wünsche, ist jetzt 
anderswo zu dienen. Kann ich nicht so weit meinen 
eigenen Willen haben? Läßt sich die Sache nicht leicht
 ausführen?
Ich setzte mich aufrecht im Bette und begann
 nachzudenken.
, Was bedarf ich? Eine neue Stellung in einem 
neuen Hause, unter neuen Gesichtern und neuen Ver
hältnissen; ich will dies, weil es unnütz wäre, etwas
 Besseres zu wollen. Wie machen es die Leute, um 
eine neue Stelle zu bekommnen? Sie wenden sich ver
muthlich an Freunde, ich habe aber keine Freunde.
 Es gibt viele Andere, die auch keine Freunde haben,
und die müssen ihre eigenen Helfer sein, und welches ist ihr Auskunftsmittel
?
, Wer eine Stelle sucht, macht es bekannt; du mußt es also im „Herold“ der Grafschaft M. bekannt 
machen. Du mußt die Ankündigung und das Geld
 dafür an den Herausgeber des „Herold“ addressiren
 und bei der ersten Gelegenheit zu Lowton auf diePost geben. Die Antworten sollen unter J. E. an
 das dortige Postamt adressirt werden; du kannst ja
 eine Woche später nach einem Briefe fragen, wenn 
einer kommen sollte, und darnach handeln.' Diesen
 Plan überlegte ich zwei- bis dreimal; dann war er
, in meinem Geiste gereift, ich fühlte mich beruhigt und schlief ein.
Mit Anbruch des Tages stand ich auf und schriebmeine Ankündigung. Sie lautete folgendermaßen:
, Eine junge Dame, die im Unterrichten geübt 
ist (war ich nicht zwei Jahre Lehrerin gewesen?), 
wünscht eine Stellung in einem Privathause, wo die 
Kinder unter vierzehn Jahren sind (ich dachte, da ich
 selber erst achtzehn war, so würde es nicht gut sein,
 die Leitung von Schülerinnen zu übernehmen, die mir an Alter näher ständen). Sie ist befähigt, in den gewöhnlichen Lehrfächern, die eine gute englische Erziehung voraussetzt, so wie auch im Französischen, im
 Zeichnen und in der Musik zu unterrichten. Briefe unter
 J. E. werden von dem Postamte zu Lowton befördert.
Nach dem Thee bat ich die Vorsteherin, nac
h Lowton gehen zu dürfen, um einige kleine Geschäfte
 für mich und einige der anderen Lehrerinnen zu besorgen. Die Erlaubnis wurde mir bereitwillig ertheilt und ich ging. Es war ein Gang von einer 
Stuntde und das Wetter naß, aber die Tage waren 
noch lang; ich besuchte einige Läden, schob den Brief
 in einen Briefkasten auf dem Posthause und kehrte
 in heftigem Regen mit durchnäßten Kleidern, aber 
erleichtertem Herzen zurück.

Die folgende Woche schien mir sehr lang; endlich
 aber erreichte sie doch ihr Ende, und gegen Schluß eines
 angenehmen Herbsttages befand ich mich wieder zu 
Fuß auf dem Wege nach Lowton. Beiläufig gesagt, 
war es ein angenehmer Weg, denn er führte am 
Ufer des Baches hin und durch die lieblichsten Krüm
mungen des Thales; aber an dem Tage dachte ichmehr an die Briefe, die meiner vielleicht in der kleinen
 Stadt warteten, als an die Reize der Gegend.
Im Posthause versah eine alte Dame, die eineHornbrille auf der Nase und schwarze Pulswärmer 
an den Händen trug, den Dienst.

, Sind vielleicht Briefe für J. E. angekommen? 
fragte ich.

Sie starrte mich über die Brille weg an, öffete 
dann ein Fach und suchte unter dem Inhalt desselben so lange, daß meine Hoffnung schon zu
 schwanken begann. Endlich, nachdem sie einen Brief
 beinahe fünf Minuten vor ihre Brillengläser gehalten,
reichte sie ihn mir über den Tisch und begleitete die
 Handlung mit einem zweiten forschenden und mißtrauischem Blicke. Die Aufschrift lautete J. E.

, Ist nur dieser eine da? fragte ich.

, Es sind nicht mehr da, sagte sie.
Ich steckte den Brief in die Tasche und wendetemich heimwärts, ich konnte ihn jetzt nicht öffnen, denn

die Hausordnung gebot mir, um acht Uhr zurück
 zu sein, und es war schon halb sieben.
 Verschiedene Pflichten warteten meiner bei meiner 
Ankunft, ich mußte die Aufsicht führen, während die
 Mädchen ihre Lectionen lernten; dann mußte ich ihnen G
ebete vorlesen und sie dann zu Bette führen, worauf ich mit den anderen Lehrerinnen zu Abend speiste. 
Dann begab ich mich auf mein Zimmer, zündete das 
kleine Lichtstümpfchen an, welches noch im Leuchter
 stak und zog meinen Brief hervor. Das Siegel ent
hielt den Anfangs buchstaben F.; ich erbrach es und
 las den kurzen Inhalt, welcher so lautete:
, Wen J. E. die sich im „Herold“ am letzten 
Donnerstag empfohlen, in der Lage ist, über ihre Befähigungen und ihren Lebenswandel genügende Aus
kunft beizubringen, so kann ihr eine Stelle angeboten 
werden, wo nur eine einzige Schülerin, ein Mädchen 
unter zehn Jahren zu unterrichten ist, gegen ein Ge
halt von dreißig Pfund jährlich. J. E. wird gebeten,
 Zeugnisse, Namen, Adresse und sonstige Mittheilungen
 zu senden an
Mistreß Fairfax in Thornfield bei Millcote 
in der Grafschaft N.
Ich sah das Schreiben lange an, die Handschriftwar altmodisch und etwas unsicher, gleich der einer 
alten Dame. Dieser Umstand war beruhigend für 
mich, denn ich fühlte, daß es für meine neue Lebens
stellung, vortheilhaft und schicklich sein werde, wenn 
ich es mit einer alten Dame zu thun hätte. Mistreß 
Fairfax! ich sah sie schon in ihrem schwarzen Kleide 
und ihrer Witwenhaube; kalt vielleicht, aber nicht 
unhöflich, das Muster einer respectablen Matrone!
 Thornfield! das war ohne Zweifel der Name ihresHauses, ein netter Ort, davon war ich überzeugt,
 obgleich es mir nicht gelingen wollte, mir ein bestimmtes
 Bild von der Umgebung zu machen. Millcote in der
 Grafschaft N.! Ich vergegenwärtigte mir die Karte 
von England, und sah nicht nur die Grafschaft, sondern

auch die Stadt. Die Grafschaft lag siebzig englische 
Meilen näher bei London, als die Grafschaft, wo ich
 jetzt wohnte, das war eine Empfehlung für mich.
 Es verlangte mich nach einem Orte, wo Leben und
 Verkehr herrschte; Millcote war eine große Fabrikstadtan den Ufern des Avon; ohne Zweifel ein lebhafter 
Ort. Umso besser, das war wenigstens eine gründliche
 Veränderung.
Am nächsten Tage mußten neue Schritte geschehen,
 meine Pläne konnten nicht länger in meiner eigenen
 Brust verborgen bleiben. Als ich während der Mittagserholung eine Audienz bei der Directrice nach gesucht 
und erhalten, sagte ich ihr, ich hätte Aussicht, eine 
neue Stelle zu bekommen, wo mir das doppelte Gehalt geboten werde (denn in Lowood erhielt ich nur
 fünfzehn Pfund jährlich und bat sie, Herrn Brocklehurst oder irgend einem anderen Mitgliede des Co
mites die Sache mitzutheilen, und sich zu erkundigen,
 ob sie erlauben würden, daß ich mich auf sie beriefe. 
Gern sagte mir die Vorsteherin ihre Vermittlung zu. 
Herr Brocklehurst, dem sie am nächsten Tage die 
Sache vortrug, bestand darauf, daß man zuerst an 
Mistreß Reed schreibe, als deren Mündel ich zu be
trachten wäre. Es wurde demnach ein Brief an jene
 Dame abgeschickt, worauf die Antwort kam, ich möchte
 thun, was mir beliebe, sie habe längst ihre Einmischungin meine Angelegenheiten aufgegeben. Dieser Brief 
machte die Runde im Comite, und nach einem für
 mich höchst peinlichen Aufschube erhielt ich die Er
laubnis, die sich mir darbietende Gelegenheit zur Verbesserung meiner Lage zu benützen. Auch ein Zeugnis 
über Auführung und Fähigkeiten wurde mir zugesichert, da ich mich in Lowood als Lehrerin und 
Schülerin stets gut betragen hatte.
 Dieses Zeugnis erhielt ich nach Verlauf einer 
Woche, worauf ich es an Miß Fairfax absandte, 
die sich damit zufrieden erklärte und mir schrieb, ich
 könne in vierzehn Tagen die Stelle als Erzieherin inihrem Hause antreten.

Die vierzehn Tage gingen rasch vorüber. Ich
 hatte keine sehr große Garderobe, obgleich sie meinen 
Bedürfnissen genügte, und der letzte Tag reichte hin, 
um meinen Koffer zu packen -- denselben, welchenich vor acht Jahren von Gateshead mitgebracht hatte.
In einer halben Stunde sollte der Bote kommen, 
um ihn nach Lowton zu bringen, wohin ich selbst mich
 früh am nächsten Morgen begeben muußte, um den 
Omnibus zu treffen. Da ich jetzt nichts weiter zu thun
 hatte, setzte ich mich nieder, um auszuruhen. Aber
 ich vermochte es nicht, denn ich war zu aufgeregt. 
Diese Nacht schloß eine Phase meines Lebens ab, 
eine neue eröffnete sich morgen. Es war mir un
möglich, in der Zwischenzeit zu schlafen. Ich mußte
 wachen in fieberhafter Aufregung, bis der Wechsel
 sich vollzog.

, Miß, sagte eine Dienerin, die mir im Gange
 begegnete, wo ich gleich einem ruhelosen Geiste auf- 
und abwandelte, ,es ist eine Person unten, die Sie zusprechen wünscht.

, Ohne Zweifel der Bote, dachte ich und eilte,
 ohne zu fragen, die Treppe hinunter, an dem hinteren 
Sprechzimmer, wo sich die Lehrerinnen am Tage zu
weilen aufhielten, vorüber, um in die Küche zu ge
langen. Die Thür war halb offen, und es kam
 Jemand auf mich zu mit dem Ausrufe:
, Das ist sie, dessen bin ich gewiß! -- Ich hätte 
sie überall wieder erkannt!
Ich erblickte ein Frauenzimmer, welches wie eine
 wohlgekleidete Dienerin, wie eine verheiratete Frau,
 aber doch noch jung aussah; sie war hübsch, hatte
 schwarzes Haar und schwarze Augen und eine gesunde 
Gesichtsfarbe.
, Nun, sagte sie mit einer Stimme und einemLächeln, welches ich halb wieder erkannte; ich denke, Sie 
haben mich doch nicht ganz vergessen, Miß Johanna?
In der nächsten Secunde umarmte und küßte ich sie.

, Bessie! Bessie! Bessie! war Alles, was ich sagen
 konnte, wobei sie halb lachte, halb weinte, und dann

gingen wir Beide in das Sprechzimmer. Am Feuer 
stand ein kleiner Knabe von drei Jahren, in carrirtem 
Rock und Beinkleid.
, Das ist mein kleiner Junge, sagte Bessie sogleich.
, So bist du also verheiratet, Bessie?

, Ja, beinahe seit fünf Jahren, an Robert Leaven, 
den Kutscher, und außer Bobby hier habe ich nochein kleines Mädchen, welches ich Johanna habe taufen
 lassen.
, Und du wohnst nicht mehr in Gateshead?

, Ich wohne im Parkhause, das der alte Pförtner
 geräumt hat.

, Nun, und wie geht es denn in Gateshead? Erzähle mir von Allen, Bessie, aber vorher setze dich nieder, und du, Bobby, komme und setze dich aufmeinen Schoß, willst du
?
Aber Bobby zog es vor, zu seiner Mutter hin
überzuwackeln.

, Sie sind nicht sehr groß geworden, Miß Jo
hanna, und auch nicht sehr stark, fuhr Mistreß
 Leaven fort. Ich fürchte, man hat Sie nicht allzu
 üppig gehalten in der Schule. Elise Reed ist über 
einen Kopf größer als Sie und Miß George noch 
einmal so stark.
,Georgine ist vermuthlich sehr schön?

, Sehr schön. Im letzten Winter ging sie mit 
ihrer Mutter nach London, und dort bewunderte sie 
Jeder, und ein junger Lord verliebte sich in sie; aberseine Verwandten waren der Heirat entgegen. Und
 was denken Sie, er und Miß Georgine verabredeten
 eine Entführung; doch wurde ihre Absicht entdeckt
 und man hielt sie zurück. Miß Elise war es, die es 
entdeckte, ich glaube, sie war neidisch; und leben Beide 
wie Katze und Hund zusammen und zanken sich be
ständig.

, Und wie geht es John Reed?

, O, nicht so gut, wie seine Mama es wünschen 
mochte. Er ging auf die Universität, doch wurde
 ihm der Grad wegen zu geringer Kenntnisse vorenthalten; dann wollten seine Oheime, er solle Jura
 studiren; doch ist er ein so aus schweifender junger
 Mann, daß sie nicht viel aus ihm machen werden, 
denke ich.
, Wie sieht er aus?

, Er ist sehr groß und Einige nennen ihn einen
 hübschen jungen Mann; aber er hat zu dicke Lippen.

, Und Mißreß Reed?
, Missis sieht im Gesichte wohl und voll aus,
 aber mir scheint, in ihrem Geiste ist sie nicht ganz
 ruhig: Herr John macht ihr Sorgen, er braucht zu
viel Geld.
, Schickte sie dich hieher, Bessie?
, O nein, aber ich habe Sie schon lange besuchen 
wollen, und als ich hörte, es sei ein Brief gekommen 
mit der Nachricht, daß Sie in einen anderen Theil
 des Landes gehen würden, wollte ich Sie noch ein
mal sehen, ehe Sie ganz aus meinem Bereiche wären.
, Ich fürchte, daß ich deinen Erwartungen nicht
 entspreche, Bessie, sagte ich lachend, als ich bemerkte,
 daß Bessies Blick zwar Achtung, aber durchaus keine
 Bewunderung ausdrückte.

, Ei doch, Miß Johanna, Sie sind fein und sehen
 ganz wie eine vornehme Dame aus, und mehr er
warte ich von Ihnen nicht, denn Sie waren schonals Kind keine Schönheit.
Ich lächelte über Bessie's freimüthige Antwort
 und fühlte, daß Sie richtig war, aber ich gestehe, daß 
mir der Inhalt nicht ganz gleichgültig sein konnte. Im achtzehnten Jahre wünschen die meisten Leute zugefallen, und die Ueberzeugung, daß ihr Aeußeres
 hinter diesem Wunsche zurückbleibt, ist keineswegs 
erfreulich.

, Ich glaube aber, Sie sind dafür auch sehr ge
schickt, fuhr Bessie tröstend fort. ,Was verstehen Sie? 
Spielen Sie Klavier?

, Ein wenig.
Es war ein Instrument im Zimmer; Bessie ging
 und öffnete es. Dann bat sie mich, ich möge ihr ein

Stück vorspielen. Ich spielte einige Walzer und siewar entzückt.
, Miß Reeds spielen nicht so gut! frohlockte sie.

, Ich sagte immer, Sie würden sie im Lernen übertreffen. Können Sie auch zeichnen?
, Das ist eins von meinen Bildern dort über dem 
Kamin, antwortete ich.
Es war eine Landschaft, in Wasserfarben gemalt,
 die ich der Vorsteherin, zum Dank für ihre gefällige 
Vermittlung bei dem Comite, geschenkt, und welche 
sie hatte einrahmen lassen.
, Nun, das ist schön, Miß Johana! Es ist ein
 so schönes Bild, wie es der Zeichenmeister der Miß
 Reed nur malen könnte, von den jungen Damen gar
 nicht zu reden, die haben's lange noch nicht soweit 
gebracht. Und haben sie auch Französisch gelernt?
, Ja, Bessie, ich lese und spreche es.

, Und können sie auch auf Mousselin und Ca
nevas sticken?
, Das kann ich.

, O, da sind Sie ja eine vollständige Dame, Miß
 Johanna! Ich wußte es wohl, daß Sie in der Welt 
fortkommen würden, Ihre Verwandten mögen sich
 nun um Sie kümmern oder nicht. Doch etwas wollte
 ich Sie fragen -- haben Sie je etwas von den Ver
wandten Ihres Vaters, den Eyres, gehört?
, Nie in meinem Leben.

, Nun, Sie wissen doch, daß Missis immer sagte,
 es wären arme und niedrige Leute. Arm mögen sie
 sein, aber ich glaube, sie sind ebenso vornehm, wie
 die Reeds; denn eines Tages, jetzt sind es beinahe
 sieben Jahre her, kam ein Herr Eyre nach Gateshead und wollte sie besuchen. Missis sagte, Sie wärenin einer fünfzig Meilen entfernten Schulanstalt. Das 
schien ihm sehr leid zu thun, denn er konnte sich nicht
 aufhalten, da er im Begriffe war, eine Reise über 
See anzutreten und das Schiff schon in einem oder zweiTagen von London absegelte. Er sah wie ein feiner
 Herr aus, und ich glaube, es war Ihres Vaters Bruder.

, In welches überseeische Land wollte er denn
 gehen, Bessie?
, Auf eine Insel, die viele tausend Meilen entfernt ist, wo ein berühmter Wein wächst -- wie der
 Kellermeister mir sagte.
, Etwa Madeira? sagte ich.

, Ja, das ist es -- das ist das rechte Wort.
, So reiste er also ab
?
, Ja, er hielt sich nur wenige Minuten im Hause 
auf, Missis benahm sich sehr stolz gegen ihn und
 nannte ihn später einen lumpigen Handelsmann. 
Mein Robert glaubt, er sei ein Weinhändler ge
wesen.

, Sehr wahrscheinlich, entgegnete ich, oder viel
leicht Commis oder Agent eines Weinhändlers.
Bessie und ich unterhielten uns noch eine Stunde 
lang von alten Zeiten, und dann war sie genöthigt,
 mich zu verlassen. Ich sah sie am nächsten Morgen 
in Lowton für einige Miuten wieder, während ich
 auf denn Ominibus wartete. Wir trennten uns endlich an der Thür des Gasthauses, sie nahm ihren
 Weg nach dem Lowoodhügel, um das Fuhrwerk zu 
treffen, welches sie nach Gateshead zurückbringen
 sollte, und ich stieg in den Wagen, der mich zu neuen
 Pflichten und zu einem neuen Leben in die unbekannte
 Gegend von Millcote führte.


Elftes Capitel.

Ein neues Capitel in einem Romane gleicht 
einigermaßen einem neuen Akte in einem Schauspiel; 
wenn ich diesmal den Vorhang aufziehe, lieber Leser,
 so mußt du dir ein Zimmer in Georg's Wirthshaus
 zu Millcote mit so großmustrigen Tapeten, Fußteppichen,
 Möbeln, Zieraten und Kupferstichen vorstellen, wie
 sie in Gasthäusern üblich sind. Dies Alles ist mir bei
dem: Lichte einer Oellampe, die an der Decke hängt, 
und bei einem vortrefflichen Feuer sichtbar, vor welchem ich in Mantel und Hut sitze. Mein Muff und
 Schirm liegen auf dem Tische, und ich wärme mich, 
um die Erstarrung zu vertreiben, die ich mir während
 einer sechzehnstündigen Fahrt an einem rauhen Octobertage zugezogen habe. Ich verließ nämlich Lowton 
um vier Uhr Morgens, und die Stadtglocke zu Mill
cote schlägt jetzt gerade acht. 
Obgleich ich mich hier behaglich fühle, so bin 
ich doch nicht ganz ruhig in meinem Geiste. Ich
 dachte, wenn die Kutsche anhielte, würde mich hier 
Jemand erwarten; ich sah mich nach allen Seiten um, 
als ich ausstieg, indem ich hoffte, meinen Namen 
rufen zn hören und ein Fuhrwerk irgend einer Art
 warten zu sehen, um mich nach Thornfield zu bringen. 
Nichts der Art zeigte sich jedoch und auch als ich
 mich bei dem Kellner erkundigte, ob Jemand da gewesen wäre, der nach einer Miß Eyre gefragt, erhielt
 ich eine verneinende Antwort. Da blieb nichts weiter 
übrig, als mir ein Zimmer anweisen zu lassen; und 
hier wartete ich, während jede Art von Zweifel und 
Furcht meine Gedanken verwirrte.
Es ist eine sehr seltsame Empfindung für dieunerfahrene Jugend, sich ganz allein in der Welt zu 
fühlen, in völliger Ungewißheit über die neuen Ver
hältnisse und im Zweifel, ob eine Rückkehr in die alten 
möglich ist. Der Reiz des Abenteuerlichen versüßt 
freilich diese Empfindung, aber dann kommt die bebende Furcht, und diese wurde bei mir vorherrschend, 
als eine halbe Stunde verging und ich noch allein
 war. Es fiel mir ein zu klingeln.
, Ist ein Ort in dieser Gegend, der Thornfield 
heißt? fragte ich den Kellner, welcher eintrat.
, Thornfield? Ich weiß nicht, mein Fräulein.
 Ich will an der Schenke fragen.
Er verschwand, kehrte aber sogleich wieder
zurück.
, Ist ihr Name Eyre, Miß? fragte er.

, Ja.

, Es ist Jemand da, der auf Sie wartet.

Ich sprang auf, nahm meinen Muff und Schirm
 und eilte in den Gang des Hauses. Ein Manmn stand 
in der offenen Thür, und auf der Straße bemerkte ich
 beim Schimmer der Laternen ein ein spänniges Fuhrwerk.

, Dies wird Ihr Gepäck sein? sagte der Mann
 etwas kurz, indem er auf meinen noch im Gange 
stehenden Koffer deutete.
, Ja, antwortete ich.
Er hob ihn auf das Fuhrwerk, und dann stiegich ein; ehe er die Thür zumachte, fragte ich ihn, 
wie weit es nac Thornfield sei
, Etwa drei Stunden.

, Und wie lange wird es währen, bis wir dort
hin kommen?
, Etwa anderthalb Stunden.
Er schloß die Wagenthür, kletterte auf seinen
 Sitz draußen, und dann ging es vorwärts. Wir 
kamen nur langsam vorwärts, so daß ich hinreichend
 Zeit zum Nachdenken hatte. Ich war zufrieden, endlich dem Ziele meiner Reise so nahe zu sein. In dem 
bequemen, obgleich nicht eleganten Wagen zurück
gelehnt, folgte ich ruhig meinem Gedankengange.
, Nach dem einfach gekleideten Diener und dem 
Wagen zu urtheilen, dachte ich, wird Mistreß Fair
fax keine sehr vornehme und reiche Person sein.
 Um so besser, ich lebte einst unter feinen Leuten und
 befand mich sehr unglücklich bei ihnen. Ob sie wohl
 mit diesem kleinen Mädchen allein lebt? Wenn das 
der Fall und sie einigermaßen liebenswürdig ist, so 
werde ich gewiß im Stande sein, mit ihr durchzu
kommen; ich will mein Möglichstes thun, nur ist es
 schade, daß das nicht immer hilft; ich erinnere michnoch sehr wohl, wie Mistreß Reed meine eifrigsten
 Bemühungen mit Verachtung belohnte. Gebe Gott, 
daß Mistreß Fairfax keine zweite Mistreß Reed sein 
möge; wenn sie es dennoch ist, so bin ich wenigstens
 nicht verbunden, bei ihr zu bleiben.

Der Weg war schlecht und die Nacht neblig;
 mein Führer ließ sein Pferd den ganzen Weg im

Schritt gehen, und ich glaube sicher, daß aus den
anderthalb Stunden wenigstens zwei wurden. Endlich
 drehte er sich auf seinem Sitze herum und sagte:
, Jetzt sind wir nicht mehr weit von Thornfield.
Ich blickte hinaus, wir kanten an einer Kirchevorüber; ich sah, wie der niedrige und breite Thurm
 gegen den Himmel abstach; und gerade schlug die 
Glocke ein Viertel, als ich an der Seite eines Hügels 
eine kleine Reihe von Lichtern sah, die von einem
 Dorfe oder einem Weiler herrühren mochten. Etwa 
zehn Minuten später stieg der Kutscher ab und öffnete 
ein Thor; wir fuhren durch und es schlug hinter uns
 wieder zu. Dann ging es langsam einen Weg hin
auf und endlich hielten wir vor der langen Front 
eines Hauses. Nur aus einem einzigen verhängten
 Bogenfenster strömte Licht hervor; alles Uebrige war 
dunkel. Die Thür wurde von einer Dienerin geöffnet,
 ich stieg aus und ging hinein.
, Wollen Sie gefälligst mit mir kommen, Fräulein, sagte das Mädchen, und ich folgte ihr durch eine 
viereckige Vorhalle, die von hohen Thüren umgeben
 war, dann führte sie mich in ein Zimmer, dessen doppelte Beleuchtung von Feuer und Licht mich anfangs
 in Folge des Gegensatzes zur Dunkelheit, an die sich 
meine Augen seit zwei Stunden gewöhnt hatten, blendete; als ich aber sehen konnte, stellte sich meinen 
Angen ein gemüthliches und angenehmes Bild dar.
Ein hübsches kleines Zimmer, ein runder Tisch
 neben einem hellen Feuer, ein altmodischer Lehnsessel
 mit hoher Lehne, worin die zierlichste kleine ältliche
 Dame, die man sich nur denken kann, in Witwenhaube und schwarzseidenem Kleide saß. Gerade so
 hatte ich mir Mistreß Fairfax vorgestellt, doch sah sie 
milder aus, und ihr Wesen war weniger stattlich. Sie
 war mit einem Strickstrumpf beschäftigt; eine großeKatze saß ehrbar zu ihren Füßen; kurz, es fehltenichts, um das schöne Ideal häuslicher Behaglichkeit 
zu vollenden. Eine beruhigendere Einführung für 
eine neue Erzieherin konnte man sich kaum denken.

Ich wurde von keinem stolzen und vornehmen Wesen
 in Verlegenheit gesetzt, und als ich eintrat, stand diealte Dame auf und kam mir sogleich freundlich entgegen.
, Wie ist es Ihnen ergangen, meine Liebe? Ichfürchte, Sie haben eine langweilige Fahrt gehabt; 
John fährt so langsam. Es muß Ihnen kalt sein,
 kommen Sie zum Feuer.
, Mistreß Fairfax vermuthlich? sagte ich.

, Ja, Sie haben Recht, setzen Sie sich nieder.
Sie führte mich zu ihrem eigenen Stuhle und 
nahm mir Shawl und Hut ab, obgleich ich sie bat,
 sich nicht so viel Mühe zu machen.
, O! es ist keine Mühe; auch müssen Ihre Hännde 
von der Kälte fast erstarrt sein. Lea, mache ein 
wenig heißen Negus und schneide einige Butterschnitte 
mit Fleisch; hier ist der Speisekammerschlüssel.
Und sie zog einen sehr haushälterisch aussehenden Schlüsselbund aus ihrer Tasche und übergab ihn 
der Dienerin.
, Nun, setzen Sie sich doch ein wenig näher zumFeuer, fuhr sie fort.
, Sie haben Ihr Gepäck mitgebrachst, nicht wahr, meine Liebe?
, Ja, Madame.

, Ich will es in Ihr Zimmer bringen lassen, sagte sie und ging rasch hinaus.
Ich erwartete eine solche Aufnahme nicht. Nachallem, was ich über die Behandlung der Erzieherinnen gehört hatte, war ich auf Kälte und Steifheit
 vorbereitet, doch wollte ich mich nicht voreilig freuen.
Sie kehrte zurück, räumte mit eigenen Händen
 ihr Strickzeug und einige Bücher vom Tische weg,
 um für das Geschirr Platz zu machen, welches Lea 
jetzt hereinbrachte, und reichte mir dann eigenhändig
 die Erfrischungen. Ich war ein wenig verwirrt, der 
Gegenstand so ungewohnter Aufmerksamkeit zu sein,
 und noch dazu von Seiten meiner Gebieterin.
, Werde ich noch diesen Abend das Vergnügen 
haben, Miß Fairfax zu sehen? fragte ich, als ich
 das Angebotene angenommen.

, Wie sagten Sie, meine Liebe? Ich bin ein
 wenig taub, entgegnete die gute Dame, ihr Ohrmeinem Munde nähernd.
Ich wiederholte die Frage deutlicher.

, Miß Fairfax? O, Sie meinen Miß Varens?
 Varens! ist der Name Ihrer künftigen Schülerin.
, 
Ei! so ist sie also nicht ihre Tochter?

, Nein -- ich habe keine Famnilie.
, Es ist mir so lieb, fuhr sie fort, während sie 
sich mir gegenüber niedersetzte und die Katze auf denSchoß nahm, es ist mir so lieb, daß Sie gekommensind; es wird jetzt ganz angenehm hier sein, wennich eine Gesellschafterin habe. Gewiß ist es hier zu
jeder Zeit angenehm, denn Thornfild ist ein schönes
 altes Herrenhaus, in den letzten Jahren vielleicht etwas
 vernachlässigt, aber dennoch immer ein respectabler 
Ort; doch im Winter, wie Sie wissen, ist es auch inder besten Wohnung langweilig und ungemüthlich, wenn man ganz allein ist. Ich sage allein -- Lea
 ist freilich ein ganz ordentliches Mädchen und John und seine Frau sind auch sehr verständige Leute, aber 
sehen Sie, es sind immer nur Diener, und man kann sich mit ihnen nicht wie mit Seinesgleicen unterhalten, 
man muuß sie in schicklicher Entfernung halten, um
 seine Autorität nicht zu verlieren. Im letzten Winter
 -- und ein sehr strenger Winter war es, wenn Sie
 sich noch darauf besinnen, und wenn es nicht schneite,
 so regnete und stürmte es -- kam vom November 
bis zum Februar kein menschliches Wesen ins Haus, 
als der Schlächter und der Postbote, und ich wurde
 ganz melancholisch, einen Abend wie den anderen ganz 
allein sitzen zu müssen. Zuweilen mußte Lea wohl
 hereinkommen und mir vorlesen, aber ich glaube, das
 gefiel dem armen Mädchen nicht besonders. ImFrühling und Sommer geht es schon besser, der 
Sonnenschein und die langen Tage bringen ange
nehme Abwechslung, und dann kam gerade zu Anfang dieses Herbstes die kleine Adele Varens mitihrer Vonne; ein Kind macht ein Haus gleich

lebendig, und jetzt, da Sie hier sind, werde ich ganz 
heiter sein.
Mein Herz erwärmte sich nur noch mehr für die
 würdige Dame, als ich sie so reden hörte, und ich 
zog meinen Stuhl ein wenig näher zu ihr hin und
 sprach meinen aufrichtigen Wunsch aus, daß sie meineGesellschaft so angenehm finden möge, wie sie erwartete.
, Aber ich will Sie nicht veranlassen, diesen Abend
 zu lange aufzubleiben, sagte sie, ,es ist jetzt bereits 
zwölf, und Sie sind den ganzen Tag gereist, Sie
 müssen sich also ermüdet fühlen. Wennn Sie sich Ihre 
Füße gut erwärmt haben, will ich Ihnen ihr Schlaf
zimmer zeigen. Ich habe das Zimmer, welches dem 
meinen zunächst liegt, für Sie einrichten lassen; es istnur klein, aber ich dachte, es würde Ihnen besser
 gefallen, als eins von den großen Vorderzimmern; sie sind freilich schöner möblirt, aber einsam, und ich
 schlafe selber nie darin.
Ich dankte ihr für ihre rücksichtsvolle Wahl, und
 da ich von meiner Reise wirklich ermüdet war, erklärte ich mich bereit, mich zur Ruhe zu begeben. Sie nahm
 ihr Licht, und ich folgte ihr aus dem Zimmer die 
Treppe hinauf. Stufen und Geländer waren von 
Eichenholz; das Fenster auf der Treppe war hoch 
und vergittert, und dieses sowie die lange Gallerie,
 auf welche die Thüren der Schlafzimmer hinaus führten,
 sahen aus, als ob sie eher einer Kirche, als einem 
Hause angehörten. Eine sehr kalte Luft, wie in einem
 Gewölbe, herrschte auf der Treppe und der Gallerie, 
und es war mir lieb, als ich endlich in mein Zimmer
 geführt wurde, es klein und in dem gewöhnlichen
 modernen Styl möblirt zu finden.

Als Mistreß Fairfax mir freundlich gute Nachtgewünscht und ich meine Thür verriegelt hatte, sahich mich gemächlich um. Der unerfreuliche Eindruck
 den die weite Vorhalle, die dunkle und geräumige 
Treppe sowie die lange und kalte Gallerie auf michgemacht hatten, wurde durch den wohnlicheren Anblick

meines kleinen Zimmers verdrängt, und ich freute mich, 
daß ich nach einem Tage körperlicher Anstrengung
und ängstlicher Erwartung jetzt endlich sicher im Hafen 
sei. Dankbarkeit schwelgte mein Herz, ich kniete neben meinem Bette nieder und brachte Gott meinen Dank dar, auch vergaß ich nicht, ihn um weitere Hilfe zu
 bitten und um Kraft, die Güte zu verdienen, womit
 man mir hier entgegen gekommen war. Zugleic
h ermüdet und zufrieden, schlief ich bald fest ein. Alsich erwachte, war es heller Tag.
Das Zimmer erschien mir als eine sehr hübsche 
kleine Heimstätte, als die Sonne zwischen den Fenster
vorhängen hereinlugte und mir die tapezierten Wändeund den mit Teppichen belegten Fußboden zeigte, so
 unähnlich den rohen Dielen und den angespritzten 
Kalkwänden zu Lowood, daß mein Geist bei dem
 Anblick sich hob. Es war mir, als beginne ein glänzender Abschnitt meines Lebens, der neben seinen 
Mühseligkeiten auch seine Freuden haben werde. Alle
 meine Seelenkräfte schienen durch die Ortsveränderung
durch das neue Feld, welches sich für meine Hoffnungen öffnete, wieder lebendig geworden. Ich kann nichtgenau erklären, waS ich erwartete, aber es war etwas angenehmes.
Ich stand auf und kleidete mich mit Sorgfalt 
an. Freilich war ich genöthigt, einfach zu erscheinen, 
denn ich hatte kein Kleidungsstück, welches nicht mit 
der änßersten Einfachheit gemacht war; doch hatte
 ich von Natur das entschiedene Bestreben, sauber und
 nett auszusehen. Es war nicht meine Gewohnheit, 
unachtsam gegen die äußere Erscheinung oder unbe
kümmert um den Eindruck zu sein, den ich machte, 
im Gegentheil wünschte ich stets so sehr zu gefallen,
 als meine mangelnde Schönheit es gestattete. Ich bedauerte zuweilen, daß ich nicht schöner sei, wünschte 
mir rosige Wangen, eine griechische Nase und einen 
kleinen Kirschenmund, auch meine Gestalt hätte ich
 mir größer und schöner entwickelt gewünscht. Ich hielt
es für ein Unglück, so klein und so blaß zu sein und

so unregelmäßige und stark gezeichnete Züge zu haben. Als ich mein Haar glatt gebürstet, mein schwarzes
 Kleid angelegt und einen reinen weißen Halskragen dazu umgebunden hatte, glaubte ich, anständig genug 
vor Mistreß Fairfax erscheinen zu können, und hoffte
 daß meine neue Schülerin sich wenigstens nicht von
 mir ahgeschreckt fühlen werde.
Ich ging durch die lange, mit Matten bedeckte 
Gallerie, stieg die glatten Stiegen von Eichenholz hin
unter, erreichte dann die Halle, blieb dort eine Minute stehen, betrachtete einige Bilder an den Wäntden 
-- wovon eins einen grimmigen Mann in einem
 Brustharnisch, und ein anderes eine Dame mit ge
pudertem Haar und einem Perlenhalsband darstellte
 -- und bemerkte im Vorübergehen eine messingene 
Lampe, die von der Decke niederhing und eine großeUhr, deren Kasten von zierlich geschnitztem Eichenholz
 war und von der Zeit und vom Poliren die Farbe
 des Ebenholzes angenommen hatte. Alles erschien mir 
imposant; aber damals war ich wenig an etwas
 Großartiges gewöhnt. Die Hausthür, in deren oberen 
Hälfte sich Glasscheiben befanden, stand offen und ich
 überschritt die Schwelle. Es war ein schöner Herbst
morgen; die frühe Sonne schien heiter auf gebräunte
 Lustwälder und noch grüne Felder; dann trat ich auf 
den Rasenplatz hinaus, blickte auf und überschaute die 
Front des Gebäudes. Es war drei Stockwerke hoch, 
obgleich nicht allzu groß, der Landsitz eines Herrn vom
 niederen Adel und nicht eines Lords. Die Zinnen verliehen demselben ein malerisches Ansehen. Die graue
 Front stach gegen ein Dohlengeniste ab, dessen kräch
zende Bewohner jetzt umherflogen, ihren Weg über 
den Rasenplatz und den Park nahmen und sichauf einer großen Wiese niederließen, wo eine Reihe
 mächtiger alter Dornbäume, stark, knorrig und
 breit wie Eichen, zugleich die Benennung des Herren
hauses erklärten. In weiterer Entfernung erhoben

sich Hügel, nicht so hoch und massig, wie die bei Lowood, welche zwischen diesem und der übrigen Welt
 eine unübersteigliche Schranke zu ziehen schienen, aber
 immerhin die Gegend einsam abschließen. Ein kleiner
 Weiler lag zerstreut an der Seite eines von diesen 
Hügel; die Kirche des Districts stand Thornfield
 näher, und die alte Thurmspitze blickte über eine
 Erhöhung zwischen dem Hause und dem Parkpforten
 hervor.
Ich erfreute mich noch der ruhigen Aussicht und
 der angenehmen frischen Luft, als Mistreß Fairfax inder Thür erschien.
, Wie, schon draußen? sagte sie. , Ich sehe, Sie
 stehen gern früh auf.
Ich ging zu ihr und wurde mit einem freundlichen Kusse und einem Händedruck empfangen.
, Wie gefällt Ihnen Thornfield? fragte sie.
Ich sagte ihr, es gefalle mir sehr gut.

, Ja, nickte sie, es ist ein hübscher Ort; aber
 ich fürchte, es wird verwildern, wenn Herr Rochester 
sich nicht entschließt, seinen Wohnsiz hierher zu verlegen oder wenigstens öfter herzukommen. Große
 Häuser und schöne Besitzungen fordern die Gegenwart des Besitzers.
, Herr Rochester! rief ich. , Wer ist das?

, Der Besitzer von Thornfield, antwortete sieruhig. , Wußten Sie nicht, daß er Rochester heißt?
Ich hatte nie vorher von ihm gehört; aber die alteDame schien seine Existenz als eine allgemein bekannte 
Thatsache anzusehen, womit jeder instinctmäßig be
kannt sein müsse.
Ich glaubte, Thornfield gehöre Ihnen, fuhr 
ich fort.
, Mir? welch' ein Einfall, mein Kind! mir? 
Ich bin nur die Verwalterin. Freilich bin ich vonmütterlicher Seite entfernt mit den Rochester's ver
wandt, oder wenigstens mein verstorbener Mann war 
es, der die Pfarrstelle zu Hay bekleidete -- in jenemkleinen Dorfe, dort auf dem Hügel -- und jene

Kirche in der Nähe des Thores war die seine. Dioe Mutter des Herrn Rochester war eine geborene Fairfax und eine Cousine meines Mannes; aber ich mache
 nie Anspruch auf diese Verwandtschaft -- das ist
 nichts für mich; ich betrachte mich als eine gewöhnliche Haushälterin, mein Herr ist immer höflich, und weiter verlange ich nichts.
, Und das kleine Mädchen -- meine Schülerin?
, Sie ist Herrn Rochester's Mündel, und er trug 
mir auf, eine Erzieherin für sie zu suchen. Dort kommtsie mit ihrer Vonne, wie sie ihr Mädchen nennt.
Die freundliche und gütige kleine Witwe war 
also keine große Dame, sondern eine Untergebene, wie 
ich. Sie gefiel mir darum nicht weniger; im Gegen
theil war es mir angenehmer. Ihr Benehmen gegen 
mich war demnach nicht bloße Herablassung von ihrerSeite, sondern Gleichstellung mit mir, umso besser -- 
meine Stellung war freier.
Während ich noch über die mir so neue Er
öffnung nachdachte, kam ein kleines Mädchen, von 
ihrer Dienerin begleitet, den Gang dahergelaufen. Ichbetrachtete meine Schülerin, die mich anfangs nicht 
zu bemerken schien. Sie war sieben oder acht Jahre 
alt, zart gebaut, hatte ein blasses Gesicht mit
 zierlicsen Zügen und eine Fülle von Haar, die in Locken bis zu ihrer Taille herunterfiel.
, Guten Morgen, Miß Adele, sagte Mistreß
 Fairfax. Kommen Sie und begrüßen Sie diese Dame, 
die Sie unterrichten und ausbilden wird.

Die Kleine näherte sich.

, Das ist wohl meine Gouvernante? wanndte
 sie sich in französischer Sprache, auf mich deutend, 
an ihr Mädchen, welche in derselben Sprache bejahte.
, Sind beide Ausländerinnen? fragte ich erstaunt.

, Die Wärterin ist eine Ausländerin; Adelewurde auf dem Continent geboren und hat diesen, so
viel ich weiß, bis vor sechs Monaten auch nie ver
lassen. Als sie hier ankam, konnte sie gar kein Eng
lisch sprechen; aber jetzt geht es schon ein wenig, ich

verstehe sie indeß nicht, denn sie mischt immer viel 
Französisch hinein; doch ich denke, Sie werden schon
 verstehen, was sie sagt.
Zum Glück hatte ich mir eine gewisse Fertigkeit
 im Französischen angeeignet und konnte voraussetzen,
 daß ich nicht weit hinter Mademoiselle Adele zurückbleiben werde. Sie kam und drückte mir die Hand, 
als sie hörte, daß ich ihre Erzieherin sei, und während
 ich sie zum Frühstück führte, sprach ich einige Sätze 
in ihrer Sprache mit ihr. Sie antwortete anfangs nur 
kurz, als wir aber am Tische saßen und sie mich
 etwa zehn Minuten mit ihren großen nußbraunen 
Augen angesehen, begann sie plötzlich geläufig zu plaudern.
, Ah! rief sie französisch. , Sie sprechen meineSprache so gut, wie Herr Rochester, ich kann mitIhnen reden, wie mit ihm, und auch Sophie. Es 
wird ihr lieb sein, den Niemand versteht sie, Madame Fairfax spricht nur englisch. Sophie ist meine 
Vonne; sie kam mit mir über die See in einem großen 
Schiffe mit einem Schornstein, welcher rauchte, undich war krank und Sophie und Herr Rochester auch.
 Unser Schiff hielt am Morgen, ehe es noch ganz
 hell war, bei einer großen Stadt an -- bei einer 
ungeheuren Stadt, mit sehr dunklen Häusern, und
 alle rauchgeschwärzt, durchaus nicht so hübsch wie in
 der reinlichen Stadt, aus der ich kam; und Herr 
Rochester trug mich auf seinen Armen ans Land, undSophie kam nach, und wir stiegen Alle in eine Kutsche,
 die uns zu einem schönen großen Hause brachte, 
ein Hotel genannt. Dort blieben wir beinahe eine
 Woche, ich und Sophie gingen jeden Tag auf einem 
großen grünen Platze spazieren, der mit Bäumen 
bepflanzt war und den man den Park nannte; und
 da waren außer mir noch viele Kinder, und ein Teich mit schönen Fischen, die ich mit Brotkrumen fütterte.
, Verstehen Sie das Kind, wenn es so schnell
 spricht? fragte Mistreß Fairfax.

Ich verstand sie sehr gut, denn ich hatte michan die geläufige Zunge der Madame Pierrot gewöhnt.
, Ich möchte wohl, Sie fragten sie nach 
ihren Verwandten? fuhr die gute Dame fort, ich 
möchte wissen, ob sie sich derselben erinnert.
, Adele, fragte ich, ,bei wem warst du, als du
 in jener hübschen reinlichen Stadt lebtest, von der du
 gesprochen?

, Ich war lange bei Mama; aber sie ist zur
 heiligen Jungfrau gegangen. Mama unterrichtete mich 
im Tanzen und Singen, und ich mußte Verse hersagen. Eine große Menge Herren und Damen kamen,
 Mama zu besuchsen, und dann tanzte ich vor ihnen,
 oder saß ihnen auf dem Schoß und sang ihnen Lieder, 
das gefiel mir. Soll ich Ihnen jetzt einmal etwas 
vorsingen?

Sie hatte ihr Frühstück beendet und da erlaubte
 ich ihr, eine Probe von ihren Geschicklichkeiten zu
geben. Sie sezte sich auf mein Knie, faltete dann 
ehrbar ihre kleinen Hände vor sich, schüttelte ihre 
Locken zurück, erhob ihre Augen zur Decke und begann eine Stelle aus einer Oper zu singen. Es war
 der Gesang einer verlassenen Dame, welche die Treulosigkeit ihres Geliebten beklagt; dann erwacht ihr
 Stolz, sie befiehlt ihrer Dienerin, sie mit den glänzendsten Juwelen und prächtigsten Gewändern zu
 schmücken, und faßt den Entschluß den Treulosen an 
dem Abend auf einem Balle zu treffen und ihm durch 
die Heiterkeit ihres Benehmens zu beweisen, wie
 wenig Eindruck sein Abfall auf sie gemacht hat.
 Der Gegenstand schien mir für eine kindliche 
Sängerin seltsam gewählt. 
Adele sang die Arie mit ganz hübscher Stimme
 und der Naivetät ihres Alters. Als sie damit zu
 Ende war, sprang sie von meinem Knie und sagte:
, Nun, Mademoiselle, will ich ihnen ein Gedicht 
vorsagen.
Nachdem sie sich in Positur gestellt hatte, begann sie „das Bündnis der Ratten“eine Fabel von

la Fontaine, zu recitiren. Sie declamirte das kleine
 Stück mit einer Biegsamkeit der Stimme und mit so
passenden Bewegungen, wie sie in ihrem Alter sehr
 ungewöhnlich sind, und die bewiesen, daß man es ihr
 überaus sorgfältig eingelernt habe.
, Hat deine Mama dir das Stück gelernt?
 fragte ich.
, Ja, und sie pflegte es gerade so vorzutragen, 
wie ich. Soll ich ihnen jetzt etwas vortanzen?
, Nein, dies ist schon hinreichend. Aber nachdem
 deine Mama zur heiligen Jungfrau gegangen war,
 wie du sagst, bei wem lebtest du da?
, Bei Madame Frederic und ihrem Manne; doch
 ist sie nicht mit mir verwandt. Ich glaube, sie ist
 arm, denn sie hatte kein so schönes Haus, wie Mama.
 Ich war nicht lange bei ihr, da fragte mich Herr
 Rochester, ob ich mit ihm gehen und in England leben
 wolle, und da sagte ich ja; denn ich kannte Herrn 
Rochester eher als ich Madame Frederic kannte,
 und er war immer freundlich gegen mich und gab
 mir hübsche Kleider und Spielsachen. Er hat michnach England gebracht, aber ich sehe ihn nie.
Nach dem Frühstück gingen Adele und ich in
 das Bibliothekzimmer, welches, wie Herr Rochester
 angeordnet, als Schulzimmer benutzt werden sollte. 
Die meisten Bücher waren hinter Glasthüren ver
schlossen, doch war ein Bücherschrank offen geblieben, 
der alle nöthigen Elementarwerke, verschiedene Ge
dichtsammlungen, Biographien, Reisebeschreibungen 
und einige Romane enthielt. Vermuthlich hatte Herr 
Rochester geglaubt, das sei Alles, was eine Erzieherin 
zu ihrer Privatlectüre bedürfe. In diesem Zimmer
 befand sich auch ein ganz neues Pianoforte von vor
trefflichem Ton, eine Staffelei zum Malen und Erd- und Himmelsgloben.
 Ich fand meine Schülerin ziemlich gelehrig, doch
 nicht zum Fleiße geneigt, denn sie war an keine regel
mäßige Beschäftigung irgend einer Art gewöhnt. Ich
 sah ein, daß es nicht vernünftig sein würde, sie gleich

anfangs zu sehr anzustrengen, und als ich sie ein
 wenig hatte lernen lassen, erlaubte ich ihr um zwölf 
Uhr, zu ihrer Vonne zurückzukehren. Ich wollte die
 Zeit bis Mittag damit ausfüllen, einige kleine Skizzen
 für Adele's Gebrauch zu zeichnen.
Als ich die Treppe hinaufging, um meine Zeichenmappe und Bleistifte zu holen, rief Mistreß Fairfax
zu mir:

, Ich vermuthe, Ihre Schulstunden für diesen
 Morgen sind beendet?
Sie befand sich in einem Zimmer, dessen Flügelthüren offen standen, und ich trat ein, als sie michanredete. Es war ein großer stattlicher Raum mit
 purpurfarbigen Stühlen und Vorhängen und einem
 türkischen Teppich. Die Wände waren mit Täfelwerk 
von Nußholz bekleidet, das breite Fenster war mit
 schön gemaltem Glase geziert, die hohe Docke mit 
geschmackvollen Stuccaturen versehen. Mistreß Fairfax
 stäubte einige Gefäße von purpurrothem Marienglase 
ab, die auf einem Nebentische standen.
, Welch' ein schönes Zimmer! rief ich, als ich mich 
umsah, denn ich hatte noch nie ein so imposantes
 Gemach gesehen.
, Ja, dies ist das Speisezimmer. Ich habe nur 
das Fenster geöffnet, um ein wenig Luft und Sonnen
schein hereinzulassen, denn in Zimmern, die seltenbewohnt werden, wird Alles leicht feucht, und im
 Gesellschaftszimmer dort herrscht eine Luft wie in
 einer Gruft.

Sie deutete auf eine breite Bogenthüre, die mit
 einem dunkelrothen, jetzt zurückgeschlagenen Vorhange 
versehen war. Ich stieg zwei breite Stufen hinauf
 und glaubte einen Feensaal zu erblicken, so glänzend 
erschien meinen unerfahrenen Augen diese Aussicht. 
Doch es war nur ein sehr hübsches Gesellschaftszimmer, 
und hinter demselben ein Boudoir, beide mit weißen 
Teppichen bedeckt, auf welchen glänzende Blumen
guirlanden zu liegen schienen. Die Plafonds waren
 schneeweiß und mit Trauben und Weinblättern von

Gyps verziert. Lebhaft contrastirten hiezu die hochrothen Sophas und Ottomanen, während die Zie
raten des Kamins aus carrarischem Marmor bestanden. Die großen Spiegel zwischen den Fenstern werfen 
diese Farbenmischung von Schnee und Feuer zurück.
, In welch vortrefflicher Ordnung erhalten Sie
 diese Zimmer, Mistreß Fairfax! sagte ich, wenn die 
Luft nicht so kalt wäre, sollte man denken sie würden
 täglich bewohnt.
, Nun, Miß Eyre, obgleich Herrn Rochester's Besuche selten sind, kommen sie doch stets plötzlich und
 unerwartet, und so ist es das Beste, die Zimmer 
stets in Bereitschaft zu halten.
, Ist Herr Rochester ein peinlich pünktlicher und
 viel fordernder Mann?
, Das nicht gerade; aber er hat den Geschmackund die Gewohnheiten eines gebildeten Mannes und
 erwartet, daß Alles in Uebereinstimmung damit gehalten werde.
, Gefällt er Ihnen? Ist er allgemein beliebt?

, O ja, die Familie ist hier stets geachtet gewesen. Fast alles Land in dieser Gegend, so weit Siesehen können, hat den Rochester's seit Menschengedenken gehört.
, Nun, wenn wir seine Besitzung aus dem Spiele
 lassen, ist er um seiner selbst willen beliebt?
, Ich habe keine Ursache über ihn zu klagen,
und ich glaube, er wird von seinen Pächtern als eingerechter und liberaler Gutsherr geschätzt; doch hat
 er nicht viel unter ihnen gelebt.
, Wie ist, kurz gesagt, sein Charakter?

, O! sein Charakter ist ohne Vorwurf, glaube
 ich. Er ist viel gereist und hat einen großen Theil
 der Welt gesehen. Er wird auch talentvoll sein; aberich habe nie viel Gelegenheit gehabt, mit ihm zusprechen.

, Hat er seine Eigenthümlichkeiten?

, Ich weiß es nicht -- es ist nicht leicht zu be
schreiben -- aber wenn man mit ihm redet, ist man

nicht immer gewiß, ob er im Scherz oder im Ernst
 spricht, ob ihm etwas angenehm oder unangenehm 
ist; kurz, man versteht ihn nicht vollkommen -- wenig
stens ich nicht; aber er ist bei alldem ein sehr guterHerr.
Dies war alle Auskunft, die ich von Mistreß 
Fairfax über ihren und meinen Herrn zu erhalten 
vermochte. Es gibt Leute, die sich nicht darauf verstehen, den Charakter eines Menschen oder hervorstechende Züge an ihm, zu beobachten und zu beschreiben. Die gute Dame gehörte offenbar zu dieser 
Classe; meine Fragen waren ihr auffallend, brachten 
sie aber nicht in Verlegenheit. Herr Rochester war inihren Augen ein Gentleman, ein Gutsherr – sie 
fragte und suchte nicht weiter, und wunderte sichoffenbar über meinen Wunsch, noch eine genauere
 Kenntnis von ihm zu erlangen.
Als wir das Speisezimmer verließen, machte sie
 mir den Vorschlag, mir auch die übrigen Theile desHauses zu zeigen, und ich folgte ihr mit Vewunderung 
die Treppe hinauf und hinunter, denn Alles warschön und wohl angeordnet. Die großen Vorderzimmer
 erschienen mir besonders prachtvoll, und einige Zimmer
 im dritten Stock, obwohl etwas dunkel und niedrig, 
waren mir wegen ihres alterthümlichen Ansehens interessant. Das Mobilar der unteren Gemächer mochte je
 nach der wechselnden Mode ergänzt worden sein. Das 
vollkommene Licht, das durch die schmalen Fenster 
hereinfiel, zeigte Bettgestelle, die über hundert Jahrealt waren, Schränke und Kasten von Eichen- und N
ußholz, die mit ihrem seltsamen Schnitzwerk von 
Palmzweigen und Cherubimköpfen der jüdischen Bundeslade nachgebildet zu sein schienen; Reihen ehrwürdigerStühle mit hohen und schmalen Lehnen; noch ältere 
Sessel, auf welchen noch die Spuren einer halbver
blichenen Stickerei sichtbar waren, von Fingern gearbeitet, die wohl schon seit zwei Menschenaltern im Grabe ruhten. Alle diese Reliquien verliehen dem
 dritten Stock von Thornfield Hall das Ansehen eines


Heiligthums der Erinnerung. Bei Tage gefiel mir die 
Stille und die düstere Pracht dieser Räume; doch 
würde ich nicht gern eine Nacht in diesen breiten und
 schweren Betten zugebracht haben, wovon einige von
 alten gewirkten englischen Vorhängen beschattet waren, 
auf denen sich Bilder seltsamer Blumen, nochs selt
samerer Vögel und der seltsamsten menschlichen Wesen
 dargestellt fanden -- dies Alles hätte bei dem bleichen 
Schimmer des Mondes ein geisterhaftes Aussehen annehmen müssen.
, Schlafen die Diener in diesen Zimmern? 
fragte ich.
, Nein, sie bewohnen eine Reihe kleinerer Zimmer
 nach hinten hinaus. Hier schläft nie Jemand, und
 man sollte fast glauben, wenn ein Geist in Thorn
field Hall umginge, so würde er sich hier aufhalten.
, Das denke ich auch; Sie haben also keinen
 Geist hier?
, Keinen, wovon ich je gehört hätte, entgegnete
 Mistreß Fairfax lächelnd.

, Auch keine Legenden oder Geistergeschichten?
, Ja glaube nicht, obwohl man sagt, daß das
 Rochester'sche Geschlecht eine bewegte Vergangenheit habe.
, Wo gehen Sie jetzt hin, Mistreß Fairfax? 
fragte ich, als sie weiter ging.
, Auf das Bleidach. Wollen Sie mit usd dieAussicht von dort sehen?
Ich folgte ihr eine sehr schmale Treppe hinauf, 
die auf den Boden führte, und von dort vermöge 
einer Leiter und durch eine Fallthür auf das Dachs
 des Gebäudes. Ich war jetzt in gleicher Höhe mitder Dohlencolonie und konnte in ihre Nester sehen.
 Indem ich mich über die Zinnen lehnte und hinunter
blickte, sah ich die Gegend wie eine Reliefkarte vor
 mir, den sammnetartigen Rasen, der das graue Haus
 umgab, den Park mit seinen alten Bäumen, den Wald, von einem mit Moos überwachsenen Wege 
getheilt, die Kirche vor den Thoren, die stillen Hügel,

in der Sonne des Herbsttages ruhend. Die Sonne
bot nichts Außerordentliches, aber Alles war lieblich. Als ich mich von der Aussicht abwendete und wiederdurch die Fallthür hinunterstieg, konnte ich kaum
 meinen Weg die Leiter hinunter finden, so schwarz 
erschien Alles unter mir im Vergleich zu dem blauen
 Himmelsbogen, zu dem ich vorher aufgeblickt hatte.
Mistreß Fairfax blieb einen Augenblick hintermir zurück, um die Fallthür wieder zu schließen; ich 
tappte umher, bis ich den Ausgang wieder fand und
 stieg die schmale Treppe hinunter. Ich verweilte indem langen Gange, der die Vorderzimmer von den 
hinteren Zimmern des dritten Stockes trennte. Er
 war niedrig, schmal und düster, nur am äußerstenEnde von einem kleinen Fenster erleuchtet, und glich mit den beiden Reihen kleiner schwarzer Thüren, die
 alle verschlossen waren, dem Corridor in dem Schlosse 
eines Blaubart.
Während ich langsam weiterging, traf ein Lachen
 mein Ohr -- ein Ton, den ich in einer so stillen 
Region nicht zu hören erwartet hatte. Es war ein
 seltsames, freudeloses Lachen. Ich blieb stehen, auf 
einen Augenblick verstummte es. Dann begann es
 wieder lauter und ging in ein wildes Geschrei über. 
Es kam aus einem der Zimmer, zu dem die kleinen 
schwarzen Thüren führten.
, Mistreß Fairfax! rief ich, denn ich hörte siejetzt die große Treppe hinuntergehen. , Hören Siedas laute Lachen? Wer ist es?

, Wahrscheinlich eine von den Dienerinnen, ant
wortete sie, , vielleicht Gratia Pole.
, Hörten Sie es? fragte ich wieder.

, Ja, ganz deutlich, ich höre sie oft. Sie nähtin einem dieser Zimmer. Zuweilen ist Lea bei ihr,
 und sie machen viel Geräusch zusammen.
Das Lachen wurde in leisem und abgemessenem
 Tone wiederholt und endete mit einem seltsamen Gemurmel.

,Gratia! rief Mistreß Fairfax,

Ich erwartete natürlich nicht, daß eine Grazie antworten würde, denn das Lachen war so unheimlich, so übernatürlich, wie ich nie vorher gehört.
Wenn es nicht heller Mittag gewesen, so hätte ich 
wirklich einen abergläubischen Schrecken empfunden.
Die mir zunächst befindliche Thür öffnete sichund eine Dienerin, zwischen dreißig und vierzig
 Jahren, trat heraus. Sie war von untersetzter Ge
stalt, hatte rothes Haar und ein rauhes und gewöhnliches Gesicht. Eine weniger geisterhafte Erscheinung
 hätte man kaum denken können.

, Zu viel Lärm, Gratia, sagte Mistreß Fairfax. 
Denke an das Verbot!
Gratia verneigte sich schweigend und ging wieder
 hinein.
, Es ist eine Person, die wir zum Nähen haben,
 und die Lea in der Hausarbeit unterstützen muß, fuhr die Witwe fort. , Sie hat mancherlei Fehler, 
doch ist sie zu ihrer Arbeit gut zu verwenden.
Als wir die untere helle und heitere Region erreichten, kam uns Adele im Vorsaale entgegengelaufen
und rief:
, Meine Damen, es ist servirt. Ich habe großen 
Hunger!
Wir fanden das Mittagessen in dem Zimmer
der Mistreß Fairfax bereit.



Zwölftes Capitel.
Meine Erwartung eines ruhigen und friedlichen 
Lebens, welches mir der gemüthliche Empfang in
 Thornfield Hall zu verheißen schien, wurde bei längerer Bekanntschaft mit dem Orte und den Bewohnern 
nicht getäuscht. Mistreß Fairfax erwies sich als eine
 gutmütige Frau von hinreichender Erziehung und
 gutem Verstande. Meine Schülerin war ein lebhaftes
 und verzogenes Kind, dem man viel nachgesehen
 hatte; sie war daher oft geneigt, nach ihrem eigenen

Kopfe zu handeln. Da aber keine unverständige Ein
mischung von irgend einer Seite meine Erziehungspläne durchkreuzte, so vergaß sie bald ihre kleinen 
Grillen und wurde gehorsam und lernbegierig. Sie 
besaß keine großen Talente, keine hervorragenden
 Charakterzüge, keine eigenthümliche Entwickelung des 
Gefühls oder Geschmacks, was sie nur um einen
 Zoll über die gewöhnliche Stufe ihres Alters erhoben
 hätte; aber sie hatte auch keine Fehler, die sie unter
 dieselbe stellten. Sie machte ganz erträgliche Fort
schritte, hegte für mich eine lebhafte, wenn auch viel
leicht nicht sehr tiefe Neigung und flößte mir durch
 ihre Einfacheit, durch ihr heiteres Geplauder undihre Bemühungen, mir zu gefallen, einen Grad von 
Anhänglichkeit ein, der unser gegenseitiges Verhältnis zu einem angenehmen machte.
Von Zeit zu Zeit ging ich allein in der Umgebung spazieren oder stieg durch die Fallthüre auf 
das Bleidach hinauf und ließ meine Blicke über die 
einsamen Felder und Hügel, sowie über die trübe 
Linie des Himnmels schweifen. Dann wünschte ichmir oft, daß die Kraft meines Auges über diese
 Grenzen hinausreichen und mir die geschäftige Welt,
 die Städte und die Regionen voll Leben zeigen, wo
von ich gehört, die ich aber nie gesehen.
Ich beklagte in solchen Augenblicken, daß es mir 
an Welterfahrung fehlte und wünschte mir mehr 
Umgang mit meinem Geschlecht und die Bekanntschaft 
mit interessanteren Charakteren, als sie hier zu finden
 waren. Ich schätzte alles Gute an Mistreß Fairfax
 und an Adelen; aber ich glaubte, es müsse eine
 andere, eine lebensvollere Güte geben, und ich wünschte
 das, was ich glaubte, mit eigenen Augen zu sehen.
Wer tadelt mich? Viele ohne Zweifel, und sie
 werden mich unzufrieden nennen. Ich konnte mirnicht helfen, die Ruhelosigkeit lag in meiner Natur,
und sie regte mich auf, so daß sie sich zuweilen bis 
zu schmerzlicher Empfindung steigerte. Dann war es 
meine einzige Erholung, in der Stille und Einsamkeit

des Corridors des dritten Stocks auf- und abzugehen
 und bei den Visionen zu verweilen, die sich vor
 meinem geistigen Auge erhoben. Utd es waren ihrer
 viele und prächtige und farbenglühende, die mein 
Herz sehnsüchtig schwelien ließen und meine Einbildungskraft erfand sich eine nie endende Geschichte,
 welche mich mit Leben, Feuer und Empfindungen
 erfüllte, die mein wirkliches Dasein mir nicht bot.
Es ist unrichtig, zu behaupten, daß menschliche 
Wesen mit der Ruhe zufrieden sein sollten; sie müssen 
Thätigkeit haben, und sie werden sich diese schaffen,
 wenn sie sich nicht von selbst findet. Millionen sindzu einem stilleren Geschick, als das meine, verurtheilt, 
und Millionen befinden sich in schweigender Empörung 
gegen ihr Loos. Niemand weiß, wie viele Rebellionen,
 außer den politischen, in den Massen gähren, die
 die Erde bevölkern. Die Frauen hält man gewöhnlich für sehr ruhig; aber die Frauen bedürfen gerade
so wie die Mäniner eines Uebungsfeldes für ihre
 Fähigkeiten; sie leiden unter einem zu strengen Zwange
 und sind zum völligen Stillstande verurtheilt; und es 
ist eine Engherzigkeit von ihren bevorzugten Mitgeschöpfen, sie zu verlachen, wenn sie streben, mehr zu
 lernen, als die Sitte ihrem Geschlechte zugesteht.
Wenn ich so allein war, hörte ich Gratia Pool
 nicht selten lachen, es war dasselbe leise und langsame Ha! ha! welches mich erschüttert hatte, als
 ich es zuerst gehört. Ich vernahm auch ihr excentri
sches Gemurmel, noch seltsamer, als ihr Lachen. Es
 gab Tage, wo sie ganz still war. Zuweilen sah ich sie; 
dann kam sie mit einer Schüssel, einem Teller oder 
einem anderen Geschirr in der Hand aus ihrem
 Zimmer, ging in die Küche und kehrte gewöhnlich 
bald darauf -- o romantischer Leser, verzeihe mir,
 wenn ich die einfache Wahrheit sage! -- mit einemKruge Porter zurück. Ihr Erscheinen dämpfte stets 
die Neugierde, die ihr Lachen und ihr seltsames Gemurmel in mir rege machten, denn bei ihren strengen
 und festen Gesichtszügen hatte sie nichts an sich, woran das Interesse haften konnte. Ich machte einige
Versuche, sie in eine Unterhaltung zu verwickeln, aber
 eine einsilbige Antwort schnitt gewöhnlich jedes Be
mühen der Art ab.
Die anderen Mitglieder des Haushaltes, nämlich
 John und seine Frau, das Hausmädchen Lea und Sophie, die französische Vonne, waren anständige, 
jedoch unbedeutende Leute. Mit Sophie sprach ich
 gewöhnlich französisch und fragte sie zuweilen nach
 ihrem Vaterlande; doch schien sie keine Anlage zum
 Erzählen zu haben und gah gewöhnlich nur nichts
sagende und unklare Anntworten, die nicht geeignet 
waren, zum weiteren Fragen zu ermutigen.
October, November und December vergingen.
 An einem Nachmittage im Januar mußte ich Adelens 
Unterrichtsstunden ausfallen lassen, weil sie sich unwohl fühlte. Es war ein schöner ruhiger Tag, obgleich sehr kalt. Den ganzen langen Morgen hatte
 ich im Bibliothekzimmer zugebracht, jetzt war ich
 dessen müde, und da Mistreß Fairfax gerade einenBrief geschrieben hatte, der auf die Post sollte, so
 legte ich Hut und Mantel an und erbot mich, ihn
 nach Hay zu tragen. Die Entfernuung betrug nur
 eine Stunde, und das war ein angenehmer Spaziergang an einem Winternachmittage. Als ich Adele
 bequem in ihrem kleinen Stuhl neben dem Kamin in
 dem Zimmer der Mistreß Fairfax hatte sitzen sehen
 und ihr ihre beste Puuppe zum Spielen und ein Geschichtenbuch zum Lesen gegeben hatte, machte ich
 mich auf den Weg, nachdem ich Adelens: , Kommen 
Sie bald wieder, liebe Mademoiselle Jeannette', mit einem Kusse beantwortet hatte.

Es war drei Ühr; die Kirchenglocke schlug, als
 ich an dem Thurme vorüberging, der Reiz der Stunde
lag in der herannahenden Dunkelheit, in der niedrig
stehenden und blaß strahlenden Sonne. Ich war eineMeile von Thornfield entfernt und befand mich in 
einem Heckenwege, der sich im Sommer durch seine
 wilden Rosen und im Herbste durch seine Nüße und


Brombeeren auszeicnete und sogar korallenfarbige
 Hagebutten und Mehlbeeren aufzuweisen hatte. Weit
 und breit zu jeder Seite waren nur Felder, auf denenjetzt kein Vieh weidete.
Dieser Weg ging bis Hay beständig aufwärts;
 als ich die Mitte erreicht hatte, setzte ich mich aufeinen Stein an einem Zaun nieder, der sich von dort
 quer über ein Feld zog. Ich hüllte mich dichter in 
meinen Mantel und steckte meine Hände tief in meinen 
Muff. So geschützt, fror es mich nicht, obgleich es 
sehr kalt war, was eine dünne Eisdecke auf dem 
Wege bezeugte, den ein kleiner, jetzt zugefrorener Bach nach einem vorübergehenden Thauwetter überflutet hatte. Von meinem Sitze konnte ich auf Thorn
field niederblicken, die graue, mit Zinnen versehene
 Halle war der Hauptgegenstand im Thale unter mir. 
Ich verweilte, bis die Sonne hinter den Bäumen
 unterging und dunkelroth und klar am Horizont verschwand. Dann wollte ich meinen Weg fortsetzen.
Auf der Höhe des Hügels über mir zeigte sich
 der aufgehende Mond, noch bleich wie eine helle 
Wolke, aber jeden Augenblick an Glanz zunehmend; 
er strahlte auf Hay hinab, welches halb unterBäumen versteckt dalag und aus seinen wenigen 
Schornsteinen einen blauen Rauch empor sendete.
Ein lautes Geräusch unterbrach die herrschende
 Stille. Es kam von der Straße her, auf der sich ein Pferd näherte, obgleich die Windungen der Hecke
 es noch verbargen. Ich war gerade im Begriff ge
wesen, weiter zu gehen. Da der Weg jedoch schmal
 war, so blieb ich sitzen, um das Pferd vorüber zu 
lassen. In jenen Tagen erfüllten noch alle Arten
 von heiteren und düsteren Phantasien meinen Geist,
 die Erinnerungen an alte Märchen lagen dort aufgespeichert, und wenn sie mir wieder einfielen, gab
 ihnen mein reiferes Verständnis eine Kraft und Leb
haftigkeit, die ihnen die Kindheit nicht zu verleihen
 vermochte. Als das Pferd sich näherte und ich seine 
Erscheinung in der Dämmerung erwartete, kamen mir

einige von Bessie's Erzählungen in den Sinn, worin 
ein nordenglischer Geist namens Gytrash figurirte,
 der in Gestalt eines Pferdes oder großen Hundes auf 
einsamen Wegen zuweilen späten Wantderern erschien.
Das Pferd war sehr nahe, aber noch nicht zu
sehen, als ich außer den Hufschlägen ein Rauschen
 unter der Hecke vernahm und dicht an den Haselstämmen einen großen Hund dahinschlüpfen sah, dessen
 schwarze und weiße Farbe ihn unter den Bäumen
 deutlich sichtbar machte. Er glich genau Bessie's
 Gytrash -- es war ein löwenartiges Geschöpf mitlangem Haar und ungeheurem Kopfe; er ging in
dessen ganz ruhig an mir vorüber und sah mich nicht 
mit seltsamen, geisterhaften Augen an, wie ich erwartethatte. Das Pferd folgte -- ein großes Roß, welches 
auf seinem Rücken einen Reiter trug. Der Anblick
 eines menschlichen Wesens verbannte sogleich den 
Zauber. Der Gytrash trug nie einen Reiter, er war
 stets allein. Es war also kein Gytrash, sondern ein
 Reisender, der den kürzeren Weg nach Millcote wählte.
 Er ritt vorüber und ich ging weiter. Als ich einige 
Schritte gethan hatte, wurde meine Aufmerksamkeit
 von einem klirrenden Falle in Anspruch genommen.
 Mann und Pferd lagen am Boden, das Thier war
auf der Eisdecke des Weges ausgeglitten. Der Hund
 kam zurückgesprungen und als er seinen Herrn in 
solcher Lage sah und das Pferd stöhnen hörte, bellteer, daß die Hügel den Schall wiederholten. Er umschnüffelte die am Boden liegende Gruppe und kam
 dann zu mir gelaufen. Es war Alles, was er thunkonnte -- keine andere Hilfe war nahe, die er herbeilocken konnte. Ich folgte ihm zu dem Reisenden, der 
sich jetzt von seinem Pferde zu befreien suchte. Seine
 Anstrengungen waren so kräftig, daß ich glaubte, er
 könne nicht sehr verletzt sein; doch fragte ich ihn:
, Haben Sie sich beschädigt, mein Herr?
 Ich glaube, er fluchte, aber ich weiß es nicht
 geniß.
, Kann ich etwas für Sie thun? fragte ich wieder.

, Treten Sie nur auf die Seite, antwortete er, 
indem er sich zuerst auf seine Knie stützte und sich
 dann auf die Füße stellte. Ich gehorchte. Darauf
 begann ein Stampfen und Schlagen, von dem Vollen
 und Heulen des Hundes begleitet, daß ich mich veranlaßt sah, einige Schritte zurückzutreten; aber ich
 wollte mich nicht eher entfernen, als bis ich den
 Erfolg gesehsen hatte. Dieser zeigte sich endlich glücklich, 
das Pferd wurde wieder aufgerichtet und der Hundmit einem: Still, Pilot! zur Ruhe gebracht. Der 
Reiter beugte sich jetzt nieder und befühlte seinen Fuß.
 Offenbar hatte er sich verletzt, denn er hinkte zu dem
 Steine am Zaune, von dem ich eben aufgestanden war, und setzte sich nieder. 
Ich wollte mich nützlich machen und näherte 
mich ihm.
, Wenn Sie sich beschädigt haben und Hilfe be
dürfen, mein Herr, so kann ich entweder von Thorn
field Hall oder von Hay Jemanden herbeiholen.
, Ich danke Ihnen, es wird schon gehen. Ich 
habe mir nur den Fuß verrenkt. 
Er stand wieder auf und versuchte, auf seinen 
Füßen zu stehen, doch preßte ihm der Schmerz ein
 unwillkürliches ,Au' aus.
Es war noch ein Schimmer des Tageslichtes am
 Himmel, und der Mond schien hell. Ich konnte ihn 
also deutlich sehen. Seine Gestalt war in einen Reise
mantel mit einem Pelzkragen gehüllt. Ich bemerkte,
 daß er von mittlerer Größe war und eine beträchtlich 
breite Brust hatte. Er hatte ein dunkles Gesicht,
 strenge Züge und eine hohe Stirn; seine Augen und
 seine zusammen gezogenen Brauen zeigten einen zornigen und finsteren Ausdruck. Er mochte etwa im 
fünfunddreißigsten Jahre sein. Ich empfand keine 
Furcht vor ihm, nur ein wenig scheu war ich. Wäreer ein schöner, heroisch aussehender junger Herr ge
wesen, so würde ich es nicht gewagt haben, stehen zu bleiben und ihm unaufgefordert meine Dienste anbieten. Kaum hatte ich je in meinem Leben einen

schönen Jüngling gesehen oder gar mit einem ge
sprochen. Ich empfand eine theoretisce Achtung und
 Verehrung vor Schönheit, Eleganz und einnehmendem
 Wesen. Wäre mir jedoch ein Mann mit diesen Eigen
schaften entgegengetreten, so würde ich instinctmäßig
 gewußt haben, daß nichts an mir seine Sympathie
 erwecken könne, und ich würde ihm ausgewichen sein.
 Auch wenn dieser Fremde freundlich gegen mich
 gewesen wäre, als ich ihn anredete, wenn er mein
 Anerbieten, ihm Hilfe zu leisten, mit Dank abgelehnt 
hätte, so würde ich meine Frage nicht erneuert haben;
 aber der finstere Blick und das rauhe Wesen des
 Reisenden beruhigten mich. Ich behielt meine Stellung, 
als er mir zu gehen winkte, und sagte:
, Ich kann nicht daran denken, mein Herr, Sie 
in einer so späten Stunde und auf diesem einsamenWege zu verlassen, bis ich sehe, daß Sie im Stande
 sind, Ihr Pferd zu besteigen.
Er sah mich an, als ich dies sagte, denn er 
hatte bisher seine Augen noch nicht auf mich gerichtet.

, Ich dächte, Sie sollten jetzt selber zu Hausesein, wenn Sie in dieser Gegend wohnen, sagte er.

, Woher kommen Sie?
, Von dort unten, und wenn der Mond scheint, 
fürchte ich mich durchaus nicht, noch spät auf der 
Landstraße zu sein. Ich will mit Vergnügen nac
h Hay laufen, wenn Sie es wünschen; ich gehe über
dies dorthin, um einen Brief auf die Post zu bringen.
, Sie wohnen dort unten, sagen Sie? MeinenSie jenes Haus mit den Zinnen?
Und er deutete auf Thornfield Hall, auf welches 
der Mond einen matten Schimmer warf, so daß es 
deutlich gegen den Wald abstach, der im Gegensatze 
zu dem westlichen Himmel als eine einzige Schattenmasse erschien.
, Ja, Herr.

, Wessen Haus ist es?
, Des Herrn Rochester.

, Kennen Sie Herrn Rochester?

, Nein, ich habe ihn nie gesehen.

, Wohnt er nicht dort?

, Nein.

, Können Sie mir sagen, wo er sich aufhält?

, Ich weiß es nicht.

, Sie sind natürlich keine Dienerin in dem Herrenhause? Sie sind --
Er hielt inne und überschaute meine Kleidung,
 die, wie gewöhnlich, sehr einfach war und in einem 
Merinomantel und einem schwarzen Hute bestand.
 Beides war lange nicht fein genug für die Kammer
jungfer einer vornehmen Dame. Er schien nicht errathen zu können, was ich sei. Ich kam ihm zu Hilfe.

, Ich bin die Erzieherin.

, Ah! die Erzieherin! wiederholte er, zum 
Henker, das hatte ich vergessen! Die Erzieherin!
Wieder betrachtete er meine Kleidung. Nach zwei
 Minuten stand er auf und sein Gesicht drückte Schmerz aus, als ob er sich von der Stelle zu bewegen suchte.
, Ich kann Sie nicht nach Hilfe ausschicken, sagte er, ,doch Sie können mir selbst Beistand leisten, wenn Sie so gut sein wollen.
, Ja, Herr.

, Versuchen Sie den Zügel meines Pferdes zufassen und es zu mir zu führen. Fürchten Sie sich?
Wäre ich allein gewesen, so würde ich mich ge
fürchtet haben, ein Pferd zu berühren; da er es mir 
aber sagte, so gehorchte ich, näherte mich dem großen
 Pferde und versuchte, den Zügel zu erhaschen, doch 
das muthige Thier wollte mich nicht seinem Kopfe 
nahe kommen lassen. Ich versuchte es wiederholt,
 aber vergebens, und inzwischen empfand ich eine tödtliche Furcht vor seinen stampfenden Vorderfüßen. Der
 Reisende beobachte mich eine Zeitlang; endlich lachte er und sagte:
, Ich sehe wohl, der Berg wird nie zum Ma
homed gebracht werden. Alles, was Sie thun können,
 ist, Mahomed zu helfen, zum Berge zu gehen. Ichmuß Sie bitten, hierher zu kommen.

Ich ging zu ihm.

, Entschuldigen Sie, fuhr er fort, aber die Nothwendigkeit zwingt mich, Ihren Beistand zu benutzen.'
Er legte eine schwere Hand auf meine Schulter,
 stützte sich mit einiger Anstrengung auf mich und hinkte
 zu seinem Pferde hin.
Als er erst den Zügel gefaßt hatte, bemächtigte 
er sich sogleich des Thieres selbst und schwang sich in 
den Sattel. Während dieser Anstrengung, wobei er
 seinen verrenkten Fuß nicht schonen konnte, verzog er
 schmerzlich das Gesicht und biß sich auf die Lippe.

, Nun, sagte er, reichen Sie mir meine Peitsche, 
sie liegt dort unter der Hecke.
Ich suchte und fand sie.

, Ich danke Ihnen, sagte er.

Bei der Berührung mit seinen bespornten Fersen 
erbebte das Pferd und bäumte sich, dann aber galop
pirte es weiter, der Hund folgte, und alle Drei verschwanden:
, Wie Haidekraut auf wilder Höhe

Vom Wirbelwind davongeführt.
Ich nahm meinen Muff auf und ging weiter. 
Das Ereignis war für mich vorüber; freilich war es
 nichts Wichtiges, nichts Romantisches, doch war es 
eine augenblickliche Abwechslung, in einem einförmigen 
Leben. Es hatte Jemand meiner Hilfe bedurft, sie 
in Anspruch genommen und ich hatte sie gewährt.
 Es war mir lieb, etwas gethan zu haben, so unbedeutend es auch sein mochte, so war es doch eine
 That gewesen, und ich hatte das ganz passive Dasein
 satt. Das neue Gesicht glich einem neuen Bilde, das 
in die Gallerie des Gedächtnisses eingeführt wird, und
 es war allen anderen ungleich, die dort hingen, er
stens, weil es männlich, und zweitens, weil es finster,
 kräftig und strenge war. Es stand mir noch vor 
Augen, als ich Hay erreichte und den Brief auf der
 Post abgab; ich sah es noch immer, während ich auf

dem Heimwege rasch den Hügel hinunterging. Als 
ich zu dem Zaune kam, blieb ich eine Minute stehen,
 sah mich um und horchte, denn mir war, als müsse
 ich wieder die Hufschläge eines Pferdes auf dem
 Wege hören und einen Reiter im Mantel und einen 
Huid gleich dem Gytrash erblicken. Ich sah aber
 nur die Hecke und eine Pappelweide vor mir, die sich
 still und gerade im Mondlicht erhob. Ich hörte nur 
den leisen Wind, der sich unter den Bäumen regte;
 und als mein Auge nach der Richtung von Thorn
field, das etwa noch eine halbe Stunde entfernt lag,
 hinunterblickte, und die Front der Halle überschaute, 
bemerkte ich ein Licht in einem Fenster. Dies erinnerte mich, daß es bereits spät sei, und ich eilte weiter.
Ich trat nicht gern wieder in Thornfield Hall 
ein. Diese Schwelle überschreiten, hieß, in mein einförmiges Leben zurückkehren, mein einsames kleines 
Zimmer aufsuchen, dann der ewig sich gleich bleiben
den Mistreß Fairfax begegnen und den langen Winterabennd mit ihr allein zubringen. Das bedeutete, die
 sanfte Aufregung dämpfen, die durch meinen Spaziergang erweckt worden war, meinen Kräften und Fähigkeiten die unerfreulichen Fesseln eines gleichförmigen, 
stillen Daseins wieder anlegen, eines Daseins, dessen
 Vorzüge ich schon nicht mehr zu schätzen wußte. Wie
 wohlthätig, wäre es zu der Zeit für mich gewesen, 
im Kampfe mit den Stürmen eines ungewissen Lebens 
umhergeschleudert zu werden und durch rauhe undbittere Erfahrung die Ruhe schätzen zu lernen, in
 welcher ich mich jetzt langweilte!
Ich zögerte am Thor und auf dem Rasenplatze; 
ich ging auf dem gepflasterten Wege vor dem Hauseauf und ab. Die Laden der Glasthür waren geschlossen, ich konnte nicht in das Innere sehen, und
 sowohl meine Augen als mein Geist schienen sich vondem düsteren Hause abzuwenden und sich zu dem 
über mir ausgespannten Himmel empor gezogen zu 
fühlen, der sich wie ein blaues, bewegungsloses Meer
 ausbreitete. Der höher steigende Mond ließ die Spitzen

jener Hügel unter sich, hinter denen er hervorgekommnen
 war; er strebte dem tiefdunkeln, unermeßlich fernen Zenith entgegen, und ihm folgten die zitternden
 Sterne, denen ich mit bebendem Herzen, mit fiebern
den Pulsen nachblickte. Gar kleine und geringe Atlässe senken unsere Gedanken wieder auf diese Erde
zurück; in der Halle schlug die Uhr. Das genügte.
 Ich wandte meine Augen von Mond und Sternen 
ab, öffnete eine Seitenthür und trat ins Haus.
Die Vorhalle war jetzt nicht bloß von der ein
zigen hochhängenden Lampe erleuchtet, sondern ein
 heller Schein ergoß sich über dieselbe und die unteren
 Stufen der eichenen Treppe. Dieser röthliche Schimmer
 drang aus dem großen Speisezimmer hervor, dessenFlügelthüren offen standen und ein liebliches Feuer in
dem marmornen Kamine, purpurfarbige Draperien 
und polirte Möbel in einladendem Glanze zeigten. Ich be
merkte auch mnehrere Personen in der Nähse des Kamnins 
und vernahm ein heiteres Gemisch von Stimmen, unterdenen ich diejenige Adelens zu unterscheiden glaubte.
 Aber in demselben Augenblicke schloß sich die Thür.

Ich eilte in das Zimmer der Mistreß Fairfax, auch dort fand ich ein Feuer, aber kein Licht und 
keine Mistreß Fairfax. Dagegen sah ich einen großen, 
schwarz und weißgefärbten langhaarigen Hund, gleich 
dem Gytrash im Heckengange, aufrecht auf der Matte 
dasitzen und ernsthaft in die Glut blicken. Er war
 jenem so ähnlich, daß ich ihn , Pilot' anredete.
Er kam auf mich zu und beschnüffelte mich, undals ich ihn liebkoste, wedelte er mit seinem großen
 Schweife; doch fürchtete ich mich fast, mit ihm allein
 zu sein, und ich wußte nicht einmal, woher er ge
kommen. Ich klingelte, denn ich wünschte Licht und
 Auskunft über diesen seltsamen Gast. Lea trat ein.
, Was ist dies für ein Hund?

, Er kam mit dem Herrn.
, Mit wem?
, Mit dem Herrn -- Herr Rochester ist eben an
gekommen.

,Ei! und ist Mistreß Fairfax bei ih
m?
, Ja, und Miß Adele auch; sie sind in dem
 Speisezimmer, und John ist gegangen, um einen
 Wundarzt zu holen, denn der Herr ist mit dem Pferdegestürzt und hat sich den Fuß verrenkt.
, Stürzte das Pferd auf dem Wege nach Hay?

, Ja, als es den Hügel herunterkam, glitt es aufdem Eise aus.
, Ah! bringe ein Licht, Lea, willst du.

Lea brachte ein Licht. Mistreß Fairfax folgte ihr. 
Sie bestätigte die Mittheilung Lea's und fügte hinzu,
 der Wundarzt Carter sei eben da und befinde sich bei
 Herrn Rocester. Dann eilte sie hinaus, um Befehle 
zur Bereitung des Thees zu geben, und ich ging die
 Treppe hinauf, um Mantel und Hut abzulegen.

Dreizehntes Capitel.

Auf Anordnung des Arztes ging Herr Rochester
 an jenem Abend früh zu Bette und stand am folgenden Morgen erst spät auf. Als er herunterkam, ge
schah es, um einige Geschäfte zu besorgen, denn
 sein Verwalter und einige von seinen Pächtern 
waren gekommen und warteten, um mit ihm zu 
reden.

Adele und ich mußten jetzt das Bibliothekzimmer 
räumen, denn es wurde täglich zum Empfange von 
Leuten gebraucht, die in Geschäften mit Herrn Ro
chester zu verhandeln hatten. Ein Zimmer im ersten
 Stock wurde geheizt, und dies richtete ich zu unserem
 künftigen Schulzimmer ein. Im Laufe des Morgens 
schien Thornfield Hall sich völlig umgewandelt zu
 baben. Es war da nicht mehr still wie in einer 
Kirche, sondern es wurde fast stündlich an die Thür
 geklopft oder die Glocke angezogen; Fußtritte ertönten 
in der Vorhalle und fremde Stimmen sprachen unten. 
Unser Haus hatte einen Herrn, und mir wenigstens
 gefiel es so besser.

Adele war an dem Tage nicht zum Lernen ge
neigt, sie lief beständig zur Thür hinaus und schaute 
über das Treppengeländer, ob sie Herrn Rochester
 nicht erblicken könne; dann erfand sie einen Vorwand,
 die Treppe hinunterzugehen, um, wie ich vermuthete,
 die Bibliothek zu besuchen. Als ich dann ein wenig
 ärgerlich wurde und sie zum Sitzen bracht, sprach sie
 beständig von ihrem Freunde Monsieur Eduard Fairfax
 de Rochester, wie sie ihn nannte, und erschöpfte sich 
in Muthmaßungen, welche Geschenke er ihr wohl mitgebracht haben möge; denn er hatte am Abend vorher gesagt, wenn sein Gepäck von Millcote ankomme,
 werde sich eine kleine Schachtel darunter finden, deren 
Inhalt ihr interessant sein dürfte.
, Das soll so viel heißen, sagte sie, daß ein 
Geschenk für mich darin ist, und vielleicht auch für
 Sie, Mademoiselle. Monsieur hat mich nach dem 
Namen meiner Gouvernante gefragt, und ob sie 
nicht eine kleine, zierliche und etwas blasse Person 
sei. Ich habe ,ja' gesagt, denn es ist so, nicht wahr, 
Mademoiselle?
Ich und meine Schülerin speisten, wie gewöhn
lich, in dem Zimmer der Mistreß Fairfax zu Mittag,
 am Nachmittag ging ein Schneegestöber nieder, und 
wir verbrachtn die Zeit im Schulzimmer. Als esdunkel wurde, erlaubte ich Adelen, die Treppe hinunterzugehen; denn da es unten verhältnismäßig still ge
worden war und nicht mehr an der Thür geklingelt 
wurde, so schloß ich daraus, daß Herr Rochester jetzt
 frei sei. Als ich allein war, ging ich zum Fenster.
 Doch war da nichts zu sehen, die Dämmerung und
 die Schneeflocken verhüllten Alles, so daß ich nicht 
einmal die Gesträuche und den Rasenplatz erkennen 
konnte. Ich ließ den Vorhang nieder und kehrte zu
 dem Kamin zurück.
Aus den hellen Kohlen stieg vor meinem Geiste 
ein Landschaftsbild empor, nicht unähnlich einem Ge
mälde, welches ich einst von dem Schlosse zu Heidelberg gesehen. Mistreß Fairfax zerstörte durch ihren

Eintritt die feurige Mosaikarbeit, durch welche ich 
einige schwere und unwillkommene Gedanken verscheuchen wollte, die sich mir in meiner Einsamkeit
 aufdrängten.

, Es würde Herrn Rocester lieb sein, wenn Sieund Ihre Schülerin diesen Abend mit ihm im Gesellschaftszimmer Thee trinken wollten, sagte Mistreß
 Fairfax. ,Er ist den ganzen Tag über so sehr beschäftigt gewesen, daß er Sie noch nicht früher hat
 zu sich rufen können.

, Wann ist seine Theezeit? fragte ich.

, Um sechs Uhr. Kleiden Sie sich um; ich will 
Ihnen helfen. Hier ist ein Licht.
, Ist es nöthig, meine Kleidung zu wechseln?
, 
Ja, es ist besser. Kleiden Sie sich zum Abend
stets um, so lange Herr Rochester hier ist.
Dies schien mir etwas ceremoniös; indessen begabich mich in mein Zimmer und vertauschte mein schwarzes wollenes Kleid mit einem von schwarzer
 Seide; dies war mein bestes Kleid mit Ausnahme
 eines hellblauen, welches ich für zu schön hielt, um 
es anders als bei besonders feierlichen Gelegenheiten 
zu tragen.

, Es fehlt noch eine Brosche, sagte Mistreß
 Fairfax. Ich besaß eine solche, die mit einer einzigen 
Perle verziert war. Miß Temple hatte sie mir beimAbschiede zum Andenken gegeben. Nachdem ich die
 Brosche angesteckt hatte, gingen wir die Treppe 
hinunter. Da ich nicht an Fremde gewöhnt war, sofühlte ich mich ziemlich unbehaglich, unter solchen
 Förmlichkeiten vor Herrn Rochester zu erscheinen. Ich 
ließ Mistreß Fairfax vorangehen und hielt mich in 
ihrem Schatten, als wir in das elegante Gemach 
traten.
Zwei Wachslichter brannten auf den Tischen 
und zwei auf dem Kamingesims. Pilot lag im
 flackernden Scheine eines wärmenden Feuers, Adele
 kniete neben ihm. Herr Rochester befand sich in halb
liegender Stellung auf einem Sopha, und sein Fuß

ruhte auf einem Kissen. Das Feuer schien ihm voll
 ins Gesicht. Ich erkannte meinen Reisenden mit seinen
 dichten, schwarzen Augenbrauen und seiner hohen
 Stirn, welche im Contrast zu dem schwarzen Haare 
weißer erschien als sie war. Ich erkannte seine scharf
 geschnittene Nase, die mehr charakteristisch als schön
 war, seine weiten Nasenlöcher, die auf ein zum Zorn
 geneigtes Temperament andeuteten, wie ich meinte;
 seinen grimmigen Mund, Kinn und Unterkiefer -- ja,
 in diesen lag ein sehr grimmiger Ausdruck, das konnte
 man nicht verkennen. Da er jetzt ohne Mantel war, 
so bemerkte ich, daß seine Gestalt ebenso eckig war, 
wie sein Gesicht. Man hätte sie vielleicht vom athletischen Standpunkt aus schön nennen können.

Herr Rochester mußte unseren Eintritt bemerkt 
haben; doch schien er nicht in der Stimmung, uns zu 
beachten, denn er erhob seinen Kopf nicht, als wiruns näherten.

, Hier ist Miß Eyre, Herr, sagte Mistreß Fairfaxin ihrer ruhigen Weise. Er nickte, ohne jedoch die Augen von der Gruppe des Hundes und des Kindes
 abzuwenden.
, Lassen Sie Miß Eyre sich niedersetzen, sagteer, und es lag etwas in der gezwungenen und steifen 
Verbeugung, in dem ungeduldigen und doch förmlichen Tone, was noch weiter zu sagen schien: , Was 
zum Henker liegt mir daran, ob Miß Eyre da ist 
oder nicht? In diesem Augenblick bin ich nicht gestimmt, sie anzureden.
Ich setzte mich ganz unbefangen nieder. Ein besonders höflicher Empfang würde mich wahrscheinlichverlegen gemacht haben, ich hätte ihn nicht mit An
muth und Eleganz erwidern können; aber die rauhe Laune legte mir keine weitere Verpflichtung auf, als
 mit Anstand zu schweigen, was mich eher in Vortheil
 als in Nachtheil setzte. Ueberdies war Herrn Rochesters Benehmen ebenso interessant als seltsam, und ich warbegierig, welchen weiteren Verlauf die Sache nehmen
werde.

Er sprach und regte sich nicht. Mistreß Fairfax
 schien es für nöthig zu halten, ihn in bessere Stimmung
 zu bringen. Freundlich, wie gewöhnlich -- und auch 
trivial, wie gewöhnlich -- sprach sie ihr Bedauern 
aus, daß ihm der Tag so viel Geschäfte auferlegt 
habe, deren Last ihn in seinem gegenwärtigen leiden
den Zustande doppelt drücken müsse. Dann rühmte sie
 seine Geduld und Beharrlichkeit, womit er diese Beschwerden ertrage.
, Madame, ich möchte etwas Thee, war dieeinzige Antwort, die sie erhielt. Sie eilte zu klingeln
 und als das Geschirr hereinkam, ordnete sie die Tassen 
mit geschäftiger Schnelligkeit. Ich begab mich mit Adelen
an den Theetisch, aber der Herr verließ sein Sopha nicht.
, Wollen Sie Herrn Rochester die Tasse bringen? 
sagte Mistreß Fairfax zu mir, Adele möchte sie verschütten.

Ich that, wozu ich aufgefordert wurde. Als ermir die Tasse abnahm, hielt Adele den Augenblick
 für günstig, für mich eine Bitte zu wagen, und rief:
, Nicht wahr, mein Freund, es ist auch ein Ge
schenk für Mademoiselle Eyre in Ihrem Koffer?

, Wer spricht von Geschenken? sagte er mürrisch. 
, Erwarteten Sie ein Geschenk, Miß Eyre? Lieben Sie Geschenke?
Und er prüfte mein Gesicht mit Angen, die 
dunkel, zornig und durchdringend waren.
, Ich weiß es selbst kaum, mein Herr; ich habe
 wenig Erfahrung darin; aber gewöhnlich hält manGeschenke für angenehm.
, Gewöhnlich! wofür aber halten Sie dieselben?
, Es würde mir lieb sein, mein Herr, wenn ich
 Zeit hätte, um Ihnen eine passende Antwort zu
geben. Ein Geschenk läßt sich aus sehr vielen Gesichts
punkten betrachten, nicht wahr? Und man sollte vor
her Alles bedenken, ehe man eine Ansicht darüber
 ausspricht.
, Miß Eyre, Sie sind nicht so unbefangen wie
 Adele; in dem Augenblick, wo sie mich sieht, verlangt

sie laut ein Geschenk; aber Sie schlagen auf denBusch.
, Weil ich weniger Vertrauen zu meinen Ver
diensten hege, als Adele; sie kann den Anspruch auf
 alte Bekanntschaft und Gewohnheit geltend machen,
 denn sie sagt, Sie haben ihr stets Spielsachen gebracht,
aber wenn ich einen Anspruch erheben sollte, würde
 es mir schwer fallen, ihn zu begründen, da ich eine 
Fremde bin und nichts gethan habe, was mich zu 
der Erwartung eines Geschenkes berechtigen könnte.
, O! fallen Sie nicht in übergroße Bescheidenheit 
zurück! Ich habe Adele examinirt und finde, daß Sie
 sich viele Mühe mit ihr gegeben haben, sie besizt keine
 besonderen Fähigkeiten, keine Talente, und doch hat 
sie in kurzer Zeit viel gelernt.
, Mein Herr, Sie haben mir jetzt mein Geschenk 
gegeben, und ich bin Ihnen verbunden. Das Lob der
 Fortschritte ihrer Zöglinge ist das, wonach die Lehrer 
am meisten streben.
, Hm! sagte Herr Rochester und trank schweigendseinen Thee.
Als das Theegeschirr weggenommen war und 
Mistreß Fairfax in einer Ecke Plaz genommen hatte, um zu stricken, forderte mich der Herr auf, mich in 
die Nähe des Feuers zu setzen. Ich gehorchte pflicht
gemäß. Adele wollte auf meinen Schoß, doch erhielt
 sie Befehl, sich mit Pilot zu beschäftigen.

, Sie sind drei Monate in meinem Hause?

, Ja, mein Herr.
, Und kommen von?

, Aus der Schule zu Lowood in der Grafschaft E.
, Ah! eine milde Stiftung. -- Wie lange waren Siedort?

, Acht Jahre.

, Acht Jahre! Da müssen Sie ein zähes Lebenhaben. Ich hätte gedacht, die Hälfte dieser Zeit müßte 
dort auch die beste Constitution zu Grunde richten! 
Kein Wunder auch, daß Sie aussehen, als kämen
 Sie aus der anderen Welt. Es wunderte mich schon,

wo Sie diese Art von Gesicht her hätten. Als ich Sie 
gestern Abend auf dem Heckenwege sah, dachte ichunwillkürlich an Feenmärchen und war bald Willens 
zu fragen, ob Sie mein Pferd behext hätten, auch ist 
mir die Sache jetzt noch nicht klar. Wer sind Ihre Eltern?
, Ich habe keine.

, Auch nie welche gehabt, vermuthlich. ErinnernSie sich Ihrer?
, Nein.

, Ich dachte es mir. Nun, wenn Sie auch keine 
Eltern haben, so werden Sie doch irgend eine Art
 von Verwandten, Oheime oder Tanten, haben?
, Nein, keine, die ich je gesehen.

, Und Ihre Heimat?

, Ich habe keine.
, Wo wohnen Ihre Brüder und Schwestern?

, Ich habe keine Brüder oder Schwestern.

, Wer empfahl Sie hierher?

, Ich machte eine Anzeige in der Zeituung, und
 Mistreß Fairfax antwortete darauf.
, Ja, sagte die gute Dame, ,und ich bin täglich 
dankbar für die Wahl, zu der die Vorsehung mich 
führte. Miß Eyre ist eine unschätzbare Gesellschafterin
 für mich und eine freundliche und sorgsame Lehrerin
 für Adele.

, Bemühen Sie sich nicht, Ihr Urtheil über sie
 auszusprechen, Lobsprüche werden mich nicht zu einer 
Ansicht bestimmen, ich werde mir diese selbst bilden. 
Sie hat damit angefangen, mein Pferd zu Boden zu
 strecken.

,Mein Herr! wandte Mistreß Fairfax ein.

, Ich habe ihr die Fußverrenkung zu danken.

Die Witwe sah ganz verwirrt aus.

, Miß Ere, haben Sie je in einer Stadt gelebt?

, Nein, Herr.
, Haben Sie viel Gesellschaft um sich gesehen?

, Keine, als die Zöglinge und Lehrerinnen zu
 Lowood, und jetzt die Hausgenossen in Thornfield.

, Haben Sie viel gelesen?

, Nur solche Bücher, die mir in die Hand kamen,
 und sie waren weder zahlreich, noch sehr gelehrt.
, Sie haben das Leben einer Nonne geführt.
 Ohne Zweifel sind sie in allen religiösen Formen be
wandert -- Brocklehurst, der, wie ich höre, die Schule
 zu Lowood dirigiert, ist ein Geistlicher, nicht wahr?
, Ja, Herr.

, Und Ihr Mädchen verehrtet ihn, wie ein
 Kloster voll Nonnen den Beichtvater verehrt?
, O nein.

, Sie sagen das sehr kalt! Nein! Wie? eineNovize verehrt ihren Priester nicht? Das klingt gottes
lästerlich.
, Mir mißfiel Herr Brocklehurst, und ich hegte 
dieses Gefühl nicht allein. Er ist ein rauher Mann; 
obgleich er sich großartig gibt, mischt er sich doch in alle Kleinigkeiten. Er ließ uns das Haar abschneidenund kaufte uns aus Sparsamkeit schlechte Nadeln und Zwirn, womit wir kaum nähen konnten.
, Und war das die ganze Summe seiner Vergehungen? fragte Herr Rochester.

, Er ließ uns hungern, als er noch die alleinige
 Oberaufsicht über die Anstalt hatte, ehe das Comite 
eingesetzt wurde, und langweilte uns einmal in der 
Woche mit stundenlangen Strafpredigten und Abendvorlesungen aus Büchern, die er selbst herausggegeben, und in denen nur von plötzlichen Unglücks- und
 Todesfällen als Strafe des Himmels die Rede war, 
so daß wir uns fürchteten, zu Bette zu gehen.
, In welchem Alter standen Sie, als Sie nachLowood kamen?
, Im zehnten Jahre.

, Und Sie blieben acht Jahre dort; so sind Sie
 also jetzt actzehn?
Ich bejahte es.

, Die Rechenkunst ist nützlich, wie sie sehen; ohneihre Hilfe wäre ich kaum im Stande gewesen, Ihr Alter zu errathen. Wo das Gesicht und der Ausdruck

so abweichend erscheinen, wie bei Ihnen, läßt sich 
das Alter schwer bestimmen. Und nun, was lernten
 Sie in Lowood? Spielen Sie Klavier?
, Ein wenig.

, Natürlich, das ist die hergebrachte Antwort.
 Gehen Sie in das Bibliothekzimmer -- ich meine, 
wenn es Ihnen gefällig ist. -- Entschuldigen Siemeinen befehlenden Ton; ich bin gewohnt zu sagen:
 Thue dies, und es wird gethan. Ich kann wegen
 einer neuen Hausgenossin meine Gewohnheiten nicht ändern. -- Gehen Sie also in das Bibliothekzimmer,
 nehmen Sie ein Licht mit, lassen Sie die Thür offen,
 setzen Sie sich an das Klavier und spielen Sie ein
 Stück.
Ich ging und gehorchte seiner Anweisung.

, Genug! rief er nach wenigen Minuten.
,Ich 
höre, Sie spielen ein wenig, gleich jedem anderen
 englischen Schulmädchen; vielleicht besser als manche,
aber nicht gut.
Ich machte das Klavier zu und kehrte zurück.
 Herr Rochester fuhr fort:
, Adele zeigte mir diesen Morgen einige Zeich
nungen, die, wie sie sagte, Ihnen gehören. Ich weißnicht, ob sie ganz von Ihnen sind, oder ob ein Lehrer
 Ihnen dabei geholfen hat.

, Geholfen? O nein! entgegnete ich.

, Ah! das verwundet den Stolz. Nun, so holenSie mir Ihre Zeichenmappe, wenn Sie dafür einstehen
 können, daß sie nur Originale enthält; aber geben 
Sie Ihr Wort nicht, wenn Sie dessen nicht gewiß
 sind, ich verstehe Flickwerk zu unterscheiden.
, Sie sollen selbst urtheilen, mein Herr.
Ich holte die Mappe aus der Bibliothek.

, Ziehen Sie den Tisch heran, sagte er, und ichrollte ihn vor sein Sopha. Adele und Mistreß Fairfax kamen auch heran, um die Bilder zu sehen.

, Kein Gedränge, sagte Herr Rochester ,Sie
 können die Zeichnungen aus meiner Hand erhalten,
 wenn ich sie angesehen habe.

Er betrachtete jede Zeichnung und Malerei bedächtig. Drei hatte er auf die Seite gelegt und als er
 die anderen ebenfalls angesehen, warf er sie von sich.
, Nehmen Sie die Mappe an den anderen Tisch,
 Mistreß Fairfax, sagte er, und betrachten Sie den 
Inhalt mit Adele. -- ,Sie, fuhr er, mich anblickend, fort, nehmen Ihren Sitz wieder ein undbeantworten meine Fragen. Ich bemerke, daß diese 
Bilder von ein und derselben Hand herrühren. War
 es Ihre Hand?
, Ja.

, Und wann fanden Sie Zeit dazu? Die Bilder 
müssen Ihnen viel Zeit und einiges Nachdenken gekostet haben.

, Ich zeicnete und malte sie während der beiden
 letzten Ferien, die ich in Lowood zubrachte, als ich keine andere Beschäftigung hatte.
, Wonach zeichneten Sie Ihre Copien?

, Aus dem Kopfe.

, Aus diesem Kopfe, den ich jetzt auf Ihren
 Schultern sehe?

, Ja, Herr.
, Enthält er noch anderen Stoff von derselben Art?

, Ich sollte es denken, und hoffe, noch besseren.
Er breitete die gewählten Bilder vor sich ausund betrachtete sie abwechselnd noch einmal.
Die Bilder waren in Wasserfarben gemalt. Das erste
 stellte düstere, blaugraue, niedrig hängende Wolken über
einer wildbewegten See dar. Die ganze Ferne lag in 
Finsternis und ebenso der Vordergrund, oder vielmehr die vorderen Wellen, denn es war gar kein Land aufdem Bilde. Ein einziger Lichtschimmer fiel auf einen 
halb aus dem Wasser ragenden Mastbaum, auf dem
 ein großer schwarzer Seerabe saß, dessen Flügel mit
 Schaum bespritzt waren; in seinem Schnabel hielt erein goldenes, mit Edelsteinen besetztes Armband
, welches ich mit so glänzenden Farben gemalt hatte,
 als meine Palette sie hergab. Unter dem Vogel und dem Mast schimmerte durch das grüne Wasser die Leiche

einer Ertrunkenen; ein weißer Arm war das einzige 
deutlich sichtbare Glied, von welchem das Armband 
abgespült oder abgerissen worden war.
Das zwweite Bild enthielt als Vordergrund nur 
die düstere Spitze eines Hügels mit Gras und einigen
 Blättern, die sich unter dem Winde bogen. Jenseits 
und oben breitete sich die Wölbung des Himmels
 aus, dunkelblau wie beim Zwielicht. Am Himmel 
erhob sich die Büste einer weiblichen Gestalt, die ich
 mit so matten und luftigen Farben gemalt hatte, als 
ich sie zu mischen vermochte. Die klare Stirn krönte 
ein Stern; die Züge des Gesichtes zeigten sich nur
 wie durch einen Nebel; die Augen erschienen dunkel 
und wild; das Haar siel schattenartig herab, gleich 
einer Wolke, vom Sturm zerrissen. Auf dem Halse
 ruhte ein blasser Widerschein, wie vom Mondlicht;
 derselbe matte Schimmer berührte die dünnen Wolkenstreifen, aus welchen sich diese Personificirung des
 Abendsternes erhob.
Das dritte Bild zeigte die Kuppe eines Eisberges, der in den winterlichen Himmel des Nordpols hineinragte, ein Nordlicht streckte seine undeutlichen, aber dicht gedrängten Tanzen am Horizont
 empor. Dieses Alles in die Ferne zurückdrängend,
 erhob sich im Vordergrunde ein Haupt -- ein colossales
 Haupt, welches sich zu dem Eisberge neigte und an 
demselben ruhte. Zwei dünne Hände, zogen einen 
schwarzen Schleier vor die unteren Züge des Gesichts
 von dem nur eine völlig blutlose Stirn, so weiß wie 
Elfenbein, und ein hohles und starres Auge, in dessen 
gläsernem Ausdruck sich Verzweiflung zu erkennen gab,
 sichtbar waren. Neber den Schläfen unter schwarzen 
Turbanfalten, so unbestimmt und undeutlich in ihrem
 Charakter, wie eine Wolke, schimmerte ein Ring von 
weißen Flammen, auf dem hier und da Funken von
 intensiverem Glanze leuchteten. Dieser blasse Halbmond war das Ebenbild einer Königskrone.
,Waren Sie glücklichh, als Sie diese Bildermalten? fragte Herr Rochester.

,Ja, mein Herr, ich war glücklich, denn beim
 Malen der Bilder, die meine Gedanken vollständig
 beschäftigten, empfand ich ein so lebhaftes Vergnügen, 
wie nur je in meinem Leben.
,Das will nicht viel bedeuten. Ihrer Freuden
 waren nach Ihrem eigenen Berichte sehr wenige; 
doch ich möchte behaupten, Sie waren in dem Lande 
künstlerischer Träume, während Sie diese seltsamen
 Farben mischten und ordneten. Saßen Sie jeden Tag 
lange dabei?
,Ich hatte sonst nichts zu thun, weil wir Ferien
 hatten, und saß vom Morgen bis Mittag und vomMittag bis Abend dabei. Die langen Sommertage 
begünstigten meine Arbeit.
,Und Sie waren zufrieden damit?

,Weit entfernt. Der Contrast zwischen meinerIdee und dem Werke meiner Hand quälte mich, in
 jedem dieser Fälle hatte ich mir eine Aufgabe gestellt,
 welche zu lösen ich nicht im Stande war.
, Es ist Ihnen doch nicht ganz mißlungen. -- 
Sie haben einen Schatten Ihres Gedankens festgehalten; aber wahrscheinlich weiter nichts. Sie besaßen nicht genug von der Geschicklichkeit und Wissenschaft des Künstlers, um Ihren Gedanken vollständig 
zu verwirklichen. Doch die Zeichnungen sind für ein
 Schulmädchen originell; der Gegenstand ist geisterhaft.
 Diese Augen in dem Abendsterne müssen Sie in einem Traume gesehen haben. Wie konnten Sie es zustande
 bringen, daß sie klar und doch durchaus nicht glänzend 
aussahen? Denn der Planet droben dämpft ihre
 Strahlen. Und welche Bedeutung liegt in ihrer feierlichen Tiefe! Und wer lehrte Sie, den Wind zumalen? Es weht ein heftiger Sturm über jene Hügel
 dahin. Wo sahen Sie Latmos? Denn das ist
Latmos. Nun -- legen Sie die Zeichnungen weg!
Kaum hatte ich die Mappe zugebunden, als ernach der Uhr sah und plötzlich sagte:

,Es ist neun Uhr. Was denken Sie, Miß Eyre,
 daß Sie Adele so lange aufbleiben lassen? Bringen Sie
 dieselbe zu Bette.
Adele kam, ihn zu küssen, ehe sie das Zimmerverließ. Er duldete ihre Liebkosung, doch schien er 
sich kaum mehr daran zu erfreuen, als Pilot würde
 gethan haben, oder nicht einmal so sehr.
,Ich wünsche Ihnen Allen jetzt eine gute Nacht, 
sagte er, eine Bewegung mit der Hand nach der Thürmachend, zum Zeichen, daß er unserer Gesellschaftmüde sei und uns zu entlassen wünsche. Mistreß 
Fairfax legte ihr Strickzeug zusammen, ich nahm meineMappe, wir verneigten uns geggen ihn, was er mit
 einem gemessenen Kopfnicken erwiderte, und so ent
fernten wir uns.
,Sie sagten, Herr Rochester hätte nichts be
sonders Eigenthümliches an sich, bemerkte ich zu
 Mistreß Fairfax, nachdem ich Adele zu Bette ge
bracht hatte und wieder in ihr Zimmer zurückgekehrt war.
,Nun, ist es denn der Fall
?
,Ich glaube wohl, er ist sehr veränderlich und 
launenhaft.
,Ohne Zweifel muß er einer Fremden so er
scheinen; doch ich habe mich so an sein Wesen gewöhnt, daß ich mir keine Gedanken darüber mache; 
und wenn er ein eigenthümliches Temperament hat, 
so muuß man ihm etwas zu Gute halten.
,Warum?

,Weil es in seiner Natur liegt, und Niemand
 seine Natur ändern kann. Auch wird er ohne Zweifel
 von schmerzlichen Gedanken gequält, die ihn launen
haft machen.

,Welche Gedanken denn?

,Vor allen Dingen Familiensorgen.
,Aber er hat ja keine Familie.
,Jetzt nicht mehr; aber er hatte sie doch -- oder
 wenigstens Verwandte. Er verlor erst vor wenigen 
Jahren seinen älteren Bruder.

,Seinen älteren Bruder?

,Ja. Der gegenwärtige Herr Rochester ist nochnicht lange im Besitz des Vermögens, erst etwa seitneun Jahren.
,Neun Jahre ist schon eine ziemliche Zeit. Liebte 
er denn seinen Bruder so sehr, daß er wegen seines
 Verlustes noch immer untröstlich ist?
,Nun -- vielleicht nicht. Ich glaube, es gab 
einige Mißverständnisse zwischen beiden. Herr Roland
 Rochester war nicht wie Herr Eduard und wußte
 vielleicht seinen Vater gegen ihn einzunehmen. Der 
alte Herr liebte das Geld und wollte die Familien
besitzung zusammenhalten. Er wollte das Vermögen 
nicht durch Theilung zersplittern. Gleichwohl wünschte 
er, daß sein jüngerer Sohn auch über Reichthum
 verfügen sollte, um den alten Ruhm des Namens
 aufrecht zu erhalten. Bald nachdem er volljährig 
geworden, verbanden sich der alte Herr Rochester und 
Herr Roland zu einem Schritte, der zwar Herrn 
Eduards Glück gründen sollte, diesen aber in eine
 unheilvolle Lage brachte. Welcher Art die Sache
 eigentlich war, habe ich nie genau erfahren, aber Herr
 Eduard konnte nie verwinden, was er dadurch zu
 leiden hatte. Er ist nicht sehr versöhnlich, brach mitseiner Familie und hat jetzt seit vielen Jahren ein
 unstetes Leben geführt. Ich glaube nicht, daß er sich
 je vierzehn Tage nach einander in Thornfield auf
gehalten hat, seit sein Bruder ohne Testament ge
storben und er der Besitzer des Stammgutes geworden 
ist; auch wundert es mich in der That nicht, daß er
 das alte Haus meidet.
,Warum sollte er es denn meiden?’

,Vielleicht hält er es für unheimlich.’

Ich hätte eine etwas klarere Antwort gewünscht;
 aber Mistreß Fairfax konnte oder wollte mir keine 
vollständigere Auskunft über die Familiengeschichte 
des Herrn Rochester gewähren. Sie behauptete, es
 wäre für sie selbst ein Geheimnis, und was sie wisse,
 beruhe größtentheils nur auf Vermuthungen. Offenbar
wünschte sie, ich möge den Gegenstand ruhen lassen,
 was ich folglich auch that.


Vierzehntes Capitel.

Während der folgenden Tage sah ich Herrn
 Rochester wenig. In den Morgenstunden schien er 
Geschäfte zu haben, und Nachmittags kamen gewöhnlich Herren aus Millcote oder aus der Nach
barschaft und blieben zuweilen zur Tafel bei ihm.
Als sein Fuß so weit wieder hergestellt war, daß er
 sein Pferd besteigen konnte, ritt er viel aus, wahrscheinlich um die empfangenen Besuche zu erwidern,
 und kam gewöhnlich erst spät in der Nacht zurück. 
Selbst nach Adelen verlangte er während dieser Zeit 
nur selten, und meine Begegnungen mit ihm beschränkten
 sich auf ein zufälliges Zusammentreffen in der Vor
halle, auf der Treppe, oder in der Gallerie, wo er 
zuweilen stolz und kalt an mir vorüberging, meinen
 Gruß nur mit vornehmem Nicken oder kaltem Blicke 
erwidernd, zuweilen aber auch verneigte er sich und 
lächelte mit cavaliermäßiger Freundlichkeit. Seine 
wechselnde Stimmung beleidigte mich nicht, weil ich 
wußte, daß ich keine Schuld daran hatte; die Ebbe
 und Flut hingen von Ursachen ab, die durchaus 
nicht mit mir in Verbindung standen.
Eines Tages hatte er Gesellschaft zum Mittagessen und ließ meine Zeichenmappe holen, ohne Zweifel,
 um den Inhalt derselben vorzuzeigen. Die Herren 
gingen früh fort, um einer öffentlichen Versammlung 
in Millcote beizuwohnen, wie Mistreß Fairfax mir
 sagte; aber da der Abend naß und unfreundlich war, 
so begleitete Herr Rochester seine Gäste nicht. Bald
 nach ihrer Entfernung wurde geklingelt, und es kamdie Aufforderung an mich und Adele, herunter zukommen. Ich bürstete Adelens Haar und machte es
 zierlich zurecht, und nachdem ich mich überzeugt hatte, 
daß ich selber mit meiner gewöhnlichen quäkerhaften

Zierlichkeit gekleidet war und daß es nichts mehr zu
ordnen gab, stiegen wir hinunter, indem Adele die
 lebhafte Erwartung aussprach, der Koffer werde
 endlich angekommen sein; denn durch irgend ein Ver
sehen hatte sich die Ankunft desselben noch immer verzögert. Adelens Erwartung wurde befriedigt, denn
 ein Carton stand auf dem Tische, als wir in das
 Speisezimmer traten.

, Meine Geschenke, meine Geschenke! rief sie, 
indem sie darauf zueilte.

, Ja -- da sind deine Geschenke endlich, nimmsie in einen Winkel, du echte Tochter von Paris, undunterhalte dich damit, sie auszupacken, sagte die tiefe
 und etwas sarkastische Stimme des Herrn Rochester, 
die aus einem ungeheuren Lehnstuhle neben dem Kamin 
hervorkam.
, Und nun merke dir, fuhr er fort,
 daß du mich nicht mit Fragen über die Beschaffenheit
 des Inhalts belästigen darfst. Beschäftige dich in der
 Stille damit, verhalte dich ruhig, mein Kind, ver
stehst du
?
Adele schien kaum dieser Mahnung zu bedürfen, 
denn schon hatte sie sich mit ihrem Schatze zu einem 
Sopha zurückgezogen und war beschäftigt, die Schnur 
aufzulösen, womit der Deckel zugebunden war. Nach
dem sie dieses Hindernis entfernt und einiges Silber
papier aufgehoben hatte, rief sie nur:
, O Himmel! wie schön! dann blieb sie stumm 
in begeisterte Betrachtung versunken.

, Ist Miß Eyre da? fragte jetzt der Herr, halbvon seinem Sitze aufstehend, um sich nach der Thürumzusehen, in deren Nähe ich stand.
, Ah! gut, kommen Sie näher; setzen sie sich hier
her. Und er zog einen Stuhl nahe zu dem seinigen 
hin. ,Ich liebe das Geplauder der Kinder nicht, fuhr er fort, denn als alter Junggesell verbinde ich
 keine angenehmen Erinnerungen mit ihrem Geschwätz.
 Es würde mir unerträglich sein, einen ganzen Abendallein mit einem kleinen Balg zuzubringen. Ziehen
 Sie Ihren Stuhl nicht weiter weg, Miß Eyre, sondern

setzen Sie sich gerade da nieder, wo ich ihn hingestellt
habe -- das heißt, wenn es gefällig ist. Diese verdammten Höflichkeiten! Ich vergesse sie beständig.
 Auch habe ich keine besondere Zuneigung zu alten 
Damen von einfachem Verstande. Indessen muß ich
 die meinige hereinkommen lassen; es wäre nicht recht, 
sie zu vernachlässigen, sie ist eine Fairfax, oder doch 
an einen Fairfax verheiratet gewesen, und Blut wird
 nicht zu Wasser, sagt man.
Er klingelte und schickte eine Einladung an Mistreß 
Fairfax ab, die bald mit ihrem Strickkörbchen in der 
Hand hereinkam.
, Guten Abend, Madame; ich ließ Sie in einer 
menschenfreundlichen Absicht kommen. Ich habe näm
lich Adelen verboten, mir von ihren Geschenken vor
zuplaudern, und sie vergeht jetzt beinahe vor ver
haltener Aufregung. Haben Sie doch die Güte, ihrals Zuhörerin zu dienen; es wird eine der barm
herzigsten Thaten sein, die Sie je verrichtet haben.
Sobald Adele Mistreß Fairfax erblickte, rief sie 
diese auch sogleich zu ihrem Sopha und füllte schnell ihren Schoß mit den verschiedensten Gegenständen von
 Porzellan, Elfenbein und Wachs, welche sich in ihrem Carton befanden, indem sie ihr Entzücken in gebrochenem Englisch aussprach.
, Da ich die Rolle eines guten Wirths gespielt 
und für die Unterhaltung meiner Gäste gesorgt habe, fuhr Herr Rochester fort, so steht mir wohl das Recht zu, jetzt für mein eigenes Vergnügen zu sorgen. Miß
 Eyre, ziehen Sie Ihren Stuhl noch ein wenig näher, 
Sie sitzen noch zu weit zurück; ich kann Sie nicht 
sehen, ohne meine Stellung in diesem bequemen Stuhle 
zu verändern, wozu ich keine Lust habe.

Ich that, wie er mir gebot, obgleich ich viel lieber 
ein wenig im Schatten geblieben wäre; doch Herr
 Rochester gab seinen Willen auf so bestimmte Weise kund, 
daß man nicht umhin konnte, ihm sogleich zu gehorchen.
Wir waren, wie gesagt, im Speisezimmer; der
 Kronleuchter, der zum Mittagessen angezündet worden,

strahlte einen festlichen Glanz aus; das große Feuer 
brannte hell; die purpurnen Vorhänge hingen in reichenFalten vor dem noch höheren Bogen. Ringsum
 herrschte Ruhe, nur Adelens leises Geplauder unter
brach dann und wann die Stille. Der Winterregen 
schlug kaum hörbar gegen die Scheiben.
Als Herr Rochester in seinem Lehnsessel dasaß, 
sah er ganz anders aus, als er mir vorher erschienen
 war -- nicht ganz so strenge, viel weniger finster. Es
 war ein Lächeln um seine Lippen zu bemerken, und 
seine Augen funkelten, ich bin nicht gewiß, ob dies
 vom Wein herrührte, doch halte ich das für sehr wahrscheinlich. Kurz, er war in seiner Nachmittagsstim
mung heiterer und freundlicher und auch nachgiebiger,
 als in seiner kalten und strengen Laune des Morgens,
 aber noch immer sah er grimmig genug aus, indem 
er seinen massiven Kopf an die schwellende Lehne
 seines Stuhles legte, und das Licht des Feuers auf
 seine wie aus Granit gehauenen Züge und seinegroßen dunklen Augen fiel. Ja, er besaß sehr große, 
dunkle, sogar sehr schöne Augen, zuweilen nicht ohne
 eine gewisse Veränderung in ihrer Tiefe, die, wenn
 sie auch nichts weiches hatte, doch mindestens Gefühl
 verrieth. 
Er blickte zwei Minuten lang ins Feuer, und ichsah ihn ebenso lange an, als er sich plötzlich zu mir
 wendete und meinen Blick auf sein Gesicht gerichtet sah.
, Sie sehen mich an, Miß Eyre, sagte er, haltenSie mich für schön?
Hätte ich mir Zeit genommen, so würde ich etwas 
Unbestimmtes und herrkömmlich Höfliches geantwortet
 haben; aber ehe ich es noch bedachte, hatte meine 
Zunge schon die Worte ausgesprochen:
, Nein, Herr.

, Ah! wahrhaftig! Sie sind ein Original, sagteer. , Sie haben das Ansehen einer kleinen Nonne,
 ruhig, ernst und einfach, wie Sie mit vor sich hinge
haltenen Händen dasitzen und Ihre Augen gewöhnlich 
auf den Fußteppich richten, außer wenn Sie dieselben

durchdringend auf mein Gesicht heften, wie jetzt zum
 Beispiel; und wenn man eine Frage an Sie richtet, 
oder eine Bemerkung macht, worauf Sie zu antworten
 genöthigt sind, so bringen Sie eine runde Erwiderung
 zum Vorschein, die, wenn auch nicht grob, doch ziemlich ungeschminkt ist.
, Mein Herr, ich war wohl zu brüsk, ich bitte 
Sie um Verzeihung. Ich hätte erwidern sollen, es
 sei nicht leicht, eine rasche Antwort auf eine solche 
Frage zu geben, daß der Geschmack verschieden sei, daß auf Schönheit wenig ankomme oder dergleichen.
, Nein, Sie hätten nichts derartiges antworten 
sollen. Aber unter dem Vorwande, den mir versetzten 
Hieb wieder gut zu machen und mich zu besänftigen, 
geben Sie mir einen Stich in den Nacken! Fahren Sie
 fort, welchen Fehler finden Sie an mir, wenn's gefällig ist? Ich denke doch meine Glieder und meine
 Gesichtszüge sind gleich denen eines jeden anderen 
Mannes.

, Herr Rochester, erlauben Sie mir, meine ersteAntwort zurückzunehmen. Ich wollte keine verletzende Bemerkung machen, es war nur ein Versehen.
, Ich glaube es nicht, und Sie sollen dafür verantwortlich sein. Kritisiren Sie mich; gefällt Ihnen
 meine Stirn nicht?
Er erhob die schwarzen Haarwellen, die hori
zontal über seiner Stirn lagen, und zeigte eine sehr
 feste Masse intellectueller Organe, aber ein Merkmal
 des Wohlwollens suchte man dort vergebens.
, Nun, mein Fräulein, bin ich ein Narr?

, Weit entfernt, mein Herr, aber Sie werden michvielleicht für unhöflich halten, wenn ich dagegen frage: 
ob Sie ein Menschenfreund sind?

, Schon wieder ein neuer Stich mit dem feinen
 Messer, indem Sie sich stellen, als wollten Sie mir
 Complimente machen, und das nur, weil ich gesagthabe, daß ich die Gesellschaft von Kindern und -- er 
fügte das leise hinzu -- von alten Weibern nicht
 liebe. Nein, junge Dame, ich bin kein allgemeiner

Menschenfreund; aber ich habe ein Gewissen. Er 
deutete auf den vorragenden Theil seiner Stirn, von 
dem man sagt, daß er die genannte Eigenschaft an
deuten soll, und der zum Glück für ihn hinreichend
 sichtbar war und dem oberen Theile seines Kopfes
 eine ausgezeichnete Breite verlieh.
, Und überdies, fuhr er fort, besaß ich einst eine Art von rauer Zärtlichkeit des Herzens. Als ich so alt war wie Sie, 
war ich ein ganz gefühlvoller Junge, mitleidsvoll mit
 den Unglücklichen; aber das Schicksal hat mich seitdem 
hin und her geworfen, ja, mich mit seinen Fäusten
 geknetet, und jetzt schmeichle ich mir, so hart und zähe
 zu sein, wie ein fester Gummiball mit einem fühlen
den Punkte in der Mitte des Klumpens; und an einer 
oder zwei unmerkbaren Stellen vermag noch etwas
 einzudringen. Nun, gibt es da noch Hoffnung fürmich?
, Hoffnung worauf, Herr?

, Daß ich endlich aus Gummi wieder in Fleisch 
und Blut zurückverwandelt werden könnte?

Offenbar hat er zu viel Wein getrunken, dachte
 ich, und wußte nicht, was ich auf seine seltsame Frage 
antworten sollte.
, Sie sehen sehr verlegen aus, Miß Eyre. Ob
gleich Sie ebenso wenig hübsch sind, als ich schön
 bin, so steht Ihnen doch eine verlegene Miene gut; 
seien Sie also nur immer verlegen. Ich bin geneigt,
 diesen Abend lebhaft und mittheilend zu sein.
Bei dieser Ankündigung stand er von seinem
 Stuhle auf und stützte seinen Arm auf den marmornen
 Kamin. In dieser Stellung sah man seinen Wuchs 
ebenso deutlich, wie sein Gesicht, und die ungewöhnliche Breite seiner Brust schien fast im Mißverhältnis
 zu der Länge seiner Glieder zu stehen. Ich bin gewiß, 
die meisten Leute würden ihn für einen häßlichenMann gehalten haben; doch lag so viel unbewußter
 Stolz in seiner Haltung, eine solche vollkommene 
Gleichgültigkeit gegen sein äußeres Erscheinen in seinem
 Blicke, ein so stolzes Bewußtsein anderer Fähigkeiten,

welche den Mangel der persönlichen Reize ersetzten, 
in seinem ganzen Gehaben, daß man unwillkürlich
 seine Sicherheit theilte und sogar in gewissem Sinne 
an sein Selbstvertrauen glaubte.
, Ich bin diesen Abend geneigt, lebhaft und mit
theilend zu sein, wiederholte er, und deshalb ließ
 ich Sie rufen. Sie passen für mich, wenn Sie wollen,
 davon bin ich überzeugt, obgleich Sie mir am ersten 
Abend, als ich Sie hierher eingeladen, noch ein Räthsel 
blieben. Ich habe Sie seitdem fast vergessen; andere
Dinge haben den Gedanken an Sie aus meinem
 Kopfe verbannt; aber diesen Abend habe ich beschlossen,
 alle lästigen Ideengänge bei Seite zu setzen und mich 
nur angenehmen Gefühlen hinzugeben. Es würde
 mir jetzt lieb sein, mehr von Ihnen zu erfahren -- 
reden Sie also.

Anstatt zu reden, lächelte ich; doch war es kein 
sehr gefälliges und unterwürfiges Lächeln.

, Reden Sie, bat er.

, Wovon, mein Herr?

, Wovon Sie wollen. Ich überlasse Ihnen gänzlich die Wahl des Gegenstandes und die Art, ihn zu
behandeln.
Ich blieb schweigend sitzen.

, Wenn er erwartet, daß ich bloß reden soll, umzu reden, damit er mich kennen lerne, so wird er
finden, daß er sich an die unrechte Person gewendet 
hat, dachte ich.
, Sie sind stumm, Miß Eyre.
Er neigte sein Haupt ein wenig zu mir und
 schien einen hastigen Blick in meine Augen zu tauchen.
, Widersetzlich und verletzt? sagte er. , Ah! es 
ist natürlich. Ich sprach meine Bitte auf unhöfliche
 und fast beleidigende Weise aus. Ich bitte um Verzeihung, Miß Eyre. Ein für allemal sei es gesagt, ich wünsche Sie nicht wie eine Untergebene zu behan
deln; das heißt, fügte er sich verbessernd hinzu, ich 
nehme nur eine solche Ueberlegenheit für mich in 
Anspruch, wie sie der Unterschied von zwanzig Jahren

des Alters und eines Jahrhunderts der Erfahrung 
mir verleihen. Dies ist billig, und ich bestehe auf
 diesem Rechte. Auf Grund dieses Uebergewichts, und 
nur allein deshalb, wünsche ich, daß Sie die Gütehaben mögen, jetzt ein wenig mit mir zu reden, um
 meine Gedanken zu zerstreuen, die quälend werden, 
weil sie immer bei einem und demselben aufregenden 
Punkte verweilen.
Er hatte sich zu einer Erklärung, fast zu einer 
Entschuldigung herabgelassen; ich war nicht unem
pfindlich für dieses Zugeständnis und wollte es auchnicht scheinen.
, Ich bin willig und bereit, Sie zu unterhalten, 
mein Herr, wenn ich es vermag; aber wie und womit
 soll ich beginnen, wenn ich nicht weiß, was Sie inter
essirt? Legen Sie mir Fragen vor, und ich will mein
 Möglichstes thun, sie zu beantworten.
, Also für's Erste: gestehen Sie mir zu, daß ichein Recht habe, ein wenig herrisch und kurz, zuweilen 
vielleicht etwas vielfordernd zu sein, und zwar weil
 ich alt genug bin, um Ihr Vater zu sein, weil ich
 mir unter mancherlei Menschen und Nationen Erfah
rung gesammelt und die Hälfte des Erdballes bereist 
habe, während Sie ruhig immer mit den gleichen 
Menschen in dem gleichen Hause lebten?
, Ich glaube nicht, mein Herr, daß Sie ein Recht 
haben, mir zu befehlen, nur weil Sie älter sind, als
 ich, oder weil Sie mehr von der Welt gesehen haben.
 Ihr Anspruch auf Ueberlegenheit hängt von der Anwendung ab, die Sie von Ihrer Zeit und Erfahrung
 gemacht haben.
, Hm, das war bestimmt gesprochen. Doch ichkann es nicht zugeben, da es nicht auf meinen Fall
 paßt, denn ich habe beide Vortheile unbenutzt gelassen, 
ja fast schlecht angewendet. Doch wenn wir auch 
die Ueberlegenheit aus dem Spiele lassen, so müssen
 Sie sich doch darein fügen, von Zeit zu Zeit Befehle 
von mir zu erhalten, ohne sich von dem gebieterischen 
Tone verletzt zu fühlen. Wollen Sie das?

Ich lächelte.

, Das Lächeln ist sehr schön, sagte er, indem er 
augenblicklich den vorübergehenden Ausdruck meines
 Gesichtes wahrnahm, der mein Lächeln begleitete, aber 
reden Sie auch.
, Ich dachte darüber nach, daß sehr wenige
 Herren danach fragen würden, ob ihre bezahltenUntergebenen sich durch ihre Befehle verletzt fühlen
 oder nicht.
, Bezahlte Untergebene! sind Sie denn meine bezahlte Untergebene? Ei ja, ich vergaß das Jahrge
halt. Nun, wollen Sie also gestatten, daß ich auf
 diesen Grund hin ein wenig anmaßend bin?
, Nein, Herr, auf diesen Grund hin nicht, aberdeshalb, weil Sie diesen Grund ganz aus dem Spiele
 ließen und sich darum kümmern, ob eine bezahlte 
Person sich in ihrer Abhängigkeit wohl fühlt, willigeich von Herzen ein.
, Und wollen Sie mir eine Menge herkömm
licher Formen und Redensarten erlassen, ohne zuglauben, daß die Unterlassung der Nichtachtung entspringt?
, Ich bin gewiß, mein Herr, daß ich Formlosigkeit nie für Grobheit halten werde, die erstere ist angenehm, und der anderen würde sich auch gegen ein
 Jahrgehalt ein freigebornes Wesen nicht unterwerfen.
, Unsinn! Die meisten freigebornen Wesen werden
 sich für ein Jahrgehalt Allem unterwerfen. Indessen
 drücke ich Ihnen im Geiste die Hand für Ihre Ant
wort, so unbestimmt sie auch ist. Und was die Art 
betrifft, wie sie ausgesprochen wurde, so war sie offen
 und aufrichtig. Man findet das nicht oft; nicht dreiunter dreitausend Erzieherinnen, die eben die Schule
 verlassen, würden mir wie Sie geantwortet haben.
 Aber ich will Ihnen nicht schmeicheln. Wenn Sie
 anders sind, als die Mehrzahl, so ist es nicht IhrVerdienst, sondern die Natur hat es gethan. Und
 am Ende gehe ich auch in meinen Schlüssen zu weit, 
denn nach dem wenigen, was ich bis jetzt weiß, mögen

Sie auch nicht besser sein, als die Uebrigen; vielleicht
 haben Sie unerträgliche Mängel, die Ihre wenigen
 guten Eigenschaften wieder aufheben.

, Und Sie dürften solche Mängel auch haben, dachte ich. Mein Auge begegnete bei diesem Gedanken dem seinigen. Er schien in meinem Blick zu lesen und beantwortete die Bedeutung desselben, als
 hätte ich meinem Denken Worte verliehen.
, Ja, ja. Sie haben Recht, sagte er, ich habeselbst viele Fehler; ich weiß es und wünsche sie nicht
 zu beschönigen, das versichere ich Ihnen. Gott weiß,
 ich habe nicht Ursache, zu strenge gegen Andere zu sein, denn ich habe mir eine Reihe von Handlungen 
vorzuwerfen, welche mir wohl den Spott und den 
Tadel meiner Mitmenschen zuziehen dürfte. Ich betrat im einundzwanzigsten Jahre einen falschen Weg 
oder wurde vielmehr auf denselben gedrängt -- denn
gleich allen anderen Uebelthätern lege ich gern die 
Hälfte der Schuld dem Unglück oder den ungünstigen 
Umständen zur Last -- und habe nie seitdem den
rechten Weg wiedergefunden; doch es hätte ganz
 anders sein, ich hätte weiser und fast fleckenlos sein
 können. Ich beneide Sie um Ihren Seelenfrieden, 
um Ihr reines Gewissen, um Ihre unbefleckte Er
innerung. Kleines Mädchen, eine Erinnerung ohne 
Flecken oder Makel muß ein herrlicher Schatz sein --
eine unerschöpfliche Quelle reiner Erfrischung nicht 
wahr?
, Wie waren Sie denn, als Sie in meinem Alter
 standen, mein Herr?
, In meinem achtzehnten Jahre war ich wie Sie
 -- ganz wie Sie. Die Natur hatte mich im Ganzen 
zu einem guten Menschen bestimmt, Miß Eyre, und
 Sie sehen, ich bin es nicht geworden. Sie mögen
sagen, Sie sehen es nicht, wenigstens schmeichle ich
 mir, es in Ihrem Auge zu lesen -- nehmen Sie sich 
indessen in Acht, ich verstehe die Sprache dieses Organs
 sehr leicht. Ich gebe Ihnen mein Wort, ich bin kein
 Schurke, das dürfen Sie nicht denken, aber ich glaube

in Wahrheit, ich habe es mehr den Umständen, als 
meiner natürlichen Richtung zuzuschreiben, daß ich ein
 gewöhnlicher, alltäglicher Sünder bin, all jener hohlen
 und nichtswürdigen Zerstreuungen überdrüssig, womit,
 die Reichen und Liederlichen das Leben hinbringen. 
Wundern Sie sich, daß ich Ihnen dies gestehe? So 
mögen Sie denn wissen, daß Sie sich im Verlaufe
 Ihres Lebens noch oft zu der unfreiwilligen Ver
trauten der Geheimnisse Ihrer Bekannten werden auserwählt sehen. Die Leute entdecken instinctmäßig, wie
 ich, daß es nicht Ihre starke Seite ist, von sich selber
 zu reden, sondern zuzuhören, wenn Andere von sich
 reden; Jene werden auch fühlen, daß Sie ihren Mittheilungen nicht mit boshaftem Spotte, sondern mit
 einer Art angeborner Sympathie zuhören, die um so
 tröstender und ermuthigender ist, weil sie sich nicht aufdringlich zeigt.
, Wie können Sie dies Alles wissen und errathen,
 mein Herr?
, Ich weiß es genau und daher fahre ich un
befangen fort. Sie werden sagen, ich hätte mich den
 Umständen überlegen zeigen sollen. Das hätte ich 
freilich sollen, aber Sie sehen, ich versäumte es. Als 
das Schicksal mir Unrecht that, besaß ich nicht Weis
heit und Ruhe genug, um meine Ueberlegung zu
wahren, ich gerieth in Verzweiflung und dann ent
artete ich. Ich wünsche, ich wäre fest geblieben -- 
weiß Gott, ich wünsche es! Fürchten Sie die Gewissensqual, wenn Sie in Versuchung gerathen, zu 
irren, Miß Eyre! Gewissensqual ist das Gift des Lebens.
, Man sagt, daß Reue das Heilmittel dagegen ist.

, Das ist sie nicht. Besserung mag das Heilmittel
 sein; und ich könnte mich bessern -- ich habe dazu
 noch die Kraft -- wenn -- aber wozu ist es nöthig, daran zu denken, verstrickt, belastet und verflucht, wie 
ich bin? Da Glück mir überdies unwiderrufliches verweigert ist, so habe ich ein Recht, die Freuden des Lebens
 zu genießen, und ich will es, koste es, was es wolle.

, Dann werden Sie noch mehr entarten, mein
 Herr.

, Es ist möglich; aber warum sollte ich entarten,
 wenn ich süße, neue Freuden haben kann, Freuden, so 
süß und frisch, wie der Honig, den die Biene im Walde
 sammelt!
, Aber diese Freuden werden einen bitteren Nachgeschmack haben, mein Herr.

, Wie wissen Sie das? -- Sie haben es ja nie
 gekostet. Sie haben kein Recht, mir zu predigen, Sie
 Neuling, die Sie in das Leben noch nicht eingedrungen und völlig unbekannt mit den Geheimnissen 
desselben sind.
, Ich erinnere Sie nur an Ihre eigenen Worte. 
Sie sagten, die Verirrung auf Abwege führe Gewissens
qual herbei, und Sie erklärten Gewissensqual für das
 Gift des Daseins.

, Und wer spricht jetzt von einer Verirrung? Ich
 glaube kaum, daß der Gedanke, der durch mein Ge
hirn flatterte, eine Verirrung war. Ich halte ihn mehr 
für eine Inspiration, als für eine Versuchung, er war
 sehr lieblich, sehr besänftigend -- das weiß ich. Da
 kommt er wieder! Es ist keine Eingebung des Teufels,
 das versichere ich Ihnen; oder wenn dies der Fall
 ist, so hat der Teufel das Kleid eines Engels des
 Lichts angelegt. Ich denke, ich muß einen so schönen
 Gast einlassen, wenn er Eingang in mein Herz fordert.
, Mißtrauen Sie ihm, mein Herr; es ist kein 
wahrer Engel.
, Wie wissen Sie das? Vermöge welches Instincts 
behaupten Sie, zwischen einem gefallenen Seraph des 
Abgrundes und einem Boten von dem ewigen Throne
 -- zwischen einem Führer und einem Verführer unter
scheiden zu können?
, Ich urtheilte nach Ihrem Gesicht, mein Herr,
 welches Unruhe ausdrückte, als Sie sagten, der Ein
fall wäre Ihnen wiedergekommen. Ich halte mich 
überzeugt, daß es Ihnen noch mehr Elend bringen 
wird, wenn Sie auf diese Stimme horchen.

, Durchaus nicht -- sie bringt die gnadenreichste 
Botschaft von der Welt. Schon hat sie mir wohlgethan; mein Herz glich einem Friedhofe, und jetzt 
wird es ein Altar sein.
, Die Wahrheit zu sagen, mein Herr, ich verstehe 
Sie gar nicht, ich kann die Unterhaltung nicht fort
setzen, denn sie ist mir zu tief. Nur Eins weiß ich:
 Sie sagten, Sie wären nicht so gut, wie Sie zu sein
 wünschten, und bedauerten Ihre eigene Unvollkommenheit -- nur Eins kann ich begreifen, Sie deuteten an,
 eine befleckte Erinnerung sei eine ewige Qual. Es
 scheint mir, wenn Sie sich anstrengten, würde es Ihnen 
auch möglich sein, das zu werden, was Sie zu sein
 wünschen; und wenn Sie von heute an den festen Entschluß faßten, sich in Ihren Gedanken und Handlungen zu
bessern, so würden Sie in wenigen Jahren einen neuen 
und fleckenlosen Schatz von Erinnerungen gesammelt
 haben, zu dem Sie sich mit Vergnügen wenden könnten.
, Richtig gedacht, richtig gesprochen, Miß Eyre;
 und in diesem Augenblick pflastere ich den Weg zur 
Hölle mit guten Entschlüssen.
, Mein Herr?
, Ich fasse gute Entschlüsse, die ich für so dauernd 
halte, wie Kieselsteine. Gewiß, mein Umgang und
 mein Streben sollen anderer Art sein, als bisher.

, Und besser.

, Ja, auch besser -- um so viel als das reine
 Geld besser ist, als schlechte Schlacken. Sie scheinen
 an mir zu zweifeln; ich zweifle nicht an mir, ich weiß, 
welches mein Ziel ist, welches meine Beweggründe 
sind, und in diesem Augenblicke erlasse ich ein Gesetz,
 so unabänderlich wie das der Meder und Perser, dass 
meine Absichten die einzig richtigen sind.

, Der Mensch sollte sich nicht eine Macht an
maßen, die nur einem göttlichen und vollkommenen
 Wesen mit Sicherheit zugesprochen werden kann.
, Welche Macht?

, Von einer seltsamen Handlungsart zu sagen, 
dies soll die einzig richtige sein.

, Dies soll die einzig richtige sein -- ja das
 sind die passendsten Worte, Sie haben sie ausgesprochen.
, So mag es denn so sein, sagte ich und stand
 auf, da ich es für unnütz hielt, eine Unterredung fort
zusetzen, die mir völlig dunkel war. Ueberdies vermochte ich den Charakter dieses Mannes nicht zu durchschauen, und ich fühlte, daß meine Unwissenheit
 mir die Sicherheit raubte.
, Wohin gehen Sie?

, Ich will Adele zu Bette bringen, es ist schon 
über die Zeit.
, Sie fürchten mich, weil ich wie eine Sphynx rede.
, Ihre Sprache ist räthselhaft, mein Herr, aber 
wenn ich auch etwas verwirrt bin, so fürchte ich doch 
nichts.
, Sie fürchten sich -- Ihre Selbstliebe fürchtet
 einen Irrthum.
, In dem Sinne bin ich freilich furchtsam -- ich 
wünsche, keinen Unsinn zu reden.

, Wenn es geschähe, würde es gewiß auf so ernste
 und ruhige Weise geschehen, daß ich es für gesunden
 Verstand halten würde. Lachen Sie nie, Miß Eyre?
 Ersparen Sie sich die Antwort -- ich sehe, Sie lachenselten; aber Sie können sehr heiter sein, glauben Sie
 mir, Sie sind nicht von Natur strenge, wie ich nicht 
von Natur lasterhaft bin. Der Zwang von Lowood 
hängt Ihnen noch ein wenig an; er beherrscht Ihre 
Gesichtszüge, dämpft Ihre Stimme und lähmt Ihre
 Glieder. Sie fürchten in Gegenwart eines Mannes 
zu heiter zu lächeln, zu frei zu reden oder sich zu rasch
 zu bewegen; aber mit der Zeit denke ich, werden Sie 
lernen, natürlich gegen mich zu sein, so wie mir es 
unmöglich ist, die herkömmlichen Formen gegen Sie 
zu beobachten, und dann werden Ihre Blicke und
 Bewegungen mehr Lebhaftigkeit und Abwechselung 
haben, als sie jetzt zu zeigen wagen. Sie wollen gehen?
, Es hat neun geschlagen.

, Warten Sie nur noch eine Minute, Adele ist
 noch nicht bereit, zu Bette zu gehen. Während ich
 mit Ihnen redete, habe ich von Zeit zu Zeit Adele 
beobachtet -- ich habe meine eigenen Gründe, sie mit 
Interesse zu beobachten, und ich werde Ihnen diese 
Gründe einst mittheilen. Vor zehn Minuten zog sie 
ein kleines rothseidenes Kleid aus ihrem Kasten; Ent
zücken leuchtete in ihrem Gesicht, als sie es entfaltete, 
Eitelkeit fließt in ihrem Blut und ist mit ihrem Ge
hirn, sowie mit dem Mark ihrer Knochen verschmolzen.
 Ich muß es anziehen, rief sie, und zwar im
Augenblick! und lief aus dem Zimmer. Sie ist jetzt 
bei Sophie und mit Ankleiden beschäftigt; in wenigen 
Minuten wird sie wieder eintreten, und ich weiß, daß 
ich ein Miniaturbild von Celine Varens sehen werde,
 wie sie auf den Brettern zu erscheinen pflegte beim
 Anziehen des -- doch es liegt nichts daran. Indessen 
werden meine empfindlichsten Gefühle berührt werden,
 das weiß ich im voraus; warten Sie jetzt, um zusehen, ob meine Annahme gerechtfertigt ist.
Bald hörten wir Adelens kleine Füße durch den 
Vorsaal trippeln. Sie trat ein, umgewandelt wie ihr 
Pflegevater es vorhergesagt hatte. Ein sehr kurzes
 Kleid von rosenfarbigem Seidenstoff mit breitem Saum
 ersetzte den braunen Rock, den sie vorher getragen;
 ein Kranz von Rosenknospen umgab ihre Stirn; ihre
Füße waren mit seidenen Strümpfen und kleinen weiß
seidenen Sandalen bekleidet.
, Steht mir mein Kleid gut? rief sie herbei
eilend, und meine Schuhe? und meine Strümpfe? 
Es ist mir, als müßte ich tanzen!
Und ihr Kleid ein wenig hebend, machte sie einige 
Tanzschritte durch das Zimmer. Als sie Herrn Rochester
 erreichte, drehte sie sich vor ihm leicht auf den Zehen 
herum, ließ sich dann zu seinen Füßen auf ein Knie
 nieder und rief:
, Mein Herr, ich danke Ihnen tausendmal für 
Ihre Güte. Dann stand sie auf und fügte hinzu
, So machte es Mama, nicht wahr, mein Herr?

, Genau so! war die Antwort, und so lockte
 sie mir mein englisches Geld aus meiner Tasche. Ich 
bin auch jung gewesen, Miß Eyre -- und thöricht
 dazu. Mein Frühling ist vorüber, hat mir indeß
 jenes französische Blümchen in den Händen gelassen,
 welches ich in manchen Stimmungen gern los sein
 möchte. Da ich jetzt die Wurzel nicht schätze, aus der 
es aufgesproßt ist, und ausfindig gemacht habe, daß 
sie nur durch Düngung mit Goldstaub gedeihen konnte,
 so habe ich nicht mehr die Hälfte der Neigung zu
 dem Knöspchen, besonders wenn es so gekünstelt aus
sieht, wie eben jetzt. Ich behalte und erziehe es mehr
 nach dem römisch-katholischen Grundsatze, um zahl
reiche große oder kleine Sünden durch ein gutes Werk 
abzubüßen. Ich will Ihnen dies Alles einst erklären.
 Gute Nacht.


Fünfzehntes Capitel.

Herr Rochester erklärte diese Umstände bei einer 
späteren Gelegenheit.
Es war an einem Nachmittag, als er mir und
 Adelen zufällig im Park begegnete; und während sie 
mit Pilot und ihrem Federball spielte, bat er mich, in
 einer langen Buchenallee, von wo man die beiden im Auge behalten konnte, mit ihm auf- und abzugehen.
Er erzählte mir dann, Adele sei die Tochter 
einer französischen Operntänzerin Namens Celine 
Varens, für die er einst eine große Leidenschaft em
pfunden. Celine habe sich gestellt, als erwidere sie
 diese Leidenschaft mit lebhafter Glut. Er habe, so
häßlich er sei, geglaubt, daß sie seinen athletischen 
Wuchs der Eleganz des Apoll vom Velvedere vorziehe.
, Und so sehr fühlte ich mich durch diesen Vorzug geschmeichelt, daß ich ihr ein Hotel miethete, ihr
 Wagen und Dienerschaft hielt und sie mit kostbaren
 Shawls, Diamanten und Spitzen beschenkte. Kurz, ich
 begann mich auf hergebracht Weise, gleich jedem

anderen Gimpel, zu Grunde zu richten. Wie ich es 
verdiente, hatte ich auch das Schicksal jedes anderen Gimpels. Eines Abends, als Celine mich nicht erwartete, ging ich zu ihr und fand sie nicht zu Hause.
 Da ich ermüdet war, so setzte ich mich in ihrem
 Boudoir nieder, glücklich, die erst kürzlich durch ihre
 Gegenwart geweihte Luft zu athmen. Doch da habe
 ich zu viel gesagt, Weihe verbreitet nur die Tugend, 
es war vielmehr ein Duft von Moschus und Ambra,
 den sie zurückgelassen, und ich war nahe daran, an
 dem Dufte zu ersticken, als es mir einfiel, die Glasthür zu öffnen und auf den Balkon hinauszugehen.
 Es war mondhell, und überdies leuchteten die Gas
lampen, und Alles war still und heiter. Auf dem
 Balkon befanden sich einige Stühle; ich setzte mich
 nieder und zog eine Cigarre hervor -- wenn Sie entschuldigen, will ich jetzt auch eine rauchen.
Hier trat eine Pause ein, die mit dem Anzünden
 einer Cigarre ausgefüllt wurde. Nachdem Herr 
Rochester eine Wolke von reinem Havannaduft in die
kalte und sonnenlose Luft geblasen, fuhr er fort:
, Ich rauchte, indem ich zugleich die Equipagen 
beobachtete, die durch die belebte Straße zu dem nahen
 Opernhause hinrollten, als ich in einem eleganten geschlossenen Wagen, von zwei schönen englischen Pferden
 gezogen, dieselbe Equipage erkannte, die ich Celinen
 geschenkt hatte. Sie kehrte zurück, und natürlich schlug 
mein Herz mit Ungeduld. Der Wagen hielt an,
 meine Flamme -- das ist das rechte Wort für eine 
Opernliebschaft -- stieg aus, doch war sie in einen
 Mantel gehüllt, was mir auffiel, da es ein warmer 
Juniabend war. Ich neigte mich über den Balkon 
und war eben im Begriff, in einem Tone, der natürlich nur dem Ohr der Liebe hörbar sein sollte:
 , Mein Engel! zu flüstern, als eine ebenfalls in
 einen Mantel gehüllte Gestalt nach ihr aus dem Wagen 
sprang. Es war eine bespornte Ferse und ein mit 
einem Männerhute bedeckter Kopf. Sie haben nie 
Eifersucht empfunden, Miß Eyre? Natürlich nicht,

ich darf nicht erst fragen, da Sie nie Liebe empfunden.
 Beides steht Ihnen noch bevor, Ihre schlummernde 
Seele muß erst noch geweckt werden. Sie denken, das 
ganze Dasein fließt so ruhig dahin, wie Ihre Jugend 
bisher dahingeglitten. Aber ich sage Ihnen -- und 
Sie mögen sich meine Worte merken -- Sie werden
 einst zu einem Engpaß kommen, wo der ruhige
 Strom des Lebens in wildschäumende, tobende Wirbel
 übergeht, da werden Sie entweder an den Klippen
 zerschmettert, oder von einer großen Welle gehoben 
und in eine sanftere Strömung getragen werden -- 
wie es jetzt bei mir der Fall ist. Mir gefällt dieser
 stählerne Himmel, mir gefällt die Stille der Welt unter diesem Frost. Ich liebe Thornfield, die alterthümliche 
Bauart, die Zurückgezogenheit, die alten Dohlennester 
und Dornbäume, die graue Front und die Reihen
 dunkler Fenster, die jenen metallnen Himmel reflectiren, 
doch wie lange habe ich den bloßen Gedanken daran verabscheut und diesen Ort gemieden, wie ein großes 
Pesthaus! wie verabscheue ich noch jetzt --
Er knirschte mit den Zähnen, hielt seinen Schritt
 an und trat mit seinem Absatze hart auf den starren Boden. Irgend ein verhaßter Gedanke schien ihn so
 fest zu halten, daß er nicht weiter konnte.
Als er stillstand, gingen wir gerade den Gang 
herauf. Die Halle lag vor uns. Seine Augen zu
 den Zinnen erhebend, starrte er das Gebäude miteinem Blicke an, wie ich noch nie vor oder nachher
 einen gesehen. Schmerz. Scham, Zorn, Ungeduld,
 Ekel und Abscheu -- alles dies zugleich prägte sich in diesem Blicke aus. Aber der Ausdruck wechselte
 bald und Sarkasmus, Trotz und Entschlossenheit er
hielten die Oberhand und versteinerten sein im Augen
blicke vorher noch so leidenschaftlich bewegtes Antlitz.
, Als ich vorhin abbrach, Miß Eyre, fuhr er
fort, hatte ich mit meinem Geschick zu verhandeln.
 Dort stand sie bei jenem Buchenstamm -- eine Hexe,
 wie eine von jenen, die Macbeth auf der Haide von 
Fores erschienen. , Du liebst Thornfield sagte

sie, ihren Finger erhebend, und dann schrieb sie ein 
Zeichen in die Luft, welches in dunkelrothen Hieroglyphen zwischen der oberen und unteren Fensterreihe
 über die ganze Front dahinlief: , Liebe es, wenn 
du kannst! Liebe es, wenn du darfst! -- , Ich 
will es lieben, sagte ich. ,Ich darf es lieben und 
will mein Wort halten, fügte er düster hinzu. , Ich
 will die Hindernisse überwinden, die dem Glück und
 dem Guten im Wege stehen -- ja, dem Guten. Ich 
wünsche ein besserer Mensch zu werden, als ich gewesen
 und als ich jetzt bin.

In diesem Augenblick kam Adele mit ihrem
 Federball herbeigelaufen. ,Hinweg! rief er rauh, halte dich in der Ferne, Kind, oder geh zu Sophie 
hinein! Dann setzte er seinen Weg schweigend fort, 
und ich wagte ihn an die unterbrochene Erzählung
 zu erinnern.

, Verließen Sie Ihren Platz auf dem Balkon, 
mein Herr, als Mademoiselle Varens ins Zimmer
 trat? fragte ich.
Ich erwartete eine Zurechtweisung auf diese
 schwerlich gelegene Frage; doch im Gegentheil erwachte 
er aus seiner düsteren Zerstreuung, richtete seine Augen
 auf mich, und der Schatten schien von seiner Stirn 
zu verschwinden.
, O! ich hatte Celine vergessen; doch ich will
 fortfahren. Als meine Geliebte, von einem Cavalier
 begleitet, zurückkehrte, glaubte ich ein Zischen zu hören, und die grüne Schlange der Eifersucht bahnte sich
 ihren Weg in das Innerste meines Herzens. Seltsam! 
rief er plötzlich, wieder von dem Gegenstande abweichend, seltsam, daß ich Sie zur Vertrauten dieser
 Geschichte wähle, junge Dame; äußerst seltsam, daß 
Sie mich ruhig anhören, als wäre es das Gewöhn
lichste von der Welt, daß ein Mann, wie ich, einem
 artigen und unerfahrenen Mädchen, wie Sie, Geschichten von seiner Geliebten, einer Operntänzerin,
 erzählt! Aber die letzte Seltsamkeit erklärt die erste,
 wie ich schon vorher angedeutet, und Sie, bei Ihrem

Ernst, Ihrer Ueberlegung und Vorsicht, sind geschaffen,
 fremde Geheimnisse anzuhören. Ueberdies weiß ich,
 welchen Geist ich mit dem meinigen in Verbindung 
gesetzt habe; ich weiß, daß er nicht der Ansteckung
 unterworfen ist, denn es ist ein eigenthümlicher und starker Geist.
Nach dieser Abschweifung fuhr er fort:
, Ich blieb auf dem Balkon. Sie werden ohne
 Zweifel in das Boudoir gehen, dachte ich; ich will 
ihnen einen Hinterhalt legen. Ich streckte meine Hand
 durch das offene Fenster hinein und zog den Vorhang
vor dasselbe, indem ich nur eine Oeffnung ließ, durch
 die ich meine Beobachtungen anstellen konnte; dann
 machte ich das Fenster so weit zu, daß nur eine kleine
 Spalte blieb, durch welche das Gespräch der Liebenden 
mir vernehmbar werden mußte, schlich mich dann
 wieder zu meinem Stuhl zurück, und als ich mich auf
 ihn niederließ, trat das Paar herein. Mein Auge war
rasch an der Oeffnung. Celinens Kammermädchen 
kam herein, zündete eine Tampe an und entfernte sich.
 Jetzt zeigte sich mir das liebende Paar deutlich. Beide legten ihre Mäntel ab, und da sah ich Varens in
 Seide und Juwelen schimmern, die ich ihr geschenkt
 -- und da war ihr Begleiter in einer Officiersuni
form. Ich erkannte in ihm einen jungen Vicomte -- einen gehirnlosen, lasterhaften Burschen. Ich hatte 
ihn zuweilen in Gesellschaft getroffen und nie gedacht,
 daß ich ihn je hassen würde, weil ich ihn zu sehr ver
achtete. Sobald ich ihn erkannte, war die Qual der 
Eifersucht vorüber, denn meine Liebe zu Celinen war
 erloschen. Ein Weib, welches mich wegen eines 
solchen Nebenbuhlers verrathen konnte, war nicht der 
Mühe werth, um sie zu streiten, sie verdiente nur Verachtung, obgleich weniger als ich, der sich von ihr
 hatte hintergehen lassen.
, Beide begannen zu reden; ihre Unterhaltung
 beruhigte mich völlig; frivol, herz- und sinnlos, war 
sie mehr danach angethan, einen Horcher zu ermüden, 
als in Wuth zu versetzen. Meine Visitenkarte lag

auf dem Tische; als man dieselbe bemerkte, lenkte sich 
das Gespräch auf mich. Beide besaßen nicht Witz 
genug, mich gehörig durchzuhecheln; nur Celine wurde
 beinahe geistreich, als sie sich über meine körperlichen
 Mängel, die sie Mißgestalt nannte, aussprach, während 
sie sich sonst in glühender Bewunderung über meine 
männliche Schönheit, wie sie es nannte, zu ergehen
 pflegte, ganz von Ihnen abweichend, die Sie mir
 geradezu gesagt haben, daß Sie mich nicht für schön 
halten. Ich öffnete die Balkonthür, trat in das 
Zimmer, kündigte Celinen das Aufhören meines
 Schutzes an, forderte sie auf, diese Wohnung zu verlassen, und bot ihr eine Börse an, um ihre unmittel
baren Bedürfnisse zu bestreiten. Auf ihr Schreien,
 ihre Ohnmachten, Bitten, Betheuerungen und Krämpfe
 achtete ich nicht. Den Vicomte forderte ich zu einem
 Duell im Walde von Boulogne. Am nächsten Morgen 
hatte ich das Vergnügen, mich mit ihm zu schießen, 
ließ eine Kugel in einem seiner dünnen Arme zurück 
und glaubte dann mit dem ganzen Gelichter fertig
 zu sein. Aber unglücklicher Weise hatte mich die
 Varens sechs Monate vorher mit dieser kleinen Adele
 beschenkt, die, wie sie versicherte, meine Tochter sei, 
und vielleicht mag es auch der Fall sein, obgleich ihre 
Gesichtszüge den Beweis schuldig bleiben. Pilot ist 
mir ähnlicher, als sie. Einige Jahre nachdem ich mit
 der Mutter gebrochen hatte, lief diese, ihr Kind zurück
lassend, mit einem italienischen Sänger davon und 
ging nach Italien. Ich gestand nicht zu, daß Adele
 irgend einen natürlichen Anspruch an mich habe, und thue es auch jetzt noch nicht, denn ich bin nicht ihr
 Vater; als ich aber hörte, daß sie ganz verlassen sei,
 entriß ich das arme Ding dem Pariser Schlamm und 
Koth und verpflanzte es hierher, damit es auf dem
 gesunden Boden eines englischen Landgutes rein aufwachse. Mistreß Fairfax engagirte Sie, um das Kind 
zu erziehen. Jetzt wissen Sie, daß es der ungesetzliche
 Sprößling eines französischen Opernmädchens ist, und
 werden vielleicht anders von Ihrer Stellung und Ihren

Schutzbefohlenen denken. Sie werden eines Tages 
kommen und mich bitten, mich nach einer anderen
 Erzieherin umzusehen, nicht wahr?
, Nein -- Adele ist weder für die Fehler ihrer
 Mutter, noch für die Ihrigen verantwortlich, ich habe
 eine Neigung zu ihr, und nun, da ich weiß, daß sie 
gewissermaßen elternlos ist, werde ich mich ihrer nur
 um so mehr annehmen. Wie könnte ich je den ver
zogenen Sprößling einer reichen Familie, der seine
 Gouvernante als eine lästige Person hassen würde, 
einer einsamen kleinen Waise vorziehen, die sich mir
 wie einer Freundin anschließt?

, O! also aus diesem Gesichtspunkte sehen Sie 
die Sache an! Gut, ich muß jetzt hineingehen, und Sie auch, denn es fängt an dunkel zu werden.
Aber ich blieh noch einige Minuten länger mit 
Aldele und Pilot draußen, lief mit ihr um die Wette
 und spielte noch eine Partie Federball. Ich suchte in 
ihrem Gesichte eine Aehnlichkeit mit Herrn Rochester,
 aber kein Zug, kein Wechsel des Ausdrucks deutete
 auf Verwandtschaft. Es war schade. Wenn man 
ihm hätte beweisen können, daß sie ihm ähnlich sei, 
so würde er mehr Liebe für sie gehabt haben.
Erst als ich mich Abends auf mein Zimmer
 zurückgezogen hatte, dachte ich wieder mit Ruhe an 
die Geschichte, die mir Herr Rochester erzählt hatte.
 Wahrscheinlich lag nichts Außerordentliches darin. Die 
Leidenschaft eines reichen Engländers für eine französische Tänzerin und ihre Verrätherei an ihm waren
 ohne Zweifel ganz alltägliche Dinge in der Gesell
schaft. Aber es lag etwas höchst Auffallendes in dem
 Paroxismus, der sich seiner so plötzlich bemächtigt 
hatte, als er im Begriff gewesen, seine gegenwärtige 
zufriedene Stimmung und seine neu belebte Freude 
an der alten Halle und den Umgebungen derselben
 auszudrücken. Ich dachte mit Verwunderung über 
diesen Vorgang. Da ich ihn aber unerklärlich fand,
ließ ich diesen Gegenstand fallen und beschäftigte mich 
mit seinem Benehmen gegen mich -- des Herrn gegen

die Gouvernante. Das Vertrauen, welches er in mich 
zu setzen für gut gehalten, schien ein Tribut, den er
 meiner Besonnenheit darbrachte; so sah ich es an und 
nahm es so auf. Sein Benehmen war seit einigen 
Wochen gleichförmiger gegen mich, als anfangs. Ich
 schien ihm nie im Wege zu sein; er zeigte keine An
fälle von verletzendem Stolz; wenn er mich unerwartet 
traf, schien ihm die Begegnung willkommen zu sein;
 er hatte immer ein gutes Wort und zuweilen ein 
Lächeln für mich. Wenn ich durch eine förmliche
 Einladung zu ihm gerufen wurde, empfing er mich 
herzlich, was ich als einen Beweis betrachtete, daß 
ich wirklich die Macht besäße, ihn zu unterhalten, und
 daß er diese Abendunterredungen ebenso sehr zu seinem 
eigenen Vergnügen, als zu meinem Nutzen veranstalte.
Ich sprach freilich verhältnismäßig wenig; doch
 hörte ich ihm mit Vergnügen zu. Es lag in seiner
 Natur, mittheilsam zu sein; er liebte es, einem mit 
der Welt Unbekannten Bilder und Scenen aus der
selben vorzuführen, die durch ihre eigenartige Neuheit
 fesselten, niemals sittenverderbend waren, und ich fand
ein lebhaftes Interesse daran, ihm in Gedanken durch
 die neuen Regionen zu folgen, die er mir eröffnete, 
wurde auch nie durch eine unschickliche Anspielung verletzt oder beunruhigt.
Die Leichtigkeit und Gewandtheit in seinem Be
nehmen befreite mich von unleidlichem Zwange; die
 freundliche Offenheit, womit er mir entgegenkam, zogmich zu ihm hin. Es war mir zuweilen, als sei er
 mein Verwandter und nicht mein Herr; dennoch war
 er zu Zeiten gebieterisch, aber ich nahm es mir nicht 
zu Herzen, denn es war so seine Art. Dieses neue
 Interesse, um welches ich mein Leben bereichert sah, 
machte mich so glücklich und zufrieden, daß ich aufhörte, mich nach Gefährten meines Geschlechtes zu
 sehnen; meine Bestimmung schien sich zu erweitern, 
die Leere meines Daseins wurde ausgefüllt; meine 
Gesundheit verbesserte sich, ich nahm zu an Fleisch 
und Stärke.

Und war Herr Rochester jetzt häßlich in meinen
 Augen? Nein, Leser, Dankbarkeit und andere edle, 
sympathische Regungen machten mir sein Gesicht zu
 dem Gegenstande, der mir am besten gefiel; seine 
Gegenwart im Zimmer war erheiternder, als das 
hellste Feuer. Doch ich hatte seine Fehler nicht ver
gessen und konnte es auch in der That nicht, denn
 er rief sie mir beständig in die Erinnerung. Er war 
stolz, sarkastisch und rauh gegen Niedrigkeit jeder Art, 
und in meinen geheimsten Gedanken hielt ich mich 
überzeugt, daß seine große Güte gegen mich durch un
gerechte Strenge gegen viele Andere aufgehoben werde.
 Er war auch ohne sichtbaren Grund mißmuthig, und mehr als einmal, wenn er mich rufen ließ, um ihm 
vorzulesen, sah ich ihn, seinen Kopf auf seinen übereinander geschlagenen Armen ruhend, in seiner Biblio
thek sitzen, und wenn er aufblickte, entstellte ein
mürrischer, fast boshafter Blick seine Züge. Aber ichglaubte, daß seine Verstimmung, seine Rauheit und
 seine früheren Fehler -- ich sage seine früheren, denn
 jetzt schien er sie abgelegt zu haben -- ihre Quelle in
 einem grausamen Schlage des Schicksals hätten, und
 daß er, ehe dieser ihn traf, von Natur ein Mann von 
besserem Streben, höheren Grundsätzen und reinerem 
Geschmack gewesen sei. Ich kann nicht leugnen, daßich an seinem Kummer theilnahm, von welcher Art
 er auch seit mochte, und viel darum gegeben hätte,
 ihn besänftigen zu können.
Obgleich ich jetzt mein Licht ausgelöscht und mich 
zu Bette gelegt hatte, konnte ich doch nicht schlafen,
 weil ich an seinen Blick dachte, als er, in dem Baumgange plötzlich stehen bleibend, erzählt hatte, wie sein
 Geschick sich vor ihm erhoben und ihn gefragt
 habe, ob er es wage, in Thornfield glücklich sein zu
wollen.
, Warum nicht? fragte ich mich selbst, was
 entfremdet ihn seinem Hause? Wird er es bald wieder
 verlassen? Mistreß Fairfax sagte, er bleibe selten längerals vierzehn Tage, und er ist jetzt schon acht Wochen

hier. Wenn er geht, wird die Veränderung traurig
 sein. Wenn er den Frühling, den Sommer und Herbst
 abwesend wäre, wie freudlos würden mir die schönen 
sonnigen Tage vergehen!
Ich weiß nicht, ob ich über diesen Gedanken eingeschlafen bin oder nicht; auf jeden Fall wurde ich 
durch ein eigenthümliches und schauerliches Gemurmel 
erweckt, welches über meinem Kopfe war. Ichwünschte, ich hätte mein Licht brennen lassen, die 
Nacht war sehr dunkel und mein Geist gedrückt. Ichrichtete mich im Bette auf und horchte. Die Töne
 verstummten.
Ich versuchte wieder einzuschlafen, aber meine 
innere Unruhe und mein ängstlich klopfendes Herz 
ließen es nicht zu. Unten in der Vorhalle schlug die 
Uhr zwei. Gerade in dem Augenblick war es mir,
 als werde die Thür meines Zimmers berührt, wie 
wenn Finger darüber hinstreiften und den Weg durch 
die dunkle Gallerie suchten.
, Wer ist da? fragte ich, aber es erfolgte keine
 Antwort, und ich erbebte vor Furcht.
Plötzlich fiel mir ein, es könnte Pilot sein, der,
 wenn die Küchenthür offen geblieben war, nicht selten
 herauskam und sich vor Herrn Rochester's Thür legte.
 Ich hatte ihn selber mehrmals des Morgens dort
liegen sehen. Dieser Gedanke verscheuchte meine Furcht 
ein wenig, und als jetzt eine ununterbrochene Stille 
im ganzen Hause herrschte, schien mir der Schlummer
 zurückkehren zu wollen. Es war mir jedoch nicht 
bestimmt, daß ich in dieser Nacht schlafen sollte. Kaum
 hatte ein Traum meine Sinne zu umdämmern be
gonnen, als er von einem markdurchschaudernden Tone
 hinweggescheucht wurde.
 Dies war ein dämonisches Lachen -- leise, ge
dämpft und tief -- wie es schien, dicht am Schlüssel
loch meiner Thür ausgestoßen. Das Kopfende meinesBettes war in der Nähe der Thür, und ich glaubte
 Anfangs, das koboldähnliche Lachen ertöne dicht neben meinem Kopfe; aber als ich mich erhob und mich

umsah, konnte ich nichts erblicken. Der unnatürliche
Ton wiederholte sich, und ich konnte unterscheiden, daß
 er von draußen kam. Das Erste, was ich that, war,
 aufzustehen und die Thür zu verriegeln. Dann rief
 ich: , Wer ist da?
Draußen ließ sich ein Gurgeln und Stöhnen ver
nehmen, und bald hörte ich Fußtritte, die sich in der
 Gallerie entfernten und sich der Treppe zu dem
 dritten Stock näherten. Erst kürzlich hatte man die
 Thür zu jener Treppe schließbar gemacht; ich hörte,
 wie diese Thür sich öffnete und schloß, und dann warAlles still.
, Was ist es mit der Gratia Poole? dachte ich.
 , Ist sie vom Teufel besessen?
Ich beschloß, Mistreß Fairfax aufzusuchen, zog
 rasch mein Kleid an und hing einen Shawl um; dann öffnete ich den Riegel meiner Thür mit zitternder 
Hand. Draußen brannte ein Licht, welches Jemand
 auf der Matte in der Gallerie hatte stehen lassen. Ich
 war von diesem Umstande überrascht; aber noch mehr
 erstaunte ich, als ich bemerkte, daß die Luft mit Rauch
 angefüllt war. Während ich mich nach allen Seiten
 umsah, um zu entdecken, woher der Rauch käme, spürte ich einen starken Geruch, als ob etwas brenne. 
Ich hörte ein Knistern, eine Thür war nur angelehnt
-- es war Herrn Rochester's Thür, und aus derselben drang eine Rauchwolke hervor. Ich dachte
 nicht mehr an Mistreß Fairfax, ich dachte nicht mehr
 an Gratia Poole und das Lachen, in einem Augen
blick war ich im Zimmer. Die Flammen schlugen am
 Bette auf, die Vorhänge desselben standen in Feuer. 
In der Mitte der Glut und des Rauches lag Herr 
Rochester bewegungslos in tiefem Schlafe.
, Erwachen Sie! erwachen Sie! rief ich.
 Ich rüttelte ihn, doch er murmelte nur und
 wendete sich um, der Rauch hatte ihn betäubt. Kein
 Augenblick war zu verlieren. Ich eilte zu seinem
 Waschtische; zum Glück waren der Wasserkrug und
 die Waschschale mit Wasser gefüllt und beide Gefäße

groß. Ich überschüttete das Bett mit dem Inhalt, 
eilte in mein Zimmer zurück, brachte auch meinen
 Wasserkrug herbei, begoß das Bett von Neuem, und 
mit Gottes Hilfe gelang es mir, die Flammen aus
zulöschen.
Das Sturzbad, welches ich so reichlich ausgegossen, 
erweckte Herrn Rochester. Obgleich es jetzt dunkel 
war, wußte ich doch, daß er wachte, weil er seltsame 
Verwünschungen ausstieß, als er bemerkte, daß er in 
einem Wasserpfuhle lag.
, Ist das eine Ueberschwemmung? rief er.

, Nein, Herr, antwortete ich, aber Ihr Bett
 hat gebrannt. Stehen Sie auf, Sie sind jetzt gänzlich
 durchnäßt; ich will Ihnen ein Licht holen.
, Im Namen aller Feen der Christenheit, ist das
 Johanna Eyre? fragte er. , Was haben Sie mit 
mir gethan, Hexe, Zauberin? Wer ist noch außer
 Ihnen im Zimmer? Haben Sie sich verschworen, mich
 zu ersäufen?
, Ich will Ihnen ein Licht holen, mein Herr; 
in des Himmels Namen stehen Sie auf. Es hat
 jemand etwas Böses vorgehabt, und Sie können nicht 
bald genug ausfindig machen, wer es ist.
, So -- nun bin ich auf. Aber bedenken Sie,
 es geht auf Ihre eigene Gefahr, wenn Sie jetzt ein 
Licht holen. Warten Sie nur zwei Minuten, bis ich 
trockene Kleider anlege, wenn trockene da sind -- ja,
 hier ist mein Schlafrock, nun eilen Sie!
Ich lief hinaus und brachte das Licht herein,
 welches noch in der Gallerie stand. Er nahm es miraus der Hand, hielt es empor und betrachtete dasBett, welches ganz geschwärzt und verbrannt war, die 
Betttücher waren durchnäßt und der Fußteppich mit
 Wasser beschüttet.

, Was ist dies? und wer that es? fragte er.

Ich erzählte ihm kurz, wie ich in der Gallerie 
das seltsame Lachen, und dann die Schritte vernommen
 hatte, die zum dritten Stock hinaufgegangen waren -- wie der Rauch und der Geruch des Feuers mich

in sein Zimmer geführt, wie ich dort sein Bett in
 Flammen gefunden und diese mit all dem Wasser be
schüttet hatte, welches ich hatte finden können.
 Er hörte mir sehr ernsthaft zu; sein Gesicht 
drückte mehr Sorge als Erstaunen aus, und er sprach nicht sogleich, als ich meinen Bericht geendet hatte.
, Soll ich Mistreß Fairfax rufen? fragte ich
.
, Mistreß Fairfax? nein. Weshalb, zum Henker, 
wollten Sie sie rufen? Was kann sie thun? LassenSie sie ruhig schlafen.
, Dann will ich Lea herbeiholen und John undseine Frau wecken.
, Durchaus nicht, seien Sie nur ruhig. Sie haben
 einen Shawl um, wenn Ihnen nicht warm genug ist, 
so können Sie noch meinen Mantel dort nehmen,
 hüllen Sie ihn um sich und setzen Sie sich dort in den
 Lehnstuhl -- kommen Sie, ich will Ihnen in den
 Mantel helfen. So, -- nun stellen Sie Ihre Füße 
auf den Schemel, damit Sie aus der Nässe kommen.
 Ich werde Sie auf einige Minuten verlassen und das
 Licht mitnehmen. Bleiben Sie, wo Sie sind, bis ich
 zurückkehre, und seien Sie so still, wie eine Maus.
Ich muß einen Besuch in diesem dritten Stock machen. 
Aber regen Sie sich nicht und rufen sie auch Nie
manden.
Er ging, und ich sah, wie der Lichtschein sich 
entfernte. Er ging sehr leise die Gallerie dahin,
 öffnete die Thür an der Treppe so geräuschlos als
 möglich, machte sie hinter sich zu, und dann verschwand
 der letzte Strahl. Ich blieb in völliger Dunkelheit
 zurück. Ich horchte auf irgend ein Geräusch, hörte 
aber nichts. Eine sehr lange Zeit verging. Es fror 
mich, ungeachtet des Mantels, und da ich nicht ein
sah wozu ich dableiben sollte, Herr Rochester überdies
 auf den Beistand der anderen Leute im Hause verzichtet hatte, so wollte ich mich eben, gegen seinen
 Befehl, entfernen, als ich das Licht wieder matt die Wand der Gallerie beleuchten sah und leise Tritte auf
 der Matte vernahm.

, Ich hoffe, er ist es, dachte ich, und nicht 
etwas Schlimmeres.

Er trat sehr blaß und düster wieder ein.

, Ich habe Alles entdeckt, sagte er, sein Licht
 auf den Waschtisch niedersetzend, es ist, wie ich dachte.
, Wie, mein Herr?
Er antwortete nicht, blieb mit übereinander ge
schlagenen Armen stehen und blickte auf den Boden.
Nach wenigen Minuten fragte er in eigenthümlichem 
Tone:
, Ich habe vergessen, ob Sie mir sagten, daß
 Sie etwas gesehen, als Sie die Thür ihres Zimmers 
öffneten.
, Nein, mein Herr, nichts weiter, als den Leuchter 
am Boden.
, Aber Sie hörten ein auffallendes Lachen? Sie 
hörten dieses Lachen oder etwas dergleichen wahrscheinlich schon früher?
, Ja, mein Herr, es befindet sich im Hause ein 
Frauenzimmer, welches Gratia Poole heißt -- die 
lacht auf solche Weise. Sie ist eine seltsame Person.
, So ist es. Gratia Poole -- Sie haben es errathen. Sie ist, wie Sie sagen -- sehr seltsam, ich
 werde über den Gegenstand nachdenken. Inzwischen 
ist es mir lieb, daß Sie außer mir die einzige Person
 sind, die mit dem Ereignisse dieser Nacht bekannt ist.
 Sie sind keine Schwätzerin, reden Sie also nichts
 darüber. Für den Zustand des Bettes will ich schon
 eine Erklärung finden, und nun kehren Sie in IhrZimmer zurück. Ich kann die noch übrigen Stunden
 der Nacht sehr gut auf dem Sopha in der Bibliothek
 zubringen. Es ist beinahe vier Uhr -- in zwei 
Stunden stehen die Diener auf.
, Gute Nacht also, mein Herr, sagte ich, mich
 der Thür zuwendend.
Er schien überrascht, obgleich er mir eben gesagt, ich solle gehen.

, Was! rief er, Sie verlassen mich schon? und 
auf diese Weise?

, Sie sagten, ich könne gehen, mein Herr.

, Aber nicht ohne Abschied zu nehmen; nicht ohne
 meinen Dank angehört zu haben, nicht auf diese kurze
 und trockene Weise. Sie haben mir ja das Leben gerettet, mich einem entsetzlichen Martertode entrissen!
 und Sie gelesen an mir vorüber, als wenn wir einander ganz fremd wären! Wenigstens reichen Sie mirdie Hand!
Er streckte seine Hand aus; ich gab ihm die
 meinige, er nahm sie zuerst in eine, dann in beide
 Hände.
, Sie haben mir das Leben gerettet, es macht
 mir Vergnügen, Ihnen so unendlich viel schuldig zu
 sein, mehr kann ich nicht sagen. Keinem anderen
 Wesen in der Welt möchte ich so viel schuldig sein,
 bei Ihnen aber ist es anders -- Ihre Wohlthaten 
sind für mich keine Last, Johanna.
Er schwieg und blickte mich an, ich sah, wie ihm
 die Worte auf den Lippen zitterten -- aber seine
 Stimme versagte ihm den Dienst.
, Noch einmal gute Nacht, mein Herr. Hier ist
 von keiner Schuld, von keiner Wohlthat, von keiner 
Last oder Verpflichtung die Rede.
, Ich wußte, daß Sie mir einst auf irgend eineWeise einen guten Dienst leisten würden, fuhr erfort, ich sah es in Ihren Augen, als ich Sie zuerst 
erblickte, ihr Ausdruck und ihr Lächeln -- er hieltinne und fuhr dann rascher fort -- erfüllten nicht
 umsonst mein innerstes Herz mit Wonne. Die Leute
 reden von natürlichen Sympathien; ich habe von 
Schutzgeistern gehört -- es liegt etwas Wahres in dem albernsten Märchen. Meine liebe Retterin, gute
 Nacht!

Der Ton seiner Stimme übte eine seltsame Ge
walt und sein Blick hatte ein seltsames Feuer.
, Es ist mir lieb, daß ich gerade wach war, 
sagte ich und wollte dann gehen.
,Wie, Sie wollen gehen?

,Mich, friert, mein Herr.
,Es friert Sie? ja -- und Sie stehen in einem
 Wasserpfuhl. So gehen Sie denn, Johanna!
Aber er hielt meine Hand noch immer fest, und 
ich konnte sie ihm nicht entziehen. Da fiel mir ein 
Auskunftsmittel ein.

,Ich glaube, ich höre Mistreß Fairfax, mein 
Herr, sagte ich.
,Nun, so gehen Sie, sagte er, ließ meine Hand 
los, und ich eilte fort.
Ich erreichte mein Lager wieder, dachte aber nicht
 daran, einzuschlafen. Bis der Morgen dämmerte, 
warf meine Gedankenwelt mich auf einer hohen und
 unruhigen See umher, wo Wogen des Aufruhrs
 neben Wogen der Freude rollten. Zuweilen glaubte 
ich jenseits des wilden Wassers eine liebliche Küste 
zu erblicken, und von Zeit zu Zeit trug ein erfrischender Wind, von der Hoffnung erweckt, meinen Geist
 triumphirend zu jenem Ziele hin. Aber ich konnte es nicht erreichen -- ein ungünstiger Gegenwind wehte 
mir vom Lande entgegen und trieb mich unaufhörlich
 zurück. Der Verstand widersetzte sich der Einbildung,
 die Vernunft warnte die Leidenschaft. Zu fieberhaft
 aufgeregt, um zu ruhen, stand ich auf, sobald der 
Tag graute.



Sechzehntes Capitel.

Ich hoffte und fürchtete zugleich, Herrn Rochester
 an dem Tage zu sehen, der auf diese schreckliche Nacht
 folgte; ich hätte gern seine Stimme gehört, doch scheute
 ich mich, seinem Auge zu begegnen. Während der 
ersten Stunden des Morgens erwartete ich jeden 
Augenblick seinen Eintritt. Er kam nicht häufig in
 das Schulzimmer, doch erschien er zuweilen auf einige
 Minuten, und es war mir, als müsse er an diesem
 Tage auch kommen. 
Aber er ließ sich nicht sehen. Bald nach dem 
Frühstück hörte ich in der Nähe von Herrn Rochester's


Thür sprechen. Ich unterschied die Stimmen der
 Mistreß Fairfax, Leas, Johns und der Köchin, welche
 John's Frau war. Ich vernahm folgende laute Be
merkungen:
, Welch' ein Glück, daß der Herr nicht in seinem
 Bett verbrannt ist!

, Es ist stets gefährlich, in der Nacht ein Licht 
brennen zu lassen.
, Welch' eine glückliche Fügung der Vorsehung, 
daß er Geistesgegenwart genug hatte, um an den
 Wasserkrug zu denken.
, Es wundert mich, daß er Niemand geweckt hat!

, Hoffentlich wird er sich nicht auf dem Sopha
 in der Bibliothek erkälten.

Auf dieses Gespräch folgte ein Geräusch, welches
 durch Scheuern und Wegrücken des Bettes hervorgebracht wurde. Als ich später an dem Zimmer 
vorüberkam und zum Mittagessen gehen wollte, sahich durch die offene Thür, daß die Ordnung vollständig wieder hergestellt war; nur das Bett war
 seiner Vorhänge beraubt. Lea stand in der Fenster
vertiefung und rieb die vom Rauche getrübten Fenster
scheiben ab, aber als ich weiter ging, erblickte ich noch
 eine zweite Person in dem Gemache, welche neben dem Bette auf einem Stuhle saß und Ringe an neue
 Vorhänge nähte. Diese war keine andere als
 Gratia Poole.

Dort saß sie ruhig und schweigend, wie gewöhn
lich, in ihrem Kleide von braunem Wollenzeug, ihrer
 würfelten Schürze, in weißer Haube und weißem
 Tuche. Sie schien so sehr mit ihrer Arbeit beschäftigt, als ob dieselbe alle ihre Gedanken in An
spruch nehme. Auf ihrer harten Stirn und in ihren
 gewöhnlichen Zügen war nichts von den Ereignissen dieser Nacht zu lesen, nichts von der Niedergeschlagenheit, Reue oder Verbissenheit eines Weibes, welches 
erst vor wenigen Stunden einen Mordversuch gemacht,
dessen auserkorenes Opfer ihr bis in ihre Höhle gefolgt war und sie, wie ich bestimmt glaubte, wegen des versuchten Verbrechens zur Rede gestellt hatte.
 Ich war erstaunt und verlegen. Sie blickte auf, 
während ich sie noch ansah; kein Stutzen, kein Erröthen oder Erblassen verrieth ein Bewußtsein von
 Schuld. Sie sagte in ihrer gewohnten phlegmatischen 
und kurzen Weise: ,Guten Morgen, Miß,' nahm
 einen anderen Ring und fuhr zu nähen fort.
,Ich will sie auf die Probe stellen, dachte ich,
 eine solche Undurchdringlichkeit geht über alle Begriffe.
,Guten Morgen, Gratia, sagte ich. Ist hier 
etwas geschehen? Ich meinte, ich hätte vor einer 
Weile etwas dergleichen reden hören.
,Der Herr las in der letzten Nacht im Bette; er
 ließ das Licht brennen, als er einschlief, und die Vor
hänge fingen Feuer; aber zum Glück erwachte er noch rechtzeitig und löschte die Flamme mit dem Wasser 
aus seiner Waschschale.

,Eine seltsame Geschichte! sagte ich leise und
 fuhr fort, indem ich sie fest ansah, weckte Herr Ro
chester Niemanden? Hörte ihn Niemand, wie er sich 
bemühte, das Feuer zu löschen?

Sie erhob ihre Augen wieder zu mir und dies
mal schien sie sich getroffen zu fühlen. Sie beobachtete mich aufmerksam und antwortete dann:

, Die Dienerinnen schlafen so weit entfernt, wie 
Sie wissen, daß sie ihn nicht leicht hören konnten.
 Das Zimmer der Mistreß Fairfax und das Ihrige
 sind dem unseres Herrn am nächsten, Miß; aber
 Mistreß Fairfax sagt, sie habe nichts gehört. Wenn 
die Leute alt werden, haben sie oft einen festen Schlaf.
Sie schwieg und fuhr dann mit angenommener 
Gleichgültigkeit, aber in bedeutungsvollem und mar
kirtem Tone fort:
, Aber Sie sind jung, Miß, und haben wahr
scheinlich einen leichten Schlaf, vielleicht hörten Sie
 ein Geräusch?
, Ja, sagte ich und fügte mit leiserer Stimme
 hinzu, so daß Lea, die noch immer an den Fensterscheiben putzte, es nicht hören konnte, und Anfangs

glaubte ich, es sei Pilot; aber Pilot kann nicht lachen, 
und ich bin gewiß, daß ich ein Lachen hörte, und
 zwar ein sehr seltsames.

Sie nahm eine neue Nadel, fädelte mit sicherer
 Hand den Zwirn ein und sagte dann mit vollkom
mener Fassung:

, Es ist kaum wahrscheinlich, daß der Herr bei
 einer solchen Gefahr sollte gelacht haben. Sie haben 
ohne Zweifel geträumt, Miß.
, Ich habe nicht geträumt, entgegnete ich miteiniger Heftigkeit, denn ilhre eiserne Rulse brachte mich
 auf. Sie sah mich wieder mit demselben forschenden 
und bedeutungsvollen Blicke an.
, Haben Sie dem Herrn gesagt, daß Sie ein Ge
lächter gehört? fragte sie.
, Ich habe diesen Morgen noch nicht Gelegenheit
 gehabt, mit ihm zu redet.
, Sie dachten also nicht daran, Ihre Thür zu
 öffnen und auf die Gallerie hinauszublicken? fragte
 sie weiter.
Sie schien ein Verhör mit mir anzustellen und 
versuchte, was sie zu wissen wünschte, von mir heraus
zubringen. Da fiel mir plötzlich ein, wenn ich ihr
 entdeckte, daß ich um ihre Schuld wisse oder sie wenigstens in Verdacht habe, so würde sie mir wohl auch einen boshaften Streich spielen; ich hielt es also 
für rathsam, auf meiner Hut zu sein.
, Im Gegentheil, sagte ich, ich verriegelte meine 
Thür.
, So haben Sie also nicht die Gewohnheit, jede 
Nacht ihre Thür zu verriegelt, ehe Sie zu Bette 
gehen?
, Das böse Weib sucht meine Gewohnheiten zu
 erfahren, um daraus für ihre Pläne Nutzen zu ziehen, 
dachte ich.
Der Unwille trug wieder den Sieg über die 
Klugheit davon und ich entgegnete heftig:

, Bisher hielt ich es nicht für nöthig, den Riegel
 vorzuschieben, denn ich wußte nicht, daß irgend eine

Gefahr in Thornfield-Hall zu fürchten sei; aber künftig, 
fügte ich mit Nachdruck hinzu, werde ich meine Thür 
sorgfältig verriegeln, ehe ich mich niederzulegen wage.
, Das wird gerathen sein, war ihre Antwort,
 diese Gegend ist so ruhig, wie nur irgend eine, und
 ich hörte nie, daß in Thornfield-Hall ein Raubversuch
 gemacht worden wäre, obgleich für viele hundert Pfund
 Silberzeug im Silberschrank ist. Und sehen Sie, fürein so großes Haus sind sehr wenige Diener da, weil 
der Herr niemals lange hier bleibt, und wenn er herkommt, so bedarf er als einzelner Mann auch wenig 
Aufwartung; aber ich halte es für das Beste, lieber 
zu viel als zu wenig zu thun. Eine Thür ist bald
 geschlossen, und es ist immer gut, einen Riegel zwischen 
sich und jedem Unheil zu haben, welches einem be
gegnen kann.
Hier schloß sie ihre Rede, die für ihre gewöhnliche Wortkargheit sehr lang war, und ich stand völlig
 stumm da bei dem, was mir als wunderbare Selbst
beherrschung und raffinirte Heuchelei erschien.
Während des Mittagessens hörte ich kaum auf 
den Bericht der Mistreß Fairfax über den Brand, so
 sehr war mein Kopf mit Nachdenken über den räthselhaften Charakter der Gratia Poole, sowie über die
 Stellung, welche sie eigentlich in Thornfield einnehmen
 mochte, beschäftigt, und ich fragte mich, warum man
 sie am Morgen nicht in Gewahrsam gebracht, oderwenigstens aus dem Dienste entlassen habe. Herr Rochester hatte in der letzten Nacht seine Ueberzeugung 
von ihrer Strafbarkeit so gut wie ausgesprochen, 
welche geheimnisvolle Ursache hielt ihn denn zurück,
 sie anzuklagen? Warum hatte er mir Schweigen auferlegt? Es war auffallend. Ein kühner, rachsüchtiger 
und stolzer Herr schien auf irgend eine Weise in der 
Macht einer der niedrigsten seiner Untergebenen zu
 sein -- so sehr in ihrer Macht, daß, selbst wenn sieihre Hand gegen sein Leben erhob, er ihr den Ver
such nicht offen zur Last zu legen, und noch viel weniger sie deshalb zu bestrafen wagte
.

Wäre Gratia Poole jung und schön gewesen, so
 hätte ich auf den Gedanken kommen können, daß in
 Betreff ihrer Person zärtlichere Gefühle, als Klugheit 
oder Furcht, auf Herrn Rochester einwirkten; doch sie 
sah ältlich aus und hatte harte Gesichtszüge, es war 
also nicht an derartiges zu denken.

, Doch sie ist einst jung gewesen, dachte ich weiter
, und muß mit ihrem Herrn im gleichen Alter sein. 
Mistreß Fairfax sagte mir einst, sie wäre schon seit 
vielen Jahren hier. Ich glaube nicht, daß sie je 
hübsch gewesen sein kann, aber sie mag Eigenthümlich
keiten und Charakterstärke besitzen und dadurch für 
den Mangel persönlicher Vorzüge entschädigen. Herr 
Rochester liebt das Entschiedene und Excentrische: 
Gratia ist wenigstens excentrisch. Wie -- wenn eine 
frühere Laune -- die bei seinem lebhaften Temperament nicht unmöglich wäre -- ihn in ihre Macht
gegeben hätte, und sie jetzt vermöge derselben einen 
geheimen Einfluß auf ihn ausübte, wovon er sich nicht 
befreien könnte?
Als ich aber zu dieser Vermuthung gekommen
 war, stellte sich mir Gratia Poole's eckige und platte
 Gestalt, ihr unschönes und fast plumpes Gesicht so
 deutlich vor Augen, daß ich dachte:
, Nein, es ist unmöglich! Meine Annahme kann 
nicht richtig sein. Doch, sagte eine geheime Stimme
in mir, du bist auch nicht schön und vielleicht gefällst 
du Herrn Rochester dennoch, wenigstens ist es dir oft so vorgekommen; und bedenke nur seine Worte in der
 letzten Nacht -- seine Stimme!
Ich erinnerte mich an Alles, an seine Sprache, 
an seinen Blick, an seine Stimme, Alles drängte sich 
mir wieder lebendig in die Erinnerung. Ich warjetzt im Schulzimmer; Adele zeichnete; ich neigte mich
 über sie und leitete ihre Hand. Sie blickte fast erschrocken auf und fragte:
, Was ist Ihnen, Mademoiselle? Ihre Finger
 zittern wie ein Blatt und Ihre Wangen sind roth, ja,
 roth wie Kirschen.

, Das Blut ist mir vom Bücken in den Kopf ge
stiegen, Adele, antwortete ich.
Ich beeilte mich, die verhaßte Parallele hinsichtlich 
Gratia Poole's aus meinem Geiste zu verbannen. Ich 
verglich mich mit ihr und fand, daß wir sehr verschieden waren. Bessie Leaven hatte gesagt, ich sei 
eine vollkommene Dame, und sie hatte die Wahrheit
 gesprochen: ich war eine Dame. Und überdies sah
 ich jetzt viel besser aus, als da Bessie mich gesehen 
hatte, ich hatte mehr Farbe und mehr Fleisch, mehr 
Leben und Lebhaftigkeit, weil ich nicht ohne Hoffnungen und Freuden war.

, Der Abend kommt, sagte ich zu mir selber, als 
ich nach dem Fenster blickte. ,Ich habe heute weder
 Herrn Rochester's Stimme, noch seinen Schritt im
 Hause gehört; aber gewiß werde ich ihn vor Nacht noch sehen. Ich fürchtete die Begegnung
 am Morgen; jetzt wünsche ich sie, denn meine Er
wartung ist so lange getäuscht worden, daß ich mich 
ungeduldig fühle.

Als die Dämmerung vollständig hereingebrochen 
war und Adele mich verließ, um mit Sophie in derKinderstube zu spielen, sehnte ich mich lebhaft nach
 einem Wiedersehen mit Herrn Rochester. Ich wollte 
das Gespräch wieder auf Gratia Poole lenken und 
hören, was er antworten würde; ich wollte ihn ge
radezu fragen, ob er wirklich glaube, daß sie es gewesen, die in der letzten Nacht einen so teuflischen 
Versuch gegen sein Leben unternommen; und wenn
 es der Fall war, warum er dann ein Geheimnis aus
 ihrer schlimmen That mache. Es lag wenig daran,
 ob meine Neugierde ihn ärgerte; ich empfand Vergnügen daran, ihn abwechselnd zu reizen und wieder
 zu besänftigen und ein sicherer Instinct verhinderte 
mich stets, zu weit zu gehen. Während ich jede, auch
 die kleinste Förmlichkeit des Respects und der Schicklichkeit beobachtete, die meine Stellung mir vorschrieb,
 konnte ich ihm dennoch ohne Furcht oder Zwang be
gegnen. Dies gefiel ihm und mir.

Endlich knarrte die Treppe unter einem Fußtritt.
 Lea erschien, doch nur um mir anzukündigen, daß der
 Thee im Zimmer der Mistreß Fairfax bereitet sei.
 Dorthin begab ich mich, wenigstens froh, die Treppe
 hinuntergehen zu können, denn ich bildete mir ein, daß mich das Herrn Rochester näher bringe.
 

, Sie müssen nach Ihrem Thee Verlangen tragen, empfing mich die gute Dame. , Sie haben heute 

Mittag so wenig gegessen. Ich fürchte, Sie sind nichtwohl, Sie sehen roth und fieberhaft aus.

, O! ganz wohl; ich fühlte mich nie wohler.

, Dann müssen Sie es durch einen guten Appetit
 beweisen; wollen Sie den Theetopf füllen, während
 ich diese Nadel abstricke?
Als sie mit ihrer Arbeit zu Ende war, stand sie 
auf, um das Rouleau niederzulassen, was bisher noch nicht geschehen war, weil sie vermuthlich das Tageslicht so lange als möglich benutzen wollte, obgleich die
Dämmerung bereits in völlige Dunkelheit überging.
, Wir haben heute einen schönen Abend, wenn
s auch nicht sternenhell, sagte sie, indem sie durch die
 Scheiben blickte, Herr Rochester hat im Ganzen einen 
günstigen Tag zu seiner Reise gehabt.

, Reise! -- ist Herr Rochester denn verreist? Ich
 wußte nicht einmal, daß er nicht zu Hause sei.
, O! er reiste gleich nach dem Frühstück ab! Er
 ist nach Leas gegangen, wo Herr Eshton wohnt, zehn 
Meilen über Millcote hinaus. Ich glaube, es ist dort 
eine ziemlich zahlreiche Gesellschaft beisammen: Lord 
Ingram, Sir George Lynn, Oberst Dent und Andere.

, Erwarten Sie ihn diesen Abend zurück?
, Nein -- auch morgen nicht; ich denke, er wird
 wahrscheinlich eine Woche oder länger dort bleiben. 
Wenn diese feinen Leute zusammenkommen, unterhalten
 sie sich so gut, daß sie sich nicht so bald trennen, und
 Herr Rochester ist ein so ausgezeichneter Gesellschafter, 
daß ich glaube, er ist ein allgemeiner Liebling. Die Damen haben ihn sehr gern, obgleich Sie vielleicht der Ansicht sind, daß sein Aeußeres ihn nicht begehrenswerth erscheinen läßt; aber ich vermuthe, seine 
Talente sowie sein Reichthum und seine gute Herkunft machen jeden kleinen Fehler seines Aeußeren 
wieder gut.

, Befinden sich Damen in Leas?

, Da sind Mistreß Eshton und ihre drei eleganten 
jungen Töchter -- und da sind auch Blanca und 
Maria Ingram, sehr schöne Damen vermuthe ich, 
denn Blanca habe ich vor sechs oder sieben Jahren
 gesehen, als sie ein Mädchen von achtzehn Jahren
 war. Sie kam zu einem Weihnachtsball hierher, den
 Herr Rochester gab. Ich glaube fast, es waren fünfzig 
Damen und Herren da, -- alle aus den ersten 
Familien der Grafschaft, und Miß Ingram galt für 
die schönste von Allen.
, Wie sah sie aus?
, Sie war groß, hatte einen schönen Oberkörper 
und breite Schultern; einen schlanken, graziösen Hals; 
eine dunkle und klare olivenfarbige Haut, edle Züge 
und Augen, denen des Herrn Rochester sehr ähnlich,
 groß und schwarz und so glänzend wie ihre Juwelen.
 Und dann hatte sie so schönes Haar, rabenschwarz 
und zierlich geordnet. Sie war ganz weiß gekleidet 
und trug eine ambrafarbige Blume im Haar, die 
sehr gut gegen die dunkle Fülle ihrer Locken abstach.
, Sie wurde natürlich sehr bewundert?

, Ei freilich! und nicht allein ihrer Schönheit, 
sondern auch ihrer Talente wegen. Sie war eine 
von den Damen, welche sangen; ein Herr begleitete sie auf dem Piano und sie und Herr Rochester sangen 
ein Duett.
, Herr Rochester! ich wußte nicht, daß er singen 
könne.
, O! er hat eine schöne Baßstimme und ein feines 
Ohr für Musik.
, Und was hatte Miß Ingram für eine Stimme?

, Eine volle und kräftige, sie sang zum Entzücken, 
es war ein Genuß, sie anzuhören -- und dann spielte 
sie auch -- Ich habe kein Urtheil über Musik, aber ich


hörte Herrn Rochester sagen, daß ihr Vortrag außerordentlich gut gewesen sei.
, Und diese schöne und talentvolle Dame ist noch 
nicht verheiratet?
, Es scheint nicht so. Ich glaube, sie und ihre
 Schwester haben beide kein großes Vermögen. Die 
Besitzungen des alten Lord Ingram waren größtentheils 
unveräußerlich und der älteste Sohn erhielt fast Alles.
, Aber es wundert mich, daß sich nicht irgend ein
 reicher Herr in sie verliebt hat, Herr Rochester zum
 Beispiel. Er ist reich, nicht wahr?
, O ja. Aber sehen Sie, es ist ein großer Unter
schied im Alter, Herr Rochester ist beinahe vierzig, und 
sie erst fünfundzwanzig.
, Was thut denn das? Es werden alle Tage
 noch viel ungleichere Verbindungen geschlossen.
, Das ist wahr; doch kann ich mir nicht recht 
vorstellen, daß Herr Rochester einen solchen Gedanken 
hegt. -- Aber Sie essen ja gar nichts zu Ihrem Thee.
Ich war im Begriff, auf die Wahrscheinlichkeit 
einer Verbindung zwischen Herrn Rochester und der schönen Blanca zurückzukommen; aber Adele erschien
 jetzt, und die Unterhaltung nahm eine andere Richtung.

Als ich wieder allein war, überdachte ich das
 eben Gehörte, was mir so völlig neu war. Ich blickte 
in mein Herz, prüfte seine Gefühle und war bemüht,
 diejenigen, welche sich in das unbegrenzte und pfadlose Gebiet der Phantasie verirrt hatten, mit fester
 Hand in die sicheren Grenzen des gesunden Verstandes 
zurückzuführen.
Vor meine eigenen Gerichtsschranken geführt, hatte 
ich mir eingestanden, welche Hoffnungen, Wünsche und Gefühle ich seit der letzten Nacht in mir hatte 
aufkommen lassen und welchem allgemeinen Gemüths
zustand ich mich seit beinahe vierzehn Tagen hingegeben
 hatte; die Vernunft war nun in ihre Rechte getreten
 und hatte in ihrer klaren Weise mir unnachsichtlich
 vorgehalten, wie ich die Wirklichkeit verworfen hatte
 und dem Ideal nachgejagt war. Und da sprach ich


folgendes Urtheil: , Daß eine größere Thörin als
 Johanna Eyre niemals auf diesem Erden rund geathmet und daß keine phantastische Idiotin jemals in 
süßeren Lügen geschwelgt habe.
, Dich sollte Herr Rochester mit günstigen Blicken
 ansehen? sagte ich. , Du solltest mit der Macht ausgerüstet sein, ihm zu gefallen? Gelegentliche Gunst
bezeugungen, die ein Herr von Stand und ein Welt
mann einer Untergebenen und Novize zu erkennen
 gegeben, hast du ernst genommen? Armes, thörichtes 
Ding! Du wiederholtest dir diesen Morgen die kurze 
Scene der letzten Nacht? Verhülle dein Gesicht und
 schäme dich! Blinde Puppe! öffne deine geblendeten 
Augen! Es ist für kein Mädchen gut, wenn ihr Vor
gesetzter ihr schmeichelt, da es nicht zu erwarten steht,
 daß er die Absicht hat, sie zu heiraten, und es ist
 Wahnsinn bei allen Frauen, wenn sie zugeben, daß
 eine geheime Liebe sich in ihnen entzündet, die, wenn
 sie unerwidert und unverstanden bleibt, ihr innerstes
 Leben verzehren muß und die, wenn sie entdeckt und
erwidert wird, gleich einem Irrlicht in Wildnisse führen
 muß, aus welchen kein Ausgang ist.

,So höre denn dein Urtheil an, Johanna Eyre, 
stelle morgen den Spiegel vor dich und zeichne getreu
 dein eigenes Bild, ohne einen einzigen Mangel zu
 mildern, ohne eine harte Linie auszulassen oder eine 
unangenehme Unregelmäßigkeit zu glätten, und schreibe 
darunter: Porträt einer armen und einfachen Erzieherin
 ohne Verwandte und Freunde.
, Dann nimm deine Palette, mische deine frischesten,
 schönsten, klarsten Farben, wähle deine zartesten Pinsel
 und male mit Sorgfalt das lieblichste Gesicht, welches 
du nur erdenken kannst; male es mit den sanftesten
 Schatten und den glänzendsten Lichtern nach der Be
schreibung, die dir Mistreß Fairfax von Blanca Ingram 
gegeben, erinnere dich ihrer dunklen Locken, ihres
 orientalischen Auges; erinnere dich der harmonischen
 Züge, des griechischen Halses und der Büste, laß den
 runden und schimmernden Arm sichtbar sein und die
 zarte Hand, laß nicht den Diamantring noch das
 goldene Armband fehlen; füge gewissenhaft die Gewandung von luftigem Spitzengewebe und schimmerndem Atlas, die graziöse Schärpe und die goldene Rose
 hinzu und nenne dieses Bild Blanca, eine vollendete 
Dame hohen Ranges.
, Wenn du künftig dir einbilden solltest, Herr
 Rochester denke gut von dir, so halte dir beide Ge
mälde vor Augen, vergleiche sie mit einander und 
sage: Herr Rochester könnte die Liebe jener edlen 
Dame höchst wahrscheinlich gewinnen, wenn er danach 
streben wollte -- ist es aber wahrscheinlich, daß er 
einen ernsthaften Gedanken an ein dürftiges und un
bedeutendes Mädchen bürgerlichen Standes verschwenden sollte?
, Das werde ich thun, beschloß ich und als ich
 diesen Entschluß gefaßt hatte, wurde ich ruhig und
 schlief ein.
Ich hielt mein Wort. Ein oder zwei Stunden
 reichten hin, mein eigenes Porträt zu skizziren, und in
 vierzehn Tagen hatte ich ein Miniaturbild einer ein
gebildeten Blanca Ingram vollendet. Es war in derThat ein liebliches Gesicht und mit meinem eigenen,
 mit Bleistift gezeichneten Kopfe verglichen, war der
 Contrast so groß, wie die Selbstdemüthigung ihn nur
 wünschen konnte. Die Beschäftigung war wohlthätig
 für mich, sie hatte meinen Kopf und meine Hände in
 Thätigkeit gesetzt und den neuen Eindrücken, die ich
 unauslöschlich meinem Herzen einzuprägen wünschte,
 Kraft und Festigkeit verliehen.
Bald hatte ich Grund, mir zu der heilsamen 
Disciplin, zu der ich meine Gefühle gezwungen, Glück 
zu wünschen; ihr hatte ich es zu danken, daß ich im
 Stande war, den folgenden Ereignissen mit einer Ruhe
 zu begegnen, die ich wahrscheinlich nicht einmal äußerlich aufrecht zu erhalten vermocht hätte, wäre ich von
diesen Ereignissen unvorbereitet überrascht worden.


Siebzehntes Capitel
.
Keine Woche verging und es kam keine Nachricht
 von Herrn Rochester, zehn Tage und es war
 noch immer keine da. Mistreß Fairfax sagte, es würde
 sie nicht wundern, wenn er von Leas geradezu nach 
London und von dort nach dem Continent gereist wäre 
und in einem Jahre sein Gesicht in Thornfield nicht
 wieder zeige, es sei schon oft vorgekommen, daß er
 auf ebenso plötzliche und unerwartete Weise abgereist 
sei. Als ich dies hörte, empfand ich eine seltsame
 Kälte und Muthlosigkeit im Herzen. Ich überließ 
mich wirklich einem betäubenden Gefühle fehlgeschlagener Hoffnung, aber meine Kräfte sammelnd und 
meiner Grundsätze mich erinnernd, kam ich alsbald
 wieder in's Gleichgewicht.
, Du hast nichts weiter mit dem Herrn von
 Thornfield zu thun, sagte ich mir, als das Gehalt in Empfang zu nehmen, welches er dir für den Unterricht und die Erziehung Adele’s gibt, und für eine respectvolle und freundliche Behandlung dankbar zu sein, die du, wenn du deine Pflicht thust, von ihm
 mit Recht erwarten kannst. Präge dir ein, daß dies
 das einzige Band ist, welches er im Ernste zwischen sich und dir anerkennt, und darum mache ihn nicht
 zum Gegenstande deiner schönen Gefühle, deines Entzückens, deiner Schmerzen u. s. w. Er ist nicht von
 deinem Stande, halte dich zu deinesgleichen und achte dich zu sehr, um die besten Gefühle deines Herzens und deiner Seele an diesen Mann zu verschwenden, der solcher nicht bedarf und sie mit Verachtung zurückweisen würde.

Ich fuhr fort, meine täglichen Pflichten zu er
füllen, aber von Zeit zu Zeit fielen mir Gründe ein,
 Thornfield zu verlassen, ich dachte an einen Wechsel
 meiner Stellung und entwarf wiederholt eine Ankündung für die Zeitung.
Herr Rochester war etwa vierzehn Tage abwesend
 gewesen, als Mistreß Fairfax mit der Post einen Brief 
erhielt.
, Er ist vom Herrn, sagte sie, die Aufschrift be
trachtend. , Jetzt werden wir vermuthlich erfahren,
 ob wir seine Rückkehr zu erwarten haben oder nicht.
Während sie das Siegel erbrach und den Inhalt
 las, trank ich meinen Kaffee, denn wir saßen beim Frühstück. Er war heiß und diesem Umstande schrieb 
ich die feurige Glut zu, die plötzlich mein Gesicht
 färbte. Warum meine Hand zitterte? Das zu er
gründen, hielt ich nicht der Mühe werth.
, Nun, zuweilen denke ich, es ist zu still hier; aber 
jetzt haben wir zu erwarten, daß wir wenigstens auf
 eine Weile genug zu thun haben werden, sagte Mistreß Fairfax, den Brief noch vor ihre Brille haltend.
 Ehe ich eine Frage that, band ich Adelens Schürze 
zu, welche aufgegangen war, und nachdem ich ihr noch
 ein Stück Kuchen gegeben und ihre Tasse mit Milch
 gefüllt hatte, sagte ich nachlässig:
, Herr Rochester wird also wohl bald zurück
kehren?
, Freilich -- in drei Tagen, schreibt er; das heißt, 
am nächsten Donnerstag, und er kommt nicht allein,
 sondern bringt vornehme Gesellschaft aus Leas mit.
 Ich soll die besten Schlafzimmer in Bereitschaft halten und 
die Bibliothek und die Gesellschaftszimmer ausräumen. 
Ich soll mehr Leute für die Küche anstellen und diese 
aus Millcote oder sonst woher kommen lassen. Die 
Damen werden ihre Mädchen und die Herren ihre
 Diener mitbringen, so werden wir freilich das Haus
voll haben.

Die nächsten drei Tage brachten, wie sich erwarten 
ließ, Geschäftigkeit genug. Es wurden drei Frauen
 zur Aushilfe aufgenommen, und ein solches Scheuern,
 Bürsten, Waschen, Aufnageln von Teppichen, ein so 
eifriges Poliren von Spiegeln und Leuchtern, ein so 
häufiges Anzünden von Feuern in den Schlafzimmern
 und Auslüften von Decken und Federbetten sah ich
 nie vorher oder nachher. Adele rannte wie wild um
her während aller dieser Vorbereitungen. Die Aus
sicht auf die Ankunft des zahlreichen Besuches schien 
sie in Entzücken zu versetzen. Sophie mußte ihre ganze
 Garderobe mustern, alles Abgetragene aus bessern und
 neu ordnen. Adele selber that nichts weiter, als daß
 sie in den Vorderzimmern herumsprang, auf die Betten 
hüpfte und sich auf die Matratzen und Kissen warf,
 die vor den ungeheuren Feuern aufgehäuft waren,
 welche man in den Kaminen angezündet hatte. Von
 Schulpflichten war sie befreit. Mistreß Fairfax hatte
 mich in ihren Dienst genommen, und ich war denganzen Tag in der Speisekammer, wo ich ihr und der
 Köchin half, Eierrahm, Käsekuchen, französische Pasteten und Wildbret zu bereiten und wo ich Dessertkuchen backen lernte. 
Die Gesellschaft wurde am Donnerstag Nachmittag
 um sechs Uhr zur Mittagstafel erwartet. Ich hatte
 nicht Zeit, meinen Träumen nachzuhängen, und ich
 glaube, ich war so thätig und heiter wie nur irgend
s eine -- Adele ausgenommen.
Von Zeit zu Zeit wurde meine Heiterkeit gedämpft,
 und wider meinen Willen überschlichen mich Befürchtungen und dunkle Vermuthungen. Dies geschah, wenn
 ich die Treppenthür zum dritten Stock, die in der letzten
 Zeit immer verschlossen gewesen, sich langsam öffnen
 und die Gestalt Gratia Poole's in zierlicher Haube
 und weißer Schürze erscheinen sah, wenn sie in ihren
s Tuchschuhen leise die Gallerie dahinschlich und in das
 geschäftige Treiben blickte, um den Frauen Winke zu
 geben, wie man am besten ein marmornes Kaminsims reinigen oder Flecken von den Tapeten wegbringen könne. Dann ging sie weiter, stieg einmal 
täglich in die Küche hinunter, verzehrte ihr Mittag
essen und kehrte nach ihrem ungemüthlichen Aufenthaltsorte zurück, ihren Porterkrug als Tröster mitnehmend. Die ganze übrige Zeit hielt sie sich in einem
 mit Eichenholz getäfelten Zimmer mit niedriger Decke 
im zweiten Stock auf, dort saß sie, mit Nähen beschäftigt, so einsam wie ein Gefangener in seinem Kerker, und
 wahrscheinlich vertrieb sie sich die Zeit mit Lachen.
Das Seltsamste war, daß außer mir keine Seele 
im Hause auf ihre Gewohnheiten achtete oder sich gar
 darüber wunderte. Einmal hörte ich Lea und eine
 der zur Aushilfe angenommenen Frauen sich über
Gratia unterhalten. Ich hatte nicht vernommen, was 
Lea eben gesagt haben mochte, sondern hörte nur die 
Frau darauf antworten:
, Sie wird einen guten Lohn bekommen, sollte
 ich denken?
, Ja, sagte Lea, ich wollte, ich bekäme so viel; 
nicht als hätte ich mich über den meinigen zu beklagen -- denn man ist nicht karg in Thornfield -- 
aber es ist nicht der fünfte Theil von dem, was Mist
reß Poole erhält. Sie macht Ersparnisse und alle
Vierteljahre trägt sie diese auf die Bank nach Millcote.
 Es sollte mich nicht wundern, wenn sie sich schon so
viel erspart hätte, um unabhängig leben zu können,
 aber ich vermuthe, sie hat sich an den Ort gewöhnt;
 und überdies ist sie noch nicht vierzig, dabei sehr rüstig
 und zu allen Arbeiten fähig.
, Sie ist nicht dumm, vermuthe ich, sagte die Frau.

, Ach! sie weiß, was sie zu thun hat, Niemand
 weiß es besser, versetzte Lea bedeutungsvoll, doch 
möchte nicht Jede in ihre Schuhe treten um all dasGeld, welches sie bekommt.
, Gewiß nicht! war die Antwort. , Es soll mich
 wundern, ob der Herr --
Als die Frau sich weiter aussprechen wollte, wendete sich Lea um, bemerkte mich und gab ihrer Dienstgenossin einen Stoß mit dem Ellbogen.

, Weiß sie es nicht hörte ich die Frau flüstern.
 Lea schüttelte den Kopf, und die Unterhaltung 
verstummte. Alles, was ich daraus erfahren hatte,
 war, daß ein Geheimnis in Thornfield herrschte, und
 daß man mir dieses verschwieg.

Der erwartete Donnerstag war herangekommen. A
lle Vorbereitungen waren am vorhergehenden Abend 
vollendet worden, und Zimmer und Salons sahen so 
frisch und glänzend aus, wie menschliche Hände sie 
nur machen konnten. Im Speisezimmer strahlte der
 Seitentisch von Silbergeschirr, und Gesellschaftszimmer
 und Boudoir waren mit exotiscen Blumen in kost
baren Vasen ausggeschmückt.
Der Nachmittag kam, Mistreß Fairfax legte ihr
 bestes schwarzseidenes Kleid, ihre Handschuhe und ihre
 goldene Uhr an, denn es war ihre Obliegenheit, dieGäste zu empfangen, die Damen in ihre Zimmer zu
führen u. s. w. Auch Adele wollte der Gelegenheit 
entsprechend angekleidet sein, obgleich ich es nicht für 
wahrscheinlics hielt, daß sie gleich am ersten Tage in
 die Gesellschaft werde eingeführt werden. Um ihr indessen eine Freude zu machen, gestattete ich Sophie, 
ihr eins von ihren kurzen Mousselinkleidern anzuziehen.
Was mich betraf, so hielt ich es für unnöthig, mich 
umzukleiden, denn es stand nicht zu erwarten, daß man
 mich auffordern werde, das Heiligthum meines Zimmers 
zu verlassen.
Es war ein milder und heiterer Frühlingstag gewesen, einer von jenen Tagen, wie sie sich gegen Ende
 März oder Anfang April als Vorboten des Sommers
 einzustellen pflegen. Der Abend war warm, und ich
 saß bei offenem Fenster im Schulzimmer.
, Es wird spät, sagte Mistreß Fairfax, in rauschendem Staat eintretend. , Ich that recht daran,
 das Mittagessen auf eine Stunde später zu bestellen,
 denn es ist jezt schon sechs Uhr. Ich habe John
 zum Thor hinuntergeschickt, um zu sehen, ob auf dem
 Wege etwas zu bemerken ist, denn man kann von dort
 weit nach Millcote hin sehen.

Sie ging zum Fenster. , Da ist er, sagte sie.

, Nun, John, was gibt's Neues? rief sie hinab, sich 
zum Fenster hinauslehnend.
, Sie kommen, Madame, war die Antwort, inzehn Minuten werden sie hier sein.
Adele eilte zum Fenster. Ich folgte, stellte mich 
aber auf die Seite, so daß ich, vom Vorhange geschützt,
 sehen konnte, ohne gesehen zu werden.
Die zehn Minuten, die John angegeben, schienen
 sehr lang, aber endlich hörte man das Geräusch von
 Wagenrädern; vier Reiter galoppirten den Weg daher,
 und nach ihnen kamen zwei offene Wagen, aus denen
 Schleier flatterten und Federn wehten. Zwei von den
 Reitern waren junge, vornehm aussehende Herren,
 der dritte war Herr Rochester, auf seinem schwarzenPferde Messour. Pilot sprang vor ihm her. An Rochesters Seite ritt eine Dame. Ihr Reitkleid berührtefast den Boden. Volle schwarze Ringellocken zeigten 
sich durch ihren durchsichtigen Schleier.
, Miß Ingram! rief Mistreß Fairfax und eiltefort, um unten ihren Posten einzunehmen.
Die Reiter folgten der Wendung des Weges und
 bogen rasch um die Ecke des Hauses, wo ich sie aus 
den Augen verlor.
Eine freudige Bewegung war bald in der Vorhalle hörbar, tiefe und silberhelle Stimmen verschmolzen
 sich, und vor Allen, obgleich nicht zu laut, machte sich
 die volltönende Stimme des Herrn von Thornfield 
Hall hörbar, der seine Gäste unter seinem Dache be
willkommnete. Dann kamen leichte Schritte die Treppeherauf und trippelten durch die Gallerie; ich vernahm
 sanftes und heiteres Lachen, dann wurden Thüren
geöffnet und geschlossen, und für den Augenblick war 
alles still.
, Sie wechseln ihre Toilette, sagte Adele, die
 aufmerksam horchte.
, Wenn bei Mama Gesellschaft war, fügte sie
 seufzend hinzu, so folgte ich den Damen überall, inden Salon und in ihre Zimmer; oft sah ich zu, wie

die Kammerjungfern die Damen frisirten und anklei
deten, und das war unterhaltend, und man lernte
 Manches dabei.
, Hast du keinen Hunger, Adele?

, Ei ja, Mademoiselle, wir haben ja seit fünf
 oder sechs Stunden nichts gegessen.
, Nun gut, während die Damen in ihren Zimmern
 sind, will ich hinuntergehen und etwas zu essen 
holen.

Und mit Vorsicht aus meinem Asyl hervortretend,
 suchte ich die Hintertreppe auf, die geradezu in die 
Küche hinunterführte. Hier gab es nichts als Feuer 
und Bewegung; im Dienerzimmer saßen und standen
 zwei Kutscher und drei Bedienten um den Kamin; 
die Hofen waren vermuthlich bei ihren Damen, und
 die Frauen, die man zur Aushilfe in Millcote ge
dungen, waren überall beschäftigt. Durch dieses Chaos
 gehend, erreichte ich endlich die Speisekammer, setztemich in den Besitz eines kalten Hühnchens, eines
 Brötchsens und einiger kleinen Torten und trat mit
 dieser Beute hastig meinen Rückzug an. Ich hatte 
die Gallerie erreicht und machte eben die Hinterthür
 wieder zu, als ein gewisses Geräusch mir verkündete,
 daß die Damen im Begriff seien, ihre Zimmer zu verlassen. Ich konnte nicht zum Schulzimmer gelangen,
 ohne an einigen von ihren Thüren vorüberzukommen 
und mit meiner Ladung von Lebensmitteln überrascht
 zu werden. Ich blieb also an diesem Ende des Ganges 
stehen, welches dunkel war, da es kein Fenster hatte,
 und wohin jetzt, da die Sonne untergegangen war, 
kein Licht drang.
In diesem Augenblick traten die schönen Bewohne
rinnen nach einander aus ihren Zimmern, und ihre 
hellen, luftigen Kleider schimmerten durch die Dämmerung. Einen Augenblick standen sie in Gruppen beisammen am anderen Ende der Gallerie, unterhielten 
sich mit gedämpfter Lebhaftigkeit und stiegen dann, 
fast so geräuschlos wie ein heller Nebel den Hügel h
inunterrollt, die Treppe hinab. Ihr Erscheinen hatte

einen Eindruck von vornehmer Eleganz hervorgerufen, wie ich ihn noch nie empfangen.
Ich überraschte Adele, wie sie aus der Thür des 
Schulzimmers, die sie ein wenig geöffnet hatte, hervorblickte.
, Was für schöne Damen! rief sie in englischer
 Sprache. , O! ich wollte, ich dürfte zu ihnen gehen.
 Glauben Sie nicht, Herr Rochester werde uns nach
 der Mittagstafel rufen lassen?
, Nein, das glaube ich nicht; Herr Rochester hat 
an ganz Anderes zu denken. Laß' die Damen nur
 für diesen Abend, vielleicht wirst du sie morgen sehen, 
hier ist etwas für dich zu essen.
Sie war wirklich hungrig, und das Hühnchen und
 die Torten dienten eine Zeitlang dazu, ihre Aufmerk
samkeit abzulenken. Es war gut, daß ich mir diese
 Lebensmittel zu verschaffen gewußt, sonst würden wir
 und Sophie, der ich einen Theil unseres Vorrathes 
überbrachte, wohl gar nichts zu essen bekommen haben,
 denn unten war Alles zu sehr beschäftigt, um an uns
 zu denken. Ich erlaubte Adelen, viel länger als gewöhnlich aufzubleiben, denn sie erklärte, sie könne nicht
 schlafen, während die Thüren unten beständig auf-
 und zugemacht wurden, und die Leute ein- und ausliefen. Ueberdies, meinte Adele, könne möglicherweise 
eine Einladung von Herrn Rochester kommen, und wie
 schade würde es sein, wenn sie dann schon aus
gekleidet wäre.
Ich erzählte ihr Geschichten, so lange sie zuhören 
wollte, und nahm sie dann zur Abwechslung in die Gallerie. Die Lampe in der Vorhalle war jetzt angezündet, und Adele unterhielt sich damit, über das Treppengeländer zu blicken und die Diener hin- und
 hergehen zu sehen. Als der Abend schon weit vorgerückt war, hörten wir Klavierspiel im Gesellschaftszimmer, wohin man das Pianoforte gebracht hatte. 
Adele und ich sezten uns auf die oberste Stufe der
 Treppe, um zu lauschen. Plötzlich vereinte sich eine Stimme mit den vollen Klängen des Instrumentes,

es war eine Dame, welche sang, und ihre Töne 
klangen sehr lieblich. Auf das Solo folgte ein Duett,
und ein heiteres Gemurmel der Unterhaltung füllte 
die Pausen aus. Ich horchte lange und entdeckte 
plötzlich, daß mein Olhr damit beschäftigt war, durc
h die verworrenen Töne hindurch die Stimme des 
Herrn Rochester herauszufinden.

Die Uhr schlug elf. Ich sah Adele an, die ihren 
Klopf an meine Schulter lehnte; ihre Augenlider
 wurden schwer, und ich trug sie in meinen Armen zu
 Bette. Es war fast ein Uhr, ehe die Herren und 
Damen ihre Zimmer aufsuchten.
Der nächste Tag war ebenso schön, wie der
vorhergehende, und die Gesellschaft hatte ihn zu 
einem Ausfluge nach einem benachbarten Landsitze 
bestimmt. Man machte sich am Vormittag früh auf
 den Weg. Einige waren zu Pferde und die Uebrigen 
im Wagen, und ich beobachtete ihre Abfahrt und
 Rückkehr. Auch heute war Miß Ingram die einzige 
Reiterin, und wie gestern galloppirte Herr Rochester
an ihrer Seite. Beide hatten sich ein wenig von den
 Uebrigen getrennt. Auf diesen Umnstand machte ich
 Mistreß Fairfax aufmerksam, die mit mir am Fenster
 stand.
, Sie sagten, es wäre nicht wahrscheinlich, daß
 Herr Rochester an eine Heirat mit Miß Ingram 
dächte, bemerkte ich, aber Sie sehen, wie er sie 
offenbar den anderen Damen vorzieht.
, Ja, ohne Zweifel bewundert er sie.

, So wie sie ihn, fügte ich hinzu, sehen Sie
 nur, wie sie ihren Kopf zu ihm hinneigt, als ob sie
 sich sehr vertraut mit ihm unterhielte! Ich wollte,
 ich könnte ihr Gesicht sehen; ich habe es bisher nicht
 betrachten können.
, Sie werden sie diesen Abend sehen, antwortete
 Mistreß Fairfax. , Ich erzählte Herrn Rochester beiläufig, wie sehr Adele wünsche, bei den Damen ein
geführt zu werden, und er erwiderte: O! lassen
 Sie das Kind nach der Tafel in das Gesellschaftszimmer kommen und bitten Sie Miß Eyre, Sie zubegleiten.
, Ja -- das letztere sagte er wohl nur aus Höflichkeit,
 antwortete ich, darauf hin sollte ich nicht gehen.
, O nein; ich sagte ihm, Sie wären nicht an 
Gesellschaft gewöhnt und würden nicht gern vor einer
 so vornehmen Gesellschaft erscheinen, die Ihnen gan z
fremd wäre; da antwortete er auf seine rasche Weise:
 Unusinn! wenn Sie Einwendungen macht, so sagen Sie ihr, es wäre mein aus drücklicer Wunsch, und
 wenn sie sich widersetze, würde ich zur Strafe selbst kommen und sie holen.
, Diese Mühe will ich ihm ersparen, antwortete
 ich. , Ich will gehen, wenn es nicht anders sein kann,
 aber gern thue ich es nicht. Werden Sie auch dort
 sein, Mistreß Fairfax?
, Nein, ich entschuldigte mich, und er nahm 
meine Entschuldigung an. Ich will Ihnen sagen, wie
 Sie es machen können, um nicht vor die versammelte 
Gesellschaft treten zu müssen, was das Unangenehmste bei der ganzen Sache ist. Sie müssen in das Gesellschaftszimmer gehen, so lange es noch leer ist; und 
ehe die Damen die Tafel verlassen, wählen Sie sich 
Ihren Sitz in einem ruhigen Winkel. Und wenn Sie
 nicht wollen, brauchen Sie nicht lange nach dem 
Eintritt der Herren dort zu bleiben; es genügt, wenn
 Herr Rochester sieht, daß Sie da sind, und Niemanden
 wird es auffallen, wenn Sie sich dann fortschleichen.
, Glauben Sie, daß diese Leute lange hier bleiben
 werden?
, Vielleicht zwei oder drei Wochen, gewiß nicht
 länger. Nach den Osterferien muß Sir George Lynn,
 der kürzlich zum Parlamentsmitglied für Millcote ge
wählt wurde, nach London gehen und seinen Sitz
 einnehmen. Ich denke, Herr Rochester wird ihn begleiten, denn es wundert mich, daß er sich schon so
lange in Thornfield aufgehalten hat.

Mit einigem Beben sah ich der Stunde entgegen, wo ich mit meiner Schülerin im Gesellscaftszimmer erscheinen sollte. Adele war den ganzen Tag 
in größter Erregung gewesen, nachdem sie gehört
 hatte, daß sie am Abend den Damen solle vorgestellt 
werden. Erst als Sophie sie anzukleiden begann,
 machte die Wichtigkeit dieser Vorbereitungen sie gesetzter, und sobald sie ihr rothseidenes Kleid, ilhre 
lange Schärpe und ihre Spitzenhandschuhe anhatte,
 setzte sie sich ruhig auf ihren kleinen Stuhl nieder und
 gab sorgfältig acht, ihr schönes Atlasröckchen nicht
 zu zerdrücken, woraus ich die Beruhigung schöpfte,
 daß sie nicht eher aufstehen werde, als bis ich bereit
 sei. Dies war schnell geschehen, mein bestes Kleid -- 
das silbergraue, welches ich mir zu Miß Temple's
 Hochzeit gekauft und seitdem nicht wieder getragen 
hatte -- war bald angezogen, mein Haar bald ge
ordnet und mein einziger Schmuck, die Brosche mit der 
Perle, bald angesteckt. Und nun gingen wir hinunter.
Zum Glück gab es noch einen anderen Eingang 
zu dem Gesellschaftszimmer, als durch den Speisesaal,
 wo Alle bei der Tafel saßen. Wir fanden das Zimmer 
leer; ein großes Feuer brannte still in dem marmornen Kamin, und Wachskerzen schimmerten unter 
den ausggesuchten Blumen, womit die Tische ge
schmückt waren. Der karmoisinrothe Vorhang wallte 
von dem hohen Thürbogen herab; so leicht die
 Scheidewand war, die diese Draperie zwischen den
 beiden Zimmern bildete, so konnte man doch von
 der Unterhaltung, welche im Salon geführt wurde,
 nichts weiter als ein gedämpftes Gemurmel vernehmen, da leise gesprochen wurde.
Adele setzte sich auf einen Fußschemel nieder, den
 ich ihr angewiesen. Ich zog mich in eine Fenster
vertiefung zurück, nahm ein Buch von einem Tische
 und versuchte zu lesen. Adele rückte ihren Schemel zu
 meinen Füßen hin und berührte bald darauf mein Knie.
, Was willst du, Adele?
, Darf ich nicht eine von diesen prächtigen Blumen 
ehmen, Mademoiselle? Nur um meine Toilette zu v
ervollständigen.

, Du denkst zu viel an deine Toilette, Adele;
 aber du sollst eine Blume haben.
Und ich nahm eine Rose aus einer Vase und
 befestigte sie an Adelen's Gürtel. Sie seufzte vor un
aussprechlicher Wonne, als sei der Kelch ihres 
Glückes jetzt voll. Ich wendete mein Gesicht ab, um 
ein Lächeln zu verbergen. Es lag etwas Komisches 
und doch wieder Trauriges in der Wichtigkeit, womit die kleine Pariserin die Angelegenheiten der
 Toilette behandelte.
Ein gedämpftes Stuhlrücken verkündete jetzt, daß
 sich die Gesellschaft von der Tafel erhob; der Vor
hang des Thürbogens wurde zurückgeschlagen, durc
h welchen sich das Speisezimmer zeigte. Das Silber
 und Glas eines prächtigen Dessertservice, womit ein 
langer Tisch bedeckt war, erstrahlte im Lichte der
 Kronleuchter. Eine Gruppe von Damen trat ein, und
 der Vorhang fiel hinter ihnen zu.
Es waren ihrer acht. Einige von ihnen waren
 sehr groß, die meisten weiß gekleidet, und Alle hatten 
eine Fülle von Putz an sich, wodurch ihre Personen
 vergrößert wurden, wie ein Nebel den Mond ver
größert. Ich stand auf und verneigte mich gegen sie. Einige nickten mir zu, die Anderen aber starrten mich 
nur an.
Sie zerstreuten sich im Zimmer. Einige warfen 
sich in halb liegender Stellung auf die Sophas und 
Ottomanen, Andere neigten sich über die Tische und
 betrachteten die Blumen und Bücher; die Uebrigen
 sammelten sich in einer Gruppe um das Feuer, und
 Alle sprachen in leisem aber deutlichem Tone, der
 ihnen zur Gewohnheit geworden zu sein schien. Ich 
erfuhr später ihre Namen und kann sie ebenso gut
 schon an dieser Stelle nennen.
Zuerst will ich Mistreß Eshton mit ihren beiden
 Töchtern erwähnen. Sie war offenbar einst schön gewesen und hatte sich noch gut conservirt. Amy, die 
ältere von ihren Töchtern, war ziemlich klein, kindlich 
von Gesicht und von ungekünsteltem Benehmen. Louise,

die zweite, war von größerer und eleganterer Gestalt,
 mit einem sehr hübschen Gesicht. Beide Schwestern 
waren weiß wie Lilien. 
Lady Lynn war eine imposante Person von 
etwa vierzig Jahren, gerader Haltung, stolzem Aussehen und mit einem prächtig schimmernden seidenen 
Kleide angethan. Ein Reif von Diamanten schlang
 sich durch die Flechten ihres dunklen Haares, über
 welchem eine azurfarbene Feder schwankte.
Die Oberstin Dent war weniger auffallend, doch 
machte sie mir mehr als alle Anderen den Eindruck 
einer feinen Dame. Sie hatte eine schlanke Gestalt, 
ein sanftes Gesicht und blondes Haar. Ihr schwarzes
Atlaskleid und ihr Perlenschmuck gefielen mir besser,
 als die Regenbogenstrahlen der titelreichen Dame.
Aber die drei ausggezeichnetsten Personen -- zum
 Theil vielleicht, weil ihr Riesenwuchs alle Uebrigen
 weit überragte -- waren die verwitwete Lady 
Ingram und ihre Töchter Blanca und Maria. Die
Witwe mochte zwischen vierzig und fünfzig sein, ihre
 Gestalt war noch schön, ihr Haar, wenigstens bei
 Kerzenlicht, noch schwarz, und auch ihre Zähne 
schienen noch unversehrt zu sein. Sie hatte ein
 Doppeltes Kinn, welches in einen Hals überging, der
 stark war, wie ein Pfeiler; ihre römischen Züge 
schienen von Stolz verhärtet und sogar entstellt. Sie
h hatte auch ein zorniges und strenges Auge, welches 
mich an das der Mistreß Reed erinnerte; ihre Stimme
 war tief, die Betonung hochtrabend bis zur Un
erträglichkeit. Sie gab sich mit wahrhaft kaiserlicher
 Würde.
Blanca und Maria waren von gleicher Statur
gerade und hoch wie Pappeln. Maria war zu
 schmächtig für ihre Größe, aber Blanca besaß das
 Ebenmaß einer Diana. Ich betrachtete sie natürlich
 mit besonderem Interesse. Für's Erste wünschte ich
 mich zu überzeugen, ob ihre Erscheinung mit der B
eschreibung der Mistreß Fairfax übereinstimme; zweitens, ob sie dem Bilde gleiche, welches ich in

meiner Phantasie von ihr entworfen; und drittens
 -- es muß heraus! -- ob sie ein Weib nach dem
 Geschmacke des Herrn Rochester sei.
In ihrer äußeren Erscheinung entsprach sie in 
jeder Hinsicht meiner Vorstellung und der Beschreibung
 der Mistreß Fairfax. Die edle Büste, die zierlich abfallenden Schultern, der graziöse Hals, die dunklen
 Augen und schwarzen Ringellocken -- Alles war so,
wie ich es mir gedacht hatte -- aber ihr Gesicht?
 -- Ihr Gesicht glich dem ihrer Mutter; dieselbe
 niedrige Stirn, dieselben harten Züge, derselbe Stolz.
 Es war indessen kein so finsterer Stolz, denn sie lachte 
beständig; doch ihr Lachen war satirisch, und dies 
war auch der gewöhnliche Ausdruck ihrer geschwun
genen, hochmüthigen Lippe.
Man sagt, daß das Genie selbstbewußt ist; ich 
kann nicht sagen, ob Miß Ingram ein Genie war,
 aber selbstbewußt war sie in der That. Sie ließ sich 
mit der sanften Mistreß Dent in eine Unterredung 
über Botanik ein. Mistreß Dent schien diese Wissenschaft nicht betrieben zu haben, aber Miß Ingram
 hatte hierin Studien gemacht und kramte ihren 
aufgespeicherten Wortschatz mit gelehrter Miene aus. 
Ich bemerkte sogleich, daß sie über die Unwissenheit
 von Mistreß Dent spottete, ihr Spott mochte witzig
 sein, war aber offenbar nicht gutmüthig. Sie spielte,
 ihr Vortrag war brillant; sie sang, ihre Stimme war
 schön; sie sprach mit ihrer Mutter französisch, sie 
sprach es mit Geläufigkeit und gutem Accent.
Maria hatte ein milderes und offeneres Gesicht,
 als Blanca, auch sanftere Züge und eine weißere 
Haut als ihre Schwester, welche dunkel wie eine
 Spanierin war, -- aber es fehlte Marien an Leben, 
ihr Gesicht entbehrte des Ausdruckes, ihr Auge des
 Glanzes; sie wußte nichts zu sprechen, und wenn sie
 einmal ihren Sitz eingenommen, verhielt sie sich wie eine Statue.
Und glaubte ich jetzt wirklich, daß Miß Blanca 
Ingram für eine Wahl, wie Herr Rochester sie wahrscheinlich treffen werde, die richtige Persönlickeit sei? Ich konnte mich nicht entscheiden -- ich kannte
 seinen Geschmack in Betreff weiblicher Schönheit
 nicht. Wenn er das Maffestätische liebte, so war sie 
das Urbild der Majestät, überdies war sie talentvoll 
und geistreich. Ich glaubte, die meisten Herren müßten
 sie bewundern, und daß Herr Rochester sie bewundere, 
davon meinte ich schon einen Beweis zu haben. Um den letzten Schatten des Zweifels zu beheben, mußte
 ich beide nur noch zusammen sehen.
Adele war, als die Damen eintraten, von ihrem
 Schemel aufgestanden und hatte sie unter graziösen
Verneigungen auf Französisch begrüßt.
Miß Ingram blickte mit ihrer spöttischen Miene 
auf sie nieder und rief:
, O! welch' eine kleine Puppe!
L
ady Lynn bemerkte:
, Es ist vermuthlich Herrn Rochester's Mündel
 -- das kleine französische Mädchen, von dem er ge
sprochen.
Mistreß Dent reichte Adelen freundlich die Hand und küßte sie. Amy und Louise Eshton riefen zugleich:
, Welch' ein Engel von einem Kind?

Und dann führten sie Adele zu einem Sopha, wo 
sie jetzt zwischen beiden saß und abwechselnd Französisch
 und gebrochen Englisch plapperte, und nach Herzens
lust geliebkost wurde.
Endlich brachte man den Kaffee und rief die
 Herren herein. Ich sitze im Schatten -- wenn in
 diesem glänzend erleuchteten Zimmer von Schatten
 gesprochen werden kann -- und der Fenstervorhang
 verbirgt mich halb. Wieder thut sich die Portiere
 auseinander, und mit feierlichem Anstand, wie vorher
 die Damen, treten die Herren ein, sämmtlich schwarz 
gekleidet; die meisten von ihnen sind groß und einige jung. Heinrich und Friedrich Lynn sind sehr feine
 junge Männer, und Oberst Dent ein schöner, kriegerisch
 aussehender Herr. Herr Eshton, das Parlaments
mitglied für die Grafschaft, hat ein vornehmes Wesen,

sein Haar ist ganz weiß, seine Augenbrauen und sein
Bart dagegen sind noch schwarz, Lord Ingram ist, gleich seinen Schwestern, sehr groß und schön, theilt aber das zerstreute und theilnahmslose Wesen seiner
 Schwester Maria; er scheint mehr Länge der Glieder,
 als Lebhaftigkeit des Blutes oder Stärke des Gehirnes 
zu haben.
Und wo ist Herr Rochester?

Er kommt zuletzt. Obwohl ich nicht nach dem Thürbogen blicke, sondern meine Aufmerksamkeit auf
 die Maschen der Börse richte, die ich stricke, so erblicke 
ich doch deutlich seine Gestalt und unwillkürlich erinnere ich mich des Augenblickes, da ich ihn zuletzt
 gesehen, und er, kaum einer Todesgefahr entronnen,
 meine Hand gehalten und mich mit Augen angeblickt
 hatte, die ein zum Ueberfließen volles Herz bekundeten,
 an dessen Regungen ich Antheil hatte. Wie nahe hatte 
ich ihm in jenem Augenblick gestanden! Was war 
seitdem geschehen, um unsere gegenseitige Stellung zu 
verändern? Wie fremd waren wir einander geworden!
 So entfremdet, daß ich mich nicht wunderte, als er,
 ohne mich anzusehen, sich auf der anderen Seite des 
Zimmers niedersetzte und mit einigen von den Damen
 sprach. Als ich ihn unbemerkt betrachten konnte und
 meine Augen sich unwillkürlich auf sein Gesicht rich
teten, empfand ich die Wonne und zugleich die Qual 
eines vor Durst Verschmachtenden, welcher auf die
 Quelle zustürzt und gierig den Trunk einschlürft, ob
gleich er weiß, daß das Wasser vergiftet ist.
Wie wahr ist es, daß die Schönheit in dem Auge 
des Beschauers liegt! Nichts als Energie, Entschiedenheit und fester Wille lag in der Erscheinung dieses 
Mannes, und der äußere Ausdruck dieser Eigenschaften 
in den Gesichtszügen ist der Regel nach nicht schön, 
aber für mich waren diese Züge mehr als schön, sie
 übten eine Macht auf mich, von der ich mich völlig 
beherrscht fühlte. Ich hatte nicht beabsichtigt, ihn zu
 lieben, ich hatte mich lebhaft angestrengt, in meiner 
Seele die Keime der Liebe anszurotten, die ich dort

entdeckt; und jetzt, bei dem ersten Wiedersehen, lebten
 sie sofort frisch und stark wieder auf! Ich mußte ihn 
lieben! 
Ich verglich ihn mit seinen Gästen, und obwohl 
ich an diesen kein Interesse fand, so konnte ich mir 
doch vorstellen, daß die meisten Beobachter sie anzie
hend nennen würden, während sie Herrn Rochester's Z
üge für rauh und seinen Ausdruck für melancolisch erklären müßten. Ich sah diese Männer lächeln, hörte 
sie lachen -- aber das Licht der Kerzen halte ebenso
viel Seele, als ihr Lächeln, das Klingeln der Schelle 
ebensoviel Bedeutung, als ihr Lachen. Ich sah Herrn
 Rochester lächeln, seine strengen Züge wurden milde,
 sein Auge glänzend und sanft und dessen Strahl süß
 und bis ins Herz dringend. Er sprach in diesem
 Augenblick mit Louise und Amy Eshton, und ich konntemich nicht genug wundern, daß sie diesem Blicke mit
 Ruhe begegneten, während ich erwartete, daß ihre
 Augen sich senken und ihre Farbe sich erhöhen werde.
 Und doch war es mir auch wieder lieb, zu sehen, daß sie auf keine Weise bewegt wurden.
, Er ist nicht für sie, was er für mich ist, dachte 
ich, er ist nicht von ihrer Art. Ich glaube, er ist
 von meiner Art -- ich bin dessen gewiß -- ich fühle
 mich mit ihm verwandt -- ich verstehe die Sprache
 seines Gefühles und seiner seelischen Bewegungen. 
Obgleich Rang und Reichthum uns weit voneinander 
trennen, so habe ich doch etwas in Kopf und Herzen,
 in Blut und Nerven, was mich geistig mit ihm vereint. Sagte ich nicht vor wenigen Tagen, ich habe
n nichts weiter mit ihm zu thun, als meinen Gehalt
 von ihm zu empfangen? Verbot ich mir nicht, ihn
 in einem anderen Lichte als in dem meines Herrn
 anzusehen? Lästerung gegen die Natur! Alle guten, 
wahren und kräftigen Gefühle, die ich besitze, sammeln 
sich instinctmäßig um ihn. Ich weiß, ich muß meine
 Empfindungen verbergen, ich muß meine Hoffnung
 unterdrücken, ich muß mich erinnern, daß er sich nicht
 viel um mich kümmern kann. Wenn ich sage, ich

bin von seiner Art, so meine ich nicht damit, daß mir
 auch seine Macht über Andere und seine bestrickende
Anziehungskraft eigen ist, sondern ich meine nur, daß
 ich einen gewissen Geschmack und gewisse Gefühle
mit ihm gemein habe. Ich muß mir beständig
 wiederholen, daß wir auf immer getrennt sind -- 
und doch muß ich ihn lieben, so lange ich athme 
und denke --
Der Kaffee wird herumgereicht. Seit die Herren 
eingetreten, sind die Damen lebhafter geworden, die
 Unterhaltung wird heiter und belebt. Oberst Dent
 und Herr Eshton sprechen über Politik, und ihre Frauen
 hören zu. Die beiden stolzen Witwen Lady Lynn und
 Lady Ingram unterhalten sich mit einander. Sir 
George, ein sehr wohlbeleibter und frisch aus sehender
 Landedelmann, steht, die Kaffeetasse in der Hand, vor
 ihrem Sopha und wirft von Zeit zu Zeit ein Wort
 ein. Herr Frederick Lynn hat neben Maria Ingram
 Platz genommen und zeigt ihr die Kupferstiche in einem 
Prachtwerke, sie betrachtet dieselben und lächelt vonZeit zu Zeit, scheint aber wenig zu sprechen. Der
 große und phlegmatische Lord Ingram lehnt sich mit
 verschränkten Armen auf die Stuhllehne der kleinen
 und lebhaften Amy Eshton; sie blickt zu ihm auf und
 plappert wie eine Elster, er gefällt ihr besser als Herr
 Rochester. Heinrich Lynn hat eine Ottomane zu Louisens 
Füßen in Besitz genommen; Adele theilt dieselbe mit
 ihm, er versucht, französisch mit ihr zu reden, und Louise lacht über seine Fehler. Blanca Ingram steht
 allein am Tisch, graziös über ein Album geneigt. Sie 
scheint zu warten, bis man sie aufsucht; doch es dauert 
ihr zu lange.
Nachdem Herr Rochester die Eshton's verlassen,
 steht er so einsam am Kamin, wie sie am Tische da;
 sie wendet sich zu ihm und stellt sich an die andere 
Seite des Kamins.

, Herr Rochester, ich meinte, Sie wären kein Freundvon Kindern
, Das bin ich auch nicht.

Was bewog Sie denn, sich jener kleinen Puppe anzunehmen? sagte sie, auf Adele deutend. , Wo
 haben Sie dieselbe aufgelesen?

, Ich habe sie nicht aufgelesen, sondern man ließ
 sie in meinen Händen.

, Sie hätten sie in eine Schule schicken sollen.

, Ich konnte nicht so viel aufwenden; die Kost
schulen sind so theuer.
, Ei, Sie halten wohl gar eine Erzieherin fürsie, ich sah eben eine Person bei ihr -- ist sie fort? O nein, da sitzt sie hinter dem Fenstervorhange. Sie
 müssen diese Person doch natürlich bezahlen, und
 das, dächte ich, müßte ebensoviel kosten oder noch
 mehr.
Ich fürchtete -- oder ich sollte sagen, ich hoffte -- 
daß diese Anspielung Herrn Rochester veranlassen
 werde, nach mir hinzublicken, und unwillkürlich zog 
ich mich weiter in den Schatten zurück, aber er wen
dete seine Augen nicht zu mir.
, Ich habe die Sache nicht recht überlegt, sagte 
er gleichgültig und gerade vor sich hinsehend.
, Nein -- Ihr Mäiner überlegt doch nie, was 
sparsam und vernünftig ist. Sie sollten Mama über
 das Capitel der Erzieherinnen reden hören; Maria
 und ich haben in unseren Kinderjahren wenigstens
 ein Dutzend gehabt; die eine Hälfte war abscheulich 
und die andere, lächerlich -- lauter Kobolde, nicht
 wahr, Mama?
, Meine Theuerste, antwortete die Mutter,
 sprich mir nur nicht von den Erzieherinnen, das
 Wort macht mich nervös. Ich habe ein Märtyrerthum ausggestanden mit diesen unfähigen und launen
haften Personen. Dem Himmel sei Dank, daß ich
 jetzt nichts mehr mit ihnen zu thun habe.
Mistreß Dent neigte sich hier zu der menschen
freundlichen Dame hinüber und flüsterte ihr etwas
 ins Ohr. Aus der darauffolgenden Antwort schloß
 ich, es sei ein Hinweis gewesen, daß ein Exemplar
on der verurtheilten Species zuggegen wäre.

, Umso besser! sagte Ihre Herrlichkeit, ich hoffe, 
es wird ihr gut thun.
Darauf setzte sie in leiserem Tone hinzu, aber 
immer noch so laut, daß ich es hören konnte: Ich beobachtete sie, ich verstehe mich auf die
 Physiognomik, und in ihrem Gesichte lese ich alle 
Fehler ihrer Classe.
, Welche sind diese, Madame? fragte Herr Ro
chester laut.
, Ich will es Ihnen später allein sagen, ver
setzte sie, mit Bedeutsamkeit nickend.
, Aber meine Neugierde kann nicht so lange
 warten und fordert jetzt ihre Befriedigung.
, Fragen Sie Blanca, sie ist Ihnen näher, als ich.
, O! verweisen Sie ihn nicht an mich, Mama. 
Ich habe nur ein Wort über das ganze Gelichter zu
 sagen: sie sind langweilig und lästig. Nicht als hätte 
ich je viel von ihnen gelitten, denn ich trug Sorge,
 das Heft umzudrehen. Welche Streiche spielten Theodor 
und ich der Miß Wilson, der Mistreß Grey und der
 Madame Joubert! Maria war immer zu schläfrig,
 um sich mit Geist auf das Complot einzulassen. Den 
besten Spaß hatten wir mit Madame Joubert; Miß
 Wilson war ein armes kränkliches Ding, weinerlicsh und von schwachem Geiste, mit ihr anzubinden, war 
nicht der Mühe werth; Mistreß Grey war zu rauh
 und unempfindlich und hatte ein zu dickes Fell. Aber 
die arme Madame Joubert! Ich sehe sie noch immer 
in ihrer Wuth, wenn wir sie aufs Aeußerste getrieben, 
unseren Thee verschüttet, unser Butterbrot verkrümelt,
 unsere Bücher an die Decke geworfen und mit Lineal und Feuerzange eine Katzenmusik hervorgebracht hatten. Theodor, erinnerst du dich noch jener lustigen Tage?

, Ja gewiß, antwortete Lord Ingram in nach
lässigem Tone, der arme alte Krüppel pflegte auszurufen: ,O Ihr bösen Kinder! Und dann hielten
 wir ihr eine Predigt, wie sie sich heraus nehmen könne,
 uns talentvolle junge Leute unterrichten zu wollen, da sie selber so unwissend sei.

, Ganz richtig, und weißt du noch, Theodor, wie ich
 dir half, deinen Lehrer mit dem Milchgesicht, den Herrn Vining, den bleichsüchtigen Pfarrer, wie wir ihn nannten,
 los zu werden? Er und Miß Wilson nahmen sich die
 Freiheit, sich in einander zu verlieben -- wenigstens
 dachten es Theodor und ich. Wir bemerkten verschiedene
 zärtliche Blicke und Seufzer, die wir für Merkmale
 großer Leidenschaft hielten. Wir bedienten uns dieser
 Entdeckung, um uns von den Beiden zu befreien.
 Sobald unsere liebe Mama Wind von der Sache bekam, machte sie ausfindig, daß es ein unmoralisches
 Verhältnis sei. War es nicht so, liebe Mutter?
, Gewiß, meine Beste. Und ich hatte ganz Recht,
 denn es gibt tausend Gründe, warum Verhältnisse 
zwischen Erzieherinnen und Lehrern in einem wohlgeord
neten Hause keinen Augenblick geduldet werden sollten;
 erstens --
, O Himmel, Mama, ersparen Sie uns die Auf
zählung! Uebrigens kennen wir sie alle: die Gefahr 
des bösen Beispiels für die Unschuld der Kindheit;
 die Vernachlässigung der Pflicht von Seiten jener Personen; das gegenseitige Schutzbündnis zwischen den Ver
liebten, welches sie zur Unverschämtheit ermuthigt und
 endlich in Auflehnung und Empörung ausartet. Habe ich Recht, Baronesse Ingram von Ingram-Park?
, Meine Lilie, du hast jetzt und immer Recht.
, Dann ist also weiter nichts darüber zu sagen, 
und wir wollen von etwas Anderem reden.
Amy Eshton jedoch fiel jetzt mit ihrem sanften,
 kindlichen Tone ein:
, Louise und ich pflegten unsere Gouvernante auch zu ärgern, aber sie war ein so gutes Geschöpf, daß sie Alles ertrug und nichts sie aus der Fassung 
brachte. Sie war nie heftig gegen uns, nicht wahr, 
Louise?
, Niemals, mochten wir auch ihr Pult und ihren Nähtisch ausplündern und ihre Fächer durchwühlen; 
sie war so gutmüthig, daß sie uns Alles gab, was 
wir forderten.

, Ich vermuthe, sagte Miß Ingram mit sarkastisch verzogener Lippe, wir werden jetzt einen Aus
zug aus den Memoiren aller Gouvernanten auf der
 Welt erhalten. Um eine solche Gefahr abzuwenden, schlage ich noch einmal die Wahl eines anderen Ge
sprächsthemas vor. Herr Rochester, treten Sie meiner
 Ansicht bei?
, Mein Fräulein, ich unterstütze Sie hierin, wie 
in allem Anderen.
, Dann möge mir also gestattet sein, mit der
Ausführung meines Vorschlags den Anfang zu machen.
 Signor Eduardo, sind Sie diesen Abend bei Stimne?
, Wenn Sie befehlen, Donna Blanca, so werde 
ich es sein.
, So lege ich Ihnen denn vermöge meiner Autorität die Verpflichtung auf, Signor, Ihre Lungen und
 anderen Stimmorgane in Stand zu setzen, da dieselben 
in meinem königlichen Dienste gebraucht werden.

, Wer wollte nicht der Rizzio einer so göttlichen
 Maria sein -- Miß Ingram, die sich jetzt mit stolzer Anmuth 
an das Piano gesetzt hatte, begann ein glänzendes 
Vorspiel, wobei sie weitersprach. Sie schien diesen
 Abend auf ihrem hohen Pferde zu sitzen und war
 offenbar bemüht, ihren Zuhörern zu imponiren und 
sie zur Vewunderung fortzureißen.

, O! ich bin der jungen Männer der heutigen 
Zeit so überdrüssig, rief sie, indem sie auf dem In
strument weiter rasselte. , Diese verzärtelten Geschöpfe, 
die keinen Schritt über Papas Parkthor hinauszugehen
 wagen, ohne Mamas Erlaubnis und Aufsicht! Ge
schöpfe, die so viel Sorgfalt auf ihre hübschen Gesichter, ihre weißen Hände und kleinen Füße verwenden,
 als ob ein Mann überhaupt etwas mit der Schönheit
 zu thun hätte und diese nicht das eigenthümliche Vor
recht des Weibes, ihre gesetzliche Mitgift und Erbschaft
 wäre! Ich gebe zu, daß ein häßliches Weib ein 
Flecken in dem schönen Bilde der Schöpfung ist. Ein 
Mann aber soll nur danach trachten, daß er Stärke

und Tapferkeit besitze; sein Motto sei: Jagd, Kampf, 
Schlacht! Das Uebrige ist keinen Strohalm werth.
 Dies würde mein Wahlspruch sein, wenn ich ein Mann
 wäre.
, Wenn ich je heirate, fuhr sie nach einer Pause
 fort, die von Niemand unterbrochen wurde, so werde
 ich nicht dulden, daß mein Gatte mein Rival um
 die Herrschaft in der Ehe sei, sondern ungetheilte H
uldigung fordern, seine Neigung soll er nicht zwischen
 mir und der Gestalt theilen, die er in seinem Spiegel 
sieht. Nun, singen Sie, Herr Rochester, ich will Sie 
begleiten.

, Ich bin ganz Gehorsam, war die Antwort.
, Hier ist ein Seeräuberlied. Sie müssen wissen,
 daß ich für Seeräuber schwärme und deshalb müssen
 Sie es mit Gefühl singen.
, Befehle von Miß Ingram's Lippen würden
 selbst einem Glase mit Milch und Wasser Begeisterung 
einflößen.
, So nehmen Sie sich in Acht. Wenn Ihr Gesang mir nicht gefällt, so werde ich Sie beschämen 
und zeigen, wie solche Lieder gesungen werden müssen.
, Das heißt ja eine Belohnuung für die Unfähigkeit aussetzen; ich werde jetzt bemüht sein, daß es mir 
mißlingt.
, Hüten Sie sich wohl! wenn Sie absichtlich
 fehlen, werde ich eine angemessene Strafe erdenken.
, Miß Ingram sollte milde sein, denn sie hat es 
in ihrer Macht, eine Strafe aufzuerlegen, die ein
 menschliches Wesen nicht zu ertragen vermag.
, Ha! erklären Sie sich näher! gebot die Dame.

, Verzeihen Sie, mein Fräulein, es ist keine Erklärung nöthig; Ihr eigener feiner Sinn muß Ihnen es sagen, daß einer Ihrer frusteren Blicke gleichbedeutend mit Todesstrafe ist.
, Singen Sie! gebot Blanca und begann eine
ss lebhafte Begleitung auf dem Klavier zu spielen.

, Jetzt ist meine Zeit da, mich davonzuschleichen, 
dachte ich, aber die Töne, die jetzt das Zimmer durczitterten, fesselten mich. Mistreß Fairfax hatte gesagt, 
Herr Rochester besitze eine schöne Stimme. Ja, er
 hatte einen klangvollen, kräftigen Baß, der durch das
 Ohr den Weg zum Herzen fand und dort eine selt
same Empfindung erweckte. Ich wartete, bis der 
letzte tiefe und volle Ton verhallt war -- bis die 
Fluth des Gesprächs wieder in Fluß gerieth; dann 
verließ ich meinen stillen Winkel und ging durch die 
Seitenthür hinaus, die glücklicherweise in der Nähe
 war. Von dort führte ein enger Gang in die Vorhalle. Als ich durch dieselbe ging, bemerkte ich, daß 
sich mein Schulhband gelöst hatte. Ich kniete auf der
 Matte am Fuß der Treppe nieder, um es wieder zu
zubinden. Da hörte ich die Thür des Speisezimmers 
sich öffnen. Ich stand hastig auf und sah Herrn 
Rochester vor mir.
, Wie geht es Ihnen? fragte er.

, Mir ist sehr wohl, mein Herr.

, Warum hielten Sie sich im Zimmer von mir 
fern und sprachen nicht mit mir?
Ich hätte ihm die Frage eigentlich zurückgebenkönnen, aber ich wollte mir diese Freiheit nicht nehmen 
und antwortete:
, Ich wollte Sie nicht stören, da Sie beschäftigt
 zu sein schienen, mein Herr.
, Was haben Sie während meiner Abwesenheit
 gethan?
, Nichts Besonderes -- ich habe, wie gewöhnlich, 
Adele unterrichtet.
, Und sind viel blässer geworden als vorher -
- wie ich auf den ersten Blick sah. Was fehlt Ihnen?
, Durchaus nichts, mein Herr.

, Erkälteten Sie sich in jener Nacht, als Sie michfast ertränkten?
, Nicht im Geringsten.

, Kommen Sie in das Gesellschaftszimmer zurück,
 Sie verlassen es zu früh.
, Ich bin ermüdet, mein Herr.
Er sah mich eine Minute an.

, Und ein wenig niedergeschlagen, sezte er hinzu.

, Weshalb? Sagen Sie es mir.

, Es ist nichts, mein Herr. Ich bin nicht nieder
geschlagen.

, Aber ich versichere Sie, daß Sie es dennoch 
sind. So niedergeschlagen sind Sie, daß wenige weitere
 Worte Thränen in Ihre Augen locken würden -- in
 der That, da haben wir es schon, da schimmern
 bereits die Thränen und eine ist von den Wimpern 
auf den Boden gefallen. Wenn ich nur Zeit hätte
 und nicht in tödlicher Furcht wäre, daß irgend ein
 geschwätziger Diener vorüberkäme, so müßte ich wissen,
 was dies Alles bedeutet. Nun, für heute Abenud sind
 Sie entschuldigt; aber so lange meine Gäste da sind, 
erwarte ich, daß Sie jeden Abend im Gesellschafts
zimmer erscheinen, es ist mein Wunsch, versäumen Sie 
es nicht. Gehen Sie jetzt und schickent Sie Sophie,
 daß sie Adele holt. Gute Nacht, meine --
Er hielt inne, biß sich in die Lippe und verließ
 mich plötzlich.



Achtzehntes Capitel.
Gar heiter und geräuschvoll gingen die Tage in
 Thornfield Hall hin, und geschäftige Tage waren es
 auch. Wie verschieden waren sie von jenen ersten drei 
Monaten der Stille, Einförmigkeit und Einsamkeit,
 die ich unter diesem Dache zugebracht! Jetzt herrschte
 Leben und Bewegung den ganzen langen Tag. Man 
konnte nicht durch die Gallerie gehen, die sonst so still
 gewesen, noch in die sonst unbewohnten Vorderzimmer treten, ohne einer zierlichen Kammerjungfer oder einem 
betreßten Diener zu begegnen. 
Die Küche, das Bedientenzimmer und die Vorhalle
 waren stets belebt, und die Salons wurden nur leer,
 wenn der blaue Himmel und der ruhige Sonnenschein
 des milden Frühlingswetters die Bewohner in den P
ark lockte. Auch als dieses schöne Wetter auf einige

Tage durch Regen unterbrochen wurde, schien die 
Freude nicht gedämpft zu werden; die Geselligkeit im
 Hause wurde nur umso lebhafter und die Unter
haltung umso abwechselnder.
Ich habe bereits eingestanden, daß ich Herrn
 Rochester lieben gelernt hatte, und ich konnte dieses
 Gefühl nicht in mir zurückdrängen oder ertödten, trotzdem ich bemerkte, daß er aufgehört habe, mich zu 
beachten, daß ich Stunden in seiner Gegenwart zu
bringen konnte, ohne daß er seine Augen auf mich 
richtete, und daß ich all' seine Aufmerksamkeit von
 einer großen Dame in Anspruch genommen sah, die
se ich scheute, mich im Vorübergehen auch nur mit dem
 Saum ihres Gewandes zu berühren, und deren dunkles
 und gebieterisches Auge, wenn es zufällig auf mich fiel, sich augenblicklich wieder abwandte, wie von einem 
der Veachtung unwürdigen Gegenstande. Ich konnte
 nicht aufhören, Herrn Rochester zu lieben, obwohl ich mich überzeugt hielt, daß er bald eben diese Dame
 heiraten werde -- obgleich ich täglich bemerken konnte,
 daß sie diese Absicht mit siegesbewußter Sicherheit erkannte und durch die stolze, scheinbare Nachlässigkeit,
 womit sie seine Bewerbung erwiderte, nur umso unwiderstehlicher erschien.

Es lag nichts in diesen Umständen, das geeignet
 gewesen wäre, meine Liebe abzukühlen oder zu verscheuchen, auch das Gefühl der Eifersucht blieb mir 
fern, wenn ein Mädchen in meiner Lage sich überhaupt herausnehmen konnte, auf eine Dame, wie Miß
 Ingram, eifersüchtig zu sein. Der Schmerz, den ich 
litt, war nicht durch dieses Wort zu erklären. So
 widerspruchsvoll es auch scheinen mag, so vermochte
 Miß Ingram doch nicht, dieses Gefühl zu erregen. 
Sie war sehr prunkend, aber nicht echt, sie hatte eine
 schöne Gestalt und manche glänzende Fertigkeiten, aber 
ihr Geist war von Natur arm und ihr Herz unfrucht
bar. Nichts blühte aus eigenem Triebe auf diesem
 Boden; keine natürliche Frucht erfreute durch ihre 
Frische. Blanca war nicht gut, sie war nicht originell,

sie führte hochtönende Phrasen aus Büchern im Munde
 und hatte nie ein selbstständiges Urtheil. Sie schlug einen hohen Ton des Gefühles an, doch kannte sie die 
Empfindungen der Sympathie und des Mitleides nicht,
 Zärtlichkeit und Wahrheit lagen nicht in ihr. Nur zu
 oft verrieth sie dies durch den ärgerlichen Widerwillen, 
denn sie gegen die kleine Adele gefaßt hatte. Zuweilen stieß sie diese mit einem verächtlichen Worte von sich, 
wenn sie zufällig in ihre Nähe kam, zuweilen befahl sie ihr, das Zimmer zu verlassen, und nie behandelte 
sie das Kind anders als mit Kälte und Härte. Noch 
andere Augen, als die meinigen, beobachteten diese
 kleinen Charakterzüge scharf und genau. Ja, der
 künftige Bräutigam, Herr Rochester selbst, übte eine
 unaufhörliche Wachsamkeit über Blanca aus; mit 
scharf beobachtendem Blicke erkannte er ihre Fehler, und vergebens suchte man ein Merkmal seiner Leidenschaft für seine Schöne. Und gerade diese verschiedenen Wahrnehmungen waren es, woraus mein qualvoller
 Schmerz hervorging. Ich sah, daß er sie wegen ihrer Familie heiraten wolle; vielleicht waren ihm ihr Rang und ihre Verbindungen wünschenswerth; ich fühlte,
 daß sie seine Liebe nicht besaß und unfähig sei, ihm
 diesen Schatz abzugewinnen. Dies war der Punkt,
 wo der Nerv schmerzlich berührt und das Fieber genährt und unterhalten wurde – sie konnte ihm nicht bezaubern.
Hätte sie sich sogleich des Sieges versichert, und
 hätte er aufrichtig sein Herz zu ihren Füßen gelegt,
 da hätte ich mein Gesicht bedeckt, mich zur Wand gewendet und wäre im figürlichen Sinne für sie ge
storben. Wäre Miß Ingram ein gutes und edles Weib gewesen, mit Kraft, Blut, Güte und Verstand begabt, so hätte ich einen tödlichen Kampf mir der 
Eifersuchht und Verzweiflung zu bestehen gehabt. Wäre
 dann auch mein Herz zerrissen und zertreten worden, so hätte ich sie bewundert und wäre für den Rest meiner Tage ruhig gewesen. Aber daß ich Zeuge sein mußte, wie Miß Ingram's Bemühungen, Herrn


Rochester zu bezaubern, beständig fehlschlugen, ohne 
daß sie sich dessen bewußt war, und wie sie ihrem Ziele bereits so nahe zu sein glaubte, während ihr
 Stolz und ihre Selbstüberhebung sie immer weiter davon 
entfernten, daß ich dies Alles beobachten mußte,
 das brachte eine stetige Aufregung und einen qualvollen Zwang in mir hervor.

, Warum vermag sie nicht mehr Einfluß auf ihn 
zu üben, da sie doch das Vorrecht hat, sich ihm zu
 nähern? fragte ich mich. , Sie kann ihn doch gewiß
 nicht wahrhaft lieben! Wenn das der Fäll wäre, so 
würde sie ihr Lächeln nicht so verschwenderisch spielen,
 ihre Blicke nicht ohne Unterlaß flammen lassen, brauchte
 sie nicht ein so ausgesuchtes Benehmen, eine so studirte 
Grazie zu zeigen. Ich glaube, wenn sie ruhig an 
seiner Seite säße, weniger spräche und weniger Blicke 
um sich würfe, könnte sie seinem Herzen näher kommen. 
Ich kann mich rühmen, einen ganz anderen Ausdruck 
in seinem Gesichte gesehen zu haben, als den, der es
 versteinert, während sie ihn so lebhaft anredet; aber 
da fand sich jener Ausdruck von selbst ein und wurde
 nicht durch feile Künste und berechnete Manöver 
herausgelockt. Wie will sie ihm gefallen, wenn sie
 verheiratet sind? Ich glaube nicht, daß es ihr gelingen wird, und doch glaube ich, seine Gattin könnte 
in Wahrheit das glücklichte Weib unter der Sonne
 sein.
Es überraschte mich, als ich zuerst entdeckte, daß 
ein äußeres Interesse, wie hohe Familienverbindungen 
und andere ähnliche Rücksichsten, für Herrn Rochester
 den Beweggrund zu einer Heirat bilden konnten. Ich
 hatte ihn für einen Mann gehalten, den dies bei der
 Wahl einer Gattin nicht bestimmen könne; aber je
 länger ich die Stellung und Erziehung der Personen 
betrachtete, desto weniger hielt ich mich berechtigt, ihn
 oder Miß Ingram zu tadeln, weil sie in Uebereinstimmung mit Grundsätzen handelten, die ihnen ohne
 Zweifel von Kindheit an eingeflößt worden waren.
 Die Gesellschaftsclasse, welcher sie angehörten, hielt

diese Grundsätze fest, und ohne Zweifel hatten Beide Ursache, nicht davon abzuweichen, obgleich ich dieselbe nicht begreifen konnte.
Es war früher mein Bemühen gewesen, alle
 Charakterzüge an Herrn Rochester zu studiren, Licht
 und Schatten abzuwägen und mir dann ein gerechtes
 Urtheil zu bilden. Jetzt sah ich keine Fehler. Der Sarkasmus, der mich Anfangs zurückgeschreckt, die Härte, die mich gekränkt hatte, verglich ich nur mit 
einem ausgesuchten Gewürz an einem köstlichen Gericht, welches unschmackhaft würde, wenn dieses Gewürz fehlte. Und was das unbestimmte Etwas in
 seinem Blicke betrifft -- war es ein unheimlicher oder
 ein sorgenvoller, ein entschlossener oder verzweifelnder
 Ausdruck, der sich dem aufmerksamen Beobachter vonZeit zu Zeit zeigte und wieder verschwand, ehe man
 die seltsame, nur halb erschlossene Teife ergründen konnte -- dieses Etwas, welches bebende Furcht in
 die seltsame, nur halb erschlossene Tiefe ergründen 
mir erregte, als wanderte ich auf vulcanischen Hügeln
 und fühlte plötzlich den Boden erbeben und sähe ihn 
sich öffnen? Dieses Etwas sah ich noch zu Zeiten 
mit klopfendem Herzen, aber nicht mit gelähmten
 Nerven. Anstatt es zu meiden, verlangte es mich nur, 
es zu ergründen, und ich beneidete Miß Ingram, daß
 ihr einst vergönnt sein werde, straflos in diesen Abgrund zu blicken, seine Geheimnisse zu erforschen und deren Natur zu prüfen.
Während ich nur an meinen Herrn und an seine 
künftige Gattin dachte -- nur Augen für sie, nur
 Ohren für ihre Unterhaltung hatte und nur ihre Personen für wichtig hielt, war die übrige Gesellschaft
mit ihren besonderen Interessen und Vergnügungen
 beschäftigt. Lady Lynn und Lady Ingram setzten 
ihre feierlichen Unterredungen fort, nickten einander zu und erhoben ihre vier Hände, um, gleich einem Paar
 prächiger Marionetten, durch ihre Geberden Erstaunen,
 Geheimnisthuerei oder Entsetzen auszudrücken, je nach dem Gegenstande, um den sich ihre Unterredung bewegte. Die milde Mistreß Dent hielt sich zu der gutmüthigen Mistreß Eshton, und diese Beiden richteten 
zuweilen ein höfliches Wort oder ein freundliches
 Lächeln an mich. Sir George Lynn, Oberst Dent 
und Herr Eshton verhandelten Angelegenheiten der
 Politik, der Verwaltung oder der Justiz. Lord Ingram
 machte Ann Eshton den Hof, Louise musicirte mi t
dem einen der Herren Lynn, und Maria Ingram
 hörte phlegmatisch die galanten Reden des anderen 
an. Zuweilen brachen alle, wie verabredet, ihre Unter
haltung ab, um die Hauptpersonen zu beobachten und 
ihnen zuzuhören, denn Herr Rochester und Miß Ingram
 waren die Seele der Gesellschaft. Wenn er eine
 Stunde aus dem Zimmer abwesend war, so schien
 die gute Laune seiner Gäste merklich abzunehmen, und 
sein Wiedererscheinen gab der Unterhaltung sogleich
 einen frischen und lebhaften Impuls.
Sein belebender Einfluß wurde eines Tages be
sonders schmerzlich vermißt, als ihn ein Geschäft nach
 Millcote gerufen hatte, von wo man ihn erst spät 
zurückerwartete. Am Nachmittag regnete es, und ein
 Spaziergang, den die Gesellschaft beabsichtigt hatte,
 um ein Zigeunerlager zu sehen, welches auf einer
 Wiese jenseits Hay aufgeschlagen war, mußte folglich 
aufgeschoben werden. Einige von den Herren waren
 in die Pferdeställe gegangen, und die jüngeren Herren
 und Damen spielten Billard. Die Witwen Ingram
 und Lynn suchten Trost bei einem ruhigen Karten
spiel. Blanca Ingram sang einige sentimentale Arien
 zum Piano, holte sich dann einen Roman aus der
 Bibliothek, warf sich mit vornehmer Nachlässigkeit auf
 ein Sopha und versuchte, sich die langsam hinschleichen
den Stunden mit Lectüre zu vertreiben.
Der Tag neigte sich zur Dämmerung, und die 
Uhr hatte bereits das Zeichen gegeben, daß es Zeit sei,
 sich zur Tafel anzukleiden, als die kleine Adele, die neben
 mir im Fenster des Gesellschaftszimmers kniete, ausrief:
, Da kommt Herr Rochester zurück!
 Miß Ingram fuhr von ihrem Sopha empor.
 Auch die Anderen blickten von ihren Beschäftigungen

auf, denn zu gleicher Zeit wurde das Rollen von Wagenrädern und der Hufschlag von Pferden hörbar. Eine Postchaise kam angefahren.
, Was mag ihm einfallen, daß er mit Postgelegenheit nach Hause kommt? bemerkte Miß Ingram.

, Er ritt Mesour, als er abreiste, nicht wahr? Und Pilot war bei ihm -- wo mag er die Thiere ge
lassen haben?
Während sie dies sagte, trat sie so dicht an das
 Fenster heran, daß ich mich vor ihrer großen Gestalt 
und ihren bauschigen Kleidern weit zurücklehnen mußte 
und mir fast das Rückgrat gebrochen hätte. Bei ihrer
 Lebhaftigkeit bemerkte sie mich Anfangs nicht, als dies
 aber geschah, verzog sie ihre Lippe und ging zu dem
 anderen Fenster. Die Postchaise hielt an, und ein
 Herr in Reisekleidern stieg aus. Aber es war nicht
 Herr Rochester, es war ein großer, vornehm aus
sehender Fremder.
, Du widerwärtiger Affe! rief Miß Ingram 
Adelen zu. , Wer stellte dich auf's Fenster, um falschen 
Alarm zu machen?
Dabei warf sie mir einen zornigen Blick zu, als
 wäre ich die Schuldige gewesen.
Man hörte im Vorsaale reden, und bald darauf
 trat der Fremde ein. Er verneigte sich gegen Lady 
Ingram, da er sie für die älteste der anwesenden
 Damen hielt.

, Es scheint, ich komme zu ungelegener Zeit, Ma
dame, sagte er, da, wie ich hörte, mein Freund H
err Rochester, nicht zu Hause ist; aber ich komme von ei
ner sehr weiten Reise und denke, bei meiner alten und vertrauten Bekanntschaft mit ihm darf ich es
 schon wagen, mich hier einzuführen, bis er zurückkehrt.
Sein Benehmen war fein, sein Accent schien mir
 etwas ungewöhnlich, wenn auch nicht der eines Ausländers; er mochte etwa mit Herrn Rochester in
 geichem Alter sein -- zwischen dreißig und vierzig. Seine Gesichtsfarbe war auffallend blaß; sonst war
 er, besonders auf den ersten Blick, ein schöner Mann.

Bei genauerem Zusehen entdeckte man etwas in seinem
 Gesichte, was nicht besonders angenehm war. Seine Züge waren regelmäßig, aber zu aus druckslos; sein
 Auge war groß und wohlgebildet, aber leer, und man
 hätte fast darin lesen mögen, daß er ein Leben ohne
 Zweck und Bedeutung geführt hatte.
Als zum Ankleiden geklingelt wurde, zerstreute sich 
die Gesellscaft, und ich sah ihn erst nach der Tafel
 wieder. Jetzt schien er ganz unbefangen zu sein, aber
 seine Physiognomie gefiel mir noch weniger als vorher. Es war keine Kraft in jenem glatten, ovalen 
Gesicht, keine Festigkeit in jener Adlernase und in jenem 
kleinen Kirschenmunde! es lag kein Nachdenken auf 
der niedrigen ebenen Stirn; keine Willenskraft in jenem 
leeren braunen Auge.

Als ich in meinem gewöhnlichen Winkel saß und
 ihn bei dem Lichte der auf dem Kamin brennenden 
Kerzen beobachtete, wie er in einem Lehnsessel dicht
 am Feuer saß und immer näher an dieses heranrückte,
 als ob ihn fröstle, verglich ich ihn mit Herrn Rochester; ich glaube, der Contrast könnte nicht größer
 sein zwischen einem sanften Schafe und dem rauh
haarigen, klugäugigem Hunde, der es hütet.
Er hatte von Herrn Rochester wie von einem
 alten Freunde gesprochen. Eine seltsame Freundschaft
 mußte dies gewesen sein, eine auffallende Bewahr
heitung des alten Sprichworts, daß die Gegensätze 
einander berühren.
Zwei oder drei Herren saßen in seiner Nähe, und 
ich hörte von Zeit zu Zeit einzelne Worte von ihrer
 Unterhaltung, aber ich wurde durch das Gespräch ge
stört, welches Louise Eshton und Maria Ingram mit
einander führten. Diese sprachen von dem Fremden,
 Beide nannten ihn einen schönen Mann. Louise sagte, 
er sei ein liebenswürdiger Mensch und sie bete ihn 
an, und Maria bezeichnete seinen hübschen kleinen Mund 
und seine zierliche Nase als das Ideal des Reizenden.
, Und welch' eine liebliche Stirn er hat! rief
 Louise, so glatt und ohne jene düsteren Unregelmäßigkeiten, die mir so sehr mißfallen -- und dieses 
milde Auge und dieses Lächeln!

Zu meiner großen Beruhigung rief Herr Heinrich Lynn die beiden Damen jetzt an das andere Ende
 des Zimmers.

Ich war nun im Stande, meine Aufmerksamkeit
 auf die Gruppe am Kamin zu richten, und vernahm, 
daß der Fremde Mason heiße, erst eben in England
 angelangt sei und aus einem heißen Himmelsstriche
 komme. Dadurch erklärte es sich ohne Zweifel, daß sein Gesicht so blaß war und daß er so nahe am Feuer
 saß und im Hause einen Oberrock trug. Gleich darauf 
verriethen die Worte: Jamaika, Kingston und Spanish 
Town, daß er sich in Westindien aufgehalten hatte. 
Mit nicht geringer Ueberraschung aber erfuhr ich bald,
 daß er Herrn Rochester dort zuerst gesehen und kennen
gelernt hatte. Ich wußte, daß Herr Rochester weit
 gereist war, Mistreß Fairfax hatte es mir gesagt; aber 
ich glaubte, seine Wanderungen hätten sich auf das
 Festland von Europa beschränkt, und niemals hatte
 er auch nur die leiseste Andeutung gemacht, daß er
noch entlegenere Küsten besucht habe.
Ich dachte eben noch hierüber nach, als ein
 Zwischenfall meinen Gedankengang unterbrach. Ein
 Bedienter, der ab und zu hereinkam, um nach dem 
Kaminfeuer zu sehen, hatte eben wieder dieses Geschäft
 erledigt. Beim Hinausgehen beugte er sich zu Herrn
 Eshton nieder und sagte etwas in leisem Tone zu ihm,
 wovon ich nur die Worte hörte: , Altes Weib -- sehr z
udringlich.
, Sagt ihr, wir werden sie einsperren lassen, wenn
, sie sich nicht gleich packt, verstzte Herr Eshton.

, Nein -- halt! fiel Oberst Dent ein. , Schicken
 Sie die Alte nicht fort, Eshton, wir wollen erst die Damen fragen. Hierauf fuhr er laut fort: , Meine
 Damen, Sie wären gern nach Hay gegangen, um das Zigeunerlager zu besuchen. Sam sagt mir eben,
 im Bedientenzimmer sei eine alte Zigeunerin, die
 darauf besteht, vor die hohen Herrschaften gelassen

zu werden. Wäre es Ihnen vielleicht gefällig, sie 
zu sehen?

, Wahrlich, Oberst, Sie werden doch eine so ge
meine Betrügerin nicht begünstigen wollen? rief Tadp
Ingram. , Schicken Sie die Person auf jeden Fall
gleich fort!
, Wir können sie nicht dazu bewegen, sich zu ent
fernen, Mylady, versetzte der Bediente. , Mistreß Fairfax
 ist jetzt bei ihr und bittet sie, das Haus zu verlassen; 
aber die Zigeunerin hat sich in einen Stuhl im Winkel
 des Kamins niedergesetzt und sagt, es solle sie Niemand
v on der Stelle bringen, ehe sie Erlaubnis erhalten 
habe, hieher zu kommen.
, Was will sie den? fragte Mistreß Eshton.

, Den Herrschaften wahrsagen, und sie schwört, 
daß sie es thun muß und thun will.
, Wie sieht sie aus? fragten die Misses Eshton 
in einem Athem.

, Ein sehr garstiges altes Geschöpf ist sie, Miß, 
fast so schwarz wie ein Rabe.

, Ei, da ist sie eine echte Zauberin! rief Friedrich Lynn. , Sie muß natürlich hereinkommen.
, Natürlich, versetzte sein Bruder, es wäre
 schade, eine so gute Gelegenheit zur Unterhaltung
 vorübergehen zu lassen.
, Was denkt Ihr, meine lieben Kinder? rief
 Lady Lynn.
, Ich kann zu so ungehörigen Dingen unmöglich 
meine Zustimmung gehen, fiel die Witwe Ingram ein.
, Doch, Mama, Sie können und werden es, ließ
 sich Blanca in ihrem hochmüthigen Tone vernehmen, 
indem sie sich auf dem Stuhle am Piano umwendete,
 wo sie einige Notenhefte durchgeblättert hatte. ,Ich 
bin sehr neugierig, mir wahrsagen zu lassen, darum
 laßt die gute Dame hereinkommen, Sam.
, Liebste Blanca! bedenke doch --

, Ich bedenke Alles, was Sie einwenden können,
 Mama, und muß meinen Willen haben -- schnell,
 Sam!

, Ja -- ja -- ja! riefen die jungen Herren und Damen. ,Laßt sie kommen -- es wird einen köstlichen Spaß geben!

Der Bediente zauderte noch.

, Sie sieht sehr häßlich und gemein aus, sagte er.

, Geht! rief Miß Ingram, und der Mann ging.

Augenblicklich bemächtigte sich der ganzen Gesellschaft eine große Aufregung, und es entstand ein wahres
 Kreuzfeuer von Witz, Spott und Entrüstung. Bald
 kehsrte Sam zurück.

, Sie will jetzt nicht kommen, berichtete er. Sie
 sagt, es sei nicht ihre Sache, vor der ganzen Sippschaft 
zu erscheinen, das sind ihre Worte. Ich müßte sie in 
ein besonderes Zimmer führen, und die, welche sie be
fragen wollten, müßten einzeln zu ihr kommen.
, Du siehst es jetzt, meine königliche Blanca, be
gann Lady Ingram, wie anmaßend diese Hexe ist.
 Laß dir rathen, mein Engelsmädchen -- und --
, Führt sie in die Bibliothek, fiel das Engelsmädchen ein, es ist auch nicht nach meinem Geschmack, sie vor der ganzen Sippschaft anzuhören, ich will sie 
allein für mich haben. Ist das Bibliothekzimmer geheizt?
, Ja, mein Fräulein -- aber sie sieht wie eine 
Kesselflickerin aus.
, Laßt Euer Schwatzen, Dummkopf! und thut,
 was ich befehle.
Sam verschwand wieder, und die geheimnisvolle 
Aufregung und Erwartung steigerte sich nun aufs
 Höchste.
, Sie ist jetzt bereit, sagte der Bediente, wieder 
eintretend, wünscht aber zu wissen, wer sie zuerst besuchen wird.
, Ich denke, es ist besser, wenn ich sie mir vorher
 ansehe, ehe eine von den Damen zu ihr geht, schlug 
Oberst Dent vor, , Sagt ihr, Sam, es komme ein Herr.
Sam ging und kehrte zurück.

, Sie sagt, Herr Oberst, sie will keinen Herrn;
 Die brauchen sich nicht zu ihr zu bemühen und auch

die Ladies nicht, fügte er hinzu, mit Mühe ein Kichern
unterdrückend, sie wünscht nur mit Juungen und Le
digen zu thun zu haben.
, Beim Jupiter! sie hat Geschmack, rief Heinrich
 Lynn.
Miß Ingram stand feierlich auf.

, Ich will zuerst gehen, sagte sie in dem heroischen 
Tone eines Anführers, der an der Spitze seiner Leute
 in die Bresche der feindlichen Festung dringt.
, O meine Beste! mein theuerstes Kind! halt ein
 -- bedenke! rief ihre Mutter; doch bereits rauschte 
Blanca stolz an ihr vorüber und verschwand durc
h die Thür, die Oberst Dent offen hielt. Wir hörten 
sie in das Bibliothekzimmer treten. 
Eine verhältnismäßige Ruhe herrschte jetzt. Lady
Ingram hielt es für passend, ihre Häntde zu ringen.
 Miß Maria erklärte, sie ihres Theils werde nie so
 etwas wagen. Ann und Louise Eshton flüsterten
 einander zu und sahen ein wenig erschrocken aus.
Es vergingen fünfzehn lange Minuten, ehe die 
Thür der Bibliothek sich wieder öffnete. Gleich darauf
 trat Miß Ingram ein.
Aller Angen waren mit lebhafter Neugierde auf
 sie gerichtet, und sie begegnete allen mit zurückweisen
der Kälte, sie sah weder aufgeregt noch heiter aus,
 ging steif zu ihrem Sitze und nahm ihn schweigend ein.
, Nun, Blanca? sagte Lord Ingram.
, Was sagte sie, Schwester? fragte Marie.

, Wie war Ihnen zu Muthe. Ist sie eine wirk
liche Wahrsagerin? fragten die Fräulein Eshton.
, Nun, nun, Ihr guten Leute, entgegnete Miß 
Ingram, dringen Sie nicht so heftig auf mich ein. Nach der Wichtigkeit, die Sie Alle -- meine gute
 Mama mit eingeschlossen -- dieser Sache beilegen, 
scheinen Sie wirklich zu glauben, daß wir eine echte
 Hexe im Hause haben, die mit dem alten schwarzen
 Herrn, der nach Pech und Schwefel riecht, in naher
 Verbindung steht. Ich habe eine herumziehende Zigeunermutter gesehen, die nach hergebrachter Weise

aus den Linien der Hand prophezeit und mir gesagt
 hat, was solche Leute gewöhnlich sagen. Meine Laune ist befriedigt, und nun glaube ich, wird Herr Eshton
 wohl thun, die Alte einsperren zu lassen, wie er gedroht hat.
Miß Ingram nahm ein Buch, lehnte sich in
 ihren Stuhl zurück und war nicht zu bewegen, weiter
 zu sprecen. Ich beobachtete sie beinahe eine halbe
 Stunde, während dieser Zeit schlug sie nie ein Blatt um, ihr Gesicht zeigte immer deutlicher den mürrischen
 Ausdruck einer fehlgeschlagenen Erwartung. Sie hatte
 offenbar etwas Unangenehmes gehört, und aus ihrem 
düsteren Wesen schloß ich, daß sie den Eröffnungen der Wahrsagerin eine größere Wichtigkeit beilegte, als 
sie eingestehen wollte.
Inzwischen erklärten Maria Ingram, Amy und
 Louise Eshton, sie wünschten Alle, die Wahrsagerin zu sehen, wagten aber nicht, allein zu ihr zu gehen. 
Es wurde also Sam als Gesandter abgeschickt; nach 
langem Hin- und Herverhandeln, wobei sich Sam fast
 die Füße wund lief, wurde endlich der halsstarrigen
 Sybille die Erlaubnis abgerungen, daß alle drei Damen 
zugleich bei ihr erscheinen dürften.
Dieser Besuch verlief nicht so still, wie der der 
Miß Ingram, wir hörten von der Bibliothek her ein 
begsterisches Lachen und von Zeit zu Zeit einen leichten
 Schrei. Nach Verlauf von zwanzig Minuten kehrten
 die Damen in großer Aufregung zurück.
, Das geht nicht mit rechten Dingen zu! riefen 
sie alle zugleich. , Sie hat uns Sachen gesagt -- 
kurz, sie weiß Alles von uns!
Und sie sanken athemlos auf die Stühle nieder.
Als man eine weitere Erklärung von ihnen for
derte, erzählten sie, die Alte hätte ihnen gesagt, was
 sie als kleine Kinder gethan, hätte ihnen Bücher und
 Schmucksachen beschrieben, die sie zu Hause in ihren
 Boudoirs aufbewahrten. Sie behaupteten auch, sie
 habe sogar ihre Gedanken errathen und Jeder von
 ihnen den Namen der Person ins Ohr geflüstert, die


ihnen die liebste auf der Welt sei. Auch ihre Lieblings
wünsche hatte die Alte errathen. 

Hier fielen die Herren mit lebhaften Bitten um 
weitere Aufklärung über diese beiden letzten Punkte s
ein, doch wurde ihre zudringliche Neugier nur mit Erröthen und Kichern erwidert. Die älteren Damen
 nahmen inzwischen ihre Riechfläschchen zur Hand und 
ließen ihre Fächer spielen, indem sie wiederholt das
 Bedauern aussprachen, daß man ihre Warnung nicht
 beachtet habe; die älteren Herren lachten, und die jün
geren bemühten sich, die aufgeregten Schönen zu beruhigen.
Während meine Augen und Ohren mit dieser
 Scene beschäftigt waren, hörte ich Jemand dicht nebenmir hm! sagen; ich wendete mich um und erblickte Sam.
, Entschuldigen Sie, Miß, die Zigeunerin behauptet,
 es sei noch eine ledige junge Dame im Zimmer, die
 noch nicht bei ihr gewesen sei, und sie schwört, nicht
 eher gehen zu wollen, als bis sie auch diese gesehen
 habe. Ich glaubte, Sie müßten es sein, denn es ist 
sonst Niemand da. Was soll ich ihr sagen?

, Oh! ich will auf jeden Fall gehen, antwortete 
ich und war froh über die ebenso unerwartete als
 willkommene Gelegenheit, meine hochsgespannte Neu
gierde zu befriedigen. Ich schlich mich unbeachtet aus
 dem Zimmer und machte die Thür leise hinter mir zu.
, Wenn Sie wollen, Miß, sagte Sam, so warte 
ich im Vorsaale auf Sie, und wenn Ihnen die Alte Angst
 macht, dürfen Sie nur rufen, und ich komme herein.
, Nein, Sam, kehren Sie nur in die Küche zurück, 
ich fürchte mich nicht im Geringsten.
Ich fühlte in der That keine Furcht. Aber die 
Sache interessirte und erregte mich im höchsten Grade.

Neunzehntes Capitel.
Als ich in das Bibliothekzimmer trat, fand ich 
die Sybille gemächlich in einem Lehnsessel in der

Ecke des Kamins sitzen. Sie trug einen rothen Mantel 
und einen schwarzen Zigeunerhut mit breitem Rande,
 der mit einem gestreiften Tuch unter ihrem Kinn festgebunden war. Ein erloschenes Licht stand auf dem
Tische; sie neigte sich über das Feuer und schien 
bei dem Schimmer desselben in einem kleinen schwarzen
 Buche zu lesen, welches einem Gebetbuche ähnelte.
 Indem sie las, murmelte sie die Worte vor sich
 hin, wie die meisten alten Frauen zu thun pflegen.
 Sie unterbrach ihre Beschäftigung nicht gleich nach 
meinem Eintritte, sondern schien erst das Begonnene
 zu Ende lesen zu wollen.
Ich fühlte mich so ruhig und gefaßt, wie nur je 
in meinem Leben, und es lag auch nichts in dem 
Aeußeren der Zigeunerin, was meine Ruhe hätte
 stören können. Endlich machte sie ihr Buch zu und 
blickte langsam auf; der Rand ihres Hutes beschattete 
theilweise ihr Gesicht, doch konnte ich sehen, als sie es erhob, daß es ein fremdes und seltsames Aussehen 
hatte; es war durchweg braun und schwarz. Verwirrtes Haar trat borstenähnlich unter einem weißen Bande hervor, welches sie um den Kopf geschlungen
 hatte. Ihr Ange richtete sich sogleich mit kühnem und
 geradem Blick auf mich.
, Nun, ich soll Ihnen ebenfalls wahrsagen? 
begann sie mit einer Stimme, ebenso entschieden wie 
ihr Blick, und ebenso rauh wie ihre Züge.
, Es liegt mir nichts daran, alte Mutter, thut,
 wie Ihr wollt, aber ich muß Euch vorhersagen, daß
 ich keinen Glauben daran habe.
, Das gleicht Ihrer Kühnheit, ich hörte es an 
Ihrem Schritte, als Sie über die Schwelle gingen.
, Wirklich? Da müßt Ihr ein feines Ohr haben.

, Das habe ich, und ein feines Auge und ein
 feines Gehirn dazu.
, Ihr bedürft Alles dessen bei Eurem Geschäft.

, Ja, besonders wenn ich mit Personen zu thun 
habe, wie Sie. Warum zittern Sie nicht?
, Es friert mich nicht.

, Dann müssen Sie irgend eine geheime Hoffnung 
haben, die Sie aufrecht hält und Ihnen angenehme
 Erwartungen von der Zukunft zuflüstert?
, O nein, meine höchste Hoffnung ist, mir von
 meinem Gehalt so viel Geld zu ersparen, daß ich 
einst in einem kleinen selbst gemietheten Hause eine 
Schule gründen kann.
Ohne hierauf einzugehen, 
fuhr die Alte fort:
, Eine spärliche Nahrung ist es für den Geist,
 wenn man in jener Fenstervertiefung sitzt -- Sie sehen, 
ich kenne Ihre Gewohnheiten --
, Sie haben es von den Dienern gehört.
, Nun gut, vielleicht ist es so, und um dieWahrheit zu reden, bin ich mit einer von den 
Dienerinnen bekannt -- Mistreß Poole --
Ich stand auf, als ich den Namen hörte.

, Ihr seid mit ihr bekannt? fragte ich und
 setzte dann für mich hinzu: dann ist doch Teufelei
 im Werke --
, Beunruhigen Sie sich nicht, fuhr das seltsame
 Wesen fort, Mistreß Poole ist eine zuverlässige und
 verschwiegene Person, ihr darf Jeder vertrauen. Aber
 was ich sagen wollte: wenn Sie in jener Fenster
vertiefung sitzen, denken Sie da an nichts weiter, als
 an Ihre künftige Schule? Haben Sie kein Interesse
 für die Gegenwart, für irgend Jemand von der Gesellschaft, in welcher Sie sich jetzt bewegen? Gibt es 
darunter kein Gesicht, welches Sie studieren? Keine
 Gestalt, deren Bewegungen Sie wenigstens mit Neugierde folgen?
, Ich beobachte alle Gesichter und alle Gestalten.
, Aber machen Sie denn keinen Unterschied mit 
einer dieser Personen -- oder vielleicht mit zweien?
, O gewiß, sehr oft sogar; wenn die Geberden 
oder Blicke eines Paares besonders sprechend zu sein
 scheinen, so unterhält es mich, sie zu beobachten.
, Was beobachten Sie am liebsten?

, Ach, die Auswahl ist nicht groß. Es beschränkt
 sich fast Alles auf das Hofmachen, und Alles scheint

auf eins und dasselbe hinauslaufen zu sollen -- auf
 eine Heirat.

, Und gefällt Ilhnen dieser einförmige Gegenstand?

, Nicht besonders, was geht mich auch diese 
Sache an.
, Interessirt Sie das nicht, wenn eine Dame, jung 
und voll Leben und Gesundheit, mit Schönheit und den Gaben des Ranges und Glückes ausgestattet, neben
 einem Herrn sitzt und ihm in die Augen lächelt -- so --
, Welchem Herrn?

, Einem, von dem Sie vielleicht gut denken.

, Ich kenne die Herren hier zu wenig. Ich habe
 kaum eine Silbe mit einem von ihnen gewechselt. 
Wenn ich sagen soll, was ich von ihnen halte, so finde ich einige der älteren sehr respectabel, einige 
der jüngeren kühn und lebhaft; aber es steht ihnen
 Allen frei, sich anlächeln zu lassen, von wem sie
 wollen, ohne daß dies für mich von irgend welcher
 Wichtigkeit wäre.
, Sie kennen die Herren hier nicht? Sie haben
 keine Silbe mit einem von ihnen gewechselt? Können
 Sie das auch von dem Herrn des Hauses sagen?
, Er ist abwesend.

, Eine sehr sinnreiche Einwendung! Er ging
 diesen Morgen nach Millcote und wird heute Abend
 oder morgen zurückkehren. Schließt ihn dieser Umstand
 von der Liste Ihrer Bekannten -- ja gleichsam vom 
Dasein aus?

, Nein; aber ich sehe nicht recht ein, was Herr
 Rochester mit dem Gegenstande zu thun hat, wovon
 wir sprechen.
, Ich sprach von Damen, die den Herren in die
 Augen lächeln; und in der letzten Zeit hat sich so viel Lächel in Herrn Rochester's Augen ergossen, daß sie wie zwei bis über den Rand gefüllte Schalen über
fließen; haben Sie das nie bemerkt?
, Herr Rochester hat ein Recht, sich der Gesell
schaft seiner Gäste zu erfreuen.

, Von dem Recht ist nicht die Rede; aber haben
 Sie nie bemerkt, daß man Herrn Rochester am leb
haftesten den Hof gemacht hat?
, Die Lebhsaftigkeit des Horchers macht die Zunge 
des Erzählers schneller.
Ich sagte dies mehr zu mir selbst, als zu der
 Zigennerin, deren Seltsamkeit in Sprache, Stimme
 und Wesen mich wie in einen Traum versetzt hatte.
 Ein überraschendes Wort nach dem anderen kam von
 ihren Lippen, daß ich mich frug, welcher unsichtbare
 Geist seit Wochen an meinem Herzen gelauscht 
haben könnte, um es zu beobachten und sich jede 
meiner Empfindungen genau einzuprägen.
, Die Lebhaftigkeit eines Horchers! wiederholte
 das Weib, ja, Herr Rochester hat stundenlang dagesessen und sein Ohr nur den bezaubernden Lippen
 geliehen, die von ihrer eigenen Beredsamkeit entzückt
 waren, und Herr Rochester war so empfänglich und
 so dankbar für den ihm gewährten Zeitvertreib.
 Haben Sie dies bemerkt?
, Dankbar! Ich erinnere mich nicht, den Aus
druck der Dankbarkeit in seinem Gesichte entdeckt zu
 haben.
, Entdeckt! Sie haben es also geprüft? Und
 was entdeckten Sie denn, wenn nicht Dankbarkeit?
Ich schwieg.

, Sie haben Liebe entdeckt, nicht wahr? Und
 indem Sie sich die Zukunft vorstellten, sahen Sie ihn
 verheiratet und seine Gattin glücklich?
, Hm! das nicht gerade. Euer Hexenverstand irrt
 zuweilen.
, Was, zum Teufel, haben Sie denn sonst ge
sehen?
, Darum handelt es sich jetzt nicht, ich kam hier
her, um zu fragen, und nicht, um zu beichten. Ist es 
denn so allgemein bekannt, daß Herr Rochester sich
 verheiraten will?

, Ja, mit der schönen Miß Ingram.

, Bald?

, Der Schein führt zu diesem Schlusse; und ohne
 Zweifel werden Beide ein sehr glückliches Paar
 werden, obgleich Sie mit einer Kühnheit daran zu 
zweifeln sich erlauben, daß man Sie dafür strafen
 sollte. Er muß eine so schöne, edle, wizige und talentvolle Dame doch lieben, und wahrscheinlich liebt sie 
ihn ebenfalls, wenn auch nicht seine Person, doch 
wenigstens seine Börse. Ich weiß, daß sie das
 Familiengut der Rochester's für außerordentlich be
gehrenswerth hält; obgleich -- Gott verzeihe mir! ich
 ihr vorhin etwas über diesen Punkt sagte, worüber 
sie äußerst ernst wurde und ihre Mundwinkel einen halben Zoll herunterzog. Ich möchte ihrem dunkel
äugigen Bewerber rathen, sich vorzusehen, denn wenn
 ein Anderer mit größeren Renten käme, so läßt sie jenen einfach laufen.

, Aber, alte Mutter, ich kam nicht hierher, um 
Herrn Rochester's Zukunft zu hören, sondern meine
 eigene, von der Ihr noch nicht gesprochen habt.
, Ihre Zukunft ist noch zweifelhaft; als ich Ihr
 Gesicht prüfte, widersprach ein Zug dem anderen. 
Das Schsicksal hat auch für Sie ein gewisses Maß
 des Glückes bestimmt, so viel weiß ich -
- Ich
wußte es schon, ehe ich diesen Abend hierher kam.
 Es hängt nur von Ihnen ab, Ihre Hand nach diesem Glücke auszustrecken, aber ob Sie das thun werden,
 das ist das Räthsel, welches ich studire. Knieen Sie
 noch einmal auf den Teppich nieder.
, Nur nicht zu lange, das Feuer macht mir zu
 heiß.
Ich kniete nieder. Sie beugte sich nicht zu mir,
 sondern sah mich nur an, indem sie sich in ihren
 Stuhl zurücklehnte.

, Die Flamme flackert in dem Auge, begann sie 
murmelnd, das Auge schimmert wie Thau; es scheint sanft und voll Gefühl; es ist empfänglich; ein Eindruck folgt dem anderen in seinem klaren Kreise;
 wenn es aufhört zu lächeln, ist es traurig; eine un
bewußte Ermattung drückt das Augenlid nieder, das

deutet auf Melancholie, die aus Einsamkeit entsteht.
 Es wendet sich von mir ab, um eine weitere Prüfung
zu verhindern; es will mit einem spöttischen Blicke 
die Wahrheit meinner Entdeckungen leugnen. Aber 
dieser Stolz und diese Zurückhaltung bestärken mich
 nur darin. Das Auge ist günstig. Der Mund gefällt
 sich zu Zeiten im Lachen; er ist geneigt, Alles mit
zutheilen, was das Gehirn erdenkt, obgleich er wahr
scheinlich Vieles verschweigt, was das Herz erlebt.
 Beweglich und ausdrucksvoll, war dieser Mund nie 
bestimmt, in dem ewigen Schweigen der Einsamkeit
 geschlossen zu bleiben; es ist ein Mund, der viel
 reden und oft lächeln und menschliche Neigung für
 den zeigen sollte, mit dem er spricht. Auch dieser Zug 
ist güstig. Ich sehe keinen Feind für den glücklichen
 Ausgang, als auf der Stirn, und diese Stirn will
sagen: Ich kann allein leben, wenn meine Selbst
achtung und die Umstände es von mir fordern. Ich
 darf des Glückes wegen nicht meine Seele verkaufen.
 Ich habe einen inneren Schatz, der mit mir geboren 
ist, der mich stützen und erhalten wird, wenn mir 
alles äußere Glück versagt sein oder nur zu einem 
Preise gewährt werden sollte, den ich nicht zahlen
 kann. Die Stirn erklärt: die Vernunft hält die Zügel
 und wird sich von den Gefühlen nicht beherrschen
 und ins Verderben führen lassen. Die Leidenschaften
 mögen toben und die Wünsche mögen sich auf
 Eitelkeiten richten, aber die Vernunft soll immer das 
letzte Wort bei jeder Entscheidung haben. Sturm
 und Erdbeben mögen hereinbrechen, ich will nur der Leitung, jener leisen Stimme folgen, die mir die Vor
schriften des Gewissens deutet. -- Gut gesprochen,
 Stirn; deine Offenbarung soll beachtet werden. Ich
 habe meine Pläne entworfen -- ich glaube, daß es 
gute Pläne sind, denn ich habe die Forderungen des
 Gewissens und die Rathschläge der Vernunft berück
sichtigt. Ich weiß. wie bald die Jugend verwelken
 und die Blüthe erbleichen würde, wenn in dem mir
 gebotenen Becher des Glückes nur die geringste Hefe

der Schande oder ein bitterer Beigeschmack der Reue
 zu entdecken wäre; und ich will keine Opfer, keinen
 Kummer, keine Zerstörung -- dies ist nicht nach
 meinem Geschmack. Ich will wohlthun und nicht
 vernichten -- ich will Dankbarkeit ernten, nicht blutige
 Thränen auspressen; meine Ernte soll in Lächeln,
 Zärtlichkeit und Wonne bestehen. So ist es recht.
 Ich glaube, ich schwärme in einem köstlichen Wahn.
 Ich möchte diesen Augenblick ins Unendliche ver
längern; aber ich darf es nicht. So weit habe ich mich
 völlig beherrscht; aber wenn ich fortfahren wollte,
 möchte ich auf eine zu schwere Probe gestellt werden. 
Stehen Sie auf, Miß Eyre, verlassen Sie mich, das
 Spiel ist zu Ende.
Wo war ich? Wachte ich? Hatte ich geträumt? 
Träumte ich noch? Die Stimme des alten Weibes
 hatte sich verändert, ihre Sprache, ihre Geberden und Alles war mir so bekannt, wie mein eigenes Gesicht 
im Spiegel, wie die Rede meiner eigenen Zunge. Ich 
stand auf, ging aber nicht fort. Ich starrte die 
Gestalt an, schürte das Feuer, daß es hell auflammte,
 und starrte sie wieder an; aber sie zog Hut und 
Binde tiefer in ihr Gesicht und winkte mir nochmals,
 mich zu entfernen. Die Flamme erleuchtete ihre aus
gestreckte Hand. Da ich jetzt stutzig geworden, so
 suchte ich weiter zu forschen und betrachtete diese 
Hand. Das war nicht das welke Glied einer alten 
Frau, die Finger waren glatt, schön gerundet und
 voll, an dem kleinen Finger schimmerte ein kostbarer R
ing; ich beugte mich auf den Ring nieder und
 erblickte einen Edelstein, den ich wohl hundertmal
 vorher gesehen hatte. Als ich wieder aufblickte, waren 
Hut und Vinde von dem Gesichst entfernt.
, Nun, Johanna, kennen Sie mich? fragte die
 mir so wohlbekannte Stimme.
, Legen Sie nur den rothen Mantel ab, Herr,
 dann werde ich wohl --
, So -- fort mit den Lumpen!

Und Herr Rochester warf seine Verkleidung von sich.


, Ei, Herr, welch' eine seltsame Idee!

, Alber gut ausgeführt, nicht wahr? Meinen Sie
 das nicht?
, Bei den Damen mag es Ihnen wohl gelungen sein.
, Aber bei Ihnen nicht?

, Bei mir spielten Sie nicht die Rolle einer 
Zigeunerin.
, Welche Rolle spielte ich den? Meine eigene?

, Nein, eine unerklärliche. Kurz, ich glaube, Sie 
haben versucht, mich auszuforschen oder mich auf's
 Glatteis zu führen. Sie haben Unsinn gesprochen, 
um auch von mir Unsinn herauszulocken. Das war 
doch nicht ganz recht, mein Herr.
, Verzeihen Sie mir, Johanna?

, Das kann ich nicht eher, als bis ich Alles bedacht habe. Wenn ich bei reiflicherem Nachdenken 
finde, daß ich keine zu großen Albernheiten gesagt 
habe, so werde ich versuchen, Ihnen zu verzeihen. Aber
 es war dennoch nicht recht von Ihnen.
, O! Sie haben sehr correct, sehr vorsichtig und
 verständig geantwortet.
Ich dachte nach und meinte auch, daß dies im
 Allgemeinen richtig sei, denn ich hatte mich gleich
 von Anfang an in Acht genommen. Ich vermuthete
 schon von vornherein eine Verkleidung. Ich wußte,
 daß Zigeunerinnen und Wahrsagerinnen sich nicht so
 aussprächen, wie dieses angebliche alte Weib. Außerdem war mir aufgefallen, daß ihre Stimme offenbar
 verstellt war und daß sie sich große Mühe gab, ihre
 Züge zu verbergen. Doch ich hatte an Gratia Poole,
 dieses lebendige Räthsel, dieses Geheimnis aller Ge
heimnisse, gedacht; Herr Rochester war mir nicht eingefallen.
, Nun, worüber denken Sie nach? fragte er. 
, Was bedeutet dieses ernste Lächeln?
, Ich wundere mich und wünsche mir selber
 Glück, mein Herr. Aber Sie werden mir jetzt wohl
 erlauben, mich zu entfernen?

, Nein, warten Sie nur einen Augenblick und sagen
 Sie mir, was die Leute im Gesellschaftszimmer thun.
, Sie sprechen vermuthlich von der Zigeunerin.
, Setzen Sie sich nieder und lassen Sie mich hören,
 was sie von mir sagen.
, Es ist nicht rathsam für mich, länger zu bleiben,
 Herr, es muß beinahe elf Uhr sein. O! Herr Rochester,
 da fällt mir ein, daß in Ihrer Abwesenlheit ein 
Fremder gekommen ist.
, Ein Fremder! -- Wer mag es sein? Ich er
wartete keinen. Ist er wieder fort?
, Nein, er sagte, daß er Sie seit langen Jahren
 kenne und sich daher auch die Freiheit nehmen dürfte,
 so lange hier zu bleiben, bis Sie zurückkehrten.
, Zum Teufel mit ihm! Nannte er seinen 
Namen?
, Sein Name ist Mason, Herr, und er kommt
 aus Westindien -- aus Spanish Town in Jamaica,
 glaube ich.
Herr Rochester stand neben mir und hatte meine
 Hand gefaßt. Als ich die letzten Worte sprach, drückte
 er krampfhaft mein Gelenk; das Lächeln auf seiner
 Lippe erstarb und sein Athem schien zu stocken.
, Mason! Westindien! sagte er in einem Tone,
 der von einem redenden Automaten herzurühren schien.

, Mason! Westindien! wiederholte er, und wurde 
dabei blaß wie ein Todter. Er schien kaum bei vollem
 Bewußtsein.
, Sind Sie krank, Herr fragte ich.
 , Johanna, ich habe einen Schlag erlitten --
 einen furchtbaren Schlag, Johanna !'' stotterte er.
,
O! -- stützen Sie sich auf mich, mein Herr.

, Johanna, Sie boten mir schon einmal Ihren
 Arm als Stütze an; geben Sie ihn mir auch jetzt.

, Ja Herr, ja.

Er setzte sich nieder und ich mußte neben ihm 
Platz nehmen. Er streichelte meine Hand, die er in
 der seinigen hielt und sah mich zugleich mit ver
störtem und traurigem Blicke an.

, Meine kleine Freundin, sagte er, ,ich wollte, 
ich wäre auf einer stillen Insel mit Ihnen allein,
 und ferne von Gefahr und schrecklichen Erinnerungen.
, Kann ich Ihnen helfen, mein Herr? -- Ich 
würde mein Leben hingeben, um Ihnen zu dienen.
, Johanna, wenn ich der Hilfe bedarf, so will 
ich sie bei Ihnen suchen, das verspreche ich Ihnen.
, Ich danke Ihnen, meinn Herr. Sagen Sie mir
 nur, was ich zu thun habe -- ich will wenigstens 
versuchen, es auszuführen.
, So holen Sie mir jetzt ein Glas Wein aus
 dem Speisezimmer, Johanna. Meine Gäste werden
 gerade beim Abendessen sein, überzeugen Sie sich, ob Mason noch bei Ihnen ist, und was er thut.
Ich ging und fand die ganze Gesellschaft beim
 Abendessen, wie Herr Rochester vermuthet hatte. Man
 saß nicht am Tische, sondern, da die Speisen auf der
 Credenz aufgestellt waren, so hatte sich Jeder ausgewählt, was ihm zusagte. Die Herren wie die Damen bildeten Gruppen und hielten ihre Teller
 und Gläser in den Händen. Alle schienen in sehr 
heiterer Stimmung. Das Lachen und die Unterhaltung 
waren allgemein; Herr Mason stand in der Nähedes Feuers, sprach mit dem Obersten und dessen Frau, 
und schien so heiter, wie nur irgend Jemand von 
der Gesellschaft. Ich füllte ein Weinglas und be
merkte, wie Miß Ingram mich mit finsteren Blicken 
beobactete, wahrscheinlich, weil sie dachte, ich nehme 
mir eine zu große Freiheit heraus. Dann kehrte ich
 in das Bibliothekzimmer zurück.
 Herrn Rochester's Blässe war verschwunden; er
 sah wieder fest und strenge aus.

, Auf Ihre Gesundheit, hilfreicher Geist! sagte 
er das Glas aus meiner Hand nehmend, und trank 
den Inhalt aus.
, Was thun sie da drüben, Johanna?

, Sie lachen und schwatzen, mein Herr.
, Sie machen also keine ernsten und geheimnisvollen Mienen, als wenn sie etwas Seltsames gehört
 hätten?

, Durchaus nicht -- sie sind voller Scherze und
 Heiterkeit.
, Und Mason?

, Er lachte auch.

, Wenn alle diese Leute hierher kämen und mich 
anspieen, was würden Sie thun, Johanna?

, Ich würde sie fortjagen, mein Herr, wenn ich 
könnte.

Er lächelte ein wenig.

, Aber wenn sie mich nur kalt ansähen, einander
 spöttisch zuflüsterten, und Einer nach dem Anderen
 mich verließe, was dann? Würden Sie mit ihnen
 gehen?
Ich glaube nicht, Herr; ich würde vorziehen, bei
 Ihnen zu bleiben.

, Mich zu trösten?
, Ja Herr, Sie zu trösten, so gut ich könnte.
, Und wenn man Sie in die Acht erklärte, weil
 Sie treu zu mir hielten
, Ich würde mich nicht darum kümmern.
, So könnten Sie also um meinetwillen dem 
Urtheile der Welt Trotz bieten?

, Ich könnte es für jeden Freund, der meine 
Anhänglichkeit verdient, und die verdienen Sie gewiß.
, Kehren Sie jetzt in das Gesellschaftszimmerzurück; gehen Sie still und unbemerkt zu Mason und 
flüstern Sie ihm ins Ohr, Rochester sei gekommen 
und wünsche mit ihm zu reden. Führen Sie ihn hier
 herein und verlassen Sie mich dann.
, Ja, Herr.

Ich ging. Die Gesellschaft starrte mich an, als 
ich mir zwischen den Gruppen hindurch den Weg
 zu Herrn Mason bahnte, dem ich meinen Auftrag
 ausrichtete. Ihm vorangehend, führte ich ihn in das Bibliothekzimmer und stieg dann die Treppe
 auf.
 In später Stunde, nachdem ich schon eine Zeit
lang im Bette gelegen hatte, hörte ich, wie sich die
 Gäste in ihre Zimmer begaben. Ich konnte Herrn

Rochester's Stimnme unterscheiden und hörte ihn sagen
, Hierher, Herr Mason, dies ist Ihr Zimmer.
 Der Ton seiner Stimme klang heiter, was mein
 Herz beruhigte, so daß ich bald einschlief.

Zwanzigstes Capitel.
Ganz gegen meine Gewohnheit, hatte ich ver
gessen, den Bettvorhang zuzuziehen und das Rouleau 
am Fenster niederzulassen. Die Folge war, daß der 
Mond, der in jener Nacht voll war, seine hellglänzenden Strahlen durch die unbeschützten Scheiben
 warf und mich erweckte. Meine Blicke fielen auf die 
silberhelle, kristallreine Scheibe. So ungern ich mich
 von diesem Zauber trennte, so streckte ich doch meinen
 Arm aus, um den Bettvorhang zuzuziehen.

Guter Gott, welch' ein Schrei!

Die Nacht -- die Stille -- die Ruhe wurde
 durch einen wilden, durchdringenden Schrei gestört,
 der Thornfield Hall von einem Ende zum anderen 
durchgellte.

Mein Puls hielt an, mein Herz stand still, mein
 ausgestreckter Arm schien gelähmt. Der Schrei verstummte und wurde nicht wiederholt. Und in der
 That, wer immer auch diesen furchtbaren Schrei
 ausgestoßen haben mochte -- er konnte ihn nicht so
bald wiederholen, selbst der stärkste Adler der Anden 
hätte nicht vermocht, zweimal nach einander einen 
solchen Schrei aus der Wolke herabzusenden, die 
seinen Horst umgibt. Das Wesen, welches diesen 
wilden Schrei hören ließ, mußte sich erholen, ehe es
 die Kraft zu einem zweiten solchen fand.
Es kam aus dem dritten Stock, denn es war 
über meinem Kopfe. Und in dem Zimmer, gerade
 über dem meinigen, hörte ich jetzt einen Kampf --
nach dem Lärm schien es ein tödtlicher Kampf zu
 sein -- und eine halb erstickte Stimme rief dreimal:
, Hilfe! Hilfe! Hilfe!

, Will Niemand kommen? rief es, und dann,
 
während das Hin- und Herstampfen fortdauerte, vernahm ich deutlich die Worte durch die Decke:
, Rochester! Rochester! um Gotteswillen, kommen
 Sie!
Die Thür eines Zimmers öffnete sich, es stürzte
 Jemand durch die Gallerie. Abermals began oben
 ein Stampfen von Füßen -- es fiel etwas, und dannwar Alles still.
Ich hatte hastig einige Kleider umgeworfen, ob
gleich meine Glieder vor Entsetzen bebten, und trat
 aus dem Zimmer herans. Die Schläfer waren Alle 
erwacht, Ausrufe und erschrockenes Gemurmel ertönten 
in jedem Zimmer, eine Thür nach der anderen öffnete
 sich, aus jeder kam ein neues Gesicht zum Vorschein,
 die Gallerie füllte sich. Herren und Damen hatten
 ihre Nachtlager verlassen und von allen Seiten rief
 es durch einander: , Was bedeutet das? -- , Wasist geschehen? --
, Ist Feuer ausgebrochen? --
, Sind Räuber da --
, Vohin sollen wir uns 
retten? Man rannte hin und her, drängte sich zu
sammen, Einige schluchzten, Andere stolperten und
 fielen, die Verwirrung war entsetzlich. Hätte der
 Mond nicht geschienen, so würden sich diese Scenen 
in völliger Finsternis ahgespielt haben.

, Wo zum Teufel, ist Rochester? rief Oberst
 Dent. , Ich kann ihn nicht in seinem Bette finden.

, Hier! hier! wurde geantwortet. , Beruhigen 
Sie sich Alle, ich komme.
Die Thür am Ende der Gallerie hatte sich ge
öffnet und Herr Rochester trat mit einem Lichte näher.
 Er war eben von dem oberen Stock heruntergekommen, und eine von den Damen lief sogleich auf ihn zu und 
ergriff seinen Arm. Es war Miß Ingram.

, Welches schreckliche Ereignis hat sich zugetragen? 
fragte sie. , Reden Sie! Lassen Sie uns gleich das 
Schlimmste wissen.

, Ziehen Sie mich nur nicht zu Boden und er
würgen Sie mich nicht, versetzte er, denn die Misses

Eshton hängten sich jetzt auch an ihn und die beiden Witwen kamen in weißen Gewändern auf ihn zu,
 wie Schiffe mit vollen Segeln.

, Alles ist wieder in Ordnung! Alles ist in Ordnung! rief er. , Es ist nur eine Probe von
, Viel Lärm um Nichts. Lassen Sie mich los, meine 
Damen, oder ich werde gefährlich.
Und gefährlich sah er in der That aus, mit 
seinen schwarzen wild blickenden Augen. Er zwang 
sich mit großer Anstrengung zu äußerer Ruhe und 
fügte hinzu:
, Eine Dienerin hat das Alpdrücken gehabt, das
 ist Alles. Sie ist eine reizbare, nervöse Person, sie legte ihren Traum als eine Erscheinung oder dergleichen aus, und bekam vor Schrecken Krämpfe.
 Jetzt muß ich Sie Alle bitten, in Ihre Zimmer zurück
zukehren, denn ehe das Haus nicht wieder zur Ruhe 
gekommen ist, kann man sich nicht nach ihr umsehen.
 Meine Herren, haben Sie die Güte, den Damen ein
 gutes Beispiel zu geben. Miß Ingram, ich bin geniß, Sie werden leicht den unnützen Schrecken überwinden.
 Amy und Louise kehren Sie wie ein Taubenpaar in 
Ihre Nester zurück. Meine Damen, fuhr er zu den 
Witwen gewendet fort, Sie werden sich gewiß erkälten, wenn Sie noch länger in dieser kalten Gal
lerie bleiben.
Und durch Schmeicheln und Zureden brachte er
 seine Gäste wieder in ihre Schlafgemächer zurück. Ich
 wartete nicht, bis ich den Befehl erhielt, das meinige 
aufzusuchen, sondern zog mich ebenso unbeachtet wieder
 zurück, als ich gekommen war.
Freilich nicht, um zu Bette zu gehen; im Gegen
theil kleidete ich mich sorgfältig an. Die Ruhe und 
die Worte, die ich nach dem Schrei gehört, hatte 
wahrscheinlich außer mir niemand vernommen, denn
 sie waren aus dem Zimmer über dem meinigen ge
kommen; aber ich hielt mich überzeugt, daß es nicht
 der Traum einer Dienerin gewesen, der ein solches
 Entsetzen durch das Haus verbreitet hatte, und daß

die von Herrn Rochester gegebene Erklärung nur eine 
Erfinduung gewesen sei, um seine Gäste zu beruhigen.
 Ich kleidete mich also an, um im schlimmsten Falle 
bereit zu sein. Dann saß ich eine lange Zeit am 
Fenster und blickte auf den stillen Park und die von
 silbernem Mondlicht beschienenen Felder hinaus und
 wartete, ich weiß selbst nicht worauf. Es schien mir,
 als müsse auf das Ereignis noch ein Nachspiel folgen.

Ich täuschte mich indessen. Jedes Geräusch ver
stummte nach und nach, und bald war Thornfield 
Hall wieder so still, wie ein Kirchof. Schlaf und
 Nacht schienen ihre Herrschaft wieder angetreten zu
haben. Inzwischen war der Mond tiefer gesunken 
und im Untergehen begriffen. Da ich nicht in derKälte und Dunkelheit sitzen mochte, so gedachte ich 
mich angekleidet, wie ich war, auf mein Bett nieder
zulegen. Ich verließ das Fenster und ging leise über 
den Fußteppich; aber als ich mich niederbeugte, um
 meine Schuhe auszuziehen, wurde leise und vorsichtig 
an die Thür geklopft.
, Bedarf man meiner? fragte ich.

, Sind Sie auf? fragte die Stimme, die ich zu
hören erwartete, nämlich die meines Herrn.
, Ja, Herr.

, Und angekleidet?
, Ja.
, So kommen Sie schnell heraus.
Ich gehorchte. Herr Rochester stand in der Gal
lerie und hielt ein Licht in der Hand.
, Ich bedarf Ihrer, sagte er, kommen Sie,
 nehmen Sie sich Zeit und machen Sie kein Geräusch.
Meine Schuhe waren leicht, ich konnte also leisewie eine Katze über den ohnehin bedeckten Fußboden
 gehen. Herr Rocester glitt die Gallerie dahin, schlich
 die Treppe hinauf und blieb in dem dunklen und 
niedrigen Vorsaale des unheimlichen dritten Stockwerks stehen. Ich war ihm gefolgt und stand an seiner Seite.

, Haben Sie einen Schwamm in Ihrem Zimnmer? 
fragte er leise.


, Ja, Herr.
, Haben Sie auch irgend ein Salz -- Riechsalz?
, Ja.

, So kehren Sie zurück und holen Sie Beides.

Ich kehrte zurück, nahm den Schwamm aus
 meinem Waschtische, das Salz aus meiner Commode
 und ging wieder durch die Gallerie und die Treppe 
hinauf. Herr Rochester wartete noch, einen Schlüsselin der Hand haltend. Er näherte sich einer von den
 kleinen schwarzen Thüren und steckte den Schlüssel in 
das Schloß. Plötzlich hielt er inne und fragte mich:
, Sie werden doch nicht ohnmächtig, wenn Sie 
Blut sehen?
, Ich glaube nicht, obwohl ich noch nie Gelegenheit hatte, diese Probe zu bestehen.
Ein Schauder durchbebte mich, doch empfand
 ich keinen Schwindel.
, Reichen Sie mir Ihre Hand, sagte er, eine 
Ohnmacht käme uns hier nicht gelegen.
, Warm und ruhig, bemerkte er zufrieden, als
 ich meine Hand in die seinige gelegt hatte. Dann 
drehte er den Schlüssel um und öffnete die Thür.
Ich sah ein Zimmer, welches ich schon früher
 gesehen zu haben mich erinnerte, als Mistreß Fairfax 
mir das Haus gezeigt. Es war mit schweren Go
belins behängt; doch an einer Stelle waren die Go
belins jetzt zurückgeschlagen, und es zeigte sich eine
 Thür, die vorher verborgen gewesen. Diese Thür 
war offen, es schien ein Licht aus dem inneren Zimmer 
hervor und ein knurrender, halb bellender Ton wurde
 hörbar, fast ähnlich dem eines erzürnten Hundes. Herr 
Rochester setzte sein Licht nieder und sagte zu mir:
, Warten Sie eine Minute.

Darauf trat er in das Zimmer. Ein lautes Ge
lächter begrüßte seinen Eintritt; Anfangs war es lär
mend und endete dann mit Gratia Poole's eigenthünlichem, koboldähnlichem ,ha, ha! Sie war also 
dort. Er traf irgend eine Anordnung, ohne zu spre
chen, obgleich ich eine leise Stimme mit ihm reden

hörte. Dann kam er heraus und machte die Thürhinter sich zu.
, Hier, Johanna! sagte er und wir traten an 
die Seite eines großen Bettes, welches mit seinen zu
gezogenen Vorhängen einen beträchtlichen Theil des 
Zimmers einnahm. In der Nähe des Bettes stand 
ein Lehnstuhl und in diesem saß ein Mann, der angekleidet war, nur ohne Rock. Er hatte seinen Kopf
 zurückgelehnt und seine Augen geschlossen. Herr Ro
chester hielt das Licht über ihn und ich erkannte in 
dem blassen und scheinbar leblosen Gesichte das des 
Herrn Mason. Ich sah auch, daß sein Hemd aufder einen Seite und an einem Aermel ganz mit Blut
 benezt war.
, Halten Sie das Licht, sagte Herr Rochester.
Während ich dasselbe hielt, holte er von dem Waschtische eine Schüssel mit Wasser, die ich ebenfalls halten
 mußte. Er nahm den Schwamm und benetzte Mason's 
leichenähnliches Gesicht, hierauf forderte er mein Riech
fläschchen und hielt es ihm vor die Nase. Bald darauf schlug Mason die Augen auf und stöhnte. Herr Ro
chester öffnete das Hemd des Verwundeten, dessen Arm
 und Schulter verbunden waren, und wusch mit dem
 Schwamme das aus der Wunde sickernde Blut ab.
, Ist Gefahr vorhanden? brachte Mason mit
 kaum hörbarer Stimme hervor.
, O nein -- nur geritzt. Ermannen Sie sich,
 Herr! ich will selber einen Wundarzt für Sie holen, 
ich hoffe, daß wir Sie transportiren lassen können.
 , Johanna, wandte er sich an mich.
, Mein Herr?

, Ich werde Sie eine oder auch zwei Stunden 
in diesem Zimmer mit dem Herrn allein lassen müssen.
Waschen Sie das Blut mit dem Schwamme ab, wenn 
es wieder kommt. Wenn er ohnmächtig wird, so 
halten Sie ihm das Glas Wasser, welches dort auf
 dem Tische steht, an die Lippen und Ihr Niechfläsch
hcen vor die Nase. Sprechen Sie unter keiner Be
dingung mit ihm -- und Sie, Richard, wenn Sie

mit ihr reden, so ist Ihr Leben in Gefahr. Oeffnen 
Sie auch nur Ihre Lippen, regen Sie sich auchs nur 
im geringsten auf -- so kann Niemand für die Folgen stehen.
Wieder stöhnte der Verwundete. Es schien, alsob er sich nicht zu regen wagte und als ob ihn Furcht
 vor dem Tode oder vor irgend sonst etwas lähmte.
 Herr Rochester gab mir jetzt den blutigen Schwamm
 in die Hand, und ich begann ihn anzuwenden, wie
 er es gethan. Nachdem er mich ein paar Secunden 
lang beobachtet hatte, verließ er mit der Mahnung:
, Vergessen Sie nicht, daß Sie nicht mit ihm sprechen
 dürfen, das Zimmer. Es war ein seltsames Gefühl 
für mich, als von dranßen der Schlüssel in dem
Schlosse sich drehte und ich das leise Geräusch der
 sich entfernenden Fußtritte nicht mehr hörte.
Hier war ich also im dritten Stock, in eine von
 diesen geheimnisvollen Zellen mitten in der Nacht
 eingeschlossen, vor meinen Augen und unter meinen
 Händen ein blasses, blutiges Bild; eine Mörderin,
 nur durch eine einfache Thür von mir getrennt -- 
ja, es war entsetzlich! -- Ich schauderte bei dem Gedanken, daß Gratia Poole auf mich losstürzen könnte.
Ich mußte indeß auf meinem Posten bleiben und
 dabei dieses geisterhafte Gesicht ansehen -- diese 
blauen, stillen Lippen, denen es verboten war, sich zu 
öffnen -- diese bald geschlossenen, bald geöffneten 
Augen, die jetzt im Zimmer umherschweiften, jetzt sich 
auf mich richteten und stets Entsetzen ausdrückten. Ich
 mußte meine Hand wiederholt in das Becken voll blutigen Wassers tauchen und das sickernde Blut ab
waschen. Ich mußte während meiner Beschäftigung
 sehen, wie die Kerze mehr und mehr dahinschwand,
 wie der Schatten auf der alterthümlichen gewirkten
 Tapete und unter den Vorhängen des ungeheuren
 Bettes dunkler wurde und seltsam: an dem großen,
 mir gegenüber befindlichen Schranke spielte, dessen
 Thüren in prächtiger Schnitzerei die Köpfe der zwölf
 Apostel trugen, von denen jeder von einem besonderen

Rahmen eingeschlossen war, während sich über ihnen 
ein Cruzifix von Ebenholz mit einem sterbenden Chri
stus erhob.

Je nachdem Licht und Schatten in dem flacker
den Kerzenscheine wechselten, runzelte bald der bärtige
 Lucas seine Stirn, bald bewegte sich das lange Haar 
des Johannes, und bald trat das teuflische Gesicht 
des Judas aus seinem Rahmen hervor und schien
 Leben annehmen zu wollen.
Bei dem Allen mußte ich unwillkürlich auf die
 Bewegungen des wilden Thieres oder Teufels in 
jener Nebenzelle horchen. Aber seit Herrn Rochester's
 Besuch schien dort ein Zauber zu wirken, denn die
 ganze Nacht hörte ich nur dreimal in langen Zwischen
räumen ein Geräusch, einen knarrenden Schritt, eine 
kurze Wiederholung jener eigenthümlich knurrenden
 Laute und ein tiefes erschütterndes Stöhnen aus Men
schenbrust.
Dann quälten mich meine eigenen Gedanken.
 Welches Verbrechen barg dieses abgeschiedene Haus, ohne
 von dem Besitzer gebannt werden zu können? Welches 
Geheimnis war es, das sich in tiefer Nacht bald in 
Feuer und bald in Blut zeigte? Welche Art von 
Geschöpf war das, welches Gesicht und Gestalt eines 
gewöhnlichen Weibes tragend, bald die Töne eines
 spöttischen Dämons und bald die eines beutegierigen 
Raubvogels ausstieß?
Und dieser Mann hier, über den ich mich neigte -- 
dieser harmlos scheinende Fremde -- wie war er in
 das geheimnisvolle Gewebe verwickelt worden? Warum 
hatte sich die Furie auf ihn losgestürzt? Warum suchte 
er zu so ungewöhnlicher Stunde diesen Theil des 
Hauses auf? Ich hatte gehört, wie Herr Rochester 
ihm unten ein Zimmer angewiesen -- was führte 
ihn denn hieher? Fast ebenso räthselhaft erschien mir 
seine Unterwürfigkeit gegen Herrn Rochester, wenn ich
mir dessen Schreck vergegenwärtigte, als er von Ma
son's Ankunft hörte. Warum hatte der bloße Name 
dieses jetzt so fügsamen Gastes, der kaum den Mund



zu öffnen wagte, weil ihm Herr Rochester Schweigen 
anbefohlen, den letzteren noch vor wenigen Stunden
 niedergeschmettert, wie der Bliz die starke Eiche trifft
?
O! Ich konnte seinen Blick und sein bleiches Gesicht nicht vergessen, als er flüsterte: ,Johanna, ich
 habe einen Schlag erhalten -- einen furchtbaren Schlag,
 Johanna. Ich konnte nicht vergessen, wie der Arm
 gezittert, den er auf meine Schulter stützte; es konnte 
keine geringfügige Sache sein, die einen so entschlos
senen Geist, einen so kräftigen Körper derart zu er
schüttern vermochte.
, Wann wird er wiederkommen? rief ich in
 meinem Innern aus, als mein blutender Patient
 stöhnte und ohnmächtig wurde, und weder der ersehnte 
Tag noch die erlösende Hilfe nahte. Ich hatte wieder
holt das Wasser zu Mason's bleichen Lippen erhoben; 
ich hatte ihm wiederholt das belebende flüchtige Salz vorgehalten, meine Bemühungen schienen unwirksam.
 Seine Kräfte schwanden schnell, ob infolge seiner Ver
wundung und des starken Blutverlustes allein, oder 
ob sich hierzu noch eine schwere seelische Erschütterung
 gesellte, wußte ich nicht. Er stöhnte so tief, er sah
 so schwach und erschöpft aus, daß ich fürctete, er 
werde sterben; und ich durfte nicht einmal mit ihm 
reden!

Endlich brannte das Licht zu Ende und ging
 völlig aus. Jetzt bemerkte ich einige graue Licht
streifen am Rande des Fenstervorhanges, der Morgen
 war also da. Gleich darauf hörte ich Pilot unten
 auf dem Hofe in seiner Hütte bellen. Neue Hoffnung
 belebte mich. Auch wurde ich nicht enttäuscht, denn
nach fünf Minuten drehte sich der Schlüssel im Schloß, 
die Thür ging auf und meine Wache war beendet.
 Sie konnte nicht länger als zwei Stunden gewährt
 haben, aber manche Woche war mir kürzer erschienen.
Herr Rochester trat ein und mit ihm der Wundarzt, den er herbeigeholt.

, Nun, Carter, gehen Sie rasch ans Werk, sagteer zu diesem, ich lasse Ihnen nur eine halbe Stunde

Zeit, die Wunde zu verbinden, die Bandagen zu be
festigen und den Patienten hinunterzubringen.
, Aber wird er im Stande sein, sich von der 
Stelle zu bewegen, mein Herr?
, Zweifeln Sie nicht daran, es ist nichts Ernst
haftes, er ist nervös, und seine Lebensgeister müssen
 gestärkt werden. Gehen Sie ans Werk.

Herr Rochester zog den dichten Vorhang zurück,
 das Rouleau in die Höhe und ließ das Tageslicht 
herein. Ich war überrascht und erfreut, daß es 
schon so hell war und rosige Streifen den Osten be
leuchteten.

, Nun, mein guter Mann, wie steht es mit 
Ihnen? fragte Herr Rochester den Verwundeten, mit
 dem der Arzt sich bereits beschäftigte.
, Ich fürchte, sie hat mir den Rest gegeben, war
 die matte Antwort.

, So weit ist es noch nicht -- fassen Sie Muths! 
Sie haben ein wenig Blut verloren, das ist Alles. Carter, ich versichere Sie, es ist keine Gefahr vor
handen.
, Ich werde thun, was ich kann, sagte Carter, 
der jetzt die Binden gelöst hatte, nur wollte ich, ich 
wäre früher, gekommen, dann würde er nicht so vielBlut verloren haben. Aber was ist dies? Das Fleisch 
an der Schulter ist nicht nur zerschnitten, sondern auch
 zerrissen! Diese Wunde rührt nicht von einem Messer 
her, hier haben Zähne gewüthet.
, Sie biß mich, murmelte Mason. , Sie zerfleischte 
mich wie eine Tigerin, als Rochester ihr das Messer aus den Händen riß.
, Sie hätten sich energisch vertheidigen sollen,
 versetzte Herr Rochester.

, Aber was konnte ich unter solchen Umständen
 thun? entgegnete Mason. , O! es war schrecklich! 
fügte er schaudernd hinzu. , Und ich war nicht darauf
 gefaßt, sie sah Anfangs so ruhig aus.
, Ich warnte Sie, war seines Freundes Antwort, ich sagte Ihnen: Seien Sie auf Ihrer Hut,

wenn Sie in ihre Nähe kommen. Ueberdies hätten
 Sie bis morgen warten und mich mitnehmen sollen,
 es war Thorheit, in der Nacht und allein zu ihr zugehen.
, Ich dachte, ich könnte etwas Gutes thun.

, Sie dachten! Sie dachten! Es macht mich ungeduldig, Sie anzuhören; aber Sie haben gelitten und
 werden wahrscheinlich noch mehr leiden, weil Sie meinen 
Rath nicht befolgten, darum will ich nichts mehr sagen. Carter -- schnell! schnell! die Sonne wird gleich
 aufgehen, und er muß noch vorher weggebracht 
werden.
, Sogleich, Herr, die Schulter ist schon verbunden.
 Ich muß jetzt nach der anderen Wunde am Arme
 sehen, sie hat auch dort ihre Zähne eingegraben, 
glaube ich.
, Sie sog das Blut aus und sagte, sie wolle mein 
Herzblut trinken, bemerkte Mason.
Ich sah, wie Herr Rochester schauderte, ein eigen
thümlicher Ausdruck des Ekels, Entsetzens und Hasses
 verzerrte sein Gesicht, doch sagte er nur:
, Nun schweigen Sie, Richard, und denken Sie
 nicht mehr an ihr unsinniges Geschwätz.
, Ich wollte, ich könnte es vergessen, war die
 Antwort.
, Sie werden es, wenn Sie aus dem Lande sind, 
wenn Sie Spanish Town wieder erreicht haben.
 Gedenken Sie ihrer so, als ob sie todt und begraben
 wäre.
, Es ist mir unmöglich, diese Nacht zu vergessen!

, Es ist nicht unmöglich, haben Sie nur einigen
 Muth, mein Lieber. Vor zwei Stunden meinten Sie
 noch, Sie wären so todt wie ein Häring, und jetzt 
sind Sie doch lebendig und sprechen. So -- Carter 
ist mit dem Verbinden nahezu fertig; wir wollen Sie 
im Augenblick hinunterbringen. Johanna, sagte er,
 indem er sich zum ersten Mal nach seinem Wiedereintritt
zu mir wendete, nehmen Sie diesen Schlüssel, er öffnet 
mein Schlafzimmer; durch dieses gehen Sie geradenwegs

in mein Annkleidezimmer; öffnen Sie dort das oberste 
Fach in der Commode, nehmen Sie ein reines Hemd
 und ein Halstuch heraus und bringen Sie beides rasch
 hieher.
Ich gehorchte und kehrte mit den bezeichneten
 Gegenständen zurück.
, Nun, sagte Herr Rochester, treten Sie auf dieandere Seite des Bettes, während ich ihn umkleide, 
aber verlassen Sie das Zimmer nicht, denn wir werden
 Ihrer noch bedürfen.
Ich zog mich zurück, wie er befahl.

, War schon Jemand auf, als Sie unten waren,
 Johanna? fragte Herr Rochester.
, Nein, Herr, Alles ist noch still.

, Wir wollen Sie so schnell als möglich fort
bringen, Richard, es wird besser sein für Sie und das 
arme Geschöpf dort. Es ist mir bisher gelungen, die 
Entdeckung zu verhütene, und ich möchte nicht, daß es
 dennoch zuletzt an den Tag käme. Hier, Carter, helfen 
Sie ihm seine Weste anziehen. Wo ließen Sie Ihren 
Pelzmantel, Richard? Ohne diesen können Sie in unserem kalten Klima keine Meile reisen. In Ihrem Zimmer? -- Johanna, laufen Sie in Herrn Mason's
 Zimmer, das neben dem meinigen ist, und holen Sie 
den Mantel, den Sie dort finden werden.
Wieder eilte ich hinunter und kehrte mit einem 
ungeheuren, mit Pelz besetzten Mantel zurück.
, Jetzt, Johanna, habe ich noch einen anderen
 Auftrag für Sie, sagte Herr Rochester, der eine große
 Umsicht an den Tag legte, , Sie müssen wieder in mein
 Zimmer gehen, das mittlere Fach in meinem Toiletten
tische öffnen und eine kleine Phiole und ein kleines 
Glas herausnehmen, welches Sie dort finden werden 
-- schnell!
Ich eilte hin und zurück und brachte die ge
wünschten Gegenstände.
, So ist's recht! Nun Doctor, will ich mir die
 Freiheit nehmen, ihm selber auf meine eigene Verantwortung eine Dosis einzugeben. Ich habe dieses

Universalmittel in Rom von einem italienischen Quacksalber gekauft -- von einem Kerl, dem Sie einen 
Fußtritt versetzt haben würden, Carter. Es ist eine
Arztnei, die nicht in allen Fällen angewendet werden
 darf, aber ein solcher Fall liegt hier vor. Johanna, 
ein wenig Wasser.
Er hielt mir das kleine Glas hin, und ich füllte 
es zur Hälfte aus der Wasserflasche.
, So ist's recht -- nun benetzen Sie die Oeffnnng
 der Phiole.
Ich that es; er zählte zwölf Tropfen von der 
rothen Flüssigkeit ab und reichte sie Mason.
, Trinken Sie, Richard, es wird Ihnen auf eine
 Stunde oder länger die nöthigen Kräfte gewähren.
, Aber wird es mir nicht schaden? -- Es ist 
zu stark!
, Trinken Sie -- trinken Sie!
Herr Mason gehorchte, da es durchaus unütz 
war, sich zu widersetzen. Er war jetzt angekleidet, sah
 noch immer blaß aus, war aber nicht mehr blutig. Nachdem er die Flüssigkeit hinuntergeschluckt hatte,
 gönnte ihm Herr Rochester noch einige Minuten Ruhe.
 Dann faßte er seinen Arm mit den Worten:
, Jetzt bin ich gewiß, daß Sie auf Ihren Füßen
 stehen können -- versuchen Sie es.
Der Patient stand auf.

, Carter, fassen Sie ihn unter dem anderen Arme. 
Seien Sie guten Muthes, Richard; jetzt machen Sie
 Schritte -- so ist's recht!
, Ich fühle mich besser, sagte Mason.

, Das wußte ich vorher. Nun, Johanna, gehen 
Sie über die Hintertreppe voraus, riegeln Sie die 
Seitenthür auf und sagen Sie dem Postillon, daß ersich bereit halten möge. Sie werden ihn außerhalb
 des Hofes finden, denn ich verbot ihm, mit seinen
 rasselnden Rädern über das Pflaster zu fahren. Wir 
kommen nach, Johanna, und wenn Jemand in der Nähe ist, so kommen Sie an den Fuß der Treppe und
 geben uns durch Räuspern ein Zeichen.

Es war jetzt schon halb sechs Uhr und die Sonne 
gerade im Begriff aufzugehen; doch fand ich die Küche
 noch dunkel und still. Die Seitenthür war verriegelt;
 ich öffnete sie so geräuschlos als möglich. Auf dem
 Hofplatze war Alles still, aber das Thor stand weit
 offen, und vor demselben hielt eine bespannte Pos
chaise, und der Postillon saß auf dem Bock. Nachdem
 ich ihm den erhaltenen Auftrag ansgerichtet hatte, sahich mich sorgfältig um und horchte. Ueberall herrschte
 noch heilige Ruhe; die Vorhänge des Bedienten
zimmers waren noch zugezogen; kleine Vögel zwitscherten 
auf den Obstbäumen, deren Zweige sich gleich weißen 
Guirlanden über die Mauer niedersenkten, welche die
 eine Seite des Hofplatzes einschloß; die Pferde stampften
 von Zeit zu Zeit in ihren geschlossenen Ställen, sonst
 war Alles still.
, Die Herren erschienen jetzt. Mason von Herrn 
Rochester und dem Arzte unterstützt, schien ziemlich 
leicht zu gehen. Sie halfen ihm in den Wagen, in
 welchem auch Carter Platz nahm.
, Sorgen Sie gut für ihn, trug diesem Herr
 Rochester auf, und behalten Sie ihn in Ihrem Hause, 
bis er wieder ganz hergestellt ist. Ich werde heute
 oder morgen hinüberkommen, um zu sehen, wie er
 sich befindet. Richard, wie steht es mit Ihnen?
, Die frische Luft belebt mich. Fairfax.
, Lassen Sie das Fenster auf seiner Seite offen,
 Carter; es geht kein Wind -- leben Sie wohl, 
Richard.
, Fairfax --

, Nun?

, Lassen Sie für sie sorgen, lassen Sie sie so zärt
lich als möglich behandeln, lassen Sie --
Er hielt inne und brach in Thränen aus.

, Ich thue mein Möglichstes, habe es gethan undwerde es thun, war die Antwort. Er machte den
 Kutschenschlag zu und der Wagen fuhr fort.
, Wollte Gott, damit wäre Alles zu Ende! fügte
 Herr Rochester hinzu, als er das schwere Hofthor

schloß und verriegelte. Als dies geschehen war, ging
 er mit langsamen Schritten und zerstreuter Miene auf 
die Thür in der Mauer zu, die den Obstgarten begrenzte. Ich dachte, er bedürfe meiner nicht mehr, 
und war im Begriffe, ins Haus zurückzukehren; doch
 ich hörte ihn wieder Johanna rufen. Er hatte die
 Pforte geöffnet und erwartete mich.
, Kommen Sie auf einige Augenblicke hierher,
 wo frische Luft weht, lud er mich ein, jenes 
Haus ist wie ein Kerker; kommt es Ihnen nicht auch 
so vor?
, Mich dünkt es ein prächtiges Schloß, mein 
Herr.

, Sie sehen es mit unerfahrenen Augen und wie
 durch einen Zauberspiegel an. Sie bemerken nicht, daß
 das Geld bloßer Schlamm und die seidenen Draperien 
nichts als Spinnweben sind; daß der Marmor
 schmutziger Schiefer, und das polirte Holz vermoderte
 Baumrinde ist. Hier aber, fuhr er fort, auf den
 blübenden Garten deutend, in den er eingetreten war,
 ist Alles wirklich, lieblich und rein.
Er ging einen Gang hinunter, der mit Buchsbaum eingefaßt war; auf der einen Seite standen 
Ostbäume und auf der anderen befanden sich Beete 
mit allen Arten Blumen, welche jetzt von einer Frische
 waren, wie der Regen und Sonnenschein eines milden
 April sie an einem lieblichen Morgen nur geben
 konnten. Die Sonne trat gerade im gerötheten Osten
 hervor, beleuchtete die blühenden und bethauten Obstbäume und schien auf die stillen, lauschigen Wege
 herab.
, Johanna, wollen Sie eine Blume? 
Er pflückte eine halbgeöffnete Rose, die erste auf 
dem Stock, und bot sie mir an.
, Ich danke Ihnen, mein Herr.

, Lieben Sie diesen Sonnenaufgang, Johanna? 
Jenen Himmel mit seinen hohen und lichten Wolken, 
diese duftige und balsamische Atmosphäre?
Ich liebe das ungemein!

, Sie haben eine seltsame Nacht verlebt, Jo
hanna.
, Ja, mein Herr.

, Und sind ganz blaß geworden -- fürchteten Sie
 sich, als ich Sie mit Mason allein ließ?
, Ich fürchtete, es möchte Jemand aus dem
 inneren Zimmer kommen.
, Aber ich hatte die Thür abgeschlossen -- ich
 hatte den Schlüssel in der Tasche. Da wäre ich ein
 sehr sorgloser Hirte gewesen, wenn ich mein Lamm
 -- mein Lieblingslamm -- unbehütet so ganz in der Nähe der Wolfshöhle gelassen hätte. -- Sie waren 
in Sicherheit!
, Wird Gratia Poole noch hier bleiben, mein
 Herr?
, O ja! seien Sie ihretwegen nicht unruhig -- 
befreien Sie sich von diesem Gedanken.
, Doch scheint es mir, als sei Ihr Leben nicht 
sicher, so lange sie hier ist.
, Fürchten Sie nichts, ich will schon für mich
 Sorge tragen.
, Ist die Gefahr, die Sie in der letzten Nacht 
fürchteten, jetzt vorüber, mein Herr?
, Ich kann es nicht eher behaupten, als bis Mason 
außerhalb Englands ist, und auch dann noch nicht 
einmal sicher. Ich stehe auf einem Vulcan, Johanna, 
der jeden Tag zum Ausbruch kommen und mich verschlingen kann.
, Aber Herr Mason scheint ein Mann zu sein,
 der sich leicht leiten läßt. Ihr Einfluß, mein Herr,
 ist offenbar mächtig über ihn, er wird Ihnen nie Trotz 
bieten oder Ihnen schaden.
, O nein! Mason wird mir nicht Trotz bieten 
und mir auch nicht absichtlich schaden -- doch ohne
 Absicht könnte er mich einst durch ein achtloses Wort,
 wenn nicht des Lebens, doch auf immer des Glückes
 berauben.
, Zagen Sie ihm doch, daß er vorsichtig sein
 möge, mein Herr; unterrichten Sie ilhn von dem,

was Sie fürchten, und wie er die Gefahr abwenden 
könne.
Herr Rochester lachte ironisch, nahm hastig meine 
Hand und ließ sie ebenso hastig wieder los.
, Wenn das möglich wäre, unschuldiges Kind, wo
 würde da Gefahr sein? Solange ich Mason gekannt,
 durfte ich nur zu ihm sagen: Thue das, und es ge
schah. Aber in diesem Falle kann ich ihm keine Be
fehle ertheilen; ich kann nicht sagen: hüten Sie sich, 
mir zu schaden, Richard; denn es muß ihm durchaus
 unbekannt bleiben, daß er mir möglicherweise schaden 
könnte. Was ich Ihnen da eben sagte, verwirrt Sie,
 wie ich sehe; aber ich muß Ihnen noch weitere Verwirrung bereiten, Sie sind meine kleine Freundin,
 nicht wahr?
, Ich wünsche, Ihnen zu dienen, mein Herr, und
 gehorche Ihnen in Allem, was recht ist.
, In der That, ich sehe aufrichtige Befriedigung
in Ihrem Wesen und Ihrem Blicke, wenn Sie mir 
helfen, für mich und mit mir arbeiten, und zwar, wie 
Sie charakteristisch bemerken, in Allem, was recht ist,
 denn wenn ich etwas von Ihnen verlangte, was Sie 
für unrecht hielten, so würden Sie ruhig und mit
 Festigkeit zu mir sagen: , Nein, Herr, das kann ichnicht thun, denn es ist unrecht. Nun, auch Sie haben
 Macht über mich und können mir schaden, doch wage 
ich Ihnen nicht zu zeigen, wo ich verwundbar bin, 
denn sonst könnten Sie mich, so treu und freundlich
 Sie auch sind, auf der Stelle durchbohren.
, Wenn Sie nicht mehr von Herrn Mason zu
 fürchten haben, als von mir, mein Herr, so sind Sie 
sehr sicher.
, Gott gebe es! Hier Johanna, ist eine Taube;
 setzen Sie sich nieder.
Die Laube war ein mit Epheu dicht bewachsener
 Bogen in der Mauer; eine einfache Bank stand darin.
 Herr Rochester setzte sich nieder, ließ aber Platz für mich.
, Nun, meine kleine Freundin, während die Sonne 
den Thau auftrinkt, während die Blumen in diesem

alten Garten erwachen und sich öffnen, will ich Ihnen 
eine Geschichte erzählen, und Sie müssen versuchen,
 diese Geschichte für Ihre eigene zu halten. Aber erst
 sagen Sie mir, ob Sie fürchten, daß ich unrecht thue,
 Sie zurückzuhalten, oder daß Sie unrecht thun, dazubleiben.
, Nein, mein Herr, ich fürchte keins von beiden.

,Gut, Johanna. Und nun rufen Sie ihre Phan
tasie zu Hilfe, stellen Sie sich vor, Sie wären kein
 wohlerzogenes und geschultes Madchen, sondern ein 
wilder Knabe, dem man von Kindheit auf den Willen
 gelassen; denken Sie sich, Sie wären in einem ent
fernten Lande gewesen und hätten dort einen schweren 
Fehler begangen, einerlei von welcher Art oder aus
 welchen Beweggründen, aber einen Fehler, dessen Folgen
 Sie durch's Leben begleiten und Ihr ganzes Dasein
 verdüstern müssen. Wohlgemerkt! ich spreche nicht von
 Verbrechen, Blutvergießen oder irgend einer anderen 
Schuld, die dem Gesetze gegenüber strafbar ist, sondern
 ich wiederhole, daß es sich um einen Fehler handelt. Die 
Folgen Ihrer That werden Ihnen mit der Zeit völlig
 unerträglich, Sie ergreifen Maßregeln, sich Erleichte
rung zu verschaffen -- ungewöhnlichse, aber weder un
gesetzliche, noch strafbare Maßregeln. Dennoch sind 
Sie elend, denn die Hoffnung hat Sie verlassen und
 bittere, schmerzliche Gedanken sind fast Ihre einzige
 Erinnerung. Sie wandern hier- und dorthin, suchen
 Frieden in der weiten Ferne draußen, Glück im Ver
gnügen, ich meine im sinnlichen Vergnügen, das den
Verstand umnebelt und das Gefühl abstumpft. An
 Herz und Seele matt, kehren Sie nach Jahren frei
williger Verbannuung in Ihre Heimat zurück. Sie
 machen eine neue Bekanntschaft -- wie oder wo, ist 
einerlei. Sie finden in dieser Fremden viel von jenen 
guten und glänzenden Eigenschaften, jene Frische und
 geistige Gesundheit, die Sie seit zwanzig Jahren ge
sucht und nie vorher gefunden haben. Dieser Um
gang belebt Sie neu, Sie fühlen in sich höhsere Wünsche 
und reinere Gefühle zurückkehren; Sie wollen Ihr

Leben von vorne beginnen, und träumen sich eine Hukunft, die eines unsterblichen Wesens würdiger ist, 
als es die Vergangenheit war. Sind sie nun, um 
diesen Zweck zu erreichen, berechtigt, sich über ein 
altes Herkommen, über ein bloß conventionelles Hin
dernis hinwegzusetzen, welches weder von Ihrem Gewissen geheiligt, noch von Ihrem Urteile gebilligt wird?
Er schwieg und erwartete eine Antwort. Doch 
was sollte ich sagen? O! hätte mir nur ein guter
 Geist eine verständige und genügende Antwort eingegeben! Eitler Wuusch! Der Westwind flüsterte in dem Epheu, der mich umgab, aber sein milder Ariel borgte mir seinen Athem zum Reden.
Herr Rochester frug weiter:

, Ist der ruhelose und sündige, aber jetzt ruhe
suchende und reuevolle Mann berechtigt, der Meinuung
 der Welt zu trotzen, um sich auf immer mit dieser
 sanften, anmuthigen und hochgesinnten Freundin zu
 verbinden, und dadurch seinen eigenen Seelenfrieden 
und die Wiedergeburt seines Lebens zu sichern?
, Mein Herr, antwortete ich, eines Sünders
 Besserung sollte nie von einem Mitgeschöpfe ahhängig 
sein. Wenn Jemand gelitten und geirrt hat, so soll
 er zu einem Höheren, als Seinesgleichen, aufblicken,
 und von ihm Stärke zur Besserung und Trost in der 
Heilung erwarten.
, Aber Gott der das Werk thut, wählt das Werk
zeug. Ich selber -- ich sage es Ihnen ohne Gleichnis
 -- bin ein weltlicher, ausschweifender und ruheloser
 Mensch gewesen; und ich glaube, ich habe das Werk
zeug zu meiner Heilung gefunden in --
Er schwieg und es wunderte mich fast, daß die
Vögel ihren Gesang und die Blätter ihr leises Rauschen
 nicht einstellten, um auf das noch unausgesprochene
 Wort zu lauschen. Doch sie hätten viele Minuten
 warten müssen -- so lange währte das Schweigen. 
Ich blickte endlich zu dem zögernden auf, und er gab 
mir den Blick lebhaft zurück.


, Kleine Freundin, sagte er, und sowohl sein 
Ton wie sein Gesichtsausdruck hatten plötzlich etwas 
Rauhes und Sarkastisches angenommen, , Sie haben
 meine zärtliche Neigung zu Miß Ingram bemerkt;
 denken Sie nicht, daß ich ein ganz anderer und besserer
 Mensch werden würde, wenn ich sie heiratete?
Er stand augenblicklich auf und ging nach dem 
anderen Ende des Ganges. Ein Lied summend, kehrte 
er zurück.
, Johanna, Johanna, sagte er vor mir stehend,
 die Nachtwache hat Sie ganz bleich gemacht, fluchen
 Sie mir nicht, daß ich Ihre Ruhe gestört habe?
, Ihnen fluchen? Nein, Herr.

, So reichen Sie mir die Hand zur Bestätigung 
Ihres Wortes. Welche kalten Finger! Sie waren 
wärmer, als ich sie in der letzten Nacht an der Thür 
des geheimnisvollen Zimmers berührte. Johanna,
 wann wollen Sie wieder mit mir wachen?
, Immer, wenn ich Ihnen nützlich sein kann, mein
Herr.
, Zum Beispiel in der Nacht vor meiner Ver
heiratung? Gewiß werde ich nicht im Stande sein 
zu schlafen. Wollen Sie mir versprechen, aufzubleiben 
und mir Gesellschaft zu leisten? Mit Ihnen kann ich
 von meiner Geliebten reden, denn jetzt kennen Sie diese.
, Ja, Herr.

, Sie ist ein seltenes Kleinod, nicht wahr, Johanna.
, Ja. Herr.

, Ein Grenadier -- ein wahrer Grenadier, Jo
hanna, groß, braun und stämmig, mit einem Haar, 
wie die Frauen von Karthago es gehabt haben müssen.
 Zum Henker! da sind Dent und Lynn schon in den 
Ställen! Gehen sie durch jene Seitenthür in das
 Haus!
Während ich nach der einen Seite ging, wendete er sich nach der anderen, und ich hörte ihn auf 
dem Hofplatze heiter sagen:
, Mason hat Ihnen allen den Vorsprung abgewonnen. Er ist vor Sonnenaufgang abgereist, und

ich stand schon um vier Uhr auf, um ihn abfahren 
zu sehen.


Einundzwanzigstes Capitel.

Ahnungen, Sympathien und Vorbedeutungen
 bilden ein Geheimnis, zu welchem die Menschen noch 
nicht den Schlüssel gefunden haben. Ich lachte nie 
in meinem Leben über Ahnungen, weil ich selber sehr 
seltsame Ahnungen gehabt habe. Ich glaube, es egi
stiren z. B. Sympathien zwischen weit entfernten, lange 
von einander getrennten und sogar gänzlich entfrem
deten Verwandten; ich glaube, daß trotz Entfernung 
und Entfremdung zwischen ihnen ein geheimnisvoller
 Rapport besteht, der über die menschlichen Begriffe geht.
Als ich noch ein kleines Mädchen von sechs 
Jahren war, hörte ich eines Nachts Bessie zu Martha 
Abbott sagen, es habe ihr von einem kleinen Kinde
 geträumt, und wenn Jemand von kleinen Kindern 
träume, so bedeute dies immer Unheil für ihn selber 
oder für einen seiner Verwandten. Dieser Ausspruch 
wäre mir wahrscheinlich entfallen, hätte sich nicht gleich
 darauf etwas ereignet, wodurch er sich unauslöschlich
 meinem Gedächtnisse einprägte. Am nächten Tage 
wurde nämlich Bessie in ihre Heimat zu dem Sterbebette ihrer kleinen Schwester gerufen.
In der letzten Zeit hatte ich mich oft dieses Er
eignisses erinnert, denn während der letzten Woche war
 kaum eine Nacht vergangen, die mir nicht im Traum
 ein kleines Kind vor Augen geführt hätte, welches ich 
zuweilen in meinen Armen in Schlaf zu wiegen suchte,
 zuweilen auf meinem Knie schaukelte, zuweilen mit
 Gänseblümchen auf der Wiese spielen, oder mit den 
Händen in fließendem Wasser plätschern sah. Bald 
war es ein weinendes Kind, bald ein lachendes. Jetzt 
schmiegte es sich schmeichelnd an mich, dann lief es
 wieder von mir weg, aber unter welchen Umständen 
mir auch das Traumbild erschien -- es kehrte sieben

Nächte nach einander wieder, sobald ich die Augen
 zum Schlummer geschlossen hatte.
Diese seltsame Beharrlichkeit derselben Idee gefiel
 mir nicht, und ich empfand ein nervöses Unbehagen,
 wenn die Stunde des Schlafengehens sich näherte.
 Aus einem solchen Traume war ich erweckt worden,
 als ich in jener mondlhellen Nacht den schauerlichen 
Schrei gehört, und an dem darauffolgenden Nachmittage wurde ich in das Zimmer der Mistreß Fairfax
 gerufen, wo Jemand mich sprechen wollte.
Als ich dasselbe betrat, begrüßte mich ein Mann, 
der das Aussehen eines Dieners hatte; er war intiefe Trauer gekleidet, und der Hut, den er in derHand hielt, war mit Flor umwunden.
, Wie werden sich meiner wohl kaum erinnern, 
Miß, redete er mich an, mein Namne ist Leaven,
 ich war Kutscher bei Mistreß Reed, als Sie sich noc
h vor acht oder neun Jahren in Gateshead aufhielten,
 und ich bin noch dort.
, O! Robert, wie geht's Ihnen? Ich erinnere
 mich Ihrer sehr wohl, Sie ließen mich zuweilen auf 
Miß Georginens Pferdchen reiten. Und wie geht es
 Bessie? Sie sind ja mit Bessie verheiratet?
, Ja, Miß; meiner Fran geht's gut, ich danke 
Ihnen. Sie hat mich vor zwei Monaten noch mit
 einem Kleinen beschenkt -- wir haben jetzt ihrer drei
 -- und Alles ist wohl und munter.
, Und ist die Familie im Herrenhause auch wohl,
 Robert?
, Es thut mir leid, daß ich Ihnen keine bessere Nachricht von dort bringen kann, Miß, aber es geht 
ihnen augenblicklich sehr schlecht, sie haben großen
Kummer.
, Ich hoffe, es wird doch Niemand gestorben
 sein, sagte ich, seine schwarze Kleidung betrachtend.
 Auch er blickte auf den Flor um seinen Hut nieder 
und erwiderte:
, Herr John ist gestern vor acht Tagen in London 
gestorben.

, Herr John?
, Ja.
, Und wie erträgt es seine Mutter?

, Nun, sehen Sie, Miß Eyre, es ist kein gewöhn
liches Mißgeschick. Die letzten drei Jahre hat er sich 
einem sehr wüsten Leben hingegeben, und sein Tod 
war entsetzlich.
, Ich hörte schon von Bessie, daß er sich nicht
 gut aufführe.
, Gut aufführen! Er konnte es nicht ärger treiben,
 er richtete seine Gesundheit und sein Vermögen mit
 den verworfensten Männern und Weibern zu Grunde.
 Er gerieth in Schulden und ins Gefängnis, seine 
Mutter half ihm zweimal heraus, aber sobald er wieder 
frei war, kehrte er zu seinen alten Kameraden und
 Gewohnheiten zurück. Sein Verstand war keiner von
 den hellsten, und die Schurken, mit denen er umging, 
plünderten ihn vollständig aus. Er kam vor etwa 
drei Wochen nach Gateshead und verlangte, seine 
Mutter solle ihm Alles übergeben. Missis weigerte 
sich, denn sie ist durch seine Verschwendung schon längst
 sehr zurückgekommen. Er kehrte also unverrichteter 
Sache wieder zurück, und die erste Nachricht, die wir
 erhielten, war, daß er todt sei. Gott weiß, wie er gestorben sein mag! -- Man sagt, er habe einen Selbstmord begangen.
Ich schwieg bei dieser schrecklichen Nachricht. 
Und Robert Leaven fuhr fort:
, Missis war selber seit einiger Zeit bei schlechter
 Gesundheit gewesen, sie war sehr corpulent geworden,
 aber dabei nicht kräftiger, und der Verlust des Goldes
 und die Furcht vor der Armuth machten sie völlig
 muthlos. Die Nachricht von Herrn John's Tode und
 die Art, wie er erfolgte, war ein harter Schlag für 
sie. Sie lag drei Tage da, ohne zu sprechen, am 
letzten Dienstag schien sie etwas besser zu sein, und eswar, als ob sie etwas sagen wollte, denn sie gab 
meiner Frau Zeichen und murmelte unverständliche 
Worte. Erst gestern Morgens verstand Bessie, daß

sie Ihren Namen aussprach, und endlich vernahm sie
 die Worte: , Bringt Johanna -- holt Johanna
 Eyre herbei; ich muß mit ihr reden. Bessie war 
nicht gewiß, ob die Kranke bei rechtem Verstande wäre,
 doch sagte sie es Miß Elisen und Miß Georginen und
 rieth ihnen, Sie kommen zu lassen. Die jungen Damen 
wollten es Anfangs nicht zugeben; aber ihre Mutter
 wurde so unruhig und sagte so oft: Johanna! 
Johannna! daß sie endlich einwilligten. Ich verließ
 gestern Gateshead, und wenn Sie sich bis morgen 
früh bereit halten können, Miß, so möchte ich Sie 
mitnehmen.
, Ja, Robert, ich werde bereit sein, es ist mir,
 als müßte ich gehen.
, Ich denke es auch, Miß, und Bessie sagte, sie
 wäre gewiß, Sie würden sich nicht weigern; aber Siemüssen wohl erst um Erlaubnis fragen, ehe Sie gehen 
können?
, Ja. ich will es sogleich thun. Nachdem ich ihn in das Bedientenzimmer ge
wiesen und der Fürsorge John's und seiner Frau empfohlen hatte, ging ich, um Herrn Rochester aufzusuchen.
Er war in keinem von den unteren Zimmern;
 er war nicht auf dem Hofe, nicht in den Ställen oder 
im Park. Ich fragte Mistreß Fairfax, ob sie ihn ge
sehen. -- Ja, sie glaube, er spiele mit Miß Ingram
 Billard. Ich eilte ins Billardzimmer, aus welchem 
ich Stimmen und das Geräusch der Bälle vernahm.
 Herr Rocester, Miß Ingram, die beiden Misses Eshton 
und ihre Bewunderer waren mit dem Spiele beschäftigt.
 Ich bedurfte einigen Muthes, um eine so interessante 
Partie zu stören; mein Anliegen ließ sich aber nicht 
aufschieben, und ich näherte mich meinem Herrn, der
 an Miß Ingram's Seite stand. Sie wendete sich nachmir um und sah mich hochmüthig an. Ihre Augen 
schienen zu fragen: ,Was mag das elende Geschöpf
 hier wollen? Und als ich mit leiser Stimme , Herr
 Rochester' sagte, machte sie eine Beweguung, als fühle 
sie sich versucht, mir die Thür zu weisen.


, Will diese Person etwas von Ihnen? fragte 
sie Herrn Rochester. Herr Rochester wendete sich, um
 zu sehen, wer diese Person sei. Er nahm seinen seltsamen und unerklärlichen Ausdruck an, warf sein Queue
nieder und folgte mir in das Schulzimmer.
, Nun, Johanna? sagte er, indem er seinen
 Mücken an die Zimmerthür lehnte, die er zugemacht
 hatte.
, Wenn Sie erlauben, mein Herr, so möchte ich
 Sie um einen Urlaub bitten.
, Wohin wollen Sie gehen?

, Eine kranke Dame besuchen, die nach mir geschickt hat.

, Welche kranke Dame? -- Wo wohnt sie?

, In Gateshead in der Grafschaft N!

, In der Grafschaft N.? Das ist ja hundert
 Meilen weit! Was kann Ihnen die kranke Dame sein,
 daß sie Ihnen zumuthet, eine solche Entfernung um
 ihretwillen zurückzulegen.
, Ihr Name ist Reed, Herr -- Mistreß Reed.

, Reed von Gateshead? Es gab einen Reed zu 
Gateshead, der eine Magistratsperson war.
, Sie ist dessen Witwe, mein Herr.

, Und was haben Sie mit ihr zu thun? Woher
 kennen Sie dieselbe?
, Herr Reed war mein Oheim -- meiner Mutter 
Bruder.
, Zum Henker! das sagten Sie mir ja noch nie. Sie sagten immer, Sie hätten keine Verwandten.
, Keine, die mich anerkennen würden, mein
 Herr! Herr Reed ist todt, und seine Frau hat mich
 verstoßen.
, Warum?

, Weil ich arm und ihr zur Last war und sie 
einen Widerwillen gegen mich hegte.
, Aber Reed hat Kinder hinterlassen? -- Sie
 müssen Bettern und Cousinen haben? Sir George Lynn sprach noch gestern von einem Reed von
 Gateshead, den er als einen der ausschweifendsten

jungen Leute in London schilderte, und Ingram 
erwähnte einer Georgine Reed aus demselben Orte,
 die in der letzten oder vorletzten Saison in London
 als eine große Schönheit bewundert wurde.
, John Reed ist todt, mein Herr; er richtete sich 
und zum Theil auch seine Familie zu Grunde, und
 man glaubt, er habe einen Selbstmord begangen. 
Die Nachricht hat seine Mutter so erschüttert, daß sie 
von einem Schlaganfall getroffen wurde.
, Und was können Sie ihr nützen? Unsinn, 
Johanna! Ich würde nie hundert Meilen weit reisen,
um eine alte Dame zu besuchen, die vielleicht schon 
todt ist, ehe Sie zu ihr kommen, und überdies hat 
sie Sie verstoßen, wie Sie sagen.
, Ja, Herr, aber das ist lange her, und damals
 waren ihre Verhältnisse noch günstig. Ich könnte es
 mir nie verzeihen, wenn ich jetzt ihre Wünsche un
berücksichtigt ließe.
, Wie lange wollen Sie ausbleiben?

, So kurze Zeit als möglich, mein Herr.
, Versprechen Sie mir, nur eine Woche zu bleiben?

, Es wird besser sein, kein Versprechen zu geben,
 denn ich könnte wider meinen Willen, genöthigt werden, es zu brechen.
, Auf jeden Fall werden Sie doch zurückkehren? 
Sie werden sich doch unter keinem Vorwande bewegen 
lassen, auf die Dauer bei jener Dame zu bleiben?
, O nein! ich werde gewiß zurückkehren, wenn Alles vorüber ist.
, Und wer geht mit Ihnen? Sie werden doch
 nicht hundert Meilen allein reisen wollen?
, Nein, Herr, der Kutscher von Gateshead ist
 hier, um mich abzuholen.
, Ist es ein zuverlässiger Mensch?
, Ja, Herr, er ist schon zehn Jahre in der 
Familie.
Herr Rochester dachte nach. , Wann wünschen 
Sie zu gehen?
, Morgen, in aller Frühe, mein Herr.

, Nun, da müssen Sie etwas Geld haben; Sie
 können nicht ohne Geld reisen. Vermuthlich haben Sie 
nicht viel, und mir fällt ein, daß ich Ihnen noch 
kein Gehalt gegeben habe. Wie viel besitzen Sie noch 
in dieser Welt, Johanna? fragte er lächelnd.

Ich zog meine spärlich gefüllte Börse hervor.

, Fünf Schillinge, mein Herr.
Er nahm die Börse, schüttelte den Inhalt in
 seine Hand und lächelte, als ob es ihn freue, daß ich so
wenig Gbeld hatte. Dann zog er seine Brieftasche hervor.
, Hier, sagte er, mir eine Banknote anbietend. 
Es waren fünfzig Pfund; ich hatte nur fünfzehn zu
fordern nnd sagte, ich könne ihm nicht herausgeben.
, Das ist auch nicht nöthig, entgegnete er.
 , Nehmen Sie nur Ihr Gehalt.
Ich weigerte mich, mehr anzunehmen, als er mir
 schuldig sei. Anfangs sah er finster aus, dann aber
schien ihm ein plötzlicher Gedanke beizufallen.
, Richtig! sagte er, es ist auch besser, Ihnen 
jetzt nicht Alles zu geben, denn vielleicht würden Sie 
drei Monate wegbleiben, wenn Sie fünfzig Pfund
 hätten. Hier sind zehn, ist es genug?
, Ja, Herr, aber jetzt sind Sie mir noch fünf
schuldig.
, Kommen Sie wieder, um sich dieselben zu
holen, ich bin Ihr Bankier für vierzig Pfund.
, Herr Rochester, sagte ich, da ich gerade jetzt 
die Gelegenheit dazu habe, möchte ich gleich noc
h eine andere Geschäftssache mit Ihnen besprechen.
, Eine Geschäftssache? Da bin ich neugierig?
, Sie haben mir in ziemlich klaren Worten mit
getheilt, mein Herr, daß Sie sich in Kurzem ver
heiraten werden.
, Ja, und was dann?

, In dem Falle dürfte es besser sein, Adele in eine Schule zu schicken; ich bin gewiß, Sie werden die Nothwendigkeit selbst einsehen.
, Sie meiner Frau aus dem Wege zu bringen
, die Sie sonst etwas zu hochmüthig behandeln möchte.

Dieser Vorschlag ist verständig, daran ist nicht zu
 zweifeln. Adele muß, wie Sie sagen, in eine Schule
 geschickt werden, und Sie?
, Ich muß mir irgendwo anders eine Stelle
 suchen.
, Natürlich! rief er mit gepreßter Stimme und
 einer seltsamen Verzerrung der Züge. Er saß mich 
einige Minuten an.
, Und da werden Sie vermuthlich die alte Mistreß
 Reed oder die Misses, ihre Töchter, bitten, Ihnen 
eine Stelle zu verschaffen?
, Nein, Herr, ich stehe nicht in solchen Beziehungen
 zu meinen Verwandten, um eine Gefälligkeit von ihnen
 zu erwarten -- aber ich werde in den Zeitungen 
annonciren lassen.
, Auf Ihre eigenne Gefahr werden Sie also eine
 Annonce erlassen! Ich wollte, ich hätte Ihnen nur
 ein Geldstück angeboten anstatt der zehn Pfund. Geben
 Sie mir neun Pfund zurück, Johanna, ich bedarf
 derselben.
, Und ich auch, Herr, erwiderte ich, meine
 Hännde und meine Börse auf den Rücken haltend. 
, Ich kann das Geld auf keinen Fall entbehren.
, Kleiner Geizhals sagte er, Sie verweigern 
mir eine Bitte um Geld. Geben Sie mir fünf Pfund,
 Johanna.
, Nicht fünf Schillinge, Herr, nicht fünf Pence.
, Lassen Sie mich das Geld nur ansehen.
, Nein, Herr, es ist Ihnen nicht zu trauen.
, Johanna!

, Mein Herr
?
, Versprechen Sie mir eins.

, Ich will Ihnen Alles versprechen, mein Herr,
 was ich zu erfüllen für möglich halte.
, Veröffentlichen Sie keine Annonce und über
lassen Sie es mir, eine Stelle für Sie zu suchen. Ich 
werde zur rechten Zeit eine finden.
, Es wird mir lieb sein, wenn Sie mir dagegen
 versprechen, daß ich und Adele das Haus verlassen

werden, ehe noch Ihre Braut dasselbe als Ihre 
Gemahlin betritt.
, Gewiß, gewiß! Ich gebe Ihnen mein Wort
 darauf. Sie reisen also morgen.
, Ja, Herr, in aller Frühe.

, Werden Sie nach der Tafel in das Gesellschaftszimmer hinunterkommen?
, Nein, Herr, ich muß mich auf die Reise vorbereiten.
, So müssen wir Beide uns jetzt wohl auf eine
 Weile Lebewohl sagen?
, So denke ich, mein Herr.
, Und wie pflegt man es mit der Ceremonie des
 Abschiednehmens zu halten, Johanna? Unterrichten 
Sie mich darin, ich weiß es nicht recht.
, Man sagt: Leben Sie wohl.
, Ist das Alles
?
, Ja.

, Nach meinen Begriffen klingt das trocken und 
gemüthlos. Ich wünschte noch etwas mehr, wenn
 man zum Beispiel einander die Hände drückte; aber 
nein -- das wäre mir auch nicht genug. So wollen 
Sie also nicht mehr thun, als Lebewohl sagen, 
Johanna?
, Es ist genug, Herr, in einem herzlichen Wort
 kann ebenso viel Aufrichtigkeit liegen, als in vielen.
, Vielleicht, aber es klingt doch leer und kalt -- 
leben Sie wohl.
, Wie lange wird er noch mit dem Rücken an 
der Thür stehen? dachte ich bei mir selber, ich 
muß ans Einpacken gehen.
Da läutete die Glocke zur Mittagstafel und 
plözlich eilte er, ohne eine Silbe weiter zu sagen,
 davon. Ich sah ihn während des Tages nicht wieder 
und reiste am folgenden Morgen ab, ehe er aufstand.
Es war am ersten Mai in der fünften Nach
mittagsstunde, als ich das Parkhäuschen von Gates
head erreichte, und trat dort ein, ehe ich nach dem 
Herrenhause ging. Alles war sehr reinlich und zierlich;

die Fenster waren mit kleinen weißen Vorhängen versehen, der Fußboden ohne Flecken, der Kamin geputzt
 und das Feuer loderte lnstig empor. Bessie saß am
 Herde und hatte ihr jüngstes Kind auf dem Schoß;
 der kleinte Robert und seine Schwester spielten in
 einer Ecke.
, Gott segne Sie! -- Ich wußte, daß Sie kommen 
würden, rief mir Mistreß Leaven entgegen.
, Ja, Bessie, sagte ich, nachdem ich sie geküßt, und ich hoffe, ich komme nicht zu spät. Wie stehst
es mit Mistreß Reed? -- Hoffentlich lebt sie noch.
, Ja, sie lebt noch und ist bei besserem Bewußt
sein, als früher. Der Doctor sagt, sie könne vielleicht
 noch eine oder zwei Wochen leben. Auf eine Wieder
herstellung ist keine Hoffnung.
, Hat sie meiner kürzlich gedacht
?
, Sie sprach noch diesen Morgen von Ihnen 
und wünscthe, Sie möchten kommen; aber sie schläft
 jetzt, oder schlief wenigstens vor zehn Minuten, als
 ich im Herrenhause war. Nachmnittags liegt sie ge
wöhnlich in einer Art von Schlafsucht, und erwacht
 erst um sechs oder sieben Uhr. Ruhen Sie sich hier
 eine Stunde aus, Miß, dann will ich mit Ihnen gehen.
Jetzt trat Robert ein; Bessie legte ihr schlafendes 
Kind in die Wiege und hieß ihren Mam will
kommen, dann bestand sie darauf, ich solle Thee bei 
ihr trinken, denn sie sagte, ich sehe blaß und an
gegriffen aus. Ich nahm ihre Gastfreundschaft gern
 an und ließ mir meine Reisekleider ebenso gehorsam
 abnehmen, wie ich mich als Kind von ihr hatte auskleiden lassen.
Alte Zeiten drängten sich wieder meinem Ge
dächtisse auf, als ich sie geschäftig umhergehen, ihr 
bestes Theeservice herbeibringen, Butterbrot schneiden,
 einen Theekuchen rösten und von Zeit zu Zeit Robert
 oder Johanna einen kleinen Stoß oder Schlag gebe n
sah, wie sie es in früheren Zeiten mit mir zu machen 
pflegte. Bessie hatte ihr rasches Temperament und 
ihr gutes Aussehen behalten.

Als der Thee fertig war, wollte ich mich dem
 Tische nähern, doch sagte sie mir in ihrem gewohnten
 gebieterischen Tone, ich solle nur sitzen bleiben, ich
 müsse am Kamine bedient werden. Hierauf stellte sie
 einen kleinen runden Tisch mit meiner Tasse und 
einem Teller mit Theekuchen vor mich hin, gerade so
wie sie mich früher mit Leckerbissen in der Kinderstubezu bewirthen pflegte. Ich lächelte und gehorchte ihr, 
wie in jenen Tagen.
Sie wollte wissen, ob ich mich in Thornfield 
Hall wohlbefinde und was die Dame für eine Frau 
sei; und als ich ihr sagte, es sei nur ein Herr da,
 frug sie, ob er ein hübscher Mann sei und ob er
 mir gefalle. Ich sagte, er sei eher häßlich als schön,
 aber ein sehr gebildeter Mann, der mich freundlich 
behandle, und so sei ich zufrieden. Dann beschrieb
 ich ihr die wornehme Gesellschaft, die seit einiger Zeitim Hause zu Besuch war.
Während dieser Unterhaltung war bald eine
 Stunde vergangen; Bessie brachte mir meinen Hut 
und Mantel wieder, und begleitete mich zum Herren
hause, gerade wie sie vor beinahe neun Jahren mit
 mir den Weg hinuntergegangen war, den ich jetzt 
hinaufging. An einem dunklen nebligen und rauen 
Januarmorgen hatte ich mit verzweiflungsvollem und
 bitterem Herzen ein feindseliges Dach verlassen, um 
den kalten und trostlosen Aufenthaltsort in Lowood
 dagegen einzutauschen. Dasselbe feindselige Dach erhob sich jetzt vor mir, aber ich hegte festeres Vertrauen zu mir selbst und zu meiner eigenen Kraft
 und empfand nicht mehr die Furcht des Unterdrückten.
 Die schmerzende Wunde, die man mir so grausam in 
den Tagen meiner Kindheit geschlagen, war jetzt geheilt;
 die Flamme des lodernden Hasses war erloschen.
, Sie müssen zuerst in das Frühstückzimmer gehen, 
sagte Bessie, als sie mich durch die Halle führte, dort werden Sie die jungen Damen finden.
Eine Minute später befand ich mich in diesem 
Zimmer. Alles sah dort noch gerade so aus, wie an

dem Morgen, als ich Herrn Brocklehurst vorgestellt
 wurde. Dieselbe Fußdecke lag noch vor dem Kamin.
 Als ich die Bücherschränke ansah, glaubte ich die 
beiden Bände von Bewick's Naturgeschichte der
 britischen Vögel, Gulliver's Reisen und Tausend und 
eine Nacht gerade an denselben Platze, wie früher,
 zu erblicken. Die leblosen Gegenstände waren unverändert, aber die lebenden Wesen waren fast nicht
 mehr zu erkennen.

Zwei junge Damen erschienen vor mir: Die 
eine war sehr groß -- fast so groß wie Miß In
gram -- sehr hager, hatte ein bleiches Gesicht und
 eine strenge Miene. Sie hatte etwas Ascetisches in 
ihrem Blick, das noch durch die ausgesuchte Einfachheit eines Kleides von schwarzem Zeuge, durch 
ihr zurückgekämmtes Haar, sowie durch den nonnenhaften Schmuck einer Schnur schwarzer Kugeln und 
eines Cruzifixes erhöht wurde. Ich hielt mich über
zeugt, daß dies Elise sei, obgleich ich in dem langen
 und farblosen Gesichte wenig Aehnlichkeit mit ihrer 
früheren Erscheinung finden konnte.
Die andere war offenbar Georgine, aber nicht 
die Georgine, deren ich mich als eines schlanken, 
graziösen Mädchens von elf Jahren erinnerte. Dies
 hier war eine voll aufgeblühte junge Dame, weiß
 und roth wie eine Wachspuppe, mit schönen und 
regelmäßigen Zügen, schmachtenden blauen Augen 
und geringelten gelben Haaren. Ihre Kleidung war
 ebenfalls schwanz, aber der Schnitt war ebenso modisch, 
als die Kleidung ihrer Schwester puritanisch war.
Jede hatte einen Zug von der Mutter -- aber 
nur einen. Die hagere und blasse ältere Tochter besaß
 das stechende Auge ihrer Mutter; die blühende und
 üppige jüngere Schwester hatte den Umriß ihres 
Kinns und Unterkiefers -- vielleicht ein wenig gemildert, doch theilte derselbe dem sonst vollen und
 sinnlichen Gesichte eine unbeschreibliche Härte mit.

Als ich mich näherte, standen beide Damen auf,
 um mich zu begrüßen, und redeten mich Miß Eyre

an. Elise brachte ihren Gruß in kurzen und ab
gebrochenen Worten ohne ein Lächeln vor, dann setztesie sich wieder nieder, richtete ihre Augen auf das
 Feuer und schien mich zu vergessen. Georgine fügte
 ihrem: , Wie geht es Ihnen? mehrere gewöhnliche 
Redensarten über meine Reise, über das Wetter 
u. s. w. hinzu, wobei sie mich vom Kopf bis zu den
 Füßen maß, bald auf meinem braunen Merinomantel,
 bald bei dem einfachen Besatz meines Hutes verweilend. Junge vornehme Damen haben eine merkwürdige Art, ihren vom Glück weniger begünstigten
 Mitschwestern ihre Geringschätzung zu erkennen zu
gzeben: ein gewisser übermüthiger Blick, ein kaltes
 Wesen, ein nachlässiger Ton drücken vollständig ihre 
Gedanken aus, ohne daß es erst einer aus drücklichen
 Unhöflichkeit in Wort und Handlung bedarf.
Eine solche Mißachtung offen oder versteckt, hatte 
nicht mehr, wie früher, Macht über mich, und als ich 
zwischen meinen beiden Cousinen saß, war ich selbst 
überrascht, wie wenig mich die gänzliche Gleichgültigkeit 
der einen und die halb ironischen Aufmerksamkeiten der 
anderen anfochen. In den letzten wenigen Monaten 
waren viel mächtigere Gefühle in mir geweckt worden, 
als diese Personen anzuregen im Stande waren -- ich
 hatte viel lebhaftere Schmerzen und Freuden em
pfunden, als mir aufzuerlegen oder zu gewähren in 
ihrer Macht stand, so daß ihr Benehmen weder 
einen guten noch einen schlimmen Eindruck auf mich 
machte.
, Wie befindet sich Mistreß Reed? wandte ichmich an Georgine. Dieser gefiel es, eine verwunderte 
Miene zu machen, als wäre die directe Anrede eine
 unerwartete Freiheit, die ich mir nähme.
, Mistreß Reed? Ah! Sie meinen Mamna. Es
 geht sehr schlecht mit ihr; ich zweifle, daß Sie sie heute
 werden sprechen können.
, Wenn Sie hinaufgehen und ihr sagen wollten,
 daß ich da bin, erwiderte ich, so würde ich Ihnen
 sehr verbunden sein.

Georgine erschrak fast und riß ihre blauen Augen
 weit und wild auf.
, Ich weiß, sie hat den Wunsch, mich zu sehen, fügte ich hinzu, und ich möchte die Erfüllung ihres 
Wunsches nicht länger aufschieben, als es durchaus
 nöthig ist.
, Mama läßt sich am Abend nicht gern stören, 
sagte Elise.

Bald darauf stand ich auf, nahm unaufgefordert
 meinen Hut ab, zog meine Handschuhe aus und sagte,
 ich wolle nur zu Bessie hinausgehen, die wahrschein
lich im Bedientenzimmer sei, und sie bitten, sich zu
 erkundigen, ob Mistreß Reed geneigt sei, heute Abend 
noch meinen Besuch anzunehmen. Ich ging und
 nachdem ich Bessie mit meinem Auftrag hinaufgeschickt 
hatte, traf ich weitere Maßregeln. Bisher war ich 
vor dem Hochmuthe stets zurückgewichen und hatte 
ihm das Feld überlassen, und noch vor einem Jahr
 würde ich bei einem solchen Empfange, wie er mir 
heute zu Theil geworden, beschlossen haben, Gateshead 
am nächsten Morgen wieder zu verlassen. Doch jetzt 
sah ich sogleich ein, daß dies thöricht sei. Ich hatte eine 
Reise von hundert Meilen gemacht, um meine kranke
 Tante zu besuchen, und mußte bei ihr bleiben, bis sie 
außer Gefahr oder todt war. Den Stolz ihrer Töchter
 durfte ich nicht berücksichtigen. Ich wendete mich
 also an die Haushälterin, bat sie, mir ein Zimnmer 
anzuweisen und ließ meinen Koffer dorthin bringen. 
Auf der Treppe begegnete mir Bessie.
, Missis wacht, sagte sie, ich habe ihr gesagt,
 daß Sie da sind. Kommen Sie und sehen wir, ob 
sie Sie erkennen wird.
Ich bedurfte keines Wegweisers zu dem mir so
wohl bekannten Zimmer, in welches ich in früheren
 Tagen so oft gerufen worden war, um bestraft oder
 gescholten zu werden. Bessie voraneilend, öffnete ich
 leise die Thür. Im gedämpften Lichte der Lampe,
 welche, mit einem Schirm bedeckt, auf dem Tischebrannte, erkannte ich alle Gegenstände des Zimmers


wieder. Da war das große Bett mit den vier Pfosten 
und den ambrafarbigen Vorhängen, wie in früheren 
Zeiten; da war der Toilettentisch, der Lehnsessel und
 der Fußschemel, auf den ich wohl hundertmal hatte
 niederknieen und mir für Vergehungen, die ich nicht
 begangen, Verzeihung hatte erbitten müssen. Ich blickte 
in eine gewisse Ecke, wo ich fast die einst so gefürchtete
 Ruthe zu erblicken glaubte, die dort nur darauf zu warten 
schien, um wie ein Kobold auf meinem Nacken oder
 meinen Armen umhertanzen zu können. Ich näherte mich

dem Bette; ich öffnete die Vorhänge und neigte mich 
über die hohen Kissen, begierig, die bekannten Züge 
zu sehen. Es ist ein Glück, daß die Zeit das Verlangen nach Nähe und die Eingebungen der Wuth 
abkühlt. Ich hatte diese Frau in bitterem Hasse ver
lassen und kehrte jetzt mit keiner anderen Regung als 
der des Mitleids mit ihrem Leiden zurück. Ich kannte
 kein innigeres Verlangen, als alle Kränkungen zu vergessen und mich mit ihr zu versöhnen und ihr freund
schaftlich die Hand zu drücken.
Das wohlbekannte Gesicht war da, streng und 
unerbittlich, wie immer -- da war das eigenthümliche 
Auge, in dem sich nie eine weichere Regung der Seele
 abspiegelte, und da waren die geschwungenen, ge
bieterischen und despotischen Augenbrauen. Wie oft 
hatten sie sich mit Drohungen und Haß gegen mich 
zusammengezogen! Und wie belebte sich meine Er
innerung an die Schrecken und Leiden meiner Kindheit, als ich die strengen Linien jetzt wiedersah. Und 
doch beugte ich mich nieder und küßte sie.
, Ist dies Johana Eyre? fragte sie, mich anblickend.
, Ja, Tante Reed. Wie geht es Ihnen, liebeTante?
Ich hatte einst gelobt, sie nie wieder Tante zunennen; aber ich hielt es jetzt für keine Sünde, dieses
 Gelübde zu brechen. Meine Finger drückten ihre Hand,
 die auf der Decke lag; hätte sie meine Hand wieder
gedrückt, so würde ich eine innige Freude empfunden

haben. Aber strenge Naturen sind nicht leicht zu erweichen, und natürlicher Widerwille ist schwer zu über
winden. Mistreß Reed entzog mir ihre Band, wendete 
ihr Gesicht von mir ab und machte die Bemerkung,
 daß der Abend warm sei. Sie sah mich nochmals, 
und zwar so kalt an, daß ich sogleich fühlte, ihre 
Meinung von mir und ihre Gefühle gegen mich wären 
unverändert noch die alten. Ich sah es ihrem steinernen 
Auge an, daß sie entschlossen sei, mich nach wie vor
 für ein schlechtes Geschöpf zu halten, und daß sich
 alles in ihr gegen eine bessere Einsicht sträubte.
Ich empfand Schmerz, dann Zorn und endlich faßte ich den Entschluß, sie, ihrer Natur und ihrem Willen zum Trot, zu besiegen. Ich hätte weinen
 mögen, wie in meiner Kindheit, aber ich drängte die
 Thränen gewaltsam an ihre Quelle zurück. Ich stellte
 einen Stuhl an das Kopfende ihres Bettes, setzte mich 
nieder und neigte mich über das Kissen.
, Sie haben nach mir geschickt, und ich bin da, 
sagte ich. , Jetzt ist es meine Absicht, dazubleiben und
 zu sehen, wie es mit Ihnen geht.
, O, natürlich! Du hast doch meine Töchter ge
sprochen?
, Ja.

, Nun, so kannst du ihnen mittheilen, es sei mein
 Wunsch, daß du dableibest, bis ich dir gesagt habe, 
was mir auf dem Herzen liegt. Heute Abend ist es 
zu spät, und ich kann mich der Dinge, um die es 
sich handelt, nur mit Mühe erinnern. Aber etwas
 wünschte ich zu sagen -- laß' mich sehen--
Der irre Blick und der veränderte Ton der
 Stimme zeigten mir, welche Störung in ihrer einst so 
kräftigen Constitution vorgegangen war. Sie wendete
 sich unruhig um und zog ihre Bettdecke nach sich;
 mein Ellbogen ruhte auf dem Ende der Decke und
 hielt dasselbe fest. Gleich war sie ärgerlich.
, Setze dich aufrecht, sagte sie, und ärgere mich 
nicht dadurch, daß du meine Docke festlhälst -- bist du 
Johanna Eyre?

, Ich bin Johana Eyre.

, Dieses Kind hat mir mehr Kummer verursacht, 
als ein Mensch glauben kann. Daß man mir auch s
eine solche Last aufladen mußte! Und wie viel Aerger 
sie mir täglich und stündlich bereitete mit ihren un
begreiflichen Charakteranlagen, ihrem unruhigen Tem
perament und ihrem unnatürlichen fortwährenden
 Lauern auf Alles, was man that. Einmal sprach sie 
zu mir, als ob sie wahnsinnig oder vom Teufel be
sessen wäre -- kein Kind sprach oder blickte jemals 
so. Ich war froh, als sie aus dem Hause war. Was 
geschah in Lowood? Das Fieber brach dort aus und 
viele von den Schülerinnen starben. Sie aber starb
 nicht; aber ich sagte, sie wäre gestorben -- ich wünschte, es wäre geschehen!
, Ein seltsamer Wunsch, Mistreß Reed; warum 
hassen Sie sie denn so?
, Ich hatte immer einen Widerwillen, gegen ihre 
Mutter, denn sie war meines Mannes einzige
 Schwester, und er liebte sie sehr; er widersetzte sich
 der ganzen Familie, als man sie wegen ihrer Mißheirat verleugnete, und als die Nachricht von ihrem
 Tode kam, weinte er wie ein Narr. Das Kind mußte 
herbeigebracht werden, obgleich ich ihn bat, es lieber 
anderswo erziehen zu lassen und für seinen Unterhalt
 zu zahlen. -- Ich haßte dieses Kind vom ersten Augenblicke an, da ich es sah -- ein kränkliches, weinerlichtes Ding! Es wimmerte die ganze Nacht in der
 Wiege -- schrie nicht, wie ein anderes Kind, aus 
voller Kehle, sondern stöhnte und klagte nur. Reed
 hatte Mitleid mit dem Kinde und sorgte dafür, wie 
für seine eigenen, ja noch mehr, denn seine eigenen 
beachtete er in dem Alter gar nicht. Er versuchste,
 meinen Kindern freundschaftliche Gefühle für die kleine 
Bettlerin einzuflößen; aber die lieben Engel waren
 nicht dafür empfänglich, und er war ärgerlich über 
sie, wenn sie ihren Widerwillen dagegen zeigten. In
 seiner letzten Krankheit ließ er das Geschöpf beständig 
an sein Bett bringen, und eine Stunde vor seinem
,

Tode mußte ich ihm das Versprechen geben, es auf
zuerziehen. Ebenso gut hätte er mir einen beliebigen
 Balg aus dem Findelhause aufbürden können; aber
 er war schwach von Natur. John gleicht seinem
Vater durchaus nicht, und es ist mir lieb; John
 gleicht mir und meinen Brüdern -- er gleicht Gibson.
 O! ich wollte, er quälte mich nicht mehr mit seinen
 Briefen, worin er beständig Geld verlangt! Ich kann 
ihm kein Geld mehr geben, denn wir werden arm.
 Ich muß die Hälfte der Diener fortschicken und einen 
Theil des Hauses vermiethen. Dennoch kann ich mich 
nicht dazu entschließen -- und doch, wie sollen wir
 uns durchbringen? Zwei Dritttheile meines Einkommens nehmen die Zinsen in Anspruch. John spielt
 schrecklichs und verliert immer -- der arme Junge! 
er ist von Betrügern umgeben. John ist gesunken
 und verdorben -- sein Blick ist schrecklich -- ich schäme
 mich seiner, wenn ich ihn sehe.
Sie wurde sehr aufgeregt
.
, Ich denke, es ist besser, ich verlasse sie jetzt, sagte ich zu Bessie, die auf der anderen Seite des Bettes stand.
, Sie haben Recht, Miß; wenn die Nachtzeit
 naht, spricht sie oft in dieser Weise -- am Morgen 
ist sie ruhiger.
Ich stand auf.

, Warte! rief Mistreß Reed, ich möchte noch 
etwas sagen. Er droht mir -- beständig droht er
 mir mit seinem oder meinem Tode, und zuweilen
 träumt mir, ich sähe ihn daliegen mit einer großen
 Wunde im Halse oder mit einem geschwollenen und
 geschwärzten Gesichte. Ich sehe mich auf's Aeußerste 
getrieben und habe schwere Sorgen. Was ist zu thun? 
Wie ist das Geld zu beschaffen?
Bessie versuchte sie jetzt zu überreden, einen be
ruhigenden Trank zu nehmen, was ihr mit Mühe 
gelang. Bald darauf versank die Kranke in eine Artvon Halbschlaf. Dann verließ ich sie.
Mehr als zehn Tage vergingen, ehe ich wieder
 eine Unterredung mit ihr hatte. Sie sprach entweder


im Fieber oder war bewußtlos, und der Arzt verbot 
alles, was sie schmerzlich aufregen konnte. Inzwischen
 vertrug ich mich, so gut ich konnte, mit Georgine und 
Elise. Sie waren freilich Anfangs sehr kalt. Elise 
saß den halben Tag da und nähte, las oder schrieb
 und sprach dann kaum ein Wort mit mir oder ihrer
 Schwester. Georgine konnte ihrem Kanarienvogel
 stundenlang Unsinn vorplaudern und achtete nicht auf
 mich. Aber es fehlte mir nicht an Beschäftigung oder
 Unterhaltung, denn, ich hatte meinen Farbenkasten mit
gebracht, und dieser verschaffte mir Beides.
 Mit Bleistiften und Papier versehen, pflegte ich

 mich von meinen Cousinen abgesondert ans Fenster
 zu setzen und Phantasiebilder zu zeichnen, die irgend
eine Scene darstellten, wie sie gerade das stets
 wechselnde Kaleidoskop meiner Phantasie darbot.
Eines Morgens began ich ein Gesicht zu skizziren.
 Was es für ein Gesichst werden sollte, kümmerte mich
 nicht. Ich nahm einen weichen, schwarzen Bleistift
 und zeichnete damit. Bald zeigte sich auf dem Papier
 eine breite und vorragende Stirn und der eckige Umriß des unteren Gesichts. Dieser Umriß verursachte 
mir Vergnügen; mit geschäftigen Fingern machte ich 
mich daran, die übrigen Züge auszuzeichnen. Starke
 horizontale Augenbrauen mußten unter diese Stirn
 kommen; dann folgte natürlich eine aus drucksvolle
 Nase mit geradem Nücken und weiten Nüstern, dann
ein biegsam scheinender Mund, nicht zu schmal; dann
 ein festes Kinn mit einem deutlich bezeichneten Spalt 
in der Mitte. Natürlich gehörte hierzu noch ein 
schwarzer Backenbart und schwarzes Haar, welchses 
sich wellenförmig über die Stirn hinzog. Jetzt kamen 
die Augen, ich hatte sie bis zuletzt aufgespart, weil
 sie die sorgfältigste Arbeit erforderten. Ich zeichnete
sie groß und gab ihnen eine gute Form; die Augenwimpern zeichnete ich lang und dunkel, die Iris
 glänzend und groß.
Gut, aber noch ist nicht Alles gethan, dachte ich, 
als ich mein Werk überschaute; es muß noch mehr

Kraft und Geist hineingelegt werden. Ich machte die
 Schatten kräftiger, damit die Lichter glänzender erscheinen möchten -- einige glückliche Striche sicherten 
diesen Erfolg. Da hatte ich das Gesicht eines 
Freundes vor mir. Ich sah es an, lächelte über die
 sprechende Aehnlichkeit, versank in Gedanken und war
 zufrieden.
, Ist dies das Porträt einer Person, die Sie 
kennen? fragte Elise, die sich unbemerkt genähert 
hatte. Ich entgegnete, es sei nur ein Phantasiekopf,
 und wollte ihn mit den anderen Blättern zudecken. 
Natürlich sagte ich die Unwahrheit, denn es war inder That ein sehr getreues Porträt des Herrn Rochester.
 Aber was lag ihr daran oder irgend sonst Jemanden 
außer mir? Georgine näherte sich ebenfalls, um das
 Bild anzusehen. Die anderen Zeicnungen gefielen 
ihr sehr, aber dies sei ein häßlicher Mann, sagte sie.
 Beide schienen überrascht von meiner Geschicklichkeit. 
Ich erbot mich, sie zu porträtiren, und Jede saß mir 
zu einer Bleistiftzeichnung. Dann brachte Georgine 
ihr Stammbuch zum Vorschein. Ich versprach, ihr 
ein Bild in Wasserfarben hineinzumalen, wodurch sie 
sogleich in gute Laune versetzt wurde. Sie machte
 mir den Vorschlag zu einem Spaziergange in der Allee
anlage, und ehe wir noch zwei Stunden draußen gewesen, hatte sie mich schon mit ihrem Vertrauen beehrt und mir den glänzenden Winter beschrieben, den
 sie vor zwei Jahren in London zugebracht. -- Sie 
sprach von der Bewunderung, die sie dort erregt
 hatte, von der Aufmerksamkeit, die ihr zu Theil geworden war, und es fielen sogar Anspielungen, welche
 vornehme Eroberungen sie gemacht habe.
Im Verlaufe des Nachmittags und Abends
 wurden diese Andeutungen noch erweitert, verschiedene 
zarte Unterhaltungen wiedergegeben und sentimantale Scenen beschrieben. Was sie mir an diesem Tage
 aus dem fashionablen Leben erzählte, hätte einen
 ganzen Band Novellen gegeben. Täglich fügte sie Neues hinzu, was sich aber stets auf dasselbe Thema

beschränkte: ihre Liebe und ihr Leid. Es war seltsam,
 daß sie nie von der Krankheit ihrer Mutter, von dem
 Tode ihres Bruders oder den traurigen Aussichten 
der Familie sprach. Ihr Geist schien sich nur mit
 Erinnerungen an vergangene heitere Stunden und mit
 dem Wunsche nach künftigen Zerstreuungen zu be
schäftigen. Sie verbrachte jeden Tag etwa fünf Minuten und nicht länger im Krankenzimmer ihrer
 Mutter zu.
Elise sprach noch immer wenig, sie hatte offenbar 
keine Zeit dazu. Ich sah nie eine geschäftigere Person, 
als sie zu sein schien, doch war es schwer zu sagen,
 was sie that, oder vielmehr irgend einen Erfolg ihres
 Fleißes zu entdecken. Dreimal täglich versenkte sie
 sich in ein kleines Buch, welches, wie ich später fand,
 das allgemeine Gebetbuch war. Ich fragte sie einst,
 was in diesem Buche das Anziehendste für sie sei, und
 sie antwortete: das Register. Drei Stunden stickte sie
 mit Goldfaden auf den Rand eines viereckigen kar
moisinrothen Tuches, fast groß genug zu einem Teppich. Als ich nach der Bestimmung dieses Gegenstandes
 fragte, erklärte sie mir, es sei eine Altardecke für eine
 kürzlich in der Nähe von Gateshead erbaute Kirche.
 Zwei Stunden widmete sie ihrem Tagebuche, zwei
 Stunden arbeitete sie im Küchengarten und eine verwendete sie zur Durchsicht ihrer Rechnungen. Sie 
schien keiner Gesellschaft und keiner Unterhaltung zu 
bedürfen. Ich glaube, sie war auf ihre Weise glücklich,
 und nichts war ihr unangenehmer, als irgend ein
 Zwischenfall, welcher sie nöthigte, von der peinlichen
 regelmäßigkeit ihrer Tagesordnung abzuweichen.
Eines Abends, als sie ungewöhnlich zur Mit
theilung aufgelegt war, vertraute sie mir an, Johns
 Betragen und der drohende Untergang der Familie
 sei eine Quelle tiefer Betrübnis für sie gewesen; aber 
jetzt sei ihr Gemüth gefaßt, und ihr Entschluß stehe 
fest. Ihr Vermögen habe sie in Sicherheit gebracht, 
und wenn ihre Mutter stürbe -- und es sei durchaus unwahrscheinlich, daß sie wieder genesen werde,


bemerkte sie ruhig -- so werde sie einen längst genährten Plan ausführen, und sich nach einem stillen
 Orte zurückziehen, wo pünktliche, vor jeder Störung gesicherte Gewohnheiten herrschten und wo unübersteigliche
 Schranken zwischen sie und die frivole Welt gestellt wären.
 Ich fragte, ob Georgine sie dorthin begleiten werde.
, Auf keinen Fall, antwortete sie. ,Georgine
 und ich hatten nie Etwas mit einander gemein, und
 haben es auch jetzt nicht.
Wenn Georgine nicht ihr Herz vor mir aus
schüttete, brachte sie den größten Theil ihrer Zeit
 damit zu, auf dem Sopha zu liegen, sich über die
 Langweiligkeit des Landlebens zu beklagen und wiederholt den Wunsch auszusprecen, ihre Tante Gibson 
möge ihr eine Einladung nach London senden. Eine
 Veränderung auf ein oder zwei Monate, bis Alles
 vorüber sei, würde ihr sehr zuträglich sein. Ich fragte 
nicht, was sie mit dem , Alles vorübersein' meine;
 aber ich vermuthe, sie meinte das erwartete Ableben
 ihrer Mutter und die düstere Ceremonie des Leichen
begängnisses. Elise nahm von der Trägheit und den
 Klagen ihrer Schwester so wenig Notiz, als ob solch
e in murrendes und klagendes Geschöpf gar nicht vorhanden wäre. Eines Tages aber, während sie ihr 
Rechnungsbuch weglegte und ihre Stickerei entfaltete, 
sagte sie plötzlich zu Georginen:
, Ein eitleres und thörichteres Geschöpf, als du,
 hat wohl nie auf Erden gewandelt. Du hattest kein 
Recht, geboren zu werden, denn du machst keinen Ge
brauch vom Leben. Anstatt für dich, in und mit dir
 zu leben, suchst du dich mit deiner Schwäche an die 
Kraft Anderer zu lehnen, und wenn sich Niemand 
bereit findet, sich mit einem so aufgeblasenen und un
nützen Geschöpfe zu belasten, so beklagst du dich, daß 
du übel behandelt und vernachlässigt wirst, und folglich
 elend bist. Wenn du nicht in einem unaufhörlichen 
Wechsel und in beständiger Aufregung leben kannst, ist 
dir die Welt ein Kerker. Man muß dich bewundern,
 dir den Hof machen, dir schmeicheln, du verlangst

Musik, Tanz und Gesellschaft -- oder du verschmachtest
 und stirbst dahin. Hast du nicht so viel Verstand, dir 
ein System auszudenken, welches dich von jedem an
deren Willen, als deinem eigenen, unabhängig macht? Nimm dir einen Tag, theile ihn genau ein, bestimme 
für jedes Geschäft eine Stunde und halte das mit 
strenger Regelmäßigkeit ein. So bist du Niemand verpflichtet, brauchst Niemands Gesellschaft oder Unterhaltung, Niemands Theilnahme oder Geduld in Anspruch zu nehmen, kurz, du lebst wie ein unabhän
giges Wesen leben sollte und wirst weder meiner noch 
sonst Jemands bedürfen. Nimm diesen Rath an; es
 ist der erste und letzte, den ich dir gebe. Befolgst du 
ihn aber nicht, treibst du's so weiter, wie bisher, so
 wasche ich meine Hände in Unschuld, denn von demTage an, wo der Sarg unserer Mutter in die Kirche
 von Gateshead getragen wird, werden wir Beide so
 getrennt leben, als hätten wir einander nie gekannt.
 Du darfst nicht denken, weil wir zufällig von denselben Eltern stammen, werde ich mich an dich binden.
 Ich sage dir vielmehr -- wenn von dem ganzen
 Menschengeschlecht wir Beide allein übrig wären, so 
würde ich dir die alte Welt lassen und mich in die
 neue Welt begeben.
, Du hättest dir die Mühe sparen können, diese
 lange Rede zu halten, antwortete Georgine. , Jedermann weiß, daß du das eigennützigste herzloseste Ge
schöpf auf der Welt bist, und ich kenne deinen ver
ächtlichen Haß gegen mich, ich habe schon früher eine
 Probe davon gehabt, als du mir in der Sache mit 
Lord Edwin Vere den boshaften Streich spieltest. Du 
konntest es nicht ertragen, daß ich mich über dich er
hob und Anspruch machte, in Zirkel aufgenommen zu 
werden, wo du dein Gesicht nicht zu zeigen wagst.
 Deshalb spieltest du die Spionin und Klätscherin und hast
 mir so alle meine Hoffnungen auf Lebensglück zerstört.
Georgine nahm ihr Taschentuch und schien eine 
Stunde lang zu weinen; Elise saß kalt und unab
lässig fleißig da.

Manche schätzen wahres und edles Gefühl sehr
 wenig, aber hier waren zwei Naturen, von denen die 
eine sehr bitter, die andere aus Mangel an Gefühl 
abstieß. Gefühl ohne Urtheil hat allerdings wenig 
Werth, aber das Urtheil, welches nicht vom Gefühl 
gemildert wird, schreckt durch seine Herbheit zurück und
 verfehlt daher seinen Zweck.
Es war ein nasser und stürmischer Nachmittag,
 Georgine war beim Lesen eines Romans auf dem
 Sopha eingeschlafen; Elise wohnte in der neuen Kirche 
dem Gottesdienste zu Ehren irgend eines Heiligen bei,
 denn kein Wetter verhinderte sie je an der pünktlichen
 Ausübung ihrer Andachtspflichten; sie besuchte jeden 
Sonntag dreimal die Kirche, und in der Woche auch 
immer, wenn dort Gebete verrichtet wurden.
Es fiel mir ein, die Treppe hinaufzugehen und
 nach der sterbenden Frau zu sehen, die fast unbeachtet
 dort lag, denn die gedungene Krankenwärterin, welche
 wenig beaufsichtigt wurde, schlich so oft sie konnte aus 
dem Zimmer. Bessie hatte für ihre eigene Familie zu 
sorgen, und konnte nur von Zeit zu Zeit in das 
Herrenhaus kommen. Ich fand das Krankenzimmer 
leer, wie ich erwartet hatte, und das Feuer im Kamin 
fast erloschen, die Patientin lag still, und wie es schien, 
bewußtlos da; ihr bleiches Giesicht war tief in die 
Kissen gesunken. Ich schürte das Kaminfeuer, ordnete 
die Kissen wieder und trat darauf ans Fenster.
Der Regen schlug heftig an die Scheiben, und 
der Wind bließ stürmisch.
, Hier liegt Eine, die bald über den Kampf mit
 den irdischen Dingen hinaus sein wird, dachte ich.

, Wo wird dieser Geist, der sich jetzt vorbereitet, die
 körperliche Hülle zu verlassen, hingelsen, wenn er endlich 
frei ist? 
Ich überdachte das große Geheimnis, es fiel
 mir Helene Burns ein, und ich erinnerte mich ihrer 
letzten Worte und ihres Glaubens. Im Geiste horchte 
ich auf die Laute ihrer unvergeßlichen süßen Stimme, 
stellte mir ihr blasses und vergeistigtes Aussehen, ihr

abgefallenes Gosicht und ihren erhabenen Blick vor, 
als sie auf ihrem Sterbebette ruhig dalag und mir 
ihr Verlangen zuflüsterte, in den Schoß des göttlichen
 Vaters aufgenommen zu werden. Aus diesen Erinnerungen wurde ich durch die leise gesprochenen
 Worte: , Wer ist da? geweckt.
Ich wußte, daß Mistreß Reed seit mehreren 
Tagen nicht gesprochen hatte. Kam sie wieder zu 
sich? Ich ging zu ihr hin.
, Ich bin es, Tante Reed.

, Wer – ich? war die Antwort. , Wer bist du
?
Mit einem halb überraschten, halb beunruhigten 
Blick auf mich fügte sie, noch immer verwirrt, hinzu:
, Du bist mir gänzlich fremd -- wo ist Bessie?

, Sie ist im Parkhäuschen, Tante.

, Tante! wiederholte sie. ,Wer nennt mich
Tante? Du bist keine von den Gibsons, und doch 
kenne ich dich -- dies Gesicht, die Augen und die
 Stirn sind mir so bekannt, du gleichst -- ja du gleichst 
Johanna Eyre!
Ich sagte nichts, denn ich fürchtete sie wieder
 aufzuregen, wenn ich mich zu erkennen geben würde.
, Doch ich glaube, fuhr sie fort, ich irre mich, meine Gedanken täuschen mich. Ich wünschte, Johanna Eyre zu sehen, und ich stelle mir eine Aehn
lichskeit vor, wo keine vorhanden ist, überdies muß 
sie sich in acht Jahren sehr verändert haben.
Ich versicherte ihr sanft, daß ich die erwartete 
und erwünschte Johanna Eyre sei, und als ich sah,
 daß ich verstanden werde, und daß sie ihre Gedanken
 gesammelt habe, erinnerte ich sie, daß Bessie mich
 durch ihren Mann von Thornfield habe holen lassen.
, Ich weiß, ich bin sehr krank, sagte sie nacheiner kurzen Pause, ich versuchte vor wenigen Minuten mich umzuwenden, doch bemerke ich, daß ich 
kein Glied bewegen kann. Es ist besser, wenn ich 
mein Gemüth beruhige, ehe ich sterbe; das, woran
 wir in gesunden Tagen wenig denken, wird uns in 
einer solchen Stunde, wie es die gegenwärtige für

mich ist, zu einer großen Last. Ist die Wärterin da
 oder sonst Jemand außer uns?
Ich versicherte ihr, daß wir allein wären.

, Nun, sagte sie, ich habe dir zweimal Unrecht 
gethan, was ich jetzt bereue. Einmal, als ich das
 meinem Manne gegebene Versprechen brach, dich wie 
mein eigenes Kind zu erziehen; das andere Mal --
Sie hielt inne.

, Am Ende ist es vielleicht von keiner großen 
Wichtigkeit, murmelte sie vor sich hin, und wer
 weiß, ob ich nicht wieder gesund werde. Es ist
 schmerzlich, mich so vor ihr zu demüthigen.
Sie versuchste mit Anstrengung sich umzuwenden,
 doch es gelang ihr nicht; ihr Gesicht veränderte den 
Ausdruck, wie unter der Gewalt einer tief gehenden
 inneren Empfindung, -- vielleicht die Ahnung des 
letzten Todeskampfes.
, Nun, es muß überwunden werden. Die Ewig
keit ist vor mir, und es ist besser, ich sage es dir.
 Geh zu meinem Toilettentische, öffne ihn und nimm
 einen Brief heraus, den du dort finden wirst.
Ich gehorchte ihrer Anweisung.
, Lies den Brief, sagte sie.

Sein kurzer Inlsalt war folgender:
, Madame!

Sie werden die Güte haben, mir die Adresse
 meiner Nichte Johanna Eyre zu senden und mir
 mitzutheilen, wie es ihr geht, da es meine Absicht ist, 
bald an sie zu schreiben und sie aufzufordern, zu mirnach Madeira zu kommen. Die Vorsehung ist meinem Bemühen günstig gewesen, so daß ich mir ein gutes
 Auskommen gesichert habe. Da ich unverheiratet undkinderlos bin, so wünsche ich meine Nichte zu adoptiren
 und ihr nach meinem Tode Alles, was ich besitze, zu
 hinterlassen.
Madeira.

Ich bin Ihr ergebenster
John Eyre.

Der Brief war vor drei Jahren geschrieben.

, Warum hörte ich nie hiervon? fragte ich.

, Weil ich einen zu großen Widerwillen gegen 
dich hatte, um nur das Geringste zu thun, dich in Wohlstand zu versetzen. Ich konnte dein Betragen
 gegen mich nicht vergessen, Johanna, ich konnte esnicht vergessen, daß du mir einst erklärtest, du verab
scheust mich am meisten von allen Menschen auf der
 
Welt; daß dich schon der Gedanke an mich krank
 mache, und daß ich dich stets mit Grausamkeit behandelt hätte. Ich konnte meine eigenen Empfindungen 
nicht vergessen, als du dich so gegen mich erhobst und
 das Gift deines Hasses ausschüttetest, ich empfand
 Furcht, als hätte ein Thier, welches ich geschlagen
 oder gestoßen, mich mit menschlicen Augen angeblickt 
und mit menschlicher Stimme verflucht. -- Bringe mir
etwas Wasser! O! beeile dich!
, Liebe Mistreß Reed, sagte ich, als ich ihr den
 geforderten Trank reichte, denken Sie nicht mehr an
 dies Alles, verbannen Sie es aus Ihrem Geiste. Verzeihen Sie mir meine leidenschaftliche Sprache; ich war 
damals ein Kind, und seit jenem Tage sind acht oderneun Jahre vergangen.
Sie beachtete meine Worte nicht, sondern als sie
 getrunken und Athem geschöpft hatte, fuhr sie fort:
, Ich sage dir, ich konnte es nicht vergessen und 
rächte mich, indem ich deinem Oheim: schrieb, ich be
dauere, daß er sich in seiner Hoffnung getäuscht
 habe, aber Johanna Eyre sei zu Lowood am Typhus
fieber gestorben. Nun handle, wie du willst, bringe meine
 Lüge an den Tag, sobald es dir gefällt. Ich glaube, du wurdest zu meiner Qual geboren, noch in meiner letzten
 Stunde werde ich von der Erinnerung an eine That
 gequält, die ich ohne dich nie würde begangen haben.
, Wenn Sie sich nur überreden ließen, nicht mehr
 daran zu denken, Tante, und mich mit freundlichen 
und versöhnlichen Gefühlen zu betrachten --
, Du hast eine sehr böse Gemüthsart, sagte sie,
 die ich bis heute noch nicht begreifen kann. Wie

konntest du neun Jahre lang bei jeder Behandlung
 geduldig und schweigsam sein, und im zehnten in Feuer
 und Wuth ausbrechen? Das kann ich nimmermehr 
begreifen.
, Meine Gemüthsart ist nicht so böse, wie Sie
 denken; ich bin leidenschaftlich, aber nicht rachsüchtig. 
Oft wäre ich als kleines Kind froh gewesen, wenn 
ich Sie hätte lieben dürfen, aber Sie wollten es nicht, und jetzt hege ich das lebhafte Verlangen, mit Ihnen
 versöhnt zu sein. Küssen Sie mich, Tante.
Ich näherte meine Wange ihren Lippen, doch
 sie wollte sie nicht berühren. Sie sagte, es werde ihr 
zu eng, wenn ich mich über ihr Bett lehne, und ver
langte wieder Wasser. Ich hatte sie aufgerichtet und 
mit meinem Arm unterstützt, während sie trank, als
 ich sie wieder in ihre frühere Lage brachte, bedeckte 
ich ihre eiskalte und feuchte Hand mit der meinigen,
 die schwachen Finger zuckten vor meiner Berührung 
zurück, die gläsernen Augen mieden meinen Blick.
, So lieben oder hassen Sie mich, wie Sie wollen, 
sagte ich endlich. , Sie haben meine volle und frei
willige Verzeihung, bitten Sie jetzt Gott um Vergebung, und mögen Sie Frieden finden.
Armes, leidendes Weib! Es war zu spät für sie, 
ihre gewohnte Gesinnung gegen mich zu ändern. Im
 Leben hatte sie mich stets gehaßt -- sie mußte mich 
auch noch im Sterben hassen.
Jetzt trat die Wärterin ein, und Bessie folgte
 ihr. Ich verweilte noch eine halbe Stunde, in der 
Hoffnung, sie werde mir ein Zeichen der Versöhnung 
geben; doch vergebens, sie versank immer mehr in
 Bewußtlosigkeit. Die Besinnung kehrte nicht wieder.
 Um zwölf Uhr in der Nacht starb sie. Ich war
 nicht zugegen, um ihr die Augen zuzudrücken, und 
auch keine ihrer Töchter. Man sagte uns erst am
 nächsten Morgen, daß Alles vorüber sei. Sie war
 jetzt schon angekleidet. Elise und ich gingen, um sienoch einmal zu sehen. Georgine, die in ein lautes
 Weinen ausbrach, sagte, sie habe nicht den Muth

dazu. Da lag Sara Reed's einst so rüstige und be
wegliche Gestalt starr und still ausgestreckt, ihr glä
sernes Auge war mit dem kalten Augenlide bedeckt, 
und ihre Stirn und ihre starken Züge zeigten noch
 den Ausdruck ihrer unerbittlichen Seele. Mit Schmerz
 und düsterem Brüten blickte ich auf die Leiche, sie
 vermochte keine weichen Gefühle in mir zu erwecken, 
nur thränenloses Entsetzen flößte mir der Tod in dieser 
Gestalt ein.
Elise betrachtete ihre Mutter ruhig. Nach einem 
Schweigen von einigen Minuten machte sie die Be
merkung:
, Bei ihrer Constitution hätte sie ein hohes Alter
 erreichen können, ihr Leben wurde durch Sorgen ab-gekürzt.
Einen Augenblick verzog sich krampfhaft Elisens
 Mund, aber es ging vorüber; sie wendete sich um
 und verließ das Zimmer. Ich folgte ihr, und keine
 von uns Leiden hatte eine Thräne vergossen.

Zweiundzwanzigstes Capitel.
Herr Rochester hatte mir nur auf eine Woche
 Urlaub gegeben; es verging jedoch ein Monat, ehe 
ich Gateshead verließ. Ich hatte gleich nach dem
 Teichenbegängnis abreisen wollen, aber Georgine bat
 mich dazubleiben, bis sie nach London gehen könne,
 wohin sie jetzt von ihrem Oheim, dem Herrn Gibson, 
eingeladen wurde, der nach Gateshead gekommen 
war, um das Begräbnis seiner Schwester zu beauf
sichtigen und die Familienangelegenheiten zu ordnen.
 Georgine sagte, sie fürchte sich, mit Elise allein zu
bleiben, denn von ihr könne sie weder Mitgefühl bei
 ihrer Niedergeschlagenheit, noch Hilfe bei ihren Reise
vorbereitungen erwarten. So gab ich denn ihren 
Klagen Gehör und that mein Möglichstes, indem ich 
für sie nähte und ihre Kleider einpackte, während sie 
müßig ging.

Endlich reiste sie ab; aber jetzt bat mich Elise,
 noch eine Woche dazubleiben. Ihre Pläne nähmen 
alle ihre Zeit und Aufmerksamkeit in Anspruch, sagte 
sie. Sie war ebenfalls im Begriff, Gateshead zu ver
lassen, obwohl sie ihr Reiseziel geheim hielt, und brachte 
den Tag bei verschlossener Thür in ihrem Zimmer
 zu, wo sie Schränke ausleerte, Koffer füllte und Pa
piere verbrannte. Mir fiel die Aufgabe zu, nach dem
 Hause zu sehen, Besuche zu empfangen und Condo
lenzbriefe zu beantworten.
Eines Morgens erklärte sie mir, daß sie jetzt frei sei.

, Ich bin Ihnen für Ihre schätzbaren Dienste
 und Ihr verständiges Benehmen verbunden, fügte 
sie hinzu. , Es ist ein großer Unterschied, ob man
 mit einer solchen Person, wie Sie, oder mit Geor
ginen lebt. Morgen reise ich nach dem Festland ab.
 Ich werde meinen Aufenthalt in einem religiösen 
Hause in der Nähe von Lille nehmen, Sie würden es 
ein Nonnenkloster nennen; dort werde ich mich eine
 Zeitlang mit dem Studium der römisch-katholischen
 Dogmen beschäftigen; wenn ich finde, wie ich fast vermuthe, daß dieser Glaube am besten geeignet ist, Alles 
mit strenger Regelmäßigkeit und in geordneter Reihenfolge zu thun, so werde ich die Lehrsätze Roms annehmen und wahrscheinlich Nonne werden.
Ich zeigte kein Erstaunen über diesen Entschluß
und versuchte auch nicht, Elise davon abzubringen.
, Der Beruf wird auf ein Haar für dich passen, 
dachte ich, und kann dir sehr wohlthätig sein!
Als wir Abschied von einander nahmen, sagte sie:
, Leben Sie wohl, Cousine Johanna Eyre! ich
 wünsche, daß es Ihnen wohlgehen möge, Sie sind 
nicht ohne Verstand.
, Auch Ihnen fehlt es nicht daran, Cousine
 Elise, entgegnete ich, aber ich vermuthe, daß Sie 
über's Jahr in einem französischen Kloster lebendig
 begraben sein werden. Indessen geht mich das nichts 
an, und wenn Ihnen ein solches Leben zusagt, so ist 
es umso besser für Sie.

, Sie haben Recht, sage sie, und mit diesen
 Worten ging Jede ihren besonderen Weg. Da ich 
nicht Gelegenheit haben werde auf sie und ihre Schwe
ster zurückzukommen, so mög hier gleich gesagt sein,
 daß Georgine eine sogenannt gute Partie machte und 
einen reichen, aber abgelebten Weltmann heiratete. 
Elise nahm wirklich den Schleier und ist gegenwärtig
 Superiorin des Klosters, wo sie ihr Noviziat zubrachte,
 und dem sie ihr Vermögen vermachte.
Meine Rückreise nach Thornfield verlief überaus 
langweilig. Am ersten Tage mußte ich fünfzig Meilen
 zurücklegen, eine Nacht im Gasthofe zubringen, und
 den anderen Tag wieder fünfzig Meilen machen. 
Während der ersten zwölf Stunden dachte ich an
 Mistreß Reed in ihren letzten Augenblicken, ich sah ihr 
entstelltes und entfärbtes Gesicht und hörte ihre seltsam
 veränderte Stimme. Ich vergegenwärtigte mir das 
Leichenbegängnis, den Sarg, den Leichenwagen, den 
schwarzen Zug von Pächtern und Dienern, die ge
ringe Anzahl der Verwandten, das offene Gewölbe, 
die stille Kirche und die feierliche Grabrede. Dann
 dachte ich an Elise und Georgine, ich sah die eine
 als Königin des Ballsaales, die andere als die Bewohnerin einer Klosterzelle, und erwog die Gegen
sätze, die sich in den Persönlichkeiten und Charakteren
 der beiden Schwestern ausprägten. Die Anukunft in
 der großen Stadt M. am Abend verscheuchte diese
 Gedanken; die Nacht gab ihnen eine ganz andere 
Richtung, ich legte mich zu Bette und vertauschte die 
Erinnerung mit der Erwartung.
Ich war
 auf dem Rückwege nach Thornfield, aber wie lange 
 konnte ich dort bleiben? Nicht lange, davon hielt ich mich überzeugt. 
 mir geschrieben, daß die Gesellschsaft das Herrenhaus 

verlassen habe,
 Herr Rochester nach London gegangen sei und erst in

 
vierzehn Tagen zurückerwartet werde.
Mistreß Fairfax vermuthete, er wolle in London Vor
bereitungen zu seiner Hochzeit treffen, da er davon 
gesprochen, einen neuen Wagen zu kaufen. Der Gedanke, daß er Miß Ingram heiraten wolle, scheine 
ihr noch immer seltsam; aber nach dem, was man 
allgemein behaupte und was sie selber gesehen, könne
 sie nicht länger zweifeln, daß das Ereignis bald statt
finden werde.


, Man müßte sehr ungläubig sein, wenn man
 daran zweifeln wollte, sagte ich mir selbst.
Die nächste Frage war, wohin ich mich wenden
 solle, wenn ich meinen jetzigen Wirkungskreis verließ. 
Es träumte mir die ganze Nacht von Miß Ingram; 
in einem lebhaften Morgentraum sah ich, wie sie die
 Thore von Thornfield vor mir verschloß und mir
 einen anderen Weg andeutete. Herr Rochester stand mit übereinandergeschlagenen Armen da und sah uns
 Beide, wie es schien, mit sarkastischem Lächeln an.
Ich hatte Mistreß Fairfax nicht genau den Tag
 meiner Rückkehr angegeben, denn ich wünschste nicht, 
daß in Millcote ein Wagen auf mich warten solle, sondern beabsichtigte, den Weg zu Fuß zurückzulegen.
 Nachdem ich meinen Koffer dem Hausknecht in Georg's Inn anvertraut, schlug ich den bekannten Weg nach
 Thornfield ein, der größtentheils durch Felder führte.
Es war kein glänzender Juniabend, obgleich milde und still; längs des ganzen Weges war man
 mit dem Heu, beschäftigt, und der Himmel, obgleich 
durcaus nicht wolkenlos, verhieß für die nächste Zeit
 gutes Wetter. Es schien, als sei ein Feuer angezündet 
hinter einem Schirm von marmorirten Dunstwolken, 
und als ob durch die Oeffnungen eine goldene Röthe 
blinke. Je näher ich Thornfield kam, desto mehr nahm
 ein Gefühl der Freude in mir zu, so daß ich endlich 
still stand, um mich zu fragen, was diese Freude be
deute, und um mich zu erinnern, daß ich ja nicht in
 mein Heim, nicht an einen dauernden Aufenthaltsort 
zurückkehrte, wo zärtliche Freunde meine Ankunft erwarteten.
, Mistreß Fairfax wird dir beim Willkommen gewiß ruhig entgegenlächeln, sagte ich, und die kleine Adele wird in die Hände klatschen und dir entgegenspringen; aber du weißt sehr wohl, daß du an einen 
Anderen denkst, als an diese beiden -- und dieser An
dere denkt nicht an dich --
Doch was ist so halsstarrig wie die Jugend?
 Was so blind wie die Uerfahrenheit? Mir war es
 schon Vergnügen genug, das Vorrecht zu haben, Herrn 
Rochester wiedersehen zu dürfen, mochte ich ihm nun 
willkommen sein oder nicht.
, Eile! eile! verweile bei ihm, so lange du kannst, 
rief es in mir, in wenigen Wochen wirst du auf
 immer von ihm: getrennt sein!
Und dann erstickte ich eine neuentstehende Seelenqual und eilte weiter.
Auf den Wiesen von Thornfield stellten die Mäher
 eben ihre Arbeit ein und kehrten, ihre Rechen und
 Sensen auf den Schultern, nach Hause zurück. Ich 
habe nur noch ein oder zwei Felder zu überschreiten, 
und dann werde ich über den Weg gehen und die
 Thore erreicen. Wie voll von Rosen die Hecken sind!
 Ich gehe an einem hohen Dornstrauche vorüber, der 
seine belaubten und blühenden Zweige über den Weg 
ausbreitet; ich sehe die schmale Stiege mit den steinernen Stufen, und ich sehe Herrn Rochester, ein Buch 
und einen Bleistift in der Hand, dasitzen und schreiben.
Nein, es ist nicht sein Geist; und doch bebt jeder
 meiner Nerven. Was soll dies bedeuten? Ich dachte 
nicht, daß ich bei seinem Anblick so zittern, und die 
Macht über meine Glieder verlieren könnte. Ich will
 umkehren, sobald ich mich wieder regen kann; ich will 
nicht völlig zur Närrin werden. Ich weiß noch einen
 anderen Weg zum Hause. Es würde aber nichts
 nützen, wenn ich auch zwanzig Wege wüßte, denn er
 hat mich gesehen.

, Heda! ruft er und steckt Buch utd Bleistift
 ein. , Da sind Sie ja! Kommen Sie näher, wenn's
 gefällig ist.
Ich glaube mich ihm zu nähern, doch weiß ich 
nicht, auf welche Weise es geschieht, da ich mir kaum
 meiner Bewegungen bewußt bin und nur den Wusch

hege, ruhig zu erscheinen und vor allen Dingen die
 arbeitenden Muskel meines Gesichts zu beherrschen,
 die das auszudrücken streben, was ich zu verbergen 
trachte. Aber ich habe ja einen Schleier -- so, -
- jetzt bedeckt er mein Gesicht. Vielleicht gelingt es 
mir doch noch, mit anständiger Fassung zu erscheinen.
, Und dies ist Johanna Eyre? Kommen Sie von Millcote, und zwar zu Fuß? Ja -- das ist einer von 
Ihren Streichen! Keinen Wagen zu bestellen, sondern
 wie ein gewöhnlicher Sterblicher über Straßen und
 Wege dahinzumarschiren. Sich in der Dämmerstunde 
in der Nähe Ihres Hauses zu schleichen, als wären
 Sie ein Traumgebilde oder ein Schatten. Was zum
 Henker, haben Sie diesen letzten Monat getrieben?
, Ich bin bei meiner Tante gewesen, welche ge
storben ist, mein Herr.
, Eine Antwort, wie sie sich von Ihnen erwarten
 ließ! Alle guten Engel mögen mich schützen! Sie
 kommt aus der anderen Welt -- von dem Aufenthalts
orte der Todten. Wenn ich es wagte, würde ich Sie
 berühren, um zu sehen, ob Sie von festem Stoffe
 sind oder ein Schatten, Sie Elfe! -- Aber ebenso gut 
könnte ich ein Irrlicht auf der sumpfigen Wiese erhaschen 
wollen. Einen ganzen Monat von mir entfernt zu 
bleiben! Und ich wette, Sie haben mich gänzlich vergessen!
Ich hatte gewußt, daß es eine Freude sein werde,
 meinen Herrn wiederzusehen, auch wenn sie durch die
Voraussicht der bevorstehenden Trennung getrübt
 wurde, und durch das Bewußtsein, daß ich ihm nichts 
gelte. Doch lag immer in Herrn Rochester -- wenigstens war es mir so -- eine so reiche Macht, Glütck
 mitzutheilen, daß es schon ein köstliches Mahl war,
 von den Brosamen zu kosten, die er einem armen 
fremden Vögelein hinwarf, wie ich eines war. Seine 
letzten Worte waren Balsam für mich, denn sie schienen
 anzudeuten, daß es ihm nicht gleichgültig sei, ob ich ihn vergessen habe oder nicht. Und er hatte von Thornfield wie von meiner Heimat gesprochen - ach! wenn 
es nur meine Heimat wäre!


Er wich nicht von der Stiege, und ich wollte 
ihn nicht bitten, mich durchzulassen. Um die Pause
 auszufüllen, fragte ich ihn, ob er nicht in London gewesen sei.
, Ja, vermuthlich haben Sie das durch Ihr
 zweites Gesicht herausgebracht.
, Mistreß Fairfax schrieb es mir in einem Briefe.

, Sagte sie Ihnen auch, was ich dort gewollt?

, Ei ja, Herr! Jedermann weiß um Ihr Geschäft.

, Sie müssen den Wagen sehen, Johanna, und
 mir sagen, ob Sie nicht glauben, daß er vollkommen 
für Mistreß Rochester passen werde, und ob sie nicht
 wie eine Königin aussehen wird, wenn sie sich in diese
 purpurnen Kissen zurücklehnt. Ich wollte, Johanna,
 daß ich äußerlich ein wenig passender für Mistreß
 Rochester wäre. Sagen Sie mir, kleine Fee, können
 Sie mir nicht ein Zaubermittel, einen Trank oder dergleichen geben, um einen schönen Mann aus mir zu
machent?
, Das geht über die Macht der Zauberei, mein 
Herr, sagte ich und fügte dann bei mir selber hinzu:
 Für ein liebendes Auge sind Sie schön genug, für
 ein solches hat sogar schon Ihr strenger Blick eine 
Macht, die über die Schönheit hinausgeht.
Herr Rocester hatte zuweilen meine unausgespro
chenen Gedanken mit einer unbegreiflichen Schärfe er
rathen, im gegenwärtigen Falle achtete er indessen nicht 
auf meine schnell hingeworfene Entgegnung, sah mich 
aber mit einem gewissen eigenthümlichen Lächeln an,
 welches er nur selten zeigte. Es war ein aus dem Herzen kommender Sonnenblick; jetzt ließ er ihn über
 mich ausstrahlen.
, Gehen Sie nun, Johanna, sagte er, indem er
 mir Platz machte, gehen Sie nach Hause und ruhen
 Sie Ihre müden, kieinen Füße unter dem Dache eines
 Freundes aus.
Alles, was ich jetzt zu thun hatte, war, ihm
 schweigend zu gehorchen. Ich überschritt den Steg,
 ohne ein Wort zu sagen. Ein Impuls hielt mich

jedochs zurück, -- unwillkürlich, wie von einer inneren
 Macht getrieben, mußte ich mich nach ihm umwenden,
 und fast gegen meinen Willen kam es über meine
Lippen:
, Ich danke Ihnen für Ihre große Güte, Herr 
Rochester. Ich bin äußerst froh, zu Ihnen zurück
zukehren, und wo Sie sind, da ist meine Heimat --
meine einzige Heimat.
Ich ging so rasch weiter, daß er mich kaum hätte 
einholen können, wenn er es auch versucht haben
 würde. Die kleine Adele war fast wild vor Ent
zücken, als sie mich sah. Mistreß Fairfax empfing mich 
mit ihrer gewohnten einfachen Freundlichkeit. Lea
 lächelte, und selbst Sophie wünschte mir freudig guten 
Abend. Dies war sehr angenehmn; kein Glück gleicht 
dem, von seinen Mitmenschen geliebt zu werden und zu 
fühlen, daß unsere Gegenwart ihr Wohlbefinden erhöht.
An diesem Abend schloß ich meine Auugen absichtlich vor der Zukunft. Als nach eingenommenem
 Thsee Mistreß Fairfax ihr Strickzeug ergriffen, ichmich auf einen niedrigen Stuhl an ihrer Seite gesetzt 
hatte und Adele dicht neben mir auf dem Teppich 
kniete, schien uns ein Gefühl der gegenseitigen Zu
neigung wie mit einem goldenen Friedensringe zu 
umfassen, und ich betete stumm, daß wir nicht zu 
bald oder zu weit von einander getrennt werden 
möchten. Während wir so dasaßen, trat Herr Rochester 
unangemeldet ein, sah uns an und schien Vergnügen 
an dem Anblick einer so traulichen Gruppe zu finden.
 Als er sagte, jetzt werde die alte Dame froh sein,
 daß sie ihre Adoptivtochter wieder habe, und hinzufügte, er sehe, Adele sei im Begriff, ihre kleine
 englische Mama vor Liebe zu erdrücken, da wagte 
ich fast zu hoffen, er werde uns auch nach seiner
 Verheiratung irgendwo unter seinem Schutze zu
sammenlassen und uns nicht ganz von dem Sonnenschein seiner Gegenwart ausschließen.

Vierzehn Tage waren bereits seit meiner Rück
kehr nach Thsornfield Hall verflossen, ohne daß von

der Heirat des Herrn gesprochen oder Vorbereitungen
 dazu getroffen worden wären. Fast jeden Tag fragte
 ich Mistreß Fairfax, ob sie schon etwas Bestimmtes
 gehört habe, doch ihre Antwort war immer verneinend. Einmal habe sie Herrn Rochester geradezu 
gefragt, wann er seine Braut heimführen werde, 
aber er habe ihr nur mit einem Scherze und einem
 seiner seltsamen Blicke geantwortet, so daß sie nicht 
wisse, was sie daraus machen solle.
Eins befremdete mich besonders, und zwar, daß 
zwischen Ingram Park und Thornfield Hall keine
 Besuche ausgetauscht wurden; freilich war der Ort
 zwanzig Meilen entfernt, aber was war diese Ent
fernung für einen glühenden Liebhaber? Ein geübter
 Reiter, wie Herr Rochester, hätte die Strecke in einem
 Vormittag zurücklegen können. Obwohl durch nichts
 dazu berechtigt, begann ich Hoffnuungen zu nähren,
 daß einer oder beide Theile anderen Sinnes geworden
 seien. Ich suchte in Herrn Rochester's Gesicht zu lesen,
 ob ihn ein geheimer Kummer drücke, aber ich wußte
 die Zeit nicht, wo ich es so gleichmäßig frei von
 Wolken oder unmuthigen Gefühlen gesehen hätte. 
Wenn ich in den Augenblicken, die ich mit meiner
 Schülerin bei ihm zubrachte, niedergeschlagen und
 muthlos war, wurde er sogar heiter. Noch nie hatte 
er mich häufiger zu sich gerufen; noch nie war er
 dann freundlicher gegen mich gewesen -- und ach!
 nie hatte ich ihn so zärtlich geliebt.

Dreiundzwanzigstes Capitel.

Ein herrlicher Sommer war über England gekommen; ein so reiner Himmel und eine so strahlende
 Sonne begünstigte selten in so ununterbrochener Dauer 
unser wogenumgürtetes Land. Es war als hätte sich 
eine Reihe italienischer Tage auf den Klippen Albions 
niedergelassen. Das Heu war hereingebracht, die 
Wiesen um Thornfield kurz abgemäht, die Wege

weiß und staubig, die Bäume in ihrer dunklen 
Blätterpracht bildeten einen schönen Gegensatz zu der sonnigen Farbe der Wiesen.
An einem Sommerabend war Adele mit der 
Sonne schlafen gegangen, denn sie hatte den halben 
Tag in Hay Lane wilde Erdbeeren gesucht und war
 von der Anstrengung ermüdet. Ich blieb bei ihr, bis
 sie eingeschlafen war, und ging dann ins Freie.
Es war jetzt die lieblichste von allen vierund
zwanzig Stunden: das glühende Feuer des Tages
 war erloschen und der kühle Thau fiel auf die 
dürstende Ebene und den ausgedörrten Hügel. Wo
 die Sonne in einfacher Pracht untergegangen war,
 zog sich ein weiter rother Streifen hin, in dem es
 hier und da funkelte, wie das Blitzen eines köstlichen
 Edelsteins. Im tiefblauen Osten stieg ein einziger
 Stern empor; bald sollte ihm der Mond folgen, aber
 noch war dieser unter dem Horizont.
Ich ging eine Weile auf dem gepflasterten Wege
 auf und ab. Ein feiner, mir wohlbekannter Geruch 
-- der einer Cigarre -- kam aus einem Fenster. Ich
 sah das Fenster des Bibliothekzimmers ein wenig 
offen und da ich wußte, daß ich von dort beobachtet 
werden könne, so ging ich in den Garten. Eine sehr 
hohe Mauer trennte ihn auf der einen Seite von
 dem Hofraume, eine Hagebuchenhecke auf der anderen 
von dem Rasenplatze. Im Hintergrunde grenzte ihn ein verfallener Zaun von den einsamen Feldern ab. Ein 
gewundener Weg, an welchem sich Lorbeerbäume hinzogen und der vor einem riesenhaften wilden Kastanien
baum endigte, an dessen Fuß ein Sitz angebracht war,
 führte zu dem Zaune hinunter. Hier konnte man
 ungesehen wandeln. Während Stille herrschte und die
 Dämmerung zunahm, war es mir, als könnte ich
 ewig in solchem Schatten verweilen, aber als ich 
durch die Blumenbeete am oberen Ende der Ein
zäunung ging, hielt mein Schritt an, bezaubert von
 dem Lichte, das der jetzt aufgehende Mond auf diese 
freie Stelle warf. -- Was ist das für ein Duft, der

mir plötzlich auffällt? Er rührt weder von einem 
Strauch, noch von einer Blume her; ich weiß eswohl -- es ist abermals Herrn Rochester's Cigarre.
 Ich sehe mich um und horche. Keine Gestalt ist sicht
bar, kein nahender Schritt hörbar; aber jener Duft
 nimmt zu. Ich muß fliehen. Ich eile zu dem 
Pförtchen, welches zu dem Gewächshause führt, und
 sehe Herrn Rochester eintreten. Ich trete unter den
 Bogen, den der Epheu bildet; er wird nicht lange bleiben,
 sondern zurückkehren, woher er gekommen, und wenn
 ich mich nicht bewege, wird er mich gewiß nicht sehen.
Aber nein -- der Abend ist ihm ebenso an
genehm, wie mir. Er schlendert umher, hebt bald die
 Aeste der Stachelbeerstaude auf, um die Früchte, so
 groß wie Pflaumen, anzusehen; bald pflückt er eine 
reife Kirsche von der Mauer; bald neigt er sich zu 
einer Gruppe von Blumen, um ihren Duft einzu
athmen oder die Thautropfen auf ihren Blättern zu 
bewundern. Ein großer Nachtfalter summt an mirvorüber und läßt sich auf eine Pflanze zu Herrn 
Rochester's Füßen nieder; er beugt sich herab, um 
ihn zu beobachten.
, Jetzt hat er mir den Rücken zugewendet, 
dachte ich, wenn ich leise gehe, kann ich ihm 
vielleicht unbemerkt entschlüpfen.
Ich betrat den Rasen, damit mich das Knirschen
 der Kieselsteine nicht verrathen möchte, Herr Rochester
 stand zwischen den Beeten, nur einen oder zwei 
Schritte von der Stelle, wo ich vorüber mußte. Er
 schien sich mit dem Nachtfalter zu beschäftigen.
, Ich werde gewiß unbemerkt vorüberkommen, 
dachte ich. Jetzt schritt ich über seinen Schatten hinweg, der sich im Lichte des aufgegangenen Mondes 
weit über den Garten streckte. Da sagte er ruhig und
 ohne sich umzuwenden :
, Johanna, kommen Sie und sehen Sie sich 
diesen Burschen an.
Ich hatte kein Geräusch gemacht, er hatte doch 
auf dem Rücken keine Augen! -- Konnte denn sein

Schatten fühlen? Ich stutzte anfangs und näherte
 mich ihm dann.
, Sehen Sie nur seine Flügel, sagte Herr
 Rochester, er erinnert mich an ein westindisches
 Insect; man sieht nicht oft einen so großen und
 bunten Nachtfalter in Egland. Da fliegt er hin!
Der Nachstfalter summte weiter, und auch ich
 wollte mich zurückziehen, aber Herr Rochester folgte 
mir und sagte, als wir das Pförtchen erreichten:
, Kehren Sie um; wer wird an einem so lieblichen Abend im Zimmer sitzen oder wohl gar zu 
Bette gehen, wenn der Untergang der Sonne und der
 Aufgang des Mondes so wunderbar zusammentreffen.
Ich wollte zu dieser Stunde nicht gern mit
 Herrn Rochester in dem schattigen Garten allein
 sein, aber ich konnte keinen Grund dafür finden, ihn 
zu verlassen. So folgte ich ihm mit zögerndem
 Schritte, lebhaft bemüht, ein Mittel auszudenken, mich 
von ihm loszumachen; doch er selber sah so gefaßt 
und ernst aus, daß ich mich meiner Verlegenheit
 schämte.
, Johanna, begann er wieder, als wir in den Lorbeergang traten und langsam auf den eingesunkenen
 Zaun und denn Kastanienbaum zugingen, Thornfield 
ist ein angenehmer Aufenthalt im Sommer, nicht
wahr?
, Ja, mein Herr.
, Sie müssen einigermaßen anhänglich an den 
Ort sein, da Sie ein Auge für Naturschönheiten und 
viel Sinn für Seßhaftigkeit besitzen.
, Allerdings hege ich eine Vorliebe für Thornfield.
, Und obgleich ich nicht begreife, wie es zugeht,
 so scheinen Sie auch eine gewisse Zuneigung zu dem 
närrischen Kinde, der kleinen Adele, gefaßt zu haben, 
und sogar zu der simplen Frau Fairfax?

, Ja, mein Herr, auf verschiedene Weise bin ich 
Beiden zugethan.
, Und es wird Ihnen leid thun, sich von ihnen
 zu trennen?

, Wie schade! sagte er und seufzte. , Dies ist
 immer der Gang der Ereignisse im Leben, sobald
 man sich an einem angenehmen Orte niedergelassen 
hat, ruft einem auch schon eine Stimme zu, aufzustehen und weiterzugehen, denn die Stunde der
 Rast ist vorüber.
, Muß ich denn weitergehen, Herr? fragte ich.
 , Muß ich Tlhornfield verlassen?
, Ich glaube, Sie müssen es, Johanna. Es thutmir leid, aber ich glaube in der That, daß Sie es
 müssen.
Das war ein schwerer Schlag, doch ließ ich michnicht von ihm zu Boden schmettern.
, Nun, Herr, ich werde bereit sein, wenn der Befehl zum Aufbruch gegeben wird.
, Jetzt schon ist die Zeit da -- ich muß ihn diesen
 Abend noch geben.
, So verheiraten Sie sich also, mein Herr?

, Ganz richtig. Mit Ihrer gewöhnlichen Scharf
sicht haben Sie den Nagel auf den Kopf getroffen.
, Bald, Herr?

, Sehr bald, meine -- wollte sagen Miß Eyre;
 und Sie werden sich erinnern, Johanna, als ich 
Ihnen zum ersten Male deutlich zu verstehen gab, daßes meine Absicht sei, meinen alten Junggesellennacken 
unter das geheiligte Joch der Ehe zu beugen, Miß
 Ingram an mein Herz zu drücken -- sie ist ein 
tüchtiger Armvoll, doch von einem so vortrefflichen
 Dinge, wie die schöne Blanca ist, kann man nie zu
viel haben -- nun, was ich sagen wollte -- Sie
 drehen sich um, als wollten Sie noch mehr Nachtfalter suchen. Hören Sie mich an. Sie waren es,
 Johanna, welche mit jener Besonnenheit, die ich an 
Ihnen achte, mit jener Vorsicht und Demuth, die 
Ihrer verantwortlichen und abhängigen Stellung zukommt, es zuerst aussprach, daß, wenn ich Miß 
Ingram heiratete, es besser wäre, wenn Sie und die
 kleine Adele sogleich das Feld räumten. Ich übersehe

die Beleidigung, die dadurch der Angebeteten meines 
Herzens zugefügt wird, der Rathschlag selbst aber ist
 so weise, daß ich ihn befolgen werde. Adele muß in 
die Schule, und Sie, Miß Eyre müssen eine neue 
Stelle haben.
, Ja, Herr, ich will sogleich eine Ankündigung 
für die Zeitung aufsetzen und inzwischen vermuthe 
ich --. Ich hielt inne, weil ich fühlte, daß ich den 
Satz nicht werde beenden können, da ich meine
 Stimme nicht ganz in meiner Gewalt hatte; ich wollte
 sagen, ich werde wohl dableiben können, bis sich ein
anderes Obdach für mich gefunden.
, Etwa in einem Monat hoffe ich Bräutigam zu 
sein, fuhr Herr Rochester fort, und inzwischen werde 
ich mich um eine Stelle für Sie bemühen.
, Ich danke Ihnen, mein Herr; es thut mirleid, Ihnen so viel --
, O! es ist unnöthig, sich zu entschuldigen! Wenn
 eine Untergebene ihre Pflicht so gut erfüllt hat, wie
 Sie, so besitzt sie, meines Erachtens, einen gewissen
 Anspruch, daß man ihr jeden kleinen Beistand leiste,
 den man vermag. Ich habe in der That bereits
 durch meine künftige Schwiegermutter von einer Stelle 
gehört, die ich für passend halte. Es handelt sichs darum, die Erziehung der fünf Töchter der Mistreß
 Dionysius O’Gall von Bitternutt Lodge bei Connaught 
in Irland zu übernehmen. Ohne Zweifel würden Sie
 gern nach Irland gehen, es sind so warmherzige 
Leute dort, sagt man.
, Die Entfernung ist sehr groß, mein Herr.

, Thut nichts -- ein Mädchen von Ihrem Ver
stande wird nichts gegen die Reise oder die Entfernung
 einwenden --
, Nichts gegen die Reise, aber gegen die Ent
fernung --, und dann trennt mich die See --
, Wovon, Johanna
?
, Von Egland, von Thornfield und --

, Nun?

, Von Ihnen, Herr.

Ich sagte dies fast unwillkürlich, und ebenso
 unfreiwillig stürzten meine Thränen hervor. Ich 
weinte indessen nicht so laut, daß es zu hören war,
 und vermied das Schluchzen. Die Namnen O’Gall 
und Bitternutt Lodge fielen mir kalt auf's Herz und 
noch kälter der Gedanke an all' die Wogen und den
 Wellenschaum, der künftig zwischen mir und dem
 Manne, an dessen Seite ich jetzt ging, hinrauschen
 sollte, und am erschütterndsten war für mich der 
Gedanke, daß Reichthum, Rang und Geburt als ein 
noch größerer Ocean zwischen mir und dem standen,
 den ich so natürlich und unvermeidlich lieben mußte.
, Es ist ein weiter Weg, sagte ich wieder.

, Freilich, entgegnete er, und wenn Sie nach
 Bitternutt Todge bei Connaught in Irland kommen, 
werde ich Sie nie wiedersehen, Johanna, das ist so gut
 wie gewiß. Ich werde nie nach Irland hinübergehen,
 da ich das Land nicht liebe. Wir sind gute Freunde
 gewesen, nicht wahr?
, Ja, mein Herr.

, Und wenn Freunde im Begriff sind, sich zu
 trennen, so benützen sie die kurze, noch übrige Zeit,
 sich gegenseitig auszusprechen. Kommen Sie, wirwollen von der Reise und dem Abschied reden, 
während die Sterne dort am Himmel in ihrem 
Glanze strahlen. Hier ist der Kastanienbaum, und 
hier die Bank, die er überschattet. Hier wollen wir
 uns friedlich niederlassen, und sollte es uns auch bestimmnt sein, nie wieder so bei einander zu sitzen.
Er drückte mich auf die Bank nieder und nahm 
neben mir Platz.
, Es ist ein weiter Weg nach Irland, Hannchen, 
und es thut mir leid, meine kleine Freundin auf eine 
so weite Reise senden zu müssen; aber da es sich 
nicht besser thun läßt, wie kann man da abhelfen? 
Meinen Sie nicht, Johanna, daß Sie mir auf irgendeine Weise ähnlich sind?
Ich konnte jetzt keine Antwort wagen, denn mein
 Herz war zu voll.

, Zuweilen habe ich eine seltsame Empfindung
 Ihnen gegenüber, sagte er, besonders wenn Sie mir
 nahe sind, wie jetzt, und zwar ist mir's dann, als 
hätte ich unter meinen linken Rippen eine Seite, die 
fest und unauflöslich mit einer ähnlichen Seite an
 einer entsprechenden Stelle Ihrer kleinen Gestalt ver
bunden ist. Und wenn jener stürmische Canal und 
zwei hundert Meilen Land zwischen uns liegen, so 
fürchte ich, daß dies Verbindungsband zerreißen werde,
 und ich habe eine nervöse Angst, daß ich dann an 
innerer Verblutung sterben müßte. Sie würden mich 
freilich bald vergessen.
, Das würde ich nimmer, mein Herr; Sie wissen
 wohl --
Es war mir unmöglich fortzufahren.

, Johanna, hören Sie die Nachtigall im Walde 
singen? -- Horchen Sie! 
Indem ich horchte, schluchzte ich krampfhaft, denn 
ich konnte meine Empfindungen nicht mehr unter
drücken, ich mußte ihnen nachgeben und wurde vom
 Kopf bis zu den Füßen von tiefem Schmerz geschüttelt.
 Als ich wieder zu sprecen vermochte, wußte ich nichts
 zu sagen, als daß ich wünschte, ich wäre nie geboren 
oder nie nach Thsornfield gekommen.
, Weil es Ihnen so leid ist, es verlassen zu
 müssen?
Die Gewalt der durch Kummer und Liebe in
 mir hervorgerufenen Empfindungen rang nach der 
Oberherrschaft.
, Es thut mir leid, Thornfield zu verlassen, ich 
liebe Thornfield, ich liebe es, weil ich hier ein ganzes,
volles und wonniges Leben gelebt habe. Man hat
 mich nicht mit Füßen getreten, man hat mich nicht
 mit niedrigdenkenden Menschen zusammenleben lassen.
 Ich durfte von Angesicht zu Angesicht mit einem ori
ginellen, kräftigen und umfassenden Geiste verkehren.
 Ich habe Sie kennen gelernt, Herr Rochester, und es
 verursact mir der Gedanke Schrecken und Qual, daß
 ich auf imnmer von Ihnen gerissen werden soll. Ich

sehe die Nothwendigkeit der Abreise ein, doch sie
 starrt mich gespenstisch an, wie die Nothwendigkeit
 des Todes.
, Wo sehen Sie die Nothwendigkeit? fragte er
 plötzlich.
, Wo? Sie haben mir diese ja selbst vor Augen
 geführt, mein Herr.
, In welcher Gestalt?

, In der Gestalt der Miß Ingram -- einer edlen 
und schönen Dame -- Ihrer Braut.
, Meiner Braut! Welcher Braut? Ich habe keine
 Braut!
, Aber Sie werden eine haben.

, Ja -- ich werde -- ich werde!

Fest entschlossen biß er seine Zälhne zusammen.

, Dann muß ich also gehen. -- Sie haben es ja
 selbst gesagt.
, Nein, Sie müssen bleiben! Ich schwöre es -
- und der Eid soll gehalten werden.
, Ich sage Ihnen, ich muß gehen! Entgegnete 
ich, fast bis zur Leidenschaft aufgeregt. Denken Sie,
 ich könne dableiben, um nichts für Sie zu sein? Glauben
 Sie, ich sei ein Automat, eine Maschine ohne Gefühl,
 und ich könne es ertragen, wenn mir mein Stück Brot 
von den Lippen gerissen und der Kelch mit dem Labe
trunk meiner Seele aus den Händen gewunden wird? 
Glauben Sie, weil ich arm, ohne Verbindungen, einfach und unansehnlich bin, daß ich darum weder Seele
 noch Herz habe? Sie denken zu gering von mir! 
Ich habe so viel Seele, wie Sie, und eben so viel
 Herz! Und wenn Gott mich mit Schönheit und Reichthum begabt hätte, so sollte es Ihnen ebenso schwer 
werden, mich scheiden zu sehen, wie es mir jetzt wird,
 Sie zu verlassen. Ich rede jetzt nicht nach Sitte und
 Herkommen zu Ihnen, sondern die Seele spricht zur
 Seele, als wenn wir Beide schon durch die schwarze
 Pforte des Todes gegangen wären und zu Gottes 
Füßen ständen, einander gleich, wie wir es auch hier
sein sollten.

, Wie wir es auch hier sein sollten! wiederholte 
Herr Rochester, so, fügte er hinzu, mich in seine 
Arme schließend und seine Lippen auf die meinigen 
drückend, , so, Johanna!
, Ja, so, Herr, versetzte ich, und doch nicht so; 
denn Sie sind ein verheirateter Mann, oder doch so
 gut wie verheiratet, und zwar an eine, die weit unter Ihnen steht -- für die Sie keine Sympathie empfinden -- die Sie nicht wahrhaft lieben, wie ich
 glaube; denn ich habe gesehen und gehört, wie Sie
 ihrer spotteten. Ich würde eine solche Verbindung 
mit Verachtung zurückweisen, darum bin ich besser als 
Sie -- lassen Sie mich gehen.

, Wohin Johanna? Nach Irland?
, Ja -- nach Irland. Ich habe mein Herz geöffnet, meine innersten Gedanken preisgegeben, und
 nun kann ich gehen, wohin ich will.
, Seien Sie ruhig, Johanna; sträuben Sie sich 
nicht wie ein gefangener Vogel, der in seiner Verzweiflung sein eigenes Gefieder zerreißt.
, Ich bin kein Vogel und in keinem Netz gefangen, 
ich bin ein freies menschliches Wesen mit unab
hängigem Willen, von dem ich jetzt Gebrauch mache, 
um Sie zu verlassen.
Ich befreite mich durch eine gewaltsame An
strengung und stand gerade vor ihm.
, Und Ihr unabhängiger Wille soll Ihr Geschick
 entscheiden, sagte er. Ich biete Ihnen meine Hand, 
mein Herz und einen Antheil an allen meinen Be
sitzungen an.
, Sie spielen eine Posse, worüber ich nur lachen kann.

, Ich fordere Sie auf, an meiner Seite durch's 
Leben zu gehen -- mein zweites Ich und meine beste 
irdische Genossin zu sein.
, Sie haben bereits Ihre Wahl getroffen und 
müssen dabei bleiben.'
, Johanna, schweigen Sie nur wenige Angenblicke;
 Sie sind zu aufgeregt; auch ich will suchen, mich zu
beruhigen.

Ein Windstoß fuhr durch den Lorbeergang und 
bebte durch die Zweige des Kastanienbaumes, wanderte
 weiter und weiter in unbestimmte Ferne und erstarb 
dann. Der Gesang der Nachtigall war jetzt dieeinzige Stimme in der Natur; indem ich auf sie
 horchte, begannen meine Thränen von neuem zu 
fließen. Herr Rochester saß still da und sah mich 
milde und ernsthaft an. Einige Zeit verging, ehe er 
wieder sprach.

, Kommen Sie an meine Seite, Johanna, 
sagte er endlich, damit wir uns mit einander verständigen.

, Ich will nie wieder an Ihre Seite kommen, 
jetzt habe ich mich losgerissen und kehre nimmermehr 
zurück.
, Aber, Johanna, ich begehre von Ihnen, daß 
Sie mein Weib werden. Sie sind es ja, nur Sie, die 
ich zu heiraten beabsichtige!
Ich schwieg und dachte, er spotte meiner.

, Kommen Sie, Johanna -- kommen Sie hierher.

, Ihre Braut steht zwischen uns.
Er erhob sich und erreichte mich mit einem
 Schritt.
, Meine Braut ist hier, sagte er, mich wieder 
zu sich ziehend, sie ist Meinesgleichen und mein Ebenbild. Johanna, wollen Sie mich heiraten?

Ich antwortete nicht, sondern suchte mich aus
 seinen Händen loszumachen, denn ich war noch immer 
ungläubig.
, Zweifeln Sie an mir, Johanna?
, Gewiß.

, Sie haben kein Vertrauen zu mir?

, Nicht das geringste.

, Bin ich ein Lügner in Ihren Augen? fragte 
er leidenschaftlich.
, Kleine Zweiflerin, Sie sollen überzeugt werden. Welche Liebe hege ich zu Miß Ingram? 
Keine -- das wissen Sie wohl. Und welche Liebe 
sie zu mir hegt, das zu ergründen nahm ich mir die
 Mühe, indem ich das Gerücht verbreiten ließ, daß

mein Vermögen nicht den dritten Theil so groß sei, als
 man vermuthete. Gleich darauf trat ich ihr gegenüber,
 um die Wirkung zu sehen. Ihre Mutter sowohl wie
 sie selbst empfingen mich außerordentlich kalt. Ich
 wollte und konnte Miß Ingram nicht heiraten. Sie 
-- Sie seltsames, fast überirdisches Wesen -- Sie liebe 
ich wie mein eigenes Fleisch, Sie, arm und verlassen,
 klein und einfach, wie Sie sind -- Sie bitte ich, mich 
als Ihren Gatten anzunehmen.
, Was! mich! rief ich, denn sein Ernst ließ mich 
endlich an seine Aufrichtigkeit glauben, mich, die ich
 keinen Freund in der Welt habe, als Sie -- wenn
 Sie mein Freund sind -- keinen Schilling, als was
 Sie mir gegeben haben -- mich wollen Sie heiraten?

, Ja, Sie, Johanna. Sie müssen die Meinige sein -- ganz die Meinige. Wollen Sie es? Sagen 
Sie schnell ja.
, Herr Rochester, lassen Sie mich Ihr Gesicht sehen,
 wenden Sie sich zum Monudlicht.
, Warum?
, Weil ich in Ihrem Gesichte lesen möchte. Wenden 
Sie sich um!
, Nun; Sie werden es kaum leserlicher finden, 
als eine halbverlöschte Schrift. Lesen Sie, nur beeilen Sie sich, denn ich leide furchtbar.
Sein Antlitz verrieth die größte Erregung, seine 
Züge arbeiteten heftig und ein seltsamer Glanz strahlte 
aus seinen Augen.
, O, Johanna, Sie quälen mich! rief er. ,Sie 
quälen mich mit diesem forschenden und doch so treuen 
und edlen Blicke!
, Wie könnte ich das? Wenn Sie die Wahrheit 
reden und Ihr Anerbieten ernstlich gemeint ist, so
 können meine einzigen Gefühle für Sie nur Dankbarkeit und Hingebung sein -- ich kann Sie nicht quälen.
, Dankbarkeit! rief er, und fügte dann mild 
hinzu, Johanna, nimm mich schnell an. Sage, Eduard,
 ich will die deine sein.

, Reden Sie im Ernst? -- Lieben Sie mich wirk
lich? -- Wünschen Sie aufrichtig, daß ich Ihr Weib
 werde?
, Ja, und wenn ein Eid nöthig ist, um dich zu
frieden zu stellen, so lege ich ihn auf der Stelle ab.

, Dann, mein Herr, will ich die Ihrige sein.

, Eduard heißt es -- meine kleine Braut!

, Theurer Eduard!

, Komm zu mir -- komm jetzt ganz zu mir, 
sagte er und indem er seine Wange an die meinige 
legte, flüsterte er mir leise ins Ohr: Mache mich glück
lich -- ich will dich auch glücklich machen.
Gleich darauf fügte er hinzu: ,Gott verzeihe 
mir! und die Menschen mögen sich nicht um mich 
kümmern, ich habe sie und werde sie zu halten wissen.
, Niemand wird sich um uns kümmern, meinHerr. Ich habe keine Verwandten, die Einspruch thun 
könnten.
, Nicht? Das ist das Beste an der Sache, 
sagte er. Wenn ich ihn weniger geliebt hätte, sowürde ich den Ausdruck des Frohlockens in seinem 
Blicke für wild gehalten haben; aber als ich neben 
ihm saß, aus dem schweren Traume des Scheidens 
erweckt und in ein Paradies unzertrennbarer Ver
einigung versetzt, dachte ich nur an den Segen, der
 mir so reichlich zuströmte. Wiederholt fragte er: , Bist 
du glücklich, Johanna? und wiederholt antwortete ich: ,Ja. Darauf murmelte er:, Dies wird die Sühne
 sein. Habe ich sie nicht freundlos und verlassen ge
funden? Will ich sie nicht schützen, beglücken und
 trösten? Ist nicht Liebe in meinem Herzen und Be
ständigkeit in meinen Entschlüssen? Dies wird Alles 
wieder gut machen vor Gottes Tribunal. Ich weiß,
 mein Schöpfer billigt, was ich thue. Das Urtheil der
 Welt gilt mir nichts. Der Meinung der Menschen
 biete ich Trotz.
Aber was war inzwischen aus dem schönen hellen
 Abend geworden? Der Mond konnte noch nicht unter
gegangen sein, und doch saßen wir in solchem Dunkel,

daß ich kaum das Gesicht meines Herrn sehen konnte,
 so nahe ich ihm auch war. Und der Kastanienbaum 
stöhnte und seine Zweige bogen sich, während der
 Wind in dem Lorbeergange rauschte und über uns
 dahinfuhr.

, Wir müssen hineingehen, sagte Herr Rochester,
 das Wetter ändert sich. Ich hätte bis zum Morgen 
mit dir dasitzen können, Johanna.
, Und ich mit dir, dachte ich. Vielleicht hätte
 ich es ausgesprochen, doch eben fuhr ein blauer und
 blendender Blitz aus einer Wolke und dann folgte ein
 Krachen und ein rasselnder Schlag, und ich dachtenur daran, meine geblendeten Augen an Herrn Ro
chester's Schulter zu verbergen. Der Regen rauschte
 nieder. Er eilte mit mir den Gang hinauf, über den 
Platz ins Haus; aber wir waren bereits ganz naß,
 ehe wir die Schwelle erreichen konnten. Im Vorsaale
 nahm er mir den Shawl ab und strich das Wasser 
von meinen aufgelösten Haaren, als Mistreß Fairfax 
aus ihrem Zimmer hervorkam. Anfangs bemerkten
 wir sie nicht. Die Lampe war angezündet, die Uhr
 zeigte Schlag zwölf.
, Eile, deine nassen Kleider abzulegen, sagte Herr
 Rochester, und ehe du gehst, gute Nacht -- gute
Nacht, mein Liebling!
Er küßte mich wiederholt. Als ich aufblickte und
 mich seinen Armen entzog, stand die Witwe bleich und
 erstaunt da. Ich lächelte ihr nur zu und eilte die
Treppe hinauf. Die Erklärung hat Zeit bis auf ein
andermal, dachte ich. Dennoch begann mich, als ich 
mein Zimmer erreichte, der Gedanke zu quälen, daß 
sie auch nur auf eine kurze Zeit das Gesehene falsch 
auslegen könnte. Aber die Freude verdrängte bald 
jedes andere Gefühl, und so laut der Wind brauste,
 so heftig der Donner krachte, so blendend die Blitze 
leuchteten, so gewaltig der Regen während des zwei
 Stunden dauernden Gewitters heruntergoß, empfand
 ich doch keine Furcht und wurde nur wenig von dem
 Naturereignis berührt. Herr Rochester kam während

dieser Zeit dreimal an meine Thür, um zu fragen,
 ob ich wohl und ruhig sei, und das verlieh mir Trost
 und Stärke.
Als ich am nächten Morgen mein Bett verließ,
 kam die kleine Adele hereingelaufen, um mir zu sagen,
 daß der große Kastanienbaum am Ende des Gartens 
in der Nacht vom Blitze getroffen worden und zur
 Hälfte zerschmettert sei.


Vierundzwanzigstes Capitel.
Als ich aufstand und mich ankleidete, dachte ich 
über den gestrigen Abend nach und es war mir, als
 sei es ein Traum gewesen. Ich konnte nicht an die 
Wirklichkeit glauben, bis ich Herrn Rocester wieder
gesehen und die Erneuerung der Worte der Liebe gehört haben würde. Während ich mein Haar machte, betrachtete ich 
mein Gesicht im Spiegel: es lag Hoffnung in seinem
 Ausdruck, Leben in seiner Farbe, und meine Augen
 leuchteten in hellem Glanz. Oft hatte ich Herrn Rochester nur ungern mein Gesicht zugewandt, weil ich 
gefürchtet, es möchte ihm nicht gefallen; aber jetzt
 glaubte ich es getrost zu ihm erheben zu dürfen, ohne 
seine Zärtlichkeit abzukühlen. Ich nahm ein reines
 und leichtes Sommerkleid aus meiner Commode und 
legte es an. Es schien mir, als habe mir nie ein
 Kleid so gut gestanden, weil ich nie eins in so wonne
voller Stimmungg getragen.
Ich war nicht überrascht, als ich in den Vorsaal
 hinunterkam und bemerkte, daß ein glänzender Juli
morgen auf das Gewitter der Nacht gefolgt war und 
ich durch die offene Glasthür den frischen Hauch des 
duftigen Windes fühlte. Die Natur mußte ja heiter
 sein, wenn ich glücklich war. Eine Bettlerin mit ihrem 
kleinen Knaben, beide gleich zerlumpt, kam den Weg
 herauf; ich lief ihnen entgegen und gab ihnen alles
 Geld, das ich in meiner Börse hatte, welches sich auf

drei oder vier Schillinge belief, viel oder wenig, sie
 mußten an meiner Wonne theilnehmen.
Mistreß Fairfax sah mit betrübter Miene aus
 dem Fenster und sagte in ernstem Tone:

, Miß Eyre, wollen Sie zum Frühstück kommen?

Während des Mahles war sie schweigsam und 
kalt, aber ich konnte mich jetzt nicht vor ihr rechtfertigen. Ich mußte erst mit meinem Herrn gesprochen 
haben, und so lange mußte sie sich auch gedulden.
 Als ich nach dem Frühstück die Treppe hinaufeilte,
 begegnete mir Adele, die aus dem Schulzimmer kam.
, Wohin gehst du? frug ich.
, Es ist Zeit, den
 Unterricht zu beginnen.
, Herr Rochester hat mich in die Kinderstube geschickt.
, Wo ist er?

, Da drinnen, antwortete sie, auf das Schulzimmer 
deutend. Ich ging hinein -- und da stand er vor mir.

, Komm und sage mir guten Morgen, redeteer mich an. Ich eilte freudig auf ihn zu. Als ermich umarmte und küßte, schien es mir ganz natür
lich, so von ihm geliebt und geliebkost zu werden.
, Johanna, du siehst blühend aus, sagte er,
 diesen Morgen bist du wahrhaft schön. Ist dies 
meine kleine blasse Elfe? Dies kleine Mädchen mit
 dem sonnigen Gesicht, mit den Grübchen in den Wangen und den rosigen Lippen, dem nußbraunen 
Seidenhaar und den nußbraunen glänzenden Augen?
Ich hatte grünliche Augen; ich glaube, für ihn
 hatten sie eine neue Farbe angenommen.
, Es ist Johanna Eyre, mein Herr.
, Und bald Johanna Rochester, fügte er hinzu,
 in vier Wochen, Hannchen; keinen Tag länger, hörst
 du das?
Das Gefühl, welches diese Ankündigung in mir 
erregte, war stärker, als sich mit der Freude vertrug -- 
es betäubte mich und fast empfand ich Furcht.
, Eben noch erröthetest du, und jetzt bist du blaß, Johanna, weshalb?

, Weil Sie mir einen neuen Namen beilegten:
 Johana Rochester. Es scheint mir so seltsam.
, Ja, Mistreß Rochester, sagte er, die junge
 Mistreß Rochester. -- Fairfax Rochester's liebenswürdige
 Gattin.
, Es kann nimmer sein, es klingt nicht wahrscheinlich. Menschliche Wesen erfreuen sich in dieser
 Welt nie eines vollständigen Glückes. Daß solch ein
 Los mir zu Theil werden sollte, ist ein Feenmärchen -
- ein Morgentraum.
, Den ich verwirklichen kann und will. Ich werde
 heute damit beginnen. Diesen Morgen schrieb ich an 
meinen Banquier in London, mir gewisse Juwelen 
zu schicken, die er in Verwahrung hat, Erbstücke der 
Gebieterinnen von Thornfield. In einem oder zwei
 Tagen hoffe ich sie in deinen Schoß zu schütten, denn 
jedes Vorrecht, jede Aufmerksamkeit soll dir zu Theil 
werden, die ich der Tochter eines Pairs zuerkennen
 würde, wenn ich sie heiraten wollte.
, O Herr! Juwelen für Johanna Eyre klingt
 so unnatürlich; ich möchte sie lieber nicht haben.
, Ich will selber die Diamantenschnur um deinen 
Hals, und das Diadem um deine Stirn legen, es wird 
dir gut stehen, denn die Natur hat ihren Adelsbrief 
auf deine Stirn geschrieben, Johanna. Ich will diese 
zarten Handgelenke mit Spangen schmücken und diese 
Feenfinger mit Ringen beladen.

, Nein, nein, Herr! thun Sie nicht, als wäre ich 
eine vornehme Schönheit, ich bin Ihre einfache quäkerhafte Erzieherin.
, Du bist eine Schönheit in meinen Augen, eine 
Schönheit gerade nach dem Wunsche meines Herzens
 -- zart und ätherisch.
, Schwächlich und unbedeutend, wollen Sie sagen.
 Sie spotten meiner. Um Gotteswillen, seien Sie nicht
 ironisch!
, Die Welt soll deine Schönheit auch anerkennen, 
fuhr er fort, indem ich wirklich unrnhig wurde, weil
 ich fühlte, daß er entweder sich täusche oder mich zu

täuschen suche. ,Ich will meine Johanna in Seide
 und Spitzen kleiden, sie soll Rosen im Haar haben, 
und ich will das Haupt, welches ich am meisten liebe,
 in einen kostbaren Schleier hüllen.
, Und dann werden Sie mich nicht kennen, und 
ich werde nicht mehr Ihre Johanna Eyre sein, sondern 
eine Elster mit geborgten Federn. Ebenso ungern
 möchte ich Sie, Herr Rochester in Schauspielertracht
 sehen, als mich in der Kleidung einer Hofdame. Ich
 nenne Sie nicht schön, mein Herr, obgleich ich Sie
 aufs Innigste liebe, viel zu innig, um Ihnen zu
 schmeicheln. Schmeicheln Sie mir also auch nicht.
 Er setzte sein Thema jedoch fort, ohne auf meine Bitte 
zu achten.

, Noch heute will ich dich im Wagen nach Millcote mitnehmen, und dort sollst du einige Kleider für
 dich auswählen. Ich sagte dir ja, daß wir uns in
 vier Wochen heiraten wollen. Die Trauung soll dort
 unten in der Kirche ganz in der Stille stattfinden, und
 dann gehst du sogleich mit mir nach London. Wenn 
wir eine kurze Zeit dort verweilt haben, will ich mein 
Kleinod in Regionen führen, die der Sonne näher 
liegen, in französische Weinberge und italienische 
Ebenen; du sollst die weite Welt kennen und dich selbst 
im Vergleich zu Anderen schätzen lernen.
, Ich soll reisen? -- Und mit Ihnen, Herr?

, Du sollst Paris, Rom ud Neapel, Florenz,
Venedig und Wien sehen, du sollst den Boden be
treten, den ich durchwandert; wo mein schwerer Tritt
 ertönt, sollst du auch deinen Sylphidenfuß hinsetzen.
Vor zehn Jahren eilte ich halb wahnsinnig durch
 Europa und hatte nur Ekel, Haß und Wuth zu Begleitern; jetzt werde ich denselben Weg geheilt und gereinigt, mit einem tröstenden Engel an der Seite,
 wieder gehen.
, Ich bin kein Engel, lachte ich, und will auch 
keiner sein, bis ich sterbe; ich will Ich selber sein.
 Herr Rochester, Sie müssen nichts Himmlisches von 
mir erwarten -- denn diese Forderung würde ich nicht

erfüllen können, ebensowenig, wie ich es von Ihnen 
verlangen werde; und ich erwarte es auch nicht.
, Und was erwartest du denn von mir?

, Eine kurze Weile werden Sie vielleicht sein, wie 
jetzt -- eine sehr kurze Weile, und dann werden Sie
 kalt, launenhaft und strenge werden, und ich werde 
viel zu thun haben, Ihnen zu gefallen. Wenn Sie
 sich aber völlig an mich gewöhnt haben, werden Sie
 mich vielleicht wieder leiden können, ich sage nicht
 lieben. Vermuthlich wird Ihre Liebe in sechs Monaten
 oder in noch kürzerer Zeit verflogen sein. Wenn ich
 den Büchern glauben darf, so soll dies der längste
 Termin sein, bis zu welchem die Glut eines Ehemannes ausdauert. Doch als Freundin und Hofährtin 
hoffe ich meinem theuren Herrn nie ganz zuwider zu
werden.
, Zuwider? und ich werde dich wieder leiden 
können? Ich denke, ich werde dich immer leiden
 können, und du sollst selbst gestehen, daß ich dich nicht
 nur leiden kann, sondern dich auch mit Wahrheit, Glut
und Beständigkeit liebe.
, Sind Sie aber nicht launenhaft, mein Herr?

, Gegen Frauen, die mir nur äußerlich gefallen,
 bin ich der wahre Teufel, wenn ich finde, daß sie
 weder Seele noch Herz haben und oberflächlich und 
launisch sind; jedoch der Charakter, der sich biegt, aber 
nicht bricht, der zugleich fügsam und fest, nachgiebig 
und beharrlich ist, wird mich stets zärtlich und treu 
finden.
, Fanden Sie je einen solchen Charakter, mein
 Herr? Liebten Sie je einen solchen?
, Ich liebe ihn jetzt.
, Aber vor mir?
, Ich sah nie eine deinesgleichen, Johanna; du
 gefällst mir, du beherrschest mich, während du dich zu
 unterwerfen scheinst. Ich liebe die Fügsamkeit, so wie 
du sie besitzest; während ich die weiche Seide um
 meinen Finger wickle, durchzuckt sie meinen Arm bis
 zu meinem Herzen. Ich bin besiegt, und dieser Sieg,

dem ich mich unterwerfen muß, ist größer als jeder
 Triumph, den ich gewinnen könnte. Warum lächelst 
du, Johanna? Was bedeutet dieser unerklärliche und 
unerforschliche Ausdruck in deinem Gesicht?
, Sie werden den unwillkürlichen Gedanken ent
schuldigen, mein Herr, ich dachte an Herkules und 
Simson mit ihren Geliebten --

, Daran dachtest du, meine kleine Elfe?

, Ruhig, mein Herr! Sie reden gerade jetzt nicht sehr
 weise; ebenso wie jene Herren nicht besonders weise handelten. Doch wenn sie sich verheiratet hätten, so würden 
sie ohne Zweifel durch ihre Strenge als Ehemänner ihre
 Milde als Liebhaber wieder gut gemacht haben, und
 das werden Sie auch, fürchte ich. Ich möchte nur 
wissen, was Sie mir über's Jahr antworten werden,
 wenn ich Sie um eine Gunst bitte, die nicht ganz nach 
Ihrem Geschmacke oder Ihrer Bequemlichkeit ist.
, Bitte mich jetzt um etwas, Johanna, wenn es
 auch die geringfügigste Sache ist -- ich wünsche, um
 etwas gebeten zu werden --
, Das will ich in der That, mein Herr; ich habe 
meine Bitte schon in Bereitschaft.
, Rede! aber wenn du mit diesem Gesichte zu mir
 aufblickst und lächelst, so schwöre ich die Erfüllung 
deiner Bitte, ehe ich noch weiß, was es ist, und das
 würde mich zum Thoren machen.
, Durchaus nicht, mein Herr. Ich bitte nur um
 dies: lassen Sie nicht die Juwelen kommen und be
kränzen Sie mich nicht mit Rosen.
, Deine Bitte ist gewährt -- für jetzt wenigstens.
 Ich will den Auftrag an meinen Banquier zurücknehmen. Aber du hast noch um nichts gebeten; du 
hast nur gebeten, daß ein Geschenk zurückgenommen 
werde, also bitte noch einmal.
, Nun, Herr, so haben Sie die Güte, meine Neugierde hinsichtlich eines Punktes zu befriedigen.
Er sah plötzlich verstört aus.

, Was? was ist los? fragte er hastig. Neu
gierde ist eine gefährliche Bittstellerin, es ist gut, daß

ich kein Gelübde abgelegt habe, jede Bitte zu er
füllen --
, Aber es kann keine Gefahr darin liegen, diese 
zu bewilligen, mein Herr.
, Sprich sie aus, Johanna; aber ich wollte lieber,
 du fordertest mein halbes Vermögen, als daß du ver
suchtest, ein Geheimnis zu erfragen.
, Was sollte ich denn mit Ihrem halben Vermögen anfangen? Ich möchte lieber Ihr ganzes Vertrauen haben, Sie wollen mich doch nicht von Ihrem 
Vertrauen ausschließen, wenn Sie mir Zutritt zu Ihrem 
Herzen gestatten?
,, Nimm mein ganzes Vertrauen, wenn es der 
Mühe werth ist, Johanna; aber um Gotteswillen lade 
keine unerträgliche Bürde auf dich! Hege kein Ver
langen nach Gift -- werde nicht zu einer Eva!
, Warum nicht, mein Herr? Sie haben mir eben
 gesagt, wie sehr Sie wünschen, besiegt zu werden.
 Halten Sie es nicht für besser, wenn ich dieses Zu
geständnis benutze und zu schmeicheln und zu bitten 
beginne, nur um eine Probe von meiner Macht zu
 haben?
, Wage den Versuch. Gehe, so weit du willst,
 du hast das Spiel gewonnen.
, Wirklich, mein Herr? Sie geben sehr schnell 
nach. Wie strenge Sie jetzt aussehen! Ihre Stirn 
gleicht einer dunklen Gewitterwolke. So werden Sie
 vermuthlich als Ehemann aussehen; nicht wahr, mein
 Herr?
, Was hast du zu fragen, kleines Ding? -- Heraus
 damit!
, Jetzt sind Sie weniger als höflich, und mir gefällt die Rauheit viel besser als die Schmeichelei. Ich will
 lieber ein kleines Ding als ein Engel genannt werden.
 Nun, ich wollte fragen, warum Sie sich so viel Mühe 
gaben, mich zu dem Glauben zu bringen, daß Sie Miß Ingram heiraten wollten?
, Ist das Alles? Gott sei Dank, daß es nichts
 Schlimmeres ist!

Und jetzt glättete sich seine Stirne wieder, er
blickte zu mir nieder, lächelte mich an und strich mein
 Haar, als sei er froh, einer Gefahr entronnen zu sein.
, Ich denke, ich kann es wohl gestehen, fuhr er
fort, auch wenn ich dich ein wenig unwillig machen
 sollte, Johanna -- und ich habe es erlebt, welch' 
einen Feuergeist du zeigen kannst, wenn du unwillig 
bist. Selbst in dem kalten Mondlicht sah ich dich 
gestern Abend erglühen, als du dich gegen das Schicksal empörtest und deinen Rang dem meinigen gleich
stellen wolltest. Beiläufig gesagt, warst du es, Johanna, die mir den Antrag machte.
, Natürlich that ich es. Aber zur Sache, mein
 Herr, wenn's gefällig ist -- also Miß Ingram?
, Nun, ich machte Miß Ingram zum Schein den 
Hof, weil ich wünschte, daß du dich so wahnsinnig in
 mich verlieben möchtest, wie ich in dich verliebt war;
 und ich wußte, daß die Eifersucht die beste Bundes
genossin sei, an die ich mich zur Förderung dieses
 Zweckes wenden könne.
, Vortrefflich! jezt sind Sie klein -- nicht größer, 
als mein kleiner Finger. Es war eine Schande, so 
zu handeln. Dachten Sie nicht an Miß Ingram's
 Gefühle, mein Herr?
, Alle ihre Gefühle concentriren sich in ihrem
 Stolze, und der mußte gedemüthigt werden. Waren 
Sie eifersüctig, Johanna?
, Lassen wir das, Herr Rochester; dies zu wissen, 
kann für Sie von keinem Interesse sein. Antworten
Sie mir offen, glauben Sie nicht, daß Miß Ingram
 durch Ihr unredliches Spiel leidet? Wird sie sich nicht
 verlassen und trostlos fühlen?
, Im Gegentheil, sie hat mich aufgegeben. Sagte
 ich Ihnen denn nicht, daß das Gerücht von meinem 
unzureichenden Vermögen die Flamme ihrer Liebe im 
Augenblick erstickt hat?
, Sie haben seltsame Ideen in Ihrem Kopfe, 
Herr Rochester, und ich fürchte, daß Ihre Grundsätze in mancher Hinsicht egocentrisch sind.

, Meine Grundsätze sind nie geschult worden, 
Johanna, und sie mögen wohl ein wenig wild auf
geschossen sein.
, Noch einmal, und ernsthaft: darf ich mich des 
großen Glückes erfreuen, welches mir gewährt worden, 
ohne zu fürchten, daß irgend eine Andere den bitteren
 Schmerz empfinde, den ich in der letzten Zeit gefühlt? --
, Das kannst du, mein gutes, kleines Mädchen,
 es ist kein anderes Wesen in der Welt außer dir,
 welches dieselbe reine Liebe zu mir hegt, wie du --
 denn ich gestatte meiner Eitelkeit den lieblichen Balsam,
 Johanna, an deine Liebe zu glauben.
Ich drückte meine Lippen auf die Hand, die auf
 meiner Schulter ruhte. Ich liebte ihn sehr -- mehr
als ich zu gestehen wagte, mehr als Worte es aus
zudrücken vermochten.
, Bitte mich noch um Etwas, sagte er sogleich, es ist eine Wonne für mich, gebeten zu werden und 
es zu gewähren.
Ich war sogleich mit einer Bitte bei der Hand.

, Theilen Sie Mistreß Fairfax Ihre Absichten
 mit, mein Herr. Sie sah uns gestern Abend Beide 
im Vorsaal und erschrak. Geben Sie ihr eine Er
klärung, ehe ich wieder mit ihr zusammentreffe. Es
 schmerzt mich, von einer so guten Frau verkannt zu
 werden.
, Geh auf dein Zimmer und setze deinen Hut
 auf, entgegnete er. , Du sollst mich diesen Morgen 
nach Millcote begleiten, und während du dich reise
fertig machst, will ich die gute Dame aufklären. Dachte
 sie, Johanna, du hättest die Welt für die Liebe hingegeben, daß jene für dich jetzt ganz verloren sei?
, Ich glaube, sie dachte, ich hätte meine Stellung
 und die Ihrige vergessen, mein Herr.
, Stellung! Stellung! Deine Stellung ist inmeinem Herzen und auf dem Nacken derjenigen, die 
dich jetzt oder später beleidigen wollen. -- Geh jetzt.
Ich war bald angekleidet, und als ich Herrn
 Rochester aus dem Zimmer der Mistreß Fairfax

kommen hörte, eilte ich zu ihr hinunter. Die alte 
Dame hatte gerade ihr Morgencapitel aus der Bibel
 gelesen, die letztere lag noch offen vor ihr und ihre
 Brille darauf. Ihre Augen waren starr auf die 
Wand ihr gegenüber gerichtet und drückten das Erstaunen eines durch unerwartete Nachrichten in 
seinem Gleichgewichte gestörten Geistes aus. Als siemich sah, faßte sie sich und bemühte sich zu lächeln und einige Worte der Beglückwünschung hervorstammeln; aber das Lächeln erstarb und der Satz 
blieb unvollendet. Sie legte ihre Brille weg, machte 
ihre Bibel zu und schob ihren Stuhl vom Tische 
zurück.
, Ich bin so erstaunt, begann sie, daß ich 
kaum weiß, was ich zu Ihnen sagen soll, Miß Eyre. 
Ich habe doch nicht geträumt? Zuweilen versinke
 ich nämlich in einen Halbschlummer, wenn ich allein 
sitze, und stelle mir Dinge vor, die nie geschehen sind. 
Es ist mir in diesem Zustande mehr als einmal vor
gekommen, daß mein lieber Mann, der schon seit 
fünfzehn Jahren todt ist, herein trat, und sich zu mir
 setzte, ja mich sogar bei meinem Namen Elise 
nannte, wie er früher zu thun pflegte. Können Sie
 mir nun sagen, ob es wirklich wahr ist, daß Herr 
Rochester Ihnen den Antrag gemacht hat, ihn zu
 heiraten. Lachen Sie nicht über mich, aber ich glaubte
 wirklich, er sei vor fünf Minuten hier gewesen und
 habe gesagt, in einem Monat würden Sie seine Frau
 sein.
, Er hat mir dasselbe gesagt, versetzte ich.

, Wirklich! Glauben Sie ihm? Haben Sie eingewilligt?
, Ja.

Sie sah mich verwirrt an.

, Das hätte ich nie gedacht. Er ist ein stolzer
 Mann, alle Rochester's waren stolz, und sein Vater
 wenigstens liebte das Geld. Auch Herrn Eduard hat 
man immer für vorsichtig gehalten. Er will Sie also 
heiraten?

, So sagt er mir.

Sie betrachtete meine ganze Person, und ich las
 in ihren Augen, daß sie an mir keinen so mächtigen 
Reiz fand, um das Räthsel zu lösen.
, Das geht über meinen Verstand, fuhr sie fort,
 aber ohne Zweifel ist es wahr, da Sie es sagen.
Wie die Sache ausfallen wird, weiß ich in der Thatnicht. Gleicheit des Standes und Vermögens ist bei
 ehelichen Verbindungen gewöhnlich wünschenswerth. 
Und er ist zwanzig Jahre älter als Sie, er könnte 
fast Ihr Vater sein.
, Nein, Mistreß Fairfax, rief ich verletzt; er 
hat nichts Väterliches an sich! Herr Rochester sieht so 
jung ans, wie oft kaum Männer von fünfundzwanzig
 Jahren.
, Will er Sie wirklich aus Liebe heiraten? 
fragte sie.
Ich fühlte mich von ihrer Kälte und ihrem Zweifel so gekränkt, daß mir die Thränen in die 
Augen traten.
, Ich wollte Ihnen nicht wehe thun, fuhr dieWitwe fort, aber Sie sind noch so jung und kennen 
die Männer so wenig, daß ich Sie warnen möchte.
 Ein altes Sprichwort sagt: , Es ist nicht Alles Geld,
 was glänzt, und in diesem Falle fürchte ich, wird
 man etwas Anderes finden, als Sie oder ich erwarten.
, Warum? sagte ich. , Ist es unmöglich, daß
 Herr Rochester eine aufrichtige Neigung zu mir hegen 
sollte?
, Nein, Sie sind ganz hübsch, Ihr Aussehen hat 
sich in der letzten Zeit sehr gehoben, und ich glaubeauch, daß Herr Rochester viel auf Sie hält. Ich habe 
immer bemerkt, daß er sich besonders gern mit Ihnen
 unterhielt. Zu Zeiten war ich schon um Ihretwillen
 wegen dieser unverkennbaren Bevorzugung ein wenig
 unruhig und hätte Sie gern gewarnt, aber ich
 fürchtete, es könne sie beleidigen; und da ich Sie
 immer so verständig, bescheiden und vorsichtig gesehen,

so hoffte ich, Sie würden sich schon selbst schützen.

, Ich kann Ihnen nicht sagen, was ich am letzten
, Abend ausgestanden, als ich Sie im ganzen Hause
s suchte und Sie nirgends finden konnte, und den
 Herrn auch nicht, bis ich Sie endlich um zwölf Uhr 
mit ihm allein kommen sah.
, Nun, machen Sie sich darüber jetzt keinen Kummer 
mehr, sie ich ungeduldig ein, es muß Ihnen
 genügen, daß Alles in Ordnung vor sich gegangen ist.
, Ich hoffe, es wird Alles schließlich gut werden, entgegnete sie, aber glauben Sie mir, Sie können
 nicht vorsichtig genug sein. Suchen Sie Herrn 
Rochester in einiger Entfernung zu halten, mißtrauen
 Sie sich selber, so gut wie ihm. Herren in seiner
 Tage pflegen nicht ihre Erzieherinnen zu heiraten.
Ich wurde wirklich aufgebracht. Zum Glück kam
 Adele herein.
, Nehmen Sie mich mit nach Millcote! rief sie.

, Herr Rochester will es nicht zugeben, obgleich in
 dem neuen Wagen Platz genug ist. Bitten Sie ihn,
 Mademoiselle, daß er mich mitfahren läßt.
, Das will ich thun, Adele, versprach ich und 
eilte mit ihr von dannen, froh, meiner ernsten 
Mahnerin zu entkommnen. Der Wagen stand vor der 
Hausthür bereit, Herr Rochester ging auf dem ge
pflasterten Wege auf und ab.
, Adele darf uns begleiten, nicht wahr, meinHerr?
, Ich habe es ihr schon abgeschlagen. Ich will 
keine Kinder -- ich will nur Sie bei mir haben.
, Lassen Sie sie mitkommen, Herr Rochester, wenn 
ich bitten darf, es wird besser sein.
, Im Gegentheil, sie wird uns nur zur Last
 fallen.
Er war sehr gebieterisch in Blick und Stimme. 
Ich stand noch unter dem Einfluß der Mahnungen
 und Zweifel der Mistreß Fairfax, meine Hoffnungen
 erschienen mir ungewiß und haltlos und ich verlor 
fast das Bewußtsein meiner Macht über ihn. Schon

war ich im Begriff, ihm ohne weitere Vorstellungen zu gehorchen; aber als er mich in den Wagen hob, s
ah er mir ins Gesicht.

, Was ist geschehen? fragte er, aller Sonnenschein ist fort. Wünschen Sie wirklich, daß das M
ädchen uns begleite? Wird es Sie kränken, wenn 
Sie zurückbleibt?
, Es wäre mir viel lieber, wenn sie uns begleitete, mein Herr.
, Dann geschwind, hole deinen Hut und sei wie
der Blitz wieder da! rief er Adelen zu.
Sie gehorchte ihm, so schnell sie konnte.
 Als Adele in den Wagen gehoben wurde, be
gann sie mich zu küssen, um ihre Dankbarkeit für
 meine Vermittelung auszudrücken. Sie wurde von 
Rochester sogleich in einen Winkel auf der anderenSeite gesetzt. Durch den strengen Nachbar von mir
 getrennt, hätte sie sich, um mit mir zu plaudern, an 
ihm vorüberbeugen müssen, was sie bei seiner gegenwärtigen Gemüthsstimmung nicht wagte.
, Lassen Sie Adele sich zu mir setzen, bat ich,
 sie wird Sie vielleicht belästigen, mein Herr, es ist
 genug Platz auf dieser Seite.
Er reichte sie mir
 herüber, wie einen Schoßhund.
, Ich will sie doch in eine Schule schicken, sagte 
er, aber jetzt lächelte er. Adele hörte es und fragte, ob sie ohne Mademoiselle in die Schule gehen sollte?
, Ja, versetzte er, gewiß ohne Mademoiselle, 
denn ich werde mit Mademoiselle in den Mond reisen; 
dort werde ich eine Höhle suchen in einem jener
 weißen Thäler unter den vulcanischen Felsen, und 
dort soll Mademoiselle mit mir leben, und nur mit
 mir allein.
, Da wird sie nichts zu essen haben und sie 
werden Sie verhungern lassen, sagte Adele.

, Ich werde am Morgen und in der Nacht Manna 
für sie sammeln, denn die Ebenen und Hügel auf dem
 Monde sind ganz weiß von Manna, Adele.

, Sie wird sich aber wärmen wollen, und wo
 will sie Feuer herbekommen?
, Aus den Mondgebirgen steigt Feuer empor;
 wenn sie Frost empfindet, trage ich sie einen Berg 
hinauf und lege sie am Rande eines Kraters nieder.
, O, wie unbequem wird sie dort leben! Ihre 
Kleider werden sich auch abnutzen, und wie soll sie
 neue bekommen?
Herr Rochester gestand, daß er daran noch nicht 
gedacht habe.
, Nun, was würdest du thun, Adele? sagte er. 
, Quäle dein Gehirn, um ein Auskunftsmittel zu 
finden. Meinst du nicht, daß eine weiße oder rothe
 Wolke auch als Kleid dienen würde?
, Es geht ihr hier viel besser, war Adelens 
Schluß, nachdem sie eine Zeitlang nachgedacht, über dies würde es ihr auch langweilig werden, nur mit Ihnen allein im Mond zu leben. Wenn ich Made
moiselle wäre, so würde ich nimmer einwilligen, mit 
Ihnen zu gehen.
, Sie hat bereits eingewilligt; sie hat ihr Wort
 gegeben.
, Aber Sie können sie nicht auf den Mond
 bringen, es führt kein Weg hinauf, es ist Alles Luft, 
und Sie können Beide nicht fliegen.
Die Stunde, die wir in Millcote zubrachten, war 
mir nicht ganz angenehm. Herr Rochester nöthigte 
mich, in eine Seidenhandlung zu gehen und ein halbes 
Dutzend Kleider auszuwählen. Ich haßte ein solches 
Geschäft. Auf meine dringenden, ihm ängstlich zuge
flüsterten Bitten durfte ich das halbe Dutzend auf zwei
 Stück reduciren.
Ich war froh, als ich ihn aus dem Seidenladen
 und dann noch aus dem Juwelenladen glücklich hinaus 
hatte. Je mehr er mir kaufte, desto mehr glühte meine 
Wange von dem Gefühl erniedrigender Beschämung. 
Als wir wieder in den Wagen stiegen und ich ermüdet und abgespannt dasaß, fiel mir ein, daß ich 
im Drange der Ereignisse den Brief von meinem

Oheim John Eyre an Mistreß Reed, und seine darin
 ausgesprochene Absicht, mich zu seiner Erbin einzusetzen, gänzlich vergessen hatte.
, Es würde in der That eine gewisse Genugthung 
für mich sein, dachte ich, wenn ich auch nur ein kleines 
eigenes Vermögen hätte; ich kann es nimmer mehr ertragen, mich von Herrn Rochester wie eine Puppe kleiden
 zu lassen, und gleich einer zweiten Danae täglich den 
Goldregen über mich fallen zu sehen. Sobald ich nach
 Hause komme, will ich an meinen Oheim John nach Madeira schreiben, daß ich im Begriff bin, mich zu 
verheiraten, und mit wem; wenn ich auch nur die 
Aussicht habe. Herrn Rochester einst ein kleines Vermögen zuzubringen, so werde ich es leichter ertragen
 können, jetzt von ihm unterhalten zu werden.
Ein wenig beruhigt durch diesen Gedanken
 wagte ich wieder dem Auge meines Herrn und Ge
liebten zu begegnen, welches das meinige beständig 
aufsuchte. Er lächelte, und mir schien, sein Lächeln
 gleiche sehr dem eines Sultans, womit dieser in
 einem zärtlichen und heiteren Augenblick eine 
Sclavin beehrt, die er mit seinem Golde und seinen
 Edelsteinen überschüttet. Ich drückte kräftig seine 
Hand, welche beständig die meinige aufsuchte, und
 schob sie dann rasch von mir; sie war noch roth von
 meinem leidenschaftlichen Drucke.
, Sie brauchen mich nicht so anzusehen, sagte 
ich, wenn Sie es noch einmal thun, werde ich nichts 
als meine alten Kleider tragen, die ich aus Lowood
 mitgebracht habe. Ich will nicht von zu vielen Ver
bindlichkeiten niedergedrückt werden. Erinnern Sie sich,
was Sie von Celine Varens sagten? Von den
 Diamanten und kostbaren Stoffen, die Sie ihr gegeben? Ich will nicht Ihre englische Celine Varens 
sein. Ich will Adelens Erzieherin bleiben und mir 
dadurch Kost und Wohnung und überdies noch 
dreißig Pfunnd jährlich erwerben. Von dem Gelde
 werde ich mir meine Garderobe anschaffen, und Sie sollen mir weiter nichts geben, als --

, Nun, als was?

, Ihre Achtung; und wenn ich Ihnen meine Achtung dafür zurückgebe, so wird diese Schuld aus
geglichen sein.
, Wahrhaftig, was kalte angeborene Kühnheit
 und reinen unbeugsamen Stolz betrifft, so hast du 
nicht deinesgleichen, sagte er. Wir waren jetzt in
 die Nähe von Thornfield gekommen.
, Ist es dir gefällig, heute mit mir zu Mittag zu 
speisen? fragte er, als wir durch das Thor fuhren.

, Nein, ich danke Ihnen, mein Herr.
, Und warum nein, wenn man fragen darf?

, Ich habe noch nie mit Ihnen zu Mittag ge
speist, mein Herr, und sehe keinen Grund, warum ich 
es jetzt sollte, bis --
, Bis was geschieht? Du liebst die abgebrochenen Reden.
, Bis ich nicht anders kann.
, Glaubst du, ich esse, wie ein Vielfraß und ließe 
für dich nichts übrig, daß du fürchtest, an meiner 
Mahlzeit theilzunehmen?
, Ich habe darüber noch keine Vermuthungen 
angestellt, mein Herr; aber ich wünsche, noch einen
 Monat zu leben, wie bisher.
, Aber deine Gouvernantensclaverei wirst du 
doch wenigstens aufgeben?
, Ich bitte um Verzeihung, mein Herr, das werde 
ich nicht. Ich werde Ihnen, nach alter Gewohnheit, 
tagsüber aus dem Wege gehen, am Abend können
 Sie mich rufen lassen, wenn Sie Lust haben, mich zusehen, und dann will ich kommen, aber zu keiner 
anderen Zeit.
, Höre, kleine Tyrannin, jetzt ist noch deine Zeit,
 aber die meine wird auch bald kommen, und wenn 
ich mich erst deiner bemächtigt habe, so will ich dich -- figürlich gesprochen -- mit einer Kette binden,
 wie diese. Und er berührte seine Uhrkette. , Ja, 
mein hübsches kleines Ding, ich will dich an meinem 
Herzen tragen, damit mein Juwel nicht verloren geht.

Er sprach dies, während er mir beim Aussteigen
 aus dem Wagen half; und als er dann Adele heraus
hob, trat ich ins Haus und zog mich auf meinZimmer zurück.
Am Abend ließ er mich richtig zu sich rufen.
 Ich wollte nicht den ganzen Abend in einem Zwiegespräch mit ihm zubringen. Sehr propos fiel mir
 seine schöne Stimme ein. Sobald die Dämmerung, 
die Stunde der Romantik, hereinbrach und ihr blaues 
und sternenbesäetes Banner vor unsere Fenster ge
breitet hatte, stand ich auf, öffnete das Piano und
 bat ihn himmelhoch, mir ein Lied vorzusingen. Er 
sagte, ich sei eine launenhafte Hexe, und er wolle 
lieber zu einer anderen Zeit singen; aber ich behauptete, daß nichts über die Gegenwart gehe.
, Gefällt dir denn meine Stimme? fragte er.

, Ganz außenordentlich.
Ich war nicht geneigt, seiner empfindlichen Eitelkeit zu schmeicheln; aber diesmal that ich es aus be
sonderen Gründen.
, Dann mußt du die Begleitung spielen, Johanna.
, Gut, mein Herr, ich will es versuchen.
Ich versuchte es, wurde aber sogleich von dem
 Stuhle heruntergeschoben und für eine kleine Stüm
perin erklärt. Das war es gerade, was ich wünschte; 
er nahm meinen Platz ein und begann selber die Be
gleitung zu spielen, denn er spielte so gut wie er sang. Ich zog mich in die Fenstervertiefung zurück, und 
während ich auf die stillen Bäume und den dunklen
 Rasenplatz hinaus blickte, wurde folgendes Lied in vollen
 Tönen zu einer trefflichen Begleitung gesungen:
,, Die reinste Lieb, die je die Brust

Mit milder Glut durchflossen,

Hat sich mit hoher Wonnelust

Jezt in mei Herz ergossen.

Kommt sie, erwacht für mich die Welt,

Ihr Scheiden ist mein Schmerz,

Der Zufall, der sie fern mir hält,

Gießt Eis mir in das Herz.

Mir träumte, sie zu lieben, sei

Ein namenloses Glück,

Von ihr geliebt zu werden frei,

Bestimmt mich das Geschick.


Doch weit und pfadlos war der Raum,

Der unser Los getrennt,

Die Wogen rauschen, daß man kaum

Das ferne Ziel erkennt.


Den rauhen Weg ging ich mit Muth

Durch Wildnis oder Wald,

Denn Macht und Recht und Weh und Wuth

Trennt unsre Geister kalt.


Ich trotze, wo Gefahr mich neckt,

Graun sich mit Angst verbunden,

Was mir auch drohet, warnt, mich schreckt,

Wird stürmisch überwunden.


Mein Regenbogen, schnell wie Licht,

Steht vor mir wie ein Traum,

Und herrlich steigt vor dem Gesicht

Dies Bild auf in dem Raum.


Noch hell auf Wolken trüb und grau,

Strahlt jener milde Schein,

Steh'n auch Gefahren wild und rau

Eitgegen groß und klein.


Stellt sich auch Haß mit grimmem Blick

Das Recht sich mir entgegen,

Nicht vor der Macht weich' ich zurück,

Der Rach' troz' ich verwegen.


Zu sterben, schwur mir Liebchens Kuß,

Mit mir aus reinem Triebe;

Mir endlich ward der Hochgenuß

Der Lieb' und Gegenliebe.

Er stand auf und kam auf mich zu. Ich sah 
sein Gesicht belebt, sein Falkenauge sprühend und Zärt
lichkeit und Leidenschaft in jedem Zuge. Im ersten 
Augenblick erbebte ich, faßte mich aber sogleich. Eine 
zärtliche Scene, einen kühnen Ausbruch der Leidenschaft wollte ich nicht, dennoch war ich in Gefahr, 
Beides zu erleben. Ich mußte an eine Vertheidigungswaffe denken und fragte strenge, wen er jetzt 
heiraten wolle?
, Das ist eine seltsame Frage von meiner geliebten
 Johanna.
, Wirklich ich finde sie jedoch sehr natürlich, da
 Sie mir soeben vorsangen, daß Ihre künftige Gattin mit
 Ihnen sterben solle. Ich habe nicht die Absicht, mit 
Ihnen zu sterben -- darauf können Sie sich verlassen.
, O! Alles, was ich mir wünsche und vom Himmel
 erbitte, ist, mit dir leben zu dürfen! Der Tod ist nicht 
da für ein Wesen, wie du bist.
, Ei doch! ich habe ein ebenso gutes Recht zu 
sterben, als Sie, wenn meine Zeit kommt, aber ich
 will diese Zeit abwarten.
, Verzeihe mir meine Selbstsucht und beweise es
 durch einen versöhnenden Kuß.
, Nein, ich bitte mich zu entschuldigen.
Jetzt nannte er mich ein hartköpfiges kleines 
Ding und fügte hinzu, daß jedes andere Weib erschüttert gewesen wäre, wenn es solche Strophen zu 
seinem Ruhme hätte singen hören:
Ich versicherte ihm, ich sei von Natur hart wie 
ein Kiesel, und er werde mich oft so finden; überdies
 sei ich entschlossen, ihm noch verschiedene eckige Punkte
 meines Charakters zu zeigen, ehe die bestimmten vier
 Wochen um wären, und er solle genau erfahren,
 welchen Handel er gemacht, so lange es noch Zeit 
sei, ihn rückgängig zu machen.
Ob ich nicht vernünftig reden wolle, fragte er.
 Ich sagte, ich schmeichle mir, daß ich es jetzt
 schon thue.
Er wurde ärgerlich.

, Sehr gut, dachte ich, ärgere dich nur und
 werde ungeduldig, wie du willst, aber ich bin gewiß,
 dies ist die beste Mothode, die man bei dir anwenden
 kann. Ich liebe dich mehr als ich sagen kann; aber
 ich will nicht in Sentimentalität verfallen und auch 
dich durch meine scharfen Erwiderungen davor bewahren; überdies suche ich dadurch jene Entfernung

zwischen uns aufrecht zu erhalten, die zu unserem
 gegenseitigen wahren Vortheil gereicht.
Auf diese Weise steigerte ich nach und nach seinen
 Aerger, bis er sich grollend von mir zurückzog. Dastand ich auf, sagte auf meine gewohnte respechtvolle
 Weise: , Ich wünsche Ihnen gute Nacht, mein Herr, und schlüpfte zur Seitenthür hinaus.
Dieses System befolgte ich während der ganzen
 Probezeit, und zwar mit dem besten Erfolge. Er war 
freilich kurz und trotzig; aber im Grunde unterhielt 
er sich dabei besser, als wenn ich eine lammfromme
 Unterwürfigkeit und eine turteltaubenähnliche Zärtlich
keit gezeigt hätte, die seinen Despotismus noch mehr
 genährt, aber seinem Geschmack weniger zugesagt hätte.
In Gegenwart Anderer benahm ich mich wie 
früher gegen ihn, rücksichtsvoll und ruhig, nur in den 
Abendunterhaltungen befolgte ich mein neues System 
und ärgerte ihn. Er ließ mich stets pünktlich rufen, 
sobald die Uhr sieben schlug; honigsüße Ausdrücke
 von Liebe und Zärtlichkeit ließ er sich nicht mehr entschlüpfen, die glimpflichsten Namen, die er mir bei
legte waren: widerwärtige Puppe, boshafte Elf e 
u. s. w. Anstatt eines Händedrucks kniff er mich jetzt
 in den Arm, anstatt eines Kusses auf die Wange 
drückte er mir das Ohr. Aber es war am besten
 so, für jetzt zog ich entschieden diese rauhen Gunst
bezeugungen zärtlicheren vor. Ich bemerkte, wie
 Mistreß Fairfax mein Vetragen billigte, denn ihre Be
sorgnis um mich schwand, und daraus sah ich, daß 
ich recht handelte. Dagegen versicherte Herr Rochester,
 ich behandle ihn sehr schlecht, und drohte mir für 
eine nicht mehr ferne Zeit mit schrecklicher Rache. Ich 
lachte mir ins Fäustchen über seine Drohungen.
, Ich kann dich jetzt ganz hübsch im Zaume
 halten und werde dies zweifellos auch später können, 
sagte ich mir; wenn das eine Mittel seine Kraft verliert, muß man ein anderes erdenken.
Doch bei alldem war meine Aufgabe nicht so 
leicht, und oft hätte ich ihn lieber erfreut, als geärgert.

Mein küntftiger Gatte sollte für mich meine ganze
 Welt werden, und mehr als die Welt, fast meine Hoff
nung auf den Himmel. Er stand zwischen mir und
 jedem religiösen Gedanken, gleich einer Finsternis
 zwischen dem Menschen und der hellen Sonne. Ich
 konnte in jenen Tagen Gott vor seinem Geschöpfe, 
aus dem ich mein Idol gemacht, nicht sehen.



Fünfundzwanzigstes Capitel.

Der Monat des Brautstandes näherte sich seinem
 Ende, seine letzten Stunden waren gezählt und alle
 Vorbereitungen zur Hochzeit vollendet. Ich wenigstens
 hatte nichts weiter zu thun. Da standen meine Koffer
 gepackt und verschlossen an der Wand meines kleinen
 Zimmers in einer Reihe, morgen um diese Zeit sollten 
sie weit weg auf dem Wege nach London sein, und
 mit ihm auch ich -- oder vielmehr nicht ich, sondern
 eine gewisse Johanna Rochester, eine Person, die ich 
noch nicht kannte. Nur die Karten mit den Adressen
 waren noch auf die Koffer aufzunageln, die vier 
kleinen viereckigen Stückchen Pappe lagen bereits auf
 der Commode. Herr Rochester hatte mit eigener Hand
 darauf geschrieben, , Mistreß Rochester -- Western
 Hotel, London. Ich konnte mich nicht entschließen,
 sie anzuheften oder anheften zu lassen. Mistreß Ro
chester! die existirte noch nicht, sie sollte erst morgen 
nach acht Uhr Vormittags geboren werden, und ich 
wollte warten, ob sie auch lebendig zur Welt kommen
 werde, ehe ich ihr alle ihre Rechte einräumte. Die 
für sie bestimmten Hochzeitskleider hatten ohnehin be
reits mein schwarzes wollenes Kleid aus Lowood und
 meinen Strohut verdrängt. Ich schloß den offenstehenden Schrank, um die perlenfarbige Robe und den 
luftigen Schleier, der an dem Haken hing, nicht zu
sehen, da von ihnen zu dieser späten Abendstunde ein
 phantastischer Schimmer auszugehen schien, welcher
 geisterhaft das Dunkel meines Gemachs durchdrang,

, Ich will dich hier zurücklassen, schöner Traum, sagte ich. , Ich bin fieberhaft aufgeregt. Ich höre
 den Wind heulen und will hinaus gehen, um ihn
 meine heiße Schläfe kühlen zu lassen.
Es war nicht allein die aufregende Hast der
 Vorbereitungen, die mich fieberkrank machte; nicht nur
 die Erwartung der großen Veränderung, welche morgen eintreten sollte; beide Umstände hatten allerdings 
ihren Antheil an der unruhigen Stimmung, die mich
 zu dieser späten Stunde in den dunklen Park hinaus
trieb; aber eine dritte Ursache übte noch größeren
 Einfluß auf mich.
Es war in der letzten Nacht etwas geschehen,
 was ich nicht begreifen konnte, und Niemand wußte
 darum, als ich. Herr Rochester war in dieser Nacht
 dem Hause abwesend gewesen und noch nicht zurück
gekehrt. Geschäfte hatten ihn auf zwei oder drei kleine
 Pachthöfe gerufen, die zu seinen Besitzungen gehörten
 und dreißig Meilen entfernt lagen. Diese Geschäfte 
mußte er vor seiner beabsichtigten Abreise aus England persönlich ordnen. Ich erwartete jetzt seine Rück
kehr, begierig, mein Gemüth zu entlasten und von ihm 
die Lösung des Räthsels zu erhalten, welches mich in
 Verwirrung setzte.
Ich ging in den Garten, um dort Schutz vor 
dem Winde zu suchen, der den ganzen Tag stark aus 
Süden geblasen, aber keinen Tropfen Regen gebracht 
hatte. Statt sich bei Anbruch der Nacht zu legen,
 erhob er sich nur noch heftiger, die Bäume schienen
 sich kaum wieder aufzurichten, so anhaltend war die
 Kraft, die ihre Wipfel beugte; die Wolken flogen von
 Süd nach Nord und eine Masse folgte rasch der an
deren, ohne daß an jenem Julitage etwas von demblauen Himmel zu sehen war.
Nicht ohne ein gewisses wildes Vergnügen lief 
ich vor dem Winde her und kühlte die Unruhe meines
 Gemüths an dem dahintobenden Luftstrome. Den Lorbeergang hinuntergehend, trat ich zu dem Kasta
nienbaume; er stand schwarz und zerschmettert da;

der durchspaltene Stamm klaffte auseinander. Die beiden Hälften wurden zwar unten noch durch den 
festen, knorrigen Fuß und die starken Wurzeln zusammen
gehalten, aber die Verbindung war gestört -- der Saft
 konnte nicht mehr kreisen, die großen Aeste zu beiden
 Seiten waren abgestorben und die Stürme des näch
sten Winters mußten die beiden Hälften vollends zur 
Erde werfen; jetzt konnte man noch sagen, daß sie
 einen Baum bildeten -- eine Ruine, aber eine ganz R
uine.
, Ihr thatet wohl, an einander festzuhalten, 
sagte ich, als ob die ungeheuren Splitter mich verstehen könnten; so verbrannt und verkohlt ihr auch 
ausseht, so muß doch noch etwas Leben in euch sein,
 welches aus jener Anhänglichkeit an die treuen ehrlichen Wurzeln hervorgeht. Ihr werdet nie mehr
 grüne Blätter haben, nie mehr werden Vögel auf 
euren Zweigen Nester bauen und Lobhymnen singen;
 die Zeit der Freude und Liebe ist für euch vorüber; 
aber ihr seid nicht verlassen, ihr seid zwei Kameraden,
 von denen der eine das Schicksal des anderen theilt.
Als ich aufschaute, zeigte sich der Mond auf 
einen Augenblick an jenem Theile des Himmels, wo
 sich die Wolken trennten; seine Scheibe war blutroth
 und halb bedeckt, er schien einen traurigen, bestürzten
 Blick auf mich zu werfen und verschwand dann augen
blicklich wieder in einer dunklen Wolkenschicht. Der
 Wind schwieg auf eine Secunde in der Nähe, aber 
in weiter Ferne zog über Wald und Wasser ein wildes
 melancholisches Wehklagen; es war traurig, dem zuzuhören und ich ging ins Haus, um mich zu überzeugen, ob das Feuer im Bibliothekzimmer angezündet
 sei, denn ich wußte, daß Herr Rochester, wenn es gleich 
Sommer war, an einem so unfreundlichen Abend gern
e in heiteres Feuer im Kamine sah. Ja, das Feuer
 war angezündet und brannte gut. Ich stellte seinen
 Lehnsessel in die Ecke des Kamins, rollte den Tisch 
in die Nähe desselben, zog den Vorhang zu und ließ 
die Lichter hereinbringen. Nach Vollendung dieser

Anordnungen stieg meine Unruhe nur noch mehr. Es 
litt mich nicht im Zimmer, die große Uhr in der Vor
halle schlug zehn.
, Wie spät es wird! sagte ich. , Ich will zum
 Thor hinunterlaufen, der Mond scheint von Zeit zuZeit, und ich kann eine gute Strecke auf den Weg
 hinaussehen. Er dürfte jetzt kommen, und wenn ich 
ihm entgegengehe, erspare ich mir einige Minuten
 ungeduldiger Erwartung.
Der Wind rauschte heftig in den großen Bäumen,
 die das Thor umgaben; aber so weit ich auch die 
Straße überblicken konnte, war diese nur eine lange
bleiche Linie, auf der sich nichts bewegte als die 
Wolkenschatten, die zuweilen darüber hinhuschten, wenn 
der Mond hervorblickte.
Eine kindische Thräne trübte mein Auge, während 
ich hinausblickte -- eine Thräne der fehlgeschlagenen 
Hoffnung und der Ungeduld. Ich schämte mich ihrer
 und trocknete sie schnell. Doch verweilte ich noch; 
der Mond verschloß sich jetzt ganz in sein wolkiges
 Gemach und zog die dichtesten Vorhänge vor; die N
acht wurde immer dunkler und jetzt folgte auch
 Regen dem Winde.
, Ich wollte, er käme! Ich wollte, er käme! 
rief ich wie von trüber Ahnung ergriffen. Ich hatte
 seine Ankunft schon vor dem Thee erwartet; jetzt war 
es dunkel, was konnte ihn zurückhalten? War ihm 
ein Unfall begegnet? Das Ereignis der letzten Nacht 
fiel mir wieder ein. Ich deutete es als ein warnendes Zeichen. Ich fürchtete, meine Hoffnungen seien
 zu glänzend, um verwirklicht zu werden, denn ich hattein der letzten Zeit so viel Wonne erlebt, daß ich mir
 einbildete, mein Glück habe seinen Höhepunkt über
schritten und müsse sich jetzt zum Untergange neigen.
, Ich kann nicht ins Haus zurückkehren, dachte 
ich, ,ich kann nicht am Kamin sitzen, während er im 
Unwetter draußen ist, ich will lieber meine Füße wund
laufen, als diese Qualen erdulden; ich will ihm ent
gegengehen.

Ich machte mich auf den Weg; ich ging rasch,
 aber ehe ich eine Viertelstunde zurückgelegt hatte, hörte
 ich Hufschläge. Ein Reiter kam im vollen Galopp 
angesprengt und ein Hund lief an seiner Seite. Fort
 mit den bösen Ahnungen, er war es -- er war es, 
er ritt seinen Mesrour und Pilot folgte ihm. Er 
sah mich, denn der Mond hatte sich gerade jetzt ein
 Stückchen blaues Feld am Himmel erobert und schimmerte hell daraus hervor. Er nahm seinen Hut ab
 und schwang ihn um den Kopf. Jetzt lief ich ihm 
entgegen.
, Hier bin ich! rief er, seine Hand ausstreckend
 und sich niederbeugend. , Du kannst nicht ohne mich
 sein, das ist klar. Tritt auf die Spitze meines Stiefels
 gib mir beide Hände, und nun herauf!
Ich gehorchte; die Freude machte mich gewandt, 
ich schwang mich vor ihm aufs Pferd hinauf. Zum
 Willkommen erhielt ich einen herzlichen Kuß, er trium
phirte ein wenig, was ich so gut ertrug, als ich 
konnte. Plötzlich mäßigte er seine Freude und fragte:
, Aber ist etwas geschehen, Johanna, daß du mir
 zu einer solchen Stunde entgegenkommst? Hat sich ein 
Unheil ereignet?
, Nein; aber ich dachte, Sie würden nimmer 
kommen. Ich konnte es nicht ertragen, im Hause auf 
Sie zu warten, besonders bei diesem Regen und Wind.
, Regen und Wind! Ja, und du triefst wie
 eine Seejungfer; ziehe meinen Mantel um dich zusammen. Aber ich meine, du hast Fieber, Johanna 
deine Wange und deine Häide sind glühend heiß. Ich 
frage dich noch einmal, ist etwas geschehen?
, Jetzt nichts; ich bin weder furchtsam noch unglücklich.
, So bist du also Beides gewesen?
, Freilich; aber ich will es Ihnen drinnen er
zählen, mein Herr, und ich fürchte, Sie werden mich
 obendrein noch auslachen.
, Ich will dich herzlich auslachen, wenn der morgende Tag vorüber ist; bis dahin wage ich es noch

nicht; der Preis ist mir noch nicht gewiß. Bist du
 es wirklich, die diesen ganzen letzten Monat so dornig
 wie eine wilde Rose gewesen ist? Wo ich nur meinen 
Finger hinlegte, wurde ich gestochen, und jetzt scheint
e, als habe ich ein verirrtes Lamm in meinen 
Armen. Du verließest deine Hürde, um deinen Schäfer
 zu suchen, nicht wahr, Johanna --
, Ich sehnte mich nach Ihnen, aber rühmen Sie
 sich dessen nicht. Hier sind wir in Thornfield, nun 
lassen Sie mich hinunter.
Er ließ mich sanft vom Pferde gleiten. Nachdem
 John ihm das Thier abgenommen hatte, folgte er
 mir in die Vorhalle. Ich möge schnell trockene Kleider 
anlegen, ersuchte er mich, und dann zu ihm in das
 Bibliothekzimmer kommen. Ich blieb nicht lange, 
in fünf Minuten war ich wieder bei ihm und fand 
ihn beim Abendessen.
, Nimm Platz und leiste mir Gesellschaft, Johanna.
 So Gott will, ist dies das vorletzte Mahl, welches du 
auf lange Zeit in Thornfield Hall einnehmen wirst.
Ich setzte mich neben ihm nieder, sagte ihm aber, 
ich könne nicht essen.
, Ist es, weil du die Aussicht auf eine Reise vor 
dir hast, Johanna? Ist es der Gedanke, nach London 
zu kommen, der dir den Appetit nimmt?
, Heute Abend liegen meine Aussichten nicht klar
 vor mir, mein Herr, und weiß kaum, welche Ge
danken mir in meinem Kopfe herumgehen. Alles 
scheint mir so seltsam, so unwahrscheinlich.
, Mit Ausnahme meiner selbst, will ich hoffen; 

ich bin wesenhaft genug -- berühre mich.
, 
Sie
, mein Herr, sind das Wesenloseste von Allem,
 Sie sind nichts als ein Traum.
Er streckte lachend seine Hand aus.

Ist das ein Traum? sagte er, indem er sie
 meinen Augen näherte. Er hatte eine muskulöse und 
kräftige Hand, sowie einen langen und starken Arm.
, Ja, obgleich ich sie berühre, so ist es doch ein T
raum, entgegnete ich, als er sie von meinem Gesicht entfernte.
, Mein Herr, haben Sie Ihr Abend
essen beendet?
, Ja, Johanna.
Ich klingelte und ließ das Geschirr hinaustragen.
 Als wir wieder allein waren, schürte ich das Feuer
 und setzte mich auf einen niedrigen Sessel zu den 
Füßen meines Herrn.
, Es ist beinahe Mitternacht, sagte ich.

, Ja, aber du wirst dich erinnern, Johanna, daß 
du mir versprochen hast, in der Nacht vor unserer Hochzeit mit mir zu wachen.
, Ich versprach es und will mein Versprechen
 halten, wenigstens auf eine oder zwei Stunden; es 
verlangt mich nicht, zu Bette zu gehen.
, Hast du alle deine Anordnungen vollendet?

, Ja. Herr.

, Und ich meinerseits ebenfalls, entgegnete er. 
, Ichs habe alle Geschäfte erledigt, und wir werden 
morgen, eine halbe Stunde nach unserer Rückkehr aus 
der Kirche, Thornfield verlassen.
, Sehr gut, Herr.

, Mit welchem seltsamen Lächeln begleitest du
 dieses sehr gut, Johanna! Was für einen rothen 
Fleck hast du auf jeder Wange! und wie seltsam
 schimmern deine Augen! Ist dir nicht wohl?
, Ich glaube, ich befinde mich wohl!

, Du glaubst! Was ist geschehen? -- Sage mir,
 wie dir um's Herz ist.
, Ich kann es nicht, Herr; keine Worte können 
Ihnen sagen, was ich fühle. Ich wollte, diese gegenwärtige Stunde endete nie, wer weiß, welches furchtbare Schicksal die nächste bringen mag?
, Das ist reine Hypochondrie, Johanna. Du bist
 übermäißig aufgeregt oder übermüdet.
, Fühlen Sie sich ruhig und glücklich, mein Herr?

, Ruhig? -- nein: aber glücklich im innersten
 Herzen.
Ich blickte zu ihm auf, um die Zeichen des
 Glückes in seitem Gesichte zu lesen, es war glühend.

, Schenke mir dein Vertrauen, Johanna, sagte 
er, befreie dein Gemüth von jeder Würde, die es
 drückt, indem du mich mit ihr bekannt machst. Was 
fürctest du? Daß ich kein guter Ehemann sein
 werde?
, Von einer solchen Befürchtung bin ich am wei
testen entfernt.
, Fürchtest du die neue Sphäre, in die du ein
treten, das neue Leben, zu welchem du übergehen
 sollst?
, Nein.

, Du setzest mich in Erstaunen, Johanna, dein 
Blick und Ton verletzen und verwirren mich. Ich
 verlange eine Erklärung.
, Nun, Herr, so hören Sie. Sie waren in der
 letzten Nacht vom Hause fern?
, Das weiß ich, und du erwähntest schon, daß
 etwas in meiner Abwesenheit geschehen sei -- wahr
scheinlich nichts von Wichtigkeit; aber es hat dich
 gestört. Laß es mich wissen. Hat Mistreß Fairfax 
vielleicht etwas gesagt? Oder hast du irgend ein Gespräch der Diener belauscht? Ist deine empfindliche
 Selbstachtung verletzt worden?
, Nein, Herr.

Es schlug zwölf Uhr -- ich wartete, bis die 
kleine Uhr im Zimmer aus geschlagen hatte, auch bis
 die tieferen Töne der großen Uhr in der Vorhalle
 verhallt waren. Dann begann ich:
, Gestern war ich den ganzen Tag sehr beschäftigt und sehr glücklich in meiner unaufhörlichen Geschäftigkeit, denn ich werde nicht von irgend einer
 Furcht vor meiner neuen Lebenssphäre oder dergleichen
 gequält. Vielmehr glaube ich, es muß etwas unendlich Glückseliges sein, mit Ihnen zu leben, weil ich 
Sie grenzenlos liebe. Nein, Herr -- keine Liebkosungen
 jetzt -- lassen Sie mich ungestört reden. Gestern ver
traute ich der Vorsehung und glaubte, Alles wirkte 
zu Ihrem und meinem Besten zusammen. Es war ein schöner Tag, wenn Sie sich dessen noch erinnern, die

Luft war ruhig, der Himmel ungetrübt, so daß ich wegen 
des glücklichen Verlaufs Ihrer Reise ohne Besorgnis
 sein durfte. Ich ging nach dem Thee eine Zeitlang
 auf dem Steinpflaster vor der Thür auf und ab,
 meine Gedanken weilten bei Ihnen und meine Phantasie führte mir Sie so lebhaft vor, daß ich kaum 
Ihre wirkliche Gegenwart entbehrte. Ich dachte an 
das Leben, welches vor mir lag, ich dachte auch an
 Ihr Leben, mein Herr, um so viel bewegter und 
reicher, als die Tiefen des Meeres es im Vergleiche
 mit dem Bache sind, der sich in dieses ergießt. Ich
 wunderte mich, wie die Moralisten diese Welt eine
 öde Wildnis nennen können; für mich war sie blühend 
wie ein Rosengarten. Bei Sonnenuntergang wurde
 die Luft kalt und der Himmel bewölkt; ich ging ins 
Haus. Sophie rief mich die Treppe hinauf, damit 
ich mein Hochzeitskleid ansehe, welches man gerade 
gebracht hatte. Und darunter fand ich in der Kiste
 Ihr Geschenk, den Schleier, den Sie in Ihrer fürst
lichen Verschwendung von London kommen ließen, ver
muthlich um mich, da ich keine Juwelen wollte, zu
 zwingen, doch etwas ebenso Kostbares zu tragen. Ich 
lächelte, als ich die Spitzen auseinander faltete, und 
dachte darüber nach, wie ich ihnen wegen Ihres ari
stokratischen Bemühens, Ihre bürgerliche Braut in die
 Attribute der Pairswürde zu kleiden, einen kleinen
 Streich spielen wollte. Ich nahm mir vor, Ihnen
 den viereckigen, ungestickten Blondenschleier zu zeigen, 
den ich selber zur Bedeckung meines niedrig geborenen
 Hauptes bestimmt hatte, und Sie zu fragen, ob der
selbe nicht gut genug sei für eine Braut, welche ihrem
 Gatten weder Schönheit, Vermögen, noch hohe Ver
bindungen zubringe. Ich sah deutlich Ihren Blick und 
hörte schon den stolzen Ausspruch, daß Sie nicht nöthig
 hätten, durch eine Heirat Ihren Reichthum zu ver
mehren oder Ihren Rang zu erhöhen.
, Wie gut hast du meine Gedanken errathen,
 kleine Hexe! fiel Herr Rochester ein, aber was fandest
 du noch weiter bei dem Schleier? Lag etwa Gift

oder ein Dolch dabei, daß du jetzt so traurig aus
siehst?
, Nein, nein, Herr, außer dem zarten und köstlichen
 Gewebe fand ich nichts als Fairfax Rochester's Stolz, 
und dieser erschreckte mich nicht, weil ich an den An
blick dieses Dämons schon gewöhnt bin. Aber, mein
 Herr, als es dunkel wurde, erhob sich der Wind; er 
blies gestern Abend nicht so heftig wie jetzt, sondern 
in einem klagenden, unheimlichen Tone, so daß ich 
wünschte, Sie wären zu Hause. Ich ging in dieses
 Zimmer, und der Anblick des leeren Stuhles und des 
feuerlosen Kamins machte mich frösteln. Als ich zu 
Bett gegangen war, konnte ich lange Zeit nicht schlafen
 -- eine ängstliche Aufregung hatte sich meiner be
mächtigt. Der Wind wehte noch stark und dazwischen
 glaubte ich ein dumpfes Wimmern zu vernehmen. Ob es im Hause oder draußen war, konnte ich Anfangs 
nicht unterscheiden, aber in Augenblicken, wo der 
Sturm schwieg, wurde es wieder unheimlich hörbar.
 Endlich glaubte ich zu entdecken, daß es ein Hund
 sei, der in der Ferne heule. Ich war froh, als es 
endlich aufhörte. Als ich einschlief, setzte sich in meinen
 Träumen der Gedanke an eine dunkle und stürmische
 Nacht fort. In völliger Dunkelheit und bei strömen
dem Regen fand ich mich auf einem mir unbekannten
 Wege; ich hatte ein kleines Kind bei mir, welches in
 meinen kalten Armen vor Frost bebte und jämmerlich 
wimmerte. Es kam mir vor, als wären Sie eine
 weite Strecke auf dem Wege vor mir; ich strengte
 jeden Nerv an, Sie einzuholen, und bemühte mich,
Ihren Namen zu rufen und Sie zu bitten, stillzustehen
 -- aber meine Bewegungen waren gelähmt und meine
 Stimme verhallte in unartikulirten Tönen, während 
Sie sich jeden Augenblick weiter und weiter von mir 
entfernten.
, Und diese Träume beschweren jetzt deinen Geist,
 wo ich doch in deiner Nähe bin, Johanna? Kleines
 nervöses Geschöpf! vergiß das eingebildete Leid und 
denke nur an das wirkliche Glück! Du sagtest, du

liebst mich, Johanna und diese Worte erstarben nicht
 in unartikulirten Tönen auf deinen Lippen. Ich hörte 
sie klar und deutlich -- vielleicht um einen Gedanken
 zu feierlich, aber lieblich wie Musik: , Ich halte es 
für etwas Herrliches, die Hoffnung zu haben, mit 
Ihnen zu leben, denn ich liebe Sie. Es ist seltsam
 aber dieser Ausspruch hat meine Brust schmerzlich 
durchdrungen. Und warum? Ich glaube, weil du 
einen so ernsten frommen Nachdruck hinein gelegt hast,
 und weil in dem Blicke, den du dabei zu mir aufschlugest, etwas wie ein erhabener Glaube zu mir
 sprach. Es ist, als umschwebe mich irgend ein Geist. 
Sieh böse aus, Johanna, du verstehst es ja so gut,
 nimm ein schlaues, ärgerliches Lächeln an; sage mir, 
du hassest mich -- reize und ärgere mich: thue Alles, 
nur mache mich nicht weich, ich möchte lieber zornig, 
als traurig gestimmt sein.
, Ich will Sie nach Herzenslust reizen und ärgern,
 wenn ich meine Erzählung beendigt habe.
, Ich glaubte, du hättest mir schon Alles gesagt,
 Johanna, und eben dieser Traum sei die Ursache 
deiner Schwermuth.
Ich schüttelte den Kopf.

, Was! hast du mir noch mehr zu sagen? fuhr 
er fort. Aber ich will nicht hoffen, deß es etwas
 Wichtiges ist. Ich sage dir vorher, daß ich ungläubig 
bin. Fahre fort.
Die Unruhe in seinen Mienen, die fast furchtsame 
Ungeduld seines Benehmens überraschte mich, aber 
ich fuhr fort:
, Ich hatte noch einen Traum, mein Herr, ich 
sah Thornfield Hall als eine öde Ruine, die Fledermäusen und Eulen zum Aufenthalt diente. Es war,
 als sei von der stattlichen Front nichts mehr übrig,
 als eine hohe, zerbröckelnde Mauer. Ich wanderte 
in einer mondhellen Nacht über den innern, mit Gras bewachsenen Raum, hier stolperte ich über einen
 Marmor-Kamin und dort über ein zerbrochenes
 Karnies. In einen Shawl gehüllt, trug ich noch

immer das unbekannte kleine Kind. Ich konnte es
 nirgends niederlegen; so ermüdet auch meine Arme
 waren, so sehr die Last mir das Weitergehen erschwerte, mußte ich es dennoch behalten. Ich hörte
 das Galoppiren eines Pferdes in der Ferne verhallen.
 Der Reiter waren Sie, dessen war ich gewiß, und ichwußte auch, daß Sie auf viele Jahre nach einem 
fremden Lande gingen. Ich klomm die zerbröckelnde 
Mauer mit wahnsinniger Hast hinauf, die Steine
 rollten unter meinen Füßen weg, die Epheuranken,
 die ich ergriff, gaben nach, das kleine Kind umklammerte erschrocken meinen Hals und erwürgte mich 
fast. Endlich erreichte ich die Höhe. Ich sah Sie
 auf dem weißen Wege wie einen schwarzen Punkt,
 der jeden Augenblick kleiner wurde. Der Wind wehte 
so stark, daß ich nicht stehen konnte. Ich setzte michauf den schmalen Mauerrand nieder und suchte das 
weinende Kind zum Schweigen zu bringen. Sie bogen
 um eine Ecke des Weges; ich beugte mich vor, um 
Sie noch einmal zu sehen. Da brach die Mauer zusammen, das Kind entglitt meinen Armen, ich verlor
 das Gleichgewicht, fiel und erwachte.
, Nun, Johannna, das ist doch Alles
?
, Bis jetzt ist es nur die Einleitung, mein Herr,
 die eigentliche Geschichte kommt noch. Als ich erwachte, wurden meine Augen von einem Lichtschimmer 
geblendet. Ich dachte, es sei schon Tag, aber ich 
hatte mich geirrt; es war nur das Licht einer Kerze.
 Diese stand auf dem Toilettentische, und die Thür des 
Schrankes, worin ich vor dem Schlafengehen mein
 Hochzeitskleid und meinen Schleier aufgehängt hatte,
 war offen. Ich hörte ein Rascheln dort und glaubte,
 es sei Sophie. , Was machen Sie da, Sophie? 
fragte ich. Niemand antwortete, aber eine Gestalt
 nahm das Licht, hielt es in die Höhe und betrachtete 
die Kleider, die an den Gestellen hingen. , Sophie!
 Sophie! rief ich wieder, doch Alles war still. Jetzt 
richtete ich mich im Bette auf und beugte mich vor. Zuerst bemächtigte sich Erstaunen meiner, dann Bestürzung und schließlich erstarrte mir das Blut fast in
 den Adern. Herr Rochester, es war nicht Sophie, es
 war nicht Lea, es war nicht Mistreß Fairfax -- nein,
 es war auch nicht jenes seltsame Weib, Gratia
 Poole.
, Es muß doch eine von ihnen gewesen sein, fiel 
mein Herr ein.
, Nein, Herr, die Gestalt, die vor mir stand, war
 mir in Thornfield Hall noch nie vor Augen gekommen; sie war mir gänzlich unbekannt.
, Beschreibe sie mir, Johanna.
, Es schien ein großes und starkes Weib mit
 dichtem, dunklem Haar, welches lang über ihren Rücken
 niederhing. Ich weiß nicht, welche Kleidung sie an
hatte, aber sie war weiß und eng.
, Sahst du ihr Gesicht?

, Anfangs nicht, denn sie wandte mir den Rücken 
zu, aber dann nahm sie meinen Schleier von seinem 
Platze, betrachtete ihn lange, warf ihn über ihren Kopf
 und besah sich im Spiegel, und dieser warf mir das Bild ihres Gesichts ganz deutlich zurück.
, Und wie erschien es dir?

, Furchtbar und gräßlich. -- O, Herr! nie sah
 ich solch' ein wildes Gesicht! Ich wollte, ich könnte 
das Rollen der rothen Augen und die fürchterlichen,
 aufgedunsenen, dunkeln Gesichtszüge vergessen!
, Aber Geister sind doch gewöhnlich blaß, Johanna.
, Dieser Geist war aber blauroth, die Lippen
 waren angeschwollen und dunkel, die Stirn gefurcht,
die schwarzen Augenbrauen hoch über die blutunterlaufenen Augen hinaufgezogen. Soll ich Ihnen sagen,
 woran die Gestalt mich erinnerte?
, Sage es.

, An das scheußliche Gespenst -- an den Vampyr.

, Ah! -- Und was that es weiter?

, Es nahm meinen Schleier von seinem gräßlichen 
Kopfe wieder herab, zerriß ihn in zwei Stücke, warf
 diese auf den Boden und trat mit den Füßen darauf.


, Und dann?
, Dann zog es den Fenstervorhang zurück und 
blickte hinaus. Vielleicht bemerkte es, daß der Tag
 anbrach, denn es nahm das Licht und schritt der 
Thür zu. Gerade an meinem Bette blieb die Gestalt 
stehen, das wild blickende Auge starrte mich an --- sie leuchtete mir ins Gesicht und löschte dann das 
Licht vor meinen Augen aus. Ich bemerkte, wie ihr
 gräßliches Gesicht dem meinigen immer näher kam;
 dann verlor ich das Bewußtsein, zum zweitenmal in 
meinem Leben wurde ich vor Schrecken ohnmächtig.
, Wer war bei dir, als du wieder zu dir kamst?

, Niemand, Herr; aber es war heller Tag. Ichstand auf und benetzte Kopf und Gesicht mit Wasser. 
Ich fühlte, daß ich zwar schwach, aber nicht krank
 war, und beschloß, Niemand als Ihnen etwas von
 dieser Erscheinung zu sagen. Nun geben Sie mir 
Auskunft, mein Herr, wer und was jenes Weib war?
, Die Ausgeburt deines aufgeregten Gehirns, das 
ist gewiß. Ich muß dich sorgsam hüten, mein Liebling, Nerven wie die deinigen bedürfen der größten
 Schonung.
, Nein, Herr, verlassen Sie sich darauf, meine Nerven
 waren nicht Schuld; was ich sah, war Wirklichkeit.
, Und deine früheren Träume, waren die auch 
wirklich? Ist Thornfield Hall eine Ruine? Bin ich 
durch unübersteigbare Schranken von dir getrennt? 
Verlasse ich dich ohne eine Thräne -- ohne einen Kuß 
-- ohne ein Wort?
, Noch nicht.

, Bin ich etwa im Begriff, es zu thun? -- Der
 Tag hat schon begonnen, der uns unauflöslich an
einander binden soll; und wenn wir erst vereint sind,
 soll dieser eingebildete Schrecken nicht wiederkehren,
 dafür stehe ich dir.
, Der eingebildete Schrecken, mein Herr! Ich
 wollte, ich könnnte ihn als solchen betrachten, ich wünschte
 es jetzt mehr als je, da auch Sie mir das Geheimnis
 dieses gräßlichen Besuches nicht erklären können.

, Und da ich es nicht erklären kann, Johanna, so muß es etwas Wesenloses gewesen sein.
, Aber, Herr, als ich diesen Morgen aufstand, mich im Zimmer umsah und im hellen Tageslicht Muth und Trost suchen wollte, da erblickte ich auf dem Teppich den von oben bis unten in zwei Stücke zerrissenen Schleier, der jede Verwechslung von Wirklichkeit und Traum ausschloß.
Ich beobachtete, wie Herr Rochester mit einem Schauder zusammenfuhr. Er schloß mich hastig in seine Arme und rief:
, Gott sei Dank, daß nur der Schleier beschädigt wurde, da ein schrecklicher Unhold sich in deiner Nähe befand!
Er athmete schnell und drückte mich so fest an sich, daß ich fast erstickte. Nach einem Schweigen von einigen Minuten fuhr er fort:
, Nun, Johanna, ich will dir Alles erklären, es war halb Traum, halb Wirklichkeit. Ich zweifle nicht daran, daß ein Weib in dein Zimmer eingedrungen ist, und dieses Weib muß Gratia Poole gewesen sein. Du nennst sie selber ein seltsames Wesen, und nach Allem, was du weißt, hast du Grund dazu; erinnere dich nur wie sie an mir und Mason handelte. Als du sie diese Nacht sahest, befandest du dich in einem Zustande zwischen Schlaf und Wachen und obendrein in einer fieberhaften Aufregung, in der sie dir als ein geisterhaftes Wesen erscheinen mußte. Das lange aufgelöste Haar, das aufgeschwollene dunkle Gesicht, die große Gestalt waren ein Spiel deiner Einbildungskraft, die Folge eines schweren Traumes; das boshafte Zerreißen des Schleiers war Wirklichkeit und ist ihr zuzutrauen. Ich sehe, du möchtest fragen, warum ich ein solches Weib im Hause dulde. Wenn wir ein Jahr verheiratet sind, will ich es dir sagen, aber nicht jetzt. Bist du zufriedengestellt, Johanna? Genügt dir meine Erklärung des Geheimnisses?
Ich sann einen Augenblick nach und dann schien mir seine Deutung die einzig mögliche Erklärung; beruhigter fühlte ich mich alledings, aber zufriedengestellt war ich nicht, obwohl ich ihm zu Gefallen mir den Anschein gab, als genüge mir seine Erklärung. Da es schon weit über ein Uhr war, so wollte ich ihn jetzt verlassen.
, Schläft nicht Sophie mit Adelen in der Kinderstube? fragte er, als ich mein Licht anzündete.
, Ja, Herr.
, Es wird in Adelens Bett noch Platz genug für dich sein. Du musst es für diese Nacht mit ihr theilen, Johanna. Kein Wunder, daß ein solcher Vorfall deine Nerven erschüttert hat, daher würde es mir lieb sein, wenn du nicht allein schliefest. Versprich mir, in die Kinderstube zu gehen.
, Ich werde es sehr gern thun, mein Herr.
, Und verriegle auch die Thür von innen. Wecke Sophie, wenn du hinaufkommst, als wolltest du ihr nur sagen, daß sie dich morgen bei guter Zeit ruft, denn du mußt vor acht Uhr angekleidet und mit dem Frühstück fertig sein. Und nun keine düsteren Gedanken mehr, Johanna. Hörst du nicht, wie der Sturm in ein sanftes Flüstern übergegangen ist? Der Regen schlägt nicht mehr an die Fensterscheiben. Sieh nur, fügte er hinzu, indem er den Vorhang aufhob, es ist eine liebliche Nacht geworden!
So war es. Der halbe Himmel war rein und heiter, die Wolken wurden von dem Winde, der sich nach Westen gedreht, hinweggetrieben, und zogen jetzt in langen silbernen Colonnen gegen Osten. Friedlich schien der Mond auf die Erde herab.
, Nun, Johanna, wie fühlst du dich jetzt? sagte Herr Rochester, mir fragend in die Augen blickend.
, Die Nacht ist heiter, mein Herr, und ich bin es auch.
, Und du wirst diese Nacht nicht von Trennung und Kummer träumen, sondern nur von glücklicher Liebe und seeliger Vereinigung!
Diese Weissagung erfüllte sich nur zur Hälfte. Ich träumte freilich nicht von Kummer, aber auch ebenso wenig von Freude, denn ich schlief gar nicht.

Die kleine Adele in meinen Armen, beobachtete ich den Schlummer der Kindheit -- so ruhig, leidenschaftslos und unschuldig -- und wartete auf den kommenden Tag; das Leben pulsierte mächtig in meinen Adern. Ich stand mit der Sonne auf. Adele hielt mich fest umklammert; ich küßte sie, als ich ihre kleinen Hände von meinem Nacken losmachte. Eine seltsame Rührung übermannte mich, ich brach in Thränen aus und mußte mich von ihrem Lager fortschleichen aus Furcht, mein Schluchzen möchte ihren Schlummer stören. Ich erblickte in ihr das Abbild meines früheren Lebens, und er, dem ich von heute an für immer angehören sollte, erschien mir als der fragwürdige, aber angebetet Inbegriff meiner künftigen Tage.

Sechsundzwanzigstes Capitel.
Sophie kam um sieben Uhr, mich anzukleiden; es währte sehr lange, ehe sie diese Arbeit vollendet hatte, so lange, daß Herr Rochester, der wahrscheinlich wegen meines Ausbleibens ungeduldig wurde, heraufschickte und fragen ließ, warum ich noch nicht käme. Sophie befestigte gerade meinen Schleier -- den einfachen, viereckigen Tüllschleier -- mit einer Nadel in meinem Haar, und ich entzog mich ihren Händen, sobald ich konnte.
, Warten Sie noch! rief sie in französischer Sprache. , Sehen Sie doch in den Spiegel, Sie haben noch keinen Blick hinein gethan.
Ich sah mich an der Thür um und erblickte eine geputzte und verschleierte Gestalt, so ungleich meiner gewöhnlichen Erscheinung, daß sie fast das Bild einer Fremden schien.
, Johanna! rief eine Stimme, und eilends lief ich hinunter. Am Fuß der Treppe wurde ich von Herrn Rochester empfangen.
, Du zögerst, sagte er, und mein Gehirn flammt vor Ungeduld!
Er führte mich in das Speisezimmer, sah mich von unten bis oben an und erklärte mich für schön wie eine Lilie, und nicht nur für den Stolz seines Lebens, sondern auch für die Weide seiner Augen. Dann sagte er, er könne mir nur zehn Minuten zum Frühstück lassen, und klingelte. Einer von seinen erst kürzlich neu angenommenen Dienern trat ein.
, Setzt John den Wagen in Stand?
, Ja, Herr.
, Ist das Gepäck schon herunter gebracht?
, Man bringt es soeben, Herr.
, Geh in die Küche und sieh nach, ob der Prediger Wood und der Kirchendiener da sind; dann kehre zurück und bringe mir Bescheid.
Wie der Leser sich erinnert, lag die Kirche gleich hinter dem Parkthor; der Diener war daher sehr bald wieder zurück.
, Herr Wood ist in der Sacristei, mein Herr, und legt sein Chorhemd an.
, Und der Wagen?
, Die Pferde werden eben angeschirrt.
, Wir brauchen den Wagen nicht zur Fahrt in die Kirche, aber im Augenblick, wo wir zurückkehren, muß er bereit und alles Gepäck aufgeladen sein.
, Sehr wohl, mein Herr.
, Johanna, bist du fertig?
Ich erhob mich. Wir hatten keinen Brautführer, keine Brautjungfern und keine Verwandten zu erwarten. Niemand, niemand, als Herr Rochester und ich. Miß Fairfax stand im Vorsaale, als wir vorübergingen. Ich hätte gern mit ihr gesprochen, aber Herr Rochester hielt meine Hand wie mit eisernen Fingern fest und zog mich so rasch fort, daß ich kaum folgen konnte. In seiner Miene las ich, daß er unter keinen Umständen eine Secunde des Aufschubes dulden würde. Ich hätte wissen mögen, ob wohl je ein Bräutigam so aussah, wie er -- so grimmig entschlossen, und ob jemals die Augen eines Mannes auf einem solchen Wege so energisch geblitzt und gefunkelt haben.

Ich weiß nicht, ob das Wetter gut oder schlecht war; als wir den Weg hinuntergingen, hatte ich weder für den Himmel noch für die Erde Augen. Meine ganze Gedankenwelt gehörte Herrn Rochester. Ich wollte das unsichtbare Wesen sehen, auf welches er seinen zornigen und grimmigen Blick zu richten schien. Ich wollte die Gedanken ergründen, gegen deren Gewalt er anzukämpfen schien.
Am Kirchhofsthore blieb er stehen und bemerkte, daß ich ganz außer Athem sei.
, Bin ich grausam in meiner Liebe? fragte er. , Warte einen Augenblick, stütze dich auf mich, Johanna.
Noch jetzt erinnere ich mich, wie das graue alte Gotteshaus sich still vor mir erhob, wie die Dohlen den Thurm umkreisten und jenseits der röthliche Morgenhimmel strahlte. Ich erinnere mich auch der grünen Grabhügel und habe nicht vergessen, wie die Gestalten von zwei Fremden unter ihnen umherwanderten und die Grabschriften auf den wenigen bemoosten Monumenten lasen. Sie fielen mir auf, weil ich bemerkte, daß sie hinter der Kirche verschwanden, sobald sie uns sahen, und ich zweifelte nicht, sie würden durch den Seitengang ertreten, um der Trauung beizuwohnen. Herr Rochester bemerkte die Fremden nicht; er blickte mir ernst ins Gesicht, aus dem wahrscheinlich auf einen Augenblick alles Blut gewichen war, denn ich fühlte, daß mir der Schweiß auf der Stirne stand und meine Wangen und Lippen eisig kalt wurden. Als ich mich wieder gefaßt hatte, was sehr bald geschah, ging er langsam mit mir auf dem Weg zur Kirchenthür hin.
Wir traten in den stillen und schlichten Tempel. Der Prediger wartete in seinem weißen Chorhemd an dem niedrigen Altar, und der Kirchendiener stand bei ihm. Die Bänke waren leer, nur zwei Schatten bewegten sich in einem entfernten Winkel. Meine Vermuthung traf also zu, die Fremden hatten sich vor uns eingeschlichen und standen jetzt vor dem Grabgewölbe der Familie Rochester, uns den Rücken wendend. Sie betrachteten durch das eiserne Gitter den alten Marmorstein, auf dem ein knieender Engel den Staub des zur Zeit der Bürgerkriege bei Marston Moore gefallenen Damer von Rochester und seiner Gattin Elisabeth bewachte.
Wir hatten unseren Platz vor dem Altar eingenommen, als ich leise Fußtritte hinter mir hörte. Ich sah mich um. Einer von den Fremden -- ein feiner Herr -- kam den Gagng herauf. Die Ceremonie begann. Die Erklärung der Bedeutung der Ehe war beendet. Jetzt trat der Priester einen Schritt vor, neigte sich ein wenig zu Herrn Rochester hun und fuhr fort:
, Bei dem Tage des Gerichtes, wo die Geheimnisse aller Herzen offenbar werden, fordere ich Sie Beide auf, mir zu antworten, ob Einem von Ihnen ein Hindernis bekannt ist, welches die gesetzliche Vollziehung dieser Ehe verbietet; denn eine eheliche Verbindung, die gegen Gottes Wort verstößt, ist nicht giltig.
Der Geistliche schwieg, wie es herkömmlich ist. Wann wird die Pause nach dieser Frage jemals durch eine Antwort unterbrochen? Vielleicht nicht einmal in hundert Jahren. Der Geistliche, der seine Augen nicht von seinem Buche erhoben hatte, streckte schon seine Hand gegen Herrn Rochester aus, öffnete seine Lippen und wollte fragen: ‚ Willst du dieses Mädchen hier zu deinem Weibe nehmen? -- als eine deutliche Stimme in der Nähe sprach:
, Die Trauung kann nicht stattfinden, ich erkläre, daß ein Hindernis verhanden ist.
Der Geistliche blickte zu dem Redenden auf und stand sprachlos da; ebenso der Kirchendiener. Herr Rochester war zusammengefahren, als rolle ein Erdbeben unter seinen Füßen hin; doch er richtete sich wieder auf, und sagte, ohne sich nach dem Störenfried umzublicken:
, Fahren Sie fort.

Ein tiefes Schweigen folgte diesen leise aber fest gesprochenen Worten. Herr Wood sagte nach einem Augenblick:
, Ich kann nicht fortfahren, ehe die Wahrheit oder Unrichtigkeit der Behauptung dargelegt worden ist.
, Die Ceremonie der Trauung kann nicht wieder aufgenommen werden, ließ sich die Stimme hinter uns abermals vernehmen. , Ich bin im Stande, meine Behauptung zu beweisen, daß dieser Verbindung ein unübersteigliches Hindernis im Wege steht.
Herr Rochester stand starr da und machte keine weitere Bewegung, als daß er meine Hand fest ergriff. Wie heiß waren seine Finger und wie marmorgleich war seine blasse, feste und massive Stirn in diesem Augenblick!
Herr Wood schien verlegen.
, Von welcher Art ist dieses Hindernis? fragte er. , Vielleicht kann es beseitigt werden.
, Wohl schwerlich, war die Antwort, ich habe das Hindernis ein unübersteigliches genannt und habe guten Grund dazu.
Der Sprechende trat vor, lehnte sich über die Einfassung des Altars und sprach jedes folgende Wort deutlich, ruhig, fest, aber nicht laut aus:
, Es besteht ganz einfach in dem Vorhandensein einer älteren Ehe; Herrn Rochester’s Frau ist noch am Leben.
Meine Nerven erbebten bei diesen Worten, wie ein Donnerschlag sie nie erschüttert hätte, doch war ich gefaßt und nicht in Gefahr, ohnmächtig zu werden. Ich sah Herrn Rochester an. Sein ganzes Auge war Funke und Feuerstein zugleich. Es schien, als wolle er Allem Trotz bieten. Ohne zu reden, umschlang er meine Taille mit seinem Arme und hielt mich so an seiner Seite fest.
, Wer sind Sie? fragte er den Fremden.
, Mein Name ist Briggs, ich bin Rechtsanwalt in London.

, Und Sie wollen mir ein Weib aufdringen?
, Ich will Sie nur an die Existenz Ihrer Gattin erinnern, die das Gesetz anerkennt, wenn Sie es nicht thun.
, Sagen Sie mir etwas Näheres von ihr -- ihren Namen, ihre Verwandtschaft, ihren Aufenthaltsort.
, Gewiß, antwortete Briggs ruhig, indem er ein Papier aus der Tasche zog und folgendes in officiellem Nasaltone vorlas:
, Ich behaupte und kann beweisen, daß am zwanzigsten October des Jahres -- jetzt vor fünfzehn Jahren -- Eduard Fairfax Rochester von Thornfield Hall in der Grafschaft N. in England mit meiner Schwester Bertha Antoinette Mason, der Tochter des Kaufmannes Jonas Mason und seiner Frau Antoinette, einer Kreolin, in der Kirche zu Spanish-Town auf Jamaica getraut wurde. Die Trauung findet sich in dem Register jener Kirche verzeichnet, und eine Abschrift davon ist gegenwärtig in meinem Besitze. Unterzeichnet: Richard Mason.
, Wenn das Document echt ist, so mag es beweisen, daß ich verheiratet war; doch beweist es nicht, daß die darin als meine Gattin genannte Frau noch am Leben ist.
, Sie lebte noch vor drei Monaten, entgegnete der Rechtsgelehrte.
, Wie wissen Sie das?
, Ich habe einen Zeugen, der die Thatsache bestätigen kann, dessen Zeugnis selbst Sie, mein Herr, schwerlich bestreiten werden.
, So stellen Sie ihn -- oder gehen Sie zum Teufel.
, Vorerst will ich ihn zur Stelle bringen -- er ist hier. Herr Mason, haben Sie die Güte vorzutreten.
Als Herr Rochester diesen Namen hörte, biß er die Zähne zusammen und ein convulsivisches Beben durchlief seinen Körper. So nahe wie ich ihm war, fühlte ich die krampfhafte Bewegung der Wuth oder

Verzweiflung, welche sich seiner bemächtigte. Der zweite Fremde, der sich bisher im Hintergrunde gehalten, näherte sich jetzt; ein blasses Gesicht sah über die Schulter des Anwalts -- ja es war Mason selber. Herr Rochester wendete sich um und starrte ihn an. Aus seinem Auge schien ein blutiges Licht zu schimmern; seine olivenfarbige Wange, seine blasse Stirn nahmen eine Glut an, als ob Flammen aus seinem Herzen aufstiegen. Er erhob seinen starken Arm und hätte Mason vielleicht zu Boden geschlagen und getödtet -- aber dieser fuhr mit dem matten Ausrufe: ‚ Allmächtiger Gott! zurück. Rochester’s Leidenschaft wich kalter Verachtung.
, Was haben Sie noch zu sagen? fragte er.
Eine unhörbare Antwort entfloh Mason’s blassen Lippen.
, Zum Teufel mit Ihnen, wenn Sie nicht deutlich antworten können. Ich frage noch einmal, was haben Sie zu sagen?
, Mein Herr -- mein Herr, fiel der Geistliche ein, vergessen Sie nicht, daß Sie an einem heiligen Orte sind.
Dann wendete er sich zu Mason und fragte sanft:
, Können Sie mir bestimmte Auskunft geben, ob die Frau dieses Herrn noch lebt oder nicht?
, Muth! sagte der Rechtsgelehrte zu seinem Clienten, reden Sie frei heraus.
, Sie lebt jetzt in Thornfield Hall, sagte Mason mit deutlicher Stimme. , Ich sah Sie zum letzten Mal im April. Ich bin Ihr Bruder.
, In Thornfield Hall! rief der Geistliche. , Unmöglich! ich wohne schon lange in dieser Gegend, mein Herr, und hörte noch nie von einer Mistreß Rochester in Thornfield Hall.
Ich sah wie ein grimmiges Lächeln Herrn Rochester’s Mund verzog.
, Nein -- bei Gott! murmelte er. , Ich trug Sorge, daß niemand unter diesem Namen von ihr hören sollte.
Er sann einige Minuten lang nach. Endlich hatte er einen Entschluß gefaßt und sagte:
, Genug -- genug, jetzt soll Alles auf einmal heraus, wie die Kugel aus dem Laufe. -- Wood, machen Sie Ihr Buch zu und legen Sie Ihr Chorhemd ab. John Green, wandte er sich an den Kirchdiener, verlassen Sie die Kirche! Es wird heute keine Trauung stattfinden. Der Mann that, wie ihm geheißen.
Herr Rochester fuhr kühn und unbeirrt fort:
, Bigamie ist ein häßliches Wort, und doch beabsichtige ich, dieses Verbrechen zu begehen -- aber das Schicksal oder die Vorsehung hat mich davon zurückgehalten -- vielleicht ist das Letztere das Richtige. Ich bin in diesem Augenblick wenig besser, als ein Teufel, und verdiene, wie mein Pastor dort sagen würde, ohne Zweifel das strengste Gericht Gottes -- das Feuer, welches nicht erlischt, die ewige Verdammnis. Meine Herren, mein Plan ist vernichtet! -- Was dieser Rechtsgelehrte und sein Client sagen, ist wahr, ich bin verheiratet, und das Weib, welches ich heiratete, ist am Leben! Sie sagten, Wood, Sie hätten nie von einer Mistreß Rochester in Thornfield Hall gehört; aber ohne Zweifel ist Ihnen längst ein Gerücht von einer geheimnisvollen Wahnsinnigen zu Ohren gekommen, die man dort bewacht. Einige werden Ihnen zugeflüstert haben, es sei meine unehelich geborene Schwester, Andere, meine verstoßene Geliebte -- ich sage Ihnen jetzt, es ist mein Weib, das ich vor fünfzehn Jahren heiratete -- Bertha Mason mit Namen, die Schwester dieses heldenhaften Mannes, dessen bebende Glieder und todtenblasse Wangen verkünden, welch’ ein muthiges Herz die Menschen haben können. Beruhigen Sie sich, Richard, fürchten Sie mich nicht, ich würde eher ein wehrloses Weib schlagen als Sie armen Kerl. Bertha Mason ist wahnsinnig, und stammt von einer wahnsinnigen Familie ab, von Wahnsinnigen und Tollen in drei Generationen!

Ihre Mutter, die Kreolin, war nicht nur wahnsinnig, sondern liebte auch den Trunk, was ich est erfuhr, nachdem ich die Tochter geheiratet hatte, denn man hatte vorher über Familienverhältnisse geschwiegen. Als gehorsames Kind ahmte Bertha ihrer Mutter in beiden Stücken nach. Sie können sich denken, was für ein glücklicher Gatte ich war! Welche köstlichen Scenen erlebte ich nicht! O! wenn Sie Alles das nur wüßten! Aber ich bin Ihnen keine weitere Erklärung schuldig, Briggs, Wood, Mason -- ich lade Sie ein, mit in mein Haus zu kommen und Mistreß Poole’s Patientin, meine Gattin, zu besuchen! -- Sie sollen sehen, welches Wesen zu heiraten man mich durch Betrug verlockt hat, und Sie sollen beurtheilen, ob ich ein Recht hatte oder nicht, einen solchen Vertrag zu brechen, um Trost und Frieden bei einem Wesen zu suchen, das wenigstens menschlich ist. Dieses Mädchen, fuhr er, den Blick auf mich richtend, fort, wußte nicht mehr als Sie, Wood, von dem traurigen Geheimnis; sie glaubte, Alles gehe redlich und gesetzlich zu, und ließ sich nie träumen, daß sie zu einer unrechtmäßigen Verbindung mit einem Betrogenen und Unglücklichen verlockt werde, der schon an ein verworfenes, wahnsinniges und thierisches Geschöpf gebunden ist! Kommen Sie Alle, und folgen Sie mir.
Mich noch festhaltend, verließ er die Kirche, und die drei Herren folgten. An der Hausthür hielt der Wagen.
, Fahre ihn nur wieder in den Schuppen, John, sagte Herr Rochester kalt, wir bedürfen seiner heute nicht.
Am Eingang kamen uns Mistreß Fairfax, Adele, Sophie und Lea engegen, um uns Glück zu wünschen.
, Zurück mit Euch Allen! rief der Herr. , Zum Henker mit Euren Glückwünschen! Wer bedarf ihrer? -- Ich nicht! -- sie kommen fünfzehn Jahre zu spät!
Er ging an den Frauen verüber, mich nich immer an der Hand führend, und winkte den Herren, ihm zu folgen. Wir stiegen die erste Treppe hinauf, gingen durch die Gallerie und begaben uns in das dritte Stockwerk. Die niedrige schwarze Thür, die Herrn Rochester’s Hauptschlüssel öffnete, führte in das tapezierte Zimmer mit dem großen Bette und dem Schranke mit dem kunstvollen Schnitzwerk.
, Sie kennen diesen Ort, Mason, sagte unser Führer, hier wurden Sie von ihr gebissen und verwundet.
Er hob die Vorhänge an der Wand empor, und es zeigte sich eine Thür, die er ebenfalls öffnete. In einem Zimmer ohne Fenster brannte ein Feuer, von einem hohen und starken Gitter umgeben, und eine Lampe hing an einer Kette von der Decke nieder. Gratia Poole neigte sich über das Feuer und schien etwas in einer Pfanne zu kochen. Im Hintergrunde des Zimmers lief eine Gestalt auf und ab. Ob es ein menschliches Wesen war, konnte man auf den ersten Blick nicht erkennen, es schien auf allen Vieren zu gehen und schrie wie ein wildes Thier; aber es war mit Kleidern angethan, und eine Masse dunkelgrauen Haares, wild wie eine Mähne, bedeckte den Kopf und das Gesicht.
, Guten Morgen, Mistreß Poole! sagte Herr Rochester. , Wie geht’s Ihnen, und wie steht’s heute mit Ihrer Kranken?
, Ganz erträglich mein Herr, ich danke Ihnen, versetzte Gratia, ihr kochendes Gericht sorgfältig vom Feuer hebend, etwas bissig, aber nicht tobsüchtig.
Ein wildes Geschrei schien diesen günstigen Bericht Lügen zu strafen; die bekleidete Hyäne erhob sich und stand groß auf ihren Hinterfüßen da.
, Ach Herr, rief Gratia, bleiben Sie lieber nicht da.
, Nur einige Augenblicke, Gratia; die müssen Sie mir gestatten.
, So nehmen Sie sich in Acht, Herr! -- um Gotteswillen, nehmen Sie sich in Acht!
Die Wahnsinnige brüllte, strich ihr struppiges Haar aus dem Gesicht und sah ihre Besucher wild an. Nur zu gut erkannte ich dieses blaurothe Gesicht, diese aufgedunsenen Züge wieder. Gratia Poole näherte sich ihr.
, Aus dem Wege, sagte Herr Rochester, sie auf die Seite schiebend, sie hat doch jetzt kein Messer? Ueberdies bin ich auf meiner Hut.
, Man kann nie wissen, was sie hat, Herr; keine menschliche Klugheit ist im Stande, ihre Hinterlist zu ergründen.
, Es ist besser, wir verlassen sie, flüsterte Mason.
, Geh zum Teufel! war seines Schwagers Rath.
, Jetzt nehmen Sie sich in Acht! rief Gratia.
Die drei Herren zogen sich zugleich zurück. Herr Rochester schleuderte mich hinter sich; die Wahnsinnige sprang auf ihn zu, umfaßte seinen Hals und fletschte die Zähne gegen sein Gesicht. Sie rangen mit einander. Sie war ein großes Weib, fast von gleicher Größe, wie ihr Mann, und überdies von kräftigen Gliedern. Bei dem Kampfe zeigte sie männliche Kraft -- mehr als einmal hätte sie ihn fast erwürgt, so stark er auch war. Er hätte sie mit einem Schlage zu Boden strecken können, aber er rang nur mit ihr. Endlich bemächtigte er sich ihrer Arme; Gratia Poole gab ihm einen Strick, womit er ihr die Hände auf dem Rücken zusammenschnürte, mit einem zweiten Stricke band er sie am Gitter des Kamins fest. Dies geschah unter wüthendsten Geschrei und krampfhaftester Gegenwehr. Dann wendete sich Herr Rochester zu den Zeugen der aufregenden Scene und sah diese mit bitterem Lächeln an.
, Das ist mein Weib! sagte er. , Dies ist die einzige Umarmung, die ich von meiner Gattin zu erwarten habe, dies sind die Liebkosungen, die mein Leben verschönern sollen! Und dies hier ist das, was mich beglücken könnte, fuhr er fort, indem er seine Hand auf meine Schulter legte, dieses junge Mädchen, welches so ernst und ruhig vor der Hölle steht und das Treiben eines Teufels mit ansieht. Wood und Briggs, seht den Unterschied an; vergleicht diese klaren Augen mit jenen rothen Feuerkugeln dort -- dieses menschliche Gesicht mit jener Teufelsmaske -- diese zierliche Gestalt mit jenem unförmlichen Klumpen; dann richtet mich, Priester des Evangeliums und Mann des Gesetzes, und erinnert Euch, daß man Euch mit demselben Maße, womit Ihr messet, wieder messen wird! Ich muß mein Kleinod nier verschließen.
Wir entfernten uns Alle. Herr Rochester blieb noch einen Augenblick zurück, um Gratia Poole einige Befehle zu geben. Der Rechtsgelehrte redete mich an, als wir die Treppe hinuntergingen.
, Sie, mein Fräulein, sind frei von aller Schuld, sagte er. Ihrem Oheim wird es lieb sein, dies zu hören, falls er noch am Leben ist, wenn Herr Mason nach Madeira zurückkehrt.
, Mein Oheim! was wissen Sie von ihm? Kennen Sie ihn?
, Herr Mason kennt ihn. Herr Eyre ist seit einigen Jahren der Correspondent seines Hauses. Als ihr Oheim Ihren Brief erhielt, worin Sie ihm Ihre beabsichtigte Verbindung mit Herrn Rochester ankündigten, war Herr Mason, der sich auf dem Wege nach Jamaica auf Madeira aufhielt, um seine Gesundheit wieder herzustellen, gerade bei ihm. Herr Eyre erwähnte der Nachricht von Ihrer Verlobung, denn er wußte, daß mein Client mit einem Herrn Namens Rocheser bekannt sei. Herr Mason, der wie Sie sich denken können, nicht wenig erstaunt war, entdeckte ihm den wahren Stand der Dinge. Ihr Oheim liegt jetzt leider auf dem Krankenbette, von dem er, da er die Auszehrung hat, wohl schwerlich wieder aufkommen dürfen. Er konnte also nicht selber nach England eilen, um Sie aus der Schlinge zu befreien, in die Sie gefallen, doch bat er Herrn Mason, keine Zeit zu verlieren, um die ungesetzliche Heirat zu verhindern. Er wies ihn an mich, um ihm Beistand zu leisten. Ich zögerte keinen Augenblick und freue mich, daß ich nicht zu spät gekommen bin. Wäre ich nicht überzeugt, daß Ihr Oheim gestorben sein wird, ehe Sie Madeira erreichen können, so würde ich Ihnen rathen, Herrn Mason zurückzubegleiten; so wie die Sache steht, halte ich es aber für besser, daß Sie in England bleiben, bis Sie etwas Näheres über Herrn Eyre hören. Haben wir noch sonst irgend etwas hier zu thun? fragte er Herrn Mason.
, Nein, nein -- lassen Sie uns gehen, war die ängstliche Antwort; und ohne von Herrn Rochester Abschied zu nehmen, verließen Beide das Haus. Der Geistliche blieb noch ein wenig länger, um einige Worte der Ermahnung an sein auf Abwege gerathenes Gemeindemitglied zu richten. Nach Erfüllung dieser Pflicht entfernte auch er sich.
Ich hörte ihn fortgehen, als ich in der halb offenen Thür meines Zimmers stand, wohin ich mich zurückgezogen hatte. Im Hause war es nun wieder ruhig geworden, ich schloß mich ein und verriegelte die Thür, damit Niemand mich stören solle. Ich war unter der Wucht des Erlebten noch so erstarrt, daß ich nicht zu weinen vermochte, sondern legte meschanisch meinen Brautstaat ab und zog mein wollenen Kleid wieder an, welches ich gestern, wie ich geglaubt zum letzten Mal getragen. Dann setzte ich mich nieder, aufs äußerste erschöpft und ermattet, stützte meine Arme auf den Tisch und ließ meinen Kopf darauf niedersinken. Jetzt erst vermochte ich wieder zu denken; bis dahin hatte ich nur gehört, gesehen, war hinauf- und hinuntergelaufen, wohin man mich geführt, hatte ein Ereignis nach dem anderen an mir vorübergehen und ein Geheimnis nach dem anderen sich lösen sehen -- aber jetzt war ich wieder Herr meines Denkens, war ich wieder ganz ich selber, ohne merkliche Veränderung. Nichts hatte mich betroffen, Niemand mich beschimpft oder beleidigt. Und doch, wo war die Johanna Eyre von gestern? -- wo waren ihre Hoffnungen?
Johanna Eyre, die ein liebendes und hoffnungsfreudiges Weib, ja fast eine Gattin gewesen, war wieder ein verlassenes, einsames Mädchen, ihr Leben war ohne Freuden, ihre Aussichten trostlos. Es war mitten im Sommer plötzlich Winter geworden; Rauhfrost lag auf den reifen Früchten, Schneelagen drückten die blühenden Rosen nieder; auf Heu- und Kornfeldern lag ein erstarrendes Leichentuch, Wege, die am letzten Abend noch von blühenden Gesträuchen und Blumen umgeben gewesen, waren jetzt vom Schnee verweht, und die Wälder, die noch vor zwölf Stunden in heiterem Grün prangten, standen öde und entlaubt. Alle meine Hoffnungen waren erstorben -- von einem tödtlichen Schlage getroffen, gleich dem, der in der Nacht die ganze Erstgeburt im Lande Aegypten tödtete. Ich sah auf meine theuersten Wünsche, die gestern noch so glühend waren, sie lagen da wie starre Leichen, die nie wieder aufleben konnten. Ich dachte an meine Liebe, jenes Gefühl, welches meinem Herrn gehörte, welches er geschaffen hatte; sie bebte in meinem Herzen; sie konnte Herrn Rochester’s Arme nicht mehr suchen, sie konnte keine Lebenswärme mehr an seiner Brust finden. O! nie konnte sie sich mehr zu ihm wenden, denn der Glaube war vernichtet, das Vertrauen zerstört! Herr Rochester war nicht mehr für mich, was er gewesen, denn er war nicht, wofür ich ihn gehalten. Ich wollte ihn keiner Schlechtigkeit beschuldigen; ich wollte nicht sagen, er habe mich betrogen, aber mit dem Gedanken an ihn verband ich nicht mehr das Attribut fleckenloser Wahrheit, und aus seiner Nähe mußte ich gehen, das sah ich wohl ein. Wann -- wie -- wohin? konnte ich noch nicht bestimmen; doch ich zweifelte nicht, er selber werde mich aus Thornfield weisen. Wahre Liebe, so schien es mir, konnte er nicht für mich empfinden; es war nur eine kurze, auflodernde Leidenschaft gewesen, dieser war ein Hindernis in den Weg getreten, und er bedurfte meiner nicht mehr. Jetzt mußte ich mich fürchten, ihm zu begegnen; mein Anblick mußte ihm verhaßt sein. O! wie blind war ich gewesen! wie schwach hatte ich gehandelt!

Meine Augen waren bedeckt und geschlossen, wirbelnde Finsternis schien mich zu umgeben; wie eine schwarze, stürmische Flut stürzten die Gedanken über mich her. Von mir selber verlassen, macht- und kraftlos, schien es mir, als läge ich in dem ausgetrockneten Bette eines großen Flusses, ich hörte eine Flut daherrauschen durch die fernen Gebirge und fühlte, wie der Strom herankam; aufzustehen hatte ich nicht den Willen, zu fliehen nicht die Kraft. Ohnmächtig lag ich da und wünschte nur, zu sterben. Nur noch ein Gedanke regte sich in mir -- die Erinnerung an Gott. Ich wollte beten: , Bleibe bei mir, o mein Gott, denn die Prüfung ist nahe und kein Helfer da! Aber die Worte verwirrten sich in meinem Geiste, und da ich keine Bitte zum Himmel erhob, die Prüfung abzuwenden, da ich weder meine Hände faltete, meine Knie beugte, noch meine Lippen bewegte, so kam die Prüfung, und in vollem, rauschendem Strome ergoß sich die wilde Flut über mich. Das ganze Bewußtsein meines verfehlten Lebens, meiner verlorenen Liebe, meiner erloschenen Hoffnung, meines vernichteten Glaubens strömte schonungslos über mich dahin. Jene bittere Stunde ist nicht zu beschreiben. Ich hatte allen Halt in der äußeren und inneren Welt verloren und war der Verzweiflung nahe.

Siebenundzwanzigstes Capitel.
Gegen Abend erhob ich meinen Kopf, sah um mich, bemerkte den röthlichen Schein der untergehenden Sonne an der Wand und fragte mich:
, Was soll ich thun?
Aber die Antwort, die mir meine Vernunft gab: , Verlaß Thornfield sogleich, -- war so bestimmt, so schrecklich, daß ich mir die Ohren zuhielt und mir sagte, ich könne diesen Gedanken jetzt nicht ertragen.
, Daß ich nicht Eduard Rochester’s Braut bin, ist der geringste Theil meines Leidens, sagte ich mir, daß ich aus den herrlichsten Träumen erwacht bin und sie alle eitel und trügerisch gefunden habe, ist schrecklich, aber ich kann es noch ertragen und überwinden; daß ich ihn jedoch augenblicklich und auf immer verlassen muß, ist entsetzlich. Ich vermag es nicht.
Dann aber sprach eine Stimme in mir, daß ich es doch könne und daß ich es thun würde. Ich rang mit meinem Entschlusse, ich hätte schwach sein mögen, um dem furchtbaren Entschlusse auszuweichen, zu dem ich mich aufraffen mußte.
, So mag ich denn untergehen! rief die Leidenschaft in mir, so mag mir nur Einer helfen!
, Nein, widersprach mein Gewissen, du sollst dich selbst überwinden; Niemand soll dir helfen, du sollst selbst dein rechtes Auge aufreißen, selbst deine rechte Hand abhauen, dein Herz soll das Opfer sein und du selbst die Priesterin, die es darbringt.
Ich erhob mich plötzlich, von Entsetzen fast gelähmt, als ein so unerbitterlicher Richter sich in mir hören ließ. Mein Kopf schwindelte, ich fühlte, daß ich vor Aufregung und Erschöpfung einer Ohnmacht nahe war, weder Speise noch Trank war an dem Tage über meine Lippen gekommen. Jetzt überdachte ich mit seltsamer Angst, daß man, so lange ich hier eingeschlossen gewesen, nicht geschickt hatte, um zu fragen, wie ich mich befinde, noch um mich einzuladen, hinunter zu gehen. Nicht einmal die kleine Adele hatte an die Thür geklopft, auch Mistreß Fairfax hatte mich nicht besucht.
, Stets vergessen die Freunde diejenigen, welche das Glück verläßt, murmelte ich, als ich den Riegel öffnete und hinausging. Ich stolperte über einen Gegenstand; mein Kopf war noch schwindelig, meine Augen trübe und meine Glieder schwach. Ich konnte mich nicht sogleich fassen, ich fiel aber nicht auf den Boden, ein ausgestreckter Arm fing mich auf. Ich blickte empor -- Rochester, der dicht vor meiner Thür auf einem Stuhle saß, stützte mich.

, Endlich kommst du heraus, sagte er. , Ich habe lange auf dich gewartet und an der Thüre gehorcht, doch keine Bewegung, kein Schluchzen habe ich gehört; noch fünf Minuten dieser Todtenstille und ich hätte das Schloß erbrochen, wie ein Räuber. Also du willst mir ausweichen? -- Du schließest dich ein und hängst allein deinem Kummer nach? Ich wollte lieber, du wärest gekommen und hättest mich heftig zur Rede gestellt. Du bist leidenschaftlich, er erwartete eine Scene der Art. Ich war darauf gefaßt, dich heiße Thränen vergießen zu sehen, nur hätte ich gewünscht, daß sie an meiner Brust geflossen wären. Aber du hast nicht geweint! Ich sehe eine bleiche Wange und ein mattes Auge, aber keine Spur von Thränen. Dein Herz hat also wohl kein Blut geweint?
Er schwieg einen Augenblick und fuhr dann fort:
, Nun, Johanna, kein Wort des Vorwurfs? Keine Bitterkeit -- kein Ausbruch der Leidenschaft -- keine Kränkung? Du sitzest ruhig da, wo ich dich hingesetzt habe, und siehst mich mit matten und leidendem Blicke an. -- Johanna, es war nicht meine Absicht, dich so zu verwunden. Wenn der Mann, der nur ein einziges kleines Lämmchen besaß, das ihm theuer war, wie eine Tochter, das von seinem Brote aß, aus seinem Becher trank und in seinem Schoße ruhte, es aus Versehen geschlachtet hätte, könnte er diesen blutigen Fehlgriff nicht schwerer bereuen, als ich den meinen bereue. Wirst du mir je vergeben?
Ich vergab ihm in dem Augenblicke und auf der Stelle. Es war so tiefe Reue in seinen Augen, so wahres Mitleid in seinem Tone, so männliche Energie und so unveränderliche Liebe in seinem ganzen Wesen, daß ich ihm Alles vergab, doch nicht in Worten, nur im Innersten meines Herzens.
, Du weißt, daß ich ein Schurke bin, Johanna? fragte er nach einer Pause bedeutungsvoll, wahrscheinlich verwundert über mein Schweigen und meine Ruhe, die mehr meiner Schwäche, als meinem Willen entsprang.
, Ja, Herr.
, Dann sage es mir offen und mit scharfen Worten -- schone meiner nicht.
, Ich kann es nicht, ich bin müde und krank. Ich möchte etwas Wasser haben.
Er stieß einen schweren Seufzer aus, faßte mich in seine Arme und trug mich die Treppe hinunter. Anfangs wußte ich nicht, in welches Zimmer er mich getragen; alles war trüb vor meinen umflorten Augen, bald aber empfand ich die belebende Wärme eines Feuers; denn wenn es gleich Sommer war, so war es doch eiskalt in meinem Zimmer geworden. Er hielt mir Wein an die Lippen von dem ich tank, dann aß ich etwas, was er mir anbot, und kam bald wieder zu Kräften. Ich befand mich im Bibliothekzimmer -- saß in seinem Sessel -- er war mir ganz nahe.
, Wenn ich jetzt ohne zu große Qual aus dem Leben scheiden könnte, so wäre es gut für mich, dachte ich, dann würde mir die harte Prüfung erspart bleiben, meinen Herzensnerv zu zerreißen, indem ich mich von dem seinigen lossage. Ich müßte ihn eigentlich verlassen, aber -- ich kann und will ihn nicht verlassen!
, Wie ist dir jetzt, Johanna?
, Viel besser, Herr; es wird mir bald ganz wohl sein.
, Koste von dem Wein noch einmal, Johanna.
Ich gehorchte ihm; dann setzte er das Glas auf den Tisch, stand vor mir und sah mich aufmerksam an. Plötzlich wendete er sich mit einem unartikulirten Ausruf voll leidenschaftlicher Aufregung ab, ging rasch durchs Zimmer, kehrte zurück und neigte sich zu mir nieder, als wollte er mich küssen; doch erinnerte ich mich, daß Liebkosungen jetzt nicht mehr am Platze seien, wendete mein Gesicht ab und schob das seinige zurück.
, Was! -- was soll das bedeuten? rief er hastig. , O! ich weiß, du willst Bertha Mason’s

Schatten nicht küssen, denkst, meine Liebkosungen und Umarmungen kämen einer Anderen zu?
, Auf jeden Fall habe ich keinen Anspruch darauf, mein Herr.
, Warum, Johanna? Ich will dir die Mühe des vielen Sprechens ersparen und für dich antworten -- weil ich schon ein Weib habe, willst du sagen. -- Ist meine Vermuthung richtig?
, Ja.
, Wenn du so denkst, mußt du mich als einen gemeinen und niedrigen Schuft betrachten, der uneigennützige Liebe geheuchelt hat, um dich in eine absichtlich gestellte Schlinge zu locken, dir die Ehre und die Selbstachtung zu rauben. Was sagst du dazu? Ich sehe, daß du nichts zu sagen weißt. Du kannst es noch nicht über dich gewinnen, mir eine so schwere Beschuldigung ins Gesicht zu schleudern, und fühlst dich nicht aufgelegt, mir Vorwürfe zu machen und eine Scene herbeizuführen. Du sagst dir, daß das Reden nutzlos ist, und du denkst darüber nach, wie du handeln sollst. -- Ich kenne dich -- ich bin auf meiner Hut.
, Mein Herr, ich denke nicht daran, gegen Sie zu handeln, sagte ich und vermochte nur mit Mühe, die Thränen zurückzuhalten.
, Nicht in deinem Sinne des Wortes -- aber in meinem, gedenkst du, mich zu Grunde zu richten. Du hast es ausgesprochen, daß ich ein verheirateter Mann bin; als einen verheirateten Mann wirst du mich meiden, mir aus dem Wege gehen. Du beabsichtigst, dich mir gänzlich zu entfremden und unter diesem Dache nur als Adelens Gouvernante zu leben. Wenn ich je ein freundliches Wort zu dir sage, wenn dich je wieder ein freundliches Gefühl für mich beschleicht, wirst du sagen: Dieser Mann hätte mich beinahe zu seiner Maitresse gemacht, für ihn darf ich keine wärmeren Gefühle mehr haben.
Ich suchte meine Stimme zu festigen und antwortete:
, Alles um mich her ist veändert, mein Herr; ich muß mich auch verändern -- daran ist nicht zu vorzubeugen und beständige Kämpfe mit Erinnerungen zu vermeiden, gibt es nur ein Mittel: Adele muß eine neue Gouvernante haben, mein Herr.
, O, Adele wird die Schule besuchen, das habe ich schon bestimmt, auch will ich dich nicht mit den grauenhaften Erinnerungen an Thornfield Hall quälen, an diesen verdammten Ort, an diese Hölle mit ihrem Teufel, der ärger ist, als eine Legion von denen, die in unserer Phantasie leben. -- Johanna, du sollst nicht hier bleiben, ich wollte das auch nicht. Ehe ich dich nur sah, befahl ich Allen hier im Hause, dir jede Kenntnis von dem Fluche dieses Ortes vorzuenthalten; ich fürchtete, nie eine Gouvernante für Adele zu finden, welche bleiben würde, wenn sie wüsste, mir wem sie unter einem Dach sei. Meine Pläne gestatteten mir nicht, die Wahnsinnige anderswohin zu bringen. Zwar besitz ich ein altes abgelegenes Haus namens Ferndean Manor, wo ich sie sicher genug hätte unterbringen können, und die ungesunde Lage mitten im Walde, wie die feuchten Wände würden mich bald genug von meiner Last befreit haben, aber mein Gewissen schreckte, so sehr ich jenes Scheusal auch hasse, vor einem indirecten Morde zurück. Die Nähe des wahnsinnigen Weibes vor dir zu verbergen, war indessen gerade so klug, als deckte man ein Kind mit einem Mantel zu und legte es unter einen Giftbaum; die Nachbarschaft jenes Dämons ist vergiftet, und war es stets. Aber ich will Thornfield Hall verschließen, ich will die große Einfahrt vernageln und die unteren Fenster vermauern lassen; ich will Mistreß Poole zweihundert Pfund jährlich geben, um hier mit meiner Gattin zu wohnen, wie du dieses furchtbare Geschöpf nennst. Gratia thut gar viel für Geld, und ihr Sohn, der Verwalter von Grimsby Retreat, wird ihr Gesellschaft leisten und ihr beistehen, wenn meine Gattin ihre Anfälle bekommt und von ihrem bösen

Dämon getrieben wird, die Leute Nachts in ihren Betten zu verbrennen, sie zu erstechen oder ihnen das Fleisch von den Knochen zu beißen.
, Mein Herr, unterbrach ich ihn, Sie haben kein Mitleid für jene unglückliche Frau, Sie reden mit Haß von ihr, mit rachsüchtigem Widerwillen. Das ist grausam -- sie kann nicht dafür, daß sie wahnsinnig ist.
, Johanna, mein kleiner Liebling (so will ich dich nennen, denn das bist du), du weißt nicht, was du redest, und verkennst mich schon wieder. Nicht weil sie wahnsinnig ist, hasse ich sie. Wenn du wahnsinnig würdest, glaubst du, daß ich dich hassen würde?
, Das glaube ich in der That, mein Herr.
, Da kennst du weder mich, noch die Gewalt der Liebe, deren ich fähig bin. Dein Geist ist mein Kleinod, und wenn er gestört wäre, würde er doch immer noch mein Kleinod sein. Wenn du wahnsinnig wärest, würden meine Arme dich umschließen, und nicht eine Zwangsjacke. Deine Berührung, selbst in der Tobsucht, würde einen Reiz für mich haben. Wenn du so wild auf mich losführest, wie jenes Weib diesen Morgen that, würde ich dich mit einer Umarmung empfangen, die wenigstens ebenso zärtlich als fest sein sollte. Ich würde nicht mit Abscheu vor dir zurückbeben, wie vor ihr; in deinen ruhigen Augenblicken solltest du keinen Wächter und keinen Krankenwärter haben, als mich. Ich könnte mich mit unermüdlicher Zärtlichkeit über dich neigen, wenn du mich auch mit keinem Lächeln erfreutest, und würde nicht ablassen, in deine Augen zu blicken, wenn sie auch keinen Strahl des Erkennens für mich mehr hätten. -- Aber warum verfolge ich diesen Ideengang? Ich sprach davon, dich von Thornfield wegzubringen. Du weißt, es ist Alles zur Abreise bereit. Ich bitte dich nur noch eine Nacht unter diesem Dache zu verweilen, Johanna; dann magst du auf immer dem Elend und Schrecken dieses

Hauses Lebewohl sagen! Ich weiß einen Ort, der gleich einem Heiligthum dich vor verhaßten Erinnerungen, vor unwillkommenen Besuchen und selbst vor Verleumdungen schützen wird.
, Und nehmen Sie Adele mit sich, fiel ich ein, sie wird eine passende Gesellschafterin für Sie sein.
, Was willst du damit sagen, Johanna? Ich sagte dir ja, ich wolle Adele in die Schule schicken, und was soll ich mit einem Kinde als Gesellschafterin? Und es ist noch nicht einmal mein eigenes Kind --sondern der Bastard einer französischen Tänzerin. Warum willst du mir Adelen zu meiner Gesellschafterin geben?
, Sie sprachen von einem zurückgezogenen Aufenthalte, mein Herr; Zurückgezogenheit und Einsamkeit sind langweilig -- viel zu langweilig für Sie.
, Einsamkeit! Einsamkeit! fuhr er auf. , Ich sehe, ich muß mich deutlicher erklären. Ich weiß nicht, welcher räthselhafte Ausdruck sich in deinem Gesichte zeigt. Du sollst meine Einsamkeit theilen. Verstehst du mich?
Ich schüttelte den Kopf, seiner heftigen Aufregung gegenüber bedurfte ich einigen Muthes, selbst dieses stumme Zeichen meiner abweichenden Ansicht zu wagen. Er war rasch im Zimmer auf- und abgegangen, blieb plötzlich wie eingewurzelt vor mir stehen und sah mich lange und fest an. Ich wendete meine Augen von ihm ab, richtete sie auf das Feuer und suchte mir ein ruhiges, gefaßtes Aeußere zu geben.
, Jetzt haben wir den Haken in Johanna’s Charakter, sagte er endlich in ruhigerem Thone, als ich nach seinen Blicken erwartet hatte. , Der Seidenhaspel hat sich bis dahin leicht und glatt gedreht; doch ich wußte im voraus, daß ein Knoten kommen würde, und da haben wir ihn nun. Jetzt kommt Aufregung und Erbitterung und endloser Kummer! Bei Gott! es verlangt mich, Simsons Stärke anzuwenden und die Fesseln wie Werg zu zerreißen!

Er setzte seinen Gang fort, blieb aber bald wieder vor mir stehen.
, Johanna! willst du auf vernünftige Gründe hören? fragte er, während er sich niederbeugte und seinen Mund meinem Ohr nahe brachte, wenn du es nicht willst, muß ich Gewalt anwenden.
Seine Stimme war heiser, sein Blick der eines Mannes, der im Begriff ist, eine unerträgliche Fessel zu sprengen. Ich sah, daß ich im nächsten Augenblicke, wenn sich seine Wuth noch mehr steigerte, nichts mehr mit ihm würde anfangen können; eine Geberde der Zurückweisung, des Abscheus oder der Furcht hätte mein Geschick und das seinige besiegelt. Aber ich fürchtete mich nicht; nicht im Geringsten. Ich fühlte eine innere Kraft, ich hatte das Bewußtsein der Herrschaft über ihn, was mich aufrecht hielt. Ich faßte seine geballte Hand, löste die krampfhaft zusammengezogenen Finger und sagte besänftigend:
, Setzen Sie sich nieder; ich will so lange mit Ihnen sprechen, wie Sie wollen, und Alles anhören, was Sie mir zu sagen haben, sei es nun vernünftig oder unvernünftig.
Er setzte sich, doch konnte er noch nicht sogleich reden. Ich hatte schon lange mit den Thränen gekämpft, da ich wußte, daß er mich nicht gerne weinen sah. Jetzt aber ließ ich ihnen freien Lauf. Wenn ihm die Thränenflut lästig war, umso besser.
Als er mich lebhaft bat, ich möge mich fassen, gab ich zur Antwort, ich könne es nicht, so lange er sich einer solchen Leidenschaft überlasse.
, Aber ich bin ja nicht zornig, meine Johanna; du hattest dein kleines bleiches Gesicht mit einem so entschlossenen und eisigen Blicke gestählt, daß ich es nicht ertragen konnte. Sei jetzt still und trockne deine Augen.
Seine besänftigte Stimme zeigte, daß er überwunden war; da wurde auch ich ruhig. Jetzt machte er den Versuch seinen Kopf an meine Schulter zu lehnen, aber ich wollte es ihm nicht gestatten.

, Johanna! Johanna! sagte er im Tone so bitterer Traurigkeit, daß es durch alle meine Nerven bebte, so liebst du mich also nicht? So war es also nur mein Stand und Rang, was du schätzest? Jetzt, da du mich für unfähig hältst, dich zu meiner Gattin zu machen, weichst du vor meiner Berührung zurück, als wäre ich eine giftige Kröte.
Diese Worte schnitten mir ins Herz. Vielleicht hätte ich nichts sagen sollen, doch wurde ich so gequält von der Reue, seine Gefühle verletzt zu haben, daß ich mich nicht enthalten konnte, Balsam in die von mir geschlagene Wunde zu tröpfeln.
, Ich liebe Sie mehr als je, sagte ich, aber ich darf mich dieser Empfindung nicht mehr hingeben; und dies ist auch das letzte Mal, daß ich ihr Worte verleihe.
, Das letzte Mal, Johanna! Was! Glaubst du, du könntest mit mir leben, mich täglich sehen, und doch, wenn du mich noch liebst, immer kalt und fremd gegen mich bleiben?
, Nein, mein Herr, das könnte ich allerdings nicht; und deshalb sehe ich nur einen einzigen Ausweg. Aber Sie werden wieder in Zorn gerathen, wenn ich ihn nenne.
, O, nenne ihn nur! wenn ich tobe und wüthe, so verstehst du hingegen die Kunst des Weinens.
, Herr Rochester, ich muß Sie verlassen. Ich muß Adele und Thornfield verlassen. Ich muß mich von Ihnen für mein ganzes Leben trennen; ich muß ein neues Dasein unter fremden Gesichtern und unter anderem Himmel beginnen.
, Natürlich, ich sagte dir ja, daß du es solltest. Auf den Wahnsinn, daß du dich von mir für immer trennen willst, gehe ich gar nicht erst ein. Aber was das neue Dasein betrifft, so hast du Recht. Du sollst dennoch mein Weib werden, ich bin nicht verheiratet. Du sollst Mistreß Rochester dem Namen und der That nach werden. Wir werden einander gehören, so lange wir Beide leben. Du sollst an einen Ort gehen, den

ich im südlichen Frankreich besitze, nach einer Villa an der Küste des mittelländischen Meeres. Dort sollst du ein glückliches, ein sicheres und unschuldiges Leben führen. Warum schüttelst du den Kopf? Johanna, du mußt vernünftig sein, oder ich komme wieder von Sinnen.
Seine Stimme bebte, seine Hand zitterte, seine Nasenflügel erweiterten sich, sein Auge sprühte Flammen; dennoch wagte ich zu reden.
, Mein Herr, Ihre Gattin lebt; dies ist eine Thatsache, die Sie diesen Morgen selbst anerkannten. Fragen Sie sich selbst, mit welchem Namen man das Verhältnis bezeichnen würde, wenn ich mit Ihnen zusammen lebte. Das Blut verließ seine Lippen, sie wurden todtenblaß; ich sah Unheil auf allen Seiten. Ihn so heftig aufzuregen durch einen Widerstand, der ihn so außer sich brachte, war grausam; von Nachgeben konnte meinerseits keine Rede sein. Ich that, was menschliche Wesen instinctmäßig thun, wenn sie zum Aeußersten getrieben werden -- ich erwartete Hilfe von einem höheren Wesen, und die Worte: ,Gott helfe mir! entflohen unwillkürlich meinen Lippen.
, Ich bin ein Thor! rief Rochester plötzlich. , Ich sage ihr immer, ich bin nicht verheiratet und erkläre ihr nicht, warum. Ich vergessen, daß sie nicht von dem Charakter jenes Weibes weiß, noch von den Umständen, die meine unglückliche Verbindung mit ihr begleiteten. O! ich bin gewiß, Johanna wird mit meiner Ansicht übereinstimmen, wenn sie alles weiß, was ich weiß! Lege deine Hand in die meinige, Hannchen, damit ich fühle, daß du mir nahe bist -- und ich will dir in wenigen Worten den wahren Stand der Dinge erklären. Willst du mich anhören?
, Ja, Herr, stundenlang, wenn Sie wünschen.
, Ich fordere nur Minuten, Johanna. hörtest du je, oder weißt du, daß ich nicht der älteste Sohn meines Hauses war, sondern einen älteren Bruder hatte?
, Ich erinnere mich, daß Mistreß Fairfax es mir einst sagte.
, Und hörtest du auch, daß mein Vater ein geiziger, habsüchtiger Mann war?
, Ich habe etwas davon vernommen.
, Weil er dies war, so wollte er die Besitzung zusammenhalten; er konnte den Gedanken nicht ertragen, sie zu theilen und mir ein schönes Erbe zu hinterlassen. Er beschloß, Alles solle meinem Bruder Roland zufallen. Da sich aber sein Familienstolz dagegen auflehnte, daß ein Rochester ein armer Teufel sein sollte, su mußte für mich durch eine reiche Heirat gesorgt werden. Er suchte mir bei Zeiten eine Partie aus. Herr Mason, ein westindischer Pflanzer und Kaufmann, war sein alter Bekannter, der ungeheure Besitzungen haben sollte. Durch Nachforschungen stellte mein Vater fest, daß Herr Mason einen Sohn und eine Tochter habe, und erfuhr überdies, daß die letztere eine Mitgift von dreißigtausend Pfund erhalten werde, und das reichte hin. Als ich die Universität verließ, wurde ich nach Jamaica geschickt, um eine Braut zu heiraten, um die man schon für mich geworben. Mein Vater sprach nicht von ihrem Gelde; aber er sagte mir, Miß Mason sei in Spanish-Town wegen ihrer Schönheit berühmt, und dies war keine Lüge. Ich fand ein Weib im Styl von Blanche Ingram; groß, dunkel und majestätisch. Ihre Familie wünschte sich meiner zu versichern, weil ich von gutem Herkommen war; und das wünschte auch die Tochter. Man zeigte sie mir in Gesellschaften, wo sie glänzend gekleidet war. Ich sah sie selten allein und hatte sehr wenig Gelegenheit, unter vier Augen mit ihr zu reden. Sie schmeichelte mir und entfaltete alle ihre Reize und Talente in reichlichstem Maße. Alle Männer in ihrem Kreise schienen sie zu bewundern und mich zu beneiden. Ich war geblendet und gereizt, meine Sinne waren aufgeregt. Unerfahren, unbekannt mit der Welt und mit meinem eigenen Herzen, glaubte ich sie zu lieben. Es gibt keine widersinnige Thorheit, wozu die tolle Rivalität der Gesellschaft, die Begierde, die Unbesonnenheit und Blindheit der Jugend einen Mann von meinem damaligen Alter nicht fortreißen könnten. Die Verwandten des Mädchens ermuthigten mich; Mitbewerber reizten mich; sie lockte mich an sich; die Trauung wurde vollzogen, fast ehe ich wußte, wo ich war. O! ich verliere allen Glauben an mich selbst, wenn ich daran denke -- eine Qual innerer Verachtung überwältigt mich. Ich liebte sie nie, ich achtete sie nicht, ich kannte sie kaum. Ich wußte von keiner einzigen Tugend ihres Charakters, ich hatte weder Bescheidenheit, noch Wohlwollen, noch Reinheit, noch Bildung in ihrem Geiste oder in ihren Sitten bemerkt -- und ich heiratete sie -- ich kurzsichtiger, erbärmlicher Dummkopf, der ich war! -- Die Mutter meiner Braut hatte ich nie gesehen, ich hörte, sie sei todt. Als die Flitterwochen vorüber waren, erfuhr ich, daß die Mutter wahnsinnig und in einem Irrenhause untergebracht sei. Es war noch ein jüngerer Bruder da, ein stummer, völliger Idiot. Der ältere wird einem ähnlichen Schicksale kaum entgehen. Du hast ihr hier gesehen, und wie sehr er auch meine Pläne durchkreuzt hat, so kann ich ihn doch nicht hassen, weil er eine Spur von Liebe in seinem schwachen Geiste hatte, die er in dem beständigen Antheil an seiner elenden Schwester und auch in der hündischen Anhänglichkeit für mich zeigte. Mein Vater und mein Bruder Roland waren mit allen diesen Verhältnissen bekannt, aber sie dachten nur an die dreißigtausend Pfund und ließen sich auf das Complott gegen mich ein. Dies waren traurige Entdeckungen; aber wären sie mir nicht so verrätherisch verheimlicht worden, so würde ich sie meinem Weibe nicht zum Vorwurfe gemacht haben, selbst dann nicht, als sich herausstellte, daß ihre Natur der meinigen gänzlich fremd, ihr Geschmack dem meinigen entgegengesetzt war, daß sie ohne Gemüth, von gemeiner, niedriger Gesinnung und gänzlich unfähig sei, sich zu etwas Höherem leiten, sich zu etwas Größerem erheben zu lassen. Ich fügte mich ergeben in mein Schicksal, als ich fand, daß ich keine einzige Stunde mit ihr in Behagen und Ruhe verbringen konnte, daß keine vernünftige Unterhaltung zwischen uns möglich sei, weil sie jedem Gesprächsgegenstand sofort eine rohe, gemeine Seite abzugewinnen wußte. Selbst als ich bemerkte, daß ich nie einen geordneten Haushalt haben würde, weil kein Diener der beständigen Ausbrüche ihrer heftigen Laune oder die Plackerei ihrer widersprechenden und gebieterischen Befehle ertragen wollte -- selbst da beherrschte ich mich noch, enthielt mich aller Vorwürfe und machte nur ruhige Gegenvorstellungen. Johanna, ich will dich nicht mit widerwärtigen Einzelheiten belästigen; einige Worte sollen ausdrücken, was ich zu sagen habe. Ich lebte mit jenem Weibe vier Jahre lang und ehe diese Zeit um war, entwickelte sich ihr Charakter mit furchtbarer Schnelligkeit; rasch und wild wuchsen ihre Laster auf, sie waren si mächtig, daß ich nur die grausamen Maßregeln sie hätten hemmen können; aber Grausam wollte ich nicht anwenden. Welch’ einen kleinen Geist und welche riesenhaften Begierden hatte sie! Wie furchtbar war der Fluch, unter welchem ich litt. Bertha Mason -- die würdige Tochter einer verworfenen Mutter – schleppte mich durch alle die scheußlichen und entehrenden Qualen, die ein Mann erdulden muß, der an ein leidenschaftliches Weib gebunden ist. Inzwischen war mein Bruder gestorben und nach Verlauf jener vier Jahre starb mein Vater auch. Ich war jetzt reich genug -- und doch hätte ich den Aermsten beneiden mögen, denn die roheste und verworfenste Natur war mit mir zusammengekettet und wurde vom Gesetze und von der Gesellschaft ein Theil von mir genannt. Ich konnte mich durch kein gesetzliches Verfahren von ihr befreien, denn die Aerzte entdeckten jetzt, daß mein Weib wahnsinnig sei -- ihre Ausschweifungen hatten frühzeitig die Keime des Wahnsinns entwickelt. -- Johanna, dir gefällt meine Erzählung nicht; du siehst fast krank aus -- soll ich das Uebrige auf einen anderen Tag verschieben?

, Nein, mein Herr, erzählen Sie zu Ende, ich bemitleide Sie -- bemitleide Sie aus tiefstem Herzen.
, Mitleid, Johanna, ist zuweilen ein trauriger und kränkender Tribut, wenn er von rohen und selbstsüchtigen Menschen dargebracht wird, welche damit Verachtung verbinden. Aber dein Mitleid, Johanna, gleicht jenem nicht; das Mitleid, welches deine Mienen ausdrücken, wovon deine Augen jetzt fast überfließen -- wovon deine Hand in der meinen zittert, ist die schmerzensreiche Mutter der Liebe. Ich nehme es an, Johanna.
, Nun was thaten Sie, als Sie fanden, daß sie wahnsinnig sei?
, Johanna, ich war dem Rande der Verzweiflung nahe, ein letzter Rest von Selbstachtung war Alles, was sich zwischen mich und den Abgrund stellte. Vor den Augen der Welt war ich mit schwerer Schande belastet, denn die Gesellschaft verband Namen und Person dieses Weibes mit mir, aber ich wollte vor meinen eigenen Augen rein sein, bis zum letzten Augenblick wehrte ich mich gegen die Besudelung mit ihren Verbrechen. Seit der Aerzte sie für wahnsinnig erklärt hatten, war sie natürlich eingeschlossen; indessen sah und hörte ich sie noch täglich, etwas von ihrem Athem (pfui!) mischte sich mit der Luft, die ich athmete; und überdies erinnerte ich mich, einst ihr Gatte gewesen zu sein -- diese Erinnerung war mir damals und ist mir noch jetzt unaussprechlich verhaßt. Ich wußte, daß ich, so lange ich lebte, nie der Gatte eines anderen und besseren Weibes werden könne, und obgleich fünf Jahre älter als ich -- ihre Familie und mein Vater hatten mich sogar hinsichtlich ihres Alters belogen -- konnte sie doch ebenso lange leben wie ich, da sie eben so kräftig an Körper als schwach an Geist war. So war ich im Alter von sechsundzwanzig Jahren aller Hoffnungen beraubt. Eines Nachts wurde ich durch ihr Geschrei erweckt. Es war eine glühende westindische Nacht; wie sie häufig einem Orkane in jener Zone vorhergehen. Da ich nicht schlafen konnte, so stand ich auf und öffnete das Fenster. Die Luft glich Schwefeldämpfen -- ich konnte nirgends Erfrischung finden. Mosquitos kamen hereingeflogen und summten durchs Zimmer; die nahe See brauste dumpf wie ein Erdbeben, schwarze Wolken stiegen empor, der Mond ging groß und roth, gleich einer glühenden Kanonkugel, in den Wolken unter und warf seinen letzten blutigrothen Schimmer über eine Welt hin, welche unter dem Gähren eines Ungewitters erbebte. Die Atmosphäre und die Scene übten einen physischen Einfluß auf mich und dabei gellten in meinen Ohren die Wuthschreie, welche die Wahnsinnige fortwährend ausstieß. Meinen Namen brültte sie in einem dämonischen Hasse und fügte ihm furchtbare Worte hinzu. Das gesunkenste Weib bedient sich nicht so gemeiner Ausdrücke, wie sie deren stets im Munde führte. Obgleich zwei Zimmer weit entfernt, drang doch durch die dünnen Scheidewände des westindischen Hauses jedes Wort zu mir. , Dieses Leben, sagte ich endlich, ist eine Hölle! Ich habe ein Recht, mich davon zu befreien. Mit der westindischen Hülle, in welche meine Seele gebannt ist, werde ich das Leiden dieses Lebens amstreifen. Vor der ewigen Hölle des Fanatikers fürchte ich mich nicht, es gibt keinen künftigen Zustand, der schlimmer ist, als der gegenwärtige -- ich will mich losreißen und heimgehen zu Gott! -- Ich sagte dies, während ich niederkniete und einen Kasten aufschloß, der ein Paar geladene Pistolen enthielt; ich wollte mich erschießen. Aber die Krisis ver völligen Verzweiflung, die den Wunsch der Selbstvernichtung in mir hervorgerufen hatte, ging in einer Secunde vorüber. Ein frischer Ostwind blies von Europa her über den Ocean und rauschte durch das offene Fenster herein; der Sturm brach los, es donnerte und blitzte, und als das Unwetter vorüber war, begab ich mich hinab, um die reine Luft in tiefen Zügen einzuathmen. Während ich unter den triefenden Orangenbäumen in meinem nassen Garten umherging, während das glühende

Morgenroth der südlichen Zone mich umleuchtete, der liebliche Wind von Europa her in den erfrischten Blättern flüsterte und das Atlantische Meer in erhabener Freiheit donnerte, schwoll mein seit langer Zeit vertrocknetes und verschrumpftes Herz wieder auf und füllte sich mit frischem Blute. Mein ganzes Ich verlangte nach Wiedergeburt, meine Seele dürstet nach einem reinen Trunke. Neue Hoffnung begann mich zu beleben. Von meiner mit Blumen bewachsenen Laube im Hintergrunde meines Gartens aus überschaute ich das tiefblaue Meer. Da drüben lag die alte Welt und klare Aussichten öffneten sich. Geh, sagte die Hoffnung, und lebe wieder in Europa; dort ist es nicht bekannt, welche gemeine Last dir augebürdet worden ist. Du kannst die Wahnsinnige mit dir nach England nehmen und sie unter gehöriger Aufsicht in Thornfield einschließen. Dann kannst du reisen, wohin du willst und ein neues Band knüpfen, welches dich glücklicher macht. Jenes Weib, welches unsägliches Leiden über dich gebracht, deinen Namen befleckt, deine Ehre verletzt, deine Jugend verkümmert hat -- ist weder dein Weib, noch bist du ihr Gatte. Sorge für sie, wie ihre Lage es erheischt, und du hast Alles gethan, was Gott und die Menschlichkeit von dir fordern. Ihre Herkunft und ihre Verbindung mit dir sei in Vergessenheit begraben, du bist nicht verpflichtet, diese Dinge irgend einem lebenden Wesen mitzutheilen. Bringe sie in Sicherheit, wo es ihr an nichts fehlt, umgib ihre Verworfenheit mit dem Schleier des Geheimnisses und verlasse sie.
Ich handelte genau nach dieser Eingebung. Mein Vater und Bruder hatten in ihren Bekanntenkreisen nichts von meiner Heirat verlauten lassen. Darum hatte ich sie schon in dem Briefe gebeten, worin ich ihnen meine vollzogene Verbindung mittheilte; denn bereits begann ich den äußersten Widerwillen zu empfinden und die Zukunft zu ahnen, welche die Gemüthsart meines Weibes und ihre erbliche Veranlagung mir eröffneten. Sehr bald war die schmachvolle Aufführung des Weibes, welches mein Vater für mich gewählt hatte, von der Art, daß er sich schämte, sie als seine Schwiegertochter anzuerkennen. Weit entfernt davon, die Verbindung bekannt zu machen, wünschte er ebenso sehr, wie ich, sie zu verheimlichen. Ich brachte mein Weib also nach England. Es war eine furchtbare Reise, die ich mit diesem Ungeheuer auf dem Schiffe durchmachen mußte. Froh war ich, als ich sie endlich nach Thornfield gebracht hatte und sie sicher in jenem Zimmer im dritten Stocke einquartirt sah, welches sie in den zehn Jahren ihres dortigen Aufenthaltes in die Höhle eines wilden Thieres umgewandelt hat. Es kostete mich einige Mühe, eine Dienerin für sie zu finden, auf deren Treue man sich verlassen konnte; denn in ihrem Wahnsinne blieb ihr bewußt, daß ich ihr Gatte sei und überdies hatte sie tagelang -- ja zuweilen Wochen hindurch -- lichte Momente, die sie damit ausfüllte, auf mich zu schimpfen. Endlich gelang es mir, Gratia Poole aus Grimsby Retreat zu engagiren. Sie und der Wundarzt Carter, der Mason’s Wunden verband, als er gestochen und gewürgt worden war, sind die Einzigen, die ich in mein Geheimnis eingeweiht habe. Mistreß Fairfax mag freilich etwas geargwöhnt haben, doch konnte sie keine Gewißheit über die Thatsachen erhalten. Gratia hat sich im Ganzen als eine gute Wärterin gezeigt, obgleich infolge einer Schwäche, von welcher nichts sie zu heilen vermag und die jedenfalls von ihrem entsetzlichen Berufe herrührt, ihre Wachsamkeit mehr als einmal getäuscht und eingeschläfert worden ist. Die Wahnsinnige ist zugleich listig und boshaft; sie hat die zeitweilige Nachlässigkeit ihrer Wächterin zu benutzen gewußt, einmal um sich des Messers zu bemächtigen, womit sie nach ihrem Bruder gestochen, und zweimal wußte sie sich den Schlüssel ihrer Zelle zu verschaffen, um bei Nachtzeit aus derselben zu entweichen. Das erste Mal versuchte sie, mich in meinem Bette zu verbrennen; das zweite Mal machte sie dir jenen gräßlichen Besuch. Ich danke

Der Vorsehung, die dich überwachte, daß die ihre Wuth nur an deinem Brautschleier ausließ, welcher vielleicht undeutliche Erinnerungen an ihren eigenen Hochzeitstag in ihr erweckte; aber ich wage nicht auszudenken, was möglicherweise hätte geschehen können. Wenn ich mir das Geschöpf denke, welches mir diesen Morgen an die Kehle fuhr, wie es sein schwarzblaues blutrünstiges Gesicht über das Nest meiner süßen Taube neigte, so gerinnt mir das Blut in den Adern --
, Und was thaten Sie, mein Herr, fragte ich, während er schwieg, was thaten Sie, als Sie sie hier untergebracht hatten?
, Ich besuchte das Festland und durchzog auf den wildesten Kreuz- und Querzügen alle Länder desselben. Mein fester Entschluß war, ein gutes und verständiges Weib zu suchen, welches ich lieben könnte, den Gegensatz zu der Furie, die ich Thornfield zurückgelassen --
, Aber Sie konnten ja nicht heiraten, mein Herr.
, Ich war überzeugt, daß ich es könne und dürfe. Es war nicht meine ursprüngliche Absicht zu täuschen, wie ich dich getäuscht habe. Ich wollte meine Geschichte offen erzählen, und es erschien mir si durchaus vernünftig, daß man mich für berechtigt ansehen werde, zu lieben und geliebt zu werden, daß ich niemals zweifelte, es werde sich ein Weib bereit finden, meine Lage zu verstehen und meinen Antrag anzunehmen, trotz des Fluches, womit ich belastet war.
, Und dann, mein Herr?
, Sage mir, was du mit deinem , und dann, mein Herr? meinst?
, Ob Sie eine fanden, die Ihnen gefiel; ob Sie sie baten, Sie zu heiraten, und was sie sagte?
, Ob ich eine gefunden, die mir gefiel, und ob ich sie gebeten, mich zu heiraten, da kann ich dir sagen, aber was sie antwortete, das steht noch im Buche des Schicksals. Zehn lange Jahre schweifte ich umher, lebte bald in der einen Hauptstadt, bald in der anderen; zuweilen in Petersburg, öfter in Paris, zuweilen in Rom, Neapel und Florenz. Ich suchte mein Ideal unter englischen Ladies, französischen Comtessen, italienischen Signoras und deutschen Gräfinnen. Ich konnte es nicht finden. Zuweilen glaubte ich einen Blick zu erhaschen, einen Ton zu hören, eine Gestalt zu sehen, die mir die Verwirklichung meines Traumes verhieß, aber ich wurde sogleich wieder enttäuscht. Du darfst jedoch nicht glauben, daß ich Vollkommenheit des Geistes oder der Person forderte, ich sehnte mich nur nach dem, was mir sympatisch war -- nach dem entschiedenen Gegensatz der Creolin. Durch meine bittere Erfahrung vor unpassenden Verbindungen gewarnt, fand ich nicht eine einzige, die ich, wäre ich auch frei gewesen, hätte auffordern können, mich zu heiraten. Enttäuschung macht mich wild und ruhelos. Ich gab mich der Zerstreuung, jedoch niemals Ausschweifungen hin, denn diese waren der Fluch meiner westindischen Messaline gewesen und der eingewurzelte Abscheu vor diesem entsetzlichen Beispiele hat mich stets davor beschützt. Jeder Genuß, der an Ausschweifung grenzte, schien mich ihr und ihren Lastern nahe zu bringen, und deshalb mied ich derartiges. Doch konnte ich nicht allein leben und so versuchte ich es mit der Gesellschaft von Celine Varens -- abermals einer von den Schritten, welche einen Mann in seiner Selbstachtung herabsetzen müssen, wenn er sich ihrer erinnert. Du weißt bereits, wie meine Verbindung mir ihr endete und wie ich die Erinnerung an die Zeit meines Zusammenlebens mit ihr hasse. Aber laß’ mich zur Sache kommen. Im letzten Januar kehrte ich, um dringende Geschäfte zu erledigen, nach England zurück. Ich befand mich in einer verbitterten Gemüthsstimmung, welche die Folge eines nutzlosen, unstäten und dabei einsamen Lebens war. Die erlittenen Täuschungen hatten mich gegen das ganze Weibliche Geschlecht aufgebracht, denn ich begann den Besitz eines verständigen, treuen, liebenden Weibes für ein unerreichbares Phantasiebild zu halten.

An einem kalten Winternachmittage näherte ich mich Thornfield Hall. Verhaßter Ort! mich erwartete kein Frieden, keine Freude dort. Auf einem Stege in Haylane sah ich eine stille kleine Gestalt sitzen. Ich ritt so nachlässig daran vorüber, wie an der abgestutzten Weide auf der anderen Seite, ich hatte keine Ahnung, was sie für mich sein werde, kein Vorgefühl, daß sie als Schiedrichterin über Leben und Tod, mein guter oder böser Geist, dort in einfacher Kleidung auf mich warte. Ich wußte es nicht, selbst als sie mir bei meinem Anfall Hilfe anbot. Ein kindliches und zartgebautes Geschöpf! Es schien mir, als sei ein Hänfling zu meinen Füßen hingehüpft und hätte mir angeboten, mich auf seinen schwachen Flügeln zu tragen. Ich war mürrisch, aber das Wesen stand mit seltsamer Beharrlichkeit neben mir und blickte und sprach mit einer gewissen Ueberlegenheit. Ich mußte mir helfen lassen, und zwar von jener Hand; und sie half mir auch. Als ich mich auf die schwache Schulter gestützt hatte, schlich sich etwas Neues in mein Empfinden -- ein anderes Blut durchfloß meine Adern. Er war gut, daß ich erfahren hatte, diese Fee müsse zu mir zurückkehren, sie gehöre zu meinem Hause dort unten -- sonst hätte ich sie nicht ohne ein seltsames Bedauern unter meiner Hand weggleiten und hinter der düsteren Hecke verschwinden sehen können. Ich hörte, wie du an jenem Abend heimkamst, Johanna, obgleich du wahrscheinlich nicht ahntest, daß ich an dich dachte oder auf deine Rückkehr wartete. Am nächsten Tage beobachtete ich dich, von dir selbst ungesehen, eine halbe Stunde lang, während du mit Adelen in der Gallerie spieltest. Es war ein Schneegestöber, wie ich mich erinnere, und ihr konntet nicht ins Freie gehen. Ich war in meinem Zimmer, die Thür war nur angelehnt, ich konnte horchen und beobachten. Adele nahm deine äußere Aufmerksamkeit auf eine Weile in Anspruch; doch ich bildete mir ein, daß deine Gedanken anderswo waren. Als sie dich endlich verließ, versankest du in eine tiefe Träumerei und begannst langsam in der Gallerie auf- und abzugehen. Von Zeit zu Zeit, wenn du an einem Fenster vorüberkamst, blicktest auf den seufzenden Wind und wieder gingst du dann leise und träumerisch hin und her. Ich glaube, jene Träume mit offenen Augen waren nicht düster, es war zuweilen ein freudiges Aufleuchten in deinem Anlitz zu bemerken, eine sanfte Aufregung in deinem ganzen Wesen, die sein hypochondrisches Brüten verrieth. Dein Blick zeigte vielmehr das süße Sinnen der Jugend, wenn der Geist auf willigen Schwingen dem Fluge der Hoffnung zu einem idealen Himmel folgt. Die Stimme der Mistreß Fairfax, die in der Vorhalle mit einer Dienerin sprach, erweckte dich, und um deinen Mund erschien ein eigenthümliches Lächeln, welches über deine eigene Zerstreutheit zu spötteln und zu sagen schien: , Meine schönen Traumbilder sind alle sehr gut, aber ich darf nicht vergessen, daß sie durchaus wesenlos sind. Ich habe einen rosigen Himmel und ein grünes, blumenreiches Eden in meinem Gehirn, aber draußen, das sehe ich wohl, liegt ein rauer Pfad, über den ich wandern muß. Ungeduldig erwartete ich den Abend, wo ich dich zu mir rufen konnte. Ich vermuthe, daß dein Charakter ein ein ungewöhnlicher, für mich völlig neuer sei, ich wünschte ihn zu prüfen und näher kennen zu lernen. Du tratest mit scheuem Blick ins Zimmer, du warst zierlich gekleidet, fast so wie jetzt. ich zog dich in ein Gespräch und fand bald seltsame Widersprüche an dir heraus. Deine Kleidung und dein Benehmen waren einer gewissen Regel unterworfen; deine Miene war oft mißtrauisch, aber sie verrieth ein Wesen von höherer Natur, welches nur nicht an die Gesellschaft gewöhnt und sehr ängstlich war, sich auf unvortheilhafte Weise durch irgend ein Versehen bloßzustellen. Doch als du angeredet wurdest, erhobst du ein lebhaftes, kühnes und glühendes Auge, es lag Scharfsinn und Kraft in jedem deiner Blicke. Wenn man bestimmte Fragen

an dich richtete, fandest du sogleich passende Antworten. Sehr bald schienst du dich an mich zu gewöhnen, ich glaube, du fühltest, daß zwischen dir und deinem trotzigen und gebieterischen Herrn ein symbolischer Berührungspunkt bestand; denn es war erstaunlich zu sehen, wie schnell eine gewisse angenehme Ruhe in dein Wesen einkehrte. Ich mochte brummen, wie ich wollte, du zeigtest keine Ueberraschung, Furcht, Aerger oder Mißfallen, du beobachtest mich, du lächeltest zuweilen über mich mit einer verständnisvollen Anmuth, die ich nicht beschreiben kann.
Ich war zufrieden mit dem, was ich sah, und wurde davon angeregt; ich wünschte mehr zu sehen, doch lange Zeit behandelte ich dich kalt und suchte nur selten deine Gesellschaft. Die Furcht beunruhigte mich, dazs die Blüthe verwelken möchte, wenn ich die Blume zu frei berührte -- daß der süße Reiz der Frische sie verlassen könnte. Ich wußte damals ja noch nicht, daß die Blüthe keine vergängliche, sondern aus einem unzerstörbaren Edelstein geschnitten sei. Ueberdies wünschte ich zu sehen, ab du mich aufsuchen würdest, wenn ich dich vermiede -- aber du thatest es nicht; du hieltest dich in deinem Schulzimmer so ruhig, wie dein Schreibpult und deine Staffelei. Wenn ich dir zufällig begegnete, gingst du schnell an mir vorüber und mit so geringen Zeichen des Erkennens, als sich nur immer mit dem Respect vertrug. Dein gewöhnlicher Ausdruck in jenen Tagen, Johanna, war ein gedankenvoller Blick; nicht trostlos, aber auch nicht freudvoll, denn du hattest wenig Hoffnung und kein wirkliches Vergnügen.
Ich war begierig zu wissen, was du von mir dächtest -- oder ob du überhaupt an mich dächtest. Um dies zu ergründen, beschäftigte ich mich wieder mehr mit dir. Es lag etwas frohes in deinem Blicke und in deinem Wesen, wenn du dich unterhieltest, ich sah, daß dein Gemüth der Gesellschaft zugänglich war, während die stille Schulstube und die Langeweile deiner Lebensweise dich traurig stimmten. Ich gestattete mir die Wonne, freundlich gegen dich zu sein; dein Gesicht nahm einen sanften Ausdruck an, deine Sprache wurde milde; ich hörte meinen Namen gern von deinen Lippen mit dankbarem, frohem Ausdruck ausgesprochen. Ich wußte es einzurichten, daß ich oft wie durch Zufall mit dir zusammentraf; es lag ein seltsames Zaudern in deinem Wesen, du sahst mich mit Unruhe und Zweifel an, du wußtest nicht, welcher Art gerade meine Laune sein möchte -- ob ich den strengen Herrn oder den wohlwollenden Freund spielen wollte. Ich war damals schon zu sehr für dich eingenommen, um meine herrische Seite oft herauskehren zu können, und wenn ich vertraulich meine Hand ausstreckte, verbreitete sich so viel Licht, eine so beglückte Wonne über deine geistreichen Züge, daß ich oft sehr an mich halten mußte, um dich dann nicht an mein Herz zu drücken.
, Reden Sie nicht mehr von jenen Tagen, mein Herr, unterbrach ich ihn, indem ich verstohlen einige Thränen aus meinen Augen entfernte. Diese Sprache war eine Folterqual für mich, denn ich wußte, was ich thun mußte -- und zwar bald -- und alle diese Erinnerungen und diese Offenbarungen seiner Gefühle machten mir mein Vorhaben nur umso schwerer.
, Ganz recht, Johanna, entgegnete er, wozu ist es nöthig, bei der Vergangenheit zu verweilen, wenn die Gegenwart umso viel sicherer, die Zukunft umso glänzender ist?
Ein Schauder erfaßte mich bei dieser thörichten Behauptung.
, Du siehst jetzt, wie die Sache steht, nicht wahr? fuhr er fort. , Nach einer Jugend und einem Mannesalter, halb in unsäglichem Elend und halb in trostloser Einsamkeit zugebracht, habe ich zum ersten Male gefunden, was ich wahrhaft liebe kann -- habe ich dich gefunden. Du bist mein besseres Ich, mein guter Engel, eine glühende, heilige Leidenschaft wohnt in meinem Herzen; sie lehnt sich an dich, lenkt mein

innerstes Sein, meinen Lebensquell zu dir, und indem sie in einer reinen, mächtigen Flamme auflodert, verschmilzt sie dich und mich zusammen in Eins. -- Weil ich dies fühlte und wußte, war ich entschlossen, dich zu heiraten. Mir zu sagen, daß ich schon ein Weib habe, ist leerer Hohn. Du weißt jetzt, daß ich nur einen grauenhaften Dämon hatte. Es war unrecht von mir, dich täuschen zu wollen; aber ich fürchtete von Widerstand, der in deinem Charakter liegt. Ich fürchtete früh eingepflanzte Vorurtheile, ich wollte dich sicher haben, ehe ich vertraute Mittheilungen wagte. Dies war feig, ich hätte mich gleich anfangs an den Adel deiner großen Seele wenden sollen, wie ich jetzt thue, dir offen das Verhängnis meines Lebens darlegen sollen. Dann hätte ich dich bitten sollen, das Wort meiner Treue anzunehmen und mir das deinige dafür zu geben. Johanna -- gib mir es jetzt.
Es trat eine Pause ein.
, Warum schweigst du, Johanna?
Ich bestand einen schrecklichen Augenblick. Eine Hand, wie glühendes Eisen griff in mein innerstes Leben. Alles war dunkel um mich her und ein wüthender Kampf ging in mir vor! Kein menschliches Wesen, welches je lebte, könnte wünschen, inniger geliebt zu werden, als ich geliebt wurde, und den, der mich so liebte, betete ich im eigentlichen Sinne des Wortes an, und ich mußte dieser Liebe und diesem Idol entsagen. Ein furchtbares Wort drückte meine schreckliche Pflicht aus: Scheide!
, Johanna, du wirst verstehen, was ich von dir verlange. Du sollst nur sagen: , Ich will die Ihrige sein, Herr Rochester.
, Herr Rochester, ich will nicht die Ihrige sein.
Wieder ein langes Schweigen.
, Johanna! begann er dann mit einer Milde, die mich mit einem unheimlichen Schrecken erfüllte, denn diese ruhige Stimme war das Keuchen eines Löwen, der sich erheben wollte. -- , Johanna, du meinst, du willst deinen eigenen Weg in der Welt gehen, und ich soll einen anderen gehen?
, So meine ich es.
, Johanna, fuhr er fort, sich zu mir neigend und mich umarmend, bist du wirklich dazu entschlossen?
, Ja, ich bin es.
, Und jetzt? sagte er, mir Stirn und Wange küssend.
, Noch immer, rief ich, mich rasch aus seiner Umarmung losmachend.
, O, Johanna, dies ist bitter! Dies -- dies ist grausam. Es wäre aber Sünde, wenn ich Ihnen willfahrte.
Ein wilder Blick hob seine Augenbrauen. Er stand auf, hielt aber noch an sich.
, Noch einen Augenblick, Johanna. Stelle dir mein schreckliches Leben vor, wenn du fort wärest. Mit dir wird alles Glück von mir gerissen. Was bleibt mir dann noch übrig? Wohin soll ich mich wenden, wo eine Lebengefährtin und einige Hoffnung finden?
, Thun Sie, wie ich. Vertrauen Sie auf Gott und sich selbst. Hoffen Sie auf Wiedersehen.
, So willst du nicht nachgeben?
, Nein.
, So entreißest du mir alle Liebe und schleuderst mich zurück in das wüste Leben, und ich muß in der Ausschweifung, im Laster Betäubung und Vergessen suchen?
, Herr Rochester, ich verweise Sie ebenso wenig auf dieses traurige Auskunftsmittel, als ich es selbst ergreifen würde. Wir wurden geboren, zu kämpfen und zu dulden, Sie sowohl als ich. Thun Sie es also. Sie werden mich vergessen, ehe ich Sie vergesse.
, Ich dich vergessen? Willst du mich zum Lügner machen? Erkläre ich dir nicht, ich werde mich nie gegen dich ändern? Und nun verwundest du durch

deinen Zweifel meine Ehre! Und von welcher Verirrung deiner Vernunft zeugt dein Entschluß! Ist es besser, ein Mitgeschöpf zur Verzweiflung zu treiben, als ein bloß menschliches Gesetz zu übertreten, wenn dadurch kein menschliches Wesen beeinträchtigt wird?
Dies war die Wahrheit, und während er sprach, wurden Gewissen und Vernunft zu Verräthern an mir und zeigten mir den Widerstand gegen ihn als ein Verbrechen. Sie sprachen fast so laut wie das Gefühl, und dieses rief in mir: O! willige ein, bedenke sein Elend; bedenke seine Gefahr -- stelle dir seinen Zustand vor, wenn er allein gelassen ist, beruhige ihn, rette ihn, sage im, daß du ihn liebst und die Seinige sein willst. Wer sonst in der Welt, als er, kümmert sich denn um dich?
Aber immer blieb die Antwort: , Ich will das von Gott gegebene und von den Menschen geheiligte Gesetz halten. Gesetze und Grundsätze sind nicht für Lebenslagen geschaffen, wo man sich in keiner Versuchung befindet, sie sind für solche Augenblicke da, wie dieser es ist, wo Leib und Seele sich gegen ihre Strenge empören, bindend sind sie, unverletzlich sollen sie bleiben. Wenn man sie nach eigener Bequemlichkeit brechen könnte, was würde ihr Werth sein?
Rochester las meinen Entschluß in meinem Gesichte. Die Wuth übermannte ihn, er mußte ihr auf einen Augenblick nachgeben, was auch daraus folgen mochte; er trat zu mir, ergriff meine Hand und umfaßte meine Taille. Er schien mich mit seinem flammenden Blicke zu verschlingen, physisch fühlte ich mich in dem Augenblicke völlig machtlos -- geistig besaß ich noch die Herrschaft und mit ihr die Gewißheit der endlichen Rettung. Zum Glück hat die Seele einen Dolmetscher -- oft einen unbewußten, aber immer einen getreuen Dolmetscher -- und dieser wohnt im Auge. Mein Auge erhob sich zu dem seinen, und während ich in sein leidenschaftliches Gesicht blickte, stieß ich einen unwillkürlichen Seufzer aus. Sein Griff war schmerzlich und meine überbürdete Kraft fast erschöpft.
, Nie, sagte er, indem er mit den Zähnen knirschte, nie gab es etwas zugleich so Schwaches und doch so Unbeugsames. Sie fühlt, daß sie ein schwaches Rohr ist in meiner Hand! Und er schüttelte mich gewaltsam. , Ich könnte sie mit meinen Fingern zerbrechen, doch was würde es nützen? Man sehe nur dieses Auge, betrachte dieses unbeugsame, wilde, freie Etwas, welches daraus hervorblickt und mir Trotz bietet mit mehr Muth -- mit triumphirender Entschlossenheit. Wenn ich auch die Hülle zermalmen mag, diesem Etwas kann ich nichts anhaben. Das Haus könnte ich erobern; aber der Bewohner würde zum Himmel entfliehen. Und dich will ich besitzen, du Geist mit deinem Willen und deiner Kraft, deiner Tugend und Reinheit -- nicht allein deine zerbrechliche Gestalt. Freiwillig könntest du kommen in sanftem Fluge und dich an meinem Herzen einnisten, wenn du wolltest; wider deinen Willen ergriffen, wirst du dich meiner Hand entwinden, wie zarter Blüthenduft verweht, ehe wir seinen Wohlgeruch eingeathmet haben. O! komm Johanna, komm!
Als er dies sagte, ließ er mich aus seinen Händen los und blickte mich nur noch an. Dem Blicke war weit schwerer zu widerstehen, als der verzweifelten Umarmung. Deshalb zog ich mich nach der Thür zurück.
, Du gehst, Johanna?
, Ich gehe, mein Herr.
, Du verlässest mich?
, Ja.
, Du willst nicht meine Trösterin, meine Retterin sein? -- Meine innige Liebe, mein wildes Weh, meine heißen Bitten -- ist dir denn Alles nichts?
Welche unbeschreibliche Würde lag in seiner Stimme! Wie schwer war es, mit Festigkeit zu wiederholen: Ich gehe.

, Johanna!
, Herr Rochester.
, So gehe denn, ich gebe dich frei, aber bedenke, daß du mich hier der Qual überlässest. Geh auf dein Zimmer und überdenke Alles, was ich gesagt, und, Johanna, vergegenwärtige dir mein Leben -- denke an mich.
Er wendete sich ab und warf sich mit dem Gesichte auf das Sofa. , O Johanna, meine Hoffnung -- meine Liebe -- mein Leben! entfuhr es qualvoll seinen Lippen. Dann kam ein tiefes heftiges Schluchzen.
Ich hatte bereits die Thür erreicht, aber-ich kehrte zurück -- kehrte ebenso entschlossen zurück, als ich mich entfernt hatte. Ich kniete neben ihm nieder und wendete sein Gesicht von dem Kissen zu mir; ich küßte seine Wange; ich glättete sein wirres Haar mit meiner Hand.
, Gott segne Sie, mein lieber Herr, sagte ich. , Gott schütze Sie vor Leid und Unrecht. Er lenke und tröste Sie und belohne Sie reichlich für Ihre frühere Güte gegen mich.
, Der kleinen Johanna Liebe wäre meine beste Belohnung gewesen, antwortete er, ohne sie ist mein Herz gebrochen. Aber Johanna wird mir ihre Liebe noch schenken, ja -- sie wird edel und großmüthig sein.
Das Blut stieg in sein Gesicht; Feuer flammte aus seinen Augen; er sprang auf und breitete seine Arme aus. Aber ich entschlüpfte der Umarmung und floh aus dem Zimmer.
, Lebe wohl! war der Aufschrei meines Herzens als ich ihn verließ. Die Verzweiflung fügte hinzu , Lebe wohl, auf ewig!

Achtundzwanzigstes Capitel.
In jener Nacht glaubte ich nicht schlafen zu können; dennoch bemächtigte sich meiner der Schlummer, sobald ich mich zu Bette legte und führte mich wieder zu den Scenen meiner Kindheit zurück. Ich
träumte, ich läge in dunkler Nacht in dem rothen Zimmer in Gateshead. Mein Geist war von seltsamer Furcht befangen. Jenes geisterhafte Licht
welches mich vor langer Zeit vor Schrecken in Ohnmacht versetzt hatte, erschien mir im Traume wieder; ich glaubte es langsam an der Wand aufsteigen und bebend im Mittelpunkte der dunkeln Decke verweilen
zu sehen. Ich erhob den Kopf, um die Erscheinung deutlicher zu beobachten! Die Decke glich hohen und düsteren Wolken; der Schimmer glich dem des Mondes, wenn er durch Wolken bricht. Ich wartete, daß er gänzlich hervortreten sollte -- wartete mit banger Ahnung, als müßte ein Urtheilsspruch auf seiner Scheibe geschrieben stehen. Und jetzt streckte sich eine Hand aus den schwarzen Massen und winkte den Wolken sich zu entfernen, dann erschien statt des Mondes eine weiße menschliche Gestalt in dem Azurblau und neigte die von Strahlen umgebene Stirne zur Erde herab, mich unverwandt anblickend. Sie sprach zu meinem Geiste, und unermeßlich fern war der Ton, und doch flüsterte er so nahe in mein Herz:
, Meine Tochter, fliehe die Versuchung!
, Mutter, ich will es.

So antwortete ich, als ich aus dem Traume erwacht war. Es war noch Nacht, aber die Julinächte sind kurz, bald nach Mitternacht kommt schon die Dämmerung. , Es kann nicht zu früh sein, meinen Vorsatz auszuführen, dachte ich und stand auf; ich war angekleidet, denn ich hatte nur meine Schuhe ausgezogen. Ich wußte, wo ich in meinem Schranke einige Wäsche, eine Haarlocke und einen Ring finden werde. Als ich diese Gegenstände suchte, kam mir das Perlenhalsband in die Hände, welches ich vor wenigen Tagen von Rochester hatte annehmen müssen. Ich ließ es zurück; es war nicht mein, es gehörte der Braut meiner Träume, die in Luft zerflossen war. Nur das Unentbehrlichte packte ich zu einem Bündel zusammen; meine Börse mit zwanzig Schillingen Inhalt, steckte ich in die Tasche, setzte meinen Strohhut auf, steckte mein Tuch fest, nahm das Bündel und meine Schuhe, die ich noch nicht anziehen wollte, und schlich mich aus meinem Zimmer.
, Leben Sie wohl, gute Mistreß Fairfax! Flüsterte ich, als ich an ihrer Thür vorüberschlüpfte. , Lebe wohl, Adele, mein Liebling! sagte ich mit einem letzten Blicke auf die Thüre der Kinderstube. Es war nicht daran zu denken, zu Adele hineinzugehen und sie zu umarmen. Leicht hätte ich mich dadurch einem feinen Ohr, das vielleicht jetzt horchte, verrathen können.
Ich würde, ohne zu verweilen, an Herrn Rochester's Zimmer vorübergeschlichen sein; aber mein Herz stockte und mein Fuß war wie gelähmt und wollte mich nicht weitertragen. Hinter dieser Thür, an deren Schwelle ich mich gebannt fühlte, herrschte kein Schlummer; der Bewohner ging ruhelos umher, und wiederholt seufzte er, während ich horchte. In jenem Zimmer war mein Himmel, mein irdischer Himmel, wenn ich wollte, ich brauchte nur hineinzugehen und zu sagen: , Herr Rochester, ich will Sie lieben und bis in den Tod mit Ihnen leben. Der
Gedanke kam mir in den Sinn.

Dieser gütige Mann, mein Herr und Gebieter, der jetzt nicht schlafen konnte, wartete mit Ungeduld auf den Anbruch des Tages. Am Morgen würde er nach mir schicken, und dann war ich fort. Ich sah ihn, wie er mich vergebens suchte, wie er sich verlassen fühlte und seine Liebe verschmäht sah, wie er litt, vielleicht zur Verzweiflung getrieben wurde. Meine Hand erhob sich zu der Thürklinke, ich zog sie wieder
zurück und schlich weiter.
Gedankenlos ging ich die Treppe hinunter, alles was ich that, that ich mechanisch. Ich fand den Schlüssel zu der Hinterthür in der Küche und genoß etwas Wasser und Brot, denn vielleicht hatte ich weit zu gehen, und meine Kraft, die in der letzten Zeit sehr erschüttert war, durfte nicht schwinden. Geräuschlos öffnete ich die Thür und machte sie eben so
leise wieder hinter mir zu. Die graue Dämmerung schimmerte auf dem Hofe. Das große Thor war verschlossen; aber das Nebenpförtchen war nur eingeklinkt. Durch dieses ging ich, und nun war ich außerhalb Thornfield.
Eine halbe Stunde von dort, jenseits der Felder, kam ich an einen Weg, den ich nie betreten hatte, weil er in entgegengesetzter Richtung von Millcote lag. Ich hatte ihn aber oft bemerkt und gedacht, wohin er wohl führen möge. Diesen Weg schlug ich ein. Jetzt durfte ich keinen Blick zurückwerfen. Die Vergangenheit war ein Blatt, so himmlisch lieblich, so tödtlich traurig, daß mein Muth dahingeschwunden und meine Kraft gebrochen wäre, hätte ich nur eine Zeile davon lesen wollen. Die Zukunft war eine schauerliche Einöde, gleich der Welt nach der Sintflut.
Ich ging an Feldern entlang, durch Hecken und Gänge, bis nach Sonnenaufgang. Ich glaube, es war ein lieblicher Sommermorgen. Doch ich sah weder nach der aufgehenden Sonne und dem lächelnden Himmel, noch nach der erwachsenden Natur. Der Mensch, der auf einem schönen Wege zum Schaffot

schreitet, achtet der Blumen nicht, die auf seinem
Wege blühen, sondern er denkt nur an den Block und das Beil und an das gähnende Grab, das seiner harrt -- und ich dachte an die traurige Flucht und heimatlose Wanderung -- und ach! mit Seelenqual dachte ich an das, was ich verlassen hatte! Ich konnte nicht anders. Ich dachte an ihn, wie er jetzt in seinem Zimmer den Sonnenaufgang beobachtete
-- wie er hoffte, ich würde bald kommen und erklären, daß ich bei ihm bleiben und die Seine werden wolle. Es verlangte mich, zu ihm zurückzukehren, um ihm anzugehören; es war nicht zu spät; ich
konnte ihm noch den bitteren Schmerz ersparen, denn noch hielt ich mich überzeugt, daß meine Flucht unentdeckt sei. Ich konnte zurückkehren und seine Trösterin werden, sein Stolz, seine Retterin vom
Elende -- vielleicht vom Untergange. O! diese Furcht vor seiner Verlassenheit -- weit schlimmer wie meine eigene Verlassenheit -- wie quälte sie mich jetzt! Sie war wie ein Pfeil in meiner Brust, der mich noch stärker verwundete, wenn ich ihn herauszuziehen versuchte. Die Vögel begannen zu singen in Busch und Wald; die Vögel waren einander treu; Vögel waren Sinnbilder der Liebe. Und was war ich? In meiner Herzenqual verabscheute ich mich, und die Correctheit der Grundsätze, nach denen ich gehandelt, gewährte mir keinen Trost. Ich hatte meinen Herrn gekränkt -- verwundet -- verlassen! Ich war mir verhaßt in meinen eigenen Augen. Dennoch konnte ich keinen Schritt zurückthun. Gott muß mich weiter geführt haben. Leidenschaftlicher
Kummer hatte meinen Willen gebeugt und die Stimme des Gewissens erstickt. Ich weinte heftig auf meinem einsamen Wege, doch rasch, rasch ging ich weiter, wie im Fieberwahne. Eine innerliche Schwäche, die sich auch meiner Glieder zu bemächtigen begann, griff immer weiter um sich und warf mich zu Boden. Dort lag ich einige Minuten und drückte
mein Gesicht auf den nassen Rasen. Ich hatte einige

Furcht -- oder Hoffnung -- daß ich hier sterben würde, doch ich raffte mich wieder auf, und nahm alle Kraft zusammen, die Landstraße zu erreichen.
Dort war ich genöthigt, mich niederzulassen, um mich unter einer Hecke auszuruhen. Während ich dort saß, vernahm ich das Geräusch von Wagenrädern und sah eine Kutsche näher kommen. Ich stand auf und erhob den Kopf; der Wagen hielt an. Ich fragte, wohin er gehe. Der Kutscher nannte einen entfernten Ort, wo Herr Rochester, wie ich
wußte, keine Verbindungen hatte. Ich fragte, was ich zu zahlen habe, wenn er mich mitnehme; er verlangte dreißig Schillinge; ich antwortete, ich habe nur zwanzig, worauf er sagte, er wolle sehen, ob er es nicht auch dafür thun könne. Er erlaubte mir, mich in das Innere des Wagens zu setzen, da derselbe leer war. Ich stieg ein und der Wagen rollte
weiter.
Lieber Leser, mögest du nie fühlen, was ich damals fühlte! Mögen deine Augen nie so stürmische, so sengende, so blutige Thränen vergießen, wie sie damals meinen Augen entströmten. Mögest du dich nie in so hoffnungslosen und qualvollen Gebeten an den Himmel wenden müssen, wie sie in jener Stunde von meinen Lippen kamen unter dem vernichtenden Vorwurfe, denjenigen, den ich am meisten auf dieser Erde liebte, im tiefsten Herzen verwundet zu haben.

Neunundzwanzigstes Capitel.

Zwei Tage sind vergangen. Es ist Abend; der Kutscher hat mich an einem Orte namens Whitcroß abgesetzt, er wollte mich nicht für die Summe, die ich ihm gegeben, weiter mitnehmen, und ich besaß keinen
Schilling mehr in der Welt. Die Kutsche ist jetzt schon eine Meile weit entfernt und ich bin allein. In diesem Augenblicke bemerke ich, daß ich vergessen habe, mein Bündel aus der Wagentasche zu nehmen,

wo ich es untergebracht hatte, dort bleibt es und muß es bleiben; und jetzt bin ich von Allem entblößt.
Whitcroß ist keine Stadt, nicht einmal ein Weiler, es ist nur ein steinerner Pfeiler, an einer Stelle aufgestellt, wo vier Wege sich kreuzen. Vier Arme strecken sich oben aus und die Inschriften deuten auf vier Städte, von denen die nächste zehn Meilen weit entfernt ist. Aus den wohlbekannten Namen dieser Städte erfahre ich, in welcher Grafschaft ich ausgestiegen bin; eine nördliche Grafschaft ist es mit düsterem Moorland, von Hügeln durchzogen, das sah ich. Im Hintergrunde und zu beiden Seiten dehnen sich weite öde Flächen aus; hinter jenem tiefen Thale zu meinen Füßen erheben sich wellenförmige Berge. Die Bevölkerung muß hier sehr spärlich sein, und auf den Straßen, die sich weit nach allen vier Himmelsrichtungen hinziehen, ist kein einziger Wanderer zu erblicken; sie durchschneiden alle das Moorland, und das Haidekraut wächst hoch und wild bis an ihren Saum. Kein Band fesselt mich an die menschliche Gesellschaft, kein Reiz, keine
Hoffnung ruft mich dahin, wo meine Mitgeschöpfe sind -- Niemand, der mich sähe, würde einen freundlichen Gedanken oder einen guten Wunsch für mich hegen. Ich habe keine Verwandte, als die allgemeine
Mutter Natur, ich will an ihre Brust eilen und Ruhe suchen.
Ich ging geradezu in das Haidekraut, das mir bis an die Knie reichte, schritt auf eine Vertiefung zu, die das braune Moor durchzog und fand endlich einen moosbewachsenen Granitblock in einem verborgenen Winkel, unter welchen ich mich niedersetzte. Hohe Dämme umgaben mich; der Felsen beschützte mein Haupt und über alldem war der Himmel.
Einige Zeit verging, ehe ich mich hier ruhig fühlte; ich fürchtete, wilde Vieherden möchten in der Nähe sein oder ein Jäger oder Wilddieb mich entdecken. Wenn ein Windstoß über die Einöde dahinfuhr, blickte ich auf und meinte, es komme ein Stier;

wenn ein Regenvogel pfiff, glaubte ich, es seien menschliche Laute. Als ich aber meine Befürchtungen unbegründet fand und von dem tiefen Schweigen beruhigt wurde, welches bei Anbruch der Nacht herrschte, faßte ich Vertrauen. Bisher hatte ich nur gehorcht, beobachtet, mich geängstigt -- jetzt bekam ich die Fähigkeit des Nachdenkens wieder.
Was sollte ich thun? Wohin sollte ich gehen? Das waren entsetzliche Fragen. Mit meinen ermatteten, zitternden Gliedern hatte ich noch einen weiten Weg zurückzulegen, ehe ich eine menschliche Wohnung erreichen konnte, dann mußte ich um ein Obdach flehen und wurde vielleicht mitleidslos zurückgewiesen -- ehe man mich anhören wollte.
Ich berührte das Haidekraut, es war trocken und noch warm von der Hitze des Sommertages. Ich sah nach dem Himmel; er war rein, ein freundlicher Stern funkelte gerade über der Schlucht; kein Lüftchen regte sich und die Natur schien gütig und wohlwollend gegen die Ausgestoßene, und ich, die ich von den Menschen nur Mißtrauen, Zurückweisung und Verachtung zu erwarten hatte, hing mich an sie mit
kindlicher Zärtlichkeit. Für diese Nacht wenigstens wollte ich ihr Gast sein, wie ich ihr Kind war. Mutter Natur gab mir ein Obdach, ohne Entschädigung dafür zu fordern. Ich hatte noch ein Stück Brot, den Rest von einer Semmel, welche ich unterwegs für meinen letzten Pfennig am Mittage in einer Stadt gekauft hatte. Ich sah hie und da reife Heidelbeeren unter dem Haidekraute schimmern, pflückte eine Handvoll und aß sie zu dem Brote. Mein heftiger Hunger wurde durch dieses Einsiedlermahl wenigstens gemildert. Ich sprach mein Abendgebet und wählte mein Lager.
Neben dem Felsen wuchs das Haidekraut sehr hoch; als ich mich niederlegte, wurden meine Füße ganz davon bedeckt. Ich legte meinen Shawl doppelt zusammen und breitete denselben als Decke über mich;
eine kleine mit Moos bewachsene Erhöhung war mein Kopfkissen.

Die Ruhe hätte mich stärken können, wäre sie nicht von einem gequälten Herzen beeinträchtigt worden. Es bebte für Rochester und sein Schicksal, es beklagte ihn mit bitterem Mitleid; es sehnte sich nach ihm mit unaufhörlichem Verlangen und hilflos, wie ein Vogel mit gebrochenen Flügeln, schlug es noch mit seinen beschädigten Schwingen in eitlem Bemühen, zu ihm zu fliegen.
Von diesen Gedankenqualen erschöpft, erhob ich mich auf die Knie. Die Nacht war angebrochen und ihre Sternenpracht aufgegangen, eine friedliche, stille Nacht -- zu heiter, als daß man der Furcht hätte Raum geben können. Wir wissen ja, daß Gott überall ist; aber gewiß fühlen wir seine Nähe am meisten, wenn seine größten und herrlichen Werke im Glanze vor uns ausgebreitet sind, und in dem unbewölkten Nachthimmel, wo seine Welten auf ihren stillen Bahnen dahinziehen, lesen wir am klarsten seine Unendlichkeit, seine Allmacht, seine Allgegenwart. Ich hatte mich auf meine Knie erhoben, um für Rochester zu beten. Als ich im Aufblicken mit thränengetrübten Augen die mächtige Milchstraße sah und mich erinnerte, was sie war, welche zahllose Sonnensysteme jener schwache Schimmer barg -- da fühlte ich die Allgewalt Gottes und war überzeugt, daß er das Geschaffene auch erhalten könne und daß ohne seinen Willen weder die Erde untergehen könne, noch eine von den Seelen, die sie bewohnten. Meine Bitten gingen in ein Dankgebet über: die Quelle des Lebens war auch der Erlöser der Seele. Rochester war in Sicherheit, er war Gottes Geschöpf und Gott schützte ihn. Ich legte mich wieder an die Brust der Erde und hatte bald im Schlaf allen Kummer vergessen.
Aber am nächsten Tage trat die Noth bleich und hager an mich heran. Lange nachdem die kleinen Vögel ihre Nester verlassen hatten, lange nachdem die Bienen von dem ersten lieblichen Blicke des Tages herausgelockt worden waren, den Honig von dem Haidekraute zu sammeln, als die langen Morgenschatten sich schon verkürzten und die Sonne Erde und Himmel erfüllte -- stand ich auf und blickte um mich.
Welch' ein stiller, warmer, herrlicher Tag! welch' eine goldene Wüste dieses weite Moor! Ueberall Sonnenschein. O, hätte ich durch ihn und von ihm leben können! Ich sah eine Eidechse über den Felsen laufen, sah eine Biene unter den süßen Heidelbeeren beschäftigt und wäre gern in dem Augenblicke selbst eine Biene oder Eidechse geworden, um hinreichende Nahrung und schützendes Obdach hier zu finden. Aber
ich war ein menschliches Wesen und hatte die Bedürfnisse eines solchen, und um diese befriedigen zu können, durfte ich hier nicht länger weilen. Hoffnungslos für die Zukunft, hätte ich mir gewünscht, es möchte meinem Schöpfer gefallen haben, diese Nacht, während ich schlief, meine Seele von mir zu fordern, und daß dieser müde Körper durch den Tod von weiterem Kampfe mit dem Schicksale befreit worden
wäre, um ungestört seinen Staub mit dem Staub dieser Wildnis vermischen zu können. Doch das Leben war noch in meinem Besitz mit allen seinen Forderungen, seinen Leiden und Verantwortlichkeiten. Die
Bürde mußte getragen, das Bedürfnis befriedigt, das Leiden erduldet werden. Ich machte mich auf den Weg.
Als ich den Wegweiser wieder erreichte, folgte ich der Straße, die dem Laufe der Sonne, welche jetzt hoch und glühend am Himmel stand, entgegengesetzt war. Ich ging eine lange Zeit weiter, bis ich, von der Ermattung fast überwältigt, genöthigt war, mich auf einen Stein niederzusetzen, den ich in der Nähe erblickte. Da hörte ich den Klang einer Glocke -- einer Kirchenglocke.
Ich wendete mich nach der Richtung des Klanges und dort, zwischen den romantischen Hügeln, auf welche ich seit einer Stunde nicht mehr geachtet, erblickte ich ein Dörfchen und einen Kirchthurm. Das ganze Thal zu meiner Rechten war mit Weiden, Kornfeldern und Gehölz bedeckt und von einem

schimmernden Bache im Zickzack durchflossen. Menschliches Leben und menschliche Arbeit waren nahe. Ich mußte mich weiter schleppen, mußte versuchen zu leben, und mich anstrengen wie die Uebrigen.
Um zwei Uhr Nachmittags erreichte ich das Dorf. Am Ende der einzigen Straße war ein kleiner Laden, vor dessen Fenster Brot lag. Wie gern hätte ich ein Brot gehabt, um meinen Hunger zu stillen und mich zu neuen Mühsalen zu stärken. Ich hielt es für entehrend, auf der Straße eines Dorfes vor Hunger ohnmächtig zu werden. Hatte ich denn nichts
bei mir, was ich für eins dieser Brote anbieten konnte? Ich hatte ein kleines seidenes Tuch um den Hals gebunden; ich hatte meine Handschuhe. Ich wußte jedoch nicht, ob man einen dieser Gegenstände annehmen würde, wahrscheinlich that man es nicht; aber ich mußte es versuchen.
Ich trat in den Laden, worin sich eine Frau befand. Als sie eine anständig gekleidete Person, eine vornehme Dame, wie sie vermuthete, vor sich sah, kam sie mir höflich entgegen und fragte, womit sie mir dienen könne? Ich wurde von Scham ergriffen, meine Zunge wollte die Bitte nicht aussprechen, ich wagte nicht, der Frau die halb abgetragenen Handschuhe, das verschossene Tuch anzubieten; überdies fühlte ich, daß es lächerlich sei. Ich bat nur um die Erlaubnis, mich einen Augenblick niedersetzen zu dürfen, da ich ermüdet sei. In der Erwartung getäuscht, daß ich etwas kaufen wollte, gewährte sie meine Bitte fast widerstrebend. Sie deutete auf einen Stuhl, ich sank auf denselben nieder. Die Thränen waren mir nahe; doch that ich mir Gewalt an. Nach einer kleinen Weile fragte ich, ob keine Kleidermacherinnen oder Näherinnen im Dorfe wären?
, Ja, zwei oder drei. Gerade so viel, als hier Beschäftigung finden.
Ich war ohne Hilfsmittel, ohne Freunde, ohne Gold. Ich mußte etwas thun. Aber was? Ich mußte mich an Jemand wenden. Aber an wen?

, Wissen Sie einen Ort in der Nähe, wo man einer Magd bedarf?
, Nein, das könnte ich nicht sagen.
, Womit beschäftigen sich hier die Leute?
, Einige sind Ackersleute und Andere arbeiten in Herrn Oliver's Nadelfabrik und in der Gießerei.
, Beschäftigt Herr Oliver auch Frauen?
, Nein, das ist Männer-Arbeit.
, Und was thun denn hier die Frauen?
, Ich weiß nicht, war die Antwort. , Einige thun dies, Andere jenes. Arme Leute müssen sich durchbringen, wie sie können.
Sie schien meiner Fragen müde zu sein; und welches Recht hatte ich auch, sie zu belästigen? Einige Nachbarinnen kamen herein; man bedurfte meines Stuhles und ich verabschiedete mich.
Ich ging die Straße hinauf und sah unterwegs nach allen Häusern zur Rechten und zur Linken, aber ich konnte keinen Vorwand finden, in eins derselben zu treten. Ich ging um das ganze Dörfchen, entfernte mich ein wenig von demselben und kehrte nach einer Stunde wieder zurück. Sehr erschöpft und unter dem Mangel an Nahrung heftig leidend, betrat ich einen einsamen Weg. Ein hübsches kleines Haus stand am Ende desselben und davor lag ein höchst zierlicher und blühender Garten. Ich blieb vor dem Hause stehen und klopfte endlich an. Ein sanft aussehendes, reinlich gekleidetes junges Frauenzimmer öffnete die Thür. Mit leiser und bebender Stimme, der man die Erschöpfung anhören konnte, fragte ich, ob man hier einer Dienerin bedürfe?
, Nein, sagte sie, wir halten keine Dienerin.
, Können Sie mir vielleicht sagen, wo ich Beschäftigung irgend einer Art erhalten könnte? fuhr ich fort. , Ich bin fremd und ohne Bekanntschaft an diesem Orte. Ich wünsche Arbeit, es ist gleich, von welcher Art sie ist.
Aber es war nicht ihre Sache, für mich zu denken. Wie verdächtig mußte überdies meine Lage erscheinen.

Sie schüttelte den Kopf und sagte, es thue ihr leid, mir keine Auskunft geben zu können. Die Thür wurde geschlossen -- leise und höflich, ich war ausgeschlossen.
Wenn sie sie noch ein wenig länger offen gelassen hätte, so glaube ich, würde ich um ein Stück Brot gebeten haben; denn es war jetzt zum Aeußersten mit mir gekommen.
Ich konnte es nicht über mich gewinnen, in das schmutzige Dorf zurückzukehren, wo sich überdies keine Aussicht auf Hilfe für mich zeigte. Ich wäre viel lieber in einen Wald gegangen, den ich in geringer
Entfernung bemerkte und der mir mit seinem dichten Schatten ein einladendes Obdach darzubieten schien; aber ich war so matt und schwach, so aufgerieben von den gebieterischen Forderungen der Natur, daß der Instinct mich trieb, in der Nähe der Wohnungen zu verweilen, wo ich durch irgend einen günstigen Zufall doch vielleicht etwas zu essen bekommen konnte.
Ich näherte mich den Häusern; ich verließ sie und kehrte wieder zurück. Dann wanderte ich von Neuem fort, stets vertrieben von dem Bewußtsein, daß ich kein Recht habe, etwas zu fordern, kein Recht,
Theilnahme an meiner trostlosen Lage zu erwarten.
Inzwischen rückte der Abend heran, während ich gleich einem verlaufenen und halb verhungerten Hunde umherirrte. Als ich über ein Feld ging, sah ich den Kirchthurm vor mir und eilte darauf zu. In der
Nähe des Kirchhofes und in der Mitte eines Gartens stand ein wohlgebautes, wenn auch kleines Haus, welches die Pfarrwohnung sein mußte. Ich erinnerte mich, daß Fremde, die in einen Ort kommen, wo sie
keine Freunde haben und des Raths bedürfen, sich an den Geistlichen zu wenden pflegen. Mir war's, als hätte ich eine Art Recht, hier Rath zu suchen. Indem ich meinen Muth und die schwachen Reste meiner Kraft zusammennahm, ging ich auf das Haus zu und klopfte an die Küchenthür. Eine alte Frau öffnete, und ich fragte, ob dies die Pfarrwohnung sei?
, Ja.

, Ist der Herr Pfarrer zu Hause?
, Nein.
, Wird er bald zurückkehren?
, Nein, er ist ausgegangen.
, Weit?
, Nicht so weit -- nur in Marsh Eid, etwa drei Meilen, aber er ist durch den plötzlichen Tod seines Vaters abgerufen worden und wird sehr wahrscheinlich noch vierzehn Tage dort bleiben.
, Ist nicht eine Dame im Hause?
, Nein, außer mir ist Niemand da und ich bin die Haushälterin.
Noch konnte ich es nicht über mich gewinnen, zu betteln und schwankte weiter.
Wieder nahm ich mein Halstuch ab, an das Brot in dem kleinen Laden denkend. O! wenn ich nur eine Rinde, nur einen Mundvoll hätte, um die Qual des Hungers zu stillen! Instinctmäßig wandte ich mich wieder dem Dorfe zu, suchte den Laden auf und ging hinein; und obgleich noch andere Leute außer der Frau da waren, wagte ich die Bitte, ob sie mir ein
Brötchen für dieses Halstuch geben wolle?
Sie sah mich mit offenbarem Argwohn an und sagte, sie habe nie ihre Ware auf solche Weise verkauft.
Fast zur Verzweiflung getrieben, bat ich um ein halbes Brötchen, doch auch dies schlug sie mir ab, mit dem Bemerken, sie könne nicht wissen, wie ich zu dem Tuche gekommen sei.
Dann fragte ich, ob sie meine Handschuhe dafür annehmen wolle?
Hierauf erwiderte sie, was sie damit machen solle?
Es ist nicht angenehm, bei diesen Einzelheiten zu verweilen. Man sagt wohl, es läge eine Befriedigung darin, auf frühere schmerzliche Erfahrungen zurückzublicken; aber noch heute kann ich die Erinnerung
an jene Zeit kaum ertragen. Die moralische Erniedrigung in Verbindung mit den physischen Leiden,

die ich erduldete, sind mir noch zu lebhaft im Gedächtnis, als daß ich je mit Absicht dabei verweilen könnte. Ich grollte den Leuten nicht, die mich zurückwiesen. Ichs fühlte, daß ich es nicht anders erwarten
konnte, und da schon ein zerlumpter Bettler häufig der Gegenstand des Argwohns ist, so mußte eine wohlgekleidete Bettlerin es um so mehr sein.
Kurz vor Eintritt der Dunkelheit kam ich an einem Pachthause vorbei, vor dessen offener Thür der Pächter saß und sein Abendessen verzehrte, welches in Brot und Käse bestand. Ich blieb stehen und sagte:
, Wollen Sie mir ein Stück? Brot geben? Ich bin sehr hungrig.
Er sah mich erstaunt an; ohne zu antworten, schnitt er ein dickes Stück ab und gab es mir. Ich glaube, er hielt mich nicht für eine Bettlerin, sondern vielleicht für eine romantische Dame, die ein Gelüst nach seinem Schwarzbrot hatte. Sobald ich außer dem Bereiche des Hauses war, setzte ich mich nieder und verzehrte mein Stück Brot.
Ich konnte nicht hoffen, Aufnahme unter einem Dache zu finden, und suchte ein Nachtquartier in dem bereits erwähnten Walde. Aber ich brachte eine elende Nacht zu und meine Ruhe wurde oft unterbrochen; der Boden war feucht, die Luft kalt. Gegen Morgen regnete es, was den ganzen Tag fortdauerte. Wie gestern suchte ich während dieses Tages Arbeit; wie gestern wurde ich zurückgewiesen und mußte Hunger leiden; nur einmal kam: Nahrung über meine Lippen. Vor der Thür einer Hütte sah ich ein kleines Mädchen im Begriff, eine Schüssel mit kaltem Haferbrei in einen Schweinetrog zu schütten.
, Willst du mir das geben? fragte ich.
Sie starrte mich an.
, Mutter! rief sie, da ist eine Frau, welche will, daß ich ihr den Brei geben soll.
,Gut, Kind, erwiderte eine Stimme von innen, gib ihn ihr, wenn sie eine Bettlerin ist.

Das Mädchen schüttete den steifen Brei in meine Hand und ich verschlang ihn begierig.
Als es dunkler wurde, blieb ich auf einem einsamen Reitwege stehen, nachdem ich denselben länger als eine Stunde verfolgt hatte.
, Meine Kraft verläßt mich gänzlich, sagte ich bei mir selber. ,Ich fühle, ich kann nicht weiter gehen. Werde ich diese Nacht wieder ohne Obdach
sein und während es regnet, meinen Kopf auf den kalten, nassen Boden betten müssen? Ich fürchte es, denn wer sollte mich aufnehmen? Aber es wird eine furchtbare Nacht sein mit diesem Gefühl des Hungers, dieser Schwäche, diesem Frost und diesem Bewußtsein der Verlassenheit -- dieser gänzlichen Vernichtung der Hoffnung. Aller Wahrscheinlichkeit nach muß ich vor dem nächsten Morgen sterben. Und warum kann ich
mich nicht mit der Aussicht auf den Tod versöhnen? Warum kämpfe ich, ein so werthloses Leben zu behalten? Weil ich weiß, oder glaube, daß Rochester noch lebt. Und überdies ist der Tod aus Hunger und Kälte ein Schicksal, dem die Natur sich nicht gleichgültig unterwerfen kann. O Vorsehung! halte mich nur noch ein wenig länger aufrecht! Hilf mir!
-- leite mich!
Mein trübes Auge wanderte über die düstere und neblige Landschaft dahin. Ich bemerkte, daß ich mich weit von dem Dorfe entfernt hatte, es war nicht mehr zu sehen. Ich hatte mich auf Kreuzwegen und Fußsteigen wieder dem Moor genähert, und jetzt lagen nur noch wenige Felder, die fast ebenso wild und unfruchtbar waren, wie das Moorland, zwischen
mir und den düsteren Hügeln.
, Nun, ich möchte lieber dort sterben, als auf einer Straße, dachte ich. , Und viel besser ist es, wenn Krähen und Raben das Fleisch von meinen
Gebeinen nagen, als daß diese in einen von dem Armenhause bezahlten Sarg eingeschlossen werden.
So wandte ich mich also den Hügeln zu. Als ich sie erreicht hatte, sah ich mich nach einer Vertiefung des Bodens um, die mir eine verborgene
Zuflucht gewähren konnte. Aber die ganze Einöde schien eben zu sein und zeigte keine Abwechslung, als nur in der Farbe, sie war grün, wo Moos und Binsen wucherten; schwarz, wo der trockene Boden nur Haidekraut trug. So dunkel es auch schon war, konnte ich doch noch diese Unterschiede bemerken, obgleich sie sich auch nur als Abwechslung zwischen Licht und Schatten kennzeichneten.
Mein Auge schweifte noch über die düstere Fläche des Moors dahin, als sich an einer dunklen Stelle zwischen den Hügel ein Licht zeigte. , Das ist ein Irrlicht, war mein erster Gedanke, und ich erwartete, daß es bald verschwinden werde. Aber es leuchtete weiter, ohne sich von der Stelle zu bewegen. , Es wird ein Licht in einem Hause sein, meinte ich, doch
es ist zu weit entfernt, und selbst wenn es nur einen Schritt von hier wäre, was würde es mir helfen? Ich würde doch nur an die Thür klopfen, um zu sehen, wie sie vor mir wieder zugeschlagen werden würde.
Und ich sank zusammen, wo ich stand, und verbarg mein Gesicht am Boden. Ich lag eine Weile still, der Nachtwind fuhr über mich dahin und erstarb seufzend in der Ferne; ein dichter Regen fiel und durchnäßte mich wieder bis auf die Haut; meine Glieder schauderten vor Kälte, und ich stand bald wieder auf.
Das Licht war noch da und schimmerte matt durch den Regen. Ich schleppte mich erschöpft und langsam auf dasselbe zu. Der Schein führte mich über den Hügel hin durch einen weiten Sumpf. Auf dem schlüpfrigen Boden fiel ich zweimal nieder, stand aber ebenso oft wieder auf und sammelte meine Kräfte.
Das Licht war meine letzte Hoffnung, ich mußte es erreichen.
Als ich den Sumpf überschritten, sah ich einen weißen Streifen auf dem Moor. Es war ein Weg der gerade auf das Licht zu führte, welches jetzt von einer Erhöhung unter einer Baumgruppe herstrahlte.

Es verschwand, als ich näher kam, ein Hindernis war zwischen mich und meinen Stern getreten. Ich streckte meine Hand aus, um die dunkle Masse vor mir anzufühlen, und unterschied die rauhen Steine einer niedrigen Mauer; auf derselben war eine Art von Pallisaden aufgepflanzt und auf der inneren Seite befand sich eine hohe Dornhecke. Ich tappte mich seitwärts weiter. Wieder schimmerte ein weißlicher Gegenstand
vor mir, es war ein Thor mit einem Pförtchen; das letztere bewegte sich in seinen Angeln, als ich es berührte. Zu jeder Seite stand ein schwarzer Busch -- ein Hollunderstrauch oder Tarusbaum.
Als ich durch die Pforte eingetreten war, zeigte sich der Umriß eines Hauses, schwarz, niedrig und ziemlich lang; aber das leitende Licht schien nirgends mehr. Alles war dunkel. Hatten sich die Bewohner
zur Ruhe begeben? Ich fürchtete es. Indem ich einen Eingang suchte, bog ich um eine Ecke, dort zeigte sich der freundliche Schimmer wieder hinter den länglichen Scheiben eines sehr kleinen Gitterfensters, das nur
einen Fuß hoch über dem Erdboden gelegen, und zum Theil durch Epheu und Schlingpflanzen verdeckt wurde, so daß man einen Vorhang oder Fensterladen nicht für nöthig erachtet hatte. Als ich mich niederbeugte und das Laubwerk auf die Seite schob, blickte ich in ein
Zimmer mit rein gescheuertem und mit Sand bestreutem Fußboden und eine Credenz mit zinnernen Schüsseln, die in Reihen aufgestellt waren und den rothen Schimmer eines Kohlenfeuers zurückstrahlten. Ich konnte außerdem eine Uhr, einen weißen tannenen Tisch und einige Stühle sehen. Das Licht, welches mich geleitet, brannte auf dem Tische und bei dem Scheine desselben strickte eine ältliche, etwas rauh aussehende Frau, welche aber wie Alles um sie her, sehr reinlich war, an einem Strumpfe.
In der Nähe des Kamins saßen zwei junge, anmuthige Frauengestalten, unverkennbar Damen höheren Standes, die eine auf einem Rollstuhl, die andere auf einem niedrigen Schemel. Beide waren in tiefer

Trauer; diese düstere Kleidung stach seltsam gegen ihre zarten, schönen Gesichter ab. Ein großer Wachtelhund ließ seinen schweren Kopf auf dem Knie des einen Mädchens ruhen, auf dem Schoße der Anderen saß eine schwarze Katze.
Diese einfache Küche war ein seltsamer Aufenthalt für solche Bewohner! Wer mochten sie sein? Sie konnten nicht die Töchter der ältlichen Person an dem Tische sein, denn diese glich einer Bauersfrau,
während die Mädchen zart und fein waren. Ich konnte sie nicht schön nennen, dazu waren sie zu blaß und ernst. Als sich Beide über ein Buch neigten, sahen sie gedankenvoll, ja fast strenge aus. Auf einem Lesepulte zwischen ihnen befanden sich noch ein zweites Licht und zwei große Bände, die sie häufig zur Hand nahmen und mit dem kleineren Buche zu vergleichen schienen, als ob es sich um eine Uebersetzung handle, bei der ein Wörterbuch zu Rathe gezogen wird. Es ging so schweigsam zu, als wäre das Ganze ein stummes Gemälde. Als daher endlich eine Stimme die Stille unterbrach, waren mir die Worte vollkommen verständlich.
, Höre, Diana, sagte eines von den studirenden Mädchen, Franz und der alte Daniel sind beisammen zur Nachtzeit und Franz erzählt einen Traum, aus dem er mit Schrecken erwacht ist -- höre nur!
Und mit leiser Stimme las sie etwas in einer mir unbekannten Sprache. Es war weder Französisch noch Lateinisch. Ob es Griechisch oder Deutsch war, konnte ich nicht sagen.
, Das ist großartig, sagte die Lesende, als sie zu Ende war, das gefällt mir.
Das andere Mädchen, welches den Kopf erhoben hatte, um ihrer Schwester zuzuhören, wiederholte, während sie ins Feuer blickte, einige Sätze von dem eben Gehörten. Später lernte ich die Sprache und das
Buch kennen; deshalb will ich hier die Worte anführen, obgleich sie mir, als ich sie zuerst hörte, nur wie ein Schlag auf tönendes Erz vorkamen und keinen Sinn für mich hatten:

, Da trat hervor Einer, anzusehen wie die Sternennacht! , Ich wäge die Gedanken in der Schale meines Zorns und die Werke mit dem Gewichte
meines Grimms.
, Gibt es ein Land, wo die Leute so reden? fragte die Alte, von ihrem Strickstrumpfe aufblickend.
, Ja, Hannah -- ein viel größeres Land als England, wo sie gar nicht anders reden.
, Wahrhaftig, da weiß ich nicht, wie sie einander verstehen können, und wenn eine von Ihnen dorthin käme, würden Sie wissen, was sie sagen?
, Wir würden wahrscheinlich etwas davon verstehen, aber nicht Alles, denn wir sind nicht so gelehrt, wie du glaubst, Hannah. Wir sprechen nicht Deutsch und können es nur mit Hilfe eines Wörterbuches lesen.
, Und welchen Nutzen bringt es Ihnen?
, Wir denken, einst darin zu unterrichten, wenigstens in den Anfangsgründen, und dann werden wir mehr Geld verdienen, als jetzt.
, Kann schon sein -- aber geben Sie jetzt das Studiren auf, es ist für heute Abend genug.
, Ich denke es auch, wenigstens bin ich ermüdet. Du auch, Maria?
, Todtmüde. Schließlich ist es ja auch eine schwere Sache, sich ohne einen anderen Lehrer, als das Wörterbuch, durch eine Sprache hindurch zu arbeiten.
, Das ist wahr, besonders bei einer solchen Sprache, wie dieses harte, aber herrliche Deutsch. -- Jetzt wäre es jedoch wahrlich an der Zeit, daß Saint John nach Hause käme.
, Gewiß wird er nicht mehr lange aus bleiben, es ist gerade zehn, antwortete die Andere, indem sie nach einer kleinen goldenen Uhr sah, die sie aus ihrem Gürtel zog. , Es regnet stark. Hannah, willst du so gut sein, nach dem Feuer im Wohnzimmer zu sehen?
Die Alte stand auf und öffnete eine Thür, durch die ich in einen Gang sehen konnte.

, Ach, Kinder! sagte sie, als sie zurückkehrte, ich fürchte mich fast, in jenes Zimmer zu gehen, es sieht so einsam aus mit dem leeren Stuhl, der in den Winkel geschoben ist.
Sie trocknete ihre Augen mit der Schürze. Die beiden Mädchen wurden jetzt traurig.
, Aber er ist an einem besseren Orte, fuhr Hannah fort, wir sollten nicht wünschen, daß er wieder hier wäre. Und dann kann sich Niemand einen ruhigeren Tod wünschen.
, Du sagst, daß der Vater unserer gar nicht mehr erwähnt hat? fragte eine von den jungen Damen.
, Er hatte nicht Zeit dazu, Kind, er war in einer Minute hinüber. Am Tage zuvor war er ein wenig leidend, doch schien es ohne Bedeutung und als Herr Saint John fragte, ob man nicht eine von Ihnen kommen lassen solle, da lachte er ihn aus. Am nächsten Tage begann es wieder mit einer Schwere im Kopf -- das sind jetzt vierzehn Tage her -- und er
legte sich schlafen, um nicht wieder zu erwachen; er war schon fast kalt, als Ihr Bruder ankam. Ach Kinder! das war der letzte von dem alten Stamm -- denn Sie und Herr Saint John scheinen von anderer Art zu sein, als der Verstorbene; doch Ihre Mutter glich Ihnen mehr, und war auch fast ebenso gelehrt in den Büchern. Sie sind ihr Ebenbild, Maria;
Diana ähnelt mehr ihrem Vater.
Mir schienen sie einander so ähnlich, daß ich nicht sagen konnte, wo die alte Dienerin (denn dafür hielt ich sie; den Unterschied fand. Beide waren von zarter Gesichtsfarbe und schlank gebaut; Beide besaßen auffallende und geistreiche Züge. Das Haar der einen war freilich um eine Schattirung dunkler, als das der anderen, und es lag eine Verschiedenheit in der Art, wie sie es trugen. Marias hellbraune Locken waren gescheitelt und anliegend; Dianas dunkleres Haar bedeckte ihren Nacken mit dichten Locken.
Die Uhr schlug zehn.

, Sie werden gewiß Ihr Abendessen haben wollen, sagte Hannah, und Herr Saint John auch, wenn er heimkommt.
Und sie begann das Mahl zu bereiten. Die Damen standen auf, sie schienen im Begriff, sich in das Wohnzimmer zurückzuziehen. Bis zu diesem Augenblick hatten ihre Erscheinung und ihre Unterhaltung ein so lebhaftes Interesse in mir erregt, daß ich meine elende Lage fast vergaß. Jetzt erschien sie mir wegen des Gegensatzes noch trostloser und verzweifelter als je. Und wie unmöglich dünkte es mich, den Bewohnern dieses Hauses Theilnahme für mich einzuflößen, sie zu bewegen, meinen Worten zu glauben, und mir ein Obdach zu gewähren! Als ich die Thür fand und zaudernd anklopfte, fühlte ich, daß die letztere Hoffnung eine reine Chimäre sei. Hannah öffnete.
, Was wollen Sie? fragte sie erstaunt, als sie mich beim Scheine des Lichtes, welches sie in der Hand hielt, betrachtete.
, Ich wünsche mit Ihren Damen zu reden, sagte ich.
, Woher kommen Sie?
, Ich bin eine Fremde.
, Was haben Sie zu dieser Stunde hier zu suchen?
, Ich bitte um ein Nachtlager in einem Stalle oder wo es sei, und um ein Stückchen Brot.
Mißtrauen, gerade das Gefühl, welches ich fürchtete, zeigte sich in Hannah's Gesicht.
, Ich will Ihnen ein Stück Brot geben, sagte sie nach einer Pause, aber wir können keine Person aufnehmen, die sich nachts umhertreibt; das sieht verdächtig aus.
, Aber wohin soll ich gehen, wenn sie mich fortjagen? was soll ich thun?
, O, ich wette, Sie wissen schon, wohin Sie gehen können und was Sie zu thun haben. Hier ist ein Pfennig; nun gehen Sie --
, Einen Pfennig kann ich nicht essen, und zum Weitergehen habe ich keine Kraft mehr. Schließen

Sie die Thür nicht. O! um Gotteswillen thun Sie es nicht?
, Ich muß; der Regen schlägt herein --
, Sagen Sie es den jungen Damen -- lassen Sie mich mit ihnen reden.
, Nein, das werde ich nicht. Sie sind nicht das, wofür Sie sich ausgeben, sonst würden Sie nicht so aufdringlich sein. Packen Sie sich fort!
, Aber ich muß sterben, wenn Sie mich forttreiben.
, Das glaube ich nicht. Ich fürchte, Sie haben böse Pläne, die Sie zur Nachtzeit vor dieses abgelegene Haus führen. Wenn Sie Begleiter bei sich haben -- Diebe, Räuber oder dergleichen -- so können Sie ihnen nur sagen, daß wir nicht allein im Hause sind, es ist ein Herr da, und Hunde und Flinten.
Hier schlug die ehrliche, aber unerbittliche Dienerin die Thür zu und verriegelte sie von innen.
Die Angst der Verzweiflung zerriß mein Herz. Ich war völlig erschöpft und konnte keinen Schritt weiter thun. Ich sank auf die nasse Schwelle nieder -- ich stöhnte -- ich rang die Hände -- ich weinte in äußerster Qual. O, dieses Gespenst des Todes! O, diese letzte Stunde, die sich mit solchem Entsetzen näherte! Ach, diese Verlassenheit -- diese Unerbittlichkeit aller Menschen! Nicht allein den festen Anker eines Heims hatte ich verloren, jetzt wollte mich auch meine letzte Seelenkraft verlassen. Aber noch wollte ich mich nicht selbst aufgeben.
, Ich kann nur noch sterben, sagte ich mir, und ich glaube an Gott. Ich will versuchen, seinen Willen ergeben zu erwarten.
Diese Worte dachte ich nicht nur, sondern ich sprach sie laut aus und suchte all mein Elend in mein Herz zurückzudrängen.
, Alle Menschen müssen sterben, hörte ich eine männliche Stimme ganz in der Nähe sagen, aber nicht Alle sind verurtheilt zu einem langsamen und frühzeitigen Untergange, wie der Ihrige sein würde, wenn Sie hier aus Mangel umkämen.

, Wer redet hier? fragte ich, erschrocken über die unerwarteten Laute und unfähig, aus irgend einem Ereignis eine Hoffnung auf Hilfe abzuleiten. Eine Gestalt war nahe, doch konnte ich sie bei meinem schwachem Gesicht und bei der Dunkelheit der Nacht nicht erkennen. Der Unbekannte klopfte stark und lange an die Thür.
, Sind Sie es, Herr Saint John? rief Hannah.
, Ja -- ja, öffne schnell.
O, wie durchnäßt und kalt müssen Sie sein in einer solchen Nacht, wie diese! Kommen Sie herein. Ihre Schwestern sind Ihretwegen schon sehr besorgt, und ich fürchtete, es wären böse Leute in der Nähe. Es war ein Bettelweib da -- wahrhaftig, sie ist noch nicht fort! -- Sie hat sich dort niedergelegt! Sie da! Stehen Sie doch auf! Packen Sie sich fort, sage ich!
, Still, Hannah! Ich habe ein Wort mit der Fremden zu reden! Du hast deine Pflicht gethan, als du ihr den Eintritt verwehrtest, jetzt laß' mich
die meine thun, sie einzulassen. Ich war in der Nähe und hörte, was Ihr Beide mit einander gesprochen. Es ist, wie mir scheint, ein besonderer Fall -- ich muß ihn wenigstens untersuchen. Junge Frau, stehen Sie auf und kommen Sie mit ins Haus.
Mit großer Anstrengung gehorchte ich. Bald befand ich mich in der hellen Küche und stand ängstlich und zitternd am Herde, denn ich wußte, daß mein Aussehen wild und abschreckend sein mußte. Die
beiden Damen, ihr Bruder Saint John und die alte Dienerin sahen mich Alle an.
, Saint John, wer ist das? hörte ich eine der Schwestern fragen.
, Ich kann es nicht sagen; ich fand sie vor der Thür, war die Antwort.
, Sie sieht todtenblaß aus, sagte Hannah.
, So weiß, wie ein Leintuch, war die Antwort.
, Sie wird umfallen, laß' sie sich niedersetzen.
Und in der That drehte sich Alles mit mir, ich sank nieder, aber ein Stuhl nahm mich auf. Ich war

noch meiner Sinne mächtig, obgleich ich noch nicht reden konnte.
, Vielleicht wird ihr ein wenig Wasser gut thun. Hole Wasser, Hannah. Aber sie ist ganz abgezehrt und hat nicht einen Tropfen Blut in den Wangen!
, Ist sie krank oder nur ausgehungert?
, Ausgehungert, denke ich. Hannah, ist das Milch? Gib sie mir und ein Stück Brot dazu.
Eines der jungen Mädchen neigte sich über mich; es war Diana -- ich kannte sie an den langen Locken, die ich zwischen mir und dem Feuer schweben sah; sie brach etwas Brot ab, tauchte es in die Milch und brachte es an meine Lippen. Ihr Gesicht war dem meinigen nahe, ich sah Mitleid darin. In ihren einfachen Worten lag dieselbe wohlthuende Rührung, als sie sagte:
, Versuchen Sie zu essen.
, Ja, versuchen Sie es, wiederholte Maria sanft, nahm mir den durchnäßten Hut ab und stützte meinen Klopf. Ich kostete, was Sie mir anboten, anfangs lässig, dann begierig.
, Nicht gleich zu viel -- haltet sie zurück, sagte der Bruder, sie hat jetzt genug. Versuche, ob sie jetzt reden kann -- frage sie nach ihrem Namen.
Ich fühlte, daß ich reden konnte, und antwortete:
, Mein Name ist Johanna Elliott.
Da ich Nachforschungen über meine bisherigen Verhältnisse zu vereiteln wünschte, hatte ich schon vorher beschlossen, einen anderen Namen anzunehmen.
, Und wo wohnen Sie? Wo sind Ihre Freunde?
Ich blieb stumm.
, Können wir zu Jemand schicken, den Sie kennen?
Ich schüttelte den Kopf.
, Welche Auskunft können Sie über sich geben?
Ich weiß nicht, wie es kam, aber jetzt, da ich bei guten Menschen ein Obdach gefunden hatte und mir nicht mehr wie eine von der Welt Ausgestoßene erschien -- jetzt wagte ich, die Maske der Bettlerin

abzulegen und mein natürliches Wesen wieder anzunehmen. Ich begann mich wiederzuerkennen, und als Herr Saint John Auskunft über mich verlangte, die ich ihm jetzt wegen meiner Schwäche nicht geben
konnte, sagte ich nach einer kurzen Pause:
, Mein Herr, ich kann Ihnen diesen Abend nicht alles Nähere mittheilen.
, Aber, was wollen Sie denn, daß ich für Sie thun soll? sagte er.
, Nichts, versetzte ich. Meine Kraft reicht: nur noch zu kurzen Antworten aus.
, Wollen Sie damit sagen, daß wir Ihnen jetzt den nöthigen Beistand schon geleistet haben, fragte Diana, und daß wir Sie wieder in die Regennacht hinaus lassen könnten?
Ich blickte sie an. In ihrem Gesichte drückte sich zugleich Willensstärke und Güte aus. Ich faßte plötzlich Muth, beantwortete ihren mitleidigen Blick mit einem Lächeln und sagte:
, Ich will Ihnen vertrauen. Ich weiß, daß Sie einen herrenlos umherlaufenden Hund in dieser Nacht nicht von Ihrem Herde treiben würden, um wie viel weniger habe ich das zu fürchten. Thun Sie mit mir
und für mich, was Sie wollen; aber entschuldigen Sie, wenn ich wenig rede -- mein Athem ist kurz -- ich fühle eine Art Krampf, wenn ich spreche.
Alle drei sahen mich an und schwiegen.
, Hannah, sagte Herr Saint John endlich, laß' sie für jetzt dort sitzen und lege ihr keine Fragen vor; wenn zehn Minuten um sind, gib ihr wieder Milch und Brot, Maria und Diana, kommt in das Wohnzimmer, dort wollen wir die Sache weiter überlegen.
Sie entfernten sich. Sehr bald kehrte eine von den Damen zurück -- ich konnte nicht sagen, welche. Eine angenehme Fühllosigkeit hatte sich meiner bemächtigt, als ich an dem wärmenden Feuer saß. Sie ertheilte Hannah in leisem Tone Befehle. Bald gelang es mir, mit Hilfe der Dienerin eine Treppe hinaufzusteigen, meine triefenden Kleider wurden abgelegt und dann empfing mich ein warmes, trockenes Bett. Ich empfand bei der unaussprechlichen Erschöpfung ein Gefühl der Freude, und mit einem Dankgebete auf den Lippen schlief ich ein.

Dreißigstes Capitel.

Die Erinnerung an die drei folgenden Tage und Nächte ist sehr unklar in meinem Geiste. Ich wußte, ich sei in einem kleinen Zimmer und in einem schmalen Bette. Ich lag da, regungslos wie ein Stein, und
achtete nicht auf den Uebergang vom Morgen zum Mittage, vom Mittage zum Abende. Ich bemerkte, wenn Jemand eintrat oder das Zimmer verließ, ich wußte sogar, wer es war, und konnte verstehen, was
gesprochen wurde, aber ich konnte nicht antworten; meine Lippen zu öffnen oder meine Glieder zu bewegen, war gleich unmöglich. Die Dienerin Hannah besuchte mich häufig. Ihre Gegenwart beunruhigte
mich. Ich hatte das Gefühl, daß sie, meine Lage nicht begreifend, ein Vorurtheil gegen mich hege und mich hinweg wünsche. Diana und Maria kamen ein- oder zweimal täglich in mein Zimmer und flüsterten
neben meinem Bette. Von ihren leisen Gesprächen vernahm ich etwa Folgendes:
, Es ist gut, daß wir sie aufgenommen haben.
, Ja; man würde sie gewiß am Morgen todt vor der Thür gefunden haben, wäre sie die Nacht draußen geblieben. Ich bin begierig zu hören, was
ihr widerfahren ist.
, Seltsames Mißgeschick -- das arme, abgemagerte, bleiche Wesen!
, Sie ist keine ungebildete Person, nach ihrer Art zu reden; ihr Accent war ganz rein, und die Kleider, die sie abgelegt, obgleich beschmutzt und naß, waren fein und wenig abgetragen.
, Sie hat ein eigenthümliches Gesicht; so fleischlos und abgefallen es ist, gefällt es mir doch; unter günstigeren Umständen muß es ein sehr angenehmes Gesicht sein.
Nie hörte ich in ihren Gesprächen eine Silbe von Argwohn oder Vorurtheil gegen mich. Dies tröstete mich.
Herr Saint John kam nur einmal herein; er sagte, mein Zustand der Schlafsucht sei die Folge von langer und übermäßiger Anstrengung. Einen Arzt zu rufen, sei unnöthig, da in diesem Falle die Natur der beste Arzt sei; die Nerven wären auf irgend eine Weise zu sehr angespannt gewesen und das ganze System müsse eine Weile ruhen. Es sei keine eigentliche Krankheit vorhanden und wenn ich einmal begonnen habe, mich zu erholen, werde ich bald ganz wieder hergestellt sein. Diese Ansichten sprach er mit ruhiger und leiser Stimme aus und fügte nach einer Pause in dem Tone eines Mannes, der wenig Worte macht, hinzu:
, Eine etwas ungewöhnliche Physiognomie, jedenfalls macht sie nicht den Eindruck der Gemeinheit oder der Gesunkenheit.
, Ganz im Gegentheile, antwortete Diana. , Die Wahrheit zu sagen, Saint John, mein Herz erwärmt sich für die arme kleine Seele. Ich wollte, wir wären im Stande, ihr dauernd Wohlthaten zu erweisen.
, Das ist kaum anzunehmen, war die Antwort.
, Du wirst sehen, daß sie eine junge Dame ist, die ein Mißverständnis mit ihren Angehörigen gehabt und sie wahrscheinlich auf unüberlegte Weise verlassen hat. Vielleicht wird es uns gelingen, sie ihnen wieder zuzuführen, wenn sie nicht halsstarrig ist; doch ich finde Linien in ihrem Gesicht, die mir einige Zweifel an Ihrer Fügsamkeit einflößen.
Er betrachtete mich einige Minuten und fügte dann hinzu:
, Ihre Züge verrathen Geist, aber schön ist sie keineswegs.
, Sie ist so krank, Saint John.
, Krank oder gesund, die Grazie und Harmonie der Schönheit fehlen gänzlich in diesem Gesicht.

Am dritten Tage war mir besser; am vierten konnte ich reden, mich bewegen und mich im Bette aufrichten. Ich hatte mit Appetit gegessen, die Speise war gut und der vom Fieber stammende Beigeschmack war verschwunden. Bald wurde ich der Ruhe überdrüssig und fühlte das Verlangen nach Thätigkeit und Bewegung. Ich wünschte aufzustehen, aber was sollte ich anziehen? Ich besaß nichts, als meine nassen und beschmutzten Kleider, worin ich unter freiem Himmel geschlafen hatte und in den Sumpf gefallen war. Ich fühlte mich beschämt, so gekleidet vor meinen Wohlthätern erscheinen zu sollen. Doch wurde mir dies erspart.
Auf einem Stuhle neben dem Bette lagen alle meine Kleider rein und trocken und so wieder hergestellt, daß ich mich darin sehen lassen konnte. Es war Waschwasser im Zimmer, auch Kamm und Bürste
fehlten nicht. Mit Mühe gelang es mir, mich anzukleiden, wobei ich oft ausruhen mußte. Meine Kleider waren mir zu weit geworden, denn ich war sehr abgefallen, aber ich bedeckte diese Mängel mit meinem großen Shawl, und als ich wieder reinlich und anständig aussah, schlich ich, mich fortwährend am Geländer haltend, eine steinerne Treppe hinunter
zu einem schmalen niedrigen Gange und befand mich alsbald in der Küche.
Sie war von dem Dufte frischgebackenen Brotes erfüllt. Hannah war mit Backen beschäftigt. Es ist bekannt, daß bei Menschen ohne bessere Erziehung Vorurtheile schwer auszurotten sind, sie wurzeln dort fest wie Unkraut zwischen Steinen. Hannah war Anfangs kalt und steif gegen mich gewesen, in der letzten Zeit begann sie ein wenig aufzuthauen, und als sie mich sauber und anständig gekleidet sah, lächelte sie
Sogar.
, Ei, Sie sind aufgestanden, sagte sie. , Sie sind also wieder hergestellt. Sie können sich in meinen Stuhl am Feuerherde setzen, wenn Sie wollen.
Sie deutete auf den Rollstuhl, und ich nahm darin Platz. Sie beobachtete mich von Zeit zu Zeit

von der Seite und während sie einige Brote aus dem Ofen nahm, wendete sie sich zu mir und fragte geradezu:
, Bettelten Sie je vorher, ehe Sie hierher kamen?
Ich war im ersten Augenblick unwillig; doch bedachte ich sogleich, daß ich ihr in der Chat wie eine Bettlerin erschienen war, und antwortete ruhig, aber nicht ohne eine gewisse Festigkeit:
, Sie irren, wenn Sie mich für eine Bettlerin halten. Ich bin keine Bettlerin, ebensowenig wie Sie oder Ihre jungen Damen.
Nach einer Pause sagte sie:
, Ich verstehe das nicht; Sie haben doch kein Heim und kein Geld, soviel ich weiß.
, Das macht mich noch nicht zur Bettlerin in Ihrem Sinne des Wortes.
, Sind Sie büchergelehrt? fragte sie sogleich.
, Ja.
, Aber Sie sind doch wohl nie in einer Pension gewesen?
, Acht Jahre lang war ich in einer Pension.
Sie öffnete ihre Augen weit.
, Warum können Sie sich dann nicht selbst ernähren?
, Ich habe mich selbst ernährt und hoffe es auch ferner zu können.
, Ich sehe es Ihren Fingern an, daß Sie nicht an grobe Arbeit gewöhnt sind, bemerkte Hannah. , Vielleicht sind Sie eine Kleidermacherin gewesen?
, Nein, Sie irren. Und nun kümmern Sie sich nicht weiter um mich, sondern sagen Sie mir den Namen dieses Hauses.
, Einige nennen es Marsh End und Andere Moor House.
, Und der Herr, der hier wohnt, heißt Saint John?
, Er wohnt nicht hier, er hält sich hier nur für einige Zeit auf. Er wohnt in Morton, wo sich seine Gemeinde befindet.

, In dem Dorfe einige Meilen von hier?
, Ja.
, Und was ist er?
, Er ist Prediger.
Ich erinnerte mich der Antwort der alten Haushälterin im Pfarrhause zu Morton, als ich nach dem Geistlichen gefragt hatte.
, Dies hier war wohl der Wohnort seines Vaters?
, Ja; der alte Herr Rivers wohnte hier und sein Vater, Großvater und Urgroßvater vor ihm.
, Der Name jenes Herrn ist also Herr Saint John Rivers?
, Ja; Saint John ist sein Taufname.
, Und seine Schwestern heißen Diana und Maria Rivers?
, Ja.
, Ihr Vater ist tode.
, Vor drei Wochen am Schlagfluß gestorben.
, Haben sie keine Mutter mehr?
, Die ist seit mehreren Jahren todt.
, Sind Sie schon lange bei der Familie?
, Schon dreißig Jahre. Ich habe sie alle drei aufgezogen.
, Das beweist, daß Sie eine ehrliche und treue Dienerin sein müssen. Ich erkenne das an, obgleich Sie die Unhöflichkeit gehabt haben, mich eine Bettlerin zu nennen.
Sie sah mich wieder mit starrer Ueberraschung an.
, Ich glaube, ich habe mich in meinem Urtheile über Sie gänzlich geirrt, sagte sie, aber es kommen so viele Betrügereien vor, daß Sie mir verzeihen müssen.
, Auch wollten Sie mich aus der Thür treiben in einer Nacht, wo Sie keinen Hund hätten fortjagen sollen, fuhr ich etwas strenge fort.
, Ich gestehe, es war hart, aber was soll man thun? Ich dachte mehr an die Kinder, die armen Dinger, als an mich selbst! Sie haben Niemand, der

sie behütet, als mich. So muß ich wohl ein scharfes Auge haben. Ich behauptete einige Minuten lang ein ernstes Schweigen.
, Sie müssen nicht zu schlecht von mir denken, sagte sie wieder.
, Aber ich denke doch schlecht von Ihnen, entgegnete ich, nicht so sehr, weil Sie sich weigerten, mir Obdach zu gewähren, oder mich für eine Betrügerin hielten, sondern weil Sie es mir eben jetzt zum besonderen Vorwurfe machten, daß ich kein Gold und kein Heim habe. Einige der besten Menschen, die je gelebt haben, waren ebenso verlassen wie ich; und wenn Sie eine Christin sind, sollten Sie die Armuth nicht als eine Schande betrachten.
, Das sollte ich freilich nicht, sagte sie, Herr Saint John sagt es mir auch immer, und ich sehe, ich hatte Unrecht -- aber ich habe jetzt eine ganz
andere Meinung von Ihnen als Anfangs. Sie sehen jetzt wie eine ganz anständige kleine Dame aus.
, So ist es recht -- ich verzeihe Ihnen jetzt. Reichen Sie mir die Hand.
Sie legte ihre mehlige und harte Hand in die meinige; ein herzliches Lächeln erhellte ihr rauhes Gesicht, und von diesem Augenblicke an waren wir Freunde.
Es war nicht zu verkennen, daß Hannah gern sprach. Während sie Teig zu Kuchen zurecht machte, theilte sie mir verschiedene Einzelnheiten über ihre verstorbene Herrschaft und die Kinder mit, wie sie die drei jungen Leute nannte.
Der alte Herr Rivers, sagte sie, sei ein ganz einfacher Mann gewesen, aber ein Gentleman in jeder Beziehung und von einer so alten Familie, wie man sie nur finden könne. Marsh End habe der Familie Rivers gehört, so lange es gestanden, und es sei ausgemacht, daß es über zweihundert Jahre alt sei, wenn es auch klein und bescheiden aussehe und mit dem großen Herrenhause des Nadelfabrikanten Olivers da

unten in Morton Vale nicht verglichen werden könne. Aber sie erinnere sich noch, wie Bill Oliver's Vater als Arbeiter in der Nadelfabrik beschäftigt war, während die Rivers schon in den alten Tagen der Heinriche Edelleute gewesen wären. Dennoch gab sie zu, der alte Herr sei ganz wie andere Leute gewesen und sehr auf die Jagd und den Ackerbau versessen und dergleichen. , Die Frau war schon anders,
sagte sie. , Sie las und studirte viel und die Kinder sind nach ihr gerathen und haben ihresgleichen nicht in dieser Gegend; sie liebten das Lernen alle Drei fast von der Zeit an, wo sie sprechen konnten, und hatten stets etwas Apartes an sich. Als Herr Saint John heranwuchs, wollte er auf die Universität gehen und ein Prediger werden. Sobald die Mädchen die
Schule verließen, suchten sie Stellen als Erzieherinnen; denn sie sagten, ihr Vater habe vor einigen Jahren eine große Geldsumme durch den Bankrott eines Mannes, dem er sie anvertraut hatte, verloren, und da er nun nicht mehr reich genug sei, um ihnen ein Vermögen zu hinterlassen, so müßten sie für sich selber sorgen. Zeit langer Zeit waren sie nur selten zu Hause, und jetzt sind sie nur in Folge des Todes ihres Vaters gekommen, um hier einige Wochen zu verweilen; doc lieben sie Marsh End und Morton, sowie das Moor und die Hügel in der Runde gar sehr. Sie sind in London und in vielen anderen großen Städten gewesen; aber sie sagen immer, kein Ort komme der Heimat gleich, und dann waren sie
immer so friedfertig und verträglich mit einander und hatten nie Streit. Ich habe nie eine solche Familie gekannt.
Ich fragte, wo die beiden Damen und ihr Bruder jetzt wären.
, Sie machen einen Spaziergang nach Morton, war die Antwort, aber sie werden in einer halben Stunde zum Thee zurück sein.
Die Erwarteten kehrten noch vor der von Hannah angegebenen Zeit zurück und traten durch die Küchenthür ein. Als Herr Saint John mich erblickte, verbeugte er sich nur und ging durch die Küche weiter;
aber die beiden Damen blieben zurück. Maria drückte in wenigen freundlichen und ruhigen Worten ihre Freude aus, mich soweit wieder hergestellt zu sehen,
Diana faßte meine Band, schüttelte dabei aber den Kopf.
, Sie hätten meine Erlaubnis abwarten sollen, herunterzukommen, sagte sie. , Sie sehen noch sehr blaß aus -- und so abgefallen! Armes Kind --
armes Mädchen!
Diana hatte eine Stimme, die in meinem Ohre wie das Gurren einer Taube klang. Sie hatte Augen, deren Blicken ich mit Entzücken begegnete. Ihr ganzes Gesicht schien mir voll Reiz. Marias Gesicht war
ebenso geistreich, ihre Züge ebenso hübsch, aber ihr Wesen zurückhaltender, obgleich sanft. Dianas Blick und Sprache verrieth eine gewisse Autorität, sie besaß offenbar einen eigenen Willen. Es lag in meiner Natur, einer Autorität gern und willig nachzugeben, die so geartet war, wie die ihrige, und mich einem kräftigen Willen zu beugen, wo mein Gewissen und meine Selbstachtung es gestatteten.
, Hier ist nicht Ihr Platz, fuhr Diana fort.
, Sie sind ein Gast und gehören in das Wohnzimmer.
Und meine Hand fassend, nöthigte sie mich, aufzustehen, und führte mich in das innere Zimmer.
, Setzen Sie sich dort nieder, sagte sie, mich zu dem Sopha geleitend, während wir unsere Hüte und Tücher ablegen und den Thee bereiten.
Sie ging hinaus und ließ mich mit Herrn Saint John allein, der mir gegenüber saß und ein Buch in der Hand hielt. Ich betrachtete erst das Zimmer und dann den Bewohner desselben.
Das Zimmer war ziemlich klein und sehr einfach ausmöblirt, aber bequem und zierlich. Die altmodischen Stühle waren glänzend polirt und die Platte des Tisches von Nußbaumholz glich einem Spiegel. Einige
alterthümliche Bilder von Männern und Frauen aus früheren Zeiten schmückten die Wände; ein Schrank

mit Glasthüren enthielt einige Bücher und alterthümliche Geschirre von chinesischem Porzellan. Es war kein überflüssiger Schmuck und kein einziges modernes Hausgeräth im Zimmer außer einem Paar Arbeitskästchen und einem Damenschreibpult von Rosenholz.
Alles sah wohlerhalten aus.
Herr Saint John, der seine Augen auf das Blatt richtete, welches er las, war leicht genug zu beobachten. Wäre er eine Statue gewesen, so hätte er nicht unbeweglicher dasitzen können. Er war jung, vielleicht achtundzwanzig oder dreißig Jahre alt, und groß und schlank; sein Gesicht mit den ernsten Linien fesselte das Auge; Mund, Kinn und die gerade, classische Nase erinnerten an einen Athener. Seine Augen waren
groß und blau mit braunen Wimpern; seine hohe Stirn, farblos wie Elfenbein, war theilweise von blonden Locken bedeckt.
So anheimelnd diese Schilderung erscheinen mag, so machte doch der Gegenstand derselben durchaus nicht den Eindruck einer sanften, nachgebenden oder milden Natur. Schweigend, wie er jetzt dasaß, lag
etwas in dem Aus drucke seiner erweiterten Nase, seines Mundes und seiner Stirn, was auf ruhelose, harte oder heftige Elemente in seinem Innern zu deuten schien. Er sprach kein Wort mit mir und richtete auch keinen Blick auf mich, bis seine Schwestern zurückkehrten. Diana, die während der Zubereitung des Thees aus- und einging, brachte mir einen
kleinen Kuchen, der auf dem Ofen gebacken worden war.
, Essen Sie jetzt, sagte sie, Sie müssen hungrig sein. Hannah sagte, Sie haben seit dem Frühstücke nur eine Griessuppe bekommen.
Ich schlug den Kuchen nicht aus, denn mein Appetit war rege. Herr Rivers machte sein Buch zu, näherte sich dem Tische, nahm einen Stuhl und richtete seine blauen, klaren Augen auf mich. Es lag jetzt eine entschiedene Festigkeit, eine forschende Rücksichtslosigkeit in seinem Blicke, die mir sagte, daß er ihn

bisher mit Absicht und nicht aus Verlegenheit von der Fremden abgewendet habe.
, Sie sind sehr hungrig? bemerkte er.
, Das bin ich, mein Herr.
Es war immer instinctmäßig meine Art, der Kürze mit Kürze und der Offenheit mit Offenheit zu begegnen.
, Es ist gut für Sie, daß ein geringes Fieber Sie in den letzten drei Tagen zur Enthaltsamkeit genöthigt hat; es wäre gefährlich gewesen, gleich Anfangs den Forderungen Ihres Appetits ganz nachzugeben. Jetzt
können Sie essen, aber immer noch mäßig.
, Ich hoffe, ich werde nicht lange auf Ihre Kosten essen, mein Herr, war meine unhöfliche Antwort.
, Nein, sagte er kalt, wenn Sie uns Ihren Wohnort und Ihre Angehörigen genannt haben, können wir an diese schreiben und Sie in Ihre Heimat
zurücksenden.
, Das, muß ich Ihnen offen sagen, liegt nicht in meiner Macht, da ich durchaus ohne Heimat und Angehörige bin.
Alle Drei sahen mich an; aber ich fühlte, daß kein Argwohn in ihren Blicken lag; es war mehr Neugierde, besonders bei den jungen Damen. Saint Johns Augen, obgleich im buchstäblichen Sinne klar genug, waren im bildlichen Sinne schwer zu ergründen.
Er schien sie mehr als Werkzeuge anzuwenden, um anderer Leute Gedanken zu erforschen, denn als Dolmetscher, um seine eigenen zu erkennen zu geben. Und diese Vereinigung von Zurückhaltung und Scharfsinn war mehr geeignet, in Verlegenheit zu setzen, als zu
ermuthigen.
, Wollen Sie damit sagen, daß sie durchaus ohne alle Verwandtschaft sind? fragte er.
, Allerdings. Kein Band fesselt mich an irgend ein lebendes Wesen; ich habe keinen Anspruch, in irgend ein Haus in England Zutritt zu erhalten.
, Eine sehr eigenthümliche Lage in Ihrem Alter.

Hier sah ich, daß sein Blick sich auf meine Hände richtete, die gefaltet vor mir auf dem Tische lagen. Es wunderte mich, was er daran suchen möge, doch schon seine nächsten Worte erklärten es mir.
, Sie sind nicht verheiratet? Sie sind ledig?
Diana lachte.
, Ei, sie kann ja nicht über siebzehn oder achtzehn Jahre alt sein, Saint John, sagte sie.
, Ich bin beinahe neunzehn, aber nicht verheiratet. Nein.
Ein lebhaftes Erröthen ergoß sich über mein Gesicht; denn bittere und aufregende Erinnerungen wurden durch die Anspielung auf Verheiratung in mir erweckt. Alle sahen dies. Diana und Maria wollten mich nicht noch mehr in Verlegenheit bringen und wendeten ihre Blicke von meinem purpurrothen Gesichte ab; aber der kältere und strengere Bruder hielt unverwandt sein Auge auf mich gerichtet, bis mir der
Kummer, den er mir dadurch bereitete, Thränen entlockte.
, Wo hielten Sie sich zuletzt auf? fragte er jetzt.
, Du fragst auch allzu viel, Saint John, wandte Maria in leisem Tone ein, aber er lehnte sich über den Tisch und forderte mit einem zweiten festen und durchdringenden Blicke eine Antwort.
, Der Name des Ortes, wo, und der Person, bei welcher ich mich aufhielt, ist mein Geheimnis, erwiderte ich mit Bestimmtheit.
, Welches Sie, meiner Ansicht nach, sowohl vor Saint John als auch vor jedem anderen Frager zu bewahren ein Recht haben, sagte Diana.
, Doch wenn ich nichts von Ihnen und Ihrer Geschichte weiß, kann ich Ihnen nicht helfen, sagte er. , Und Sie bedürfen der Hilfe, nicht wahr?
, Ich bedarf derselben, mein Herr, und es geschähe mir ein großer Dienst, wenn ein wahrer Menschenfreund mir eine passende Beschäftigung verschaffte, wodurch ich mir meinen Unterhalt erwerben
könnte, wenn ich auch nur die nothwendigsten Bedürfnisse des Lebens zu befriedigen vermöchte.

, Ich weiß nicht, ob ich ein wahrer Menschenfreund bin, doch bin ich bereit, Ihnen nach besten Kräften in Ihrem so redlichen Vorhaben behilflich zu sein. Sagen Sie mir also zuerst, was sind Sie gewohnt zu thun und was können Sie thun?
Ich hatte jetzt meinen Thee getrunken und fühlte mich sehr erfrischt durch das Getränk; es verlieh meinen erschlafften Nerven neue Stärkung und dies setzte mich in den Stand, diesem scharfsichtigen jungen Richter mit Festigkeit zu begegnen.
, Herr Rivers, sagte ich, ihn offen anblickend, wie er mich anblickte, Sie und Ihre Schwestern haben mir einen großen Dienst erwiesen -- den größten, den ein Mensch seinem Mitgeschöpfe erweisen kann:
Sie haben mich durch Ihre edle Gastfreundschaft vom Tode errettet. Diese mir erwiesene Wohlthat gibt Ihnen einen unbegrenzten Anspruch auf meine Dankbarkeit und bis auf einen gewissen Punkt auch auf mein Vertrauen. Ich will Ihnen von der Geschichte der heimatlosen Person, die bie aufgenommen haben, so viel erzählen, als ich kann, ohne meinen eigenen Seelenfrieden, meine eigene moralische und physische Sicherheit, sowie diejenige anderer Leute zu gefährden.
Ich bin eine Waise, die Tochter eines Geistlichen. Meine Eltern starben, ehe ich sie kannte. Ich wurde in abhängigem Verhältnis erzogen und in einer Freischule unterrichtet. Ich will Ihnen sogar den Namen der Schule nennen, wo ich sechs Jahre als Schülerin und zwei Jahre als Lehrerin zubrachte: es ist die Lowood-Stiftung in der Grafschaft N. Sie werden
davon gehört haben, Herr Rivers? Robert Brocklehurst ist der Schatzmeister der Anstalt.
, Ich habe von Brocklehurst gehört und die Schule selbst gesehen.
, Ich verließ Lowood etwa vor einem Jahre, um Gouvernante in einem Privathause zu werden. Die Stelle war gut und ich fühlte mich glücklich. Vier Tage bevor ich hierher kam, war ich genöthigt, diese Stelle zu verlassen. Den Grund kann und darf ich

nicht erklären, es würde nutzlos, ja gefährlich sein und unglaublich scheinen. Ich bin so frei von aller Schuld, wie nur eins von Ihnen. Elend bin ich und muß es vielleicht bleiben, denn die Katastrophe, die mich aus einem Hause trieb, wo ich ein Paradies gefunden, war von seltsamer und schrecklicher Art. Bei meiner Abreise kam Alles darauf an, daß sie eben so eilig als geheim vor sich ging, daher mußte ich Alles zurücklassen, was ich besaß, mit Ausnahme eines kleinen Bündels, welches ich in der Eile und Verwirrung aus dem Wagen zu nehmen vergaß, der mich bis Whitcroß brachte. In diese Gegend kam ich also ohne alle Hilfsmittel. Ich schlief zwei Nächte unter freiem Himmel und wanderte zwei Tage lang umher, nur zweimal kam in dieser Zeit etwas Speise über meine Lippen, und ich war vor Hunger, Erschöpfung und Verzweiflung dem Tode nahe, als Sie, Herr Rivers, verhinderten, daß ich vor Ihrer Thür umkam, und mich unter Ihr schützendes Dach aufnahmen. Ich weiß Alles, was Ihre Schwestern seitdem für mich gethan haben, denn ich war während meiner scheinbaren Schlafsucht meiner Sinne mächtig, und ich verdanke ihrem edlen und großmüthigen
Mitgefühl ebenso viel, wie Ihrer christlichen Barmherzigkeit.
, Reden Sie jetzt nicht mehr, mahnte Diana, Sie sind offenbar noch nicht stark genug, um Aufregung zu ertragen, Miß Elliott.
Ich stutzte unwillkürlich, als ich diesen neuen Namen hörte, den ich vergessen hatte. Herrn Rivers entging dies nicht.
, Sie sagten, Ihr Name sei Johanna Elliott? bemerkte er.
, Ich sagte es, und ich halte es für zweckmäßig, mich für den Augenblick so zu nennen, aber es ist nicht mein wahrer Name, und wenn ich ihn höre, klingt er mir fremd und seltsam.
, Ihren wahren Namen wollen Sie also nicht angeben?

, Nein, ich fürchte vor allen Dingen die Entdeckung und vermeide daher jede Mittheilung, die dazu führen könnte.
, Ich bin gewiß, Sie haben völlig Recht, sagte Diana. , Nun, Bruder, laß sie eine Weile in Ruhe, ich bitte dich.
Aber als Saint John einige Minuten nachgedacht hatte, begann er wieder ebenso unerschütterlich und ebenso scharfsinnig von Neuem:
, Sie wünschen nicht lange von unserer Gastfreundschaft abhängig zu sein, Sie wünschen sobald als möglich des Mitleids meiner Schwestern, und vor allen Dingen meiner christlichen Barmherzigkeit -- ich
bemerkte den Unterschied sehr wohl und ich bin nicht dadurch verletzt -- entbehren zu können, und streben danach, unabhängig von uns zu sein?
, Ja, das möchte ich, ich habe es bereits gesagt. Zeigen Sie mir, wie ich arbeiten kann oder wo ich Beschäftigung finde; das ist jetzt Alles, um was ich Sie bitte. Dann lassen Sie mich gehen und wäre es in die niedrigste Hütte. Aber bis dahin erlauben Sie mir hier zu bleiben, ich kann unmöglich noch einmal den Kampf mit dem Schrecken heimatloser Armuth aufnehmen.
, Sie sollen natürlich hier bleiben, sagte Diana, ihre weiße Hand auf meinen Kopf legend.
, Das sollen Sie allerdings, wiederholte Maria in dem Tone der Aufrichtigkeit, der ihr natürlich zu sein schien.
, Meine Schwestern finden, wie Sie sehen, ein Vergnügen daran, Sie hier zu behalten, sagte Herr Saint John, sowie sie Vergnügen daran finden
würden, einen halb erfrorenen Vogel zu hegen und zu pflegen, den der winterliche Frost in ihr Fenster getrieben. Ich dagegen fühle mich geneigt, Sie in den Stand zu setzen, sich selbst zu erhalten, und werde es
versuchen. Aber ich muß bemerken, daß mein Wirkungskreis ein sehr beschränkter ist. Ich bin nur ein armer Landprediger, mein Beistand kann also nur

von der bescheidensten Art sein. Und wenn Sie gewohnt sind, das Kleine zu verachten, so suchen Sie sich wirksamere Hilfe als ich sie Ihnen bieten kann.
, Sie hat ja schon gesagt, daß sie jede ehrliche Arbeit verrichten will, deren sie fähig ist, antwortete Diana für mich, und du weißt, Saint John, sie hat keine Wahl unter den Helfern; sie ist gezwungen, sich an so mürrische Menschen zu halten, wie du einer bist.
, Ich will Kleidermacherin, ich will Näherin, ich will Köchin und Kindermädchen sein, wenn sich nichts Besseres für mich findet, antwortete ich.
, Recht so, sagte Herr Saint John sehr kalt.
, Wenn das Ihre Ansicht ist, so verspreche ich Ihnen, so bald ich Zeit und Mittel finde, Ihnen zu helfen.
Er nahm jetzt das Buch wieder zur Band, womit er sich vor dem Thee beschäftigt hatte. Ich zog mich bald auf mein Zimmer zurück, denn ich hatte so viel gesprochen und war so lange außer Bett gewesen, wie es der augenblickliche Zustand meiner Kräfte nur irgend erlaubte.

Einunddreißigstes Capitel.

Je näher ich die Bewohner von Moor House kennen lernte, desto besser gefielen sie mir. Nach wenigen Tagen hatte ich so weit meine Gesundheit wieder erlangt, daß ich den ganzen Tag aufbleiben und zuweilen ausgehen konnte. Ich konnte mich mit Diana und Maria unterhalten, soviel sie es wünschten, und ihnen in ihren Beschäftigungen beistehen, wann und wo sie es mir erlauben wollten. Es lag ein belebendes Vergnügen in diesem Umgange, wie ich es jetzt zum ersten Male kostete -- das Vergnügen, welches aus der vollkommenen Uebereinstimmung des Geschmacks, der Gefühle und Grundsätze hervorgeht.
Ich liebte die Lectüre, welche ihnen zusagte; was sie erfreute, entzückte mich; was sie billigten, hieß ich

gut. Sie liebten ihre von der Welt entlegene heimatliche Wohnung. Auch ich fand in dem kleinen grauen, alterthümlichen Hause mit seinem niedrigen Dache, seinen vergitterten Fenstern, seinen mit Moos bewachsenen Wänden, seiner Allee von alten Fichten und seinem Garten einen mächtigen und dauernden Reiz.
Sie hingen mit inniger Liebe an der rothblühenden Heide, von der ihre Wohnung umgeben war, an dem tiefen Thal, in welches der mit Kieselsteinen übersäete Reitweg vor ihrem Thore aus hinunterführte, und ich konnte ihre Anhänglichkeit an diese Landschaft begreifen und theilen. Ich fühlte die Heiligkeit der Einsamkeit, mein Auge weidete sich an dem Umriß der Erhöhungen und Senkungen des Bodens, an der wilden Färbung, die den Hügeln und dem Thal durch Moos und Haidekraut, durch den mit Blumen besäeten Rasen und röthliche Granitblöcke verliehen wurde. Der starke Wind und die leichte Brise, die Stunden des Aufganges und Unterganges der Sonne, das Mondlicht und die bewölkte Nacht nahmen meine Sinne mit demselben Zauber gefangen, den sie auf die Schwestern ausübten.
Im häuslichen Kreise stimmten wir ebenso gut mit einander überein. Beide besaßen mehr Fertigkeiten und waren belesener, als ich: umso lebhafter strebte ich nach den Kenntnissen, welche sie vor mir voraus
hatten. Ich verschlang die Bücher, die sie mir liehen, und dann war es ein Genuß, am Abend mit ihnen zu besprechen, was ich während des Tages gelesen. Ihre Gedanken stimmten genau mit den meinigen
überein, ihre Ansichten theilte auch ich -- kurz, wir harmonirten in Allem vollkommen.
Wenn unser Kleeblatt eine höher begabte Führerin besaß, so war es Diana. In physischer Hinsicht übertraf sie mich weit, denn sie war schön und kräftig; sie besaß eine Ueberfülle von Leben und eine Widerstandsfähigkeit, die meine Verwunderung erregte. Ich saß gern auf einem niedrigen Schemel zu Dianas Füßen, um meinen Kopf auf ihrem Knie ruhen zu

lassen und ihr und Maria abwechselnd zuzuhören. Diana erbot sich, mich im Deutschen zu unterrichten. Ich lernte gern von ihr, ich sah, daß die Rolle der Lehrerin ihr gefiel und für sie paßte; die der Schülerin gefiel und paßte mir nicht weniger. Unsere Naturen ergänzten sich, gegenseitige innigste Zuneigung war die Folge davon. Sie entdeckten, daß ich zeichnen könne, ihre Pinsel und Farbenkasten standen sogleich
zu meinen Diensten. Meine Geschicklichkeit, die in diesem einen Punkte größer war, als die ihrige, überraschte und bezauberte sie. Maria konnte stundenlang neben mir sitzen und mir zusehen; dann wollte sie
Unterricht bei mir nehmen und ich hatte an ihr eine gelehrige und fleißige Schülerin. In solchem thätigen Zusammenleben vergingen uns die Tage und die Wochen.
Die Vertraulichkeit, die so natürlich und rasch zwischen mir und den Schwestern entstanden war, erstreckte sich nicht auf Herrn Saint John. Ein Grund der Kälte, die noch zwischen uns bemerkbar war, lag darin, daß er sich selten zu Hause befand. Einen großen Theil seiner Zeit schien er damit zuzubringen, die Kranken und Armen in der spärlichen Bevölkerung seiner Gemeinde zu besuchen. Durch kein Wetter ließ er sich an diesen amtlichen Pflichten verhindern. Wenn die Stunden seines Morgenstudiums vorüber waren, nahm er seinen Hut und ging, von Carlo, dem alten Wachtelhunde seines Vaters, begleitet, um sein Amt
der Liebe und Pflicht zu erfüllen -- ich wußte nicht recht, aus welchem Gesichtspunkte er es betrachtete. Zuweilen, wenn das Wetter sehr ungünstig war, machten ihm seine Schwestern Vorstellungen. Dann
pflegte er mit eigenthümlichem, mehr feierlichem als heiterem Lächeln zu sagen:
, Wenn ich mich durch einen Windstoß oder durch einen Regenschauer von der Erfüllung dieser leichten Aufgabe wollte abbringen lassen, wie könnte ich mich durch eine solche Bequemlichkeitsliebe auf die Zukunft
vorbereiten, die ich mir zum Ziele gesetzt habe?

Dianas und Marias gewöhnliche Antwort auf diese Frage war ein Seufzer und ein trauriges Sinnen.
Aber außer seiner häufigen Abwesenheit gab es noch eine andere Schranke, welche keine Freundschaft zwischen ihm und mir aufkommen ließ. Er schien eine zurückhaltende, bedeutende und dabei zerstreute Natur zu sein. Eifrig in seinen amtlichen Arbeiten, tadellos in seinem Leben und seinen Gewohnheiten, schien er sich doch nicht jener geistigen Heiterkeit, jener inneren Zufriedenheit zu erfreuen, welche die Belohnung jedes aufrichtigen Christen und jedes thatkräftigen Menschenfreundes bilden sollte. Oft am Abend, wenn er am Fenster vor seinem Schreibpult und seinen Papieren saß, pflegte er mit Lesen oder Schreiben aufzuhören, sein Kinn auf die Hand zu stützen und sich einem Gedankengange zu überlassen, der ihn, wie das häufige Aufblitzen seiner Augen verrieth, in innere Aufregung versetzte.
Ich glaube überdies, daß die Natur keine solche Quelle der Wonne für ihn war, wie für seine Schwestern. Nur ein einziges Mal sprach er in meiner Gegenwart über den wunderbaren Reiz, welche diese rauhen, schroffen Hügel auf ihn ausübten, und über die angeborene Liebe für das düstere Dach und die bemoosten Mauern, die er sein Heim nannte. Aber
es lag mehr Trübsinn als Behagen in dem Ton und den Worten, womit er dies äußerte. Auch schien es mir stets, als durchstreife er Haide und Moor nicht um ihrer beruhigenden, tröstenden Stille und Einsamkeit willen, die sie ihm doch hätten gewähren können.
Unmittheilsam, wie er war, verging einige Zeit, ehe ich Gelegenheit hatte, sein Gemüth zu ergründen. Zuerst bekam ich einen Begriff davon, als ich ihn in seiner Kirche zu Morton predigen hörte. Ich wollte, ich könnte jene Predigt wiedergeben, aber es geht über meine Kraft. Ich kann nicht einmal den Eindruck, den sie auf mich hervorbrachte, genau beschreiben.

Sie begann ruhig, und so weit es Vortrag und Stimme betraf, war sie auch bis zu Ende ruhig; doch ein tiefgefühlter, wenn auch gemäßigter Eifer, eine gedrängte und zurückgehaltene Kraft gab sich in der Rede zu erkennen. Das Herz wurde getroffen, der Geist in Erstaunen gesetzt, doch keins von beiden beruhigt und besänftigt. Durch das Ganze zog sich eine seltsame Bitterkeit, ein Mangel an tröstender Milde; um so häufiger kehrten strenge Mahnungen an kalvinistische Lehren, an die Gnadenwahl, die Prädestination und die ewige Verdammnis wieder, und wenn diese Punkte berührt wurden, glaubte man einen Urtheilsspruch des jüngsten Gerichts zu vernehmen.
Als die Predigt zu Ende war, empfand ich, anstatt mich erbaut und getröstet zu fühlen, eine unaussprechliche Traurigkeit; denn es schien mir -- ich weiß nicht, ob es Anderen auch so ging -- als sei die
Beredsamkeit, der ich gehorcht hatte, aus einer Tiefe entsprungen, wo sich stürmische Triebe unersättlichen Verlangens und Strebens regten. Ich war gewiß, daß Saint John Rivers -- so tadellos, gewissenhaft
und pflichteifrig er auch war -- noch nicht jenen Frieden Gottes gefunden habe, der über alle Vernunft geht. Er schien ihn ebenso wenig gefunden zu haben, als ich selbst, mit meinem geheimen, folternden Gram um mein zerstörtes Ideal, mein verlorenes Paradies -- einem Gram, der sich meiner gänzlich bemächtigt hatte und mich unerbittlich quälte.
Inzwischen war ein Monat vergangen. Diana und Maria wollten bald Moor-House verlassen und zu den Berufspflichten zurückkehren, welche ihrer als Erzieherinnen in einer großen und lebhaften Stadt im südlichen England warteten. In den reichen und stolzen Familien, in denen sie ihre Stellungen bekleideten, wurden sie nur als demüthige Untergebene betrachtet, keine ihrer vortrefflichen Eigenschaften fanden Beachtung, ihre Fähigkeiten wurden nicht höher geschätzt als die Geschicklichkeit des Koches oder der Geschmack der Kammerjungfer. Herr Saint John hatte

mir noch nichts von der Beschäftigung gesagt, die er mir zu verschaffen versprochen, doch es wurde dringend nöthig, daß ich einen Beruf irgend einer Art ergriff. Eines Morgens, als ich auf einige Minuten im Wohnzimmer mit ihm allein war, wagte ich mich der Fenstervertiefung zu nähern, die durch sein Schreibpult zu einer Art von Studierzimmer geweiht wurde. Ich wollte ihn anreden, war aber noch um die Wahl der Worte verlegen, denn es hat seine Schwierigkeiten, das Eis der Zurückhaltung zu brechen, in welches solche Naturen, wie die seinige, sich zu hüllen pflegen. -- Er ersparte mir jedoch die Mühe, indem er selbst die Unterredung begann.
, Sie haben eine Frage an mich zu thun?
, Ja, ich wünsche zu wissen, ob Sie von einer Stelle gehört haben, die ich zu übernehmen mich erbieten kann.
, Ich habe schon vor drei Wochen etwas für Sie erdacht; doch da Sie hier zugleich nützlich und glücklich zu sein schienen und Ihre Gesellschaft meinen Schwestern ungewöhnliches Vergnügen macht, so wollte ich kein Spielverderber sein, sondern die Zeit abwarten, wo ihre bevorstehende Abreise von Marsh-End auch die Ihrige nöthig machen würde.
, Die Damen reisen aber schon in drei Tagen ab, warf ich ein.
, Ja; und wenn sie gehen, werde ich in das Pfarrhaus zu Morton zurückkehren; Hannah begleitet mich und dieses alte Haus hier wird verschlossen.
Ich erwartete, daß er mit dem angeregten Gegenstand fortfahren würde, er schien jedoch, seinem Blicke nach, in einen anderen Gedankengang hineingerathen zu sein. Ich sah mich also genöthigt, ihn auf das Hauptthema des begonnenen Gesprächs zurückzuführen, das für mich naturgemäß von größter Bedeutung war.
, Von welcher Art ist die Beschäftigung, die Sie für mich ausgesonnen, Herr Rivers? Ich hoffe, dieser Aufschub hat das Hauptthema des begonnenen Gesprächs.

, O nein, denn es ist eine Stellung, die ich allein zu vergeben habe, und die Sie nur anzunehmen brauchen.
Er schwieg wieder, er schien nur mit Widerstreben von der Angelegenheit zu sprechen. Ich wurde ungeduldig, mein unruhiger Blick, den ich auf sein Antlitz heftete, drückte ihm meine Empfindung deutlicher aus, als Worte es vermocht hätten.
, Es bedarf keiner solchen Eile, begann er wieder, ich muß offen sagen, daß ich Ihnen nicht sehr Vortheilhaftes oder Angenehmes vorzuschlagen habe. Die Hilfe, die ich Ihnen bieten kann, ist leider nur von. der Art, wie sie der Blinde dem Lahmen leistet. Ich bin arm; denn ich finde, daß, nachdem ich meines Vaters Schulden bezahlt, mein übriges Erbtheil nichts weiter sein wird, als dieser verfallene Meierhof. Ich bin unbekannt; Rivers ist zwar ein alter Name, aber von den drei einzigen Nachkömmlingen des Geschlechtes ernähren sich zwei als Untergebene unter Fremden und der Dritte betrachtet sich in seinem Vaterlande als
ein Fremder -- nicht nur im Leben, sondern auch im Tode. Ja, und er hält sich für geehrt durch dieses Los, und verlangt nur nach dem Tage, wo das Kreuz auf seine Schultern gelegt werden soll und das Oberhaupt der streitenden Kirche, zu deren demüthigsten Mitgliedern er gehört, das Losungswort geben wird: Stehe auf und folge mir!
Saint John sagte diese Worte, wie er seine Predigten sprach, mit ruhiger tiefer Stimme, ohne eine höhere Färbung seiner Wange, aber mit strahlendem Blicke. Er fuhr fort:
, Und da ich selber arm und unbekannt bin, kann ich Ihnen auch nur einen armen und dürftigen Dienst anbieten. Sie mögen ihn sogar für entehrend halten, denn ich sehe jetzt, daß Ihre Sitten gebildet sind, wie
die Welt es nennt, daß Ihr Geschmack sich zum Idealen neigt, und daß Sie wenigstens mit unterrichteten Personen umgegangen sind -- aber nach meiner Ansicht ist kein Dienst entehrend, der dazu beiträgt, das

Menschengeschlecht besser zu machen. Ich halte dafür, je uncultivirter der Boden ist, auf welchem dem christlichen Arbeiter die Aufgabe der Urbarmachung angewiesen, je spärlicher der äußere Lohn ist, den ihm
seine Arbeit einbringt, desto höher ist die Ehre. Seine Bestimmung ist unter allen Umständen die des Pionniers, und die ersten Pionniere im Evangelium waren die Apostel -- ihr Oberhaupt Jesus, der Erlöser selbst.
, Nun? sagte ich, als er wieder schwieg, fahren Sie fort.
Er sah mich an und schien aufmerksam in meinem Gesichte zu lesen, als ob die Linien desselben Schriftzüge wären. Die aus dieser Forschung gezogenen Schlüsse sprach er zum Theil in den folgenden Bemerkungen aus.
, Ich glaube, Sie werden den Posten annehmen, den ich Ihnen anbiete, sagte er, und ihn auch eine Weile behalten, wenn auch nicht auf die Dauer; ebenso wenig, wie ich für immer mich mit dem stillen Amt eines englischen Landpredigers begnügen könnte; denn in Ihrer Natur liegt ein Etwas, das der Ruhe und der erschlaffenden Gewohnheit ebenso sehr widerstrebt, wie in der meinigen, obgleich es von anderer Art ist.
, Erklären Sie sich deutlicher, bat ich, als er wieder innehielt.
, Das will ich, und Sie sollen gleich hören, wie armselig mein Anerbieten ist. Jetzt, da mein Vater todt ist und ich mein eigener Herr bin, werde ich nicht lange mehr in Morton bleiben. Ich werde den Ort
wahrscheinlich im Taufe eines Jahres verlassen; aber so lange ich bleibe, will ich mich nach besten Kräften noch für die Hebung desselben bemühen. Als ich vor zwei Jahren nach Morton kam, war keine Schule
dort; die Kinder der Armen waren von jener Gelegenheit geistigen Fortschrittes ausgeschlossen. Ich gründete eine Schule für Knaben und beabsichtige jetzt eine zweite für Mädchen zu eröffnen. Zu dem Zwecke
habe ich ein Gebäude gemiethet, neben welchem sich

ein kleines Häuschen mit zwei Zimmern für die Lehrerin befindet. Ihr Gehalt wird dreißig Pfund (600 Marks) jährlich betragen; Ihre Wohnung ist bereits aus möblirt, sehr einfach, aber genügend, durch die Güte der Miß Oliver, der Tochter des einzigen reichen Mannes in meiner Gemeinde. Herr Oliver ist der Besitzer einer Nadelfabrik und einer Eisengießerei dort unten im Thale. Die genante Dame sorgt auch für die Erziehung und Kleidung einer Waise aus dem Arbeitshause, unter der Bedingung, daß sie für die Lehrerin die gröberen Hausgeschäfte besorgt, da diese wegen -- ihrer Beschäftigung in der Schule nicht Zeit hat, sie persönlich zu verrichten. Wollen Sie diese Lehrerin sein?
Er stellte die Frage sehr hastig und schien fast eine verächtliche Zurückweisung des Anerbietens zu erwarten, da er nicht alle meine Gedanken und Gefühle kannte und nicht wissen konnte, in welchem Lichte mir die dargebotene Stellung erscheinen würde. Freilich war es ein bescheidenes Los, aber es gewährte mir Sicherheit und ich bedurfte eines geschützten Asyls; es war mühevoll und anstrengend, aber im Vergleich mit dem Lose einer Erzieherin in einem reichen Hause war es unabhängig, und die Furcht vor der Knechtschaft unter Fremden drang wie glühendes Eisen in meine Seele. Der mir angebotene Wirkungskreis war nicht unedel, nicht geistig herabwürdigend, und ich entschied mich sogleich.
, Ich danke Ihnen für Ihren Vorschlag. Herr Rivers, und nehme ihn mit Dankbarkeit an.
, Aber Sie müssen mich auch richtig verstehen, sagte er, es ist eine Dorfschule, Ihre Schülerinnen sind nur arme Mädchen – Taglöhnerkinder -- höchstens Bauerntöchter. Stricken, Nähen, Lesen,
Schreiben und Rechnen wird Alles sein, was Sie zu lehren haben. Was wollen Sie mit Ihren erworbenen Fertigkeiten anfangen? Was mit der großen Tiefe Ihres Geistes -- Ihres Gefühls und Geschmacks

, Diese werde ich aufsparen und mir zu erhalten suchen, bis ich Gebrauch davon machen kann.
, So sind Sie sich also klar, was Sie unternehmen?
, Ich bin es.
Er lächelte jetzt, und es war ein wohlgefälliges und befriedigtes Lächeln.
, Und wann wollen Sie mit der Ausübung Ihres Berufes den Anfang machen?
, Ich will morgen in mein Haus gehen und, wenn es Ihnen recht ist, nächste Woche die Schule eröffnen.
, Sehr gut, so sei es.
Er stand auf und ging durch's Zimmer. Dann blieb er stehen und sah mich wieder an, wobei er den Kopf schüttelte.
, Was mißbilligen Sie, Herr Rivers? fragte ich.
, Sie werden nicht lange in Morton bleiben, nein!
Warum?
, Ich lese es in Ihrem Auge, es liegt etwas darin, was sich mit einem gleichmäßigen, ruhigen Lebenswege schlecht verträgt.
, Ich bin nicht ehrgeizig.
Er stutzte bei dem Worte ehrgeizig und fuhr fort:
, Nein. Wie kamen Sie auf Ehrgeiz? Was heißt es, ehrgeizig sein? Ich weiß, daß ich es bin, aber wie entdeckten Sie es?
, Ich sprach von mir selber.
, Nun, wen Sie nicht ehrgeizig sind, so sind Sie --
Er schwieg.
, Was?
, Ich wollte sagen leidenschaftlich, aber vielleicht würden Sie das Wort mißverstanden und übel genommen haben. Ich meine, menschliche Neigungen und Sympathien haben eine große Macht über Sie. Ich bin gewiß, Sie können sich nicht lange damit begnügen, Ihre Zeit in der Einsamkeit zuzubringen und Ihre Kraft einer Beschäftigung zu widmen, der es an jeder höheren Anregung fehlt; ebenso wenig als ich zufrieden sein kann, fügte er mit Nachdruck hinzu, hier in einem Moraste begraben und von Bergen eingeschlossen zu sein. Es ist meiner Natur, die Gott mir gegeben hat, zuwider; meine Fähigkeiten, die der Himmel mir geschenkt, werden gelähmt und bleiben unbenützt. Sie hören jetzt, wie ich mir selbst widerspreche. Ich, der ich Zufriedenheit mit einem bescheidenen Lose predigte und den Beruf der Holzhauer und Wasserschöpfer im Dienste Gottes rechtfertigte -- ich, sein geweihter Diener, bin fast wahnsinnig in meiner Ruhelosigkeit. Indessen Neigungen und Grundsätze müssen schließlich doch auf irgend eine
Weise in Einklang gebracht werden.
Er verließ das Zimmer. In dieser kurzen Stunde hatte ich mehr von ihm erfahren, als in dem ganzen vorhergegangenen Monat; dennoch war er mir ein Räthsel.
Diana und Maria Rivers wurden trauriger und schweigsamer, als der Tag näher kam, wo sie Bruder und Heimat verlassen sollten. Beide bemühten sich, gleichmüthig zu erscheinen, aber der Kummer, der sie bedrückte, ließ sich nicht ganz verbergen. Diana deutete an, daß diese Trennung eine ganz andere sein würde, als die bisherigen, denn von Saint John mußten sie sich wahrscheinlich auf Jahre, wenn nicht auf immer, trennen.
, Er wird Alles seinen längst gefaßten Beschlüssen aufopfern -- natürliche Neigung und noch mächtigere Gefühle, sagte sie. , Saint John sieht ruhig aus, Johanna, aber er birgt ein Fieber in seinem Innern. Man könnte ihn für sanft halten, doch in gewissen Dingen ist er unerbittlich wie der Tod. Und das Schlimmste ist, daß ich es mit meinem Gewissen kaum vereinigen kann, ihm von seinen ernsten Entschließungen abzurathen, denn wahrhaftig, ich kann ihn keinen Augenblick deshalb tadeln. Es ist recht, edel und christlich, doch es bricht mir das Herz.

Bei diesen Worten strömten Thränen aus Diana's Augen, während Maria ihren Kopf tief über ihre Arbeit beugte.
, Wir sind jetzt ohne Vater, bald werden wir auch ohne Heimat und Bruder sein, flüsterte sie.
In diesem Augenblick trat ein kleines Ereignis ein, welches vom Schicksal bestimmt zu sein schien, die Wahrheit des Sprichworts zu beweisen, daß ein Unglück nie allein kommt. Saint John ging, einen
Brief lesend, am Fenster vorüber und trat gleich darauf ein.
, Unser Oheim John ist todt, sagte er.
Beide Schwestern waren betroffen, nicht ergriffen oder erschrocken. Die Nachricht erschien ihnen mehr unerwartet als betrübend.
, Todt? wiederholte Diana.
, Ja.
Sie heftete einen forschenden Blick auf das Gesicht ihres Bruders.
, Und was weiter? fragte sie in leisem Tone.
, Was denn -- Diana -- versetzte er, ohne eine Miene zu verändern. , Was weiter? Nun -- nichts. Lies.
Er warf ihr den Brief in den Schoß. Sie überflog ihn und reichte ihn Maria, die ihn schweigend las und ihn dann ihrem Bruder zurückgab. Alle Drei sahen einander an und alle Drei lächelten -- es war ein trauriges, sinnendes Lächeln.
, Amen! Wir können dennoch leben, sagte Diana endlich.
, Auf alle Fälle sind wir nicht schlimmer daran, als vorher, bemerkte Maria.
, Nur drängt sich meinem Geiste lebhaft das Bild von dem auf, was hätte geschehen können, sagte Herr Rivers, und allzu schroff stellt sich dem die Wirklichkeit gegenüber.
Er faltete den Brief zusammen, schloß ihn in sein Pult ein und ging wieder hinaus.

Einige Minuten lang sprach Niemand. Endlich wendete sich Diana zu mir.
, Johanna, Sie werden sich über uns wundern, sagte sie, und uns für fühllose Geschöpfe halten, daß wir durch den Tod eines so nahen Verwandten, wie ein Oheim ist, nicht mehr bewegt werden: aber wir
haben ihn nie gesehen oder gekannt. Er war meiner Mutter Bruder. Vor langer Zeit verleitete er meinen Vater zu einer Speculation, die fehlschlug und meinen Vater, der dabei den größten Theil seines Vermögens verlor, zu Grunde richtete. Gegenseitige Beschuldigungen und Vorwürfe sielen zwischen Beiden; sie trennten sich im Zorn und versöhnten sich nie wieder. Mein Oheim hatte mehr Glück in seinen Unternehmungen, und wie es scheint, hat er sich ein Vermögen von zwanzigtausend Pfund erworben. Er war nie verheiratet und hatte keine Verwandten, als uns und eine andere Person, die nicht näher mit ihm verwandt war, als wir. Mein Vater gab sich immer dem Gedanken hin, daß der Oheim seinen Fehler wieder gut machen und uns dereinst sein Vermögen hinterlassen würde. Aber dieser Brief benachrichtigt uns, daß er Alles jener anderen Verwandten vermacht habe, mit Ausnahme von dreißig Guineen, die zwischen uns drei Geschwistern getheilt werden und wofür drei Trauerringe gekauft werden sollen. Er hatte natürlich ein Recht, zu thun und zu lassen, was er wollte. Dennoch fühlt man sich bei Empfang solcher Nachrichten niedergedrückt. Maria und ich würden uns für reich gehalten haben, wenn jede nur tausend Pfund erhalten hätte; und Saint John hätte, im Besitz einer solchen Summe, seinem Wohlthätigkeitsdrang nachgeben und viele Arme glücklich machen
können.
Nach dieser Erklärung ließ man den Gegenstand fallen, und weder Herr Rivers, noch seine Schwestern erwähnten desselben weiter. Am folgenden Tage verließ ich Marsh End und begab mich nach Marton.
Den Tag darauf reisten Diana und Maria nach der entfernten Stadt B. ab. Eine Woche später zogen Herr Rivers und Hannah in die Pfarrwohnung, und der alte Meierhof stand verlassen.

Zweiunddreißigstes Capitel.

Meine Heimat -- wenn ich endlich eine Heimat gefunden habe -- ist eine Hütte. Das kleine Zimmer mit weiß angestrichenen Wänden und besandetem Fußboden enthält vier Stühle, einen Tisch, eine Wanduhr, einen Eckschrank mit zwei oder drei Schüsseln und Tellern und ein Theeservice von Fayence. Ueber dem Wohnzimmer befindet sich, eben so groß wie dieses, eine Kammer mit einem tannenen Bettgestell und einer Commode, klein, aber doch noch zu geräumig, um von meiner spärlichen Garderobe angefüllt zu werden, obgleich die letztere durch die Güte meiner edlen Freunde um die nöthigsten Dinge vermehrt
worden ist.
Es ist Abend. Ich habe eben die kleine Waise, die mir als Magd dient, mit dem Geschenk einer Orange entlassen. Ich sitze allein am Kamine. Diesen Morgen ist die Dorfschule eröffnet worden. Ich habe zwanzig Schülerinnen. Nur drei von ihnen können lesen, keine von ihnen kann schreiben oder rechnen. Mehrere stricken und einige nähen ein wenig. Sie reden den breitesten Dialect in dem Districte. Für jetzt wird es uns noch schwer, einander zu verstehen. Einige sind ebenso unmanierlich, roh und unfügsam, als unwissend; aber Andere sind gelehrig, haben den
guten Willen, etwas zu lernen, und zeigen eine Gemüthsart, die mir gefällt. Ich darf nicht vergessen, daß die grobgekleideten Bauernkinder eben so gut Geschöpfe Gottes sind, wie die Sprößlinge der edelsten
Geschlechter, und daß sie die Keime des Gefühls und des Verstandes, ebenso in sich tragen, wie die Höchstgeborenen. Meine Pflicht wird es sein, diese Keime zu entwickeln; gewiß werde ich ein Glück darin finden,

dieses Amt zu erfüllen. Viel Genuß erwarte ich nicht von der Zukunft, welche vor mir liegt; aber wenn auch meinem Geiste die Anregung fehlt und meine Fähigkeiten unausgenützt bleiben, so werde ich doch von einem Tage zum anderen zu leben haben.
War ich sehr heiter, gefaßt und zufrieden während der Stunden, die ich diesen Morgen und Nachmittag in jener kahlen und bescheidenen Schulstube zubrachte? Um mich nicht zu täuschen, muß ich nein antworten, ich fühlte mich gewissermaßen trostlos, ja, ich war sogar so thöricht, mich erniedrigt zu fühlen. Ich war ungewiß, ob ich nicht vielleicht einen Schritt gethan habe, der mich eher in der Gesellschaft herabsetzen als emporheben könne. Ich empfand einen feigen Schrecken vor der Unwissenheit der Armuth und vor der Roheit meiner Umgebung. Aber ich weiß, daß ich mich falschen Empfindungen hingebe, und werde mich bemühen, sie zu überwinden. Es ist möglich, daß die Freude über den Fortschritt und die Veränderung zum Besseren, die ich an meinen Schülerinnen wahrzunehmen hoffe, in einigen Monaten den Widerwillen in Zufriedenheit verwandelt.
Inzwischen will ich mir eine Frage vorlegen: Gesetzt, ich wäre der Versuchung erlegen, hätte widerstandslos der Leidenschaft nachgegeben, wäre in die goldene Schlinge gefallen, auf den Blumen, unter denen sie sich verbarg, eingeschlummert und wäre in einem südlichen Himmelsstriche in einer prächtigen Villa erwacht, um als Rochesters Maitresse einen Theil meines Lebens im Genuß seiner Liebe zu verbringen.
In der That hätte er mich eine Zeitlang innig geliebt. Niemand wird mich je wieder so lieben. Ich werde nie wieder die süße Huldigung kennen, die man der Schönheit, der Jugend und Anmuth darbringt,
denn Niemand anders wird mir den Besitz dieser Reize zuerkennen. Er war zärtlich gegen mich und stolz auf mich -- das wird nie ein Mann wieder sein. -- Aber wohin verirre ich mich und was wollte ich eigentlich sagen? Was ist besser, wollte ich mich fragen, eine

Sclavin zu sein in dem Paradiese eines Thoren, die eine Stunde in wonniger Selbsttäuschung selig sein und in der nächsten von den bittersten Thränen der Reue und Scham erstickt zu werden -- oder eine Dorfschulmeisterin zu sein, frei und ehrlich, in einem stillen Gebirgswinkel in dem gesunden Herzen von England?
Ja, ich fühle jetzt, daß ich Recht hatte, als ich meinen Grundsätzen und dem Gebote Gottes folgte und die verführerischen Eingebungen eines wahnsinnigen Augenblickes zurückwies. Gott leitete mich zu einer richtigen Wahl, ich danke seiner Vorsehung für diese Leitung!
Als ich diese Gedankenreihe geschlossen hatte, stand ich auf, trat in die Thür und betrachtete den Sonnenuntergang des Herbsttages und die Felder vor meiner Schule, die eine Viertelstunde von dem Dorfe entfernt
lag, ich ließ meinen Blick drüben auf dem Kirchlein und der halb unter Bäumen versteckten Pfarrwohnung ruhen und bis ans äußerste Ende des Thales schweifen, wo das Dach von Vale Hall, dem Wohnhause des reichen Fabrikanten Oliver, sichtbar war.
Während ich um mich blickte, hielt ich mich für glücklich und war überrascht, als ich bald darauf weinte -- und worüber? Ueber das Schicksal, welches mich von meinem Herrn losgerissen, von ihm, den
ich nicht mehr sehen sollte; über die wahrscheinlichen Folgen der Verzweiflung, in der ich ihn zurückgelassen hatte und die ihn nur zu leicht auf Abwege führen konnte, auf denen es keine Umkehr gab. Bei diesem Gedanken wendete ich mein Gesicht von dem lieblichen
Abendhimmel und dem einsamen Thale von Morton ab, bedeckte meine Augen und lehnte meinen Kopf an die steinerne Einfassung meiner Thür. Ein leises Geräusch in der Nähe des Pförtchens, welches meinen
kleinen Garten von der Wiese trennte, veranlaßte mich, aufzublicken. Ein Hund, der alte Carlo, der Wachtelhund des Herrn Rivers, kratzte an der Pforte und Saint John selbst lehnte sich mit gefalteten Armen über dieselbe. Seine Stirne war gerunzelt, sein Blick ernst, ja fast mit Mißfallen auf mich gerichtet. Ich bat ihn einzutreten.
, Nein, ich kann nicht verweilen, ich bringe Ihnen nur ein kleines Paket, welches meine Schwester für Sie zurückgelassen hat, es enthält, glaube ich, einen Malkasten, Pinsel und Papier.
Während ich mich ihm näherte, um das Paket in Empfang zu nehmen, prüfte er mein Gesicht mit Strenge; die Spuren von Thränen waren ohne Zweifel sehr sichtbar.
, Haben Sie Ihre erste Arbeit schwerer gefunden, als Sie erwarteten? sagte er.
, O nein, im Gegentheil glaube ich, mit der Zeit sehr gut mit meinen Schülerinnen zurecht zu kommen.
, Aber vielleicht hat die Einrichtung -- Ihre Hütte -- Ihr Mobilar -- Ihre Erwartungen getäuscht? Es ist Alles freilich ärmlich genug, aber --
, Mein Häuschen ist reinlich und schützt mich vor dem Wetter, fiel ich ein, die Hausgerähe sind hinreichend. Alles, was ich sehe, macht mich dankbar, nicht unzufrieden. Ich bin keine solche Thörin und nicht so verweichlicht, um die Abwesenheit eines Fußteppichs, eines Sophas und des Silbergeschirrs zu bedauern, überdies besaß ich vor fünf Wochen noch nichts -- ich war eine ausgestoßene, eine umherirrende Bettlerin, jetzt habe ich Freunde, eine Heimat und eine Beschäftigung. Ich preise die Güte Gottes, die Großmuth meiner Wohlthäter und das Glück meines Loses. Ich klage nicht.
, Aber Sie fühlen, daß die Einsamkeit eine Last ist? Das kleine Haus dort hinter Ihnen ist düster und leer.
, Ich habe noch kaum Zeit gehabt, mir der Einsamkeit bewußt zu werden.
, Sehr gut. Ich hoffe, Sie fühlen so, wie Sie sprechen; auf jeden Fall wird Ihnen Ihr gesunder Verstand sagen, daß es noch zu früh wäre, zwischen
dem, was vor und dem, was hinter Ihnen liegt hin

und herzuschwanken, wie Loth's Weib. Was Sie verlassen haben, ehe ich Sie kennen lernte, weiß ich natürlich nicht; aber ich rathe Ihnen, sich mit Festigkeit jeder Versuchung zu widersetzen, die sie bewegen
möchte, zurückzublicken, verfolgen Sie wenigstens auf einige Monate standhaft Ihre gegenwärtige Laufbahn.
, Das ist es, was ich zu thun beabsichtige, antwortete ich.
, Es ist schwer, die Neigungen zu zügeln und der Richtung der Natur zu widerstehen, fuhr Saint John fort, aber es kann dennoch geschehen, ich weiß es aus Erfahrung. Noch vor einem Jahre fühlte ich mich selbst sehr unglücklich, weil ich glaubte, ich habe einen Fehler begangen, in den geistlichen Stand getreten zu sein, da mich die Ausübung seiner gleichförmigen Pflichten tödtlich langweilte. Ich sehnte mich nach dem thätigeren Leben der Welt, nach dem aufregenderen Berufe eines Künstlers, eines Schriftstellers, eines Redners, nach Allem lieber, als nach der Wirksamkeit eines Priesters. Ja, ich gestehe, das Herz eines Politikers, eines Kriegers, eines Mannes, der nach Ruhm und Macht strebt, schlägt unter meinem Priestergewande. Ich hielt mein Leben für so elend, daß ich hätte sterben mögen. Nach einiger Zeit des Kampfes brach das Licht herein, und ich fühlte mich beruhigter, mein enges Dasein breitete sich auf einmal bis ins Unbegrenzte aus, meine Kräfte gehorchten einem Rufe vom Himmel, sich zu sammeln, ihre Schwingen zu regen und sich über die Gegenwart zu erheben. Gott hatte eine Sendung für mich; um diese auszuführen, um sie gut auszuführen, waren
Geschicklichkeit und Stärke, Muth und Beredsamkeit, die besten Fähigkeiten des Soldaten, des Staatsmannes und Redners nöthig; denn dies Alles vereint sich in einem guten Missionär. Ein Missionär beschloß ich zu werden. Von dem Augenblick an veränderte sich mein Gemüthszustand, die Fesseln die ich bisher gefühlt hatte, lösten sich und ließen nichts als die wundgeriebenen Stellen zurück, die nur die Zeit heilen kann.
Mein Vater widersetzte sich freilich meinem Entschlusse; aber seit seinem Tode habe ich kein Hindernis mehr zu überwinden, es gilt nur noch einige Angelegenheiten zu ordnen, für einen Nachfolger in Morton zu sorgen, einige Bande des Gefühls zu lösen oder zu zerreißen -- einen letzten Kampf mit der menschlichen Schwäche zu bestehen. Ich weiß, daß ich siegen werde, weil ich gelobt habe, daß ich siegen will -- dann
verlasse ich Europa und ziehe gen Osten.
Er sagte dies in seinem eigenthümlichen gedämpften, aber doch nachdrücklichen Tone, und als er schwieg, sah er nicht mich, sondern die untergehende Sonne an, auf die auch ich hinblickte. Dem Wege,
der über das Feld zu dem Pförtchen führte, den Rücken zukehrend, hatten wir Beide keine Schritte auf dem grasbewachsenen Fußsteige gehört; das leise Rauschen des Baches bildete das einzige Geräusch.
Es war also nicht zu verwundern, daß wir zusammenschraken, als eine fröhliche Stimme, so hell wie eine Silberglocke, ausrief:
, Guten Abend, Herr Rivers. Und guten Abend, alter Carlo. Ihr Hund erkennt seine Freunde eher als Sie, mein Herr, er spitzte seine Ohren und wedelte mit dem Schweife, als ich noch am Ende des Feldes war, und Sie wenden mir noch den Rücken zu.
Obgleich Herr Rivers Anfangs bei dieser wohllautenden Stimme wie vor einem plötzlichen Donnerschlage zusammengefahren war, so hatte er doch die Stellung nicht verändert, worin die Rednerin ihn überrascht hatte.
Endlich drehte er sich gemessen und langsam um. Vor ihm stand, wie ein plötzlich erschienener Geist, eine ganz weiß gekleidete Gestalt von jugendlicher und anmuthiger Form, von vollen und doch schönen Umrissen, und als sie ihren auf Carlo herabgebeugten Klopf erhob und einen langen Schleier zurückwarf zeigte sich ein blühendes Gesicht von vollkommener Schönheit. Vollkommene Schönheit ist ein vielsagender

Ausdruck, aber ich nehme ihn nicht zurück, denn so liebliche Züge, wie nur je das gemäßigte Klima Albions sie gestaltete, so reine Rosen- und Lilienfarben, wie je sein feuchter Wind und sein nebliger Himmel sie gedeihen ließ, rechtfertigten in diesem Falle die Bezeichnung: vollkommene Schönheit. Kein Reiz fehlte, kein Fehler war bemerkbar; das junge Mädchen hatte regelmäßige und zarte Züge, Augen von einer
Form und Farbe, wie wir sie auf lieblichen Gemälden sehen: groß, dunkel und voll. Die langen und schattigen Augenwimpern, die zierlich gezeichnete Augenbraue, die weiße glatte Stirn, die der sprechenden Lebhaftigkeit dieser Reize eine sanfte Ruhe beigesellte, die ovale frische und glatte Wange, die rothen vollen und lieblich gebildeten Lippen, die gleichmäßigen, blendend weißen Zähne ohne Makel, das kleine Kinn mit dem Grübchen, die Zierde der reichen, vollen Locken -- kurz alle Vorzüge, die in ihrer Vereinigung das Ideal der Schönheit verwirklichen, waren ihr eigen. Ich erstaunte, als ich diese wunderbare Erscheinung ansah. Die Natur hatte sie offenbar in der glänzendsten Laune geschaffen, ihre gewöhnlichen stiefmütterlichen Launen vergessen und diesen ihren Liebling mit wahrhaft mütterlicher Güte ausgestattet.
Was mochte Herr Saint John Rivers von diesem irdischen Engel denken?
Ich legte mir natürlich diese Frage vor, als ich sah, wie er sich zu ihr wendete, und ebenso natürlich suchte ich die Antwort auf die Frage in seinem Gesicht. Er hatte sein Auge schon wieder von der Peri abgewendet und blickte auf einige bescheidene Gänseblümchen, die in der Nähe des Pförtchens wuchsen.
, Ein lieblicher Abend; aber es ist zu spät für Sie, allein auszugehen, sagte er, als er die weißen Köpfe der schlafenden Blumen mit Füßen trat.
, O, ich bin heute von S. angekommen, entgegnete sie, indem sie den Namen einer großen Stadt nannte, die einige zwanzig (englische) Meilen entfernt war. , Papa sagte mir, Sie hätten Ihre Schule eröffnet und die neue Lehrerin sei gekommen. Und so setzte ich meinen Hut auf nach dem Thee und eilte durch das Dorf, um sie zu sehen. Dies ist sie? fügte
sie hinzu, indem sie auf mich blickte.
, Sie ist es, sagte Saint John.
, Meinen Sie, daß es Ihnen in Morton gefallen wird? fragte sie mich mit naiver Einfachheit des Tones und Wesens, das angenehm und kindlich war.
, Ich hoffe es. Es spricht Vieles dafür.
, Waren Sie mit Ihren Schülerinnen zufrieden?
, Vollkommen.
,Gefällt Ihnen Ihr Haus?
, Recht sehr.
, Habe ich es nett ausstaffirt?
, Sehr nett, in der That.
, Und Ihnen in Elise Wood eine gute Dienerin gewählt?
,Das thaten Sie wirklich. Sie ist gelehrig und stets zur Hand.
Dies also, dachte ich, ist Miß Oliver, die reiche Erbin; begünstigt, wie es scheint, durch die Gaben des Glücks wie der Natur. Welche glückliche Constellation der Gestirne mag bei ihrer Geburt geherrscht haben!
, Ich werde zuweilen herkommen und Ihnen beim Unterrichten helfen, fügte sie hinzu. , Es wird eine angenehme Unterhaltung für mich sein, Sie von Zeit zu Zeit zu besuchen, und ich liebe die Abwechslung. Herr Rivers, ich bin so lustig und ausgelassen gewesen während meines Aufenthaltes in S. Gestern Abend, oder vielmehr heute Morgen, tanzte ich bis zwei Uhr. Das zehnte Regiment steht dort seit den Revolten, und die Officiere sind die angenehmsten Männern von der Welt, sie stellen alle unsere jungen Messer- und Scherenschleifer in den Schatten.
Herrn Saint Johns Mund drückte sich augenscheinlich zusammen, und der untere Theil seines Gesichtes wurde ungewöhnlich strenge, als das Mädchen

ihm lachend diese Mittheilungen machte. Er erhob seinen Blick von den Gänseblümchen und richtete ihn auf die junge Dame. Ein forschender, bedeutungsvoller Blick war es, ohne Lächeln. Sie beantwortete ihn mit einem zweiten Lachen und das Lachen stand gut zu ihrer Jugend und ihren glänzenden Augen.
Als er so stumm und ernst dastand, begann sie wieder Carlo zu liebkosen. , Der arme Carlo liebt mich, sagte sie, er ist nicht strenge und kalt gegen seine Freunde, und wenn er reden könnte, würde er nicht so schweigsam sein.
Als sie des Hundes Kopf streichelte, sah ich, wie das Gesicht Saint John's sich röthete. Ich sah sein Auge von plötzlichem Feuer erglühen und in unwiderstehlicher Bewegung auflodern. So geröthet und erregt, sah er als Mann fast ebenso schön aus, wie sie als Weib. Seine Brust hob sich, jedoch nur ein einzigesmal, als ob sein großes Herz, des despotischen Druckes müde, sich wider seinen Willen erweitere und
eine kräftige Anstrengung mache, alle Fesseln zu sprengen. Aber er bändigte es, glaube ich, wie ein entschlossener Reiter ein sich bäumendes Roß bändigen würde. Er antwortete weder mit einem Wort noch mit einer Bewegung auf ihr zartes Entgegenkommen.
, Papa klagt, daß Sie uns gar nicht mehr besuchen, fuhr Miß Oliver aufblickend fort. , Sie sind ganz fremd geworden in Vale-Hall. Er ist diesen Abend allein und nicht ganz wohl, wollen Sie mit mir umkehren und ihn besuchen?
, Es ist keine passende Stunde, mich Herrn Oliver aufzudringen, antwortete Saint John.
, Keine passende Stunde! Im Gegentheil, es ist gerade die Stunde, wo Papa am meisten Gesellschaft wünscht, wenn die Arbeiten beendet sind und ihn kein Geschäft in Anspruch nimmt. Nun, Herr Rivers, wollen Sie nicht kommen? Warum sind Sie so sehr zurückhaltend und so fürchterlich ernst?
Während er noch schwieg, füllte sie die Pause aus, indem sie ihre Frage selbst beantwortete.

, Ich vergaß, rief sie, ihren schönen Lockenkopf schüttelnd, als wäre sie über sich selbst erschrocken. , Ich bin so gedankenlos! O, entschuldigen Sie mich! Es war mir entfallen, daß Sie sich nicht in der Stimmung befinden, auf mein Geplauder einzugehen. Diana und Maria haben Sie verlassen, Moor-House ist geschlossen, und Sie sind so einsam. Gewiß, ich habe Mitleid mit Ihnen. Kommen Sie also und besuchen Sie Papa.
, Nicht diesen Abend, Miß Rosamunde, nicht diesen Abend.
Herr Saint John sprach fast wie ein Automat, nur er selbst kannte die Ueberwindung, die ihn diese Weigerung kostete.
, Nun, wenn Sie so widersetzlich sind, so will ich Sie verlassen, denn ich wage nicht länger zu bleiben, der Thau beginnt zu fallen. Gute Nacht!
Sie streckte ihre Hand aus. Er berührte sie kaum.
, Gute Nacht! wiederholte er mit so matter und hohler Stimme wie ein Echo. Sie wendete sich zum Gehen, kehrte aber im Augenblick zurück.
, Sind Sie nicht wohl? fragte sie. Wohl hatte sie allen Anlaß zu dieser Frage, denn sein Gesicht war bleich, wie ihr Gewand.
, Ganz wohl, entgegnete er und entfernte sich. Sie ging nach der einen und er nach der anderen Seite. Sie wendete sich zweimal um, ihm nachzusehen, als sie einer Elfe gleich über das Feld dahinschwebte.
Saint John blickte nicht ein einzigesmal zurück, während er mit großen, festen Schritten dem Pfarrhofe zuging.
Die eben erlebte Scene, welche mir die Leiden und Opfer eines Anderen gezeigt hatte, lenkte meine Gedanken von der ausschließlichen Betrachtung über mich selbst ab. Diana Rivers hatte ihren Bruder unerbittlich wie der Tod genannt. Sie hatte nicht zu viel gesagt.

Dreiunddreißigstes Capitel.

Ich setzte meine Arbeit in der Dorfschule so thätig und getreu fort, als ich es vermochte. Es war Anfangs in der That eine schwere Aufgabe. Einige Zeit verging, ehe ich mit aller Mühe meine Schülerinnen und ihre Eigenart verstehen lernte. Bei ihren gänzlich unausgebildeten Fähigkeiten schienen sie mir wenig versprechend und beim ersten Anblick Alle gleich dumm; doch ich fand bald, daß ich mich geirrt hatte. Es war ein Unterschied unter ihnen, wie unter den Kindern gebildeter Leute, und als ich sie erst recht kennen lernte und sie mich, da machte sich dieser Unterschied mit rapider Schnelligkeit geltend. Dann fand ich auch, daß einige von diesen dumm aussehenden Bauernkindern sich zu ganz klugen Mädchen entwickelten. Manche zeigten sich auch gefällig und liebenswürdig, und ich entdeckte unter ihnen nicht wenige Beispiele von natürlicher Höflichkeit und ausgezeichneter Anlage, wodurch sie sich nicht nur meine Zuneigung, sondern auch meine Bewunderung erwarben. Diese Mädchen fanden bald Vergnügen daran, ihre Aufgaben gut auszuführen, im Aeußeren reinlich zu erscheinen und sich ordentliche Sitten anzueignen. Ihre Fortschritte waren in einigen Fällen sogar überraschend, und ich fand einen ehrlichen und glücklichen Stolz darin, überdies begann ich, zu einigen von den besten Mädchen persönliche Zuneigung zu fassen und sie liebten mich wieder. Ich hatte unter meinen Schülerinnen mehrere Töchter von Pächtern, die fast schon
erwachsen waren und bereits lesen, schreiben und nähen konnten. Diese unterrichtete ich in den Anfangsgründen der Sprachlehre, der Geographie, der Geschichte und in den feineren Handarbeiten. Ich fand
schätzenswerthe Charaktere unter ihnen -- Charaktere, die nach Belehrung strebten und geneigt waren, sich auszubilden -- bei ihnen brachte ich manche angenehme Abendstunde in ihrer eigenen Häuslichkeit zu. Ihre Eltern überhäuften mich mit Aufmerksamkeiten. Es

lag ein Genuß in ihrer einfachen Freundlichkeit, und ich fand Vergnügen daran, sie fühlen zu lassen, daß ich sie achtete, woran sie vielleicht nicht zu allen Zeiten gewöhnt waren. Sie fanden das sehr wohl heraus, und indem sie dadurch in ihrer Selbstachtung stiegen, gaben sie sich Mühe, die Rücksicht zu verdienen, womit sie behandelt wurden.
Ich fühlte, wie beliebt ich in der Umgegend wurde. Wenn ich aus ging, hörte ich von allen Seiten herzliche Grüße und wurde mit freundlichem Lächeln bewillkommt. In dieser Periode meines Lebens schwoll mein Herz häufiger aus Dankbarkeit, als daß es von Trostlosigkeit niedergedrückt worden wäre. Und doch, um Alles zu sagen, inmitten dieses stillen Daseins wurde ich, nachdem ich den Tag in arbeitsreicher und nützlicher Beschäftigung mit meinen Schülerinnen und den Abend zufrieden mit Zeichnen oder Lesen zugebracht, in der Nacht häufig von seltsamen Träumen heimgesucht, von bunten und stürmischen Träumen, in denen ich unter wechselnden Scenen voll romantischer Abenteuer, und aufregender Gefahr immer wieder Herrn Rochester in einer entscheidenden Krise begegnete. Dann wiederholte sich die Scene, wie ich in seinen Armen lag, seine Stimme hörte, in sein Auge blickte, seine Hand und Wange berührte, ihn liebte und von ihm geliebt wurde, und die Hoffnung, meine Lebenszeit an seiner Seite zuzubringen, erneuerte sich mit aller Kraft und Mut. Wenn ich dann erwachte und mich erinnerte, wo ich war und in welcher Tage ich mich befand, erhob ich mich zitternd und bebend in meinem Bette; und dann war die stille, dunkle Nacht Zeuge meiner Verzweiflung und hörte den Jammer meiner Leidenschaft. Pünktlich um neun Uhr begann ich am nächsten Morgen die Schule, war ruhig, gefaßt und vorbereitet auf die ernsten Pflichten des Tages.
Rosamunde Oliver hielt ihr Versprechen, mich zu besuchen. Dies geschah gewöhnlich bei ihrem Morgenspazierritt. Sie kam dann auf ihrem kleinen Pferde, von einem berittenen Lioreebedienten begleitet, vor die

Thür getrabt. Etwas ausgesucht Schöneres, als ihr Erscheinen in ihrem Reitkleide, ihrem schwarzsammtenen Amazonenhut, der anmuthig auf ihren langen Locken saß, welche ihre Wangen berührten und auf ihre Schultern niederflossen, kann man sich schwerlich vorstellen. So trat sie in das einfache ländliche Gebäude und bewegte sich durch die Reihen der halbgeblendeten Dorfkinder. Sie kam gewöhnlich zu der Stunde, in der Herr Rivers seinen täglichen Unterricht im Katechismus gab. Ich fürchte, die schöne Dame durchschaute des jungen Predigers Herz. Eine Art von Instinct schien ihn von ihrer Ankunft zu benachrichtigen, selbst wenn er sie noch nicht sah; und wenn sie eintrat und er ganz nach der entgegengesetzten Seite blickte, erglühte seine Wange und seine marmornen Züge drückten selbst in ihrer Ruhe eine zurückgehaltene Glut aus, die stärker war, als die arbeitenden Muskeln oder der sprühende Blick hätten andeuten können.
Natürlich kannte sie ihre Macht; auch verbarg er ihr diesen Einfluß nicht, weil er es nicht konnte. Ungeachtet seines christlichen Stoicismus zitterte seine Hand und sein Auge glühte, wenn sie sich ihm näherte, ihn amtedete und ihm heiter, ermuthigend und selbst zärtlich ins Gesicht lächelte. Er schien mit seinem traurigen und entschlossenen Blicke zu sagen, wenn seine Lippen es auch nicht aussprachen: Ich liebe dich und weiß, daß auch du mich liebst. Es ist nicht Kleinmuth, nicht Zweifel, was mich stumm macht. Wenn ich dir mein Herz anböte, glaube ich, würdest du es annehmen. Aber dieses Herz liegt bereits auf einem heiligen Altar, die Opferflamme brennt schon. Es wird bald nichts mehr sein, als ein vollendetes Opfer.
Und wenn sie dies in seiner Seele las, konnte sie schmollen wie ein zürnendes Kind; ihre bewegliche Lebhaftigkeit wich einer nachdenklichen Verstimmung, sie zog hastig ihre Hand aus der seinigen und wendete sich in vorübergehendem Aerger von dem Anblick
des heroischen Martyrers ab. Ohne Zweifel hätte

Saint John eine Welt darum gegeben, sie zurückrufen zu können, wenn sie ihn auf diese Weise verließ; doch er wollte für das Elesium ihrer Liebe keine einzige Hoffnung auf das wahre und ewige Paradies aufgeben. Ueberdies konnte er nicht Alles, was in seiner Natur lag -- den ehrgeizigen Weltmann, den Dichter, den Priester -- in die Schranken einer einzigen Leidenschaft bannen. Er konnte und wollte den Thatendrang des Missionärs nicht für die Gemächlichkeit und den Frieden von Vale-Hall aufgeben. Ich erfuhr dies von ihm, als ich einst ungeachtet seiner Zurückhaltung, die Kühnheit hatte, mir sein Vertrauen zu erobern.
Während Miß Oliver's häufiger Besuche in meiner Schule hatte ich Gelegenheit gehabt, ihren Charakter zu studieren, der ohne Hinterhalt oder Verstellung war. Man hatte ihr von Anfang an Vieles nachgesehen, aber sie nicht gänzlich verzogen. Daß sie eitel war, konnte man ihr kaum zum Vorwurfe machen, da jeder Blick in den Spiegel sie von ihren eigenen Reizen überzeugen mußte. Sie war kokett, aber nicht herzlos, gutmüthig, freigebig, heiter und lebhaft; sie war anspruchsvoll, aber ohne Selbstsucht und ohne auf ihren Reichthum stolz zu sein -- kurz
sie war sehr anziehend, selbst für eine kalte Beobachterin, wie ich war; aber sie war durchaus nicht interessant oder tiefer Eindrücke fähig. Ihr Gemüth war z. B. sehr verschieden von dem der beiden Schwestern des Herrn Saint John. Dennoch liebte ich sie fast ebenso sehr wie meine Schülerin Adele, nur daß die Zuneigung zu einem Kinde, welches man
erzieht und bildet, eine noch zärtlichere sein muß, als für ein bereits erwachsenes Mädchen.
Miß Oliver war mir sehr zugethan. Sie sagte, ich gliche Herrn Rivers, nur sei ich nicht halb so schön; obgleich ich freilich eine ganz niedliche, hübsche, kleine Person sei, wogegen er ihr als ein Engel erscheine. Ich sei indeß gut, geistreich und charakterfest wie er. Ich sei, behauptete sie, ein Wunder von

einer Dorfschulmeisterin; sie glaube bestimmt, meine frühere Geschichte, wenn sie bekannt wäre, würde den schönsten Romanstoff abgeben.
Eines Abends, als sie mit ihrer gewohnten kindlichen Lebhaftigkeit, in harmloser Neugierde den Schrank und den Tischauszug in meinem kleinen Wohnzimmer durchsuchte, entdeckte sie zuerst zwei französische Bücher, einen Band von Schiller, eine deutsche Sprachlehre und ein Wörterbuch, dann fand sie meine Zeichengeräthe und meinen Malkasten, und endlich auch meine Zeichnungen. Es waren mehrere nach der Natur gezeichnete Ansichten von Morton und den umgebenden Hügeln sowie das Bild einer meiner Schülerinnen, eines engelgleichen kleinen Mädchens. Anfangs verstummte sie vor Ueberraschung und wurde dann von Entzücken elektrisirt.
, Haben Sie diese Bilder gemalt? fragte sie, Verstehen Sie Französisch und Deutsch? Wie herrlich, wie wunderbar wäre das! Sie zeichnen besser, als mein Lehrer in der ersten Schule zu S. Wollen Sie
nicht mein Porträt zeichnen, um es Papa zeigen zu können?
, Mit Vergnügen, erwiderte ich, und ich empfand eine lebhafte künstlerische Freude bei dem Gedanken, nach einem so vollkommenen und schönheitsstrahlenden Modell malen zu dürfen. Sie trug damals ein dunkelblaues seidenes Kleid, ihre Arme und ihr Hals waren bloß, ihr einziger Schmuck waren ihre kastanienbraunen Locken, die in natürlicher Anmuth über ihre Schultern niederwallten. Ich nahm ein feines, weißes Carton-Blatt und zeichnete sorgfältig den Umriß. Ich beschloß, das Porträt zu coloriren, und da es schon spät war, sagte ich ihr, sie müsse wiederkommen und mir an einem anderen Tage sitzen.
Sie stattete ihrem Vater einen so schmeichelhaften Bericht über mich ab, daß Herr Oliver sie am nächsten Abend selber begleitete. Er war ein großer, grauköpfiger Mann in mittleren Jahren mit massiven Gesichtszügen. Er schien schweigsam und vielleicht

stolz, doch war er sehr freundlich gegen mich. Die Skizze von Rosamundens Porträt gefiel ihm sehr, er sagte, ich müsse sie völlig ausführen und bestand auch darauf, daß ich den nächsten Abend in Vale-Hall zubringen solle.
Ich ging hin. Die große und schöne Wohnung zeugte von dem Reichthum des Besitzers. Rosamunde war voll Heiterkeit, ihr Vater war freundlich, und als er sich nach dem Thee mit mir in ein Gespräch einließ, sprach er in den wohlwollendsten Ausdrücken seine Anerkennung ans, was ich in der Schule zu Morton bereits geleistet, und knüpfte die Befürchtung daran, daß man mich bald wieder verlieren werde, weil ich für diese Stellung viel zu gut sei.
, In der That! rief Rosamunde, sie ist talentvoll genug, um Erzieherin in einer vornehmen Familie zu sein, Papa.
Ich dachte, wie viel lieber ich doch hier sei, als in irgend einem vornehmen Hause. Herr Oliver sprach mit großem Respect von Herrn Rivers und seiner Familie. Er sagte, daß es der älteste Name in der
ganzen Gegend sei, die Vorfahren der Familie wären reich gewesen, ganz Morton habe ihnen einst gehört, und er glaube, wenn der Repräsentant des Hauses wolle, könne er selbst jetzt eine sehr gute Partie machen. Es sei schade, daß ein so schöner und hoch begabter junger Main den Plan gefaßt habe, als Missionär auszuwandern, das heiße wirklich ein kostbares Leben verschleudern. Es schien mir hiernach, als würde Herr Oliver einer Verbindung seiner Tochter mit Saint John kein Hindernis in den Weg legen. Er betrachtete offenbar den alten Namen und den frommen Beruf des jungen Geistlichen als einen hinreichenden Ersatz für den Mangel an Vermögen.
Es war am fünften November und ein Feiertag. Meine kleine Dienerin war fortgegangen, nachdem sie mir geholfen, das Haus zu reinigen, wohl zufrieden mit dem Geschenk eines Penny für ihre Mühe. Alles um mich her war spiegelblank und glänzend, der

Boden gescheuert, der Herd polirt und die Stühle rein abgewaschen. Ich hatte mich auch zierlich angezogen und konnte jetzt den Nachmittag zubringen, wie ich wollte.
Die Uebersetzung einiger Seiten aus dem Deutschen beschäftigte mich eine Stunde, dann nahm ich Palette und Pinsel und begann Rosamunde Oliver's Porträt zu vollenden. Der Kopf war schon fertig, nur der
Hintergrund und einige Kleinigkeiten waren noch zu malen. Noch war ich in diese Beschäftigung versenkt, als nach raschem Klopfen meine Thür aufging und Saint John Rivers eintrat.
, Ich komme zu sehen, wie Sie Ihren Feiertag hinbringen, sagte er. , Nicht in Gedanken versunken, hoffe ich? Nein, das ist gut; während Sie malen, werden Sie sich nicht einsam fühlen. Sie sehen, ich hege noch Mißtrauen gegen Sie, obgleich Sie sich wunderbar gut gehalten haben. Ich bringe Ihnen ein Buch zum Trost für die Abendstunden.
Dabei legte er ein soeben erschienenes poetisches Werk auf den Tisch.
Während ich begierig die schönen Verse überflog, neigte sich Saint John nieder, um mein Bild zu betrachten. Seine hohe Gestalt richtete sich plötzlich wieder auf. Ich blickte ihn an, doch er mied mein Auge. Ich konnte deutlich in seinem Herzen lesen und fühlte mich geneigt, ihm einen Dienst zu erweisen, wenn es in meiner Macht stand.
Bei all seiner Festigkeit und Selbstbeherrschung traut er sich doch zu viel zu, dachte ich, verschließt jedes Gefühl und jede Qual in sich selbst, bekennt nichts und theilt nichts mit. Ich bin gewiß, es würde ihm wohlthun, ein wenig von dieser schönen Rosamunde zu reden, die er nicht heiraten zu dürfen glaubt. Ich will ihn zum Reden bringen.
Zuerst sagte ich: , Nehmen Sie Platz, Herr Rivers. Aber, wie immer, antwortete er, daß er nicht bleiben könne.
, Ist dieses Porträt ähnlich? fragte ich geradezu.

, Aehnlich! Wem? Ich sah es nicht genau an.
, Sie thaten es dennoch, Herr Rivers.
Er stutzte und blickte mich erstaunt an.
, O! dachte ich bei mir selber, ich lasse mich nicht abschrecken; ich bin entschlossen, noch viel weiter zu gehen.
, Sie betrachteten das Bild sorgfältig und genau, fuhr ich fort, doch ich habe nichts dagegen, wenn Sie es noch einmal ansehen.
Hier stand ich auf und gab es ihm in die Hand.
, Ein wohl ausgeführtes Bild, sagte er, das Colorit ist zart und klar, die Zeichnung sehr anmuthig und correct.
, Ja ja, daß weiß ich Alles. Aber was sagen Sie zu der Aehnlichkeit? Wen stellt es vor?
, Miß Oliver vermuthlich, antwortete er nach einem unwillkürlichen Zaudern.
, Natürlich. Und nun, mein Herr, um Sie für Ihre Kunst im Errathen zu belohnen, will ich Ihnen versprechen, Ihnen eine sorgfältige und getreue Copie von diesem Porträt zu malen, wenn Sie gestehen wollen, daß das Geschenk Ihnen angenehm sein würde, denn natürlich möchte ich Zeit und Mühe nicht an ein Geschenk verschwenden, welches für Sie werthlos wäre.
Er betrachtete das Bild noch immer. Je länger er es ansah, desto fester hielt er es, desto mehr schien es seine Bewunderung zu erregen.
, Es ist ähnlich! murmelte er, das Auge ist prächtig getroffen, das Colorit, das Licht, der Ausdruck, Alles ist vollkommen. Es lächelt!
, Antworten Sie mir offenherzig auf meine Frage, wenn Sie in Madagascar, am Vorgebirge der guten Hoffnung oder in Indien weilen werden, würde es ein Trost für Sie seit, dies Andenken in Ihrem Besitz zu haben, oder würde der Anblick Erinnerungen erregen, die Sie bekümmerten.
Er hob jetzt verstohlen seine Augen, sah mich unentschlossen und verstört an und betrachtete dann wieder das Bild.
, Daß ich es gern haben möchte, ist gewiß, ob es vernünftig oder weise sein würde, ist eine andere Frage.
Seit ich mich überzeugt hatte, daß Rosamunde ihn wirklich liebe, und daß ihr Vater sich der Verbindung wahrscheinlich nicht widersetzen würde, war ich in meinem Herzen sehr geneigt, diese Verbindung zu befördern, da meine Ansichten weniger exaltirt waren, als die des jungen Geistlichen. Wenn er Besitzer von Herren Oliver's großem Vermögen würde, dachte ich, könnte er damit ebenso viel Gutes stiften,
als wenn er sein Geste und seine Kraft unter einer tropischen Sonne verwelken und, verdorren ließ. In dieser Ueberzeugung antwortete ich jetzt:
, So weit ich urtheilen kann, würde es weiser
und verständiger sein, wenn Sie sich das Original
selbst aneigneten.!
Jetzt hatte er sich niedergesetzt. das Bild vor sich auf den Tisch gelegt, stützte seine Stirn mit beiden Händen und betrachtetete es mit zärtlichen Blicken.
Ich bemerkte, daß er weder erzürnt noch verletzt von meiner Kühnheit war. Es schien sogar, als ob die unbefangene Berührung eines Gegenstandes, den er bisher tief in sich verschlossen gehalten, ihm eine ungehoffte Erleichterung gewährte. Zurückhaltende Leute bedürfen der offenen Verhandlung über ihre Empfindungen und ihren Kummer, mehr noch als die mittheilsamen, und mit Kühnheit und in ehrlicher Absicht
in die verborgenen Tiefen ihrer Gedanken einzudringen, heißt oft, ihnen die größten Wohlthaten erweisen.
, Ich bin gewiß. sie liebt Sie, sagte ich, als ich hinter seinem Stuhle stand, und ihr Vater achtet Sie. Ueberdies ist sie ein liebes Mädchen -- freilich ein wenig gedankenlos, aber Sie würden Gedanken genug
für Sie Beide haben. Sie sollten sie heiraten.
, Liebt sie mich denn? fragte er.
, Gewiß, mehr als sie sonst irgend Jemand liebt. Sie spricht beständig von Ihnen, kein Gegenstand unterhält sie so sehr und keinen berührt sie öfter.

, Dies ist in der That sehr angenehm zu hören, sagte er. , Fahren Sie noch eine Viertelstunde damit fort.
Und er zog wirklich seine Uhr heraus und legte sie auf den Tisch, um die Zeit abzumessen.
, Aber was nützt es, fortzufahren, fragte ich, wenn Sie sich wahrscheinlich auf einen eisernen Widerspruch vorbereiten oder eine neue Kette schmieden, um Ihr Herz zu fesseln?
, Stellen Sie sic nicht so fürchterliche Dinge vor. Denken Sie sic, daß ich der Gegenliebe geneigt bin, wie es wirklich der Fall ist. Ich sehe mich auf einer Ottomane in dem Gesellschaftszimmer zu Vale-Hall zu den Füßen meiner Braut Rosamunde Oliver, sie redet mit ihrer lieblichen Stimme zu mir, blickt auf mich nieder mit jenen Augen, die Ihre geschickte Hand so gut nachgebildet hat, und lächelt mich mit diesen Korallenlippen an, Sie ist mein -- ich bin der ihrige -- dieses gegenwärtige Leben und die vergängliche Welt genügen mir. Still! sagen Sie nichts -- mein Herz ist voll Wonne, meine Sinne sind in Entzücken verloren. -- Lassen Sie die Viertelstunde in Frieden vorübergehen.
Ich that ihm seinen Willen -- die Uhr tickte weiter -- er athmete rasch und tief -- ich stand schweigend neben ihm. Als die Viertelstunde in lautlosem Schweigen vergangen war, steckte er die Uhr wieder ein, legte das Bild weg, stand auf und stellte sich an den Kamin.
, Nun, begann er, dieser kleine Zeitraum war dem Wahn und der Täuschung geweiht. Ich ließ mein Antlitz an der Brust der Versuchung ruhen und beugte meinen Nacken freiwillig unter ihr Blumenjoch, ich kostete von ihrem Becher. Es ist eine Natter unter den Blumen verborgen, der Wein hat einen bitteren Geschmack, ihre Versprechungen sind hohl, ihre Gelübde falsch, ich sehe und weiß dies Alles.
Ich blickte ihn verwundert an.
, Es ist seltsam, fuhr er fort, so tief ich fühle, daß ich Rosamunde Oliver mit der ganzen Innigkeit

der ersten Leidenschaft liebe, und so außerordentlich schön, anmuthsvoll und bezaubernd der Gegenstand dieser Leidenschaft ist, so kann ich mich doch keinen Augenblick darüber täuschen, daß sie keine passende
Lebensgefährtin für mich sein würde, und daß schon im ersten Jahre unserer Ehe dem Entzücken ein ganzes Leben der Reue folgen würde. Dies weiß ich.
Ich konnte nicht umhin, auszurufen: , Seltsam, in der That.
, Während ich sehr empfänglich für Rosamundes Reize bin, fuhr er fort, habe ich ein ebenso offenes Auge für ihre Mängel; sie sind von der Art, daß sie für nichts Theilnahme empfinden könnte, wonach ich strebte
-- in nichts mitwirken könnte, was ich unternähme. Rosamunde, eine Dulderin, eine Arbeiterin, ein weiblicher Apostel! Rosamunde, das Weib eines Missionärs? Nein!
, Aber Sie müssen ja doch nicht Missionär werden, Sie könnten den Plan aufgeben.
, Aufgeben! Was -- meinen Beruf? mein großes Werk? mein auf der Erde zu legendes Fundament zu einem Gebäude im Himmel? meine Hoffnung, unter die Zahl derjenigen gezählt zu werden, die all ihren Ehrgeiz dem Einzigen untergeordnet haben, die Menschheit zu bessern, die Finsternis der Unwissenheit zu erhellen -- Krieg in Frieden zu verwandeln, Knechtschaft in Freiheit, Aberglauben in Religion, die Furcht vor der Hölle in die Hoffnung auf den Himmel? Muß ich das aufgeben? Es ist mir theurer, als das Blut in meinen Adern. Das sind die Ziele, wofür ich zu leben habe.
Nach einer beträchtlichen Pause sagte ich:
, Und Miß Oliver? Ist ihre Täuschung und ihr Kummer Ihnen gleichgültig?
, Miß Oliver ist stets von Bewerbern und Schmeichlern umgeben, in weniger als einem Monat wird mein Bild in ihrem Herzen erloschen sein. Sie wird mich vergessen und Jemanden heiraten, der sie wahrscheinlich glücklicher machen wird, als ich es könnte.

, Sie sprechen sehr ruhig und kühl; aber Sie leiden bei dem Kampfe. Sie reiben sich auf.
, Nein. Wenn ich leide, so kommt das von der ängstlichen Erwartung wegen meiner noch unbestimmten Aussichten und meiner beständig verzögerten Abreise. Erst diesen Morgen erhielt ich die Nachricht, daß der Nachfolger, dessen Ankunft ich so lange erwartet habe, erst in drei Monaten in der Lage ist, mein Amt zu übernehmen, und vielleicht können die drei Monate zu sechs werden.
, Sie zittern und erröthen immer, wenn Miß Oliver in die Schulstube tritt.
Wieder zeigte sich der überraschte Ausdruck in seinem Gesichte. Er war nicht darauf gefaßt, daß ein Weib so zu einem Manne zu reden wagen würde. Ich konnte mich im Verkehr mit starken, verständigen und gebildeten Geistern nie ganz zufrieden geben, mochten es nun männliche oder weibliche sein, bis ich die Schranken der äußeren conventionellen Zurückhaltung durchbrochen und einen Platz in ihren Herzen gewonnen hatte.
, Sie sind originell und nicht furchtsam, sagte er. , Es ist etwas Tapferes in Ihrem Geiste und etwas Durchdringendes in Ihrem Auge, aber erlauben Sie mir die Versicherung, daß Sie meine Aufregung für tiefer und mächtiger halten als sie ist. Wenn ich vor Miß Oliver erröthe und zittere, so bemitleide ich mich selbst. Ich verachte diese Schwäche, ich weiß, daß sie unedel ist, ein bloßes Fieber des Fleisches und nicht ein Erbeben der Seele. Diese steht so unerschütterlich fest, wie ein Felsen in einer sturmbewegten See. Nehmen Sie mich für das, was ich bin -- für einen kalten, harten Mann.
Ich lächelte ungläubig.
, Sie haben mein Vertrauen im Sturm erobert, fuhr er fort, und jetzt steht es zu Ihrem Dienste. Des Mantels entkleidet, womit die christliche Liebe menschliche Schwächen beschönigt, bin ich ein kalter, harter, ehrgeiziger Mann. Vernunft und nicht Gefühl ist

mein Führer, mein Ehrgeiz ist unbegrenzt; mein Wunsch, höher zu steigen und mehr zu thun als Andere, unersättlich. Ich ehre die Duldung, die Beharrlickeit, den Kunstfleiß, das Talent, weil es die Mittel sind, wodurch die Menschen große Zwecke erreichen und zu schwindelnder Höhe emporsteigen. Ich nehme großes Interesse an Ihnen, weil ich Sie als das Vorbild eines fleißigen, ordentlichen und geistesstarken Weibes
betrachte, nicht weil ich tiefes Mitgefühl empfinde für das, was Sie erduldet haben und noch erdulden.
, Sie möchten sich selbst als einen heidnischen Philosophen darstellen, sagte ich.
, Nein. Der Unterschied zwischen mir und einem heidnischen Philosophen ist, daß ich an das Evangelium glaube. Sie haben eine falsche Bezeichnung gebraucht. Ich bin kein Heide, sondern ein christlicher Philosoph -- ein Jünger Jesu. Als sein Jünger nehme ich seine reinen, gnadenvollen, wohlwollenden Lehrsätze an. Ich vertrete sie; ich habe geschworen, ihnen zur Verbreitung zu verhelfen. Schon in der Jugend habe ich mich der Religion geweiht, und sie hat meine ursprünglichen Anlagen ausgebildet: aus dem kleinen Samenkorn der natürlichen Neigung hat sie den weitschattenden Baum der Philantrophie entwickelt. Meinen Ehrgeiz, Macht und Ruhm für mein elendes Ich zu gewinnen, hat sie in den edleren Ehrgeiz verwandelt, das Reich meines Herrn auszubreiten, Siege für das Kreuz zu erkämpfen. Soviel hat die
Religion für mich gethan, sie hat die ursprünglichen Anlagen veredelt, meine Natur gereift und geschult. Aber sie konnte die Natur selbst nicht
ausrotten, auch wird diese nicht ausgerottet werden, bis das Sterbliche an mir von meiner Seele gewichen ist.
Nachdem er dies gesagt hatte, nahm er seinen Hut, der neben meiner Palette auf dem Tische lag.
Noch einmal blickte er das Porträt an.
, Sie ist in der That sehr lieblich, flüsterte er. , Sie heißt mit Recht die Rose der Welt!

, Und darf ich nicht eine Copie davon für Sie malen?
, Zu welchem Zweck? Nein.
Er bedeckte das Porträt mit dem dünnen Blatt Papier, worauf ich meine Hand ruhen zu lassen pflegte, um das Bild nicht zu beschmutzen. Was er
plötzlich auf diesem weißen Papier sehen mochte, konnte ich nicht sagen, aber es war ihm etwas ins Auge gefallen. Er riß das Blatt rasch an sich, sah den Rand desselben an, warf mir einen eigenthümlichen und ganz unbegreiflichen Blick zu -- einen Blick, der mich von oben bis unten durchdringen zu wollen schien. Seine Lippen öffneten sich, als wollte er reden, aber er hielt die Worte zurück.
, Was ist Ihnen? fragte ich.
, Nichts, durchaus gar nichts, war die Antwort.
Er legte das Papier wieder hin, nachdem er geschickt einen schmalen Streifen vom Rande abgerissen, den er in seinen Handschuh steckte, sagte mit hastigem Nicken: , Guten Abend und verschwand.
, Ei, rief ich, das ist doch seltsam!
Ich untersuchte jetzt das Papier, sah aber nichts daran, als einige Farbeflecken, die ich gemacht hatte, um meinen Pinsel zu probiren. Ich sann einige Minuten über das Räthsel nach; als ich aber keine Lösung fand, und mich überzeugt hielt, daß es nicht von großer Bedeutung sein könne, dachte ich nicht weiter.

Vierunddreißigstes Capitel.

Als Herr Saint John ging, begann es zu schneien und zu stürmen. Der Sturm währte die ganze Nacht, und brachte am nächsten Tage weiteren frischen und blendenden Schnee. Gegen die Dämmerung hin war das Thal verweht und fast unzugänglich. Ich hatte meine Fensterladen geschlossen, eine Matte vor die Thür gelegt, damit der Schnee nicht unter derselben

hereinwehe, mein Feuer geschürt, und nachdem ich beinahe eine Stunde am Kamin gesessen und dem Toben des Sturmes zugehört hatte, zündete ich Licht an und begann in dem Buche zu lesen, welches mir Saint John gebracht hatte.
Bald vergaß ich darüber das Unwetter.
Ich hörte ein Geräusch und glaubte, es sei der Wind, der an der Thüre rüttle. Nein, es war Saint John Rivers, der durch Sturm und Finsternis zu mir gekommen war und jetzt vor mir stand. Der Mantel, der seine hohe Gestalt bedeckte, war weiß wie ein Gletscher. Ich war bestürzt, so wenig hatte ich an diesem Abend einen Besuch aus dem verschneiten Dorfe erwartet.
, Bringen Sie eine schlimme Nachricht? fragte ich. , Hat sich etwas zugetragen?
, Nein. Wie leicht erschrecken Sie doch! antwortete er, seinen Mantel ablegend und an die Thür hängend. Dann schob er ruhig die Matte wieder vor, die durch seinen Eintritt verrückt war, und stampfte den Schnee von seinen Stiefeln.
, Ich werde Ihren reinen Fußboden beschmutzen, sagte er, aber Sie müssen mich diesmal entschuldigen.
Dann näherte er sich dem Feuer.
, Es hat mich Anstrengung gekostet, hierher zu kommen, das versichere ich Sie, fuhr er fort, indem er seine Hände über der Flamme wärmte. , Einmal sank ich tief in den Schnee.
, Aber warum kamen Sie denn? konnte ich nicht umhin zu fragen.
, Das ist ein ziemlich unfreundlicher Empfang für einen Gast, aber da Sie nun einmal fragen, will ich Ihnen antworten, daß ich nur ein wenig mit Ihnen reden möchte, da ich meiner stummen Bücher und leeren Zimmer überdrüssig wurde. Ueberdies habe ich seit gestern die Aufregung eines Menschen empfunden, dem man eine Geschichte nur halb erzählt hat und der ungeduldig ist, das Ende zu hören.

Er setzte sich nieder. Ich erinnerte mich seines gestrigen seltsamen Benehmens und begann wirklich für seinen Verstand zu fürchten. Wenn diese Furcht indessen begründet gewesen wäre, so war sein Wahnsinn wenigstens ein stiller und harmloser, ich hatte sein schönes Gesicht nie so sehr den Marmor gleich gesehen, als jetzt, wo er sein vom Schnee benetztes Haar aus der Stirne strich und das Licht des Feuers auf seine weiße Stirn und blasse Wange fiel, worin ich mit Bedauern eine Furche entdeckte, die Sorge oder Kummer deutlich darauf gezogen hatten. Ich
schwieg und erwartete, daß er reden werde, aber er hielt jetzt das Kinn in die Hand gestützt, und den Finger an den Mund gelegt; er sann nach. Es fiel mir auf, daß seine Hand abgemagert war, wie sein Gesicht. Ein vielleicht nicht ganz angebrachtes Gefühl des Mitleids veranlaßte mich zu sagen:
, Ich wollte, Diana oder Maria könnte kommen und bei Ihnen wohnen; es ist vom Nebel, daß Sie so ganz allein leben, Sie nehmen gar keine Rücksicht auf Ihre Gesundheit.
, O, nicht doch! antwortete er, ich sorge für mich, wenn es nöthig ist, jetzt ist mir wohl. Was sehen Sie denn Auffallendes an mir?
Dies sagte er mit zerstreuter Gleichgültigkeit, die mir zeigte, daß meine Besorgnis wenigstens seiner Meinung nach, überflüssig sei. Ich schwieg.
Er fuhr langsam mit seinem Finger über die Oberlippe und sein Auge richtete sich träumerisch auf das glühende Feuer. Ich hielt es für nöthig, etwas zu sagen, und fragte, ob er keinen Zugwind von der hinter ihm befindlichen Thür spüre.
, Nein, nein, antwortete er kurz und etwas mürrisch.
, Gut, sagte ich, wenn Sie nicht reden wollen, so will ich schweigen, ich will Sie jetzt in Ruhe lassen und zu meinem Buche zurückkehren.
Ich putzte also das Licht und fuhr fort zu lesen. Als er sich regte, folgte mein Auge seinen Bewegungen; er zog eine Brieftasche hervor, nahm einen Brief heraus, las ihn schweigend, faltete ihn zusammen, legte ihn wieder an seinen Ort und versank nochmals in Nachdenken. Es war mir unmöglich, in seiner Gegenwart zu lesen; auch konnte ich bei meiner Ungeduld nicht stumm bleiben, er mochte mich zur Ruhe verweisen, wenn er wollte, aber reden mußte ich.
, Haben Sie kürzlich Nachricht von Diana und Maria erhalten?
, Nichts seit dem Briefe, den ich Ihnen vor einer Woche zeigte.
, Ist keine Veränderung in Ihren Angelegenheiten vorgegangen? Werden Sie nicht früher aufgefordert werden, England zu verlassen, als Sie es erwarteten?
, Ich fürchte, ein solches Glück ist mir nicht beschieden.
So zurückgewiesen, wechselte ich den Gegenstand und begann von der Schule und meinen Schülerinnen zu reden.
, In der nächsten Woche werde ich vier neue Mädchen aus der Gießerei bekommen; sie wären schon heute gekommen, wenn der Schnee sie nicht zurückgehalten hätte.
, So?
, Herr Oliver zahlt für zwei von ihnen.
, Wirklich?
, Er beabsichtigt, zu Weihnachten der ganzen Schule ein Fest zu geben.
, Ich weiß es.
, War es Ihr Vorschlag?
, Nein.
, Wessen denn?
, Seiner Tochter, denke ich.
, Das sieht ihr gleich, sie ist so gutmüthig.
, Ja.
Wieder trat eine Pause ein, die Uhr schlug acht. Er wurde aus seiner Träumerei erweckt und wendete sich zu mir.

, Lassen Sie Ihr Buch einen Augenblick ruhen und kommen Sie dem Feuer ein wenig näher, sagte er.
Verwundert that ich, was er verlangte.
, Vor einer halben Stunde sprach ich von meiner Ungeduld, das Ende einer Geschichte zu hören, fuhr er fort. , Bei weiterem Nachdenken finde ich, daß die Sache sich besser machen läßt, wenn ich die Rolle des Erzählers übernehme und Sie die Zuhörerin sein lasse. Ehe ich beginne, ist es nicht mehr als billig, wenn ich Ihnen voraus sage, daß die Geschichte Ihnen nicht neu erscheinen wird; aber bekannte Ereignisse erlangen oft wieder eine gewisse Frische, wenn ein anderer Mund Sie erzählt. Uebrigens ist die Geschichte kurz. Also hören Sie:
, Vor zwanzig Jahren verliebte sich ein armer Prediger -- für den Augenblick wollen wir seinen Namen verschweigen -- in die Tochter eines reichen Mannes; sie erwiderte seine Liebe und heiratete ihn gegen den Rath aller ihrer Verwandten, die sie gleich nach der Trauung verstießen. Ehe zwei Jahre um waren, starben Beide und lagen ruhig neben einander unter einem Leichenstein. Ich habe ihr Grab gesehen, es befindet sich auf einem ungeheuren Kirchhofe, der eine schwarze, alte Kathedrale in einer übervölkerten Manufactur Stadt in der Grafschaft N. umgibt. Sie hinterließen eine Tochter, welche schon bei ihrer Geburt von der Barmherzigkeit in ihrem kalten Schoß aufgenommen wurde -- so kalt wie der Schnee, in dem ich diesen Abend fast stecken blieb. Die Barmherzigkeit versetzte das freundlose Wesen in das Haus seiner
reichen mütterlichen Verwandten; es wurde von einer Tante, namens -- jetzt kommen die Namen -- Mistreß Reed von Gateshead auferzogen. -- Sie stutzen. -- Doch zur Sache. Mistreß Reed behielt die Waise zehn Jahre bei sich; ob diese sich bei ihr glücklich fühlte, kann ich nicht sagen, da man es mir nicht mitgetheilt hat; doch nach Verlauf dieser Zeit
brachte sie das Kind an einen Ort, den Sie kennen,

denn es ist kein anderer, als die Schule zu Lowood, wo Sie sich selber längere Zeit aufhielten. Wie es scheint, war ihre Laufbahn dort sehr ehrenvoll, aus einer Schülerin wurde sie eine Lehrerin, wie Sie selber. In der That ist es mir auffallend, daß so viel Aehnlichkeit zwischen der Geschichte dieses Mädchens und der Ihrigen herrscht. Sie verließ die
Schule und wurde Erzieherin, auch darin gleicht ihr Schicksal wieder dem Ihrigen. Sie übernahm die Erziehung der Mündel eines gewissen Herrn Rochester.
, Herr Rivers! fiel ich ein.
, Ich errathe Ihre Gefühle, sagte er, aber halten Sie sich noch eine Weile zurück, ich bin gleich zu Ende. Von dem Charakter dieses Herrn Rochester weiß ich nichts, als daß er dem jungen Mädchen eine ehrenvolle Verbindung anbot und daß dieses am Altar entdeckte, er habe schon eine Frau, die noch am Leben sei, obgleich eine Wahnsinnige. Was hierauf geschah, welche Vorschläge Herr Rochester dem Mädchen machte, ist Sache der bloßen Vermuthung; nur so viel ist gewiß, daß die Erzieherin plötzlich verschwunden war -- niemand konnte sagen, wann, wohin oder wie. Sie hatte Thornfield Hall in der Nacht verlassen; man hatte nah und fern nach ihr gesucht, aber keine Spur von ihr finden können. Jetzt jedoch ist es dringend nöthig geworden, sie aufzufinden; in allen Zeitungen sind Aufforderungen ergangen; ich selber habe einen Brief von einem Rechtsconsulenten namens Briggs erhalten, aus dem ich das eben Mitgetheilte erfuhr. Ist das nicht eine seltsame Geschichte?
, Sagen Sie mir nur dies Eine, rief ich, und da Sie so viel wissen, können Sie es mir gewiß sagen -- wie geht es Herrn Rochester? Wo ist er? Was thut er? Ist er wohl?
, Ich bin mit Allem unbekannt, was Herrn Rochester betrifft; der Brief erwähnt ihn nur, um seinen ungesetzlichen Heiratsversuch zu berichten. Sie

sollten lieber nach dem Namen der Erzieherin fragen und nach der Ursache, weshalb man sie sucht.
, So ging also niemand nach Thornfield-Hall zu Herrn Rochester?
, Ich vermuthe nein.
, Aber man schrieb an ihn?
, Natürlich.
, Und was sagt er? Wer hat seine Antwort?
, Herr Briggs meldete mir, daß die Antwort auf seine Anfrage nicht von Herrn Rochester, sondern von einer Dame gegeben wurde, die sich Elise Fairfax unterzeichnete.
Mir wurde eiskalt, und ich fühlte einen stechenden Schmerz im Herzen. Meine schlimmste Befürchtung schien sich bestätigen zu wollen: er hatte
ohne Zweifel England verlassen und irrte, wie früher, in ruheloser Verzweiflung auf dem Continente umher. Und welches Beruhigungsmittel für sein heftiges Leiden, welchen Gegenstand für seine mächtigen Leidenschaften mochte er dort gefunden haben? Ich wagte mir die Frage nicht zu beantworten, O, mein armer Herr -- einst fast schon mein Gatte -- den ich so oft meinen theuren Eduard genannt hatte!
, Er muß ein schlimmer Mensch gewesen sein, sagte Herr Rivers.
, Sie kennen ihn nicht -- sprechen Sie auch kein Urtheil über ihn aus, sagte ich mit Wärme.
, Meinetwegen, antwortete er rasch, und ich habe wahrlich auch andere Dinge im Kopfe als ihn, ich muß meine Erzählung beenden. Da Sie nicht nach dem Namen der Erzieherin fragen wollen, so muß ich ihn selber nennen -- warten Sie -- ich habe ihn hier -- es ist immer von Vortheil, wichtige Dinge Schwarz auf Weiß zu sehen.
Und die Brieftasche wurde wieder bedächtig zum Vorschein gebracht, geöffnet und durchsucht; aus einer Seitentasche wurde ein abgerissenes Stück Papier hervorgezogen, ich erkannte an den Flecken von Ultramarinblau und Carmoisin den abgerissenen Rand des Papiers, womit ich das Porträt Rosamunde's bedeckt hatte. Er stand auf, hielt den Streifen dicht vor meine Augen, und ich las darauf in meiner eigenen
Handschrift die Worte: , Johanna Eyre , die ich ohne Zweifel in einem Augenblick der Zerstreuung hingekritzelt hatte.
, Briggs schrieb mir von einer Johanna Eyre, sagte er, und auch die öffentlichen Aufforderungen nannten eine Johanna Eyre; ich kannte eine Johanna Eliott. -- Ich bekenne, daß ich gegen diesen Namen Verdacht hegte, doch wurde er erst gestern Nachmittags zur Gewißheit. Sie erkennen den Namen an und legen den anderen ab?
, Ja -- aber wo ist Herr Briggs? Er weiß vielleicht mehr von Herrn Rochester, als Sie.
, Briggs ist in London; doch zweifle ich, daß er irgend etwas von Herrn Rochester weiß, da er sich nicht für ihn interessirt. Inzwischen vergessen Sie wesentliche Dinge, indem Sie nach Nebensachen forschen, Sie fragen nicht, warum Herr Briggs nach Ihnen sucht und was er von Ihnen will.
, Nun, was will er denn?
, Ihnen nur mittheilen, daß Ihr Oheim, Herr Eyre, in Madeira gestorben ist, Ihnen sein ganzes Vermögen hinterlassen hat und daß Sie jetzt reich
sind -- nur das, weiter nichts
, Ich! reich?
, Ja, Sie, reich -- eine Erbin.
Es trat ein Schweigen ein.
, Sie müssen natürlich beweisen, daß Sie die erwähnte Person sind, fuhr Saint John fort, welcher Schritt Ihnen keine Schwierigkeit machen wird; dann können Sie sogleich den Besitz antreten. Ihr Vermögen ist in englischen Fonds angelegt; Briggs hat das Testament und die nöthigen Documente im Besitz.
Hier war ein neues Blatt im Buche meines Lebens aufgeschlagen! Es ist eine schöne Sache, in

einem Augenblick aus der Armuth zum Reichthum emporgehoben zu werden, eine sehr schöne Sache -- doch kann man nicht Alles auf einmal begreifen und genießen. Uebrigens geht das Wort Erbschaft mit dem Worte Tod Hand in Hand. Ich hatte soeben gehört, daß mein Oheim, mein einziger Verwandter, todt sei; seit ich um sein Dasein gewußt, hatte ich die Hoffnung genährt, ihn einst zu sehen, jetzt konnte ich es nicht mehr.
, Vielleicht werden Sie fragen, wie viel Sie jetzt werth sind? bemerkte Herr Rivers.
, Wie viel bin ich werth?
, O, eine Kleinigkeit! Natürlich nicht der Rede werth -- zwanzigtausend Pfund, meine ich hieß es.
, Zwanzigtausend Pfund!
Dies war ein neues Wunder für mich -- ich hätte vier- oder fünftausend gerathen. Diese Nachricht versetzte mir auf einen Augenblick den Athem, und Herr Saint John, den ich noch nie vorher hatte lachen hören, lachte jetzt.
, Wenn Sie einen Mord begangen hätten, sagte er, und ich hätte Ihnen mitgetheilt, daß Ihr Verbrechen entdeckt sei, hätten Sie nicht erschrockener sein können.
, Es ist eine große Summe. Glauben Sie nicht, daß hier ein, Irrthum obwaltet?
, Nicht der geringste Irrthum.
, Vielleicht haben Sie sich in den Zahlen versehen, es mag zweitausend heißen.
, Es ist mit Buchstaben und nicht mit Ziffern geschrieben und es heißt zwanzigtausend.
Ich kam mir wie ein Mensch vor, der sich allein an eine Tafel setzt, auf welcher Speisen für Hundert aufgetragen sind. Herr Rivers erhob sich
jetzt und legte seinen Mantel an.
, Wenn es nicht ein so stürmischer Abend wäre, sagte er, so würde ich Hannah herschicken, um Ihnen Gesellschaft zu leisten; Sie sehen so verzweifelt und unglücklich aus, daß man Sie nicht allein lassen sollte.

Aber die arme Hannah könnte nicht so gut, wie ich, über die Schneehaufen hinwegkommen, denn ihre Beine sind nicht ganz so lang; so muß ich Sie also jetzt Ihren Sorgen überlassen. Gute Nacht.
Er faßte eben die Klinke, als mir ein plötzlicher Gedanke befiel.
, Warten Sie noch eine Minute! rief ich.
, Nun?
, Ich bin begierig zu erfahren, wie Herr Briggs dazu kam, Ihnen von mir zu schreiben. Wie konnte er, da er Sie doch gar nicht kannte, vermuthen, daß Sie, an einem so abgelegenen Orte wohnend, ihm zu der Entdeckung behilflich sein könnten.
, O! ich bin ein Geistlicher, und an die Geistlichkeit wendet man sich oft in den seltsamsten Angelegenheiten.
Wieder faßte er die Klinke.
, Nein, das genügt mir nicht! rief ich, und es lag in der That etwas in der hastigen und kurzen Antwort, was meine Neugierde, anstatt sie zu befriedigen, nur noch mehr anregte.
, Ein andermal.
, Nein, diesen Abend -- diesen Abend! beharrte ich und stellte mich zwischen ihn und die Thüre. Er sah etwas verlegen aus.
, Sie sollen gewiß nicht gehen, ehe Sie mir Alles gesagt haben! Ich bestehe darauf.
, Ich möchte es gerade jetzt lieber nicht sagen.
, Sie sollen -- Sie müssen!
, Ich wollte lieber, Diana oder Maria benachrichtigten Sie davon. Natürlich steigerten diese Einwendungen meine Aufregung noch mehr, befriedigt mußte ich sein, und zwar ohne Verzug. Ich erklärte ihm das.
, Aber ich sagte Ihnen ja schon, daß ich ein hartköpfiger Mann sei und schwer zu überreden.
, Und ich bin ein hartköpfiges Weib; es ist unmöglich, mich abzuweisen.
, Ferner bin ich auch kaltblütig, fügte er hinzu.

, Dann bin ich auch heißblütig, und Feuer schmilzt Eis.
, Nun gut, sagte er, ich gebe nach, wenn auch nicht Ihren Bitten, doch wenigstens Ihrer Beharrlichkeit, wie ein Stein durch beständiges Tröpfeln ausgehöhlt wird. Ueberdies müssen Sie es doch einst erfahren -- also besser jetzt, als später. Ihr Name ist Johanna Eyre.
, Natürlich, das haben wir ja schon besprochen.
, Sie wissen vielleicht nicht, daß ich den gleichen Namen führe -- daß ich unter dem Namen Saint John Eyre Rivers getauft wurde.
, Nein, in der That das wußte ich nicht! Jetzt erinnere ich mich, den Buchstaben E. in Ihren Büchern gefunden zu haben, die Sie mir zu verschiedenen Zeiten geborgt; doch ich fragte nicht, was der Buchstabe bedeute. Aber nun weiter? Gewiß --
Ich hielt inne, ich wagte kaum, den Gedanken in mir aufkommen zu lassen, viel weniger noch auszusprechen, der sich mir aufdrängte und in der nächsten Secunde fast als Gewißheit vor mir stand. Die Umstände vereinten und ordneten sich instinctmäßig, ehe Saint John noch ein Wort mehr gesagt hatte. So bestätigte sich denn nur meine Ahnung, als er fortfuhr:
, Meiner Mutter Name war Eyre, sie hatte zwei Brüder, der eine war Geistlicher, welcher Miß Johanna Reed von Kateshead heiratete, der andere war John Eyre, Esa., der zuletzt Kaufmann zu Funchal auf Madeira war. Herr Brigg's, der Herrn Eyre's Sachverwalter gewesen, schrieb uns im letzten August und benachrichtigte uns von dem: Tode unseres Oheims. Zugleich theilte er uns mit, daß derselbe sein Vermögen der verwaisten Tochter seines Bruders, des Geistlichen, hinterlassen habe, indem er uns in Folge eines nie vergessenen Streites zwischen ihm und meinem Vater überging. Herr Brigg's schrieb uns einige Wochen später, die Erbin sei nicht zu finden, und fragte, ob wir etwas von ihr wüßten. Ein zufällig auf ein Stück Papier geschriebener Name führte mich auf ihre Spur. Das Uebrige wissen Sie.
Hier wollte er wieder gehen, aber ich stellte mich vor die Thür.
, Lassen Sie mich reden, sagte ich, lassen Sie
mir einen Augenblick Zeit, um Athem zu schöpfen und nachzudenken. Ich schwieg -- er stand mit dem Hut in der Hand vor mir und sah ganz gefaßt aus. Ich fuhr fort:
, Ihre Mutter war meines Vaters Schwester.
, Ja.
, Folglich meine Tante?
Er nickte.
, Mein Oheim John war Ihr Oheim John?
Sie, Diana und Maria sind seine Schwesterkinder, sowie ich seines Bruders Kind bin?
, Unleugbar.
, Sie sind also mein Vetter und Ihre Schwestern meine Cousinen, die Hälfte unseres Blutes fließt also aus derselben Quelle?
, Wir sind Geschwisterkinder, ja.
Ich betrachtete ihn. Es schien mir, als hätte ich einen Bruder gefunden, einen, auf den ich stolz sein, den ich lieben konnte, und zwei Schwestern, die mir schon als Fremde wahre Zuneigung und Bewunderung eingeflößt hatten. Die beiden Mädchen, die ich durch das niedrige vergitterte Fenster zu Moor House mit einer so bitteren Mischung von Theilnahme und Verzweiflung beobachtete, und der Herr, der mich fast sterbend auf seiner Schwelle gefunden, waren meine Blutsverwandten. Eine überwältigende Entdeckung für eine einsame Unglückliche? Ich klatschte vor plötzlicher Freude in die Hände -- mein Puls schlug und das Blut meiner Adern floß schneller.
, O, wie froh bin ich! -- wie froh rief ich.
Saint John lächelte. , Sagte ich Ihnen nicht, Sie vernachlässigten die Hauptsache, um Nebendienste zu verfolgen? Jetzt sind Sie wieder aufgeregt wegen einer Sache von keiner Bedeutung.

, Vielleicht ist es für Sie von keiner Bedeutung, Sie haben Schwestern und kümmern sich nicht um eine Cousine, doch ich hatte Niemand; und nun sind mir plötzlich drei theure Verwandte geschenkt worden -- oder zwei, wenn sie nicht mitgezählt sein wollen.
Soll mich das nicht froh machen?
Ich ging rasch durch's Zimmer und blieb betäubt stehen bei dem Gedanken, daß ich nun denjenigen, die mir das Leben gerettet und die ich bis zu dieser Stunde nur unthätig hatte lieben können, jetzt Gutes erweisen konnte. Sie standen unter dem Joche der Dienstbarkeit bei Fremden; ich konnte sie befreien; sie waren getrennt -- ich konnte sie vereinen -- der Ueberfluß, der mir zu Theil geworden war, konnte auch der ihrige werden. Waren wir nicht unser vier? Von zwanzigtausend Pfund erhielt Jeder, wenn sie gleichmäßig getheilt wurden, fünftausend -- das war genug, so wurde Gerechtigkeit geübt und das gegenseitige Glück gesichert. Jetzt war der Reichthum keine Last für mich, jetzt war es nicht bloß ein Erbtheil von Gold und Goldeswerth -- es war ein
Vermächtnis von Leben, Hoffnung und Genuß.
Wie ich aussah, während diese Gedanken auf meine Seele einstürmten, kann ich nicht sagen; aber ich bemerkte, daß Herr Rivers einen Stuhl hinter mich schob und mir rieth, mich zu fassen.
, Schreiben Sie morgen an Diana und Maria, sagte ich, und melden Sie ihnen, daß sie gleich nach Hause kommen sollen; Diana sagte, mit tausend Pfund würde sich jede von ihnen für reich halten, mit fünftausend wird sie also umsomehr zufrieden sein können.
, Sagen Sie mir, von wo ich Ihnen ein Glas Wasser verschaffen kann, bemerkte Saint John, Sie müssen sich in der That bemühen, Ihre Gefühle zu beruhigen.
, Unsinn! und welche Wirkung wird das Vermächtnis für Sie haben? Wird es bewirken, daß Sie in England bleiben, wird es Sie bewegen, Miß

Oliver zu heiraten und wie ein gewöhnlicher Sterblicher in Ruhe ein Heim zu genießen?
, Sie phantasiren. Ich habe Ihnen die Nachricht zu plötzlich mitgetheilt; sie hat Sie über Ihre Kräfte aufgeregt.
, Herr Rivers, meine Geduld ist bald zu Ende; ich bin vernünftig genug, Sie sind es, der mich nicht versteht oder vielmehr sich stellt, als verstände er mich nicht.
, Vielleicht würde ich Sie besser verstehen, wenn Sie sich ein wenig deutlicher erklären wollten.
, Erklären! Was ist hier zu erklären? Sie müssen doch zugeben, daß zwanzigtausend Pfund, gleich getheilt unter den Neffen und die drei Nichten Ihres Oheims, für Jeden fünftausend ausmachen? Was ich verlange, ist, daß Sie an Ihre Schwestern schreiben und sie in Kenntnis setzen, welches Vermögen Ihnen zugefallen ist.
, Oder vielmehr Ihnen, Johanna, wollen Sie sagen?
, Ich habe meine Ansicht von der Sache deutlich erklärt, ich bin unfähig, eine andere Ansicht davon zu bekommen. Ich bin nicht selbstsüchtig, ungerecht oder undankbar. Ueberdies bin ich so eigensinnig, eine Heimat und Verwandte haben zu wollen. Mir gefällt Moor-House, und ich will in Moor-House wohnen; Diana und Maria gefallen mir, und ich will mein Leben lang mit ihnen in freundschaftlichem Umgange stehen. Es würde eine Wohlthat für mich sein, fünftausend Pfund zu haben, aber der Besitz von zwanzigtausend würde für mich eine Qual bedeuten; überdies könnte ich ein solches Vermögen, wenn auch gesetzmäßig, so doch niemals rechtmäßig mein nennen. Ich überlasse also Ihnen und Ihren Schwestern nur, was mir durchaus überflüssig ist. Setzen Sie mir
keinen Widerstand entgegen, wir wollen uns darüber verständigen und die Sache sogleich entscheiden.
, Dies heißt, nach ersten Antrieben handeln. Sie müssen sich einige Tage Zeit nehmen, um eine solche

Sache zu überlegen, ehe Ihr Wort als gültig kann betrachtet werden.
, O! wenn Sie nur an meiner Aufrichtigkeit zweifeln, so bin ich ruhig. Sie sehen also die Gerechtigkeit der Sache ein?
, Ich sehe eine gewisse Gerechtigkeit darin; aber es ist gegen allen Brauch. Uebrigens gehört Ihnen mit Recht das ganze Vermögen, mein Oheim gewann es durch seine eigenen Anstrengungen; es stand ihm frei, es zu hinterlassen, wem er wollte, und so gab er es Ihnen. Die Gerechtigkeit gestattet Ihnen auch, es zu behalten und Sie können es mit reinem Gewissen als Ihr unbestreitbares Eigenthum betrachten.
, Bei mir ist es ebenso sehr Sache des Gefühls als des Gewissens, sagte ich, ich muß meinen Gefühlen nachgeben; ich habe so selten Gelegenheit gehabt, es zu thun. Wollten Sie sich auch noch so hartnäckig widersetzen, so würde ich dennoch nicht auf das kostbare Vergnügen verzichten, einen Theil einer großen Verpflichtung zurückzuzahlen und mir auf meine Lebenszeit Freunde zu gewinnen.
, So denken Sie jetzt, erwiderte Saint John, weil Sie nicht wissen, was es heißt, etwas zu besitzen, und folglich auch nicht verstehen, den Reichthum zu schätzen. Sie können sich keinen Begriff davon machen, welches Ansehen zwanzigtausend Pfund Ihnen verleihen würden, welchen Platz Sie dadurch in der Gesellschaft einnehmen, welche Aussichten sich Ihnen eröffnen würden. Sie können nicht --
, Und Sie können sich das Verlangen nicht vorstellen, welches ich nach brüderlicher und schwesterlicher Liebe habe, fiel ich ein. , Ich hatte nie eine Heimat, ich hatte nie Brüder oder Schwestern; ich muß und will sie jetzt haben. Sie haben nichts dagegen, mich anzuerkennen, nicht wahr?
, Johanna, ich will Ihr Bruder sein, meine Schwestern werden Ihre Schwestern sein, ohne die Aufopferung Ihrer Rechte zu fordern.

, Bruder? Ja in der Entfernung von einigen tausend Stunden! Schwestern? Ja, Schwestern, welche Sclavendienste bei Fremden verrichten! Und ich sollte reich sein und mit Gold überladen, welches ich nicht erworben und nicht verdiene! Und Sie ohne Vermögen! Eine hübsche Gleichheit und Brüderschaft!
, Aber Johanna, Ihr Streben nach Familienverbindungen und häuslichem Glück kann auf andere Weise, als durch die Mittel erfüllt werden, die Ihnen jetzt vorschweben. Sie können sich verheiraten.
, Unsinn! Verheiraten! Ich will und werde mich nie verheiraten.
, Das ist zu viel gesagt und nur ein Beweis von der Aufregung, in der Sie sich befinden.
, Es ist nicht zu viel gesagt, ich weiß, was ich fühle und wie sehr ich dem bloßen Gedanken an Verheiratung abgeneigt bin. Niemand würde mich aus Liebe nehmen, und ich will nicht als eine bloße Geldspeculation betrachtet werden. Ich will keinen Fremden, der keine Theilahme für mich empfindet und der mir unsympathisch ist; ich will nur mit gleichgesinnten Personen umgehen, die so fühlen und denken, wie ich. Sagen Sie noch einmal, daß Sie mein Bruder sein wollen; als Sie diese Worte aus sprachen, war ich glücklich; wiederholen Sie dieselben, und wenn Sie können, wiederholen Sie sie aufrichtig.
, Ich glaube, daß ich es kann Ich weiß, ich habe immer meine Schwestern geliebt; ich bin mir bewußt, worauf sich meine Neigung zu ihnen gründet: auf der Achtung ihres Werthes und der Bewunderung ihrer Talente. Auch Sie haben Talente, Grundsätze und Verstand, wie Diana und Maria, Ihre Gegenwart ist mir stets angenehm, in Ihrer Unterhaltung habe ich bereits seit einiger Zeit einen heilsamen Trost gefunden. Ich fühle, ich kann Ihnen, ohne mir Zwang anzuthun, einen Platz in meinem Herzen als dritte und jüngste Schwester einräumen.
, Ich danke Ihnen, das genügt mir für diesen Abend. Nun wird es besser sein, Sie gehen, denn

wenn Sie noch länger bleiben, werden Sie mich wieder durch Ihre mißtrauischen Bedenklichkeiten ärgern.
, Und die Schule, Miß Eyre? Die muß vermuthlich jetzt geschlossen werden?
, Nein. Ich will meinen Posten als Lehrerin behalten, bis Sie eine passende Stellvertreterin für mich finden.
Er lächelte billigend, wir drückten einander die Hände, und er entfernte sich.
Es wird unnöthig sein, von den weiteren Kämpfen zu reden, die ich zu bestehen hatte, und von den Beweggründen, die ich ins Treffen führen mußte, um die Vertheilung des Vermächtnisses so durchzusetzen, wie ich es wünschte. Meine Aufgabe war in der That sehr schwer; da aber meine Verwandten sahen, daß ich von meinem Vorsatze nicht abzubringen sei, und in ihrem Herzen fühlen mußten, daß meine Ansicht richtig sei und daß sie an meiner Stelle gerade so würden gehandelt haben, so gaben sie endlich so weit nach, daß sie einwilligten, die Sache einem Schiedsgericht zu überweisen. Die gewählten Richter waren Herr Oliver und ein erfahrener Rechtsgelehrter. Beide stimmten meiner Ansicht bei, und ich erreichte meinen Zweck. Die Uebetragungsacte wurden ausgefertigt und Saint John, Diana, Maria und ich hatten alle unseren gleichen Antheil.

Fünfunddreißigstes Capitel.

Das Weihnachtsfest war beinahe herangekommen, ehe Alles geordnet war. Ich schloß jetzt die Schule zu Morton und und unterließ nicht, meine Anhänglichkeit an dieselbe durch ein äußeres Zeichen an den
Tag zu legen. Das Glück öffnet auf wunderbare Weise die Hand wie das Herz, und etwas zu geben, wenn wir reichlich empfangen haben, heißt nur, dem ungewöhnlichen Ueberströmen der Gefühle folgen.

Viele von meinen Schülerinnen liebten mich und gaben mir dies bei unserer Trennung auf rührende Weise zu erkennen, wofür ich ihnen versprach, es solle künftig nie eine Woche vergehen, wo ich sie nicht besuchen und eine Stunde Unterricht in ihrer Schule geben
wolle.
Herr Rivers kam, und nachdem er die Schülerinnen, deren jetzt sechzig waren, an mir vorüber hatte hinausgehen sehen, schloß ich die Thür.
, Betrachten Sie sich als wohlbelohnt nach vielen Monaten der Mühsal und Anstrengung? fragte Herr Rivers, als Alle fort waren. , Verursacht Ihnen nicht das Bewußtsein Vergnügen, Ihrem Geschlechte eine wirkliche Wohlthat erwiesen zu haben?
, Ohne Zweifel.
, Würde nicht ein Leben wohl angewendet sein, welches ganz der Besserung und Beglückung Ihres Geschlechtes geweiht war?
, Ja, sagte ich, aber ich könnte nicht immer leben, nur um Andere auszubilden, ich muß mich auch meiner eigenen Fähigkeiten erfreuen können, und das will ich jetzt. Die Schule liegt jetzt hinter mir und ich
muß meine völlige Freiheit haben.
Er sah sehr ernst aus. , Was wollen Sie thun?
, Thätig sein, so thätig, wie ich kann. Und für's Erste muß ich Sie bitten, Hannah zu beurlauben und sich Jemand anders zu Ihrer Aufwartung zu verschaffen.
, Bedürfen Sie ihrer?
, Ja, um mit mir nach Moor House zu gehen, Diana und Maria werden in einer Woche ankommen und bis dahin will ich Alles zu ihrem Empfang in Ordnung bringen.
, Ich verstehe, Hannah soll also zu Ihnen kommen.
, Sagen Sie ihr, daß sie sich bis morgen bereit hält. Hier ist der Schlüssel zu der Schulstube, den Schlüssel zu meinem Häuschen will ich Ihnen morgen geben.

, Sie liefern ihn sehr freudig ab, sagte er, den Schlüssel aus meiner Hand nehmend, ich verstehe Ihre Heiterkeit nicht ganz, da ich nicht weiß, welche Beschäftigung Sie anstatt der aufgegebenen zu wählen gedenken. Welches Ziel, welchen Zweck, welchen Ehrgeiz haben Sie jetzt im Leben?
, Meine nächste Absicht ist, Moor House bis zum nächsten Donnerstag für Diana und Maria in den vollkommensten Zustand der Bereitschaft zu setzen, und mein Ehrgeiz soll darin bestehen, Ihnen das Ideal eines Willkommens darzubringen, wenn sie eintreffen.
Saint John lächelte ein wenig, und doch war er unzufrieden.
, Das ist Alles sehr schön für den Augenblick, sagte er, aber ich hoffe, wenn ihr erster Enthusiasmus vorüber ist, werden Sie etwas höher blicken und nicht Ihren ganzen Ehrgeiz in häusliche Genüsse und in die Freuden des Haushaltes setzen.
, Das ist ja das Beste, was die Welt besitzt! fiel ich ein.
, Nein, Johanna, nein, diese Welt ist nicht der Schauplatz des Genusses, noch der Ruhe. Werden Sie nicht träge!
, Ich beabsichtige im Gegentheil, sehr thätig und arbeitsam zu sein.
, Johanna, ich entschuldige Sie für jetzt; zwei Monate gestatte ich Ihnen, sich dem Vollgenusse Ihres neuen Glückes hinzugeben; dann aber hoffe ich, werden Sie beginnen, sich über Moor House und Morton und über schwesterliche Gesellschaft, sowie über die selbstsüchtige Ruhe und den sinnlichen Genuß des civilisirten Ueberflusses zu erheben. Ich hoffe, Ihre innere Kraft wird Sie dann wieder vorwärts treiben.
Ich sah ihn mit Ueberraschung an.
, Saint John, sagte ich, es ist beinahe gottlos, so zu reden. Ich habe mir vorgenommen, zufrieden zu sein, wie eine Königin, und Sie versuchen, die

Ruhelosigkeit in mir wieder anzuregen! Zu welchem Zweck?
, Zu dem Zweck, von den Talenten, die Ihnen Gott anvertraut hat, den allein richtigen Gebrauch zu machen, denn er wird gewiß eines Tages strenge Rechenschaft darüber fordern. Johanna, ich werde getreu und unablässig über Ihnen wachen -- das sage ich Ihnen schon jetzt. Trachten Sie, den übergroßen Eifer zu unterdrücken, womit Sie sich in die alltäglichen häuslichen Freuden stürzen. Hängen Sie nicht zu beharrlich an den Freuden des Fleisches; sparen Sie Ihre Energie und Ausdauer für eine größere Sache. Verstehen Sie mich recht, Johanna?
, Ja, gerade so, als ob Sie griechisch sprächen. Ich fühle, ich habe guten Grund, glücklich zu sein, und ich will glücklich sein. Leben Sie wohl!
Glücklich war ich in Moor-House und arbeitete angestrengt, ebenso Hannah, und sie war entzückt, zu sehen, wie heiter ich inmnitten der Unruhe des Hauses, in welchem das Unterste zu oberst gekehrt war, sein
konnte -- wie ich zu bürsten, abzustäuben, zu reinigen und zu kochen verstand. Und in der That gewährte es eine hohe Befriedigung, nach ein paar Tagen der ärgsten Verwirrung allmählich wieder Ordnung in das
Chaos gebracht zu sehen, welches wir selbst verursacht hatten. Ich hatte vorher eine Reise nach S. gemacht, um einige neue Möbel zu kaufen, da ich die Erlaubnis meiner Verwandten besaß, alle Veränderungen nach meinem Gefallen vorzunehmen, zu welchem Zwecke wir eine Summe festgesetzt hatten. Das Wohnzimmer und die Schlafzimmer ließ ich fast ganz so, wie sie waren, denn ich wußte, daß Diana und Maria mehr
Vergnügen daran finden würden, die alten einfachen Tische, Stühle und Betten wieder zu sehen, als an den stylvollsten Neuerungen. Dennoch war manches Neue nothwendig, um ihnen bei ihrer Heimkehr einige
Ueberraschungen zu bereiten. Dunkle, schöne Teppiche und Vorhänge, einige sorgfältig ausgewählte antike Zieraten in Porzellan und Bronze, Spiegel und

Toilettenkästchen entsprachen diesem Zweck und Alles sah frisch aus, ohne störend zu wirken. Zwei unbenutzte Zimmer möblirte ich ganz neu mit Mahagoni-Möbeln, ich legte Wachstuch in den Gang und Teppiche auf die Treppen. Als Alles vollendet war, erschien mir Moor-House ebenso freundlich, sauber und gemüthlich, als es draußen um diese Jahreszeit winterlich einsam, öde und traurig aussah.
Endlich kam der mit Sehnsucht erwartete Donnerstag. Diana und Maria wurden bei Anbruch der Nacht erwartet und lange vorher schon brannten oben und unten die Kaminfeuer, die Küche war vollkommen
eingerichtet, Hannah und ich angekleidet und Alles in Bereitschaft.
Saint John kam zuerst an. Ich hatte ihn ersucht, das Haus nicht zu betreten, bis Alles in Ordnung sei. Er fand mich in der Küche, wo ich mit dem Backen einiger Kuchen zum Thee beschäftigt war. Indem er sich dem Herde näherte, fragte er, ob ich endlich von dem gemeinen Geschäfte der Mägde genug habe? Ich antwortete, indem ich ihn einlud,
meine Arbeit zu besichtigen. Mit einiger Schwierigkeit bewog ich ihn, einen Gang durch das Haus zu machen. Er blickte nur eben in die Thüren, die ich öffnete, und als er hinauf und wieder herunter gewandert war, sagte er, es müßte mir viel Mühe und Anstrenguung verursacht haben, in so kurzer Zeit so beträchtliche Veränderungen hervorzubringen; doch sprach er keine Silbe, die Wohlgefallen an dem verbesserten Aussehen seiner Wohnung ausgedrückt hätte.
Dieses Schweigen dämpfte meine Freude. Ich glaubte, die Veränderungen hätten vielleicht einige alte ihm liebgewordene Erinnerungen verwischt und fragte etwas entmuthigt, ob dies der Fall sei.
, Durchaus nicht, sagte er, ich habe ihm Gegentheil bemerkt, daß Sie sorgfältig jede Erinnerung geschont haben, ich fürchte freilich, daß Sie auf alle diese Dinge mehr Mühe und Nachdenken verwendet haben, als sie werth sind.

Hierauf zog er sich in seine gewohnte Fenstervertiefung zurück und begann in einem Buche zu lesen.
Dies gefiel mir nicht. Saint John war ein guter Mann, aber ich begann zu fühlen, daß er die Wahrheit gesprochen hatte, als er einst sagte, er sei hart und kalt. Die kleinen Annehmlichkeiten des Lebens hatten nichts Anziehendes für ihn, der friedliche Genuß keinen Reiz. Er lebte im buchstäblichen Sinne nur, um zu streben, freilich nach dem, was gut und groß war, doch er wollte niemals ruhen und billigte nicht, daß Andere in seiner Umgebung ruhten. Als ich seine hohe Stirn ansah, still und bleich wie ein weißer Stein -- seine schönen Züge, starr und gespannt beim Studieren -- da sagte ich mir, daß es eine schwere Aufgabe sein müsse, sein Weib zu sein. Ich begriff die Art seiner Liebe zu Miß Oliver; ich begriff, wie er sich verachten müsse wegen des Einflusses, den sie über ihn gewonnen hatte, wie er wünschen müsse, diese Liebe zu ersticken und zu verbannen, wie er zweifeln müsse, daß sie je zu einem dauernden Glücke führen könne. Ich sah, daß er von dem Material war, woraus die Natur ihre christlichen und heidnischen Helden, ihre Gesetzgeber, Staatsmänner und Eroberer bildet, tüchtige Werkzeuge, schneidige Waffen für große Interessen, aber am häuslichen Kamin nicht an ihrem Platze.
, Das Himalajagebirge, die Kaffernwüste und selbst die von der Pest heimgesuchte sumpfige Küste von Guinea würden besser für ihn passen, dachte ich. , Wohl mag er die Ruhe des häuslichen Lebens meiden; es ist nicht sein Element, hier verkümmern seine Fähigkeiten, sie können sich nicht entwickeln oder sich vortheilhaft zeigen. In Kampf und Gefahr, wo Muth bewiesen und Tapferkeit gezeigt werden kann, da wird er stets in der vordersten Reihe stehen. An diesem Herde jedoch würde ein frohsinniges Kind den Sieg über ihn davontragen. Er hat Recht, die Laufbahn eines Missionärs zu wählen -- ich sehe es jetzt ein.

, Sie kommen, sie kommen! rief Hannah, die Thür des Wohnzimmers aufreißend. In demselben Augenblick bellte der alte Carlo freudig. Ich life hinaus. Es war dunkel, aber man hörte Wagenräder rollen. Hannah hatte schnell eine Laterne angezündet. Der Wagen hielt an der Pforte, der Kutscher öffnete die Thür, zuerst kam die eine wohlbekannte Gestalt heraus und dann die andere. Im nächsten Augenblick hatte ich mein Gesicht unter ihren Hüten, kam erst mit Marias sanfter Wange und dann mit Dianas fliegenden Locken in Berührung. Sie lachten -- küßten mich -- dann Hannah, streichelten Carlo, der halb wild vor Entzücken war. Sie fragten eifrig, ob Alles wohl sei, und als es bejaht wurde, eilten sie in das Haus.
Während der Kutscher und Hannah die Schachteln und Koffer hereinbrachten, fragten sie nach Saint John. In diesem Augenblick kam er aus dem Wohnzimmer. Beide Schwestern umarmten ihn zugleich.
Er gab Jeder ruhig einen Kuß und sprach mit gedämpfter Stimme einige Worte des Willkommens, blieb eine Weile stehen, um sie anzuhören, und sagte dann, er vermuthe, sie würden bald zu ihm in das Wohnzimmer kommen, und zog sich in dieses zurück.
Ich hatte Lichter angezündet, um die Schwestern auf ihr Zimmer zu führen, doch Diana hatte noch einige gastfreundliche Weisungen hinsichtlich des Kutschers zu ertheilen; als dies geschehen war, folgten mir Beide. Sie waren entzückt von der Ausschmückung und Verschönerung ihrer Zimmer und sprachen in rückhaltlosen Worten ihren Beifall aus. Ich hatte die Genugthung, zu fühlen, daß meine Anordnungen vollkommen ihrem Geschmacke zusagten, und das erhöhte die Freude dieses Wiedersehens.
Es war ein wonniger Abend. Meine Cousinen waren voll Heiterkeit und so beredt in ihren Erzählungen, daß dies Saint Johns Schweigsamkeit vergessen machte. Er war aufrichtig erfreut, seine Schwestern wiederzusehen, doch die geräuschvolle, geschwätzige

Freude des Empfanges war ihm zuwider; ich sah es ihm an, daß er den ruhigeren Morgen herbeiwünschte. Während wir noch fröhlich beim Thee saßen, wurde an die Thür geklopft. Hannah trat mit der Meldung
herein, es sei ein armer Junge zu dieser ungelegenen Zeit gekommen, um Herrn Rivers zu seiner Mutter zu holen, die dem Tode nahe sei.
, Wo wohnt sie, Hannah?
, Dort oben in Whitcroß Bow, fast zwei Stunden von hier, und auf dem ganzen Wege nichts als Moor und Moos.
, Sage ihm, ich werde kommen.
, Ich denke, es wäre besser, Sie gingen nicht, Herr, widerrieth ihm Hannah. , Es ist in der Dunkelheit der schlimmste Weg, den man sich nur denken kann, es ist gar keine Bahn über den Sumpf. Und dann ist es eine so bitterlich kalte Nacht -- und der Wind geht so scharf. Es wäre besser, Herr, Sie ließen sagen, Sie wollten morgen kommen.
Aber er hatte schon seinen Mantel angelegt und ging, ohne auf Einwendungen zu achten. Es war neun Uhr und er kehrte erst um Mitternacht zurück. Erfroren und ermüdet genug war er, doch sah er
heiterer aus, als bei seinem Fortgehen. Er hatte eine Pflicht erfüllt, eine Anstrengung überstanden, seine Kraft der Selbstverleugnung erprobt und war zufriedener mit sich selber.
Ich fürchte, daß die ganze folgende Woche seine Geduld auf eine harte Probe stellte. Es war die Weihnachtswoche. Wir brachten sie in heiterer häuslicher Unterhaltung hin. Die Freiheit des jetzigen Lebens, die Morgenröthe des Glücks -- dies Alles wirkte auf Diana und Marie wie ein belebendes Elixir, sie waren heiter vom Morgen bis zum Mittag und vom Mittag bis zur Nacht. Sie fühlten sich jederzeit zur Unterhaltung aufgelegt, die stets witzig, lebhaft und originell war und einen solchen Reiz für mich hatte, daß ich es jeder anderen Beschäftigung vorzog, ihnen zuzuhören. Saint John tadelte unsere

fröhliche Geselligkeit nicht, doch wich er ihr aus. Ohnehin war er nur selten zu Hause, da er täglich die Armen und Kranken seiner sehr großen und zerstreut wohnenden Gemeinde besuchte.
Eines Morgens beim Frühstück fragte ihn Diana, ob seine Pläne noch immer unverändert seien?
, Unverändert und unveränderlich, war die Antwort. Und er erklärte uns dann, daß seine Abreise von England jetzt auf das folgende Jahr fest bestimmt sei.
, Und Rosamunde Oliver? warf Maria hin. Die Frage war ihren Lippen unwillkürlich entschlüpft, denn kaum daß sie die Worte ausgesprochen hatte, machte sie eine Bewegung, als wollte sie das Gesagte zurücknehmen. Saint John hatte ein Buch in der Hand -- es war seine ungesellige Gewohnheit, bei den Mahlzeiten zu lesen -- er machte es zu und blickte auf.
, Rosamunde Oliver, sagte er, ist im Begriff, sich mit Herrn Gramby in S. zu verheiraten; es ist ein sehr schätzbarer Mann mit den besten Verbindungen, der Enkel und Erbe des Sir Frederik Gramby. Ich erhielt die Nachricht gestern von ihrem Vater.
Seine Schwestern sahen einander und dann mich an, wir alle Drei sahen ihn an, er war ruhig und kalt wie ein Stein.
, Die Sache muß sehr schnell zu Stande gekommen sein, meinte Diana, sie können einander noch nicht lange gekannt haben.
, Erst zwei Monate. Sie lernten sich im October auf dem Deputirtenball zu S. kennen. Wo einer Verbindung wie in diesem Falle, keine Bedenken entgegenstehen, da ist eine Verzögerung zwecklos und unnöthig, sie werden sich heiraten, sobald das Herrenhaus, welches Sir Frederik ihnen einräumt, zu ihrer Aufnahme hergestellt sein wird.
Als ich Saint John nach dieser Mittheilung zum ersten Male wieder allein traf, fühlte ich mich geneigt, zu fragen, ob das Ereignis ihm Kummer verursache,

doch er schien so wenig einer Tröstung zu bedürfen, daß ich mich der Frage schämte. Ueberdies war ich außer Gewohnheit gekommen, mit ihm zu reden, er war zurückhaltender gegen mich als je und hatte dadurch meine Offenherzigkeit eingeschüchtert. Sein Versprechen, mich wie seine Schwestern zu behandeln, hatte er nicht gehalten, im Gegentheil: die Dorfschulmeisterin, die er in ihrer Hütte aufgesucht, hatte ihm näher gestanden als die Verwandte, die unter demselben Dache mit ihm wohnte. Wenn ich mich erinnerte, wie weit er mich in sein Vertrauen eingeweiht hatte, da konnte ich seine gegenwärtige Kälte kaum begreifen. Ich hatte daher die Frage, die mir bereits auf der Zunge
schwebte, unterdrückt. Umsomehr fühlte ich mich überrascht, als er seinen Kopf plötzlich von dem Schreibpult erhob, über welches er sich neigte, und sagte:
, Sie sehen, Johanna, die Schlacht ist geschlagen und der Sieg gewonnen.
Fast betroffen über diese Anrede, konnte ich nicht sogleich antworten.
, Aber sind Sie auch gewiß, den Sieg nicht zu theuer erkämpft zu haben? erwiderte ich endlich.
, Würde ein zweiter solcher Sieg Sie nicht zu Grunde richten?
, Ich glaube nicht; und wenn es der Fall wäre, so liegt nicht viel daran; ich werde nie Veranlassung haben, noch einen zweiten solchen Sieg zu erringen. Der Ausgang dieses Kampfes hat entschieden, mein Weg liegt jetzt klar vor mir, ich danke Gott dafür!
Nach diesen Worten wandte er sich wieder seinen Papieren zu und versank in Schweigen.
Mein und meiner Cousinen wechselseitiges Glück nahm einen ruhigeren Charakter an, wir begannen wieder unsere gewöhnlichen Beschäftigungen und regelmäßigen Studien. Saint John blieb mehr zu Hause und saß zuweilen Stunden lang bei uns im Zimmer. Während Maria zeichnete und Diana ihre encyklopädischen Studien trieb, die sie zu meinem Schrecken

und meiner Bewunderung unternommen, und ich mich mit der deutschen Sprache abquälte, beschäftigte er sich mit dem Erlernen einer orientalischen Sprache, deren Kenntnis er für seine Pläne nothwendig hielt. Während er, so in seinem Winkel sitzend, in sein Studium vertieft schien, erhob er oft plötzlich sein Auge von der Grammatik, um es mit auffallend scharf beobachtenden Blick auf uns zu richten und es sogleich wieder wegzuwenden, wenn man ihn dabei überraschte. Ich fragte mich vergebens, was das zu bedeuten habe, doch hatte ich auch noch anderen Anlaß, mich zu wundern. Sobald ich der Schule zu Morton meinen
wöchentlichen Besuch machte, zeigte er eine ganz besondere Zufriedenheit; das wäre nun nichts Auffallendes gewesen, aber selbst beim schlimmsten Unwetter, mochte es schneien, regnen oder stürmen, sah er diese Besuche gern, und wenn mir in solchen Fällen Diana und Maria von dem Gange abriethen, so redete er mir nur um so mehr zu, ohne die Einwendungen seiner Schwestern, die um meine Gesundheit besorgt waren, gelten zu lassen.
, Johanna ist nicht der Schwächling, zu dem ihr sie machen wollt, pflegte er zu sagen, ihre Constitution ist zugleich gesund und elastisch und besser darauf eingerichtet, den Wechsel des Klimas zu ertragen, als manche robustere Natur.
Und wenn ich zuweilen sehr ermüdet und vom Wetter angegriffen zurückkehrte, wagte ich nicht zu klagen, denn er fand Gefallen an meiner Standhaftigkeit, und das leiseste Murren, das ich hätte vernehmen lassen, würde ihn verstimmt haben.
Eines Nachmittags aber erhielt ich die Erlaubnis zu Hause zu bleiben, weil ich mir wirklich eine Erkältung zugezogen hatte. Seine Schwestern waren anstatt meiner nach Morton gegangen, ich saß da und las im Schiller, während er die verzwickte Schnörkelschrift in seiner morgenländischen Grammatik entzifferte. Als ich zufällig nach ihm hin sah, bemerke ich, daß sein stets wachsames blaues Auge auf mich gerichtet

war. Wie lange er mich beobachtet hatte, kann ich nicht sagen, doch der Blick war so scharf und doch so kalt, daß ich im ersten Augenblick ein Gefühl von Furcht empfand.
, Johanna, was thun Sie?
, Ich lerne Deutsch.
, Ich wünschte, Sie gäben das Deutsch auf und lernten Hindostanisch.
, Reden Sie im Ernst?
, So sehr im Ernst, daß es geschehen muß; und ich will Ihnen sagen, warum.
Dann erklärte er mir, daß das Hindostanische die Sprache sei, die er gegenwärtig studire; daß er beim weiteren Fortschreiten leicht die Anfangsgründe vergessen werde und es ihm daher sehr vortheilhaft sein
müsse, eine Schülerin zu haben, mit welcher er die Elemente wiederholen und sie dadurch seinem Gedächtnisse fester einprägen könne. Seine Wahl habe eine Zeitlang zwischen mir und seinen Schwestern geschwankt; doch habe er sich für mich entschieden, weil er gesehen, das ich am längsten von den Dreien bei einer Aufgabe ausdauern könne. Wenn ich ihm die Gefälligkeit erweisen wolle, so würde ich dieses Opfer nicht lange zu bringen haben, da er in drei Monaten abzureisen gedenke.
Saint John war kein Mann, dem man leicht etwas abschlagen konnte, man fühlte, daß jeder angenehme oder unangenehme Eindruck, den er empfing, tief und dauernd war. Ich willigte ein. Ich fand in ihm einen sehr geduldigen und doch viel fordernden Lehrer, und wenn ich seine Erwartungen erfüllte, bezeugte er auf seine eigene Weise seine Zufriedenheit.
Nach und nach erlangte er einen gewissen Einfluß auf mich, der mich der Freiheit meines Geistes beraubte, sein Lob und sein Tadel übten eine große Macht über mich. Ich konnte nicht mehr frei reden oder lachen, wenn er dabei war, weil ihm die Lebhaftigkeit, wenigstens an mir, zuwider war, und ich gerieth in den Bann eines lähmenden Zaubers. Aber

ich liebte diese Knechtschaft nicht, sondern ich wünschte oft, er hätte mich vernachlässigt, wie vorher.
Eines Abends, als seine Schwestern und ich ihm gute Nacht sagen wollten, küßte er Beide, und reichte mir die Hand, wie es seine Gewohnheit war. Diana die sich gerade, in sehr aufgeräumter Stimmung befand und kein Blatt vor den Mund zu nehmen pflegte, rief plötzlich aus:
, Saint John, du pflegst Johanna deine dritte Schwester zu nennen, du behandelst sie aber nicht als solche; du solltest sie auch küssen.
Sie schob mich zu ihm hin. Das war, nach meiner Meinung, sehr unüberlegt von Diana, und meine Verwirrung war nicht gering. Doch Saint John neigte sein Haupt, brachte sein Gesicht mit dem meinigen in eine Linie, sah mir mit durchdringend fragendem Blick in die Augen und küßte mich. Es gibt wohl keine Marmorküsse oder Eisküsse, sonst
würde ich behaupten, daß der Kuß meines geistlichen Vetters in eine dieser Klassen gehöre; aber es kann Experimentalküsse geben, und der seinige war ein solcher. Als er ihn gegeben, sah er mich an, um die Wirkung zu beobachten; ich bin gewiß, daß ich nicht erröthete; vielleicht wurde ich ein wenig blaß, denn es war mir, als sei dieser Kuß ein meinen Fesseln aufgedrücktes Siegel. Er unterließ später die Ceremonie niemals, und der Ernst und die Ruhe, womit ich mich derselben unterzog, schien ihm einen gewissen Reiz zu gewähren.
Ich meines Theils wünschte ihm täglich mehr zu gefallen; aber um dies zu erreichen, hätte ich die Hälfte meiner Natur verleugnen, die Hälfte meiner Fähigkeiten unterdrücken, meinen Geschmack von seiner ursprünglichen Richtung ablenken und mich zwingen müssen, etwas zu treiben, wozu ich keinen natürlichen Beruf hatte.
Doch nicht sein Uebergewicht allein hielt mich für den Augenblick in Fessel. In der letzten Zeit war es mir leicht genug geworden, traurig auszusehen; ein zehrendes Nebel nagte an meinem Herzen und erstickte die Freude an dem mich betroffenen Glücksfalle -- das Nebel der Ungewißheit, des Zweifels.
Vielleicht wird der Leser denken, ich habe über den günstigen Wechselfällen meines Lebens Herrn Rochester vergessen. Keinen Augenblick! Das Andenken an ihn war mir stets gegenwärtig, denn es war kein Nebel, welchen heller Sonnenschein verjagen konnte, kein Bild, das in den Sand gezeichnet und von Sturmeswogen ausgelöscht werden konnte, sondern es war ein Name, in eine Tafel gegraben, der so lange dauern sollte, als der Marmor, auf den er geschrieben war. Das Verlangen, zu wissen, was aus Herrn Rochester geworden sei, verfolgte mich überall.
Im Verlaufe meiner nothwendigen Correspondenz mit Herrn Briggs wegen des Testamentes hatte ich gefragt, ob er nicht etwas von Herrn Rochester's gegenwärtigem Aufenthalt und Gesundheitszustand wisse; doch, wie Saint John vermuthet hatte, war Briggs mit Rochester's Angelegenheiten völlig unbekannt. Ich schrieb dann an Mistreß Fairfax und bat sie um Auskunft. Ich hielt mich überzeugt, daß ich eine baldige Antwort erhalten müsse, umso mehr war ich erstaunt, als vierzehn Tage ohne Antwort vergingen; als aber gar zwei Monate vorüber waren und die Post nichts für mich brachte, erfaßte mich tödtliche Angst.
Ich schrieb noch einmal, denn mein erster Brief konnte verloren gegangen sein. Aufs Neue begann ich zu hoffen, doch es sollte abermals vergeblich sein -- keine Zeile, kein Wort gelangte an mich. Als ein halbes Jahr in vergeblicher Erwartung vergangen war, erstarb endlich meine Hoffnung, und dann war in der That Alles dunkel um mich her.
Ein schöner Frühling erblühte, ich konnte mich seiner nicht erfreuen. Der Sommer näherte sich; Diana suchte mich zu erheitern; sie behauptete, ich sehe leidend aus, und wünschte mich an die Seeküste zu begleiten. Dem widersetzte sich Saint John, er

sagte, ich bedürfe nicht der Zerstreuung, sondern der Beschäftigung, mein gegenwärtiges Leben sei zu zwecklos, ich müsse mein Streben auf höhere Ziele richten. Vielleicht um diesen Mangel zu ersetzen, verdoppelte er meine Lectionen der hindostanischen Sprache und
drang darauf, daß ich mir die vollständige Kenntnis derselben aneigne. Ich war thöricht genug, mich ihm zu fügen -- ich konnte ihm nicht widerstehen.
Eines Tages saß ich trostloser als je bei meinen Studien; meine Stimmung war durch eine lebhaft empfundene getäuschte Hoffnung veranlaßt worden; Hannah hatte mir am Morgen gesagt, es wäre ein
Brief an mich gekommen, und als ich hinunterging, um ihn in Empfang zu nehmen, in der Ueberzeugung, daß endlich die lange erwartete Nachricht eingetroffen sei, fand ich nur einen unbedeutenden Geschäftsbrief von Herrn Briggs. Die bittere Täuschung hatte mir Thränen entlockt, und jetzt, als ich mich mit den verzwickten Schriftzügen eines indischen Schriftstellers beschäftigte, füllten sich meine Augen von Neuem mit Thränen.
Saint John rief mich an seine Seite, um zu lesen; indem ich dies zu thun versuchte, versuchte mir die Stimme und Schluchzen erstickte meine Worte. Ich war mit ihm allein; Diana musicirte im Gesellschaftszimmer, Maria war im Garten beschäftigt, denn es war ein sehr schöner Maitag. Mein Lehrer befragte mich nicht über die Ursache meiner Thränen, sondern sagte nur:
, Wir wollen noch einige Minuten warten, Johanna, bis Sie sich wieder gefaßt haben.
Während ich meine Erregung hastig zu unterdrücken suchte, saß er ruhig und geduldig da, lehnte sich über sein Pult und glich einem Arzte, der mit dem Auge der Wissenschaft eine erwartete und ihm wohlverständliche Krisis in der Krankheit eines Patienten beobachtet. Ich trocknete meine Augen und flüsterte, ich sei nicht ganz wohl diesen Morgen. Saint John legte die Bücher weg, schloß sein Pult und sagte:

, Jetzt, Johanna, sollen Sie mit mir einen Spaziergang machen.
, Ich werde Diana und Maria rufen.
, Nein, ich bedarf diesen Morgen nur einer einzigen Begleiterin und die sollen Sie sein. Legen Sie Hut und Halstuch an, gehen Sie zur Hinterthür
hinaus und schlagen Sie den Weg nach Marsh-Glen ein; ich werde Sie sehr bald einholen.
Ich habe in meinem Leben nie einen Mittelweg gekannt zwischen unbedingter Unterwerfung und entschlossenem Widerstande, wenn ich mit festen und unbeugsamen Charakteren zu thun hatte, die dem meinigen widerstrebten. Ich habe stets getreulich den einen Weg verfolgt, bis ich plötzlich, oft mit elementarer Gewalt, mich auf den anderen stürzte, und da ich in meiner gegenwärtigen Stimmung nicht zu einer Empörung geneigt war, so gehorchte ich ohne Weiteres Saint Johns Anordnungen, und zehn Minuten später ging ich neben ihm auf dem wilden Fußpfade durch die Schlucht. Der sanfte Wind führte den lieblichen Duft des Haidekrautes mit sich. Der Himmel war blau und fleckenlos; der Bach, der von den Bergen kam, nahm an einigen Stellen einen goldenen Glanz von der Sonne und eine tiefblaue Färbung von dem Firmamente an. Als wir weiter gingen und den Weg verließen, betraten wir einen lebhaft grünen Rasen, der mit kleinen weißen Blumen übersäet war. Jetzt waren wir ganz von Hügeln eingeschlossen, denn an ihrem oberen Ende zog sich die Schlucht bis an ihre Gipfel hinauf.
, Lassen Sie uns hier ausruhen, sagte Saint John, als wir die ersten einzelnen Felsen erreichten, welche eine Art von Engpaß bildeten, in dessen Hintergrunde ein Wasserfall niederrauschte; ein wenig weiterhin trug der Berg nur Haidekraut und hatte ein wildes und düsteres Ansehen.
Ich setzte mich nieder. Saint John stand neben mir. Er blickte den Engpaß hinauf und die Schlucht hinunter, nahm seinen Hut ab und ließ den Wind in seinen Haaren spielen. Er schien Gemeinschaft mit dem Geiste dieses einsamen Schlupfwinkels zu haben, sein Auge sagte irgend einem Gegenstand Lebewohl.
, Ich werde diesen Ort in Träumen wiedersehen, wenn ich am Ganges schlummere, sagte er laut.
Er setzte sich nieder und sprach eine halbe Stunde lang nicht, auch ich schwieg. Endlich begann er wieder:
, Johanna, ich reise in sechs Wochen ab; ich habe einen Platz in einem Ostindienfahrer genommen, der am zwanzigsten Juni absegelt.
, Gott wird Sie beschützen, denn Sie arbeiten für ihn, antwortete ich.
, Ja, sagte er, darin liegt mein Ruhm und meine Freude. Ich bin der Diener eines unfehlbaren Herrn. Ich ziehe nicht aus unter menschlicher Leitung, den mangelhaften Gesetzen und dem irrenden Urtheile schwacher Menschen unterworfen; mein König, mein Gesetzgeber, mein Führer ist der Allgewaltige, der Vollkommene. Es scheint mit seltsam, daß nicht Alles um mich her die glühende Sehnsucht hegt, sich demselben Unternehmen anzuschließen.
, Nicht alle besitzen Ihre Kraft, und es würde Thorheit sein, wenn die Schwachen mit den Starken wetteifern wollten.
, Ich spreche nicht von den Schwachen; ich wende mich nur an solche, die des Werkes würdig find und fähig, es zu erfüllen.
, Deren Anzahl ist klein und sie sind schwer zu entdecken.
, Sie reden die Wahrheit, aber sie gefunden sind, ist es Pflicht ihnen zu zeigen, welches ihre Gaben sind und wozu sie diese erhalten haben -- ihnen die Botschaft des Himmels ins Ohr zu rufen -- ihnen geradezu im Namen Gottes einen Platz in den Reihen seiner Auserwählten anzubieten.
, Wer wirklich zu einer solchen Aufgabe befähigt ist, der müßte es, meine ich, zuerst durch das eigene Herz erfahren, gab ich zur Antwort.

Es war mir, als ob ein ehrfurchtgebietender Zauber sich auf mich niedersenkte, ich zitterte, ein Schicksalswort auszusprechen zu hören, welches zugleich den Zauber erklären und brechen könnte.
, Und was sagt Ihr Herz? fragte Saint John.
, Mein Herz ist stumm, antwortete ich betroffen.
, Dann muß ich für dasselbe reden, fuhr die tiefe, unerbittliche Stimme fort. , Johanna, gehen Sie als Gehilfin und Mitarbeiterin mit mir nach Indien.
Die Schlucht und der Himmel drehten sich um mich, die Hügel hoben und senkten sich! Es war mir, als hätte ich einen Ruf vom Himmel vernommen -- als hätte ein Abgesandter des Herrn gesprochen: Komm und hilf uns! -- Aber ich war kein Apostel -- ich konnte den Herold nicht sehen- seinem Ruf nicht folgen.
, O! Saint John, rief ich, haben Sie Mitleid!
Ich flehte zu einem Menschen, der in der Ausübung dessen, was er für seine Pflicht hielt, weder Mitleid noch Reue kannte.
, Gott und die Natur bestimmten Sie zu dem Weibe eines Missionärs, fuhr er fort. , Nicht persönlich, sondern geistige Gaben haben Sie Ihnen verliehen, Sie sind zur Arbeit, nicht zur Liebe geschaffen. Das Weib eines Millionärs müssen und sollen Sie werden. Sie sollen die meinigen werden. Ich fordere es nicht zu meinem Vergnügen, sondern zum Dienste meines Herrn.
, Ich bin nicht tauglich dazu, ich habe keinen Beruf, sagte ich.
Er war auf diese ersten Einwendungen vorbereitet und wurde nicht aufgebracht darüber. Als er sich an den hinter ihm stehenden Felsen lehnte, die Arme über die Brust kreuzte und mich fest ansah, da erkannte ich, daß er auf einen langen und kräftigen Widerstand gefaßt sei und sich mit einem Vorrath von Geduld ausgerüstet habe, durch welche zu fliegen er fest entschlossen sei.
, Demuth, Johanna, ist die Grundlage der cristlichen Tugenden, sagte er, Sie bekennen mit Recht, daß Sie zu dieser Arbeit nicht tauglich sind. Wer ist dazu tauglich? oder wer, der, je wahrhaft berufen war, hielt sich des Rufes würdig? Ich, zum Beispiel, bin nur Staub und Asche. Mit dem Apostel Paulus erkläre ich mich für den größten der Sünder; doch ich lasse mich durch dieses Bewußtsein meiner persönlichen Unwürdigkeit nicht abschrecken. Ich kenne meinen Führer und weiß, daß er mächtig ist; und wenn er ein schwaches Werkzeug gewählt hat, um die große
Aufgabe zu vollführen, so wird er es aus seinem unerschöpflichen Schatze mit den Mitteln zur Erreichung seines Zweckes versehen. Denken Sie, wie ich, Johanna -- vertrauen Sie, wie ich.
, Ich bin mit dem Leben und den Aufgaben eines Missionärs zu wenig bekannt.
, Diesem Mangel vermag ich abzuhelfen, ich kann Ihnen Ihre Aufgabe von Stunde zu Stunde vorschreiben, Ihnen beständig beistehen, Ihnen von einem Augenblicke zum anderen weiterhelfen. Dies würde überdies ja nur im Anfange nothwendig sein, denn ich kenne Ihre Kraft und weiß, daß Sie bald ebenso stark und geschickt sein werden, wie ich, und dann keiner Hilfe mehr bedürfen.
, Aber ich fühle diese Kraft nicht. Nichts spricht oder regt sich in mir, als die Furcht, mich von Ihnen zu einem Unternehmen überreden zu lassen, dem ich nicht gewachsen bin.
, Ich habe eine Antwort hierauf -- hören Sie. Ich habe Sie seit zehn Monaten beobachtet. Ich habe Sie während dieser Zeit auf verschiedene Proben gestellt, und was habe ich gesehen und erfahren? In der Dorfschule fand ich, daß Sie gut, pünktlich und redlich eine Arbeit zu verrichten im Stande waren, die Ihren Gewohnheiten und Neigungen unangemessen schien. Die Ruhe, womit Sie die Nachricht aufnahmen,
daß Sie plötzlich reich geworden, zeigte mir einen Geist, frei von dem Laster der Habsucht -- die Freude

am Besitz hatte keine überwältigende Macht über Sie. An der entschlossenen Bereitwilligkeit, womit Sie Ihren Reichthum in vier Theile theilten und nur einen Theil für sich behielten, erkannte ich eine Seele, in welcher die Flamme der Dankbarkeit und des Opfermuthes loderte. Die Nachgiebigkeit, mit der Sie auf meinen Wunsch ein Studium aufgaben, wofür Sie sich interessirten, und ein anderes ergriffen, welches nur mich interessirte -- die unermüdliche Beharrlichkeit, womit Sie dasselbe seitdem fortgesetzt -- der unerschütterliche Muth, womit Sie allen Schwierigkeiten begegneten -- zeigten mir an Ihnen alle die Eigenschaften, die ich suche. Johanna, Sie sind gelehrig, fleißig, selbstlos, treu, beständig und muthig; sehr sanft und sehr heroisch. Hören Sie auf, sich selber zu mißtrauen -- ich vertraue Ihnen ohne jeden Rückhalt. Als Leiterin indischer Schulen und
Helferin unter indischen Weibern, werden Sie mir ein unschätzbarer Beistand sein.
Langsam und sicher umspann mich die Kraft seiner Ueberredung. Ich mochte meine Augen schließen, wie ich wollte, meine Aufgabe, die mir so unbestimmt, so hoffnungslos und verwirrt vorkam, nahm unter seiner bildenden Hand eine bestimmte Form an. Er wartete auf eine Antwort. Ich forderte eine Viertelstunde Zeit zum Nachdenken, ehe ich zu antworten wagte.
, Sehr gern, versetzte er, stand auf, ging eine Strecke den Engpaß hinauf, warf sich auf das Haidekraut nieder und lag dort still.
Ich kann thun, was er von mir verlangt, daß muß ich zugeben und anerkennen, dachte ich. Die Sache liegt sehr klar vor mir. Wenn ich England verlasse, verlasse ich ein geliebtes, aber für mich ödes Land. Herr Rochester ist nicht hier, und wenn er hier wäre, was könnte es mir nützen? Meine Aufgabe ist es, ohne ihn zu leben. Nichts ist so thöricht
und schwach, als sich von einem Tage zum anderen mit der stillen Hoffnung fortzuschleppen, daß eine Veränderung der Umstände eintreten würde, die mich mit ihm vereinen könnte. Natürlich muß ich, wie Saint John einst sagte, ein anderes Interesse im Leben suchen, um das verlorene zu ersetzen. Ist nicht der Beruf, den er mir jetzt anbietet, in Wahrheit der herrlichste, den der Mensch nur übernehmen oder den ihm Gott anweisen kann? Ist nicht nur solcher Beruf mit seinen selbstlosen Sorgen und Mühen und seinem erhabenen Ziele am Besten geeignet, die Leere auszufüllen, die vernichtete Hoffnungen und todte Liebe zurückgelassen haben? Ich glaube, ich kann nur mit Ja! antworten -- und doch schreckt mich etwas davon zurück: er will, daß ich sein Weib werden soll und kennt doch das Gefühl der Gattenliebe ebenso wenig, wie jener düstere, riesige Felsen, über welchen der Bach sich schäumend in jene Schlucht hinunter ergießt. Er schätzt mich, wie ein Soldat eine gute Waffe schätzt, und das ist Alles. Ohne eine Heirat mit ihm würde mich dies Alles nicht kümmern; aber kann ich denn von ihm den Brautring empfangen, kann ich das Bewußtsein ertragen, daß jede Liebkosung zu der er sich herabläßt, ein auf Förmlichkeit beruhendes Opfer ist? Nein, ein solches Märtyrerthum wäre entsetzlich. Ich will mich demselben nimmermehr fügen. Als seine Schwester könnte ich
ihn begleiten -- nicht als sein Weib, das will ich ihm sagen.
Ich blickte nach der Erhöhung hin, dort lag er so still, wie eine umgeworfene Säule; sein Gesicht wendete sich zu mir. Er sprang auf und näherte sich mir.
, Ich bin bereit, nach Indien zu gehen, wenn ich frei dorthin gehen kann.
, Ihre Antwort macht eine Erklärung nöthig, sagte er, sie ist nicht klar.
, Wir sind uns bisher Bruder und Schwester gewesen -- lassen Sie uns das bleiben, es wird besser sein, wenn wir uns nicht mit einander verheiraten.
Er schüttelte den Kopf.

, Wenn Sie meine wirkliche Schwester wären, da würde die Sache anders sein, ich würde Sie mitnehmen und kein Weib suchen. Aber wie die Sache steht, muß unser Zusammenwirken entweder geheiligt und durch die Ehe besiegelt werden, oder es ist unmöglich; unübersteigliche Hindernisse stellen sich jedem anderen Plane in den Weg. Jenes Land ist zu locker, ich bedarf eines Weibes; sie ist die einzige Gehilfin, auf die ich im Leben wirksam Einfluß üben kann und die mir bis zum Tode sicher ist.
, Suchen Sie eine Andere als mich, Saint John, suchen Sie eine, die für Sie paßt.
, Die zu meinem Zwecke, zu meinem Berufe paßt, wollen Sie sagen. Ich wiederhole Ihnen, daß ich nicht als Mann mit selbstsüchtigen Sinnen und Wünschen eine Gefährtin suche -- nein, ich suche sie als Missionär.
, Und ich will der Mission meine Kräfte widmen -- das ist Alles, was Gott fordert -- nicht mich selbst, das hieße ja doch nun, die Hülse und Schale zu dem Kern hinzufügen. Deren bedarf es nicht.
, Glauben Sie, Gott werde mit einem halben Opfer zufrieden sein? Es ist die Sache Gottes, die ich vertrete, ich kann in seinem Namen keine halbe
Verpflichtung annehmen, sie muß vollständig sein.
, O! ich will mein Herz Gott weihen, sagte ich, Sie bedürfen meines Herzens nicht.
Ich will nicht leugnen, daß ein wenig unterdrückter Sarkasmus in dem Tone lag, womit ich diesen Satz aussprach, sowie auch in dem Gefühl,
das ihn begleitete. Ich hatte Saint John bis jetzt im Stillen gefürchtet, weil ich ihn nicht verstand und weil er mich in Zweifel gehalten hatte, wie viel heilig und wie viel irdisch an ihm war. Aber diese Conferenz führte zur Offenbarung, die Analyse seines Wesens vollzog sich vor meinen Augen. Ich sah und begriff seine Schwächen. Ich erkannte, daß ich zu den Füßen eines Mannes saß, der irrte, wie ich.
Der Schleier fiel von seiner Härte und seinem Despotismus; ich erkannte seine Unvollkommenheit und faßte Muth. Ich hatte ein Wesen meines Gleichen vor mir, mit dem ich streiten, dem ich mich widersetzen konnte, wenn ich es für gut hielt.
Er schwieg auf meine letzten Worte. Sein auf mich gerichtetes Auge drückte zugleich lebhafte Ueberraschung und scharfe Neugierde aus.
, Ist sie sarkastisch -- und sarkastisch mir gegenüber? schien er bei sich selber zu sagen. ,Was hat dies zu bedeuten?
, Lassen Sie uns nicht vergessen, daß dies eine ernste Sache ist, begann er wieder, ich hoffe, Johanna, es ist Ihr Ernst, wenn Sie sagen, Sie wollen Ihr Herz Gott weihen. Das ist Alles, was ich verlange. Reißen Sie Ihr Herz von den Menschen los und weihen Sie es ihrem Schöpfer, dann wird die Ausbreitung des Gottesreichs auf Erden Ihre höchste Wonne sein, Sie werden zu jeder Stunde bereit sein, Alles zu thun, was diesen Zweck befördert, Sie werden sehen, welche mächtige Triebkraft Ihre und meine Bemühungen durch unsere physische und geistige Vereinigung in der Ehe erhalten, diese einzige Vereinigung, die dem Schicksale und den Bestrebungen menschlicher Wesen dauernde Uebereinstimmung verleiht.
Ich sah seine Züge an, die schön in ihrer Harmonie, aber furchteinflößend in ihrer stillen Strenge waren, ich betrachtete seine gebieterische, aber nicht offene Stirn, blickte in sein glänzendes, helles, tiefes und forschendes, aber nicht sanftes Auge, maß seine hohe und gebieterische Gestalt, und dachte mich als sein Weib. O! es konnte nimmer geschehen. Als seine Gehilfin, seine Begleiterin wollte ich mit ihm Meere überfahren, unter der glühenden Sonne in den asiatischen Wüsten mit ihm in seinem Berufe arbeiten, seinen Muth bewundern und nachahmen, mich ruhig an seine Herrschaft gewöhnen, den Christen von dem Menschen scheiden lernen, den Einen hochachten und dem Anderen aus freiem Antriebe vergeben. Es blieben dann immer noch Falten in meinem Herzen

übrig, die nur mir gehörten, in die er niemals drang, und wo unvergängliche Gefühle bewahrt wurden, die seine Strenge nimmer vernichten konnte. Aber als sein Weib -- stets an seiner Seite, stets unterdrückt und in meinem Willen beschränkt, gezwungen, das Feuer meiner Natur sich in meinem Innern sich selbst verzehren zu lassen, wenn die eingekerkerte Flamme auch ein Lebensorgan nach dem anderen verschlang -- dies mußte ganz unerträglich sein.
, Saint John! rief ich, als ich soweit in meiner Betrachtung gekommen war.
, Nun? antwortete er eisigkalt.
, Ich wiederhole es, ich willige aus freien Stücken ein, als Ihre Hilfsmissionärin mit Ihnen zu gehen, doch nicht als Ihr Weib, ich kann Sie nicht heiraten und kann nicht ein Theil von Ihnen werden.
, Ein Theil von mir müssen Sie werden, antwortete er fest, sonst ist der ganze Handel nichtig. Wie kann ich als Mann von dreißig Jahren ein
Mädchen von neunzehn mit mir nach Indien nehmen, wenn sie nicht mit mir verheiratet ist? Wie können wir unverheiratet immer beisammen sein -- zuweilen in der Einsamkeit, zuweilen unter wilden Völkern?
, Ebenso gut, sagte ich kurz, als wenn ich wirklich Ihre Schwester oder als wenn ich ein Mann und ein Geistlicher wäre, wie Sie.
, Ich kann Sie nicht als meine Schwester hinführen; denn wollte ich es versuchen, so würde ein unwürdiger Verdacht auf uns Beide fallen. Johanna, Sie würden es nicht bereuen, mich zu heiraten, davon können Sie sich überzeugt halten. Wir müssen verheiratet sein, ich wiederhole es, es gibt kein anderes Mittel, und ohne Zweifel würde nach der Heirat soviel Liebe entstehen, um die Verbindung in Ihren Augen erträglich zu machen.
, Ich verachte Ihren Begriff von Liebe, konnte ich nicht umhin zu sagen, indem ich aufstand, mich vor ihn hinstellte und meinen Rücken an den Felsen lehnte. , Ich verachte dies unechte Gefühl, welches

Sie mir anbieten; ja, Saint John, und ich verachte Sie, weil Sie es mir anbieten.
Er sah mich fest an und preßte seine schön geformten Lippen zusammen. Ob er erbittert oder überrascht sein mochte, oder was sonst in ihm vorgehen mochte, wäre schwer zu sagen gewesen, denn er hatte
seine Mienen vollständig in der Gewalt.
, Ich erwartete kaum, diesen Vorwurf von Ihnen zu hören, sagte er, ich denke, ich habe nichts gethan oder gesagt, wofür ich Verachtung verdiente.
Ich war gerührt durch seinen milden Ton und empfand Ehrfurcht vor seiner erhabenen und ruhigen Miene.
, Verzeihen Sie mir die Worte, Saint John; aber Sie haben einen Gegenstand berührt, über welchen unsere Naturen nicht in Uebereinstimmung sind -- einen Gegenstand, den wir nie verhandeln sollten, schon der Name der Liebe wird zum Zankapfel zwischen uns. Mein lieber Vetter, geben Sie Ihren Heiratsplan auf -- vergessen Sie ihn.
, Nein, sagte er, es ist ein langgehegter Plan und der einzige, der mir mein großes Ziel sichern kann, aber ich will für jetzt nicht weiter in Sie dringen. Morgen gehe ich nach Cambridge, ich habe dort viele Freunde, denen ich Lebewohl sagen möchte. Ich werde vierzehn Tage abwesend sein. -- Benutzen Sie diese Zeit, um mein Anerbieten zu überlegen, und vergessen Sie nicht, daß Sie, wenn Sie es ausschlagen, nicht mir etwas verweigern, sondern Gott. Er bedient sich meiner als Mittel, Ihnen eine erhabene Laufbahn zu eröffnen, und nur als mein Weib können Sie dieselbe betreten. Weigern Sie sich, mein Weib zu werden, so beschränken Sie sich auf immer auf ein Leben selbstsüchtiger und unfruchtbarer Ruhe. Zittern Sie, daß Sie in diesem Falle unter diejenigen gezählt werden, die den Glauben verleugnet haben und schlimmer sind,
als die Ungläubigen!
Er wendete sich von mir ab und überblickte noch einmal Bach und Hügel. Als ich an seiner Seite

heimwärts ging, las ich deutlich in seinem eisernem Schweigen Alles, was er fühlte: die Enttäuschung einer strengen und despotischen Natur, die Widerstand gefunden, wo sie Unterwerfung erwartete -- die Mißbilligung einer kalten, unbeugsamen Vernunft, die in einem Andern Gefühle und Ansichten entdeckt hat, womit sie nicht übereinzustimmen vermag. Als Mann hätte er gewünscht, mich zum Gehorsam zwingen zu
können, nur als Christ ertrug er geduldig meinen Widerstand und gab mir eine so lange Frist zum Nachdenken und zur Reue.
Als er an jenem Abend seine Schwester geküßt hatte, hielt er es für gut, zu vergessen, mir auch nur die Hand zu drücken, und verließ schweigend das Zimmer. Ich wurde durch diese absichtliche Uebergehung verletzt, so daß mir Thränen in die Augen traten.
, Ich sehe, du und Saint John habt miteinander gezankt, Johanna, während Ihr auf dem Moor spazieren gingt, sagte Diana. , Aber geh ihm nach; er verweilt jetzt im Gange und erwartet dich -- er will es wieder gut machen.
Ich besitze nicht viel Stolz unter solchen Umständen; ich bin immer lieber heiter als würdevoll, und ich lief ihm nach und traf ihn am Fuße der Treppe.
, Gute Nacht, Saint John, sagte ich.
, Gute Nacht, Johanna, versetzte er ruhig.
, So reichen Sie mir die Hand, fügte ich hinzu.
Welchen kalten, kaum fühlbaren Dank gab er meinen Fingern! Er war tief verletzt durch das, was an diesem Tage geschehen war. Herzlichkeit konnte ihn nicht erwärmen, Thränen ihn nicht rühren. Keine Versöhnung war von ihm zu erlangen -- kein Lächeln, kein freundliches Wort, aber der Christ in ihm war noch immer geduldig, und als ich ihn fragte, ob er
mir verzeihen wolle, da antwortete er, es sei nicht seine Gewohnheit, die Erinnerung an eine Kränkung zu bewahren; er habe mir nichts zu verzeihen, da ich ihn nicht beleidigt hätte.

Und mit dieser Antwort verließ er mich. Es wäre mir lieber gewesen, er hätte mich zu Boden geschlagen.

Sechsunddreißigstes Capitel.

Saint John reiste am nächsten Tage nicht nach Cambridge ab, wie er gesagt. Er verschob seine Abreise noch um eine ganze Woche, und während dieser Zeit mußte ich die schwere Strafe fühlen, die ein guter, aber strenger, ein gewissenhafter, aber unerbittlicher Mann einer Person auferlegen kann, die ihn beleidigt hat. Ohne eine Handlung offener Feindseligkeit, ohne ein tadelndes Wort gelang es ihm, mir fortwährend gegenwärtig zu halten, daß ich seine Gunst vollständig verloren habe.
Nicht daß Saint John den Groll unchristlicher Rachsucht gezeigt hätte -- er hatte mir verziehen, daß ich gesagt, ich verachte ihn und seine Liebe; aber er hatte diese Worte nicht vergessen und konnte sie auch nicht vergessen, so lange wir Beide lebten. Ich sah es seinem Blicke an, wenn er auf mich gerichtet war, daß diese Worte immer in der Luft zwischen mir und ihm geschrieben standen. Ihr Echo klang aus jeder Antwort, die er mir gab.
Er vermied es nicht, mit mir zu sprechen, er rief mich sogar, wie gewöhnlich, jeden Morgen an sein Pult, aber ich fürchte, er fand Vergnügen an seiner Geschicklichkeit, äußerlich mit mir auf dem
früheren Fuße zu verkehren und doch jede innere Theilnahme für meine Person zu verbannen.
Das war eine lange und raffinirte Folterqual für mich. Ein langsames Feuer der Empörung, ein immerwährend zitternder Kummer, der mich quälte und beugte, ward dadurch unterhalten. Ich fühlte, wie dieser gute Mann, so rein, wie die klarste Quelle, mich, wenn ich seine Frau wäre, binnen Kurzem tödten würde, ohne einen Blutstropfen aus meinen

Adern zu vergießen und ohne den leisesten Hauch eines Verbrechens auf sein krystallreines Gewissen zu laden. Besonders fühlte ich dies, wenn ich ihn zu versöhnen suchte. Keine Reue begegnete meiner Reue. Die Entfremdung verursachte ihm kein Leiden, kein Verlangen nach Aussöhnung, und obgleich mehr als einmal meine Thränen anhaltend auf das Buch fielen, über welches wir uns Beide neigten, so brachten sie doch nicht mehr Wirkung hervor, als wenn sein Herz von Stein oder Metall gewesen wäre. Gegen seine Schwestern war er freundlicher als gewöhnlich. Gerade als fürchte er, daß bloße Kälte mich noch nicht hinlänglich überzeugen könnte, wie vollständig ich in Ungnade gefallen sei, wollte er durch sein Benehmen gegen seine Schwestern noch die Macht des Gegensatzes hinzufügen, und ich bin gewiß, daß er dies nicht aus Bosheit that, sondern darin nur das Mittel sah, seinen Zweck zu erreichen.
Als ich ihn am Abend vor seiner Abreise zur Zeit des Sonnenunterganges im Garten auf- und abgehen sah und mich erinnerte, wie dieser Mann, der mir so entfremdet war, mir einst das Leben gerettet, und daß wir nahe Verwandte waren, ließ ich mich zu einem letzten Versuche verleiten, seine Freundschaft wieder zu erlangen. Ich ging hinaus und näherte mich ihm. Ich kam gleich zur Sache und sagte:
, Saint John, es macht mich unglücklich, daß Sie mir noch immer zürnen. Lassen Sie uns wieder Freunde sein.
, Ich hoffe, wir sind Freunde, war seine gelassene Antwort, während er fortfuhr, den Aufgang des Mondes zu beobachten.
, Nein, Saint John, wir sind nicht mehr Freunde, wie wir es waren, das wissen Sie wohl.
, Sind wir es nicht? Das wäre unrecht. Ich meinestheils wünsche Ihnen nichts Böses, sondern alles Gute.
, Ich glaube es Ihnen, Saint John, denn ich bin überzeugt, Sie sind unfähig, irgend Jemandem

etwas Böses zu wünschen; aber als Ihre Verwandte verlange ich etwas mehr Zuneigung, als jene allgemeine Menschenliebe, die Sie auch über Fremde erstrecken.
, Natürlich, sagte er. Ihr Wunsch ist vernünftig, und ich bin weit entfernt, Sie als eine Fremde zu betrachten.
Diese Worte, die in kaltem und ruhigem Tone gesprochen wurden, waren zurückweisend genug. Hätte ich den Eingebungen des verletzten Stolzes folgen wollen, so würde ich ihn sogleich verlassen haben, aber etwas wirkte stärker in mir, als dieses Gefühl. Ich verehrte aufrichtig meines Vetters Talente und Grundsätze. Seine Freundschaft war mir von Werth; sie einzubüßen, war ein schwerer Verlust für mich. Ich wollte das Bemühen nicht so bald aufgeben, sie wieder zu erlangen.
, Müssen wir uns auf diese Weise trennen, Saint John? Und wenn Sie nach Indien gehen, wollen Sie mich verlassen, ohne ein freundlicheres Wort, als Sie jetzt zu mir gesprochen haben?
Er wendete sich von dem Monde ab und sah mich an.
, Verlasse ich Sie, Johanna, wenn ich nach Indien gehe? Wie? Gehen Sie nicht auch nach Indien?
, Sie sagten, ich könne es nicht anders, als wenn ich mit Ihnen verheiratet wäre.
, Und Sie wollen mich nicht heiraten? Sie bleiben bei Ihrem Entschlusse.
Ueber diese mit eisiger Ruhe ausgesprochenen Frage empfand ich einen heftigen Schrecken.
, Nein, Saint John, ich will Sie nicht heiraten, entgegnete ich. , Ich bleibe bei meinem Entschlusse.
, Noch einmal, weshalb diese Weigerung? fragte er.
, Früher antwortete ich, weil Sie mich nicht lieben; jetzt antworte ich, weil Sie mich fast hassen. Wenn ich Sie heiratete, würden Sie mich tödten. Sie sind jetzt schon im Begriffe, es zu thun.

Seine Lippen und Wangen wurden marmorbleich.
, Ich würde Sie tödten? -- ich tödte Sie jetzt schon? Sie sprechen unweiblich und unwahr. Sie verdienen keine Verzeihung, doch es ist die Pflicht des Menschen, seinem Nächsten zu verzeihen, und wenn es
auch siebenmal siebzigmal wäre.
Während es meine Absicht war, einen Stachel aus seinem Herzen zu ziehen, hatte ich die Wunde nur noch schlimmer gemacht.
, Jetzt werden Sie mich in der That hassen, sagte ich. , Es ist nutzlos, Sie versöhnen zu wollen; ich sehe, jetzt habe ich Sie mir zum ewigen Feinde
gemacht.
Diese Worte waren ein neues Vergehen, umso mehr, als sie die Wahrheit berührten. Seine blutlosen Lippen bebten im Krampfe. Ich wußte, welch'
scharfen Stahl ich gewetzt hatte. Das Herz zersprang mir fast.
, Sie mißverstehen gänzlich meine Worte, sagte ich, sogleich seine Band ergreifend, ich habe nicht die Absicht, Sie zu kränken oder Ihnen Schmerz zu verursachen -- ganz gewiß nicht.
Er lächelte unendlich bitter und zog sehr entschieden seine Hand aus der meinigen. , Und nun nehmen Sie Ihr Versprechen zurück und wollen vermuthlich gar nicht mit nach Indien gehen? fragte er nach einer beträchtlichen Pause.
, Nein, ich gehe mit, aber als Ihre Gehilfin, antwortete ich.
Wieder folgte ein sehr langes Schweigen. Welcher Kampf während dem in ihm vorging, kann ich nicht sagen, aber seltsame Strahlen funkelten in seinen Augen und fremde Schatten zogen über sein Gesicht. Endlich sprach er wieder:
, Ich habe Ihnen schon vorher die Widersinnigkeit bewiesen, wenn ein Mädchen von Ihrem Alter beabsichtigt, einen ledigen Mann in meinen Jahren auf einer so weiten Reise zu begleiten. Ich bewies es Ihnen so klar, daß ich geglaubt hätte, Sie würden

diesen Gedanken ganz aufgeben. Daß Sie dennoch wieder davon sprechen, bedaure ich um Ihretwillen.
Ich unterbrach ihn. Alles, was einem empfindlichen Vorwurfe glich, gab mir sogleich Muth.
, Bleiben Sie doch bei der gesunden Vernunft, Saint John; bei Ihrem überlegenen Geiste können Sie nicht so kurzsichtig sein, um meine Meinung zu verkennen. Ich sage noch einmal, ich will Ihre Amtsgehilfin sein, wenn Sie es wollen, aber nimmermehr Ihr Weib.
Er wurde wieder todtenblaß, beherrschte aber, wie vorhin, seine Leidenschaft vollkommen und antwortete mit ruhigem Nachdruck:
, Eine Gehilfin, die nicht mein Weib ist, kann mir nichts nützen. So scheint es also, Sie können nicht mit mir gehen. Wenn Ihr Anerbieten aber aufrichtig gemeint ist, so will ich in London mit einem verheirateten Missionär sprechen, dessen Gattin einer Gehilfin bedarf. So kann Ihnen noch die Schande erspart werden, Ihr Wort zu brechen und die Sache zu verlassen, der Sie sich anzuschließen verbindlich gemacht haben.
Nun hatte ich aber niemals ein ausdrückliches Versprechen gegeben oder mich auf irgend eine Verbindlichkeit eingelassen. Seine Sprache war herausfordernd, und ich erwiderte:
, Hier kann von keiner Schande, von keinem Wortbruch, von keinem Verlassen einer Sache die Rede sein. Ich habe nicht die geringste Verpflichtung, nach Indien zu gehen, besonders nicht mit Fremden. Mit
Ihnen würde ich viel gewagt haben, weil ich Sie bewundere, Ihnen vertraue und Sie wie eine Schwester liebe; aber ich bin überzeugt, wenn und mit wem ich auch ginge, daß ich in jener Zone nicht lange leben
würde.
, Ah! Sie haben Furcht, sagte er mit spöttisch verzogener Lippe.
, Es ist wahr, entgegnete ich. , Gott gab mir mein Leben nicht, um es wegzuwerfen; und würde

ich thun, was Sie wünschen, so müßte ich das fast für einen Selbstmord halten. Ueberdies muß ich wissen, ehe ich England verlasse, ob ich nicht von größerem Nutzen sein kann, wenn ich dableibe, als wenn ich
auswandere.
, Was meinen Sie damit?
, Es würde fruchtlos sein, mich erklären zu wollen; aber über einen Punkt habe ich seit langer Zeit Zweifel gehegt, und ich kann an keine Veränderung denken, bevor dieser Zweifel nicht auf irgend
eine Weise gelöst ist.
, Ich weiß, wohin Ihr Herz gewendet ist und woran es hängt. Das Interesse, welches Sie hegen, ist gegen das Gesetz und unheilig. Schon längst hätten Sie es unterdrücken sollen, und jetzt sollten Sie eigentlich erröthen, darauf angespielt zu haben. Sie denken an Herrn Rochester?
So war es, ich gestand es durch mein Schweigen zu.
, Wollen Sie Herrn Rochester aufsuchen?
, Ich muß erfahren, was aus ihm geworden ist.
, Da bleibt mir nichts weiter übrig, sagte er, als Gott zu bitten, daß Sie nicht auf einen Abweg gerathen möchten. Ich glaubte in Ihnen eine der
Auserwählten zu erkennen. Aber Gott sieht nicht, wie die Menschen sehen; sein Wille geschehe.
Er öffnete die Pforte, trat hinaus und ging in das Thal hinunter. Bald war er mir aus dem Gesichte.
Als ich in das Wohnzimmer zurückkehrte, fand ich Diana, die am Fenster stand und sehr gedankenvoll aussah. Sie legte ihre Hand auf meine Schulter und prüfte mein Gesicht.
, Johanna, sagte sie, du bist jetzt stets aufgeregt und blaß. Ich bin gewiß, es geht etwas mit dir vor. Sage mir, was Saint John mit dir beabsichtigt. Ich habe Euch seit einer halben Stunde vom Fenster aus beobachtet; du mußt mir verzeihen, daß ich spionire, aber seit langer Zeit weiß ich nicht,

was ich denken soll. Saint John ist ein ganz eigenthümlicher Mensch.
Sie hielt inne -- ich sprach auch nicht, und bald fuhr sie fort:
, Ich bin gewiß, daß mein Bruder ganz besondere Absichten mit dir hat, er hat dich längst durch eine Beachtung und ein Interesse ausgezeichnet, wie er es nie für irgend eine andere Person gezeigt. Zu welchem
Zweck? Ich wünschte, er liebte dich -- ist es so, Johanna? Ich legte ihre kühle Hand auf meine heiße Stirn und sagte:
, Nein, Diana, nicht im Geringsten.
, Warum folgt er dir denn so mit den Augen, warum ist er so häufig mit dir allein und hält dich beständig an seiner Seite? Marie und ich sind zu dem Schlusse gekommen, er wünsche dich zu heiraten.
, So ist es -- er hat mich aufgefordert, sein Weib zu werden.
Diana klatschte in die Hände.
, Das ist es, was wir dachten und hofften! rief sie. , Und du wirst ihn heiraten, Johanna, nicht wahr? Und dann wird er in England bleiben.
, Weit entfernt, Diana; sein einziger Zweck bei diesem Vorschlage ist, sich eine passende Gehilfin bei seinen Missionsgeschäften in Indien zu verschaffen.
, Was! er will, du sollst nach Indien gehen?
, Ja.
, Unsinn! rief sie. , Ich bin gewiß, du würdest dort nicht drei Monate leben. Du darfst unter keiner Bedingung gehen. Du hast nicht eingewilligt -- nicht wahr, Johanna?
, Ich habe mich geweigert, ihn zu heiraten --
, Und hast dir folglich sein Mißfallen zugezogen? sagte sie.
, Gewiß; ich fürchte, er wird mir nimmer verzeihen, doch erbot ich mich, ihn als seine Schwester zu begleiten.
, Das ist Wahnsinn, Johanna! Bedenke, welche Aufgabe du übernähmst -- eine Aufgabe unablässiger

Anstrengung, die selbst die Starken aufreibt, du aber bist zart und schwach. Saint John -- du kennst ihn -- würde dich zu Unmöglichkeiten antreiben, und unglücklicher Weise habe ich bemerkt, daß du dich zwingst, Alles zu vollbringen, was er von dir verlangt. Ich staune, daß du den Muth gefunden hast, ihm deine Hand zu verweigern. Du liebst ihn also nicht, Johanna?
, Nicht wie man einen Gatten lieben muß.
, Aber er ist ein hübscher Junge.
, Und ich bin so gewöhnlich, wie du siehst, Diana. Wir würden nimmer zu einander passen.
, Gewöhnlich! Du? Durchaus nicht. Du bist viel zu hübsch und viel zu gut dazu, um in Calcutta lebendig gebraten zu werden.
Und noch einmal beschwor sie mich ernstlich, jeden Gedanken aufzugeben, mit ihrem Bruder zu gehen.
, Ich muß es in der That aufgeben, sagte ich, denn als ich eben mein Anerbieten wiederholte, ihm als Gehilfin zu dienen, zeigte er sich empört über den Vorschlag, ihn unverheiratet begleiten zu wollen. Als
wenn ich nicht von Anfang an gehofft hätte, in ihm einen Bruder zu finden, und als ob ich mich nicht schon daran gewöhnt hätte, ihn als solchen zu betrachten?
, Wie kommst du auf die Vermuthung, daß er dich nicht liebt, Johanna?
, Er hat mir wiederholt erklärt, daß er nicht für sich, sondern für sein Amt eine Genossin wünscht. Er hat mir gesagt, ich sei zur Arbeit geschaffen -- nicht zur Liebe, was ohne Zweifel wahr ist. Aber wenn
ich nicht zur Liebe geschaffen bin, so folgt meiner Meinung nach daraus, daß ich auch nicht für die Ehe geschaffen bin. Wäre es wohl ein beneidenswerthes Los, Diana, auf Lebenszeit an einen Mann
gefesselt zu sein, der mich nur als ein nützliches Werkzeug betrachtet?
, Unerträglich -- unnatürlich -- es kann nicht davon die Rede sein!

,Und dann, fuhr ich fort, obgleich ich jetzt nur schwesterliche Neigung für ihn empfinde, kann ich mir doch die Möglichkeit denken, daß ich, wenn ich sein Weib werden müßte, unvermeidlich eine seltsame, quälende Art von Liebe für ihn empfinden würde, weil er so talentvoll ist und oft eine gewisse heroische Größe in seinem Wesen liegt. In diesem Falle würde mein Los unaussprechlich elend werden; er würde nicht wollen, daß ich ihn liebe, und würde mir zu verstehen geben, daß dieses Gefühl etwas Ueberflüssiges sei, was er nicht fordere und was sich für mich nicht schicke. Ich weiß, das würde nicht ausbleiben.
, Und doch ist Saint John ein guter Mann, sagte Diana.
, Er ist ein guter und großer Mann, aber er übersieht ohne Mitleid die Gefühle und Rechte kleiner Menschen, indem er seine eigenen großartigen Pläne verfolgt. Es ist daher besser für die Unbedeutenden,
sich fern von ihm zu halten, damit er sie auf seinem Wege nicht zu Boden trete. Hier kommt er! Ich will dich verlassen, Diana.
Und ich eilte die Treppe hinauf, als ich ihn in den Garten treten sah.
Aber ich war genöthigt, beim Abendessen wieder mit ihm zusammen zu treffen. Während desselben erschien er ebenso gleichmüthig, wie gewöhnlich. Ich hatte gedacht, er würde kaum mit mir reden, und war gewiß, daß er seinen Heiratsplan aufgegeben habe, die Folge zeigte jedoch, daß ich mich in beiden Fällen irrte. Wie es ihm in der letzten Zeit zur Gewohnheit geworden war, redete er mich mit ausgesuchter Höflichkeit an. Ohne Zweifel hatte er die Hilfe des heiligen Geistes angerufen, um den Zorn zu überwinden, den ich in ihm erregt, und glaubte mir jetzt wieder verziehen zu haben.
Zu der Abendvorlesung vor den Gebeten wählte er das einundzwanzigste Capitel der Offenbarung. Es war zu allen Zeiten angenehm zu hören, wenn die Worte der Schrift von seinen Lippen fielen. Nie klang

seine schöne Stimme zugleich so lieblich und voll, nie wurde sein Wesen so ausdrucksvoll in seiner edlen Einfachheit, als wenn er die Prophezeiungen Gottes verkündete, und am heutigen Abend nahm seine
Stimme einen noch feierlicheren Ton, sein Ausdruck
eine noch eindringlichere Bedeutung an, als er, während der Mond durch das unverhängte Fenster hereinschien und das Licht auf dem Tische fast überflüssig machte, mitten in seinem häuslichen Kreise saß, sich über die große alte Bibel neigte und nach ihren Aussprüchen den neuen Himmel und die neue Erde beschrieb: wie Gott kommen werde, unter den Menschen zu wohnen und alle Thränen aus ihren Augen zu trocknen, und wie er verhieß, es solle kein Tod mehr sein, noch Leid, noch Geschrei und Schmerz, weil die früheren Dinge vergangen seien.
Besonders aber drangen die folgenden eindringlich betonten Worte in mein Herz, zumal ich an einer gewissen Veränderung des Tones bemerkte, daß sein Auge dabei auf mich gerichtet war.
, Wer überwindet, soll mein Erbe sein, und ich will sein Gott sein, und er soll mein Sohn sein. Aber, wurde langsam und deutlich hinzugefügt, die
Furchtsamen, die Ungläubigen sollen in den Pfuhl gestürzt werden, wo Feuer und Schwefel brennt und welcher ist der zweite Tod.
Von jetzt an wußte ich, welches Schicksal Saint John für mich fürchtete.
Ein stiller unterdrückter Triumph lag in dem Tone, den er auf die letzten herrlichen Verse des Capitels legte.
In dem Gebete, welches folgte, sammelte sich alle seine Kraft und all sein strenger Eifer. Er bat um Stärke für die Schwachherzigen, um Leitung der Wanderer, die sich von dem rechten Wege verirrten, um Rückkehr selbst in der elften Stunde für die, welche sich durch die Versuchungen der Welt und des Fleisches von dem schmalen Pfade hatten ablecken lassen.
Er flehte um die Gabe eines Feuerbrandes, eines

Donnerkeils, um ihn in die Herzen der Hörer zu schleudern. Anfangs wunderte ich mich über dieses Gebet, aber die Inbrunst, die er hineinlegte, machte einen tiefen Eindruck auf mich; ich wurde davon gerührt und endlich von Ehrfurcht ergriffen.
Als das Gebet vorüber war, nahmen wir Abschied von ihm, denn er wollte am folgenden Morgen sehr früh abreisen. Als Diana und Maria ihn geküßt hatten, verließen sie das Zimmer, ohne Zweifel in Folge eines leisen Winkes von ihm. Ich reichte ihm meine Hand und wünschte ihm eine glückliche Reise.
, Ich danke Ihnen, Johanna. Wie ich schon sagte, werde ich in vierzehn Tagen von Cambridge zurückkehren, so viel Zeit haben Sie also noch zur Ueberlegung. Wenn ich dem menschlichen Stolze Gehör geben wollte, so würde ich Ihnen kein Wort mehr von einer Eheschließung mit mir sagen; aber ich horche auf das Wort meiner Pflicht und behalte mein erstes Ziel fest im: Auge, Alles zum Ruhme Gottes zu thun. Mein Herr und Meister war langmüthig, ich will es auch sein. Ich kann Sie nicht im
Zorn der ewigen Verdammnis überlassen, bereuen Sie, entschließen Sie sich, so lange es noch Zeit ist. Gott gebe Ihnen Stärke, jenen besseren Theil zu erwählen, der nicht von Ihnen genommen werden kann!
Er legte seine Hand auf mein Haupt. Er hatte ernst, aber milde gesprochen, sein Blick war in der That nicht der eines Liebhabers, der seine Geliebte Anblickt, sondern der des Hirten, der sein verirrtes Schaf zurückruft. Ich empfand Verehrung für Saint John -- so hohe Verehrung, daß ich mich versucht fühlte, den Kampf gegen ihn aufzugeben, auf dem
Strome seines Willens dahinzutreiben hinein in den Golf seines Daseins und dort mein eigenes aufzugeben. Ich wurde fast ebenso in die Enge getrieben von ihm, wie einst auf verschiedene Weise von einem
Andern. In beiden Fällen war ich eine Thörin. Hätte ich damals nachgegeben, so wäre dies ein Vergehen gegen die Moral gewesen; jetzt nachzugeben, wäre ein Vergehen gegen die Vernunft. So denke ich zu dieser Stunde, wo jene Krisis der Vergangenheit angehört und die Zeit meinen Geist geklärt hat, aber in jenem Augenblicke war ich mir meiner Thorheit nicht bewußt.
Bewegungslos stand ich da. Alle meine Gegengründe waren vergessen. Alles veränderte sich gänzlich mit einem Schlage. Die Religion rief – Gott gebot -- das Leben schrumpfte zu einem werthlosen Nichts zusammen -- des Todes Pforten öffneten sich und zeigten mir jenseits die Ewigkeit, mir war, als könne hier in einer Secunde Alles aufgeopfert werden, um dort Segen und Seligkeit zu erlangen. Das düstere Zimmer erfüllte sich mit Visionen.
, Könnten Sie sich jetzt entschließen? fragte der Missionär. Die Frage wurde in sanftem Ton gestellt, und ebenso sanft zog er mich zu sich hin. O, diese Milde! wie viel mächtiger ist sie, als Gewalt! Ich konnte Saint John's Zorn widerstehen, doch wurde ich biegsam wie ein Rohr bei seiner Güte. Dennoch war ich mir wohl bewußt, daß mir, wenn ich jetzt
nachgäbe, die spätere Buße für meine frühere Auflehnung nicht erspart bleiben werde.
, Ich könnte mich entschließen, antwortete ich, wenn ich nur überzeugt wäre, daß es Gottes Wille ist, daß ich Sie heiraten soll; ich könnte jetzt hier geloben, dies zu thun, möchte auch später daraus werden, was da wollte!
, Mein Gebet ist erhört! rief Saint John. Er drückte seine Hand fester auf meinen Kopf, als ob er von mir Besitz nehmen wolle, er umschlang mich mit seinem Arme, beinahe so, als ob er mich liebte -- ich sage beinahe, denn ich kannte den Unterschied, ich hatte gefühlt, was es heißt, geliebt zu werden; aber gleich ihm ließ ich die Liebe ganz aus dem Spiel und dachte nur an die Pflicht -- ich kämpfte noch mit einer inneren Unklarheit, welche wie ein Nebel auf meinem Geiste ruhte. Ich hegte das aufrichtige und

glühende Verlangen, zu thun, was recht war, nur das und nichts Anderes. , Zeige mir -- zeige mir den rechten Weg! flehte ich zum Himmel. Ich war aufgeregter als je; und ob das, was erfolgte, die Wirkung der Aufregung war, mag der Himmel wissen.
Das ganze Haus war still, denn ich glaube außer mir und Saint John hatten sich alle zur Ruhe begeben. Das einzige Licht war dem Erlöschen nahe, das Zimmer vom Mondlicht erfüllt. Mein Herz schlug rasch und stark, daß ich es klopfen hören konnte. Plötzlich wurde es von einem unaussprechlichen Gefühle durchzuckt, welches mich an Kopf und Gliedern lähmte. Nicht der Wirkung eines elektrischen Schlags glich dieses Gefühl, doch war es ebenso heftig und erschütternd, es wirkte auf meine Sinne, als wäre ihre Thätigkeit bisher nur eine Art Erstarrung gewesen, woraus sie jetzt erweckt wurden. Auge und Ohr waren gespannt, während jeder Nerv in mir erzitterte.
, Was haben Sie gehört? Was sahen Sie? fragte Saint John.
, Ich sah nichts; aber ich hörte eine Stimme irgendwo rufen: Johanna! Johanna! Johanna! O, Gott! was ist das? brachte ich mit Mühe heraus. Ich hätte fragen sollen: , Wo ist das? denn es schien nicht im Zimmer -- nicht im Hause -- nicht im Garten zu sein; es kam nicht aus der Luft --
nicht aus der Erde -- nicht von oben herab. Ich hatte es gehört -- wo es war und woher es kam, war mir unmöglich zu ergründen! Und es war die Stimme eines menschlichen Wesens -- eine wohlbekannte und geliebte Stimme -- die Stimme Eduard Fairfax Rochester's, und sie rief flehend und jammernd in wildem Schmerz meinen Namen.
, Ich komme rief ich, warte auf mich! O, ich will kommen!
Ich eilte zur Thür und blickte in den Gang, er war dunkel. Ich lief in den Garten hinaus, er war leer.

, Wo bist du rief ich.
Die Hügel, jenseits Marsh Glen gaben matt das Echo zurück: Wo bist du? Ich lauschte. Der Wind seufzte leise in den Fichten; ich war von der Einsamkeit des Moorlandes und der Stille der Mitternacht umgeben.
Ich riß mich von Saint John los, der mir gefolgt war und mich zurückhalten wollte. Jetzt war es an mir, seiner Herr zu werden, jetzt mußte ich meine Macht zeigen. Ich bat ihn, jede Frage zu unterdrücken und mich zu verlassen, ich müsse und wolle allein sein. Er gehorchte sofort. Wo Muth oder Kraft vorhanden ist, mit Nachdruck zu befehlen,
da fehlt der Gehorsam nie. Ich ging auf mein Zimmer, schloß mich ein, sank auf meine Knie und betete. Ich betete anders, als Saint John, aber andächtig und inbrünstig auf meine Art. Mir war, als dränge ich hinauf zu dem Geist der Allmacht, und meine Seele ergoß sich in Dankbarkeit zu seinen Füßen. Ich erhob mich von dem Dankgebet -- faßte einen
Entschluß -- legte mich voll Hoffnung nieder und erwartete mit Sehnsucht den Anbruch des Tages.

Siebenunddreißigstes Capitel.

Und der Tag kam. Ich stand in der Dämmerung auf und brachte ein paar Stunden damit zu, mein Zimmer und den Inhalt meiner Commode und
meines Garderobeschranks für die Zeit einer kurzen Abwesenheit in Ordnung zu bringen. Inzwischen hörte ich, wie Saint John sein Zimmer verließ. Er blieb vor meiner Thür stehen, ich fürchtete, er würde anklopfen -- doch nein, er steckte nur einen Papierstreifen unter der Thür herein. Ich hob ihn auf. Er enthielt folgende Worte:
, Sie verließen mich gestern Abend zu plötzlich. Wären Sie nur noch ein wenig länger geblieben, so hätten Sie endlich Ihre Hand auf des Christen Kreuz

und des Engels Krone gelegt. Ich erwarte Ihre klare und endgültige Entscheidung, wenn ich über vierzehn Tage zurückkehre. Inzwischen wachen und beten Sie, daß Sie nicht in Versuchung fallen. Ich hoffe,
der Geist ist willig, aber ich sehe, das Fleisch ist schwach. Ich werde stündlich für Sie beten. -- Der Ihrige, Saint John.
Mein Geist ist willig, zu thun, was recht ist, antwortete ich bei mir selber; und ich hoffe, mein Fleisch ist stark genug, den Willen des Himmels zu erfüllen, wenn dieser Wille mir erst deutlich bekannt ist. Auf jeden Fall wird es stark genug sein, nach einem Auswege aus diesem Chaos des Zweifels zu suchen und zu klarer Gewißheit zu gelangen.
Wir hatten den ersten Juni, doch das Wetter war trübe und kalt und der Regen schlug heftig an mein Fenster. Ich hörte, wie die Hausthür sich öffnete und Saint John hinausging. Als ich durchs Fenster blickte, sah ich ihn durch den Garten gehen. Er nahm seinen Weg über das neblige Moorland in der Richtung von Whitcroß -- dort wollte er den Postwagen
treffen.
, In wenigen Stunden werde ich dir auf jenem Wege folgen, mein Vetter, dachte ich, auch ich muß einen Postwagen in Whitcroß erwarten. Auch ich habe Jemand in England zu besuchen oder ihm nachzufragen, ehe ich das Vaterland auf immer verlasse.
Es fehlten noch zwei Stunden bis zum Frühstück. Ich füllte die Zwischenzeit damit aus, in meinem Zimmer auf und ab zu gehen und das Ereignis zu überdenken, welches meinen Plänen ihre gegenwärtige
Richtung gegeben hatte. Auch jetzt suchte ich vergebens zu ergründen, woher die Stimme, die ich gehört hatte, gekommen sei. Sie schien in mir und nicht in der äußeren Welt gewesen zu sein. Ich fragte, ob
es ein bloß nervöser Eindruck -- eine Täuschung gewesen? Ich konnte es nicht begreifen oder glauben, das Ganze glich mehr einer Inspiration. Die wunderbare Erschütterung meiner Sinne erinnerte mich

an das Erdbeben, welches das Fundament des Gefängnisses erschütterte, worin sich Paulus und Silas befanden und die Thür gesprengt hatte. Wie aus diesem Schlafe war meine Seele emporgefahren, zitternd, bebend und horchend. Dann schlug ein dreimaliger Ruf an mein gespanntes Ohr und bebte durch meinen Geist, der die plumpe Körperlichkeit durchbrochen und über die Unzulänglichkeit meiner physischen Natur frohlockend, einen Sieg errungen hatte.
, Ehe vier Tage um sind, sagte ich, werde ich etwas von ihm erfahren, von ihm, dessen Stimme mich am letzten Abend zu rufen schien. Briefe sind vergeblich gewesen -- persönliche Nachforschungen müssen an ihre Stelle treten.
Beim Frühstück kündigte ich Diana und Maria an, daß ich eine Reise antreten und wenigstens vier Tage abwesend sein würde.
, Allein, Johanna? fragten sie.
, Ja, es geschieht, um Auskunft über eine Person zu erhalten, über deren Schicksal ich seit längerer Zeit in Unruhe schwebe.
Sie hätten mir erwidern können, daß sie geglaubt, ich habe außer ihnen keine Freunde, denn in der That hatte ich das oft genug versichert; aber in ihrem natürlichen Zartgefühle enthielten sie sich aller Bemerkungen, und Diana fragte mich nur, ob ich mich auch wohl genug fühle, die Reise aushalten zu können, wobei sie bemerkte, daß ich sehr blaß aussehe. Ich entgegnete ihr, ich sei nicht krank, sondern fühle nur eine gewisse Seelenangst, welche ich indessen bald zu überwinden hoffe.
Ich wurde mit keinen weiteren Fragen oder Vermuthungen belästigt. Als ich ihnen einmal erklärt hatte, daß ich mich jetzt nicht über meine Pläne aussprechen könne, fanden sie sich ruhig in mein Schweigen und ließen mir das Vorrecht des freien Handelns welches ich ihnen unter ähnlichen Umständen auch würde zugestanden haben.

Ich verließ Moor House um drei Uhr Nachmittags, stand bald nach vier Uhr am Fuße des Wegsweisers von Whitcroß und erwartete die Ankunft des Postwagens, der mich nach dem entfernten Thornfield bringen sollte. Bei der Stille, welche auf jenen einsamen Wegen herrschte, hörte ich den Wagen schon aus weiter Ferne. Es war derselbe Wagen, aus dem ich vor einem Jahre an einem Sommerabend an eben dieser Stelle so verlassen, so hoffnungs- und ziellos ausgestiegen war! Er hielt an, als ich winkte. Ich stieg ein und brauchte jetzt nicht mein ganzes Vermögen für die Mitfahrt hinzugeben. Als ich mich auf dem Wege nach Thornfield wußte, kam ich mir vor wie die Brieftaube, die sich auf der Heimkehr befindet.
Es war eine Reise von sechsunddreißig Stunden. Ich war Dienstag Nachmittags von Whitcroß abgefahren und am folgenden Donnerstag Morgens hielt der Wagen, damit die Pferde getränkt werden konnten, vor einem Gasthause am Wege an. Dieses Gasthaus lag inmitten grüner Hecken, großer Felder und niedriger bewaldeter Hügel. Wie milde war der Charakter dieser Gegend im Vergleich zu dem rauhen, nördlichen Moorland der Umgebung von Morton.
Ja, diese Landschaft kannte ich; ich war gewiß, daß ich meinem Ziele nahe sein mußte.
, Wie weit ist Thornfield Hall von hier? fragte ich den Hausknecht.
, Gerade über die Felder eine Stunde, mein Fräulein.
Meine Reise war zu Ende. Ich stieg aus dem Tagen, gab mein Gepäck dem Hausknecht zur Aufbewahrung, bis es wieder abgeholt werde, bezahlte den Fahrpreis und gab dem Kutscher sein Trinkgeld. Während die Sonnenstrahlen auf dem Wirthshausschilde schimmerten, las ich in vergoldeten Buchstaben: Zum Wappen der Rochester. Mein Herz schlug lebhaft, ich war bereits auf dem Gebiete meines Herrn. Aber mein Muth sank wieder: Dein Herr

weilt vielleicht jenseits des Canals, sagte mir plötzlich eine mahnende Stimme in meinem Innern, und wenn er auch in Thornfield Hall ist, wohin du eilst, wen hat er bei sich? Sein wahnsinniges Weib! Du hast
nichts mit ihm zu thun, du darfst nicht mit ihm reden oder in seine Nähe kommen. Deine Mühe ist umsonst -- es ist besser, du gehst nicht weiter. Frage die Leute im Gasthause; sie können dir alle nöthigen Nachrichten geben und deine Zweifel sogleich beseitigen. Geh zu jenem Manne und frage, ob Herr Rochester zu Hause ist.
Der Einfall war vernünftig und doch konnte ich mich nicht entschließen, danach zu handeln, denn ich fürchtete eine Antwort, die mich mit Verzweiflung erfüllen könne. Den Zweifel verlängern, hieß die Hoffnung verlängern. Ich konnte mir noch einmal den Anblick von Thornfield-Hall vergönnen. Es war ein Fußsteig vor mir -- es waren dieselben Felder, die ich blind und betäubt, von einer rachsüchtigen Furie fortgetrieben, an jenem Morgen betreten hatte, als ich aus Thornfield floh. Ehe ich noch über meinen Entschluß ganz im Klaren war, befand ich mich schon auf dem Wege. Wie rasch ging ich! Wie begierig blickte ich vorwärts, um sobald wie möglich die ersten Wipfel des wohlbekannten Parks zu erspähen! Mit welchen Gefühlen begrüßte ich die oft betretenen Wiesen und Hügel!
Endlich erhoben sich der Park und das Gehölz vor mir. Dohlennester zeigten sich in dunklen Gruppen; ein lautes Krächzen unterbrach die Stille des Morgens. Eine seltsame Wonne kam über mich, ich eilte weiter. Ich überschritt noch ein Feld -- betrat einen Baumgang -- und dort erhoben sich die Mauern des Hofes, die Wirthschaftsgebäude -- das Haus selbst war noch hinter dem Gehölz verborgen, worin die Dohlen nisteten.
, Zuerst will ich die Vorderseite wiedersehen, beschloß ich, wo ich sogleich das Fenster meines Herrn herausfinden kann, vielleicht steht er an demselben --

er pflegt früh aufzustehen -- vielleicht geht er jetzt im Garten oder auf dem Platze vor dem Hause auf und ab. Wenn ich ihn nur sehen könnte! nur auf einen kurzen Augenblick! Und wenn dies geschähe, würde ich doch hoffentlich nicht so wahnsinnig sein, auf ihn zuzulaufen? Ich kann es nicht sagen -- ich bin meiner nicht sicher. Und wenn ich es thäte -- was schadete es denn? Gott segne ihn! Was weiter? Wem geschähe ein Unrecht damit, wenn ich noch einmal die Seligkeit kostete, welche sein Blick mir gewähren kann? -- Ich schwärme -- ich phantasire, ach! vielleicht beobachtet er in diesem Augenblick die Sonne von einem Gipfel der Pyrenäen oder auf dem stillen Meere des Südens!
Ich war die niedrige Gartenmauer entlang gegangen und bog um die Ecke; dort befand sich eine Pforte zwischen zwei steinernen Pfeilern, von steinernen Kugel gekrönt. Hinter einem der Pfeiler hervor konnte ich ungestört die ganze Vorderseite des Hauses übersehen. Ich streckte vorsichtig meinen Kopf hinter dem Pfeiler hervor und wollte mich überzeugen, ob die Vorhänge des Schlafzimmers schon aufgezogen waren, denn die ganze Front war von meinem Verstecke aus sichtbar.
Ein kurzer Blick und dann ein minutenlanges Hinstarren!
Höre eine Erklärung, Leser!
Der Liebende findet seine Geliebte auf einem moosbewachsenen Ufer schlummern; er wünscht einen Blick auf ihr schönes Gesicht zu thun, ohne sie zu wecken, um nicht von ihr gesehen zu werden. Lautlos schleicht er über das Gras, um plötzlich vorsichtig still zu stehen, denn ihm scheint es, als hätte sie sich geregt. Doch es war eine Augentäuschung. Er nähert sich ihr aufs Neue und beugt sich über ihr Antlitz, welches ein leichter Schleier bedeckt. Er wagt kaum zu athmen, als er den Schleier vorsichtig emporhebt, und tiefer neigt er sich herab, um sich in den Anblick der lieblichen schlummernden Schönheit zu versenken.

Hastige, süße, kaum gezügelte Ungeduld bebte in diesem ersten Blick -- aber wie starrt plötzlich sein Auge, wie fährt er entsetzt zurück und wie reißt er ungestüm die Gestalt empor, die er einen Augenblick vorher
nicht mit einem Finger zu berühren wagte, und schließt sie in seine Arme! Ein wilder Schrei der Verzweiflung entringt sich seiner Brust, aber der Schrei weckt die Geliebte nicht -- sie ist todt!
Mein Auge suchte mit furchtsamer Freude ein stattliches Haus und fand eine von Rauchs geschwärzte Ruine!
Da war es freilich nicht nöthig, mich hinter dem Thorpfeiler zu verbergen, es war nicht mehr nöthig, zu horchen, ob sich Thüren öffneten oder ob ich Fußtritte auf dem Steinpflaster oder dem Kieswege vernehmen würde! Der Rasenplatz war niedergetreten und verwüstet, der Eingang offen und öde. Die Vorderseite war, wie ich sie einst im Traum gesehen, nur eine kahle Mauer, sehr hoch und sehr gebrechlich
aussehend, worin sich scheibenlose Fenster befanden. Kein Dach, keine Zinnen, kein Schornstein -- Alles war zusammengestürzt.
Und rings umher herrschte das Schweigen des Todes, die Stille einer einsamen Wildnis. Kein Wunder, daß ich auf Briefe, die ich hierher geschrieben, keine Antwort erhalten, ebenso gut hätte ich Briefe in ein Todtengewölbe absenden können. Die Schwärze der Steine sagte mir, daß das Herrenhaus durch eine Feuersbrunst zerstört worden war. Aber welche Geschichte mochte mit diesem Unheil in Verbindung stehen, welcher Verlust außer dem todten Material mochte es begleitet haben? War etwa mit dem Besitzthum zugleich ein Leben untergegangen? Und wessen Leben? Furchtbare Frage! Es war Niemand da, der mir hätte Antwort geben können, wenn auch nur mit einem einzigen Laute oder Zeichen.
Als ich zwischen den zerstörten Mauern und durch das verwüstete Innere umherwanderte, bemerkte ich, daß das Unglück nicht erst kürzlich geschehen sei. Es

kam mir vor, als hätte Winterschnee durch jenen leeren Bogen geweht, als sei schon Winterregen durch jene hohlen Fenster gedrungen, denn auf den durchnäßten Schutthaufen hatte der Frühling eine Vegetation hervorgebracht: Gras und Unkraut waren hie und da zwischen Steinen und Balken aufgeschossen. O! wo mochte inzwischen der unglückliche Besitzer dieser Ruine gewesen sein? In welchem Lande? Unter welchen Umständen? Mein Auge wanderte unwillkürlich zu dem grauen Kirchthurme in der Nähe der Pforte, und ich fragte: Sollte er bei Damer von Rochester, seinem Vorfahren, sein und mit ihm die Muhe des engen Hauses theilen?
Ich mußte eine Antwort auf diese Fragen haben. Ich konnte sie nur in dem Gasthofe finden, und dorthin kehrte ich bald zurück. Der Wirth brachte mir mein Frühstück in das Gastzimmer. Ich bat ihn, sich niederzusetzen, da ich ihm einige Fragen vorzulegen hätte. Als er sich hierzu bereit erklärte, wußte ich kaum, wie ich beginnen sollte, so fürchtete ich die möglichen Antworten, und doch hatte mich das Schauspiel der Verwüstung, welches ich eben verlassen, auf eine unheilvolle Nachricht vorbereitet. Der Wirth war ein anständig aussehender Mann im mittleren Alter.
, Thornfield Hall wird Ihnen bekannt sein? fragte ich endlich.
, Ja, mein Fräulein, ich hielt mich einst dort auf.
, Ei? -- nicht zu meiner Zeit, dachte ich, er ist mir fremd.
, Ich war Kellermeister bei dem verstorbenen Herrn Rochester, fügte er hinzu.
Bei dem verstorbenen! Es war, als hätte ich mit voller Kraft den Schlag erhalten, dem ich so lange ausgewichen war.
, Bei dem verstorbenen? brachte ich mit Mühe hervor. , Ist er todt?
, Ich meine den Vater des gegenwärtigen Herrn Eduard, fügte er hinzu.

Ich athmete wieder auf, mein Blut begann wieder zu circuliren. Durch diese Worte vollkommen beruhigt, daß Herr Eduard -- mein Herr Rochester -- Gott segne ihn, wo er auch weilen möge! -- noch lebe, glaubte ich, alles Folgende, was es auch sein möchte, mit verhältnismäßiger Ruhe anhören zu können. Da er nicht im Grabe war, hätte ich mit Fassung vernehmen können, daß er bei den Antipoden sei.
, Wohnt Herr Rochester jetzt in Thornfield Hall? fragte ich. Obgleich ich natürlich wußte, welche Antwort ich erhalten würde, so wünschte ich doch, eine bestimmte Frage nach seinem Aufenthalte zu verzögern.
, Nein, mein Fräulein -- o nein! Niemand wohnt dort. Sie müssen in dieser Gegend fremd sein, sonst würden Sie gehört haben, was dort geschehen ist. Thornfield-Hall ist ein Schutthaufen: es brannte im
letzten Herbste ab. Ein schreckliches Unglück, daß eine solche Menge kostbarer Sachen verbrennen mußte! Man konnte fast nichts von den Möbelt retten. Das Feuer brach mitten in der Nacht aus, und ehe die
Spritzen von Millcote kamen, stand das ganze Gebäude in Flammen. Es war ein schauerliches Schauspiel -- ich war selbst zugegen.
, Mitten in der Nacht! murmelte ich. , Ja, das war immer die Unglücksstunde in Thornfield. Ist es bekannt geworden, wie das Feuer ausgekommen? fragte ich.
, Man hatte Vermuthungen, mein Fräulein. In der That, ich könnte fast sagen, daß es zweifellos festgestellt ist. Sie wissen vielleicht nicht, fuhr er fort, indem er seinen Stuhl ein wenig näher zum Tische rückte und leise sprach, daß sich eine Dame -- eine Wahnsinnige im Hause aufhielt
, Ich habe etwas davon gehört.
, Sie wurde sehr streng bewacht, und man wußte sogar einige Jahre lang nichts von ihrem Dasein. Niemand sah sie, es ging nur das Gerücht, daß eine solche Person im Herrenhause sei; wer oder was sie

war, ist schwer zu errathen. Man sagte, Herr Eduard habe sie aus der Fremde mitgebracht, und Einige glaubten, sie sei seine Maitresse gewesen. Aber vor einem Jahre ereignete sic ein sehr seltsamer Vorfall --
Ich fürchtete, meine eigene Geschichte zu hören, und versuchte, ihn zu der Hauptsache zurückzuführen.
, Und diese Dame?
, Es zeigte sich, daß diese Dame Herrn Rochester's Frau war, antwortete der Wirth. , Die Entdeckung geschah auf die seltsamste Weise. Es war eine junge Dame als Erzieherin im Herrenhause, in die sich Herr
Rochester --
, Aber das Feuer? fiel ich ein.
, Das kommt gleich, mein Fräulein -- in die sich Herr Eduard verliebte. Die Diener, die ihn beobachteten, sagten, sie hätten nie Jemand so verliebt gesehen. Außer Herrn Rochester hielt sie Niemand für so sehr schön. Man sagt, sie war eine kleine, winzige Person, fast wie ein Kind. Ich selber sah sie nicht, doch hörte ich das Hausmädchen Lea von ihr reden. Lea hielt viel von ihr. Herr Rochester war fast vierzig Jahre alt und seine Erzieherin noch nicht zwanzig. Und sehen Sie, wenn sich Herren seines Alters in junge Mädchen verlieben, so sind sie oft wie behext. Nun also kurz und gut, er wollte sie heiraten.
, Sie sollen mir diesen Theil der Geschichte später erzählen, sagte ich, aber ich habe einen besonderen Grund, zunächst alle Umstände in Betreff des Brandes hören zu wollen. Hegte man die Vermuthung, daß
die wahnsinnige Mistreß die Hand dabei im Spiele hatte?
, Sie haben es getroffen, Fräulein, es ist ganz gewiß, daß sie und Niemand anders das Schloß in Brand steckte. Sie hatte eine Wärterin, Namens Poole, ein kluges Weib auf ihre Art und sehr zuverlässig; doch hatte sie einen Fehler, der manchen Wärterinnen und alten Frauen eigen ist: sie hatte

immer eine Schnapsflasche bei sich und nahm von Zeit zu Zeit einen Schluck daraus. Es ist wohl zu entschuldigen, denn sie hatte ein schweres Leben, aber dennoch war es gefährlich, denn wenn Mistreß Poole etwas zu viel getrunken hatte und fest eingeschlafen war, nahm ihr die wahnsinnige Dame, die so listig war wie eine Hexe, die Schlüssel aus der Tasche, verließ ihr Zimmer, ging im Hause umher und richtete
allerlei Unheil an. In jener Nacht zündete sie die Vorhänge in dem Zimmer neben dem ihrigen an, ging dann in den unteren Stock und begab sich in das Zimmer, wo die Erzieherin gewohnt hatte. Es war, als ob sie wüßte, was vorgegangen sei, und als hätte sie einen Haß gegen sie. Dort zündete sie das Bett an, aber zum Glück schlief Niemand darin. Die Erzieherin war zwei Monate vorher verschwunden, und so sehr Herr Rochester sie auch suchte, als wäre sie das Kostbarste gewesen, was er je besessen, so konnte er doch keine Spur von ihr finden. Da kam er in furchtbare Erregtheit. Er war nie ein wilder Mann, aber er wurde gefährlich, nachdem er seine Geliebte verloren hatte. Er wollte ganz allein sein. Er schickte Mistreß Fairfax, die Haushälterin, zu ihren
entfernt wohnenden Verwandten; doch setzte er ihr auf Lebenszeit ein Jahrgeld aus, und sie verdiente es, sie war eine sehr gute Frau. Seine Mündel, Miß Adele, wurde in eine Schule gethan. Er brach allen Umgang mit den benachbarten Gutsherren ab und schloß sich wie ein Eremit im Herrenhause ein.
, Wie? er verließ England nicht?
, England verlassen? o nein! er wollte nicht einmal die Schwelle seines Hauses überschreiten, außer bei Nacht, wo er wie ein Geist auf dem Rasenplatze und im Garten umherwanderte, als wäre er von
Sinnen -- was auch wohl der Fall sein mochte; denn einen geistreicheren, kühneren und gewandteren Herrn fand man in der Welt nicht, ehe dieses kleine Ding von Erzieherin ihm in den Weg kam. Er war nicht dem Wein, den Karten oder den Wettrennen ergeben,

wie Andere, und war nicht sehr schön; aber er besaß Muth und eigenen Willen, wie nur irgend ein Mann. Ich kannte ihn von seinen Knabenjahren an, und habe oft gewünscht, diese Miß Eyre wäre in die See gesunken, ehe sie nach Thornfield Hall gekommen.
, So war also Herr Rochester zu Hause, als das Feuer ausbrach?
, Freilich war er zu Hause; er rannte in die Dachstuben hinauf, als bereits Alles über und unter ihm brannte, holte die Diener aus ihren Betten und
half ihnen herunter. Dann kehrte er nochmals zurück, um sein wahnsinniges Weib aus ihrer Hölle zu holen. Da rief man ihm zu, sie sei auf dem Dache, und da stand sie auch wirklich, schlug mit den Armen um sich und schrie, daß man es eine Meile weit hören konnte. Ich selbst sah und hörte Alles mit an. Sie war ein großes Weib und hatte langes schwarzes Haar; wir konnten sehen, wie es gegen die Flammen abstach, wo sie stand. Ich und mehrere Andere sahen Herrn Rochester auf das Dach steigen und hörten, wie er den Namen Bertha rief. Wir sahen, wie er sich ihr näherte, und da, Fräulein, stieß sie einen furchtbaren Schrei aus, that einen Sprung und lag in der nächsten Minute zerschmettert auf dem Steinpflaster.
, Todt?
, Ja, todt, wie die Steine, über die ihr Gehirn Blut hinspritzte.
, Großer Gott!
, Das kann man wohl sagen, es war schrecklich!
Der Erzähler schauderte.
, Und dann? forschte ich weiter.
, Und dann, Fräulein, brannte das Haus bis auf den Grund nieder, und jetzt stehen nur noch wenige Mauern.
, Kamen noch Andere dabei um?
, Nein -- vielleicht wäre es besser gewesen, wenn es geschehen wäre.
, Was meinen Sie damit?

, Der arme Herr Eduard rief der Wirth. Ich hätte nie gedacht, daß ich das erleben würde! Einige sagen, es sei eine gerechte Strafe gewesen, weil er
seine erste Ehe verleugnet und ein zweites Weib habe nehmen wollen, während die erste noch am Leben war; aber ich meines Theiles habe Mitleid mit ihm.
, Sie sagten ja, er lebe? rief ich.
, Ja, ja, er lebt, aber Viele meinen, es wäre besser gewesen, wenn er gestorben wäre.
, Warum? Wie?
Mein Blut erstarrte wieder.
, Wo ist er? fragte ich. Ist er in England?
, Ja -- ja -- er ist in England, ich glaube, er kann England nicht verlassen -- er ist nur ein Schatten von dem, was er früher war.
Welche Qual für mich! und der Mann schien entschlossen, sie nach Möglichkeit zu verlängern.
, Er ist stockblind, sagte er endlich. Ja -- Herr Eduard ist stockblind.
Ich hatte etwas noch Schlimmeres gefürchtet. Ich hatte gefürchtet, er sei wahnsinnig. Ich sammelte meine Kräfte, um zu fragen, wie er um das Augenlicht gekommen sei.
, Sein Muth und seine Aufopferung für Andere waren schuld daran, mein Fräulein. Er wollte das Haus nicht eher verlassen, als bis Alle vor ihm hinaus waren. Als er endlich die große Treppe herunterkam,
nachdem Mistreß Rochester sich von den Zinnen herabgestürzt hatte, hörte man ein heftiges Krachen, und Alles brach zusammen. Er wurde schwer verletzt unter den Trümmern hervorgezogen. Ein Balken
war so gefallen, daß er ihn vor dem Zermalmtwerden beschützt hatte, aber das eine Auge war herausgeschlagen. Das andere Auge war entzündet, und er sah auch damit nicht. Jetzt ist er hilflos und blind.
, Wo ist er? Wo wohnt er?
, Zu Ferndean in einem Hause, welches ihm gehört; es ist ein ganz abgelegener, einsamer Ort, etwa fünfzehn Stunden von hier.

, Wer ist bei ihm?
, Der alte John und seine Frau, er wollte sonst Niemand bei sich haben. Man sagt, es stehe sehr schlecht mit ihm.
, Haben Sie irgend ein Fuhrwerk?
, Ich habe eine Chaise, Fräulein, eine sehr hübsche Chaise.
, Lassen Sie sogleich anspannen, und wen Ihr Postillon mich heute vor Anbruch der Nacht nach Ferndean bringt, so will ich das Doppelte des gewöhnlichen Fahrpreises zahlen.

Achtunddreißigstes Capitel.

Das Herrenhaus zu Ferndean war ein Gebäude von beträchtlichem Alter, mäßiger Größe, ohne Anspruch auf architektonische Schönheit. Es lag mitten im Walde. Ich hatte schon früher davon gehört. Herr Rochester sprach oft davon und reiste zuweilen auch hin. Sein Vater hatte das Gut wegen der Jagd gekauft. Er würde das Haus vermiethet haben, doch
konnte er wegen der unbequemen und ungesunden Tage keinen Miether finden. Ferndean blieb also unbewohnt und unmöblirt, mit Ausnahme von zwei oder drei Zimmern, die für den Besitzer eingerichtet waren, wenn er zur Jagdzeit dorthin kam.
Dieses Haus erreichte ich gerade vor Anbruch der Nacht, während ein kalter Wind wehte und ein durchdringender Regen von dem grauen Himmel herabfiel. Die letzte halbe Stunde machte ich zu Fuß, nachdem ich den Postillon mit dem Wagen entlassen und ihm das Doppelte gegeben, was ich ihm versprochen. Selbst in geringer Entfernung von dem Herrenhause konnte ich noch nichts davon sehen, so dicht standen die Bäume des finsteren Waldes, der es umgab. Ein eisernes Thor zwischen granitenen Pfeilern zeigte mir den Eingang, und als ich dasselbe passirt hatte, befand ich mich auf einem mit

Gras bewachsenen Wege, welcher zwischen Bäumen mit rauhen und knorrigen Stämmen und weit verzweigten Aesten hinführte. Ich verfolgte diesen Weg, aber er schien kein Ende nehmen zu wollen, sondern zog sich immer weiter und weiter; es war keine Spur von einer Wohnung oder einer Anlage sichtbar.
Ich dachte schon, ich hätte eine falsche Richtung eingeschlagen und sah mich in der durch den Regen vermehrten Dunkelheit nach einem anderen Wege um. Es war jedoch keiner da und nichts war zu sehen,
als dichtverwachsene Gesträuche und hohe Stämme in ihrem Sommerlaub -- nirgends eine Lichtung. -- Ich ging auf dem alten Pfade weiter, endlich wurde er breiter, die Bäume standen weniger dicht, zuerst sah ich ein Gitter und dann ein Haus, bei der zunehmenden Finsternis kaum zu unterscheiden, so grün und bemoost waren die Mauern. Indem ich durch ein Thor trat welches nur eingeklinkt war, stand ich auf einem Rasenplatze, der im Halbkreise von dem Walde
umgeben war. Es waren weder Blumen, noch Gartenbeete zu sehen, nur ein breiter Kiesweg zog sich um den Grasplatz. Die Front des Hauses zeigte zwei spitze Giebel; die Fenster waren schmal und vergittert, die Vorderthür war ebenfalls eng, und es führte eine einzige Stufe zu derselben hinauf. Das Ganze war, wie der Wirth vom Wappen der
Rochester mir gesagt, ein trostloser Ort. Kirchhofsstille herrschte hier, nichts ließ sich vernehmen als das Plätschern des Regens auf das Laub des Waldes.
, Können hier lebende Wesen sein? fragte ich.
Ja, Leben irgend einer Art war da, denn ich vernahm soeben ein Geräusch -- die schmale Vorderthür öffnete sich langsam.
Eine Gestalt trat in die Dämmerung hinaus und blieb auf der Stufe stehen; ein Mann ohne Hut streckte die Hand aus, um zu fühlen, ob es noch regnete. So dunkel es war, erkannte ich ihn doch -- es war mein Herr, Eduard Fairfax Rochester, und kein anderer.

Ich hielt meinen Schritt und fast meinen Athem an, um ihn zu beobachten -- zu betrachten -- ach! ihm selbst unsichtbar. Es war ein sehr plötzliches Wiedersehen, und das Entzücken, welches es mir
verursachte, wurde tausendmal aufgewogen durch den Jammer, welchen ich bei seinem Anblick empfand.
Es wurde mir schwer, einen Aufschrei zurückzuhalten und mich nicht in seine Arme zu stürzen.
Seine Gestalt hatte dieselben kräftigen Umrisse wie früher, seine Haltung war noch gerade, sein Haar noch rabenschwarz; auch waren seine Züge nicht verändert oder abgefallen, diese athletische Stärke hatte im Laufe eines Jahres durch keinen Kummer gebrochen, diese edle Manneskraft nicht vernichtet werden können, aber in seinem Gesichte bemerkte ich eine Veränderung, es erschien verzweiflungsvoll und
düster -- es erinnerte mich an ein gefesseltes wildes Thier, dem man sich in seinem dumpfen Schmerze nur mit Gefahr nähern kann. Ich war weit entfernt, ihn in seiner blinden Wildheit zu fürchten. Mit meinem Schmerz mischte sich die süße Hoffnung, daß ich bald einen Kuß auf die fest geschlossenen Augenlider drücken werde; aber ich wollte ihn noch nicht anreden.
Er kam die Stufe herunter und ging langsam tappend auf den Rasenplatz zu. Wo war jetzt sein kühner Schritt? Dann blieb er stehen, als wisse er nicht, wohin er sich wenden sollte. Er erhob die Hand und richtete seine Augen mit großer Anstrengung auf den Himmel und auf den rings sich
ausdehnenden Wald; man sah, daß für ihn Alles leere Dunkelheit war. Er streckte seine rechte Hand aus, um sich dessen, was ihn umgab, durch den Gefühlssinn bewußt zu werden, aber auch hier fand er nur einen leeren Raum, denn die Bäume waren einige Schritte von der Stelle entfernt, wo er stand. Er gab das Bemühen auf, schlug seine Arme übereinander und stand ruhig und still im Regen, der dicht auf sein unbedecktes Haupt fiel. In diesem Augenblick kam John herbei.

, Wollen Sie nicht meinen Arm fassen, Herr? sagte er, es fällt ein starker Regen und es ist besser wenn Sie hineingehen.
, Laß mich in Ruhe, war die Antwort.
John entfernte sich, ohne mich bemerkt zu haben. Herr Rochester versuchte jetzt umher zu gehen, aber jeder seiner Schritte war unsicher. Er fand den Weg zum Hause wieder, trat ein und machte die Thür
hinter sich zu.
Jetzt näherte ich mich und klopfte an. John's Frau öffnete mir.
, Maria, sagte ich, wie geht es Ihnen?
Sie fuhr zurück, als hätte sie einen Geist gesehen, doch ich beruhigte sie.
, Sind Sie es wirklich, Miß, und kommen in so später Stunde an diesen einsamen Ort? fragte sie hastig.
Ich faßte ihre Hand, statt zu antworten, und folgte ihr in das Wohnzimmer, wo John jetzt vor einem guten Feuer saß. Dort erklärte ich Beiden in wenigen Worten, daß ich Alles wisse, was geschehen
sei, seit ich Thornfield verlassen, und daß ich gekommen sei, um Herrn Rochester zu besuchen. Ich bat John, zu dem Chausseegeldeinnehmer zu gehen, welchem ich meinen Koffer anvertraut hatte, nachdem
ich den Wagen entlassen, und mir mein Gepäck heraufzubringen. Dann fragte ich, während ich meinen Hut und mein Tuch ablegte, ob man mich die Nacht im Hause behalten könne. Als Maria erwiderte, daß sich
dies, wenn auch nicht ohne einige Schwierigkeiten, ermöglichen ließe, beschloß ich dazubleiben. Gerade in dem Augenblicke wurde im Wohnzimmer geklingelt.
, Wenn Sie hineingehen, sagte ich, so melden Sie Ihrem Herrn, es sei Jemand da; der ihn zu sprechen wünsche, nennen Sie aber meinen Namen nicht.
, Ich glaube nicht, daß er Sie vorlassen wird, antwortete Maria, er weist Jeden zurück.
Als sie wiederkam, fragte ich, was er gesagt habe.

, Sie sollen ihm Ihren Namen und Ihr Anliegen sagen lassen, entgegnete sie. Dann füllte sie ein Glas mit Wasser, stellte es auf einen Teller und
nahm auch zwei Leuchter.
, Klingelte er Ihnen deshalb? fragte ich.
, Ja; er läßt immer Licht hereinbringen, wenn es dunkel wird, obgleich er nichts von der Helle bemerkt.
, Geben Sie mir den Teller, ich will ihn hineintragen.
Ich nahm ihn ihr aus der Hand, und sie zeigte mir die Thür zum Wohnzimmer. Der Teller zitterte in meiner Hand, das übergeschüttete Wasser lief darauf, und mein Herz klopfte mir fast hörbar in der Brust. Maria öffnete mir die Thür und machte sie hinter mir zu.
Das Zimmer sah düster und unwohnlich aus,
ein vernachlässigtes Feuer glomm in dem Kamin, und über dasselbe gebeugt, den Kopf auf das hohe, altmodische Kaminsims gestützt, stand der blinde Bewohner des Zimmers da. Sein alter Hund Pilot lag auf der einen Seite und hielt sich etwas fern, um nicht aus Versehen getreten zu werden. Pilot spitzte die Ohren, als ich hereinkam, richtete sich dann winselnd auf und sprang auf mich zu, so daß mir fast der Teller aus der Hand gefallen wäre. Als ich den Teller auf den Tisch gesetzt hatte, streichelte ich den Hund und sagte leise: Sei ruhig, Pilot! Herr Rochester wendete sich mechanisch um, als wollte er nach der Ursache des Geräusches forschen; da er aber nichts sehen konnte, wandte er den Kopf wieder ab und seufzte laut auf.
, Gib mir das Wasser, Maria, sagte er.
Ich näherte mich ihm mit dem jetzt nur noch halb gefüllten Glase. Pilot folgte mir noch immer aufgeregt.
, Was gibt's? fragte er.
, Ruhig, Pilot! sagte ich wieder. Er setzte das Glas auf dem Wege zu seinen Lippen ab und schien

zu horchen; endlich trank er und setzte das Glas wieder hin.
, Du bist es doch, Maria? fragte er.
, Maria ist in der Küche, antwortete ich.
Er streckte mit einer raschen Bewegung seine Hand aus, da er aber nicht sah, wo ich stand, so erreichte er mich nicht.
, Wer ist da? Wer ist da? fragte er in größter Spannung, und schien mit den armen, blinden Augen die ihn umgebende Nacht durchdringen zu wollen. Vergebliches, trauriges Bemühen! , Antworte mir -- rede noch einmal! befahl er gebieterisch und laut.
, Wollen Sie noch ein wenig Wasser, Herr? Ich habe die Hälfte aus dem Glase verschüttet, sagte ich.
, Wer ist es? Was geht hier vor? Wer spricht hier?
, Pilot kennt mich und John und Maria kennen mich auch, antwortete ich, ich kam erst diesen Abend.
, Großer Gott! -- Welche Täuschung hat sich meiner bemächtigt! Welch' süßer Wahnsinn hat mich erfaßt?
, Keine Täuschung -- kein Wahnsinn, Ihr Geist, mein Herr, ist zu stark, um Täuschungen zu verfallen, Ihre Gesundheit zu kräftig für den Wahnsinn.
, Und wer ist die Person, die hier redet? Ist es nur eine Stimme? O! ich kann nicht sehen, aber ich muß fühlen, oder mein Herz hört auf zu schlagen und mein Kopf zerspringt. Wer und was du auch sein magst -- berühre mich oder ich kann nicht leben!
Er tastete hastig um sich; ich ergriff seine unsichere Hand und hielt sie in der meinen.
, Ihre eigenen Finger! rief er, ihre kleinen, schlanken Finger! Wenn die hier sind, so muß auch noch mehr von ihr da sein.
Seine muskulöse Hand entriß sich der meinen, er faßte meinen Arm, meine Schulter -- meinen Hals -- meine Taille -- ich fühle mich von ihm umschlungen und an sich gezogen.

, Ist es Johanna? Oder was ist es? Dies ist ihre Gestalt -- dies ihre Größe --
, Und dies ist ihre Stimme, fügte ich hinzu.
, Sie ist ganz und gar hier und ihr Herz auch. Gott segne Sie, mein Herr! Ich bin glücklich, Ihnen wieder so nahe zu sein.
, Johanna Eyre! -- Johanna Eyre! war Alles, was er zu sagen vermochte.
, Mein theurer Herr, antwortete ich, ich bin Johanna Eyre, ich habe Sie aufgefunden -- ich bin zu Ihnen zurückgekehrt.
, In Wahrheit? -- In Fleisch und Blut? Meine lebende Johanna?
, Sie halten mich, Herr, Sie halten mich ja, und zwar fest genug. Bin ich es denn nicht?
, Mein Liebling am Leben! Dies sind ihre Glieder und dies sind gewiß ihre Züge, aber ich kann nicht so beglückt werden nach all meinem Elend. Es ist ein Traum, ein Traum, wie ich ihn oft in der Nacht hatte, wenn ich sie wieder an mein Herz zu drücken glaubte, wie jetzt. Aber ich erwachte stets und fand, daß es bittere Täuschung gewesen war; ich fühlte mich trostlos und verlassen -- mein Leben war traurig einsam und hoffnungslos -- meine Seele dürstete und es war ihr der süße Trank versagt -- mein Herz hungerte und durfte sich nimmer sättigen. Ein sanfter, milder Traum ruht jetzt in meinen Armen, doch auch er wird entfliehen, wie seine Brüder vor ihm entflohen sind; aber küsse mich, ehe du gehst -- umarme mich, Johanna.
, Ja, mein Herr, einmal -- und noch einmal!
Ich drückte meine Lippen auf seine einst so strahlenden und jetzt glanzlosen Augen, ich strich ihm das Haar aus der Stirn und küßte auch diese. Er schien plötzlich zu erwachen, die Ueberzeugung von der Wirklichkeit bemächtigte sich seiner.
, Bist du es -- du, Johanna? Du bist also zu mir zurückgekehrt?
, Ja, das bin ich.

, Und du liegst nicht todt in einem Grabe, oder auf dem Grunde eines Flusses? Du weilst nicht traurig, einsam und verlassen unter Fremden.
, Nein, Herr, ich bin jetzt völlig unabhängig.
, Unabhängig? Was meinst du damit, Johanna?
, Mein Oheim in Madeira ist gestorben, und hat mir fünftausend Pfund hinterlassen.
, Ach! das ist praktisch gesprochen -- jetzt sind wir in der Wirklichkeit! rief er. , Ich höre wieder ihre eigenthümliche Stimme, so belebend, so pikant und doch so sanft, sie erfrischt mein verwelktes Herz!
Wie, Johanna! Du bist unabhängig und reich?
, Beinahe reich, Herr. Wenn Sie nicht zugeben wollen, daß ich bei Ihnen wohne, so kann ich mir selbst ein Haus dicht nebenan bauen lassen, und Sie können kommen und bei mir im Zimmer sitzen, wenn Sie Abends Gesellschaft wünschen.
, Aber da du reich bist, Johanna, so hast du jetzt ohne Zweifel Freunde, die sich um dich bekümmern und nicht zugeben werden, daß du dich eines Blinden annimmst, wie ich einer bin?
, Ich sagte Ihnen ja, daß ich unabhängig sei, mein Herr, folglich bin ich auch meine eigene Herrin.
, Und du willst bei mir bleiben?
, Gewiß -- wenn Sie nichts dagegen haben. Ich will Ihre Nachbarin, Ihre Wärterin, Ihre Haushälterin sein. Ich finde Sie hier einsam, ich will Ihnen Gesellschaft leisten, Ihnen vorlesen, mit Ihnen ausgehen, bei Ihnen sitzen, Ihnen aufwarten, Auge und Hand für Sie sein. Sehen Sie nicht mehr so schwermüthig aus, mein lieber Herr, Sie sollen nicht
mehr verlassen sein, so lange ich lebe.
Er antwortete nicht, er schien in ernste Gedanken versunken; einmal öffnete er seine Lippen, als wollte er reden, und schloß sie dann wieder. Ich fühlte mich ein wenig verlegen. Vielleicht war ich zu dienstfertig in meinem Anerbieten gewesen, ihm Gesellschaft und Beistand zu leisten; vielleicht hatte ich zu rasch die Schranke des Herkömmlichen übersprungen, und er sah

Unschickliches in meiner Unbedachtsamkeit. Ich hatte freilich meinen Vorschlag unter der Voraussetzung gemacht, daß er mich zu seiner Gattin wünschen werde. Wenn ich der Erwartung, daß er mich sofort als sein Eigenthum reclamiren würde, auch keine Worte verliehen, so hatte ich sie deshalb nicht weniger bestimmt gehegt. Aber keine Anspielung der Art sprach er aus, und da sein Gesicht sich immer mehr verfinsterte, so begann ich zu fürchten, daß ich vielleicht, ohne es zu wissen, eine Thorheit begangen hätte. Ich wollte mich sanft aus seinen Armen losmachen, doch er ergriff mich lebhaft und hielt mich noch fester.
, Nein -- nein -- Johanna, du darfst nicht gehen. Nein -- ich habe dich angerührt, deine Stimme gehört, und das Glück deiner Gegenwart, die Süßigkeit deines Trostes gefühlt, ich kann diese Freude nicht wiederum opfern. Es ist mir wenig übrig geblieben -- ich muß dich haben, die Welt mag mich thöricht und selbstsüchtig nennen -- aber es liegt nichts daran.
Meine innerste Seele fordert dich, ihr Begehr muß erfüllt werden, oder sie sprengt ihre sterbliche Hülle.
, Nun gut, Herr, ich will bei Ihnen bleiben, ich habe es ja gesagt.
, Ja -- aber wenn du sagst, du willst bei mir bleiben, so verstehst du etwas Anderes darunter, als ich. Du könntest dich vielleicht entschließen, mir zur Hand zu sein, mir zu dienen, wie eine freundliche
kleine Pflegerin, denn du hast ein zärtliches Herz und einen edlen Geist, die dich bestimmen, denen Opfer darzubringen, die du bemitleidest. Freilich sollte mir das ohne Zweifel genügen. Ich sollte jetzt keine anderen als väterliche Gefühle für dich hegen. Nicht wahr, der Ansicht bist du auch! Komm, sage mir, was du denkst.
, Ich will denken, wie Sie es wünschen, Herr, ich bin zufrieden damit, nur Ihre Pflegerin zu sein, wenn Sie es so für besser halten.
, Aber du kannst nicht immer meine Pflegerin sein, Johanna, du bist jung -- du mußt dich einst verheiraten.

, Es liegt mir nichts am Heiraten.
, Es sollte dir aber daran liegen, Johanna. Wenn ich noch wäre, was ich einst war, so wollte ich schon machen, daß dir daran liegen sollte -- aber
als ein Blinder!
Er versank wieder in seine Schwermuth. Ich im Gegentheil wurde heiterer und faßte frischen Muth, da mir seine letzten Worte zeigten, wo die Schwierigkeit lag. Ich setzte die Unterhaltung in lebhafterem
Tone fort.
, Es ist Zeit, daß Jemand die Arbeit übernimmt, Ihnen wieder ein menschliches Aussehen zu geben, sagte ich, seine dichten und unbeschnittenen Locken von einander theilend, denn wie ich sehe, haben Sie sich langsam in einen Löwen oder dergleichen verwandelt.
Indessen muß ich Sie zunächst auf einen Augenblick verlassen, um ein besseres Feuer anmachen und den Kamin reinigen zu lassen. Können Sie es sehen wenn das Kaminfeuer hell auflodert?
, Ja, mit dem rechten Auge sehe ich einen Schimmer -- wie einen röthlichen Nebel.
, Und Sie sehen die Lichter?
, Sehr trübe -- jedes wie eine lichte Wolke.
, Sehen Sie mich?
, Nein, meine Fee, aber ich bin schon dankbar genug, wenn ich dich nur hören und fühlen kann.
, Wann speisen Sie zu Abend?
, Ich speise nie zu Abend.
, Aber heute müssen Sie es thun. Ich bin hungrig, und ich denke, Sie auch, Sie vergessen es nur.
Ich rief Maria herein und hatte bald eine bessere Ordnung im Zimmer hergestellt; auch bereitete ich ihm eine gute Mahlzeit. Mein Geist war angeregt, und mit Vergnügen sprach ich während des Abendessens mit ihm, und noch eine lange Zeit nachher. Hier gab es keinen kalten Zwang, kein Unterdrücken der Heiterkeit und Lebhaftigkeit in seiner Nähe, bei ihm war ich vollkommen unbefangen, denn ich wußte, daß es ihm gefiel, und Alles, was ich sagte oder that,

schien ihn zu trösten oder zu beleben. Herrliches Bewußtsein! In seiner Gegenwart lebte ich völlig auf und er in der meinigen. Trotz seiner Blindheit spielte ein Lächeln um sein Gesicht, Freude thronte auf seiner
Stirn, seine Züge wurden milder und weicher.
Nach dem Abendessen begann er mir manche Fragen vorzulegen, wo ich gewesen, was ich gethan und wie ich ihn aufgefunden, doch gab ich ihm nur sehr karge Auskunft, denn es war zu spät um an dem Abend noch Alles ausführlich zu erzählen. Ueberdies wünschte ich keine zu schmerzliche Saite zu berühren, keine frische Quelle der Aufregung in seinem Herzen zu öffnen; mein einziger gegenwärtiger Zweck war, ihn zu erheitern. Er wurde auch erheitert, doch immer nur auf Augenblicke. Wenn die Unterhaltung durch ein kurzes Schweigen unterbrochen wurde, wendete er sich unruhig um, berührte mich und sagte: , Johanna,
du bist doch wirklich ein menschliches Wesen? Du bist doch dessen gewiß?
, Ich glaube es ganz bestimmt, Herr Rochester.
, Aber wie konntest du an diesem dunklen und trostlosen Abend dich so plötzlich an meinem einsamen Herde einfinden? Ich streckte meine Hand aus, um ein Glas Wasser von meiner Dienerin zu nehmen, und es wurde mir von dir gereicht; ich that eine Frage und erwartete, daß Johns Frau mir antworten würde, und deine Stimme tönte in mein Ohr.
, Weil ich anstatt Marias mit dem Teller hereingekommen war.
, Und ein wahrer Zauber liegt in der Stunde, die ich jetzt mit dir verbringe. Niemand weiß, welch' ein düsteres, trauriges und hoffnungsloses Leben ich seit Monaten führte; wie ich nichts that, nichts erwartete, Tag und Nacht verwechselte und nur die Empfindung der Kälte hatte, wenn ich das Feuer aus gehen ließ, des Hungers, wenn ich zu essen vergaß, und dann zu Zeiten von einem an Wahnsinn grenzenden Verlangen, meine Johanna wiederzusehen, erfüllt wurde. Ja, sie wieder zu haben, verlangte

mich weit mehr, als nach meinem verlorenen Augenlicht. Wie kann es sein, daß Johanna bei mir ist und sagt, daß sie mich sieht? Wird sie nicht ebenso plötzlich wieder verschwunden sein, als sie kam? Morgen, fürchte ich, wird sie nicht mehr da sein.
Eine prosaische Antwort war bei seinem Gemüthszustande gewiß das Beste und Beruhigendste. Ich fuhr mit meinem Finger über seine Augenbrauen, bemerkte, daß sie versengt waren, und sagte, ich wolle etwas anwenden, wonach sie wieder ebenso stark und schwarz werden würden, als früher.
, Wozu nützt es, mir irgend einen Dienst zu erweisen, wohlthätiger Geist, wenn du in einem unheilvollen Augenblick gleich einem Schatten wieder verschwinden und mir dann für immer unerreichbar bleiben wirst?
, Haben Sie einen Taschenkamm bei sich, mein Herr?
, Wozu, Johanna?
, Nur um diese struppige, schwarze Mähne auszukämmen. Ich finde Sie in der Chat fürchterlich, wenn ich Sie in der Nähe ansehe. Wenn Sie sagen, ich sei eine Fee, so gleichen Sie um so mehr einem Kobolde.
, Bin ich denn so garstig, Johanna?
, Sehr garstig, mein Herr, Sie wissen wohl, Sie waren es immer.
, Hm! die Bosheit hast du nicht verlernt, wo du auch bisher gesteckt haben magst.
, Ich bin bei guten Leuten gewesen, die viel besser sind, als Sie, hundertmal besser; bei Leuten, die Gedanken und Ansichten hegten, die Ihnen im Leben nicht eingefallen wären, die viel feiner und gebildeter sind als Sie.
, Bei wem, zum Henker, bist du denn gewesen?
, Wenn Sie sich nicht ruhig verhalten, werde ich Ihnen Haare aus dem Kopfe reißen, und dann werden Sie wohl aufhören, an meiner wirklichen Gegenwart zu zweifeln.

, Bei wem bist du gewesen, Johanna?
, Heute Abend sollen Sie es nicht von mir herausbringen, mein Herr; Sie müssen bis morgen warten. Daß ich meine Geschichte nur halb erzähle, möge für Sie eine Art von Unterpfand sein, daß ich an Ihrem Frühstücktische erscheinen werde, um sie zu beenden. Beiläufig gesagt, werde ich mich dann nicht begnügen, nur mit einem Glase Wasser an Ihrem Kamin zu erscheinen, ich muß wenigstens ein Ei bringen, von
gekochtem Schinken gar nicht zu reden.
, Du spöttischer Balg -- von einer Fee geboren und von Menschen erzogen! Du bringst Gefühle in mir hervor, die ich seit einem Jahre nicht
empfunden. Wenn Saul dich zum David gehabt hätte, so hätte der böse Geist ohne die Hilfe der Harfe verbannt werden können.
, So mein Herr, nun sehen Sie wieder menschlich aus, und jetzt will ich Sie allein lassen, ich bin in den letzten drei Tagen weit gereist und glaube, ich bin ermüdet. Gute Nacht!
, Noch ein Wort, Johanna! Waren nur Damen in dem Hause, wo du dich aufgehalten hast?
Ich lachte und entfloh, und lachte noch, als ich die Treppe hinaufeilte.
Ein guter Einfall! dachte ich freudig. Ich sehe, ich habe das Mittel gefunden, ihn auf einige Zeit von seiner Schwermuth abzubringen.
Sehr früh am nächsten Morgen hörte ich ihn schon im Hause herumwandern und sich von einem Zimmer zum andern tappen. Als Maria herunterkam, hörte ich ihn fragen:
, Ist Miß Eyre hier? Welches Zimmer hast du ihr angewiesen? War es auch nicht feucht? Ist sie schon auf? Geh und frage sie, ob sie irgend etwas braucht, und wann sie herunterkommen will.
Ich ging hinunter, sobald ich glaubte das Frühstück für ihn bekommen zu können. Ich trat sehr leise ins Zimmer und so konnte ich ihn betrachten, ehe er meine Gegenwart bemerkte. Es war in der That

traurig zu sehen, wie körperliche Gebrechlichkeit diesen mächtigen Geist unterjocht hatte. Er saß still in seinem Stuhle, schien aber keine Ruhe zu haben und war offenbar in lebhafter Erwartung. Die Linien beständiger Traurigkeit bezeichneten vorherrschend seine Züge, und diesen die alte Lebhaftigkeit wieder zurück zu geben, lag ebenso wenig in seiner Macht, wie eine erloschene Lampe sich selbst wieder zu entzünden vermag, er mußte diesen Dienst von einem Anderen erwarten. Ich hatte froh und sorglos sein wollen, aber die Hilflosigkeit des starken Mannes rührte tief mein Herz. Dennoch redete ich ihn so heiter an, als ich konnte.
, Es ist ein schöner, sonniger Morgen, mein Herr, sagte ich. , Der Regen ist vorüber, die Sonne scheint milde und Sie sollen bald einen Spaziergang machen. Ich hatte jene Lebhaftigkeit angefacht, von der
ich eben sprach, seine Züge strahlten. , O, bist du wirklich da? komm zu mir. Du bist nicht wieder fort, nicht verschwunden, meine Himmelslerche? Ich hörte vor einer Stunde eine deiner Art hoch über dem Walde singen, aber ihr Lied war keine Musik für mich, ebenso wenig, wie die aufgehende Sonne Strahlen für mich hatte. Alle Melodie auf Erden liegt für mein Ohr in der Zunge meiner Johanna -- es ist
mir lieb, daß sie keine schweigsame ist -- und aller Sonnenschein, den ich fühlen kann, liegt in ihrer Gegenwart.
Das Wasser trat mir in die Augen, als ich dieses Geständnis seiner Abhängigkeit hörte. Es war gerade so, als wenn ein auf eine Stange gefesselter königlicher Adler genöthigt wäre, einen Sperling zu bitten,
sein Versorger zu sein. Aber ich wollte mich nicht den Thränen hingeben, ich trocknete meine Augen und beschäftigte mich mit der Bereitung des Frühstücks.
Der größte Theil des Morgens wurde in der freien Luft zugebracht. Ich führte Herrn Rochester

aus dem nassen und wilden Walde auf heitere Felder; ich beschrieb ihm, wie glänzend grün sie wären; wie erfrischt die Blumen und Hecken aussahen; wie schimmernd blau der Himmel sei. Ich suchte einen Sitz
für ihn an einer verborgenen und lieblichen Stelle auf einem trockenen Baumstamm. Auch weigerte ich mich nicht, mich von ihm, als er saß, auf sein Knie ziehen zu lassen. Warum sollte ich es auch, da wir, je näher einander, desto glücklicher waren. Pilot lag neben uns, Alles war ruhig. Plötzlich brach Rochester das Schweigen, während er mich in seine Arme drückte:
, O! wie grausam war es, mich zu verlassen! O, Johanna, was fühlte ich, als ich entdeckte, daß du von Thornfield entflohen seiest und ich dich nirgends finden konnte, als ich dein Zimmer durchsuchte und fand, daß du kein Gold mitgenommen und nichts bei dir hattest, was dir an Goldes statt dienen konnte. Das Perlenhalsband, welches ich dir gegeben, lag
unberührt in seinem kleinen Kästchen; deine Koffer hattest du verschlossen noch so zurückgelassen, wie sie zu der beabsichtigten Hochzeitsreise gepackt waren. Was kann mein Liebling anfangen, fragte ich, da er von Allem entblößt und ohne Gold ist? Und was thatest du? Laß mich das jetzt hören.
So aufgefordert, begann ich die Erzählung meiner Erlebnisse. Ich milderte meinen Bericht über die drei Tage des Umherwanderns und Hungerns sehr, weil ich ihm nur unnöthigen Schmerz verursacht hätte,
wenn ich ihm Alles erzählt haben würde. Schon das Wenige, was ich sagte, verwundete sein treues Herz tiefen, als ich es wünschte. Ich hätte ihn nicht so verlassen sollen, sagte er, ohne Mittel zum Fortkommen zu haben, ich hätte ihm meine Absicht mittheilen und ihm vertrauen sollen. So heftig er auch in seiner Verzweiflung geschienen, habe er mich doch in Wahrheit zu innig und zärtlich geliebt, um mein Tyrann zu werden; er hätte mir sein halbes Vermögen gegeben, ohne auch nur einen Kuß dafür zu verlangen;

lieber, als daß ich mich freudlos in die weite Welt gestürzt hätte. Er sei gewiß, ich habe viel mehr gelitten, als ich ihm bekennen wolle.
, Nun gut, antwortete ich, welcher Art auch meine Leiden und Entbehrungen gewesen sein mochten, sie waren wenigstens von kurzer Dauer.
Hierauf erzählte ich ihm, wie ich in Moor-House aufgenommen worden, wie ich die Stelle als Schullehrerin erhalten u. s. w. Die Erbschaft und die Entdeckung meiner Verwandten folgten in gehöriger Ordnung. Natürlich kam der Name meines Vetters Saint John Rivers häufig in meiner Erzählung vor. Als ich zu Ende war, wurde dieser Name sogleich aufgegriffen.
, Dieser Saint John ist also dein Vetter?
, Ja.
, Gefiel er dir?
, Er ist ein sehr guter Mann, mein Herr; er mußte mir wohl gefallen.
, Ein guter Mann? Meinst du damit einen respectablen, achtungswerthen Mann von fünfzig Jahren?
, Saint John ist erst neunundzwanzig Jahre alt, mein Herr.
, Also noch jung. Ist er phlegmatisch und gewöhnlich? Ist er ein Mann, dessen Güte mehr in seiner Reinheit vom Laster, als in seinem Eifer für
die Tugend besteht?
, Er ist unermüdlich thätig. Große und erhabene Thaten sind es, die er zu vollbringen wünscht.
, Ist er ein talentvoller Mann?
, Saint John ist ein hervorragender und gründlich gebildeter Gelehrter.
, Aber mich dünkt, du sagtest, sein Benehmen sei nicht nach deinem Geschmack -- zudringlich und salbungsvoll?
, Ich sprach durchaus nicht von seinem Benehmen, aber ich müßte einen sehr schlechten Geschmack haben, wenn es mir nicht gefiele, denn es ist gebildet, ruhig und vornehm.

, Sein Aeußeres -- ich vergaß, welche Beschreibung du mir von seinem Aeußeren machtest -- ein unbeholfener Landpfarrer, der in seiner weißen Cravatte halb erstickt und auf seinen dicksohligen Stiefeln wie auf Stelzen geht, was?
, Saint John ist immer gut gekleidet. Er ist ein schöner Mann, groß und blond, mit blauen Augen und einem griechischen Profil.
, Zum Henker mit ihm, brummte Rochester. , Gefiel er dir, Johanna? fügte er laut hinzu.
, Ja, er gefiel mir, aber das haben Sie mich schon einmal gefragt.
Ich bemerkte natürlich schon lange, was in dem Fragesteller vorging. Eifersucht hatte sich seiner bemächtigt und quälte ihn; aber die Qual war ein Heilmittel gegen die an ihm nagende Schwermuth. Ich wollte ihn daher auch nicht sofort von jener Leidenschaft befreien.
, Vielleicht sitzen Sie nicht gern länger auf meinem Knie, Miß Eyre? war die nächste, etwas unerwartete Bemerkung.
, Warum nicht, Herr Rochester?
, Das Bild, welches Sie mir soeben entworfen haben, muß Ihnen den überwältigenden Contrast noch deutlicher vor Augen führen. Ihre Worte haben einen Apoll auf das anmuthigste gezeichnet; er steht Ihnen
sehr lebhaft vor Augen -- schlank, bleich, blaue Augen, griechisches Profil! Und jetzt ruhen Ihre Augen auf einem Vulkanus -- einem wahren Grobschmied, braun, breitschulterig und obendrein noch blind.
, Daran habe ich bis jetzt noch nicht gedacht, aber Sie gleichen in der That dem Vulkanus, mein Herr.
, Gut -- Sie können mich jetzt verlassen, mein Fräulein; doch ehe Sie gehen? -- und er hielt mich fester als je -- werden Sie so gut sein, mir eine oder zwei Fragen zu beantworten.
, Welche Fragen, Herr Rochester?
, Saint John machte Sie zur Schullehrerin in Morton, ehe er wußte, daß Sie seine Cousine waren?

, Ja.
, Sie sahen ihn oft? Er besuchte die Schule zuweilen?
, Täglich.
, Er entdeckte Vieles in Ihnen, was er nicht zu finden erwartet? Einige von Ihren Talenten sind nicht gewöhnlich.
, Ich weiß nichts davon.
, Sie bewohnten ein kleines Haus neben der Schule, sagen Sie; besuchte er Sie jemals dort?
, Ein- oder zweimal.
Hier trat eine Pause ein.
, Wie lange hielten Sie sich bei ihm und seinen Schwestern auf, nachdem die Verwandtschaft entdeckt war?
, Fünf Monate.
, Brachte Rivers viel Zeit bei seinen Schwestern?
, Ja, das Wohnzimmer war zugleich sein und unser Studierzimmer, er saß am Fenster und wir am Tische.
, Studierte er viel?
, Sehr viel.
, Was?
, Die hindostanische Sprache.
, Was thaten Sie indessen?
, Ich lernte Anfangs die deutsche Sprache.
, Unterrichtete er Sie darin?
, Er verstand nicht Deutsch.
, Unterrichtete er Sie denn in nichts?
, Ein wenig in der hindostanischen Sprache.
, Rivers unterrichtete Sie in der hindostanischen Sprache?
, Ja, mein Herr.
, Was sollte Ihnen das Hindostanische nützen?
, Er wollte, daß ich mit ihm nach Indien gehen sollte.
, Ah! da haben wir den Kern von der Sache. Er wollte, Sie sollten ihn heiraten?

, Er forderte mich auf, ihn zu heiraten.
, Das ist eine Lüge -- eine unverschämte Erfindung, um mich zu ärgern.
, Ich bitte um Verzeihung, es ist die buchstäbliche Wahrheit, er machte mir mehr als einmal den Antrag und war in dieser Hinsicht so dringend, wie Sie es nur je sein konnten.
, Miß Eyre, ich wiederhole es, Sie können mich verlassen. Wie oft soll ich es sagen? Warum bleiben Sie so beharrlich auf meinem Knie sitzen, da ich Ihnen doch schon gesagt habe, daß Sie aufstehen können?
, Weil ich mich hier sehr wohl fühle.
, Nein, Johanna, du fühlst dich nicht wohl hier, weil dein Herz nicht bei mir ist, sondern bei diesem Vetter -- diesem Saint John. O! bis zu diesem
Augenblick glaubte ich, meine kleine Johanna wäre ganz mein! Ich glaubte, sie liebe mich noch, und selbst als sie mich verließ, war dieser Glaube ein Atom von Süßigkeit in meinem bitteren Leidenskelch.
So lange wir auch getrennt gewesen, so heiße Thränen ich auch über unsere Trennung geweint, so dachte ich doch nie, daß Sie, während ich Sie betrauerte, einen Anderen liebten. Aber was nützt mein Jammern.
Verlassen Sie mich, Johanna, gehen Sie und heiraten Sie Rivers.
, Dann stoßen Sie mich fort, mein Herr, stoßen Sie mich fort! Aus eigenem Antriebe verlasse ich Sie nicht.
, Johanna, wie liebe ich den Laut deiner Stimme noch! Er erneuert meine Hoffnung und klingt so wahr. Wenn ich ihn höre, versetzt er mich ein Jahr zurück. Ich vergesse, daß du ein neues Band geschlossen. Aber ich bin kein Thor -- gehe --
, Wohin soll ich gehen, mein Herr?
, Ihren eigenen Weg -- mit dem Gemahl, den Sie gewählt.
, Wer ist das?
, Sie wissen es ja -- dieser Saint John Rivers.

, Er ist nicht mein Gatte und er wird es auch nie werden. Er liebt mich nicht, und ich liebe ihn nicht. Er liebt, so sehr er lieben kann, eine schöne, junge Dame, Namens Rosamunde. Er wollte mich nur heiraten, weil er glaubte, ich würde zur Gattin eines Missionärs besser passen, als jene. Er ist gut, aber streng und mir gegenüber kalt wie ein Eisberg. Er ist nicht wie Sie, mein Herr; ich fühle mich nicht glücklich in seiner Nähe. Er hat keine Nachsicht mit mir -- keine Zärtlichkeit für mich. Er sieht nichts Anziehendes in mir, als einige nützliche, geistige Fähigkeiten. Muß ich Sie also verlassen, Herr, um zu ihm zu gehen?
Unwillkürlich überlief mich ein Schauder und ich hing mich instinctmäßig fester an meinen blinden, aber geliebten Herrn. Er lächelte.
, Wie, Johanna! ist dies wahr Steht die Sache wirklich so zwischen dir und Rivers?
, Ganz so, mein Herr. O! Sie dürfen nicht eifersüchtig sein! Ich wollte Sie nur ein wenig reizen, ich dachte, der Zorn würde Ihnen heilsamer sein, als der Kummer. Aber wenn Sie wünschen, daß ich Sie liebe, und wenn Sie nur sehen könnten, wie sehr ich Sie liebe, so würden Sie stolz und zufrieden sein. Mein ganzes Herz gehört Ihnen, mein Herr, und Ihnen würde es gehören, auch wenn das Schicksal mich auf immer aus Ihrer Nähe verbannte.
Als er mich küßte, wurde sein Gesicht wieder von schmerzlichen Gedanken verdunkelt.
, Meine unglückliche Blindheit! murmelte er traurig.
Ich liebkoste ihn, um ihn zu beruhigen. Ich wußte, woran er dachte, und hätte es an seiner Stelle aussprechen mögen, doch ich wagte es nicht. Als er sein Gesicht auf eine Minute abwendete, sah ich eine Thräne unter dem geschlossenen Augenlid hervordringen und über seine gebräunte Wange niederrollen. Mein Herz klopfte laut und heftig.
, Ich bin nichts Besseres, als der alte, vom Blitz getroffene Kastanienbaum im Garten zu Thornfield, sagte er endlich. , Und welches Recht würde ich haben, dich zu bitten, meinen Verfall mit deiner
Frische zu schmücken?
, Sie sind kein todter Baumstumpf, keine Ruine, mein Herr. -- Sie sind noch grün und kräftig.
Er lächelte wieder, das Wort hatte ihm Trost gewährt.
, Ach, Johanna, aber ich bedarf einer Gattin.
, Wirklich, mein Herr?
, Ja, überrascht dich das?
, Gewiß, denn Sie sagten bis jetzt nichts davon.
, Hörst du das nicht gern?
, Das hängt von Umständen ab, mein Herr -- von Ihrer Wahl.
, Welche Wahl würdest du für mich treffen, Johanna? Ich will es auf deine Entscheidung ankommen lassen.
, So wählen Sie die, welche Sie am meisten liebt.
, Ich will wenigstens die wählen, die ich am meisten liebe. Johanna, willst du mich heiraten?
, Ja, mein Herr.
, Einen armen blinden Mann, den du an der Hand umherführen mußt?
, Ja, mein Herr.
, Ist es dein Ernst, Johanna?
, Mein voller Ernst, Herr.
, O! mein Liebling ! Gott segne und belohne dich!
, Herr Rochester, wenn ich je im Leben etwas Gutes that -- wenn ich je einen guten Gedanken hegte -- wenn ich je ein aufrichtiges Gebet verrichtete -- wenn ich je einen gerechten Wunsch hatte -- so bin ich jetzt belohnt. Ihre Gattin zu werden, heißt für mich so glücklich sein, als ich es auf Erden nur sein kann.
, Weil du Vergnügen daran findest, ein Opfer zu bringen?
, Opfer! was opfere ich denn auf? Das Vorrecht zu haben, meine Arme um das zu schlingen, was ich

werth halte -- meine Lippen auf das zu drücken, was ich liebe, heißt das ein Opfer bringen? Wenn dem so ist, dann bin ich allerdings glücklich, Opfer bringen zu können.
, Und meine Schwächen zu tragen, meine Mängel zu übersehen?
, Welche für mich nicht existiren, mein Herr. Ich liebe Sie jetzt mehr, da ich Ihnen wahrhaft nützlich bin, als in Ihrem Zustande stolzer Unabhängigkeit, wo Sie jede andere Rolle als die des Gebers und Beschützers zurückwiesen.
, Bisher war es mir verhaßt, mir helfen und mich führen zu lassen, jetzt wird es mir nicht mehr verhaßt sein. Ich legte meine Hand nicht gern in die eines Dieners, aber es ist angenehm, sie von Johanna's kleinen Fingern umschlossen zu fühlen. Das zog die äußerste Einsamkeit der beständigen Gegenwart der Diener vor; aber Johanna's beständige Pflege wird eine ununterbrochene Freude für mich sein. Johanna ist mir angenehm, bin ich ihr auch angenehm?
, Sympathisch bis in die zarteste Fiber meines Ich, mein Herr!
, Da die Sache so steht, so haben wir auf Nichts in der Welt mehr zu warten.
Die alte Lebhaftigkeit zeigte sich in seinem Ausdruck und in seinen Worten, sein früheres Ungestüm war zurückgekehrt.
, Wir müssen ohne Aufschub eins werden, Johanna, wir haben nur um die obrigkeitliche Erlaubnis nachzusuchen -- und dann verheiraten wir uns --
, Herr Rochester, soeben bemerke ich, daß die Sonne schon längst ihren Höhepunkt überschritten hat, und Pilot hat schon den Rückweg angetreten, um sein Mittagessen nicht zu versäumen. Lassen Sie mich nach Ihrer Uhr sehen.
, Befestige sie an deinem Gürtel, Hannchen, und behalte sie von jetzt an, ich bedarf ihrer nicht.
, Es ist beinahe vier Uhr Nachmittags, Herr fühlen Sie keinen Hunger?

, Der dritte Tag von heute an muß unser Hochzeitstag sein, Johanna. Denke nur, ich trage dein kleines Perlenhalsband in diesem Augenblick
um meinen braunen Hals unter meinem Halstuch!
Ich habe es immer getragen seit dem Tage, wo ich meinen einzigen Schatz verlor, als Andenken an dich.
, Wir wollen durch den Wald nach Hause gehen, das wird der schattigste Weg sein.
Er fuhr in seinem Gedankengange fort, ohne auf mich zu achten.
, Johanna, ich denke, du hältst mich für einen Kerl ohne Religion, aber mein Herz schwillt gerade jetzt von Dankbarkeit gegen den gütigen Gott. Er sieht nicht, wie Menschen sehen, sondern viel klarer, er urtheilt nicht, wie Menschen urtheilen, sondern viel weiser. Ich hatte unrecht, ich wollte meine unschuldige Blume beflecken, ihre Reinheit mit Schuld belasten; der Allmächtige entriß sie mir. In meiner halsstarrigen Widersetzlichkeit verfluchte ich fast die Fügung, anstatt mich ihr zu beugen. Doch die göttliche Gerechtigkeit verfolgte ihren Weg; das Mißgeschick drückte mich fast zu Boden, ich war genöthigt, durch das Thal der Schatten des Todes zu gehen. Gottes Züchtigungen sind mächtig, und eine traf und demüthigte mich auf immer. Du weißt, ich war stolz auf meine Stärke, aber was ist sie jetzt, wenn ich sie fremder Zeitung überlassen muß? In der letzten Zeit, Johanna -- erst in der letzten Zeit -- begann ich die Hand Gottes in meinem Unglück zu sehen und anzuerkennen; ich empfand Reue und fühlte das Verlangen der
Aussöhnung mit meinem Schöpfer. Ich fing zuweilen an zu beten, sehr kurze Gebete waren es, aber sehr aufrichtig. Erst vor einigen Tagen -- ja ich kann sie zählen, es sind vier -- es war in der Nacht am letzten Montag -- befiel mich eine seltsame Stimmung; an Stelle der Wuth und des Wahnsinns trat die Schwermuth, an Stelle des Trotzes der Schmerz. Lange schon war die Ueberzeugung in mir wach geworden, da ich dich nirgends finden

konnte, müßtest du todt sein. Spät an jenem Abend -- vielleicht zwischen elf und zwölf Uhr -- flehte ich, ehe ich mich auf mein trostloses Lager zur Ruhe legte, inbrünstig zu Gott, wenn es ihm gefalle, so möge er mich bald aus diesem Leben nehmen und in jene künftige Welt versetzen, wo ich die Hoffnung hatte, Johanna wiederzusehen. Ich war in meinem Zimmer und saß am geöffneten Fenster, es beruhigte mich, die balsamische Nachtluft zu athmen, obgleich ich keine Sterne sehen konnte und nur die Gegenwart des Mondes wie einen undeutlichen leuchtenden Nebel wahrnahm. Ich sehnte mich nach dir, Johanna! ich sehnte mich nach dir mit Leib und Seele! Ich fragte Gott in Angst und Demuth, ob ich noch nicht lange genug verlassen, trostlos und gequält gewesen sei, ob ich denn niemals wieder Glück und Frieden finden solle. Ich gestand zu, daß ich Alles verdient, was ich erduldet habe, aber daß ich kaum noch mehr ertragen könne; und der Anfang und das Ende der
Wünsche meines Herzens kam unwillkürlich von meinen Lippen in den Worten: Johanna! Johanna! Johanna!
, Sprachen Sie diese Worte laut?
, Das that ich, Johanna. Wenn mich Jemand gehört hätte, würde er mich für verrückt gehalten haben, mit so wahnsinniger Kraft rief ich sie in die
Nacht hinaus.
, Und es war am letzten Montag Abend, nicht lange vor Mitternacht?
, Ja, aber die Zeit ist von keiner Bedeutung was darauf folgte, ist das Seltsame an der Sache.
Du wirst mich für abergläubisch halten -- einigen Aberglauben habe ich in meinem Blut und hatte ihn stets; dennoch ist es wahr, was ich jetzt erzähle.
Als ich Johanna! Johanna! Johanna! rief, da antwortete mir eine Stimme -- ich kann nicht sagen, woher sie kam, aber ich wußte, wessen Stimme es war:, Ich komme! Warte auf mich! und im nächsten Augenblick trug der Wind flüsternd noch die

Worte zu mir: , Wo bist du -- Ich will dir, wenn ich es vermag, die Idee und das Bild schildern, welche diese Worte meinem Geiste eröffneten; doch ist es schwierig auszudrücken, was ich ausdrücken möchte. Ferndean liegt, wie du siehst, tief im Walde begraben, wo der Schall gedämpft wird und ohne Echo dahinstirbt. , Wo bist du? schien zwischen Bergen gesprochen zu werden; denn ich hörte das Echo der Hügel die Worte wiederholen. Kühler und frischer schien in dem Augenblick der Wind meine Stirn zu berühren, ich hätte mir beinahe einbilden können, daß ich und Johanna uns an einem wilden, einsamen Orte wiedergefunden.
Im Geiste, glaube ich, müssen wir einander begegnet sein. Du, Johanna, lagst ohne Zweifel in unbewußtem Schlafe, vielleicht entwandt sich deine Seele ihrer Hülle, um die meinige zu trösten, denn es war deine
Stimme -- so wahr ich lebe, es war deine Stimme!
Es war am Montag Abend kurz vor Mitternacht, als auch ich den geheimnisvollen Ruf vernahm; es waren dieselben Worte, womit ich ihn beantwortet. Ich horchte auf Herrn Rochester's Erzählung, machte
meinerseits aber keine Enthüllung. Das Zusammentreffen erschien mir zu erhaben und unerklärlich, um besprochen zu werden. Wenn ich etwas verrathen hätte, so würde dies nothwendigerweise einen tiefen Eindruck auf das Gemüth meines Zuhörers hervorgebracht haben, und da dieses Gemüth schon schwer gelitten hatte, so wollte ich ihm die Erschütterung, welche das Uebernatürliche stets ausübt, ersparen.
Ich behielt diese Dinge also für mich und erwog sie in meinem Herzen.
, Du kannst dich also jetzt nicht wundern, fuhr mein Herr fort, daß ich, als du mir in der letzten Nacht so unerwartet erschienst, nur schwer glauben konnte, daß du etwas Anderes seiest, als eine bloße Stimme, die in Schweigen und Nichts zurücksinken werde, wie zuvor das mitternächtliche Geflüster und das Echo des Gebirges dahingestorben war. Gott sei

Dank! ich weiß jetzt, daß es anders ist. Ja, Gott sei Dank!
Er hob mich von seinem Knie, stand auf, nahm andächtig seinen Hut ab, neigte seine geblendeten Augen zur Erde und stand in stummer Anbetung da.
Nur die letzten Worte seines Gebetes waren hörbar.
, Ich danke dir, mein Schöpfer, daß du mir mitten in deinem Zorn Gnade gesendet hast. Ich flehe demüthig meinen Erlöser an, mir Stärke zu
geben, hinfort ein reineres Leben zu führen, als ich bisher gethan!
Dann streckte er seine Hand, nach mir aus. Ich faßte diese theure Hand, erhob sie auf einen Augenblick zu meinen Lippen und legte sie dann auf meine Schulter, denn da ich viel kleiner war als er, diente ich ihm zugleich als Stütze und Führerin. Wir traten in den Wald und gingen heimwärts.

Neununddreißigstes Capitel.

Ich wurde mit Rochester getraut. Es war eine stille Trauung, nur er und ich, der Prediger und der Kirchendiener waren anwesend. Als wir aus der Kirche zurückkamen, trat ich in die Küche des Herrenhauses, wo Maria das Mittagsmahl bereitete und John Messer putzte, und sagte:
, Maria, ich bin diesen Morgen mit Herrn Rochester getraut worden.
Die Haushälterin und ihr Mann gehörten Beide jener anständigen, phlegmatischen Menschenclasse an, denen man zu jeder Zeit eine außerordentliche Nachricht mittheilen kann, ohne Gefahr zu laufen, einen durchdringenden Schrei zu hören und dann von einem Wortstrom der Verwunderung betäubt zu werden.
Maria blickte auf und starrte mich an, der Löffel, womit sie ein Paar junge Hühner, die sie eben über dem Feuer briet, mit Fett begoß, blieb etwa drei Minuten in der Luft schweben, und fast ebenso lange

hatten John's Messer vor dem Putzen Ruhe; dann aber beugte sich Maria wieder über ihren Braten und sagte nur: , Ei wirklich, Miß? Nun, das ist schön!
Bald darauf fügte sie hinzu:
, Ich sah Sie mit dem Herrn fortgehen, wußte aber nicht, daß Sie zur Trauung in die Kirche gingen.
Und sie setzte ihr Geschäft fort. Als ich mich zu John wendete, grinste er mich freundlich an.
, Ich sagte Maria schon früher, wie es kommen würde, bemerkte er, ich wußte, was Herr Eduard -- John war ein alter Diener und hatte seinen Herrn noch als jüngeren Sohn des Hauses gekannt, daher nannte er ihn oft bei seinem Taufnamen -- ich wußte, was Herr Eduard im Sinne führte, und war auch gewiß, daß er nicht lange damit warten würde,
und er hat Recht gethan, so viel ich beurtheilen kann.
Ich wünsche Ihnen Glück, Miß! Dabei zupfte er ehrerbietig an seiner Stirnlocke. , Ich danke Ihnen, John. Herr Rochester sagte mir, ich sollte Ihnen und Maria dies geben.
Ich legte eine Fünfpfundnote in seine Hand und entfernte mich.
Als ich später an der Küche vorüberging, vernahm ich die Worte:
, Sie wird besser für ihn passen, als irgend eine von den großen Damen. Und dann die Antwort:
, Sie ist keine von den Schönsten, aber ohne Fehl und sehr gutmüthig, und in seinen Augen ist sie sehr schön.
Ich schrieb sogleich nach Moor-House und Cambridge, berichtete, was ich gethan, und erklärte auch ausführlich, warum ich so gehandelt hatte. Diana und Maria billigten ohne Rückhalt meinen Schritt.
Diana meldete mir, sie wolle nur erst die Flitterwochen vorüber gehen lassen und mich dann besuchen.
, Es wäre besser, sie wartete nicht so lange, Johanna, sagte Rocsester, als ich ihm ihren Brief vorlaß, wenn sie warten will, wird sie zu spät kommen, denn unsere Flitterwochen werden so lange währen wie
unser Leben und erst mit dem Tode enden.

Wie Saint John die Nachricht aufnahm, weiß ich nicht, denn er beantwortete meinen Brief nicht, worin ich ihm meine Verheiratung mittheilte; sechs Monate später aber schrieb er an mich, doch ohne
Rochester's Namen zu nennen oder meine Verbindung zu erwähnen. Sein Brief war ruhig und freundlich, doch sehr ernst. Wir haben seitdem eine regelmäßige, obgleich nicht häufige Correspondenz geführt, er hofft, ich sei glücklich, und hegt das Vertrauen, ich sei keine von denen, die ohne Gott in der Welt leben und sich nur um irdische Dinge kümmern.
Du wirst doch die kleine Adele nicht ganz vergessen haben, lieber Leser? Ich wenigstens hatte sie nicht vergessen und erbat und erhielt bald die Erlaubnis von Rochester, sie in dem Institut zu besuchen, wo sie untergebracht war. Ihre unbändige Freude bei meinem Anblick rührte mich auf's Tiefste. Sie sah blaß und abgemagert aus und gestand mir, daß sie sich nicht glücklich fühle. Ich fand die Ordnung in dem Institut zu strenge und die Forderungen für ein Kind ihres Alters zu schwer und nahm sie deshalb mit nach Hause. Ich wollte wieder ihre Erzieherin werden; doch fand ich, daß sich dies nicht thun ließ, da meine Zeit und meine Sorge von einem Anderen in Anspruch genommen wurden -- mein Gatte bedurfte ihrer. So suchte ich denn für Adele ein Institut von milderem System auf, das nahe genug gelegen war, um sie oft besuchen und sie zuweilen nach Hause holen zu können. Ich trug Sorge, daß es ihr nie an Etwas fehlte, was zu ihrer Zufriedenheit beitragen konnte; sie befand sich an ihrem neuen Aufenthaltsorte wohl und machte gute Fortschritte. Als sie heranwuchs, beseitigte eine gesunde englische Erziehung ihre französischen Mängel, und als sie die Schule verließ, fand ich in ihr eine angenehme und gefällige Gesellschafterin, sie war sanft, gutmüthig und hatte strenge Grundsätze. Durch ihre dankbare
Anhänglichkeit an mich hat sie mir längst jede kleine Gefälligkeit vergolten.

Meine Erzählung nähert sich ihrem Ende; nur noch ein Wort über meine Erfahrungen in der Ehe und einen kurzen Blick auf das Geschick derjenigen, deren Namen am häufigsten in dieser Erzählung genannt wurden; dann bin ich zu Ende.
Ich bin jetzt zehn Jahre verheiratet. Ich weiß, was es heißt, gänzlich für das und mit dem zu leben, was man auf dieser Welt am liebsten hat. Ich halte mich für außerordentlich glücklich -- mehr als es die Sprache ausdrücken kann, weil ich ebenso sehr meines Gatten Leben bin, wie er das meinige ist. Kein Weib stand ja ihrem Ehegenossen näher als ich, keine war je so ganz Blut von seinem Blute und Fleisch von seinem Fleisch. Ich werde der Gesellschaft meines Eduard nicht müde, er nicht der meinigen. Ich glaube, wir sprechen den ganzen lieben Tag hindurch, denn mit einander zu sprechen, ist nur ein belebteres und
hörbares Denken. All mein Vertrauen ist auf ihn gesetzt; all sein Vertrauen ist mir geweiht, unsere Charaktere passen zu einander und vollkommenste Uebereinstimmung ist das Resultat davon.
Rochester blieb die ersten beiden Jahre unserer Ehe blind; vielleicht war es dieser Umstand, der uns einander so nahe brachte und uns so unauflöslich verband, denn ich war damals sein Augenlicht. Im
buchstäblichen Sinne des Wortes war ich, wie er mich oft nannte, der Apfel seines Auges. Er sah die Natur, er las die Bücher durch mich, und nie wurde ich müde, für ihn zu sehen und den Eindruck in Worte zu kleiden, welchen die Landschaft vor uns, die Felder und Bäume, Stadt und Strom, Wolke und Sonnenstrahlen, Wind und Wetter auf mich
machten, und durch den Klang seinem Ohre zuzuführen, was das Licht seinem Auge nicht mittheilen konnte. Nie wurde ich müde, ihm vorzulesen, ihn zu führen, wohin er zu gehen wünschte, zu thun, was
er gethan wünschte. Und so traurig es war, daß er dieser Dienstleistungen bedurfte, so machten sie mir doch eine außerordentliche Freude, weil er sie ohne

quälende Scham, ohne drückende Demüthigung von mir verlangte. Er liebte mich so wahr, daß er kein Widerstreben kannte, sich meiner Hilfe zu bedienen; er fühlte, ich liebe ihn so zärtlich, daß er meine liebsten
Wünsche erfüllte, wenn er meinen Beistand annahm.
Eines Morgens nach Verlauf von zwei Jahren, als ich einen Brief nach seinem Dictat schrieb, kam er, neigte sich über mich und sagte: ,Johanna, hast du nicht einen schimmernden Schmuck um den Hals? Ich trug eine goldene Uhrkette und antwortete: , Ja.
, Und hast du ein blaßblaues Kleid an?
So war es. Er sagte mir, es scheine ihm seit Kurzem, als ob die Dunkelheit, die sein Auge umwölke, sich erhelle. Jetzt sei er dessen gewiß. Wir reisten nach London. Er zog einen berühmten Augenarzt zu Rathe, und das eine Auge erlangte wirklich seine Sehkraft wieder. Er sieht noch jetzt nicht sehr deutlich, er kann nicht viel lesen, oder schreiben; doch findet er seinen Weg, ohne bei der Hand geführt zu
werden, der Himmel ist nicht mehr ein leerer Raum, die Erde nicht mehr eine Einöde für ihn. Als man ihm seinen Erstgeborenen in die Arme legte, konnte er sehen, daß der Knabe seine Augen geerbt, wie sie
einst gewesen -- groß, glänzend und schwarz. Bei dieser Gelegenheit erkannte er wieder mit vollem Herzen an, daß Gott sein strenges Gericht durch Gnade gemildert habe. Wir sind glücklich, umsomehr, da die, welche wir am meisten lieben, es auch sind. Diana und Maria Rivers haben sich Beide verheiratet, sie besuchen uns oft und wir sie. Diana's Gatte ist Capitän in der Marine, ein tapferer Officier und ein guter Mensch. Maria's Gatte ist Geistlicher, ein Universitätsfreund ihres Bruders; seine Vorzüge und seine Grundsätze machen ihn seiner trefflichen Gattin durchaus würdig. Capitän Fitzjames und Herr Wharton
lieben ihre Frauen und werden von ihnen geliebt. Saint John River's verließ England und ging nach Indien. Fest, getreu und begeistert, voll Eifer, Kraft und Wahrheit arbeitet er für das Menschengeschlecht, bahnt den mühsamen Weg zu dessen Veredlung und gleich einem Riesen schmettert er die Hindernisse zu Boden, welche Vorurtheile des Unglaubens ihm entgegenstellen. Er mag noch jetzt strenge, vielfordernd und ehrgeizig sein, aber seine Strenge ist die des Kriegers, der seine Pilgerschaar vor dem Angriff wilder Horden schützt. Seine Forderung ist die des Heilands, wenn er sagt: , Wer mir angehören will, verleugne sich selbst, nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach. Sein Ehrgeiz ist der eines erhabenen Geistes, der einen Platz erstrebt in der ersten Reihe
derjenigen, die das Irdische abgeschüttelt haben und furchtlos vor Gottes Throne stehen.
Saint John ist unvermählt geblieben. Seine eigene Kraft hat für seine Anstrengung ausgereicht, doch die letztere nähert sich ihrem Ende, seine glänzende Sonne eilt ihrem Untergange zu. Der letzte Brief, den ich von ihm erhielt, entlockte meinen Augen menschliche Thränen und erfüllte mein Herz mit himmlischer Freude. Er sieht seiner sicheren Belohnung, seiner unvergänglichen Krone entgegen. Ich weiß, daß mir
das nächstemal eine fremde Hand schreiben und mir melden wird, der gute und getreue Diener sei endlich zu der Freude seines Herrn berufen worden. Keine Furcht vor dem Tode wird Saint John's letzte Stunde
trüben, sein Geist wird frei, sein Herz unerschrocken, sein Glaube unerschütterlich sein.
, Mein Herr und Gott, schreibt er, hat mir die Botschaft geschickt. Täglich verkündet er mir deutlicher: , Gewiß, ich komme bald! und stündlich antworte ich Ihm sehnsuchtsvoller: , So komm, Jesus
Christus! in Ewigkeit, Amen.

Ende.