hier fort . . . . ” Mama las Agathe den Brief vor und sah sie liebevoll an . Ein mattes Lächeln blieb auf den abgezehrten , scharf und schmal gewordenen Zügen der Kranken . — — Nun hatte sie auch diese Prüfung bestanden . . . Sie fühlte sich stark in aller Schwäche — sie hatte seinen Namen gehört und nach dem ersten Augenblick , in dem es ihr gewesen war , als sinke sie mit ihrem Lager hinab in ein dunkles kaltes Wasser , war sie ruhig geblieben . Gott sei Dank — kein Neid und kein Haß auf die Daniel war mehr in ihr — und auch keine Hoffnung und kein Wunsch . Wie das gut that . Auch das Glück war doch im Grunde Schmerz gewesen . Ob sie noch viel leiden würde ? So leicht konnte das Sterben doch nicht sein ? Sie mußte jetzt oft darüber nachdenken , besonders in der Nacht , wenn sie stundenlang nicht schlief . Es mußten noch Kämpfe kommen . Sie wollte mutig sein . Nach den heftigen Anfällen , die sie niedergeworfen hatten , war der Husten fast verschwunden . Aber in einer Nacht , als Mama ihr zu trinken gab , weil der Mund ihr sehr trocken war , fiel er sie plötzlich wieder an . Sie setzte sich aufrecht . Ach , war das ein Schrecken . Keuchend rang sie mit dem Feinde , der sie schüttelte und ihr die Brust schmerzlich zerriß . Die Luft ging pfeifend durch ihren Hals — sie schlug mit den Armen um sich in der Erstickungsnot — ihre Mutter hielt sie aufrecht und wischte ihr , tief seufzend , die vom kalten Schweiß genäßte Stirn . Der Regierungsrat kam , eilig und flüchtig bekleidet , aus dem Nebenzimmer . “ Mein Kind — mein Kind — was ist denn nur geschehen ? ” “ Laßt mich doch sterben , ” keuchte Agathe . “ Laßt mich doch sterben — es ist ja bald vorüber . O Gott ! O mein Gott ! ” Jetzt hielt der Vater sie , die Mutter sank vor dem Bett auf die Knie , faßte ihre Hände und küßte sie mit lautem , leidenschaftlichem Schluchzen . “ Nein — nein ” — ächzte sie dabei , “ Du darfst nicht — Du darfst nicht sterben . Das wirst Du uns doch nicht anthun — das kann doch der liebe Gott nicht geschehen lassen . . . . ” Und als sei es ihr möglich , dem Tode zu trotzen , wenn sie nur wollte , flehte nun auch ihr Vater , vor Angst aller Vernunft beraubt , sie an , bei ihnen zu bleiben . “ . . . Wir haben Dich ja so lieb — Du weißt es ja gar nicht — alles — alles wollen wir Dir zuliebe thun . . . . Werde doch nur wieder gesund — mein süßes Kind — wie sollen wir denn nur leben . . . Wir können Dich ja nicht entbehren . . . . ” — Nein — sie hatte es nicht gewußt — hatte den wilden Schmerz , die stürmische Zärtlichkeit nicht vorausgesehen . Das war ein Kampf — ein entsetzlicher , der ihr die Seele zerriß , während die Brust nach Atem rang . Sie glaubte , es müsse wieder ein Blutstrom quillen und ihre Qual enden . Aber es löste sich nur ein zäher Schleim , und dann beruhigte sich der Anfall . Sie war seelisch tief erregt , und von dem Schweiß der Schwäche übergossen , mit strömenden Thränen bat sie Papa und Mama , ihr den Abschied nicht so schwer zu machen — sie möchte ja so gerne sterben , und es wäre ja gut so . Und sie hätten ja doch noch Walter und Eugenie , Eugenie würde ihnen auch eine gute Tochter sein . Endlich schlief sie sitzend , die Arme um ihres Vaters Hals geschlungen , den Kopf an seine Schulter gelehnt , vor Erschöpfung ein . Und er hielt sie so , wohl eine Stunde lang . Als sie aufwachte , sah sie aus verworrenen Träumen beim Schein des Nachtlichtes noch immer die beiden Gesichter angstvoll und mit verzweifelter Liebe auf sich gerichtet . Traurig lächelnd legte sie sich auf die Kissen zurück und ließ sich betten und zudecken . Nein — sie durfte nicht sterben — sie mußte schon leben wollen . Heimlich meinte sie : wenn sie es auch versuchte , Gott würde ihr Opfer verstehen und würde wohl Einsehen haben . Der alte Hausarzt schien am folgenden Morgen durch die Schilderung des nächtlichen Schreckens nicht sonderlich beunruhigt . Er meinte , die Heilung mache gute Fortschritte , und das werde der letzte Anfall gewesen sein . Nach vierzehn Tagen durfte Agathe wieder aufstehen , sollte gute Beefsteaks und Schwarzbrot essen , Milch und Bier trinken , spazieren gehen oder doch in der Luft sitzen und liegen . Es fanden jetzt täglich Beratungen zwischen den Verwandten und den Eltern statt , wohin man im Sommer mit ihr gehen könne und ob nicht für den nächsten Winter ein Aufenthalt im Süden angezeigt sei . Agathe hörte um sich her die bekannten Namen : Görbersdorf — Davos — Meran . Natur- und Kaltwasserärzte wurden vorgeschlagen und ein sehr berühmter Mann , der nach einem Metallstück , das der Kranke einige Zeit am Leibe getragen , die erfolgreichsten Kuren verordnete . In jedem Briefe , den die Mama von ihren Freunden empfing , wurde ihr ein neues Heilmittel angepriesen und auch gleich zugeschickt . Heute sollte Agathe Gelee von Schnecken essen , morgen sich mit Hasenfett einreiben und übermorgen Eselsmilch trinken . Schließlich schrieb der Regierungsrat doch an eine bekannte Größe auf dem Gebiete der Lungen- und Brustkrankheiten . Als der Professor antwortete , es treffe sich gut , er habe eine Patientin in jener Gegend zu besuchen und könne damit einen Abstecher nach Bornau verbinden , wirkte das wie eine Erlösung auf die Eltern . Agathe selbst sah der Untersuchung in schwankender Stimmung entgegen . Sie hatte keine Lust mehr zum Leben und keine Freudigkeit mehr zum Tode . Ein langes Leiden mit den Stationen scheinbaren Wohlbefindens dazwischen — der Jammer von Papa und Mama ins Endlose hinausgezogen — das war doch ganz anders schrecklich als ein leichtes , friedliches Einschlafen . Sie sah die ihr drohende Krankheit nicht mehr in einer romantischen , sondern in einer trüben , kläglichen Beleuchtung , sie sah plötzlich alles Widerliche , Unästhetische , Peinvolle . Seit es ihr wieder besser ging , war sie überhaupt nicht mehr in der sanften , verklärten Gemütsverfassung , sondern ungeduldig , leicht zur Heftigkeit und zu Thränen gereizt . Sie versuchte , sich durch Lesen von Psalmen und durch Gebet zu beruhigen . Ihre Seele in den Willen des Herren zu ergeben — ach , das war das einzige , was ihr helfen konnte . Aber sie glaubte endlich , still geworden zu sein , so merkte sie daran , daß sie keinen Bissen feste Nahrung herunterschlucken konnte und daß ihre Hände von einer unangenehmen Feuchtigkeit bedeckt waren , wie fruchtlos ihr Mühen blieb . Der alte Rat kam schon vor dem Professor in seinem eigenen Wagen . Endlich erschien auch der berühmte , erwartete und gefürchtete Gast . Agathe befand sich mit den Eltern in der großen Wohnstube . Auch Tante Malwine war gegenwärtig und Cousine Mimi , weil der Vorgang sie , ihres künftigen Berufes wegen , doch sehr interessierte . Onkel August empfing den Professor unten auf der Treppe , geleitete ihn hinauf und übergab ihn dem Regierungsrat . Alles war unbeschreiblich feierlich — wie bei einer Gerichtssitzung . Der Professor schien etwas erstaunt durch die zahlreiche Familie . “ Ach — welches ist die Patientin ? ” fragte er , indem er ringsum grüßte und dem Kollegen die Hand schüttelte . Agathe erhob sich zitternd . Er sah sie scharf an . Ein zwergenhaft kleiner , bleicher Mann . Bequem in einem Lehnsessel zurückgelegt , die Hände behaglich gefaltet , ließ er sich erzählen , wie der Fall sich ereignet habe , wie alt Agathe sei , welche Krankheit sie durchgemacht habe , — auch das Alter ihrer Eltern und ihr Gesundheitszustand wurde genau geprüft , und besonders fragte er , ob schon Fälle von Tuberkulose in der Familie vorgekommen seien . Nein , das war durchaus nicht der Fall . Frau Heidling beantwortete alles mit der heiteren Stimme der angstvollen Zeiten . Endlich verließ der Regierungsrat das Zimmer . “ Sie sind sehr eindrucksfähig , ” sagte der Professor , das Ohr an Agathes Brust gelegt . . . “ ganz ungewöhnlich eindrucksfähig . ” Den Kopf erhebend , dicht vor ihrem Gesicht , und den magern Hals betrachtend , in den die letzten Wochen förmliche Löcher gegraben hatten , fragte er : “ Haben Sie sich vor diesem Anfall heftig alteriert ? ” “ Ja , ” hauchte Agathe , und eine dunkelrote Blutwelle färbte ihr Hals und Busen . “ Wann — wenn ich fragen darf ? ” “ Am Tage vorher . ” Sie zitterte stärker , ihr Herz schlug qualvoll heftig . “ Kind — davon hast Du mir ja gar nichts gesagt , ” begann ihre Mutter vorwurfsvoll . Der Professor warf der Rätin einen schnellen , zur Vorsicht mahnenden Blick zu . “ Ich dachte es mir , ” bemerkte er ruhig . “ Das erklärt die Sache . So — nun wollen wir einmal auf der anderen Seite klopfen . . . . Die Wunde ist übrigens sehr gut geheilt . ” Der alte Sanitätsrat erhielt ein Kopfnicken . Agathe legte ihr Kleid wieder an und die Ärzte zogen sich zu einer Beratung zurück . Der Regierungsrat und Onkel Bär sahen zur Thür herein . “ Was hat er gesagt ? ” Man zuckte mit den Schultern und zeigte nach der Thür , hinter der die Ärzte verschwunden waren . “ Sie hat sich alteriert , ” berichtete Tante Malwine halblaut , vorsichtig und auf den Zehen zu ihrem Manne tretend . “ Große Alteration . . . . ” flüsterten Onkel Bär und der Regierungsrat . “ Agathe hat sich sehr alteriert , ich wußte nichts davon , ” wiederholte Frau Heidling dem Regierungsrat . Alle blickten Agathe teilnehmend und neugierig an . Nur Cousine Mimi sah ein wenig streng aus . Wie konnte man sich so alterieren , daß man krank wurde ! Agathe schämte sich , sie litt Folterqualen . Nun würde sie alle darüber reden und nicht ruhen , bis sie es endlich herausbekommen , worüber sie sich alteriert hatte . — Dann wurde sie von einem wilden Schrecken erfaßt . Sie war doch gewiß sehr krank , wenn man dort drinnen so endlos lange über sie sprach . Das wurde ja unerträglich ! Sterben müssen — aufhören zu sein . . . . Nein — nein — alles Andere ! Nur leben ! O Gott — lieber , barmherziger Gott — nur noch ein bißchen leben . Plötzlich hörten alle das tiefe , behagliche Lachen des alten Sanitätsrats . Wie das überraschte und den stummen Bann der Erwartung brach ! Der Regierungsrat öffnete die Thür — auch der Professor lachte über das ganze Gesicht . “ Ja — das sind so Erfahrungen , mein lieber Kollege , ” hörte man ihn lustig sagen . Als er im Rahmen der geöffneten Thür das blasse Mädchenantlitz mit den leidensvollen Augen gespannt auf sich gerichtet sah , verschwand sein Vergnügen an der guten Anekdote hinter dem mild-ernsten Berufsgesicht . Er wendete sich zu Frau Heidling . “ Nun — ich kann Ihnen ja günstige Auskunft geben , ” sagte er freundlich . “ Von Tuberkulose finde ich keine Anzeichen . Ihr Fräulein Tochter ist sehr sensibel — unter dem Einfluß heftiger psychischer Erregung ist ihr da ein Äderchen gesprungen . Die Konstitution muß widerstandsfähiger gemacht werden — sonst könnten sich doch böse Dinge entwickeln . — Ihre Gesundheit , liebes Fräulein , ist in Ihre eigene Hand gelegt . Geben Sie sich heiteren Eindrücken hin , genießen Sie Ihre Jugend . ” Er erteilte nun seine einfachen Verordnungen , die in allen Hauptsachen mit denen des alten Hausarztes übereinstimmten . Doch hörte man ihm aufmerksamer zu , und jedes Wort aus seinem Munde schien einen höheren Wert zu besitzen . Agathe hätte ihm am liebsten in heißer Dankbarkeit die Hand geküßt . Als der Professor sich entfernt hatte , umarmten Papa und Mama die Tochter . Ihr Glück dünkte Agathe so unschätzbar , so köstlich und so tief befriedigend , daß ein freudiger , ja ein wahrhaft kampflustiger Mut zu jeder Entsagung über sie kam . Sie wollte gesund sein , sie wollte leben — für niemand und für nichts anderes auf der weiten Welt , als nur für ihre Eltern . Eugenie war nach der Geburt ihres ersten Kindes immer noch hübscher geworden . Sie strahlte förmlich in Gesundheit und fröhlicher Laune . Wenn der stramme kleine Kerl auf dem Arm der Wärterin neben ihr ausgeführt wurde , trugen Mutter und Kind dieselben runden , tellerförmigen Kappen aus weißer Wolle auf den blonden , rosigen Köpfen , und das machte sich ganz allerliebst . Eugenie dachte sich immer etwas Besonderes aus in ihrer Toilette , das die Leute ärgerte oder freute und worüber man in jedem Falle verschiedener Meinung war . “ Ein neuer Einfall meiner Frau ! ” pflegte der Lieutenant Heidling dann zu sagen , und in dem Ton , mit dem er hinzufügte : “ ja , diese kleine Frau ” verriet sich eine beinahe knabenhafte Verliebtheit . Verglichen die Bekannten Walter mit seiner reizenden Frau , so fiel ihnen sein beunruhigtes und oft gedrücktes Wesen auf . Er hatte Launen . Seine Stirn , seine einfachen , jugendlichen Züge konnten ohne ersichtlichen Grund von Unmut verfinstert werden . In Gesellschaften , wo Eugenie sich unterhielt , lachte , tanzte und sich von seinen Kameraden den Hof machen ließ , stand er schweigsam umher und beobachtete sie . Zuweilen warf er ihr einen bittenden Blick zu . Meist wollte er früh aufbrechen , doch ließ er sich stets von ihr bedeuten — er konnte seinen Willen nicht durchsetzen gegen sie , und dann wurde er verdrießlich . Ihm war die Gesellschaft verhaßt , am liebsten wäre er immer allein mit seiner Frau geblieben . Hätte er es ihr verraten , so hätte sie über ihn gelacht . Und ihr Lachen that ihm weh , er forderte es nicht gern heraus . — Ja — und — — es war doch ihr Geld , von dem sie ein Haus machte , Toiletten anschaffte u.s.w. Würde sie ihm das einmal vorwerfen . . . Darauf durfte er es nicht ankommen lassen . Die Furcht vor diesem Worte , welches Eugenie sprechen konnte , vermehrte noch die Unsicherheit , in die seine große Liebe ihn stürzte . Er war maßlos eitel auf seine Frau , auf ihre Triumphe — sogar auf ihre Koketterie . Verächtlich und mitleidig äußerte er sich in Bezug auf alle übrigen Frauen . Aber — aber . . . . Er hatte sich ihr Verhältnis früher ganz anders gedacht . Eine Vernunftheirat — und sie mußte doch froh sein , wenn er ihr Vermögen nicht beim Jeu verbrauchte . Ja — ja — ja — die Ehe bringt zuweilen wunderliche Überraschungen . Vor der Taufe des Kindes hatte Agathe einem heftigen Streit zwischen Walter und Eugenie beigewohnt . Walters Hauptmann , Herr von Strehlen , der gnädigen Frau allergetreuester Verehrer , sollte neben dem alten Wutrow und dem Regierungsrat Gevatter stehen . Eugenie hatte dem Hauptmann schon vor Monaten versprochen — in Walters Gegenwart , er mußte sich doch erinnern — -ihr erstes Kind sollte , falls es ein Junge werde , nach dem Hauptmann “ Wolf ” genannt werden . Der Junge war auf die Welt gekommen , und Walter war doch auch ganz zufrieden mit der Thatsache . Ein altes Versprechen nicht zu halten , weil es ihm plötzlich nicht mehr paßte , das ging ja nicht — das mußte er doch einsehen . Ein ältlicher Junggeselle legt Wert auf so etwas . Mein Himmel warum ihm nicht die Freude gönnen ? Strehlen war nun einmal Walters Vorgesetzter — daran ließ sich nichts ändern , man durfte ihn nicht erzürnen . Walter würde das sonst schon in seiner Carrière zu fühlen bekommen . Sie sprach sehr verständig , und nachdem Walter anfangs heftig genug gewesen , gab er schließlich ihren guten Gründen nach . Der Junge wurde Wolf genannt . Herr von Strehlen kam fast täglich heran , um sich nach den Fortschritten in der Entwickelung seines Patenkindes zu erkundigen . Auch wenn er nicht anwesend war , tönte sein Name in tausend Liebkosungen durch die Wohnung . Hielt Eugenie ihr Söhnchen auf dem Schoß und spielte mit ihm , beim Baden und Ankleiden , das sie als gewissenhafte Mutter immer selbst besorgte , hieß es fortwährend unter Küssen und Schäkern : Mein Wolfimäuschen ! Mein alter Zuckerwolf ! Mein Brüllwölfchen ! Mein kleiner , süßer Herzenswolf ! Und die scharfen , grauen Augen der jungen Frau blickten unter halbgeschlossenen Lidern mit listiger Schelmerei zu Walter hinüber und sahen , daß er litt — immerfort litt — sich Vorwürfe machte über eine so unsinnige Qual — daß er seine Ehre und sein Vertrauen zu ihr und seine Vernunft , die ihr nichts vorwerfen konnte , zu Hilfe nahm , und sein Zartgefühl , welches sich schämte , auch nur mit einem Worte seine Unzufriedenheit zu äußern über etwas ganz Selbstverständliches — ihr Scherzen mit dem Kleinen — und daß er dennoch litt . Sie lächelte ganz heimlich darüber . Lieber Gott — der langweilige Hauptmann . . . . Der wär ' ihr gerade der Mühe wert gewesen . . . . Aber die unbarmherzigen Gedanken hinter den kühlen , grauen Augen , unter der weichen Haarmähne , die wußten , wenn Walter diese blonde Fülle abends in seine zitternden Hände nahm und mit schmerzlicher Wonne küßte — daß Leidenschaft aus Leiden wächst . Und das zehrende Feuer , das da an Eugeniens Seite loderte , die angstvolle , vor ihrem Verlust bebende Anbetung wärmte sie höchst angenehm . Es war ihr Geheimnis — ihr Jugendborn — dem sie , wie der Vogel Phönix seinem Flammenneste , in immer neuer Kraft und Schöne entstieg . Vielleicht betrachtete nur ein Mensch die liebenswürdige Heiterkeit der jungen Frau Heidling , die alle Welt entzückte , mit schweigender Verachtung , und das war ihre Schwägerin . Seit Agathe sich ganz dem Leben der Pietät , der Selbstaufopferung und der Entsagung hingegeben hatte , wurde sie streng im Urteil über ihre Nächsten , die nicht demselben Ideal herber Pflichterfüllung folgten . “ Mit Agathe ist rein nichts mehr anzufangen , ” erklärte Eugenie . “ Sie liest den ganzen Tag in der Bibel , wenn sie nicht in der Sonntagschule ist oder ihre Armen besucht . Es ist wirklich schade um das Mädchen ! ” “ Letzten Mittwoch ist sie sogar in der Betstunde bei den Jesubrüdern gewesen , ” sagte Lisbeth Wendhagen , “ draußen hinter den Scheunen , wo Fleischermeister Unverzagt predigt ! denkt Euch doch nur . . . . ! ” “ Wenn Papa das wüßte , der würde sie ! ” sagte Eugenie lachend . “ Kinder — der dicke Amandus Unverzagt als Beichtvater für zerknirschte Mädchenseelen ! Nein , Walter , wir dürfen wirklich nicht leiden , daß Agathe sich durch ihre Bigotterie zum Gespött der Leute macht . ” Eugenie begann infolge dieser schwesterlichen Erwägung Agathe , sobald sie ihr begegnete , mit ihren Jesubrüdern zu necken . Als das Mädchen zu den jungen Heidlings kam und Wölfchen aus dem Wagen heben wollte , um mit ihm zu spielen , riß Eugenie ihr den Kleinen fort , rümpfte die Nase und sagte : “ Ich mag nicht , daß Du ihn trägst — wer weiß , was Du uns für Krankheiten von den Ungeziefer-Kindern Deiner armen Leute ins Haus bringst . ” Sie drückte ihren Knaben mit einer stolzen Mutterbewegung an ihre Brust und ließ ihn fern von Agathe in ihren Armen auf- und niedertanzen , als habe sie ihn siegreich einer großen Gefahr entzogen . Agathe schossen die Thränen in die Augen . Doch demütigte sie sich so weit , Eugenie flehentlich zu bitten , solche Bemerkungen wenigstens nicht in Gegenwart von Papa zu machen . Abends in ihrem Zimmer lag Agathe halbe Stunden lang auf den Knieen und betete mit Schluchzen und Weinen , der Herr möge sie stärken , das kleine Martyrium , das Eugenie ihr auflegte , in Geduld zu tragen , wie sie um seinetwillen so vieles versuchte — auch die Armenbesuche — auch die heimlichen Gänge zu den Jesubrüdern . Mit Angst und Verzweiflung fühlte sie , daß die dumpfe , unklare Abneigung gegen Eugenie zum Haß wurde — zu einem Haß , so tief , so giftig und so bitter , wie nur zwischen alten Freunden und nahen Verwandten , die sich sehr gut kennen und sehr viel verkehren müssen , gehaßt wird . Wie konnte das geschehen ? Welche bösen schrecklichen Instinkte trieben da ihr Wesen ? Ihr ganzes Gemüt sollte doch von der Liebe zum Heiland und zum Nächsten erfüllt sein . . . . . Und sie hatte nicht einmal verständige Gründe , Eugenie zu hassen . — Eugenie war ja die einzige , die freundlich versucht hatte , — damals — ihr Lutz nahe zu bringen . . . . Ja — um das Vergnügen zu haben , so ein kaltes , grausames Vergnügen , ihre stumme Qual zu beobachten . . . sagte sofort eine scharfe höhnische Stimme in ihr — um Lutz ins eigene Haus zu locken — und wenn er nur gewollt hätte . . . aus überquellender Seelengüte für Agathe hatte Eugenie ihm wohl nicht die Notenblätter vor die Füße gestreut . Warum — warum vertraute ihr Agathe nur . . . . sie schämte sich , dachte sie nur daran . Sie war ja damals überhaupt nicht zurechnungsfähig — sie war wie verzaubert . Aber die Gewalt , unter der sie gelitten , war nun gebrochen — sie war befreit — Gottes Kind — des Herrn Magd . O süße helle Seligkeit — in seine Wunden zu tauchen — von seinem Blute sich überströmen zu lassen — zu vergessen — alles — alles — nur sein Erlöserauge zu sehen — einsam über dem Chaos von Elend — Enttäuschung und Not . . . . Eingehüllt von seiner Liebe — geborgen an seinem flammenden Liebesherzen — hingegeben — aufgelöst — sich vergehen fühlen unter den Schauern seiner Gnade . . . . Mit Papa und Mama ging Agathe alle vierzehn Tage in den Dom . Man brauchte sich nicht zu eilen , um zu rechter Zeit zu kommen . Standen auch unzählige Menschen in den Gängen — ihre Bank blieb leer , bis Agathe das kleine Thürchen mit dem Schlüssel , den sie aus ihrer Kleidertasche nahm , öffnete . Auch Eugenie besaß einen Schlüssel und saß dort mit ihrem würdevollsten Schmelzumhang , den sie nur zum Kirchgang trug . Rings auf den reservierten Plätzen glitzerte und funkelte es in dem gedämpften bunten Licht , das durch die Glasmalereien der gotischen Fensterbogen fiel , von Helmen und Epauletten und silbernen Degenquasten , da rauschten die schweren , pelzverbrämten Wintermäntel und raschelten die Posamenterieen und Perlen an den Damentoiletten . Man grüßte sich diskret , man begleitete den Gesang zu den brausenden Orgeltönen mit halber Stimme , man stand während des Gebetes in ernster Haltung , die Herren mit den Helmen oder den schwarzen Seidenhüten im Arm , die Damen mit leicht ineinandergeschlungenen Fingern und gesenkten Blicken — wie es sich eben schickt . Bei der Predigt vergossen viele von den älteren Frauen Thränen , einige schlummerten auch . Und nach Schluß des Gottesdienstes begrüßte man sich vor den Kirchthüren , gähnte ein wenig , stand in kleinen Gruppen mit den Bekannten zusammen und freute sich , wenn der Pastor recht ergreifend geredet hatte . Agathe bemerkte , daß die meisten der älteren Herrschaften dann schon nicht mehr als einzelne Worte aus der Predigt behalten hatten . Die jungen Mädchen und Frauen schwatzten gleich drauf los von Schlittschuhlaufen und Gesellschaften und Bällen . Die Referendare und Lieutenants benutzten die Gelegenheit , um sich der beliebtesten Tänzerinnen für die ersten Walzer zu versichern . Sie gingen nur dann regelmäßig zum Gottesdienst , wenn sie eine Flamme hatten , der sie dort bequem begegnen konnten . Darum war Agathe zu den Jesubrüdern gekommen : sie hoffte hier eine tiefere , strengere Andacht zu finden , als zwischen den herrlich aufstrebenden Säulen , den kunstvollen Stein-Gewölben des Domes , wo die gute Gesellschaft von der in Gold und Sammet strotzenden Kanzel herab in gewählter , salbungsvoller Sprache die Mahnung empfing , ihr Kreuz auf sich zu nehmen und der Welt und ihren Lüsten zu entsagen . Bescheiden genug fand Agathe es ja bei den Jesubrüdern . Um zu ihrem Betsaal zu gelangen , mußte man von der Straße einen langen feuchten und dunklen Gang zwischen Speichern und Scheunen entlang wandern — der glich wirklich recht der engen Pforte , die zum Himmelreich führt . Dann kam man auf einen schmutzigen Hof , wackelige Steine zeigten den schlüpfrigen Weg durch tiefe Lachen übelriechender Flüssigkeit , die sich von großen Düngerhaufen aus verbreitete . Gackernde Hühner suchten hier ihr Futter . Armselige Lumpen hingen zum Trocknen aus den Fenstern der hohen Hinterhäuser . Über einem Pferdestall lag der Versammlungsort der Jesubrüder , auf halsbrecherischer Treppe zu erklimmen . Ein niedriger weißgetünchter Raum mit abscheulichen Öldruckbildern aus der heiligen Geschichte an den kahlen Wänden und einem von schwarzem Tuch bedeckten Tisch als Altar . Agathe traf neben sich meist ein kleines altes Fräulein , über das bei Heidlings viel gelacht wurde , weil es scheu und flüchtig , aber regelmäßig wie die Schwalben im Frühling erschien und um Gaben für bedürftige , vom Unglück verfolgte herrliche Menschen bat , die sich dann später ebenso regelmäßig als unverbesserliche Trunkenbolde oder Diebinnen erwiesen . Trotz der unaufhörlichen Enttäuschungen war das winzige , dürftige , alte Jungferchen glückselig in ihrer Eile und Geschäftigkeit , bei Mangel und Hunger , die sie für das Wohl jener zweifelhaften Mitmenschen litt . Sie mußte einen heimlichen Schatz in ihrem flachen kleinen Busen unter der Filetmantille tragen , von dem sie sich sättigte und den strahlenden Glanz ihrer Augen in dem von Barthaaren besäeten , verschrumpften Gesichtchen nährte . Sie hatte Agathe von den Jesubrüdern erzählt . Das Niedrige , Armselige , Versteckte der Umgebung , die Dunkelheit , welche durch die zwei Talglichter auf dem Altar kaum gebrochen wurde , und in der die leise eintretenden Handwerker , die in ihre Tücher vermummten , abgezehrten Gestalten hüstelnder Näherinnen , zitternd herantappender Greisinnen auftauchten und verschwanden — das gemahnte an die heimlichen Zusammenkünfte der ersten Christen in abgelegenen , verborgenen Winkeln — das warf , wie die Lichtstümpfe , die nun hie und da angezündet wurden , um die Verse des Gesangbuches zu entziffern , einen flackernden Schein von Romantik über die Scene . Hier konnte niemand beobachten , ob beim Gebet die heißen Tropfen der Verzweiflung oder der Liebe strömten . Ja — es war , als könne die Seele sich fesselloser , brünstiger zum Herrn aufschwingen , wenn der Leib , hingeworfen , auf den Knieen liegend , sich erniedrigte . Und Gott sei Dank , Pfarrer Zacharias verfiel nicht in die sentimentalen Jammertöne des alten Fräuleins an Agathes Seite . Eine breite , plumpe Bauerngestalt , ein wuchtiger Kopf , in den Umrissen wie Dr. Luther stand der Wanderprediger vor seinen Anhängern und erklärte ihnen mit zorniger Eindringlichkeit Gottes Wort . Der Mann glaubte noch an den Teufel . Da gab ' s kein Umschreiben — keine Konzessionen . Alles oder nichts , hieß es hier . . . . Wenn du lau bist , so will ich Dich ausspeien aus meinem Munde — so spricht der Herr , Dein Gott , und der Herr läßt seiner nicht spotten . Agathe schauderte vor Furcht und Schrecken . Aber es wurde ihr so wohl — so wohl unter dieser Härte . Das war etwas ! Sie war lau — o sie war ein schwankendes Rohr — ein glimmender Docht — nun blies der heilige Geist seine Flammen in ihr an und wärmte ihr kaltes verödetes Herz . Hätte man sie selbst nur in der Verborgenheit , die ihr so angenehm war , kommen und gehen lassen . Aber in einem Augenblick tiefer Ergriffenheit hatte sie zu einer Sammlung für eine andere arme Jesubrüdergemeinde ihr goldenes Armband gegeben . Sie hatte ihren Namen nicht genannt , doch man erkundigte sich nach ihr . Die frommen Handwerker beeilten sich , der Tochter des Regierungsrates , die der Herr zu ihnen geführt , eine Strohdecke auf die Kniebank zu legen , ihr Licht und Gesangbuch zu bringen . Sie drängten sich am Schlusse des Gottesdienstes heran , ihr die Hand zu reichen und sie als ein Glied ihrer kleinen Gemeinde willkommen zu heißen . Das war ja geradezu gräßlich . Wenn Fleischermeister Unverzagt die Bibelstunde hielt , sah Agathe den aufgeblasenen Hochmut in seinem Gesicht und suchte vergebens nach der Erhebung , die sie anfangs ergriffen hatte . Auch hier nicht — auch hier nicht ? Lag es nur an ihrer mangelnden Kraft ? Warum war sie so entsetzlich sensitiv gegen alle Unvollkommenheiten ? Sie ängstigte sich vor den Besuchen bei den Armen und Kranken . Wie konnte sie Trost und Hilfe bringen ? Die Schwierigkeiten , mit denen diese Leute rangen , sah sie riesengroß und ihre Fähigkeiten , das Elend zu mildern , so winzig — so erbärmlich klein . Es war ja überhaupt nur Illusion . Wie sie die Damen beneidete , die mit einer naiven