die Baronin Leuchtenberg , die die Herzogin heute begleitet und die bisher mit Herrn von Kosegarten im Gespräch gestanden hatte , näherte sich , um mit dem Herrn des Hauses Zeuge des kommenden Ereignisses zu werden . Der Herzog wandte sich zu August und Debberitz . » Meine Herren ! « begann er mit seiner schüchternen Stimme , » als einen Beweis , wie sehr ich die Verdienste tüchtiger Männer um das Herzogtum zu schätzen weiß , verleihe ich Ihnen , Herr Direktor von Kosegarten , und Ihnen , Herr Theodor Debberitz , meinen Hausorden zum Weißen Hirsch . « Er überreichte August den Orden , entnahm dem zweiten Kästchen , das der Kammerherr ihm geöffnet entgegenhielt , ein anderes Exemplar und legte es in die Hand von Debberitz . Die beiden Männer empfingen die Auszeichnungen mit tiefen , stummen Verbeugungen . Da rief Prinzessin Karoline laut und enttäuscht zu Fritz hinüber : » Ja , bekommen Sie denn keinen Orden ? Das finde ich gar nicht nett . « Fritz lachte . » Hoheit , « sagte er munter , » ich fühle mich in diesem Augenblick durchaus als freier Amerikaner ! « Der Herzog zog , peinlich berührt , die Schultern leise fröstelnd in die Höhe . » Sie bleibt doch eine ewige Gene , « flüsterte er ärgerlich der Herzogin zu . Die gewandten Hofleute der Umgebung begannen , um den fatalen Zwischenfall vergessen zu machen , ein lebhaftes Geplauder . Der Herzog aber wandte sich huldvoll im Gespräch zu Fritz : » Ich höre , Sie wollen sich wieder im alten Vaterlande seßhaft machen . « » Das ist ein Irrtum , « sagte Fritz kurz und kühl . » Wenn ich ehrlich sein will , der Boden brennt mir schon wieder unter den Füßen . « » So , so , « bemerkte der Herzog etwas verstimmt . » Abenteuerlust ? Läßt sich nicht überwinden ? « » Wer der Heimat so lange entfernt blieb , « warf die Herzogin begütigend ein , » findet sich wohl schwer wieder in ihr zurecht . « » Man hat zu scharfe Augen bekommen für ihre Verbesserungsbedürftigkeiten , « sagte Fritz . » Weil unsere Liebe nicht mehr blind ist , wird sie uns überhaupt nicht mehr geglaubt . Und so entdeckt man bei der Rückkehr in die Heimat oft erst , daß man wirklich heimatlos geworden ist . « » Ein trauriger Zustand , « flüsterte die Herzogin bedauernd . » Wie man ' s nimmt , « sagte Fritz gleichmütig , » wir haben unsern Stolz , und ich denke , wir haben auch unsere Mission , wir Heimatlosen . Was wäre Deutschland ohne seine verlorenen Kinder ? « » Es liegt etwas Wahres in diesem Ausspruch , « meinte der Herzog nachdenklich , aber ... « und er hob ablehnend die Hand , » eine bedenkliche Wahrheit . « » Wahrheiten sind immer bedenklich , Hoheit , « sagte Fritz mit gleichmütigem Lachen . » Gestatten , Hoheit , « mischte sich Debberitz ins Gespräch , » er ist uns zu wild mit seinen Projekten , das ist die Geschichte . Wenn wir alle seine Yankeeabenteuer nicht hier ausführen wollen , dann wird er bissig , und predigen wir dem Herrn Vernunft , da will er uns die Chose vor die Füße werfen . « Der Herzog blickte zerstreut im Kreise umher . Er blieb nicht gerne lange bei einem Thema . Die derbe Gereiztheit , die ihm aus dem Ton dieses gewaltigen Mannes entgegentönte , erregte ihm beinahe Furcht . » Nun , da halten Sie nur als Gegengewicht zu den fremden aufreizenden Einflüssen fest an einer soliden deutschen Gesinnungsart , « sagte er , das Gespräch abschließend , zu Debberitz . Er näherte sich darauf der Herrin des Hauses , der älteren Frau von Kosegarten , mit der zu plaudern seine offiziellen Pflichten ihm bisher noch nicht gestattet hatten . Aufs neue zwang er seine müden , blassen Lippen zu einem freundlichen Lächeln , als er sich neben sie auf einen Lehnsessel niederließ , und begann : » Die Familie Kosegarten ist unserm Hause stets in Treue attachiert gewesen ; wie ich höre , soll dieses Band in Zukunft wieder fester geknüpft werden . Ihre liebe Nichte soll als Hofdame meiner Schwester in unsern engern Kreis aufgenommen werden ? « » Ich bin glücklich , « sagte Frau Marie , » daß Hoheit so gnädig waren , Hilde in Ihren Dienst zu wünschen . Wir werden voraussichtlich das Schloß den Kindern überlassen , vielleicht auf Reisen gehen , da ist es so schön , zu wissen , daß für Hilde gesorgt ist . Ich habe sie lieb wie meine Tochter . « » Wir sind sehr zufrieden mit der Wahl unserer lieben Schwägerin , « bemerkte die hohe Frau , » ich bin stets dafür , die Damen des Hofes aus den adligen Familien des Landes zu wählen , deren Gesinnung man kennt , deren ganzer Ton schon eine Art Garantie für den Charakter des jungen Mädchens bietet . Sie haben Ihre Nichte in der abgeschiedenen Einsamkeit der Berge und Wälder erzogen ... hm ... ja ... « » Sie hat wirklich arbeiten gelernt , « fiel Frau Marie ein . » Superb « , « meinte die Fürstin freundlich , » da wird sie sich die einfache Unschuld des Herzens bewahrt haben , die man leider in neuerer Zeit so häufig an den jungen Damen vermißt . « Sie lehnte sich behaglich in ihrem Sessel zurück , der gute Tee hatte sie erwärmt , ihre Umgebung wußte , daß sie nun auf ihr Lieblingsthema , die falsche Erziehung der modernen Frau , zu reden kommen würde . Sie sprach von böser Lektüre , von unangebrachten Freiheiten , von der Bedenklichkeit der Sportpassion bei den Töchtern des Adels ... » Ma chère , « murmelte der Herzog , räusperte sich ein wenig und verstummte wieder . Er sah gern junge Mädchen sowohl beim Tennis als auch zu Pferde . » Auch ich selbst habe ja früher geritten , « sagte die hohe Frau – » in angemessener Begleitung – warum nicht ? Aber etwas anderes ist die burschikose Kameradschaftlichkeit in sportlichen Angelegenheiten , die heute zwischen den jungen Leuten beliebt wird und die zu den bösesten Situationen führen kann . Zum Exempel eine Geschichte , die mir die Baronin Leuchtenberg vorhin auf der Fahrt erzählte und die mich wahrhaftig erregt hat . Baronin – Sie sagten doch selbst , der Ruf des jungen Mädchens , die damals im Rennstall des Grafen – mon Dieu , der Name tut ja nichts zur Sache – kurz ihr Ruf war ruiniert . Und ich finde , die Welt verurteilte hier mit Recht . Eine junge Dame , die sich so weit vergißt , die Pferde ihres Courmachers ... « Die Herzogin hielt plötzlich inne – es war eine atembeklemmende Stille um sie her entstanden . Da erhob sich Prinzessin Karoline halb von ihrem Sessel . Ihr volles Gesicht war noch mehr gerötet als sonst . » Pardon , liebe Schwägerin , dieser Rennstall des Grafen Kessenbrock ... Ja – ich behaupte , « rief sie laut und kriegerisch , » dieser Rennstall hat damals , als die Leuchtenberg in ihrer Eifersucht sich so unverantwortlich benahm , überhaupt nicht mehr existiert . Das Ganze ist ein Märchen – eine Perfidie , « schloß sie , indem sie sich wieder niederließ und mit hastigem Fächerschlagen ihre Empörung zu betäuben suchte . » Mon Dieu , Caroline , je ne comprends pas un mot de votre altération , « flüsterte die Herzogin fragend – sie verfiel bei Familiendifferenzen immer in die französische Sprache . In diesem Augenblick durchbrach ein heftiges Geräusch die bange Stille des Raumes . Hilde hatte einen Stuhl beiseite gestoßen und stand vor der Herzogin . Ihr Gesicht war ganz weiß , während ihre Augen sich weit offen und mutig auf die Herzogin richteten . » Nein , Hoheit , es ist kein Märchen , « sagte sie mit einer Stimme , die nur wenig zitterte , » Frau von Leuchtenberg hat mich nicht falsch beschuldigt ! Ich war bei Graf Kessenbrock – ja – und – ja ! Wir haben uns liebgehabt , und ich war nicht nur im Stall bei seinem Pferd , auf dem er am nächsten Tage um Sieg oder Niederlage kämpfen wollte , und weil er mit sagte , es würde ihm Glück bringen ... Ich war auch bei ihm auf seinem Zimmer ... Ich will dies gesagt haben – ich will nichts , nichts mehr zu verbergen und zu verleugnen haben ln meinem Leben ... Ich weiß , es wäre nur lächerlich , in diesem Augenblick zu behaupten , daß ich trotzdem das Recht habe , meinen Kopf ebenso hoch zu tragen wie jede der Frauen und Mädchen hier – es würde doch niemand mir glauben . Jedes Beteuern wäre nutzlos ... « Sie hielt inne , eine schnelle Röte kam über ihre Wangen , ihre Sprache wurde schärfer , heftiger . » Darum bin ich froh , daß es so gekommen ist , daß ich nun ein Ende damit mache , mich vor euren Urteilen und eurem Verurteilen zu fürchten – daß ich nun weiß : Ich bin mit euch allen fertig – fertig – fertig ! Gott sei Dank ! « Ihre Stimme brach in der tiefen Bewegung ihrer Seele , ihr Antlitz hob sich und blickte über die Menschen fort mit einem Ausdruck stolzer Freude . Und dann senkte sie die Augen und ging langsam und aufgerichtet zwischen den verblüfften Gästen hindurch aus dem Saal . Man wich ihr aus , als brächte ihre Berührung Unheil . Es war , als hätte soeben jeder einzelne etwas gesehen und gehört , was er unmöglich mit einem andern teilen könnte , was man sich kaum selbst eingestehen dürfte . Es wagte niemand auch nur einen Blick mit seinem Nachbarn zu tauschen . » Ein Anfall von Geistesstörung , « sagte Fräulein Trinette von Kosegarten ernst und gab damit eine Art von erlösender Parole aus . » Ein interessanter Fall hysterischer Selbstbeschuldigung , « ließ sich der Kreisarzt vernehmen . » Aber sie deutete doch an , daß gar nichts wirklich Bedenkliches ... Ich neige entschieden zu der Ansicht ... « so erklärte eine andere Stimme , worauf einige Herren zu kichern begannen . » Mein Gott , « flüsterte jemand , » wie das nun auch gewesen sein mag – das ist jetzt ganz gleichgültig – aber sie sagte » euch « den Herrschaften – sie sagte » euch « – haben Sie es wohl gehört , Exzellenz ? « Frau Marie versuchte , um Verzeihung flehend , die Hand der Herzogin zu küssen , aber die hohe Frau hielt abwehrend Arme und Hände fest an sich gepreßt und dachte unbestimmt an die russische Revolution . Der Herzog wandte den Blick zu August und fragte : » Sind die Wagen bereit ? « » Zu dienen , « erwiderte der jüngere Kosegarten zusammengefaßt , in militärischer Haltung . Eilig und verstört folgte der Aufbruch . Die Herzogin hatte die Fassung jetzt soweit wiedergewonnen , um Frau von Kosegarten die Hand zu reichen und zu lispeln : » Meine Gute , Arme – ich ahnte ja nicht – o welch ein Zusammenbruch ! « Frau von Kosegarten senkte demütig das Haupt unter der fürstlichen Ungnade , die sie unabwendbar über ihre Familie heraufziehen sah . Einige der offiziellen Persönlichkeiten ließen tröstende Worte von Sanatorien und Nervenheilanstalten fallen ; die Prinzessin Karoline aber schüttelte vorwurfsvoll den Kopf und rief empört ihrer alten Freundin Trinette zu : » Ich hatte doch so bestimmt verlangt , dieser Stall dürfe nicht existieren . Und nun existiert sogar ein Zimmer ... Und ich muß die alte fette Audorf nehmen ... Welche Torheit , mon Dieu ... mon Dieu ! « Hier zeigte sich Theodor Debberitz als ein Mann von Entschlossenheit und Größe . Er beugte sich über die Hand der gekränkten Fürstin und drückte einen ehrerbietigen Kuß auf das parfümierte Leder des weißen Handschuhs . » Ich fühle ganz mit Hoheit , « bemerkte er würdig mit dem sattesten Ton seiner Stimme . » Aber wenn mir die jnädigste Hoheit verzeihen – möchte ich sagen : Donnerwetter ! Schneid hat sie ... Ein Weib von Temperament ! Ich bewundere Leidenschaft und Temperament bei der Frau ! « » O , « meinte die Prinzessin gedehnt , während sie auf das Vorfahren des zweiten Wagens wartete , » man kann auch Temperament besitzen , ohne solche Theatercoups zu machen ! « » Würde und Leidenschaft verstehen nur Fürstinnen zu vereinen , « flüsterte Debberitz , entriß in dem erregten Wirrwarr des Aufbruchs dem Diener den Pelz der Prinzessin und legte ihn sanft um ihre Schultern . » Wie können Sie so etwas ahnen , « erwiderte Prinzessin Karoline , sich für einen kurzen Augenblick der Berührung dieser großen ungefügen Proletarierhände überlassend . » O , Sie haben viel Kraft , « seufzte sie befriedigt . » Und wir – wir Armen dürsten nach Leben ... Lassen Sie sich mir melden , wenn Sie nach Langenrode kommen ! Sie müssen mir berichten , wie die Dinge sich hier entwickelt haben , hören Sie ? « Debberitz verbeugte sich tief und fühlte sein Herz heftig schlagen . Diese Prinzessin hatte ein Lächeln Was in aller Welt sollte nun mit dem Mädchen werden ? Das war die Frage , die auf aller Lippen schwebte und aller Herzen sorgenvoll bewegte . August , als wäre er der Überzeugung , daß bei solchen Erwägungen unpassende Dinge zur Sprache kommen könnten , trat zu seiner Frau , sie zart und gütig auffordernd , sich zurückzuziehen . Debberitz hingegen erklärte , daß er ein moderner Mensch sei und als Großstädter weitere Begriffe habe . » Ich für mein Teil fand das Mädchen direkt heroisch , « rief er laut und mit Energie – » ich habe die höchste Achtung vor ihr – das kann ich nur wiederholen – obschon – natürlich ... « hier wurde seine Stimme leiser und kleinmütiger , » ... man weiß ja nicht , wie die hohen Herrschaften über die Chose denken ! « » Herr Debberitz , « sagte Trinette sanft überredend , » glauben Sie mir , ich kenne den Herzog – wir haben als Kinder zusammen mit der Puppe gespielt – er würde sich in seinem wahrhaft guten Herzen freuen , wenn diese fatale Angelegenheit – wenn ein edler Mann , wollte ich sagen , sich bereit finden würde ... kurz , er würde diesem edeln Manne dankbar die Hand drücken ... « Debberitz räusperte sich umständlich , und auch Herr von Kosegarten stieß unverständliche Töne aus , von denen es ungewiß blieb , ob sie Zustimmung oder Warnung bedeuten sollten . August war ans Fenster getreten und blickte , als hörte er nichts von dem Gespräch , in den mit Schneeflocken untermischten Herbstregen , der draußen gegen die Fenster schlug . Debberitz fragte , ob er sich eine Zigarre anzünden dürfe , eine Bitte , die ihm selbstverständlich gern gestattet wurde . Frau Marie brachte ihm Streichhölzer , sie sah ihn dabei mit ihren guten , tränenumflorten Augen bittend an . Debberitz blies eine Weile seine Rauchringe schweigend in die Luft . Er fühlte sich zu dieser Stunde als nächster Freund der Familie von Kosegarten , fast selbst als ein Glied dieses ehrwürdigen Geschlechts , für die Aufrechterhaltung seiner Ehre zu jedem Opfer bereit ... Wie aber ließ sich die verletzte Ehre eines jungen Mädchens besser wieder herstellen als durch die Heirat mit einem ehrenwerten Manne ? An sich war ihm ja Hilde nur begehrenswerter und pikanter geworden durch diese Liäson mit einem Grafen ... Denn er zweifelte ja keinen Augenblick daran , daß eine solche wirklich bestanden habe . Übrigens hatte er auch vor kurzem in Erfahrung gebracht , daß Hilde ursprünglich nähere rechtliche Ansprüche auf das Vermögen , das der Tante Trinette zugefallen war , geltend machen konnte – daraus ließ sich denn doch wohl auch ein gelinder Druck auf die alte Dame herleiten und nützlich zur Anwendung bringen . Eventuell drohte man nach der Heirat mit einem Prozesse zur Anfechtung von Onkel Christophs Testament ... Es war ohnehin unglaublich nachlässig vom alten Kosegarten , sein Mündel so friedlich um ein Vermögen kommen zu lassen . Nun – man kannte ja geschickte Anwälte , glücklicherweise ... Debberitz legte die Zigarre beiseite und seufzte , es klang wie ein Ächzen , während er seine Weste straffzog . » Herr von Kosegarten , « sagte er würdig , » ich glaube . Sie haben schon länger bemerkt , daß ich Ihre Nichte , Fräulein Hilde , mit wohlgefälligen Blicken betrachte . Daran hat der eben stattgefundene Auftritt nichts geändert . Ich bin ein Mann von fortschrittlichen Ideen . Es würde mir eine hohe Ehre sein , in Ihre werte Familie einzutreten . Ich bitte Sie also , Herr von Kosegarten , um die Hand Ihres Fräulein Nichte ! Wie gesagt – ich werde meine Frau Gemahlin stets in Ehren halten ! « Er zog ein Tuch und wischte sich den Schweiß , der bei dieser Ansprache reichlich an Stirn und Schläfen hervorgequollen war . Der alte Herr schüttelte ihm heftig die Hand . » Na , Debberitz , unter den Verhältnissen – da kann sich das Mädel gratulieren , wenn sie unter die Haube kommt . « Auch er ächzte und pustete , der alte Edelmann . Das Leben war putzwunderlich , und er für sein Teil machte nicht mehr mit – nee , weiß der Deibel – so ne verflixte Schweinerei ... Trinette war hinausgeeilt , ihre Nichte zu rufen , hörte indessen von dem Hausmädchen , Hilde sei in großer Erregung in den Park gegangen . Ein Gang durch Sturm und Wetter wird sie am besten beruhigen , dachte Fräulein von Kosegarten , und aus weit entlegenen Tagen kam ihr die Erinnerung an einen solchen Gang in den Wald hinaus bei Sturm und Regen , um ein stürmisch verlangendes Herz , das entsagen mußte , zu beschwichtigen . Dem Herrn sei Dank , sie war ohne Schuld und Fehle geblieben damals ! Im ganzen – die Geschichte mit Hilde war doch widerlich ... Nun , ein Proletarier wie dieser Debberitz hatte jedenfalls stärkere Nerven und ein abgestumpfteres Gefühl für gewisse zarte Punkte ... glücklicherweise ! Während die Tante sich also beruhigte , eilte der Neffe Fritz mit langen Schritten dem Walde zu . Sein Jägerauge durchspähte die trübe Dämmerung , die schon alle Seitenwege und Fernen zu umhüllen begann . Sein Ruf : » Hilde – Hilde ! « klang über die weiten , von körnigem Schnee weiß besprenkelten Wiesen . Der Fuß raschelte durch die Herbstblätter , die der Sturm wirbelnd von den Ästen riß und rauschend durcheinanderjagte . Ihm stand der Blick vor der Phantasie , den Hilde zu ihm gesandt hatte , ehe sie vor die Herzogin getreten war , um der ganzen versammelten Gesellschaft ihre Verachtung vor die Füße zu werfen . Er war Menschenkenner genug , um sich zu sagen , daß dieser Blick der Seelenausdruck eines verzweifelten und zum Äußersten entschlossenen Weibes gewesen war . Einen Esel – einen von Gott verlassenen , verfluchten Esel nannte er sich , wenn er an seinen Ausspruch dachte , von dem Sprung ins Dunkle , der jedes Menschen letzte Rettung vor dem Unerträglichen bleibe , und der Hilde in diesem Augenblick in die ewige Nacht hinaustreiben mochte ... In weiten Sprüngen rannte er den steilen Waldpfad zum Heuberg hinauf , dem Brausen des Wasserfalles entgegen , das Herz schlug ihm in wilder Angst . Er hatte es nicht gewußt , nicht begriffen bis jetzt , wie nahe ihm das Mädchen innerlich gerückt war . Während er in vergeblichem Suchen nach Hilde durch den rauschenden Regen eilte , erbitterte sich sein Herz gegen die Armseligkeit der Menschen , die ein unglückliches Geschöpf , das sich nicht wehren kann , ein für allemal ungehört verdammen , weil es in junger Unerfahrenheit gewagt hat , gegen ihren Anstandskodex zu verstoßen . Er hatte die Gesichter der Versammlung um Hilde beobachtet – er war sicher , daß keiner von ihnen allen für sie Partei nahm , daß jeder eine geheime Schuld verzeihlicher fand als dieses öffentliche und rücksichtslose Zugeständnis einer Unbesonnenheit . Sie hatte recht – nur zu sehr recht : niemand würde ihr geglaubt haben , wenn sie trotzdem ihre Mädchenunschuld beteuert haben würde . Der Flecken lag auf ihr und würde auf ihr bleiben ... Er verstand es so gut , daß sie nicht mehr der Mühe wert fand , noch einmal neu anzufangen . Wenn zehn Jahre treuer , stiller Pflichterfüllung nichts galten ... Wie albern , wie nutzlos wäre es gewesen , wenn er selbst vor diesen Leuten für sie eingetreten wäre – er , der Abenteurer , den schließlich daheim doch niemand für ernst nahm ... Ging es ihm denn besser als ihr ? Ein paar Jugenddummheiten folgten ihm nach und legten sich ihm hindernd auf Schritt und Tritt in den Weg . Andern wurde weit mehr verziehen . Aber freilich – die andern , die hatten sich auch nicht in Art und Wesen dem , was daheim als Form und Ideal galt , so weit entwendet ... Dies war der entscheidende Punkt ! Weil Hilde , so fühlte er deutlich , sich unter seinem Einfluß entwickelt hatte , mußte sie zu einer Trennung von dem , was ihr bisher als Autorität galt , gelangen ... Wie hatte er nur glauben können , in diesem Kreise mit Erfolg zu wirken ? Gleich einem scharfen Wind hatte er zwischen sie geblasen , aufrüttelnd , ermunternd , kräftigend . Nun seine Arbeit getan war , wirbelte ihn das Schicksal weiter zu unbekannten Fernen ... Sollte er gehen mit der bitteren Qual auf der Seele , den Untergang dieses armen Mädels mitverschuldet zu haben ? Aufs neue rief er laut und schmetternd Hildens Namen in die Dunkelheit . Wie war es möglich , sie hier zu finden , wenn sie sich nicht finden lassen wollte ? Jeder breite Buchenstamm konnte sie ihm verbergen . Er sah das völlig Unsinnige seines Suchens ein und konnte es doch nicht lassen , weiter zu rufen . Auf der Waldwiese stand , trübseligem Verfall preisgegeben , der kleine Pavillon , der in schönen Maitagen den Triumph seines Geistes erlebt hatte . Er lachte höhnisch über sich selbst . So ging es ihm immer wieder : er griff das Glück , er hielt es in die Höhe und ergötzte sich kindisch an seinem Glänzen – und ein anderer riß es ihm in letzter Stunde aus der Hand zu eigenem Nutzen . An den Gebäuden des Elektrizitätswerkes strahlten , als er es erreichte , die Lampen noch blaue Helle durch den Wald und beleuchteten den kläglich verregneten Putz an Fahnen und Girlanden . Er stieg den steilen Felsweg längs des Falles empor , vorsichtig umherspähend , um auf den vom Regen und vom nassen Laub glitschigen Stufen nicht auszugleiten , er starrte , verwirrt und betäubt von Schmerz und Angst , minutenlang untätig in das Brausen und Tosen der weißen stürzenden Wasser . Und dann raffte er sich plötzlich energisch zusammen und kehrte um . Es war vielleicht nur eine verrückte Phantasie von ihm , daß sie gerade den Wasserfall gewählt haben sollte – überhaupt ... wer konnte denn wissen , ob er sie nicht in der sinnlosen Aufregung , die ihn ergriffen hatte , völlig falsch beurteilte – völlig unterschätzte ? Mit mehr Ruhe kehrte er heim , traf im Flur auf Zipperjahn und hörte von ihm , Fräulein Hilde sei längst zurück . Fritz wäre dem Jungen am liebsten um den Hals gefallen . » Weißt du , wo ich sie finde ? « » Das jnädige Freilen is auf ' n Boden . « » Auf dem Boden ? « » Ja , sie hat sich ne Laterne bei mich jeholt und machte so ' n kurioses Gesicht dazu . « » Wie lange ist das her ? « » So etwa ein Dreiviertelstündchen wird ' s schon sein . « Fritz pfiff scharf durch die Zähne . Er sprang in die Dienerstube und riß dort die Lampe vom Haken an der Wand . Dann stürzte er an Zipperjahn vorüber die Treppe hinauf . All die Zeit hatte er auf falschem Wege verloren ... unwiederbringliche Zeit ... Und die Angst überschwemmte wie eine große Meereswoge aufs neue sein Herz . Zipperjahn begab sich gelassen in den Gartensaal . Dort brannte jetzt nur noch eine Lampe , bei deren spärlichem Licht er die guten Meißner Tassen wieder in die Eckschränke stellte . Er hatte aus manchem Glas die Neige genippt und war in vergnüglicher Stimmung . Zufrieden flötete er vor sich hin die Melodie seines Lieblingsliedes : » Muß i denn , muß i denn zum Städtle hinaus – und du mein Schatz bleibst hier ... « Die Tür zum Flur öffnete sich behutsam und schloß sich wieder . Zipperjahn blickte sich um , es war ihm gewesen , als ob jemand eintreten wollte . Als er pfeifend mit dem leeren Tablett hinausging , sah er draußen auf dem Flur niemand . Aber nachdem er in der Dienerstube verschwunden war , trat Hilde hinter dem Kleiderständer , wo sie sich verborgen gehalten hatte , hervor und ging eilig , doch vorsichtig , um kein unnötiges Geräusch zu machen , in den Gartensaal . Sie trug ein dunkles Wollenkleid , einen Regenmantel und einen Filzhut . In der Hand hielt sie ein kleines Köfferchen . Aufatmend blieb sie in dem nun wieder von seiner gewöhnlichen friedvollen Ruhe erfüllten , dämmerigen Raum stehen und blickte hinüber nach der Ecke am Kamin , wo die vereinzelte Lampe trübe flimmerte . Die leidenschaftliche und heftige Szene , die dort vor kurzem stattgefunden hatte , schien ihr jetzt schon beinahe unwahrscheinlich und höchst verwunderlich . So viele Jahre hatte sie schweigend und dumpf duldend das auf ihr lastende Mißtrauen getragen – war zu stolz , zu tief verletzt gewesen , um sich auch nur mit einem Worte zu verteidigen und die Menschen an die Wunde in ihrem Herzen rühren zu lassen : eine fremde Macht hatte sie plötzlich zu einem Ausbruch getrieben , der ihrer Natur fremd und höchst unsympathisch war , ja , den sie fast lächerlich fand ... Sie blickte auf das Bild von Fritz , das im kleinen Holzrähmchen auf dem Ständer neben Tante Mariens Sofaeckchen zwischen ihren Arbeitskörben stand – und sie begriff plötzlich wieder jenen Rausch , der sie damals , in der bebenden , demütigen Liebe zu Kessenbrock , alle Formen gesellschaftlichen Anständes hatte beiseite setzen lassen , indem sie lächelnd zu ihm gegangen war – ihm zu beweisen , daß sie den Mut und die Freiheit besaß , die er ihr nicht zutrauen wollte ... Hilde verzog gramvoll ironisch den Mund , als sie jenes kurzen Besuches dachte , der so viel Anstoß in ihrer kleinen Welt erregte und der ihr so gar keine von den wilden Seligkeiten geschaffen hatte , um deren Genusses willen man sie verdammte . Es war ihr in ihrem mädchenhaften Ehrbegriff so selbstverständlich erschienen , daß Kessenbrock sie verstehen und ihr Erscheinen als ein Symbol ihrer Liebe auffassen würde . Als sie statt dessen den Triumph des Verführers in seinem Gesicht und in seinem Gebaren sah , konnte sie plötzlich nur noch kalte , empörte Abwehr für ihn haben , und so schieden sie aus der Begegnung , die sie aneinander binden sollte , als erbitterte Feinde . Er war ihr Feind geblieben . In dem Wirbel von Verleumdung und Klatscherei , der sich um sie erhob , hatte er nicht ein Wort der Verteidigung für sie gefunden , hatte er nicht einmal versucht , die Menschen von ihrer Unschuld zu überzeugen . Wie seltsam , daß aus der Wüste toter Gleichgültigkeit in ihrem Herzen noch einmal Glut , Rausch und maßlose Hingebung aufblühen konnten ... Aber wenigstens sollte der Rausch ihre skeptische Vernunft nicht soweit umnebeln , daß sie Proben der Liebe , des Glaubens , des Vertrauens von einem Manne zurückerwartete . O nein – heimlich wollte sie sich davonschleichen und niemals , nur um alles in der Welt niemals erfahren , ob Fritz zu ihr gestanden , sie verteidigt , an sie geglaubt hatte ... Nur sich eine einzige liebe Illusion mit hinausnehmen in den neuen Tag , der sich freudlos vor ihr dehnte . Sie wollte , um sich unbemerkt zu entfernen , den Weg durch den Park einschlagen , nach einem abseits vom Dorf liegenden Gehöft , dessen Besitzer , wie sie wußte , ein leichtes , ländliches Wägelchen und ein Pferd besaß . Diesen wollte sie bitten , sie zur nächsten Bahnstation zu fahren . Sie hatte deshalb auch nur das alte Köfferchen mit den nötigsten Toilettegegenständen gefüllt – mochte man ihr später von ihrem Eigentum nachsenden , was man beliebte ... Sie wollte jedenfalls nichts von sich hören lassen , ehe sie eine feste Stellung gefunden hatte . Einige kurze Abschiedsworte , die ihr Vorhaben erklärten , würde Tante Marie ja auf ihrem Schreibtisch vorfinden ... Hilde schlich sich , ihr Köfferchen niedersetzend , zu Tante Mariens Sofaplatz , strich liebkosend über das Polster und schüttelte schmerzlich den Kopf über sich selbst und das Abschiedsweh , dessen sie nicht Herr zu werden vermochte . Sie nahm das Jugendbild von Fritz in die Hand , blickte einen Augenblick in die fröhlichen Knabenaugen , drückte einen langen Kuß auf das Glas , setzte es wieder nieder und wandte sich entschlossen ab . » Mut – nur Mut – nur seiner wert sein , « sagte sie leise für sich und wollte den Saal durch die nach dem Garten führende Tür verlassen . Da sah sie , daß Zipperjahn die Glastür schon geschlossen und den Schlüssel abgezogen hatte . Sie öffnete die Tür zum Korridor