Dinge ernst . Da fordert man mich vor das Forum der öffentlichen Meinung , da verlangt man , daß ich mit all meinen Schöpfungen einer Krämermoral Rede stehen soll . Ich , der ich gewohnt bin , mit Millionen zu rechnen ! Auf meine Erfolge werde ich sie verweisen . Das bin ich geworden ! Das habe ich geschaffen ! – Da habt ihr meine Rechtfertigung ! « Es war wieder das Aufflammen seines ganzen mächtigen Selbstbewußtseins , jener Zug von Größe , der auch Edith geblendet und gefesselt hatte , aber seltsam , jetzt versagte dieser Eindruck . » Man thut dir unrecht mit jenen Anklagen , ich weiß es , « sagte sie , aber es lag weit mehr geheime Angst als Ueberzeugung in ihrer Stimme . » Du hast vielleicht manche Grenzen überschritten , überschreiten müssen – ich begreife das , dir stand das Recht des Ungewöhnlichen zur Seite . Aber Felix , in jener Schrift werden dir Dinge vorgeworfen , denen du Rede stehen mußt . Man ruft ja Steinfeld selbst zum Beweise gegen dich auf , deine eigene Schöpfung . « » Wer thut das ? « fragte Ronald verächtlich . » Erkaufte Federn , denen jedes Mittel recht ist . Die Hetzjagd gegen mich und Steinfeld wird wohl gut bezahlt werden – wütend genug ist sie dazu . « » Das ist nicht wahr ! « brach Edith unvorsichtig aus . » Raimar läßt sich nicht erkaufen ! « » Raimar ? « Felix zuckte zusammen wie von einer Natter gestochen . » Du kennst den Namen ? Wer verriet ihn dir ? « Es war zu spät , die Uebereilung wieder zurückzunehmen , und Edith dachte auch nicht daran , zu leugnen , aber Ronald war aufgesprungen und wiederholte mit vollster Heftigkeit : » Woher kennst du den Namen ? Er war Geheimnis , ich selbst erfuhr ihn erst heute morgen , und du weißt ihn ? Woher ? Durch wen ? « » Durch Raimar selbst – er war heute in Gernsbach . « » So ! Du scheinst ja merkwürdige Gespräche mit diesem Herrn zu führen . Das erste Mal , als du ihn sahst , bekannte er sich vor dir als meinen Feind , heute bekennt er sich als Verfasser der Schmähschrift . Hat er wirklich die Stirn gehabt , dir das zu sagen , und du hast es angehört ? « Er sprach mit herbem Vorwurf , aber er hielt den Besuch Raimars , dessen Verkehr in Gernsbach er ja kannte , offenbar für zufällig , und eine geheime Stimme mahnte Edith , ihn dabei zu lassen . Doch das stolze , furchtlose Mädchen empfand die Aufrichtigkeit jetzt als eine unabweisbare Pflicht . » Du irrst , Felix , « antwortete sie , » Raimar kam nicht zufällig , ich selbst habe ihn hergerufen . Ich wollte ihn zwingen , das geschlossene Visier zu öffnen , das Geheimnis zu lösen – ich mußte Gewißheit haben , wenn ich auch kaum mehr zweifelte ! « » Du hattest den Namen erraten , den ich nicht einmal erriet ! Du kanntest bereits die Wahrheit ? « Der dumpfe , heisere Ton , der Blick hätte Edith warnen sollen , aber sie ließ sich unvorsichtig fortreißen , freilich ohne zu ahnen , wie sie in diesem Augenblick aussah , wie ihr ganzes Wesen aufzuflammen schien , als sie rief : » Ich wußte sie , als ich die Schrift las ! Mit so unerhörter Kühnheit vorgehen gegen einen Mann von deiner Macht und Stellung , sich so rücksichtslos einsetzen für das , was ihm Recht heißt , konnte nur einer , das konnte nur – « » Edith ! « Das Wort brach wie ein wilder , halberstickter Aufschrei von Ronalds Lippen . Er war leichenblaß , und seine Augen bohrten sich förmlich in das Antlitz seiner Braut , als suche er etwas darin . Noch verstand sie ihn nicht , diesen starren , glühenden Blick , aber sie fühlte , daß etwas Furchtbares darin lag . » Nun ? « fragte Felix nach einer Pause . » Warum sprichst du nicht weiter ? Das konnte nur einer , dieser Held des Rechtes ! Denn das scheint er ja zu sein in deinen Augen , und ich – was bin ich dir dann ? « » Felix , ich bitte dich , « hob Edith beklommen an , aber er ließ sie nicht ausreden , seine Hand schloß sich wie eine Eisenklammer um ihren Arm , und er beugte sich zu ihr nieder , so nahe , daß sein heißer Atem ihre Wange streifte . » Ich that dir unrecht vorhin , « sagte er mit bitterem Hohne . » Du kannst empfinden , ich sehe es ja ! Nur mir starrt immer und ewig das Eis entgegen , mir , dem du deine Hand zugesagt hast ! Oder hast du das vielleicht vergessen ? « Es lag eine kaum verhüllte Drohung in der Frage , aber Drohungen war Edith nicht zugänglich , sie gab den Blick fest und kalt zurück , und ebenso klang ihre Antwort : » Nein ! Ich gab dir mein Wort und werde es halten – aber laß meinen Arm los , Felix , du thust mir weh mit diesem harten Druck ! « Ronalds Finger lösten sich langsam , er gab ihren Arm frei , aber sein Blick hing noch immer mit jenem wilden Forschen an ihren Zügen . » Du mußt verzeihen , daß ich so spät kam , « begann er von neuem . » Ich hatte noch etwas abzumachen vorher – drüben in Heilsberg ! « » Doch nicht etwa – mit Raimar ? « fragte Edith mit stockendem Atem . « » Mit dem Herrn Notar , jawohl ! Wir haben uns nun auch mündlich die Fehde angesagt . Ich glaube , du erschrickst darüber ? Sei ruhig , ich stehe ja heil und gesund vor dir , und auch › er ‹ ist noch am Leben . Einen Augenblick freilich , als ich ihm so gegenüberstand , hatte ich einen Gedanken – eine bare Tollheit wäre es gewesen , die ich hätte büßen müssen ! Ich wußte das ganz genau , aber es gibt Momente , wo man trotzdem fähig ist zu solchen Tollheiten . Ich kam noch rechtzeitig zur Besinnung , zum Glück für uns beide , aber wäre ich vorher in Gernsbach gewesen , vielleicht – « Er vollendete nicht , aber sein Blick ergänzte die Worte . Edith erhob sich plötzlich und trat an den Schreibtisch , der seitwärts stand , ihr war , als müsse sie flüchten vor dem Manne , der in diesem Augenblick etwas Tigerartiges hatte . Ronald folgte ihr nicht , er blieb am Tische stehen , und der volle Schein der Lampe fiel auf sein Gesicht , das noch immer jene fahle Blässe zeigte . Das Stillschweigen dauerte minutenlang , auch Edith war bleich geworden , aber es kam keine Silbe über ihre Lippen , bis endlich Felix wieder das Wort nahm . » Du botest mir vorhin die öffentliche Erklärung unserer Verlobung an , und ich wiederhole dir : Ich will dies Opfer nicht , die Sache bleibt Geheimnis ! Das Wort aber , das du mir gabst , behalte ich , auch wenn du dich – anders besinnen solltest . Ich lasse nicht mit mir spielen ! Was mein ist , das bleibt mein , das halte ich fest , solange noch Leben in mir ist . Ich sagte es dir ja am Tage unserer Verlobung , ich bin nicht der kühle , berechnende Mann der Zahlen , für den mich die Welt hält , weil die Zahlen mich groß gemacht haben . Wenn der Dämon in mir geweckt wird – hüte dich vor ihm ! « Er sprach mit einer unheimlichen Ruhe , die schlimmer war als sein drohendes Aufflammen vorhin , dann wandte er sich zum Gehen , blieb aber an der Thür noch einmal stehen . » Ich muß fort – lebe wohl ! « » Jetzt willst du fort ? « fragte Edith leise , » die Nacht bricht an . « » Gleichviel , ich muß nach Steinfeld zurück . In vierzehn Tagen bin ich in Berlin , bis dahin – leb wohl ! « Er ging , und wenige Minuten später hörte Edith seinen Wagen davonrollen . Sie war in den Sessel vor dem Schreibtische niedergesunken und verbarg das Gesicht in den Händen . Sie fühlte nur noch eins , eisiges Grauen vor dem Manne , der sich ihr heute erst in seiner wahren Gestalt zeigte – und dieses Mannes Weib sollte sie werden ! Indessen fuhr Felix Ronald nach Steinfeld zurück , wo er in der That notwendig war . Dort hatte man ihn zuerst angegriffen , dort mußte er sich auch verteidigen . Aber das schreckte den Mann nicht , der da , im finsteren Brüten in die Ecke seines Wagens gelehnt , durch die dunkle Herbstnacht dahinfuhr . Er hatte ja so oft schon va banque gespielt in seinem Leben , eigentlich immer . Wie oft schon hatte das Glück gedroht , ihn zu verlassen , er hatte es immer wieder zurückgezwungen an seine Seite , als stehe es bei ihm in Dienst und Pflicht . Noch hielt er die Macht in den Händen , noch gebot er über einen zahlreichen Anhang , der mit ihm gehen mußte , weil er mit ihm fiel – damit ließ sich dem heranziehenden Sturme die Stirn bieten . Es war etwas anderes , was jetzt in seinem Innern stürmte , die wild auflodernde Eifersucht , und der Instinkt dieser Eifersucht ließ ihn die Wahrheit ahnen . Er mit all seiner heißen Leidenschaft , seinem stürmischen Werben hatte immer nur kühle Duldung gefunden bei der schönen , eisigen Braut , aber er kam nicht los von dieser Leidenschaft . Sie war ihm in der ruhelosen Jagd nach Gold und Macht , die sein ganzes Leben ausfüllte , eine Verheißung von Frieden und Glück gewesen , hatte seine ganze Natur in Fesseln geschlagen , und jetzt ? Er dachte an Ediths Aufflammen , als sie von Raimar sprach , und es lag eine grausame Entschlossenheit in den Worten , die er jetzt halblaut hervorstieß : » Nehmt euch in acht , ihr beide ! Ich kann vernichten , was mein ist – lassen werde ich es nicht ! « + + + Das Haus des Bankiers Mailow lag im älteren Teile Berlins und war eines jener alten , vornehmen Gebäude , die , vor mehr als einem halben Jahrhundert entstanden , sich noch ihre ganze Eigenart bewahrt haben . Die Geschäftsräume lagen im Erdgeschoß , die Wohnung der Familie im ersten Stock und im zweiten die Gesellschaftszimmer . Die innere Einrichtung des Hauses entsprach seinem Aeußeren , überall vornehme Behaglichkeit , gediegener Reichtum , aber nirgends ein Prahlen mit diesem Reichtum , nirgends eine aufdringliche Pracht . Man sah und fühlte es , daß man sich hier nicht bei einem der modernen Börsenfürsten befand , die solche Schaustellungen lieben . Etwas von dem ernsten , strengen Geiste des alten Handelsherrn , der einst das Haus Marlow gegründet hatte , wehte noch immer in den Räumen , die jetzt sein Enkel bewohnte . Es war in den ersten Tagen des Dezember . Marlow befand sich bei seiner Tochter , die er in ihren eigenen Zimmern nur selten aufsuchte , und man sah es auch an seinem Gesichte , daß von ernsten Dingen die Rede war . Er ging in offenbarer Erregung auf und nieder , während Edith am Erkerfenster saß . » Kurz , die Sache wird immer ernster und bedrohlicher ! « schloß er soeben eine längere Rede . » Ronald leugnet das zwar noch immer , er will es eben nicht zugeben . Du sprachst ihn ja allein , was sagte er dir ? « Edith , die halb abgewendet dasaß , schien dem Vater nicht gern Rede zu stehen , sie antwortete ausweichend . » Felix ist jetzt meist in einer Stimmung , mit der sich nicht rechten läßt . Ich begreife das und schone ihn so viel als möglich , du scheinst das nicht gethan zu haben , Papa , er war tief gereizt , als er von dir kam . « » Wir haben Geschäftliches besprochen , da kann man keine Schonung üben , « erklärte Marlow . » Ich habe es ihm offen herausgesagt , daß er nicht so rücksichtslos vorgehen , nicht so alle Brücken hinter sich abbrechen darf . Er hat nicht mehr die Zügel in Händen , wie noch vor drei Monaten , Was da inzwischen in Steinfeld laut geworden ist , läßt sich nicht so ohne weiteres niederzwingen . Jetzt , wo die Unterbeamten , die Arbeiter nicht mehr für ihre Existenz fürchten , wo sie sich im Schutze der Öffentlichkeit wissen , jetzt redet alles . Aber er will ja nicht hören und kümmert sich nicht um meine Warnungen . Meinetwegen ! Steinfeld ist sein Eigentum – ich habe nichts mehr damit zu schaffen . « » Nichts mehr ? « Edith wandte sich überrascht , fast erschrocken um . » Nein , der Plan ist ja gescheitert und die Aktiengesellschaft unmöglich geworden . Glaubst du , daß sich jetzt noch jemand findet , der sein Geld an Steinfeld wagt , oder dafür eintritt ? « » Du bist doch einst dafür eingetreten , Papa , und mußt als Finanzmann doch ein Urteil darüber gehabt haben . Du stimmtest damals sofort dem Plane zu , « Der Vorwurf wurde gefühlt und verstanden , der Bankier blieb stehen , und in seiner Stimme verriet sich eine gewisse Unsicherheit , als er hastig sagte : » Da lagen die Dinge anders . Ich habe manches nicht gewußt , manches vielleicht zu milde beurteilt . An ein Riesenunternehmen wie Steinfeld durfte man nicht den gewöhnlichen Maßstab legen , da ist vieles erlaubt , ja notwendig , was in kleineren Verhältnissen zu verwerfen wäre . Es läßt sich da unendlich schwer eine Grenze ziehen . Nach dem Einblick , den ich jetzt habe , würde ich mich unbedingt zurückziehen , selbst wenn die Bildung der Gesellschaft noch möglich wäre . Diese Unmöglichkeit erspart mir die immerhin peinliche Absage an Ronald . « Edith schwieg , aber sie begriff vollkommen . Marlow hatte ja vielleicht manches nicht gewußt und vieles nicht wissen wollen , um nicht einem Unternehmen fern bleiben zu müssen , das ihm ungemessenen Vorteil versprach . Sobald die öffentliche Meinung sich dagegen erklärte , erwachte sein kaufmännisches Gewissen , da zog er sich vorsichtig und rechtzeitig zurück . » Der kühle , kluge Geschäftsmann « wußte immer , was er that , er hatte sich auch bei diesem Rückzuge keine Blöße gegeben , aber seine Tochter fühlte doch jetzt zum erstenmal , daß zwischen ihr und dem Vater eine Kluft lag . Freilich , er war derselbe geblieben , und sie war eine andere geworden – seit dem Frühjahr ! » In der nächsten Woche beginnt der Prozeß , « hob Marlow wieder an . » Da hatte Ronald ja allerdings keine Wahl ; zu den Anklagen jener unseligen Schrift schweigen hieß sie zugeben . Er mußte die Klage wegen Verleumdung stellen , auf alle Gefahr hin . – Bestehst du denn noch immer darauf , den Verhandlungen beizuwohnen ? « » Ja , « sagte Edith mit voller Entschiedenheit . » Ich kann und will nicht fern bleiben , wo so viel für uns auf dem Spiele steht . « » Für uns – ja so ! « wiederholte der Bankier gedehnt , und dabei streifte ein eigentümlich forschender Blick die Tochter . » Nun , gerade deshalb möchte ich dich noch einmal bitten , gib den Gedanken auf ! In solchen gerichtlichen Verhandlungen werden oft die peinlichsten Dinge erörtert . Bist du deiner Selbstbeherrschung so völlig sicher , um nur als fremde Zuhörerin zu erscheinen ? Oder wäre es dir gleichgültig , wenn man gerade jetzt deine Beziehungen zu Ronald erriete ? « » Das Erraten wäre überflüssig gewesen . Ich habe Felix schon bei unserem letzten Zusammentreffen in Gernsbach vorgeschlagen , unsere Verlobung öffentlich zu erklären . « » Edith ! « Es war ein Ausruf des Schreckens , aber sie fuhr unbeirrt fort ! » Er wollte das damals nicht annehmen , ich war bereit dazu , « » Um Gottes willen , welch ein Gedanke ! « brach Marlow aus . » Jetzt , wo Ronald von allen Seiten angegriffen wird , willst du dich öffentlich als seine Braut erklären ? Ein Glück , daß er wenigstens vernünftig war . Er kann jetzt doch unmöglich verlangen – « » Was er später unbedingt verlangen wird ! « ergänzte Edith . » Und da fordert er nur sein Recht , « Marlow schien einen Widerspruch auf den Lippen zu haben , unterdrückte ihn aber und nahm neben seiner Tochter Platz . » Kind , du ahnst nicht , wie die Sache steht , « sagte er in gedämpftem Tone , » Ich habe dich nicht ängstigen wollen , jetzt aber muß ich dir doch die Wahrheit sagen , Ronald ist grenzenlos – unvorsichtig gewesen in seiner Geschäftsführung , er hat sich Dinge erlaubt , die man ihm nicht verzeihen wird und auch nicht verzeihen kann . Es handelt sich nicht mehr um Steinfeld allein , aber Steinfeld wird sein Verhängnis werden . Die teilweisen Enthüllungen dort haben bereits verraten , daß er die Werke nicht mehr halten konnte , daß er die Aktiengesellschaft nur zur Deckung für seine Verluste benutzen wollte . Damit hat er verspielt bei dem Publikum , damit hat er das Vertrauen verloren , das ihn und all seine Unternehmungen trägt . Stürzt da eins , so wankt alles andere . Und nun noch einen Gegner wie dieser Raimar – du weißt nicht , was das bedeutet ! « » Doch , ich weiß es ! « sagte Edith leise . » Ich habe den Angriff von Anfang an ernst genommen , « fuhr Marlow fort . » Daß er eine so furchtbare Tragweite annehmen , einen solchen Wiederhall im ganzen Lande finden würde , das habe ich nicht vorausgesehen . Alle Zeitungen sind ja voll von der Sache , in jedem Gespräch hört man die Namen Ronald und Raimar , und seit Raimar nun vollends hier ist , scheint es gar kein anderes Interesse mehr zu geben . Es werden ja förmliche Parteiversammlungen abgehalten für und gegen Ronald – es ist eine heillose Aufregung ! « » Raimar hat gestern gesprochen – ich las heute morgen den Bericht . « Die Worte kamen scheu und zögernd von Ediths Lippen , sie wußte es ja , daß der Vater dort gewesen war , aber es schien , als wage sie es nicht , eine Frage zu stellen . Seine finstere Stirn furchte sich noch tiefer , als er entgegnete : » Der Bericht gibt nur einen Auszug . Man muß den Mann selbst gesehen und gehört haben , wie er dastand , wie er sprach , um die ungeheure Wirkung zu begreifen . Dieser Raimar hat eine fast unheimliche Gewalt der Rede , er bezwingt Feind und Freund damit . Gestern schon wurde er bejubelt und förmlich auf den Schild gehoben , und das war doch nur ein Vorspiel . Er will sich natürlich selbst verteidigen , und wenn er so vor den Schranken spricht , so alles mit sich fortreißt , wie gestern – dann ist das Schlimmste zu fürchten ! « » Das Schlimmste ? Was heißt das , Papa ? « » Daß Raimar nur rein formell zu irgend einer Geldstrafe verurteilt oder gar – freigesprochen wird . Dann hat er gesiegt , dann gibt man ihm recht mit seiner Anklage , und der Verurteilte ist Ronald ! « Edith erwiderte nichts , aber sie war erschreckend bleich , und ihre Lippen preßten sich wie im Krampfe zusammen . Der Vater schloß ihre Hand fest in die seinige , und jetzt bebte auch seine Stimme . » Mein armes Kind ! Ich bin schonungslos gegen dich , ich weiß es , aber hier hilft kein Verbergen . Du mußt auf alles gefaßt sein , « » Das bin ich längst . Felix will ja nichts zugeben , aber sein ganzes Wesen verrät mir , daß es sich hier für ihn um Sein oder Nichtsein handelt . An unserer Verlobung ändert das freilich nichts . « » Eine Verlobung ist noch keine Ehe ! « Marlow sprach die Worte langsam und bedeutsam , » Und wenn du ernstlich willst – « » Ich will aber nicht ! « erklärte Edith , indem sie sich erhob und ihre Hand aus der des Vaters zog . » Liebst du Ronald ? « » Das hättest du mich fragen sollen , Papa , als du mir seinen Antrag überbrachtest . Du unterließest damals die Frage – jetzt erlaß mir die Antwort ! « Ein schwerer Seufzer rang sich aus der Brust Marlows . Er stand gleichfalls auf und sagte : » Wir können jetzt überhaupt nichts beschließen , bis der Prozeß entschieden ist . – Wilma ist bereits angekommen ? « » Gestern abend , ich erhielt heute morgen einige Zeilen von ihr und werde später zu ihr fahren . Du weißt ja , weshalb sie nicht unser Gast sein wollte . « » Weil ihr Bräutigam der nächste Freund Raimars ist ? « Der Bankier zuckte die Achseln . » Eine ganz übertriebene Rücksicht ! Wilma hat ihn allerdings mit unserer Zustimmung ins Vertrauen gezogen , das ließ sich nicht umgehen , aber sonst weiß niemand davon . Der Major konnte ruhig bei uns verkehren . « » Aber Felix hätte das erfahren und wäre außer sich geraten . « » Wenn ich den Verlobten meiner Nichte in meinem Hause empfange , ist das lediglich meine Sache , « bemerkte Marlow scharf . » Major Hartmut ist mir eine sehr sympathische Persönlichkeit , Wilma hätte gar keine bessere Wahl treffen können . Ich wäre mit ihrem Besuche ganz einverstanden gewesen , gleichviel ob Ronald das übelgenommen hätte oder nicht . « Er vermied es offenbar absichtlich , seinen künftigen Schwiegersohn beim Vornamen zu nennen , und es war wohl auch Absicht , daß er , der sonst sehr viel auf Rücksichten gab , diesmal die Rücksichtslosigkeit vertrat . Das wäre es in der That gewesen , wenn der nächste Freund Raimars täglich im Marlowschen Hause verkehrt hätte ; aber eine heftige Scene wäre dem Bankier vielleicht nicht unerwünscht gewesen . Das konnte einen Vorwand zum Bruch geben , und er wollte jetzt los um jeden Preis von der Verbindung , die er einst so sehr erstrebt hatte . Daß die Verlobung seiner Tochter gelöst werden müsse , stand bereits bei ihm fest , das war nur eine Frage der Zeit , und als er Edith jetzt verließ , um in sein Arbeitszimmer zurückzukehren , war er überzeugt , sie werde , nun sie die Sachlage kannte , auch diesmal fein » kluges , verständiges Kind « sein , wie immer . Frau von Maiendorf war mit ihrem Töchterchen nach Berlin gekommen , denn ihre Hochzeit , die in sechs Wochen stattfinden sollte , und die Uebersiedlung nach der neuen Heimat machten noch mancherlei Einkäufe und Besorgungen notwendig . Major Hartmut wollte natürlich den Prozeßverhandlungen beiwohnen , in denen sein Freund eine Hauptrolle spielte , und hatte seine Braut bestimmt , die gleiche Zeit für ihre Reife zu wählen . Sie hatten sich seit der Verlobung nicht wiedergesehen , und sein Urlaub zählte diesmal nur nach Tagen . Ernst Raimar , der in der That beabsichtigte , seine Verteidigung persönlich zu führen , war seit vierzehn Tagen hier , und ihm hatte sich Herr Notar Treumann angeschlossen , der natürlich auch mit dabei sein wollte . Er ging als freiwilliger Berichterstatter der » Burgwarte « nach Berlin und schickte Triumphartikel nach Heilsberg . Jeden Morgen beim Kaffee hatten die Heilsberger ihren großen Moment , da kam die » Burgwarte « , und da lasen sie es schwarz auf weiß , daß » ihr Notar « jetzt in Berlin der Mann des Tages war . Die historische Stadt war denn auch vollständig auf der Höhe der Situation . Die Damen veranstalteten Kaffeekränzchen , wo der besagte Notar , an dem sie früher , seiner Ungeselligkeit wegen , kein gutes Haar gelassen hatten , als Sankt Georg gefeiert wurde . Die Herren hielten Extrasitzungen im historischen Verein , wo der Bürgermeister als Vizepräsident den abwesenden Präsidenten vertrat , und am besten befand sich dabei der Goldene Löwe , das Vereinslokal , denn in der allgemeinen Begeisterung fühlte man fortwährend das Bedürfnis , Toaste auszubringen und Gesundheiten zu trinken . Frau von Maiendorf hatte es aus dem schon erwähnten Grunde abgelehnt , die Gastfreundschaft ihrer Verwandten auch für diesmal anzunehmen , sie war im Hotel abgestiegen , während Hartmut bei seinem Freunde wohnte . Er hatte den ganzen Vormittag bei seiner Braut zugebracht und kam eben nach Hause , wo er Herrn Notar Treumann vorfand . Dieser fühlte wieder einmal die dringende Notwendigkeit , sich auszusprechen , und packte deshalb schleunigst den Major und begann die gestrige Rede seines Neffen zu erörtern , so ausführlich und unermüdlich , daß Arnold , der ja auch dabei gewesen war , endlich die Geduld verlor . » Nun ja , es war ein großer Erfolg , aber das alles sind doch im Grunde nur Vorpostengefechte , die eigentliche Schlacht soll erst in der nächsten Woche stattfinden . Am Montag beginnen die Verhandlungen , haben Sie sich denn schon einen Platz auf der Tribüne gesichert ? Der Andrang wird sehr groß werden . « » Auf der Tribüne ? « wiederholte Treumann mit überlegener Miene . » Ja , dort sitzen die Zuhörer , dort sitzen Sie , Herr Major – mein Platz ist natürlich bei der Presse . « » Was der Tausend ! Hat man der › Burgwarte ‹ das zugestanden ? « rief Hartmut lachend . » Man hat schon Mühe und Not , die Vertreter der großen Blätter unterzubringen . « » Ich habe es auch erst durchsetzen müssen ! « erklärte der Notar . » Man war anfangs sehr wenig entgegenkommend , einer von den Herren wurde sogar ausfallend . Er fragte sehr von oben herab : Heilsberg ? Was ist das für ein Ding ? Und Burgwarte ? Das klingt ja ganz mittelalterlich – bedaure sehr ! Aber ich bin die Antwort nicht schuldig geblieben . Meine Herren – habe ich gesagt – Heilsberg ist eine historische Stadt , Heilsberg ist die Heimat und der Wohnort eines gewissen Ernst Raimar , dessen Name Ihnen vielleicht nicht ganz unbekannt ist , und ich bin sein Onkel ! Ich hoffe , Sie werden meinem Neffen die Rücksicht erweisen und dem Organ seiner Vaterstadt , vertreten durch seinen nächsten Anverwandten , einen Platz gewähren . « » Eine ausgezeichnete Rede ! « sagte der Major anerkennend , » Das mit der Vaterstadt stimmt zwar nicht , denn Ernst ist Berliner , aber das macht nichts , wenn es nur hilft . « » Natürlich half es ! « triumphierte der alte Herr . » Man wurde ungemein höflich und verbindlich , man sagte mir sofort den gewünschten Platz zu , und gleich an Ort und Stelle hatte ich noch ein Interview . « Hartmut schüttelte etwas bedenklich den Kopf . » Herr Notar , Sie lassen sich aber jetzt von aller Welt interviewen . Sie wissen , Ernst liebt das gar nicht , er selbst ist sehr zurückhaltend , er steht niemand Rede , und Sie lassen sich von dem ersten besten ausfragen ! « » Von dem ersten besten ? Oho ! Es war der Berichterstatter der › Times ‹ ! « » Nun , dann hätte er Ernst selbst fragen können . « » Das hat er ja versucht , aber Ernst war völlig unzugänglich wie immer , und nun hörte er die Verhandlung wegen des Platzes und stellte sich mir vor als Vertreter des Weltblattes . Er bat sehr artig um einige persönliche Notizen , die er seinem Berichte beizufügen wünsche . Mit Vergnügen , Herr Kollege – sagte ich – mit dem allergrößten Vergnügen ! Ernst Raimar ist , wie schon erwähnt , mein Neffe , ich habe ihn aus der Taufe gehoben , ich kenne ihn von Kindesbeinen an . Sie finden in mir die allerbeste Quelle . Heute morgen habe ich nach Heilsberg telegraphiert : Interview des Berichterstatters der › Burgwarte ‹ durch den Berichterstatter der › Times ‹ ! Ich werde unserem Organ das ganze Interview mitteilen ! « Das Entzücken des alten Herrn über seine Wichtigkeit als Onkel seines Neffen war so naiv und harmlos , daß der Major es nicht über das Herz brachte , ihn auszulachen , er bemerkte nur : » Herr Notar , Ihr Enthusiasmus für Ernst wird nachgerade beängstigend . Ihr Liebling , der Maxl , wird das übelnehmen , er ist ja doch das patentierte Genie in der Familie . Wo treibt er sich denn eigentlich herum ? Bei uns ist er erst ein einziges Mal aufgetaucht , und da brauchte er Geld . Sonst glänzt er durch Abwesenheit , was wir mit Fassung ertragen . « In dem Gesicht Treumanns zeigte sich eine gewisse Verlegenheit , er zögerte mit der Antwort . » Das geschieht Ihretwegen , « gestand er endlich , » Maxl sagt , Sie hätten ihn beleidigt , und seine Selbstachtung verbiete ihm , die Schwelle zu überschreiten , wo Sie weilen . « » Nun , das Geld hat er sich doch geholt von der besagten Schwelle , « spottete Hartmut , » das gilt vermutlich als Ausnahme . Was übrigens die Selbstachtung des Maxl betrifft , so heißt die , ins Deutsche übersetzt : Neid ! Ganz