noch ganz und gar verdorben wirst durch die unsinnige Vergötterung , die man mit Dir treibt . Der leistet das Möglichste darin , wie überhaupt Dein ganzer Verehrerkreis ! Sie setzen Dich ja wie einen Dalai Lama in die Mitte und gruppiren sich ehrfurchtsvoll um Dich herum , um den Aeußerungen Deines Genius zu lauschen , auch wenn es diesem Genius gelegentlich einmal belieben sollte , seine begeisterte Umgebung zu maltraitiren . Schade um Dich , Reinhold . Sie treiben Dich damit unfehlbar zu der Klippe , an der schon so manche bedeutende Kraft gescheitert ist – zur Selbstvergötterung . “ „ Nun , daß dies vorläufig noch nicht geschieht , dafür sorgst Du schon , “ entgegnete Reinhold sarkastisch . „ Du scheinst Dich jetzt ganz ausgezeichnet in der Rolle des getreuen Eckhard zu gefallen und probirst sie bei jeder Gelegenheit ; sie ist aber die undankbarste von allen ; gieb sie auf , Hugo ! Sie sagt Deiner Natur ganz und gar nicht zu . “ Der Capitain runzelte die Stirn , aber er blieb vollkommen ruhig bei dem Tone , der einen Anderen leicht gereizt hätte , warf die Vogelflinte über den Rücken und ging hinaus . Nach wenigen Minuten schon befand er sich draußen am Meere , und als der frische Seewind erst seine Stirn kühlte , da war es auch schon wieder aus mit dem ganzen Ernste des Herrn Capitain ; er schlug richtig den Weg nach der Villa Fiorina ein . Die Wahrheit zu sagen , begann sich Hugo bereits zu langweilen in Mirando und in der vorwiegend künstlerischen Atmosphäre , welche die Neigung des Marchese und die Gegenwart seines Bruders dort schufen . Die paradiesische Lage der Besitzung war dem mit der Schönheit der Tropenwelt vertrauten Seemanne nichts Neues , [ 493 ] und die Einsamkeit , der sich Reinhold mit einer fast krankhaften Sehnsucht hingab , sagte Hugo ’ s lebensfroher Natur durchaus nicht zu . Freilich lag das von Fremden schon reich bevölkerte S. in ziemlicher Nähe , aber man konnte doch nicht allzu oft hinüberfahren und dadurch dem jungen Wirthe zeigen , daß man bei ihm die Geselligkeit vermisse . Da kam denn diese vermuthlich schöne und jedenfalls geheimnißvolle und interessante Nachbarschaft äußerst gelegen , und Hugo war sofort entschlossen , sie sich zu Nutze zu machen . „ Das halte ein Anderer aus mit diesen Künstlern und Kunstenthusiasten ! “ sagte er ärgerlich , während er den Weg am Meere entlang verfolgte . „ Den halben Tag lang sitzen sie am Flügel , und während der übrigen Zeit sprechen sie von Musik . Reinhold bewegt sich ewig in Extremen . Mitten aus dem wildesten Leben , aus den unsinnigsten Aufregungen stürzt er sich Hals über Kopf in diese ideale Einsamkeit und will nichts weiter hören und wissen als nur seine Musik ; mich soll nur wundern , wie lange das anhält . Und dieser Marchese Tortoni ? Jung , schön , reich , aus dem edelsten Geschlecht , weiß dieser Cesario mit dem Leben nichts Besseres anzufangen , als sich monatelang in die Einsamkeit seines Mirando zu vergraben , den Dilettanten in großem Stile zu spielen , und dem Reinhold mit seiner maßlosen Vergötterung den Kopf noch mehr zu verdrehen . Da verstehe ich meine Zeit doch besser anzuwenden ! “ Bei diesen letzten mit großem Selbstgefühle gesprochenen Worten blieb der Capitain stehen , denn das Ziel seines Ganges war vorläufig erreicht . Vor ihm lag die Villa Fiorina , überschattet von hohen Pinien und Cypressen und wie vergraben in blühenden Gesträuchen . Das Haus selbst schien prachtvoll und geräumig zu sein , aber die Hauptfront , sowie die nach dem Meere hinaus gelegene Terrasse waren so dicht umrankt und umgeben von Rosen- und Oleandergebüschen , daß selbst der Falkenblick Hugo ’ s es nicht vermochte , die duftige Schutzwehr zu durchdringen . Eine hohe , von Schlingpflanzen überwucherte Mauer umschloß die parkartigen Gartenanlagen , die in dem Olivenwalde endigten , der die Besitzung umgab . Sie mochte , nach der Großartigkeit der ganzen Anlage zu urtheilen , wohl früher das Eigenthum einer vornehmen Familie gewesen sein , dann , wie so viele ihres Gleichen , öfter den Besitzer gewechselt haben , und jetzt reichen Fremden zum vorübergehenden Aufenthalt dienen . Jedenfalls gab sie an Schönheit der Lage dem viel gepriesenen Mirando des Marchese Tortoni nicht das Geringste nach . Der Capitain hatte seinen Feldzugsplan bereits entworfen ; er musterte daher nur flüchtig die Umgebung , machte einen vergeblichen Versuch von der Seeseite her einen freieren Blick auf die Terrasse zu gewinnen , maß für alle Fälle mit dem Auge die Höhe der Gartenmauer und schritt dann geradeswegs nach dem Eingange , wo er die Glocke zog und ohne Weiteres die Herrschaft zu sprechen verlangte . Der Pförtner , ein alter Italiener schien für dergleichen Fälle schon seine Instruction zu haben , denn ohne nur nach dem Namen des Fremden zu fragen , erklärte er kurz und bündig , die Herrschaft nehme keine Besuche an , und er bedaure , daß sich der Signor umsonst bemüht habe . Hugo zog kaltblütig seine Karte hervor . „ Man wird eine Ausnahme machen . Es handelt sich um eine wichtige Angelegenheit , die durchaus persönliche Rücksprache erfordert . Ich werde inzwischen hier warten , da ich jedenfalls werde empfangen werden . “ Er ließ sich ruhig auf die Steinbank nieder , und diese unerschütterliche Zuversicht imponirte dem Pförtner dermaßen , daß er wirklich an die Wichtigkeit der vorgeblichen Mission zu glauben begann . Er verschwand mit der Karte , während Hugo , ganz unbekümmert um die etwaigen Folgen , das Resultat seines kecken Manövers abwartete . Dieses Resultat war ein über Erwarten günstiges , denn schon nach kurzer Zeit erschien ein Diener , der den Fremden , welcher sich mit einem deutschen Namen eingeführt , auch in dieser Sprache anredete , und ihn ersuchte , einzutreten . Er führte den Capitain in einen Gartensaal und ließ ihn dort allein , mit der Versicherung , der Herr werde sogleich erscheinen . „ Glück muß der Mensch haben , “ sagte Hugo , selbst ein wenig erstaunt über dieses unerwartet schnelle Gelingen . „ Ich wollte , Reinhold und der Marchese könnten mich jetzt sehen . Mitten in der ‚ unzugänglichen ‘ Villa , in Erwartung des Herrn und Gebieters derselben , und nur einige Thüren weit von der blonden Signora . Das ist vorläufig genug für die ersten fünf Minuten , und das hätte nicht einmal mein genialer Herr Bruder fertig gebracht , vor dem doch sonst alle Thüren springen . Jetzt heißt es aber selbst genial sein , im Lügen nämlich . Was in aller Welt sage ich diesem Edlen , bei dem ich mich in einer wichtigen Angelegenheit habe anmelden lassen , ohne je eine Sylbe von ihm gehört zu haben , so wenig als er von mir ? Ah bah ! Irgend Jemand hat mir auf irgend einer meiner Fahrten irgend einen Auftrag gegeben . Im schlimmsten Falle kann ich mich doch nur in der Person geirrt haben , inzwischen ist die Bekanntschaft eingeleitet , und das Uebrige ergiebt sich von selbst . Ich werde die Improvisation ganz nach der Persönlichkeit des Betreffenden einrichten , jedenfalls gehe ich nicht von der Stelle , ohne die Signora gesehen zu haben . “ Er nahm Platz und begann in vollster Gemüthsruhe die Umgebung zu betrachten . „ Meine verehrten Landsleute scheinen in der That der glücklich situirten Minderheit anzugehören , die jährlich über einige Zehntausende verfügt . Die ganze Villa nebst Park zum ausschließlichen Gebrauche gemiethet – die Einrichtung mit großen Kosten vervollständigt , denn diesen Comfort findet man nicht hier im Süden – die eigene Dienerschaft mitgebracht ; ich sah nicht weniger als drei Gesichter da draußen , denen die urgermanische Abkunft auf der Stirn geschrieben steht . Jetzt ist nur die Frage , ob wir es mit der Aristokratie oder mit der Börse zu thun haben . Das Letztere wäre mir lieber , ich kann da doch wenigstens einige mercantilische Beziehungen geltend machen , während ich vor einem hohen Adel in der ganzen Nichtigkeit des Bürgerlichen – – wie , Consul Erlau ? “ Mit diesem in grenzenlosem Erstaunen hervorgestoßenen Ausrufe prallte Hugo von der Schwelle zurück , auf der jetzt die wohlbekannte Gestalt des Handelsherrn erschien . Der Consul war freilich im Laufe der Jahre sehr gealtert , das einst so volle dunkle Haar erschien grau und spärlich ; die Züge trugen den Ausdruck eines unverkennbaren Leidens , und auch das freundliche Wohlwollen , das sie sonst belebte , war , für den Augenblick wenigstens , einer kalten Gemessenheit gewichen , mit der er sich dem Gaste näherte . „ Herr Capitain Almbach , Sie wünschen mich zu sprechen ? “ Hugo war bereits Herr seiner Ueberraschung geworden und augenblicklich entschlossen , diesen ganz unerwartet günstigen Zufall nach Kräften zu benutzen . Er nahm all seine Liebenswürdigkeit zusammen . „ Herr Consul , ich bin Ihnen sehr dankbar – ich hoffte in der That kaum , von Ihnen persönlich empfangen zu werden . “ Erlau ließ sich nieder und lud ihn mit einer Handbewegung zum Sitzen ein . „ Ich habe auch auf ärztliche Anordnung Besuche zu meiden ; bei der Nennung Ihres Namens aber glaubte ich eine Ausnahme machen zu müssen , da es sich vermuthlich um meine Eigenschaft als Vormund Ihres Neffen handelt . Sie kommen im Auftrage Ihres Bruders ? “ „ Im Auftrage Reinhold ’ s ? “ wiederholte Hugo ungewiß . „ Wie so ? “ „ Es ist mir lieb , daß Herr Almbach keine persönliche Annäherung versucht hat , wie er sie schon einmal schriftlich versuchte , “ fuhr der Consul noch immer in dem Tone kühler Zurückhaltung fort . „ Er scheint trotz unserer absichtlichen Zurückgezogenheit den gegenwärtigen Aufenthalt seines Sohnes zu kennen . Ich bedaure aber , Ihnen mittheilen zu müssen , daß Eleonore durchaus nicht gesonnen ist – “ „ Ella ? Sie ist hier ? Bei Ihnen ? “ fuhr Hugo mit solcher Lebhaftigkeit auf , daß Erlau ihn mit äußerster Befremdung anblickte . „ War Ihnen das nicht bekannt ? Dann , Herr Capitain , darf ich wohl fragen , was mir eigentlich die Ehre Ihres Besuches verschafft ? “ Hugo überlegte einen Augenblick , er sah wohl , daß der Name Reinhold ’ s , der ihm die Thüren geöffnet , doch die schlimmste Empfehlung war , die er hier mitbringen konnte , und faßte danach seinen Entschluß . „ Ich muß zuvörderst einen Irrthum aufklären , “ entgegnete er mit vollster Offenheit . „ Ich komme weder als Abgesandter [ 494 ] meines Bruders , wie Sie zu vermuthen scheinen , noch bin ich überhaupt in seinem Interesse oder mit seinem Wissen hier . Ich gebe Ihnen mein Wort darauf , er hat augenblicklich noch keine Ahnung davon , daß seine Gattin und sein Sohn sich in seiner Nähe , daß sie sich überhaupt in Italien befinden . Mich dagegen “ – hier hielt es der Capitain doch für angemessen , etwas Dichtung in die Wahrheit zu mischen – „ mich dagegen führte ein Zufall auf die Spur , von deren Richtigkeit ich mich vorerst zu überzeugen wünschte . Ich kam , um meine Schwägerin zu sehen . “ „ Das würde wohl besser unterbleiben , “ meinte der Consul mit auffallender Kälte . „ Sie werden begreifen , daß ein solches Zusammentreffen für Eleonore nur peinlich sein kann – “ „ Ella weiß am besten , wie ich von jeher zu der ganzen Angelegenheit gestanden habe , “ unterbrach ihn der Capitain . „ und sie wird mir sicher die erbetene Unterredung nicht versagen . “ „ Nun wohl , so thue ich es im Namen meiner Pflegetochter , “ erklärte Erlau bestimmt . Hugo stand auf . „ Herr Consul , ich weiß , daß Sie Vaterrechte über meinen Neffen und auch wohl über seine Mutter erworben haben , und ehre diese Rechte . Deshalb bitte ich Sie um die Gewährung dieser Zusammenkunft . Ich werde meine Schwägerin mit keinem Worte , mit keiner Erinnerung verletzen , wie Sie es zu fürchten scheinen , nur – sehen möchte ich sie doch wenigstens . “ Es lag in den Worten eine so warme ernste Bitte , daß der Consul schwankte . Er mochte wohl an die Zeit denken , wo der Muth des jungen Capitain Almbach ihm das beste seiner Schiffe gerettet hatte , und der Dank , den der reiche Handelsherr in überschwenglicher Weise abzutragen bereit war , höflich , aber bestimmt zurückgewiesen wurde . Es wäre mehr als undankbar gewesen , diesem Manne gegenüber auf der schroffen Abweisung zu beharren ; er gab nach . „ Ich werde fragen , ob Eleonore zu dieser Unterredung geneigt ist , “ sagte er aufstehend . „ Von Ihrem Hiersein ist sie allerdings schon unterrichtet , denn sie war bei mir , als ich Ihre Karte empfing . Ich bitte nur um einige Augenblicke Geduld . “ Er verließ das Zimmer ; es vergingen wohl an zehn Minuten ungeduldigen Harrens , da endlich wurde die Thür von Neuem geöffnet und ein Damenkleid rauschte auf der Schwelle . Hugo ging rasch der Eintretenden entgegen . „ Ella ! Ich wußte , daß Sie mich nicht – “ Er stockte plötzlich , die zum Willkommen ausgestreckte Hand sank langsam nieder , und der Capitain stand wie angewurzelt . „ Sie scheinen mich kaum mehr zu erkennen , “ sagte die junge Frau , die vergeblich auf eine Vollendung des Grußes wartete . „ Habe ich mich denn so sehr verändert ? “ „ Ja – sehr , “ bestätigte Hugo , dessen Auge noch immer in maßlosem Erstaunen an der Gestalt der vor ihm stehenden Dame hing . Der kecke , übermüthige Seemann , der sich sonst jeder Lage des Lebens , jeder Ueberraschung gewachsen zeigte , stand hier stumm , verwirrt , fast bestürzt da . Freilich , wer hätte das auch je für möglich gehalten ! Das also war aus der einstigen Gattin seines Bruders geworden , aus der scheuen furchtsamen Ella , mit dem blassen unschönen Gesichtchen und dem linkisch schüchternen Wesen ! Jetzt erst sah man es , was jene Kleidung gesündigt hatte , in der Eleonore Almbach immer nur wie die Magd und nie wie die Tochter des Hauses erschien , und was jene unendliche Haube , die , wie für die Stirn einer Sechszigjährigen gemacht , Tag für Tag das Haupt der noch so jugendlichen Frau bedeckte . Das Alles war verschwunden bis auf die letzte Spur . Das helle duftige Morgengewand ließ die schlanke , noch immer mädchenhaft zarte Gestalt in ihrer ganzen Schönheit hervortreten , und der überreiche Schmuck der blonden Flechten , die jetzt unverhüllt getragen wurden , umgab in seiner ganzen schweren , goldschimmernden Pracht das Haupt . Das Gesicht der „ blonden Signora “ hatte Marchese Tortoni freilich nicht gesehen , aber Hugo sah es jetzt , und während dieses secundenlangen Anschauens fragte er sich immer wieder , was denn eigentlich mit diesen Zügen vorgegangen sei , die einst so starr und leer waren , daß man ihnen den Vorwurf der Stumpfheit gemacht , und die nun so beseelt und durchgeistigt erschienen , als sei ein Bann von ihnen genommen und irgend etwas Niegeahntes darin zum Leben erwacht . Freilich lag es noch um den Mund wie ein Zug leisen , nicht überwundenen Schmerzes , und die Stirn überschattete eine Schwermuth , die sie früher nicht gekannt , aber die Augen suchten nicht mehr verschleiert und scheu den Boden ; jetzt waren sie klar und voll aufgeschlagen , und sie hatten wahrlich nichts eingebüßt von der einstigen Schönheit . Ella schien es gelernt zu haben , das , was ihr die Natur gegeben , nicht mehr ängstlich vor fremden Blicken zu verstecken . Als sie achtzehn Jahre alt war , fragte ein Jeder achselzuckend : „ Wie kommt diese Frau an die Seite dieses Mannes ? “ Mit achtundzwanzig war sie eine Erscheinung , die mit jeder Anderen in die Schranken treten konnte . Wie schwer mußten der Druck und die Fesseln des Elternhauses auf der jungen Frau gelastet haben , wenn wenige Jahre , in freieren edleren Umgebungen verlebt , genügt hatten , um die einstige Hülle bis auf den letzten Rest abzustreifen und dem Schmetterlinge die Flügel zu lösen . Die fast unglaubliche Veränderung bewies , was die einstige Jugenderziehung verschuldet . „ Sie wünschten eine Unterredung mit mir , Herr Capitain ? “ begann Ella , indem sie sich auf die Ottomane niederließ . „ Darf ich bitten ? “ Worte und Haltung waren so sicher und unbefangen , wie die einer vollendeten Weltdame , die einen Besuch empfängt , aber auch fremd und kühl , als habe sie nicht die geringste Beziehung zu diesem Besuche . Hugo verneigte sich ; es lag noch eine helle Röthe auf seiner Stirn , als er , der Einladung folgend , an ihrer Seite Platz nahm . „ Ich bat darum – der Herr Consul glaubte mir in Ihrem Namen diese Unterredung versagen zu müssen , aber ich bestand auf der directen Anfrage bei Ihnen . Ich hatte ein besseres Vertrauen zu Ihrer Güte , gnädige Frau . “ Sie sah ihn groß und fragend an . „ Sind wir uns so fremd geworden ? Warum geben Sie mir diesen Namen ? “ „ Weil ich sehe , daß mein Besuch hier als ein unberechtigtes Eindringen angesehen wird , das man nur um des Namens willen , den ich trage , nicht entschieden zurückweist , “ versetzte Hugo mit einiger Bitterkeit . „ Schon Herr Consul Erlau ließ mich das fühlen , und hier mache ich zum zweiten Male die Erfahrung . Und doch kann ich auch Ihnen nur wiederholen , daß ich ohne Auftrag , selbst ohne Wissen – eines Anderen hier bin und daß dieser Andere bis zur Stunde noch keine Ahnung von Ihrer Nähe hat . “ „ Nun so bitte ich Sie , diese Nähe auch ferner ein Geheimniß bleiben zu lassen , “ sagte die junge Frau ernst . „ Sie werden begreifen , daß ich nicht wünsche , meine Anwesenheit verrathen zu sehen , und S. ist immerhin weit genug entfernt , um das möglich zu machen . “ „ Wer sagt Ihnen denn , daß wir unseren Aufenthalt in S. genommen haben ? “ fragte Hugo etwas betreten über die Sicherheit dieser Annahme . Sie wies nach den auf dem Tische liegenden Zeitungen . „ Ich las heute Morgen , daß man dort zwei der ersten musikalischen Berühmtheiten erwartet . Die Nachricht ist verspätet , wie ich sehe , und Sie sind jedenfalls Gast Ihres Bruders . “ Hugo schwieg ; er hatte nicht den Muth , ihr zu sagen , um wie vieles näher ihr der einstige Gatte war , und die Zeitungsnotiz konnte er sich leicht erklären , da er von der bevorstehenden Ankunft Beatricens wußte . Man war eben gewohnt , sie und Reinhold stets zusammen zu nennen , und wenn dieser auch jetzt noch in Mirando weilte , so setzte man sein Kommen doch als bestimmt voraus , sobald sie in S. eingetroffen . Im Grunde war es ja auch ein verabredetes Zusammentreffen zwischen den Beiden , ableugnen ließ sich das nicht . „ Aber weshalb dieses Verbergen ? “ fragte er , den gefährlichen Punkt ganz unberührt lassend . „ Sie sind es doch nicht , Ella , die eine etwaige Begegnung zu scheuen oder zu fliehen hat ? “ „ Nein ! Aber meinen Knaben will ich um jeden Preis schützen vor der Möglichkeit einer solchen Begegnung . “ „ Mit seinem Vater ? “ Hugo legte einen vorwurfsvollen Nachdruck auf das letzte Wort . „ Mit Ihrem Bruder – ja ! “ Der Capitain sah überrascht auf . Der Ton klang eiskalt , und starr und eisig lag es auf dem Antlitze der jungen Frau , das auf einmal den Ausdruck eines unbeugsamen Willens zeigte , wie ihn Niemand in dieser lieblichen Erscheinung gesucht hätte . [ 496 ] „ Das ist hart , Ella , “ sagte Hugo leise . „ Wenn Sie sich unnahbar machen – ich begreife es nach dem , was geschehen ist , warum aber auch den Knaben ? Reinhold versuchte es schon einmal , sich seinem Kinde zu nähern – Sie wiesen ihn zurück – “ Ella unterbrach ihn , „ Sie haben mir gesagt , daß Sie ohne Auftrag kommen , Hugo , und ich glaube Ihnen ; dann aber braucht dieser Punkt nicht weiter zwischen uns erörtert zu werden . Lassen wir ihn ruhen ! – Ich war sehr überrascht , Sie hier in Italien wieder zu sehen . Gedenken Sie lange hier zu bleiben ? “ Der Capitain folgte , wenn auch mit einiger Betroffenheit , dem gegebenen Winke . Es war ihm doch noch gar zu ungewohnt , daß seine junge Schwägerin , die er fast nur als stumme scheue Zuhörerin gekannt , so vollständig das Gespräch beherrschte und es mit so großer Sicherheit und Unbefangenheit auf einen anderen Gegenstand hinüberzuleiten wußte , wenn der frühere ihr peinlich wurde . „ Wohl länger , als ich anfangs glaubte , “ sagte er , ihre Frage beantwortend . „ Mein Aufenthalt war ursprünglich nur auf kurze Zeit bestimmt , aber ein Sturm , der uns auf offener See ergriff , hat meine Ellida so zugerichtet , daß ich nur mit Mühe den nächsten italienischen Hafen erreichte und vorläufig noch nicht daran denken kann , die Fahrt wieder aufzunehmen . Die Arbeiten am Schiffe werden Monate erfordern , und mein Urlaub ist somit in ’ s Ungewisse verlängert worden . Ich ahnte freilich nicht , daß ich Sie hier finden würde . “ Ueber das Antlitz der jungen Frau flog ein Schatten . „ Wir sind auf ärztlichen Befehl hier , “ erwiderte sie ernst . „ Ein Brustleiden nöthigte meinen Pflegevater , den Süden aufzusuchen ; seine Gattin ist schon seit mehreren Jahren todt , und Sie wissen ja , daß er kinderlos ist . Ich war längst in die Rechte einer Tochter getreten ; da war es wohl selbstverständlich , daß ich auch die Pflichten derselben übernahm . Die Aerzte bestanden durchaus auf diesen Ort , der in der That die günstigste Wirkung zu üben scheint , und so sehr ich wünschte , gerade Italien zu vermeiden , so konnte ich es doch nicht über mich gewinnen , den Kranken , dem meine Nähe Bedürfniß geworden war , allein reisen zu lassen . Wir glaubten jeder peinlichen Begegnung vorzubeugen , wenn wir die Stadt vermieden , in der – Signor Rinaldo lebt , und uns hier die einsamste und abgelegenste der Villen zu möglichster Zurückgezogenheit auswählten . Die Maßregeln waren umsonst , wie ich sehe ; Sie waren kaum in meiner Nähe , als Sie auch bereits meinen Aufenthalt entdeckten . “ „ Ich ? Ja freilich , “ sagte Hugo in unwillkürlicher Verlegenheit . „ Und Sie machen mir einen Vorwurf daraus ? “ Ella lächelte . „ Nein ! Aber gewundert hat es mich , daß Capitain Hugo noch so viel Interesse für die kleine Cousine und ehemalige Spielgefährtin hegte , um so hartnäckig auf einem Wiedersehen zu bestehen , das ihm anfangs verweigert wurde . Wir glaubten uns hinreichend gegen fremde Besuche gesichert zu haben . Sie wußten dennoch den Eingang zu erzwingen , und das zeigt mir , daß ich auch schon in meinem früheren Leben Freunde besessen habe . Bis heute bezweifelte ich das , aber es ist doch eine Gewißheit , die mir wohl thut , und dafür danke ich Ihnen , Hugo . “ Sie hatte die Augen klar und voll zu ihm aufgeschlagen , und mit einem reizenden Lächeln , welches das Gesicht unendlich lieblich erscheinen ließ , streckte sie ihm jetzt vertraulich die Hand entgegen . Aber der freundliche Dank fand keine Antwort – die Stirn des Capitains brannte in glühender Röthe , und urplötzlich sprang er auf und stieß ihre Hand zurück . [ 507 ] „ Nein ! “ sagte der Capitain . – „ Das geht nicht ! – Ich – ich habe Ihnen ein Bekenntniß zu machen , Ella , – auf die Gefahr hin , daß Sie mir dann sofort die Thür weisen . “ „ Was haben Sie mir denn zu bekennen ? “ fragte die junge Frau erstaunt . Hugo sah zu Boden . „ Daß ich noch immer der ‚ Abenteurer ‘ bin , dem Sie einst so nachdrücklich den Text gelesen . Gebessert hat ihn das freilich nicht , aber er hat es seitdem doch nicht wieder versucht , mit seinen Thorheiten Ihnen nahe zu kommen , und kann ’ s auch heute nicht . Also kurz und gut , ich hatte keine Ahnung davon , wer die Bewohner dieser Villa seien , als ich meine Schritte hierher lenkte . Ich ließ mich bei dem mir völlig unbekannten Herrn melden , weil Marchese Tortoni mir von einer jungen Dame gesprochen hatte , die hier in äußerster Zurückgezogenheit lebe , und – ja , das wußte ich vorher , daß Sie mich wieder so ansehen würden . “ Ihr Blick hatte ihn in der That ernst und vorwurfsvoll getroffen ; jetzt wandte sie sich schweigend ab und sah durch das Fenster . Es entstand eine Pause , dann trat Hugo an ihre Seite . „ Das war der ‚ Zufall ’ , der mich hergeführt . Nun , Ella ? Ich warte auf meine Strafpredigt . “ „ Sie sind ja frei und haben keine Pflicht zu verletzen , “ sagte die junge Frau kühl . „ Im Uebrigen kann meine Meinung in solchen Dingen wohl schwerlich von Einfluß auf Sie sein , Herr Capitain . “ „ Und damit hat der Herr Capitain sich zu entfernen , um das nächste Mal verschlossene Thüren zu finden , nicht wahr ? “ In seiner Stimme klang eine unverkennbare Erregung . „ Sie sind doch ungerecht gegen mich . Daß ich hier , wo ich völlig Unbekannte zu finden wähnte , einem Abenteuer nachging – nun , das ist eben nichts Neues bei mir , aber daß ich die grenzenlose Albernheit beging , es Ihnen einzugestehen , obwohl mir doch der beste Vorwand zur Täuschung gegeben war , das ist sehr neu , und dazu haben nur Sie mich mit diesen Augen gezwungen , die mich wieder so groß und fragend anblickten , daß ich roth wurde wie ein Schulknabe und nicht von der Stelle konnte mit meiner Lüge . Und dafür bekomme ich nun auch sofort wieder den ‚ Herrn Capitain ‘ zu hören , der sich , Gott sei Dank , auf eine Viertelstunde aus unserem Gespräch empfohlen hatte . “ Ella schüttelte leise das Haupt . „ Sie haben mir die ganze Freude am Wiedersehn verdorben – jetzt freilich – “ „ Haben Sie sich denn gefreut ? Haben Sie das wirklich ? “ rief Hugo , sie lebhaft unterbrechend , mit aufblitzenden Augen . „ Gewiß , “ versicherte sie ruhig . „ Man freut sich immer , wenn man in der Ferne Grüße und Erinnerungen aus der Heimath wiederfindet . “ „ Ja so , “ sagte Hugo langsam . „ Ich hatte ganz vergessen , daß wir nebenbei noch Landsleute sind . Also nur den Deutschen haben Sie in mir gesehen ? Da bekenne ich denn doch offen , daß meine Regungen nicht so allgemein patriotischer Natur waren , als ich Sie wiedersah . “ „ Trotz der unvermeidlichen Enttäuschung , die Ihnen die Entdeckung bereitete ? “ fragte Ella mit einiger Schärfe . Der Capitain sah sie einige Secunden lang unverwandt an . „ Sie lassen mich das unvorsichtige Geständniß arg büßen , Ella . Sei ’ s darum ! Ich muß es wohl ertragen . Nur eine Frage noch , ehe ich gehe , oder eine Bitte vielmehr . Darf ich wiederkommen ? “ Sie zögerte mit der Antwort ; er trat ihr einen Schritt näher . „ Darf ich wiederkommen ? Ella , was habe ich Ihnen denn gethan , daß Sie auch mich von Ihrer Schwelle bannen wollen ? “ Es lag ein Vorwurf in den Worten , der seinen Eindruck auf die junge Frau nicht verfehlte . „ Ich thue es ja auch nicht , “ erwiderte sie leise . „ Wenn Sie mich wieder aufsuchen wollen – Ihnen wird unsere Thür nicht verschlossen sein . “ Mit einer raschen Bewegung ergriff Hugo ihre Hand und zog sie an seine Lippen , aber diese Lippen ruhten ungewöhnlich lange darauf , viel länger als es sonst bei einem Handkuß üblich ist , und Ella schien das zu fühlen , denn sie zog etwas hastig die Hand zurück . Ebenso hastig richtete sich auch der Capitain auf ; die helle Röthe von vorhin lag wieder auf seinem Antlitz und er , der nie um eine Artigkeit oder eine passende Antwort verlegen war , sagte jetzt nur einsilbig : „ Ich danke Ihnen . Auf Wiedersehen also ! “ „ Auf Wiedersehen ! “ entgegnete Ella mit einer Befangenheit , die seltsam mit der Ruhe und Sicherheit contrastirte , die sie während der ganzen Unterredung gezeigt hatte . Fast schien es , als bereue sie die soeben gegebene Erlaubniß , die gleichwohl nicht mehr zurückgenommen werden konnte . Wenige Minuten darauf befand sich Capitain Almbach im Freien und schlug langsam den Rückweg nach Mirando ein . Er hatte wieder einmal seinen Willen durchgesetzt und das heute Morgen im Uebermuthe gegebene Versprechen eingelöst . Aber er schien wenig geneigt , diesen Triumph irgendwo geltend zu machen . Nach der Villa zurückschauend , strich er mit der Hand über die Stirn wie Jemand , der aus einem Traume erwacht . [ 508 ] „ Ich glaube , die elegische Atmosphäre in Mirando hat mich angesteckt , “ murmelte er ärgerlich