auch Sie sie schon öfter besucht haben . “ „ Wir hörten von der bedrängten Lage der Familie , “ erklärte Agnes . „ Mein Vater kennt den Mann , der bisweilen Arbeiten für die Kanzlei liefert , als fleißig und ehrlich , und so entschloß ich mich , die Kranke zu besuchen , um ihr wenigstens geistlichen Trost zu spenden . “ „ Der geistliche Trost ist vorläufig ganz überflüssig , “ sagte Max in seiner rücksichtslosen Weise . „ Kräftige Bouillon und stärkende Weine sind weit nothwendiger . “ Fräulein Agnes schien wieder in Begriff , eine ihrer Rückzugsbewegungen auszuführen , mit denen sie schon bei der ersten Begegnung ihr Entsetzen vor den gottlosen Aeußerungen des Doctors documentirte ; diesmal besann sie sich aber und hielt Stand ; ihre sanfte , leise Sprache gewann sogar eine Beimischung von Schärfe , als sie antwortete : „ Auch dafür habe ich die Mittel gebracht und werde es noch ferner thun , so weit es in meinen Kräften steht . Ich hielt es aber zugleich für dringend nothwendig , die Schwerkranke auf den Himmel vorzubereiten , der vielleicht bald ihrer wartet . “ „ Das ist eine eigenthümliche Beschäftigung für junge Damen Ihres Alters , “ bemerkte Max . „ In Ihren Jahren pflegt man sich noch vorzugsweise mit der Erde zu befassen und die himmlischen Freuden auf sich beruhen zu lassen . “ Agnes war offenbar beleidigt durch den Spott ; sie ließ sogar ihre gewohnten Sanftmuth fahren und erwiderte in etwas gereizten Tone : „ Ich habe der Welt bereits entsagt und bereite mich mit solchen frommen Diensten nur auf meinen künftigen Beruf vor . Ich werde in wenigen Monaten den Schleier nehmen . “ Max blieb stehen und sah seine Begleiterin mit dem Ausdruck der höchsten Betroffenheit an . „ Das geht nicht , “ sagte er plötzlich . „ Herr Doctor , ich bitte Sie , “ mahnte das junge Mädchen , aber der Herr Doctor nahm gar keine Notiz von diesem Protest gegen seine unbefugte Einmischung . „ Ein für alle Mal : das geht nicht , “ wiederholte er mit Entschiedenheit . „ Sie sind kränklich , sind überhaupt von sehr zarter Constitution und bedürfen der größten Schonung , wenn Sie dauernd genesen wollen . Das Klosterleben mit seinen strengen Vorschriften , seiner Abgeschlossenheit und den anstrengenden und aufregenden Bet- und Bußübungen ist für Sie ganz und gar nicht geeignet . Es bringt Ihnen ohne Frage ein Brustübel – die Schwindsucht – den Tod . “ Der junge Arzt warf das alles mit einer Unfehlbarkeit hin , als habe er in eigener Person das angedrohte Schicksal zu verhängen , und seine Worte verfehlten auch nicht ihre Wirkung . Agnes sah ihn ganz erschrocken mit ihren dunklen Augen an , dann aber neigte sie ergebungsvoll das Haupt und versetzte kaum hörbar : „ Ich habe nicht geglaubt , daß mein Leiden so ernster Natur sei . “ „ Es ist gar nicht ernst , wenn Sie eine vernünftige und naturgemäße Lebensweise führen , “ rief Max im vollsten Aerger , „ aber das Klosterleben ist der Gipfel aller Unnatur und Unvernunft , und Sie vollends werden schon in den ersten Jahren daran zu Grunde gehen . “ Agnes überlegte augenscheinlich , ob sie schleunigst diesen Doctor fliehen sollte , dessen Gottlosigkeit sich eben wieder so unzweideutig zeigte , aber sie zog es vor , sich einen noch tieferen Einblick in seine Verderbtheit zu verschaffen , und fragte nun ihrerseits : „ Sie hassen also die Klöster ? “ „ Es ist mein Beruf , allerlei Leiden und Plagen des Menschengeschlechtes zu bekämpfen , “ versetzte der junge Arzt mit malitiöser Aufrichtigkeit . „ Und Sie hassen auch die Religion ? “ „ Je nach dem – es kommt darauf an , was man so nennt – übrigens sind Kloster und Religion ganz verschiedene Dinge . “ Das war zu viel für die angehende Nonne ; sie beschleunigte ihren Schritt , um aus dieser gefährlichen Nähe fortzukommen , aber das half ihr durchaus nichts . Max fiel augenblicklich in das gleiche Tempo , und sie blieben nach wie vor bei einander . „ Sie sind natürlich anderer Ansicht , “ fuhr er fort , da er keine Antwort erhielt . „ Sie sind aber auch in ganz anderen Umgebungen und Anschauungen erzogen als ich . Was mich betrifft , so möchte ich alle Klöster – “ „ Vom Erdboden vertilgen ? “ fiel das junge Mädchen mit zitternder Stimme ein . „ Das gerade nicht , “ sagte der praktische Max . „ Es wäre ja schade um die schönen Gebäude . Man könnte sie nutzbringend verwerthen , und auch für die Insassen würde sich irgend eine Bestimmung finden . Die Nonnen zum Beispiel könnte man verheirathen . “ „ Ver – heirathen ! “ wiederholte Agnes , den Sprechenden in starrem Entsetzen anblickend . „ Ja , warum nicht ? “ fragte er in größter Seelenruhe . „ Ich glaube nicht , daß man da auf allzu häufigen Widerspruch stoßen würde . Es wäre wirklich das Beste , sämmtliche Nonnen zu verheirathen . “ Fräulein Agnes mußte wohl eine dunkle Furcht hegen , das ihren künftigen Mitschwestern angedrohte Schicksal könne sich ganz urplötzlich an ihr vollziehen , denn sie fing förmlich an zu laufen , aber vergebens ; denn Max lief mit . „ Die Sache ist gar nicht so schlimm , wie Sie sich vorstellen , “ sagte er . „ Jeder vernünftige Mensch heirathet und die Meisten befinden sich sehr wohl dabei . Es ist wirklich unverzeihlich , einem jungen Mädchen eine solche Abneigung gegen Dinge einzuflößen die sich ganz von selbst verstehen und – ja , mein Fräulein , nun müssen wir aber ausruhen – ich bin zu Ende mit meinem Athem . Gott sei Dank ! Ihre Lunge ist noch kerngesund , sonst hätten Sie diesen Sturmlauf nicht ausgehalten . “ Agnes blieb gleichfalls stehen , denn auch ihr versagte jetzt der Athem . Ihre sonst so blasser Wangen waren von der Anstrengung geröthet , und diese Röthe stand dem feinen Gesichtchen allerliebst . Doctor Brunnow sah das , aber es machte durchaus keinen mildernden Eindruck auf ihn ; er griff vielmehr mit strafender Miene nach dem Puls des jungen Mädchens . „ Wozu nun wieder diese ganz unnöthige Erhitzung ! Ich habe Ihnen doch gesagt , daß Sie sich schonen müssen . Sie werden jetzt im langsamsten Schritt nach Hause gehen , und ich [ 293 ] bitte mir aus , daß Sie künftig bei Ihren Spaziergängen eine wärmere Umhüllung wählen , als dieses leichte Mäntelchen . Die Arzenei , die ich Ihnen verschrieben habe , nehmen Sie fortgesetzt und im Uebrigen kann ich nur meine früheren Verordnungen wiederholen : Luft , Bewegung , Zerstreuung ! Werden Sie das alles pünktlich befolgen ? “ „ Ja , “ versicherte Agnes , völlig eingeschüchtert durch den Commando-Ton des jungen Doctors , der sich trotz des hofräthlichen Verbotes nach wie vor als Hausarzt benahm und dabei immer noch ihre Hand festhielt . „ Ich verlasse mich darauf . Was meine Kranke betrifft , so können wir uns ja in die Behandlung theilen . Bereiten Sie die Frau in Gottes Namen auf den Himmel vor ; ich werde mein Möglichstes thun , sie dem Himmel so lange wie möglich vorzuenthalten , und ich glaube , der Mann und die Kinder werden mir dankbar dafür sein . – Ich empfehle mich Ihnen , mein Fräulein . “ Damit zog er den Hut und schlug die Richtung nach der Stadt ein , während Agnes den Weg nach Hause fortsetzte . Sie hielt dabei gehorsam den vorgeschriebenen langsamen Schritt inne , innerlich aber war sie empört über den Doctor Brunnow . Er war jedenfalls ein ganz entsetzlicher Mensch , ohne Religion , ohne Grundsätze , voll Spott und Hohn über die heiligsten Dinge und dabei von einer unglaublichen Rücksichtslosigkeit . Freilich , was konnte man Anderes von dem Sohne eines Mannes erwarten , der den Staat und die Regierung hatte umstürzen wollen und seinen Kindern ähnliche verderbliche Neigungen einflößte ! Der Hofrath hatte das seiner Tochter in den schwärzesten Farben ausgemalt , sie war vollkommen mit ihm einverstanden , daß die beiden Brunnows , der Vater wie der Sohn , zu verabscheuen seien – und im Uebrigen nahm sie sich vor , morgen wieder zu der Kranken zu gehen , denn es war selbstverständlich ihre Pflicht , dem Einflusse eines Arztes entgegenarbeiten , der seine Patienten vielleicht gesund machte , aber zugleich ihr Seelenheil gefährdete , indem er den geistlichen Trost für überflüssig erklärte . In dem Zimmer der Baronin Harder hatte soeben eine längere Unterredung stattgefunden . Der Freiherr hatte seiner Schwägerin rückhaltlos eröffnet , in welchen Beziehungen Gabriele zu dem Assessor Winterfeld stand , und die Baronin war außer sich darüber . Sie hatte wirklich nicht die leiseste Ahnung von dem Sachverhalte gehabt , es war ihr nie eingefallen , daß der junge , bürgerliche und vermögenslose Assessor die Augen zu ihrer Tochter erheben , oder daß diese eine solche Neigung erwidern könne . Gabrielens dereinstige Vermählung war in den Augen der Mutter stets mit dem Begriffe von Glanz und Reichthum verknüpft gewesen . Eine Verbindung , wie die in Rede stehende , schien ihr ebenso unmöglich wie lächerlich , und sie erging sich in den heftigsten Aeußerungen über den unverzeihlichen Leichtsinn ihrer Tochter und die „ Tollheit des jungen Menschen “ , der da glaubte , daß eine Baroneß Harder so ohne Weiteres für ihn erreichbar sei . Raven hörte finster und schweigend zu , endlich aber schnitt er der erzürnten Dame das Wort ab . „ Lassen Sie endlich diese Erörterungen , Mathilde , die an dem Geschehenen auch nicht ein Jota ändern ! Sie haben am wenigsten Grund , so außer sich zu gerathen über Dinge , die sich unter Ihren eigenen Augen zutrugen . Daß es überhaupt bis zur Erklärung und zum Einverständnisse zwischen den Beiden kommen konnte , setzt doch mindestes eine grenzenlose Unaufmerksamkeit von Ihrer Seite voraus . Jedenfalls muß jetzt irgendetwas geschehen , und darüber wollte ich Rücksprache mit Ihnen nehmen . “ „ O , ich bin froh , Sie zur Seite zu haben , “ rief die Baronin , welche die Ausfälle ihres Schwagers gegen ihre eigene Person stets grundsätzlich ignorirte . „ Ich weiß es ja , daß ich Gabriele von jeher zu viel nachgegeben habe ; jetzt glaubt sie sich mir gegenüber Alles erlauben zu dürfen . Sie haben zum Glück mehr Autorität . Greifen Sie mit voller Strenge ein , Arno ! Ich bitte Sie selbst darum . Setzen Sie der Anmaßung dieses verwegenen jungen Meschen einen Damm entgegen ! Ich werde es versuchen , meiner Tochter begreiflich zu machen , wie sehr sie sich und ihre Stellung vergaß , als sie solchen Anträgen Gehör schenkte . “ „ Sie werden Gabrielen keine Vorwürfe machen , “ sagte der Freiherr mit Bestimmtheit . „ Sie hat von mir bereits gehört , welchen Standpunkt Sie und ich zu der Sache einnehmen , und das ist genug . Vorwürfe und Quälereien würden sie nur mehr in den Trotz hineintreiben . Uebrigens ist ihre Neigung weder so lächerlich noch der junge Mann so unbedeutend , wie Sie annehmen ; die Sache ist im Gegentheile sehr ernst und erfordert ein sofortiges energisches Eingreifen ; hoffentlich ist es noch Zeit dazu . “ „ Gewiß , gewiß , “ stimmte Frau von Harder bei . „ Es ist ja unmöglich , daß meine kindische , flatterhafte Gabriele so tief und ernst gefesselt sein sollte . Sie hat sich von äußeren Eindrücken bestechen , von einer schwärmerischen Liebeserklärung blenden lassen . Junge Mädchen ihres Alters übersetzen ja so gerne die Romane , die sie lesen , in die Wirklichkeit . Sie wird zur Besinnung kommen und einsehen , zu welcher Thorheit sie sich hat fortreißen lassen . “ „ Das hoffe ich , “ sagte Raven , „ und darauf hin habe ich bereits meine Maßregeln genommen , um eine Begegnung der Beiden in Zukunft zu verhindern . Ihre Sache ist es , dafür zu sorgen , daß kein Briefwechsel stattfindet , und ich bin überzeugt , Mathilde , Sie werde etwaige Bitten und Thränen unzugänglich sein und sich einzig von der Rücksicht auf die Zukunft Ihrer Tochter leiten lassen . Sie werde begreifen , daß meine testamentarischen Verfügungen nur dann in Kraft bleiben , wenn ich über Gabrielens Zukunft und Vermählung bestimme . Ich bin nicht geneigt , die offenbare Auflehnung gegen meinen Willen durch jene Verfügungen zu sanctioniren , und am allerwenigsten gesonnen , mit meinem Vermögen dereinst dem Herrn Assessor Winterfeld zu Reichthum und Ansehen zu verhelfen . Gabriele ist noch viel zu jung und unerfahren , um solchen Erwägungen überhaupt zugänglich zu sein . Sie überschauen die Verhältnisse , und ich darf daher wohl Ihrer Unterstützung gewiß sein . “ Der Freiherr wußte , was er that , als er diese ganz unzweideutige Drohung aussprach . Er kannte die unbeschränkte Macht Gabrielens über ihre Mutter und die Charakterlosigkeit der Baronin , die heute eine Sache in der heftigsten Weise verdammte und sich morgen von Trotz und Thränen zur Nachgiebigkeit bewegen ließ . Seine Drohung schob jeder etwaigen Schwäche einen Riegel vor und machte die Mutter zur aufmerksamsten Hüterin der Tochter . Frau von Harder war in der That ganz bleich geworden , als sie von Testamentsänderung hörte . „ Ich werde meine Mutterpflicht im vollsten Maße erfüllen , “ versicherte sie . „ Seien Sie überzeugt , daß ich mich nicht zum zweiten Male täusche lasse ! “ Der Freiherr stand auf . „ Und nun wünsche ich Gabriele zu sehen . Sie hat sich zwar seit unserer gestrigen Unterhaltung für krank erklärt , ich weiß aber , daß das nur ein Vorwand ist , um mir auszuweichen . Sagen Sie ihr , daß ich sie hier erwarte ! “ Die Baronin kam dem Wunsche ihres Schwagers nach ; sie ging und kehrte schon nach wenige Minuten in Begleitung ihrer Tochter zurück . „ Darf ich Sie bitten , uns zu verlassen , Mathilde ? “ sagte Raven . „ Sie wünschen – ? “ „ Daß Sie mich und Gabriele aus eine Viertelstunde allein lassen . Ich ersuche Sie darum . “ Die Baronin vermochte kaum , ihre Empfindlichkeit zu verbergen . Sie hatte doch ohne Zweifel das nächste und erste Recht , der nun folgenden Gerichtsscene beizuwohnen , und jetzt sandte der Freiherr sie mit seiner gewohnten Rücksichtslosigkeit fort und behielt sich die entscheidende Unterredung allein vor , ohne ihre Mutterrechte im Geringsten zu respectiren . Hätte die Dame nicht eine so große Furcht vor ihrem Schwager gehegt , sie würde sich diesmal gegen seinen Willen aufgelehnt haben , aber sein Ton und seine Haltung zeigten ihr , daß er heute weniger als je Widerspruch vertrug , und so fügte sie sich denn oder vielmehr , wie ihre eigene Meinung lautete : sie wich mit tiefverletzten Gefühlen dieser unerhörten Tyrannei und verließ das Zimmer . Der Freiherr war allein mit Gabriele , aber diese blieb im Hintergrunde des Gemaches stehen . Er erwartete vergebens eine Annäherung . „ Gabriele ! “ Sie that einige Schritte ihm entgegen , hielt dann aber mit sichtbarer Scheu inne . Raven trat jetzt zu ihr . [ 294 ] „ Fürchtest Du Dich vor mir ? “ fragte er . Sie machte eine verneinende Bewegung . „ Nun , weshalb denn dieses scheue , stumme Abwenden ? Bin ich so hart gegen Dich gewesen , daß Du nicht einmal wagtest , mir wieder vor Augen zu treten ? “ „ Mir ist wirklich nicht wohl gewesen , “ versetzte Gabriele leise . Der Blick des Freiherrn streifte das jugendliche Antlitz , das in der That nicht so rosig und frisch wie sonst erschien . Es lag etwas darüber wie ein Schatten , wie ein Hauch von Schmerz oder Unruhe , der diesen heiteren , lächelnden Zügen sonst ganz fremd war . Raven nahm die Hand des jungen Mädchens ; er fühlte , wie diese Hand bebte und es versuchte , sich der seinigen zu entziehen . Er hielt sie trotzdem fest , aber ohne jeden Druck , und seine Stimme klang kalt und ruhig , als er sagte : „ Ich weiß , was Dich bei unserer letzten Unterredung so erschreckt hat , und alles Verhüllen wäre hier nutzlos , aber Du brauchst nichts mehr zu fürchten – es ist bereits vorüber . Ich verlange von Dir die Bekämpfung einer Jugendthorheit und muß Dir doch vor allen Dingen das Beispiel geben , wie man solche Aufwallungen niederkämpft . Ich konnte auf Augenblicke meine Jahre und die Deinigen vergessen . Du hast mich zur rechten Zeit daran erinnert , daß die Jugend einzig zu der Jugend gehört , und ich bin Dir dankbar für diese Erinnerung . Vergiß , was ein unbewachter Augenblick Dir enthüllte ! Es soll Dich nicht wieder schrecken . Ich habe schon Ernsteres und Tieferes niedergezwungen , und ich bin es gewohnt , meine Empfindungen meinem Willen unterzuordnen . Der Traum ist zu Ende , denn – er soll zu Ende sein . “ Gabriele hatte schon , als er zu sprechen begann , das Auge zu ihm emporgehoben ; es lag noch immer eine bange Frage darin , indeß erwiderte sie nichts , und ihre Hand glitt widerstandslos nieder , als er sie aus der seinigen ließ . Textdaten zum vorherigen Teil < < < > > > zum nächsten Teil zum Anfang Autor : W. Heimburg Titel : Um hohen Preis aus : Die Gartenlaube 1878 , Heft 19 , S. 307 – 310 Fortsetzungsroman – Teil 11 [ 307 ] „ Und nun fasse wieder Vertrauen zu mir , Kind ! “ fuhr Raven fort . „ Wenn ich jetzt streng gegen Dich und Deine Liebe bin , so sieh darin nur die Pflicht des Vormundes , der für ein junges , ihm anvertrautes Wesen einzustehen hat . Willst Du mir das versprechen ? “ „ Ja , Onkel Arno . “ Der Name kam doch seltsam zögernd und gezwungen von den Lippen des jungen Mädchens . Die Unbefangenheit , mit der sie einst dem „ Onkel Arno “ entgegengetreten , war unwiederbringlich dahin . „ Ich habe mit dem Assessor Winterfeld gesprochen , “ nahm Raven wieder das Wort , „ und ihm gleichfalls mitgetheilt , daß ich meine Einwilligung zu Deiner Verbindung mit ihm auf das Entschiedenste versage . Es bleibt bei meinem Nein , denn ich weiß , daß eine solche Verbindung nach kurzer Täuschung für Dich nur eine Quelle der Sorgen und Thränen werden würde , und um Deiner selbst willen muß ich sie verhindern . Du bist in aristokratischen Anschauungen und Gewohnheiten erzogen , an Reichthum und Ueberfluß gewöhnt und wirst Dich nie in einer anderen Sphäre zurechtfinden . Was Dir Winterfeld bieten kann , ist im besten Falle die einfachste Häuslichkeit mit den bescheidensten Mitteln . Mit jener Heirath trittst Du in ein Leben von Dunkelheit und Entbehrungen und mußt Alles zurücklassen , was Dir lieb und nothwendig ist . Es mag Charaktere geben , die solchen fortwährenden Aufopferungen und Entsagungen gewachsen sind – Du bist es nicht ; Du müßtest denn Deine ganze Natur ändern , und ich habe es dem Assessor fühlen lassen , welchen Egoismus er bekundet , wenn er Dir dergleichen Opfer zumuthet . “ „ Er muthet sie mir nur für wenige Jahre zu , “ fiel Gabriele ein . „ Georg Winterfeld steht ja erst im Anfange seiner Laufbahn , und wir vertrauen auf die Zukunft . Er wird sich emporarbeiten , wie Du selber es gethan hast . “ Raven zuckte die Achseln . „ Vielleicht – vielleicht auch nicht ! Jedenfalls ist er keine von den Naturen , die sich ihre Zukunft im Sturme erringen und erobern ; er gewinnt sie höchstens mit ruhiger , steter Arbeit . Aber dazu gehören lange Jahre , und dazu gehört vor Allem , daß er frei und auf sich selbst gestellt bleibt , wie jetzt . Die Sorge für eine Familie , die tausend Bande und Rücksichten , mit denen sie ihn fesselt , wird ihm keinen Raum mehr zur Entfaltung seines Ehrgeizes lassen und ihn in die Bahn der Alltäglichkeit lenken , wo man nur noch arbeitet , um zu leben . Dann ist er verloren für jedes höhere Ziel , und Du bist es mit ihm . Du weißt freilich noch nicht , was es heißt , mit der ganzen Existenz auf eine Summe angewiesen zu sein , wie sie jetzt Dein Toilettengeld bildet . Ich möchte Dich davor bewahren , es zu erleben , wie das Ideal von der Hütte und dem Herzen in Wirklichkeit aussieht . “ In Gabrielens Auge schimmerte eine Thräne , als der Vormund ihr mit fester , grausamer Hand das Zukunftsbild zeichnete , aber sie verteidigte sich muthig . „ Du glaubst an keine Ideale mehr , “ entgegnete sie . „ Du hast es mir ja selbst gesagt , daß Du die Welt und das Leben verachtest . Wir glauben noch daran , und darum wird es für uns auch noch Liebe und Glück geben . Georg hat nie daran gedacht , mir jetzt schon seine Hand zu bieten ; er weiß , daß dies nicht möglich ist , aber in vier Jahren bin ich mündig , und er hat eine höhere Stellung erreicht , dann gehöre ich ihm , und dann hat Niemand mehr das Recht uns zu trennen , Niemand auf der Welt . “ Sie warf die Worte mit einer ganz ungewohnten Hast und Leidenschaftlichkeit hin , aber es war darin nicht der frühere Trotz und Eigensinn . Es war vielmehr ein halb unbewußtes , angstvolles Sträuben gegen jene Empfindung , der Gabriele schon im Anfange ihres Hierseins Worte geliehen , als sie der Mutter gestand , es sei ihr , als gehe von dem Freiherrn irgend eine geheime Macht aus , die sie quäle und gegen die sie sich wehren müsse um jeden Preis . Auch heute flüchtete sie sich in ihre Liebe zu Georg , und das allein war es , was die Heftigkeit ihrer Antwort verschuldete . Um Raven ’ s Lippen spielte ein bitteres Lächeln . „ Du scheinst ja sehr genau zu wissen , bis zu welcher Grenze meine Macht reicht , “ erwiderte er . „ Man wird Dir das wohl oft genug klar gemacht haben ; wofür ist man denn Jurist ! Nun gut , so lassen wir die Sache ruhen bis zum Tage Deiner Mündigkeit . Wiederholst Du mir dann die heutigen Worte , so kann und werde ich Dich nicht mehr hindern , wenn unsere Wege sich auch fortan trennen . Bis dahin aber soll kein übereiltes Versprechen und keine eingebildete Fessel Dich binden , und deshalb wird Winterfeld Dir von jetzt an fern bleiben . Inzwischen bist Du frei , für die Bewerbung eines Jeden , dessen Lebensstellung und Persönlichkeit ihn dazu berechtigt . Ich werde einer ebenbürtigen Vermählung meine Einwilligung nicht versagen – das war es , was ich Dir mittheilen wollte . “ Er hatte ernst und kalt gesprochen ; nicht das geringste Beben der Stimme , nicht das leiseste Zucken der Lippen verrieth , daß [ 308 ] die letzte Verheißung ihm schwer werde . Der Traum sollte ja zu Ende sein , und Arno Raven schien ganz der Mann , dieses Wort wahr zu machen . Er zwang sich selbst mit der gleichen despotischen Gewalt , die er gegen Andere ausübte . Er öffnete die Thür des Nebenzimmers , in dem sich die Baronin befand , die zu ihrem großen Leidwesen auch nicht ein Wort der Unterredung hatte auffangen können , da die schweren Portièren jeden Schall dämpften . „ Wir sind zu Ende , Mathilde , “ sagte der Freiherr . „ Ich übergebe Ihre Tochter jetzt Ihrer Obhut , aber noch einmal – keine Vorwürfe ! Ich will es nicht . Leb ’ wohl , Gabriele ! “ „ Jetzt fange ich aber wirklich an , die Geduld zu verlieren , “ sagte Max Brunnow , als er in die Wohnung seines Freundes trat . „ Ich glaube , alle Welt hat sich in die Ansicht des Hofrathes Moser verrannt , daß ich nothgedrungen staatsgefährlich sein müsse , weil ich den Namen Brunnow trage . Ueberall sieht man mich mit verdächtigen oder hochachtungsvollen Blicken an , je nach der Parteistellung . Es ist diesen Menschen schlechterdings nicht beizubringen , daß ich ein friedfertiger Arzt bin , der nicht daran denkt , Revolutionen anzuzetteln und Regierungen zu stürzen , sondern im Gegentheil die vortrefflichsten Anlagen zu einem ganz musterhaften Staatsbürger hat . Aber das glaubt mir Niemand , und nun bin ich mit meiner verhängnißvollen Familientradition auch noch in dieses aufgeregte R. gerathen , das fortwährend die krampfhaftesten Versuche macht , seinen Gouverneur abzuschütteln und sich dabei äußerst revolutionssüchtig zeigt . Aber Seine Excellenz sitzen fest im Sattel und setzen dem widerspänstigen Roß bei jedem Sprunge , den es macht , die Sporen tiefer in die Seiten . Der ist Euch Allen gewachsen . “ Assessor Winterfeld , der in der Sopha-Ecke lehnte , hatte ganz gegen seine Gewohnheit den Freund nicht begrüßt . Er achtete kaum auf dessen Worte und sagte jetzt in mattem gedrücktem Tone : „ Gut , daß Du kommst , Max ! Ich wollte Dich soeben aufsuchen , um Dir eine Neuigkeit mitzutheilen . “ Max wurde aufmerksam . „ Was giebt es denn ? Ist Dir etwas Unangenehmes widerfahren ? “ „ Ja . Ich verlasse R. – wahrscheinlich auf immer . “ „ Um Himmelswillen , was ist denn vorgefallen ? Du willst fort ? “ „ Ich will nicht – ich muß . Heute Morgen habe ich die Nachricht von meiner Versetzung nach der Residenz und an das Ministerium erhalten . “ „ An das Ministerium ? “ wiederholte Max . „ Ist das eine Beförderung oder – “ „ Nein , es ist ein Gewaltschritt des Gouverneurs , “ brach Georg mit Bitterkeit aus . „ Ich soll fort aus Gabriele ’ s Nähe ; es soll uns in Zukunft jede Begegnung unmöglich gemacht werden . Raven hat es mir ja angekündigt , daß er seine Macht schonungslos gebrauchen werde . Er macht die Drohung nur zu bald wahr . “ „ Du glaubst , daß diese Schritte gegen Dich von Deinem Chef ausgehen ? “ fragte der junge Arzt , der jetzt auch ernst geworden war . „ Es ist sein Werk allein . Er ist einflußreich genug in der Residenz , um mich in eine der dortige Vakanzen einzuschieben , noch dazu , wenn es unter dem Vorwande der Verwendung für einen strebsamen jungen Beamten geschieht , dem man vorwärts helfen möchte . Ich weiß , daß von meiner Versetzung nie die Rede gewesen ist , sie trifft mich jetzt wie ein Blitzstrahl . Freilich , ich hätte den Freiherrn kennen sollen . Er droht nie , aber er weiß zu treffen . Seit unserer letzten Unterredung habe ich kein Zeichen seines Unwillens empfangen . Er vermied den Verkehr mit mir , und wenn er mir hin und wieder einige Worte sagen mußte , so geschah es kühl und geschäftsmäßig , aber ohne die geringste Hindeutung auf das Vorgefallene . Ebenso kühl und geschäftsmäßig kündigte er mir heute Morgen in der Kanzlei meine neue Bestimmung an . Er fügte sogar einige anerkennende Worte über einen Bericht hinzu , den ich für das Ministerium ausgearbeitet habe , und der ihm wahrscheinlich den Vorwand lieferte , die Sache einzuleiten . Das Ganze ließ sich wie eine besondere Bevorzugung an , und die Collegen gratulirten mir denn auch zu den brillanten Aussichten , die sich mir in der Residenz eröffnen . “ „ Da haben sie ganz Recht , “ bemerkte Max , der jetzt , wo die erste Ueberraschung vorbei war , die Sache wie gewöhnlich von der praktischen Seite nahm . „ Dein Chef mag persönliche Gründe gehabt haben ; allzu schlimm ist er gerade nicht mit Dir verfahren , als er Dir die Residenz und das Ministerium öffnete . Das ist der Boden , aus dem er seine eigene glänzende Carriere gemacht hat . Was hindert Dich , es ihm nachzuthun ? “ „ Was hilft es mir , “ rief Georg mit Heftigkeit , indem er aufsprang , „ wenn ich mich dort emporringe und emporarbeite , während mir hier Alles genommen wird , was mir das Leben und die Zukunft theuer macht ? Ich weiß , daß ich Gabriele verliere , wenn sie all den feindseligen Einflüssen , die unsere Liebe bedrohen , hier jahrelang preisgegeben bleibt . Eine Natur wie die ihrige kann da nicht Stand halten , und ich ertrage es nicht , sie zu verlieren . “ Der junge Arzt hatte in aller Ruhe die leer gewordene Sopha-Ecke eingenommen und schien die Erregung seines sonst so besonnenen Freundes sehr wenig zu begreifen . „ Du bist ja ganz außer Dir , “ sagte er . „ Was meint denn Fräulein von Harder zu der Trennung ? Ist sie überhaupt schon davon unterrichtet ? “ „ Das weiß ich nicht . Mir ist ja jeder Verkehr mit ihr abgeschnitten , aber ich muß sie vor meiner Abreise noch einmal sehen und sprechen , ich muß , koste es was es wolle ! Wenn mir kein anderer Ausweg bleibt , so gehe ich geradewegs zu der Baronin Harder und erzwinge mir den Abschied von meiner Braut . “ Max zuckte die Achseln . „ Nimm es mir nicht übel , Georg , das ist eine unsinnige Idee . Die Baronin steht zweifellos unter dem Einfluß ihres Schwagers , und der läßt sich sicher nichts abtrotzen . Laß uns die Sache einmal vernünftig überlegen ! Vor allen Dingen – wann mußt Du fort ? “ „ Schon in den nächsten