mit ihm zurück , das war das Zeichen zum Aufbruch auch für die übrigen Herren , und die beiden Amerikaner erhielten jetzt endlich die Freiheit , sich gleichfalls zurückzuziehen . Die Wagen waren inzwischen nachgekommen und das Gepäck war hereingebracht worden , es dämmerte bereits stark , als die Beiden in das ihnen angewiesene Zimmer traten , welches , ebenso wie das für Jane bestimmte , im ersten Stockwerk des Schlosses lag , während die Officiere sich sämmtlich im Erdgeschoß einquartiert hatten , um im Falle irgend eines Alarms im Dorfe sofort bei der Hand zu sein . Atkins warf sich mit einem Seufzer der Erleichterung , als sei er endlich eines lästigen Zwanges entbunden , in das Sopha , Henry begann schweigend im Zimmer auf und ab zu gehen . Vergebens wartete sein Gefährte auf ein Wort , auf irgend eine Aeußerung , kein Laut kam von seinen Lippen , er ging stumm nur immer auf und nieder , die Arme übereinandergeschlagen , das Haupt gesenkt – dies fortwährende Schweigen wurde für Atkins zuletzt unheimlich . „ Das kann nicht so fortgehen , Henry ! “ hob er plötzlich an . „ Die Sache muß doch einmal zur Sprache kommen ! Sie haben so gut wie ich die seltsame Scene im Dorfe beobachtet . Was denken Sie davon ? “ Alison blieb stehen und hob den Kopf . „ Weshalb kamen Sie mit Miß Forest hierher ? “ fragte er statt aller Antwort in schneidendem Tone . „ Henry , ich bitte Sie – “ „ Weshalb kamen Sie mit Miß Forest hierher ? “ wiederholte Alison , aber diesmal bebte die unterdrückte Wuth in seiner Stimme . „ Wegen – einer Familienangelegenheit ! “ Henry lachte bitter auf . „ Sparen Sie sich die Lüge . Ich weiß jetzt Alles ! “ „ Dann wissen Sie in der That mehr als ich ! “ erklärte Atkins ernst . „ Ich wenigstens habe jene Scene nur zum Theil verstanden . Dieser Fernow – nun , seine Gefühle bedürfen schwerlich der Erklärung , er verrieth sie in der Ueberraschung deutlich genug ; weshalb aber Miß Jane bei seinem Anblick mit solchem Entsetzen zurückschreckte , als sehe sie ein Gespenst vor sich , das ist mir unbegreiflich . “ „ Auch mir ! “ sagte Alison mit eiskaltem Hohne . „ Man erschrickt gewöhnlich nicht , wenn man das so lange und mühevoll Gesuchte endlich erreicht . “ Atkins runzelte die Stirn . „ Ein Glück , daß Miß Jane Sie nicht hört , diesen Verdacht vergäbe sie Ihnen niemals . Sie behaupten , sie zu genau zu kennen , um ihr eine zwecklose Abenteuersucht zuzutrauen , und jetzt beschuldigen Sie sie , mit Verleugnung aller Sitte und alles Anstandes , einem Fremden , einem Manne nachgereist zu sein ! Miß Forest trauen Sie das zu ? Pfui , Henry ! “ Alison blieb unbeweglich bei dem Vorwurfe , der kalte Hohn lag noch immer in seinem Tone . ( Fortsetzung folgt . ) Heft 22 „ Ich weiß , “ versicherte Alison , „ daß Miß Forest eher gestorben wäre , ehe sie mir auch nur den geringsten Schritt entgegengethan hätte , ihm — nun , es ist in nicht das erste Mal , daß an solchen schwärmerischen blauen Augen der Stolz eines Weibes zu Grunde geht ! " „ Das ist zu toll ! “ rief Atkins entrüstet . “ Ich habe versprochen , zu schweigen , aber solcher Beschuldigung gegenüber würde auch Jane reden , und will sie es nicht , so thue ich es jetzt ! Nun denn , wir suchten wirklich Jemand hier in Frankreich , wir sind in der That einem Manne nachgereift , aber dieser Mann heißt nicht Mr. Fernow und giebt gerade Ihnen am wenigsten Anlaß zu Eifersucht . Er trägt Miß Forest ' s Namen , ist — ihr Bruder ! “ „ Ihr Bruder ? “ wiederholte Henry mit starrer Verwunderung . „ Ja ! “ Und Atkins begann jetzt in kurzem aber klaren Zügen dem jungen Manne die ihm bisher verschwiegene Angelegenheit mitzutheilen , das Vermächtniß Mr. Forest ' s , die in Hamburg wieder aufgefundene Spur und die seitdem angestellten Nachforschungen bis zur Abreise von R. Henry hörte ihn schweigend an , einen Moment lang schien er aufzuatmen , aber seine finstere Stirn erhellte sich nicht . „ Sie haben Recht ! “ sagte er endlich düster . „ Ich glaube es Ihnen jetzt , das Zusammentreffen war wenigstens kein verabredetes . “ Atkins sah ihn in sprachloser Verwunderung an . Und das war Alles ? Er hatte eine ganz andere Aufnahme seiner Enthüllungen erwartet . „ Sie scheinen ganz zu vergessen Henry , wie nahe diese Angelegenheit auch Sie berührt , “ mahnte er nachdrücklich . „ Der junge Mr. Forest lebt , wie es sich jetzt ergeben hat ; wir haben allem Anscheine nach gegründete Hoffnung , ihn aufzufinden ; geschieht das wirklich , so kostet es Sie die Hälfte Ihres Künftigen Vermögens . “ „ Wirklich ? ” murmelte Alison zwischen den zusammengebissenen Zähnen hindurch . „ Ich gäbe die andere Hälfte darum , hätte sie diesen deutschen Boden niemals betreten ! “ Atkins trat einen Schritt zurück . Das hatte er denn doch nicht für möglich gehalten ! Wenn Henry den Kaufmann so ganz und gar verleugnete , wenn er von dem Verlust eines Vermögens so sprechen konnte , dann freilich war die Sache furchtbar Ernst , und dann galt es schnelles Einschreiten . Er trat zu dem jungen Manne und legte die Hand auf seine Schulter . „ Die Eifersucht macht Sie blind , “ sagte er beschwichtigend . „ Was auch zwischen den Beiden liegen mag , und ein Geheimniß ist es ohne Zweifel , Liebe kann es nicht sein , was Jane für ihn empfindet , ihr Entsetzen bei diesem unvermutheten Wiedersehen verriet eher alles Andere als dies Eine . " Alison blickte ihn kalt und hohnvoll an . „ Sie haben Unglück mit Ihren Beobachtungen , Mr. Atkins . Wer war es denn , der mich in B. verspottete wegen einer Ahnung , die in diesem schwindsüchtigen Professor eine Gefahr sah ? Scheint er Ihnen noch immer so lächerlich und unbedeutend , oder wissen Sie jetzt endlich auch , was in diesem Manne verborgen liegt ? " „ Ich habe mich in ihm verrechnet , aber ich fordere Jeden auf , einen Menschen richtig zu beurtheilen , der jahrelang nur den menschenscheuen Einsiedler und gelehrten Forscher spielt , dann auf einmal als Dichter förmlich explodirt , sich im Kriege , wo er nach aller menschlichen Voraussicht dem ersten Kanonendonner erliegen muß , zum Helden aufschwingt und bei einem ungeahnten Wiedersehen aufflammt , wie ein achtzehnjähriger Schwärmer . Ich sage es ja , diese Deutschen sind nicht auszulernen ! Einmal aus dem gewohnten Geleise gerissen , gehen sie ganz unberechenbare Bahnen , so macht es der Einzelne , so macht es das ganze Volk ! Die Feder in die Ecke geschleudert und das Schwert aus der Scheide , als hätten sie ihr Lebelang nichts anderes geführt . Ich fürchte , wir werden es die nächsten hundert Jahre nicht vergessen , in welcher Hand die Feder lag ! " Atkins sprach das in einem eigentümlichen Tone grollender Bewunderung , aber er erinnerte sich noch zu rechter Zeit , daß solche Betrachtungen wenig geeignet seien , seinen jungen Gefährten zu beschwichtigen , worauf es jetzt doch vor allem ankam , er ließ deshalb rasch den Gegenstand fallen , indem er beruhigend sagte . „ Und , Henrik wie sich die Sache auch gestalten mag , Jane bleibt Ihnen . Sie haben ihr Wort , haben es freiwillig empfangen , und die Forests pflegen Wort zu halten , sich und Anderen . In welcher Weise dieser Fernow auch ihren Weg kreuzen mag , ich kenne sie , sie wird dennoch die Ihre . “ „ Sie wird es ! “ sagte Alison finster . „ Verlassen Sie sich darauf , Mr. Atkins ! Ob mit , ob gegen ihren Willen , die Meine wird sie unwiderruflich , und sollten auch , “ hier legte sich der furchtbare Ausdruck von vorhin wieder unheimlich auf seine Züge , „ sollten auch ein Paar blaue Augen sich schließen müssen auf immer ! “ Atkins wich entsetzt zurück , er wagte keine Erwiderung . Die Dämmerung hatte zugenommen , vom Dorfe her scholl in langgezogenen Tönen das Abendsignal , Henry fuhr auf und nahm seinen Hut vom Tische . Mit einem raschen Schritte war der Alte bei ihm und ergriff ihn beim Arm . „ Wohin wollen Sie ? " „ In ' s Freie ! In den Park ! " „ Jetzt ? Es ist ja völlig dunkel . “ „ Gleichviel , ich muß hinaus , die Luft hier drückt mich ! Vielleicht , “ er lächelte seltsam , „ vielleicht hole ich mir draußen bessere Gedanken . Gute Nacht ! “ Mit einer raschen Bewegung seinen Arm frei machend verließ er das Zimmer . Atkins blickte ihm unruhig nach . „ Das wird ein Unglück ! Wenn sie jetzt aneinandergeriethen ! — Thorheit ! “ unterbrach er sich auf einmal . „ Als ob Henry der Wahnsinnige wäre , Leben , Ehre und Zukunft auf eine tolle Eifersuchtslaune zu setzen ! Wenn er diesem Fernow irgendwo im Gebirge allein begegnete , ich stände für nichts , aber hier , inmitten seiner Cameraden , wo die Entdeckung unvermeidlich , die Rache sicher wäre — nein , das wagt er denn doch nicht ! “ Er öffnete die Thür und lauschte nach der ändern Seite , wo Jane ' s Zimmer lag . „ Sie hat sich eingeschlossen gleich bei der Ankunft und mir von innen zugerufen , daß sie sich bereits niedergelegt habe — ein Vorwand ! Ich hörte sie deutlich auf und nieder gehen , aber es nützt nichts , den Versuch zu erneuern , ich erzwinge doch keine Unterredung von ihr , und vielleicht macht ihre Dazwischenkunft die Sache nur noch schlimmer ! Pah ! “ hier brach die kalte Ruhe des Amerikaners durch all ' seine Befürchtungen . „ Ich werde dafür sorgen , daß wir morgen früh aufbrechen gleichviel wohin , schlimmsten Falles nach R. zurück . Ist ihm dieser Fernow nur erst einmal aus dem Gesicht , so wird es leicht sein , sie in Zukunft aneinander zu halten , und bis dahin — nun , eine einzige Nacht werden sie doch wohl unter demselben Dache schlafen können ! " Mit dieser Beruhigung schloß Mr. Atkins die Thür wieder und kehrte in ' s Zimmer zurück . Im Schlosse herrschte , ganz im Gegensatze zu dem lauten heiteren Leben des Nachmittags , eine auffallende Stille . Im Zimmer des Majors brannte bereits Licht , der Adjutant und noch einer der Offiziere waren dort , die übrigen Herren schienen sich zurückgezogen zu haben , denn die große Vorhalle , welche nach der Terrasse hinaus lag und gewöhnlich Abends als Versammlungsort diente , war völlig leer . Augenblicklich befand sich nur Friedrich dort , beschäftigt , zum Schutz gegen die schon recht empfindliche Abendkühle ein Feuer im Kamine anzuzünden . Er unterzog sich diesem Geschäft mit großer Umständlichkeit und brummte dabei nicht wenig über den zurückgebliebenen Castellan des Schlosses , der trotz des bestimmten ihm gewordenen Befehls das Anzünden wieder unterlassen hatte , jetzt wie gewöhnlich nirgends zu finden war und überhaupt keinen Schritt zur Bedienung der fremden Gäste that , zu dem man ihn nicht erst gezwungen hatte . Endlich war es gelungen , die ausgerichteten Holzscheite in Brand zu setzen , sie loderten lustig auf , und Friedrich erging sich eben in tiefsinnigen Betrachtungen über die Nichtsnutzigkeit des französischen Volkes im Allgemeinen , und über die Niederträchtigkeit dieses französischen Hausmeisters im Besonderen , als er seine Schulter leise berührt fühlte und sich umwendend Miß Forest gewahrte , die dicht hinter ihm stand . „ Ist Mr. Fernow schon zurückgekehrt ? “ „ Ja , " antwortete Friedrich , sehr verwundert , ob dieser Frage , „ erst vor zehn Minuten . " „ So sagen Sie ihm , daß ich ihn zu sprechen wünsche ! “ Friedrich wunderte sich noch mehr . „ Meinen Herrn — ? ” „ Will ich sprechen — ja ! Melden Sie ihm , daß ich ihn hier erwarte . Eilen Sie ! " Eine gebieterische Handbewegung vollendete den Befehl , denn ein solcher war es , und Friedrich trollte ab . Erst draußen vor der Thür fiel ihm ein , daß es sich doch für ihn , jetzt einen der Helden des glorreichen preußischen Kriegsheeres , gar nicht mehr schicke , sich von dieser „ amerikanischen Miß “ so ohne weiteres Befehle ertheilen zu lassen , aber es ging ihm wie Mr. Atkins , er konnte gegen diesen herrischen Ton und Blick nicht aufkommen und grollend und brummend zwar , aber gehorsam verfügte er sich nach dem Zimmer seines Herrn , um den ihm gewordenen Auftrag auszurichten . Jane war allein zurückgeblieben in dem weiten düsteren Gemach , das eine von der Decke herabhängende Lampe nur unvollkommen erleuchtete , draußen herrschte bereits völlige Dunkelheit , noch war der Mond nicht aufgegangen , in den Bäumen rauschte der Wind , und durch das eine offen gebliebene Fenster wehte es kalt herein . Sie schauerte unwillkürlich zusammen und sich dem Kantine nähernd , ließ sie sich auf dem davor befindlichen Armstuhl nieder , dessen reichgeschnitzte Lehne ein altfranzösisches Wappen zeigte . Sie stand jetzt vor der Entscheidung ! Es mußte klar werden zwischen ihnen , die nächste Viertelstunde schon sollte das so lang verborgene Geheimniß enthüllen . Mit welchen Empfindungen Jane dieser Enthüllung entgegensah — das wußte nur sie allein . Die aufzuckenden Flammen beleuchteten ein Antlitz , auf dem sich jetzt nur ein einziger Ausdruck spiegelte , feste , unbeugsame Entschlossenheit . „ Es muß sein ! “ Mit diesen Worten hatte Forest seine Tochter gelehrt , jeden Kampf zu bestehen und jede Qual zu tragen , wovon ihr freilich während seines Lebens wenig genug beschieden war . Jetzt erst kam die Probe , und zuckend , aber stumm und ohne Klage beugte sie sich dem eisernen Gesetz der Nothwendigkeit . Einen Moment lang konnte das ungeahnte Wiedersehen sie überwältigen , länger nicht , es lag nicht in Jane ' s Natur , vor der Entscheidung feig zurückzubeben , sie wollte jetzt Gewißheit und brächte diese Gewißheit ihr auch Vernichtung . Die energisch gespannten Züge mit den fest zusammengepreßten Lippen und dem düsteren Eisesblick gaben ihr in diesem Augenblick eine wahrhaft erschreckende Aehnlichkeit mit dem todten Vater . Auch nicht ein Hauch von Weichheit , von Ergebung , alles hart , starr und eisern , man sah es an diesen Zügen — was auch kommen mochte , es würde getragen werden ! Die Thür wurde von draußen geöffnet und der Erwartete trat ein . Er schloß sie wieder hinter sich , aber er blieb dicht an der Schwelle stehen . „ Sie haben befohlen , Miß Forest ! “ “ Ich wünschte eine Unterredung mit Ihnen , Mr. Fernow . Sind wir hier ungestört ? " „ Ich hoffe es ! Wenigstens für die nächste Viertelstunde . " „ So — bitte ich Sie näher zu kommen . " Er näherte sich langsam und blieb ihr gegenüber dicht am Kamine stehen , zwischen ihnen prasselte und knisterte das Feuer , der Flammenschein beleuchtete grell und scharf die Gestalten der Beiden ; sie waren allein sichtbar in dem halbdunklen Raume , sichtbar auch für jeden , der etwa draußen über die Terrasse schritt . „ Ich war auf diesen Ruf nicht gefaßt , Miß Forest . Unserer Begegnung im Dorfe nach schien es mir , als wünschten Sie jede Annäherung meinerseits zu vermeiden . Ich bin dem Winke gefolgt ; Sie sind es jetzt , die mich herbeirief . " Es lag wohl einige Bitterkeit in diesen Worten , aber Fernow ' s Bitterkeit war selten schneidend und verletzend , in Jane ' s Ohren klang nur ein leiser tiefschmerzlicher Vorwurf , weiter nichts . „ Mein Benehmen mag Ihnen räthselhaft erschienen sein , Mr. Fernow , ich schulde Ihnen eine Erklärung ; zuvor aber bitte ich Sie , mir einige Fragen zu beantworten . “ Er neigte in stummer Einwilligung das Haupt . „ Zuerst also — nennen Sie mir Ihren Vornamen ! “ Fernow schien unter allen Fragen diese am wenigsten erwartet zu haben . „ Meinen Vornamen ? “ “ Ja . “ „ Ich heiße Walther . “ „ Walther ? “ Ein tiefer freierer Athemzug rang sich unwillkürlich aus Jane ' s Brust hervor . „ Walther ! den Namen kenne ich nicht ! " „ Und weshalb sollten Sie ihn auch kennen , Miß Forest ? “ fragte er mit sichtbarer Befremdung . „ Wir waren uns ja fremd , bis zu dem Augenblick , wo Sie den Boden Deutschlands betraten . “ „ Vielleicht ! “ Ihr Blick haftete düster auf den heißen Flammengebilden , die im ewigen Wechsel aufzüngelten und wieder niedersanken , „ vielleicht auch nicht ! Sie sagten mir einst , Sie seien heimath- und elternlos in ' s Leben hinausgestoßen worden , und dann in die Hände eines Gelehrten gefallen , der auch Sie der Wissenschaft zuführte — war dieser Gelehrte ein Geistlicher ? " „ Ja , aber er verließ später seine Pfarre und seinen Beruf , um sich einzig der Wissenschaft hinzugeben . “ Jane preßte krampfhaft die linke Hand gegen die Brust . „ Und sein Name ? “ „ Pfarrer Hartwig ! “ Eine schwere , tiefe Pause ! Die Flammen sprühten und knisterten , sie warfen ihr zuckendes Licht auf ein todtenbleiches und todtenkaltes Antlitz , kein Laut kam von ihren Lippen , sie verharrte regungslos in ihrer Stellung . „ Miß Forest , was heißt dies alles ? “ Walther ' s Stimme klang unruhig und gepreßt . “ Wozu diese seltsamen Fragen ? Kannten Sie meinen Pflegevater , standen Sie in irgend einer Beziehung zu ihm ? ” Er war ihr näher getreten bei den legten Worten , und stand jetzt dicht neben ihr ; Jane schien die Frage nicht gehört zu habend sie gab keine Antwort darauf . “ Johanna ! ” Sie bebte leise zusammen . Dieser Name ! erst ein einziges Mal hatte sie ihn von seinen Lippen vernommen , in der Abschiedsstunde , und er klang wie eine Melodie aus der fernen süßen Kinderzeit . Die Mutter hatte sie einst so genannt , nur kurze Zeit lange dann war auch der deutsche Name seines Kindes dem starren Willen des Vaters zum Opfer gefallen , er ward in das englische Jane umgestaltet , nie hatte sie ihn seitdem wieder gehört und jetzt klang er ihr aus diesem Munde mit so weichem flehenden Tone — all ihre Kraft brach zusammen vor diesem einen Laut . Langsam hob sie den Blick zu ihm empor , er begegnete seinen Augen und ruhte einige Secunden lang darin . Diese blauen Augen , die mit schwermüthiger Zärtlichkeit auf ihrem Antlitz hafteten , sie übten selbst jetzt noch ihre geheimnißvolle Macht , eine Macht , die das stolze willensstarke Weib im Moment der Entscheidung , wo es nur handeln und entschließen galt , losriß von allem Wollen und Entschließen , losriß von dem heißen zuckenden Weh in ihrem Innern , von all den kämpfen und Qualen der letzten Stunden , und sie mit träumerischer unwiderstehlicher Gewalt hinüberzog in den Traum , den er selbst träumte in dieser Minute . Sie saß wieder am Rande der Fliederhecke , aus deren Knospen das erste Grün hervorbrach , und er stand an ihrer Seite . Um sie her braute der Nebel und wob seine grauen Schleier um Bäume und Gebüsche , leise rieselte der erste Frühlingsregen nieder auf die duftende Erde , leise zog durch die Luft ein seltsames Hallen und Flüstern , und fern und geheimnißvoll tönte das Wallen und Rauschen des Rheines zu ihnen herüber — fernhin versanken Gegenwart und Wirklichkeit , nichts regte sich mehr , als das dumpfe unerklärliche Weh , das sie damals zuerst empfunden — sie war willenlos im Banne dieser Augen . Die Beiden zuckten plötzlich auf , gleichzeitig emporgeschreckt durch irgend ein unbekanntes Etwas . Das Traumbild zerfloß mit seinem Nebelgeriesel und seinem Frühlingsrauschen , sie waren wieder in dem hohen düsteren Steingemach , das Feuer knisterte und prasselte , draußen rauschte der Herbstwind in den Bäumen , vielleicht war er es , der einen Zweig gegen das Fenster geschlagen , der sie aus ihrem Erinnerungstraum wachrief . Jane blickte zuerst dorthin und Walther ’ s Auge folgte der Richtung . “ Wir werden beobachtet ! ” sagte sie leise . “ Schwerlich ! Indeß , ich werde nachsehen . ” Er schritt zum Fenster , öffnete es vollends und beugte sich weit hinaus in die Dunkelheit . Jane hatte sich erhoben , sie stützte sich schwer auf die wappengeschmückte Lehne des Armstuhls . Jetzt galt es das Schwerste ! Er mußte erfahren , was für sie nicht länger zweifelhaft war . “ Ich will sehen , ob er es zu tragen vermag . Vielleicht sprach nur die Stimme der Natur in dieser Zärtlichkeit , vielleicht , ” – ihr Herz zog sich krampfhaft zusammen – “ lächelt er bei der Entdeckung . Nun denn , kann er es tragen , ich werde meine Schwäche nicht verrathen und sollte ich sterben an dem ersten Kuß des Bruders ! ” Walther hatte das Fenster geschlossen und kehrte zu ihr zurück . „ Es ist nichts ! ” sagte er ruhig . “ Wer sollte auch ein Interesse daran haben , uns zu beobachten ? ” Jane wußte bereits , welchen Weg sie einzuschlagen habe ; sie ging ihn festen Schrittes . “ Wer ? Mr. Alison ! ” Walther trat zurück und blickte sie starr an . „ Mr. Alison ? Ihr Begleiter ? ” Die dunkle Gluth stieg wieder jäh und flammend in seinem Antlitz auf und färbte Stirn und Schläfe . “ Also ist er Ihnen nicht fremd , dieser Mann ? Ich ahnte es im ersten Augenblick , als ich ihn sah . Johanna , ” seine Stimme bebte in fieberhafter Erregung , “ in welcher Beziehung steht dieser Alison zu Ihnen ? Welches Recht hat er auf Sie ? " “ Ich bin seine Braut . ” Die Gluth wich aus seinem Gesichte so schnell , wie sie gekommen war , um einer tiefen Blässe Platz zu machen . „ Seine Braut ! ” wiederholte er tonlos . „ Sie lieben ihn also ? ” „ Nein ! ” “ Und gaben ihm dennoch Ihr Wort , Ihre Zukunft ? ” Es lag eine bittere Anklage in dem Vorwurfe ; Jane ' s Blick sank davor zu Boden . „ Ich that es ! " erwiderte sie leise . „ Dann wollte Gott , wir hätten uns nie gesehen ! " sagte Walther dumpf . Jane schwieg einige Secunden lang . “ Warum ? ” fragte sie endlich fast unhörbar . Er trat ihr ganz nahe und auch seine Stimme sank jetzt herab zu einem leisen , aber leidenschaftlichen Flüstern . „ Du fragst noch ? Soll ich es Dir auch in Worten sagen , was Du längst erriethest , errathen mußtest , oder — bin ich es nur allein , der elend wird durch Dein Geständniß ? ” Langsam wendete Jane ihm das Antlitz wieder zu ; ihre Stimme klang unnatürlich ruhig , aber ihr Auge haftete jetzt auf seinen Zügen mit einem unablässigen angstvollen Forschen , als solle jede Faser seines Innern ihr Rede stehen . „ Wir brauchen deshalb noch nicht elend zu werden , wir dürfen es nicht werden . Das Schicksal hat uns einmal zusammengeführt , grausam vielleicht ; aber wenn es uns auch das Höchste versagt , auf Trennung lautet sein Spruch nicht ! Vielleicht , ” – ihr Blick senkte sich tief und tiefer in den seinigen , “ vielleicht kann ich meinen künftigen Gatten zu einem längeren Aufenthalte am Rhein bestimmen . Ich weiß jetzt , es bedarf nur eines einzigen Wortes aus meinem Munde , und er kommt Ihnen als Freund entgegen . Sie dürfen diese Hand nicht zurückstoßen , Walther ; Sie werden Ihre Empfindungen beherrschen lernen , werden es lernen , auch mir dann zu nahend als Freund , als — Bruder — “ “ Johanna ! ” unterbrach er sie mit einem wilden , leidenschaftlichen Aufschrei . Sie schwieg , aber ihr Auge ließ nicht ab von seinen Zügen ; es hatte jetzt denselben Ausdruck wie bei der ersten Nachricht in N. , als erwarte sie in der nächsten Minute die Entscheidung über Leben und Tod . „ Und das sagst Du mir ? ” brach er jetzt mit schmerzlicher Bitterkeit aus . „ Das muß ich von Deinen Lippen hören ? Willst Du den Schwärmer , den Träumer in mir verspotten , oder träumst Du selbst von einem idealen Freundschaftsbunde , wo die Liebe zum Frevel wird ? Täusche Dich nicht ! Zwischen Geistern mag ein solcher Weg möglich sein , zwischen Herzen nicht ; da entstammt er nur der Kälte oder dem Verbrechen . Ich habe auch einst an solchen krankhaften Träumen gehangen in der Einsamkeit meines Studirzimmers , abgeschlossen von der Welt ; da kam die Liebe zu Dir und riß mich hinaus in ’ s Leben , in die volle heiße Wirklichkeit , und das Leben und die Wirklichkeit verlangen jetzt ihre Rechte . Ich muß Dich besitzen oder Dich verlieren auf ewig ! Es giebt kein Drittes zwischen uns ! ” Das war der volle glühende Ton der Leidenschaft ; sie wehte stürmisch hervor aus seinen Worten , aus seinem ganzen Wesen , und vor ihr sank die letzte Stütze , an die sich Jane noch geklammert ; aber sie stand plötzlich aufrecht ohne Halt . Mitten durch die Gewißheit eines grenzenlosen Unglücks brach in diesem Moment ein Gefühl , das mächtiger war als selbst die Verzweiflung . Seine Worte waren nur das Echo ihrer eigenen Seelen ; sie wurde geliebt , wie sie selbst liebte . Sie athmete tief auf . “ Du hast Recht , Walther ! Es ist Frevel , ich sehe es jetzt auch ! Zwischen uns Beiden giebt es hinfort nur noch ein Gebot — Trennung ! ” Er zuckte zusammen bei dem Worte . „ Und das vermagst Du so gefaßt auszusprechen ? Und darin meinst Du soll auch ich mich fügen , ohne zuvor das Aeußerste versucht zu haben ? Johanna , noch bindet Dich kein heiliger Schwur ; ein Versprechen kann gelöst , ein Wort zurückgegeben werden — sind Deine Gelübde unwiderruflich ? ” „ Sie sind es ! ” „ Bedenke , ” seine Stimme bebte in stürmischem Flehen , “ es gilt mein ganzes Lebensglück , es gilt das Deine ! Du rettest uns beide mit einem einzigen Entschluß . Kannst Du die Bande nicht zerreißen , die Dich an diesen Alison knüpfen ? ” Hier wurde mit heftigem Geräusch die Thür aufgerissen und Friedrich ’ s mächtige Stimme schallte herein . “ Herr Lieutenant ! Der Herr Major lassen bitten , augenblicklich bei ihm zu erscheinen ! ” Walther wendete sich um . „ Was giebt es ? “ frug er verstört . „ Wohin soll ich ? " „ Zum Herrn Major , alle die Herren Officiere sind da versammelt ! " „ Es ist gut , ich werde kommen ! " Die Thür fiel wieder in ' s Schloß , man hörte den schweren Schritt Friedrichs sich entfernen . Walther wendete sich noch einmal zu Jane zurück , sein Antlitz war todtenbleich , nur in den Augen brannte eine wilde Unruhe . „ Du hörst es , ich muß fort ! Wir sind im Kriege , die nächste Stunde , der nächste Augenblick schon kann uns von einander reißen . Johanna , ich frage Dich zum letzten Male , kannst und willst Du nicht die Meine werden ? " „ Nie , Walther ! Und gäbe Alison mich frei und fiele jede andere Schranke — niemals ! “ „ So lebe wohl ! “ stieß er verzweifelt hervor und streckte die Arme aus , als wolle er sie an seine Brust reißen , aber mit einer zuckenden Bewegung wich Jane zurück und hob abwehrend die Hand . Einen Moment lang stand er wie erstarrt vor ihr , dann neigte er sich tief und fremd . „ Sie haben Recht , Miß Forest ! Leben Sie wohl ! “ Er war fort , Jane blieb allein zurück , allein mit der Felsenlast auf ihrer Brust , denn noch war der letzte Schleier nicht gehoben , das letzte Wort nicht gesprochen worden . Wohl hatte es sich gewaltsam auf ihre Lippen gedrängt , aber eine fremde Macht hatte es zurückgehalten , die Furcht , ihn noch mehr leiden zu sehen , als durch ihr bloßes Nein . Sie , die sonst Niemand schonte , weil sie stets schonungslos gegen sich selbst war , zitterte jetzt vor einem fremden Schmerz . Zum ersten Male verlor das harte „ es muß sein “ des Vaters seine Kraft , zum ersten Male konnte sie nicht , einer unabwendbaren Nothwendigkeit gegenüber . Sie hatte all ' den Kämpfen und Qualen fest die Stirn geboten , aber als es jetzt darauf ankam , auch ihn diesen Kämpfen preiszugeben , da regte sich das Weib in ihr mit all ' seiner Angst , all ' seiner Zaghaftigkeit , sie bebte scheu und feig zurück vor dem entscheidenden Worte — um seinetwillen . „ Morgen ! Bis dahin hat er sich mit dem Verluste vertraut gemacht , er wird dann auch das ‘ Warum ’ leichter tragen , jetzt hätte es ihn vernichtet ! Aber “ — hier war es auch mit Jane ' s Kraft zu Ende , ihre Stimme brach in einem