sich erhoben und schritt in unverkennbarer Erregung im Zimmer auf und nieder , seine ganze Ruhe schien ihn verlassen zu haben , der Graf stützte sich schwer auf den Sessel . „ Und was hast Du hinsichtlich Bruno ’ s beschlossen ? “ fragte er scheinbar gelassen , aber sein Auge folgte unruhig dem auf- und abschreitenden Bruder . „ Ich habe ihm natürlich sofort jedes fernere Predigen untersagt und ihn zur Verantwortung hergerufen . Ich zweifle nicht , daß er gehorchen wird , und erwarte ihn in einigen Tagen ; ihn sofort zurück zu fordern , wagte ich nicht , die Bauern hängen mit einer förmlich fanatischen Begeisterung an ihrem Caplan , sie wären im Stande , sich zusammen zu rotten und mit Gewalt zurückzuhalten , ahnten sie , was ihm bevorstände . “ Der Graf zuckte leise zusammen bei den letzten Worten . „ Was willst Du thun ? “ fragte er gepreßt . „ Was die Ordensregel in diesem Falle befiehlt . Benedict hat das geistliche Gericht herausgefordert , er wird seine ganze Strenge empfinden . “ „ Bruder , um Gottes willen , Du wirst doch nicht – ? “ „ Was werde ich nicht ? “ fragte der Prälat stehen bleibend . „ Meinst Du vielleicht , ich könnte jetzt noch irgend eine Rücksicht walten lassen ? Dir freilich ist dieser Bruno von jeher Alles gewesen – Deinen Ottfried hast Du nie geliebt ! “ Rhaneck wendete sich ab . „ Daß die , Gräfin Dir keine Neigung einflößte , habe ich begreiflich gefunden , “ fuhr Jener fort ; „ sie war nicht die Frau , die Dich fesseln konnte , und Du brachtest dem Glanz unseres Hauses ein Opfer mit der Verbindung ; daß Du aber für den einzigen Sohn und Erben , den sie Dir schenkte , für Deinen Sohn immer nur diese tödtliche Gleichgültigkeit hattest , das ist ’ s , was ich Dir zum Vorwurf mache , was ich nicht begreifen kann . “ „ Ottfried ’ s verweichlichte egoistische Natur ist mir nicht sympathisch , “ vertheidigte sich der Graf finster , „ er trägt meine Züge , aber er hat auch nicht eine Ader von meinem Temperament in sich . “ Der Prälat trat ihm einen Schritt näher und stützte die Hand auf den Tisch . „ Ich weiß , wer Dein Temperament hat , wenn er auch Deine Züge nicht trägt ! Nimm Dich in Acht , Ottfried ! Dies Temperament stürzte Dich einst in endlose Verirrung , aus der nur meine Hand Dich emporriß , es wird auch sein Verderben ! Wenn jene Liebschaft Dich früher – “ „ Schweig ! “ fuhr Rhaneck heftig und drohend auf , „ sprich das Wort nicht aus , Du weißt es , Du am besten , daß es eine Ehe war ! “ Der Prälat zuckte verächtlich die Achseln . „ Eine Ehe ! Zwischen verschiedenen Confessionen , im Auslande geschlossen , ohne Einwilligung des Vaters , ohne die in solchem Falle nöthigen Formalitäten ! Die Kirche hat diese protestantische Trauung nie anerkannt , das Gesetz erklärte sie später für nichtig ! “ „ Gleichviel , ich dulde es nicht , daß Du einen Schatten auf Anna wirfst ! Sie ward mein vor dem Altar , mir durchs Priesterhand vermählt . Was wußte das achtzehnjährige Mädchen davon , daß das Gesetz bei uns noch andere Formalitäten verlangte ? Was ich später that , gezwungen durch die Verhältnisse , getrieben von Deinem unaufhörlichen Drängen , aufgestachelt durch jenes furchtbare Ereigniß , das fällt nicht auf sie , das – mag mir Gott verzeihen ! “ Er preßte leidenschaftlich die Hand gegen die Stirn , der Prälat blickte völlig unbewegt auf ihn hin . „ Du thatest , was der Name und die Ehre unseres Hauses gebieterisch von Dir forderten . Was bei dem jungen unbedeutenden Officier in fremden Diensten eine Thorheit war , das wurde zum Verbrechen , als das Schicksal Dich unerwartet zum Erben und Herrn von Rhaneck machte . Warum wagte es das Bürgermädchen , die Hand nach einer Grafenkrone auszustrecken ! Sie ging zu Grunde daran ! Ein Glück für Dich , daß sie starb , Du hattest ohnehin genug an dem Kinde . “ „ Ich habe es ja nie besitzen dürfen ! “ brach der Graf in überwallender Bitterkeit aus . „ Du fordertest ja den Knaben sofort für die Kirche , Du übernahmst die Sorge für seine Erziehung , seine Ausbildung , kaum , daß ich ihn hin und wieder einmal sehen durfte ! “ „ Sollte ich ihn Dir vielleicht lassen , damit Deine wahnsinnige Zärtlichkeit für den Buben aller Welt das Geheimniß verriethe , dessen Schleier schon allzu sehr gelüftet war ? Welche Stellung hätte er Deiner Gemahlin , Deinem Sohne gegenüber eingenommen ? Die Kirche war der einzige Ort , wo seine Geburt gesühnt werden konnte , die einzige Bahn zu Ansehen und Ehre , die Du nun einmal durchaus für ihn haben wolltest . Du weißt , welche Pläne wir mit ihm hatten ! Ist es unsere Schuld , wenn er in seiner Verblendung die Hand zurückstößt , die ihn erbeben wollte , und sich in den Abgrund stürzt ? “ „ Er hat sich in einem unglücklichen Augenblick hinreißen lassen , er wird sich besinnen , wird umkehren – “ Der Prälat schüttelte den Kopf . „ Der kehrt nicht mehr zurück , der ist uns unwiederbringlich verloren ! Zu sehr hat er sich verrathen – das ist das alte trotzige Protestantenblut , das uns einst die Reformation schuf und uns durch Jahrhunderte zu schaffen machte , es fließt auch in seinen Adern und es rächt sich jetzt dafür , daß wir es in die Kutte gezwungen haben . “ Er nahm seinen Gang durch das Zimmer wieder auf , Rhaneck folgte ihm und legte wie beschwörend die Hand auf seinen Arm . „ Schone ihn ! Noch kannst Du es , denn noch bist Du der alleinige Richter . Schone , “ seine Stimme sank zum Flüstern herab , „ mein Blut in ihm , es ist ja auch das Deine . “ „ Ich würde Dich nicht schonen , Ottfried , ständest Du mir so gegenüber ! “ sagte der Prälat eiskalt . „ Du weißt nicht , wie weit er bereits gegangen ist . Da lies , “ er zog rasch aus einer auf dem Schreibtisch liegenden Mappe einige Papiere hervor und hielt sie dem Bruder hin , „ hier hast Du seine letzte Predigt Wort für Wort , hier das Verzeichniß der Bücher , in denen er Nachts studirt , der ganze Index ist darauf zu finden ! “ Der Graf schob mit einer heftigen Bewegung die Papiere zurück . „ Ich sehe wenigstens , daß Ihr ihn hinreichend mit Spionen umgeben habt ! “ entgegnete er bitter . „ Traust Du mir im Ernst die Thorheit zu , einen solchen Charakter unbeobachtet zu lassen ? Und meinst Du , ich könnte jetzt noch diese Kraft in die Welt hinauslassen , damit sie sich gegen uns wendet ? Benedict in den Reihen unserer Gegner ist eine unberechenbare Gefahr : mit seinem Beispiel , mit seiner glühenden Rednergabe wird er Hunderte uns entreißen , er hat den Haß gegen Mönchthum und Kirche auf der hohen Schule studirt – im Kloster selber . “ „ Was hast Du vor mit Bruno ? “ fragte der Graf in steigender Angst . Der Prälat lächelte unheimlich . „ Lebst Du schon in Todesangst um Deinen Liebling ? Beruhige Dich , wir sind nicht mehr im Mittelalter ; die Zeit ist vorbei , wo man ungehorsame Mönche einmauerte oder mit der Folter zum Widerrufe zwang , wir müssen der weltlichen Macht jetzt Rechenschaft ablegen über jedes Mitglied [ 122 ] unseres Ordens , sie hat uns die Grenzen eng genug gezogen . “ „ Ich weiß es , “ sagte Rhaneck düster , „ aber ich weiß auch , daß Ihr Mittel genug habt , Eure Opfer dieser weltlichen Macht zu entziehen . Ihr erklärt es einfach für wahnsinnig und laßt es dann aus den Augen der Menschen verschwinden . Der Vorwand deckt ja jede Grausamkeit , jede Körper- und Geistesfolter . Wie viele von denen , die Ihr für wahnsinnig ausgebt , waren es wirklich , wie viele wurden es erst unter Euren Händen ? Sprich mir nicht von der Barmherzigkeit der Klöster ! Ich frage Dich noch einmal , was willst Du thun ? “ Der Prälat sah ihn an , es war ein eisiger , mitleidloser Blick . „ Was ich auch über Benedict beschlossen habe , Du wirst mich an Nichts hindern . Du begabst Dich Deiner Rechte auf ihn , als Du ihn der Kirche weihtest , das Mönchsgelübde zerreißt jedes andere weltliche Band . Jetzt gehört er mir , seinem Abte , und ich werde mit ihm verfahren , wie es mir gut dünkt . “ „ Nun und nimmermehr ! “ rief der Graf auflodernd . „ Ich dulde es nicht , daß er geopfert wird ! Zu viel schon habe ich mich von Dir leiten lassen , zu oft schon mich Deinem starren Willen gebeugt , aber jetzt stehen wir an der Grenze . Ich sage Dir , rühre mir Bruno nicht an , oder ich nehme vor aller Welt mein Recht in Anspruch , ihn zu schützen , und gebe Dich und Dein ganzes Kloster preis ! “ Der Prälat trat zurück , auch auf seiner Stirn erschien jetzt die Falte , die längst drohend auf der Rhaneck ’ s stand , aber seine Stimme klang noch in vernichtender Ruhe . „ Du bist von Sinnen , Ottfried , sonst würdest Du mir nicht so drohen . Wer wird in solchem Falle preisgegeben ? Bin ich es etwa , dessen Name und Ehre auf dem Spiele steht , wenn Du eine Sache an ’ s Licht ziehst , die jetzt schwerlich so beurtheilt werden würde , wie vor fünfundzwanzig Jahren ? Versuche es doch , entdecke Dich zuvörderst Deinem Bruno – die erste Frage wird nach seiner Mutter sein ! “ Der Graf erbleichte , langsam ließ er die drohend erhobene Hand wieder sinken . [ 133 ] „ Bruno hat Dich nie geliebt ! “ fuhr der Prälat erbarmungslos fort , „ all Deine Sorge , Deine Zärtlichkeit für ihn hat immer nur dies scheue Ausweichen , diese instinctmäßige Abneigung gefunden . Sprich das verhängnißvolle Wort aus , und sein Haß ist Dir gewiß ! “ Der Prälat hatte das rechte Mittel ergriffen , den Ungestüm des Bruders zu zügeln , durch die Züge des Grafen ging ein schmerzliches Zucken . „ Ich weiß es ! “ sagte er tonlos , „ und das ist ’ s , was ich nicht ertragen kann . Du hast mir von jeher diese Liebe zum Vorwurf gemacht , es ist das Einzige , was ich mir aus jenem Jugendtraum gerettet habe , und , was Du auch sagen magst , es ist das Beste an mir . Aber noch einmal , Bruder , “ er richtete sich hoch und fest auf , hier ist die Grenze , wo ich Dir Trotz biete . Wenn Bruno gefehlt hat , so laß ihn sich verantworten , strafe ihn , so weit Deine Stellung als Abt und die weltliche Macht es erlaubt , aber hüte Dich , ihn dem Arme dieser Macht zu entziehen , der ihn vor dem Schlimmsten schützt . Euerer Mönchsrache werde ich ihn nie auf Gnade und Ungnade preisgeben ! Hüte Dich , ihn aus meinen Augen verschwinden zu lassen ; ich werde seine Spur finden und will dann nicht umsonst der mächtige einflußreiche Graf Rhaneck sein . Auch Deine Priestergewalt hat ein Ende , und ich schone nichts mehr , wenn Du mich zum Aeußersten treibst ! Leb wohl ! “ Er ging , er hatte ruhiger gesprochen als vorhin , ohne jenes wilde Aufbrausen , aber eben deshalb wirkte die Drohung diesmal mehr . Der Prälat blickte ihm finster nach , er sah die Macht , die er mit der Ueberlegenheit eines kalten unbewegten Charakters von jeher über den leidenschaftlichen Bruder ausgeübt , in Trümmer gehen , er wußte besser als der Graf selbst , daß hier ihre Grenze war . Er war noch ganz in dies finstere Nachdenken versunken , als der Pater Prior gemeldet ward , der gleich darauf eintrat und sich mit seinem gewöhnlichen schleichend demüthigen Wesen ihm näherte . „ Ich komme , die Befehle meines hochwürdigsten Abtes in Bezug auf Pater Benedict in Empfang zu nehmen , “ begann er feierlich . „ Wir können ihn von morgen an jeden Tag erwarten . Reverendissimus wünschen wohl jedenfalls erst seine Verantwortung zu hören ? “ „ Verantwortung ? “ fragte der Prälat scharf ; „ deren bedarf es hier nicht mehr ! Wenn er sich , wie ich nicht zweifle , zu seinen Worten bekennt , so bleibt nur noch übrig , Gericht über ihn zu halten . Ich habe über den Fall bereits an den Erzbischof berichtet und erwarte stündlich seine Antwort . Indeß ich weiß im Voraus , was ich zu thun habe , und daß man mir vollkommen freie Hand lassen wird . “ „ Auch ich bin überzeugt , daß man uns die unbeschränkteste Vollmacht ertheilt ! “ bestätigte der Prior mit einem frommen Aufblick nach oben . „ Es gilt , den Frechen zu strafen , und die schwer beleidigte Kirche durch Reue und Büßung wieder zu versöhnen , damit ihr Heil – “ Der Prälat machte eine ungeduldige Bewegung . „ Lassen Sie den salbungsvollen Ton ! Sie wissen , ich liebe das Frömmeln nicht , am wenigsten , wenn wir unter uns sind . Es handelt sich nicht darum , die Kirche zu versöhnen , sondern sie vor einer Gefahr zu schützen , hier wo das Beispiel des Einzelnen verhängnißvoll werden könnte für den ganzen Stand . Ich bin entschlossen , die vollste Strenge walten zu lassen ! “ Ein triumphirender Blick schoß aus den Augen des Priors , aber er senkte sie sofort wieder demüthigst zu Boden . Man durfte heute dem Prälaten nur mit Vorsicht nahen , es geschah selten , daß er sich in so scharfen rücksichtslosen Worten gehen ließ , wie eben jetzt , irgend etwas mußte ihn furchtbar gereizt haben und es ward dem schlauen Mönche nicht schwer , diese Gereiztheit mit dem vorhergegangenen Besuch des Grafen und dem wahrscheinlichen Gegenstande der Erörterung zwischen den Brüdern in Verbindung zu bringen . „ Die vollste Strenge ! “ wiederholte er langsam . „ Ohne Zweifel ! Wenn nur der Herr Graf Rhaneck nicht Einspruch thut ! Ich meine , “ verbesserte er sich schnell , „ er wird seinen ganzen Einfluß zu Gunsten seines Schützlings aufbieten . “ „ Ich bin in solchen Dingen dem Einfluß meines Bruders nicht zugänglich ! “ erklärte der Prälat hart und entschieden . Ich weiß , Hochwürdigster , ich weiß ! “ stimmte der Prior bei . „ Aber es könnte doch sein . Der Herr Graf hegt ein großes , ein ganz ungewöhnliches Interesse für Pater Benedict – wenn er es versuchte , gegen Ihren Willen – “ Weiter zu gehen in seinen Andeutungen wagte er nicht , ihm war es schon genug , daß der Prälat schwieg und ihn nicht vornehm zurückwies , was sonst unfehlbar geschehen wäre . Also , schloß der Prior weiter , es hatte bereits Streit deswegen zwischen den Brüdern gegeben , Rhaneck hatte vermuthlich gedroht , da galt es zu stacheln , der Prior kannte seinen Abt . „ Der Herr Graf weiß oder ahnt doch wenigstens , was [ 134 ] seinem Schützlinge bevorsteht , “ fuhr er leiser fort , „ er wird ihn schwerlich preisgeben , und wenn er nicht will – “ „ Wenn mein Bruder nicht will ? “ der Prälat hob mit einem zornigen Aufblick das Haupt . „ Sie vergessen wohl , daß ich hier allein zu wollen habe ! “ „ Keineswegs , Hochwürdigster ! Es handelt sich ja auch nur darum , was dem Pater Benedict eigentlich auferlegt wird , und wie weit Reverendissimus zu gehen beabsichtigen . Uebergriffe freilich könnten jetzt bedenklich , ja gefährlich werden . Was man hin und wieder einzelnen ungehorsamen Mönchen gegenüber wagte , nach denen Niemand fragte , und deren fromme Angehörige sich auf das bloße Zeugniß des Klosters hin beruhigten , das dürfen wir hier nicht wagen , wo ein so mächtiger Protector wie Graf Rhaneck im Wege steht . Der Graf ist sehr angesehen , sehr einflußreich bei Hofe und unser allergnädigster Souverain sehr bedenklich freisinnig in solchen Dingen ; wenn die Sache dort zur Sprache käme – ein einziger Schritt über die uns gezogenen Grenzen hinaus könnte verderblich werden . “ Der Prior wußte sehr wohl , was er that , als er langsam einen Stachel nach dem andern in die Seele des Prälaten senkte . Er konnte ihm freilich nichts sagen , was jener nicht schon längst bei sich selber erwogen hatte , aber es klang ihm doch anders aus fremdem Munde , mit dieser leisen Beimischung von Hohn , mit diesem fortwährenden Herausheben des Bruders als einer überlegenen Macht , der man sich zu beugen habe – der stolze Priester richtete sich hoch auf . „ In dem Punkte , wo es sich um meine geistliche Obergewalt handelt , weiche ich weder meinem Bruder , noch weiche ich überhaupt Jemandem , er stehe so hoch er wolle ! Dreißig Jahre lang habe ich dies Stift geleitet , und dreißig Jahre lang ist es dem Lande ein Vorbild gewesen , auf das auch nicht der leiseste Schatten fiel ! Wenn in den anderen Klöstern ringsum sich Schwäche , Abfall und Verrath kund gab , ich habe das meinige rein zu erhalten gewußt und , was auch geschehen mag , ein Abtrünniger wird aus seinen Mauern nie hervorgehen ! Nie , sage ich ! Benedict widerruft entweder , oder er verfällt seinem Schicksal ! An dem Beschluß wird Graf Rhaneck , wird selbst der Souverain nichts ändern , sie sind nur Menschen , und in unseren Händen liegt die höchste Gewalt auf Erden , die des Priesters , der auch sie sich zu beugen haben – ich erkenne nur Rom als meinen Herrn an ! “ Er stand hoch aufgerichtet da , in beinahe königlicher Haltung . Das war wieder der allmächtige gebietende Abt , der nichts über sich erkennen wollte , und im Vollbewußtsein seiner Herrschaft Allem Trotz zu bieten bereit war ; der Prior senkte in einer Art von scheuer Bewunderung die Augen . „ Es wäre aber doch zu viel gewagt , “ begann er von Neuem , „ wollte man den Ruf , vielleicht die Existenz des ganzen Klosters auf ’ s Spiel setzen , eines Einzigen wegen ! Pater Benedict stürzt uns ist einen schweren Conflict bei seiner Rückkehr , das Beste wäre – er käme gar nicht wieder . “ „ Er wird kommen ! “ sagte der Prälat entschieden . „ Er wird mir gegenüber treten und sich zu jedem einzelnen seiner Worte bekennen . Ich weiß es ! “ „ Wenn es in seinem Willen liegt , gewiß ! Aber könnte nicht irgend ein Zufall – das Gebirge ist jetzt sehr gefährlich , die Regengüsse der letzten Wochen haben die Bergströme entfesselt und die Stürme einzelne Punkte vollends unwegsam gemacht . Pater Benedict kümmert sich sehr wenig um solche Gefahren , er geht stundenweit allein , wenn seine Pflicht ihn zu einem Kranken oder nach der fernen Wallfahrtscapelle ruft … wenn er einmal dabei – verunglückte ! “ Der Prälat sah den Sprechenden einen Moment lang groß und starr an , dann plötzlich wendete er ihm den Rücken und trat an ’ s Fenster , wo er stehen blieb , die Arme verschränkt und das Auge auf die umschleierte Landschaft draußen gerichtet . Der Prior folgte ihm . „ Ich spreche natürlich nur von einem Zufall , von einer bloßen Möglichkeit aber es ist nicht zu leugnen , daß sie uns einer schweren Bedrängniß entreißen würde . Zum Widerruf wird unser junger Mitbruder unter keinen Umständen zu bewegen sein ; ihn gewähren lassen oder mit einer vorübergehenden Buße abfinden , hieße der Ketzerei Thür und Thor öffnen ; wenn wir ernstlich einschreiten wollen , steht uns Graf Rhaneck im Wege – es ist eine böse , böse Sache ! Ich sehe in der That keinen Ausweg daraus ! “ Der Prälat antwortete nicht , der Prior trat ihm noch einen Schritt näher . „ Ein Unglück freilich , das zur rechten Zeit käme , würde viel , würde Alles lösen . Es befreite unser Kloster von der noch nie erlebten Schande , einen Abtrünnigen unter die Seinigen zählen zu müssen , es ersparte uns die Nothwendigkeit , durch allzu strenges Gericht mit der weltlichen Macht in Conflict zu gerathen . Auch Graf Rhaneck würde sich zufrieden geben müssen , denn wer kann am Ende für einen Zufall ! Es wäre hier von unberechenbarem Vortheile . “ Er sprach langsam , leise , aber jedes Wort betonend , der Prälat stand noch immer unbeweglich , die eiserne Ruhe seiner Züge verrieth nichts , aber es war doch etwas wie innerer Kampf in dem Blicke , der auf dem wolkenumhüllten Gebirge in der Ferne haftete . „ Wann kommt Benedict zurück ? “ fragte er endlich . „ Ich denke , übermorgen ! “ Eine lange schwere Pause ! Der Prälat wendete sich langsam um , auf seinem Antlitz lag ein starrer , eisiger Ausdruck . „ Sie haben Recht ! Es wäre die beste Lösung von allen . Aber können wir dem Zufall gebieten ? “ „ Hochwürdigster – “ Der Prior sagte nichts weiter , aber sein Auge heftete sich wie in gierigem Forschen auf das Gesicht seines Oberen , als wolle er jedes Wort , jeden Gedanken von dessen Lippen ablesen . Der Blick des Abtes glitt unwillkürlich nieder auf den neben ihm befindlichen Schreibtisch , wo noch die Papiere lagen , die er vorhin dem Grafen entgegengehalten , er stützte die Hand schwer auf die letzte Rede Benedict ’ s – der stolze Priester hatte nicht umsonst das Bewußtsein , daß „ die höchste Gewalt auf Erden in seine Hände gelegt war “ , er fühlte sich als Richter über Leben und Tod . „ Herr Pater Prior ! Ich befehle nichts und lasse nichts zu ! Merken Sie sich das ! Was zum Heile der Kirche geschieht , werde ich – absolviren . “ Der Prior verneigte sich stumm , er wußte genug . Er eilte , mit einigen gleichgültigen Reden sich zu verabschieden , und verließ dann das Gemach . Der Prälat stand noch immer am Schreibtisch , die Hand auf den verhängnißvollen Bericht gestützt , als aber die Thür hinter Jenem zufiel , zuckte der Ausdruck einer grenzenlosen Verachtung durch seine Züge . „ Elender ! Wolltest Du mich zum Werkzeuge Deines Privathasses machen ? Nimm es auf Dein Herz allein ! Und wenn Benedict uns verloren ging , und wenn er fallen muß , er wiegt im Falle noch zehn Deinesgleichen , ich hätte sie mit leichterem Herzen geopfert als gerade ihn ! “ – Draußen in dem Kreuzgange , der die Prälatur mit dem Kloster verband , stand der Prior . Auch er sah nach den wolkenumlagerten Bergen hinüber und sein Blick sprühte wieder in jenem giftigen , tödtlichen Hasse , wie damals in der Sacristei . „ Also endlich wären wir so weit ! Es war keine gute Stunde , in welcher er es wagte , mir zu drohen . Soll ich ihn vielleicht zurückkehren lassen , damit er noch im Sturze mich verräth ? Lieber mag der Sturz – anderswo erfolgen . Der Prälat will sich decken , einerlei ! er muß mich im schlimmsten Falle schützen , er schützt in mir die Ehre seines Stiftes . Herr Pater Benedict , Sie haben so großartige Anlagen zum Freiheitsapostel – ich fürchte , Sie werden zum Märtyrer Ihrer Lehre ! “ Auch im Hochgebirge hatte der Herbst seinen Einzug gehalten . Hier freilich erscheint er anders als drunten in der Ebene , wo sich die Natur so müde und langsam ihrem Grabe entgegenneigt , über das der Winter bald die weiße Leichendecke breitet . Dort hängt der Himmel schwer und grau über der verschleierten Erde , in endlos eintönigem Braun dehnen sich die Felder aus , still und dunkel zieht der Fluß dahin , und was noch von Farben und Formen übrig ist , das hüllt der Nebel in seine dichten feuchten Schleier . Leise und einförmig rauscht der Regen nieder , leis und matt sinken die Blätter von den Bäumen , schwermüthig rauscht der Wind darein , bis auch das letzte welk zu Boden flattert und der Wald entlaubt und öde steht – überall langsames Vergehen , stilles widerstandloses Sterben . Anders im Gebirge . Hier ist Alles wilde Bewegung , Alles trotziger , verzweifelter Kampf um ’ s Dasein . Stürme , wie sie die Ebene gar nicht kennt , entfesseln sich hier oben und rasen , einmal losgelassen , mit verheerender Gewalt , gährende Wolkenmassen [ 135 ] wogen in den Thälern auf und nieder oder jagen sturmgepeitscht um die höchsten Gipfel , und von den Regengüssen geschwellt toben die Bergwasser in ungezügelter Wildheit dahin . Auch hier hängen die Nebelschleier feucht und dicht an Wald und Fels , aber aus ihnen hervor heben die dunkeln Tannen nur trotziger ihre starren Häupter , denen all ’ das eisige Wehen den grünen Schmuck nicht zu rauben vermag , und aus dem Wolkengewande ragen die schroffen Zacken und Klippen nur mächtiger empor . Der Herbst hat dem Gebirge den Blumenkranz vom Haupte gerissen , aber damit endet auch seine Macht , die sich ohnmächtig an diesen Wäldern und Felsen bricht , die nicht zu entblättern und nicht zu erschüttern sind . Wird doch selbst der Winter nie ganz Meister dieser starren Natur , und wenn er mit seinen Schneelasten auch Alles begräbt und niederzwingt , die lebendige , ewig klopfende Ader des Gebirges vermag er nicht zu schließen ; den Bergstrom legt er doch nie in seine Eisfesseln , und wenn alles Andere ringsum in Schnee und Eis erstarrt , rettet sich dies Leben , das ewig neu und ewig bewegt aus dem tiefsten Grunde des Gebirges hervorquillt , allein unbezwungen hinüber in ’ s neue Frühlingsgrün . Das Dorf N. , der Bezirk des Pfarrers Clemens , war einer jener einsamen hochgelegenen Bergorte , die nur während der einen Hälfte des Jahres im Verkehr mit der Ebene drunten stehen , während der anderen aber durch Herbststürme , Winterschnee und Frühjahrswasser fast gänzlich davon abgeschnitten , ja zeitweise gar nicht zu erreichen sind . Eng zusammengedrängt lag das Dörfchen auf seinem Hochplateau da , dicht um die in der Mitte befindliche Kirche geschaart , als sei es des Schutzes derselben bedürftig , und in der That klein und schutzlos genug sah es aus , inmitten der hohen Schneegebirge , die es rings umlagerten und so riesengroß auf die winzigen Menschenwohnungen herabblickten , die ein einziger ihrer Stürme vernichten konnte . Spärliches , verkrüppeltes Tannengehölz säumte den Rand des Plateaus , die Wälder begannen erst weiter unten , wo der Weg sich in ’ s Stromthal hinabneigte , es war freilich keine Poststraße , und es hatte selbst in der guten Jahreszeit seine Schwierigkeit , N. anders als zu Fuße zu erreichen . Aus der Thür des Pfarrhauses , dessen Aeußeres hinreichend verrieth , daß es nur eine sehr arme Gemeinde war , die man dem Pfarrer Clemens zugewiesen , traten zwei Geistliche und schritten langsam durch ’ s Dorf , hin und wieder einen ehrfurchtsvoll gespendeten Gruß erwidernd , oder ein Kind segnend , das herbeigelaufen kam , den hochwürdigen Herren die Hand zu küssen ; als sie die Häuser hinter sich hatten und in ’ s Freie traten , überfiel sie der kalte Bergwind mit doppelter Gewalt . „ Sie sollten umkehren , Hochwürden ! “ sagte der Jüngere , seinen Mantel fester um die Schultern ziehend . „ Die Luft ist allzu rauh ; es sieht aus , als sollten wir wieder Sturm bekommen . “ Der Aeltere schüttelte das Haupt . „ Bis zum Crucifix begleite ich Sie jedenfalls , lieber Benedict . Ich schone mich schon über die Gebühr , seit Sie hier sind . Der kurze Gang wird mir wohlthun . “ Benedict erhob keinen Einwand weiter und sie schritten einige Minuten lang schweigend vorwärts , dann begann der Pfarrer von Neuem das Gespräch . „ Wenn nur dieser tägliche Gang nach der Wallfahrtscapelle nicht wäre ! Ich kann mich dabei nie einer gewissen Sorge um Sie erwehren . “ „ Weshalb ? fragte Benedict gelassen . „ Der Weg ist nicht allzu weit . “ „ Aber gefährlich ! Sie müssen dabei stets die ‚ wilde Klamm ‘ passiren , einen der schlimmsten Punkte des ganzen Gebirges . Im Sommer mochte das noch hingehen , aber jetzt , wo die fortwährenden Regengüsse den Felsboden glatt und schlüpfrig machen , wo man nie wissen kann , ob die Brücke auch wirklich den letzten Stürmen Widerstand geleistet hat – “ „ Die Bauern wählen ja stets diesen Pfad , um den Weg in ’ s Thal abzukürzen ! “ unterbrach ihn der junge Priester gleichgültig . „ Ja , unsere Bauern ! Die sind im Gebirge geboren und aufgewachsen . Solch ein Fuß gleitet nicht so leicht und weiß sich selbst im Sturze noch zu halten und anzuklammern ; der Ihrige dagegen – ich kann mir nicht helfen , ich sehe Sie jedesmal mit Sorge gehen und bin erst ruhig , wenn ich Sie sicher wieder im Pfarrhause weiß . “ „ Ich bin schwindelfrei , “ sagte Benedict ruhig , „ und überdies kann ich den Leuten deswegen nicht eine Gewohnheit