Und der Mensch schrie dagegen : » Wir sollen den neuen Deich durchstechen , Herr , damit der alte Deich nicht bricht ! « » Was sollt ihr ? « – » Den neuen Deich durchstechen ! « » Und den Koog verschütten ? – Welcher Teufel hat euch das befohlen ? « » Nein , Herr , kein Teufel ; der Gevollmächtigte Ole Peters ist hier gewesen , der hat ' s befohlen ! « Der Zorn stieg dem Reiter in die Augen . » Kennt ihr mich ? « schrie er . » Wo ich bin , hat Ole Peters nichts zu ordinieren ! Fort mit euch ! An euere Plätze , wo ich euch hingestellt ! « Und da sie zögerten , sprengte er mit seinem Schimmel zwischen sie : » Fort , zu euerer oder des Teufels Großmutter ! « » Herr , hütet Euch ! « rief einer aus dem Haufen und stieß mit seinem Spaten gegen das wie rasend sich gebärdende Tier ; aber ein Hufschlag schleuderte ihm den Spaten aus der Hand , ein anderer stürzte zu Boden . Da plötzlich erhob sich ein Schrei aus dem übrigen Haufen , ein Schrei , wie ihn nur die Todesangst einer Menschenkehle zu entreißen pflegt ; einen Augenblick war alles , auch der Deichgraf und der Schimmel , wie gelähmt ; nur ein Arbeiter hatte gleich einem Wegweiser seinen Arm gestreckt ; der wies nach der Nordwestecke der beiden Deiche , dort wo der neue auf den alten stieß . Nur das Tosen des Sturmes und das Rauschen des Wassers war zu hören . Hauke drehte sich im Sattel : was gab das dort ? Seine Augen wurden groß . » Herr Gott ! Ein Bruch ! Ein Bruch im alten Deich ! « » Euere Schuld , Deichgraf ! « schrie eine Stimme aus dem Haufen . » Euere Schuld ! Nehmt ' s mit vor Gottes Thron ! « Haukes zornrotes Antlitz war totenbleich geworden ; der Mond , der es beschien , konnte es nicht bleicher machen ; seine Arme hingen schlaff , er wußte kaum , daß er den Zügel hielt . Aber auch das war nur ein Augenblick ; schon richtete er sich auf , ein hartes Stöhnen brach aus seinem Munde ; dann wandte er stumm sein Pferd , und der Schimmel schnob und raste ostwärts auf dem Deich mit ihm dahin . Des Reiters Augen flogen scharf nach allen Seiten ; in seinem Kopfe wühlten die Gedanken : Was hatte er für Schuld vor Gottes Thron zu tragen ? – Der Durchstich des neuen Deichs – vielleicht , sie hätten ' s fertiggebracht , wenn er sein Halt nicht gerufen hätte ; aber – es war noch eins , und es schoß ihm heiß zu Herzen , er wußte es nur zu gut – im vorigen Sommer , hätte damals Ole Peters ' böses Maul ihn nicht zurückgehalten – da lag ' s ! Er allein hatte die Schwäche des alten Deichs erkannt ; er hätte trotz alledem das neue Werk betreiben müssen . » Herr Gott , ja , ich bekenn es « , rief er plötzlich laut in den Sturm hinaus , » ich habe meines Amtes schlecht gewartet ! « Zu seiner Linken , dicht an des Pferdes Hufen , tobte das Meer ; vor ihm , und jetzt in voller Finsternis , lag der alte Koog mit seinen Werften und heimatlichen Häusern ; das bleiche Himmelslicht war völlig ausgetan ; nur von einer Stelle brach ein Lichtschein durch das Dunkel . Und wie ein Trost kam es an des Mannes Herz ; es mußte von seinem Haus herüberscheinen , es war ihm wie ein Gruß von Weib und Kind . Gottlob , sie saßen sicher auf der hohen Werfte ! Die andern , gewiß , sie waren schon im Geestdorf droben ; von dorther schimmerte soviel Lichtschein , wie er niemals noch gesehen hatte ; ja selbst hoch oben aus der Luft , es mochte wohl vom Kirchturm sein , brach solcher in die Nacht hinaus . › Sie werden alle fort sein , alle ! ‹ sprach Hauke bei sich selber ; › freilich auf mancher Werfte wird ein Haus in Trümmern liegen , schlechte Jahre werden für die überschwemmten Fennen kommen , Siele und Schleusen zu reparieren sein ! Wir müssen ' s tragen , und ich will helfen , auch denen , die mir Leids getan ; nur , Herr , mein Gott , sei gnädig mit uns Menschen ! ‹ Da warf er seine Augen seitwärts nach dem neuen Koog ; um ihn schäumte das Meer ; aber in ihm lag es wie nächtlicher Friede . Ein unwillkürliches Jauchzen brach aus des Reiters Brust : » Der Hauke-Haien-Deich , er soll schon halten ; er wird es noch nach hundert Jahren tun ! « Ein donnerartiges Rauschen zu seinen Füßen weckte ihn aus diesen Träumen ; der Schimmel wollte nicht mehr vorwärts . Was war das ? – Das Pferd sprang zurück , und er fühlte es , ein Deichstück stürzte vor ihm in die Tiefe . Er riß die Augen auf und schüttelte alles Sinnen von sich : er hielt am alten Deich , der Schimmel hatte mit den Vorderhufen schon darauf gestanden . Unwillkürlich riß er das Pferd zurück ; da flog der letzte Wolkenmantel von dem Mond , und das milde Gestirn beleuchtete den Graus , der schäumend , zischend vor ihm in die Tiefe stürzte , in den alten Koog hinab . Wie sinnlos starrte Hauke darauf hin ; eine Sündflut war ' s , um Tier und Menschen zu verschlingen . Da blinkte wieder ihm der Lichtschein in die Augen ; es war derselbe , den er vorhin gewahrt hatte ; noch immer brannte der auf seiner Werfte ; und als er jetzt ermutigt in den Koog hinabsah , gewahrte er wohl , daß hinter dem sinnverwirrenden Strudel , der tosend vor ihm hinabstürzte , nur noch eine Breite von etwa hundert Schritten überflutet war ; dahinter konnte er deutlich den Weg erkennen , der vom Koog heranführte . Er sah noch mehr : ein Wagen , nein , eine zweiräderige Karriole kam wie toll gegen den Deich herangefahren ; ein Weib , ja auch ein Kind saßen darin . Und jetzt – war das nicht das kreischende Gebell eines kleinen Hundes , das im Sturm vorüberflog ? Allmächtiger Gott ! Sein Weib , sein Kind waren es ; schon kamen sie dicht heran , und die schäumende Wassermasse drängte auf sie zu . Ein Schrei , ein Verzweiflungsschrei brach aus der Brust des Reiters . » Elke ! « schrie er ; » Elke ! Zurück ! Zurück ! « Aber Sturm und Meer waren nicht barmherzig , ihr Toben zerwehte seine Worte ; nur seinen Mantel hatte der Sturm erfaßt , es hätte ihn bald vom Pferd herabgerissen ; und das Fuhrwerk flog ohne Aufenthalt der stürzenden Flut entgegen . Da sah er , daß das Weib wie gegen ihn hinauf die Arme streckte : Hatte sie ihn erkannt ? Hatte die Sehnsucht , die Todesangst um ihn sie aus dem sicheren Haus getrieben ? Und jetzt – rief sie ein letztes Wort ihm zu ? – Die Fragen fuhren durch sein Hirn ; sie blieben ohne Antwort : von ihr zu ihm , von ihm zu ihr waren die Worte all verloren : nur ein Brausen wie vom Weltenuntergang füllte ihre Ohren und ließ keinen andern Laut hinein . » Mein Kind ! O Elke , o getreue Elke ! « schrie Hauke in den Sturm hinaus . Da sank aufs neu ein großes Stück des Deiches vor ihm in die Tiefe , und donnernd stürzte das Meer sich hinterdrein ; noch einmal sah er drunten den Kopf des Pferdes , die Räder des Gefährtes aus dem wüsten Greuel emportauchen und dann quirlend darin untergehen . Die starren Augen des Reiters , der so einsam auf dem Deiche hielt , sahen weiter nichts . » Das Ende ! « sprach er leise vor sich hin ; dann ritt er an den Abgrund , wo unter ihm die Wasser , unheimlich rauschend , sein Heimatsdorf zu überfluten begannen ; noch immer sah er das Licht von seinem Hause schimmern ; es war ihm wie entseelt . Er richtete sich hoch auf und stieß dem Schimmel die Sporen in die Weichen ; das Tier bäumte sich , es hätte sich fast überschlagen ; aber die Kraft des Mannes drückte es herunter . » Vorwärts ! « rief er noch einmal , wie er es so oft zum festen Ritt gerufen hatte . » Herr Gott , nimm mich ; verschon die andern ! « Noch ein Sporenstich ; ein Schrei des Schimmels , der Sturm und Wellenbrausen überschrie ; dann unten aus dem hinabstürzenden Strom ein dumpfer Schall , ein kurzer Kampf . Der Mond sah leuchtend aus der Höhe ; aber unten auf dem Deiche war kein Leben mehr als nur die wilden Wasser , die bald den alten Koog fast völlig überflutet hatten . Noch immer aber ragte die Werfte von Hauke Haiens Hofstatt aus dem Schwall hervor , noch schimmerte von dort der Lichtschein , und von der Geest her , wo die Häuser allmählich dunkel wurden , warf noch die einsame Leuchte aus dem Kirchturm ihre zitternden Lichtfunken über die schäumenden Wellen . " Der Erzähler schwieg ; ich griff nach dem gefüllten Glase , das seit lange vor mir stand ; aber ich führte es nicht zum Munde ; meine Hand blieb auf dem Tische ruhen . » Das ist die Geschichte von Hauke Haien « , begann mein Wirt noch einmal , » wie ich sie nach bestem Wissen nur berichten konnte . Freilich , die Wirtschafterin unseres Deichgrafen würde sie Ihnen anders erzählt haben ; denn auch das weiß man zu berichten : jenes weiße Pferdsgerippe ist nach der Flut wiederum , wie vormals , im Mondschein auf Jevershallig zu sehen gewesen ; das ganze Dorf will es gesehen haben . Soviel ist sicher : Hauke Haien mit Weib und Kind ging unter in dieser Flut ; nicht einmal ihre Grabstätte hab ich droben auf dem Kirchhof finden können ; die toten Körper werden von dem abströmenden Wasser durch den Bruch ins Meer hinausgetrieben und auf dessen Grunde allmählich in ihre Urbestandteile aufgelöst sein – so haben sie Ruhe vor den Menschen gehabt . Aber der Hauke-Haien-Deich steht noch jetzt nach hundert Jahren , und wenn Sie morgen nach der Stadt reiten und die halbe Stunde Umweg nicht scheuen wollen , so werden Sie ihn unter den Hufen Ihres Pferdes haben . Der Dank , den einstmals Jewe Manners bei den Enkeln seinem Erbauer versprochen hatte , ist , wie Sie gesehen haben , ausgeblieben ; denn so ist es , Herr : dem Sokrates gaben sie ein Gift zu trinken , und unsern Herrn Christus schlugen sie an das Kreuz ! Das geht in den letzten Zeiten nicht mehr so leicht ; aber – einen Gewaltsmenschen oder einen bösen stiernackigen Pfaffen zum Heiligen oder einen tüchtigen Kerl , nur weil er uns um Kopfeslänge überwachsen war , zum Spuk und Nachtgespenst zu machen – das geht noch alle Tage . « Als das ernsthafte Männlein das gesagt hatte , stand es auf und horchte nach draußen . » Es ist dort etwas anders worden « , sagte er und zog die Wolldecke vom Fenster ; es war heller Mondschein . » Seht nur « , fuhr er fort , » dort kommen die Gevollmächtigten zurück ; aber sie zerstreuen sich , sie gehen nach Hause ; – drüben am andern Ufer muß ein Bruch geschehen sein das Wasser ist gefallen . « Ich blickte neben ihm hinaus ; die Fenster hier oben lagen über dem Rand des Deiches ; es war , wie er gesagt hatte . Ich nahm mein Glas und trank den Rest . » Haben Sie Dank für diesen Abend ! « sagte ich ; » ich denk , wir können ruhig schlafen ! « » Das können wir « , entgegnete der kleine Herr ; » ich wünsche von Herzen eine wohlschlafende Nacht ! « – – Beim Hinabgehen traf ich unten auf dem Flur den Deichgrafen ; er wollte noch eine Karte , die er in der Schenkstube gelassen hatte , mit nach Hause nehmen . » Alles vorüber ! « sagte er . » Aber unser Schulmeister hat Ihnen wohl schön was weisgemacht ; er gehört zu den Aufklärern ! « – » Er scheint ein verständiger Mann ! « » Ja , ja , gewiß ; aber Sie können Ihren eigenen Augen doch nicht mißtrauen ; und drüben an der andern Seite , ich sagte es ja voraus , ist der Deich gebrochen ! « Ich zuckte die Achseln : » Das muß beschlafen werden ! Gute Nacht , Herr Deichgraf ! « Er lachte : » Gute Nacht ! « – – Am andern Morgen , beim goldensten Sonnenlichte , das über einer weiten Verwüstung aufgegangen war , ritt ich über den Hauke-Haien-Deich zur Stadt hinunter .