« » Nicht ! « warnte Jenatsch . » Ihr seid der eiskalten Quellen entwöhnt ! Hätt ich ein Becherlein , so mischt ich Euch einen gesunden Trank mit ein paar feurigen Weintropfen aus meiner Feldflasche . « Da blickte ihn Lucretia liebevoll an , holte aus ihrem Gewande einen kleinen Silberbecher hervor und ließ ihn in seine Hand gleiten . – Es war das Becherlein , das ihr einst der Knabe zum Gegengeschenk für ihre kecke kindliche Wanderfahrt nach seiner Schule in Zürich gemacht , und das sie nie von sich gelassen hatte . Jürg erkannte es sogleich , umfing die Knieende und zog sie mit einem innigen Kusse an seine Brust empor . Sie sah ihn an , als wäre dieser einzige Augenblick ihr ganzes Leben . Dann brachen ihr die Tränen mit Macht hervor . » Das war zum letzten Male , Jürg « , sagte sie mit gebrochener Stimme . » Jetzt mische mir den Becher , daß wir beide daraus trinken ! Zum Abschiede ! Dann laß meine Seele in Frieden ! « – Schweigend füllte er den Becher und sie tranken . » Siehe dieses Rinnsal zwischen uns « , begann sie wiederum , » es wird unten zum reißenden Strome . So fließt das Blut meines Vaters zwischen dir und mir ! Und überschreitest du es , so müssen wir beide darin verderben . – Sieh « , fuhr sie mit weicher Stimme fort und zog ihn neben sich auf den Felssitz , » als ich dich unten in den Händen der Häscher sah , hätt ich dich lieber mit eigner Hand getötet , als dich ein schmähliches Ende nehmen zu lassen . Du hast mir das Recht dazu gegeben ! Du bist mein eigen ! Du bist mir verfallen . Aber ich glaube dir : diesem Boden , dieser geliebten Heimaterde bist du zuerst pflichtig . So gehe hin und befreie sie . – Aber , Jürg , sieh mich niemals wieder ! Du weißt nicht , was ich gelitten habe , wie sich mir alle Jugendlust und Lebenskraft in dunkle Gedanken und Entwürfe verwandelte , bis ich zu einem blinden , willenlosen Werkzeuge der Rache wurde . Hüte dich vor mir , Geliebter ! Kreuze nie meinen Weg ! Störe nie meine Ruhe ! « – So saßen die beiden in der Einöde . Seit Jenatsch die Tochter des Herrn Pompejus bei der Herzogin wiedergesehen , war die in den Wagnissen und Verwilderungen eines stürmischen Kriegslebens nie ganz vergessene Liebe seiner Kindheit flammend aus der Asche erstanden , und mit ihr ein trotziger Geist der Empörung gegen sein Schicksal . Mit einer Bluttat , die dem Jünglinge als Vollstreckung eines gerechten Volksurteils erschienen war und die der jetzt Gereifte und Welterfahrne als eine unnütze Befleckung seiner Hände verwünschte , hatte es ihn für immer geschieden von einem großen und hilfreichen Herzen , das von jeher sein eigen war . Dieser Geist der Auflehnung und Verzweiflung reizte ihn jetzt , die als begehrenswertes Weib vor ihm stehende Lucretia um jeden Preis zu gewinnen und wenn sie ihm verderblich werde – denn er kannte sie – triumphierend mit ihr unterzugehen . Aber er erdrückte den Dämon . Stand er nicht mitten in einem andern Kampfe , der den Einsatz des ganzen Mannes forderte und alle seine Kräfte und Leidenschaften in eine Anstrengung zusammenfaßte ? Auch war seine Natur von jenem Stahl , der aus den Steinwänden der Unmöglichkeit immer wieder die hellen Funken der Hoffnung herausschlägt . Er war gewohnt , an nichts zu verzweifeln und nichts aufzugeben . Konnte sich Lucretias Gemüt nicht wieder erhellen ? War es gänzlich unmöglich das Vergangene zu sühnen durch Taten von ungewöhnlicher Größe ? Mußte denn unabänderlich auf den liebsten Kampfpreis verzichtet sein im Augenblicke da sich des Ruhmes glänzende Staffeln hart vor seinen Augen erhoben ? Auch war Lucretia heute so weich , und als sie ihm den kleinen Silberbecher in die Hand drückte , hatte ihn aus ihren vertrauensvollen braunen Augen das Mägdlein angeschaut , das ihn einst beim Kinderspiele zu seinem Beschützer und Hüter erkoren ! . . . So bezwang er mit starkem Willen seine Leidenschaft , legte ihr Haupt sanft an seine Brust , drückte noch einen leisen Kuß auf ihre Stirn und sagte , wie er vor vielen Jahren zu dem weinenden Mägdlein zu sagen pflegte , wenn sie sich einmal entzweit hatten : » Sei gut und stille , Kind ! Der Friede ist geschlossen . « – Lucretia hatte damit Ernst gemacht . Ruhe war über ihr Gemüt gekommen mit dem Gefühle , daß die Höhe des Lebens überstiegen und die Erinnerung ihr größter Besitz sei . Nun wohnte sie seit Monaten in den Klostermauern von Cazis . Das Wort des frommen Herzogs , daß es sicherer sei , Frevel durch Opfer der Liebe zu sühnen als durch neue Gewalttat , begann in ihrer gestillten Seele Wurzel zu schlagen . – Wenn sie den Wunsch der Frauen von Cazis nicht erfüllte , so war der herüberschauende Turm von Riedberg daran schuld , der sie an ihre freien Kindertage erinnerte und ihr das unabhängige Leben einer Burgherrin im Ringe ihres Gesindes und ihrer Dorfleute vor Augen stellte . Sie sehnte sich nach den alten Schloßräumen , um darin den Haushalt ihres Vaters wiederaufzurichten . – Auch schlummerte , ihr unbewußt , ein anderer Widerspruch in ihrem Herzen : sie konnte der Welt nicht klösterlich entsagen , solange Jürg in Taten schwelgte und immer größere Kampfbahnen sich vor ihm aufschlossen . In dem Meßbuche , welches aufgeschlagen neben dem Fräulein auf dem Sims lag , hatte der durch das offene Fenster spielende Bergwind schon lange ungestüm hin und her geblättert , ohne daß Lucretia es gewahrte . Jetzt aber wurde sie durch den Ton einer wohlbekannten Stimme aus ihren Träumen aufgeschreckt . Sie trat an den Fensterbogen und erblickte neben der Pförtnerin die braune Kutte des Paters Pancraz . Sein keckes , sonneverbranntes Gesicht schaute diesmal noch zuversichtlicher als gewöhnlich in die Welt und er verlangte dringend ohne Aufschub vor das Fräulein geführt zu werden , dem er glückhafte Nachricht zu bringen habe . Kurz darauf trat er ein und verkündete seine Botschaft : » Freuet Euch , Fräulein Lucretia ! Ihr seid wieder Herrin von Riedberg . Es beginnen die verdienstlichen Werke , mit denen unser großer Oberst für seine alte , schwere Schuld Buße tut . – Morgen kommen die Staatskrägen von Chur , um die Siegel zu lösen und Euch das Haus Eurer Väter wieder aufzutun . Gott gebe Euch einen gesegneten Einzug . « Zweites Kapitel Zweites Kapitel » Während der Sommer « und Herbstmonate eines einzigen Jahres hatte Herzog Heinrich Rohan seinen Feldzug im Veltlin mit raschen entscheidenden Schlägen zu Ende geführt . Die frischen Lorbeeren von vier Siegen , wie sie nur selten ein Feldherr erficht , verherrlichten seinen Namen . Diesmal hatte sich sein Talent kühn und freudig entfaltet , denn der Kampf hatte den äußeren Feinden Frankreichs gegolten , nicht auf französischem Boden zwischen Kindern derselben Erde gewütet . Während er früher gezwungen gewesen , Landsleute gegen Landsleute , seine calvinistischen Glaubensgenossen gegen das katholische Frankreich mit blutendem Herzen zu führen , so befehligte er jetzt zum ersten Male ein aus beiden Bekenntnissen verschmolzenes französisches Heer . Vor der Schlacht von Morbegno , wo seine Schar vor einer in günstigen Stellungen drohenden spanischen Übermacht stand , ließ er seine Leute gegen gallische Kriegssitte auf den Knieen den göttlichen Beistand anrufen . Der calvinistische Kaplan des Herzogs betete mit den Protestanten , während ein katholischer Priester über seinen Glaubensgenossen das segnende Zeichen des Kreuzes machte . Noch nie hatte Rohan einen so genialen Feldherrnblick bewiesen wie jetzt auf diesem von tiefen Talschluchten zerrissenen und von Gletscherbergen eingeengten , schwer zu übersehenden Kriegsfelde . Seinem raschen unfehlbaren Eingreifen kam seine bewundernswerte Ausdauer gleich und eine asketische Natur von seltener Bedürfnislosigkeit zu Hilfe . Er war imstande vierzig Stunden lang angespannt tätig zu sein , ohne der Erfrischung des Schlafes zu bedürfen . So eilte er in der Mitte zwischen zwei gegen ihn vordringenden Heeren , deren jedes dem seinen fast doppelt überlegen war , talauf- , talabwärts und warf sich jetzt dem einen , dann , die Stirne wendend , dem andern entgegen , immer siegreich , bis er sie beide , Spanier und Österreicher , vom Bündnerboden verdrängt hatte und das ganze langgestreckte Tal der Adda , das seit Jahrzehnten herrenlose und streitige Veltlin in der Gewalt seiner Waffen war . Bei dem dritten dieser Siege , der Schlacht in Val Fraele , grenzte die Ungleichheit des Verlustes an das Unglaubliche . Der Herzog büßte nach seinem eigenen Zeugnisse nicht sechs Mann ein , während zwölfhundert Feinde auf der Walstatt blieben . Es gibt nur eine Erklärung für eine so ungleiche Verteilung der Todeslose : der französische Feldherr hatte vor den Österreichern die vollkommene Kenntnis dieser verlorenen Hochtäler voraus . Rohan hatte Bündner neben sich , die das Bergland wie die mit Arvholz getäfelte Stube ihres Vaters und das Stammwappen über dem Haustore kannten , und keiner war mit Bündens Bergen vertrauter als Georg Jenatsch . In dem Schreiben , das der Herzog über diesen Sieg an die bündnerischen Behörden richtete , hebt er die Tapferkeit des Obersten Jenatsch und des von ihm geführten heimischen Regimentes mit dem wärmsten Lobe hervor . Diese schrankenlos erscheinende und doch besonnene Tollkühnheit , die schwer glaubliche Sage der frühern Volkskämpfe im Prätigau , wurde jetzt von dem geschulten französischen Heere und besonders von dem respektlosen Locotenenten mit kritischen Augen gemessen und aufrichtig bewundert . Überhaupt stieg Georg Jenatsch unaufhaltsam in der Achtung und im Vertrauen des Herzogs und wurde , ohne daß Rohan selbst sich dessen bewußt war , sein am liebsten gehörter Ratgeber . Versammelte der Feldherr in Fällen , wo sich Kühnheit und Vorsicht bestreiten mochten , einen Kriegsrat , so trieb Jenatsch immer zu den gewagtesten Angriffen und beanspruchte für sich selbst den gefährlichsten Posten ; aber seine Ratschläge bewährten sich und seine Verwegenheiten mißglückten nie , denn die Gunst des Schicksals war mit ihm . – Er aber ergriff jede Gelegenheit der Person des Herzogs nahe zu bleiben und sie in jeder Fährlichkeit mit der seinigen schützend zu decken . Weniger noch im Gedränge der Feldschlacht , als auf den einsamen Gebirgspfaden , welche er ihn zuweilen führte um die feindlichen Stellungen zu erforschen . So gelang es ihm einst , da sich ein tückisches Felsstück unter den Füßen des Herzogs löste , denselben mit raschen Armen am Rande des Abgrundes festzuhalten , und ein andermal zerhieb er , schnell zielend , eine Otter , die aus dem Gestrüppe zischend nach der Hand des Herzogs fuhr . So trat er dem Herzog immer näher , der sich freudig bewußt war , diesen bedeutenden Geist aus schmählichem Dunkel gezogen und durch seinen Einfluß entwickelt zu haben . Oft mußte Rohan sich wundern , wie willig und streng der unbändige Grisone der Kriegszucht sich unterwarf und , was er ihm ebenso hoch anrechnete , mit welch unbedingtem Vertrauen der vormalige bündnerische Volksführer jede besorgnisvolle Äußerung über das letzte Ergebnis des Krieges und die Zukunft Bündens unterließ , ja vermied . Dies Ergebnis war der Herzog gesonnen , für Bünden so günstig als möglich zu gestalten . Er täuschte sich nicht über die Abneigung des französischen Hofes gegen seine Person , aber dennoch hoffte er dort mit seinen billigen und weislich erwogenen Vorschlägen durchzudringen . Eine Reihe mit geringer Truppenmacht durch seinen individuellen Wert erfochtener Siege , welche die französischen Waffen mit einem blendenden Glanze umgaben , mußten bei dem Sohne Heinrichs IV. , mußten sogar bei Rohans altem Gegner , dem immerhin das Banner mit den französischen Lilien hoch emporhaltenden Kardinal , entscheidend ins Gewicht fallen . Was noch aus der Zeit der Bürgerkriege im Gemüte des Königs gegen den ehemaligen Kriegsführer der Hugenotten geschrieben stand , hatten – sagte sich der Herzog – die von ihm jetzt in die französischen Annalen eingezeichneten Triumphe gänzlich verwischt und unleserlich gemacht . Rohan hatte das Land Bünden und sein zugleich nordisch mannhaftes und südlich geschmeidiges Volk liebgewonnen . Der Aufenthalt in diesen Bergen ruhte seinen Geist aus und erfrischte seine Lebenskraft . Aber nicht die ernsten , kühl durchwehten Hochtäler , wo er Siege erfochten , mit ihren Felshörnern und Schneehäuptern übten einen Zauber auf ihn aus , sondern er zog dem Geschmacke der Zeit und seinem eigenen milden Gemüte gemäß die mittlern , mit weichem Grün bekleideten Alpen vor , die mit Hütten und läutenden Herden bedeckt waren . Seine Lieblinge waren die Höhen , die das warme Domleschg einrahmen , und er pflegte zu sagen , der Heinzenberg sei der schönste Berg der Welt . Das Geschenk seiner Neigung gaben ihm die Bündner mit Wucher zurück . Im ganzen Lande wurde er nur » der gute Herzog « geheißen . In Chur war er der Abgott aller Stände ; denn die vornehmen Familien fesselte er an sich durch die Feinheit seiner adeligen Sitte , das Volk aber bezauberte er durch eine aus dem Herzen kommende unbeschreibliche Leutseligkeit . In den protestantischen Gemeinden des Landes hörten überdies die Bündner fast allsonntäglich sein Lob von der Kanzel verkündigen . Er ward ihnen gezeigt und gerühmt als ein Muster evangelischer Glaubenstreue und als ein Hort der bedrängten Protestanten in allen Landen . Der glückliche Stern , der seine kriegerischen Unternehmungen begünstigt hatte , schien jetzt auch über seinen politischen zu leuchten . Er beschied einige ausgezeichnete Bündner zu sich nach Chiavenna , beriet mit ihnen Satz um Satz den Entwurf eines Übereinkommens und dieses wurde kurz darauf von dem in Thusis versammelten bündnerischen Bundesrate angenommen . Man machte sich von beiden Seiten die äußersten Zugeständnisse . Um die Bündner in ihrer Hauptforderung zu befriedigen , gab ihnen Rohan durch diesen Vertrag das Veltlin im Namen Frankreichs zurück . Aber er sicherte zugleich das militärische Interesse und die katholische Ehre seines Königs , indem er festsetzte , daß die bündnerischen Bergpässe bis zum allgemeinen Friedensschlusse von Bündnertruppen in französischem Solde gehütet werden müßten und die katholische Religion im Veltlin als die herrschende anerkannt werde . So lauteten die von Herzog Heinrich mit den Häuptern Bündens zu Chiavenna beratenen und im Domleschg bestätigten Vertragspunkte , die sogenannten Thusnerartikel . Genehmigte der König von Frankreich diesen von Rohan für ihn geschlossenen Vertrag – und wie hätte er es nicht tun sollen ! – so waren Bündens alte Grenzen hergestellt und Heinrich Rohan hatte sein gegebenes Wort gelöst , denn in der Tat für diese Herstellung ihrer alten Grenzen hatte er sich den Bündnern vor dem Feldzuge persönlich verbürgt – verbürgen müssen . Dies Versprechen zu verweigern war ihm unmöglich gewesen , sollte sich das erschöpfte elende Land noch einmal zum Kriege aufraffen . Darin hatte die unerbittliche Logik des scharfsinnigen venezianischen Provveditore das Richtige vorausgesagt ; aber wie sehr , wie vollständig hatte er sich geirrt , als er den Herzog vor Georg Jenatsch glaubte warnen zu müssen ! Gerade für die Annahme der Thusnerartikel hatte der Oberst das Unglaubliche getan ; es war wahrlich kein leichtes gewesen , es hatte Gewandtheit und Ausdauer genug auch den Liebling des Volkes gekostet , um diese bei den argwöhnischen , auf ihre Unabhängigkeit eifersüchtigen Bündnern durchzusetzen . Aber Jenatsch hatte sich vervielfacht und von Tal zu Tale , von Gemeinde zu Gemeinde eilend , hatte er überall den Zauber seiner Rede ausgeübt , überall seinen willensstarken , feurigen Einfluß geltend gemacht . Er hatte darauf gedrungen , das sichere Teil nicht aus der Hand zu lassen um eines ungewissen , ja undenkbaren größern Gewinns willen . Er hatte geraten , sich mit der Hauptsache zu begnügen , dem edeln Anwalte Bündens bei der französischen Krone nicht sich undankbar zu erzeigen und den mit jedem Jahre sich mindernden Rest des französischen Druckes willig in den Kauf zu nehmen . Doch noch eine Sorge drückte die Ehrenhaftigkeit des Herzogs . Der ungeheure Summen verschlingende Krieg in Deutschland hatte den französischen Schatz erschöpft . Die Sendungen des Schatzmeisters an Herzog Rohan flossen schon lange spärlich und blieben jetzt aus , es war diesem seit einiger Zeit nicht mehr möglich , seine Bündnertruppen zu besolden . Freilich teilten die französischen Regimenter dasselbe Los . Man schien am Hofe zu St. Germain des Glaubens zu leben , die Ehre unter dem ruhmreichen Feldherrn zu dienen ersetze dem Soldaten Nahrung und Kleidung . Rohan sandte Schreiben auf Schreiben und erhielt als Antwort Versprechen auf Versprechen . Die Erhebung einer neuen Kriegssteuer in Frankreich , so schrieb man dem Herzog aus St. Germain , sollte dem Mißstande nächstens ein Ende machen . Welche Hemmungen und Säumnisse also das Werk des Herzogs erfuhr durch den Menschen und Dingen inwohnenden Widerstand gegen gerechte , einen selbstsüchtigen Interessenkreis durchbrechende Lösungen – nun stand er hart vor seinem Ziele und die Bündner erreichten , dank der ihnen von Rohan auferlegten Mäßigung , die Befreiung ihres Landes . Da plötzlich verbreitete sich zur Zeit der fallenden Blätter eine unheimliche Botschaft durch die bündnerischen Täler . Der gute Herzog , hieß es , weile nicht mehr unter den Lebenden . Er sei in seinem Palaste zu Sondrio einem Sumpffieber zum Opfer gefallen . Schon habe ein Bote das Stilfserjoch überschritten und sei nach Brixen geeilt , um die Spezerei zur Einbalsamierung seines Leichnams zu holen . Dieses Gerücht erschreckte die Gemüter , wo es hingelangte . Man ward sich plötzlich sorgenvoll bewußt , was alles an diesem edeln Leben hing . Wie in den Bergen , wenn eine Wolke vor die Sonne gleitet , die Landschaft mit einem Schlage dunkel wird und zugleich in ihren einzelnen schroffen Zügen schärfer hervortritt , so erschien den Bündnern , als sie den Herzog sich hinwegdachten , die unsichere Abhängigkeit und die Gefahr ihrer Lage mit drohender Deutlichkeit . War ihnen doch nur in seiner vertrauen erweckenden Person Frankreich als helfende Macht nahe getreten ! Er war es , der für seinen König mit ihnen unterhandelt , den von ihnen begehrten Kampfpreis zugesagt , für Frankreichs Rechtlichkeit im Worthalten dem kleinen Lande gegenüber sich verbürgt hatte . Was geschah , wenn ihr Mittler , der gute Herzog , verschwand ? Wen gab ihm Richelieu zum Nachfolger ? War der die Welt mit kalter Berechnung überschauende Kardinal , der rücksichtslose Staatsmann gesonnen , das unbequeme Erbe der Gerechtigkeit des Protestanten Heinrich Rohan anzutreten ? Das Unheil ging diesmal noch vorüber . Die Nachricht vom Tode des Herzogs war eine falsche . Nach einigen Wochen erfuhr man , er habe zehn Tage lang mit geschlossenen Augen bewußtlos gelegen , dann sei er wieder zum Leben erwacht und erhole sich langsam . Welcher böse Zweifel aber ihn gefoltert hatte , bis er todesmatt aufs Lager sank , das ahnte damals noch niemand . Drittes Kapitel Drittes Kapitel An einem hellen warmen Oktobertage bewegte sich in den Gassen des an der Splügenstraße gelegenen städtisch reichen Fleckens Thusis eine tosende Volksmenge . Der Ort liegt an der nördlichen Pforte der Bergschrecknisse des Passes Hier pflegte der aus Italien kehrende Reisende nach überstandener Mühsal und Gefahr sich einen guten Tag zu machen , der von Norden kommende dagegen seinen Mut zu stärken , Saumtiere zu mieten und für die beschwerliche Reise die letzten Einkäufe zu besorgen . Diese für Handel und Wandel günstige Lage hatte dem seit einer großen Feuersbrunst neu erbauten Orte schnell wieder zu stattlicher Blute geholfen . Heute wurde zudem der große Thusnerjahrmarkt abgehalten der von nah und fern das Volk herbeigelockt und die verschiedenen Staturen , Trachten und Sprachweisen aller bündnerischen Täler am Fuße des Heinzenbergs versammelt hatte . Manche waren auch gekommen , um den guten Herzog zu sehen , der , wie die Sage ging , gestern in einer Sänfte die Paßhöhe überwunden und im Dorfe Splügen genächtigt hatte . Diesen Abend wurde er in Thusis erwartet , wo ihm in einem etwas abseits liegenden Herrenhause ein ruhiges Nachtquartier bereitet war . Einige Splügner hatten ihn gestern in ihrem Dorfe von Angesicht geschaut und beschrieben den edeln Herrn als auffallend gealtert , blaß und abgezehrt ; seine Haare seien völlig gebleicht . Auch kühne , kriegerische Gestalten schritten in der Menge . Die Obersten der bündnerischen Regimenter waren gekommen , den Herzog zu empfangen . Hatten sie über ihrem stürmischen Verlangen ihn wiederzusehen die kriegerische Disziplin außer Acht gesetzt , welche sie an der österreichischen Grenze festhielt ? Auch ihre Truppen waren sonderbarerweise zur Begrüßung des Herzogs auf seinem Wege von Thusis nach Chur in gleichmäßigen Entfernungen aufgestellt . Warum hatten die Obersten sie aus ihren Stellungen an der Grenze ins Innere des Landes zurückgezogen ? Wild und laut ging es diesen Abend in der ehrbaren Herberge zum schwarzen Adler zu . Das behäbige Haus schenkte sein Getränk , den dunkeln , mit seiner Herbe das Blut nur langsam wärmenden Veltliner und den gefährlichern hellen Traubensaft der vier weinberühmten Dörfer am Rhein , nach Landessitte in zwei verschiedenen Stuben aus , die rechts und links von dem gepflasterten Flur sich gegenüberlagen . Der eine Raum , die eigentliche Schenke mit den rohen Bänken und Tischen aus Tannenholz , war von lärmenden Marktleuten , Viehhändlern , Sennen und Jägern dermaßen überfüllt , daß es schwer wurde , sein eigenes Wort zu verstehen . Die jugendliche Schenkin , eine ruhige , dunkelhaarige Prätigauerin , hatte mehr zu tun als ihr lieb war , um die bauchigen Steinkrüge wieder und wieder zu füllen , und warf , von allen Seiten gerufen und festgehalten , immer trotziger den Kopf zurück , zog immer finsterer die Brauen zusammen . In der Herrenstube gegenüber ließen sich die vornehmen Kriegsleute nicht weniger laut vernehmen und setzten dem Becher noch schärfer zu . Zwischen beiden Räumen schritt , das Chaos überblickend , der feste Wirt , Ammann Müller , in unerschütterlicher gelassener Gutmütigkeit hin und her . Eben füllte seine breite viereckige Gestalt wieder die Tür der Schenke . Hier wurde gerade Politik getrieben , natürlich wie es der gemeine Mann zu tun pflegt , nur von dem Standpunkte persönlicher Bedrängnis aus . » Eine Schande vor Gott und Menschen ist es « , übertönte ein Engadiner Viehhändler das Stimmengebraus , » daß wir Bündner unsere eigene Landesgrenze nicht mehr überschreiten dürfen ohne einen französischen Passaport ! Jüngst wollt ich mit einer Rinderherde ins Werdenbergische hinüber , da wurd ich an der Grenze schnöde zurückgewiesen , weil ich versäumt hatte , mir einen solchen Fetzen auf der französischen Kanzlei in Chur einzuhandeln . Noch von Glück konnt ich sagen , daß ich alle meine Stücke zurückbrachte . Sie wollten die glänzenden Rinder in ihr verwünschtes Viereck bei Maienfeld treiben und begehrten sie mir abzukaufen zur Verproviantierung der Festung , wie sie sagten ! Abkaufen ! Schöner Handel das ! Ihr Schlächter , ein ruppiger kleiner Kerl , dem solche Prachtstücke offenbar noch nie zu Gesicht gekommen , schätzte sie mir zu einem Schandpreis ! « – » Und diese Knirpse wollen behaupten , ihr Brot zu Hause sei besser als meine vortrefflichen Laibe « , sagte der Bäcker , ein Bürger von Thusis . » Als sie voriges Jahr hier im Quartier lagen , warf mir einer mein Roggenbrot vor die Füße , weil er nur an zarten weißen Weizen gewöhnt sei . Nicht genug . Ich mußte gleich darauf als Hausvater Ordnung schaffen und dem Affen unsre kleine braune Magd , die Oberhalbsteinerin , aus den Pfoten reißen . Die fand er nach seinem Geschmacke , obschon sie wahrlich schwarzer ist als mein Roggenbrot und nicht halb so appetitlich . « – Hier ging ein seltsames Lächeln über das finstere Gesicht eines Gemsjägers , der dem Bäcker gegenüber , den Rücken an die Wand gestemmt , mit gekreuzten Armen hinter dem Tische saß und jetzt , ohne einen Zug zu verändern , unter seinem Schnurrbarte eine Reihe blendend weißer Zähne zeigte . Der Bäcker gewahrte dies stille Hohnlächeln und sagte im Tone vorwurfsvoller Rüge : » Ans Leben aber griff ich ihm nicht um seines wüsten Gelüstens willen , wie du , Joder , dem armen Korporal Henriot , dessen Seele Gott genade . Das war eine unnötige Grausamkeit , denn deine schlanke Bride , der er zärtliche Blicke zuwarf , ist ein herbes und scheues Weib . « Der Angeredete erwiderte mit der größten Ruhe : » Ich weiß nicht , wer das tolle Zeug über mich ausstreut , das du da vorbringst . Was jenen Vorfall betrifft , so hab ich ihn selbst damals ohne Arg und Aufschub dem Amte dargetan . Die Sache verhält sich einfach . Der Franzose machte sich täglich mit meinem Gewehr zu schaffen und lag mir an , ihn auf die Gemsjagd mitzunehmen , auf die er sich besser als ich zu verstehen behauptete Ich nahm ihn mit und stieg mit ihm am Piz Beverin herum . Als wir über den Gletscher kamen , hatten sich die Spalten während des langen Regens etwas verändert . Ich sprang über ein paar breite hinweg und als ich mich umsah , war der Franzose nicht mehr hinter mir . Er muß den Schwung zu kurz genommen haben . So war es und so hab ich es vor Gericht niedergelegt – das müßt Ihr mir bezeugen , Ammann Müller . « » Das bezeug ich dir amtlich , schwarzer Joder « , bestätigte der Gelassene mir großer Gutmütigkeit , während auf den Gesichtern einzelner Gäste zweifelndes Nachsinnen oder einverstandene Schadenfreude deutlich zu lesen war . Nun , das ist abgetan » , sagte der Viehhändler kaltblütig , und es geht keinen etwas an . Auch die Franzosen werden sich nicht mehr darum kümmern , denn in wenigen Wochen sind wir , Gott und dem guten Herzog sei ' s gedankt , die fremde Brut samt und sonders los . Das steht voran in den Thusnerartikeln , die kräftig werden , sobald der Name des Königs darunter steht , und diese Unterschrift , geht die Rede , bringt uns heute der Herzog . « – » Wenn er sie bringt ! « sagte langsam ein prächtiger Alter aus dem Lugnetz mit feurigen Augen und weißem Barte , der bisher , die Hände auf seinen dicken Hakenstock und das Kinn auf die Hände gestützt , aufmerksam geschwiegen hatte . » Kein Zweifel ! « meinte Ammann Müller , » Jürg Jenatsch hat uns versammelten Leuten vom Heinzenberg und Domleschg die schwere Sache erklärt und stand uns dafür , daß sie richtig abgewickelt werde . Er muß das wissen , Casutt , denn er ist des guten Herzogs rechte Hand . « » An Jürg will ich mich auch halten « , sagte der Weißbart , denn er hat sich bei uns im Lugnetz gleichermaßen dafür verbürgt , daß wir durch Annahme der Thusnerartikel in Kürze das fremde Volk loswürden und wieder zu Freiheit und Ehre kämen . » Sitzt er drüben bei den Raufdegen ? Ich möchte wohl ein Wort mit ihm reden . « » Drüben hab ich ihn noch nicht erblickt « , antwortete Müller , » aber angekommen ist er , das ist sein Rappe . « Damit wies er durch das Fenster auf die Straße , wo eben ein schäumendes , kohlschwarzes Tier in prächtigem Geschirr von einem Reitknechte abgeführt wurde . Durch das Gewühl des andrängenden Volkes ward auf dem Platze vor der Herberge von Zeit zu Zeit der Schimmer eines Scharlachkleids und eine hochragende blaue Hutfeder sichtbar . Der Alte schritt rasch auf den Flur hinaus . Die volltönende Stimme des Obersten Jenatsch klang jetzt von den Steinstufen vor der Hauspforte her , wo er , von einem Haufen umringt , neue ungestüme Frager zur Ruhe wies . Der greise Lugnetzer bemächtigte sich seiner und jetzt erschienen beide vor dem offenen Eingange der Schenkstube , deren Türe dem Jahrmarkte zu Ehren ausgehoben worden war , um den Gästen freien Ein- und Ausritt zu gönnen . » Hier hinein , Jürg ! « rief der Alte , » und gib mir und allem Volke Rechenschaft . « Willig ließ sich der Oberst von dem Lugnetzer Gewalt antun und trat neben ihm in den Kreis , der sich rasch durch die von ihren Sitzen Springenden um ihn bildete und immer dichter wurde . » Was ist denn für ein Geist des Zweifels in euch gefahren ? « sagte Jenatsch , indem seine Augen freundlich blitzten . » Ihr bestürmt mich um Gewißheit , ob der Vertrag von Chiavenna unterschrieben sei ? Natürlich ist er ' s. Jetzt komme ich von Finstermünz , wo ich Grenzstreitigkeiten zu schlichten hatte , wie sollt ich da um das Neueste wissen ! Aber als ich den Herzog verließ , war er der Sache gewiß und der erlauchte Herr wurde wohl nur durch seine Krankheit abgehalten , die Akte allem Volke kundzugeben . « » Höre , Jürg « , erwiderte nach einigem Nachdenken der Lugnetzer , » den Herzog kenne ich nicht ; aber dich kenn ich , und bin schon zu deinem gottesfürchtigen Vater nach Scharans hinübergekommen , als du noch ein blödes , schamhaftes Büblein warst . Deshalb habe ich zu dir Vertrauen , denn ich weiß , aus welchem Stoffe du gemacht bist – nicht aus dem unsrer Salis und Planta , die das Vaterland nach rechts und nach links verkaufen , und ein groß Teil des Elends auf dem Gewissen haben das über uns gekommen ist . Von den Schlichen der Politiker versteh ich nichts ; du aber bist ihnen gewachsen . Mit deiner golddurchzogenen Schärpe werden dir die Herren die Hände nicht binden und unter diesem Scharlachrocke « , er berührte den feinen Stoff des geschlitzten Ärmels , » klopft dein Herz dennoch für dein Volk und für dein Land . Schaff uns die alte Freiheit wieder mit dem Herzog , wenn er dazu taugt – , ohne ihn , wenn es nicht anders gehen will ! Du bist der Mann das auszurichten « Der Oberst schüttelte lachend sein kühnes Haupt . » Du hast eigne Begriffe vom Weltlauf ,