mischten sich Häuserbalken und losgerissene Bretter ... Das schwoll und gurgelte und hatte noch lange nicht genug an der Not und dem Jammer , die es bereits mit sich schleppte . Und darüber schwebte das Mondlicht , so süß und golden , so erbarmungslos weiterlächelnd , wie die zwei dunkeln Mädchenaugen drüben im weißen Schlosse , nachdem sie in den Abgrund geblickt hatten , der sich über einem zertretenen Menschenherzen schloß . Auf dem Neuenfelder Kirchturm schlug es neun . Die zwei Wandernden waren über vier Stunden umhergeirrt und näherten sich der Jochbrücke – der Student war ermattet zum Umsinken ... Da tauchte plötzlich am jenseitigen Ufer Sievert auf . Er hob die Arme wie abwehrend und rief mit lauter Stimme hinüber ; aber das Toben und Brausen des nahen Wehres verschlang die Laute . Während der Hüttenmeister stehen blieb und aufmerksam dem erneuten Zuruf lauschte , betrat der Student ungeduldig die Brücke und schritt vorwärts . Ein Aufschreien des alten Soldaten gellte herüber – er gebärdete sich wie ein Unsinniger und schlug die Arme um das Brückengeländer – , in demselben Augenblicke erscholl ein dumpfes Krachen – ein langer Balken fuhr gegen die Brückenpfähle , sie sanken sofort . – Mit Gedankenschnelle wuschen und wühlten die Wasser das morsche Gerüst auseinander , und unter dem grausen Gemisch treibender Balken und Bretter verschwand die Gestalt des Studenten . Der Hüttenmeister sprang ihm ohne weiteres nach . Der durch die Krankheit entnervte junge Mann war rettungslos verloren gegenüber dem fortreißenden Wasserschwall ... Selbst der riesenstarke Mann rang keuchend mit den Fluten – zweimal streckte er vergeblich die Hand nach dem Verunglückten aus – , immer näher und unwiderstehlicher wurden beide nach dem Wehre hingetrieben . Endlich gelang es dem Hüttenmeister , den treibenden Körper zu erfassen ; aber nun kam das Furchtbare – der Student war nicht des Bewußtseins , wohl aber für einen Moment aller Vernunft beraubt – , er erkannte seinen Retter nicht ; er schlug nach ihm und wehrte sich gegen die rettende Hand verzweifelter als gegen die tückischen Fluten ... Trotz dieses entsetzlichen Kampfes kam der Hüttenmeister dem jenseitigen Ufer näher und näher – mit dem letzten Kraftaufwand schwang er den Studenten uferwärts , Sievert ergriff dessen Arme und zog ihn auf das Trockene . Hier gerade war das Flußbett sehr tief ; das Ufer überragte noch um drei Fuß Höhe die Wasserfläche ... Die letzte gewaltige Bewegung , mittels welcher der Hüttenmeister seinen Bruder an das Land geschleudert hatte , trieb ihn selbst sofort in die Mitte des Flusses zurück ... Noch einmal begann der Kampf , und zwar um das eigene Leben – aber – war ihm dieser Preis nicht mehr begehrenswert genug , oder hatten ihn die Kräfte in der Tat verlassen , der junge Mann verschwand plötzlich . Sievert rannte am Ufer hin und rief in verzweiflungsvollen Tönen den Namen des Versinkenden – da hob sich noch einmal das totenbleiche Gesicht hoch aus den Wassern – der alte Soldat schwur sein Leben lang , er habe in diesem Augenblick den Hüttenmeister noch lächeln sehen – , noch einmal streckten sich die Arme wie zum Gruß empor – » Leb wohl , Bertold ! « scholl es herüber . Gleich darauf trieben Bretter über dieselbe Stelle , wo so viel Jugend und Schönheit und ein braves deutsches Herz versunken war ... Der alte Soldat starrte mit gesträubtem Haar hinüber – dicht am Wehre tauchte noch einmal der dunkle Arm auf – dann stürzte der Schwall donnernd in die Tiefe ... Auf dem Neuenfelder Kirchhof , neben dem Grab der blinden Frau , wurde der Hüttenmeister in die Erde gebettet ; man hatte den Körper des Verunglückten eine halbe Stunde von Neuenfeld entfernt im Weidengebüsch hängend gefunden ... Das Gerücht ging , auch der Student sei ertrunken , denn er war spurlos verschwunden seit der unglückseligen Nacht – » zu seinem Glücke « , sagten die Leute im weißen Schlosse . Sie erzählten in tiefster Entrüstung , welch schreckliche Dinge der verabscheuungswürdige » Demagoge « Seiner Exzellenz ins Gesicht gesagt – und daß dieses schauderhafte Verbrechen eine eklatante Sühne verlangt hatte , war selbstverständlich ... Ein Jahr nach diesen Ereignissen , genau zu der Zeit , als auf dem Grab des Hüttenmeisters die Primeln und Schneeglöckchen ihre schuldlosen Augen aufschlossen , stand ein Brautpaar am Altar der Schloßkapelle zu A .... Auf den Emporen drängten sich die Damen des Adels und der höchsten Beamtenkreise , und sämtliche Glieder des Fürstenhauses waren anwesend . Schuldloses Weiß umfloß die Glieder der Braut – weiß war der prachtvolle Spitzenduft über der glitzernden Atlasschleppe und weiß der Orangenblütenkranz in den dunklen Locken . Und das Antlitz leuchtete wie der kalte , unberührte Marmor durch das Helldunkel der Kirche – in den Augen aber loderte Triumph – Haltung und Gesichtsausdruck entbehrten völlig den veilchensüßen Hauch bräutlicher Scheu und Demut ; kein » Engel « , wohl aber das schönste Weib stand dort , das die Hand begehrlich nach Glanz und hoher Lebensstellung ausstreckte . Der mit Orden bedeckte Bräutigam war Baron Fleury , fürstlich A.scher Minister , und neben ihm stand die fürstliche Hofdame Jutta von Zweiflingen , » Tochter des Freiherrn Hans von Zweiflingen und der Adelgunde , geborenen Freiin von Olden « . » Tadelloses Vollblut , Durchlaucht ! « flüsterte die Oberhofmeisterin der Fürstin mit dem Lächeln tiefster Befriedigung zu und verneigte sich glückwünschend bis zur Erde . 10 Seit dem Tode des Hüttenmeisters waren elf Jahre verflossen ... Wäre – wie ein frommer Wahn annimmt – der abgeschiedene , unsterbliche Menschengeist wirklich verurteilt , in ewig beschaulicher Untätigkeit auf die alte irdische Heimat herabzusehen , dann hätte der Verstorbene , dessen Herz so warm und so treu für seine bedürftigen Landsleute geschlagen hatte , die tiefste Genugtuung empfinden müssen beim Anblick des Neuenfelder Tales . Das weiße Schloß freilich lag noch so unberührt von Zeit und Wetter auf dem grünen Talgrunde , als sei es während der langen elf Jahre von einer konservierenden Glasglocke überwölbt gewesen ... Da sprangen die Fontänen unveränderlich bis zu dem wie in den Lüften festgezauberten Gipfelpunkt , und ihr niederfallender Sprühregen ließ die Lichter des Himmels als Gold- und Silberfunken auf der beweglichen Wasserfläche des Bassins noch immer unermüdlich tanzen . Die Boskette , die Lindenalleen , das grüne Gefieder der Rasenplätze verharrte pflichtschuldigst in den Linien , die ihnen die künstlerische Hand des Gärtners vorgeschrieben . Auf den Balkonen leuchtete das unverblichene Federkleid der Papageien – sie schrien und plapperten die alten eingelernten Phrasen – , und im Schlosse flüsterten und huschten die Menschengestalten mit gebogenem Rücken und scheu devotem Fußtritt genau wie vor elf Jahren . Und sie waren wie hineingegossen in ihre Kniehosen und Strümpfe , und auf den blankgeputzten Rockknöpfen prangte das adlige Wappen , das den freigeborenen Menschen zum » Gut « stempelte . Um alle diese wohlkonservierten Herrlichkeiten aber legte sich das ungeheure Viereck der Schloßgartenmauer , leuchtend weiß , sonder Tadel – es war ein streng behütetes Fleckchen Erde , konservativ , unverrückbar stillstehend in den einmal gegebenen Formen , wie die Adelsprinzipien selbst . Mit diesem wohlverbrieften Stillstand kontrastierte grell das neue Leben jenseits der Mauer . In tiefen , mächtigen Atemzügen erbrauste es und schwenkte seine grauen Fahnen weithin , selbst bis über das weiße Schloß , wo ihre Enden lustig in der vornehmen Luft zerflatterten – die Industrie in gewaltigem Aufschwunge war zwischen den stillen Bergen eingezogen . Vor sechs Jahren hatte der Staat das Hüttenwerk veräußert – es ging in Privathände über und nahm sofort eine Entwicklung , die sich bis dahin niemand hätte träumen lassen . Mit fabelhafter Geschwindigkeit breitete sich ein kolossales Unternehmen auf der Neuenfelder Talsohle aus . Da , wo ehemals die Esse des Hochofens einsam in die Lüfte ragte , dampften jetzt vierzehn Fabrikschlote ; mit der Eisenindustrie war eine Bronzegießerei verbunden worden . In früheren Zeiten lieferte das Werk nur sehr primitive Eisenfabrikate , jetzt aber gingen die herrlichsten Kunstgußartikel in die Welt . Der riesige Gebäudekomplex , in dem es rastlos hämmerte und pochte , und wo geformt und gegossen , geschmiedet und gefeilt , bronziert und geschwärzt wurde , füllte nahezu den Raum zwischen dem ehemaligen Hüttenwerk und Dorf Neuenfeld aus ; das Dorf selbst aber war nicht wieder zu erkennen ... Der gewaltige Betrieb beanspruchte viele Hände ; das alte Arbeitspersonal war verschwindend klein ; – da kamen die Bedürftigen und Unbeschäftigten der Nachbarorte , und wie durch einen Zauberschlag verschwand das Gepräge der Not und des Elends , das der reizenden Gebirgsgegend bis dahin einen unheimlichen Zug verliehen hatte ... Man hätte fast annehmen mögen , der neue Besitzer habe bei seiner Schöpfung einzig und allein diesen Zweck im Auge gehabt , denn es wurden sehr hohe Löhne gezahlt und die Sorgfalt für das Wohl der Arbeiter zeigte sich unermüdlich tätig ; allein der Unternehmer war ein wildfremder Mann , ein Südamerikaner , der , wie man erzählte , nie einen Fuß auf europäischen Boden gesetzt hatte . Er war und blieb unsichtbar , wie eine Gottheit hinter den Wolken , und wurde durch einen Generalbevollmächtigten , ebenfalls einen Amerikaner , vertreten ... Somit zerfiel der Glaube an eine außergewöhnlich menschenfreundliche Bestrebung , und das Ganze galt » für eine überseeische Spekulation , der man noch viel Unkenntnis der deutschen Verhältnisse ansehe « . – Man schrieb es jedenfalls auch auf Rechnung dieser » Unkenntnis « , daß die Neuenfelder Lehmhütten mit ihren papierverklebten Fenstern und geflickten Schindeldächern verschwunden waren – » sie hatten ja bis dahin vollkommen ausgereicht für die Bedürfnisse dieser Leute , es war kein einziger darin erfroren « ... An ihrer Stelle erhoben sich jetzt schmucke zweistöckige Häuser mit rotem Ziegeldach und hellgetünchten Wänden , und an diesen Wänden rankten sich wohlgepflegte Kletterrosen und die wilde Rebe empor und flochten Girlanden um die Fenster . Der Gartenfleck aber , der ein Haus von dem anderen trennte und der sich auch noch schmal vor der Straßenseite hinstreckte , zeigte am deutlichsten , daß Geschmack und Sinn für das Zierliche keineswegs das Monopol der gebildeten Welt sind – unter dem Druck der Not und Armut schlafen sie nur ... Das ehemals so öde Stück Gartenland durchliefen jetzt saubere , mit weißblühenden Federnelken oder Buchsbaum eingefaßte Kieswege , und Obstbäume und Gemüsebeete zeugten von sorgfältig pflegenden Händen . Einst hatte nur die plumpe Scheibe der Sonnenrose über den verwilderten Zaun genickt , nun aber waren die Beete bestreut mit veredelten Blumen , und die Stachelbeerumzäunung hatte einem zierlichen , hellangestrichenen Staket weichen müssen . Und die knorrigen Linden , die als traute Kameraden der alten Schindeldächer so viel Not und Kummer miterlebt hatten , klopften lustig an die neuen blinkenden Fensterscheiben und beschatteten ein behagliches Kiesplätzchen und eine Gruppe weißer Gartenmöbel zu ihren Füßen . Der unsichtbare Mann in Südamerika mußte ein wahrer Krösus und , wie die harmlosen Neuenfelder Leute sich ausdrückten , » viel , viel reicher als ihr Landesherr « sein , denn er hatte nicht allein ihnen , sondern auch seinen Arbeitern in den Nachbarorten die neuen Wohnungen gebaut . Das vorgestreckte Kapital wurde ihnen in verhältnismäßig sehr geringen Summen vom Wochenlohn abgezogen , so daß sie in den Besitz gesunder und stattlicher Wohnhäuser kamen , fast ohne zu wissen wie . Der Unsichtbare hatte eine Volksbibliothek , eine Pensionskasse und noch andere segensreiche Anstalten gegründet , und so zogen die Intelligenz und der Fortschritt wie auf Sturmesflügeln in Regionen , die , tief zu Füßen des weißen Schlosses liegend , » doch von Rechts wegen und bis an das Ende aller Tage « in den wohlverbrieften Stillstand mitgehörten ... Außer dem Hüttenwerk hatte der Fremde auch das ganze ehemalige Zweiflingensche Waldgebiet käuflich an sich gebracht . Baron Fleury hatte eine so fabelhafte Summe für den Besitz erhalten , daß er ein Tor gewesen wäre , das Angebot von sich zu weisen . Diesmal blieben Wald und Waldhaus beisammen . Eines Tages wurden die Zweiflingenschen Ahnen und die Hirschköpfe , sorgfältig verpackt , aufgeladen und nach A. gefahren , wo ihnen im stolzen Ministerpalais ein besonderer Saal eingeräumt worden war ... Dann kamen Handwerker und renovierten das alte , baufällige Waldhaus – zu welchem Zwecke , das wußte niemand . Die neuen Schlösser und Fensterläden wurden nach Vollendung der Arbeiten verschlossen und verriegelt , und nur dann und wann ließ der Generalbevollmächtigte lüften . Der Minister kam selten nach Arnsberg , aber wenn es einmal geschah , dann – so erzählte man sich – zog er verstohlen die Vorhänge der Fenster zu , die nach Neuenfeld sahen ... Er hatte bei Verkauf des Eisenwerks , das , zuletzt sehr lau betrieben , dem Staat nahezu eine Last geworden war , nicht geahnt , daß es in » solch ungeschickte « Hände fallen werde ... Diese sogenannte Musterkolonie da drüben war ein vollständiger Hohn auf sein Regierungssystem – unter seinen Augen entwickelte sich der verderbliche Geist der Neuerung , den er am liebsten mit Feuer und Schwert vertilgt hätte ... Seine Exzellenz hielt die Zügel noch genau so stramm wie vor elf Jahren ; in neuerer Zeit jedoch hatte er sein Regierungsprogramm um eins erweitert : Er unterstützte nachdrücklich religiöse Bestrebungen , und es begab sich nun allsonntäglich , daß von den Kanzeln der Segen des Himmels auf seine weisen Maßregeln und sein » Gott wohlgefälliges Regiment « herabgefleht wurde ... Und die Staatsmaschine war so gut eingeölt und ging so vortrefflich , daß der Fürst des Abends sein Haupt auf das Kopfkissen legte , ohne je von dem Gespenst der Regierungssorgen belästigt zu werden , während sein Minister alljährlich einige Monate zu seiner Erholung auswärts leben konnte . Baron Fleury brachte diese Zeit meist in Paris zu . Als letzter Sproß einer im Jahre 1794 ausgewanderten französischen Adelsfamilie hatte er selbstverständlich noch viele Anhänglichkeit an die alte Heimat – aber es lagen auch noch andere Gründe vor , wie er sich stets sehr aufrichtig ausließ ... Liegende Güter besaß er freilich nicht mehr in Frankreich – sie waren nach der Flucht seiner Familie eingezogen worden und trotz der heftigsten Reklamationen seines Vaters , welcher , infolge der vom ersten Konsul Bonaparte erteilten Amnestie , auf kurze Zeit nach Frankreich zurückkehrte , unwiederbringlich verloren . Dagegen fand der Geflüchtete nach so langer Zeit wunderbarerweise sein gesamtes Barvermögen wieder . Die Fleury hatten ganz plötzlich mitten in der Nacht , vor heranziehenden Sansculotten und den eigenen aufrührerischen Gutsangehörigen flüchtend , ihr altes Stammschloß verlassen müssen . Das allmählich und vorsichtig eingezogene Barvermögen befand sich wohlverpackt in einem Schlupfwinkel des Kellers , mußte jedoch zurückbleiben . Die wilden Haufen zerstörten das Schloß , entblößten jedoch den Schatz nicht , den später ein alter treuer Diener , der ehemalige Gärtner , unbemerkt in seine Wohnung zu retten wußte . Und als dann der zurückgekehrte Fleury zähneknirschend am Gittertor seines ehemaligen Parkes stand und nach dem neuerbauten Schloß hinübersah , das ihm nicht mehr gehörte , da kam ein alter , halb kindisch gewordener Mann , küßte schluchzend seine Hand und führte ihn in den Keller seines ärmlichen Häuschens vor eine Reihe kleiner Geldfässer , an deren Inhalt auch nicht ein Sou fehlte ... Diese Gelder hatte sein Vater in Frankreich wohlangelegt , wie der Minister oft beiläufig erwähnte , und sie waren es , die seine häufigen Reisen nach Paris nötig machten . Was für ein kolossales Vermögen mußte das sein ! Der Minister machte einen wahrhaft fürstlichen Aufwand , besonders seit seiner zweiten Vermählung . Seine Einkünfte in Deutschland , so bedeutend sie auch sein mochten , waren dem Verbrauch gegenüber doch nur » ein Tropfen auf einen heißen Stein « , wie der Volksmund sagte . Natürlich gab dieser ferne goldene Hintergrund Seiner Exzellenz einen ganz besonderen Nimbus , und es schien fast , als bekleide er seinen hohen Posten fort und fort lediglich aus Hingebung für seinen durchlauchtigsten Freund , den Fürsten . Das weiße Schloß sah also , wie gesagt , seinen Besitzer selten ; deshalb stand es aber doch nicht ganz verwaist . Die junge Gräfin Sturm bewohnte ihr nahegelegenes Gut Greinsfeld und kam oft , in ihrer Vorliebe für Arnsberg beharrend , auf Monate herüber . Freilich schien dann jedesmal das Schloß zweifach umgürtet in vornehmer Unnahbarkeit ; denn die junge Dame war streng in Standesvorurteilen erzogen und zudem von Kindheit an so leidend , daß sie in förmlich klösterlicher Zurückgezogenheit ihr junges Leben verbringen mußte . In ihrem sechsten Jahre war sie infolge eines heftigen Schreckens von einem Nervenübel befallen worden . Diese Krankheit nahm insofern einen bedenklicheren Charakter an , als sie bei jeder Gemütsbewegung wiederkehrte , und da die Ärzte schon vorher einstimmig erklärt hatten , daß die Konstitution des Kindes unhaltbar sei , so gehörte die kleine Reichsgräfin Sturm in den Augen der Welt bereits zu den Toten , und der Minister wurde stillschweigend beglückwünscht , denn er war Universalerbe des Kindes . Ärztlicher Verordnung zufolge wurde die Kleine in die Greinsfelder Gebirgsluft gebracht . Man umgab sie mit allem Glanz und Komfort , den ihre hohe Lebensstellung erheischte , aber auch mit der tiefsten Einsamkeit , die nur Frau von Herbeck , ein Arzt und eine Zeitlang ein Religionslehrer teilten . Für die Bewohner von A. erlosch das junge , dem sicheren Tode verfallene Dasein bereits mit der Übersiedlung , und die Dorfleute in Arnsberg und Greinsfeld sahen das bleiche Gesichtchen auch nur flüchtig hinter den Glasscheiben des vorüberrollenden Wagens , oder wenn es ihnen gelang , einmal scheu durch den streng abgeschiedenen Schloßgarten zu huschen . Nicht einmal in der Kirche hatten sie den Genuß , ihre kranke Herrin mit Muße betrachten zu können , denn sie wurde , als von katholischen Eltern , auch im katholischen Glauben erzogen und betrat das protestantische Gotteshaus niemals . So verging ein Jahr um das andere , deren jedes nach menschlichem Dafürhalten eine Gnadenfrist war für die hinwelkende Menschenknospe ... Die Herren Mediziner hatten wichtig den Finger an die Nase gelegt und eine Prognose gestellt , an der kein Gott rütteln konnte – und aus dem prophezeiten Tode und Moder stieg fast urplötzlich eine Lilie empor und sah lächelnd dem Leben ins sonnige Antlitz . – Da , wo das ehemalige Zweiflingensche und das Arnsberger Waldgebiet zusammenstießen , lag ein hübscher kleiner See . Er gehörte noch in das Weichbild des weißen Schlosses , aber die Buchen , die seinen westlichen Saum bestanden , waren bereits Vorposten des Nachbarreviers . Die heiße Julisonne brannte senkrecht über dem Gewässer ; glatt wie eine goldene Tafel lag sein Mittelpunkt da – nur bisweilen zitterten leise Schwingungen vom Ufer her und gruben krause , wunderliche Gebilde , vielleicht ein Gedicht des Waldes – in die Fläche . Der Wasserring aber , über dem das Ufergebüsch und die verschränkten Eichen- und Buchenäste hingen , war dunkel und geheimnisvoll wie der Wald selbst ... Und auf dieser gründämmernden Bahn zog leise ein Kahn hin . Das Ruder reichte hinaus in die sonnendurchleuchtete Flut und hinterließ , leicht einsinkend , eine schmale , blitzende Furche ; manchmal verschwand es – dann drehte sich der Kahn und fuhr auf das Land auf . Ein Mädchen saß am Ruder , und auf der schmalen Bank ihr gegenüber hockten drei Kinder , zwei Knaben und ein allerliebstes kleines , blondköpfiges Mädchen . Die Kinder sangen aus voller Brust mit glockenhellen Stimmen : » Ich hab ' mich ergeben Mit Herz und mit Hand Dir , Land voll Lieb ' und Leben , Mein deutsches Vaterland ! « Der Kahn saß fest und schwankte nicht mehr , und da ließ es sich noch einmal so schön singen über den See hinüber und zwischen die ernsthaften Waldbäume hinein . Das Mädchen am Ruder hörte schweigend zu . Hinter ihr durchschnitt ein sanft emporsteigender , moosbewachsener Weg das Dickicht , und der Wald tat sich tief auf in seiner grünen Finsternis . Auf die Kindergruppe fiel noch ein Hauch des goldenen Tages draußen – das blonde Haar des kleinen Mädchens flimmerte , und die Knaben , die nach dem See hinaussangen , hielten die Hand schützend über die Augen . Die junge Schifferin aber saß tief im grünen Dämmerlicht , nur über ihre Knie hin legte sich ein blasser , durch das Blätterdach zuckender Goldstreifen wie ein reichgewirkter Tunikasaum , und die perlmutterweiße Stirn umkreiste traumhaft ein blauschimmerndes Stäbchen – eine verirrte Libelle . Die Kinder schwiegen und horchten mit angehaltenem Atem auf ein Echo , das aber so unfreundlich oder vielleicht auch so politisch war , auf das » deutsche Vaterland « keine Antwort zu haben . Dafür erschien drüben am jenseitigen Ufer ein Herr in Begleitung zweier Damen . Er zuckte mißmutig und ratlos die Schultern , während sein Blick suchend über die glatte unbewegte Wasserfläche schweifte . Da trat ein mitgekommener Lakai respektvoll vor und deutete auf den Kahn im Gebüsch . » Gisela ! « rief der Herr hinüber . Das Mädchen am Ruder schrak zusammen , und das Rot einer tödlichen Verlegenheit färbte ihr Gesicht . Einen Moment irrten ihre braunen Augen unsicher über die Kinderköpfchen hin , aber auch nur einen Moment – dann lächelte sie . » Hinauswerfen kann ich euch nun einmal nicht , das steht fest ! « sagte sie . » Also in Gottes Namen vorwärts ! « Mit wenigen energischen Bewegungen machte sie den Kahn flott ; er flog hinaus , und jetzt flutete das Sonnenlicht voll über das unbedeckte Haupt der Schifferin . Die weiten offenen Ärmel ihres weißen Kleides hoben sich leicht bei Bewegung des Ruderns – wie ein Schwan kam die graziös vorgeneigte Gestalt dahergeschwommen . Das an Stirne und Schläfen mit einem hellen Seidenband zurückgenommene Haar fiel in offenen Wellen über den Nacken und umwob flimmernd das weiße Gesicht mit einer Glorie . Ihre großen , braunen Augen hefteten sich dann und wann prüfend auf die Gruppe am Ufer ; aber die Röte der Verlegenheit auf ihren Wangen war verflogen ; die Ruderschläge blieben gleichmäßig , keine Spur von Hast verriet , daß die Schifferin das Ufer rasch zu erreichen wünsche ... Ob das vielleicht drüben übel vermerkt wurde ? ... Der Herr runzelte finster die Brauen , und die an seinem Arme hängende schöne Dame ließ plötzlich mit einem unbeschreiblichen Gemisch von Überraschung , Ungeduld und Mißfallen die Lorgnette von den Augen sinken . » Nun , mein Kind , das ist ja eine ganz merkwürdige Situation , in der wir uns wiedersehen ! « rief der Herr scharf hinüber , als der Kahn näher kam . » Tausend noch einmal , was für edle Passagiere fährst du ! ... Ich fürchte nur , sie werden ebenso leicht , wie du selbst , vergessen , wer am Ruder sitzt ! « » Lieber Papa , am Ruder sitzt Gisela , Reichsgräfin Sturm zu Schreckenstein , Freiin von Gronegg , Herrin zu Greinsfeld usw. usw. « , antwortete das junge Mädchen ... Das klang nicht etwa schelmisch übertrieben – es war die vollkommen ernst gemeinte Zurückweisung des Vorwurfs . In diesem Augenblick war die Sprechende Zoll für Zoll die Trägerin der hochtönenden , aristokratischen Namen . Sie wandte den Kahn geschickt , er stieß ans Land , und mit einem leichten Sprung schwang sie sich auf das Ufer . Das Kind mit dem unschönen , eckigen Gesicht , mit dem farblosen Haar und dem gelben , kranken Teint , das gebrechliche Geschöpf , das in die Einsamkeit geschickt worden war , lediglich um dort zu sterben – da stand es als hochgewachsene Mädchengestalt , und wer das Bild der Gräfin Völdern , » der schönsten Frau ihrer Zeit « , gesehen hatte – diese schlanken , geschmeidigen Glieder mit dem schneeweißen Gesicht unter dem voll herabflutenden Haar – , der konnte meinen , sie sei eben nur aus ihrem goldenen Rahmen herausgetreten , um hier im lebendigen Odem der Waldesluft zu wandeln ... Freilich hatten diese keuschen , nachdenklichen Augen nicht das dämonisch Überwältigende jener schwarzen , funkelnden , und das Haar , das dort gelb wie der Bernstein leuchtete , floß hier in einem dunkeln Blond zum Nacken und lief nur an den Schläfen in einen zarten Silberschein aus , aber im allgemeinen lebte jenes unselige Weib wieder auf in den jungen Formen , die sich aus einem langen Siechtum plötzlich entwickelten , wie die frische , weiß hervorquellende Blüte aus der düsteren Knospenhaft . Die Seele aber hatte diese Wandlung nicht mitgemacht . Das war noch derselbe klarkalte , unerbittliche Blick , an dem alles Bemühen um Zuneigung scheiterte ; und die eigentümliche Scheu vor jeglicher Berührung trat in diesem Augenblick grell hervor – sie verbeugte sich leicht und ungezwungen , aber ihre Arme hingen an den Seiten nieder , und die schlanken Finger verschwanden in den Falten ihres weißen Musselinkleides – sie hatte keinen Händedruck für die Angekommenen , und doch kam Seine Exzellenz direkt von Paris , wo er sich drei Monate aufgehalten hatte , und seine schöne Gemahlin hatte den Winter und Frühling mit der leidenden Fürstin in Meran zugebracht und die Stieftochter seit dreiviertel Jahren nicht gesehen . Hatte die Dame schon gewissermaßen erschrocken die heranschwimmende Gestalt fixiert , so sah sie jetzt für einen Moment völlig fassungslos mit einer Art ungläubigen Entsetzens nach dem jungen Mädchen , das sich plötzlich so hoch und schlank aufrichtete – dieser Ausdruck verschwand indes blitzschnell wieder . Sie ließ den Arm ihres Gemahls los und streckte der jungen Gräfin die Hände entgegen . » Guten Tag , herzlichstes Kind ! « rief sie in weichen , warmen Tönen . » Ja , nicht wahr , da kommt nun die Mama an und muß gleich schelten ? ... Aber es macht mir tödliche Angst , dich so springen zu sehen ... Denkst du denn gar nicht an deine kranke Brust ? « » Ich bin nicht brustleidend , Mama « , sagte das junge Mädchen so eiskalt , als es dieser kindlich-lieblichen Stimme eben möglich war . » Aber Herzchen , willst du denn das besser wissen als unser vortrefflicher Medizinalrat ? « fragte die Dame achselzuckend mit einem halben Lächeln . » Ich möchte dir ja um alles deine Illusionen nicht rauben ; allein wir dürfen ein solches Mißachten des ärztlichen Ausspruchs nicht dulden – du übernimmst dich sonst ... Ich kann dir sagen , ich bin furchtbar erschrocken , dich auf dem Wasser zu sehen ... Kind , du leidest am Veitstanz , kannst den Arm nicht zwei Minuten still halten und willst trotzdem mit diesen armen , kranken Händen einen Kahn regieren ? « Die junge Gräfin antwortete nicht . Langsam hob sie ihre Arme , breitete sie weit aus und blieb bewegungslos stehen , und so zartbleich auch ihr Gesicht war , so geschmeidig und biegsam auch die Gestalt dort stand , sie war in diesem Moment doch das strahlende Bild jugendlicher Kraft und Frische . » Nun überzeuge dich , Mama , ob mein Arm zittert ! « sagte sie , den Kopf mit einer Art von glücklichem Stolz zurückwerfend . » Ich bin gesund ! « Gegen diese Behauptung ließ sich augenblicklich nichts einwenden . Die Baronin sah seitwärts , als verursache ihr das Experiment Angst und Herzklopfen , aus den Lidern des Ministers aber glitt ein eigentümlicher , scheuprüfender Blick über die Arme , die sich , rosig bis in die Fingerspitzen und von marmorglatter Form , aus den zurückfallenden Musselinärmeln hervorstreckten . » Strenge dich nicht so übermäßig an , mein Kind ! « sagte er , indem er die Rechte des Mädchens ergriff und niederbog . » Das ist nicht nötig ! Du wirst mir erlauben , mich vorläufig noch an die Berichte deines Arztes zu halten , und diese – weichen denn doch noch ein wenig ab von deiner Anschauungsweise ... Übrigens habe ich nicht , wie Mama , Angst bei deiner Wasserfahrt empfunden . Ich will dir aufrichtig gestehen , daß mich die burschikose Art und Weise , das Haus zu verlassen und im Walde umherzustreifen , an einer Gräfin Sturm sehr befremdet ... Mit dir mag ich indes nicht so streng ins Gericht gehen – ich schreibe dies absonderliche Gelüst auf Rechnung deines Krankseins ... Sie dagegen , Frau von Herbeck « – er wandte sich an die Dame , die mitgekommen war – , » begreife ich in der Tat nicht . Die Gräfin kommt mir unsäglich vernachlässigt vor – wo haben Sie die Augen und Ohren gehabt ? « Wer hätte in der unförmlich dicken Erscheinung , die purpurrot vor Erregung dem Minister gegenüberstand , die ehemals so graziöse Gouvernante wiedererkannt ! » Exzellenz haben mich bereits auf dem ganzen Weg bis hierher gescholten « , verteidigte sie sich tiefgekränkt ; » jetzt mag die Gräfin der Wahrheit die Ehre geben und mir bestätigen , daß ich über ihr geistiges und körperliches Wohl wie ein Argus wache – aber leider – da genügen tausend Augen nicht ! ... Wir sitzen vor einer Stunde im Pavillon , die Gräfin hat ein Glas voll Blumen vor sich , um sie zu zeichnen – da steht sie plötzlich auf und geht ohne Hut und Handschuhe hinaus in den Garten ; ich bin in dem guten Glauben , sie will noch einige Blumen holen – « » Nun ja , das wollte ich ja auch , Frau von Herbeck « , warf das junge Mädchen mit einem ruhigen Lächeln ein ; » nur hatte ich Sehnsucht nach Waldblumen – « » Um Gott , Kind , ich glaube gar , du hast Anlage zur Sentimentalität – nur das nicht ! « rief der Minister abwehrend – seine Stimme hatte in den weiteren zwölf Jahren seiner diplomatischen Laufbahn bedeutend an schneidender Schärfe gewonnen . » Ich habe dir lediglich aus dem Grunde die hirnverdrehenden Märchenbücher stets weggenommen , und nun muß ich doch erleben , daß dir die sogenannte Waldpoesie im Kopfe spukt ... Weißt du nicht , daß sich ein junges Mädchen deines Standes in den Augen vernünftiger Leute grenzenlos lächerlich macht , wenn es