rührenden Hinweis hast du mir auch meine Einwilligung abgelockt . Aber ich bin mir inzwischen bewußt geworden , daß ich unrecht tue , wenn ich mich an dem Plan beteilige – frage Adelheid , als was sie ihn bezeichnet – « » Als eine unerlaubte Intrigue ! « rief die Stiftsdame mit ihrer sonoren Stimme herüber . Baron Schilling sah über die Schulter nach ihr zurück . » Ah , daher die plötzliche Umkehr ! « sagte er halb zornig , halb sarkastisch . » Ich hatte nicht an deinen geheimen geistlichen Rat gedacht , Klementine . « Die großen , schwarzen Augen der Stiftsdame funkelten durch das Laub des Orangenbaumes , der zwischen ihr und dem Hausherrn stand , aber sie entgegnete mit würdevoller Gelassenheit : » Klementine wird mir bezeugen , daß ich mich jeglichen Rates enthalten habe – « » Schön ! « – unterbrach er sie kalt – » ich würde mir Ihre Einmischung auch ganz entschieden verbitten , Fräulein von Riedt ! « Diese strenge , scharfe Zurechtweisung bewirkte bei der Stiftsdame nur ein ausdrucksvolles Achselzucken ; die Baronin aber fuhr tiefgereizt auf . Sie hatte Momente , wo in ihren mattgrauen , glanzlosen Augen ein unheimliches Licht aufflackerte , das kaum noch auf das Gebiet ihrer vielgenannten Nervosität zurückzuführen war . Mit einem solchen Blick und den ausgeprägtesten Eigensinn auf der Stirn , sagte sie grollend : » Ich bitte mir ' s aus , daß du nicht fremden Schultern aufbürdest , was ich nach eigener Einsicht beschlossen habe . Ich nehme mein gegebenes Wort zurück – ich will nicht mehr , durchaus nicht ! – Und nun bitte ich dich , schweige , Arnold , – treibe mich nicht zum Äußersten ! « » Inwiefern ? « fragte er mit unzerstörbarer Ruhe und fixierte unverwandt die vor Aufregung bebende Frau – er mochte allzu genau die aufeinanderfolgenden Stadien ihrer Leidenschaftlichkeit kennen . Ihre Augen wichen seitwärts unter dem starrfragenden Blick , und ein schattenhaftes Lächeln entblößte flüchtig ihre großen weißen Zähne ; allein an ein kluges Einlenken war hier nicht zu denken – sie sagte mit trotziger , wenn auch etwas unsicherer Stimme : » Du darfst nicht vergessen , daß ich verbriefte Rechte an den Schillingshof habe ! « Baron Schilling erblaßte leicht , aber er blieb ganz ruhig . » Ich vergesse das so wenig , wie mein gutes Recht , kraft dessen ich Herr im Hause bin . Jetzt werde ich mit der Birkner über die Aufnahme der Kommenden verhandeln . « » So gehe ! – Selbstverständlich wirst du nicht über die mir zustehenden Gasträume verfügen . Es fällt mir nicht ein , diese – diese spanische Bettlerfamilie unter den kostbaren Vorhängen meiner Gastbetten schlafen zu lassen – mag sie sich doch drunten in den spukhaften Zimmern einquartieren – « » Das war bereits beschlossen , « unterbrach er sie mit einer Handbewegung , die jedes weitere heftige Wort abschnitt . hoffentlich ist diese Fremde nicht so gut klösterlich erzogen , um so unverantwortlich abergläubisch und unwissend zu sein . « – Er stand auf , schob die für ihn eingegangenen Briefe in die Brusttasche und ging hinaus , ohne auch noch ein Wort zu verlieren . Die Baronin hatte sich inzwischen erhoben und stand einen Augenblick unbeweglich , als besinne sie sich – ihr Blick huschte nach der Stiftsdame hinüber , die scheinbar teilnahmslos ihre Silberfäden durch das Tuch zog – dann flog sie zur Tür hinaus , ihrem Mann nach . Wie flink diese Füße laufen konnten ! Wie die Barben der Morgenhaube flatterten und die weiße Schleppe den Fußboden fegte ! Baron Schilling stieg eben die untersten Stufen der breiten Wendeltreppe hinab , als seine Frau droben erschien . » Arnold ! « rief sie hinab . » Was wünschest du ? « Eine Pause erfolgte . Die Baronin hörte , wie ihr Mann unbeirrt die letzte Stufe verließ und auf dem hallenden Steinfußboden weiterschritt . » Arnold , komme ! Ich will gut sein , ich will – abbitten ! « rief sie halblaut , und in diesem unterdrückten Ton lag so viel Glut , er klang so verräterisch sehnsüchtig , daß man sich unwillkürlich die hageren , zur Umarmung ausgestreckten Arme vergegenwärtigen mußte . » Wozu das ? – Ich zürne nicht ! « scholl es herauf , dabei aber verdoppelten sich drunten die eilenden Männerschritte . Die Tür nach dem großen Garten wurde geöffnet , und Baron Schilling trat hinaus auf die Freitreppe . In diesem Augenblick stand aber auch schon seine Frau neben ihm ... Sie war so lautlos hinter ihm hergeschlüpft , als habe sich die lange , schwanke Gestalt zu einem Schatten verflüchtigt . Ihren Arm fest um den seinen schlingend , sah sie ihm unter das Gesicht und ertappte noch den Ausdruck einer stillen Verzweiflung , eines unbezwinglichen Widerwillens auf diesen Zügen . » Arnold , « murrte sie drohend , da er , durch ihr plötzliches Erscheinen überrascht , eine unwillkürliche Bewegung machte , als wolle er sie wie ein unheimliches Traumgespenst von sich schütteln . » Versündige dich nicht ! Denke an den Ausspruch der Ärzte , der dich verpflichtet , mich um meines schwächlichen Nervenlebens willen vor jedem Ärger zu behüten . « Er antwortete nicht . Sein « Zähne gruben sich tief in die volle , kirschrote Unterlippe , und er stieg langsam die Freitreppe hinab . Seine Frau ging mit . Sie hing noch an seinem Arm und hatte die Arme verschränkt – für fernstehende Beobachter mußte das Paar , das langsam wandelnd in die schattige Platanenallee einlenkte , das glückliche Bild ehelicher Eintracht sein . » Arnold , verzeihe ! Es war eine Unbesonnenheit von mir , dich an die Ansprüche der Steinbrücks zu erinnern , « hob die Baronin wieder an . Ein Zug von Ekel ging durch sein Gesicht , als er , von ihr weggewendet , seine Augen droben durch das Geäst der Platanen gleiten lieh . » Lasse doch das auf sich beruhen , Klementine – verdirb mir nicht mit dem leidigen › Mein und Dein ‹ den strahlenden Morgen ! « » Aber ich will dir ja nur sagen , daß ich im Grunde an diese Ansprüche so wenig denke wie du , « entgegnete sie hartnäckig . » Darin irrst du wieder . Ich denke sehr oft daran ; so oft , als ich unter diesen lieben , alten Bäumen hingehe und den Blick auf das Säulenhaus richte ; so oft ich durch eine neue Sparsumme das Kapital erhöhe , das deine Hypothek von diesem Grundstück wenigstens , von meinem Vaterhause , ablösen soll . « » Unsinn ! Bist du nicht Mitbesitzer alles dessen , was mir gehört ? « » Nein . Ich habe mich nur in diese Rolle zu finden gesucht , solange mein Vater lebte . Du führst deine Bücher musterhaft und wirst deshalb auch ohne diesen meinen Protest wissen , daß ich seit seinem Tode mich auch nicht für eine Stunde länger als Mitbesitzer betrachtet habe . « Bei diesen Worten klärte sich sein verfinstertes Gesicht auf . Diese zurückkehrende unanfechtbare Ruhe war der nebenher gehenden Frau sicher noch verhaßter , als sein Widerspruch . Sie zog ihren Arm aus dem seinen und sagte in erbittertem Tone : » Es ist ja recht liebevoll von dir , mir so unverschleiert ins Gesicht hinein zu sagen , daß ich dir entbehrlich bin – « » Dein Geld , Klementine – « » Wie richtig ist der Instinkt gewesen , mit dem ich gleich zu Beginn unserer Ehe in deiner Kunstausübung meine Todfeindin gesehen habe ! « fuhr sie unbeirrt in wachsender Leidenschaftlichkeit fort . » Du pochst auf das , was sie dir einbringt ! « Er wandte langsam den Kopf und sah die Frau an , die jetzt , ohne seine Stütze , mit nachlässig krummem Rücken , den gesteiften , schleppenden Morgenrock mit beiden Händen mühsam über dem morgenfeuchten Kies haltend , in nervöser Hast neben ihm herschritt . » Meine heilige Kunst ! « sagte er , und ein schönes , sanftes Lächeln glitt flüchtig um seinen Mund . » Wenn ich in ihre Sonnenaugen sehe , wie bergestief liegen da materielle Interessen unter mir ! ... Aber du hast recht . Zu ihren Segnungen gehört allerdings auch die , daß sich ein Frauenfuß nicht so tyrannisch auf meinen Nacken setzen darf , wie er gern möchte . – Übrigens lasse dir sagen , Klementine – auch wenn ich Stift und Pinsel nicht zu führen verstünde , du gelangtest doch nie und nimmer zu dieser Herrschaft , denn ich bin auch ein fleißiger Jurist gewesen – Mittel genug für den Mann , um aus eigener Kraft zu existieren . « Sie blieb bei seinen letzten Worten stehen und reckte den zusammengesunkenen Oberkörper steif empor . » Nun , da wären mir ja fertig ! « warf sie in seltsam trockenem Tone hin . » Du wiederholst es mit gründlicher Beweisführung , daß ich in deinem Leben ein Nichts bin – und ich bin auch albern genug , dir so lange pflichtschuldigst zuzuhören . Aber ich wäre eine Törin , wenn ich dich nicht auch einmal fühlen ließe , wo ich dir fehlen werde – ich verreise . Du hast meine Fürsorge , mein Walten in bezug auf deine häusliche Ordnung und Bequemlichkeit bisher ohne Dank hingenommen , als verstünde sich das ganz von selbst , und auch die Art und Weise , wie ich unser Haus repräsentiere , hat dir nie auch nur das leiseste Beifallszeichen entlockt , während die gute Gesellschaft das ganz anders zu würdigen weiß ... Gut denn ! lerne einmal erkennen , was es heißt , wenn die Frau im Hause fehlt ; steh , wie du allem fertig wirst mit den fremden Hungerleidern , die den Schillingshof überschwemmen werden , und mit unserer einfältigen Wirtschaftsmamsell , deren Verstand nicht weiter reicht als ihr kleiner Finger ... Ich trete morgen meine längst beabsichtigte Wallfahrt nach Rom an . « Ihr glühte das Rot der tiefsten Erbitterung auf den Wangen , und er lächelte kalt . » Tue das nicht , Klementine ! « warnte er . » Du weißt am besten , daß diese Wallfahrtsaufregungen wahres Gift für dich sind – du bringst stets schlimme Nervenanfälle mit heim . « » Oh – das ist wieder einmal eine deiner Lästerungen ! Was man zur Ehre Gottes tut , das kann niemals schaden ... Und nun genug und übergenug ! Ich reise morgen ! « » So geh du in Gottes Namen – ich mache keinen Versuch mehr , dich zurückzuhalten ! « – Er schritt gleichmütig weiter – seine kräftigen , weißen Finger gruben sich in alter Gewohnheit in den krausen , dunklen Kinnbart , und der aufleuchtende Blick suchte das Atelier , das eben hell und fensterblitzend , heimisch und genußverheißend zwischen dunklem Taxusgebüsch hervortrat – und sie wandte sich um ; einen Augenblick schwankte sie , und verstohlen das Gesicht zurückwendend , schien sie zu hoffen , daß auch sein Auge in Reue sie suche ; aber er ging elastischen Schrittes weiter und weiter , als habe er bereits vergessen , was hinter ihm liege ; und nun schritt sie hastig nach dem Säulenhause zurück ... In ihrem Ankleidezimmer schellte sie der Kammerjungfer und befahl das sofortige Herbeischaffen der Reisekoffer , dann trat sie wieder hinaus auf die Terrasse . Bei ihrer Rückkehr in das Haus und der Kammerjungfer gegenüber war sie vollkommen die Frau mit der mattgebeugten Haltung , der apathischen Miene und dem langsam schleppenden Gang gewesen ; angesichts der Freundin aber brach der Seelensturm wieder durch . » Packe deine Altardecke zusammen , Adelheid ! « rief sie mit fliegendem Atem . » Dein heißester Wunsch wird erfüllt – wir gehen morgen nach Rom ! « Die Stiftsdame ließ augenblicklich ihre Arbeit in den Korb sinken , klappte den Deckel zu und erhob sich . Sie stand in ihrer ganzen imposanten Höhe vor der aufgeregten Frau – ein düsteres Feuer glomm in ihren Augen . » Hüte dich , Klementine ! « warnte sie mit aufgehobenem Finger . » Du spielst um deine Seele ! Deine unselige Liebesleidenschaft treibt dich von einer Sünde zur anderen . Du gehst nicht nach Rom in Glaubensinbrunst – weit entfernt – Trotz und Zorn treiben dich fort , und der geheime Wunsch , durch deine Abwesenheit Sehnsucht in dem Herzen deines kalten , gleichgültigen Mannes zu wecken – « Die Baronin fuhr empor , als wolle sie sich auf die scharfsichtige , unerbittliche Mahnerin stürzen und ihr mit der Hand den Mund verschließen , aber die stand da wie in den Boden gewurzelt ; sie hob nur die schöne Rechte in stummer Abwehr , die schwarzen , kräftig gezeichneten Brauen hoben sich und gaben den großangelegten Zügen den Ausdruck eiserner Strenge . » Mich täuschest du nicht , « fuhr sie fort , » so wenig wie unseren gemeinschaftlichen Seelsorger , den ehrwürdigen Pater Franziskus – wir sehen voll Schmerz , wie du dich in dem Bemühen verzehrst , Macht über den Mann zu gewinnen , der seine armselige Kunst zum Götzen macht ... Und wenn dir dein Mühen glückte ? – Geh – was für ein erbärmlicher Sieg ! ... Kämpfe lieber gegen dich selber ! Du Hast allen Halt verloren , bist eine launenhafte Frau geworden , die in einem Atem Entschlüsse faßt und verwirft ; jetzt aber sage ich dir – autorisiert durch Pater Franziskus und die frommen Schwestern , die deine Kindheit behütet haben – » bis hierher und nicht weiter ! « Hast du die Pilgerfahrt nach Rom infolge grenzenloser Selbstsucht beschlossen , so kannst du diese Sünde nur büßen , indem du das unlautere Feuer in deiner Brust bekämpfst und die Reise wahrhaft reuig antrittst . Ein » Zurück « , wie du es dir seit Jahren erlaubst , gibt es hier nicht mehr ! Nicht Laune , nicht Trennungsschmerz , nicht einmal Krankheit werden dich zurückhalten – nötigenfalls lässest du morgen dich in den Reisewagen tragen . Abreisen werden wir um jeden Preis ! « Wie verscheucht war die Baronin bis zur Glastür zurückgewichen . – Diese Frau trug eine Kette am Fuß , deren äußersten Ring das Klosterinstitut in seinem Grund und Boden festgenietet hatte . Sie brach meist zusammen unter einer direkten Mahnung von dorther , aber in diesem Augenblick behielt doch die fieberhafte Aufregung , mit der sie aus der Platanenallee zurückgekehrt war , hörbar die Oberhand , als sie auf der Schwelle sich umwendend , trotzig rief : » Wer sagt denn , daß ich meinen Entschluß ändern will ? – Ich gehe , und sollte ich mich todkrank von Ort zu Ort schleppen ! « Damit ging sie , um das ganze Haus , behufs ihrer Reisevorkehrungen , zu alarmieren . 13. Seit diesem stürmischen Morgen waren nur wenige Tage verstrichen . Im oberen Stockwerk des Säulenhauses umschlossen die herrlichen steingemeißelten Halbrundbogen der Fenster das leblose , eintönige Grau der herabgelassenen Vorhänge und deuteten das tiefe Schweigen an , das in den Räumen herrschte ; denn sie lagen hinter Schloß und Riegel , kein Menschenfuß betrat sie ; nicht einmal lüften solle man droben , hatte die Frau Baronin bei ihrer Abreise der Dienerschaft streng anbefohlen . Baron Schilling stand nachmittags in seinem Atelier . Draußen hatte ein rasch vorüberziehendes Gewitter Millionen funkelnder Regentropfen versprüht ; ein frischer Windhauch lief hinter den Wolkenresten her ; er schaukelte und schüttelte das tropfende Gezweig und löste den Bann der Schwüle und Gewitterfurcht von den Vogelkehlen ; und der Himmel blaute wieder , als sei die tränenschauernde Wolkenwand zwischen ihm und der Erde nie gewesen . Diese jubilierende , strahlende Wandlung draußen im Garten bemerkte der Mann vor der Staffelei nicht . Er sah in eine schwüle , von Fackellicht durchzuckte Sommernacht hinein . Die rötlichen Tinten , teils tief im Hintergrund aus den Fenstern eines Palastes quellend , teils vereinzelt und unruhig zwischen riesigen Parkbäumen hindurch unaufhaltsam nach dem Vordergrund eilend , wogten so täuschend und überzeugend , daß man meinen konnte , sie müßten im raschen Vordringen auch das Atelier füllen und sein leises Dämmern durchleuchten . In diesen weiten Raum fiel augenblicklich nur das Oberlicht , aber auch gedämpft , nicht grellgemischt mit dem heißen Goldgefunkel der unverhüllten Sonne ... Dabei herrschte lautlose Stille , nur unterbrochen , oder vielmehr begleitet von dem eintönigen , traumhaften Plätschern fallender Wasser hinter einem zugezogenen dunkelgrünen Samtvorhang von großartigem Faltenwurf , der die ganze Schmalseite des Ateliers nach Süden hin vollkommen bedeckte ... Auch dieses verborgene melancholische Rauschen und Rieseln mischte sich mit dem unheimlich schwülen Atem der Sommernacht auf der köstlich belebten Leinwand – der durch Alleen und Gehölz irrende Fackelschein glühte da und dort hochaufspringende Wasserstrahlen an und löste sie , wie plötzlich hervortretende Geistererscheinungen , aus dem tiefen , verschwiegenen Dunkel . Wie traumverloren , der Wirklichkeit vollkommen entrückt , arbeitete der Künstler . Er sah nicht , daß seitwärts durch eine aufgehende Türe das sonnige Tageslicht breit hereinfiel ; er hörte nicht die leichten Tritte , die auf ihn zuhuschten , bis eine zaghafte Mädchenstimme neben ihm laut wurde . » Herr Baron , die Fremden sind eben vorgefahren , « meldete Hannchen . Er fuhr zusammen , als seien diese geflissentlich gedämpften Laute Trompetenstöße gewesen , und ein hastiger Unwille über die Störung wallte sichtlich in ihm auf . Zornig warf er den Pinsel hin , während das Mädchen sich scheu zurückzog und wieder hinausschlüpfte . Erst bei dem leisen Geräusch , welches das Zudrücken des Türschlosses verursachte , war es , als werde er sich seiner und der Außenwelt wieder bewußt . » Lucians Kinder ! « murmelte er wie zu seiner eigenen Besänftigung . Er streifte die Bluse ab und eilte durch den Garten . Als er die Flurhalle des Säulenhauses betrat , da stand die gegenüberliegende , nach dem Vorgarten führende Haupttüre weit offen . Die Dienerschaft des Hauses trug Koffer um Koffer herein , leichtes , jedenfalls nur Damengarderobe enthaltendes Gepäck , Wie die mühelose Beförderung bewies . Neben einem Haufen Gepäckstücken , den die Leute bereits aufeinander getürmt hatten , kniete die Kammerjungfer Minna . Sie hatte einen halbzertrümmerten Hutkoffer vor sich ; Spitzen und Bänder quollen aus dem geborstenen Gefüge , und auf der Faust der Zofe schwebte ein vollständig zerquetschter Damenhut , den sie aus dem Gemenge von Holzstangen und Lederfetzen gezogen hatte . Und die flötenhafte Stimme , die an dem ereignisvollen Abend vor acht Jahren so lustig und silbern von den polierten Steinwänden widergehallt , sie war auch wieder da – sie schalt und kicherte wie ein Kobold in einem Atem . » Dumme Menschen ! Einem die Effekten so zu malträtieren ! Das kann eben nur im guten , biderben Deutschland passieren ! Aber ich werde mich beschweren – der Hut war ganz reizend , ich war wie vernarrt in ihn ! – Gott , wie lächerlich er in der Verfassung aussieht ! Ha , ha , ha ! ... Bah , schneide doch nicht gar so verdrießliche Grimassen , Minna ! Bin ich etwa schuld an dem Unheil ! « Die feine Fußspitze der Sprechenden stieß eine kornblumenblaue Seidenbandrolle , die über das Steingetäfel des Fußbodens gerollt war , nach dem Gepäck zurück ; um die ganze bewegliche Gestalt irrte ein leises Geräusch von klirrendem Kettenschmuck und knisternden Stoffen , und die Hände mühten sich , die zerdrückten Locken aufzuschütteln ; aber sie fuhren plötzlich herab , um sich dem eintretenden Herrn des Hauses entgegenzustrecken – die kleine Frau flog mit einem freudigen Ausruf auf ihn zu . » Da sind wir , lieber Baron ! ... Ach Gott , wie muß ich an den armen Felix denken , wenn ich Sie sehe ! ... Oh , nicht wahr , wer hätte damals sagen sollen , daß ich so jung Witwe werden würde ? So jung ! – Der Arme , nun liegt er drüben so allein ! Und was hat er leiden müssen – es war furchtbar , sag ' ich Ihnen ! ... Wissen Sie , für mich ist Felix eigentlich schon gestorben in dem Augenblick , wo er die schwere Wunde erhalten hatte . Ich kann niemand leiden sehen ; eine Krankenstube ist mir fürchterlich wie die Hölle – so verdunkelt und dumpf ; dazu das schmerzliche Stöhnen , dazu die schleichenden Tritte , die gedämpften Stimmen der Pflegenden – das alles wirkt so furchtbar deprimierend auf mich , daß ich auf und davon laufe . « Sie unterbrach sich und wandte den Kopf zurück – ein metallbeschlagener Koffer wurde eben über die Stufen der Säulenhalle gehoben ; er war gewichtiger als die anderen , man hörte das an dem Keuchen und den schwerfällig schwankenden Schritten der Diener , die ihn heraufschleppten . » Wir beanspruchen viel Raum , nicht wahr ? « fuhr die kleine Frau lebhaft fort und deutete lächelnd auf das Gepäck . » Wir haben auch Malheur gehabt . Sehen Sie doch das unbeschreibliche Etwas , das meine Jungfer dort so trübselig hin- und herwendet – das war einmal ein Hut , ein allerliebstes Barett , das ich mir in Hamburg zur Austrauer gekauft hatte ... Man hat mir den Koffer scheußlich zugerichtet – eine fabelhafte Tölpelei ! « Baron Schilling ließ ihre Rechte , die er unwillkürlich zwischen seinen Händen festgehalten , plötzlich sinken . Das zierliche Wesen da vor ihm kam – wenn auch vielleicht ein wenig bleicher und schmalwangiger – genau so wieder zurück , als was es über das Meer gegangen war , als die leichtbeschwingte Schmetterlingsseele , die nur um die Blumen des Lebens flattert und sich scheu von dem unwirtlichen Feld der Kümmernisse wegwendet ... Die zwei Tränen um den Toten , die sich vorhin über ihre Wangen gestohlen , waren gewiß aufrichtig gemeint gewesen , aber fast mit ihnen zugleich vertieften sich bereits die Wangengrübchen im halb schmollenden , halb schalkhaften Lächeln über die lächerliche Form eines mißhandelten Hutes . » Haben meine Leute da « verschuldet ? « fragte Baron Schilling kurz , fast finster . » Nein , o nein ! Es ist auf dem Bahnhof geschehen ... Ah bah – es hat nichts zu bedeuten ! Ich werde gleich morgen nach Berlin schreiben , an meine ehemaligen Putzlieferanten , die jedenfalls noch existieren und sich närrisch freuen werden « – sie verstummte , als habe sie sich verplaudert , und sah verstohlen seitwärts ; Baron Schilling folgte der Richtung dieses Blickes , und jetzt erst bemerkte er die Gruppe , die sich nach dem Eingang des großen Korridors zurückgezogen hatte und dort im lautlosen Schweigen verharrte . Die Hüterinnen der Flurhalle , die Karyatiden mit ihren strenggeschnittenen , weißen Steingesichtern droben am Plafond , hatten wohl noch nie auf ein solch ebenholzschwarzes , krausköpfiges Menschenwesen niedergesehen , wie es dort auf den Marmorfliesen stand . Eine Negerin im Schillingshof ! ... Die ab- und zugehenden Leute des Hauses starrten sie an , und ihr spielte ein gutmütiges Lächeln um den dicken , rotlippigen Mund . Sie trug ein kleines Mädchen auf dem Arme , ein blasses , dunkeläugiges Kind im weichfallenden , weißen Kaschmirüberwurf – es sah aus , als schmiege sich ein großer , weißer Falter an das dunkle Negerweib ... Das Kind hatte offenbar Furcht vor dem fremden Hause ; sein dünnes Ärmchen umklammerte den Hals der Trägerin , und das kleine Gesicht , unter einer niedersinkenden Flut goldblonder Haare , drückte sich fest an die schwarze , feiste Wange ... Und dort , hart an der ersten Marmorstatue , stand eine Dame . In der Rechten hielt sie die Hand eines ungefähr siebenjährigen Knaben , und die Linke stützte sich auf das hohe Piedestal des Götterbildes ... Während im Anzug der jungen Witwe bereits das Grau und Weiß der Halbtrauer vorherrschten , unterbrach an dieser Erscheinung auch nicht eine helle Linie das strenge Schwarz tiefer Trauer – wie eine Statue der Nacht stand sie , in ihren langwallenden Gewändern und Schleierfalten , neben der hellen Steinfigur . ... Es waren ein Paar mächtige Augen in diesem ernsten , wunderschönen Frauengesicht , die unter leicht zusammengezogenen Brauen finster die lebendigen , gaukelnden Bewegungen der jungen Witwe verfolgten . » Mein Zuchtmeister ist ungnädig , « murmelte Lucile mit unterdrücktem Ärger . » Kommen Sie , Baron ! Dame Mercedes liebt es nicht zu warten – sie ist über alle Beschreibung hochmütig , diese spanische Baumwollenprinzessin . « Baron Schilling trat rasch auf die stille Gruppe zu , in die jetzt auch Leben und Bewegung kam . Die Dame legte ihren Arm um die Schultern des Knaben und bog sich so tief über ihn , daß der schwarze Krepp , der wie eine Mantille von dem schneppenartig in die Stirne gebogenen Hütchen niederhing , ihr Gesicht vollkommen verdeckte . Sie flüsterte dem Kinde einige Worte zu und führte es dem Herrn des Schillingshofes um einen Schritt entgegen . » Mein Papa läßt dich grüßen , Onkel Arnold ; er hat mir das immerfort gesagt , ehe er zum Großpapa in den Himmel gegangen ist , « sagte der Knabe im reinsten Deutsch . In tiefer Bewegung hob ihn Baron Schilling empor und küßte ihn wiederholt . Der Kleine , den er mit leidenschaftlicher Innigkeit an seine breite Brust drückte , glich auffallend dem blondlockigen Knaben im blauen Sammetröckchen , dem hartbehandelten armen » Kolibri « , dem das rauhe Falkennest drüben nie zur Heimat geworden war – seinem Kinde sollte es besser werden ... » Du bist nun mein Junge , mein kleiner , braver José , « sagte er . » Ach ja , ich bitte sehr darum , lieber Baron , nehmen Sie sich seiner an ! « rief Lucile . » Ich kann ihn nicht erziehen – unmöglich ! Ich bin noch viel zu jung – eine so kleine , kindische Mama , wie Felix immer sagte ... Wir stehen wie Bruder und Schwester zusammen , José und ich ; er lacht mich geradezu aus , wenn ich einmal vernünftig sein will – bah , den Jahren nach könnten wir ja auch ganz gut Geschwister sein ! ... Da sehen Sie her , Paula paßt besser zu ihrem Mamachen – gelt , mein süßes Baby ? « Mit schmeichelnder Hand fuhr sie über die blonden Locken des kleinen Mädchens . » Das ist mein Abgott , müssen Sie wissen ; sie soll mir Zug für Zug gleichen – finden Sie das nicht auch , Baron ? « Er antwortete nicht . Den Knaben neben sich auf den Boden stellend , trat er rasch zur Seite . Die schwarzgekleidete Dame hatte sich bis dahin völlig passiv verhalten ; nun aber winkte sie , daß man den metallbeschlagenen Koffer , der erst jetzt aus der Säulenhalle hereingetragen wurde , zu ihren Füßen niedersetzen möchte – es war die herrische , kurzbefehlende Handbewegung einer echten Plantagenfürstin , die vom ersten Lallen an gewohnt ist , ein Heer von Sklaven zu kommandieren . Vor dieser Gebärde wich der Herr des Schillingshofes unwillkürlich zurück . Lucile sah das und lächelte boshaft . Erst jetzt bequemte sie sich zu einigen vorstellenden Worten ; fast zugleich kam auch Mamsell Birkner vom äußersten Ende des Korridors her . Durch offene Türen hatte man das eilige Zurückschlagen der Fensterladen und das Zurechtrücken von Möbeln gehört – die Reisenden waren ja früher eingetroffen , als man erwartet hatte – und nun meldete die Wirtschaftsmamsell , daß alles bereit sei . » Na , gottlob , daß wir unter Dach sind ! « rief Lucile und machte eine Gebärde , wie ein kleiner , matter Vogel , der von einem versagenden Beinchen auf das andere trippelt . » Ich bin todmüde ! Ah , ich lechze buchstäblich danach , mich auszustrecken ! Gehen wir , Mercedes ! « Ihre Schwägerin bewegte sich nicht von der Stelle . » Ist die Dame des Hauses krank ? « fragte sie und richtete zum erstenmal den Blick voll auf das Gesicht des Hausherrn . Er kämpfte mit einer sichtlichen Verlegenheit . » Meine Frau ist augenblicklich in Rom , « versetzte er zögernd . Lucile lachte laut auf . » Ach , was Sie sagen ! Gerade jetzt ? Ja , ja , das ließ sich denken – sie ist immer so apart , Ihre Frau , lieber Baron ! « Die andere Dame schwieg . Sie knöpfte den Handschuh an der Linken zu , zog den schützenden weißen Tüllstreifen wieder über das zarte Gesicht der kleinen Paula und ergriff Josés Hand . » Wollen Sie die Güte haben , uns das nächste Hotel zu bezeichnen , Herr Baron ? « fragte sie kalt höflich , aber aus ihren Augen stammte tiefverletzter , unbändiger Stolz . Schwebenden Schrittes , den Blick auf den Ausgang der Flurhalle richtend , wollte sie unverzüglich cm ihm vorübergehen ; aber er hob unwillkürlich zurückhaltend die Hand . » In jeder anderen Lage würden Sie vollkommen recht haben , die Gastfreundschaft eines Hauses zurückzuweisen , das keine Herrin hat , « sagte er ernst und bestimmt in gedämpftem Tone . » Aber bedenken Sie wohl , gnädig « Frau , daß Sie nicht als Besuch , sondern in einer Mission kommen , zu deren Ausführung gerade dieses Haus unumgänglich nötig ist ... Mein armer Freund hat sicher nicht gedacht , daß sein heißester Wunsch durch ein solches Bedenken in die Gefahr gebracht werde , zu scheitern . « Diese letzte Bemerkung klang scharf . » Ich weiß nicht , wie lange meine Frau ausbleiben wird , « setzte er hinzu ; « aber bis zu ihrer Zurückkunft werden Sie , mit Ausnahme der nötigen Dienerschaft , die einzigen Bewohner des Schillingshofes sein – ich selbst wohne weit drüben im Garten , in meinem Atelier . « Schon bei dem Hinweis auf ihre Mission hatte sich die Dame mit einem sprechenden Blick auf die Kinder zurückgewendet , und nun