aber theilte sich da und dort das Konglomerat von struppigen Haaren und schmutzigen Kopftüchern und ließ Flora ’ s weißes Hütchen mit der emporstehenden blauen Feder auftauchen . „ Lasse den Zwerg los , Fritz ! “ rief ein bärenhaftes Weib . „ Aber sie schreit ja wie närrisch , “ sagte eine Jungenstimme . „ Ach was , das Piepen hört kein Mensch . “ Die Frau hatte eine breite Stumpfnase und kleine , boshafte Augen und überragte in hünenhafter Länge alle Anderen . Jetzt sprach Flora – Käthe erkannte kaum ihre Stimme . Ein vielstimmiges Hohngelächter antwortete ihr . „ Aus dem Wege gehen ? “ wiederholte das große Weib . „ Das ist der Stadtforst , Fräulein ; da kann der ärmste Bürger spazieren gehen , so gut , wie die großen Herren – den will ich sehen , der mich da vertreibt . “ Sie stellte sich noch breitspuriger hin . „ Da guckt her , ihr Leute ! Unsereins sieht das Gesicht sonst nur in der stolzen Kutsche , wenn die Pferde um die Ecken rennen und den armen Leuten am liebsten die Beine wegfahren möchten . … Ein schönes Frauenzimmer sind Sie , Fräulein – das muß Ihnen der Neid lassen . Alles Natur , nichts angestrichen ; eine Haut wie Sammet und Seide – ’ neinbeißen möchte man . “ Sie bog den Kopf dicht neben das weiße Hütchen . Die Frau , die vor Käthe hergelaufen war , wühlte sich förmlich in den Kreis . „ Da kommt noch Eine ! “ rief sie und zeigte mit dem Finger auf das junge Mädchen zurück . Die Nächststehenden fuhren herum und traten unwillkürlich auseinander . Da stand Schwester Flora , weiß wie Schnee auf Wangen und Lippen ; man sah ihre Kniee wanken – sie rang sichtlich nach der gewohnten stolzen Haltung . „ Die geht uns nichts an , “ schrie ein Junge und wandte Käthe den Rücken ; der Kreis schloß sich wieder , noch enger , dichter als vorher . „ Käthe ! “ rief Henriette in hülfloser Angst hinter der Mauer von Menschenleibern , aber der Ruf wurde sofort erstickt ; man hörte deutlich , daß ihr eine Hand auf den Mund gepreßt wurde . In demselben Moment taumelten drei , vier Jungen rechts und links . Käthe stieß mit kraftvollen Armen selbst das Hünenweib auf die Seite und trat vor ihre Schwestern . „ Was wollt Ihr ? “ fragte sie mit lauter , fester Stimme . Einen Augenblick standen die Angreifer bestürzt , aber auch nur einen Augenblick – es war ja nur ein Mädchen mit einem blutjungen Gesicht , das da zu Hülfe kam . Nun wurde auch sie unter lautem Gelächter mit eingeschlossen . „ Tausendsapperlot , die fragt ja so kurz und knapp wie die Herren auf dem Gericht , “ rief die Große und schlug sich klatschend auf die breite Hüfte . „ Ja , und tut so stolz , als ob sie directement von den heiligen drei Königen abstammte , “ fiel die Frau im violetten Kopftuch ein . „ Hören Sie , Ihre Großmutter war aus meinem Dorfe . Schuh ’ und Strümpfe hab ’ ich dazumal nicht an ihren Füßen gesehen , und ich weiß auch noch recht gut , wie Ihr Großvater Hü und Hott bei dem alten Müller Klaus seinen Pferden machte – “ „ Glaubt Ihr , ich weiß das nicht , oder ich schäme mich dessen ? “ unterbrach sie Käthe ruhig und kalt , aber jeder Blutstropfen war ihr aus dem ernsten Gesicht gewichen . „ Wär ’ auch noch schöner – ist Ihnen doch sein Geld gut gewesen , das viele , viele Geld , “ rief eine Dritte , sich dicht an das junge Mädchen hinandrängend . Sie griff nach Käthe ’ s seidenem Kleide und rieb den Stoff prüfend zwischen den Fingern . „ Ein schönes Kleid ! Ein Staatskleid ! Und so mitten in der Woche und im Walde , wo die Fetzen an den Dornen hängen bleiben ! Na , was schadet ’ s denn ? Das Geld ist ja da . Spreukörbe voll haben sie bei dem Alten gefunden . Aber wo es hergekommen ist ? Gelt , darnach wird nicht gefragt ? Ob der Schloßmüller den armen Leuten das Korn vor der Nase weggekauft und auf seinen Böden eingeschlossen hat , viel tausend scheffelweise – das ist Ihnen sehr einerlei , Fräulein . Und ob er gesagt hat , es müßte erst so und so hoch im Preise steigen , ehe er auch nur eine Schaufel voll hergäbe , und wenn die Leute wie die hungrigen Mäuse pfiffen – “ „ Lüge ! “ rief Käthe außer sich . „ So – Lüge ? Es ist wohl auch nicht wahr , daß wir nun den Gründern in die Krallen geworfen werden ? Die nehmen uns die letzte Kartoffel aus dem Topfe . Das giebt ein Unglück . Meine Tochter geht lieber ins Wasser , als daß sie bei den Menschenschindern arbeitet . “ „ Und mein Bruder schießt sie am ersten Tage über den Haufen , “ prahlte ein halbwüchsiger Bursche . „ Ja , wie dem Zwerg da seine Tauben , “ sagte ein anderer anzüglich und mit den Augen blinzelnd und zeigte auf Henriette , die sich mit zuckendem Gesicht , in wahnsinniger Angst an Käthe anklammerte . Da scholl in ziemlicher Nähe das Gekläff eines Hundes . Augenblicklich richtete sich Flora auf , und der ganze kalte Hochmut , der ihr zu Gebote stand , spiegelte sich auf ihrem Gesicht . „ Was geht mich der Verkauf der Spinnerei an ? “ fragte sie verächtlich . „ Macht das mit dem Kommerzienrate aus ! Er wird Euch schon zu antworten wissen . Und nun , marsch aus dem Wege ! Eure Unverschämtheit soll Euch sehr schlecht bekommen – darauf könnt Ihr Euch verlassen . “ Sie streckte den Arm mit einer herrischen Geberde gegen die Umstehenden aus , aber das große , starke Weib ergriff die feinbekleidete Hand , als sei sie zu einem freundschaftlichen Druck geboten , und schüttelte sie derb , mit gutgespielter Treuherzigkeit ; dabei lachte sie aus vollem Halse , und die Anderen stimmten johlend ein . „ Fräulein , Sie kriegen ja Courage , wie ein Gensd ’ arm – wohl , weil dort drüben “ – sie zeigte mit dem Daumen über die Schulter zurück – „ ein Hund gebellt hat ? Das ist dem Kreiser Sonnemann sein Dachsel ; ich kenn ’ ihn an der Stimme , und der alte Sonnemann ist stocktaub , und sein Dachsel geht nicht von ihm weg . Die gehen miteinander nach Oberndorf in die Schenke , wie jeden Nachmittag . Hierher kommen sie nicht – da seien Sie ganz ruhig ! Und es geht Sie wirklich nichts an , Sie schönes Frauenzimmer , Sie , daß die Spinnerei verkauft worden ist ? Wer ’ s glaubt ! Man braucht Sie nur anzusehen , da weiß ein Jeder gleich , wo Barthel Most holt . Sie und die alte Madame regieren und kommandieren , und der Kommerzienrat hat blos zu gehorchen , und weil er nun reich genug ist , da sollen die gemeinen Leute , die ihm das Geld verdient haben , abgeschüttelt werden wie Ungeziefer . Na , ändern können wir ’ s freilich nicht , aber bedanken wollen wir uns doch bei Ihnen , Fräulein . “ Sie rückte näher , und der funkelnde Blick aus ihren kleinen , schiefen Augen hatte etwas katzenartig Grausames . Flora schlug entsetzt die Hände vor das Gesicht . „ Gott im Himmel , sie wollen uns ermorden , “ stöhnte sie tonlos mit bebenden Lippen . Der ganze Chor lachte . „ Denken Sie nicht daran , Fräulein ! “ sagte die Frau . „ So dumm sind wir nicht . Da geht ’ s uns ja selbst , “ sie strich sich bezeichnend mit der Hand unter dem Kinne weg , „ an den Kragen ; was haben wir davon ? Nur einen kleinen Denkzettel sollen Sie haben . “ Flora griff plötzlich , wie infolge einer plötzlichen Eingebung , in die Tasche ihres Kleides , öffnete ihr Portemonnaie und schüttete den ganzen Inhalt , Gold und Silber , auf die Erde . Sofort erweiterte sich der Kreis , und die Vordersten , meist Knaben , waren im Begriffe , sich über das Geld herzustürzen . „ Untersteht Euch ! “ schrie die Große und stellte sich mit ausgestreckten Armen zurückdrängend vor sie hin , daß sie wie eingekeilt standen . „ Dazu ist ’ s nachher auch noch Zeit . Nachher , Fräulein , “ wandte sie sich bedachtsam und ironisch höflich an die schöne Dame , „ erst den Denkzettel ! “ „ Hüten Sie sich , uns zu berühren ! “ sagte Käthe . Sie behielt vollkommen ihre Fassung , während beide Schwestern dem Umsinken nahe waren . „ Ach Sie ! Was mischen Sie sich denn da hinein ? – Vor was soll ich mich denn hüten ? Ein paar Wochen brummen , “ sie machte eine wegwerfende Bewegung , „ das läßt man sich schon einmal gefallen , und mehr geben sie Einem beim Gerichte nicht für – na , für eine Ohrfeige , oder ein paar Schrammen im Gesichte . Und die sollen Sie haben , Fräulein , so gewiß wie ich dastehe , “ wandte sie sich mit erhöhter Stimme an Flora . „ Ich will Ihre schneeweiße Haut malen , daß Sie zeitlebens an mich denken . Sie sollen ein Gesichtchen kriegen , so schöngestreift wie ein Tigerthier in der Menagerie . “ Blitzschnell hob sie die Hände , um mit den schmutzigen Nägeln Flora ’ s Gesicht zu zerkratzen ; allein ebenso rasch griff Käthe zu . Mit einem einzigen Rucke packte sie die knochigen Fäuste und stieß das Weib zurück , daß der wuchtige Körper taumelnd eine Bresche in die Menschenmauer schlug . Und nun entstand ein unbeschreiblicher Tumult . Wie ein wüthend gereizter Bienenschwarm stürzte sich die Menge auf das große , kraftvolle Mädchen , das leichenblaß , aber hochaufgerichtet dastand , die Schwestern mit ihrem Leibe deckend . Flora war zu Boden gesunken ; sie umklammerte , halbTot vor Angst , den Kieferstamm und drückte das bedrohte Gesicht an seine Rinde . Das herabfallende weiße Hütchen wurde unter den Füßen der Angreifer zerstampft . „ Hülfe , Hülfe ! “ schrie Henriette mit übermenschlicher Anstrengung , während alle Hände nach Käthe griffen ; schon hing die schwarze Spitzenpelerine in Fetzen von ihren Schultern . Der Hut wurde ihr vom Kopfe gerissen , und die Flechten fielen gelöst über den Rücken hinab ; da kreischte der Junge , der abermals seine Hände auf Henriettens Mund gepreßt hatte , wild auf . „ Herr Jesus , was ist denn mit der da ? “ schrie er und wühlte sich durch das Gemenge , um zu entfliehen . Ein Blutstrom quoll über die Lippen der Kranken , die mit versagenden Blicken und tastenden Händen nach einer Stütze griff , aber Alles wich scheu zurück . Blut ! … Im Nu zerstob die Menge nach allen Richtungen hin . Im Gebüsche rauschte und knackte es , wie wenn ein Rudel Wild durchbricht , dann war es still , als sei das wilde Heer , das sich eben noch so wüthend geberdet hatte , im Waldboden versunken . Und wenn auch da und dort der Kopf eines Jungen aus dem Gestrüpp lugte , um die Stelle , wo das Geld auf der Erde verstreut lag , nicht aus den Augen zu verlieren , so geschah das vorsichtig und vollkommen lautlos . Käthe hatte die Schwester in den Armen aufgefangen und ließ sich mit ihr zu Boden gleiten . Sie lehnte sich mit dem Rücken an die Kiefer und bettete den Kopf der Kranken an ihrer Brust . In dieser Lage hörte das Blut allmählich auf zu strömen . „ Hole Hülfe ! “ sagte sie , ohne die weinenden Augen von dem Totenähnlichen Gesichte der Kranken wegzuwenden , zu Flora , die in Angst und Ungeduld auf die Gruppe niedersah und ihre krampfhaft verschränkten Hände gegen den Busen drückte . „ Bist Du wahnsinnig ? “ fuhr sie mit gedämpfter Stimme auf . „ Soll ich der Meute geradewegs in die Hände laufen ? Allein rühre ich mich nicht von der Stelle . Wir müssen versuchen , Henriette fortzuschaffen . “ Käthe sagte kein Wort ; sie sah , daß sie an diesen grenzenlosen Egoismus vergebens appellierte . Nach verschiedenen vorsichtigen Manipulationen , bei denen Flora behülflich war , stand sie endlich auf den Füßen und trug Henriette wie ein Kind auf dem Arme ; der Kopf der noch immer Bewußtlosen ruhte auf ihrer Schulter . Sie glitt förmlich über den Boden und wich dem kleinsten Steine aus , um jede gefahrbringende Erschütterung zu vermeiden . Diese Bemühungen erschwerten ihr die Last bedeutend , aber stehen bleiben und nur einmal tief Athem schöpfen durfte sie nicht . „ Ruhe aus , so lange Du Lust hast , wenn wir draußen im freien Felde sind – nur hier nicht , wenn Du nicht willst , daß ich vor Angst sterben soll ! “ sagte Flora in gebieterischem Tone . Sie ging dicht an Käthe ’ s Seite , mit hochgehobenem Kopfe und ihrer gewohnten imposanten Haltung , aber unausgesetzt das verrätherische Gebüsch am Wege scheu beobachtend , um bei dem geringsten verdächtigen Geräusche die Flucht zu ergreifen . – Wo war die „ Soldatencourage “ , die Henriette heute ironisch betont hatte ? Wo die stets so geflissentlich zur Schau getragene Konsequenz und Sicherheit , der schroff männliche Geist ? Käthe sagte sich in dieser schweren Stunde ernster Erfahrung , daß da , wo bei der Frau das edel weibliche Denken , Empfinden und Streben aufhört , die – Komödie beginnt . 11. Endlich standen sie draußen auf dem weiten , sonnigen Felde . Käthe stützte sich für einen Augenblick auf einen hohen Grenzstein , den eine mächtige Eiche überwölbte , während Flora einige Schritte weiter hinaustrat , um den „ entsetzlichen “ Wald möglichst weit hinter sich zu haben . Die Gefahr war vorüber . Weit drüben auf dem Ackerlande arbeiteten Leute . Sie hätten nöthigenfalls einen Hülferuf hören können ; man sah die Thürme der Stadt , und dort lief der Weg nach dem Parkthore der Besitzung Baumgarten . Aber Käthe ’ s Augen hingen an einem Punkte , den Flora nicht sah , an dem niedrigen Dache mit den hohen Schlöten und den vergoldeten Windfahnen , das so friedlich aus dem Walde von Obstbäumen auftauchte . Sie konnte deutlich das Staket erkennen , das den Garten umschloß ; es lag weit näher als das Parkthor , und dahin lenkte sie nach kurzem Ausruhen schweigend ihre Schritte . „ Nun , wo hinaus ? “ rief Flora , die bereits auf dem Wege nach dem Parke schritt . „ Nach Doktor Bruck ’ s Haus , “ versetzte das junge Mädchen , ruhig und unbeirrt weitergehend . „ Es liegt am nächsten ; dort finden wir vor allen Dingen ein Bett , auf das ich Henriette niederlegen kann , und möglicher Weise auch sofortige Hülfe . Vielleicht ist der Doktor gerade zu Hause . “ Flora runzelte die Brauen und zögerte , aber sei es , daß sie das rachedürstende Weib mit den gekrümmten Fingern immer noch nahe auf ihren Fersen wähnte , oder daß sie fürchtete , zwischen dem Parkthore und dem Walde ohne Hut und in ihrer derangierten Toilette Spaziergängern zu begegnen – sie kam schweigend herüber . So ging es über das offene Feld hin . Für Käthe war die Aufgabe eine namenlos anstrengende . Der selten betretene Weg durch den weichen Ackerboden war voller Löcher und sehr steinig ; bei jedem Fehltritte , den sie machte , fühlte sie aus Furcht vor einer Wiederkehr des schrecklichen Anfalles ihr Blut fast erstarren . Dabei brannte die Sonne , sengend wie im August , auf ihrem unbedeckten Scheitel ; von Zeit zu Zeit schwamm die Welt in einem unheimlich rotgelben Lichte vor ihren Augen , und dann glaubte sie , vor Erschöpfung zusammenbrechen zu müssen , aber in solchen Momenten heftete sich ihr Blick um so fester auf des Doktors Haus ; es rückte ja immer näher , das liebliche Bild des ländlichen Friedens und der erquickenden Ruhe . Sie sah nun schon vollkommen klar und deutlich , wie hinter dem Staket emsig hantiert wurde , und bei aller Angst und Ermüdung kam ihr doch ein leises Gefühl der Freude . Der Mann in Hemdsärmeln nagelte dort aus Fichtenästen eine Laube zusammen , eine Laube für die Tante Diakonus . Die alte Frau konnte die weinbewachsene Hütte im kleinen Pfarrgarten nicht vergessen und hatte seitdem nie wieder so im Grünen sitzen dürfen – welche Freude nun für ihr genügsames Herz ! Und jetzt kam sie selbst die Thürstufen herab , im weißen Häubchen , die blauleinene Küchenschürze vorgebunden , und brachte auf einem Teller dem Arbeiter sein Vesperbrod . Sie sprach eifrig mit dem Manne ; Beiden fiel es nicht ein , über das Staket ins Feld hinaus zu sehen . Käthe überlegte eben , ob sie nicht doch um helfende Hände hinüberrufen sollte – in demselben Augenblicke kam auch der Doktor vom Hause her . „ Bruck ! “ rief Flora mit dem ganzen frischen Silberklange ihrer Stimme über das Feld hin . Er blieb stehen und starrte einen Augenblick nach der seltsamen Gruppe , die sich auf ihn zu bewegte ; dann stieß er die Thür im Stakete auf und stürmte hinüber . „ Mein Gott , was ist denn geschehen ? “ rief er schon von Weitem . „ Ich bin einem tollen Mänadenschwarme in die Hände gefallen , “ antwortete Flora bitter lächelnd , aber auch ganz wieder mit jener Geringschätzung und stolzen Nachlässigkeit , die sich durch Nichts in der Welt aus der Fassung bringen lassen . „ Das Gesindel hat mit seinen Drohungen Ernst gemacht ; ich war in Lebensgefahr , und das arme Ding da , “ sie zeigte auf Henriette , „ hat vor Aufregung darüber einen Blutsturz bekommen . “ Er sah nur von der Seite zu ihr hinüber – sie stand ja heil und unversehrt da – und griff mit beiden Armen zu , um Käthe die Kranke abzunehmen . „ Sie haben sich übermenschlich angestrengt , “ sagte er , und seine Augen streiften besorgt ihre ganze Erscheinung . Man sah , wie ein nervöses Schütteln durch ihren Körper ging ; sie biß krampfhaft mit den Zähnen die Unterlippe , und ihre Wangen glühten , als wollte das erhitzte Blut die zarte Sammethaut zersprengen . … Und daneben stand Flora ruhig atmend , und auf ihrem schönen Gesicht lag nur die duftige , verklärende Röthe der seelischen Erregung . „ Du hättest Deiner Schwester die Last nicht allein überlassen sollen , “ wandte er sich an seine Braut , indem er die bewußtlose Henriette behutsam weiter trug . Bruck , wie kannst Du das von mir verlangen ? “ rief sie beleidigt . „ Uebrigens bedurfte es dieser Zurechtweisung Deinerseits durchaus nicht , mein Freund , “ setzte sie sehr scharf hinzu ; „ ich kenne meine Pflicht und wäre sehr gern aus eigenem Antriebe bereit gewesen , Henriette zu tragen , hätte ich mir nicht selbst sagen müssen , daß das bei meinem schwachen Körperbau geradezu Wahnsinn sei , und wäre Käthe nicht eine solche urgesunde , robuste Walkürennatur , die eine derartige Anstrengung sicher nicht anficht . “ Er antwortete ihr mit keiner Silbe und rief der herbeieilenden Tante zu , rasch ein Bett herzurichten . Diese lief , so schnell sie konnte , in das Haus zurück , und als die Ankommenden den Flur betraten , da stand sie schon an der geöffneten Thür eines nach Westen gelegenen Zimmers und winkte stumm und mit bestürzter Miene , da einzutreten . Es war ihre Fremdenstube , ein von glänzendem Tageslichte erfüllter , ziemlich großer Raum mit ausgetretenen Dielen , verschabten , einst rosa angestrichenen Wänden und einem Ofenungethüm von schwarzen Kacheln . Die neuen , mit Rosen bedruckten Kattunvorhänge an den zwei Fenstern waren vielleicht der einzige Luxus , den sich die Tante Diakonus beim Umzuge gestattet hatte . Am Kopfende des Bettes stand ein uralter , mit chinesischen Figuren beklebter Bettschirm , und rings an den Wänden hingen schwarzeingerahmte , nicht besonders künstlerisch ausgeführte Szenen aus der lieblichen Idylle „ Louise “ von Voß . Eine köstlich reine , mit Lavendelduft gemischte Luft wehte die Eintretenden an . Auf der jugendlichen Stirn des Doktors lag ernste Besorgniß . Es dauerte sehr lange , bis sich unter seinen Bemühungen Henriettens Augen zu einem umschleierten Blicke öffneten . Sie erkannte ihn sofort , aber ihre augenblickliche Schwäche war so groß , daß sie die Hand nicht von der Bettdecke zu heben vermochte , um sie ihm zu reichen . Er hatte den Gartenarbeiter in die Villa Baumgarten geschickt , um die Präsidentin von dem Vorgefallenen zu benachrichtigen – sie kam sogleich . Bis dahin war im Krankenzimmer kein Wort gefallen . Flora stand in dem einen Fenster und starrte in die Gegend hinaus , und in dem anderen saß Käthe , die Hände in den Schooß gefaltet und den Blick auf das Bett geheftet , während die Tante geräuschlos ab- und zuging , um dem Doktor Alles herbeizubringen , was er brauchte . Die Präsidentin sah sehr verstört aus ; sie erschrak sichtlich , als sie Henriettens Gesicht so wachsbleich auf dem Kissen liegen sah , und mochte wohl das Schlimmste befürchten , weil die Kranke bei ihrer sanften Anrede die Wimpern nicht hob . Henriette hatte die Augen in dem Moment wieder geschlossen , als ihre Großmutter auf die Schwelle getreten war . „ Sagt mir um ’ s Himmelswillen , wie das gekommen ist ! “ rief die alte Dame ; ihre weiche , vornehm moderierte Stimme klang förmlich erschreckend laut in die bisher beobachtete Stille hinein . Nun trat Flora aus dem Fenster und erzählte . Sie schilderte ergrimmt , mit drastischer Deutlichkeit die Szene im Walde ; ihrer Darstellung nach hatte sie selbstverständlich keinen Augenblick den Mut und die Geistesgegenwart verloren , aber einer Schaar von mindestens zwanzig Furien gegenüber brauche der stärkste Geist alle seine Kraft , um nicht vor Ekel und Abscheu zu erliegen , versicherte sie . Die Präsidentin ging währenddem ganz außer sich auf und ab ; sie bemerkte in ihrer Erregung nicht einmal , daß ihre Seidenschleppe auf dem faserigen Dielenboden jenes monoton schrille Geräusch machte , das für leidende Nerven zur Tortur werden kann . „ Was sagt ‚ der Menschenfreund ‘ nun dazu ? “ fragte sie endlich stehenbleibend , und aus ihren halbzugesunkenen Augen zuckte es wie ein mörderischer Blick nach dem Doktor hin . Er schwieg mit jener ruhigen Milde , die sein jugendlich schönes Gesicht so geistig überlegen erscheinen ließ . Henriettens Hand in der seinen haltend , schien er nur Augen für das schwach pulsierende Leben zu haben , das jeden Augenblick in das Nichts zerrinnen konnte . Die alte Dame trat wieder an das Bett und bog sich mit zurückgehaltenem Athem über die Kranke . „ Herr Doktor , “ sagte sie nach einem momentanen Zögern , „ der Zustand scheint mir sehr bedenklich – wollen wir nicht doch endlich einmal meinen alten , erfahrenen Freund und Hausarzt , den Medicinalrath von Bär , zu einer Konsultation herbeiziehen ? – Sie dürfen mir das nicht verargen . “ „ Nicht im Geringsten , Frau Präsidentin , “ sagte er , die aufzuckende Hand der Kranken auf die Bettdecke legend . „ Es ist sogar meine Pflicht , Alles zu tun , was zu Ihrer Beruhigung dienen kann . “ Er erhob sich ruhig und verließ das Zimmer , um nach dem verlangten Arzte zu schicken . „ Mein Gott , was für einen Streich habt Ihr gemacht , Henriette hierher zu bringen ! “ schalt die Präsidentin hastig , mit gedämpfter Stimme , sobald sich die Thür hinter dem Hinausgehenden geschlossen hatte . „ Daran ist Käthe ’ s Weisheit schuld , “ versetzte Flora erbittert . „ Ihr mache den Vorwurf , daß wir nun möglicherweise gezwungen sind , in dem verkommenen Neste hier wochenlang verkehren zu müssen “ – ihre Augen streiften zornig das schweigende Mädchen im Fenster . „ Und welche Indolenz , das arme Geschöpf so zu betten , daß sie bei jedem Augenaufschlag das schwarze Ungeheuer von Ofen vor sich hat ! Dazu diese Fratzen an den Wänden – man könnte sich fürchten . “ Die alte Dame wandte ihr bei diesen naiven Darstellungen den Rücken und untersuchte das Bett . „ Das Lager scheint passable zu sein ; das Leinen wenigstens ist weiß und weich , aber ich werde doch Henriettens seidene Steppdecke herüberschicken ; ebenso einen bequemen Fauteuil für den Medicinalrath , vor allen Dingen aber anderes Waschzeug . – Steingut ! “ sagte sie verächtlich und schob das saubere Geschirr auf dem Waschtische zusammen , um für das kommende gemalte und vergoldete Porzellan Platz zu machen . „ Gott , wie erbärmlich leben doch solche Leute ! Und das fühlen sie nicht einmal – wünschest Du etwas , mein Engel ? “ unterbrach sie sich mit sanfter Stimme und trat wieder an das Bett . Henriette hatte langsam den Kopf aufgerichtet und einen sprühenden Blick um sich geworfen ; jetzt lag sie schon wieder mit geschlossenen Augen da , aber ein Anschein von Kraft war insoweit zurückgekehrt , als sie die Hand der Großmama , die streichelnd ihre Rechte berührte , wegzuschieben vermochte . „ Eigensinnig , wie immer ! “ seufzte die Präsidentin und setzte sich auf den Stuhl neben dem Bette . Der Medicinalrath ließ nicht lange auf sich warten , aber er kam ganz konsterniert . Er konnte sich anfänglich durchaus nicht d ’ reinfinden , seine alte Freundin im Hause am Flusse zu sehen , bis man ihm in flüchtigen Umrissen das Vorgefallene mittheilte . Er war ein hübscher alter Herr , spiegelblank vom Kopfe bis zur Zehe und von hochmüthig zurückhaltenden Manieren . Er war Leibarzt des regierenden Fürsten , hatte für seine Verdienste den Adel , eine hübsche Anzahl Orden , Brillanten und goldene Schnupftabaksdosen erhalten , und draußen an der Brücke hielt seine prächtige Equipage . „ Fatal , sehr fatal ! “ sagte er mit bedenklicher Miene an das Bett tretend . Er beobachtete die Kranke minutenlang , dann fing er an , die kranke Brust zu beklopfen . Er that das zwar vorsichtig , aber die Patientin stöhnte dennoch auf ; die wiederholte Berührung verursachte ihr offenbar Schmerz . Doktor Bruck stand schweigend mit untergeschlagenen Armen neben ihm . Er zuckte mit keiner Wimper ; allein bei dem ersten Jammerlaute Henriettens zogen sich seine Brauen unwillig zusammen ; in diesem vorgerückten Stadium der Krankheit war eine so anhaltende , gründliche Untersuchung vollkommen überflüssig . „ Darf ich Ihnen meine Beobachtungen mittheilen , Herr Medicinalrath ? “ fragte er mit gelassener Stimme , aber nachdrücklich , um ein Ende zu machen . Der alte Herr schielte seitwärts empor . Für den bittersten , gehaßtesten Feind gab es keinen giftigeren Blick , als der aus den tiefliegenden Augen des vornehmen Arztes schoß . „ Erlauben Sie , daß ich mich persönlich überzeuge , Herr Kollege ! “ antwortete er kalt und setzte seine Untersuchungen fort . „ So , nun stehe ich zu Ihrer Verfügung , “ sagte er einige Augenblicke später . Er trat vom Bett zurück und folgte dem Doktor , der die Thür öffnete , in das Eck- und Arbeitszimmer . Gleich darauf hob Henriette die Wimpern . Auf ihren Wangen lag das gefährliche Rot innerer Aufregung , und sie verlangte mit fast heftigen Geberden und Worten nach ihrem Arzte , dem Doktor Bruck . Die Präsidentin vermochte kaum ihren Aerger über „ den bodenlosen Eigensinn “ zu unterdrücken ; allein sie ging ohne Widerrede , um den Wunsch der Kranken zu erfüllen . Sie kam auch durchaus nicht zu früh , wie sie gefürchtet . Der Herr Medicinalrath hatte jedenfalls von den Beobachtungen des jungen Arztes keinen Gebrauch zu machen gewußt , und noch weniger war er auf eine Beratung eingegangen – er setzte sich eben an den Arbeitstisch des Doktors , um ein Rezept zu verschreiben . Doktor Bruck verließ sofort das Zimmer , und die Präsidentin trat zu ihrem alten Freunde , um sein Urtheil zu hören . Er war ziemlich spitz und verstimmt , sprach von total verfehlter Behandlung des Leidens und warf den Vorwurf hin , daß man immer erst in den gefährlichsten Momenten „ vor die rechte Schmiede gehe “ . Die Großmama habe längst Henriettens eigensinniges Köpfchen brechen und den alten Hausarzt , der sie doch in ihrer Kindheit behandelt , zu Rathe ziehen müssen . In solchen Fällen sei eine Rücksicht , wie die auf Flora ’ s Bräutigam genommene , geradezu gewissenlos . „ Vor allen Dingen müssen wir jetzt sehen , daß wir das arme Kind so schnell wie möglich in sein eigenes , bequemes und elegantes Schlafzimmerchen bringen , meine Gnädigste , “ setzte er hinzu . „ Sie wird sich in ihrer gewohnten Umgebung wohler fühlen ; auch bin ich dann sicher , daß meine Anordnungen strict befolgt werden , was hier voraussichtlich nicht der Fall sein würde . “ Er tauchte die Feder ein – da fiel sein Blick auf ein geöffnetes , elegantes Kästchen , das mitten unter den Büchern und Schreibmaterialien stand ; es mochte kaum erst ausgepackt worden sein , denn die Emballage lag noch daneben . Die Frau Präsidentin hatte das blühende Gesicht ihres „ bewährten Freundes “ noch nie so lang , noch nie so unbeschreiblich , bis zur Geistlosigkeit verdutzt gesehen , wie in diesem Augenblicke ,