deinen Wunsch und Willen , der eine innere Ausgleichung zurückweist ... Trotz alledem müssen wir und doch der Welt als friedliches Ehepaar präsentieren , « fuhr er , wieder in seine leicht frivole Ausdrucksweise verfallend , fort , » und darum habe die Güte , deine Fingerspitzen auf meinen Arm zu legen , wenn wir die Treppen hinabsteigen . « 12. Zwei Equipagen waren drunten vorgefahren ; in der ersten , die am Fuß der Freitreppe hielt , saßen die allerhöchsten Herrschaften ; die zweite , in ehrerbietiger Entfernung haltende hatte den Prinzenerzieher und die Hofdame gebracht . Noch hatte sich die Herzogin nicht erhoben , um auszusteigen ; sie streckte huldvoll und herzlich dem Hofmarschall die Hand entgegen und war mitten in einem Redesatze , der ihre Freude über sein Wiedererstandensein von dem bösen Gichtanfall aussprach , als Mainau mit seiner jungen Frau droben auf der Treppe erschien . Ein Feuerblick aus den schwarzen Augen flog hinauf – einen Moment stockten die Worte auf den Lippen der fürstlichen Frau ; sie wandte hastig , wie überrascht und fragend den Kopf nach der Hofdame , die bereits ausgestiegen und an den Wagenschlag der herzoglichen Equipage getreten war und nun auch tiefbetroffen die näher kommende junge Dame fixierte – dann aber wurde der unterbrochene Satz rasch mit einer graziösen Handbewegung zu Ende gesprochen , und die Herzogin verließ , vom Hofprediger unterstützt , den Wagen . Ja freilich , wer hätte auch denken können , daß die graue , ängstlich in die Wagenecke gedrückte » Nonne « in so majestätischer Weise die Herrin von Schönwerth repräsentieren werde , wie sie jetzt mit rauschender Schleppe , die Hand auf den Arm ihres Mannes gelegt , herniederstieg ? Wer hätte gedacht , daß diese Frau den Fluch der verpönten Haarfarbe so unbefangen trage , um das flimmernde Rot in seiner ganzen Flechtenwucht über den Rücken hinabfallen zu lassen , und daß das Sonnenlicht in Schönwerth so schmeichlerisch und lügenhaft diese wogenden , rotlockigen Massen zu einem wie aus Goldspitzen gewobenen Glorienschein über der Stirn wandeln werde ? Die zwei Frauen standen sich gegenüber . Man sagte der Herzogin nach , sie bemühe sich , nach Ablegen der Trauer , in außerordentlich frischen und hellen Toiletten noch einmal die Mädchenjugend heraufzubeschwören , und das bestätigte sich heute in auffallender Weise . Sie war in rosenfarbene Seide gehüllt , die ein weißer , kleiner Spitzenfichu bedeckte – auf dem runden Brüsseler Strohhütchen steckte ein Strauß von Apfelblüten . Einen Augenblick senkte es sich wie ein Schatten über die Züge der fürstlichen Frau – die klugen , stahlfarbenen Augen begegneten den ihren in so stolzer Unbefangenheit , und die Taufrische dieses jungen Gesichts ließ sich auch in allernächster Nähe absolut nicht wegleugnen – aber ein Seitenblick auf Baron Mainau machte sofort das sonnige Lächeln um ihre Lippen wieder aufstrahlen . Die Leute hatten recht , wenn sie behaupteten , er habe ohne jegliche Spur von Neigung gewählt . Er stand kalt , wie eine Marmorstatue neben seiner jungen Frau , die sich bei seinen sie kurz und frostig vorstellenden Worten ehrerbietig , jedoch nicht allzu tief , verneigte und der Herzogin das Boukett übergab . Es wurde sehr huldvoll entgegengenommen , und die Herzogin hätte sich vielleicht noch mehr in jenen liebenswürdigen Phrasen erschöpft , welche die meisten als Reliquien eines solchen Vorstellungsmomentes zeitlebens im innersten Herzensschrein aufbewahren , wäre nicht ihr Blick auf den Hofmarschall gefallen – er stand hilflos zusammenknickend , mit fest aufeinandergebissenen Zähnen da , fahl wie ein Gespenst . » Ich habe meine Kräfte überschätzt , « stammelte er , » und bin untröstlich , um die Gnade bitten zu müssen , daß ich mich eines Fahrstuhles bedienen darf . « Auf einen Wink der Herzogin wurde das Möbel gebracht , und der Kranke sank hinein – ein bitterer Augenblick für den Mann , der einst vielbegehrt und gefeiert auf leichten Höflingssohlen die Gestirne des Hofes umschwebt hatte . Kreischend rollte der schwere Stuhl über den Kies nach dem Park , dem ja heute der Besuch der fürstlichen Gäste galt ... Die schöne , rosenfarben-strahlende Herzogin rauschte plaudernd an Mainaus Arm vorüber – noch nie hatte sie sich so zwanglos heiter und angeregt gezeigt , und doch saß der Mann , der einst gemeint , einzig durch seine glänzende Unterhaltungsgabe diesen stolzen , zurückhaltenden Frauengeist Funken zu entlocken , schweigend in seinem Stuhl – er war vergessen . Die Prinzen stürmten mit Leo jubelnd vorbei – sonst hatten sie sich an die Frackschöße des Hofmarschalls gehangen , ohne ihn war kein Spiel zustandegekommen – jetzt war es so selbstverständlich , daß er alt und siech dahinrollte und plötzlich zum Statisten wurde auf seinem eigenen Grund und Boden – eine niederschmetternde Erfahrung für ein gefeiertes Höflingstalent , noch lebend zu den Toten geworfen zu werden ! ... Und zu alledem schritt auch noch der » Rotkopf « dort so anmaßend und selbstbewußt als Herrin von Schönwerth dahin , ja , der alte Höfling sagte sich erbittert , daß sich diese Gräfin von Habenichts wahrhaftig vermesse , größer , edler und vornehmer in der Haltung zu sein , als die Frau Herzogin selbst – er hätte ersticken mögen vor Aerger und Ingrimm ! » Mit Verlaub , meine Gnädigste ! « rief er in schneidenden Tönen der jungen Frau zu , als sie sich im Vorübergehen bückte , um eine kleine , in den Samtrasen verirrte Kartäusernelke zu pflücken . » Heute werden keine Orchideen oder sonstiges Unkraut für Rußland gesammelt ! « Mainau fuhr mit dunkelrotem Gesicht herum – er hatte vielleicht eine scharfe Replik für den Hofmarschall auf den Lippen ; aber nach einem Blick auf die junge Frau , die so » hochmütig schweigend « und gelassen die kleine , rote Blume in den Gürtel steckte , zuckte er wie in grollender Ungeduld die Achseln und nahm , rasch weitergehend , das unterbrochene Gespräch mit der Herzogin wieder auf . Der Parkteil , in welchem das köstliche Schönwerther Obst gezogen wurde , lag neben dem indischen Garten , im Schutze der Berge , deren glückliche Gruppierung es möglich machte , in kühler , spröder Zone ein Stück indischer Wunderwelt am Leben zu erhalten . Die konzentrierten Sonnenstrahlen , die hier , unbehelligt von Nord- und Weststürmen , den Schaft der Bananen hoch in die Lüfte trieben , reiften auch Prachtexemplare von Pfirsichen , die empfindlichsten Trauben- und Obstsorten an Spalieren und Kordons und auf den Pyramidenstämmchen , die gruppenweise in weiten Rasenflächen standen . Diese Anlagen , die allerdings mehr den Gaumen als das Auge reizten , liefen schließlich in den Wald aus – selbstverständlich nicht sofort in die uralte , prächtige Wildnis , wie sie tiefer hinein und höher hinauf mit ihrem wirren Gestrüppe und Unterholz einer Fahrstraße widerwillig Raum gab – eine bedeutende Strecke noch schlängelten sich die hellen saubergehaltenen Linien der Fußwege um die Stämme , und unter der ersten Ahorngruppe breitete sich eine weiße , kühlbeschattete Kiesfläche hin . Auf dieses Kiesrund sah auch die Giebelseite des sogenannten Jägerhäuschens . Es war ein hübscher , kleiner Bau aus Ziegelsteinen mit blanken Fenstern und den obligaten Hirschgeweihen auf dem Dache und konnte gewissermaßen als eine Station zwischen dem Schlosse und dem eigentlichen , zur Schönwerther Herrschaft gehörigen Forsthause gelten , das , über eine halbe Wegstunde entfernt , tief und einsam im Walde lag . In diesem Häuschen war ein Jägerbursche mit den Jagdhunden einquartiert ; Mainaus reicher Gewehrschrank stand unter seiner Kontrolle , und bei Festivitäten figurierte er in Galauniform als Jäger des Herrn Barons . Sollte ein wenig Idylle gespielt werden , dann verlegte man sie unter die Ahorngruppe vor dem Jägerhause – es war einer der lieblichsten Punkte von Schönwerth ; man atmete unverfälschte Waldluft und sah doch den farbensprühenden Hindutempel inmitten einer fremdartigen Vegetation herüberschimmern , während sich fern die Zinnen und Mosaikdächer des Schlosses in mittelalterlicher Romantik über den köstlichen Baumschlag der vorderen Parkpartien malerisch erhob . Bei solchen Festen mit ländlichem Anstriche funktionierte auch niemals der Schloßkoch in Person – da stand Frau Löhn am schneeweißen Kachelherde des Jägerhäuschens und kochte Kaffee . Das war seit Jahren hergebracht , und die breitschultrige Gestalt im unsterblichen schwarzseidenen Staatskleide durfte unter der Thür des Hauses so wenig fehlen , wie die kläffenden oder faul in den Sand hingestreckten prächtigen Rüden ... Das ernsthafte Gesicht unter der Haube mit den stereotypen schottischen Bändern lachte zwar niemals , und der » Hofknix « fiel stets zum Erbarmen aus ; aber der Kaffee war delikat und alles , was aus den Händen der Frau kam , so sauber und appetitlich auf köstlichem Weißzeuge geordnet , daß man ihr herbes , mürrisch trockenes Wesen stillschweigend mit in Kauf nahm . War es heute schwüler als sonst in der kleinen Küche , oder hatte ihr das Arrangement viel zu schaffen gemacht – die Frau sah echauffiert aus , und wäre es bei diesem ausgesprochen harten Charakter nicht fast undenkbar gewesen , man hätte meinen können , sie habe geweint , so fieberhaft glimmend lagen die Augen unter der stark gewölbten Stirn . » Sind Sie krank , liebe Löhn ? « fragte die Herzogin leutselig . » Ei , beileibe nicht , Hoheit ! Danke unterthänigst für gnädige Nachfrage – frisch und gesund wie ein Fisch im Wasser ! « versetzte sie fast erschrocken mit einem raschen Seitenblicke nach dem Hofmarschall ... Sie brachte eine Anzahl weißer , feingeflochtener Weidenkörbchen , die von den kleinen Prinzen sofort mit Beschlag belegt wurden . Der Kaffeetisch blieb für den ersten Moment verödet ; die Kinder stürmten in die Obstplantage , und in ehrerbietiger Entfernung stand der Schloßgärtner und sah in stiller Verzweiflung zu , wie die kleinen Vandalen ohne Auswahl und Schonung die aufopfernd gepflegten Spaliere plünderten und das feine Obst polternd in die Körbe warfen . Der Hofmarschall hatte sich auch hinüberrollen lassen – es mußte gehen , der klägliche Eindruck seiner Hilflosigkeit mußte verwischt werden , und sollte es unter tausend Martern geschehen . Er erhob sich und stelzte ein großes , üppig belaubtes Weinspalier entlang , das bis an das Drahtgitter des indischen Gartens lief . Wirklich glückte es ihm , zu Fuße und in ziemlich strammer Haltung den Kaffeetisch wieder zu erreichen , an welchem sich die Herzogin eben niedergelassen hatte . Mit eitlem Lächeln überreichte er ihr in einem Körbchen mehrere von ihm selbst abgeschnittene Frühtrauben – aber das Lächeln erlosch plötzlich ; er wurde rot vor Schrecken . » Mein Ring ! « rief er aufgeregt ; er warf hastig das Körbchen auf den Tisch und besah den dünnen Zeigefinger seiner Rechten , an welchem vor wenigen Minuten noch ein kostbarer Smaragd gefunkelt hatte . Alle , mit Ausnahme der Herzogin , sprangen auf und suchten . Der Ring , » der immer so fest gesessen hatte « , wie der Hofmarschall klagend versicherte , war von dem mager gewordenen Finger jedenfalls beim Traubenpflücken niedergeglitten und zwischen dem Weinlaube versunken – aber wie aufmerksam man auch suchte , er fand sich nicht . » Das Schloßgesinde wird später unter meiner speziellen Aufsicht das Suchen fortsetzen , « sagte Mainau , an den Tisch zurückkehrend – aus Etiketterücksichten mußte dieses fatale Intermezzo abgekürzt werden . » Ja später – wenn er in irgend einer Rocktasche rettungslos versunken sein wird , « erwiderte der Hofmarschall mit einem finsteren Lächeln . » Traue einer den Domestiken ! Sie verkehren hauptsächlich an diesem Weinspalier – der Hauptweg läuft ja vorüber ... Hoheit mögen verzeihen , wenn mich die Sache ein wenig alteriert ! « wandte er sich bittend an die Herzogin . » Aber der Ring ist mir sehr wertvoll als ein seltsames Vermächtnis Gisberts . Wenige Tage vor seinem Tode übergab er mir denselben in Gegenwart von Zeugen , wobei er die Worte niederschrieb : › Vergiß nie , daß du den Siegelring am 10. September erhalten hast ! ‹ – Er hat ihn mir speziell vererben wollen , und das rührt mich bis auf den heutigen Tag ... Hoheit wissen , daß ich mit diesem Bruder nicht harmoniert , daß ich im Gegenteil seinen stürmischen , gegen die Moral verstoßenden Lebensgang stets entschieden verurteilt habe – aber mein Gott , das Herz behauptet doch seine Rechte . Ich habe ihn trotz alledem lieb gehabt , und deshalb würde mich der Verlust tief schmerzen – « » Abgesehen von dem wirklich fabelhaft hohen Werte des Steines selbst , « warf Mainau trocken hin . Er saß bereits wieder neben der Herzogin , während die anderen eben zurückkamen . » Nun ja doch , in zweiter Linie allerdings – wer wollte das leugnen ? « sagte der Hofmarschall mit affektiertem Gleichmut – fast zugleich aber schob er mit einem Rucke – die Bewegung sah ziemlich desperat aus – seinen Stuhl mehr seitwärts ; von da aus konnte er die ganze Wegstrecke an dem verhängnisvollen Spalier überwachen . – » Der Smaragd ist kostbar und die Gravierung eine selten Arbeit , eine Art Wunder ... Es ist auch ein kleines Geheimnis dabei . In der Nähe des Wappens macht sich ein kleiner Punkt bemerklich – man meint , ein winziger Splitter sei von dem Steine abgesprungen ; unter der Lupe aber tritt einem scharf ausgeprägt ein schöner Männerkopf entgegen . Tief in Wachs oder feinen Lack eingedrückt , gilt dieses Siegel in meinen Augen mehr als eine Namensunterschrift . « » Wir werden jetzt Kaffee trinken und dann gehe ich auch mit suchen , « sagte die Herzogin liebenswürdig . » Der interessante Ring muß sich wiederfinden . « Frau Löhn ging inzwischen mit dem großen silbernen Kaffeebrette herum . Sie verzog eine Miene ; in die eingetretene sekundenlange Stille hinein knisterte ihr Seidenkleid und der Sand unter ihren kräftig ausschreitenden Füßen . Plötzlich klirrte aber auch das Geschirr auf der Platte aneinander , als mache in Zusammenschrecken die Hände der Frau unsicher . Der Hofmarschall , dem sie in diesem Augenblick präsentierte , sah überrascht empor und folgte der Richtung ihres Blickes – Gabriel kam den Weingang herauf . » Was will der Bursche ? « fragte er sie scharf fixierend . » Hab ' keine Ahnung , gnädiger Herr , « versicherte sie bereits wieder sehr ruhig . Gabriel schritt direkt auf den Hofmarschall zu und überreichte ihm mit tiefgesenkten Lidern den verlorenen Ring . – Es waren schön gebogene , schlanke Finger , die das Kleinod zierlich gefaßt hielten – eine fleckenlos saubere Kinderhand , zaghaft und scheu dargeboten – und doch stieß sie der Hofmarschall mit sichtlichem Widerwillen zurück , als sie die seinige leicht berührte . » Stehen da nicht Teller genug ? « schalt er , auf den Tisch zeigend . » Und hast du dir bei deinem Verkehr im Schlosse so wenig Manier angeeignet , daß du nicht einmal weißt , wie man anständigerweise einen Gegenstand überreicht ? ... Wo hast du den Ring gefunden ? « » Er lag am Drahtgitter – ich erkannte ihn gleich – ich habe ihn immer so gern an Ihrer Hand gesehen , « sagte der Knabe schüchtern und gleichsam um Vergebung bittend , daß er den Ring sofort an die rechte Adresse zurückgegeben . » So – in der That ? Sehr schmeichelhaft ! « – Der Hofmarschall wiegte spöttisch den Kopf und steckte den Smaragd an den Finger . » Löhn , geben Sie ihm ein Stück Kuchen und fragen Sie , was er will ! « Die Beschließerin griff in die Tasche und brachte einen Schlüssel zum Vorschein . » Den hast du holen wollen – gelt ? « sagte sie zu Gabriel – er bejahte . » Die Frau will trinken , und ich habe den Himbeersaft eingeschlossen – « » Larifari – es läuft genug Dienerschaft herum . Er konnte herüberschicken ; aber der Mosje ist verwöhnt und meint , er müsse schlechterdings bei allem sein , was im Schlosse vorgeht – und das heute , wo ihm der Herr Hofprediger in Ihrem Beisein die Beteiligung an jedem Vergnügen streng untersagt hat ! Haben Sie das vergessen , Löhn ? ... Er soll sich vorbereiten , « wandte er sich an die Herzogin , » wir haben heute morgen festgestellt , daß er in drei Wochen endlich nach dem Seminar abgeht – es ist die höchste Zeit . « Liane sah überrascht zu der Beschließerin auf . Also darum hatte diese Frau heute morgen vor ihren Augen so eigentümlich zweck- und ziellos in der Wäschekammer hantiert und den feinsten Damast vom groben Gespinst nicht zu unterscheiden gewußt , sie , diese Autorität in Leinenangelegenheiten ! Darum hatte sie den Schlüsselbund verlegt , ein unerhörtes Begebnis ! ... So steinern und stumpf auch diese Frau erschien , so rauh und gefühllos sie auch im Beisein anderer dem Knaben begegnete – Liane hatte längst im stillen vermutet , daß sie ihn abgöttisch liebe ... Jetzt stand sie da , wortlos und dunkelrot im Gesicht – für alle anderen eine geärgerte Frau , die ein unverdienter Vorwurf tief erbittert , in Lianes Augen aber ein angstvolles Mutterherz , das schon die Erwähnung einer gefürchteten Thatsache heftiger schlagen macht . Die Herzogin fixierte den Knaben durch die Lorgnette . » Sie haben den Beruf des Missionars für ihn im Auge ? « fragte sie kopfschüttelnd den Hofprediger . » Meines Erachtens paßt er ganz und gar nicht für den Knaben . « Dieser Ausspruch wirkte wie elektrisierend auf Liane ; zum erstenmal hörte sie eine auflehnende Ansicht gegen den Machtspruch des Geistlichen und des Hofmarschalls ausprechen , noch dazu von Lippen , die mit einigen beschützenden Worten das Geschick eines Menschen sofort in andere Bahnen lenken konnten ... Dort saß freilich der alte Herr , gespannt aufhorchend – ein Nervenschauer überlief sie bei dem Gedanken , ihn geflissentlich gegen sich aufzureizen ; alle , die sich hier um den Tisch reihten , waren mehr oder minder dem Knaben ungünstig gesinnt oder gleichgültig gegen sein Geschick – wie kalt musterte Mainau eben » den feinen Jungen « , der wie ein Angeklagter sich nicht von der Stelle traute , die ihm doch unter den Füßen brennen mußte ! – Die junge Frau nahm ihren Mut zusammen – war es denn nicht ein Frauenherz , an das sie appellierte ? » Gabriel trägt bereits eine Mission in sich , Hoheit – es ist die des Künstlers , « sagte sie , die schöne Fürstin nicht ohne Befangenheit , aber doch beharrlich ansehend . Aller Augen richteten sich erstaunt auf die Lippen , die bis dahin noch nicht gesprochen hatten . – » Ohne alle und jede Anleitung hat er den Stift bereits mit einer Sicherheit führen gelernt , die mich in Erstaunen setzt . Ich habe auf Leos Spieltisch Zeichnungen von ihm gefunden , mit denen er jede akademische Prüfung so bestehen kann , daß er unentgeltlich aufgenommen wird ... In dem Knabenkopf steckt ein seltsames Kompositionstalent , eine glühende Hingabe an die Kunst , die sich durchringt und durchkämpft , wie es eben nur der Genius vermag ... Hoheit haben recht , er paßt nicht zum Missionar – dazu gehört der innere Trieb , die Konzentration aller Geisteskräfte auf diesen einen Punkt , die ganze Energie der Seele , in der kein anderes Ideal leben darf – es wäre grausam gegen den Knaben selbst und ein Unrecht gegenüber der Kunst , wollte man ihn zwingen . « Die Herzogin sah sie groß , mit unverhülltem Befremden an . » Sie haben mich total mißverstanden , Frau von Mainau , « sagte sie sehr gemessen . » Meine Bemerkung galt der schlaffen Körperhaltung , der sichtlich kränklichen Konstitution des Knaben , nicht aber seiner geistigen Befähigung , oder gar seiner Lust und Liebe zur Sache – da sage ich ganz entschieden : › Er muß passen ! ‹ ... Es thut mir wahrlich leid , daß es Frauenseelen gibt , die nicht der Ansicht sind , daß vor diesem heiligsten Lebenszweck jeder andere verschwinden muß ... Mögen aufrührerische Männerköpfe ihr bißchen Wissen , das sich doch zumeist auf falsche Schlüsse stützt , an die Stelle des Heiligsten setzen – es ist traurig genug , daß es geschehen darf – wir Frauen aber sollen deshalb doppelt beflissen sein , in Phalanx gegen dieses Vorstürmen zu stehen , indem wir festhalten am einzigen Heil , indem wir glauben und abermals glauben , und uns niemals verführen lassen , zu grübeln . « » Hoheit , das heißt aber der Frauenwelt ihre Aufgabe allzu leicht machen ; das heißt auch zugleich dem Aberglauben , dem Glauben an eine spukhafte Geisterwelt , an die Gewalt des Satans – wozu leider der Frauenkopf so leicht geneigt ist – Thür und Thor zu öffnen . « Ein Geräusch von Stuhlrücken und verlegenem Räuspern wurde plötzlich laut , während die junge Frau , die eben gesprochen , sich ruhig und unbeweglich verhielt . Ihr gegenüber saß ihr Mann – seine Hand lag auf dem Tische und wiegte einen Kaffeelöffel auf dem Finger . Er hielt den Kopf vorgeneigt , wobei sein Blick unter den tief gesenkten Brauen hervor nicht einen Moment von dem zarterröteten Gesicht wich , das sich ausschließlich der Herzogin zuwendete . Jetzt beim letzten Wort sah sie wie zufällig seitwärts – ihr Blick traf ihn so tödlich kalt , als kenne sie ihn nicht . Eine jähe Glut schoß über seine Wangen – er warf klirrend den Löffel hin , worüber die Herzogin lächelte . » Nun , Baron Mainau , das regt Sie auf ? ... Wie denken Sie darüber ? « fragte sie mit schmeichelnd verlockender Stimme . Seine Lippen verzogen sich in bitterem Spott . » Hoheit wissen sehr gut , daß die Frauen , die an Hexen und Gespenster glauben , etwas Verführerisches für uns haben , « versetzte er in seinem frivolsten Ton . » Die Frau ist reizend in ihrer Hilflosigkeit und Furcht ; wir ziehen sie , wie ein Kind , beschwichtigend in unsere Arme , und damit kommt – die Liebe . « – Seine Augen verfinsterten sich und streiften durchbohrend seine Frau . – » Eine Pallas Athene dagegen haucht uns eisig an , wie die Gletscherjungfrau – wir wenden ihr den Rücken . « War das dieselbe Frau , die am Hochzeitstage bleich und gespensterhaft wie der Todesengel an der einziehenden Braut vorübergebraust war ? ... Strahlender Triumph verklärte das schöne Gesicht und machte es wahrhaft hinreißend in seinem Ausdruck . » Und Sie ? « neigte sie sich zu dem Hofprediger , der mit übereinandergeschlagenen Armen ihr gegenüber saß ; er fuhr wie aus tiefem Nachsinne empor – die Frau Herzogin berief alle ihre Heerscharen , wie es schien , gegen diese junge Frau , die sich unterfing , selbständig zu denken . » Haben Sie keine Waffen gegen den Antichrist in sanfter , weiblicher Gestalt ? « fragte sie fast scherzhaft . » Hoheit werden die Gnade haben , sich zu erinnern , daß ich dergleichen Erörterungen am Kaffeetische nicht billige , « versetzte der Hofprediger streng und hart – er war plötzlich der allmächtige Beichtvater , der diese hochgeborene Seele unter der Faust hielt . – » Lassen wir das alles einstweilen dahingestellt sein und begnügen wir uns mit der Ueberzeugung , daß Frau von Mainau mit ihrem Ausspruch das Hereinragen einer übersinnlichen Welt in die Wirklichkeit sicher nicht leugnen will . « Er wollte ihr abermals zu Hilfe kommen – sie brauchte einfach billigend das Haupt zu neigen , und der Kampf war beendet ; aber damit mußte sie lügen und reichte dem Priester in der That die Fingerspitzen – zum zweitenmal wies sie heute seine rettende Hand zurück . » Dieses Hereinragen einer übersinnlichen Welt in die Wirklichkeit leugne ich allerdings , « sagte sie mit etwas bebender Stimme – die neben ihr sitzende Hofdame rückte geräuschvoll von ihr weg . » Ich glaube nicht an die Wunder und himmlischen Visionen , wie sie die Kirche lehrt . Wollte der Allmächtige uns Boten aus dieser übersinnlichen Welt schicken , dann müßten sie auch ihre Spuren tragen – so aber haben die guten Engel ein schönes und das böse Prinzip ein verzerrtes , abstoßendes , aber immer menschliches Antlitz – die Flügel , die den Seraph herabtragen , und das häßliche Kennzeichen › des Bösen ‹ sind der Tierwelt entlehnt , Himmel und Hölle erscheinen ausgeschmückt mit den Elementen , die unseren Erdball beleben und halten – wir können eben mit unseren Vorstellungen nicht über ihn hinaus , und nur in der originellen Auffassung alles dessen , was uns umgibt , sei es in Tönen , Bildern oder Worten , waltet unsere Phantasie . « Ein sekundenlanges tiefes , unheimliches Schweigen folgte auf die letzten Worte – die schöne Herzogin saß wie versteinert da , nur ihre Augen glitten in verzehrender Unruhe , fast angstvoll , zwischen Mainau und seiner jungen Frau hin und her . Er hatte vorhin klar genug ausgesprochen , daß ihn solch ein selbständiges , mit kaltem Verstand forschendes weibliches Wesen anwidere – aber das dort war ja keine geharnischte Pallas Athene , sondern die lieblichste Mädchenerscheinung , die mit Herzklopfen und unter abwechselndem Erröten und Blaßwerden der Macht der Ueberzeugung nachgab und sie in melodisch sanften Tönen aussprach . Seinen Gesichtsausdruck konnte die Fürstin nicht sehen ; er hatte sich halb abgewendet – seine Haltung zeigte aber so vollständig die geringschätzige Ruhe und Blasiertheit , in die er sich meist hüllte , daß man hätte meinen mögen , er werde unter gleichgültigem Achselzucken auf jede Anrede spöttisch sagen : » Lasset sie doch reden – was geht ' s mich an ? « » Sie stehen dem Standpunkte des strenggläubigen Christen so fern , gnädige Frau , daß ich auf eine Polemik hier an Ort und Stelle nicht eingehe , so gewiß ich auch des siegreichen Ausgangs auf meiner Seite bin , « unterbrach der Hofprediger mit seiner tiefen , schönen , etwas verschleierten Stimme die momentane Stille – er mußte ihr antworten , sie hatte ihn dazu gezwungen . » Ich will Ihnen aber gewissermaßen Konzessionen machen , indem ich den biblischen Standpunkt verlasse und Sie an einen der größten Dichter erinnere , der seinen grübelnden Helden sagen läßt : › Es gibt mehr Dinge zwischen Erd ' und Himmel , als eure Schulweisheit sich träumen läßt ‹ . « » Wohl war – doch ich verstehe darunter das geheimnisvolle Walten der Naturkräfte . Die meisten unserer Mitlebenden betrachten noch immer die Natur als etwas Selbstverständliches , über das sie nicht nachzudenken brauchen , weil sie es ja sehen , hören und begreifen können – daß aber eben dieses Sehen , Hören und Begreifen das Wunder ist , fällt ihnen nicht ein . Und nun dichtet man dem weisen Schöpfer willkürliche Eingriffe in seine ewigen Gesetze an , oft nur um winziger menschlicher Interessen willen , ja , die Kirche geht noch weiter – sie läßt untergeordnete Geister dieses vollendete Gewebe zerstörend durchbrechen , lediglich , um irgendein Hirtenmädchen oder sonst eine einsame Seele von Gottes Dasein zu überzeugen , und nennt das › Wunder ‹ . Wie kläglich und theatralisch aufgeputzt erscheinen sie neben Gottes wirklichem Schaffen und Walten – ein ganzer Wolkenhimmel voll Engelsköpfen versinkt neben der treibenden Wunderkraft , die einen kleinen , bunten Blumenkelch aus der Erde steigen läßt ... Es ist wohl wahr , › Gott läßt sich nicht spotten ‹ – er läßt sich nicht spotten in dem , was eins ist mit ihm , in der Natur , und wie streng er unser Festhalten an ihr fordert , beweist er , indem er sie als Selbsträcherin auftreten läßt , wenn wir uns an ihr versündigen . « Der Hofprediger sah ihr mit demselben Ausdrucke in das Gesicht , mit welchem er heute schon einmal angstvoll und flehend ihr zugerufen hatte : » Sie wüten gegen sich selbst , gnädige Frau ! « » Und vergessen Sie ganz den Begründer Ihrer Kirche – Luther , der dem bösen , Gott gegenüber wirkenden Prinzipe selbst einen Thron , eine Macht auf Erden eingeräumt hat , wie es zuvor nie besessen ? « fragte er wie beschwörend . » Er würde in unserem Jahrhunderte nicht allein das Tintenfaß , sondern auch seine gewaltige Feder gegen diese Ausgeburt der menschlichen Phantasie richten – « » Genug , genug ! « rief der Hofmarschall empört und streckte der jungen Frau Schweigen gebietend die Hand entgegen . » Hoheit , verzeihen Sie , daß Sie an meinem Tische dergleichen irreligiöse Auslassungen ertragen mußten , « wandte er sich mit unheimlicher Ruhe zu der Herzogin . » Frau von Mainau hat die verlassene Stille im Rudisdorfer Schlosse ausgenutzt und Studien gemacht , die durch ihre Nüchternheit auf ihren Ursprung zurückführen – Studien bei Wasser und Brot . « Die Herzogin erhob sich rasch – sie mußte ; als Fürstin und Frau durfte sie nicht gestatten , daß es in ihrer Gegenwart zu einem ausgesprochenen Familienzerwürfnisse komme . » Gehen wir nun hinüber , Obst zu pflücken ! « sagte sie mit so heiterer Liebenswürdigkeit , als sei nichts vorgefallen . Sie setzte ihr Hütchen vorsichtig auf die Locken und ergriff ihren Sonnenschirm . » Wo mögen die Prinzen stecken ? Ich höre und sehe nichts von ihnen , Herr Werther , « sagte sie zu dem Prinzenerzieher , der sofort davonstob ... Den Hofprediger an ihre linke Seite winkend , legte sie ihre Hand auf den dargebotenen Arm Mainaus – er führte sie , ohne noch einen Blick auf seine Frau zu werfen , nach den Plantagen – die Hofdame folgte schleunigst , und so stand Liane plötzlich , wie eine Geächtete , allein unter den Ahornbäumen . » Fühlen Sie nichts , meine Gnädigste ? – Sie haben heute das Genick gebrochen , « sagte der Hofmarschall malitiös , während er langsam an ihr vorbeigefahren wurde . 13. Sie wandte sich schweigend ab und betrat einen Weg , der am Jägerhäuschen vorüber nach dem Walde lief . Hinter den Scheiben