gewissen nachsichtigen Schwäche gegen ihre Launen , seit sie krank ist . Ich ehre und achte sie als die Mutter meiner Kinder , aber mein Herz blieb ruhig und ward immer ruhiger , je inniger ihre Neigung zu mir wurde . Ich kann nicht dafür , es wird auch nicht anders durch Betrachtungen darüber . Da sah ich Sie . Ich weiß , ja , ja , ich weiß , Sie beurteilen das vom herkömmlichen Standpunkte und flüchteten vor dieser Neigung in Ihr Waldidyll , aber mich trieb es nach im alten heißen Sehnen , und ich finde Sie unnahbarer als je , finde Sie als die Freundin der Herzogin . « Es zuckte unsicher in seinem Gesicht . » Gut , Klaudine , ich werde für jetzt mich bescheiden « , fuhr er fort , » nur die eine Bitte noch , sagen Sie mir , lieben Sie einen anderen ? « Sie schwieg . Eine Purpurglut floß über ihr Antlitz . Stumm senkte sie das blonde Haupt . » Sagen Sie › nein ‹ ! « flüsterte der Herzog leidenschaftlich . » Hoheit wünscht , Fräulein von Gerold möge mit den Aventiureliedern von Scheffel in das Schlafzimmer kommen , um Hoheit vorzulesen « , sagte Frau von Katzenstein eintretend . Klaudine war erschreckt zusammengefahren und sah ihn an , wie um Erbarmen flehend . » Ja – oder nein , Klaudine , ist Ihr Herz schon gebunden ? « flüsterte er . Sie trat zurück und verbeugte sich tief . » Ja ! « sagte sie fest und schritt hochaufgerichtet an ihm vorüber , in der Hand das Buch , das sie mechanisch vom Tisch genommen hatte . Vorlesen jetzt ? Sie war halb betäubt . Die Herzogin lag in ihrem mächtigen französischen Himmelbette , dessen schwere seidenen Purpurvorhänge zurückgenommen waren . Das ganze Gemach zeigte das tiefe satte Rot , die Lieblingsfarbe seiner Bewohnerin . Unter der Decke hing eine Ampel aus Rubinglas . Neben dem Bette stand ein niedriges , mit roter Seide bezogenes Tischchen , darauf eine Lampe mit ebenfalls rotem Lichtschirme ; in einem zusammenlegbaren Juchtenrahmen die Photographie des Herzogs und der Prinzen . An der gegenüberliegenden Wand hing in schweren Goldrahmen eine wundervolle Kopie der Madonna della Sedia , der erste Blick der Erwachenden mußte dieses schöne Bild treffen . Die fürstliche Frau schien sich ganz erholt zu haben , sie lag mit einer gewissen Behaglichkeit unter ihrer Purpurdecke und lächelte der Eintretenden entgegen . » Setzen Sie sich auf den Hocker hier und lesen Sie mir die Thüringer Lieder , liebe Klaudine . War der Herzog noch bei Ihnen ? « fragte sie dann , » ist er sehr geängstigt über den Hustenanfall ? Es tut mir so leid , wenn ich in seiner Gegenwart husten muß . War er sehr traurig ? « Die Kranke sah forschend in die bewegten Züge des schönen Mädchens , welches nicht wußte , was sie antworten sollte . Sie nahm Platz und bückte sich nach ihrem Taschentuch zur Erde , um Zeit zu gewinnen . Wie furchtbar war doch ihre Lage ! » Klaudine « , sagte die Herzogin , » ich glaube , ihr haltet mich alle für sehr krank , für kränker , als ich bin . Lesen Sie nur , ich will keine Antwort . Dort , wo das Zeichen liegt . « Und Klaudine las mit bebender Stimme : » Denn das ist deutschen Waldes Kraft , Daß er kein Siechtum leidet Und alles , was gebrestenhaft , Aus Leib und Seele scheidet – « » Hören Sie ? « unterbrach die Herzogin , » hören Sie ? Auch ich werde hier genesen ! Und morgen wird die Sonne scheinen , und wir wandern hinaus in die Tannen und atmen Gesundheit , Oh meine geliebte Heimat ! « Als Klaudine abends die Treppe hinabstieg , um heimzufahren , trat ihr Herr von Palmer entgegen und begleitete sie vollends hinunter . Er gab hinter Klaudines Rücken der Kammerfrau einen Wink , die sogleich verschwand . » Mein gnädiges Fräulein « , begann er mit einer geflissentlich zur Schau getragenen Ehrfurcht – » Seine Hoheit hat mich mit dem schmeichelhaften Auftrage betraut , ein Schreiben in Ihre Hände zu legen , was ich hiermit tun möchte . « Er hielt ihr ein Briefchen hin , mit dem herzoglichen Wappen gesiegelt . » Es betrifft Ihre Hoheit , die Frau Herzogin , und Antwort sei nicht nötig , sagten Hoheit . Darf ich bitten ? « Sie mußte es nehmen , obgleich sie die Hand des Menschen am liebsten zurückgestoßen hätte . Wie konnte der Herzog so unvorsichtig sein , ihr durch diese Kreatur einen Brief , einen verschlossenen Brief zu senden ! Sie riß den Umschlag in seiner Gegenwart auf und las . Es waren nur wenige Zeilen : » Klaudine ! Sie sind ein ungewöhnlicher Charakter und werden dementsprechend auch das Ungewöhnliche richtig beurteilen . Nach Ihrem letzten Wort – habe ich nur noch eine Bitte : bleiben Sie der Herzogin auch trotzdem eine Freundin , geben Sie meinem Bekenntnis nicht die Folge , Altenstein zu meiden ! Sie haben es nicht nötig , Klaudine ! Bei meinem Wort , Sie dürfen mir vertrauen ! Adalbert . « Sie ging rasch , Brief und Umschlag in der herabhängenden Rechten tragend , weiter . Herr von Palmer folgte ihr und half ihr dienstbeflissen in den Wagen , er ließ es sich sogar nicht nehmen , behutsam die Schleppe ihres Kleides zusammenzulegen , und trat erst mit tiefer Verbeugung zurück , als der Diener die Wagentür schloß . » Auf Wiedersehen ! « sagte er , als jetzt der Diener zum Kutscher auf den Bock sprang und die Pferde anzogen . Dann nahm er mit lächelnder Miene aus seinem rechten Ärmel ein Papier . » Man muß derartiges fester halten , schöne Klaudine « , murmelte er und überflog die Zeilen beim Scheine der Türlaterne . Er nickte befriedigt und ging , eine Operettenmelodie vor sich hinsingend , in das Schloß zurück , um sein Zimmer im Erdgeschoß aufzusuchen . Dort zündete er sich eine Havanna an , warf sich auf die Ruhebank und überlas das Schreiben noch einmal . » Seine Hoheit scheinen einen etwas stürmischen Anlauf genommen zu haben « , murmelte er , » und sie hat ihn in tugendhafter Entrüstung abgewiesen , gedroht , nicht wieder zu kommen . Und nun bittet er , der Herzogin wegen , diesen grausamen Vorsatz aufzugeben , und verspricht Besserung . Zeit gewonnen , alles gewonnen ! denkt er . Es entwickelt sich sehr logisch , es ist gar nichts dagegen zu sagen – hm ! Sie ist klug , sie wird sich nie begnügen , Seiner Hoheit die Stirn mit Rosen zu bekränzen , sie wird regieren helfen wollen . Diese Damen glauben ja alle , ihre schiefe Stellung durch sogenannte gute Taten zu sühnen , sie wollen den Unglücklichen , den sie in ihrer Macht haben , veredeln , wollen dem Volk zeigen , daß sein geliebter Herrscher keiner Unwürdigen in die Hände fiel , es soll anbetend vor ihnen auf den Knieen liegen und sie > des Landes guten Engel < nennen . Und auch die Klügsten sehen nur das , was ihnen zunächst vor Augen steht , und dieses Nächste könnte möglicherweise im vorliegenden Falle – ich sein ! « Er blies den Rauch seiner Zigarre zur Decke empor und betrachtete die Stuckgewinde dort oben . » Sie kann mich nicht leiden « , sprach er weiter , » es geht ihr mit mir , wie es weiland dem unschuldigen Gretchen mit Mephisto erging , und es ist klar , daß sie eines Tages zu ihrem fürstlichen Faust sagen wird : › Der Mensch , den du da bei dir hast , ist mir in tiefer innerer Seele verhaßt ‹ – und so weiter . Das möchten wir am Ende doch verhindern ! Ich will es nicht darauf ankommen lassen , ob der Herzog ihr glaubt oder nicht . Einstweilen freilich aufpassen ! Die Berg wird helfen , sie hat eine hervorragende Begabung für Intrigen , mir selbst graut zuweilen vor diesem Weibe . « » Das Abendessen ist bereit « , meldete der Diener . Herr von Palmer erhob sich ohne allzu große Eile , schloß sorgsam das Briefchen in einen riesigen alten Schreibtisch , dessen Täfelung das Geroldsche Wappen zeigte , ordnete vor einem großen Stehspiegel sein spärliches Haar , wusch sich mit einer wahren Flut von Kölnischem Wasser die mageren feinen Hände , gähnte herzhaft , nahm Hut und Handschuhe von dem ehrerbietig harrenden Diener , und nachdem er noch einen Blick auf die Uhr geworfen , welche die zehnte Stunde anzeigte , ging er nach dem kleinen Speisezimmer , wo die Herren , die der Herzog für seinen hiesigen Aufenthalt gewählt , bereits versammelt waren , der alte Kammerherr von Schlotbach , der Adjutant von Rinkleben , der den Rang eines Rittmeisters besaß , und der Jagdjunker von Meerfeld , ein Kerl wie ein junger Hund – wie Herr von Palmer ihn bezeichnete . Der letztere schien sich im allgemeinen der Freundschaft dieser drei Herren auch nicht besonders zu erfreuen . » Verzeihung « , sagte er zu den in einer Gruppe Versammelten , » ich ließ warten , war im Allerhöchsten Dienste beschäftigt , und ein reizender Dienst , meine Verehrtesten ! Ich hatte auf Befehl Seiner Hoheit die schöne Klaudine von Gerold in den Wagen zu heben . « » Donnerwetter , sie war schon wieder hier ? « rief der Jagdjunker mit ungeheucheltem Erstaunen . » Soeben verließ sie die herzoglichen Gemächer . « » Sie wollen sagen : › die Gemächer Ihrer Hoheit ‹ , mein Herr von Palmer « , berichtigte nicht ohne Schärfe der Rittmeister , und eine leise Röte stieg in sein Gesicht . » Ich hatte das Glück , den schönsten Gast dieses Hauses auf dem oberen Korridor zu treffen « , erwiderte Palmer vielsagend lächelnd . » Ah so ! › Man wußte nicht , woher sie kam , und schnell war ihre Spur verloren , sobald sie wieder Abschied nahm ‹ « , deklamierte der Jagdjunker lachend . Der Rittmeister warf ihm einen unwilligen Blick zu . » Fräulein von Gerold war bei der Herzogin , hat in ihrem Salon gesungen und ist dann im Schlafzimmer ihrer Hoheit gewesen « , sagte er laut und bestimmt . » Vorzüglich unterrichtet ! « flüsterte Palmer und verbeugte sich tief . Der Herzog war soeben eingetreten . – » Ich verstehe Klaudine von Gerold nicht « , sagte der Rittmeister ernst , als er nach dem Abendessen neben dem Jagdjunker den Gang entlang schritt , an dessen Ende sich ihre Zimmer befanden . » Es ist Mut am unrechten Platz , sie sollte die Höhle des Löwen meiden . Unglaublich , mit welcher Tollkühnheit ein Weib im Gefühl seiner Sicherheit und Tugend seinen guten Ruf aufs Spiel setzt . « » Vielleicht macht es ihr Spaß , auf dem gefährlichen Seil zu tanzen « , erwiderte der Jagdjunker leichthin , » strauchelt sie , dann sind ja die Arme längst geöffnet , die sie auffangen , strauchelt sie nicht – um so besser . Ich denke aber , es kann ganz amüsant werden , es ist ohnehin verteufelt langweilig in diesem deutschen Aranjuez . « » Von einer anderen würde ich vielleicht auch so denken , lieber Meerfeld , aber in anbetracht dieser Dame möchte ich doch bitten , Ihre Kritik etwas mäßigen zu wollen . « » Na , nur nicht tragisch , Rittmeisterchen « , lachte der andere . » Lassen Sie sich den Schlaf nicht vergehen darüber , vorläufig sehen Seine Hoheit noch nicht aus wie ein Beglückter , Sie waren mehr denn schlechter Laune . Die Langeweile ! Die Langeweile ! Dieses Altenstein ist aber auch eine tolle Idee . Wenn man hier dumme Streiche macht , so beantrage ich mildernde Umstände . « 12. Klaudine langte vor dem Eulenhause an , sie hatte noch immer ein zerknittertes Papier in der Hand . Der alte Heinemann , der schon lange neben seinem Laternchen vor der Gartentür auf sie gewartet hatte , erhielt kaum mehr als einen flüchtigen Gruß von seiner jungen Herrin . Sie flog förmlich vor ihm her in das Haus , und als er nachkam und die Tür verriegelte , hörte er nur noch das Rascheln ihres seidenen Kleides auf dem oberen Flur . Dann ging eine Tür und es ward still . Auch in dem kleinen Mädchenstübchen blieb es still und dunkel , als sei niemand drinnen , und doch saß am Fenster eine Gestalt und starrte regungslos in das Waldesdunkel , das schwärzer noch als die lichtlose Nacht das einsame Haus umgab . » Was ist geschehen ? « fragte Klaudine sich . » Der Herzog hat mir seine Liebe gestanden und ich wies ihn zurück , auf immer zurück . Aber um welchen Preis ? « Um das Bekenntnis ihres tiefsten Geheimnisses , das sie sich selbst noch nicht zu gestehen wagte , ihr Stolz empörte sich gegen diese Tatsache , jetzt wußte es derjenige , der ihr heute mit einem beleidigenden Geständnis genaht ! Ob der Herzog ahnte , wen sie liebte ? Es wäre unerträglich ! Sie ballte unwillkürlich das Papier in ihrer Hand zusammen , und Tränen heißer Scham traten ihr in die Augen . Rasch erhob sie sich , zündete Licht an , faltete das Papier wieder auseinander und bemühte sich , es zu glätten . Dann stützte sie sich schwer auf den Tisch und starrte auf den zerknitterten weißen Umschlag , es war eben nur der Umschlag , – das Briefblatt fehlte ! Unruhig begann sie in der nächsten Minute zu suchen auf dem Tisch , auf dem Boden an dem Fleck , wo sie gesessen , sie schüttelte den Mantel aus und die Falten ihres Kleides , sie nahm endlich den Wachsstock und leuchtete das Treppchen hinunter – auch dort nichts ! Wie ein Dieb schlich sie zur Haustür , schob den Riegel zurück und leuchtete hinaus auf die Schwelle und den Sandsteintritt – auch hier nichts zu sehen . In ihrer Besorgnis ging sie , das flackernde Flämmchen mit der hohlen Hand schützend , den Gartenweg entlang bis zur Pforte , möglicherweise war ihr das Papier beim Aussteigen entfallen . Die Gittertür , die auf die Landstraße führte , knarrte , als sie von ihr geöffnet wurde , der Lichtschein flammte geisterhaft über den Weg – nichts helles glänzte ihr entgegen . Mit angstvollen Augen spähte sie unter die Weißdornsträucher zur Seite der Pforte – nichts ! Und plötzlich flackerte das Licht auf und erlosch dann und sie befand sich im Dunkeln , und so tief erschien den an das Licht gewöhnten Augen die Finsternis , daß sie einen Augenblick ratlos stand und nicht zu unterscheiden vermochte , wohin sie sich wenden müsse , um wieder in den Garten zu gelangen . Ah , richtig ! Dort über ihrem Fenster leuchtete Joachims Studierlampe friedlich in die Nacht hinaus und sandte einen schmalen Streifen Helligkeit auf das Gärtchen und die Straße . Wenn er ahnen könnte , wie sie hier draußen stand , Angst und Zorn im Herzen ! Sie beneidete ihn förmlich und den Frieden seiner engen Stube , in die kein Sturm von außen drang . Sein Schifflein lag im Hafen , und ihres trieb auf dem wilden Meer , und wo es einst einen Hafen finden würde , das mochte Gott allein wissen ! Plötzlich schrak sie zusammen und huschte in die geöffnete Pforte . Auf der Landstraße scholl Hufschlag , nahe schon und immer näher . Ein rascher Trab war es , und jetzt kam der Reiter dicht an ihr vorüber , und just in dem Lichtschein blieb er halten und sah zu dem Fenster des Turmes hinauf . Sie faßte auf einmal , wie nach einer Stütze suchend , in die Latten der Pforte und starrte hinüber – Lothar ! Was wollte er hier ? Ein fast betäubendes Glücksgefühl überkam sie . Sah sie recht ? War er es wirklich ? Was wollte er ? Kam er wahrhaftig , um nach ihrem Fenster zu spähen ? Barmherziger Gott , ein Zeichen , daß sie nicht träume ! Da wandte er das Pferd , und langsam ritt er zurück ; die Dunkelheit verschlang aufs neue seine Gestalt , nur der Hufschlag klang noch lange in den Ohren des zitternden Mädchens nach , bis sie sich endlich in das Haus zurückschlich . Sie dachte nicht mehr an den verlorenen Brief , sie konnte überhaupt nicht mehr denken , ihre Augen brannten , und ihre Lippen waren trocken , es bohrte ihr schmerzend in den Schläfen . » Ruhe ! Ruhe ! « flüsterte sie und barg die heiße Stirn in die Kissen . – » Ruhe ! Schlaf ! « 13. Auf Neuhaus herrschte am anderen Tage ein ganz ungewöhnliches Leben . Zu ebener Erde , neben dem Wohnzimmer , links von dem großen Flur , stand in dem hohen geräumigen Speisesaal eine Tafel , die wesentlich abstach von derjenigen , an welcher gewöhnlich hier gegessen wurde . Während sie sonst mit einem blendend weißen , aber doch ziemlich derben Drelltischtuch nebst Servietten von gleicher Qualität gedeckt war , breitete sich heute schimmernder Damast darüber aus und das einfache Geschirr von gewöhnlichem Steingut mit blauen Rändchen war durch köstliches altes Meißner Porzellan verdrängt , das schon seit langer Zeit den Stolz des Neuhäuser Geschirrschrankes ausmachte , reizend geformte Tafelaufsätze , deren Platten Früchte und Backwerk trugen , hatten die Blechkörbchen ersetzt , in denen Beate für gewöhnlich den Nachtisch herumreichen ließ , mochte derselbe in Frühbirnen oder Winteräpfeln oder in kleinem Gebäck bestehen , und die sehr handfesten Solinger Messer und Gabeln mit Griffen von Hirschhorn waren den Silberbestecken gewichen , die Wappen , Namenszug der Gerolds und eine Jahreszahl trugen , welche das hohe Alter verriet , wenn es ihre schöne Form nicht bereits getan hätte . Die Arme des mächtigen Kronleuchters aus Bergkristall über der Tafel , die übrigens nur sieben Gedecke zählte , waren mit gelblichen Wachskerzen besteckt , ebenso die zahlreichen Wandleuchter . Auf dem riesigen eichenen Kredenztische aber funkelte und blitzte es von silbernem Gerät und prächtigem Kristall , und die Sonne , die täglich um diese Zeit hier herein einen Blick tat , ließ farbige Lichter aufsprühen und streifte das braune Haar über der weißen Stirn Beates , die beschäftigt war , auf einem Tischchen Blumen in ein paar Vasen zu setzen . » Werdet ihr gleich stehen ! « murmelte sie ärgerlich vor sich hin , als ein paar Levkojen immer wieder zur Seite fielen . » So , nun geht ' s. « Und sie steckte in die bunte Pracht eine rote Rose , und den zierlichen Aufbau betrachtend , reichte sie ihn dem Stubenmädchen , das daneben stand . » Trag es zur Frau von Berg , Sophie , sie soll es in das Zimmer der Prinzessin Thekla setzen , der Herr habe es befohlen . Dann bist du gleich wieder unten und wischest noch einmal Staub von allen Stühlen und schließest die Läden . Eben kommt die Sonne . « Nun ging auch Beate noch einmal an der Tafel hinunter und blieb kopfschüttelnd vor dem Platz stehen , den sie , nach der Bestimmung Lothars , neben Ihrer Durchlaucht der Prinzessin Thekla einnehmen sollte , heute abend zum erstenmal und dann täglich vier Wochen lang . Wie würde sie das nur aushaken ? Da lag die Suppenkelle , das Symbol ihrer Hausfrauenwürde . Lothar hatte gewünscht , daß sie dieses Amt wie immer verwalten möge , » denn wir sind auf Rittergut Neuhaus , meine beste Beate , und nicht bei Hofe , und nichts in der Welt ist mir unangenehmer , als ein Umhertragen der gefüllten Suppenteller , sie haben so leicht überlaufende Ränder . « Dies war aber auch so ziemlich das einzige , was in Hinsicht seines hohen Besuches von ihm angeordnet worden war , alles übrige hatte er vertrauensvoll ihrem klugen Kopf und ihren geschickten Händen überlassen und allen Fragen gegenüber nur geantwortet : » Aber du wirst es schon gut machen , tue ganz nach deinem Gefallen , « Nun war sie auch dieser Riesenarbeit Herr geworden . Sie hatte ein weißes Tuch über ihre glänzend braunen Haare gebunden und war in Hauskleid und Wirtschaftsschürze , mit Schlüsselbund , Staubtuch und Besen im Hause umhergezogen , hatte dem Dienstpersonal » Beine gemacht « , wie sie sich ausdrückte , Möbel rücken , Vorhänge aufstecken , Teppiche auf Treppen und Gängen ausbreiten lassen und Truhen und Spinden das Feinste und Beste entnommen . Und eben war das letzte getan , sie konnte sich noch ein paar Stündchen ausruhen , ehe sie ihren Gästen als Hausfrau gegenübertreten mußte . Das ganze obere Stockwerk hatte man für die durchlauchtigste Schwiegermutter und die Schwägerin Lothars hergerichtet , der Hofdarme war ein nettes Zimmer neben Frau von Berg eingeräumt , der Kammerherr nebst Diener im Gartenpavillon untergebracht worden und die Kammerfrau ihrer Durchlaucht in der Nähe ihrer Damen . Lothar behielt sein Zimmer rechts vom Hausflur , das liebe alte Wohnzimmer und die Schlafstube Beates sollten ganz und gar abgeschieden bleiben . Einen Zufluchtsort mußte man doch haben . Beate war eben den Flur entlang geschritten und näherte sich der Tür ihrer Wohnstube , dann nahm sie ein Kreidestückchen aus dem Schlüsselkorb , schrieb auf die braune Täfelung » Verbotener Eingang ! « und trat nun lächelnd in ihr Reich . Sie saß ein Weilchen ruhend im Lehnstuhl , dann sprang sie auf und eilte in die Schlafstube . Nach ein paar Augenblicken kam sie zurück , sie hatte einen großen braunen Strohhut aufgesetzt und einen leichten Umhang um die Schultern geworfen . Im Hinausgehen zog sie ein Paar Leinwandhandschuhe an und trat in die Küche , wo die Mamsell mit rotem Kopf vor dem Backofen stand und Mürbkuchen herauszog . » Gut , Rikchen , daß ein paar fertig sind « , sagte Beate und nahm ein halbes Dutzend des zierlichen Gebäckes , » gebt etwas Papier – so – ich mache noch einen Spaziergang und bin pünktlich zurück . Begeht nur keine Dummheiten mit den Kücken und setzt die Schoten nicht zu früh an , den Rehrücken knapp eine Stunde im Ofen ! – Ich sag ' s Ihnen noch einmal , ich habe keine Zeit , danach zu sehen , wenn ich bei Tische sitze , und daß nur die Forellen schön blau und krumm sind und im Grünen serviert werden . Es kommt alles auf Sie , Rikchen . « Sie nickte noch einmal und ging raschen Schrittes direkt aus der Küche , einen Seitenweg durch den Park nehmend , auf die Landstraße . Eigentlich war es nicht zu rechtfertigen , daß sie davonlief , heute , wo ihr Ruf als Hausfrau geprüft werden sollte . Wie , wenn irgend etwas mißlang ? » Auch gleich ! « sagte ihr eine innere Stimme , » denn wenn die ganze Hatz hier eingezogen ist , komme ich fürs erste nicht wieder nach dem Eulenhause zu Klaudine und zu der Kleinen . « Sie ging in wahrem Sturmschritt und nahm allerhand Richtwege . Dunkelrot glühte ihr Gesicht , als nach einer halben Stunde das Eulenhaus aus grünen Wipfeln auftauchte . Es war just drei Uhr nachmittags . Im Schatten der alten Mauer spielte die Kleine mit ihrem Puppenwagen , nun kam sie mit wehenden Locken auf die Tante zugestürmt , und diese hockte sich an die Erde und fing das Kind mit beiden Armen auf . » Es war gar nicht hübsch , Tante Beate « , klagte es , » immerzu hat es geregnet und Tante Klaudine ist so oft fortgefahren . « » Aber heute scheint die Sonne und du kannst wieder im Garten spielen . Gelt , das gefällt dir ? « Die Kleine nickte und trippelte neben ihr her . » Und Tante Klaudine ist auch zu Hause « , plapperte sie , » sie sitzt in ihrer Stube und schreibt und ist so fein angezogen . « An der Haustür blieb das Kind stehen und schüttelte den blonden Kopf . » Ich gehe wieder zu Heinemann « , erklärte sie und lief eilends davon . Beate stieg die schmale Treppe empor und klopfte an die Tür ihrer Cousine . Klaudine saß in der Tat am Schreibtisch , aber sie schrieb nicht mehr . Vor ihr lag ein fertiger Brief . » O Beate , du ? « sagte sie müde und kam der Eintretenden entgegen . » Ei , ei ! « scherzte diese . » In Weiß mit blauen Schleifen ? Was ist denn los ? Willst du nach Altenstein ? « Das Mädchen nickte . » Ich hatte abgesagt heute früh , aber die Herzogin ließ es nicht gelten . Sie schrieb mir , wenn ich nicht kommen wolle , würde sie zu mir kommen . Sie will hier vorüberfahren und mich abholen . « Sie schaute dabei ergeben an Beate vorüber . » Es ist so heiß « , fuhr sie fort , » ich sehnte mich nach einem lichten Kleide . Man sagt immer , die Farbe der Kleidung habe Einfluß auf die Stimmung , nun – ich könnte ebensogut – « » Schwarzen Flor anhaben « , ergänzte Beate und setzte sich . » Was ist dir denn ? Du siehst aus , als ob du Kopfweh hättest ! « und sie sah befremdet in die abgespannten Züge Klaudines . » Mir fehlt eigentlich gar nichts , Beate . « » Eigentlich ? Na , das hast du noch vom Hofe , so eine unglückliche Hofdame muß sich immer › wohl ‹ befinden , wie ein Ballettmädel immer lächeln muß , auch wenn sie kaum noch Atem kriegt . « » Beate , du übertreibst « , sagte Klaudine ruhig , » nein , ich bin nicht krank , aber denke – vielleicht verreise ich auf einige Zeit . « » Du ? « rief die Cousine , » jetzt ? « » Ja , ja ! Schweige aber darüber . Joachim weiß es noch nicht « , erwiderte sie . Und ehe noch Beate die Frage aussprechen konnte , die auf ihren Lippen schwebte , fiel Klaudine ein : » Ist dir Joachim nicht begegnet ? « » Nein ! « antwortete Beate leise . » Ich glaube , er wollte Lothars Besuch erwidern ! Du weißt , das ist ein Entschluß für ihn . Er ging vorhin erst fort , ich bin überzeugt , er braucht drei Stunden zu dem Wege , denn beim Gehen wird ihm allerlei einfallen , und da setzt er sich dann hin und schreibt und notiert und vergißt Zeit und Ort . « » Er wird Lothar nicht antreffen « , sagte zögernd Beate . » Lothar ist nach Lobstedt . « » Nach Lobstedt ? « fragte Klaudine , » will er verreisen ? « » Nein , er erwartet Prinzeß Thekla mit Tochter . Weißt du das noch nicht ? Sie will vier Wochen in Neuhaus bleiben , um ihr Enkelchen zu genießen . « » Nein – « sagte Klaudine tonlos . Es war so still in dem Zimmer , daß selbst das leise Ticken der kleinen brillantbesetzten Taschenuhr hörbar ward , die auf dem Schreibtischchen in zierlichem Perlmutterständer hing . Beate schaute sehnsüchtig durchs Fenster , sie wäre am liebsten gegangen . Sie dachte an ihren Hausfrauenposten , den sie heute , gerade heute treulos verlassen hatte , und dann sah sie eine Männergestalt in dem dämmerigen Flur des Neuhäuser Schlosses , wie sie vor einer Tür stand , auf der in Kreideschrift zu lesen war : » Verbotener Eingang ! « Und sie sah , wie dieser Mann den Kopf schüttelte und wieder umwendete . Er durfte nicht so fort , nein , nein ! Vielleicht käme er nie wieder ! Sie sprang plötzlich empor . » Verzeih , Klaudine , ich möchte doch lieber heim , du weißt , es ist allerlei zu besorgen . « Die Lüge erstarb ihr auf den Lippen , sie war jäh errötet . » Leb wohl , mein Schätzchen ! « » Leb wohl , Beate ! « » Um Himmels willen , du bist krank , Klaudine ! « rief Beate und starrte ihre Cousine an , erst jetzt bemerkend , daß deren Antlitz völlig entfärbt war . » Nein , o nein ! « wehrte diese . Und jetzt zog eine wahre Purpurglut über Stirn und Wangen . » Ich bin gesund , ganz gesund ! Geh nur « , drängte sie dann , » geh , ich bin völlig kräftig , ich begleite dich hinunter . O , sicher hast du noch vieles vorzubereiten , und sage Joachim , wenn du ihn triffst , daß er gehen soll , ehe die Damen anlangen , er ist so scheu , weißt du , so sonderbar . « » Er braucht sie gar nicht zu sehen ! Ich habe mein Zimmer für mich « , murmelte Beate . » O , da kennst du Prinzeß Helene nicht ! « klang es bitter . » So ? « fragte Beate , indem sie neben Klaudine die Treppe hinunterschritt . » Na , da gib mir doch einige Winke über diese kleine Prinzessin , von Lothar ist kein Wort herauszubringen . « » Beate – ich – weißt du , ich bin nicht unparteiisch genug , um gerecht zu sein . Sie mag mich nicht , glaube ich , und kehrt mir gegenüber stets die schnippische Seite heraus . Diejenigen , denen sie wohl will , sind entzückt von ihr . Sie ist ein Sprühteufelchen , anziehend , ohne gerade hübsch zu sein , voller Leben , launisch – « Sie stockte . » Ja , ja « , sagte