ich wiederkommen und nachsehen . « Dagegen hatte er ganz und gar nichts einzuwenden ; aber er sprach nicht . In seiner Seele spannen Verrat und böse Wünsche heimtückisch weiter . Äußerlich mit wahrhaft gleichmütiger Ruhe ihrer Beschäftigung zusehend , träumte er , ein Windstoß packe das kleine , runde Nest da auf der Gartenmauer mit Mann und Maus und trage es schneller als das Dampfroß , beflügelt wie der sehnsüchtige Gedanke , plötzlich durch die Lüfte , um es sein säuberlich in den Anlagen des märkischen Landhauses Markus niederzusetzen ... Weit hinten in den Thüringer Wäldern bliebe die unerklärliche Gewalt der egoistischen Dachstubenbewohnerin , das Haus im Grafenholz mit seiner Anziehungskraft und seinen ungelösten Rätseln – losgerissen von allem , was sie umgarnte , wäre die Heißbegehrte einzig und allein auf ihn , auf seinen Schutz angewiesen , und – herausgeben würde er sie nie wieder ! ... Ja , das war so ungefähr das verräterische Gespinst , das verlockend Masche an Masche nestelte , während er neben ihr stand und den schwachen Veilchenhauch atmete – das Parfüm der Fräulein Erzieherin , das auch von den groben Kleidern der Dienerin ausging . Und was hinderte ihn denn jetzt , selbst den Sturmwind zu spielen und mit einer plötzlichen stürmischen Werbung die Überraschte zu gewinnen ? – Nichts als der Wille in , dem klugen Mädchenkopfe da ! – Wollte er es wirklich erleben , daß Amtmanns Magd in kurzen , dürren Worten erklärte , sie bedanke sich recht sehr dafür , Herrin im Hause Markus zu werden ? Neu und unerhört den Erzieherinnenbestrebungen gegenüber war diese Entscheidung jedenfalls , und eindrucksvoll auch ; und so und nicht anders fiel sie aus , das wußte er – und Herr Markus junior , der daheim recht schonungslos und übermütig mit der seinen Gefallsucht in vornehmem Gewände zu verfahren pflegte , er war auf seiner Hut und preßte die Lippen fest aufeinander , damit ja kein feuriges Wort eine schneidige Abfertigung von seiten des ernsten Mädchens im Arbeitskittel herausfordere . 15. Er hatte sonst gar nichts dagegen , wenn Frau Griebel zu ihm kam , er plauderte stets sehr gern mit ihr ; allein in diesem Augenblick war ihm das Knarren der Lederschuhe , die kräftig aufstapfend das Gartentreppchen heraufkamen , in tiefster Seele zuwider . Er sah , wie bei diesem Geräusch ein helles Rot über das Gesicht des Mädchens lief ; sie ließ sich jedoch nicht weiter beirren und band die Leinenrolle wieder zusammen , als Frau Griebel die Tür öffnete . Auch das Töchterlein Luise kam mit . Die Auftrageteller , die beide trugen , reichten kaum aus für die Himbeersaft- und Selterwasserflaschen , das Kaffeegeschirr , die Arnikatinktur , und Gott möchte wissen , was alles die brave Dicke in der Eile zusammengerafft hatte . » Na – ? ! « fragte sie gedehnt , mit hochgezogenen Brauen und auf der obersten Stufe wie festgenagelt stehen bleibend . Und flinker als gewöhnlich wandte sie den Kopf zurück nach ihrem Küchlein und machte sich sichtlich breit , um den Türrahmen mit ihrer Person auszufüllen und den naseweisen jungen Augen , die sie hinter sich wußte , den Einblick zu versperren . » Ja , nun kommen Sie zu spät , verehrteste Griebel ! « sagte der Gutsherr . » Es ist doch nicht zu verachten , wenn man altes Leinen und Arnika bei der Hand hat , wie die Leute auf dem Vorwerk . Das Unglück mit meiner ungeschickten Hand ist mir dort passiert , und weil ich schreckliche Angst vor dem Verbinden hatte – ich bin gar furchtsam von Gemüt – so bin ich ausgerissen ; freilich umsonst , « – er zuckte mit dem ernsthaftesten Gesicht die Achseln – » der Heilgehilfe ist mir auf den Fersen geblieben , und wohl oder übel mußte ich stillhalten . Da sehen Sie her , fürsorglichste aller Pflegemütter , die klaffende Wunde ist zugenäht , kunstgerecht zugenäht , und den will ich sehen , der an dem Verband etwas auszusetzen hat ! « » ' s ist die Möglichkeit – zugenäht ? « Mit diesen Worten wurde der Auftrageteller klirrend auf den Tisch gesetzt , und somit war es nunmehr auch Klein-Luischen unverwehrt , einzutreten . » Na , dann ist ' s ja gut , « meinte Frau Griebel . » Aber das mit dem › furchtsamen Gemüt ‹ , das lassen Sie nur unterwegs , Herr Markus – ich bin nicht von gestern ! ... Meiner Treu , der Verband sieht wirklich aus , als hätte ihn unser alter Medizinalrat auf Schloß Heinrichsthal angelegt – das ist ein tüchtiger Mann – ein berühmter Doktor , Herr Markus ! Ja , vor so einem Verband , wie der da , muß sich freilich der Tillröder Bartkratzer in die Ecke verkriechen ! Und das hast du gemacht ? Du , die Magd bei Amtmanns ? « – Sie richtete ihre Augen scharf auf das Mädchen . – » Ja , wo lernen denn bei euch zu Lande die Mägde solche Männerarbeit ? Nicht einmal im Institut , wo doch meiner Luise das Menschenmögliche beigebracht wird , kommt dergleichen vor – oder doch , Luise ? « » Nein , Mama , « erwiderte das Töchterlein , das bisher schweigend Amtmanns schöne Magd angestaunt hatte . – » Aber eine Mitschülerin , die zu Ostern auf ein Gut in Ungarn als Erzieherin angenommen ist , geht jetzt in ein Schwesternheim , um die Krankenpflege zu lernen . « » So ? – Na ja , da ist ' s richtig – euer Fräulein drüben ist auch eine solche , und du hast ' s ihr abgeguckt ! « sagte Frau Griebel zu dem Mädchen , das mit weggewendetem Gesicht ruhig das Zusammenpacken der Verbandsachen beendete und nun den Korbdeckel darüber legte . » Das ist ja nun freilich ganz gut und praktisch bei einem Unglück , wie es unserem Herrn da begegnet ist – da konnte sie dich doch nachschicken ! Sie selbst dürfte es natürlich nicht versuchen , bis hierher , in die Herrenstube zu kommen – das wäre eine schöne Schande für eine Amtmannsnichte ! Hui , da möchte ich meine Leute in Stall und Küche hören ! « Ein flammendes Erröten schoß dem Mädchen in die Wangen , und ihre beiden Hände fuhren rückwärts , nach den verknoteten Zipfeln ihres großen , weißen Busentuches , um sie zu lösen . » Was reden Sie da ? « fuhr der Gutsherr scharf und zornig auf . » Wo bleibt der gesunde Sinn meiner braven Griebel ? – Ich frage , welcher vernünftige Mensch möchte sich wohl dem urteilslosen Gewäsch Ihrer › Leute in Stall und Küche ‹ unterordnen ? – Die ärztliche Hilfe , gleichviel , wer sie ausübt , steht über den Anschauungen des gesellschaftlichen , oft recht albernen Herkommens ! Das wären mir die rechten Helfer , die einem Ertrunkenen oder Verblutenden gegenüber erst erwägen , ob sich der ärztliche Beistand auch für sie schicke ! « » Na , mit dem Verbluten war ' s so gefährlich nicht , Herr Markus , « entgegnete Frau Griebel mit unzerstörbarer Ruhe und nicht im mindesten empfindlich . » Ihre schöne Rede in Ehren , aber so ganz zutreffend war sie doch nicht . Und dem guten Ruf einer Dame kann auch die grobe Gesellschaft , die ich meine , eine Schlappe beibringen – dabei bleibe ich – gerade so wie das nichtsnutzige Mäusevolk in das schönste Seidenkleid seine Löcher knabbert , ohne den Kuckuck danach zu fragen , ob es vornehm ist oder nicht ! ... Sie sollten nur einmal die Klappermühlen in der Gesindestube hören , zum Beispiel über diese da ; « – sie zeigte auf das Mädchen – » aber ich will mir den Mund nicht wieder verbrennen – i Gott bewahre – ich bin still ! « unterbrach sie sich . » Darum möchte ich auch recht sehr bitten , « sagte Herr Markus mit finsterem Ernst . » Du meine Seele , Sie nehmen ja das so ernsthaft , wie ein Advokat , Herr Markus ! – Ja gelt , nun ist die › brave Griebel ‹ auf einmal ein alter Drache , der der lieben Jugend spinnefeind ist ? – ich kann mir ' s schon denken ! Aber so bin ich nicht , nein , so bin ich nie gewesen . Schöne junge Mädels haben mir ' s mein Lebtag angetan , auch in meiner Jugend , und ich hab ' vielleicht gerade um deswegen so gern an so einer Schlanken in die Höhe gesehen , weil ich selber keine Schöne gewesen bin – halt immer so ein kleiner , dicker , runder Knopf , wie heute noch ; na , meinem Peter war ich doch recht so ! ... Na ja , wie ich sage – und in der Seele leid hat mir ' s immer getan , wenn ' s mit so einer , die ich in mein Herz geschlossen hatte , auf einmal ein Häkchen gehabt hat und die Leute haben mit Fingern auf sie gewiesen – du brauchst dich nicht auf die Seite zu drücken « – wandte sie sich nach dem Mädchen zurück , das leise hinter ihr wegging und die Altantür zu gewinnen suchte , und wie neulich auf dem Fahrweg bei der Schneidemühle hielt die dicke Frau den Schürzenzipfel der Fortstrebenden fest . » Das , was ich da sage , paßt auch auf dich , ja gerade auf dich ! ... Jetzt , wo du das Scheuleder nicht über dem Kopfe hast , jetzt sieht man erst , was an dir ist ! Du bist eine schöne Person , das muß dir der Neid lassen ! Meiner Treu , so ein Gesicht kann man weit und breit suchen – « Sie verstummte für einen Augenblick buchstäblich verblüfft , denn das Mädchen riß sich bei den letzten Worten das Halstuch ab und warf es verhüllend über den Kopf . Nun aber übermannte ein heiliger Zorn die gleichmütige Frau . » Was ? Bist du denn eine Katholische , eine Klosternonne , daß du gar so peinlich tust ? Ist ' s denn ein Unglück oder eine Schande , wenn dir eine ehrbare Frau in dein Gesicht guckt ? – Tausendsapperment , was für eine Heilige ! Sag mal , bist du denn auch im Forstwärterhaus solch ein scheuer Vogel ? « – Ein lauter Ausruf Luises schnitt diese kräftige Strafrede ab ... Bei der heftigen Bewegung des Mädchens war ihr das gelöste Samtband vom Halse auf den Teppich herabgeglitten . Sie selbst , so wenig wie die erbitterte Frau hatte acht darauf gehabt ; mit desto mehr Spannung aber war Herr Markus dem Herabgleiten des Bandes gefolgt , und nun griff er hastig zu und nahm es vom Boden auf – eine Goldmünze hing daran , bei deren Erblicken Klein-Luischen den Jubelruf ausgestoßen hatte . In diesem Augenblick fiel aber auch der Blick des Mädchens auf das am Bande schaukelnde Goldstück . Sie fuhr mit beiden Händen prüfend nach ihrem Halse . » Der Henkeldukaten ist mein ! « erklärte sie gelassen und streckte die Rechte danach aus . » So ? Dein ? – Hör mal , Mädel , das will mir nicht in den Kopf ! – Wie kämst du denn zu einem solchen Wertstück ? « fragte Frau Griebel , indem sie ihre verschüchterte Luise ruhig beiseite schob , um die Sache selbst auszufechten . » Den Henkeldukaten da kenne ich so gut wie meine Tasche – er gehört meiner Luise , so gewiß , wie zweimal zwei viel ist ... Solche uralte Familienstücke laufen nicht herdenweise in der Welt ' rum – unsere alte Dame hat das selber gesagt , wie sie meiner Kleinen am Konfirmationstage den Dukaten um den Hals gebunden hat – das war gar feierlich dazumal , mich überläuft ' s noch kalt , wenn ich dran denke . Und nun sag ' s nur – ' s ist ja weiter kein Unglück – gelt , du hast den Henkeldukaten draußen vor dem Hause gefunden , und es hat dich gelockt , auch einmal zu versuchen , wie dir so ein hübsches Geflinkere zu Gesicht steht ? « – Das Mädchen wurde blaß über das ganze Gesicht . » Gefundenen Schmuck tragen , ist so gut wie stehlen , « preßte sie hervor . » Ach was – › stehlen ‹ ! « wiederholte die kleine Dicke kopfschüttelnd . » Wer sagt denn das , närrisches Mädel du ? – So siehst du nicht aus ! – Eine erfahrene Frau , wie ich , weiß auf den ersten Blick , wo Barthel den Most holt . Verstündest du dich aufs Muscheln und Mausen , da hättest du dir auch schon bessere Sachen auf den Leib geschafft ... Aber du bist jung , und da ist das bißchen Eitelkeit zu entschuldigen . Ich trag ' dir ' s auch nicht nach , Gott bewahre ! Bin ich doch heilfroh , daß wir unseren Henkeldukaten wieder haben ! – Ein andermal binde ihn aber auch fester , Luise ! « » Diesen Henkeldukaten keinesfalls ! « erklärte das Mädchen fest . » Dann trüge Ihr Töchterchen ja auch einen Schmuck , der ihr nicht gehört ... Er ist seit Jahren mein Eigentum , « wandte sie sich ernst an den Gutsherrn – » und – nun , es muß ja gesagt und bewiesen sein – er stammt auch aus dem Besitz der verstorbenen Frau Oberforstmeisterin . Sehen Sie sich die Prägung an – es ist eine der ersten sizilianischen Goldmünzen aus dem zwölften Jahrhundert – « » Ganz recht , « bestätigte er . » Ich kenne sie und ihre Umschrift lautet : » Sit tibi , Christe , datus , « – » Quem tu regis , iste Ducatus , « vollendete sie . Er lächelte und legte den Dukaten in ihre Hand . » Es bedurfte dieser Beweisführung nicht ... Nur über eines wundere ich mich : daß Ihre egoistische Herrin auch Anwandlungen von Großmut haben kann und ihre Dienerin mit dem hübschen Andenken der verstorbenen alten Freundin schmückt . « Das Mädchen schwieg errötend , und das unter dem Kinn gebundene Tuch wieder aufknüpfend , legte sie sich das Band um den Hals . » Und das soll ich nun wirklich geduldig und stumm wie ein Stockfisch mit ansehen ? « rief Frau Griebel empört und geigte nach den braunen Fingern des Mädchens , wie sie hastig die Bandzipfel zu einem Knoten verschlangen . » Ich soll es leiden , daß sich Amtmanns Magd vor meinen Augen den Henkeldukaten umbindet , den meine Luise seit drei Jahren alle Tage an ihrem Hälschen getragen hat ? Und das bloß , weil die Aparte dort pfiffig genug gewesen ist , sich das Verschen zu merken , das drauf steht ? – Ich könnt ' s freilich nicht hersagen – nicht um die Welt , und wenn Sie mich totschlügen , Herr Markus ! So fremdes Kauderwelsch ist nie meine Sache gewesen ; ich bin gut deutsch – was geht mich der französische Quark an ? « » Es ist ja Latein , Mama ! « lachte Klein-Luischen und schlang ihre hübschen Arme um die Schultern der erregten Frau . » Ach , meinetwegen , französisch oder lateinisch , das ist mir ganz gleich ! Und geh nur weg , du Schmeichelkatze ; diesmal lasse ich mich nicht ' rumbringen ! ... Schön ist ' s nicht von Ihnen , Herr Markus , daß Sie dem hergelaufenen jungen Ding gegen eine rechtschaffene Frau überhelfen ! Und der König Salomo in der Bibel hätten Sie dazumal auch nicht sein dürfen – nichts für ungut , Herr Markus , aber zu einem Urteil gehören auch Beweise ! – Ja , lachen Sie nur , lachen Sie immerzu – ich nehm ' s Ihnen gar nicht übel ! Weiß ich doch , daß ich zuletzt lache ! – Das Mädchen sagt , der Henkeldukaten sei auch von unserer seligen Dame – Amtmanns neue Magd aber , wie sie dasteht , ist erst in den Hirschwinkel gekommen , nachdem die Frau Oberforstmeisterin längst begraben war . Hat die Selige vielleicht Henkeldukaten vom Himmel ' runtergeschüttelt , und noch dazu für eine , die ihr Brot unter den Leuten suchen muß , für eine , die sie bei Lebzeiten mit keinem Auge gesehen hat ? Machen Sie mir doch so etwas nicht weis ! ... Und wieviel solcher Dukaten soll denn die alte Dame gehabt haben ? Man kann sich doch nicht den ganzen Hals damit bepflastern , man trägt doch allemal nur einen – « » Man trägt auch neun an einer goldenen Halskette , wie eine solche im Nachlaß meiner Tante vorhanden ist , verehrteste Griebel ! « fiel der Gutsherr mit einem Gemisch von Humor und Ärger ein . » Ich werde Ihnen in der Tat nachher die verlangten Beweise bringen – Sie sollen sich selbst überzeugen , daß zwei Goldmünzen an der Kette fehlen , und es ist wohl kein Zweifel , daß die eine auf das Vorwerk verschenkt worden ist . Oder wollen Sie leugnen , daß dort Leute wohnen , die der Verstorbenen auch nahe gestanden haben ? – « » Ei , wie werde ich denn das wollen ? – Also wirklich , neun Stück an einer Kette , und alle ganz gleich ? « fragte sie kleinlaut und betroffen . » Je nun , das hab ' ich nicht gewußt , « entschuldigte sie sich achselzuckend . » Unsere alte Dame war keine , die sich gern putzte und mit ihren Schmucksachen behing – du lieber Gott , für wen denn auch ? Bei der Tillröder Kirmse , die auch für den Hirschwinkel mit gilt , war das obere Stockwerk im Gutshause immer zwei Tage lang fest verschlossen , und keine Maus , geschweige denn ein Kirmsengast , hätte auch nur ein Kuchenkrümchen im Speiseschrank über uns gefunden – Gesellschaftstrubel und Staatmachen waren eben nicht ihre Sache ! ... Na ja , da wird ' s schon so sein ! Den anderen Henkeldukaten hat die Frau Amtmann , oder vielleicht auch Fräulein Franz gekriegt ... Aber da frage ich nun , wie kommt er denn an den Hals da – weißt du ' s vielleicht , Jüngferchen ? « wandte sie sich über die Schulter nach dem Mädchen hin . » Ich soll doch nicht etwa denken , daß die Damen auf dem Vorwerk es ruhig mit ansehen , wenn sich die Magd ihre Schmucksachen umbindet ? Und noch dazu in der Woche , beim Heumachen und Scheuern , und zu dem verschossenen Fähnchen da , das dir nächstens vom Leibe fällt – ' s ist das reine Ärgernis – « » Aber , Mama ! « fiel ihr Luise mit sanfter Mahnung ins Wort . Die Augen des jungen Mädchens hingen unverwandt an der » Besonderen « , welche bei allen Demütigungen , die sie hinnehmen mußte , nicht einen Augenblick ihre stolze Haltung verlor . » Das klingt alles so verletzend – du bist doch sonst so gut und mitleidig und kannst kein nasses Auge sehen ! – Die Damen auf dem Vorwerk haben den Henkeldukaten jedenfalls verschenkt – « » Verschenkt ! « wiederholte Frau Griebel ärgerlich . » Da piept nun solch eine Grasmücke und denkt wunder was sie für eine Weisheit ausgekramt hat , und es ist doch ohne Sinn und Verstand gewesen ... Du lieber Gott , auf dem Vorwerk , wo Schmalhans Küchenmeister ist , wo sie nachmittags nicht einmal ein Töpfchen Kaffee ans Feuer zu rücken haben , und wo der alte Herr in einem Schlafrock ' rumläuft , der mit seinen tausend Flicken die reine Landkarte vorstellt – da werden sie wohl den Dienstboten Dukaten schenken – jawohl , Dukaten ! ... Gänschen du ! Nasse Augen kann ich freilich nicht sehen ; aber sieh dir einmal die schwarzen dort an ! die haben keine Träne – « Sie hielt inne und sah nach dem Gutsherrn , der unterbrechend die Hand gegen sie ausstreckte ; aber sein böses Gesicht schüchterte sie nicht ein . » Na , was haben Sie denn an meiner Rede auszusetzen , Herr Markus ? « fragte sie ganz gemütlich . » Sieht denn das verstockte Mädel dort aus , als hätte sie je in ihrem Leben nasse Augen gehabt ? Nichts als der Hochmutsteufel sitzt drin – die sehen auf unsereinen ' runter , wie auf den Staub am Wege ! Mit solchen hab ' ich kein Mitleiden – ich müßte heucheln , wenn ich ' s sagen wollte ... Im übrigen will ich mich nicht weiter ärgern ! Unser Henkeldukaten ist ' s nicht , das sehe ich ja wohl ein , und wem der andere gehört , das ist nicht meine Sache . Die guten Leute drüben mögen doch selber aufpassen – ich bin nicht Schatz- und Kronhüter auf dem Vorwerk ! « Sie trat an den Tisch und fing an , das mitgebrachte Geschirr zu ordnen , und das Mädchen ging hinaus . Vergebens bog sich Herr Markus vor , ihre Augen suchend – das Gesicht war verschlossen und undurchdringlich wie von Stein . Sie hob die Wimpern nicht und schritt an ihm vorüber , die Treppe hinab . Wie magnetisch hingezogen , ging Luise ihr nach und blieb auf dem Altan stehen . » Gehen Sie nicht im bösen ! « rief sie halblaut und bittend hinab . Das Mädchen , das eben unter dem Altan wegging , sah weder auf , noch machte sie die geringste Bewegung , die bewiesen hätte , daß sie den Zuruf beachte . » Bemühen Sie sich nicht , Klein-Luischen ! « sagte der Gutsherr , der auch herausgetreten war , laut und anzüglich , » das macht Ihre kindliche Bitte nicht wieder gut . Der Unschuldige muß mit dem Schuldigen leiden – das ist so Frauenart ... Ich bin auch in Acht und Bann getan , weil ich meinte , jedes verteidigende Wort sei , solchen Anschuldigungen gegenüber , eigentlich eine Beleidigung . « » Geh herein , Luise , und mache keine dummen Streiche ! « gebot Frau Griebel kurz und trocken vom Tisch herüber . » Lasse sie doch laufen , die Besondere ! Da soll man wohl auch noch , wie bei Hofe , die Worte auf die Goldwage legen , wo doch ein Blinder sieht , daß die Geschichte mit dem Henkeldukaten faul ist ... Herr Markus , das ist eine Magd , wie andere Mägde auch , und weil sie sich so ein Ansehen zu geben weiß , da brauchen Sie nicht gleich zu tun , als war ' sie womöglich die Amtmannsnichte selbst . Damit verdirbt man nur die Leute , und es ist nachher gar kein Aushalten mehr mit dem Gesinde . « Mit diesen Worten kam sie auch näher an die Altantür , wobei sie an dem Trinkglas , welches die Mischung von Himbeer- und Selterwasser aufnehmen sollte , wischte und putzte . » Wissen möchte ich eigentlich , wo die Junge auf dem Vorwerk das Mädchen aufgelesen hat ! Mir kommt sie immer vor , als müßte sie von einer Zigeunergesellschaft weggelaufen sein . Sie kann so allerhand Künste , wie man an dem Verband da sieht ; sie spricht so fremd und närrisch und – sehen Sie doch hin , wie sie dort am Hölzchen geht ! Das Tuch fällt ihr vom Kopfe , und sie merkt es nicht einmal – richtig ! dort bleibt ' s am Wege liegen ! – Na ja , da haben wir ' s , das richtige leichtsinnige Zigeunerblut ! ... Und hat sie nicht so brandschwarze , dicke Haare , wie die Tatern – Sie funkeln ordentlich in der Sonne ... Ja , schlank und blank und geschmeidig wie die Eidechsen ist das Taternvolk – die alten Hexen stehlen den Weibern das Geld aus der Tasche , und den jungen Männern gar oft das Herz aus dem Leibe ... Passen Sie nur auf , Herr Markus , die Geschichte mit dem Henkeldukaten ist noch nicht zu Ende – wir werden noch was erleben ! « » Warten wir ' s ab ! « schnitt er ihre Rede kurz und barsch ab und griff nach den Büchern auf dem Tische , welche das Mädchen gebracht hatte . » Na ja , etwas anderes wird uns auch nicht übrigbleiben – aber viel Geduld werden wir nicht brauchen , « sagte sie trocken und sah ihm kopfschüttelnd nach , wie er mit den Büchern das Gartentreppchen hinab nach dem Gutshause ging und sie mit all ihren herbeigeschleppten Herrlichkeiten allein im Gartenhaus stehen ließ . Später aber wurde sie ernstlich böse , denn der Gutsherr war direkt aus dem oberen Stock in den Wald hineingegangen , wie die Mägde sagten . Und Herr Peter Griebel schmunzelte – er setzte sich eben zum Vesperbrot unter den Birnbaum im Hofe nieder – und drehte gemütlich die Daumen umeinander , wie sie vor ihn hintrat und in etwas beschleunigtem Tempo sagte : » Der gute Mann denkt wohl , die Griebel sei eigens für ihn auf die Welt gekommen ? Ja , prosit ! – Da hab ' ich nun bei der Hitze und Glut den Kaffee fertig gemacht , bin in den Keller nach Selterwasser gerannt , hab ' ein selbstgesponnenes , noch ganz schönes Bettuch seinetwegen zerschnitten – das wurmt mich am allermeisten ! – und in allen Kasten und Schränken nach der Arnika gesucht , und das alles – für die Katze ! Er soll mir nur wiederkommen ! « 16. Eine Zigeunerin sollte sie sein , die Rätselvolle ? im wilden Lagerleben wäre sie erblüht ? – Mit dieser kühnen Behauptung hatte die gute Griebel gleichsam einen Ball hingeworfen , den der Gutsherr fast wider Willen aufgefangen und seit gestern und heute belachte , halb mit stutzigem Auge prüfte . Er lachte , wenn er sich die geistige Anmut , die fest hervortretenden Charakterzüge des Mädchens vergegenwärtigte , welche unleugbar auf Schulbildung und gesitteten Umgang hinwiesen ; er lachte , daß die braunen Augen – Frau Griebel hatte sie im Zorn für schwarz erklärt – ihren ernsten Mädchenblick , die weiße Haut den Schmelz bewahrt haben sollte im wüsten Hordenleben von Kindesbeinen an – nein , eine wilde Blume war sie nicht ! Und doch drängten sich ihm dunkle Vermutungen auf . Waren die rätselhaften Besucher des Forstwärterhauses vielleicht Elemente eines Lebenskreises , dem sie entflohen ? Hatten sie ihr nachgespürt und machten ihr Anrecht geltend , und der Forstwärter , der » goldtreue « Kamerad , beschützte die lichtscheuen Zusammenkünfte des Nomadenvolkes in seinem Hause möglicherweise nur , um die Stammesgenossen allmählich zu beschwichtigen und das Mädchen mit der Zeit loszuketten ? Das war abenteuerlich , und wenn er an sie dachte , an ihre strenge Arbeit , an die beispiellose Hingebung und Pflichttreue ihrer Herrschaft gegenüber , so verwarf er jenen Gedanken als widersinnig , als durchaus lächerlich ... Aber er hatte sie gestern abend wieder im Waldhüterhaus gesehen . Nach langem Umherirren im Walde hatte er sich – ganz gegen seinen Willen , natürlicherweise – doch auf der alten Fährte wiedergefunden ; sie war für ihn der gefeite Ring , den die Seelen verstorbener Bräute , die Willis , nächtlicherweile um ein Opfer ziehen , sie war wie das Wildgatter , an welches der Hirsch vergebens sein Geweih bohrt – über den Bann hinaus , der den Hirschwinkel und das Stückchen Grafenholz mit dem Forstwärterhaus umkreiste , kann auch er nicht mehr . Nun , er hatte sie belauscht , und zwar in später Abendstunde . Ehe er sich dessen selbst versehen , hatte er auf der Bank unter den zwei mit blauen Rollvorhängen verhangenen Eckfenstern gestanden ; von diesen Fenstern war aber auch ein bläulich blasses Licht ausgegangen , ein magischer Schein , ebenso verlockend und anziehend für ihn , wie für die aus Busch und Sumpf herbeitaumelnden Motten- und Mückenscharen . Der eine leicht verschobene Vorhang hatte ihm einen schmalen Einblick in die geheimnisvolle Eckstube gewährt , und weil es so still rings im tiefdunkelnden Walde gewesen war , so totenstill , als sei Leben und Atem unter der lastenden Schwüle erstickt , so hatte er deutlich das Murmeln einer männlichen Stimme hinter den geschlossenen Scheiben hören können . Es hatte eintönig , fast wie die Beichte eines bedrückten Gemüts geklungen und war öfter durch schweres Atemholen oder einen schmerzlichen Seufzer unterbrochen worden . Das Lampenlicht hatte die geräumige Stube nicht zu durchdringen vermocht , die größere Hälfte derselben war im düsteren Halbschatten verblieben , und da hatte das Mädchen gesessen , still , den Kopf an die hohe Stuhllehne gedrückt und den linken Arm hingestreckt – er hatte ausgesehen , als halte jemand ihre Hand in der seinen , manchmal war ein leichtes Schütteln durch den Arm gegangen . Herr Markus hatte sich nach Kräften bemüht , zu erforschen , welcher Mensch da seitwärts in der dunklen Ecke sitze , so ohne Unterbrechung in das Mädchen hineinrede und ihre Hand in der seinen festhalte , als sei sie sein unbestrittenes Eigentum ; aber der unausstehliche Fensterrahmen hatte sich gerade da breit gemacht , und der Unsichtbare war durchaus nicht so gefällig gewesen , sich auch nur ein einziges Mal vorzubiegen . So verschleiernd auch das Halbdunkel gewesen war , das blasse Mädchengesicht hatte doch hindurchgeleuchtet ; schmerzhaft war sein Ausdruck gewesen , und die geschmähten Augen , die keine Tränen haben sollten , hatten umflort und trübe an dem Sprechenden gehangen . Dann hatte sie sich plötzlich horchend emporgerichtet – näherkommendes Pferdegetrappel , das Herrn Markus schon längst erregt und beunruhigt hatte , mochte nun auch an ihr Ohr gedrungen sein . Es war hohe Zeit gewesen , den Lauscherposten zu verlassen . Herr Markus hatte das Dickicht aufgesucht , und gleich darauf war ein Reiter um die Wegecke gekommen .