herüber . Die ruhige , friedliche Stimmung der Natur hatte sich uns Allen unbewußt mehr oder minder mitgetheilt , weßhalb auch wohl unsere Unterhaltung einsilbiger wurde . Mein Vormund nahm dies für ein Zeichen von Müdigkeit , und nachdem er seiner guten Lisette und Johanna , um sie an die Nachtruhe zu mahnen , eine herzliche Gutenacht gewünscht , forderte er mich auf , ihn noch auf einem Spaziergange durch den angrenzenden Forst zu begleiten . » Morgen zur rechten Zeit Reveille ! « rief er den seinen Befehlen gehorsamen Damen noch zu , als diese in der Hausthüre verschwanden , und einige Minuten später befanden wir uns auf der Landstraße . » Nicht durch den Wald wollen wir gehen , « sagte der Oberstlieutenant , als ich meine Verwunderung über die von ihm eingeschlagene Richtung aussprach , » nicht durch den Wald , sondern auf der Straße wollen wir bleiben . Ich habe mit Dir über wichtige Dinge zu reden , und da stört es nur , wenn man zu sehr auf den Weg achten muß . « Im Ton seiner Stimme lag ein an ihm sonst nicht gewöhnlicher Ernst , und ein eigenthümliches Gefühl von Trotz und Besorgniß beschlich mich , als ich der Möglichkeit gedachte , daß er in meinem Herzen gelesen haben könne , oder ihm vielleicht von irgend einer Seite meine beabsichtigte Vetheiligung an den demagogischen Umtrieben verrathen worden sei . Meine Befürchtungen erwiesen sich als grundlos ; ich hätte es mir denken können , denn ein derartiger Zweifel an meinen loyalen Gesinnungen wäre meinem Vormunde gewiß wie ein Verbrechen , nicht nur an mir , sondern auch an dem Andenken meines Vaters vorgekommen . – » Nun sage mir einmal aufrichtig , mein lieber Junge , « begann er , nachdem wir eine kurze Strecke schweigend neben einander zurückgelegt hatten , » wie gefällt Dir meine Nichte Johanna ? « » Ich dachte , es wäre gerade nicht schwer zu entdecken , daß Johanna mir besser , als irgend ein anderes Mädchen meiner Bekanntschaft gefällt , « antwortete ich möglichst ruhig . » Brav und offen gesprochen ; nicht mehr , als ich von Dir erwartet habe . « » Gewiß , Herr Oberstlieutenant , ich sage nicht zu viel , wenn ich behaupte , daß ich Ihre schöne und brave Nichte außerordentlich lieb gewonnen habe , « wiederholte ich mit wärmerem und daher noch wahrerem Ausdruck . » Und ist anzunehmen , daß Du von jetzt ab Deinen alten griesgrämigen Vormund weniger vernachlässigest , ich meine , daß Du nicht zwei Monate darüber hingehen lassest , bis Du ihn einmal honoribus causibus , wie Ihr Lateiner sagt , besuchst . « » Ich will abermals aufrichtig sein und mit einem rückhaltlosen Ja antworten . Aber wie geht es zu , wenn ich mir die Frage erlauben darf , daß ich plötzlich eine Nichte von Ihnen in Ihrem Hause finde , während ich früher glaubte , daß Sie ohne nähere Angehörige wären ? « » Sapperment , das ist es ja gerade , worüber ich mit Dir sprechen will . Erstens wünsche ich nämlich vorzubeugen , daß Du vielleicht einmal unbedachtsamer Weise Dich mit Johanna in ein Gespräch über ihr Herkommen und ihre Eltern einlassest und Fragen stellst , welche zu beantworten außer dem Bereich der Macht des armen Kindes liegt , dann aber auch will ich Dich überhaupt mit ihrer Geschichte bekannt machen , eh ' Du Dich in sie verliebt hast . Geschähe dies , nachdem Du Galgenstrick das Herz des braven Mädchens vielleicht gewonnen , und Du wolltest Dich dann , in Folge meiner inhaltschweren Mittheilungen , zurückziehen , so könnte das sehr , sehr traurige Folgen für Johanna haben . Ich bin zwar ein alter Soldat , ein Herz habe ich deswegen aber doch , und ich sage Dir , Junge , es wäre ein harter Schlag für mich , würde das Kind meines Bruders , sie , die letzte unseres Stammes , durch Dich unglücklich . Du bist ein junger , leichtsinniger Patron , sie ein zartes , unschuldiges Wesen ; Ihr werdet voraussichtlich viel mit einander verkehren , und überraschen sollte es mich nicht , wenn Ihr genug Gefallen an einander fändet , um Einer nicht ohne den Andern leben zu können , etwa so , wie ich und meine Lisette . Ein Unglück wäre ein solches Endresultat gerade nicht ; im Gegentheil , ich würde mich freuen und auch wohl noch erleben , daß Du , nachdem Du in sicheres Brod gekommen , meine Nichte heimführtest . Ich halte es aber nicht nur für meine Pflicht , sondern ich folge auch dem Drange meines Herzens , wenn ich einem möglichen Unglück vorzubeugen wünsche . Kennst Du Johanna ' s Lebensgeschichte , oder vielmehr die Geschichte ihrer Eltern , so darf ich von Dir , als einem Ehrenmanne erwarten , daß Du , im Falle die kalte Vernunft Dir riethe , zurückzustehen , bei ihr keine Hoffnungen zu erwecken suchst , welche zu verwirklichen Deinen Begriffen von Würde , Ehre und Stolz widerspräche . Und glaube mir , mein Sohn , Johanna ' s Gesundheit ist , wie die ihrer Mutter in den letzten Jahren , wie ein Hauch . Auf ihren Wangen glühen schon jetzt zuweilen die dunkeln Rosen , welche durch ein zufriedenes , glückliches Loos auf Lebenszeit festgebannt , aber auch eben so leicht , ja , noch leichter auf immer entblättert werden können . « Indem mein Vormund dies sagte , bebte seine rauhe Stimme leise . Ich erkannte ihn kaum wieder , denn mit einer so innigen und wehmüthigen Theilnahme hatte ich den alten vernarbten Krieger noch nie sprechen hören . Um so tiefer war aber auch dafür der Eindruck , welchen seine Worte in meiner Seele zurückließen , und auf ' s Aeußerste gespannt harrte ich Dem entgegen , was er mir über Johanna ' s Vergangenheit zu eröffnen im Begriffe stand . » Herr Oberstlieutenant , « sagte ich daher , sobald er schwieg , und ich drückte seine Hand aus aufrichtigem , überströmendem Herzen , » Sie sind so lange mein lieber , treuer Vormund , und mehr als zu nachsichtiger väterlicher Freund gewesen , Sie werden am besten beurtheilen können , welcher Werth meinen ernsten und heiligen Versicherungen beigemessen werden darf . Sie sprechen von Ihrer lieblichen Nichte , als von einem Wesen , au dessen Name ein Makel hafte ; ich vermeide es , Ihnen jetzt schon zu schildern , welche Hoffnungen und Wünsche Johanna ' s Erscheinung bereits am Tage unserer ersten Bekanntschaft in mir wach gerufen hat . Wenn es mir aber beschieden sein sollte , das noch von keinem trüben oder unedlen Hauch berührte Herz Johanna ' s zu gewinnen , dann gäbe es nichts , und enthielten Ihre Enthüllungen die furchtbarsten Geheimnisse , was mich in dem einmal gefaßten Entschluß wankend zu machen im Stande wäre . Johanna sollte mein Stolz , mein ganzes Lebensglück sein , und je trüber die Umstände , welche sich an ihr Dasein knüpfen , um so höher wollte ich sie nicht nur in den Augen der Welt , sondern auch in ihrer wirklichen Lebensstellung zu erheben suchen . Ja , ich wollte wirken und schaffen , ich wollte – nein , noch mehr , ich werde mich von Stufe zu Stufe emporschwingen , so hoch , ja so hoch , daß sogar mein verehrter Herr Vormund meinen Namen mit Stolz nennt , und der Erfolge wegen , welche ich erzielte , gern seine Vorurtheile « – » Vorurtheile ? « unterbrach mich der Oberstlieutenant hoch aufhorchend . » Nicht gerade Vorurtheile wollte ich sagen , « verbesserte ich mich schnell , verlegen darüber , daß ich mich von meiner Begeisterung für eine mir noch ziemlich unbekannte Sache zu unbedachtsamen Aeußerungen hatte fortreißen lassen , » ich wollte eben nur Ihre geringe Vorliebe für die Juristenkarriere andeuten , nur darlegen , daß ich eine unüberwindliche Kraft in mir fühle und meine Blicke kühn und ohne zu zittern oder zu zagen auf die höchsten und einflußreichsten Stellen richte . « » Gratulire zum Minister , « versetzte mein Vormund lachend ; im nächsten Augenblick war er indessen wieder ernst und ich erriech aus der Bewegung seines Armes , daß er , ein sicheres Zeichen seiner Erregtheit , die Augenklappe lüftete . » Aber Scherz bei Seite , « fuhr ei gleich darauf fort , indem er meine Hand ergriff und dieselbe heftig drückte ; » Du hast gesprochen , wie ich es von Dir erwartete und wie es einem Ehrenmanne geziemt ; doch versteh ' mich recht , mein Junge , ich betrachte Deine Erklärung nicht als eine übernommene Verpflichtung ; es ist überhaupt noch zu früh , so weit in die Zukunft zu denken , obwohl es nicht schadet , wenn wir uns gegenseitig ausgesprochen haben . Und so höre mir denn aufmerksam zu , präge Alles Deinem Gedächtnis ; Wohl ein und nimm Dir vollkommen Zeit , Dich zu prüfen . Hat dann endlich Derjenige , der mich mit meiner Lisette zusammenführte , ein Aehnliches über Euch beschlossen , so will ich – na – Du weißt ja schon . « Hier wurde der buschige Schnurrbart wieder etwas länger , als gewöhnlich , geschraubt und gedreht , und nachdem der alte Herr sich noch einmal recht ordentlich geräuspert , begann er : » Wir waren drei Brüder , nämlich der älteste , der bei Jena den Heldentod starb , dann ich , von dem nur noch ein paar dürre , morsche Knochen übrig geblieben sind , und endlich mein Bruder Johann , der bedeutend jünger , als ich , seine Vorliebe für zweifarbiges Tuch dadurch bekundete , daß er ebenfalls in die Armee eintrat . « » Von diesem Letzteren nun , der , wie schon der Name besagt , Johanna ' s Vater wurde , will ich Dir erzählen . « » Obgleich mein Bruder Johann im Freiheitskriege tapfer mitgefochten hatte , begünstigte das Glück ihn doch nicht sonderlich . Er war Lieutenant und blieb Lieutenant , was wohl mit am meisten dazu beitrug , daß er bereits im Jahre 1816 seinen Abschied nahm und sich mit seiner geringen Pension und den Zinsen eines gerade nicht sehr erheblichen väterlichen Erbtheils begnügte . Alles ging ganz gut , und es würde heute noch gut gehen , wenn er nicht auf den unheilvollen Gedanken gekommen wäre , zu heirathen . « » Heirathen ist sehr schön , aber die Sache muß auch Hand und Fuß haben , und nicht , wie bei meinem Bruder , eine Art von Zusammenlaufen aus verliebter Laune sein . « » Kurz nachdem er seinen Abschied genommen , begab sich mein Bruder also eines Tages nach Köln , und wie sich bei einem Junggesellen fast von selbst versteht , besuchte er des Abends in Gesellschaft von ehemaligen Kameraden das Theater . An jenem Abend trat gerade eine Tänzerin , eine Italienerin , zum ersten Mal dort auf . Dir Tänzerin sehen und sich in dieselbe verlieben , war für meinen Bruder Eins , und zwar that er dies mit einem solchen Feuer , wie man ihm bei seinen dreißig und einigen Jahren kaum zugetraut hätte . Er suchte Zutritt bei seiner Angebeteten zu erhalten ; derselbe wurde ihm auch gewährt , und da er ein auffallend schöner Mann war , konnte es nicht fehlen , daß er einen günstigen Eindruck auf dieselbe machte . « » Dem ersten Besuch folgte bald der zweite , dem zweiten der dritte , und noch keine vier Wochen waren in dieser Weise verstrichen , da kündigte er mir an , daß er sich mit der Italienerin zu verheirathen gedenke . « » Des Menschen Wille ist sein Himmelreich , dachte ich , und obwohl mir die ganze Geschichte nicht behagte , ging ich dennoch nach Frankfurt , um als guter Bruder der dort stattfindenden Vermählung beizuwohnen . Ich kann nicht leugnen , daß der Anblick des jungen Mädchens mich fast gänzlich mit ihrem Herkommen und ihrer ursprünglichen Bestimmung aussöhnte . Ihr Aeußeres war schön , ihr Wesen und Benehmen bescheiden und anspruchslos ; mit einem Wort , die neue Schwägerin gefiel mir ausnehmend und ich verzieh meinem Bruder aus vollem Herzen , daß er sich zu dem dummen Streich hatte fortreißen lassen . « » Die Hochzeit wurde also in gehöriger Form gefeiert , betreffs der etwanigen Nachkommenschaft – mein Bruder war Protestant , seine Frau Katholikin – die Vereinbarung getroffen , daß alle Kinder in die Stammrolle des Vaters eingetragen , was so viel heißt , wie : in dessen Religion erzogen werden sollten , wie das auch ganz in der Ordnung , und vollständig beruhigt über die Zukunft der jungen Eheleute , reiste ich hierher zurück . Und beruhigt konnte ich sein , denn außerdem , daß seine Frau ihm einige tausend Thaler einbrachte , war es meinem Bruder auch gelungen , eine seinen Fähigkeiten entsprechende Anstellung in einem Bureau zu finden , wodurch ihr Einkommen so weit erhöht wurde , daß sie ein mehr , als behagliches und bequemes Leben führen konnten . « » Ein Jahr mochte ungefähr verstrichen sein , als ich die Nachricht von der Geburt einer Tochter erhielt . Da mir selbst keine Kinder beschieden gewesen sind , so kannst Du die Freude begreifen , welche ich darüber empfand , zum ersten Mal in meinem Leben Onkel geworden zu sein . Ja , ich liebte das Kind schon damals , ohne es zu kennen , und jetzt , da es in meinem Hause , lebt , ist es mir noch viel theurer geworden . Hoffentlich wirst Du es mir nicht verargen , wenn ich gestehe , daß Johanna mir , nächst meiner Lisette , daß Liebste auf der Welt ist ; aber beruhig Dich nur , gleich hinter Johanna stehst Du auf der Rangliste . « » Mit der Geburt des Kindes schien indessen das Glück der beiden Eheleute ihr Ende erreicht zu haben ; ich glaubte dies wenigstens aus den Briefen meines Bruders zu errathen , die immer kälter und geschäftsmäßiger abgefaßt waren und sehr bald die letzte Spur von jenem Humor verloren , der sie vordem stets ausgezeichnet hatte , und daher mehr dem trocknen Rapport eines gewissenhaften Wachtmeisters glichen . « » Die Sache war folgende : Die Natur der Italienerin hatte wohl eine Zeit lang verleugnet , jedoch nicht ganz umgewandelt werden können , und mußte es meine Bruder selbstverständlich niederdrücken , zu gewahren , daß seine Gattin , nachdem sie Mutter geworden , nicht nur weniger haushälterisch mit ihrem Einkommen verfuhr , sondern sich auch , gegen seinen ausdrücklichen Wunsch und Willen , einen Umgang wählte , den er von seinem Standpunkte aus nie gut heißen konnte . « » Unter denjenigen , die in Abwesenheit meines Bruders sein Haus am häufigsten besuchten , befand sich auch ein katholischer Priester . « » Den religiösen Glauben seiner Frau berücksichtigend , duldete mein Bruder längere Zeit hindurch diese Besuche , obwohl es ihn tief verletzte , daß der Priester , ebenfalls ein Italiener , sogar in seiner Gegenwart sich nicht scheute , in seinem Verkehr mit der jungen Frau sich der italienischen Sprache zu bedienen , von der mein Bruder kein einziges Wort verstand . Auch erschien es ihm oft , als wenn das Verhältniß zwischen dem Kaplan und seinem Beichtkinde fast ein zu zärtliches sei , aber seiner kleinen Tochter zu Liebe , wel che er vergötterte , ertrug er Manches , was ihn früher in die grenzenloseste Wuth versetzt haben würde . « » Doch Alles hat sein Ende , sogar meines Bruders Geduld mußte zuletzt reißen . « » Der erste ärgerliche Auftritt erfolgte , als die junge Frau den dringenden Wunsch aussprach , ihre Tochter in der katholischen Religion erziehen , und mehr noch , sie sogleich nach katholischem Ritus taufen zu lassen . « » Als mein Bruder sodann auf ihren bindenden Vertrag hinwies , überhäufte sie ihn , gegen alle Subordination , mit Vorwürfen und Klagen , daß man sich damals ihre Unerfahrenheit zu Nutze gemacht und sie auf eine schändliche Weise hintergangen habe . Ein Wort gab das andere , Thränen wechselten mit Ohnmachten ab , und das Ende vom Liede war , daß mein Bruder , der in dem ganzen rechtswidrigen und unnatürlichen Begehren das Werk des fremden Priesters erkannte , diesen , mit dürren Worten das Haus verbot . « » Anscheinend wurde das Verbot mit Gleichgültigkeit hingenommen . Der Priester ließ sich zwar nicht mehr im Hause blicken , doch vermochte mein Bruder nicht zu verhindern , daß seine Frau den hinterlistigen Betrüger außer dem Hause sah , er selbst aber von dem treulosen Weibe mit kalter Verachtung gestraft wurde , was seinen sonst so frischen Lebensmuth vollends untergrub . « » Wiederum verstrichen einige Monate , ohne daß in seinen häuslichen Verhältnissen eine Aenderung zum Guten erfolgt wäre ; im Gegentheil , der Bruch schien immer schärfer hervortretend , unheilbar zu werden . Kein Wunder also , daß mein Bruder viel abwesend war und sich anderweitig zu zerstreuen suchte ; hm , ich wurde es ganz ebenso gemacht haben . « » Eines Abends , Johanna mochte damals vielleicht ein Jahr alt sein , kehrte er auch wieder zur späten Stunde nach Hause zurück . Gewohnt , daß weder ein Dienstbote noch seine Frau auf dem Posten waren und irgendwelche Notiz von ihm nahmen , begab er sich in sein Schlafgemach . Er zündete Licht an , und das Erste , was ihm beim Schein desselben in die Augen fiel , war ein an ihn gerichtetes Schreiben seiner Gattin . Mit zitternden Händen und nichts Gutes ahnend erbrach er dasselbe ; es enthielt nur wenig Worte , in welchen seine Frau ihm erklärte , daß sie , da sie nicht glücklich mit ihm leben könne , ihr Kind aber in den Schooß der alleinseligmachenden Kirche zurückzufühlen beabsichtige , es vorziehe , sich von ihm zu trennen und ihm mit Freuden seine volle Freiheit zurückgebe . Schließlich rieth sie ihm noch , nicht nach ihr zu forschen , da alle seine Mühe sich als vergeblich ausweisen würde . « » Wäre sie allein davon gegangen und hätte sie ihm das Kind gelassen , dann würde er sich möglicher Weise getröstet haben , so aber war es ein Schlag für ihn , der ihn bis in ' s innerste Lebensmark traf . Zu dem unsäglichen Schmerz über den Verlust des Kindes und dem heißen Verlangen , dasselbe wieder zu sehen , gesellte sich aber auch noch die grimmigste Wuth über das verbrecherische Treiben der Flüchtlinge , und obwohl mit zermalmtem Herzen , versäumte er doch Nichts , was dazu dienen konnte , ihn auf deren Spur zu leiten . Wie es ihm glückte , so schnell die Richtung ihrer Flucht auszukundschaften , weiß ich nicht , wohl aber weiß ich , daß er bereits am folgenden Morgen , als eben der Tag zu grauen begann , mit Extrapost und Courierpferden über die Mainbrücke jagte . « So sprechend schob der Oberstlieutenant , als ob die Erinnerung an die Schmach seines Bruders ihn übermannt habe , die Augenklappe zähneknirschend einigemal hin und her , und nachdem er , wie um sich zu beruhigen , mit seinem Krückstock einen Doppelhieb nach den am Wege wuchernden Gräsern gefühlt , nahm er den Faden seiner Erzählung wieder auf : » Er holte die Flüchtlinge ein , Sapperment ! Er holte sie ein , in einer Stadt Rheinbayerns , als sie eben in einem Gasthofe zweiter Klasse Quartier gemacht hatten . Seine Gattin und den Priester traf er in traulichem Gespräch bei einander ; sie befürchteten nicht mehr , verfolgt zu werden . Seine Tochter da , gegen lag bereits in einem gesunden Schlaf . « » Wie ein rächender Gott trat er vor das verbrecherische Paar hin . Er sprach kein Wort , aber den Pfaffen peitschte er unbarmherzig auf die Straße hinaus , und dann erst nahm er das Kind in seine Arme , um es zu herzen und zu küssen . « » Eine Stunde später rollte er mit Weib und Kind und sogar mit dem Gelde , welches die treulose Frau mitzunehmen nicht vergessen hatte , Frankfurt wieder zu . Das Kind hielt er selbst auf den Knieen , mit seiner Frau dagegen sprach er keine Silbe ; weder Thränen , noch Bitten , noch Drohungen fruchteten ; er blieb unbeweglich , ungerührt und behandelte sie , als hätte sie für ihn gar nicht mehr existirt , und wie sie es auch nicht anders verdiente . « » So kam er in seiner Wohnung an . Aber selbst da gelang es seiner Frau nicht , ihm auch nur ein Wort des Vorwurfs zu entlocken oder das arme unschuldige Kind zur alleinigen Pflege und Bewachung überantwortet zu erhalten . Wie sein Herz , schien auch sein Antlitz sich versteinert zu haben ; er sprach nur das Allernothwendigste zu den Dienstboten , er weinte bittere Thränen über der kleinen Johanna , weiter aber gingen die Aeußerungen seines Kummers nicht . « » Das Haus verließ er nicht mehr ; er hatte nämlich seine Stelle bereits am ersten Tage nach seiner Rückkehr aufgegeben , dagegen schrieb er sehr viel , und zu weilen sah man auch wohl eine Gerichtsperson sich zu ihm begeben , um bei verschlossenen Thüren längere Zeit mit ihm zu berathen . « » Die schuldbelastete Frau , obgleich ihr persönlich nicht der geringste Zwang auferlegt wurde , verlebte unterdessen eine schreckliche Zeit . Aber nicht lange sollte sie über ihr Loos im Dunkeln bleiben , denn schon am achten Tage wurde , trotz ihres Handeringens , trotz ihres Flehens um Erbarmen , das Kind von ihr genommen und einer protestantischen Familie zur Erziehung übergeben . Sie selbst erhielt nur die Erlaubniß , ihre Tochter einmal wöchentlich besuchen und in Gegenwart von Zeugen sehen zu dürfen . Gleichzeitig war mir die gerichtliche und von einem dringenden Schreiben meines Bruders begleitete Ausforderung zugegangen , die Vormundschaft über das Kind zu übernehmen und nach besten Kräften über dessen Zukunft zu wachen . « » Dieses Ansinnen wies ich natürlich nicht zurück , doch konnte ich nicht umhin , noch besonders an meinen Bruder zu schreiben und ihn zu ermahnen , sich aufzurichten und sich nicht allzusehr von den widerwärtigen Verhältnissen niederdrücken zu lassen . « » Mein Brief erreichte ihn nicht mehr , dagegen ging mir einige Tage später eine Abschrift seines Testamentes zu , und ein anderer Brief , in welchem der arme Kerl auf ewig von mir Abschied nahm , mich beschwor , sein Kind zu lieben , dafür zu sorgen , daß es nicht verkomme , und das kleine von ihm hinterlassene Vermögen zu dessen Bestem zu verwalten . « » Von den bösesten Ahnungen gefoltert , reiste ich augenblicklich nach Frankfurt ab ; ich wollte meinen Bruder trösten , ihn warnen vor bösen , unmännlichen Entschlüssen , auf welche seine Worte hinzudeuten schienen , allein ich kam zu spät . Seine Gattin , die sein ganzes Unglück verschuldet hatte , traf ich in Verzweiflung , er selbst aber war , unter Hinterlassung seiner sämmtlichen Sachen und seines für Johanna sicher untergebrachten Geldes , spurlos verschwunden . « » Es unterlag keinem Zweifel , der arme Kerl , durch den Verrath seiner Gattin zum Aeußersten getrieben , halte sich das Leben genommen , « fuhr der Oberstlieutenant fort , nachdem er , um seine Bewegung zu bekämpfen , ein kurzes , aber scharf klingendes Kavalleriesignal in den Wald gepfiffen . » Ich tadle seinen Entschluß und die Alt , in welcher er seine Seele von der ihn schwer bedrückenden Last befreite , allein ein Ehrenmann ist er trotzdem bis zum letzten Athemzuge geblieben ; denn wie er auch seinen Tod herbeigeführt haben mag , es geschah nicht , daß der Selbstmord erwiesen werden konnte . Es wurde im Main , im Rhein nach seiner Leiche geforscht , die Umgebung Frankfurt ' s ist nach ihm gleichsam durch wühlt worden , allein Alles vergeblich ; er war und blieb verschwunden , und mag auch der Verdacht der schrecklichen That , der auf ihm lastet , vollkommen gerechtfertigt sein , Johanna kann nicht , darf nicht die Tochter eines Selbstmörders genannt werden . Mag aber Gott verhüten , daß sie jemals eine Ahnung von diesem Verdacht erhält ; ich bin überzeugt , das zarte Kind würde unter der Wucht dieses Bewußtseins zusammenknicken , wie eine vom Nachtfrost getödtete Blume . – « » Leider ist es nur zu gewiß , daß mein unglücklicher Bruder in einem Anfall von Schwermuth Hand an sich selbst legte . Hätte der Umstand , daß man nie eine Spur von ihm entdeckte , noch irgend welche Zweifel gestattet , durch den Brief , welchen er an Johanna ' s Mutter richtete , wären sie bis auf den letzten beseitigt worden . « » Ja , auch an seine Frau hatte er einen Brief hinterlassen und ich habe ihn selbst gelesen . In demselben sprach er die Hoffnung aus , sie dereinst im Jenseits wiederzufinden . Er beschwor sie , wenigstens sein Andenken , wenn auch nur Johanna ' s wegen , zu ehren und das Unrecht , welches sie ihm angethan , dadurch zu sühnen , daß sie nie den Versuch mache , sein und ihr Kind der Religion zu entfremden , in welcher es getauft worden , im Gegentheil , streng aus die Erfüllung seines letzten Willens halte . Daß sie sich an ihm versündigt , vergab er ihr ; er vergab ihr in der festen Hoffnung , daß sie in der von ihm angedeuteten Weise handeln werde . « » Du hast frei sein wollen , und Du bist es , schloß er seinen Brief , aber ich habe Dir die gewünschte Freiheit in einer Weise zurückgegeben , daß nicht Dich , sondern mich allein der Vorwurf trifft . Thue Du nun das Deinige , erfülle die letzte Bitte , welche ich in diesem Leben an Dich richte , und erhalte unser Kind , meine einzige Johanna , über die Gott seinen reichsten Segen ausschütten möge , in Ungewißheit über das Ende ihres Vaters . « » Das waren die Worte , die er an seine Gattin richtete ; ich habe sie nicht vergessen , und in meiner letzten Stunde werden dieselben mir noch in den Ohren klingen , in meiner letzten Stunde , wenn ich um Gnade und Erbarmen für meinen armen unglücklichen Bruder zu Gott flehe . « So sprechend ließ der Oberstlieutenant das Haupt aus die Brust sinken und längere Zeit schritten wir schweigend neben einander hin . Er war zu tief ergriffen , als daß er noch im Stande gewesen wäre , zu seinen eigenthümlichen äußern beruhigenden Hülfsmitteln seine Zuflucht zu nehmen , und ich wieder vermochte vor innerer Bewegung nicht , irgend eine Frage an ihn zu richten und die Gefühle meiner aufrichtigsten Theilnahme in Worte zu kleiden . » Es wird Zeit , daß wir umkehren , « sagte er endlich , wie aus einem Traum emporschreckend ; » was mir noch zu berichten bleibt , ist nicht mehr viel ; ich werde damit zu Ende kommen , lange bevor wir die Oberförstern erreichen . « Nachdem wir eine kurze Strecke des Heimweges zurückgelegt hatten , richtete er sich wieder kräftig empor , seine Hand fuhr zuerst nach seinem blinden Auge , demnächst einigemal nach beiden Seiten ordnend über den Schnurrbart hin , und dann begann er : » Mein Bruder , der arme Kerl , hat also , weil ihm die Last , die ihm auferlegt worden war , zu schwer zu ertragen schien , der Vorsehung vorgegriffen und gleichsam sterbend seiner Gattin ihr Verhalten seiner Tochter gegenüber genau vorgeschrieben . – « » Was ich nie für möglich gehalten hätte , geschah . Das durch ihre Schuld herbeigeführte frühzeitige Ende meines Bruders , mehr aber noch seine Worte der Vergebung hatten Johanna ' s Mutter tief erschüttert und sie vollständig umgewandelt . Niemand hat sie seit jener Zeit wieder lächeln gesehen . Sie trotzte den Gerüchten , welche über sie im Umlauf waren , und beachtete nicht , daß vielfach Blicke einer heimlichen Scheu sie trafen und daß man sie mied . Die Nahe ihrer Tochter , für welche sie jetzt nur noch allein lebte , ließ sie Alles mit Gleichgültigkeit ertragen , und sie blieb in Frankfurt . Zu den festgesetzten Stunden , welche später durch meine Vermittelung sich häufiger wiederholten , besuchte sie Johanna , sonst aber lebte sie zurückgezogen in einem kleinen Hause , in welchem sie nur in den schwereren Arbeiten von einer Aufwärterin unterstützt wurde . Sie sparte sogar noch etwas von dem geringen Einkommen , welches sich auf die Zinsen ihrer eigenen paar tausend Thaler beschränkte , was sie mir regelmäßig für Johanna einsendete , und verbrachte sie daher ihre Zeit , wie eine aufrichtige Büßerin , in Arbeit und Gebet . « » Bei einer solchen Lebensweise , und gefoltert von endlosen Gewissensbissen , konnte es nicht fehlen , daß der Keim zu einer tödtlichen Krankheit , welcher wohl schon immer in ihrer Brust gelegen haben mag , allmälig mehr hervortrat und sie endlich ganz an ihr Lager fesselte . « » Es war im vierten Jahre nach dem Tode meines Bruders , als sie Johanna zum letzten Mal besuchte , doch wurde sie dadurch des Verkehrs mit ihrer Tochter keineswegs beraubt ; im Gegentheil , diese durfte ganze Tage bei ihr zubringen und um sie sein . Von einer Aenderung der Religion des Kindes sprach sie nie wieder ; der letzte Wille ihres Gatten war ihr ein göttliches Gesetz . Obwohl sie es hätte verlangen können , ihre Tochter , wenn auch unter fremder Aufsicht , beständig bei sich zu haben , machte sie doch leinen Versuch dazu ; sie befürchtete dadurch den Wünschen ihres verstorbenen Gatten zuwider zu handeln . « » Ob der Verkehr mit