? Nun , das sollst Du haben und ein noch viel besseres , als das meine ! Eine ganze Sternwarte , auf der Du den weiten Himmel durchforschen kannst , wenn Du willst , und ich werde Dein Lehrer sein . Ist Dir das recht ? “ „ Ach , Onkel “ — hauchte Ernestine , wieder die Hände faltend , „ der liebe Gott meint es doch zu gut mit mir , wie soll ich ihm alle diese Wohltaten lohnen ? ! “ Da flog ein häßliches Lächeln über Leutholds Gesicht , sie sah ihn verwundert an , ihr Blick haftete so fest auf ihm , daß er sich unwillkürlich abwandte . Seltsam ! — Warum hatte der Oheim bei diesen Worten gelächelt ? War es denn etwas so Dummes , was sie sagte ? Lächelte er über sie oder über den lieben Gott ? Es war ihr auf einmal alle Freude ver ­ dorben , als hätte sie in einer duftigen Rose einen garstigen Wurm , in einem schönen Glase einen Sprung entdeckt — sie fühlte etwas wie einen Stich durchs Herz . Ja — ja , so mußte es dem kleinen Kay in ihrem Märchenbuche gewesen sein , als ihm der Splitter von dem teuflischen Spiegel der Wahr ­ heit in Auge und Herz kam und er nun nichts mehr schön und in Allem einen Makel fand ! — Sie blickte unwillkürlich gen Himmel , als wollte sie die Teufel mit dem verhängnisvollen Spiegel9 emporsteigen sehen , zu Spott und Hohn ihres gütigen geliebten Gottes — und als sie wieder die Lider senke und das Ge ­ sicht des Oheims streifte , der eben so häßlich gelacht hatte , da war es ihr , als gleiche er dem Bilde , das sie sich von jenen bösen Geistern gemacht , und sie empfand einen leisen , ihr selbst unbegreiflichen Wider ­ willen gegen ihn . Sie legte sich erschöpft in den Stuhl zurück , sie mußte ausruhen von all den Gedan ­ ken , die durch ihr kleines müdes Köpfchen gezogen waren , und Heim , dies bemerkend , nahm Leuthold mit sich fort ; sie hörte , wie er sagte : „ Kommen Sie , wir wollen Ernestine ein Wenig schlummern lassen . “ Rieke setzte sich still auf die Bank neben ihr . — Ernestine schmiegte den Kopf behaglich in die weichen Kissen , während die balsamische Morgenluft wie mit unsicht ­ barer , liebender Hand über ihr Gesicht strich . In den Zweigen , die sie beschatteten , zwitscherten so leise und süß die Vögel . „ Schlummere , schlummere an der warmen Brust des jungen Tages , “ tönte es durch die ganze Natur an ihr Ohr : „ Ruhe ! — Du hast noch nicht genug ausgeruht von all dem Weh , das Du er ­ litten ! “ — Und sie schloß fest die Augen und wollte so gerne schlafen — aber sie konnte es nicht : Warum hatte der Oheim gelächelt , als sie von Gott sprach ? Diese Frage hielt sie wach und scheuchte den Frieden von ihrer treuen frommen Kindesseele . — Heim ging indessen mit Leuthold den Garten entlang . „ Herr Professor , “ begann er zu Leuthold gewandt , der in tiefem Sinnen neben ihm herschritt . „ Ich muß mich nun endlich einmal über die Zukunft unseres Schützlings mit Ihnen besprechen , denn ich habe Pläne für denselben , deren Ausführung von Ihnen abhängt . “ Leuthold sah ihn mit gespannter Aufmerksamkeit an . „ Ich hatte , “ fuhr Heim fort , „ schon seit ich das seltsame Kind zum erstenmal sah , den Wunsch , mich seiner anzunehmen und als ich nun durch Zufall , in sein Schicksal einzugreifen Gelegen ­ heit fand , gedieh dieser Wunsch zur Reife . Meine Bitte ist die : treten Sie mir , — nicht Ihre vormundschaftlichen Rechte , — aber Ihre vormundschaftlichen Pflichten ab , und lassen Sie mich Ernestine in die Stadt mitnehmen , wo ich sie ihren Geistes- und Körperkräften angemessen erziehen werde . “ Leuthold schwieg einige Sekunden und zog eine Bohnenranke durch seine weißen , schmalen Finger , dann begann er etwas unsicher : „ Das soll so viel heißen , Herr Geheimerat , als trauten Sie mir nicht die Fähigkeit oder den Willen zu , meine Mündel zu er ­ ziehen , wie es recht ist . “ Heim zuckte ärgerlich die Achseln . „ Wir wollen uns keine Flausen vormachen , Herr Gleißert ; wir wissen Beide , wie wir über einander denken , und ein Arzt hat nicht viel Zeit auf Höflichkeiten zu verwen ­ den . Seien Sie also so freundlich , mir kurz und bündig Ihre Bewilligung oder Ablehnung meines Vor ­ schlags zu erklären . “ „ Nun denn , mein Herr , “ sagte Leuthold mit einem stechenden Blick , „ so werde ich Ihnen kurz und bündig mit ‚ Nein ‘ antworten ! “ „ So — o ! “ war das Einzige , was der verblüffte Heim herausbrachte . „ Sehen Sie , Herr Geheimerat , “ begann nach einiger Überlegung Leuthold , „ ich will ehrlich gegen Sie sein . Sie kennen den dunkeln Fleck , der meine Vergangenheit schändet und den Hauptfehler meines Charakters : den Ehrgeiz . Aber , Herr Geheimerat , ich bin deshalb doch nicht herzlos ! Ich bin , wie Ernestine , von Klein auf als ein unliebsamer Gegen ­ stand , als ein fünftes Rad am Wagen herumgestoßen worden . Ich sah mich hinter Hartwich , dem Sohn meiner wohlhabenden Stiefmutter , zurückgesetzt und verkürzt bei jeder Gelegenheit . Sie als erfahrener Menschenkenner werden am besten wissen , welch gro ­ ßer Teil der Verantwortung für die Fehler eines Menschen auf seine Erziehung fällt ; — vielleicht beurteilen Sie mich nun minder hart . — Da mir nie Liebe und Wohlwollen entgegengebracht wurden , ver ­ kümmerten auch diese zarten Gefühle in meiner Seele und ich konnte nicht geben , was ich nicht empfing . Auf diese Weise , Herr Geheimerat , wurde ich ein boshafter , übelwollender Mensch . Durch Härte und unerbittliche Strenge war mir eine gewisse Geschmeidigkeit angewöhnt worden , welche mir Freunde ge ­ wann , ohne daß ich die Eigenschaften besaß , mir die ­ selben zu erhalten . Dies brachte mich in den Ruf eines Heuchlers und Schmeichlers . Das Schlimmste aber war , daß man mich die feine Unterscheidung zwischen Ehren und Ehre nicht gelehrt hatte , und so kam es , daß ich in dem falschverstandenen Drang nach Ehren meine Ehre verlor ! “ — Er legte die Hand über die Augen und schwieg . Der alte Heim schüttelte das breite Haupt vor Unwillen über eine Regung von Mitleid , die er nicht zu unterdrücken vermochte . „ Meine Stiefmutter , “ sprach Leuthold weiter , „ war ein herrisches Mannweib , das meinen Vater , ihren zweiten Gatten , tyrannisierte und eben so unglück ­ lich machte als Sohn und Stiefsohn . Den Erfolg ihrer Erziehung bei Hartwich haben Sie gesehen und werden dadurch meine Aussage bestätigt finden : Er ist ein Trinker geworden , ein Sünder im Fleische — ich , eine minder sinnliche Natur , wurde ein Sünder im Geiste ! “ „ Verzeihen Sie , daß ich Sie unterbreche , “ fuhr hier Heim auf . „ Ich muß da gerade mit der Sprache heraus : Hätten Sie nichts weiter getan , als dem armen Hilsborn seine Ideen gestohlen , wären Sie bloß nach geistigen Gütern lüstern gewesen , — dafür möchte es noch eine Entschuldigung geben , aber Sie strebten auch nach irdischem Besitz und zwar gerade nach dem Eigentum des armen Kindes , das jetzt Ih ­ rer Obhut übergeben werden soll ! Sagen Sie selbst , kann man solch ein hilfloses Wesen einem Vormund anvertrauen , der sich nicht entblödet hat , die Hand nach dessen Hab und Gut auszustrecken ? “ Leuthold stand ruhig Heim gegenüber , keine Miene , keine Bewegung verriet , was in ihm vorging . „ Herr Geheimerat , “ sagte er mit Würde , „ ich be ­ greife , daß ein Fremder , der die Verhältnisse nicht kennt , die Sache so ansehen muß und daß Sie sich zu den mir zugefügten Beleidigungen berechtigt glau ­ ben . Ja denn — ich streckte die Hand nach Hart ­ wichs Vermögen aus , weil mir zwei Dritteile davon gebühren . Wissen Sie , Herr Geheimerat , daß Hartwich , als ich in die Fabrik eintrat , dem Bankerotte nahe war ? Wissen Sie , daß ich und nur ich es war , durch dessen Leitung das Unternehmen schuldenfrei wurde , daß meine Erfindungen Hartwich jene Sum ­ men einbrachten , welche ihn im Laufe von zehn Jah ­ ren zum reichen Manne machten ? Sein war nichts als das Material , das er mir für meine Wirksamkeit zur Verfügung stellte . Hatte ich nicht ein heiliges Anrecht an die Früchte dieser meiner eigenen Wirk ­ samkeit ? “ Der Geheimerat zuckte wieder die Achseln und schwieg . „ Zeit ist Geld ! “ fuhr Leuthold fort , „ und ich bekenne gern , daß ich nicht zu den Menschen gehöre , die etwas umsonst tun , ich besitze kein Vermögen , muß von meiner Arbeit leben ; ich habe nie etwas ge ­ schenkt bekommen , warum soll ich etwas verschenken ? Wenn ich Hartwich meine Zeit opferte , so mußte er mich dafür bezahlen . Ich bin nicht unbescheiden , wenn ich rechne , daß ich jährlich mit meinen Fähig ­ keiten als Leiter einer andern großen Fabrik bei freier Station dreitausend Taler verdient hätte , während ich hier nicht einmal den Gehalt eines Werkführers bezog . Dreitausend Taler jährlich machen aber in zehn Jahren dreißigtausend Taler , ohne die Zinsen . Da haben Sie schon das eine Drittel des Vermögens beisammen , das ich beanspruchte . “ Heim nickte überrascht mit dem Kopfe . Leuthold fuhr sichtlich erleichtert fort : „ Nun das zweite Drittel : Wer Erfindungen macht , die binnen zehn Jahren neunzigtausend Taler Netto eintragen , kann dieselben heutzutage leicht für zwanzigtausend Taler verkaufen . Rechne ich nun dazu die Zinsen , die mir durch zehn Jahre verloren gingen , so macht es gerade wieder dreißigtausend Taler . Hätte mir mein Stiefbruder diese Summe bar ausbezahlt , so blieb ihm immer noch ein Reingewinn von dreißig ­ tausend Talern , dessen Besitz ich seiner Tochter nie ­ mals streitig machte , denn es war ja das ihr zuge ­ sicherte Dritteil . Ich hätte meine Tätigkeit einem andern Unternehmen zuwenden können , fand es jedoch anständiger , meinem Bruder zu dienen , als einem Fremden ; ich hätte mich gleich bezahlt machen können , aber ich kannte den Geiz meines Bruders und wußte , daß ohne die fürchterlichsten Auftritte , die vielleicht seinen Tod herbeigeführt hätten , kein Geld von ihm zu erlangen war . Ich hielt es deshalb wiederum für anständiger , da ich sein baldiges Ende voraus ­ sah , meine Forderungen ruhen und mir mein Guthaben testamentarisch ‚ schenken ‘ zu lassen . — Wie sehr ich bei dieser , — ich sage kühn , nobeln Hand ­ lungsweise der Geprellte ward , wissen Sie und ich bitte Sie nur noch , mir den Groschen herauszurech ­ nen , den ich unrechtmäßig beansprucht habe ! “ Heim ging gebeugten Hauptes , die Hände auf dem Rücken , neben Leuthold her , dessen schlanke Ge ­ stalt ihre alte Elastizität wieder erlangt hatte und sich leicht zwischen dem Gestrüpp und Geranke der schlech ­ ten Wege hindurchwand . „ Ich weiß nicht , wie ein Jurist die Sache an ­ sehen würde , “ murmelte der alte Herr , „ edel kann ich Ihre Handlungsweise zwar nicht finden , aber von Ihrem Standpunkte aus mag sie gerechtfertigt sein . Man weiß nur immer nicht , wessen man sich bei so spekulativen Leuten für die Zukunft zu gewärtigen hat ! “ „ Sehen Sie , Herr Geheimerat , das ist das doppelte Verhängnis Aller , welchen das Schicksal nichts freiwillig bietet , die ihm jeden , auch den erlaubtesten Vorteil abringen oder ablisten müssen ; man hält sie für gewinnsüchtig , weil man sie fortwährend dem nach ­ jagen sieht , was Andern in den Schoß fällt . In dieser Sache aber habe ich nicht einmal für mich ge ­ handelt , sondern für die Zukunft des Besten , was ich besitze . Herr Geheimerat , ich bin Vater ! “ „ Ei , das waren Sie aber damals noch nicht , als die Testamentsangelegenheit zwischen Ihnen und Hart ­ wich abgekartet wurde , “ fuhr der Geheimerat heraus . „ In jener Zeit hatte ich Aussicht , es zu wer ­ den , — denn meine Frau gebar wenige Monate nachher einen toten Knaben . Das Gefühl , das mich jetzt beseelt und mich zwang , bis zu Hartwichs Tod an dem , was ich gewollt , festzuhalten , — das Gefühl war von dem Augenblicke an in mir erwacht , wo ich zum ersten Male hoffen durfte , einem teuren Wesen das Leben gegeben zu haben , und damit auch der Wunsch , ihm eine Zukunft zu bereiten . Ich glaube , Sie wer ­ den mir das Zeugnis nicht versagen , daß ich die Zertrümmerung aller meiner Hoffnungen mit Anstand er ­ trug . Mein Weib verließ mich , weil sie meine trost ­ lose Zukunft nicht mit mir teilen wollte , ich stehe allein mit meinem hilflosen Kinde ; Sie haben keine Klage von mir gehört , prüfen Sie sich , und Ihr rechtschaffenes Herz wird Ihnen sagen , daß ich Ihr Mißtrauen nicht verdiene ! Nun aber zu dem letzten und Hauptpunkte , meinem Verhältnis zu meiner Mün ­ del . Fragen Sie hier im Orte , wen Sie wollen , ob ich nicht allezeit der Fürsprecher und Beschützer Ernestinens war ? Jede Magd im Hause , die Kleine selbst wird Ihnen das bestätigen . In dieser Sache kann ich jedem Richter frei in die Augen sehen . Denn wissen Sie , Herr Geheimerat , dieses Kind ist außer meinem Töchterchen das Einzige auf Erden , woran mein Herz hängt . Es gibt eine Stelle in meinem Innern , die , wie hart mich auch das Leben schlug , immer weich geblieben ist : es ist die Erinnerung an meine unglückliche Kindheit . Ich sehe in Ernestine meine eigene Jugend vor mir und es ist mir eine süße Genugtuung , ihr so manches zu geben , was ich in ihrem Alter schmerzlich entbehrte . Lassen Sie mir dies Kind , Herr Geheimerat ! Ich bin ein armer , einsamer , um Alles betrogener Mann , — nehmen Sie mir nicht das Letzte , woran ich mit menschlichem Wohlwollen hänge , es wäre nicht gut getan ! “ — Heim blieb stehen und wollte sprechen , — besann sich anders und ging ein Paar Schritte , dann stand er wieder : „ Der Fall ist psychologisch begründet , Sie können so empfinden . Sie können sich aber auch in solche Empfindungen hinein denken . Welche Garantie habe ich für die Wahrheit dessen , was Sie behaupten ? “ „ Es tut mir leid , sie Ihnen schuldig bleiben zu müssen , wenn meine ehrlichen Geständnisse sie Ihnen nicht bieten . Aber , Herr Geheimrat , verzeihen Sie die Frage , mit welchem Rechte Sie überhaupt eine Garantie von mir fordern ? “ „ Nun — ich dächte mit dem Rechte , das mir meine treue Sorge für das Kind gibt . Und wenn Sie noch nicht ganz verlernt haben , menschlich zu fühlen , so werden Sie dies Recht auch ohne gericht ­ liche Urkunden ehren ! “ „ O gewiß , gewiß — ich ehre es und danke Ihnen für Ihre Teilnahme an der Kleinen . Aber ich kann Ihnen nicht verhehlen , daß ich über die Zä ­ higkeit Ihres Mißtrauens gegen mich in hohem Grade befremdet bin und daß ich es nun für eine Ehrensache halte , Sie durch die Tat eines Besseren zu belehren . “ „ Das heißt also , Sie überlassen mir das Kind ? “ fragte Heim rasch . „ Das heißt : ich werde jetzt seine Erziehung weniger als je aus den Händen geben , damit Sie sich durch den Erfolg derselben einst überzeugen , wie unrecht Sie mir getan ! “ Heim sah den lächelnden Sprecher mit einem durchdringenden Blick an : „ Sie pochen darauf , daß ich gesetzlich nichts gegen Sie unternehmen kann . — Gut denn , ich kann nichts weiter tun ! Ich lege das Schicksal dieses seltenen , mir so lieb gewordenen Wesens in die Hand einer gütigen Vorsehung , die über Ihnen wachen wird , mein Herr , wo Sie sich und Ihre Pläne auch dem Auge der irdischen Gerichtsbar ­ keit entziehen . “ Während dieser Worte waren die Herrn wieder bei Ernestinen angelangt , die still in sich versunken dasaß . Der Oheim legte seine Hand auf ihre weiße hohe Stirn und sagte bei sich selbst : „ Ich halte Dich ! “ — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — Am Abend desselben Tages saß Leuthold vor sei ­ nem Schreibtische am offenen Fenster . Der kühle Nachtwind spielte mit der Flamme in seiner grün ver ­ hängten Lampe . Aus dem Nebenzimmer tönte das leise Summen des Mädchens , welches Gretchen mit einem wehmütigen Volksliede in den Schlaf sang . Auf dem äußern Gesims von Leutholds Fenster hatte sich eine Grille festgesetzt , die unaufhörlich zirpte , und auf das unbeschriebene Papier , welches vor ihm lag , fiel dann und wann ein versengter Nachtfalter nieder . Es war eine milde , friedliche Herbstnacht , solch ’ eine Nacht , die das gelbe Laub verhüllt und in der die Seele träumen kann , es sei noch Sommer . Und dennoch saß der einsame Mann bei seiner Lampe starr vor sich hinblickend , und hatte so wenig Sinn und Gefühl für die Natur , als wäre er ein aus ihrem Verband Ausgeschiedener . — Oben in der Fensterecke schwankte ein großes Spinngewebe , dessen Herrin auf die kleinen Insekten lauerte , die Leutholds Licht zuflattern woll ­ ten . Noch feinere Gewebe aber spann in der Stille der Nacht Leutholds Kopf und , so zart und geistig sie auch waren , in ihrer Mitte saß die plumpe häßliche Spinne der Geldgier und lauerte wie ihre Nachbarin auf ihr Opfer . Ernestine sollte umsponnen werden , aber das mußte schlau angefangen werden , denn sie hatte Beschützer , die auf der Hut waren , kein Mensch durfte ahnen , daß sie ihren schlimmsten Feind zum Freunde habe ! — Das Testament war in den letzten Tagen eröff ­ net worden und zwei Punkte desselben hatten Leuthold Leben und Hoffnung wiedergegeben , denn sie boten ihm Haken , um seine Schlingen daran zu befestigen . Er war Ernestinens Vormund — und sollte sie beerben , wenn sie unverheiratet starb ! Als endlich spät in der Nacht seine Lampe zu verlöschen drohte , da lag das ganze vielfach verschlungene Netz fertig in seinem Kopfe und er erhob sich mit der Genugtuung , mit der ein Dichter die Feder hinlegt , wenn ihm der Entwurf eines schwierigen Werkes gelungen ist . Ernestine war ihm nicht mehr , als dem Dichter eine der Gestalten , die sich , ihm selbst zum Trotze , unabweisbar aus dem Gange der Handlung entwickelt haben und die er als notwendiges Übel mit Sorgfalt , aber nicht mit Liebe ausarbeitet . So hatte er des Kindes Lebenslauf auf das Fleißigste zurechtgelegt und wenn alle Berechnun ­ gen zutrafen , mußte die Gestalt , welche seiner dichte ­ rischen Phantasie vorschwebte , einen für ihn und sein Kind günstigen Schluß des Romans herbeiführen . — Die Lampe erlosch rauchend . Leuthold schlich auf den Zehen in sein Schlafgemach und entkleidete sich im Dunkeln . Er fröstelte , als habe ihn sein eigenes eis ­ kaltes Herz erkältet . Neben seinem Bette stand Gretchens Wiege , die er auch nach dem Scheiden Berthas nicht von sich ließ , und als er sich gelegt hatte , er ­ wachte das Kind , richtete sich auf und griff mit sei ­ nen kleinen Händchen zärtlich nach dem Papa hinüber . Da zog der kalte Mann die Kleine zu sich empor und legte sie auf seine Brust ; sie schlang die Ärmchen um seinen Hals und schmiegte das Köpfchen an seine Wange . Er hörte bald an ihren ruhigen Atemzügen , daß sie wieder eingeschlummert war und allmälig begann sein Herz unter dem friedlich pochen ­ den Kindesherzen zu erwärmen und neue Lebenswärme durchdrang seinen Körper unter der süßen Last . Er wagte kaum zu atmen , aus Furcht , die kleine Schlä ­ ferin zu wecken — es war ein seliger Augenblick für ihn . Aus dem Atem des schlummernden Kindes strömte ein unnennbares beglückendes Etwas auf ihn über . Hier hielt er das einzige Wesen , das ihn und das er liebte , das einzige Kind , das eigene Leben , Fleisch und Blut ! — Da klopfte es plötzlich heftig an die verschlossene Tür des Nebenzimmers und zugleich erklang die gellende Stimme Riekens : „ Herr Doktor , Herr Doktor , stehen Sie schnell auf und kommen Sie zu Ernestinen ! “ Leuthold fuhr empor und legte hastig das Kind in die Wiege zurück , jeder Nerv in ihm schien sich anzuspannen , sein Herz drohte zu zerspringen , seine Hände zitterten , während er sich mit dem Nötigsten bekleidete . Dieser heftige Ruf konnte nur etwas Außerordentliches verkündigen , — sollte Ernestine kränker — vielleicht gar sterbend sein ? Sollte das Schicksal Hartwichs Ungerechtigkeit so schnell gut machen und seine Hoffnungen — jetzt schon — ! O — es war ein Gedanke , der ihn schwindeln machte . — Atemlos , fast taumelnd erreichte er die Tür , wo Rieke seiner harrte und ihm die Treppe hinableuchtete . „ Was gibt es denn ? “ fragte er . „ Ach , Herr Doktor , wir haben eine große Dumm ­ heit gemacht , ich und die Therese , wir saßen bei Ernestinen und schwatzten zusammen und bemerkten nicht , daß das Kind nicht schlief , “ erzählte Rieke . „ Da sprachen wir auch vom verstorbenen Herrn und daß die Kuhmagd nicht mehr allein auf dem Speicher schlafen will , weil sie behauptet , er ginge um . Auch von seinem Tode redeten wir , wie er nach seinem Kinde geschrieen und noch zuletzt gesagt habe , er finde nicht Ruhe im Grabe , wenn Ernestine ihm nicht ver ­ zeihe . Wir meinten , daß er ihr gewiß einmal er ­ scheinen werde , denn wenn Einer so was Quälendes mit ins Grab nehme , dann lasse es ihm keinen Frieden , und er müsse so lange geistweise gehen , bis er durch das Gewünschte erlöst werde . — Da fing Ernestine plötzlich an zu weinen und wir sahen nun zu unserem Schlecken , daß sie Alles gehört . Wir suchten sie zu beruhigen , aber sie regte sich immer mehr auf und ver ­ langte , wir sollten sie noch heute Nacht auf den Kirch ­ hof bringen , sie wolle zu ihres Vaters Grabe und ihm sagen , daß sie ihm vergeben habe . Kein Zureden half , sie bleibt bei ihrem Willen und hat nun aus Eigensinn und Jammer förmliche Krämpfe bekommen ! “ Sie traten in Ernestinens Zimmer , wo Therese , die zweite Magd bemüht war , das widerstrebende , ver ­ zweifelte Kind im Bette zu erhalten . Leuthold ging leise zu ihr hin und legte ihr seine zarte , kühle Hand auf die heiße Stirn . Unter dieser Berührung ward sie plötzlich ruhig und ihre großen Augen richteten sich hilfesuchend auf den Oheim . „ Laßt uns allein , “ sagte er gebieterisch zu den beiden Mädchen , die murrend seinem Befehle folgten . Dann zündete er an der trüben Nachtlampe ein Licht an , daß es hell im Zimmer wurde , und setzte sich bei Ernestinens Lager nieder . „ Mein Kind , “ begann er mit seinem melodischen Flüstern , „ Du bist schon klug genug , um das zu verstehen , was ich Dir jetzt sagen werde , aber Du mußt mir versprechen , es keinem Menschen auf der Welt mitzuteilen , willst Du ? “ „ Ich verspreche Dir ’ s , Onkel , “ schluchzte Ernestine , „ wenn Du mir helfen willst , meinen armen Vater wissen zu lassen , daß ich ihm — ach , so von ganzem Herzen — verziehen habe und daß meine Wunde heil ist und gar nicht mehr weh tut , gar nicht mehr ! — O Du armer , armer Vater , Deine Ernestine hat ja keinen Groll gegen Dich und kann Dir ’ s doch nicht sagen ! “ „ Du bist ein gutes Kind , Ernestine , aber Du bist — eben noch ein Kind ! “ sprach Leuthold ruhig weiter , während jenes seltsame Lächeln wieder um seine Lippen spielte , das Ernestine diesen Morgen so tief verletzt hatte . — Sie schaute ihn befremdet an , — war es denn wieder etwas so Dummes , was sie gesagt ? „ Du bist schon zu klug , als daß ich Dich länger in den albernen Begriffen der Mägde verharren lassen möchte , deshalb will ich Dir jetzt mitteilen , was jene nie erfahren dürfen , daß nämlich die Gestorbenen in keiner ­ lei Gestalt fortleben . “ Ernestine fuhr empor und starrte den Oheim an : „ Wie ? “ „ Ja , ja — wie ich Dir sage : wer tot ist , ist tot , das heißt , er hat aufgehört zu sein , er denkt nicht mehr , fühlt nicht mehr . Alles was übrig ist von ihm , sind die Knochen , die nur gut sind , um Leim daraus zu machen oder Düngerpulver . “ Ernestine lauschte atemlos seinen Worten : „ Aber Onkel , so gäbe es keine Geister ? “ „ Es gibt keine Geister . “ „ Dann kämen wir auch nicht in den Himmel ? “ „ Ei bewahre — das sind Vorspiegelungen , mit denen man das dumme Volk zwingen will , brav zu sein.10 Die gemeinen Leute müssen an Lohn und Strafe nach dem Tode glauben , um ohne Murren alle die Entbehrungen und Schmerzen zu erdulden , die ihnen das Schicksal auferlegt . Sie würden aufsäßig gegen jede Obrigkeit und arteten nach allen Seiten aus , wenn sie ihr schweres Los tragen müßten ohne die Aussicht auf eine Vergeltung nach dem Tode . Des ­ halb hat jene Gesellschaft kluger Menschenkenner , welche man die christliche Kirche nennt , die schönen Legenden erfunden , die Du unter dem Namen „ Bibel “ kennst . — Der Aberglaube hat sich aus der menschlichen Schwäche und Hilfsbedürftigkeit , aus der Unkenntnis der Natur ­ gesetze herausentwickelt und die Kirchen aller Zonen und Zeiten haben sich seiner bemächtigt und ein reli ­ giöses Gängelband daraus gewoben , an dem sie die Völker leiteten . Der Gebildete aber , der sich in den reinen Äther des Gedankens emporgeschwungen hat , ist frei von jener Fessel . Die Wissenschaft führt ihn mit liebender Hand auf die Höhen der Erkenntnis , zeigt ihm den natürlichen Zusammenhang aller Dinge und gibt ihm an Stelle der Stütze , die sie ihm nimmt , die Kraft , allein zu stehen . “ Ernestine war leichenblaß , ihre Lippen bewegten sich , aber sie brachte kein Wort heraus , ihre Hände hatten sich krampfhaft verschlungen , sie fühlte sich unter der Wucht des Niegeahnten , Unerhörten inner ­ lich zusammengebrochen . Sie wollte nicht hören , was der Vormund sprach , und dennoch sog sie jedes Wort gierig ein , sie wollte ihm nicht glauben und dennoch konnte sie schon nicht mehr glauben , was der Geistliche sie gelehrt . Sie schämte sich , dümmer zu sein , als er es von ihr erwartete und sein Gift ätzte sich mit Gedankenschnelle in ihre Seele ein . „ Aber Onkel , was so viele Menschen glauben , kann das Irrtum sein ? Erwachsene und Kinder , Könige und Kaiser , arme und reiche Leute gehen ja in die Kirche , gibt es denn außer Dir noch Jemanden , der es nicht tut ? “ Leuthold lachte lauter als gewöhnlich auf . „ Diese Beweisgründe , liebes Kind , kann ich Dir leicht wider ­ legen . Erstens gibt es außer mir Millionen von Menschen , die sich zu keiner Konfession bekennen . Zwei ­ tens ist die Anzahl derer , die einen Glauben teilen , keineswegs maßgebend für die Wahrhaftigkeit seiner Grundlagen , sondern nur für die Unwissenheit und Beschränkteit seiner Bekenner . Millionen von Men ­ schen haben Vielgötterei getrieben und jeden für einen Verbrecher gehalten , der etwas Anderes glaubte . Jede Religion hat die andere als einen Irrwahn verdammt — welche hatte Recht ? — So lange die Völker sich die erhabenen und wunderbaren Naturerscheinungen nicht in ihrem Zusammenhang , ihren Ursachen und Wirkungen erklären konnten , gaben sie ihnen über ­ irdische Deutungen und hielten sie für Offenbarungen von Gottheiten . Donner und Blitz , Licht und Luft hatten bei den Alten wie noch jetzt bei den Wilden ihre besonderen Oberherren ; jede Naturkraft gewann für sie eine menschlich-göttliche Wesenheit und so war Erde und Himmel bevölkert mit guten und bösen Göttern , je nachdem die Wirkungen der Elemente für die Men ­ schen nützlich oder nachteilig waren . Der Glaube schreitet mit der Wissenschaft fort : oder besser , er wird von ihr mehr und mehr