es nur so , denn in Wahrheit – er ist ziemlich folgsam , wenn man ihm die Zügel kurz hält . Und wie schon erwähnt , man kommt auch nicht los um ein Nichts . › Ich gehe sofort ! ‹ rief ich endlich weinend und lief zu Mama ! « » Höre auf , ich bitte dich « , sagte Trudchen , hastig aufstehend . Sie klingelte nach Licht , und als Johanne die Lampe brachte , beleuchtete sie ein fieberrotes Gesicht und Augen , wie verschwollen von heißen Tränen ; und Trudchen hatte doch nicht geweint . » Wie du aussiehst , Kind « , bemerkte Jenny . » Ja , was soll denn nun werden ? Ich muß Mama Bescheid bringen , lediglich deshalb kam ich . « Sie warf einen Blick auf die zierliche Uhr über dem Schreibtisch . » In fünf Minuten neun Uhr – ich muß heim . Bitte , sage , wie gedenkt ihr die Sache zu arrangieren ? « » Ihr werdet Nachricht erhalten – morgen – übermorgen – , ich weiß es noch nicht « , stammelte die junge Frau , die Hand an die schmerzende Stirn gepreßt . » Mache nur keine Geschichten , Trudchen . « Jenny nahm den grauen , mit roter Seide gefütterten Mantel um . » Wenn die Sache so geordnet wird , wie Doktor Schneider sagt , so ist ihr ja die Spitze abgebrochen . Wie benimmt sich denn übrigens 180 Franz ? Hat er es zugegeben ? Na ja , was kann er auch weiter machen ! Also bitte spätestens morgen Bescheid . Übrigens , Kind , da ist mir noch nachträglich eingefallen – an dem Tage , da Linden Besuch bei uns machte , begleitete ihn dieser Mensch , dieser Wolff , über den Markt nach unserem Hause . Ich saß im Erker und wunderte mich noch , wie vertraulich Wolff ihm die Schulter klopfte . « Trudchen stand regungslos . Ach , sie hatte dasselbe gesehen . Sie besann sich so deutlich in diesem Augenblicke . » Ja , ja ! « stammelte sie . » Er soll sehr viel dergleichen Geschäfte machen , erzählte der Rechtsanwalt . Aber nun gute Nacht , mein Herzchen . Willst du Bescheid senden oder soll jemand von uns morgen kommen ? « » Ich gebe Bescheid « , antwortete Trudchen . Sie hatte die Schwester nicht hinausbegleitet , sie stand noch immer dort , den Kopf auf die Brust gesenkt , die Arme schlaff herniederhängend . Das Gespräch mit Jenny hatte einen Abgrund vor ihren Augen eröffnet , sie wußte auf einmal nicht mehr , was beginnen . Nur das eine war ihr klar , bei ihm bleiben konnte sie nicht . Ein gleichgültiges Nebeneinander würde sie nie ertragen und – ein herzliches Zusammenleben würde nie wieder möglich sein . » Niemals « , sagte sie laut und fest , » niemals ! « Sie hörte jetzt nebenan seine Schritte . Dann gingen diese Schritte wieder hinaus , und nach einer Weile hörte sie sie auf dem Kies des Gartens , dann 181 entfernten sie sich . Sie war so müde , und ihr war so heiß und sie konnte sich gar nicht besinnen , daß es jemals anders gewesen war , daß es eine Zeit gegeben hatte – gestern noch – , da sie glücklich war . Sie kam sich so verachtet vor . Sie hielt das unselige Brieffragment in der Hand , es brannte wie glühende Kohle . Sie kannte ein ältliches Mädchen , die Tochter einer armen Beamtenfamilie , verbittert und mürrisch . Dreizehn Jahre war sie mit einem mittellosen Referendar verlobt gewesen , und schließlich sahen sie doch ein , daß sie mit nichts keinen Hausstand gründen konnten . Sie blieb einsam , von allen bedauert , die ihr trauriges Geschick kannten . Ach , wenn sie hätte mit jener tauschen können , die doch geliebt worden um ihrer selbst willen ! Und wenn sie das auch überwand , daß er sie nicht aus Liebe gewählt hatte – die Lüge , die Heuchelei – , nie , nie . Das Vertrauen war dahin ! Ohne recht zu wissen , was sie tat , war sie in den Korridor getreten und empfand die kühlere Luft wie eine Wohltat . Rasch ging sie die Treppe hinab und in den Garten . Aus der Küche schallte Lachen und Flüstern , der Gärtner trieb dort Unsinn mit den Mädchen . Das Auge der Herrin fehlte . Im Gartensaal brannte kein Licht , nur hinter Tante Rosas Fenstern war es heute ungewöhnlich hell , und ein Schatten glitt jugendlich lebhaft über die weißen Vorhänge . Das mußte die junge Nichte sein . 182 Trudchen schritt weiter über die Kieswege des Gartens , die Nachtigallen schlugen und aus der Verwalterstube scholl Gesang . Eine tiefe sympathische Männerstimme und eine traurige Melodie . Tiefer und tiefer ging sie in den duftenden Garten . Dann schrie sie auf : » Franz ! « Sie stand plötzlich vor ihm an der Biegung eines Weges . » Gertrud ! « erwiderte er und wollte ihre Hand fassen . » Laß ! « wehrte sie . » Ich suche dich nicht , aber da wir uns getroffen haben , will ich dich um etwas bitten . « Sie griff , nach Halt suchend , mit der schmalen Hand in das Geranke eines Fliederstrauches . » Gern , Trudchen « , sagte er weich ; » verzeihe mir nur meine Heftigkeit , der Zorn packte mich hinterrücks . Ich verspreche dir , es soll nicht wieder geschehen . « Er schwieg und wartete auf den Ausspruch ihrer Bitte . Eine Weile blieb es stumm zwischen ihnen , dann sprach sie langsam , fast unverständlich in ihrer furchtbaren Aufregung : » Gib mir meine Freiheit wieder – es ist doch nicht mehr möglich so – « » Ich habe dich nicht verstanden « , sagte er kühl , » wie meinst du ? « » Ich lasse dir alles , alles – nur gib mich frei . Wir können nicht mehr zusammen bleiben , begreifst du das nicht ? « rief sie außer sich . 183 » Sprich leise ! « herrschte er sie an , und trat zornig mit dem Fuße auf . » Sage ja ! « bat die junge Frau mit einer von Herzklopfen fast erstickten Stimme . » Ich sage nein ! « klang es zurück . » Bitte , nimm meinen Arm und komm . « » Ich will nicht ! Ich will nicht ! « rief sie und riß ihre Hand los , die er ergriffen hatte , um sie in seinen Arm zu legen . » Du bist in höchster Aufregung heute abend , du kommst jetzt mit mir in das Haus , bitte . Morgen werden wir weitersprechen , und du kannst mir dann am hellen Tage die Gründe sagen , die unser Zusammenbleiben unmöglich machen . « » Gleich , wenn du willst , gleich ! « stieß sie atemlos hervor , » weil uns nur zweierlei fehlt , zwei ganze Kleinigkeiten nur – das Vertrauen und die Achtung ! Von Liebe will ich gar nicht mehr reden . Du bist nicht wahr gegen mich gewesen , Franz , du hast mich hintergangen und hast mein Vertrauen verloren . Laß mich , ich bitte dich um Gottes willen – laß mich ! « Und als er nicht antwortete , sprach sie weiter , und die Worte überstürzten sich fast : » Ich weiß ja , daß ich kein Recht vor dem Gesetz habe . Über eine Frau , die ihre Freiheit wieder verlangt und keine anderen Gründe anführt , als daß sie einmal belogen wurde , lächelt man höchstens . Ich komme deshalb als Bittende ; sei so ehrenhaft , laß mich 184 ziehen – ich kann es nicht vertragen , neben dir zu leben im Mißtrauen und – und – « » Komm , Trudchen « , sagte er jetzt weich , » du bist krank . Komm nur erst ins Haus und wiederhole mir das im Zimmer noch einmal . Komm . « » Krank , ja ! Ich wollt ' , ich könnte sterben « , flüsterte sie . Dann wurde sie plötzlich ruhig und ging neben ihm her in das Haus . Er öffnete sein Zimmer , sie trat auch hinein , aber sie schritt rasch hindurch in das ihrige und warf sich auf ihre Chaiselongue , zog die weiche Decke über sich und schloß die Augen . Franz stand ratlos vor ihr . » Ich werde dir Tee machen lassen « , sagte freundlich der junge Gatte . Sie sah unsagbar elend aus , wie sie so dalag und die langen Wimpern gleich schwarzen Schatten auf ihre bleichen Wangen fielen . Sie mußte furchtbar gelitten haben . » Gehe zu Bett , Trudchen « , bat er ängstlich , » es wird dir besser werden , und morgen reden wir zusammen . « » Ich bleibe hier « , erwiderte sie fest und wandte den Kopf nach der andern Seite . Da riß ihm die Geduld . » Zum Henker mit deiner albernen Störrigkeit ! « rief er zornig . » Meinst du , ein dummer Junge steht vor dir ? Ich werde dir zeigen , wie man trotzige Kinder erzieht ! « Er wandte sich um , und die Tür hinter sich zuschmetternd , ging er hinaus . ! 84 185 Die ersten Sonnenstrahlen legten sich wie rotes Gold auf die Spitzen des Waldes , der sich bis zu dem weißen , in Villastil gebauten Hause herandrängte . Riesenwächtern gleich standen vor der massiven Gartenmauer prachtvolle Eichen auf dem Rasengrund . Ein schmaler , wenig betretener Pfad führte zwischen ihnen dahin , wie man ihn findet an Stellen , die eigentlich nicht begangen werden sollen . Noch gaben die stolzen Bäume wenig Schatten . Die Eiche belaubt sich zuletzt ; jung und kraus erschienen die Blättchen an den knorrigen Ästen und stachen reizend ab gegen die dunklen Edeltannen jenseits der Gartenmauer , untermischt mit dem zarten , schleierartigen Laub der Birke . Wie traumverloren lag das Haus in dieser Morgenstille . Die grünen Jalousien waren sämtlich geschlossen , gleich schlafschweren Augen . Auf dem Dache sonnte sich eine Reihe bunter Flüchtertauben . Der Rasenplatz vor dem Hause schien verwildert , kaum noch von dem grasbewachsenen Wege zu unterscheiden , der von der Gitterpforte zum Treppenhause führte . Aus dem Nebengebäude stieg leichter Rauch zum blauen Himmel empor , und eine Katze saß zusammengekauert auf dem hölzernen Bänkchen zur Seite der Haustüre . Kein Laut ringsum , als der jauchzende Triller der Lerchen , die unsichtbar im blauen Äther standen . Da kam unter den Eichen eine schlanke Frauengestalt daher . Sie ging langsam , und ihre Blicke 186 schweiften bald nach links über die grünende Saat hinweg ins Land hinaus , bald hingen sie an den Bäumen . Sie mußte schon einen weiten Weg gemacht haben . Das feine Gesicht sah müde aus , unter den Augen lagen braune Schatten und der Saum ihres Kleides war feucht wie die kleinen halbhohen Lederschuhe , die unter dem grauen Falbelrock hervorsahen . Sie ging direkt auf das Gittertor zu , faßte mit den unbehandschuhten Händen die rostigen Stäbe und blickte auf das Haus , etwa in der Stellung eines neugierigen Kindes . Aber ihre Augen sahen zu ernst dafür . Neben ihr stand schweifwedelnd ein brauner Hühnerhund und sah sie wie fragend an mit den klugen Augen , aber sie achtete des Tieres nicht , das ihr so treulich gefolgt war . Ihre Gedanken hatten nur ein Ziel . Sie war nie wieder hier gewesen seit jenem Tage , an dem sie in verzweifelnder Angst hergelaufen , um – zu spät zu kommen . Noch erschien alles wie damals – aber so verlassen . Sie zog die Glocke . Wie schwer das ging ! Ja , die hatte niemandes Hand wieder berührt . Jedes Frühjahr und jeden Herbst fuhr zwar Sophie pflichtschuldigst heraus , um die Möbel zu klopfen und die Zimmer zu lüften , von den anderen aber niemand . Frau Baumhagen hatte diese idyllische Marotte ihres Gatten vom ersten Moment an für eine Verrücktheit erklärt , und Jenny nannte das Landhaus die Grillenburg . Sie war einmal hier gewesen und 187 nie wieder , » man verkam ja vor Langweile zwischen den stummen Bäumen ! « Endlich gab die Glocke einen schwachen Laut . Daraufhin erhob sich ein wütendes Hundegebell im Nebenhause , und eine Frau von etlichen fünfzig Jahren im wattierten Unterrock und rotgeblumter Nachtjacke kam aus dem Gebäude . Starr wie ein Wachsbild schaute sie die junge Dame an , dann schlug sie die Hände zusammen und rannte auf klappernden Pantoffeln ins Haus zurück , um sofort mit einem Schlüsselbund wiederzukehren . » I du Barmherziger ! « sagte sie atemlos beim Aufschließen , » das hätte ich mir nicht träumen lassen – die Frau Linden ! Haben einen Morgenspaziergang gemacht , gnädige Frau ? Dachte schon immer , ob Sie nicht einmal herkommen mit dem Herrn Gemahl – nun sehen Sie nur – das freut mich aber ! « und sie lief den Weg voran und schloß die Tür der Villa auf . » Alles in Ordnung , Frau Linden . Mein Mann hat immer darauf gehalten . › Paß auf ‹ , sagte er , › eines Tages kommt doch einmal jemand von den Herrschaften . ‹ « Und wieder lief die vierschrötige Person die Treppen vorauf und öffnete ein Zimmer . » Es ist alles beim alten – da steht Ihr Bettchen und da sind auch noch die Bücher . Nur die Tannen und Buchen vor den Fenstern sind gewachsen . « Die junge Frau nickte . » Bringen Sie mir ein 188 wenig heiße Milch « , sagte sie fröstelnd , » aber recht bald , Frau Rode . « » Gleich ! Gleich ! « Und die Alte hastete fort . Trudchen hörte das Klappern ihrer Pantoffeln auf der Treppe verhallen und die Haustür zuschlagen . Und nun war sie allein . Es herrschte eine kühle , grüne Dämmerung in dem Zimmer , die Buchenzweige drängten sich bis dicht an die Scheiben . Damals war es noch nicht so dunkel hier innen , als sie zuletzt einen Sommer hier verbrachte . Sonst – die Frau hatte recht , sonst war es noch ebenso , der Spiegel im Rahmen von Pflaumenholz zeigte noch immer die bogenspannenden Zentauren in dem gelb und schwarzen Felde der oberen Verzierung . Über dem kleinen altmodischen Schreibtisch hing noch immer der Stahlstich » Paul und Virginie « unter dem Palmenblatt . Die grünen Vorhänge des Himmelbettes waren nicht um die leiseste Schattierung verblichen , das Sofa noch genau so unbequem , der Tisch davor mit der nämlichen Plüschdecke . Hier hatte sie so manche traute Stunde verlebt , in süßer Lenznacht am offenen Fenster , und an stürmischen Herbstabenden , wenn die Wolken am Himmel jagten , der Sturm sich über die Berge stürzte gegen das einsame Haus , der Regen prasselte und der Wald so unheimlich rauschte . Dann waren die Vorhänge zugezogen , im Kachelofen brannte das Feuer , und drüben im gemütlichen Wohnzimmer wußte sie den 189 Papa bei einer L ' hombrepartie . Sie hatte die Wirtin hier in » Waldruhe « gemacht , sie war so stolz darauf , in die Küche zu gehen mit dem weißen Schürzchen , in den Keller zu steigen , und die alten Herren ließen sie dann bei Tische ob des wohlgelungenen Wildbratens hoch leben . Die alten , lieben Freunde – da war jetzt nur noch Onkel Heinrich . Dort auf jenes Lager hatten sie dann auch das ohnmächtige Mädchen getragen , wie sie es an Papas Totenbette gefunden hatten . Es schüttelte die junge Frau plötzlich wie im Fieber . » Er starb an seiner unglücklichen Ehe « , hatte sie Onkel Heinrich einmal sagen hören – leise , aber sie hatte es doch verstanden . Mama liebte ihn nicht , Mama hatte einen anderen gern gehabt , und das hatte sie ihm einst gesagt , als es , einer Kleinigkeit wegen , zu Meinungsverschiedenheiten kam . » Mit dem andern wäre ich glücklicher geworden , ich hatte ihn wenigstens lieb – aber , › es war keine Versorgung ‹ . « Trudchen begriff jetzt alles . Sie hatte Papas Charakter , sie war stolz . Oh , diese düsteren Jahre , da sie mit wachsendem Verständnis erkannte , welcher Sonnenschein dem Hause mangelte . » Hätte ich die Kinder nicht « , hatte er einst zornig gerufen , » es wäre längst ein Ende gemacht ! « » Oh , Qual der Hölle , wenn zwei Menschen durch Gott und das Gesetz zusammengeschmiedet sind , die doch am liebsten eine Welt zwischen sich legten ! – 190 Unwürdig ! unmoralisch ! – Hatte er nicht recht getan , der Papa , daß er freiwillig ging – ging für immer ? Aber ach , wie schwer ist das Gehen , wenn man liebt , so liebt ! – Wie denn ? Liebe , Achtung gehören doch einmal zusammen – Einbildung , alles Einbildung ! Sie wurde plötzlich noch um einen Schein bleicher ; sie dachte , wie Papa sie geliebt hatte , und sie dachte an die kleine Wiege in der Rumpelkammer zu Hause . Gott sei Dank , es war nur ein Traum , ein Wunsch , ein Nichts – und doch – Oh , diese herzbeklemmende Angst ! Sie ging hinüber an das Bett , sie war so müde . Sie schmiegte den Kopf in die Kissen , zog die Decke empor und schloß die Augen . Und dann standen ihr immer die Worte vor der Seele , wie flammende Schrift , die Worte , die sie heute geschrieben hatte , um sie auf seinen Schreibtisch zu legen . Und sie flüsterte : » Sei barmherzig , gib mich frei ! Suche mich nicht auf , laß mir den einzigen Platz , der mir noch gehört ! « Die Frau brachte die heiße Milch und sie trank . Sie wolle schlafen , sagte sie dann , und sie konnte nicht schlafen . Sie horchte immer wieder hinaus , sie meinte Pferdegetrappel zu hören und Wagenrollen . – Ach , nur das nicht ! Und Stunde auf Stunde verrann , unbeweglich lag sie . Sie hatte nicht mehr den Mut sich aufzuraffen . Warum kann man nicht sterben , wenn man 191 will ? – Das Mittagläuten im Dorfe war eben verhallt , da kam doch ein Wagen und bald darauf Schritte die Treppe herauf . Gott sei Dank , er war es nicht ! Zur Tür aber steckte Onkel Heinrich sein bekümmertes Gesicht herein . » Wahrhaftig « , sagte er , » du bist da ! – Aber warum denn , Kind , warum denn ? « Sie hatte sich rasch aufgerichtet und stand nun vor dem kleinen Herrn . » Du bringst mir Antwort , Onkel ? « » Ja freilich ! Ich wollte aber lieber sonst etwas tun ! Wie kommt ihr kratzbürstige Gesellschaft dazu , mich zum Träger eurer liebenswürdigen Botschaften auszuersehen ? « Er warf sich ins Sofa , daß das kleine Möbel förmlich aufstöhnte . » Hast du einen Kognak hier ? « fragte er , » mir ist ' s gar nicht recht um den Magen . « Sie schüttelte stumm den Kopf und sah ihn an aus ihren verdüsterten Augen . » Ach so « , machte Onkel Heinrich grämlich . » Nun , er läßt dir sagen , wenn es dir Spaß machte , hierzubleiben , sollst du dich nicht genieren . « Sie zuckte merklich zusammen . » O la la ! Das ist der Sinn – so ungefähr « , verbesserte er und wischte sich über die Stirn mit dem Taschentuch . » Linden sprach eigentlich wenig « , fuhr der alte Herr fort , » er war nur von einem stillen Zorn über deine Flucht . Indessen , er nahm 192 sich sehr zusammen . Er wolle dich nicht hindern , meinte er . Mit Gewalt schleppe er dich nicht zurück in sein Haus . Er wird dir Johanne zur Bedienung schicken und hofft sonst noch jeden deiner Wünsche erfüllen zu können . Er werde sich schon einrichten und – du habest den Irrtum hoffentlich bald eingesehen . Und « , schloß Onkel Heinrich , » soweit wären wir . Nun möchte ich von dir wissen , was jetzt werden soll , wenn du nämlich mit deiner bekannten Charakterstärke nicht zum Einsehen geneigt bist ? « Sie blieb stumm . » Übrigens leugnet Franz in bezug auf diesen Wolff – alles ! Und höre , Trudchen , du warst sonst immer ein recht vernünftiges Frauenzimmer , was ist dir in den Sinn gekommen , daß du diesem alten Esel , der überall als anrüchig bekannt ist , diesem Wolff , mehr Glauben schenkst als deinem Manne ? « Trudchen griff hastig in die Tasche und faßte den Zettel – da war ja der Beweis . Sie machte eine Bewegung , als wollte sie ihn hinüberreichen – aber nein , das konnte sie nicht , sie brachte die kleine zur Faust geballte Hand , die das unglückliche Papier umschloß , nicht hervor . » Ihr solltet euch da beide ein wenig entgegenkommen , meine ich « , sagte Onkel Heinrich nach einem Weilchen ; » ihr habt euch einmal geheiratet und – au fond – was ist ' s denn weiter , wenn er 193 sich nach deinen Verhältnissen erkundigt hat – ? « Er brach ab vor ihrem dunklen Blick . » Heutzutage ist es gar nicht so etwas Besonderes , wenn man – « stotterte er weiter . » Das ist es ja nicht , das nicht , Onkel ! Höre auf ! « sagte Trudchen . » Ja , ja , ich verstehe dich schon , in dem Punkte sind die Frauen empfindlicher , und mit Recht « , nickte Onkel Heinrich . » Na , mir ahnt , der Name › Baumhagen ‹ wird einmal wieder Stadtgespräch sein im nächsten halben Jahr . Adieu , Trudchen ! Kann nicht gerade sagen , daß mich dieser Besuch gefreut hat . Laß dir die Zeit nicht lang werden . « In der Tür drehte er sich noch einmal um . » Übrigens , es wird wohl zur Klage kommen . Franz weigert sich , die Forderung dieses Wolff anzuerkennen . « Sie schüttelte den Kopf . » Er wird sich nicht weigern « , sagte sie ruhig . » Aber ich bitte dich , Onkel , nimm du die Angelegenheit in die Hand und bezahle den Wolff für seine Bemühungen . « Ihre Augen füllten sich plötzlich mit funkelnden Zornestränen . » O la la ! Soll ich mich auch noch da hineinmischen ? « Der alte Herr war aufs peinlichste berührt . » Ich bitte dich darum , Onkel – ehe es stadtbekannt wird ! « Ein Schluchzen erstickte ihre Stimme . » Ja , meinst du denn nicht , Kind , daß schon leise , 194 leise darüber geflüstert wird ? Hm ! – Nun , ich will es tun , schon aus Egoismus , Trudchen . Denkst du , mir ist es gleichgültig ! O la la , was das für große Tropfen sind ! Aber versprichst du mir dann auch fünf gerade sein zu lassen ? Wie ? Du kannst doch nicht von ihm ! « Die Tränen in ihren Augen schienen förmlich zu erstarren . » Nein ! « sagte sie , » aber wir werden uns über die Trennung einigen ! « » Bist du verrückt , Kind ? « rief der alte Herr mit dunkelrotem Kopf . Sie wandte langsam den Blick von ihm . » Er hat ja doch nur mein Geld gewollt , er mag es behalten « , klang es leise an sein Ohr . » Ich war Nebensache , ich ! « » Na , das ist die erste Empfindlichkeit « , meinte der Onkel beschwichtigend . » Kennst du mich so ? « fragte sie und richtete sich in ihrer ganzen schlanken Höhe auf . Ihre verweinten Augen sahen unheimlich entschlossen in die seinen . Der kleine Herr zog eilig die Tür hinter sich zu . Das war gerade , als ob sein verstorbener Bruder ihn anschaute . In unbehaglichster Stimmung warf er sich in den Wagen . Tausend Wetter , wie war er da wieder hineingeraten durch seine Gutmütigkeit ! Trudchen blieb allein . Einen Augenblick blickte sie ihm nach , dann schlug sie verzweifelt die Hände vor das Gesicht , flüchtete sich auf das kleine Sofa und weinte . 195 Es war gegen Abend . Franz Linden stieg die Treppe hinab , stellte sich auf die Terrasse und pfiff gellend in den Garten hinaus . Er wartete noch eine Weile , dann schüttelte er den Kopf : » Der Köter ist ihr nach « , sagte er leise , » selbst so ein Tier nimmt Partei gegen mich ! « – Er trat wieder zurück in den Saal und stieß auf Johanne , die am Büfett hantierte . » Sie werden also in einer Stunde nach › Waldruhe ‹ fahren « , redete er sie an und sah dabei an ihr vorüber . » Nehmen Sie das Nötige an Wäsche und Garderobe meiner Frau mit . Was sie sonst noch wünscht , steht jeden Augenblick zu ihrer Verfügung . « Johanne blickte ihn scheu an , das sonst blühende Männergesicht sah so aschfahl aus in der abendlichen Beleuchtung . » Wenn ' s noch eine halbe Stunde Zeit hätte , Herr Linden – ich will dem Fräulein doch wenigstens noch Bescheid sagen über den Milchkeller . « » Dem Fräulein ? – Ah – so . « » Ja , dem Fräulein , das seit gestern bei der Tante Rosa zu Besuch ist . Sie erbot sich dazu , Herr Linden , als sie hörte , daß die gnädige Frau fortreiste . Ich weiß ja doch sonst nicht , wie ich abkommen soll . Die Dore ist zu dumm und hat auch zu viel zu tun . « Ehe er noch antworten konnte , hatte sich leise die Saaltür geöffnet und hinter der wunderlichen Figur der Tante erschien ein brünettes Mädchen mit roten Wangen und blitzenden Augen . Als sie ihn 196 erblickte , machte sie einen etwas unbeholfenen Tanzstundenknicks , und wurde von der alten Dame als Heidchen Strom vorgestellt . Franz verbeugte sich vor den Damen , stammelte ein paar höfliche Worte und bat um Entschuldigung , wenn er sie verlassen müsse , da er noch Briefe zu schreiben habe . » Es tut mir so leid « , klagte Tante Rosa , » daß Frau Trudchen nicht zu Hause ist – « Er nickte ungeduldig . » Sie wird bald wiederkommen « , erwiderte er schon im Gehen . » Wenn die Heidchen irgend etwas helfen könnte in der Wirtschaft – « schrillte die Stimme der alten Dame ihm nach . » Bemühen Sie sich nicht « , wehrte er ab . » Ich tue es so gern ! « versicherte Fräulein Adelheid schüchtern . Abermals eine stumme Verbeugung von seiner Seite , und dann war er mit großen Schritten aus der Tür . Auch das noch ! Hastig lief er die Freitreppe hinab in den Garten . Er zog noch einmal den Brief aus der Tasche , den er heut morgen auf der Platte seines Schreibtisches gefunden hatte , und las ihn durch . Es waren nicht die sonst so zierlichen Buchstaben . Hart und fest und groß standen sie dort , und doch unsicher wie in zitternder Erregung geschrieben . Das Blut schoß ihm siedend zum Herzen . » Es wird sich schon finden ! « Er steckte das Schreiben 197 wieder ein und nahm ein anderes aus der Brieftasche , das vor einer halben Stunde ein Eilbote gebracht . » Ich komme soeben von Wolff , mit dem ich ein Arrangement Ihrer fatalen Angelegenheit beabsichtigte . Der Biedermann ist leider seit gestern am Typhus erkrankt und es ist augenblicklich nicht mit ihm zu verhandeln . Ich kann nur bedauern , daß Sie gerade an diesen geraten sind , und verstehe nicht , warum Sie ihn nicht befriedigt haben . Sobald der Gentleman wieder au fait ist , werde ich mir erlauben , im Interesse meiner Familie und vor allem meiner Nichte stillschweigend zu handeln , und bitte Sie , nicht durch ein Vorgehen Ihrerseits die Sache zu verschlimmern . Sie haben Rücksichten zu nehmen ! Ich darf wohl , als alter Mann , Ihnen einen Rat geben ? Ich beurteile diese Angelegenheit sehr tolerant , aber eine Frau denkt anders darüber . Gestehen Sie doch offen dem kleinen beleidigten Weibe die Wahrheit , bei ihrem Charakter das einzige , das sie wieder versöhnen könnte . Ich will gern , schon aus naheliegenden Gründen , das möglichste tun , um ihr die ganze dumme Geschichte im mildesten Lichte hinzustellen . « » Rücksichten ! « murmelte er , » Rücksichten auf die Familie ! « Dann lachte er auf und ging schneller in den sinkenden Abend hinein . Was sollte er zu Hause , in den leeren Zimmern , an dem unwirtlichen Tisch und mit dem Herzen voller Groll ? Kindischer , alberner Eigensinn war es von ihr . Und kein 198 Vertrauen ! Womit hatte er verdient , daß sie sofort den Stab über ihn brach , ohne ihn zu hören ? Nun , sie würde austrotzen , sie würde wiederkommen , aber – der Zauber war gebrochen , der Duft , der Farbenschmelz war dahin ! Sein Recht mußte er haben , ohne Rücksichten auf die Familie Baumhagen , auf sie , der er die Hände unter die Füße gebreitet