weißen Wölkchen , und junges , zartes Buchenlaub und hüpfende Sonnenfleckchen . Das Offfzierkorps des Ulanenregiments bestand aus durchweg wohlsituierten Leuten . Die Damen entnahmen ihre Toiletten von Gerson in Berlin , die Herren ritten Vollblutpferde , die jüngeren beteiligten sich an den Rennen und hatten in ihrem Kasino wunderbares Tafelsilber und livrierte Diener . Der Kommandeur ließ seine Gesellschaftsdiners direkt von Borchardt kommen aus Berlin , die gemeine Not des Lebens kannte vielleicht keiner von ihnen . Man war natürlich sehr exklusiv , und außer mit dem Landrat und einigen Großgrundbesitzern , die in jeder Weise als ebenbürtig galten , verkehrte man nur noch mit Brandenfeldts . Herr v. Brandenfeldt , Leutnant a. D. , bekleidete die Stelle eines Beamten bei der städtischen Steuer , eine sehr untergeordnete Stellung . Seine Aufnahme in den Regimentskreis verdankte er seinem alten Adel und dem seiner Gattin , einer Tochter aus dem gräflichen Hause Elben . Ein früherer Kommandeur dieses Regiments war ihr Vetter gewesen und hatte die Familie in den Kreis hineingezogen . So sah man sie denn bei den Bällen und in den Gesellschaften , besonders seitdem das Töchterchen erwachsen war . Sie bewohnten ein sehr bescheidenes Quartier , dem unsern gerade gegenüber in der Gertrudengasse , und erfüllten mit jährlich ein bis zwei Soupers ihre gesellschaftlichen Verpflichtungen , bei denen es einfach , aber ganz anständig zuging . Man speiste dabei von Tellern , die mit einer Grafenkrone geziert waren , und auf altem wappengeschmücktem Damast , den mancher von uns nicht aufdecken konnte , weil er eben kein Wappen besaß . Die Möbel waren gut und solid , und an den Wänden hingen die Bilder einiger gepuderter Ahnen , 179 die sich seltsam genug von der billigen geblümten Tapete abhoben . Die beiden Damen kleideten sich einfach und geschmackvoll : Frau v. Brandenfeldt schneiderte alles selbst . Der Herr Leutnant a. D. spielte sein L ' hombre mit dem Kommandeur , dem Landrat und irgend einem Rittmeister und verlor hin und wieder auch ' mal ein paar Taler mit vollendeter Liebenswürdigkeit . Nach solchem Verlust erschien er dann eine Zeitlang nicht am Spieltisch , unter irgend einem ganz akzeptabeln Vorwand . Ein Mädchen hielten sie nicht , nur eine alte Aufwartefrau für die gröbsten Arbeiten . Besuch empfingen sie für gewöhnlich nicht , und wie es erst bekannt wurde , daß die Damen ihre eigenen Köchin und Stubenmädchen seien , belästigte man sie nicht mit müßigen Visiten , sondern begnügte sich , sie am dritten Orte zu sehen , wie man denn überhaupt tat , als wüßte man nichts von ihrer ungewöhnlich eingeschränkten Lebensweise . Lene v. Brandenfeldt war wirklich ein reizendes Mädel , schlank aufgeschossen wie eine Birke , mit duftigem aschblondem Haar , nußbraunen Augen und einer Hautfarbe wie Apfelblüte . Sehr sanft , eher ernst als heiter , und doch bereit , so recht von Herzen mitzulachen und mitzutun , und immer zufrieden mit ihrem kargen Dasein , an das man übrigens nie dachte , wenn man mit ihr zusammen war . Natürlich zwang die Stellung , die Herr v. Brandenfeldt innehatte , auch zum Verkehr in den Kreisen der Bürger . Lene und ihr Vater taten dies mit selbstverständlicher Liebenswürdigkeit , Frau v. Brandenfeldt aber wurde es sehr schwer . Sie saß mit ihrem feingeschnittenen blassen Gesicht , eine altmodische Moireemantille um die spitzen Schultern , wie fröstelnd auf dem Sofaplatz , welcher übrigens der geborenen Gräfin immer bereitwilligst reserviert wurde , und beteiligte sich mit keinem Worte an den Gesprächen der Frau Apotheker Salzmann , der Frau Oberlehrer Rindenbeißer oder der Frau Stadtrat , welche letztere ihre direkte » Vorgesetzte « war . Dies Schweigen wurde ihr natürlich als Hochmut ausgelegt und war doch nichts weiter , als die Scheu , 180 jene Leute in ihr ärmliches Leben blicken zu lassen . Aufschneiden aber verstand sie nicht , es wäre ihr auch unter aller Würde erschienen . Sie konnte nicht über die Dienstmädchen räsonieren , denn sie hielt keine , und die hohen Preise der Hammel- und Kalbskeulen lagen ihr auch zu fern – war es doch männiglich bekannt , daß Brandenfeldts tägliches Deputat aus einem halben Pfund Kochfleisch bestand , nicht mehr und nicht weniger . Von andern Dingen aber war selten die Rede , so schwieg sie denn . Lene hatte mir einmal erzählt , daß ihr Vater , als junger Offizier und Ehemann , mit dem Pferde gestürzt und dadurch dienstunfähig geworden sei auf Lebenszeit , Lene war , als erstes Kind , damals gerade geboren . Der Großpapa , der alte Graf , damals schon vom Schlage getroffen und in Pension lebend , konnte nichts tun für den Schwiegersohn , denn er hatte noch sieben unversorgte Komtessen zu Hause , arme , verbitterte Dinger , die mit Sorgen den Moment herankommen sahen , da der Vater die Augen schließen und die Präsidentenpension erlöschen würde . Und so hatte der Leutnant a. D. v. Brandenfeldt den kleinen Posten eines Kassenrendanten in Steinhagen annehmen müssen . Lene , unbekümmert ob dieser Verhältnisse , wuchs frisch und fröhlich auf , war in bürgerlichen wie in militärischen Kreisen gleich beliebt und bei Festlichkeiten beinahe die begehrteste Dame . Traf es sich aber , daß am gleichen Tage etwas » los war « in beiden Welten , so gab sie stets der Einladung derjenigen Folge , zu der ihr Vater seiner Stellung nach gehörte . Ich allein wußte , wie schwer ihr das wurde , weil ja ihr ganzes Herz bei uns weilte , seitdem der Eberhard v. Wülflingen in unserem Regiment stand . Wir waren da einmal wieder in die Maiblumen gegangen , lagerten im Walde , tranken Kaffee und waren heiter , wie immer . Ganz am linken Flügel , ein klein wenig abseits auf einer Baumwurzel , saß Lene v. Brandenfeldt und ihr zu Füßen natürlich Eberhard v. Wülflingen . Nun war Eberhard zufällig der einzige im ganzen Regiment , der eine knappe Zulage hatte und sich in manchen Dingen einschränken mußte . Der hübsche , schlanke 183 Junge war vor etwa anderthalb Jahren direkt von den Gardeulanen gekommen , sein Vater , der Rittergutsbesitzer v. Wülflingen , war nicht mehr im stande , ihm die dort nötige hohe Zulage zu gewähren , weil er sich in Börsenspekulationen eingelassen hatte und damit gründlich verkracht war . Der Sohn schien nicht allzuschwer unter diesem Glückswechsel zu leiden ; er war immer vergnügt , riesig sparsam und solide und vom ersten Tage an , wo er sie gesehen , in Lene v. Brandenfeldt verliebt . Sie sah ihn auch gern , sehr gern , das glaubte ich bestimmt zu wissen und begriff es vollkommen . Es war eben einer von denen , dem jedes junge Herz zufliegen mußte – liebenswürdig , ritterlich und hübsch . Wirklich , ein prächtiger Mensch ! Der dicke Etatsmäßige war wohl der einzige , der das Paar durch sein Monocle etwas nachdenklich anstarrte und dann , mit einer Grimasse sein Glas fallen lassend , zu seinem Nachbar , dem Rittmeister v. Ollendorf , sagte : » Er wird doch nicht etwa so torhaft sein – was Ollendorf ? Ist ja vollkommen okkupiert , der Schwerenöter drüben . Übrigens – entschuldbar – reizender Käfer , die kleine Brandenfeldt . « Ich hörte es , ohne mir weiter etwas dabei zu denken , ich war eben noch in jenen Jahren , wo man nicht rechnet und berechnet , ja , wo ein Gedanke an prosaische Dinge bei Liebessachen wie eine Entweihung erscheint . Als der Kaffee getrunken war und wir in den Wald schwärmten , um Maiblumen zu suchen , hing sich Lene an meinen Arm . » Du , Marie , komm mit , ich weiß , wo der beste Maiblumenschlag ist , der Förster hat es mir verraten , als ich im April ' mal mit Vater hier war . – Rasch , daß uns die andern nicht sehen ! « Wir entkamen unbemerkt , niemend folgte uns in die grüne Wirrnis außer einem – Eberhard Wülflingen natürlich . Ich entdeckte ihn , als ich mich umwandte , weil mein Kleid an einem Dornbusch hängen geblieben war . » Du , Lene , der Wülflingen ! « » So ? Laß ihn : tue nicht , als ob du ihn gesehen . Hoffentlich verliert er unsere Spur ! « 184 » Hoffentlich ? Bist du jetzt ehrlich , Lene ? « Sie wandte den Kopf , damit ich ihr erglühendes Gesicht nicht sähe , und floh förmlich , als wollte sie die Wahrheit ihrer Worte beweisen ; ich natürlich in gleichem Tempo mit . Wir brachen wie die gehetzten Rehe durch die jungen Buchen und Haselnußsträucher und standen endlich stille unter hohen Eichen , durch deren frisches Laub die Sonne flimmerte . O , der Duft , der Duft ! Und die massenhaften weißen Glöckchen , die im leisen Wind zitterten zu unseren Füßen . Ganz berauscht davon , begannen wir zu pflücken . » Die andern finden so viele nicht , « sagte Lene jetzt , noch immer die Röte der Verlegenheit auf dem lieben Gesicht , » aber ich brauche viel , ich habe Rindenbeißers krankem Röschen einen großen Strauß versprochen ; das arme Ding , immer liegt sie da , mit ihren gelähmten Gliedern . « Es war das letzte , was ich für ein Weilchen von Lene hörte ; wir entfernten uns , Blumen pslückend , voneinander . Es war so still , so einsam ringsum , halb verweht klangen die Töne eines Straußschen Walzers herüber : » O junger Mai , o schöner Mai , la la la la , la la la la « – und in weiter Ferne rief wieder der Kuckuck . 185 Ob es nun der starke betäubende Duft war , der mich so müde , so zeitvergessen machte ? Ich sammelte schon lange keine Blumen mehr , ich saß auf der Wurzel einer eben belaubten riesigen Eiche und ordnete langsam , sehr langsam die Blüten und dachte an allerlei , an das , was man denkt mit zwanzig Jahren . Und wie ich mit dem Strauß fertig war und ihn mit biegsamen Grashalmen umwunden hatte , da fiel mir ein , nach Lene zu suchen , aber ich sah sie nicht mehr . Suchend und rufend schritt ich über die kleine Lichtung bis dahin , wo eine Gruppe dunkler Tannen steht , und hinter dieser Tannenwand sah ich plötzlich Lenens weißes Kleid schimmern und neben demselben etwas Blaues , Großes , und zugleich hörte ich eine bewegte Männerstimme sagen : » Aber Helene – Lene – Lene – das kann Ihr Ernst nicht sein ! « Und das mit einer Betonung – einer Betonung – da wußte ich genug . Leise wandte ich mich um , schritt über die Lichtung zurück und verfügte mich auf den Rendezvousplatz . Sie waren alle schon vollzählig versammelt um die Maibowle , bis auf die zwei , und die schien niemand zu vermissen . Noch ein Weilchen , als wir eben zum Fanchonlaufen auf der Wiese antreten wollten , kam Lene allein den Waldweg daher mit ihrer Blumenlast ; Eberhard Wülflingen fehlte und Lene tat ganz unbefangen , man sah ihr aber doch an , daß sie etwas Großes , 186 Feierliches erlebt hatte , ihr sonst so blühendes Gesichtchen war sehr blaß . Am Abend , als wir heimgingen , hing Lene sich wieder an meinen Arm . » Du , warum bliebst du nicht neben mir beim Blumenpflücken ? « fragte sie mit niedergeschlagenen Augen und vorwurfsvollem Klang ihrer Stimme . » Ich kam unversehens von dir ab , « stotterte ich , » warum aber machst du denn so eine Leichenbittermiene – weinst wohl gar ? « Sie schüttelte den Kopf . » Es ist so traurig , « sagte sie nach einer Weile mit ihrer lieben , leisen Stimme , » wer hätte das auch gedacht : ich habe ihn immer für so vernünftig gehalten . Wir können doch nicht zusammenkommen , Marie , und wenn wir uns noch viel lieber hätten , was ja aber gar nicht möglich ist ! « » Hat er denn gesprochen ? « forschte ich atemlos . » Ja ! Er sagte , wir wollten aufeinander warten bis zum Rittmeister , und das – das – siehst du , das ist ja Unsinn . « » Und daran denkst du in dem Augenblick , wo dir der Mann , den du liebst , endlich seine Neigung gesteht ? Du scheinst eben nicht gerade romantisch veranlagt . « Die tiefste Empörung sprach aus mir . » Romantisch ? Nein , romantisch bin ich nicht , « sagte sie . » Du denkst vielleicht , ich liebe ihn nicht ? Wirkliche Liebe ist gar nicht romantisch ! Weißt du , wenn ich mir vorstelle , daß er einmal so ein Leben führen solle wie mein armer Vater , dann fühle ich nichts mehr als das eine , daß ich es nicht ertragen könnte , es mit anzusehen : – nein , das könnte ich nicht . – Wir sind beide so schrecklich arm , Marie ! « » Du denkst weit hinaus , « gab ich zur Antwort , aufs peinlichste berührt von ihrer praktischen Richtung . Ich hatte sie stets für eine ideal angelegte Natur gehalten , und nun entpuppte sie sich plötzlich nach meinem Dafürhalten als eine hausbackene Seele , die das künftige Wirtschaftsgeld überrechnet in dem Moment , 187 wo ihr , beim Duft der Maiglöckchen , beim Schlag der Finken im Frühlingswald , ihr Liebstes , längst Ersehntes – sein Herz zu Füßen legt ! Sie schritt stumm neben mir , von Zeit zu Zeit preßte sie meinen Arm und ein tiefer Seufzer traf mein Ohr . » Und was soll denn nun eigentlich werden ? « fragte ich strenge . » Ich weiß es nicht , habe keine Ahnung , « antwortete sie beinahe hastig , » frage mich doch nicht ! « Wir gingen alle über einen schmalen Wiesenpfad , der nur paarweise zu beschreiten war , der Stadt zu . Es war fast dunkel ; der Mond stand hinter einer schwarzen Wolkenwand , in der von Zeit zu Zeit ein bläulicher Wetterstrahl aufzuckte . Die Luft war warm und gewitterschwül , und die Frösche sangen ihre Liebeslieder im nahen Bruch . Wir beide waren die Letzten des Zuges , eines langen schmalen Zuges , der sich wie ein Grabgeleite ausgenommen haben würde , wenn nicht das Lachen und Plaudern aus ihm zurückgeschallt hätte . Die ganze Stimmung in der Natur war eine sehnsüchtige , erwartungsvolle , eine echte Frühlingsabendstimmung , und die Blumen in unsern Händen dufteten so süß und schwer . Ob nur Lene das nicht empfand ? » Wo ist Eberhard Wülflingen ? « fragte ich leise . » Voran ! Vor einer halben Stunde schon , er muß längst zu Hause sein . « » Er wird sich deine Antwort anders vorgestellt haben ! « » Er sagte , an der Ausführung würde mein Bedenken ihn nicht hindern . Er will morgen mit den Eltern sprechen – trotz meiner Bitten : es geht ja nicht , es geht wirklich nicht ! Ach , du , hätte ich ihn nur nie gesehen ! « Es klang etwas schrecklich Gequältes aus ihrer Stimme , ich ärgerte mich von neuem über die feigen Bedenken und ließ unmutig ihren Arm fahren . » Und das nennst du Liebe ? « sagte ich großartig und verächtlich . Sie antwortete nicht , ich meinte nur , ihre Augen groß und traurig auf mich gerichtet zu sehen . Stumm gingen wir den Rest 188 des Weges miteinander bis zur Stadt . Die Straßen wimmelten noch von Kindern , vor den Haustüren saßen die Leute und genossen die Abendkühle , aus den Gärten leuchteten weiße Blütenbäume , und der Fliederduft kämpfte siegreich mit den Gerüchen , die der Straße eigen zu sein pflegen . Hinter Wülflingens Fenstern war Licht , und gerade hier stockte der Zug ; man trennte sich unter fröhlichem Gute Nacht , um die verschiedenen Penaten aufzusuchen . Lene und ich gingen zusammen weiter , voran ihre und meine Mutter , bis in die Gertrudengasse , wo wir uns ja gegenüber wohnten . » Überleg ' dir ' s noch ! « bat ich leise , wie wir uns ihrem Hause näherten . » › Ein getreues Herz zu wissen ‹ – du kennst das Verschen ; und so schrecklich arm wird er ja nicht sein , das Kommißvermögen kann ihm sicher sein Vater geben . « Sie senkte schweigend den Kopf . » Das meinte er auch , aber dennoch – – mein Gott , was ist denn das , die paar Taler ? « stotterte sie . » Na , ich meine ! Zwölftausend Taler , was das ist ? « fragte ich empört ; » wie manche wäre selig damit und dankte Gott auf den Knien dafür . « Und – du bist doch das » Sparsamsein « gewöhnt , dachte ich dabei . Sie antwortete nicht , und im nächsten Augenblick war sie hinter ihrer Mutter in das Haus getreten . Am andern Mittag , es war eben zwölf Uhr und die Schulkinder lärmten durch die Gassen , sah ich mitten unter ihnen Eberhard Wülflingen daherkommen im Besuchsanzug mit Ulanka und Tschapka , 189 groß , schlank und stattlich , einen feierlichen , entschlossenen Ausdruck im Gesicht . Er steuerte direkt auf Brandenfeldts Wohnung los . Aha , er führt aus , was er versprach ! – Armer Kerl , du hast gar keine Idee , wie schwankend und prosaisch die Liebe deiner Lene ist ! Ich blieb wie festgebannt am Fenster sitzen hinter meinem Nähtischchen und wünschte , die Mauern des Hauses drüben mit meinen Augen durchdringen zu können . Was wird nun werden mit den beiden ? Ein Weilchen später kehrte der Herr Kassenrendant vom Bureau heim , er ging gebückt und langsam – immer , als drückte eine schwere Last seine feine Gestalt hernieder ; das Gesicht war blaß und hatte einen leidenden Ausdruck . Der Sommerüberzieher war auch schon recht unmodern , ebenso der Zylinder , trotzdem hatte er das Aussehen eines eleganten Mannes . Plötzlich fiel mir Lenens Ausspruch ein : » Wenn ich denken müßte , daß er einmal so ein Leben führen sollte wie mein armer Vater , ich ertrüge es nicht ! « Ganz unbewußt habe ich wohl den Herrn v. Brandenfeldt darauf angesehen , ach , es mag vielleicht doch eine größere Misere sein , als man ahnen konnte ! Lene hat bisher freilich nie geklagt , sie war immer zufrieden gewesen , nur gestern nicht , zum erstenMale . Ob aber der Herr v. Brandenfeldt wirklich unglücklich war ? Jedenfalls schien er sehr friedlich mit seiner Frau zu leben . Ich bewunderte bei Gesellschaften immer wieder die altmodische ritterliche Höflichkeit , mit der er nach beendetem Souper beim 190 Gesegnete-Mahlzeit-Wünschen die Hand seiner Gattin küßte , nachdem er gefragt hatte : » Wie geht ' s dir , meine Liebe ? « Nach einer halben Stunde etwa kam Eberhard Wülflingen wieder aus dem Hause , sehr rot , sehr hastig , wie jemand , der eine große unerwartete Täuschung erfahren hat . Den Kopf im Nacken , ging er rasch die Straße hinunter . Natürlich ! Lene war bei ihrem » Nein ! « geblieben . Wie sie das nur konnte ! Es ist doch unerhört ! Ich meine , wenn man liebt , dann müsse auch die innere , zwingende Notwendigkeit dasein , einander anzugehören , über alle Bedenken hinaus . Lenens » Es geht ja nicht ! « schien mir das untrügliche Zeichen einer kleinen Seele zu sein . Unmutig entfernte ich mich von meinem Beobachterposten und ging nach dem Garten . Dort suchte mich nach einem Weilchen der kleine Nachbarsjunge auf , der von Lene zu Ausgängen und leichten Besorgungen benutzt wurde für das fürstliche Honorar von zehn Pfennig die Woche . Er brachte mir ein mit Bleiftift beschriebenes , eilig zusammengefaltetes Zettelchen : » Bitte , komm gegen halb zwei Uhr in unsern Garten , ich muß Dich sprechen . Lene . « Was sie nur will ? Wieder feige jammern und lamentieren über materielle Hindernisse ? Wenn sie das tut , nahm ich mir vor , dann bekommt sie von mir Dinge zu hören , die möglicherweise unsere Freundschaft für immer zu Schanden machen , ich kann dann nicht anders . – Zur festgesetzten Stunde ging ich über den Hof des Hauses drüben , in welchem Brandenfeldts das Halbparterre bewohnten : aus der Scheuer führte ein Pförtchen in den Garten , den wir als Kinder bei unsern Spielen benutzt hatten . Durch die Haustüre mochte ich nicht gehen , ich wußte , daß Lenes Eltern zu dieser Zeit Mittagsruhe hielten . Ich fand Lene meiner schon wartend an der Scheunentür . Sie sah ein bißchen bleich aus , trug ihr marineblaues Alltagskleid , ein weißes Schürzchen und hielt den zierlichen Pompadour mit der ewigen Stickerei in der Hand . Ich betrachtete letzteren ganz entsetzt – sie konnte Handarbeiten fertigen an solchem Tage ? 191 » Liebste Marie , « bat sie , » ich bin dir so dankbar , ich kann nicht allein bleiben mit meinen schweren Gedanken . Setze dich doch ein bißchen mit in die Laube , komm ! « Sie zog mich hinein und nötigte mich zum Sitzen : aber ich blieb stehen . » Ich meinte , du wolltest mich nötig sprechen ? Ich habe nicht viel Zeit ! « sagte ich streng und ungeduldig . Sie blieb neben mir stehen und antwortete nicht gleich . Nun erst bemerkte ich , wie ihre Hand , die einen frisch gepflückten Fliederzweig , der auf dem Tische lag , beiseite schob , zitterte , und wie verändert ihr Gesicht war , gramvoll , um zehn Jahre gealtert . » Du warst gestern schon so unfreundlich , « warf sie mir zaghaft vor . » Allerdings ! Und heute bist du mir ganz unverständlich – ich sah Eberhard Wülflingen von euch wieder herauskommen , und – « » Mein Gott , es geht nicht anders , « flüsterte sie , mit starren Augen an mir vorübersehend . Und da riß mir die Geduld , wie eine mühsam zurückgestaute Flut brach mir mein Unwille los . Erbärmlich feige sei sie , eine größere Enttäuschung habe ich noch nie erlebt als bei ihr . Berechnend , materiell sei sie , nicht Liebe sei es , und Eberhard Wülflingen könne froh sein , daß er ein so kleinliches Wesen nicht heimführe , er werde sich hoffentlich bald zu trösten wissen . Damit wandte ich mich um und ging den Weg wieder hinunter , um zur Scheunentür zu gelangen . Zunächst rührte sich nichts hinter mir , dann aber holte sie mich ein mit eilenden Schritten . » Mariechen , « rief sie halblaut , » du irrst dich , ich kann dir ja nicht alles sagen ! Bleibe doch – ich – « Sie war plötzlich neben mir und hielt mich fest , ihre Augen glühten , sie atmete mühsam . » Du weißt ja gar nicht , was ich erlebe , täglich , stündlich , sonst würdest du nicht so hart urteilen ! Ich bitte dich , daß du mir glaubst , ein bißchen glaubst , « flehte sie , » wenn ich dir sage : mein Lebensglück hängt ja an ihm , mein ganzes Glück , und doch – – « » Doch kann ich Handarbeit machen , « höhnte ich , » und den armen Jungen heimschicken ! Weißt du , was ich getan hätte ? Entweder wäre ich ihm um den Hals gefallen und hätte 192 gesagt : › Meinetwegen hungern und dursten , nur bei dir bleiben und mit dir leben ! ‹ Oder – ich wäre in den Teich gesprungen . « In diesem Augenblick schmetterte eine hohe klanglose Frauenstimme durch die verträumte Stille des Gartens : » Ganz vernünftig ist sie , wenn sie in ein solches Elend nicht hinein will , ein Elend , wie du es mir bereitet hast , trotz der zwölftausend Taler , mit denen du so groß tatest , als mit deinem Vermögen . « Wir standen wie angewurzelt . Dicht bei uns befanden sich die geöffneten , nur leicht verhängten Fenster des Schlafzimmers von Lenes Eltern . Stumm , an der Unterlippe nagend , stand Lene da und hielt mich doch erbarmungslos fest an der Hand , wie ich mich auch bemühte , zu fliehen , um nicht hören zu müssen , was dort zwischen ihren Eltern gesprochen wurde . » Ich dir bereitet ? « antwortete die Stimme des Herrn v. Brandenfeldt . » Darüber wollen wir nicht streiten , wer mehr Schuld hat an dem jetzigen Elend , du oder ich . « » Du ! Du als Mann hättest das Leben besser kennen müssen ! Was wußte ich denn davon , von dem Wert des Geldes , vom Offizierstand überhaupt ? Mein Vater war Jurist in einer hohen Stellung , und Mangel kannte ich nicht bis dahin , im Gegenteil – « » Dann hätte dein Vater vernünftiger sein und mich mit meinem ehrlich gemeinten Antrag ' rauswerfen sollen ! Aber der war ja froh , daß eine von euch unter die Haube kam . « » Bitte sehr ! Papa gab nur nach , weil – weil – « » Weil du erklärtest , dir das Leben nehmen zu wollen , wenn wir uns nicht kriegten – jawohl ! « bestätigte er . » Hätte ich es mir doch genommen , « schluchzte die Frauenstimme auf , » dann – dann wäre alles besser , dann brauchte ich es nicht mit anzusehen , daß Lene sich halbtot grämt und als altes Mädchen verkümmert und versauert . Ach Gott , mein Gott ! « » Wenn sie das nicht will , muß sie sich eben trösten und den Ronnefahl nehmen , der kann sie ja ernähren . « Ein gelles Auflachen der Frau war die Antwort , ein wehes Lachen , das wie Messer in das Herz des Hörers schnitt . Dicht am Fenster erklang es , und zugleich bewegte sich der Vorhang . Wir aber flohen wie gejagt um die Ecke des Gebäudes der Scheune zu . 193 Dort in dem dämmerigen Raum , mit dem gespreizten Balkenwerk unter dem Ziegeldache , dem undefinierbaren Geruch nach dumpfigem Stroh und zahlreichen Mäusekolonien , blieben wir stehen . Wie ein Platzregen hatte dieses Gespräch die Glut meiner moralischen Entrüstung abgekühlt ; ich wußte nicht , sollt ' ich Lene ansehen oder stumm hinausschreiten . Ich war völlig fassungslos , so groß , so hoch über mir stehend , dünkte sie mich mit meinen hergebrachten Ansichten über Liebe . Und sie stand vor mir und schob mit der Spitze ihres Fußes einige Strohhalme beiseite und sagte : » Und sie haben sich einmal so schrecklich lieb gehabt ! « Ich wußte nicht , was ich darauf erwidern sollte . » Das ist eben die rechte Liebe nicht gewesen , « stotterte ich endlich , um nicht allzu schmählich zu unterliegen . » Doch , Marie ! Sieh , ich habe Briefe , die Mutter an Vater schrieb zu ihrer Brautzeit , so würde ich auch an ihn geschrieben haben , nicht anders . Eine ganze Welt von Liebe und Herzlichkeit , von Opfermut und Treue weht daraus , und ich habe auch Briefe von Vater , freudige , glückselige Briefe , er selbst gab mir diese kleine , während einer Manöverkampagne entstandene Korrespondenz nach einer schrecklichen Szene , die sie beide miteinander hatten , bei welcher ich , wie leider so oft , Zeuge war . Ich sehe noch sein beschämtes , trauriges Gesicht , als er dazu sagte : › Es war nicht immer so , Lene , wir haben uns einmal sehr , sehr lieb gehabt , und wir meinten es redlich damit . ‹ Und nun – ach , Marie ! – « Und plötzlich schlang sie die Arme um meinen Hals und begann zu schluchzen , wild , fassungslos . » Lene , Lene , « bat ich erschüttert . » Du würdest doch nicht so sein – wie deine Mutter ! « » Weiß ich das heute ? « rief sie , innehaltend mit Weinen , » weiß man denn , was die Not aus einem macht , die schreckliche Not ? « Und dann blieb es still zwischen uns , lange , lange , und der schrille Schmerzensschrei zitterte in meiner Seele nach . Ich hielt ihr Köpfchen an meiner Brust und ließ sie schluchzen . Ach , aus wie anderen Augen schaute ihr Gebaren mich jetzt an ! » Du mußt 194 ein wenig fortreisen , « begann ich nach langer Zeit , » du wirst es dann , fern von ihnen , leichter überwinden . « Sie lachte leise und bitter . » Ich – reisen ? Wovon denn ? Wohin denn ? Ist auch gar nicht nötig – er tut ' s für mich . – Er ist zum Kommandeur gegangen und bittet ihn , mit einem Kameraden der anderen Garnison tauschen zu dürfen . « Und sie strich sich mit einer unendlich müden , trostlosen Gebärde das wirre Haar aus der Stirn und zuckte die Schultern . » Du willst doch nicht wirklich den Ronnesahl heiraten ? « fragte ich endlich . » Ich will nicht , ach nein , aber ich werde wohl müssen ; die Brüder brauchen eine Equipierung , und ich kann den Eltern nicht mehr eine Last sein . « Sie drückte mir nochmals die Hand und wandte sich in den Garten zurück . Und dann war sie wieder , wie immer , still , freundlich und heiter . Nur ich wußte , wie es um ihr Herz stand , was dieses gleichgültige Wesen