Stübchen mietest ? “ Sie schüttelte den Kopf . „ Und wovon soll ich unterdes leben , ich meine , bis ich die Malmädel gefunden habe ? “ „ Aber Hede , welche Frage ! Bei mir steht immer der Tisch gedeckt für dich . “ „ Nein “ , sagte sie , indem sie sich aus seinen Armen wand , und ihr Gesicht bekam etwas Starres , Hartes , „ nein , nichts – nichts von Toni ! “ Er sah sie an , halb ernst , halb spöttisch . „ Von Toni würde wohl nicht viel dabei sein , Hede , ich bezweifle , daß ihre Gage weiter reicht als zur Bestreitung der Toilette . Sie verstand ihn nicht . „ Aber – das große Vermögen ? “ stotterte sie . „ Das ? Er lachte auf einmal so herzlich wie in alten Tagen „ das ist so sicher angelegt , daß sie gar nicht dazu kann , Hede . “ Ihr betroffenes Gesicht amüsierte ihn geradezu . „ Was soll das heißen ? Toni ist arm ? “ „ Ungefähr so . Du siehst also , Schatz , du könntest ohne zu große Gewissensbisse an unserem Tische mitessen . “ „ Nein ! “ wiederholte sie kurz und mühsam atmend , „ du hast schon übergenug Last an Ottilie ! “ Sie war in den Stuhl zurückgesunken und starrte vor sich hin . Mit welchen Hoffnungen war sie hergekommen aus ihrem Elend daheim ! Auf Liebe , auf Sonnenschein hatte sie sich gefreut , auf ein Atmen in anderer Luft , und nun blieb ihr doch nichts weiter , als wieder hineinzutauchen in das Jammerleben , das Stundengeben für einen Bettellohn , das Hungern bei Thee , Kartoffeln und Grießbrei , das Hungern nach einem Herzen , welches ihr nahe stand . „ Heinz “ , sagte sie endlich , „ ich reise übermorgen wieder heim “ . „ Warum willst du nicht noch ein Weilchen bei Tante Gruber bleiben , Hede ? Es würde deiner Gesundheit so dienlich sein . “ „ Nein ! Nein ! Ich verwöhne mich hier nur , und wenn du fort bist – was soll ich hier ? “ sprach sie heftig . „ Aber ich bleibe ja nicht lange , Kind , Italien haben wir heimlicherweise längst aufgegeben – acht Tage Berlin , voilà tout ! “ „ Nein , nein , es ist besser , ich reise ! “ „ Wie du nur aussiehst , “ schalt er , „ ich muß ja Angst haben , dich hier allein zu lassen heute abend- “ „ Aber warum ? Ich bitte dich , ängstige dich nur nicht um mich ! Ich lese , ich werde – “ Er sah nach der Uhr . „ Nun ist ’ s auch für mich Zeit , “ sagte er zögernd , das blasse Mädchen mit den starren , dunklen Augen that ihm so unsäglich leid . „ Hast du etwas zum Lesen ? “ fragte er und trat an ein Tischchen , auf dem Bücher und Journale lagen , nahm einige davon und ergriff dann noch eine Zeitung , auf deren Titel „ Breitenfelser Amtsblatt “ zu lesen war , und übergab ihr alles . „ So , Hede , da hast du allerlei , sogar die neuesten Begebenheiten in Breitenfels , von meinem Polterabend bringen sie sicher auch einen Sums . Und nun fange keine Grillen , auf mich kannst du immer bauen , hörst du , Hede , wenn ich auch kein Krösus bin . Und thue mir den Gefallen , überlege , ob du nicht lieber hier dein Domicil aufschlagen willst ! “ Sie hielt , wie geistesabwesend , die Bücher im Arm . „ Komm , “ sagte er , „ ich bringe dich hinüber . “ Sie schritten miteinander den langen , teppichbelegten Korridor hinunter . Hedes Zimmer lag nach der Seite hinaus , die von der Herzogin Mutter bewohnt wurde , nur zwei Treppen höher . Er trat hinter der Schwester ein , die Hängelampe brannte , die Vorhänge waren zugezogen , im Kamin züngelten die Flammen . „ Ist dir ’ s auch warm genug ? “ erkundigte er sich ; „ dein Souper ist angeordnet . – Daß du auch so allein bist ! Soll ich nochmals zu dir kommen , wenn das Fest zu Ende ? “ Sie nickte . „ Bitte ! “ „ Ich werde vorsichtig anklopfen , falls du schläfst . “ „ Ich erwarte dich , ich schlafe nicht . “ – Es ist der letzte Abend , den du noch mir gehörst , wollte sie sagen , verschluckte es aber . „ Leb ’ wohl indessen , Hede , ich sehe dich also noch , “ setzte er rasch hinzu , wie um weitere Betrachtungen abzuschneiden . Dann ging die Thür und das Mädchen war allein . Sie zog an den Kamin einen Sessel und hockte sich hinein , die Füße emporgezogen , die Bücher und Zeitungen hielt sie noch immer an sich gepreßt . So verharrte sie eine ganze Weile . Bis hier hinauf drang kein Laut , das Schloß war ja überhaupt so geräuschlos , als sei es von Geistern bewohnt , und so still war es hier wie daheim in ihren niedrigen einsamen Zimmern . Nur die Uhr tickte , eine Bronceuhr im Empirestil . Hede brach auf einmal in leises leidenschaftliches Schluchzen aus , ein unsägliches Grauen vor der Zukunft hatte sich ihrer bemächtigt . Bisher , seit Mutters Tode , war Heinz ihre Hoffnung gewesen , und diese , lieber Gott , war gescheitert ! Der arme Junge , der würde selber seine Not haben , durchzukommen . Und sie fühlte , wenn sie weiter leben mußte wie bisher , ohne einen Menschen , der ihr nahe stand , es würde Wahrheit werden , was Heinz ihr angedroht , sie würde dort enden , wo ihre Schwester schon war – im Irrenhause ! Sie gedachte der Nächte , da sie , furchtdurchschüttelt ob der entsetzlichen Einsamkeit und Verlassenheit , in ihrem Bette aufrecht saß , sterben und verderben konnte sie , keiner hätte es gemerkt ! Sie gedachte der Morgen , an denen sie frierend umherschlich , um auf dem Spirituslämpchen Thee zu bereiten , dachte an das Heizen des Ofens mit den starren zitternden Fingern . Ja , wenn sie ’ s gewöhnt gewesen wäre ! Aber bis vor kurzem hatte sie noch eine Aufwartefrau gehabt . Und dann die Unterrichtsstunde mit dem schmerzenden Kopf , in dem Terpentindunst , und mittags die paar eiligst gekochten Kartoffeln , ein Ei dazu , wenn ’ s hoch kam , und wieder ans Werk , dutzendweise dasselbe Motiv auf Ober- und Untertassen , und doch welch ’ Glück , wenn sie Arbeit hatte ! Dann kamen die langen Abende , an denen sie vorzeitig aus Müdigkeit und Frost ihr Lager suchte , denn der Schlaf floh sie bis zum Morgen . Sie schlug sich plötzlich mit der flachen Hand vor die Stirn und blickte sich um , als erwachte sie eben aus schwerem Traume . Dann setzte sie die Füße herunter vom Stuhl und betrachtete wie abwesend die Lektüre , die sie noch in der Hand hielt – „ Breitenfelser Amtsblatt “ , las sie . Mechanisch faltete sie es auseinander – Politik – Hofnachrichten – der Name ihres Bruders sprang ihr entgegen , die Namen der eingetroffenen Gäste – wie großartig das klang ! Dann Theateranzeige : „ Der Barbier von Sevilla “ – vorletzte Vorstellung , – eine Verlobungsanzeige , – irgend jemand hatte Zwillinge bekommen , irgend jemand war gestorben – eine Büffettmamsell mit feiner Garderobe wird gesucht – und endlich blieben ihre Augen wie gebannt an folgendem Satze hängen . „ Eine gebildete Dame als Repräsentantin seines Hauses , die bei drei Kindern im Alter von 7 , 5 und 3 Jahren Mutterstelle zu vertreten hätte , sucht möglichst sofort der herzogl . Oberförster Günther . Sie las noch einmal und saß dann wieder regungslos wohl eine Viertelstunde lang , bis die Uhr neben ihr mit silberner Stimme sechs Schläge ertönen ließ . Plötzlich sprang sie empor , setzte hastig ihren schmucklosen Filzhut auf , fuhr in das Jackett , griff nach dem Muff und verließ das Zimmer . Sie vermied die Haupttreppe und schritt die für die Dienerschaft bestimmte Stiege hinab . Sie kannte die Seitenthür , die direkt unter den Zimmern der alten Herzogin auf den Schloßberg mündete . Der Weg führte zum Marstall und zog sich in Windungen durch jetzt kahles Fliedergesträuch hinunter . Sie ging mit schnellen und kurzen Schritten , ein starkes Herzklopfen peinigte sie . Die Fensterreihen der Gemächer der Herzogin strahlten mit ihren rötlichen [ 136 ] Auf dem Marienplatz zu Ende des 15. Jahrhunderts . Nach einer Originalzeichnung von K. Weigand . [ 137 ] WS : Das Bild wurde auf der vorherigen Seite zusammengesetzt . [ 138 ] Lichtern in die Schneenacht hinaus , ihren Weg erhellend . Bald war sie am Fuße des Berges und schritt auf dem Schloßplatz dahin , der Oberförsterei zu . Die ersten Wagen mit Gästen rollten eben langsam den steilen Berg hinan , am Eingange des Schloßhofes flammten Pechfackeln und zuckten mit ihrem Schein über die Gebäude und die dürren Wipfel des Parkes . In wenig Minuten hatte Hedwig von Kerkow die Oberförsterei erreicht und trat ein in den kaum notdürftig erhellten Flur . Die Schelle rasselte laut und mißtönig , ein paar Dachshunde fuhren ihr belfernd entgegen , und bald nachher trat aus der nach rechts gelegenen Stube ein Mädchen , dem sich einige Kinder nachdrängten , und fragte nach ihrem Begehr . „ Ist der Herr Oberförster zu Hause ? “ „ Ja ! Wen soll ich melden ? “ „ Sagen Sie ihm , eine Dame , die auf seine Annonce hin gekommen ist . “ Das Mädchen musterte im Abgehen Hede Kerkow vom Kopf bis zu den Füßen . Nach einem Weilchen kam es zurück . „ Der Herr Oberförster lassen bitten , einstweilen einzutreten , er stehe gleich zur Verfügung . Sie führte Hede in ein Zimmer ; die Lampe brannte auf der Platte des Schreibtisches und warf ihren Schein auf dienstliche Papiere : der Sessel war halb zurückgeschoben , als sei eben jemand eilig aufgestanden . „ Nehmen Sie Platz ! “ sagte das Mädchen und schob einen Stuhl so ziemlich in die Mitte der Stube . Hede dankte und blieb stehen . Das Mädchen machte sich am Ofen zu schaffen . Ein schöner Hühnerhund erhob sich von der warmen Lagerstatt und kam langsam herüber zu der fremden Dame ; als er vor Hede stand , bewegte er den Schweif und schaute sie an aus seinen glänzenden , klugen Augen , und sie streichelte leise den schönen Kopf des Tieres . „ Wenn Sie hier die Stelle haben wollen , dann sagen Sie man nichts auf die gewesene Braut , “ begann plötzlich das Mädchen plump vertraulich . „ Was die Stübken is , die is deshalb hinausgeflogen gestern , aber mit Dampf , und sie hatte doch gedacht , sie macht es recht schön . Na , meinswegen , ich bin froh , daß das Lügenmaul raus is ! " Hede maß die Schwätzerin mit einem kühlen Blicke von oben bis unten und wandte sich wieder zu dem Hund . Das Mädchen zögerte noch ein Weilchen , dann ging es . „ So ’ ne olle hochmütige Trine , was braucht die sich zu melden , “ murmelte es , „ der werd ich ’ s eintränken , wenn sie hier in Konditschon kommt ! “ Hede stand noch mit dem Tiere beschäftigt , als Günther eintrat . „ Entschuldigen Sie , Fräulein , “ bat er , „ ich ließ Sie warten . Wollen Sie nicht Platz nehmen ? “ Er wies zum Sofa hin und ergriff den Stuhl ihr gegenüber . „ Ich komme , “ begann sie , dunkel erglühend . – „ Ja , ich weiß , “ unterbrach er , ihr feines vergrämtes Gesicht betrachtend . „ Ich suche – ich bin nämlich Witwer , Fräulein – eine Dame , die meinem Hause vorsteht und die ein wenig gut ist mit den Würmern – Unruhe und Arbeit würden Sie reichlich finden , ich bin nicht allzuviel daheim , verlange aber auch keinerlei Berücksichtigung meiner Person . Seeben , das ist mein Faktotum , ein alter invalid geschossener Waldläufer , der sorgt für mich , mit mir haben Sie also keine Last , Fräulein . Aber trotzdem – Sie sehen zart aus – am End ’ wird ’ s doch zu schwer für Sie . “ „ O , sicher nicht ! “ antwortete sie , „ ich habe viel Lust zur Wirtschaft und Kindererziehung , viel Uebung freilich nicht . Vielleicht versuchen Sie es mit mir , Herr Oberförster ? “ „ Haben Sie Zeugnisse ? “ fragte er . „ Nein , “ sagte sie , „ ich war bisher noch nicht in Stellung , ich lebte bis vor kurzem mit meiner Mutter zusammen . Sie starb so rasch , und ich fühle mich einsam und wünsche Thätigkeit . Vorhin las ich Ihr Gesuch – ich bin sogleich gekommen . “ Er heftete den Blick auf sie . Ein schmales , edel geschnittenes Gesicht , nervös die Farbe wechselnd , um den feinen Mund ein herber Zug , und ein Paar großer dunkler Augen , in denen viel zu lesen war von verschwiegenem Kummer , von herben Erfahrungen . Sie gefielen ihm , diese bangen fragenden Augen . „ Und Sie könnten gleich kommen , Fräulein ? “ Sie zögerte ein wenig . „ Ja ! “ sagte sie dann , „ ich denke , es wird meinem Bruder so recht sein . „ Lebt Ihr Bruder hier ? “ „ Er lebt hier , “ antwortete sie stockend , „ es ist der Hofmarschall von Kerkow . “ Der Mann vor ihr war jählings aufgestanden . Des Kerkows Schwester ? – Er trat zum Schreibtisch und wühlte dort planlos umher , und seine Hand zitterte dabei . – Die Schwester des Mannes , dem er indirekt die bitterste Erfahrung seines Lebens verdankte ! „ Weiß Ihr Herr Bruder ? “ fragte er tonlos . „ Nein ! “ erwiderte sie , „ aber ich weiß , er wird sich freuen , wenn wir bei einander bleiben . Wir haben uns beide nötig , er und ich , Herr Oberförster . “ „ Aber sollte dem Herrn Hofmarschall von Kerkow es recht sein , daß seine Schwester eine – – es ist doch immerhin eine dienende Stellung , Fräulein ? “ „ Wenn nicht hier , dann wo anders , Herr Oberförster . Er sowohl wie ich – waren und sind nicht in der Lage – “ Er unterbrach sie rasch . „ Ich möchte doch erst die Einwilligung des Herrn Hofmarschalls – “ „ Ich bin mündig , “ erwiderte sie , „ zweiunddreißig Jahre alt . Aber wenn Sie Bedenken haben – es wäre , freilich es wäre ein Glück für mich gewesen , in seiner Nähe bleiben zu können ! “ Sie stand auf und schickte sich zum Gehen an . Ihm war es auf einmal wie eine Erleuchtung gekommen . „ Wenn Sie es versuchen wollen , Fräulein , “ sagte er , „ ich würde mich glücklich schätzen , eine Dame wie Sie um die Kinder zu wissen , und lieb wäre es mir , wenn Sie bald , recht bald kommen könnten ! Soviel an mir liegt , will ich Ihnen die Stellung angenehm machen , Sie müssen nur entschuldigen , ich bin nicht auf dem Parkett groß geworden . Wenn ich – “ Sie streckte ihm die Hand entgegen . „ Ich verspreche Ihnen , alles zu thun für die Kinder , was in meinen Kräften steht . Gott gebe , daß ich ihre Herzen gewinne ! “ Er schüttelte die Hand . „ Und die Bedingungen ? “ sagte er unsicher . „ Das überlasse ich Ihnen , “ antwortete sie , entschlossen , in dieser Hinsicht durchaus nicht prüde zu sein . „ Geben Sie nur , was Sie Ihrer vorigen Hausdame gaben , oder weniger , jedenfalls aber , ehe wir das vereinbaren , warten Sie , ob Ihnen meine Leistungen genügen . Und jetzt zeigen Sie mir , bitte , die Kinder ! “ Er ging mit großen schwere Schritten aus dem Zimmer , und kam dann wieder , das Jüngste auf dem Arm , die beiden andern zur Seite . „ Da ist eure neue Tante – Sie erlauben doch , gnädiges Fräulein – “ schaltete er verlegen ein . „ Bitte , bitte “ , sagte sie , „ und nennen Sie mich nicht ’ gnädiges Fräulein ’ , nur einfach ’ Fräulein Kerkow ’ oder , Fräulein Hedwig ’ , oder auch nur ’ Fräulein ’ . – Kommt einmal zu mir , Kinder , und erzählt mir , wie ihr heißt ! Sie nahm ihm das Kleine vom Arm und setzte sich mit ihm auf den nächsten Stuhl , während sie den beiden größeren freundlich zulächelte . Sie ließ sich durch die unguten Mienen der verschüchterten Kinder nicht schrecken , sie redete tapfer in sie hinein , fragte nach Puppen und Schaukelpferd , und nach einer Weile antwortete der Junge ihr zuerst , dann mischte sich Agnes ein mit unendlicher Wichtigkeit , und das ganz Kleine ward auch gesprächig . Es wurde ein wahres Vogelgezwitscher in der sonst so stillen Stube . „ Bleibst du gleich hier ? “ fragte der Bub ’ . „ Heute nicht , ich komme aber wieder – übermorgen . “ „ Bleib ’ doch lieber gleich , meinte die Aelteste , „ der Papa ist so traurig , das ist gar nicht schön ! “ „ Uebermorgen komme ich , und heut ’ geht ihr schlafen ohne mich und morgen auch . Und wenn ihr zum drittenmal schlafen geht , dann komme ich mit und erzähle euch ein Märchen dabei . “ Sie waren es so zufrieden und begleiteten die neue Tante mit dem Vater bis an die Hausthür . Mit einem hellen „ Auf Wiedersehen ! “ schied sie und ging schnellen Schrittes den Weg zurück , den sie gekommen . Der Oberförster aber stand am Fenster und sah der schlanken Gestalt nach , die so unversehens nun in sein Leben getreten war . Des Kerkow Schwester in seinem Hause ! Des Mannes Schwester , von dem er jetzt geträumt im Wachen und Schlafen , an den er nur im tiefsten , herbsten Groll gedacht ! Und nun – nun wußte er auf einmal alles , als habe ihm jemand aufgezeichnet , [ 139 ] wie es um jenen und um Aenne stand . Der arme Offizier hatte blutenden Herzens dem heimlich geliebten Mädchen entsagt und um seiner Familie willen die andere genommen , und das vor Zorn und Schmerz verzweifelnde Kind hatte sich in seine Arme gestürzt . Ihr armen Beiden ! Sie war an der Schwelle der Ehe zusammengebrochen unter der Unmöglichkeit , einen andern zu lieben ; der Mann schleppte sich bis zum Altar und weiter , immer weiter , bis ihm das Herz erstarrte in seiner Brust . Der Oberförster fühlte seinen Groll schwinden gegen Heinz Kerkow , aber er seufzte tief , er war hineingezogen worden in diesen Kampf und jedermann kannte seine Wunden . Es sollte das letzte Mal sein , daß ein Weib in sein Leben gegriffen , das hatte er sich gelobt ! Er pfiff dem Hunde , setzte sich in die Sofaecke und tätschelte den Kopf des schönen Tieres . „ Bist doch die Treueste , “ sagte er leise und zärtlich , „ gelt , Diana ? Wenn wir miteinander da draußen sind in dem weiten herrlichen Gotteswald , dann wird die ganze Jämmerlichkeit dieses Lebens so wesenlos und klein , nicht wahr , Alte ? “ [ 149 ] Der andere Tag brach an , Heinz Kerkows Hochzeitstag . Auf Aennes Gesicht lag etwas Ernstes , Entschlossenes – ihr Bruder Walther , der Student , sagte : so etwa , als ob sie statt der Toni „ angekoppelt “ werden sollte . „ Willst du mit ? “ fragte er dann . „ Wir fahren nachher mit Richard Meyer nach dem Jagdschlößchen , die Schlittenbahn soll herrlich sein . “ „ Ach was , “ brummte Robert , der Lieutenant , dem es nicht paßte , brüderliche Rücksichten zu nehmen , „ damit sie die Nase erfriert ! Ich sage dir , Aenne , bleib ’ daheim und geh ’ brautschauen ! “ Tante und Mutter sahen verstohlen zu Aenne hinüber . Der Bruder war nicht unterrichtet von dem Breitenfelser Stadtklatsch , sonst hätte er diese Aufforderung unterlassen . Aber Aenne erwiderte sehr ruhig : „ Natürlich gehe ich in die Kirche – du doch auch , Mama , und Tante ebenfalls ? “ Frau May wäre trotz allem und allem eher „ gestorben “ als bei dieser Gelegenheit ferngeblieben ; und wäre der Kerkow erwiesenermaßen ihr ärgster Feind gewesen , bei seiner Trauung hätte sie zugegen sein müssen . „ Ich gehe schon deshalb hin , um all den Leuten die Mäuler zu stopfen , und daß du mit willst , ist vernünftig , “ sagte sie zu ihrer Tochter . „ Aber warum sollte ich denn nicht ? “ fragte Aenne , das , was ihre Mutter meinte , absichtlich nicht verstehend . „ Ich habe doch kein Verbrechen begangen ? “ – Im sicheren Gefühl , daß nur Günther ihr Geheimnis kannte , dem sie es selbst anvertraut und bei dem es so geschützt und geborgen war wie in ihrer eigenen Brust , bewahrte sie ihre Selbstbeherrschung vollständig ; ihre innerliche Verzagtheit , ihr altes bitteres Weh wurde von dem trotzigen Mädchenherzen im Zaum gehalten . Wenn Heinz Kerkow überhaupt noch den leisen Gedanken gehabt hätte , daß sie um seinetwillen litt , heute sollte , mußte dieser schwinden ; dann würde ihr die trotzige verzweifelte Kraft nicht fehlen , die Eltern zu überreden , dem zuzustimmen , was sie vorhatte ! [ 150 ] Der Medizinalrat verfügte über Eintrittskarten für die Hofkirche , wie sämtliche Beamte des Hofes und die Honoratioren der kleinen Residenz . Für die Damen bedeutete das : elegante Visitentoilette , soweit die Begriffe von Eleganz in Breitenfels reichten ; für die Herren : Frack und Cylinder . Zu sehen gab ’ s entschieden etwas , seit ewigen Zeiten war da droben in demstillen Witwenleben nicht eine offizielle Festlichkeit gewesen . Um halb zwei Uhr sollte die Trauung stattfinden , der ein kleines Festmahl im engsten Zirkel folgte ; auf vier Uhr bereits war die Abreise des jungen Paares bestimmt . Die Rätin klagte während der Toilette – das unvermeidliche Schwarzseidene war wieder aus dem Schrank geholt – über Reißen , es sei ungesundes Wetter , und die Jungen , die mittlerweile abgefahren waren , würden im Schneewasser wieder heimkommen . Es war in der That ein trüber , warmer Tag , die Schneedecke zeigte siebartig zahllose kleine Löcher , die der leichte mit Schnee untermischte Regen verursacht hatte , und in der Dachrinne gluckste und tropfte es . Um Mittag war es fast finster . Aenne befand sich in ihrem Stübchen . Sie hatte ein gelblich . weißes Kaschmirkleid angelegt , kindlich einfach in der Form , faltige Bluse und faltige weite Aermel , und einen schmalen blauen Gürtel um die Taille . Sie wartete auf den Boten , der ihr die Nachricht von der plötzlichen Heiserkeit des Fräulein Hochleitner bringen sollte , und sie ward so blaß wie ihr Kleid , als sie endlich unten die Klingel hörte . Dann Rufen nach ihr , eilige Schritte , das Rauschen eines Seidenkleides . „ Das ist eine nette Geschichte “ – mit diesen Worten riß Frau Rat die Thür auf – , ,die Hochleitner ist krank geworden , die Friedrich nirgend zu finden ! Ob du nicht den Psalm singen willst ? lassen sie fragen – – als ob das so ginge ! . Wirft du ’ s können ? Wenn du dich getraust , sollst du sofort in die Kirche kommen , läßt der Organist sagen , um noch einmal mit der Orgel zu proben . „ Wenn ich den Leuten aus der Verlegenheit helfen kann , sehr gern , “ sagte Aenne , nahm gelassen ihren weißen , mit Schwan besetzten Umhang vom Bett und folgte der Mutter . „ Ein Wagen steht drunten ! “ rief die aufgeregte Frau . „ Gott im Himmel – wenn du nun die Sache umwirfst – sag ’ s doch lieber ab , bedenke doch die Herrschaften , die zugegen sind ! “ „ Ich habe schon öfter vor ihnen gesungen , “ wandte Aenne ein . “ Ja , nun ja ! Aber wenn du plötzlich nicht weiter kannst , dann giebt ’ s wieder eine Klatscherei , sie sagen womöglich , du habest aus Verzweiflung um den Heinz – – “ Aenne wandte sich nach ihrer Mutter um . „ Ich werde nicht stecken bleiben , “ sagte sie kurz und hart , obgleich in ihrem Herzen die Zweifel stärker waren als je . Im nächsten Augenblick saß sie in den Polstern des Hofwagens und rollte der Schloßkirche zu , die , dem Mittelbau des Schlosses angefügt , nach der Gartenseite zu lag . Ein wahres Kleinod der Spätgotik , gut erhalten und verständnisvoll restauriert , bildete sie so ziemlich die einzige Sehenswürdigkeit des Städtchens in künstlerischer Beziehung und wurde viel besucht von Architekten und Malern . Mit schlank aufstrebenden Säulen und herrlichen Spitzbogengewölben erschien sie wie ein Freiburger Münster im kleinen .. Nur das Innere des Gotteshauses machte einen so günstigen Eindruck , denn das Portal war in späterer Zeit miteingebaut in das Schloß . Man passierte , um in die Kirche zu gelangen , die große Halle im Erdgeschoß des Mittelbaues direkt von dem darüber befindlichen Festsaal konnte die herzogliche Familie sich in die für sie bestimmte Empore der Kirche , den sogenannten Fürstenstuhl , begeben . Als Aenne durch die hohe Spitzbogenthür in den tief dämmerigen Raum trat – das matte Tageslicht vermochte kaum durch die gemalten Scheiben zu dringen – war das schöne Gotteshaus noch leer , nur um den reich mit Orangerie geschmückten Altar beschäftigten sich noch mehrere Diener , und mit geräuschloser Eile wurden Kerzen auf die riesigen Messingkronleuchter und die Kandelaber gesteckt . Der hohe Raum war ganz erfüllt von Blütenduft , dieser entstieg den mächtigen Orangenbäumen , deren Kübel mit den Landesfarben bemalt waren . Die gewundene Treppe herab von der Orgelempore kam dem jungen Mädchen mit allen Zeichen des Bangens der weißhaarige alte Organist entgegen . „ Gott sei Lob , daß Sie da sind , Fräulein May ! Stockheiser , die Hochleitner , und die Friedrich nicht zu finden , weder in ihrer Wohnung noch im Theater – der Himmel mag wissen , wo sie steckt ! Haben Sie Furcht , Aenne ? “ Er kannte das Mädchen wie sein eigen Kind . Ihre Stimme war schon manchmal von dort droben erklungen , als kleines Mädchen hatte Aenne schon beim Weihnachtsgottesdienst ihr helles Stimmchen in der Engelverkündigung erschallen lassen „ Ehre sei Gott in der Höhe ! “ „ Wollen wir schnell einmal proben ? “ „ Wenn Sie es für nötig halten , “ antwortete sie , „ mir ist der Psalm vertraut . “ „ Wirklich ? Mir fällt ein Stein vom Herzen ! Sie kennen ganz genau die Stelle , wo Sie einzusetzen haben ? “ „ Ganz genau ! “ Und sie lächelte ihn an , daß der alte verzweifelnde Mensch ordentlich wieder Farbe bekam . „ Aengstigen Sie sich nur nicht , “ sprach sie tapfer , „ ich mache Ihnen keine Schande . “ „ Guten Tag , meine Damen ! Die Hochleitner ist krank , Fräulein May hat die Freundlichkeit , uns auszuhelfen mit der Solopartie , “ wandte er sich an die versammelten weiblichen Mitglieder des städtischen Gesangvereins , dessen Direktor er war . Sie harrten auf der Empore vor der Orgel und keine einzige befand sich unter ihnen , die nicht das allerverblüffteste Gesicht machte , ob dieser Mitteilung . Und Aenne , über deren jüngste Erlebnisse jede einzelne hergefallen war und sie nach Möglichkeit beschwatzt , bekrittelt und herabgewürdigt hatte , stand ruhig lächelnd da in ihrem weißen Kleidchen , wie eine sieggewohnte Primadonna . Wie viel Kraft sie dazu nötig hatte , das brauchte ja niemand zu wissen ! „ Könntest du s i n g e n ? “ fragte Fräulein Krause ihre Freundin Ida Sillig , „ könntest du singen , wenn deine Liebe mit einer Andern getraut würde ? “ Und die Andere meinte : „ Wer weiß denn , ob ’ s wahr ist ? Ich könnt ’ nicht singen , ich würde entweder ohnmächtig , oder – ich “ Was sie thun würde , verschwieg sie , aber ihre Finger hatten sich gebogen , und ihre Augen funkelten vor Zorn bei dem bloßen Gedanken , daß ihr heimlich Angebeteter , der Provisor in des Vaters Apotheke , sich unterstehen könnte , ihr untreu zu werden . Die Kerzen brannten jetzt , das Publikum wurde eingelassen . Seitwärts , unter dem Herzogsstuhl , war die Flügelthüre zu der Halle des Schlosses geöffnet , von welcher ein paar Stufen in die Kirche hinunterführten , die Lakaien posierten sich davor , der Weg bis zum Altar war mit roten dicken Teppichen belegt . „ Wird die Herzogin zugegen sein ? “ wisperten die Damen . Aenne gab Auskunft . Durchlaucht sei nicht wohl genug , der Medizinalrat schon in aller Frühe hinaufgeholt worden , die hohe Frau klage über Asthma . Nun erdröhnten die Kirchenglocken über ihnen mächtig