sind eben eigene Sachen um solche Heirathsgeschichten . “ „ Ich kann Keinen lieb haben , Muhme , “ tönte es nah an dem Ohr der alten Frau ; zwei weiche Arme schlangen sich um ihren Hals , und ein blasses Gesicht verbarg sich an ihrer Brust . So lag sie auf den Knieen neben der Alten , und diese strich mit der Hand über die braunen Flechten . „ Gott segne Dich , mein Liesel ! “ flüsterte sie , „ Du hast das Rechte gethan . “ – – Drüben im Wohnzimmer schritt der Hausherr aufgeregt hin und wieder . Frau Erving hatte roth geweinte Augen und bat : „ Wenn sie ihn aber doch nicht lieb hat , Erving ! “ „ Minna , es ist gar zu schwer mit einer Frau über solchen Punkt vernünftig zu sprechen , “ sagte er vor ihr stehen bleibend , „ sieh Dir den Jungen an ! Er ist hübsch , ist ehrenwerth ; er hat sie lieb , ist aus guter Familie ; sein Vater schreibt mir , [ 771 ] sie wollen das Mädel auf Händen tragen – ist das nicht Alles , was sie überhaupt verlangen kann ? Aber es steckt etwas dahinter – das lasse ich mir nicht ausreden . “ „ Aber ich bitte Dich , Erving , was sollte das wohl sein ? “ „ Und dann , ich kenne das Mädchen nicht wieder – sie , die sonst so schmiegsam und biegsam ist , wie sie dastand mit dem blassen Gesicht und ‚ Nein ‘ sagte , weiter nichts als ‚ Nein ! ‘ Gott steh ’ mir bei , wer hätte das gedacht ? “ „ Sie ist ja Deine Tochter , Alterchen , “ bat Frau Erving aufstehend und zu ihrem Gatten tretend . „ Du weißt doch , “ fuhr sie mit einem Versuch zu lächeln fort , „ wie Dein Vater gewünscht hatte , Du solltest die Agnes heirathen , da hast Du ebenfalls ‚ Nein ‘ gesagt und weiter nichts . “ „ Na , das war denn doch etwas Anderes , damals kannte ich Dich schon und hatte Dich lieb , aber hier – sie hat ja kaum die Nase aus dem Nest gesteckt . Gott weiß , so sauer ist mir bald nichts vorgekommen , als dem Jungen heut Abend solchen Bescheid zu bringen . “ Er blieb am Fenster stehen und blickte unmuthig durch die Scheiben . Er wendete sich auch nicht um , als jetzt leise die Thür aufging und die Muhme eintrat . Sie blieb einen Augenblick stehen . „ Nu , nu , Minnachen , “ sagte sie dann , „ Du weinst ja – es ist doch Keins gestorben und solche Eile hat ’ s doch auch nicht mit dem Freien ! Es giebt ja nicht eine Hand voll , es giebt ein ganzes Land voll Männer – der Rechte kommt schon noch – “ Der Müller am Fenster machte eine heftige Bewegung , als wollte er scharf antworten ; dann sagte er ruhig : „ Du redest , wie Du es verstehst , Muhme . “ „ Ei , ich sollte meinen , in solchen Dingen bin ich auch gerade nicht aus den Kopf gefallen , und hab ’ ein Stückel Leben mehr gesehen wie Du . Die Liesel ist siebenzehn Jahr gewesen – das ist doch kaum aus den Kinderschuhen heraus ; es werden noch hundert Freier nach der Mühle kommen ; was soll sie gleich den Ersten nehmen ? Er ist ein schmucker Bursche , der Selldorf , ja , aber der Geschmack ist halt verschieden , und Lieb ’ ohne Gegenlieb ’ ist ’ ne Frage ohne Antwort und giebt ein Unglück . Und nun laß gut sein , Friedrich , und mach ihr kein böses Gesicht , sie ist ja Dein einziges Bissel , was willst Du sie denn zwingen ! Es nutzt Dich aller Aerger nichts , und ein Machtwort kannst Du in dieser Angelegenheit nicht sprechen ; darum gieb Friede , und freue Dich , daß Du das Kind noch behältst ! Wenn sie erst einen Mann hat , dann ist sie nimmermehr Euer . “ „ Schon gut , schon gut ! “ erwiderte er ungeduldig und fing die Wanderung durch ’ s Zimmer von Neuem an . Die alte Frau fügte kein Wort mehr hinzu ; sie wußte , daß sie ihren Zweck erreicht hatte , und so nahm sie ihren Strickstrumpf und setzte sich auf ihren Platz . „ Hast Du sie denn gesprochen ? “ fragte nach einer ganzen langen Pause die Mutter . „ Freilich ! Sie kam zu mir und hat mir ’ s gesagt , wie es steht , und zuletzt da hat sie geweint und mich gebeten , ich solle ihr den Vater wieder gut machen helfen . “ „ Wo ist sie denn ? “ fragte er . „ Sie ist in ihr Stübchen hinaufgegangen . “ „ So ? “ erwiderte er und schritt wieder auf und ab , dann aber näherte er sich der Thür und ging hinaus . „ Ich weiß schon , wo er hingeht , “ nickte die alte Frau und lächelte . „ Er war wohl recht böse ? “ „ Es ging schon noch , Muhme , aber ich kenne ihn ja gar nicht ärgerlich – es hat mich erschreckt . “ „ Nein , guck einmal , Minnachen , “ sagte sie und wies in den Garten hinaus , und als sie nun hinschauten , da ging eben der Müller langsam den Weg hinauf , die Arme um sein Töchterchen geschlungen , und sie hatte den Kopf an seine Schulter gelehnt und sah zu ihm auf ’ , er sprach mit ihr , und sie lächelte ihm zu . „ Mein guter Mann , mein liebes Kind ! “ sagte leise die Frau am Fenster . 10. Im Schlosse war die Nachricht von dem Tode der Gräfin Stontheim keineswegs sehr traurig aufgenommen worden ; die junge Baronin und Nelly hatten die Verstorbene gar nicht gekannt . Nelly hatte Kränze gewunden und sie mit theilnehmenden Zeilen an Blanka abgesendet , und dann hatten die drei Damen Trauerkleider angelegt , um auch dieser äußerlichen Form zu genügen , hauptsächlich wohl Blanka ’ s wegen , welche auf das Schreiben Army ’ s hin zu längerem Aufenthalte in Derenberg erwartet wurde . Army und ihr Vater wollten sie begleiten . Und nun war der Tag gekommen , an welchem der Besuch eintreffen sollte . In Blanka ’ s Zimmer waren die Fenster weit geöffnet , und die frische Herbstluft zog in die üppig traulichen Räume ; die Sonnenstrahlen glänzten auf den blaß – grünen gleißenden Atlasfalten der Wände und den schwellenden Polstern von gleichem Stoff ; überall prangten frische Herbstblumen in Vasen und Körbchen und Nelly blickte sich sorglich um , ob das verwöhnte Kind auch nichts zu vermissen brauche . In dem einfachen schwarzen Wollkleide sah sie in diesem strahlenden Boudoir beinahe wie eine arme verwunschene Prinzessin aus , die durch Zufall oder einen guten Geist wieder in die prächtige Umgebung versetzt worden war , die ihr eigentlich gebührte . Das ovale Gesicht mit dem zart rosigen Teint hob sich reizend von dem tiefen Schwarz ihres Kleides , und die weißen Hände , die aus den Kreppmanschetten des Aermels hervorsahen , waren fast zu klein für ein erwachsenes Mädchen . „ Es ist doch reizend , dieses Zimmer , Großmama , “ sagte sie , und schaute zu der alten Baronin hinüber , die eben in dem Rahmen der Thür erschien . „ Gewiß ! Aber für Dich , mio cuore , würde ich es hübscher in Blau finden . “ „ O , für mich ! “ lachte sie auf , „ Großmamachen , ich und so ein Zimmer aus Seide und Spitzen ! Ich würde mich unglücklich fühlen in diesem Duft und Schimmer . “ „ Du wirst es lernen , mein Kind , darin glücklich zu sein . “ Das junge Mädchen blickte rasch auf , das klang so ernsthaft . „ Wenn meine kleine Nelly recht lieb ist , “ fuhr die alte Dame fort und trat näher zu dem erstaunten Mädchen , „ und sich Mühe giebt , ihr wildes Wesen abzulegen , dann schenke ich ihr vielleicht so ein strahlendes Zimmerchen zu Weihnacht . “ „ Großmama , Du ? “ rief die Kleine ungläubig . „ Ach nein , ich möchte lieber so eine Einrichtung , wie Lieschen sie hat , mit blau und weiß beblümtem Kattun – das sieht doch reizend aus . “ Die alte Baronin zuckte die Schultern und wandte sich um , denn ihre Schwiegertochter trat ein . „ Da bekomme ich eben ein ganzes Paket Kleiderstoffe und Proben zugesandt , “ fragte diese , „ haben Sie das bestellt ? Ich meine , es muß ein Irrthum sein ; es sind seidene Möbelstoffe dabei und allerhand Sachen , die wir doch unmöglich gebrauchen können . “ „ Ich habe die Bestellung gemacht , Cornelie , “ erklärte die Angeredete ungeduldig , „ laß die Sachen auf mein Zimmer legen ! “ Nelly zog davon , um es zu besorgen , und die beiden Frauen standen sich stumm gegenüber . „ Aber , “ sagte endlich die Jüngere , „ wozu das ? “ „ Hast Du Dich schon einmal in dem Spiegel gesehen , Cornelie ? “ klang es scharf zurück , „ in dem Fähnchen da kannst Du Dich doch kaum noch vor unseren Leuten blicken lassen , geschweige denn bei einer Hochzeit . “ Sie lachte . „ Ich hatte schon eingekauft , Mamachen , für Nelly ein weißes Kleid und für mich einen schwarzen Seidenstoff . “ „ Leichteste Qualität , recht dünnen Taffet , Kunstreiterseide , wie man sagt , ich kenne das , “ erwiderte die alte Dame höhnisch . „ Genug , es bleibt dabei , ich kaufe , was ich für nöthig halte – “ „ Aber Mamachen ! “ „ Du willst vielleicht fragen : woher nimmt sie das Geld ? Nun denn , Cornelie , das Geschäft hat früher Tausende von mir verdient , und es wird auch wohl jetzt noch der Baronin Derenberg Credit gewähren – das ist vorläufig genug , für das Weitere laß mich sorgen . Oder willst Du vielleicht , daß Dein Sohn in einem völlig leeren Salon getraut werde , wo die Vorhänge kaum noch an der Stange hängen bleiben , weil sie von den Motten zerfressen sind , die Möbelüberzüge Löcher haben , so groß wie jene Schale dort ? Deine Schwiegertochter würde empfindlich die Nase rümpfen , meinst Du nicht auch ? “ „ O , daran dacht ’ ich nicht , “ erwiderte die blasse Frau leise , und schloß die Thür , da ein kühler Luftzug die seidenen Vorhänge weit in ’ s Zimmer wehte . „ Ich meinte nur , “ setzte sie zurückkehrend hinzu und an dem prachtvollen Stutzflügel stehen bleibend , [ 772 ] den Blanka sich während des Sommers hatte nachschicken lassen , weil sie behauptete , auf dem alten Clavier im Wohnzimmer nicht spielen zu können , „ ich meinte , weil wir so ganz allein sind in der Familie – “ „ Da haben wir wieder Deine vollständig pietätlosen Ansichten , Cornelie . Army ist kein hergelaufener Bursche , der gerade dort seine Hochzeit begeht , wo er zufällig mit seinem Mädchen zusammentrifft ; er ist der Sohn eines der edelsten Geschlechter im Lande und seine Braut eine Verwandte unseres Hauses , und darum werde ich dafür sorgen , daß diese Ceremonie wenigstens in anständiger Weise vor sich geht . Es könnte ein Lamm zum Tiger machen , Cornelie , wie Du über solche Sachen denkst . “ Die alte Dame schritt mit hochgeröthetem Gesicht an ihrer Schwiegertochter vorüber und trat an ’ s Fenster . „ Ich muß Dich überhaupt dringend bitten , Cornelie , “ fuhr sie fort , „ daß Du Deine spießbürgerlichen Ansichten in Etwas änderst , wenn Blanka im Hause ist ; sie sind das geeignete Mittel , ihr den Aufenthalt hier gründlich zu verbittern ; sie kann das ewige ängstliche Beobachten und Sparen , welches den Maßstab an jede Buttersemmel lege , ebenso wenig vertragen wie ich , und jetzt kommt es vor allen Dingen darauf an , daß wir sie festhalten – festhalten um jeden Preis . Ist erst das Amen hinter der Trauung gesprochen so sind wir über jede Verlegenheit hinaus . “ In die Wangen der Schwiegertochter war ein tiefes Roth getreten , und die Thränen drängten sich ihr in die Augen . Für wen sparte sie ? Für wen sorgte sie ? Weshalb ging sie in den elendesten Kleidern ? Damit jene excentrische Frau dort so wenig wie möglich von der wirklich drückenden Armuth empfinden sollte und einigermaßen so leben konnte wie früher ; sie schickte jeden Abend die Sanna mit Thee und kaltem Fleisch hinauf in ihr Zimmer , und Nelly und sie begnügten sich mit einer Suppe oder einfachem Butterbrod . „ Nun weinst Du vielleicht auch noch , Cornelie , “ klang wieder die Stimme herüber , die das Deutsche so scharf und eckig aussprach , während sie in ihrer Muttersprache in melodischer Weichheit förmlich zu schmelzen schien , „ misericordia ! was sind die deutschen Weiber für sentimentale Geschöpfe ; es kann mich außer mir bringen , sehe ich gleich diese Thränenbäche quellen ; was ich Dir eben gesagt , ist nur zu unserem Besten – wenn Du es doch einsehen wolltest ! “ In diesem Moment trat Nelly wieder ein . „ Es ist schon fünf Uhr , Mama , und gleich nach sechs Uhr können wir sie erwarten ; unten ist schon der Tisch gedeckt , und Heinrich wird hier schnell Feuer im Kamine anmachen und die Fenster schließen – ich bin so neugierig , “ fuhr sie fort , „ was sie Alles erzählen werden , wie Blanka in Trauer aussieht und wie das Testament ausgefallen ist . “ Sie sah bei diesen Worten die Mutter an und bemerkte die Thränen in ihren Augen . „ Weine nicht , Mama ! “ flüsterte sie , „ nachher kommt ja der Army , unser lieber Army . “ „ Das Testament ? “ fragte die Großmutter , „ mon dieu , Army die Hälfte , sie die Hälfte , und verschiedene Legate an alte Diener , Spitäler etc. , und wahrscheinlich auch für den Herrn Obersten , der sicher zugesehen , wo er bleibt bei der Sache . “ „ Ja , Großmamachen , aber erinnere Dich doch , damals erzählte Army . Blanka gelte überall als die alleinige Erbin – “ „ Ah bah ! Dann liegt die Sache noch günstiger – über das Vermögen der Frau entscheidet ja stets der Mann ; freilich , ich glaube es nicht ; die Stontheim liebte Army viel zu sehr . “ „ Wenn aber das Testament schon vorher gemacht war , Großmamachen ? “ „ Dann hat sie sicher ein Codicill dazu hinterlassen , “ erwiderte ungeduldig die alte Dame . „ Wenn ich nur genau wüßte , wann sie kommen ! “ sagte Nelly ; „ die gewöhnliche Post trifft pünktlich um siebeneinhalb Uhr ein , Army schrieb aber , daß sie mit Extrapost reisen und deshalb auf der Eisenbahnstation erst ruhen und zu Mittag essen , zwischen sieben und acht Uhr aber , da müssen sie sicher hier sein . Geduld , Geduld ! Ob ich das je lernen werde ? “ lachte sie über sich selbst . „ Sieh ’ nur das schöne Abendroth , nun wird es bald dunkel ; ich freue mich so sehr auf den Army . “ Allmählich sank die Dunkelheit über Schloß und Park , und am Himmel blitzte Stern an Stern in funkelndem Glanz ; noch war die Lampe im traulichen Wohnzimmer nicht angezündet , nur das Feuer des Kamins warf eine dämmernde Helle in das Gemach . Mutter und Tochter waren allein ; denn die alte Baronin hatte das Zimmer verlassen . Das junge Mädchen da in der tiefen Fensternische sah mit großen träumenden Augen in das leuchtende Gewimmel dort oben ; sie knieete neben dem Sessel der Mutter und hatte den Arm um sie geschlungenn die tief erregte Frau preßte ein Tuch vor die Augen , und ihre Brust hob und senkte sich in leisem Weinen . „ Mein gutes Mütterchen , “ bat die Kleine mit ihrer süßen Stimme , „ weine doch nicht Deine lieben Augen roth ! Was soll Army denken , wenn er kommt ? Sieh ’ , Großmama meint es nicht so böse – “ „ Ach , Nelly , das ist es nicht , “ erwiderte leise die weinende Frau , „ aber mich verfolgt heute schon den ganzen Tag eine Angst , eine Unruhe , die ich kaum beschreibe kann – Gott gebe nur , daß dem Jungen nichts passirt ist ! “ „ Aber Mama , “ tröstete die Tochter und schmiegte das blonde Köpfchen fest an ihre Brust , „ was soll ihm denn geschehen sein ? Er fährt sicher augenblicklich in der alten gelben Postkutsche und sitzt seiner Blanka gegenüber , also in der behaglichsten Situation , die es für ihn geben kann ; der Oberst erzählt Anekdoten , und sie freuen sich Alle aus ein warmes Abendbrod und auf Dein liebes freundliches Gesicht , mein Mütterchen . “ Die Frau in dem Sessel schreckte auf . „ Was hast Du nur , Mama ? “ fragte Nelly ängstlich . „ Es war nur , als hörte ich seinen Tritt , “ erwiderte flüsternd die Mutter , „ hast Du es nicht auch gehört , Nelly ? “ „ Nein , Mama , es ist ja auch nicht möglich . “ Es wurde still in dem großen Gemach ; die flüsternden Stimmen schwiegen ; ringsum kein Laut als das Knistern des Feuers im Kamine , und dann und wann ein banges Aufseufzen aus beklommenem Mutterherzen . Aber da – da – ja , das war sein Tritt auf dem Corridor ; „ Nelly ! “ rief die Baronin mit halberstickter Stimme , und das junge Mädchen flog empor und durch das Zimmer , und da öffnete sich die Thür – eine hohe Gestalt trat herein . „ Army ! “ jubelte die Schwester . „ Army ! “ kam ’ s auch von den Lippen der Mutter . „ Army , bist Du es ? “ „ Ja , Mama , “ erwiderte er , aber seine Stimme klang gepreßt , als müsse er sich mit Gewalt zwingen , ruhig zu scheinen . „ Mein guter Junge , “ sagte innig die Mutter und schlang den Arm um ihn . „ Army , lieber Army , “ schmeichelte Nelly „ aber sag ’ doch , wo ist denn Blanka ? “ Er stand in der Nähe des Kamins , noch in Mantel und Mütze , und der schwache Schein des verlöschenden Feuers ließ seine Züge nicht genau erkennen . „ Army , wo ist Deine Braut ? “ rief nun auch die Mutter . „ Ich habe keine Braut mehr . “ Seine Stimme erstickte fast im Schmerze . Nelly stieß einen Laut des Schreckens aus , die Mutter aber hatte keine Antwort , da war ja das Unglück , das sie geahnt – sie preßte ihres Sohnes Hand fester in die ihre , als könne sie ihn hinwegreißen aus einem schrecklichen wüsten Traume . „ Mach ’ mich nicht weich , Mama ! “ bat er und drängte sie langsam zu dem nächsten Sessel , „ es kann nichts nützen ; wie konnte ich mir auch einbilden “ – er lachte bitter – „ daß sie – Mach ’ Licht , Nelly ! “ sagte er dann kurz und rauh , „ und bereite die Großmama vor ! Ich habe nicht lange Zeit ; ich muß morgen schon wieder fort . “ Mit zitternden Händen ergriff Nelly die Lampe ; der helle Schein derselben beleuchtete das blasse Gesicht Army ’ s , der noch auf demselben Flecke stand und wie abwesend in ’ s Leere starrte . „ Army , mein lieber Army ! “ flüsterte die Schwester und schlang aufschluchzend die Arme um ihn . Er strich gedankenlos über ihre Haare . „ Die Großmama ! “ schrie sie dann auf und lief der alten Dame entgegen . „ Army , “ fragte diese , hastig eintretend , „ was soll das ? Ich wollte es nicht glauben , als Sanna behauptete , sie sei Dir auf dem Corridor begegnet . Wo ist Blanka ? Wo ist der Oberst ? Was bedeutet es , daß Du allein – ? “ „ Das bedeutet , “ erwiderte er langsam und jede Silbe betonend , „ daß mich meine Braut heute früh , kurz vor unserer Abreise , in Gnaden entlassen hat ; sie liebe mich nicht , ließ sie mir als Grund für ihren plötzlichen Entschluß sagen , und , weiß Gott , der Grund ist doch wohl triftig genug ! “ Wieder lachte er [ 774 ] höhnisch auf . Die alte Dame taumelte zurück , wie vom Blitz getroffen . „ Es ist nicht möglich ! “ stammelte sie leichenblaß . „ Ich habe heute früh dasselbe gesagt , als mir der Herr Oberst diese Auseinandersetzung machte , “ fuhr Army fort , „ und ich habe mich wohl hundert Mal an den Kopf gefaßt und mich gefragt , ob ich wahnsinnig geworden bin , oder so etwas Aehnliches – Aber nein , es ist Thatsache , Blanka von Derenberg ist meine Braut nicht mehr . “ „ Army , war denn gar nichts vorangegangen ? “ fragte die Mutter , die wie gebrochen in dem Sessel lag . „ Was vorangegangen war ? “ antwortete er mit schneidender Stimme . „ Ei nun , die Testamentseröffnung , Blanka von Derenberg ist alleinige Erbin des großen Vermögens – das ist Alles . Weshalb soll sie einen Mann heirathen , den sie nicht liebt ? Aber beruhige Dich , Großmamachen – “ er trat einen Schritt näher zu der wankenden Frau , die sich mit beiden Händen an einen Sessel klammerte , „ sie ist doch ein nobler Charakter , sie ahnt es , daß mir durch meine Brautschaft Unkosten erwachsen sind , und darum ließ sie mir durch ihren Vater ankündigen , daß sie bereit sei , meine sämmtlichen Schulden zu bezahlen . Das war doch ein Trost für den entlassenen Bräutigam , für den dummen Jungen , der mit thörichter Liebe an diesem falschen Geschöpfe gehangen ! “ Er hatte während dieser Worte mit einem Krystallglase gespielt , es fortwährend umwendend , jetzt faßte er es und schleuderte es zu Boden , daß es klirrend zersprang und die Scherben weit über das alte Parquet tanzten . „ Army ! “ klang es angstvoll von den Lippen der Mutter , und ihre zitternden Hände streckten sich nach dem Leidenschaftlichen aus . Die alte Baronin aber hatte sich hoch aufgerichtet . „ Das werden wir uns nicht gefallen lassen , “ sagte sie heftig . „ Blanka erbt jedenfalls nur unter der Bedingung , daß Du ihr Gatte wirst , ich habe noch einen Brief von der Stontheim – “ „ Denkst Du denn , “ fragte Army und stand mit ein paar Schritten vor seiner Großmutter , „ denkst Du denn , ich würde sie jemals wieder ansehen ? Sie könnte auf den Knieen vor mir liegen und mich anflehen , ich stieße sie weg , und wäre ich am Verhungern und Du und Ihr Alle mit mir – nicht einen Pfennig nähme ich von ihrer Gnaden eher eine Kugel vor den Kopf . – Jawohl , eine Kugel , was ja auch schließlich das Vernünftigste ist , hat es doch meinem Vater auch geholfen , wie mir Blanka mittheilte , als ich sie noch einmal inständig bat , mit mir hier in Derenberg zu wohnen ; sie fürchte sich – erklärte sie – in diesem unheimlichen Neste , wo der letzte Hausherr sich selbst das Leben genommen ; ha , ha ! Lauter Gründe , gegen die kein vernünftiger Mensch etwas einzuwenden vermag ! “ Es klang heiser und halb wahnwitzig , und aus dem verstörten Antlitze Army ’ s leuchteten die dunklen Augen im wilden Schmerz . „ Mama ! Mama ! “ rief das junge Mädchen herzzerreißend . „ Army ist krank , er weiß nicht mehr , was er spricht . “ Die blasse Frau erhob sich vom Sessel , schritt zu ihrem Sohne hinüber und faßte seine Hand , sie wollte sprechen , aber ihre Lippen bewegten sich , ohne einen Laut hervorzubringen ; ihre Augen sahen ihn so schmerzlich flehend an , als wollten sie sagen : Schone mich , habe ich nicht genug gelitten im Leben ? – Er sah sie nicht , die flehenden Blicke ; ungeduldig versuchte er die Hand aus der ihren zu befreien : „ Laß gut sein , Mama , laß gut sein ! Ich denke nicht an ’ s Sterben ; ich werde leben – für Euch . Hier ist übrigens ein Schreiben des Herrn Obersten an die Frau Baronin von Derenberg , “ setzte er hinzu , einen Brief aus seiner Brusttasche ziehend und auf den Tisch werfend , „ wahrscheinlich eine Auseinandersetzung , weshalb es so das Beste sei und so weiter . “ Er fuhr sich mit beiden Händen durch die dunklen Haare und trat zum Fenster ; dann schritt er rasch und fest durch das Zimmer und ging hinaus . Ein paar Augenblicke blieb es still drinnen . In den Händen der älteren Baronin knisterte das feine Papier des geöffneten Briefes . „ Sieh hier , Cornelie ! Da steht ’ s , “ rief sie , „ was habe ich Dir heute gesagt ? ‚ Ein anderer Grund für die Bitte meiner Tochter an Ihren Herrn Enkelsohn , ‘ las sie , ‚ ihr die Freiheit wieder zu geben , ist der , daß sie sich durchaus nicht in den Derenberger Verhältnissen gefallen hat ; das Warum ? ersparen Sie mir ; wozu sollen wir uns Bitterkeiten sagen , da wir im Begriff stehen unsere Beziehungen für das fernere Leben vollständig abzubrechen – ‘ Siehst Du , “ unterbrach sie sich heftig , „ das ist die Folge Deiner , die Folge von Nelly ’ s Ungeschicklichkeit im Umgange mit dem verwöhnten Mädchen . Nun habt Ihr das Resultat . Army mag sich bei Euch bedanken , bei Euch allein , für den Untergang seiner sämmtlichen Hoffnungen ! O , es ist haarsträubend , an so viel einfältige stupide Anschauungen , so viel bornirtes Denken und Empfinden gekettet zu sein – das Unglück meines Lebens ! “ Die alte Dame hatte die feinen Hände geballt und sah mit dem Ausdruck geringschätziger Verachtung zu der Gruppe von Mutter und Tochter hinüber . „ Auf mich , Großmama , hast Du ein Recht zu schelten , “ Nelly trat wie schützend vor die Mutter ; „ aber Mama laß ’ aus dem Spiele ! Verzeih , daß ich es wage , so mit Dir zu sprechen ! Aber ich kann nicht anders , Mama war stets freundlich gegen Blanka , liebenswürdiger als Du es gewesen . Ich habe Blanka allerdings nicht geliebt , weil ich fühlte , daß sie sich Army nur auf Wunsch der Tante verlobte . Und jetzt sage ich : Army soll Gott auf den Knieen danken , daß Alles so gekommen ist . Und deshalb , Großmama , bitte ich Dich , kränke Mama nicht durch ungerechte Vorwürfe um dieses falschen herzlosen Geschöpfes willen , das sogar noch unseren Vater im Grabe beschimpfte und ihn zum Selbstmörder – Allmächtiger Gott ! “ unterbrach sie sich , und schon war sie neben der bewußtlosen Mutter zu Boden gesunken und bemühte sich die Ohnmächtige aufzurichten . „ O cielo , cielo ! “ murmelte die alte Dame , „ welch ein Leben , welch ein fürchterliches Leben ! “ – Textdaten zum vorherigen Teil < < < > > > zum nächsten Teil zum Anfang Autor : W. Heimburg Titel : Lumpenmüllers Lieschen aus : Die Gartenlaube 1878 , Heft 48 , S. 785 – 788 Fortsetzungsroman – Teil 9 [ 785 ] Längst hatte es Mitternacht geschlagen , und noch immer saß Nelly am Bett der fiebernden Mutter . Sie war die Einzige , die den Kopf oben behalten bei der grausamen Veränderung der Dinge . Sie hatte die erschöpfte , besinnungslose Mutter zur Ruhe gelegt und soviel wie möglich die Spuren der Vorkehrungen vernichtet , mit denen man gestern Abend die Schwiegertochter und Braut des einzigen Sohnes empfangen wollte ; sie war leise durch den langen Corridor geschlichen und hatte an der Thür von Army ’ s Zimmer gehorcht ; die Schritte des ruhelos auf und ab Wandernden waren tröstlich in ihr Ohr geklungen . Und nun saß sie wieder und lauschte dem Athem der fiebernden Mutter und hauchte dann und wann einen leisen Kuß auf die feinen Hände , die sich so fest gegen die rasch athmende Brust gepreßt hatten . Der graue Schimmer des erwachenden Tages brach durch die Vorhänge und färbte sich nach und nach mit mattrosigem Lichte . Nelly trat zum Fenster : dort unten lag der Park ; die Blätter der Bäume hingen naß und schwer auf den bereiften Boden ; funkelnd schauten die rothen Kronen der Ebereschen aus dem herbstlich gelben Laube hervor , und über dem Walde schwebte ein feiner weißer Nebel , der in den Wipfeln der hohen Bäume des Parkes wie ein leichter duftiger Schleier hing , rosig durchwebt von der aufgehenden Sonne . Müde und übernächtig lehnte Nelly den Kopf an die Scheiben und schloß die Augen – da hörte sie ein Geräusch hinter