alles finden . Ich ging zurück und legte mich auf das Sofa , zog den Ring an der Gummischnur hervor und steckte ihn an den Finger . Ein beruhigendes Gefühl kam über mich . Er war ja mein , er liebte mich ja ! Warum sollte ich zweifeln ? Es war fast , als sei mit Hanna mein guter Engel fortgegangen . Es kam eine Zeit , wo ich wie ein Kätzchen behandelt wurde , mit dem man spielt und schön tut , das man aber , wenn es unbequem wird , fortjagt . Eberhardt war am nächsten Tage wieder der alte , mich über alles liebende Bräutigam . Ich kam gar nicht dazu , ihn nach dem vorhergehenden Abend zu fragen . Er war zärtlicher als je und wünschte die Zeit seiner Volljährigkeit immer dringender herbei . Wie leicht ist man doch besänftigt ! Ich war herzensfroh , daß ich mich getäuscht hatte , und erwähnte , daß ich daran dächte , da mein Vater in einigen Tagen zurückkehre , in mein elterliches Haus zu gehen . Der Baron ließ vor Staunen die Zeitung sinken . » Was fällt dir ein , Gretel , wie ? Du scherzest ! « Ich lachte . » Nein , Hanna ist nun fort , und ich habe meinem Vater versprochen , zu ihm zu kommen , sobald er wieder da ist . « Frau v. Bendeleben meinte , es werde ihr sehr schwer , mich fortzulassen . Sie hoffe aber , ich käme jeden Tag ein Stündchen aufs Schloß . » Aber das kommt ja wie ein Blitz aus heiterem Himmel ! « sagte der Baron . » Gretel , du undankbares Ding , wer soll mir abends den Tee einschenken , die Pfeife stopfen und mit mir Schach spielen ? Nein , Klothilde « , wandte er sich an seine Frau , » warum hast du nie früher etwas davon gesagt , ich hätte ja stets abgeredet . « » Gretchen hat schon öfter davon gesprochen , Bernhard « , erwiderte diese . » Der Herr Pastor ist nicht mehr der Jüngste , die alte Kathrin ist auch schon recht stümperig , da finde ich es sehr natürlich , daß sie das Verlangen hat , zu ihrem Vater zu gehen . Sie kommt gewiß recht oft und spielt Schach mit dir . Aber gegen diese Gründe kannst du doch nichts einwenden . « » Die Gründe sind hoch zu achten « , erwiderte der Baron , » aber leid tut es mir doch , es ist , als ob ich noch eine Tochter weggeben sollte . « » Wer weiß , was noch für Gründe mitspielen « , sagte Ruth mit schalkhafter Miene ; » man hat da von dem alten Hause eine wunderschöne Aussicht – « Ich wurde , glaube ich , dunkelrot . Aber zu glücklich , um etwas übelzunehmen , begnügte ich mich , einfach zu tun , als hätte ich die Anspielung nicht gehört . Der Baron blieb verstimmt , und ich sah ihn am Nachmittag den Weg nach dem Dorfe einschlagen . In vierzehn Tagen wollte ich das Schloß verlassen und schrieb an Kathrin , die ich nicht wieder besucht hatte , auf einem Zettel , sie möge sich einrichten , ich käme dann und dann . Eine Antwort erhielt ich nicht , hatte sie auch nicht erwartet . Eberhardt kam wieder , aber allein . Hanna fehlte mir in jeder Weise , ich fühlte mich überhaupt ungemütlich . Hätte mich nicht der Gedanke getröstet : es ist ein Übergang , so wäre es mir doch sehr schwer geworden , von dem Schlosse zu scheiden , schon um des Barons willen . Ruth schien sehr gelangweilt , und in diesem Stadium ließ sie sich sogar herab , mich zu bitten , sie in ihrem Zimmer zu besuchen . Sie lag dann gewöhnlich im reizenden , bequemen Hauskleid auf einem Sofa und hielt ein Buch in der Hand , das dann bald auf den Teppich geworfen wurde . Sie zeigte mir ihre Kästen voll Garderobe , jene prachtvollen , seidenschimmernden Gewänder , mit denen sie bei irgendeinem Hoffeste erschienen war , ließ mich ihre Nippsachen bewundern und plapperte von lauter unbedeutenden Dingen . Über einem kleinen , vergoldeten Schreibtisch hing in ovalem Rahmen das lebensgroße Bildnis des verstorbenen Grafen Satewski . Sie hatte eine Schleife von schwarzem Krepp darüber gehängt , und das eine Ende derselben fiel gerade über das kecke Gesicht mit den lebenslustigen Augen , als ob sie nicht sehen sollten , wie seine junge Witwe so sehr wenig traurig aussah . Sie konnte lange Geschichten erzählen , was die Prinzeß A. zu ihr gesagt und wieviel Rosenbuketts ihr im Winter der Fürst S. geschickt habe , und zuckte mitleidig die Achseln , wenn Hannas und Bergens glückliche Briefe ankamen . » Kann man sich einen faderen Menschen denken , wie meinen teuren Schwager ? Und dann seine ewigen Moralpredigten ! Da ist doch Vetter Eberhardt ein anderer Mann , nicht , Fräulein Margarete ? « Sie lag dabei auf dem Sofa und aß Bonbons . » Ein schöner Mann , der Eberhardt « , fuhr sie in ihrem Gespräche fort . » Ich wüßte kaum einen , der so hübsch wäre . Aber galant ist er nicht , das könnte man nicht gerade behaupten . « Und gerade dies schien ihr zu gefallen ; denn als Eberhardt am nächsten Sonnabend nicht kam , fuhr sie Sonntag nach G. , unter dem Vorwande , etwas besorgen zu müssen . Sie erzählte nachher sehr komisch , daß Bergens sich fürchterlich erschreckt hätten , als sie plötzlich erschienen sei , und daß Hanna unter der Haube ganz leidlich ausgesehen habe , Bergen aber schrecklich würdig den Hausherrn repräsentiere . Sie habe sich nicht zu lange dort aufgehalten , und sobald sie ihre Besorgungen abgemacht , wobei Vetter Wilhelm ihr geholfen habe , sei sie wieder abgefahren . Merkwürdigerweise schrieb mir Eberhardt kein Wort davon , seine Briefe waren überhaupt nicht mehr so ausführlich wie sonst . Er habe soviel Dienst , entschuldigte er sich , und sei dann zu müde , um lange Seiten vollzuschreiben . Ich ließ es gelten . Mich machte ja schon jedes Wort von ihm glücklich . Ein windiger , kalter Februartag neigte sich zu Ende , da stand ich vor Frau v. Bendeleben mit überströmenden Augen und stammelte schluchzend meinen Dank für die zahllosen Wohltaten , die ich in ihrem Hause genossen . Der Baron , in Hut und Überzieher , um mich zu begleiten , erklärte , um seine eigene Rührung zu verbergen : » Gretel , weine nicht , im Grunde wechselst du ja nur dein Schlafzimmer , du bist ja doch jeden Tag hier ! « Frau v. Bendelebens Augen waren auch feucht , als sie mir sagte : » Gretchen , wenn du irgend Rat und Hilfe bedarfst , so weißt du , wo ich zu finden bin . Gottes Segen auf allen deinen künftigen Schritten . Möge dir ein glückliches Los im Leben zuteil werden . Übersieh nicht die Hand , die dir das Glück bieten will , ergreife sie rasch und halte sie fest . Es geht sich besser durchs Leben an der Seite eines braven Mannes – du verstehst , was ich meine ; prüfe und überlege ! « Ruth lachte etwas spöttisch : » Wir kommen auch alle zur Hochzeit , nicht wahr , Mamachen ? « Der Baron stieß ungeduldig mit dem Stock auf die Erde : » Mein Gott , so laßt sie doch zufrieden , sie ist ein vernünftiges Mädel und wird allein wissen , was sie zu tun hat . Lobt ihr nicht den Pastor so sehr , das bewirkt oft gerade das Gegenteil . Die beiden werden allein einig werden , wenn ' s so sein soll . « » Der Pastor will mich ja gar nicht « , sagte ich , böse gemacht durch die Anspielungen . » Höchstens lacht er über mich und mokiert sich , und deshalb kann ich ihn nicht leiden . « » Na , nun komm , Gretel « , sagte der Baron rasch und beugte einer kleinen Szene dadurch vor , denn Frau v. Bendelebens große Augen blitzten mich zornig an . » Ich habe später keine Zeit « , setzte er hinzu , » und ich möchte dich gern in deine alte Heimat abliefern . « Ich beugte mich noch einmal dankend über die Hand der Frau b. Bendeleben , die sie mir kalt überließ , reichte der Gräfin Satewski die Hand , die gnädig herablassend meinte , ich möge nur dann und wann einmal zu ihr kommen . Weinend schritt ich mit dem Baron hinaus . Dort stand Lisel und sagte mir mit trauriger Miene Lebewohl . Der alte Johann kam mir auf dem Korridor entgegen , er trug im Arme meine Blumenstöcke . » Ich gehe mit , Fräulein Gretchen « , sagte er . » Der Franz wollte das Zeug hinunterbringen , aber das will ich mir doch nicht nehmen lassen . Kommen Sie nur recht oft wieder , ich begleite Sie abends auch allemal sicher wieder ins Dorf . – Ja , Abschiednehmen tut weh . Wer ein bißchen Herz hat , dem geht ' s gar gewaltig nahe . « Niedergeschlagen schritt ich neben dem Baron durch die Allee und gedachte , wie ich als kleines Mädchen hier aus Angst vor dem Gewitter hergeflüchtet war . Ich sah zur Erde , als ob ich die Spuren meiner Kinderfüßchen erblicken müßte : wie war die Zeit doch rasch dahingeeilt ! Nun ging ich wieder fort aus dem Hause , das mich so liebevoll aufgenommen , meine verlassene Kindheit zu einer glücklichen umgewandelt , mich den Schatz der Bildung und alles , was das Leben schmückt , kennen gelehrt hatte , wo ich endlich ihn gefunden hatte , den geliebten Bräutigam . Ich blickte noch einmal zurück nach dem Turme , von wo die Fenster unseres Mädchenstübchens herabwinkten . Es war mir , als ob sich ein schwarzer Flor um meine Augen legte und eine Stimme mir zuflüsterte : » Das war deine schönste Zelt , sie kehrt nie wieder ! « » Na , Gretel , nun weine nicht mehr , Kind . Es ist ein Abschnitt in deinem Leben , das gebe ich zu , aber es ist ein kaum zu merkender Abschnitt . Du kommst , sooft du willst , zu uns , je öfter desto lieber . Sieh einmal , vielleicht gefällt dir das alte Haus , das sich aufs neue geschmückt hat für die junge Herrin . « Ich sah auf , kaum traute ich meinen Augen . Sauber mit Ölfarbe gestrichen , war das alte verwitterte Gebäude kaum wiederzuerkennen . Hell blitzten die klaren Scheiben aus der braunen Einfassung der Fenster , und über der geöffneten Haustür mit dem blanken Messingschloß hing eine Girlande ans Tannengrün . Der Baron schob mich hinein und öffnete die Wohnstube – doch was ist das ? Da waren sie , all die lieben Möbel aus dem Schlosse . Mir schien ' s , als stände ich noch in meinem Turmstübchen , durch die offene Tür des Schlafzimmers sah ich das Himmelbett schimmern mit seinen grünen Vorhängen . » Oh , das habe ich Ihnen zu danken ! « rief ich , und aufs neue flossen meine Tränen , aber diesmal vor Freude , und dankbar preßte ich die Hand des Barons in den meinen . » Wie soll ich jemals alle diese Liebe vergelten ? « » Wenn ' s dir nur gefällt , Gretel . Du hast uns auch viel Freude gemacht , Kind . Komm nur zuweilen und singe mir ein Lied . « Dann ging er rasch fort , als ob er sich meinem Dank entziehen wollte . Ich stand allein in meinem eigenen » Zu Hause « , ein stolzes Gefühl stieg in mir auf . Wie nett war es jetzt hier , wie gemütlich ! Es war nichts vergessen an der ganzen Einrichtung , nur die Blumen fehlten noch , die Johann draußen auf den Flur gestellt hatte – wie sorgten sie doch droben im Schloß , daß mir der Unterschied zwischen hier und dort nicht zu fühlbar werde . Aber was mochte nur Kathrin sagen ? Ob sie noch böse war ? » Kathrin ! « rief ich aus der Tür . Da kam sie die Treppe herunter mit verdrießlicher Miene . » Bin mit meinem Spinnrad nach oben gezogen « , murmelte sie , » passe doch nicht mehr zu den neumodischen Sachen hier unten , wirst dir können auch eine neue Magd halten , Kathrin versteht es nicht , mit solch feinem Gerät umzugehen . « » Weißt du , Kathrin « , sagte ich sehr bestimmt und drückte sie auf einen Stuhl in der Nähe des Ofens , » wir müssen jetzt einmal zusammen leben , und es wäre sehr vernünftig von dir , wenn du deinen Groll fahren ließest und dich bemühtest , freundlich gegen mich zu sein , wie ich es auch gegen dich bin . Du änderst an meinen Ansichten nichts durch deine mürrische Laune , und hast durchaus kein Recht , dich in meine Angelegenheiten zu mischen . Sobald mein Bräutigam majorenn ist – und sein vierundzwanzigster Geburtstag ist nächsten Sommer – , tritt er vor meinen Vater und sagt ihm , daß wir uns lieben . Bis dahin schweigst du zu jedermann über diese Angelegenheit . Laß dir ja nicht einfallen , drüben bei Renners zu plaudern ! Und nun laß uns Frieden schließen . « Ich trat näher und hielt ihr meine Hand hin . Als ich sie dabei näher ansah , fiel mir auf , wie furchtbar sich das alte Gesicht verändert hatte . Eine beinahe gelbliche Hautfarbe und blaue Lippen sowie ein heftiges Zittern deuteten an , daß die Alte krank sei . » Was fehlt dir , Kathrin ? « fragte ich erschrocken und erfaßte ihre Hand . Kalt lag sie in der meinen . » Kathrin ! Du bist krank , du mußt zu Bett , ehe es schlimmer wird ! « » Ich bin eben erst wieder aufgestanden und auf der Besserung « , sagte sie zähneklappernd . » Ich war recht krank , aber es geht besser , nur das Aussehen – « » Es ist unverantwortlich , daß Sie aufgestanden sind , Kathrin « , tönte es hinter mir . Ich wandte mich um und stand der Frau Gerichtsschreiber Renner , der Mutter des jungen Pastors , gegenüber , die einen Napf mit dampfender Suppe in der Hand hatte . Sie fuhr fort : » Sie können glauben , Fräulein Gretchen , sie war recht krank , die Kathrin , und ich habe ihr heute früh wohl hundertmal gesagt , sie soll liegen bleiben . Sie würden ' s ihr doch wohl nicht übelgenommen haben ? « Kathrin krank ! Und ich hatte nichts davon gewußt – War aus Trotz über ihre bösen Worte nicht wieder zu ihr gegangen ! » Aber warum hat man mir nichts davon gesagt ? « rief ich vorwurfsvoll . » Ich hätte sie gepflegt . Das ist unrecht von dir , Kathrin , und auch von Ihnen , Frau Renner . « » Ach was , mach nicht solch Gerede . Ich wollt ' s nicht haben , das kannst du dir denken , und nun ist ' s genug , ich will nicht länger krank sein ! « » Sie müssen augenblicklich wieder ins Bett « , eiferte nun die kleine behende Frau Renner . » Sie können sich den Tod holen . Hier essen Sie Ihre Wassersuppe , und dann vorwärts ins Nest . Was kann ' s helfen ? Was einmal nicht geht , geht nicht , und das Fräulein muß wieder aufs Schloß , wenn es sich nicht allein bedienen kann . « Es lag ein Vorwurf in diesen Worten , der mich bitter berührte . » Seien Sie ohne Sorge , Frau Gerichtsschreiberin « , sagte ich etwas kühl , » ich muß nicht auf das Schloß , und werde nicht nur mich selbst bedienen , sondern werde auch Kathrin pflegen , und damit Sie sehen , daß dies mein vollständiger Ernst ist , so möchte ich Sie bitten , mir einen Augenblick Ihre Magd zur Verfügung zu stellen , damit sie mir behilflich ist , Kathrins Bett in mein Schlafzimmer zu schaffen . « Das freundliche Gesicht der Frau Renner sah ganz betroffen aus . » In das schöne Schlafzimmer ? « fragte sie . » Nimmermehr ! « rief Kathrin . » Mein altes Bett soll nicht hierher , ich will oben bleiben in meiner Dachstube , hier – « » Du schweigst ! « sagte ich sehr bestimmt . » Ich habe hier zu befehlen . Wenn ich dich herunternehme , so geschieht es aus zweierlei Gründen . Erstens kann ich Tag und Nacht um dich sein , was ich in der unheizbaren Dachstube nicht ausführen könnte , und zweitens – « » Ja , das ist recht , liebes Fräulein Gretchen « , unterbrach mich die alte Frau gerührt . » Sie wird nicht gesund in dem alten zugigen Loch da oben . Ich hab ' s ja gleich gesagt . Aber als der Herr Baron kam und hier alles so hübsch machen ließ , und der Tischler die neuen Sachen brachte , da trug sie ihr Bett und Spinnrad nach oben . Sie konnte wohl hier unten in der Küchenstube bleiben , und das Spinnrad am Ofen hätte die schöne Stube auch nicht verunziert , aber sie war einmal eigensinnig . « Ja , eigensinnig ist sie , dachte ich , aber diesmal wird es ihr nichts helfen . Sie brummte allerhand vor sich hin , das ich nicht beachtete . Die Frau Renner holte ihr Mädchen , eine flinke , saubere Person , und bald stand das einfache Bett an der wärmsten Stelle meines Schlafzimmers und das Spinnrad am Ofen der Wohnstube . Mit Hilfe der Frau Renner lag bald die vor Frost zitternde Kathrin im Bett und trank brummend und murrend eine Tasse Tee , obwohl der Ausdruck in den Augen schon viel freundlicher war . » Siehst du , Kathrin « , sagte ich heiter , » hier muß es dir ja gefallen . Ist dir nicht schon ganz mollig ? Eigentlich sollte ich dich schelten , doch damit will ich warten , bis du wieder ganz gesund bist . Geschenkt wird es dir nicht , das merk dir « , fügte ich lächelnd hinzu , indem ich noch eine Decke über ihr Bett breitete . » Ach , Kind , ich hab ' keine Ruhe im Bett ; laß mich aufstehen . Wer soll dir denn Holz vor den Ofen tragen und das Abendbrot besorgen ? Ach , mein Gott , es geht ja gar nicht . « » Ängstige dich nicht , Kathrin , ich weiß noch sehr gut , wo unser Holzstall ist , und die Speisekammer kenne ich auch noch – wenn nur was drinnen ist . « » Was wird nichts darin sein ? « fragte die Alte ganz gekränkt . » Ich wußte doch , daß du kommen willst , und habe für Wurst und Brot und Eier Sorge getragen . Aber Tee und Schokolade und solche Kinkerlitzchen , wie du sie gewohnt bist im Schloß , die konnte ich nicht anschaffen . « » Na , was gibt ' s denn Schöneres wie Wurst und Butterbrot , Kathrin ? Warte nur , du sollst sehen , wie ich gleich darüber herfalle . Sieh so , nun habe ich eine Schürze vor , nun passe auf , wie gut ich wirtschaften kann . « Damit ging ich in den Holzstall , holte einen Arm voll Holz , und bald prasselte das Feuer lustig im Ofen . Die Lampe wurde angezündet , die Läden geschlossen , die Speisekammer revidiert , und dann setzte ich mich mit einem großen Butterbrot seelenvergnügt in die Sofaecke und aß . Nie hat ' s mir besser geschmeckt , es war ja Heimatskost . Unbeschreiblich anmutend war mir dieses Zuhause . Wenn nun gar erst Kathrin genesen ist und mein Vater kommt , dann muß es wunderschön hier werden in dem alten Hause . Nach dem einfachen Abendbrot ging ich , mit Kathrin plaudernd , die sich im Bette gedreht hatte , um mich sehen zu können , ab und zu , räumte meine Sachen ein , packte die Körbe mit den Kleidern aus und hing sie in den großen Kleiderschrank . » Was wirst du nur mit all dem Zeug anfangen , Gretel ? « fragte die Alte kopfschüttelnd . » Du kannst doch hier nimmer solchen Staat machen . « » Nun , nun , Kathrin , ich werde doch noch oft aufs Schloß gehen , und dann vergiß nicht , daß ich nicht zu lange mehr bei dir bleibe . Wart nur , du Böse , du willst immer mit aller Gewalt vergessen , daß ich heimlich Braut bin und bald heiraten werde . « Ein tiefer Seufzer antwortete mir , während ich , ihre Grillen kennend , ihn überhörte und ruhig in meiner Arbeit fortfuhr . Nach einer Stunde war meine kleine Habe wohlgeordnet in Schränken und Kommoden untergebracht . Kathrins Atemzüge waren leiser geworden , sie schlief . Ich setzte mich an den Ofen auf ein Fußbänkchen und löste das Band , welches ich um Eberhardts Briefe geschlungen hatte . Der Schein der Lampe fiel matt darauf , aber ich konnte sie doch lesen , ich konnte ja beinahe jeden auswendig ! Es war doch wunderschön , so zu sitzen , so allein und ungestört , ohne Angst zu haben , ein Unberufener entdecke mein Geheimnis . Blatt für Blatt nahm ich in die Hand und wollte sie noch einmal durchlesen . Der erste Brief ! Mit welchem Entzücken hatte ich ihn erbrochen . Man sah es ihm an , daß er oft auseinander gefaltet war , und daß ich ihn tagelang mit mir herumgetragen hatte . Ach , so ein erster Liebesbrief ist doch ein bedeutungsvolles Ereignis in einem Mädchenleben . Wenn auch der Geliebte uns in Worten noch soviel gesagt hat , Geschriebenes bringt einen gewaltigeren Eindruck hervor . Auch jetzt ruhten meine Augen wieder auf den teuren Schriftzügen . » Mein geliebtes Mädchen ! « schrieb er . » Da sitze ich nun in meiner Junggesellenwohnung wie früher . Es ist noch dieselbe alte , etwas eingewohnte Stube mit den schadhaften Möbeln , die schon vor mir wer weiß wie viele Leutnants möglichst ruiniert haben . Es ist alles noch so , wie ich es verlassen , nur ich bin ein anderer geworden . Ach , Gretchen , mein süßes , geliebtes Gretchen , ist es denn wirklich Wahrheit , Du bist mein geworden in aller Deiner Lieblichkeit ? Ich kann es kaum fassen , daß es so ist . Jener Abend im Walde , in dem klaren Mondschein , kommt mir wie ein wunderschöner Traum vor . Und doch ist es Wirklichkeit , ich habe es in Deinen Augen gelesen , Dein Mund hat es mir zugeflüstert , Du liebst mich und willst meine liebe , kleine , angebetete Frau werden ! Wie anders erscheint mir das Leben jetzt , ich denke gar nicht mehr an all das Unangenehme , was es sonst mit sich brachte . Meine Kerle wundern sich gewiß heimlich , einen so gnädigen Herrn an mir zu haben . Selbst das endlose , ewige Leutnantsein kommt mir nicht mehr so schrecklich vor , mir ist augenblicklich sogar die Beförderung gleichgültig , ich denke nur an Dich , sehe nur Deine süßen , blauen Augen vor mir – alles andere kümmert mich nicht . Wie danke ich Dir , daß Du mich lieben willst . Ich habe ja keine Eltern mehr , und was mein Herz an Liebe besitzt , den ganzen reichen Schatz , der sich da aufgesammelt , den lege ich nun zu Deinen Füßen , mein Liebling , meine Braut ! Laß Dich nicht verstimmen durch das Geheimbleiben unserer Verlobung ; es sind die Verhältnisse , die mich dazu zwingen . Und ist es nicht auch reizend , daß kein Mensch etwas ahnt von unserem süßen Geheimnis ? Ach , Gretchen , das Leben ist schön , wenn man einen so herzigen Schatz hat , wie ich ihn besitze . Wie freue ich mich auf ein Wiedersehen ! Ich denke , so in drei bis vier Wochen darf ich ganz ruhig wieder nach Bendeleben kommen , ohne zu riskieren , daß meine kluge Frau Tante den eigentlichen Grund meiner Anwesenheit ahnt . Wie lang wird mir die Zeit noch dauern bis zu dem Moment , wo mein müde gejagtes Pferd vor der großen Freitreppe Eures Schlosses hält . Ich male mir schon aus , wie Du möglichst ehrbar aussehen wirst , was dem schelmischen Gesichtchen gewiß einen neuen Reiz verleiht . Wäre es doch erst so weit ! Bitte , schreibe bald . Friedel ist ein treuer Mensch , Deine Briefe kommen sicher in meine Hände . Wie geht es Hanna ? Der arme Bergen ; ich wollte , er wäre so glücklich wie ich . Man sieht ihn nirgends , und als ich ihn besuchen wollte , ließ er sich verleugnen . Wie würde er mich beneiden , wenn er wüßte , wieviel mehr Glück ich habe . Leb wohl , meine Braut , mein Liebling , mein einziges Herz , schreibe bald , bitte , ich vergehe vor Ungeduld . Tausend Küsse . Dein Wilhelm . « Ich las , und las mich nicht satt . Dann kam der zweite , der dritte , und endlich hielt ich den letzten in der Hand , den ich gestern bekommen und nur flüchtig lesen konnte : » Mein liebes Gretel ! Vielen Dank für Deinen letzten Brief . Nimm es nicht übel , daß ich ihn erst heute beantworte , es fehlte mir nicht an dem besten Willen , wohl aber an Zelt . Dieser verdammte Dienst bei dem Hundewetter und diese dummen , polnischen Rekruten – Du glaubst es nicht , was es heißt , dabei Geduld zu behalten . Ich habe die Plackerei herzlich satt . Gestern abend ging ich zu Bergens , entre nous , es war sehr langweilig . Hanna machte zwar eine nette Wirtin , aber sie hatte doch nur Augen für ihren Mann , und der sitzt da , als wäre er ein Pascha und spricht goldene Worte der Weisheit . Gretel – das sage ich Dir von vornherein – , einen solchen Normalehemann bekommst Du nicht an mir . Ich konnte es auch nicht zu lange aushalten , ich wäre erstickt , hätte ich noch länger in diesen niedrigen Zimmern sitzen müssen , und eilte hinaus trotz Schnee und Regen . Meinem Burschen gab ich ein paar tüchtige Ohrfeigen , weil er nicht eingeheizt hatte . Es tat mir hinterher leid ; aber geschehen ist einmal geschehen . Wann ich wieder nach Schloß Bendeleben kommen werde , kann ich bei diesem schauderhaften Wetter nicht bestimmen . Morgen gehst Du nun in Dein Vaterhaus zurück ; wie wird es Dir dort gefallen ? Vermutlich nicht übermäßig . Wie werde ich es anfangen , Dich zu sehen ? Zu Dir kommen kann ich nicht , schon um des alten Drachens , der Kathrin , willen . Verzeih mir , mein liebes , gutes Gretchen , ich will Dich nicht kränken . Habe Nachsicht mit mir , ich werde auch wieder anders werden . Ich hätte heute nicht schreiben sollen , doch unterließ ich es schon zu lange . Wie geht es der Gräfin Satewski ? Hier in G. schwärmt die halbe Garnison für die junge Witwe . Sie ist in der Tat auch auffallend schön , kein Wunder , daß die Kameraden gewissermaßen in Aufregung sind , wenn sie einmal hier in der Stadt erscheint . Ich wurde neulich sehr beneidet , weil ich ihren Cicerone machen durfte , als sie hier einige Einkäufe besorgte , doch – Nun aber leb wohl , mein gutes Mädchen , schreibe bald , ich bitte Dich darum – schreibe recht gut , recht lieb , recht aus Deinem treuen Herzen . Dein Wilhelm . N.S. Wie mir Ruth erzählt , ist der salbungsvolle Liebling meiner Tante jeden Tag zum Abendessen Euer Gesellschafter . Ich finde es mindestens sonderbar , es ist aber wohl besser , ich behalte meine Bedenken für mich . « Es lag etwas Gereiztes , Verstimmtes in diesen wenigen Zeilen . Welch ein Unterschied zwischen jenem ersten und diesem letzten Brief ! Er wurde mir um so fühlbarer , als ich beide nun miteinander verglich . Was verstimmte ihn nur so , und was mochte ihm begegnet sein , daß er sich so unglücklich fühlt ? Gewiß war ihm diese Heimlichkeit ebenso verhaßt wie mir , aber was half es ? Wer A sagt , muß auch B sagen ! Oder sollte es vielleicht Eifersucht sein ? Aber nein , er wußte ja , wie unaussprechlich ich ihn liebe . Ich wollte ihm rasch schreiben , ihm recht Mut einsprechen ; es galt doch nur noch eine kurze Zeit , dann war alles überstanden . Ich erhob mich , holte Tinte , Feder und Papier und schrieb ihm , wie er es gewünscht , so recht ans treuem Herzen . Aus dem Schlafzimmer drangen die leisen Atemzüge Kathrins , und so ruhig es um mich her war , wurde es auch in mir , je mehr ich schrieb . Heute weiß ich nicht mehr , was alles ich dem Papier damals anvertraute , aber jedes meiner Worte war von der Liebe diktiert . Herzlich und warm klang alles , als ich ihm Mut und Trost einsprach und scherzend versicherte , ich hätte ihn gleich lieb