kommen . Ich werde die Wette bezahlen . « Und danach schwieg er und murmelte nur noch vor sich hin : » Et payer les pots cassés . « Achtzehntes Kapitel Fata Morgana Schach war zu guter Stunde wieder heim , und noch denselben Abend schrieb er ein Billet an Frau von Carayon , in dem er in anscheinend aufrichtigen Worten um seines Benehmens willen um Entschuldigung bat . Ein Cabinetsschreiben , das er vorgestern in Wuthenow empfangen habe , hab ihn heute nachmittag nach Charlottenburg hinausgeführt , wo König und Königin ihn an das , was seine Pflicht sei , gemahnt hätten . Er bedaure , solche Mahnung verschuldet zu haben , finde den Schritt , den Frau von Carayon getan , gerechtfertigt und bäte , morgen im Laufe des Vormittags sich beiden Damen vorstellen zu dürfen , um ihnen sein Bedauern über diese neuen Versäumnisse persönlich zu wiederholen . In einer Nachschrift , die länger als der Brief selbst war , war hinzugefügt , » daß er durch eine Krisis gegangen sei ; diese Krisis aber liege jetzt hinter ihm , und er hoffe sagen zu dürfen , ein Grund , an ihm oder seinem Rechtsgefühle zu zweifeln , werde nicht wiederkehren . Er lebe nur noch dem einen Wunsch und Gedanken , alles , was geschehen sei , durch Gesetzlichkeit auszugleichen . Über ein Mehr leg er sich vorläufig Schweigen auf . « Dies Billet , das der kleine Groom überbrachte , wurde , trotz der schon vorgerückten Stunde , von Frau von Carayon auf der Stelle beantwortet . Sie freue sich , in seinen Zeilen einer so versöhnlichen Sprache zu begegnen . Über alles , was seinem Briefe nach als ein nunmehr Zurückliegendes anzusehen sei , werd es am besten sein zu schweigen ; auch sie fühle , daß sie ruhiger und rücksichtsvoller hätte handeln sollen , sie habe sich hinreißen lassen , und nur das eine werd ihr vielleicht zur Entschuldigung dienen dürfen , daß sie von jenen hämischen Angriffen in Wort und Bild , die sein Benehmen im Laufe der letzten Woche bestimmt zu haben schienen , erst seit zwei Tagen Kenntnis habe . Hätte sie diese Kenntnis früher gehabt , so würde sie vieles milder beurteilt , jedenfalls aber eine abwartende Haltung ihm und seinem Schweigen gegenüber eingenommen haben . Sie hoffe jetzt , daß alles wieder einklingen werde . Victoirens große Liebe ( nur zu groß ) und seine eigene Gesinnung , die , wie sie sich überzeugt halte , wohl schwanken , aber nie dauernd erschüttert werden könne , gäben ihr die Gewähr einer friedlichen und , wenn ihre Bitten Erhörung fänden , auch einer glücklichen Zukunft . Am andern Vormittage wurde Schach bei Frau von Carayon gemeldet . Sie ging ihm entgegen , und das sich sofort entspinnende Gespräch verriet auf beiden Seiten weniger Verlegenheit , als nach dem Vorgefallenen hätte vorausgesetzt werden sollen . Und doch erklärte sich ' s auch wieder . Alles , was geschehen war , so schmerzlich es hüben und drüben berührt hatte , war doch schließlich von jeder der beiden Parteien verstanden worden , und wo Verständnis ist , ist auch Verzeihung oder wenigstens die Möglichkeit einer solchen . Alles hatte sich in natürlicher Konsequenz aus den Verhältnissen heraus entwickelt , und weder die Flucht , die Schach bewerkstelligt , noch die Klage , die Frau von Carayon an oberster Stelle geführt hatte , hatten Übelwollen oder Gehässigkeit ausdrücken sollen . Als das Gespräch einen Augenblick zu stocken begann , erschien Victoire . Sie sah sehr gut aus , nicht abgehärmt , vielmehr frischer als sonst . Er trat ihr entgegen , nicht kalt und zeremoniös , sondern herzlich , und der Ausdruck einer innigen und aufrichtigen Teilnahme , womit er auf sie sah und ihr die Hand reichte , besiegelte den Frieden . Es war kein Zweifel , er war ergriffen , und während Victoire vor Freude strahlte , füllten Tränen das Auge der Mutter . Es war der beste Moment , das Eisen zu schmieden . Sie bat also Schach , der sich schon erhoben hatte , seinen Platz noch einmal auf einen kurzen Augenblick einnehmen zu wollen , um gemeinschaftlich mit ihm die nötigsten Festsetzungen zu treffen . Was sie zu sagen habe , seien nur wenige Worte . Soviel sei gewiß , Zeit sei versäumt worden , und diese Versäumnis wieder einzubringen empfehle sich wohl zunächst . Ihre langjährige freundschaftliche Beziehung zum alten Konsistorialrat Bocquet , der sie selber getraut und Victoiren eingesegnet habe , böte dazu die beste Gelegenheit . Es werde leicht sein , an die Stelle des herkömmlichen dreimaligen Aufgebots ein einmaliges zu setzen ; das müsse nächsten Sonntag geschehen , und am Freitage der nächsten Woche – denn die Freitage , die gemeinhin für Unglückstage gölten , hätte sie persönlich von der durchaus entgegengesetzten Seite kennengelernt – werde dann die Hochzeit zu folgen haben . Und zwar in ihrer eignen Wohnung , da sie Hochzeiten in einem Hotel oder Gasthause von ganzer Seele hasse . Was dann weiter zu geschehen habe , das stehe bei dem jungen Paare ; sie sei neugierig , ob Venedig über Wuthenow oder Wuthenow über Venedig den Sieg davontragen werde . Die Lagunen hätten sie gemeinsam und die Gondel auch , und nur um eines müsse sie bitten , daß der kleine Brückensteg unterm Schilf , an dem die Gondel liege , nie zur Seufzerbrücke erhoben werde . So ging das Geplauder , und so verging der Besuch . Am Sonntage , wie verabredet , erfolgte das Aufgebot , und der Freitag , an dem die Hochzeit stattfinden sollte , rückte heran . Alles im Carayonschen Hause war Aufregung , am aufgeregtesten Tante Marguerite , die jetzt täglich erschien und durch ihre naive Glückseligkeit alles Unbequeme balancierte , das sonst unzertrennlich von ihrem Erscheinen war . Abends kam Schach . Er war heitrer und in seinem Urteile milder als sonst und vermied nur in ebenso bemerkenswerter wie zum Glück unbemerkt bleibender Weise , von der Hochzeit und den Vorbereitungen dazu zu sprechen . Wurd er gefragt , ob er dies oder jenes wünsche , so bat er mit einer Art von Empressement , » ganz nach eigenem Dafürhalten verfahren zu wollen ; er kenne den Takt und guten Geschmack der Damen und wisse , daß ohne sein Raten und Zutun alles am besten entschieden werden würde ; wenn ihm dabei manches dunkel und geheimnisvoll bleibe , so sei dies ein Vorteil mehr für ihn , hab er doch von Jugend auf eine Neigung gehabt , sich überraschen zu lassen « . Unter solchen Ausflüchten entzog er sich jedem Geplauder , das , wie Tante Marguerite sich ausdrückte , » den Ehrentag en vue hatte « , war aber um so plauderhafter , wenn das Gespräch auf die Reisetage nach der Hochzeit hinüberlenkte . Denn Venedig , aller halben Widerrede der Frau von Carayon zum Trotz , hatte doch schließlich über Wuthenow gesiegt , und Schach , wenn die Rede darauf kam , hing mit einer ihm sonst völlig fremden Phantastik allen erdenklichen Reiseplänen und Reisebildern nach . Er wollte nach Sizilien hinüber und die Sireneninseln passieren , » ob frei oder an den Mast gebunden , überlaß er Victoiren und ihrem Vertrauen « . Und dann wollten sie nach Malta . Nicht um Maltas willen , o nein . Aber auf dem Wege dahin sei die Stelle , wo der geheimnisvolle schwarze Weltteil in Luftbildern und Spiegelungen ein allererstes Mal zu dem in Nebel und Schnee gebornen Hyperboreer spräche . Das sei die Stelle , wo die bilderreiche Fee wohne , die stumme Sirene , die mit dem Zauber ihrer Farbe fast noch verführerischer locke als die singende . Beständig wechselnd seien die Szenen und Gestalten ihrer Laterna magica , und während eben noch ein ermüdeter Zug über den gelben Sand ziehe , dehne sich ' s plötzlich wie grüne Triften , und unter der schattengebenden Palme säße die Schar der Männer , die Köpfe gebeugt und alle Pfeifen in Brand , und schwarz und braune Mädchen , ihre Flechten gelöst und wie zum Tanze geschürzt , erhüben die Becken und schlügen das Tamburin . Und mitunter sei ' s , als lach es . Und dann schwieg ' es und schwänd es wieder . Und diese Spiegelung aus der geheimnisvollen Ferne , das sei das Ziel ! Und Victoire jubelte , hingerissen von der Lebhaftigkeit seiner Schilderung . Aber im selben Augenblick überkam es sie bang und düster , und in ihrer Seele rief eine Stimme : Fata Morgana . Neunzehntes Kapitel Die Hochzeit Die Trauung hatte stattgefunden , und um die vierte Stunde versammelten sich die zur Hochzeit Geladenen in dem nach dem Hofe hinaus gelegenen großen Eßsaale , der für gewöhnlich als ein bloßes unbequemes Anhängsel der Carayonschen Wohnung angesehen und seit einer ganzen Reihe von Jahren heute zum ersten Male wieder in Gebrauch genommen wurde . Dies erschien tunlich , trotzdem die Zahl der Gäste keine große war . Der alte Konsistorialrat Bocquet hatte sich bewegen lassen , dem Mahle mit beizuwohnen , und saß , dem Brautpaare gegenüber , neben der Frau von Carayon ; unter den anderweit Geladenen aber waren , außer dem Tantchen und einigen alten Freunden aus der Generalfinanzpächterzeit her , in erster Reihe Nostitz , Alvensleben und Sander zu nennen . Auf letzteren hatte Schach , aller sonstigen , auch bei Feststellung der Einladungsliste beobachteten Indifferenz unerachtet , mit besonderem Nachdruck bestanden , weil ihm inzwischen das rücksichtsvolle Benehmen desselben bei Gelegenheit des Verlagsantrages der drei Bilder bekannt geworden war , ein Benehmen , das er um so höher anschlug , als er es von dieser Seite her nicht erwartet hatte . Bülow , Schachs alter Gegner , war nicht mehr in Berlin und hätte wohl auch gefehlt , wenn er noch dagewesen wäre . Die Tafelstimmung verharrte bis zum ersten Trinkspruch in der herkömmlichen Feierlichkeit ; als indessen der alte Konsistorialrat gesprochen und in einem dreigeteilten und als » historischer Rückblick « zu bezeichnenden Toast erst des großväterlichen Generalfinanzpächterhauses , dann der Trauung der Frau von Carayon und drittens ( und zwar unter Zitierung des ihr mit auf den Lebensweg gegebenen Bibelspruches ) der Konfirmation Victoirens gedacht , endlich aber mit einem halb ehrbaren , halb scherzhaften Hinweis auf den » ägyptischen Wundervogel , in dessen verheißungsvolle Nähe man sich begeben wolle « , geschlossen hatte , war das Zeichen zu einer Wandlung der Stimmung gegeben . Alles gab sich einer ungezwungenen Heiterkeit hin , an der sogar Victoire teilnahm , und nicht zum wenigsten , als sich schließlich auch das zu Ehren des Tages in einem grasgrünen Seidenkleid und einem hohen Schildpattkamme erschienene Tantchen erhob , um einen zweiten Toast auf das Brautpaar auszubringen . Ihr verschämtes Klopfen mit dem Dessertmesser an die Wasserkaraffe war eine Zeitlang unbemerkt geblieben und kam erst zur Geltung , als Frau von Carayon erklärte : Tante Marguerite wünsche zu sprechen . Diese verneigte sich denn auch zum Zeichen der Zustimmung und begann ihre Rede mit viel mehr Selbstbewußtsein , als man nach ihrer anfänglichen Schüchternheit erwarten durfte . » Der Herr Konsistorialrat hat so schön und so lange gesprochen , und ich ähnle nur dem Weibe Ruth , das über dem Felde geht und Ähren sammelt , was auch der Text war , worüber am letzten Sonntag in der kleinen Melonenkürche gepredigt wurde , die wieder sehr leer war , ich glaube nicht mehr als ölf oder zwölf . Aber als Tante der lieben Braut , in welcher Beziehung ich wohl die Älteste bin , erheb ich dieses Glas , um noch einmal auf dem Wohle des jungen Paares zu trinken . « Und danach setzte sie sich wieder , um die Huldigungen der Gesellschaft entgegenzunehmen . Schach versuchte der alten Dame die Hand zu küssen , was sie jedoch wehrte , wogegen sie Victoirens Umarmung mit allerlei kleinen Liebkosungen und zugleich mit der Versicherung erwiderte : » Sie hab es alles vorher gewußt , von dem Nachmittag an , wo sie die Fahrt nach Tempelhof und den Gang nach der Kürche gemacht hätten . Denn sie hab es wohl gesehen , daß Victoire neben dem großen , für die Mama bestimmten Veilchenstrauß auch noch einen kleinen Strauß in der Hand gehalten hätte , den habe sie dem lieben Bräutigam , dem Herrn von Schach , in der Kürchentüre präsentieren wollen . Aber als er dann gekommen sei , habe sie das kleine Bouquet wieder weggeworfen , und es sei dicht neben der Tür auf ein Kindergrab gefallen , was immer etwas bedeute und auch diesmal etwas bedeutet habe . Denn sosehr sie gegen dem Aberglauben sei , so glaube sie doch an Sympathie , natürlich bei abnehmendem Mond . Und der ganze Nachmittag stehe noch so deutlich vor ihr , als wär es gestern gewesen , und wenn manche so täten , als wisse man nichts , so hätte man doch auch seine zwei gesunden Augen und wisse recht gut , wo die besten Kürschen hingen . « In diesen Satz vertiefte sie sich immer mehr , ohne daß die Bedeutung desselben dadurch klarer geworden wäre . Nach Tante Margueritens Toast löste sich die Tafelreihe ; jeder verließ seinen Platz , um abwechselnd hier oder dort eine Gastrolle geben zu können , und als bald danach auch die großen Jostyschen Devisenbonbons umhergereicht und allerlei Sprüche wie beispielsweise » Liebe , wunderbare Fee , selbst dein Wehe tut nicht weh « , aller kleinen und undeutlichen Schrift unerachtet , entziffert und verlesen worden waren , erhob man sich von der Tafel . Alvensleben führte Frau von Carayon , Sander Tante Marguerite , bei welcher Gelegenheit , und zwar über das Ruth-Thema , von seiten Sanders allerlei kleine Neckereien verübt wurden , Neckereien , die der Tante so sehr gefielen , daß sie Victoiren , als der Kaffee serviert wurde , zuflüsterte : » Charmanter Herr . Und so galant . Und so bedeutungsvoll . « Schach sprach viel mit Sander , erkundigte sich nach Bülow , » der ihm zwar nie sympathisch , aber trotz all seiner Schrullen immer ein Gegenstand des Interesses gewesen sei « , und bat Sander , ihm , bei sich darbietender Gelegenheit , dies ausdrücken zu wollen . In allem , was er sagte , sprach sich Freundlichkeit und ein Hang nach Versöhnung aus . In diesem Hange nach Versöhnung stand er aber nicht allein da , sondern begegnete sich darin mit Frau von Carayon . Als ihm diese persönlich eine zweite Tasse präsentierte , sagte sie , während er den Zucker aus der Schale nahm : » Auf ein Wort , lieber Schach . Aber im Nebenzimmer . « Und sie ging ihm dahin vorauf . » Lieber Schach « , begann sie , hier auf einem großgeblümten Kanapee Platz nehmend , von dem aus beide mit Hilfe der offenstehenden Flügeltür einen Blick auf das Eckzimmer hin frei hatten , » es sind dies unsere letzten Minuten , und ich möchte mir , ehe wir Abschied voneinander nehmen , noch manches von der Seele heruntersprechen . Ich will nicht mit meinem Alter kokettieren , aber ein Jahr ist eine lange Zeit , und wer weiß , ob wir uns wiedersehen . Über Victoire kein Wort . Sie wird Ihnen keine trübe Stunde machen ; sie liebt Sie zu sehr , um es zu können oder zu wollen . Und Sie , lieber Schach , werden sich dieser Liebe würdig zeigen . Sie werden ihr nicht wehe tun , diesem süßen Geschöpf , das nur Demut und Hingebung ist . Es ist unmöglich . Und so verlang ich denn kein Versprechen von Ihnen . Ich weiß im voraus , ich hab es . « Schach sah vor sich hin , als Frau von Carayon diese Worte sprach , und tröpfelte , während er die Tasse mit der Linken hielt , den Kaffee langsam aus dem zierlichen kleinen Löffel . » Ich habe seit unsrer Versöhnung « , fuhr sie fort , » mein Vertrauen wieder . Aber dies Vertrauen , wie mein Brief Ihnen schon aussprach , war in Tagen , die nun glücklicherweise hinter uns liegen , um vieles mehr , als ich es für möglich gehalten hätte , von mir gewichen , und in diesen Tagen hab ich harte Worte gegen Sie gebraucht , harte Worte , wenn ich mit Victoiren sprach , und noch härtere , wenn ich mit mir allein war . Ich habe Sie kleinlich und hochmütig , eitel und bestimmbar gescholten und habe Sie , was das schlimmste war , der Undankbarkeit und der Lâcheté geziehen . All das beklag ich jetzt und schäme mich einer Stimmung , die mich unsre Vergangenheit so vergessen lassen konnte . « Sie schwieg einen Augenblick . Aber als Schach antworten wollte , litt sie ' s nicht und sagte : » Nur ein Wort noch . Alles , was ich in jenen Tagen gesagt und gedacht habe , bedrückte mich und verlangte nach dieser Beichte . Nun erst ist alles wieder klar zwischen uns , und ich kann Ihnen wieder frei ins Auge sehen . Aber nun genug . Kommen Sie . Man wird uns ohnehin schon vermißt haben . « Und sie nahm seinen Arm und scherzte : » Nicht wahr ? On revient toujours à ses premiers amours . Und ein Glück , daß ich es Ihnen lachend aussprechen kann , und in einem Momente reiner und ganzer Freude . « Victoire trat Schach und ihrer Mama von dem Eckzimmer her entgegen und sagte : » Nun , was war es ? « » Eine Liebeserklärung . « » Ich dacht es . Und ein Glück , Schach , daß wir morgen reisen . Nicht wahr ? Ich möchte der Welt um keinen Preis das Bild einer eifersüchtigen Tochter geben . « Und Mutter und Tochter nahmen auf dem Sofa Platz , wo sich Alvensleben und Nostitz ihnen gesellten . In diesem Augenblick wurde Schach der Wagen gemeldet , und es war , als ob er sich bei dieser Meldung verfärbe . Frau von Carayon sah es auch . Er sammelte sich aber rasch wieder , empfahl sich und trat in den Korridor hinaus , wo der kleine Groom mit Mantel und Hut auf ihn wartete . Victoire war ihm bis an die Treppe hinaus gefolgt , auf der noch vom Hof her ein halber Tagesschein flimmerte . » Bis auf morgen « , sagte Schach und trennte sich rasch und ging . Aber Victoire beugte sich weit über das Geländer vor und wiederholte leise : » Bis auf morgen . Hörst du ... ? Wo sind wir morgen ? « Und siehe , der süße Klang ihrer Stimme verfehlte seines Eindrucks nicht , auch in diesem Augenblicke nicht . Er sprang die Stufen wieder hinauf , umarmte sie , wie wenn er Abschied nehmen wolle für immer , und küßte sie . » Auf Wiedersehn , Mirabelle . « Und nachhorchend hörte sie noch seinen Schritt auf dem Flur . Dann fiel die Haustür ins Schloß , und der Wagen rollte die Straße hinunter . Auf dem Bocke saßen Ordonnanz Baarsch und der Groom , von denen jener sich ' s eigens ausbedungen hatte , seinen Rittmeister und Gutsherrn an diesem seinem Ehrentage fahren zu dürfen . Was denn auch ohne weiteres bewilligt worden war . Als der Wagen aus der Behren- in die Wilhelmsstraße einbog , gab es einen Ruck oder Schlag , ohne daß ein Stoß von unten her verspürt worden wäre . » Damn « , sagte der Groom . » What ' s that ? « » Wat et is ? Wat soll et sind , Kleener ? En Steen is et ; en doter Feldwebel . « » Oh no , Baarsch . Nich stone . ' t was something ... dear me ... , like shooting . « » Schuting ? Na nu . « » Yes ; pistol-shooting ... « Aber der Satz kam nicht mehr zu Ende , denn der Wagen hielt vor Schachs Wohnung , und der Groom sprang in Angst und Eile vom Bock , um seinem Herrn beim Aussteigen behilflich zu sein . Er öffnete den Wagenschlag , ein dichter Qualm schlug ihm entgegen , und Schach saß aufrecht in der Ecke , nur wenig zurückgelehnt . Auf dem Teppich zu seinen Füßen lag das Pistol . Entsetzt warf der Kleine den Schlag wieder ins Schloß und jammerte : » Heavens , he is dead . « Die Wirtsleute wurden alarmiert , und so trugen sie den Toten in seine Wohnung hinauf . Baarsch fluchte und flennte und schob alles auf die » Menschheit « , weil er ' s aufs Heiraten zu schieben nicht den Mut hatte . Denn er war eine diplomatische Natur wie alle Bauern . Zwanzigstes Kapitel Bülow an Sander Königsberg , 14. September 1806 ... Sie schreiben mir , lieber Sander , auch von Schach . Das rein Tatsächliche wußt ich schon , die Königsberger Zeitung hatte der Sache kurz erwähnt , aber erst Ihrem Briefe verdank ich die Aufklärung , soweit sie gegeben werden kann . Sie kennen meine Neigung ( und dieser folg ich auch heut ) , aus dem Einzelnen aufs Ganze zu schließen , aber freilich auch umgekehrt aus dem Ganzen aufs Einzelne , was mit dem Generalisieren zusammenhängt . Es mag das sein Mißliches haben und mich oft zu weit führen . Indessen wenn jemals eine Berechtigung dazu vorlag , so hier , und speziell Sie werden es begreiflich finden , daß mich dieser Schach-Fall , der nur ein Symptom ist , um eben seiner symptomatischen Bedeutung willen aufs ernsteste beschäftigt . Er ist durchaus Zeiterscheinung , aber wohlverstanden mit lokaler Begrenzung , ein in seinen Ursachen ganz abnormer Fall , der sich in dieser Art und Weise nur in Seiner Königlichen Majestät von Preußen Haupt- und Residenzstadt oder , wenn über diese hinaus , immer nur in den Reihen unsrer nachgeborenen friderizianischen Armee zutragen konnte , einer Armee , die statt der Ehre nur noch den Dünkel und statt der Seele nur noch ein Uhrwerk hat – ein Uhrwerk , das bald genug abgelaufen sein wird . Der große König hat diesen schlimmen Zustand der Dinge vorbereitet , aber daß er so schlimm werden konnte , dazu mußten sich die großen Königsaugen erst schließen , vor denen bekanntermaßen jeder mehr erbangte als vor Schlacht und Tod . Ich habe lange genug dieser Armee angehört , um zu wissen , daß » Ehre « das dritte Wort in ihr ist ; eine Tänzerin ist charmant » auf Ehre « , eine Schimmelstute magnifique » auf Ehre « , ja mir sind Wucherer empfohlen und vorgestellt worden , die superb » auf Ehre « waren . Und dies beständige Sprechen von Ehre , von einer falschen Ehre , hat die Begriffe verwirrt und die richtige Ehre totgemacht . All das spiegelt sich auch in diesem Schach-Fall , in Schach selbst , der , all seiner Fehler unerachtet , immer noch einer der Besten war . Wie lag es denn ? Ein Offizier verkehrt in einem adligen Hause ; die Mutter gefällt ihm , und an einem schönen Maitage gefällt ihm auch die Tochter , vielleicht , oder sagen wir lieber sehr wahrscheinlich , weil ihm Prinz Louis eine halbe Woche vorher einen Vortrag über » beauté du diable « gehalten hat . Aber gleichviel , sie gefällt ihm , und die Natur zieht ihre Konsequenzen . Was , unter so gegebenen Verhältnissen , wäre nun wohl einfacher und natürlicher gewesen als Ausgleich durch einen Eheschluß , durch eine Verbindung , die weder gegen den äußeren Vorteil noch gegen irgendein Vorurteil verstoßen hätte . Was aber geschieht ? Er flieht nach Wuthenow , einfach weil das holde Geschöpf , um das sich ' s handelt , ein paar Grübchen mehr in der Wange hat , als gerade modisch oder herkömmlich ist , und weil diese » paar Grübchen zuviel « unsren glatten und wie mit Schachtelhalm polierten Schach auf vier Wochen in eine von seinen Feinden bewitzelte Stellung hätten bringen können . Er flieht also , sag ich , löst sich feige von Pflicht und Wort , und als ihn schließlich , um ihn selber sprechen zu lassen , sein » Allergnädigster König und Herr « an Pflicht und Wort erinnert und strikten Gehorsam fordert , da gehorcht er , aber nur , um im Momente des Gehorchens den Gehorsam in einer allerbrüskesten Weise zu brechen . Er kann nun mal Zietens spöttischen Blick nicht ertragen , noch viel weniger einen neuen Ansturm von Karikaturen , und in Angst gesetzt durch einen Schatten , eine Erbsenblase , greift er zu dem alten Auskunftsmittel der Verzweifelten : un peu de poudre . Da haben Sie das Wesen der falschen Ehre . Sie macht uns abhängig von dem Schwankendsten und Willkürlichsten , was es gibt , von dem auf Triebsand aufgebauten Urteile der Gesellschaft , und veranlaßt uns , die heiligsten Gebote , die schönsten und natürlichsten Regungen eben diesem Gesellschaftsgötzen zum Opfer zu bringen . Und diesem Kultus einer falschen Ehre , die nichts ist als Eitelkeit und Verschrobenheit , ist denn auch Schach erlegen , und Größeres als er wird folgen . Erinnern Sie sich dieser Worte . Wir haben wie Vogel Strauß den Kopf in den Sand gesteckt , um nicht zu hören und nicht zu sehen . Aber diese Straußenvorsicht hat noch nie gerettet . Als es mit der Mingdynastie zur Neige ging und die siegreichen Mandschuheere schon in die Palastgärten von Peking eingedrungen waren , erschienen immer noch Boten und Abgesandte , die dem Kaiser von Siegen und wieder Siegen meldeten , weil es gegen » den Ton « der guten Gesellschaft und des Hofes war , von Niederlagen zu sprechen . Oh , dieser gute Ton ! Eine Stunde später war ein Reich zertrümmert und ein Thron gestürzt . Und warum ? weil alles Geschraubte zur Lüge führt und alle Lüge zum Tod . Entsinnen Sie sich des Abends in Frau von Carayons Salon , wo bei dem Thema » Hannibal ante portas « Ähnliches über meine Lippen kam ? Schach tadelte mich damals als unpatriotisch . Unpatriotisch ! Die Warner sind noch immer bei diesem Namen genannt worden . Und nun ! Was ich damals als etwas bloß Wahrscheinliches vor Augen hatte , jetzt ist es tatsächlich da . Der Krieg ist erklärt . Und was das bedeutet , steht in aller Deutlichkeit vor meiner Seele . Wir werden an derselben Welt des Scheins zugrunde gehn , an der Schach zugrunde gegangen ist . Ihr Bülow Nachschrift . Dohna ( früher bei der Garde du Corps ) , mit dem ich eben über die Schachsche Sache gesprochen habe , hat eine Lesart , die mich an frühere Nostitzsche Mitteilungen erinnerte . Schach habe die Mutter geliebt , was ihn , in einer Ehe mit der Tochter , in seltsam peinliche Herzenskonflikte geführt haben würde . Schreiben Sie mir doch darüber . Ich persönlich find es pikant , aber nicht zutreffend . Schachs Eitelkeit hat ihn zeitlebens bei voller Herzenskühle gehalten , und seine Vorstellungen von Ehre ( hier ausnahmsweise die richtige ) würden ihn außerdem , wenn er die Ehe mit der Tochter wirklich geschlossen hätte , vor jedem Fauxpas gesichert haben . B. Einundzwanzigstes Kapitel Victoire von Schach an Lisette von Perbandt Rom , 18. August 1807 Ma chère Lisette . Daß ich Dir sagen könnte , wie gerührt ich war über so liebe Zeilen ! Aus dem Elend des Krieges , aus Kränkungen und Verlusten heraus hast Du mich mit Zeichen alter , unveränderter Freundschaft überschüttet und mir meine Versäumnisse nicht zum Üblen gedeutet . Mama wollte mehr als einmal schreiben , aber ich selber bat sie , damit zu warten . Ach , meine teure Lisette , Du nimmst teil an meinem Schicksal und glaubst , der Zeitpunkt sei nun da , mich gegen Dich auszusprechen . Und Du hast recht . Ich will es tun , so gut ich ' s kann . » Wie sich das alles erklärt ? « fragst Du und setzest hinzu , » Du stündest vor einem Rätsel , das sich Dir nicht lösen wolle « . Meine liebe Lisette , wie lösen sich die Rätsel ? Nie . Ein Rest von Dunklem und Unaufgeklärtem bleibt , und in die letzten und geheimsten Triebfedern andrer oder auch nur unsrer eignen Handlungsweise hineinzublicken ist uns versagt . Er sei , so versichern die Leute , der schöne Schach gewesen und ich , das mindeste zu sagen , die nicht-schöne Victoire , das habe den Spott herausgefordert , und diesem Spotte Trotz zu bieten , dazu hab er nicht die Kraft gehabt . Und so sei er denn aus Furcht vor dem Leben in den Tod gegangen . So sagt die Welt , und in vielem wird es zutreffen . Schrieb er mir doch Ähnliches und verklagte sich darüber . Aber wie die Welt strenger gewesen ist als nötig , so vielleicht auch er selbst . Ich seh es in einem andern Licht . Er wußte sehr wohl , daß aller Spott der Welt schließlich erlahmt und erlischt , und war im übrigen auch Manns genug , diesen Spott zu bekämpfen , im Fall er nicht erlahmen und nicht erlöschen wollte . Nein , er fürchtete sich nicht vor diesem Kampf , oder wenigstens nicht so , wie vermutet wird ; aber eine kluge Stimme , die die Stimme seiner eigensten und innersten Natur war , rief ihm beständig zu , daß er diesen Kampf umsonst kämpfen und daß er , wenn auch siegreich gegen die Welt , nicht siegreich gegen sich selber sein würde . Das war es . Er gehörte durchaus , und mehr als irgendwer , den ich kennengelernt habe , zu den Männern , die nicht für die Ehe geschaffen sind . Ich erzählte Dir schon , bei