, dem gegenüber ist es gleichgültig , wenigstens vom ethischen Standpunkt aus , wohin diese Wege leiten . Welche Wege nun wandelte Christian Gentz ? Wir lassen dabei die bisher berührten Punkte fallen und beziehen die Frage nicht mehr auf Politik und Kirche , sondern auf sein Leben überhaupt . Die Antwort wird verschieden ausfallen , je nachdem der Beantwortende die Lust und Fähigkeit mitbringt , Menschen und Dinge mit dem Maßstabe zu messen , der in den Men schen und Dingen selber gelegen ist . Macaulay sagt , bei Beurteilung des Macchiavellischen » Fürstenspiegels « etwa das folgende : » Die Anklagen , die dieser Fürstenspiegel erfahren hat , gehen zumeist daraus hervor , daß der germanische Norden Europas andere Ideale hegt als der romanische Süden . Dem Germanen bedeuten Tapferkeit und Treue das Höchste , der Italiener dagegen zollt der überlegenen Klugheit , der List , der feingesponnenen Intrige dieselbe Bewunderung , die wir jedem Percy Heißsporn entgegentragen , der ein Dutzend Schotten zum Frühstück verzehrt . « Hieraus ist leicht die Nutzanwendung auf den vorliegenden Fall gezogen . Im allgemeinen sind wir hierlandes und zumal in den Herzen unserer Besten immer noch von jenem altpreußischen Gefühl durchdrungen , das in dem schönen » ich dien ' « seinen selbstsuchtslos-hingebenden und zugleich stolzen Ausdruck gefunden hat . » Meine Seele Gott und mein Blut dem König ! « ja , diese Devise lebt noch in hunderttausend Herzen , und der Himmel woll ' es fügen , daß uns das entsprechende Gefühl bis in weite Zukunftstage hinein erhalten bleibt . Aber so gewiß es gestattet sein muß , sich in schwärmerischem Eifer zu dieser Empfindung zu bekennen , so gewiß ist es doch auch , daß dies eine Feiertagsempfindung ist , neben der eine Durchschnitts- und Alltagsbetrachtung ihre volle Berechtigung hat . Die Montmorencys haben ihr Gesetz und die Torf-Exploitierungs-Gesellschaften haben es auch . Man kann nicht verlangen , daß diese beiden Gesetze untereinander stimmen . 30 Wer bis zwanzig Jahr ein Tuchmacher und dann weitere zehn Jahr ein kleiner Krämer war , kann nicht zugleich bei Roncesvalles gefochten oder König Roberts Herz in einer silbernen Kapsel gen Jerusalem getragen haben . Finanzielles und Romantisches , das » Goldene Kalb « und das » Goldene Vlies « , sie schließen einander aus , und im Schoße der merkantilen Welt , ein paar glänzende Ausnahmen zugegeben , ist es längst zum Axiom erhoben worden : was nicht verboten ist , ist erlaubt . Freiherren und Grafen gehorchen einem ungeschriebenen Kodex der Ehre , sollen es wenigstens ; der Torfgraf seinerseits kennt kein anderes Gesetz der Ehre als – das Landrecht . An diesem Gesetze gemessen , wird unser alter Christian Gentz , und viele mit ihm , in Ehren bestehen . Es ist ein Fehler , wie schon eingangs bemerkt , an Gestalten wie diese den sans peur et sans reproche-Maßstab legen zu wollen . Jeder werde in seinem Kreise treu und tüchtig befunden . Hier war der Kreis ein geschäftlicher und lag einerseits im Wustrauer Luch , andererseits auf den » Kahlenbergen « . Ein unendlicher Gottessegen ersproß an beiden Stellen aus der Urbarmachung von Sumpf und Sand und war auch zunächst dabei nur ein Egoistisches , nur das Ich gemeint , das Allgemeine durfte bald daran teilnehmen . Überall aber wo Segen geboren wird , forsche man nicht allzu kritisch nach dem Motiv , das ihn ins Dasein rief . Ein Kaufmann sei ein Kaufmann und wolle gewinnen . Das ist nicht bloß sein Recht , sondern auch seine Pflicht . Aber freilich der überflügelte Dilettantismus ist auch auf diesem Gebiete stets geneigt , den strengsten Kritiker abzugeben und nötigenfalls , so nichts anderes verfangen will , die Böller einer » höheren Sittlichkeit « abzufeuern . Sie springen aber beim ersten Schuß . Johann Christian Gentz starb am 4. Oktober 1867 und fand seine Ruhestätte auf dem alten Ruppiner Kirchhof , innerhalb des Familienbegräbnisplatzes » am Wall « . Dort ruht auch sein jüngerer Sohn Alexander . 11. Wilhelm Gentz 11. Wilhelm Gentz I In Ruppin . Kindheit . Jugend ( Von 1822 bis 1843 ) Wilhelm Gentz , der ältere Sohn Christian Friedrich Gentz ' , wurde den 9. Dezember 1822 zu Neu-Ruppin geboren . Er besuchte das Gymnasium seiner Vaterstadt , das damals unter Leitung Direktor Starkes , eines ausgezeichneten Griechen- und Aristoteles-Kenners , eine Glanzepoche hatte , wenigstens nach der höheren wissenschaftlichen Seite hin . Die Verwaltung freilich war schwach und wog die sonstigen Vorzüge fast wieder auf . W. Gentz absolvierte , trotz schon früh erwachter künstlerischer Neigung , sein Abiturientenexamen Ostern 1843 . In autobiographischen Aufzeichnungen , die mir vorliegen , hat er , wie über anderes , so auch über seine Kinder- und Knabenjahre , die Gymnasialzeit mit eingerechnet , in der ihm eigenen Weise berichtet . An diesen Aufzeichnungen Änderungen vorzunehmen , habe ich mich wohl gehütet . W. Gentz gehört zu den Erzählern , denen beim Erzählen » immer noch was einfällt « und die diesen Einfällen dann auch Ausdruck geben . Dadurch entsteht eine Vortragsweise , die der herkömmlichen Technik allerdings widerstreitet und den ruhig ebenmäßigen Gang der Erzählung mehr oder weniger behindert , was gelegentlich selbst den , der sich dieser Exkurse freut , auf Augenblicke stören kann . Alles in allem aber bedeutet diese Vortragsweise doch einen Vorzug , weil etwas überaus Anregendes dadurch zum Ausdruck kommt , das nicht immer den Formensinn , aber desto mehr das Interesse befriedigt . Und nun gebe ich ihm selber das Wort . » ... Mein Vater , ein Tuchmachergesell , heiratete meine Mutter , die damals schon einen kleinen Laden besaß . Ich soll mehr der Mutter als dem Vater ähnlich gewesen sein , auch in den Charaktereigenschaften . Von früh an war ich geschickt zu allerhand Handarbeiten und saß gern in den Zimmerecken umher , um Silhouetten aus schwarzem Papier auszuschneiden . Das Zeichnen und Austuschen spielte bei uns Geschwistern eine große Rolle . Nur mein ältester Bruder , der schon mit einigen zwanzig Jahren an der Schwindsucht starb , hatte keine Begabung dafür , besaß statt dessen aber ein so glänzendes Gedächtnis , daß er in seiner langen Krankheit , bloß mit Grammatik und Wörterbuch in der Hand , mehrere Sprachen für sich allein erlernte . Mein Schulunterricht begann in der Bürgerschule . Während ich diese noch besuchte , bat ich die Eltern , mich zum Gymnasialzeichenlehrer Masch in den Zeichenunterricht zu schicken . Das wurde denn auch gewährt . Ich erhielt eine zufällig im Hause sich vorfindende Zeichenmappe , die so groß war , daß ich sie kaum umspannen konnte . Mit dieser unterm Arm , schlich ich mich ängstlich ins Gymnasium , wohin ich noch nicht gehörte und deshalb fürchtete , von den anderen Lehrern gesehen und fortgewiesen zu werden . Diese Furcht dauerte denn auch an , bis ich die Bürgerschule verließ und auch in den anderen Lehrgegenständen ins Gymnasium aufgenommen wurde . Vater und Mutter , auf den Erwerb bedachte Naturen , waren fortwährend in Laden und Küche beschäftigt , was zur Folge hatte , daß wir Kinder einigermaßen verwilderten . Wir streiften vor den Toren der Stadt umher , um Pflanzen , Käfer , Vogeleier und allerhand Naturgegenstände zu sammeln , so daß unser Zimmer bald einem Naturalienkabinett glich . Die Schränke waren gefüllt mit Herbarien , Insekten , Steinen und Muscheln . Auf Pappe aufgezogene Fische hingen an den Wänden , auf den Spinden standen selbsterlegte und ausgestopfte Vögel . Mein Vater hatte mir nämlich eine Flinte gekauft , so daß ich Sonnabendnachmittag auf die Jagd gehen konnte . Dadurch wurde der Sinn geweckt , die Natur zu beobachten . Aber das Lernen in der Schule ward vernachlässigt . Ein Hauslehrer mußte deshalb aushelfen und uns wieder ins Geleise bringen . Ein solcher Hauslehrer ward in der Person eines Kandidaten der Theologie gefunden . Er hieß Dr. Paetsch , war Privatdozent an einer Universität gewesen und anfangs der dreißiger Jahre Hilfsgeistlicher des Ruppiner Superintendenten Bientz geworden , von dem er dann , bei B. ' s endlichem Hinscheiden , eine ganze Galerie langer Pfeifen geerbt hatte , die nun als Schmuck an den Wänden seines Zimmers hingen . Lange freilich paradierten sie da nicht , wurden vielmehr auf unseren Rücken zerschlagen . Das dadurch erzielte Resultat war aber auch ein glänzendes , insoweit es uns zu durchaus folgsamen Kindern machte . Wir liefen keinen Schritt mehr über den Rinnstein vor dem Hause , der die Grenze bezeichnete , bis wohin wir gehen durften . Dr. Paetsch war streng , worunter indes unsere Liebe zu ihm nicht litt . Ich brachte ihm gern des Morgens den brennenden Fidibus ans Bett , da seine Gewohnheit war , vor dem Aufstehen eine Pfeife Tabak zu schmauchen . Er fand , daß ich gut schreiben konnte , weshalb ich seine Briefe an die hohen Herrschaften , an den König und verschiedene Prinzen und Prinzessinnen , abschreiben mußte , denen er seine in Ruppin gehaltenen und dann in Druck gegebenen Predigten schickte . Er empfing dafür einen Dukaten , und wenn es sehr hoch kam , einen Doppellouisdor . Übrigens soll er in Ruppin die besten Predigten gehalten haben , was freilich nach dem damaligen Stande der Ruppiner Predigerkunst nicht viel sagen will . Während seiner Privatdozentenjahre , weil er neben dem Tabak auch eine Passion für edle Getränke hatte , war sein ererbtes Vermögen von ihm aufgezehrt worden . Später ward er Pastor in Rudow , wo ich ihn mal von Ruppin aus in den Ferien zu Fuß besuchte . Wie er als Hirt seine Gemeinde geführt , weiß ich nicht . Den Pfarrgarten verwaltete er so , daß bald kein Obstbaum , kein Stachelbeerstrauch mehr übrig blieb , weil bei der Unausreichendheit seiner Kircheneinnahmen für Holz und Torf alles in den Ofen wandern mußte . Seiner Richtung nach war er , wie sonst im Leben , auch auf religiösem Gebiet ein Schöngeist und für Schleiermacher enthusiasmiert . Während der Predigtzeit durften wir nicht ins Freie gehen – sonst aber unterließ er es , auf unser religiöses Bewußtsein einzuwirken . Meine Hauptlektüre bestand damals in Reisebeschreibungen . Ein besonderes Entzücken gewährten mir die afrikanischen Entdeckungsreisen ins Kapland von Le Vaillant und besonders die von Mungo Park am Niger , nach Timbuktu hin , ein Buch , darin ich noch vor kurzem mit Vergnügen geblättert habe . Als Quartaner las ich viel über Ägypten , infolgedessen ich meiner Mutter auf ihre Frage › was ich werden wollte ‹ zuversichtlich erklärte , daß ich vorhätte , nach Kairo zu gehen und die Pyramiden zu erforschen . Ja , ich fing an , Geld zu sparen , um seiner Zeit die Reise beginnen zu können . Schinkel besuchte um diese Zeit jährlich seine Schwester in Ruppin und kam auch mal ins Haus meines Vaters , was darin seinen Grund haben mochte , daß eine Nichte von ihm mit einem Bruder meiner Mutter verheiratet war . Trotz meiner Jugend ist mir doch seine Erscheinung unvergeßlich im Gedächtnis geblieben . Einige Jahre später saß ich , eine Nacht hindurch , mit Christian Rauch im Postwagen zusammen ( zwischen Halle und Potsdam ) , und auch seine Züge prägten sich mir ein , ja , ich erinnere mich noch einiger seiner Gespräche . Durch einen Ruppiner Landsmann , der in seinem Atelier Dienste tat , fand ich Gelegenheit , seine Werkstatt zu besichtigen und bekam sogar die Rauchsche Goethestatuette geschenkt , die ich nun , wie ein Kleinod , mit heimnahm und während der Nachtfahrt von Berlin nach Ruppin in dem unbequemen Marterwagen keinen Augenblick aus den Händen ließ . Die Statuette , die ich noch besitze , habe ich oft , wenn ich aus der Schule nach Hause kam , mit Freude betrachtet . Als Sekundaner benutzte ich die Ferien , um , der Sixtinischen Madonna halber , zu Fuß nach Dresden zu wandern . Ich hatte gelesen , daß das Bild von Raphael das schönste der Welt wäre . Welch Genuß mußte es sein , dasselbe zu sehen ! Bilder auch zu verstehen , schien mir selbstverständlich . Ich war daher verwundert , daß mir andere Bilder der Galerie noch besser gefielen . Sie lagen wohl meinem Verständnis näher . Und als etwas Eigentümliches muß ich es auch ansehen , daß mir die Elginschen Abgüsse der Parthenonfiguren des Phidias schon damals einen sehr großen Eindruck machten . Vielleicht trug die Liebe für klassisches Altertum , die der Direktor des Ruppiner Gymnasiums , Professor Dr. Starke , uns einzuflößen verstanden hatte , nicht unwesentlich dazu bei , desgleichen die häufige Lektüre Lessings , Goethes und besonders Winkelmanns , dessen Geschichte der griechischen Kunst ich damals mit Vorliebe studierte . Etwas später , als Primaner , reiste ich in den Ferien nach Kopenhagen , um Thorwaldsens Werke kennenzulernen . Bis Lübeck ging es zu Fuß . Dort empfing ich , angesichts der schönen Kirchen und Rathäuser , zuerst eine Ahnung mittelalterlicher Kunst . Die heimatliche Mark , so großen poetischen Genuß sie auch durch ihre Seen , Wälder und Wiesen gewähren kann , ist doch andererseits nicht geeignet , uns die Romantik des Mittelalters nahezubringen . Daher blieb mir denn auch bis ins reifere Mannesalter hinein die strenge Kunst ( die recht eigentlich vaterländische ) der Dürer und Holbein fremd . Jetzt freilich glaube ich zu verstehen , daß die Holbein , Dürer und van Eyck auch ein Höchstes in der Kunst geleistet haben . Bessere Zeichnungen , das heißt charakteristischere , als die Porträts von Holbein in Basel , kann ich mir in ihrer Art nicht vorstellen . Ehe ich das Abiturientenexamen nicht gemacht , durfte ich auch Ruppin nicht verlassen . Nun aber war der Moment der Freiheit da . Ich erinnere mich noch des seligen Gefühls , als ich im Postwagen saß und meiner Vaterstadt Lebewohl gesagt hatte . Mit den übrigen Personen , die den Postwagen füllten , ein Wort zu sprechen , war mir unmöglich , und ich mußte Bemerkungen über mein schroffes und unliebenswürdiges Wesen mit anhören . Die Leute hatten ganz recht ; aber ich war in meinen Gedanken zu glücklich , um an ihrem Geplauder Gefallen finden zu können . « II In Berlin im von Klöberschen Atelier . Reise nach Antwerpen und London ( Von 1843 bis 1845 ) Ostern 1843 traf W. Gentz , zwanzig Jahre alt , in Berlin ein und begann , wie er es den Eltern zugesagt hatte , mit Vorlesungenhören an der Universität . Bald indessen gab er es wieder auf und mühte sich , in ein Maleratelier einzutreten . Dies war aber in dem damaligen Berlin nicht leicht , weil sich zu jener Zeit nur wenige Malerprofessoren mit privater Ausbildung von Schülern beschäftigten , und diese wenigen sich meist nur dann dazu bereit zeigten , wenn der von ihnen Aufzunehmende schon vorher Schüler der Akademie gewesen war . Hierin lag die Hauptschwierigkeit für W. Gentz , weniger darin , daß es den damaligen Malern Berlins an Lehrfähigkeit oder wohl gar an Fähigkeiten überhaupt gefehlt hätte . Dies war nicht eigentlich der Fall , eine Versicherung , die mir eine willkommene Gelegenheit gibt , einen Blick auf die Berliner Kunstzustände der ersten vierziger Jahre zu werfen . Augenblicklich herrscht eine starke Neigung vor , das damalige Berlin unter Friedrich Wilhelm IV. zu verkleinern , nicht bloß auf politischem , sondern auch auf literarischem und künstlerischem Gebiet . Es stand damit keineswegs so schlimm , wie die Verkleinerer wahr haben wollen , und was speziell die bildenden Künste betrifft , so bedarf es nur eines Durchblätterns alter Kataloge , um sich , ich will nicht sagen vom Gegenteil , aber doch von dem Übertriebenen in der gegenwärtig beliebten Geringschätzung damaliger Kunstleistungen zu überzeugen . An der Spitze – wenn auch längst aus der Zeit seines eigentlichen Schaffens heraus – stand kein Geringerer als der alte Schadow selbst , immer noch durch Blick und , wo ihn dieser im Stich ließ , durch künstlerischen Instinkt ausgezeichnet . Neben ihm Rauch . Beide , wenn auch zumeist nur auf ihrem eigensten Gebiete groß , hatten doch immerhin künstlerischen Allgemeineinfluß genug , um auch auf dem Schwestergebiete der Malerei Verirrungen zurückzudrängen und Nicht-Talente nicht überheblich werden zu lassen . Solche Nicht-Talente mochten viele da sein , aber neben ihnen auch Genies wie Franz Krüger ( » der Paraden- oder Pferde-Krüger « ) und Blechen , der große Landschafter , der Schöpfer des epochemachenden Bildes » Semnonenlager auf den Müggelbergen « – zwei Namen , die nur genannt zu werden brauchen , um das Maler-Berlin der vierziger Jahre nicht verächtlich erscheinen zu lassen . Und welcher Kreis Mitstrebender um sie her ! In voller Kraft stand der ältere Meyerheim und entzückte nicht bloß Berlin , sondern die gesamte deutsche Kunstwelt durch Bilder , die Naturwahrheit und Anmut in sich vereinigten . Adolph Menzel , wenn auch erst ein » Werdender « , begann bereits eine Gemeinde leidenschaftlicher Anhänger um sich zu sammeln , Eduard Hildebrandt , noch um zwei Jahre jünger als Menzel , gab demunerachtet bereits die Proben seines eminenten Talents , während Eduard Magnus , dessen Jenny Lind-Porträt ( in der Nationalgalerie ) bis heute ein respektvolles Interesse weckt , ebenso durch sein Wissen wie durch seine Kunst anregend wirkte . Wach , der ältere Begas , Daege , von Klöber standen , und nicht unverdient , in Ehren und Ansehen , und durch alle hin schritt , um eben diese Zeit , eine angestaunte Erscheinung , ein » Geist « , – der große Cornelius . So stand es damals – nicht ungünstig , wie mir scheinen will – und wenn trotzdem ein so Berufener wie W. Gentz mit nur wenig Anerkennung von unserem damaligen Kunstzustande , speziell der Malerei , spricht , so möchte ich den Grund dafür weniger in den schwachen Kunstleistungen , als in einer schwachen Kunstverwaltung suchen , in Zuständen , unter deren Herrschaft niemand recht wußte , wer Koch und wer Kellner war . Solche Zustände , so nehme ich an , fand W. Gentz vor und gab nun seinem berechtigten Unbehagen darüber in Urteilen Ausdruck , die wenigstens darin zu weit gingen , daß sie manches auf dem Gebiete künstlerischen Schaffens liegende Gute nicht genugsam würdigten . Indessen zu hart oder nicht , unseres W. Gentz ' Urteile liegen nun mal vor und haben schon einfach um der Tatsache willen , daß sie Selbsterfahrenes schildern ( wie wenige sind noch da , die jene Tage miterlebt haben ) , Anspruch darauf , an dieser Stelle gehört zu werden . » ... Ich war nun also « , so schreibt W. Gentz , » um Ostern 1843 in Berlin und hörte Kollegien über Ästhetik . Aber der ganze Gelehrtenkram fördert einen ausübenden Künstler sehr wenig ; das begriff ich bald . Das Handwerk der Kunst erfordert die ganze Kraft des Künstlers , und glücklich , wer mit der Erlernung des Handwerksmäßigen frühzeitig beginnen kann . Die alten Künstler überragen die modernen einfach deshalb , weil sie auf den Schulbänken nicht ihre schönste Jugendzeit verbringen mußten , diese kostbare Jugendzeit , die am geeignetsten ist , die großen technischen Schwierigkeiten spielend überwinden zu lernen . Die Rubens , van Dycks waren mit achtzehn Jahren schon derartig Meister in ihrer Kunst , daß sie Schulen errichten konnten . Welch Vorsprung uns Modernen gegenüber . Kunst , wie so oft gesagt , ist einfach Können . Das Können war , zu Beginn dieses Jahrhunderts , bei uns Deutschen großenteils verlorengegangen . Die Franzosen hatten ihre Kunsttraditionen , mit Hilfe ihrer École des beaux arts , nie ganz aufgegeben , weshalb sich ihre mit der Revolution und dem Empire beginnende Neuepoche glänzender als die Deutschlands gestalten konnte . Die Carstens , Overbeck , Cornelius usw. leiteten das Wiedererstehen deutscher Kunst mehr durch ihre geistigen Eigenschaften ein , als durch einen gesunden Realismus . Die Kunstzustände Berlins , speziell auf Malerei hin angesehen , waren in den dreißiger und vierziger Jahren ziemlich kläglich . Cornelius mit seinen großartigen Intentionen , Kaulbach mit seiner reichen Gestaltungskraft , die beide nur vorübergehend hier wirkten , fanden keinen rechten Boden . Der Berliner als Norddeutscher ist seiner Natur nach Realist . Und Gottfried Schadow war ein solcher . Wenngleich er die Akademie nicht mehr aus ihrer Gesunkenheit herausreißen konnte , so übte er doch auf die Bildhauerkunst noch immer eine so bedeutende Wirkung aus , daß die Schule von Berlin die bedeutendste Deutschlands wurde . Christian Rauchs Tätigkeit zeigt das klar . Und auch heute noch steht Reinhold Begas an der Spitze der deutschen Plastik . Der gesunde Realismus in den zeichnenden Künsten , der mit Chodowiecki anhub , kam durch A. Menzel zu weiterer Blüte . Sein Genie ward bei seinem Auftreten nur von wenigen erkannt . Man hielt ihn wohl für einen talentvollen und reichen , aber doch zugleich auch für einen bizarren Künstler . Der ältere Begas , Wach , von Klöber erkannten seine Größe nicht und ahnten noch weniger , daß er berufen sein würde , später gewaltig über ihnen zu thronen , und gerade diese waren es doch , die damals den Ton angaben . Karl Begas hatte bei Gros in Paris eine gute Schule genossen , Wach und Klöber nur eine mäßige in Italien . Vielleicht war von Klöber der begabteste von ihnen , aber durch sein fragmentarisches Können zum Lehrer wenig geeignet . Der ältere Begas hatte , als ich zu lernen anfangen wollte , sein Schüleratelier aufgegeben , Wach wollte mich nur aufnehmen , wenn ich die Akademie durchgemacht hätte ( worin er wohl recht haben mochte ) , von Klöber aber nahm jeden auf , also auch mich , weil die Ausbildung von Schülern für ihn vorwiegend eine finanzielle Frage war . Da ich sehr fleißig anderthalb Jahre bei ihm arbeitete , so machte ich auch Fortschritte , konnte mir aber selber damit nicht genügen und ging nach Antwerpen , um auf der dortigen Akademie meine Studien fortzusetzen . Dies › nach Antwerpen geh ' n ‹ war in den vierziger Jahren bei den deutschen Malern Mode geworden , eine Mode , die sich seit Ausstellung der Gallaitschen und de Biefveschen Bilder in Berlin entwickelt hatte . Die Abdankung Karls V. gilt auch heute noch als ein gutes Bild ; sonst aber sind die de Biefve , de Kayser und Wappers ( welcher letztere zu meiner Zeit Direktor der Akademie von Antwerpen war ) von ihrer Höhe herabgestiegen . Ihre Kunst kam nicht von innen heraus , und alles Gute , was sie besaßen , hatten sie einfach in Paris gelernt . So dauerte denn auch der Ruf der Antwerpener Schule nicht lange . Immerhin war der neunmonatliche Aufenthalt in dem malerischen Antwerpen mit seiner großartigen Kathedrale belehrend und interessant für mich . Ich lernte dort erst die Größe eines Rubens kennen und verstehen . In der Ferienzeit reiste ich nach London hinüber , fand aber nur wenig Gelegenheit , die moderne Malerei der Engländer näher kennenzulernen . Das Kolorit Turnerscher Bilder fesselte mich am meisten . Erst 1855 , auf der Pariser Weltausstellung , bekam ich großen Respekt vor der naiven und charakteristischen Naturauffassung der Engländer . Die englische Abteilung wurde denn auch von den Franzosen als die originellste sämtlicher Völker angesehen . « III Erster Aufenthalt in Paris . Reise nach Spanien und Marokko ( 1847 ) . Reise nach Ägypten und Nubien ( 1850 ) . Etablierung in Paris ( Von 1845 bis 1857 ) Der Aufenthalt W. Gentz ' in Antwerpen hatte neun Monate gewährt ; von Antwerpen ging er nach Paris , wo er im Herbst 1845 eintraf , um daselbst , wenn auch mit manchen Unterbrechungen von nicht unbeträchtlicher Dauer , bis 1857 zu verbleiben . Ich gebe , bevor ich ihn selbst wieder redend einführe , zuvor eine diese Gesamtzeit von zwölf Jahren umfassende Skizze . W. Gentz trat , als er nach Paris kam , zunächst als Schüler in ein Meisteratelier ein , in dem er von 1845 bis zum Frühjahr 1847 verblieb . Zugleich war er im Louvre viel mit dem Kopieren alter Bilder , besonders aus der spanischen Schule , beschäftigt , was schließlich Veranlassung für ihn wurde , nach Spanien und zwar über Bordeaux nach Madrid zu gehen , um hier die Velasquez und Ribera an der Quelle zu studieren . Einmal in Madrid , mußten Sevilla , Cadix , Gibraltar folgen , woran sich dann – die Sehnsucht , Afrika zu sehen , war groß – Tanger und Marokko wie selbstverständlich anreihten . Ein an Abenteuern reicher Ausflug , über den er selbst ( s. den Verfolg dieses Kapitels ) in höchst anziehender Weise berichtet hat ; aber auch über die achtzehn Monate in Paris , die voraufgingen . Und so geben wir ihm über eben diesen Pariser Aufenthalt , wie dann später über die spanisch-marokkanische Reise , hier wieder das Wort . » ... Als ich nach Paris kam , standen sich zwei Richtungen in der Malerei schroff gegenüber , die klassische und die romantische ; die der dessinateurs und die der coloristes , wie sie sich selbst nannten . Erst später bildete sich die Schule der Realisten unter Führung von Courbet . Ingres , der letzte große Schüler von David , wurde als › grand homme ‹ verehrt ; er galt den französischen Künstlern als größter Maler seiner Zeit . In Deutschland fand er wenig Anerkennung . Populär war er auch in Frankreich nicht . Seine Kunst ist die Kunst für die Kunst , nicht fürs Volk , ganz so wie bei Cornelius . Ingres ist aber doch bei uns unterschätzt worden ; sein Können war bedeutend . Eugen Delacroix , der größte Kolorist der Franzosen ( wie um vieles später bei uns Makart ) , war den Deutschen durch die große Vernachlässigung der Zeichnung auch nicht allzu sympathisch , jedoch immer noch mehr als Ingres , weil sie bei diesem den Mangel koloristischen Sinnes fühlten . Delacroix ist Geistesverwandter von Byron und Victor Hugo . Zwischen ihnen stand Horace Vernet und Paul Delaroche , der eigentliche Gründer der modernen Geschichtsmalerei . Beide verdienten ihre Popularität auch bei uns . Namentlich hat Paul Delaroche einen großen Einfluß auf die deutschen Maler gehabt . Er stand der Ingresschen Richtung näher , Horace Vernet mehr der des Delacroix . Die Franzosen sind sehr launisch mit ihren Gunstbezeigungen , und die Mode , wenn man das Wort auch auf die Kunst anwenden darf , wechselt bei ihnen sehr schnell . Vernet und Delaroche galten bei meiner Ankunft in Paris schon als abgetan . Da mir eigentlich der geschichtliche Sinn abgeht , so lag mir P. Delaroche ferner . An Horace Vernet interessierte mich das orientalische Element in seinen Bildern und die Anwendung desselben auf biblische Darstellungen . Am meisten war ich berauscht vom Kolorit des Delacroix . Ich sage absichtlich › berauscht ‹ , da ich mir selbst keine Rechenschaft darüber zu geben wußte . Delacroix hat sehr wenig Schüler gebildet und besaß auch kein Schüleratelier . Das bedeutendste und am zahlreichsten besuchte Atelier hatte Delaroche , welches Atelier , als ich nach Paris kam , an Delaroches Stelle , der es aufgegeben , Gleyre übernommen hatte . Einige Jahre darauf besuchte ich auch das Couture-Atelier . Bei Gleyre glaubte ich mich in der Zeichnung befestigen zu können ; Couture war mehr Kolorist . Durch seine » Décadence des Romains « hatte dieser letztere großes Aufsehen gemacht und einen bedeutenden Zufluß von Schülern erhalten , besonders auch von Deutschen , Feuerbach und Henneberg unter ihnen . Gleyre , ein Schweizer aus Genf , war ein nobler Charakter , hoch und klassisch gebildet , verkehrte viel mit Schriftstellern , war uneigennützig , ließ sich von den Schülern nur seine Auslagen an Miete , Heizung und Modellen bezahlen . Sein Horizont war ein weiterer wie der von Couture , der mit Vorliebe von der › art parisien ‹ sprach . Coutures Römer waren Pariser . Jeder lernte bei ihm schnell . Aber seine Lehre war ein Rezept , ein Schema . Man mußte sich später dessen wieder zu entledigen suchen ; in der Tat , er war hauptsächlich Techniker , und Gleyre sagte von ihm , freilich zu weit gehend , › daß er nur die cuisine de la peinture verstünde ‹ . Coutures Ideal in der Malerei war Paul Veronese . Im Exterieur hatte Couture große Ähnlichkeit mit Gussow . Wenn heute , nachdem die von Courbet geführten Realisten eine große Wandlung herbeigeführt haben , ganz andere Richtungen maßgebend geworden sind , wenn die Impressionisten und Pleinairisten einerseits und die Kabinettsmaler mit minutiösester Ausführung , von Meissonier ausgehend , andererseits den Tag beherrschen , so haben doch die Hauptwerke Gleyres und Coutures eine Stelle im Louvre gefunden , eine große Ehre , die nur den Werken zuteil wird , die , früher fürs Luxemburgmuseum vom Staat angekauft , noch zehn Jahre nach dem Hinscheiden ihrer Autoren , von einer Jury für würdig dazu erachtet werden . Die übrigen Werke nicht mehr lebender Künstler werden an die Privatmuseen verteilt . « » ... Während der Studienzeit bei Gleyre machte ich eine längere Reise , dreiviertel Jahr , nach Spanien und Marokko . Nach Spanien deshalb , um die im Louvre begonnenen Studien nach alten Meistern zu vervollständigen . Ich malte im Museum zu Madrid während dreier Monate eine Anzahl Skizzen nach Tizian , Velasquez , Ribera , Alonso Cano usw. Das Madrider Museum ist , in bezug auf Bilder , eines der besten in Europa , gegen fünfzig Bilder Tizians , des Lieblingsmalers von Karl V. und Philipp II. , zieren dasselbe . Fünfzehn Raphaels sind da , und die spanischen Meister , für die ich eine Vorliebe hegte , sind selbstverständlich vollzählig , so daß sich allein vier große Säle mit Velasquez ' Werken vorfinden . Velasquez ist vielleicht der Maler , der den Übergang zur modernen Auffassung der Malerei einleitete . Er war wenigstens der erste Geschichtsmaler im eigentlichen Sinn des Wortes