, de nu kümmt . « Es kam niemand des Weges , und noch weniger horchte wer vom Gatter oder Heckenzaun her , und doch hätte gerade sie , von der die Rede war , aus dem öfteren Hinüberzeigen nach dem Kirchhof und aus allerhand anderen Handbewegungen einen Teil des Gespräches unschwer erraten können , denn sie kam eben vom Schloß her und passierte die Lichtung , von der aus man , wie das ganze Tal , so vor allem auch das Heidereiterhaus übersah . Aber Hilde , trotzdem sie Joost und Grissel in aller Deutlichkeit erkannte , war in ihrem Gemüt weit ab von der Frage : » Wovon sprechen sie ? « und viel mehr noch von der ängstlichen Erwägung : » Sprechen sie vielleicht von dir ? « In ihr klangen noch die Trostesworte nach , die , seitens der alten Gräfin oben , eben an sie gerichtet worden waren , und dem Eindruck davon mit ganzer Seele hingegeben , sah sie zwar alles um sich her , aber ohne sich irgend etwas davon zum Bewußtsein zu bringen . Am Kirchhofe vorüber , über den sie nur einen Augenblick lang ihr Auge gleiten ließ , eilte sie – trotzdem ihr Eile nicht frommte ; denn ihre Tage waren lang – auf das Haus zu , darin sie verwaist vor Jahren eingetreten und darin sie nun wieder eine Waise war . Auch eine Witwe . Aber das empfand sie nicht . Sie war in ihrem Gemüt nur eine Waise . Nichts erfreute sie mehr , und in stillem Lebensüberdruß hing sie Bildern nach , die nicht mehr , wie früher , in vor ihr ausgebreiteter Ferne , sondern nur noch rückwärts in ihrer Vergangenheit lagen . Ihr Leben war ein Sinnen und Brüten , eine krankhafte Pflege der Einsamkeit geworden , und selbst ihre Freunde , sowohl der drüben in der Pfarre wie der oben auf den Sieben-Morgen , mißfielen ihr oder versagten ihr doch in der Erfassung und freudigen Umklammerung dessen , was ihre Seele mit immer größerer Lust ersehnte : Friede , Schauen und Versöhnung . An immer erneuten Versuchen , im Gespräche mit ihnen wie ehemals Trost und Erhebung zu finden , hatte sie ' s anfänglich nicht fehlen lassen , aber aller Wohlmeinendheit der beiden Alten ungeachtet , war sie mit diesen Versuchen an jedem Tage mehr gescheitert : bei Sörgel , weil er für alles ein und dasselbe Wort zu haben anfing , bei Melcher Harms , weil er seiner Konventiklernatur nach am liebsten in Andeutungen und rätselvollen Sätzen sprach und in Momenten , wo sie dringender , fordernder und leidenschaftlicher wurde , ihr Mal auf Mal nur von Demut und Unterwerfung predigte . Denn er war strenger geworden und wiederholte mit Vorliebe seinen Spruch von der Ewigkeit und Unwandelbarkeit des Gesetzes . Ach , sie demütigte sich und unterwarf sich auch , aber eben deshalb , weil sie Demut und Unterwerfung übte , wußte sie von sich selbst , daß es nicht die Staffeln zur Himmelsleiter waren . Oder wenigstens nicht für sie . Das Kreuztragen – und nur das und immer wieder – drückte sie dem Staube zu ; was ihr helfen konnte , war allein der Blick nach oben und der Hinweis auf Freiheit , Weite , Licht . In dieser Not und Armut hätte sie verkommen müssen , wenn nicht die Gräfin gewesen wäre . Die hatte seit dem Tage , wo Hilde das erste Mal oben auf dem Schlosse gewesen , eine Liebe für sie gefaßt , und allwöchentlich schickte sie nach ihr , um eine Plauderstunde mit ihr zu haben . Und da wußte sie so vertraulich zu sprechen und so liebevoll zu fragen , daß Hilde jede Scheu vor ihr verlor und ihr alles sagte , was in ihrem Herzen war : Gutes und Schlechtes , Furcht und Hoffnung . Und die Aufrichtigkeit dieser Beichte rührte der Gräfin Herz , und wenn Hilde sie verlassen hatte , sah sie der langsam in den Talweg Niedersteigenden nach und sagte : » So sind die Wege Gottes . Eine Trübsal brachte dies Kind in unser Haus . Und nun ist es mein Glück und meiner Tage Licht . « Unter solchen Besuchen kam Weihnachten heran , und auf dem Schlosse war Bescherung , zu der auch Hilde geladen war . Und siehe da , noch eh es dunkelte , stieg sie den Schlängelweg zwischen den kahlen , aber dicht bereiften Bäumen hinauf und trat in die kleine gotische Vorhalle , darin alle Gäste , während die Gräfin den Aufbau leitete , bereits versammelt waren . Und nicht lange , so wurde das Zeichen gegeben , die Türen öffneten sich , und in langem Zuge ging es in den hohen und auf granitnen Pfeilern ruhenden Saal , der einen wundervollen Anblick bot . Inmitten desselben erhob sich ein mächtiger , aber dunkler und nur mit goldenen und silbernen Nüssen überdeckter Weihnachtsbaum , eine mehr als zehn Fuß hohe Tanne , während alles Licht , das den Saal füllte , von einer Krippe herkam , die mitsamt dem weißgedeckten Bescherungstisch , auf dem sie stand , in die Front der hohen Balkontür gerückt worden war . Unmittelbar darüber aber sah man in halbem Dämmer die Wolken ziehen . Unter den Gästen waren wieder einige der jungen Offiziere , die damals auf dem Balkon gesessen und die Melcher Harmsschen Bemerkungen über Hilde mit allerlei kleinen und großen Bosheiten begleitet hatten . Auch heute versäumten sie nicht , an einem so dankbaren Thema sich neu zu divertieren , und musterten aus einer verdeckten Aufstellung her , die sie genommen , die junge Frau , die sich ihrerseits anspruchslos zurückhielt , aber keine Spur von Verlegenheit zeigte . » Die Trauer kleidet ihr « , sagte der eine . » Trauer kleidet immer . Und die hübscheste Braut verblaßt vor einer hübschen Witwe . Woran es nur liegt ? « » Eben an der Trauer . Es ist das doppelt Verbotene ... › Himmlische Liebe ‹ , prophezeite der alte Schäfer damals . Ob er wohl recht behält ? « » Ich glaube fast . Sie sähe sonst verlegener aus . « Unter Scherzen und Wendungen wie diese ging das Gespräch , eine halbe Stunde später aber war alles still geworden . In dem Kamin fielen die Scheite zusammen , und Hilde , die wohl wußte , daß die Gräfin ihr gern zuhörte , plauderte von ihrem ersten Weihnachtsabend in des Heidereiters Haus und von der Krippe , die Martin ihr damals aufgebaut habe . Und wie glücklich und wie benommen sie gewesen sei , denn sie habe den Lobgesang der Engel mit leibhaftigem Ohre zu hören geglaubt . Und als sie so sprach , loschen die Lichter aus , und es dunkelte durch den Saal . Aber in demselben Augenblicke fast zerstreute sich draußen das Gewölk , das in endlos langem Zuge vorübergezogen war , und im tiefen Blau des Himmels erschien ein Stern und sandte sein friedlich Licht auf die Stelle , wo die beiden standen . » Unser Stern « , sagte die Gräfin und wies hinauf . Und von Stund an wandelte sich Hildens Herz ; alle Schwermut fiel von ihr ab , und die Freude , soviel sie davon jemals besessen hatte , blühte wieder in ihr auf . Eine Sehnsucht freilich blieb ihr ; aber diese Sehnsucht beschwerte nicht mehr ihren Sinn , sondern hob ihn empor , und sie , die müd und matt gewesen war ihr Leben lang , sie wurde jetzt stark und frisch und froh , und ein tiefes Verlangen erfaßte sie , zu tun und zu schaffen , zu helfen und zu heilen . Und in werktätiger Liebe begründete sie zum zweiten Mal ihr Haus . All das erlebte Sörgel noch . Aber die rechte Schaffenslust erwuchs ihr doch erst , als der Alte zu seinen Vätern versammelt und statt seiner ein » Frommer « in die Pfarre gekommen war , der , trotzdem er Borstelkamm hieß und zu den Strenggläubigsten zählte , doch zugleich in solcher Freudigkeit und Milde des Glaubens stand , daß er selbst Grissel entwaffnet und zu der Anerkennung hingerissen hatte : » Hür , Joost , de versteiht et . De is Sörgel un Melcher all in een . « An ihn schloß sie sich in einer mit jedem Tage wachsenden Hingebung und Begeisterung an , und von ihm auch war es , daß sie den Zusammenhang alles Geschehenen in Erfahrung brachte : wie der Heidereiter gestorben und vielleicht auch um was . Und als er geschlossen hatte , war sie wohl erschüttert gewesen , aber doch nicht niedergeworfen , denn ihr ahnendes Gemüt hatte längst davon gewußt , auch ohne Gewißheit zu haben . Und so war es auch nicht infolge dieser Aufschlüsse , daß sie noch in demselben Frühsommer starb . Ihr neues Leben , das nur Arbeit und Opfer und eine schließlich bis zur Leidenschaft gesteigerte Wonne der Entsagung gekannt , hatte sie wohl auf kurze Zeit hin in anscheinender Frische wieder aufblühen lassen , aber diese Frische war eine Täuschung gewesen . Ein Fieber kam , das ihre Kräfte rasch wegzehrte , rascher noch , als irgendwer geglaubt , sie selber ausgenommen ; und als Grissel auch den letzten Tag noch mit einem versteckten » Reißen « zu trösten suchte , lächelte sie nur und sagte : » Laß . Ich weiß alles ... Und ich sterbe gern . « Das war ihr Abschiedswort gewesen . Über ihr Begräbnis aber hatte sie längst vorher Festsetzungen getroffen , und sie begruben sie neben der ersten Frau , deren Grabstelle schon vorher erweitert worden war , so daß das Kind jetzt zwischen ihnen lag . Und gaben ihr einen Stein , darauf stand , wie sie ' s dem neuen Geistlichen ans Herz gelegt hatte , kein Name , » weil sie von Geburt an keinen gehabt und den › anderen ‹ nicht wolle . « Statt dessen aber wurde der Spruch eingegraben : » Ewig und unwandelbar ist das Gesetz ! « Umsonst , daß sie gebeten worden war , einen hoffnungsreicheren und christlicheren Spruch , einen Spruch von der Gnade und Liebe Gottes wählen zu wollen – mit einem Eigensinne , der ihr sonst fremd war , hatte sie darauf bestanden , unter immer erneuter Betonung , daß sie persönlich die Liebe Gottes erfahren und seiner Gnade sicher sei , der Spruch auf ihrem Grab aber zu den Überlebenden sprechen und diesen eine Mahnung sein solle . Hinzukommen mochte , daß sie damit eine Schuld an den alten Melcher Harms abzutragen gedachte , dem sie zuletzt völlig entfremdet worden war und dem sie sich nichtsdestoweniger , all seiner Selbstgerechtigkeit ungeachtet , für dieses und jenes Leben verpflichtet fühlte . Ihr Begräbnis war ein großes Ereignis , wie ' s einst ihre Hochzeit gewesen war , und am selben Tage noch trug der Geistliche die Daten ihres Lebens und Sterbens in das Kirchenbuch ein . Da stehen sie , mahnend wie der Spruch auf ihrem Grabe . Aber beides überdauernd , ragt über Diegels Mühle die weiße Felswand auf und auf ihrer Höhe die weit vorgebeugte Tanne von Ellernklipp .