Diener , und man kann sich nicht wie mit Seinesgleichen unterhalten : man muß sie in schicklicher Entfernung halten , um seine Autorität nicht zu verlieren . Im letzten Winter -- und ein sehr strenger Winter war es , wenn Sie sich noch darauf besinnen , und wenn es nicht schneite , so regnete und stürmte es -- kam vom November bis zum Februar kein menschliches Wesen ins Haus , als der Schlächter und der Postbote , und ich wurde ganz melancholisch , einen Abend wie den andern ganz allein sitzen zu müssen . Zuweilen mußte Lea wohl herein kommen und mir vorlesen , aber ich glaube , das gefiel dem armen Mädchen nicht besonders , es war ihr zu gezwungen . Im Frühling und Sommer geht es schon besser : der Sonnenschein und die langen Tage machen einen Unterschied : und dann kaum gerade zu Anfang dieses Herbstes die kleine Adele Varens mit ihrer Bonne , ein Kind macht ein Haus gleich lebendig : und jetzt , da Sie hier sind , werde ich ganz heiter sein . " Mein Herz erwärmte sich in der That für die würdige Dame , als ich sie reden hörte , und ich zog meinen Stuhl ein wenig näher zu ihr hin und sprach meinen aufrichtigen Wunsch aus , daß sie meine Gesellschaft so angenehm finden möge , wie sie erwartete . " Aber ich will Sie nicht veranlassen , diesen Abend lange aufzubleiben , " sagte sie ; " es ist jetzt auf den Schlag zwölf , und Sie sind den ganzen Tag gereist . Sie müssen sich also ermüdet fühlen . Wenn Sie sich Ihre Füße erwärmt haben , will ich Ihnen Ihr Schlafzimmer zeigen . Ich habe das Zimmer , welches dem meinen zunächst ist , für Sie bereiten lassen ; es ist nur ein kleines Zimmer , aber ich dachte , es würde Ihnen besser gefallen , als eins von den großen Vorderzimmern ; sie sind freilich schöner ausgestattet , aber öde und einsam , und ich schlafe selber nie darin . " Ich dankte ihr für ihre rücksichtsvolle Wahl , und da ich von meiner weiten Reise ermüdet war , erklärte ich mich bereit , mich zur Ruhe zu begeben . Sie nahm ihr Licht , und ich folgte ihr aus dem Zimmer . Zuerst ging sie , um zu sehen , ob die Hausthür auch zu sei , zog den Schlüssel ab und ging voran die Treppe hinauf . Stufen und Geländer waren von Eichenholz ; das Fenster auf der Treppe war klein und vergittert , und dieses , so wie die lange Gallerie , zu welche die Thüren des Schlafzimmers hinausführten , sahen aus , als ob sie eher einer Kirche , als einem Hause angehörten . Eine sehr kalte Luft , wie in einem Gewölbe , herrschte auf der Treppe und der Gallerie , was die unerfreuliche Idee ? ? ? [ 126 ] von weiten und einsamen Räumen erweckte , und es war mir lieb , als ich endlich in mein Zimmer geführt wurde , es klein und nach dem gewöhnlichen modernen Styl ausmöbliert zu finden . Als Mistreß Fairfax mir freundlich gute Nacht gewünscht und ich meine Thür verriegelt hatte , sah ich mich gemächlich um . Der unerfreuliche Eindruck , den die weite Vorhang , die dunkle und geräumige Treppe , so wie die lange und kalte Gallerie auf mich gemacht hatten , wurde durch den wohnlichern Anblick meines kleinen Zimmers verdrängt , und ich erinnerte mich , daß ich nach einem Tage körperlicher Anstrengung und ängstlicher Erwartung jetzt endlich sicher im Hafen sei . Die Dankbarkeit schwellte mein Herz ; ich kniete neben meinem Bette nieder und brachte meinen Dank dort , wo ich ihn schuldig war ; auch vergaß ich nicht , ehe ich aufstand , mir weitere Hülfe zu erflehen , so wie die Fähigkeit die Güte zu verdienen , die mir so freigebig angeboten worden , ehe ich sie verdient hatte . Mein Lager hatte in jener Nacht keine Dornen ; mein einsames Zimmer keine Furcht . Zugleich ermüdet und zufrieden , schlief ich bald fest ein : als ich erwachte , war es heller Tag . Das Zimmer erschien mir wie ein sehr hübscher kleiner Ort , als die Sonne zwischen den Fenstervorhängen von blauem Ritz hereinschien und mir die tapezierten Wände und den mit Teppichen belegten Fußboden zeige , so ungleich den bloßen Dielen und den angespritzten Kalkwänden zu Lowood , daß mein Geist bei der Ansicht sich hob . Das Aeußere übt eine große Wirkung auf die Jugend : es war mir , als beginne ein glänzender Abschnitt meines Lebens- ein Abschnitt , der seine Blumen und seine Freuden , so wie seine Dornen und seine Mühseligkeiten haben werde . Meine Fähigkeiten erwachten bei dem Wechsel der Scene , das neue Feld , welches der Hoffnung dargeboten wurde , schien ganz lebendig . Ich kann nicht genau erklären , was ich erwartete , aber es war etwas Angenehmes ; vielleicht nicht an dem Tage oder in dem Monat , sondern zu einer unbestimmten künftigen Zeit . Ich stand auf und kleidete mich mit Sorgfalt an . Freilich war ich genöthigt , einfach zu erscheinen , denn ich hatte kein Kleidungsstück , welches nicht mit der äußersten Einfachheit gemacht war ; doch war ich stets von Natur zur Zierlichkeit geneigt . Es war nicht meine Gewohnheit , unachtsam gegen die äußere Erscheinung oder unbekümmert um den Eindruck zu sein , den ich machte : im Gegentheil wünschte ich stets so gut auszusehen , wie ich konnte , und so sehr zu gefallen , als mein Mangel an Schönheit es gestattete . Ich bedauerte zuweilen , daß ich nicht schöner sei : ich wünschte zuweilen rosige Wangen , eine griechische Nase und einen kleinen Kirschenmund zu haben ; ich wünschte , meine Gestalt möchte groß , stattlich und schön entwickelt sein ; ich hielt es für ein Unglück , so klein und so blaß zu sein , und so unregelmäßige und stark gezeichnete Züge zu haben . Und warum hegte ich diese Wünsche und dieses Bedauern ? Es würde schwer zu sagen sein : ich konnte es mir selber nicht deutlich sagen ; doch ich hatte auch einen Grund , und zwar einen logischen und natürlichen Grund . Als ich aber mein Haar glatt gebürstet , mein schwarzes Kleid angelegt -- welches , quäkergleich wie es war , wenigstens das Verdienst hatte , sehr zierlich zu passen -- und einen reinen weißen Halskragen dann umgebunden , glaubte ich , anständig genug vor Mistreß Fairfax erscheinen zu können , und erwartete , daß meine neue Schülerin wenigstens nicht mit Widerwillen vor mir zurückweichen werde . Nachdem ich das Fenster meines Zimmers geöffnet und nachgesehen hatte , ob auf meinem Toilettentische auch Alles in zierlicher Ordnung sei , wagte ich mich hinaus . Ich ging durch die lange , mit Matten bedeckte Gallerie stieg die schlüpfrigen Stufen von Eichenholz hinunter , erreichte dann die Halle , blieb dort eine Minute stehen , sah einige Bilder an den Wänden an -- wovon eins einen grimmigen Mann in einem Brustharnisch , und ein anderes eine Dame mit gepudertem Haar und einem Perlenhalsband darstellte - eine messingene Lampe , die von der Decke niederhing , eine große Uhr , deren Kasten von zierlich geschnitztem Eichenholz war und von der Zeit und vom Polixen des Farbe des Ebenholzes angenommen hatte . Alles erschien mir sehr stattlich und imposant ; aber damals war ich wenig an etwas Großartiges gewöhnt . Die Hausthür , in deren oberen Hälfte sich Glasscheiben befanden , stand offen und ich überschritt die Schwelle . Es war ein schöner Herbstmorgen , die frühe Sonne schien heiter auf gebräunte Luftwälder und noch grüne Felder : dann trat ich auf den Rasenplatz hinaus , blickte auf und überschaute die Fronte des Gebäudes . Es war drei Stockwerke hoch , von beträchtlichem Umfange , obgleich nicht allzu groß : der Landsitz eines Herrn vom niedern Adel und nicht eines Lords . Die Zinnen , die das Gebäude umgaben , verlieben demselben ein malerisches Ansehen . Die graue Fronte stach gegen ein Dohlengeniste ob dessen krächzende Bewohner jetzt umherflogen , ihren Weg über den Rasenplatz und den Park nahmen , und sich einer großen Wiese niederließen , von welcher dieser durch eine verfallene Einzäunung getrennt war , und wo eine Reihe mächtiger alter Dornbäume , stark , knotig und breit wie Eichen , zugleich die Benennung des Herrenhauses erklärten . In weiterer Entfernung befanden sich Hügel , nicht so hoch wie die , welche Lowood umgaben , nicht so felsig , nicht so gleich Schranken , die von der lebendigen Welt ausschlossen , aber doch ganz stille und einsame Hügel , die Thornfield ein abgesondertes und ruhiges Ansehen verliehen , wie ich es so nahe bei der lebhaften Stadt Millcote nicht zu finden erwartet hatte . Ein kleiner Weiler , dessen Dächer sich mit den Bäumen verschmolzen , lag zerstreut an der Seite eines von diesen Hügeln ; die Kirche des Districts stand Thornfield näher , und die alte Thurmspitze blickte über eine Erhöhung zwischen dem Hause und dem Thore hinweg . Ich erfreute mich noch der ruhigen Aussicht und der angenehmen frischen Luft , horchte noch mit Entzücken auf das Krächzen der Dohlen , überschaute noch die breite , graue Fronte des Gebäudes und dachte , welch ein großer Ort es sei für eine einsame kleine Dame , wie Mistreß Fairfax , als diese selber in der Thür erschien . " Wie , schon draußen ? " sagte sie . " Ich sehe , Sie stehen gern früh auf . " Ich ging zu ihr und wurde mit einem freundlichen Kusse und einem Händedruck empfangen . " Wie gefällt Ihnen Thornfield ? " fragte sie . Ich sagte ihr , es gefalle mir sehr gut . " Ja , " sagte sie , " es ist ein hübscher Ort ; aber ich fürchte , er wird aus der Ordnung kommen , wenn es Herrn Rochester nicht einfällt , hierher zu kommen und ihn für immer zu bewohnen , oder wenigstens öfter zu besuchen ; große Häuser und schönte Besitzungen fordern die Gegenwart des Besitzers . " Herr Rochester ! " rief ich . " Wer ist das ? " " Der Besitzer von Thornfield , " antwortete sie ruhig . " Wußten Sie nicht , daß er Rochester heißt ? " Natürlich nicht -- ich hatte nie vorher von ihm gehört ; aber die alte Dame schien seine Existenz als eine allgemein bekannte Thatsache anzusehen , womit jeder instinctmäßig bekannt sein müsse . " Ich glaubte , Thornfield gehöre Ihnen , fuhr ich fort . " Mir ? welch ein Einfall , mein Kind ! mir ? Ich bin nur die Haushälterin -- die Verwalterin . Freilich bin ich von mütterlicher Seite entfernt mit den Rochesters verwandt , oder wenigstens mein verstorbener Mann war es , der die Herr Rochester trug mich in seinen Armen über eine Planke ans Land , und Sophie kam nach , und wir stiegen Alle in eine Kutsche , die uns zu einem schönen großen Hause brachte , schöner und größer , als dies , ein Hotel genannt . Dort blieben wir beinahe eine Woche : ich und Sophie gingen jeden Tag auf einem großen grünen Platze spazieren , der mit Bäumen bepflanzt war und den man den Park nannte ; und da waren außer mir noch viele Kinder , und ein Teich mit schönen Fischen , die ich mit Brodkrumen fütterte . " " Verstehen Sie sie , wenn sie so schnell spricht ? " fragte Mistreß Fairfax . Ich verstand sie sehr gut , denn ich hatte mich an die geläufige Zunge der Madame Pierrot gewöhnt . " Ich möchte wohl , Sie fragten sie nach ihren Verwandten , " fuhr die gute Dame fort : " es soll mich wundern , ob sie sich derselben erinnert . " " Adele , " fragte ich , " bei wem warst Du , als Du in jener hübschen reinlichen Stadt lebtest , von der Du gesprochen ? " " Ich war lange bei Mama ; aber sie ist zur heiligen Jungfrau gegangen . Mama unterrichtete mich im Tanzen und Singen , und ich mußte Verse hersagen . Eine große Menge Herren und Damen kamen , Mama zu besuchen , und dann tanzte ich vor ihnen , oder saß ihnen auf dem Schooß und sang ihnen Lieder : das gefiel mir . Soll ich Ihnen jetzt einmal etwas vorsingen ? " Sie hatte ihr Frühstück beendet , und da erlaubte ich ihr , eine Probe von ihren Geschicklichkeiten zu geben . Sie stieg von ihrem Stuhl , setzte sich auf mein Knie , faltete dann ehrbar ihre kleinen Hände vor sich , schüttelte ihre Locken zurück , erhob ihre Augen zur Decke und begann eine Stelle aus einer Oper zu singen . Es war der Gesang eines verlassenen Dame , die , nachdem sie die Treulosigkeit ihres Geliebten beklagt , den Stolz zu Hülfe ruft , ihrer Dienerin befiehlt , sie mit den glänzendsten Juwelen und prächtigsten Gewändern zu bekleiden , und sich entschließt , den Treulosen an dem Abend auf einem Balle zu treffen und ihm dur die Heiterkeit ihres Benehmens zu beweisen , wie wenig Eindruck seine Entfernung auf sie gemacht hat . Der Gegenstand schien mir für eine kindliche Sängerin seltsam gewählt ; aber ich glaube , der Reiz lag darin , die Töne der Liebe und Eifersucht in kindlichem Lispeln zu hören ; und ich dachte wenigstens , dies sei ein sehr schlechter Geschmack . Adele sang die Arie mit ganz hübscher Stimme und der Naivetät ihres Alters . Als sie damit zu Ende war , sprang sie von meinem Knie und sagte : " Nun , Mademoiselle , will ich Ihnen ein Gedicht vorsagen . " Nachdem sie eine Stellung angenommen , begann sie das Bündniß der Ratten , eine Fabel von la Fontaine , zu recitiren . Sie declamirte das kleine Stück mit einer Aufmerksamkeit auf die Interpunction und den Accent , mit einer Biegsamkeit der Stimme und mit so passenden Bewegungen , die in ihrem Alter sehr ungewöhnlich sind , und bewiesen , daß man sie sehr sorgfältig unterrichtet habe . " Hat Deine Mama Dir das Stück gelehrt ? " fragte ich . " Ja , und sie pflegte es gerade auf diese Weise zu sprechen : " Qu ' avez-vous donc ? lui dit un de ces rats ; parlez ! " Ich mußte meine Hand erheben -- so -- um mich zu erinnern , daß ich auch meine Stimme bei der Frage erheben müsse . Soll ich Ihnen jetzt etwas vortanzen ? " " Nein , dies ist schon hinreichend . Aber nachdem Deine Mama zur heiligen Jungfrau gegangen war , wie Du sagst ; bei wem lebtest Du da ? " " Bei Madame Frederic und ihrem Manne ; sie trug Sorge für mich , doch ist sie nicht mit mir verwandt . Ich glaube , sie ist arm , denn sie hatte kein so schönes Haus , wie Mama . Ich war nicht lange bei ihr , da fragte mich Herr Rochester , ob ich mit ihm gehen und in England leben wolle , und da sagte ich ja ; denn ich kannte Herrn Rochester eher , als ich Madame Frederic kannte , und er war immer freundlich gegen mich und gab mir hübsche Kleider und Spielfachen ; aber Sie sehen , er hat nicht Wort gehalten , denn er hat mich nach England gebracht und ist jetzt selber zurückgekehrt , und ich sehe ihn nie . " Nach den Frühstück gingen Adele und ich in das Bibliothekzimmer , welches , wie Herr Rochester angeordnet , als Schulzimmer gebraucht werden sollte . Die meisten Bücher waren hinter Glasthüren verschlossen , doch war ein Bücherschrank offen geblieben , der alle nöthigen Elementarwerke , verschiedene Gedichte , Biographien , Reisebeschreibungen und einige Romane enthielt . Vermuthlich hatte er geglaubt , das sei Alles , was eine Erzieherin zu ihrer Privatlectüre bedürfe : und in der That genügten mir die Bücher auch jetzt vollkommen , und im Vergleich zu der spärlichen Ausbeute , die ich zu Lowood hatte machen können , schienen sie mir eine reichliche Ernte der Unterhaltung und Belehrung darzubieten . In diesem Zimmer befand sich auch ein ganz neues Pianoforte von vortrefflichem Ton , eine Staffelei zum Malen und Erd- und Himmelsgloben . Ich fand meine Schülerin ziemlich gelehrig , doch nicht zum Fleiße geneigt , denn sie war an keine regelmäßige Beschäftigung irgend einer Art gewöhnt . Ich sah ein , daß es nicht vernünftig sein würde , sie gleich anfangs zu sehr zu beschäftigen ; und als ich viel mit ihr gesprochen und sie ein wenig hatte lernen müssen , erlaubte ich ihr um zwölf Uhr zu ihrer Bonne zurückzukehren . Dann bereitete ich mich vor , mich bis zur Mittagszeit damit zu beschäftigen , einige kleine Skizzen für ihren Gebrauch zu zeichnen . Als ich die Treppe hinaufging , um meine Zeichenmappe und Bleistifte zu holen , rief Mistreß Fairfax mir zu : " Ich vermuthe , Ihre Schulstunden für diesen Morgen sind beendet ? " Sie befand sich in einem Zimmer , dessen Flügelthüren offen standen , und ich ging hinein , als sie mich anredete . Es war ein großes stattliches Zimmer mit purpurfarbigen Stühlen und Vorhängen und einem türkischen Teppich . Die Wände waren mit Täfelwerk von Nußholz bekleidet , das breite Fenster mit schön gemaltem Glase geziert , die Decke hoch und mit geschmackvollen Gipszierrathen versehen . Mistreß Fairfax stäubte einige Gefäße von purpurrothem Marienglase ab , die auf einem Nebentische standen . " Welch ein schönes Zimmer ! " rief ich , als ich mich umsah , denn ich hatte noch nie ein so imposantes Gemach gesehen . " Ja , dies ist das Speisezimmer . Ich habe nur das Fenster geöffnet , um ein wenig Luft und Sonnenschein hereinzulassen , denn in Zimmern , die selten bewohnt werden , wird Alles leicht feucht , und im Gesellschaftszimmer dort herrscht eine Luft wie in einem Gewölbe . Sie deutete auf einen weiten Bogen , der dem Fenster ähnlich und mit einem dunkelrothen , jetzt aufgeschlagenen Vorhange versehen war . Ich stieg zwei breite Stufen hinauf , sah hinein und glaubte einen Feensitz zu erblicken , so glänzend erschien meinen unerfahrenen Augen diese Aussicht . Doch es war nur ein sehr hübsches Gesellschaftszimmer , und hinter demselben ein Boudoir , beide mit weißen Teppichen bedeckt , auf welchen glänzende Blumenguirlanden zu liegen schienen ; die Plafonds waren schneeweiß und mit Trauben und Weinblättern von Gips verziert , unter welchen sich in lebhaftem Contraste hochrothe Sophas und Ottomanen befanden , während die Zierrathen des Kamins von parischem Marmor und rothem böhmischen Glase waren . Die großen Spiegel zwischen den Fenstern wiederholten die allgemeine Verschmelzung von Schnee und Feuer . " In welcher guten Ordnung erhalten Sie diese Zimmer , Mistreß Fairfax ! " sagte ich . " Kein Staub , keine Decken von Leinwand ; und wenn die Luft nicht so kalt wäre , sollte man denken , sie würden täglich bewohnt . " " Nun , Miß Eyre , obgleich Herrn Rochester ' s Besuche selten sind , so sind sie doch stets plötzlich und unerwartet . Da ich bemerkt habe , daß es ihn in keine gute Stimmung versetzt , wenn Alles erst nach seiner Ankunft gereinigt und viel Geräusch gemacht wird , so hielt ich es für das Beste , die Zimmer stets in Bereitschaft zu halten . " " Ist Herr Rochester ein sehr pünktlicher und viel fordernder Mann ? " " Das nicht gerade ; aber er hat den Geschmack und die Gewohnheiten eines gebildeten Mannes und erwartet , daß Alles in Uebereinstimmung mit denselben eingerichtet werde . " " Gefällt er Ihnen ? Ist er allgemein beliebt ? " " O ja , die Familie ist hier stets geachtet gewesen . Fast alles Land in dieser Gegend , so weit Sie sehen können , hat den Rochesters seit Menschengedenken gehört . " " Nun , wenn wir seine Besitzung aus dem Spiele lassen , gefällt er Ihnen ? Ist er um seiner selbst willen beliebt ? " " Ich habe keine Ursache , daß er mir nicht gefallen sollte , und ich glaube , er wird von seinen Pächtern als ein gerechter und liberaler Gutsherr angesehen ; doch hat er nicht viel unter ihnen gelebt . " " Aber hat er keine Eigenthümlichkeiten ? Welches ist in der Kürze sein Charakter ? " " O ! sein Charakter ist ohne Vorwurf , glaube ich . Vielleicht ist er etwas eigenthümlich : er ist viel gereist und hat einen großen Theil der Welt gesehen , denke ich . Er wird auch talentvoll sein ; aber ich habe nie viel Unterredungen mit ihm gehabt . " " In welcher Art ist er eigenthümlich ? " " Ich weis es nicht -- es ist nicht leicht zu beschreiben nicht auffallend , aber man fühlt es , wenn man mit ihm redet : man ist nicht immer gewiß , ob er im Scherz oder im Ernst spricht , ob ihn etwas angenehm oder unangenehm ist ; kurz , man versteht ihn nicht vollkommen -- wenigstens ich nicht ; aber das ist von keiner Bedeutung , denn er ist bei alle dem ein sehr guter Herr . " Dies war alle Auskunft , die ich von Mistreß Fairfax über ihren und meinen Herrn zu erhalten vermochte . Es gibt Leute , die sich nicht darauf verstehen , einen Charakter zu skizziren , oder hervorstechende Punkte an Personen oder Dingen zu beobachten und zu beschreiben . Die gute Dame gehörte offenbar zu dieser Klasse ; meine Fragen waren ihr auffallend , brachten sie aber nicht in Verlegenheit . Herr Rochester war in ihren Augen Herr Rochester , ein Gentleman , ein Landbesitzer -- nichts weiter : sie fragte und suchte nicht weiter , und wunderte sich offenbar über meinen Wunsch , noch eine genauere Kenntniß von ihm zu erlangen . Als wir das Speisezimmer verließen , machte sie mir den Vorschlag , mir auch die übrigen Theile des Hauses zu zeigen , und ich folgte ihr mit Bewunderung die Treppe hinauf und hinunter , denn Alles war schön und wohl angeordnet . Die großen Vorderzimmer erschienen mir als besonders großartig , und einige Zimmer im dritten Stock , vielleicht dunkel und niedrig , waren mir wegen ihres alterthümlichen Aussehens interessant . Das Mobiliar der unteren Gemächer war , als die Mode sich geändert hatte , nach und nach hieher gebracht worden , und das unvollkommene Licht , das durch die schmalen Fenster hereinfiel , zeigte Bettgestelle , die über hundert Jahre alt waren , Schränke und Kasten von Eichen- und Nußholz , die mit ihrem seltsamen Schnitzwerk von Palmzweigen und Cherubimköpfen der jüdischen Bundeslade nachgebildet zu sein schienen ; Reihen ehrwürdiger Stühle mit hohen und schmalen Lehnen ; noch ältere Sessel , auf welchen noch die Spuren einer halbabgeriebenen Stickerei sichtbar waren , von Fingern gearbeitet , die schon seit zwei Menschenaltern im Grabe ruhten . Alle diese Reliquien verliehen dem dritten Stock von Thornfield Hall das Ansehen eines Hauses der Vergangenheit : eines Heiligthums der Erinnerung . Bei Tage gefiel mir die Stille , die düstere Zierlichkeit dieser Orte ; doch würde ich nicht gern eine Nacht in diesen breiten und schweren Betten zugebracht haben , wovon einige mit eichenen Thüren versehen , und andere mit alten gewirkten englischen Vorhängen beschattet waren , und die Bilder seltsamer Blumen , noch seltsamerer Vögel und der seltsamsten menschlichen Wesen darstellten -- dies Alles hätte bei dem bleichen Schimmer des Mondes ein geisterhaftes Ansehen annehmen müssen . " Schlafen die Diener in diesen Zimmern ? " fragte ich . " Nein , sie bewohnen eine Reihe kleinerer Zimmer nach hinten hinaus . Hier schläft nie Jemand , und man sollte fast sagen , wenn ein Geist in Thornfield Hall wäre , so würde er sich hier aufhalten . " " Das denke ich auch ; Sie haben also keinen Geist hier ? " " Keinen , wovon ich je gehört hätte , entgegnete Mistreß Fairfax lächelnd . " Auch keine Sage von einen ? keine Legenden oder Geistergeschichten ? " " Ich glaube nicht . Freilich sagt man , daß die Rochesters mehr ein stürmisches , als ein ruhiges Geschlecht zu ihrer Zeit gewesen ; doch ist das vielleicht der Grund , daß sie jetzt still in ihren Gräbern ruhen . " " Ja , nach dem glühenden Fieber des Lebens schlafen sie ruhig , flüsterte ich . " Wo gehen Sie jetzt hin , Mistreß Fairfax ? " fragte ich , als sie weiter ging . " Auf das Bleidach . Wollen Sie mit und die Aussicht von dort sehen ? " Ich folgte ihr eine sehr schmale Treppe hinauf , die auf den Boden führte , und von dort vermöge einer Leiter und durch eine Fallthür auf das Dach des Gebäudes . Ich war jetzt in gleicher Höhe mit der Dohlencolonie und konnte in ihre Nester sehen . Indem ich mich über die Zinnen lehnte und hinunterblickte , sah ich die Gegend wie eine Karte vor mir : den sammetartigen Rasen , der das graue Fundament des Hauses umgab , den Park mit seinen alten Bäumen ; den Wald von einem grün überwachsenen Wege getheilt , grüner von Moos , als die Bäume von dem Laubwerk waren ; die Kirche vor den Thoren , den Weg , die stillen Hügel , in der Sonne des Herbsttages ruhend , den Horizont von einem heiteren Himmel begrenzt , und nur hier und da mit perlenhellem Weiß marmorirt . Nichts war außerordentlich in der Scene , aber Alles war lieblich . Als ich mich von der Aussicht abwendete und wieder durch die Fallthür hinunterstieg , konnte ich kaum meinen Weg die Leiter hinunter finden . Der Hausboden schien schwarz wie ein Gewölbe im Vergleich zu dem blauen Himmelsbogen , zu dem ich aufgeblickt , und zu der sonnigen Scene von Wald und Weiden und grünen Hügeln , wovon die Halle der Mittelpunkt war , und über die ich mit Entzücken hingeschaut . Mistreß Fairfax blieb noch einen Augenblick zurück , um die Fallthür wieder zu schließen ; ich tappte umher , bis ich den Ausgang wieder fand , und stieg die schmale Treppe hinunter . Ich verweilte in dem langen Gange , der die Vorderzimmer von den hintern Zimmern des dritten Stocks trennte . Er war niedrig , schmal und düster , nur am äußersten Ende von einem kleinen Fenster erleuchtet , und glich mit den beiden Reihen kleiner schwarzer Thüren , die alle verschlossen waren , dem Corridor in dem Schlosse eines Blaubart . Während ich langsam weiterging , traf ein Lachen mein Ohr -- der letzte Ton , den ich in einer so stillen Region zu hören erwartet hatte . Es war ein seltsames , deutliches , gemessenes und freudeloses Lachen . Ich blieb stehen : der Ton verstummte auf einen Augenblick . Dann begann es wieder lauter , denn zuerst war es nur sehr leise , obgleich deutlich gewesen . Darauf ging es in ein wildes Geschrei über , welches in jedem einsamen Zimmer ein Echo zu erwecken schien , obgleich es nur ans einem hervorkam und ich die Thür desselben hätte zeigen können . " Mistreß Fairfax ! " rief ich , denn ich hörte sie jetzt die große Treppe hinuntergehen . " Hörten Sie das laute Lachen ? Wer ist es ? " " Wahrscheinlich eine von den Dienerinnen , " antwortete sie ; " vielleicht Gratia Poole . " " Hörten Sie es ? " fragte ich wieder . " Ja , ganz deutlich : ich höre sie oft . Sie näht in einem dieser Zimmer . Zuweilen ist Lea bei ihr , und sie machen viel Geräusch zusammen . " Das Lachen wurde in leisem und abgemessenen Tone wiederholt , und endete mit einem seltsamen Gemurmel . " Gratia ! " rief Mistreß Fairfax . Ich erwartete in der That nicht , daß eine Grazie antworten würde , denn das Lachen war so tragisch , so übernatürlich , wie ich nur je eins hörte . Doch es war Mittag und das seltsame Lachen von keinem weiteren geisterhaften Umstande begleitet ; weder die Scene , noch die Stunde begünstigte die Furcht , sonst hätte ich wirklich einen abergläubischen Schrecken empfunden . Aber das Ereignis zeigte mir , daß ich eine Thörin sei , deshalb auch nur Ueberraschung zu empfinden . Die mir zunächst befindliche Thür öffnete sich und eine Dienerin kam heraus , ein Frauenzimmer zwischen dreißig und , vierzig Jahren . Sie war von untersetzter Gestalt , hatte rothes Haar und ein rauhes und gewöhnliches Gesicht : eine weniger romantische , oder weniger geisterhafte Erscheinung hätte man sich kaum denken können . " Zu viel Lärm , Gratia , sagte Mistreß Fairfax . " Denke an Deine Befehle ! " Gratia verneigte sich schweigend und ging wieder hinein . " Es ist eine Person , die wir zum Nähen haben , und die Lea in der Hausarbeit unterstützen muß , fuhr die Wittwe fort ; " in einiger Hinsicht ist sie nicht ganz ohne Fehler , doch ist sie zu ihrer Arbeit immer gut genug . -- Nun sagen Sie mir doch auch , wie sind Sie diesen Morgen mit Ihrer neuen Schülerin ausgekommen ? " Hier wendete sich die Unterhaltung zu Adelen , bis wir die untere helle und heitere Region erreichten . Adele kam uns im Vorsaale entgegen gelaufen und rief : " Meine Damen , es ist servirt . Ich habe großen Hunger ! " Wir fanden das Mittagessen in dem Zimmer der Mistreß Fairfax bereit . Zwölftes Kapitel . Die Erwartung eines ruhigen und friedlichen Lebens , welches mir der gemüthliche Empfang in Thornfield Hall zu verheißen schien , wurde bei einer