Zweifel der Bote , « dachte ich und lief ohne weitere Frage die Treppe hinunter . Ich ging an dem hintern Salon oder Wohnzimmer der Lehrerinnen vorbei , dessen Thür halb geöffnet war , um in die Küche zu gehen , als jemand aus dem Zimmer gestürzt kam . » Sie ist ' s , wahrhaftig sie ist ' s ! – Überall hätte ich sie wiedererkannt ! « rief die Gestalt , die mich in meinem Laufe aufhielt und meine Hand ergriff . Ich blickte auf . Vor mir stand eine Frau , gekleidet wie eine herrschaftliche Dienerin , matronenhaft , aber dennoch jung ; sie war hübsch , schwarzes Haar , dunkle Augen , frische Gesichtsfarbe . » Nun , wer ist ' s wohl ? « fragte sie mit einem Lächeln und einer Stimme , die ich halb und halb erkannte ; » aber Miß Jane , ich hoffe doch , daß Sie mich nicht ganz vergessen haben ? « Nach einer halben Minute umarmte und küßte ich sie voll Entzücken : » Bessie ! Bessie ! Bessie ! « weiter konnte ich nichts hervorbringen ; sie hingegen lachte bald , bald weinte sie ; dann gingen wir zusammen ins Wohnzimmer . Am Kaminfeuer stand ein kleiner Bursche von ungefähr drei Jahren in schottischem Rock und Hosen . » Das ist mein kleiner Junge , « sagte Bessie schnell . » Du bist also verheiratet , Bessie ? « » Ja . Seit beinahe fünf Jahren mit Robert Leaven , dem Kutscher ; außer dem Bobby dort habe ich noch ein kleines Mädchen , das Jane getauft ist , « » Und du wohnst nicht mehr in Gateshead ? « » Ich wohne in der Pförtnerloge ; der alte Portier ist fort . « » Nun , und wie geht es allen dort ? Du mußt mir alles erzählen , Bessie ; aber nimm erst Platz ; und du , Bobby , komm zu mir und setze dich auf meinen Schoß , willst du ? « aber Bobby zog es vor , sich neben seine Mama zu stellen . » Sie sind nicht sehr groß geworden , Miß Jane , und auch nicht sehr stark , « fuhr Mrs. Leaven fort . » Vermutlich hat man Sie hier in der Schule nicht allzu gut gehalten . Miß Reed ist mindestens einen Kopf größer als Sie , und Miß Georgiana ist gewiß zweimal so breit . « » Georgiana ist wohl sehr hübsch geworden , Bessie ? « » Sehr hübsch . Im vorigen Winter ist sie mit ihrer Mama in London gewesen und dort hat jedermann sie bewundert ; ein junger Lord hat sich in sie verliebt ; aber seine Verwandten waren gegen die Heirat ; und – was glauben Sie wohl ? – er und Miß Georgiana verabredeten , miteinander davon zu laufen . Aber es kam an den Tag und sie wurden aufgehalten . Miß Reed hat die Sache entdeckt . Ich glaube , sie war neidisch . Und jetzt leben sie und ihre Schwester wie Hund und Katze miteinander ; sie zanken und streiten unaufhörlich . « » Nun , und was ist aus John Reed geworden ? « » Ach , er führt sich nicht so brav auf , wie seine Mutter es wohl wünschen könnte . Er war auf der Universität und wurde fortgejagt ; dann wollten seine Onkel , daß er Advokat werden und die Rechte studieren sollte . Aber er ist ein so leichtsinniger junger Mensch , ich glaube , daß niemals viel aus ihm werden wird . « » Wie sieht er aus ? « » Er ist sehr schlank . Einige Leute finden , daß er ein schöner junger Mann ist . Aber er hat so dicke , aufgeworfene Lippen . « » Und Mrs. Reed ? « » Die gnädige Frau sieht im Gesicht dick und wohl genug aus , aber ich glaube nicht , daß sie sich im Gemüt wohl fühlt . Mr. Johns Betragen gefällt ihr nicht – er braucht sehr , sehr viel Geld . « » Hat sie dich hergeschickt , Bessie ? « » Nein , in der That ; aber ich habe schon so lange gewünscht , Sie zu sehen , und als ich hörte , daß ein Brief von Ihnen gekommen sei , und daß Sie in eine andere Gegend des Landes gehen wollten , dachte ich mir , daß ich mich auf die Reise machen müsse , um Sie noch einmal zu sehen , bevor Sie ganz außer meinem Bereich wären . « » Und ich fürchte , Bessie , du siehst dich in deinen Erwartungen getäuscht . « Dies sagte ich wohl lachend , aber ich hatte bemerkt , daß Bessies Blicke , wenn sie auch achtungsvoll waren , in keiner Weise Bewunderung ausdrückten . » Nein , Miß Jane , das nicht gerade ; Sie sehen sehr fein aus ; Sie sehen aus wie eine Dame , und mehr habe ich eigentlich nie von Ihnen erwartet . Als Kind waren Sie auch keine Schönheit . « Ich mußte über Bessies offenherzige Antwort lächeln . Ich fühlte , daß sie treffend war , aber ich muß gestehen , daß ich doch nicht ganz unempfindlich gegen ihren Inhalt war . Mit achtzehn Jahren wünschen die meisten Menschen zu gefallen , und die Überzeugung , daß ihr Äußeres nicht geeignet ist , ihnen die Erfüllung dieses Wunsches zu verschaffen , bringt alles andere als Freudigkeit hervor . » Aber ich vermute , daß Sie sehr gelehrt sind , « fuhr Bessie , wie um mich zu trösten fort . » Was können Sie denn alles ? Können Sie Klavier spielen ? « » Ein wenig . « Im Zimmer stand ein Instrument ; Bessie ging hin und öffnete es ; dann bat sie mich , ihr ein Stück vorzuspielen . Ich gab ihr ein paar Walzer zum besten und sie war entzückt . » Die beiden Miß Reeds können nicht so gut spielen ! « sagte sie triumphierend . » Ich habe ja immer gesagt , daß Sie sie im Lernen übertreffen würden . Können Sie auch zeichnen ? « » Dort über dem Kamin hängt eine von meinen Zeichnungen . « Es war eine Landschaft in Wasserfarben , welche ich der Vorsteherin aus Dankbarkeit für ihre liebenswürdige Vermittelung bei dem Komitee geschenkt hatte , und die sie unter Glas und Rahmen hatte bringen lassen . » Aber das ist wirklich schön , Miß Jane ! Der Zeichenlehrer der Miß Reeds könnte es auch nicht schöner gemalt haben ; von den jungen Damen selbst will ich schon gar nicht reden . Denen könnte es bald jemand nachmachen . Haben Sie auch Französisch gelernt ? « » Ja , Bessie ; ich kann es lesen und auch sprechen . « » Und können Sie auch sticken und nähen ? « » Gewiß , das kann ich . « » O , Sie sind ja eine ganze Dame geworden , Miß Jane ! Das habe ich mir immer gedacht . Ihnen wird es immer gut gehen , ob Ihre Verwandten sich um Sie kümmern oder nicht . Ich wollte Sie noch um etwas befragen . – Haben Sie jemals von den Verwandten Ihres Vaters , den Eyres etwas gehört ? « » Nein , in meinem ganzen Leben nicht . « » Nun , Sie wissen ja , Mrs. Reed hat immer gesagt , daß sie arm und ganz gemein wären ; möglich , daß sie arm sind , aber ganz gewiß sind sie ebenso fein wie die Reeds selbst ; denn eines Tages vor beinahe sieben Jahren kam ein Mr. Eyre nach Gateshead und wünschte Sie zu sehen . Mrs. Reed sagte , daß Sie fünfzig Meilen weit in einer Schule seien ; er schien sehr enttäuscht , denn er konnte nicht bleiben ; er wollte auf eine Reise in ein fremdes Land gehen , und das Schiff sollte schon in zwei , drei Tagen von London abgehen . Er sah aus wie ein Gentleman , und ich glaube , daß er Ihres Vaters Bruder war . « » Nach welchem fremden Lande ging er , Bessie ? « » Nach einer Insel , die viele tausend Meilen entfernt ist , wo sie Wein machen – der Kellermeister hat mir das gesagt . « » Nach Madeira vermutlich ? « » Ja , ja , das war ' s , so hieß sie . « » Und dann ging er wieder fort ? « » Ja . Er blieb nicht viele Minuten im Hause , Mrs. Reed war sehr von oben herab mit ihm . Nachher sagte sie von ihm , er sei ein » armseliger Handelsmann « . Mein Robert glaubt , daß er ein Weinhändler war . « » Sehr wahrscheinlich , « entgegnete ich , » oder vielleicht der Commis oder der Agent eines Weinhändlers . « Noch eine ganze Stunde lang sprachen Bessie und ich von alten Zeiten , und dann war sie gezwungen , mich zu verlassen . Als ich am nächsten Morgen in Lowton auf die Postkutsche wartete , sah ich sie noch für einige Minuten wieder . Schließlich trennten wir uns vor der Thür des » Wappens von Brocklehurst « daselbst ; jede zog dann ihre Straße ; sie begab sich auf den Gipfel des Lowood-Felsens , wo der Wagen vorüber kam , der sie nach Gateshead zurückführen sollte ; ich bestieg das Gefährt , das mich in die unbekannte Gegend von Millcote brachte , einem neuen Leben und neuen Pflichten entgegen . Elftes Kapitel . Ein neues Kapitel in einem Roman ist mit einem neuen Akt in einem Schauspiel zu vergleichen ; wenn ich den Vorhang wiederum in die Höhe ziehe , lieber Leser , mußt du dir vorstellen , daß du ein Zimmer im » Georgs Wirtshaus « in Millcote siehst , mit so großblumigen Tapeten an den Wänden , wie Gasthauszimmer sie gewöhnlich aufweisen ; mit dazu passenden Teppichen , Möbeln , Nippesfiguren auf dem Kamin , Kupferstichen , einem Porträt von Georg III. , einem zweiten des Prinzen von Wales , und einer Darstellung vom Tode des General Wolfe . Und alles dies siehst du bei dem Schein einer Öllampe , welche von der Decke herabhängt , und dem eines hellen Kaminfeuers , neben welchem ich in Mantel und Hut sitze ; mein Muff und Regenschirm liegen auf dem Tische , und ich versuche , mich an der Wanne des Ofens von der Steifheit und Betäubung zu erholen , welche eine sechszehnstündige Reise in kaltem Oktoberwetter bei mir hervorgerufen hatte ; um vier Uhr Morgens hatte ich Lowton verlassen und die Stadtuhr von Millcote schlug jetzt gerade die achte Stunde . Lieber Leser , wenn es auch den Anschein hat , als ob ich mich ganz behaglich fühlte , so befindet mein Gemüt sich doch durchaus in keiner beneidenswerten Verfassung . Ich hatte gehofft , hier bei Ankunft der Postkutsche jemanden zu meinen Empfange bereit zu finden . Als ich die hölzerne Treppe hinabstieg , welche der Hausknecht zu meiner größeren Bequemlichkeit an den Wagen gestellt , blickte ich ängstlich umher , in der Erwartung , meinen Namen von irgend jemandem aussprechen zu hören und einen Wagen zu erblicken , welcher meiner harrte , um mich nach Thornfield zu bringen . Aber nichts derartiges war sichtbar , und als ich den Kellner fragte , ob jemand da gewesen , um sich nach Miß Eyre zu erkundigen , wurde meine Frage verneinend beantwortet . So blieb mir also nichts anderes übrig , als zu verlangen , daß man mir ein Privatzimmer anweise – und hier sitze ich nun , während Furcht und Zweifel aller Art meine Seele martern . Für die unerfahrene Jugend ist es ein seltsames Gefühl , sich plötzlich ganz allein in der Welt zu sehen – von allen Bekannten getrennt – ungewiß , ob sie in den Hafen , für welchen sie bestimmt ist , einlaufen kann und durch tausend Schwierigkeiten verhindert , in den sichern Port , aus welchem sie ausgelaufen , zurückzukehren . Der Reiz der Neuheit , die Freude am Abenteuerlichen versüßt dies Gefühl , das Bewußtsein der Selbständigkeit erwärmt es – aber die Empfindung der Furcht dämpft es – und kaum war eine halbe Stunde vergangen , in welcher ich noch immer allein war , so wurde das Gefühl der Furcht durchaus vorherrschend . Da fiel es mir ein , dem Kellner zu läuten , – » Ist hier in der Nähe ein Ort , welcher Thornfield heißt ? « fragte ich den Aufwärter , welcher auf mein Klingeln erschienen war . » Thornfield ? Ich weiß nicht , Madame ; ich werde mich in der Schenkstube erkundigen . « Er verschwand , kam aber augenblicklich zurück : » Ist Ihr Name Eyre , Miß ? « » Ja . « » Es wartet jemand auf Sie . « Ich sprang auf , griff nach Muff und Regenschirm und eilte in den Korridor des Gasthauses . Ein Mann stand in der offenen Thür und auf der von Laternen erhellten Straße konnte ich die Umrisse eines einspännigen Gefährts unterscheiden . » Dies ist wohl Ihr Gepäck ? « sagte der Mann in der Thür hastig , als er meiner ansichtig wurde , und zeigte auf meinen Koffer , der im Gange stand . » Ja . « Er hißte ihn auf den Wagen , welcher eine Art von Karren war , hinauf , und dann stieg ich nach . Ehe er die Thür hinter mir zuschlug , fragte ich , wie weit es bis Thornfield sei . » Eine Sache von sechs Meilen . « » Und wie lange fahren wir ? « » Vielleicht anderthalb Stunden ! « Er schloß die Wagenthür , kletterte auf seinen Sitz , und wir fuhren ab . Langsam kamen wir vorwärts , und ich hatte reichliche Muße zum Nachdenken . Ich war zufrieden , dem Endziel meiner Reise so nahe zu sein , und als ich mich in das bequeme , wenn auch durchaus nicht elegante Gefährt zurücklehnte , gab ich mich ungestört meinen Gedanken hin . » Nach der Einfachheit und der Anspruchslosigkeit des Dieners und des Wagens zu urteilen , ist Mrs. Fairfax keine sehr elegante Person ; um so besser ; ich habe nur einmal unter feinen Leuten gelebt und bei ihnen habe ich mich sehr unglücklich gefühlt . Ich möchte wissen , ob sie mit diesem kleinen Mädchen ganz allein lebt . Wenn das der Fall und sie auch nur einigermaßen liebenswürdig ist , werde ich sehr gut mit ihr fertig werden . Ich werde mein Bestes thun . Aber wie schade , daß es nicht immer genügt , sein Bestes zu thun . In Lowood allerdings faßte ich diesen Entschluß , führte ihn aus , und es gelang mir , allen zu gefallen ; aber bei Mrs. Reed erinnere ich mich , daß selbst mein Bestes immer nur Hohn und Verachtung hervorrief . Ich flehe zu Gott , daß Mrs. Fairfax keine zweite Mrs. Reed sein möge . Wenn sie es aber ist , so brauche ich nicht bei ihr zu bleiben . Kommt das Schlimmste zum Schlimmen , so kann ich ja immer noch wieder eine Annonce in den Herald rücken lassen . – Wie weit wir jetzt wohl schon auf dem Wege sein mögen ? « Ich ließ das Fenster herab und blickte hinaus . Millcote lag hinter uns ; nach der Anzahl seiner Lichter schien es ein Ort von beträchtlicher Größe , viel größer als Lowton . So weit ich es überblicken konnte , befanden wir uns jetzt auf einer Art Weide ; aber über den ganzen Distrikt lagen Häuser zerstreut ; ich fühlte , daß wir uns in Regionen befanden , welche sehr verschieden von denen Lowoods ; sie waren bevölkerter , aber weniger malerisch ; sehr belebt , aber weniger romantisch . Die Straßen waren kotig , die Nacht war nebelig ; mein Kutscher ließ sein Pferd fortwährend im Schritt gehen , und ich glaube , daß aus den anderthalb Stunden mindestens zwei wurden . Endlich wandte er sich um und sagte : » Jetzt sind wir nicht mehr weit von Thornfield . « Wieder blickte ich hinaus ; wir fuhren an einer Kirche vorüber ; ich sah den niedrigen , breiten Turm sich gegen den Himmel abzeichnen , seine Glocken verkündeten die Viertelstunde ; dann sah ich auch eine schmale Reihe von Lichtern auf einer Anhöhe ; es war ein Dorf oder ein Weiler . Nach ungefähr zehn Minuten stieg der Kutscher ab und öffnete eine Pforte ; wir fuhren hindurch und sie schlug hinter uns zu . Jetzt kamen wir langsam über den großen Fahrweg des Parks und fuhren an der langen Front eines Hauses entlang ; aus einem verhängten Bogenfenster fiel ein Lichtschein ; alle übrigen waren dunkel . Der Wagen hielt vor der Hausthür . Eine Dienerin öffnete dieselbe ; ich stieg aus und ging hinein . » Bitte , diesen Weg , Fräulein , « sagte das Mädchen , und ich folgte ihr durch eine viereckige Halle , in welche von allen Seiten Thüren mündeten . Sie führte mich in ein Zimmer , dessen doppelte Illumination durch Kerzen und Kaminfeuer mich im ersten Augenblick blendete , denn sie kontrastierte zu stark mit der Dunkelheit , an welche meine Augen sich während der letzten Stunden gewöhnt hatten . Als ich jedoch imstande war , wieder zu sehen , bot sich meinen Blicken ein gemütliches und angenehmes Bild dar . Ein hübsches , sauberes , kleines Zimmer , ein runder Tisch an einem lustig lodernden Kaminfeuer ; ein hochlehniger , altmodischer Lehnstuhl , in welchem die denkbar zierlichste , ältere Dame saß . Sie trug eine Witwenhaube , ein schwarzes Seidenkleid und eine schneeweiße Muslinschürze : gerade so wie ich mir Mrs. Fairfax vorgestellt hatte , nur weniger stattlich und viel milder und gütiger aussehend . Sie war mit Stricken beschäftigt ; eine große Katze lag schnurrend zu ihren Füßen , – kurzum , nichts fehlte , um das beau-idéal häuslichen Komforts zu vervollständigen . Eine angenehmere Introduktion für eine neue Gouvernante ließ sich kaum denken ; keine Erhabenheit , die überwältigte , keine Herablassung , die in Verlegenheit setzte . Als ich eintrat , erhob die alte Dame sich und kam mir schnell und freundlich entgegen . » Wie geht es Ihnen , meine Liebe ? Ich fürchte , daß Sie eine sehr langweilige Fahrt gehabt haben , John fährt so langsam ; es muß Ihnen aber kalt sein , kommen Sie ans Feuer . « » Mrs. Fairfax vermutlich ? « fragte ich . » Die bin ich . Bitte , nehmen Sie Platz . « Sie führte mich zu ihrem eigenen Stuhl und dort begann sie , mir meinen Shawl abzunehmen und meine Hutbänder zu lösen . Ich bat sie , sich meinetwegen nicht so viel Umstände zu machen . » O , das sind keine Umstände . Ihre eigenen Hände müssen vor Kälte ja ganz erstarrt sein . Leah , bereite ein wenig heißen Negus und streiche ein paar Butterbrote ; hier sind die Schlüssel zur Speisekammer . « Bei diesen Worten zog sie ein hausfrauliches Bund Schlüssel aus ihrer Tasche und übergab es der Dienerin . » Und jetzt rücken Sie näher an das Feuer , « fuhr sie fort . » Nicht wahr , meine Liebe , Sie haben Ihr Gepäck mitgebracht ? « » Ja wohl , Madame . « » Ich werde dafür sorgen , daß man es auf Ihr Zimmer trägt , « sagte sie und trippelte geschäftig hinaus . » Sie behandelt mich wie einen Gast , « dachte ich . » Solch einen Empfang habe ich wahrlich nicht erwartet ; ich sah nichts als Kälte und Steifheit voraus ; dies gleicht wenig den Erzählungen , die ich von der Behandlung der Gouvernanten gehört habe ; – aber ich darf nicht zu früh jubeln . « Sie kehrte zurück ; mit ihren eigenen Händen räumte sie ihren Strickstrumpfapparat und mehre Bücher vom Tische , um Platz für das Speisenbrett zu machen , welches Leah jetzt brachte , und dann reichte sie selbst mir die Erfrischungen . Ich ward ein wenig verwirrt , als ich mich in dieser Weise zum Gegenstand so zarter , ungewohnter Aufmerksamkeiten gemacht sah , und das noch obendrein von meiner Brotherrin ; da sie selbst aber garnicht zu finden schien , daß sie etwas that , was ihr nicht zukam , hielt ich es für das Beste , ihre Liebenswürdigkeit ruhig hinzunehmen . » Werde ich das Vergnügen haben , Miß Fairfax noch heute Abend zu sehen ? « fragte ich , nachdem ich von dem genossen hatte , was sie mir vorgesetzt . » Was sagten Sie , meine Liebe ? Ich bin ein wenig taub , « entgegnete die gute Dame , indem sie ihr Ohr meinem Munde näherte . Deutlicher wiederholte ich die Frage . » Miß Fairfax ? O , Sie meinen Miß Varens ! Varens ist der Name Ihrer künftigen Schülerin . « » In der That ? Dann ist sie also nicht Ihre Tochter ? « » Nein . – Ich habe keine Familie . « Eigentlich hätte ich meiner ersten Frage noch einige andere folgen lassen sollen und mich erkundigen , in welcher Weise Miß Varens denn mit ihr verwandt sei ; aber ich erinnerte mich glücklicherweise noch zu rechter Zeit , daß es nicht höflich sei , so viele Fragen zu stellen ; überdies wußte ich ja , daß ich mit der Zeit wohl alles erfahren würde . » Ich bin so froh « – fuhr sie fort , als sie sich mir gegenüber setzte und die Katze auf ihren Schoß nahm , » ich bin so froh , daß Sie gekommen sind . Jetzt wird das Leben hier mit einer Gefährtin ganz angenehm sein . Nun , es ist auch wohl zu allen Zeiten angenehm , denn Thornfield ist ein prächtiger alter Herrensitz ; während der letzten Jahre ist es allerdings ein wenig vernachlässigt worden , aber immerhin ist es ein stattlicher Ort ; aber Sie wissen wohl , selbst in dem schönsten Hause fühlt man sich zur Winterszeit unglücklich , wenn man ganz allein ist . Ich sage allein – Leah ist gewiß ein liebes Mädchen , und John und sein Weib sind anständige , brave Leute ; aber sehen Sie , es sind doch immer nur Dienstboten und man kann nicht mit ihnen wie mit seinesgleichen verkehren ; man muß sie sich immer zehn Schritte vom Leibe halten aus Furcht , seine Autorität zu verlieren . Sie können mir glauben , im letzten Winter – er war sehr strenge , wenn Sie sich erinnern können , und wenn es nicht schneite , tobte der Wind und es regnete – kam vom November bis zum Februar nicht eine lebende Seele in dies Haus , mit Ausnahme des Schlächters und des Postboten ; und ich wurde wahrhaftig ganz melancholisch , wie ich so Abend für Abend allein dasaß . Allerdings mußte Leah mir zuweilen vorlesen , aber ich fürchte , daß das arme Mädchen von dieser Aufgabe nicht sonderlich entzückt war ; sie kam sich dabei wohl wie eine Gefangene vor . Im Frühling und Sommer ging es dann natürlich besser . Sonnenschein und lange Tage machen einen so großen Unterschied . Und nun zu Anfang dieses Herbstes kam die kleine Adele Varens mit ihrer Wärterin ; ein Kind bringt sofort Leben ins Haus , und jetzt , da auch Sie hier sind , werden wir am Ende gar noch ganz lustig und vergnügt werden . « Als ich die würdige alte Dame so plaudern hörte , schlug mein Herz ihr warm entgegen ; ich zog meinen Stuhl näher an den ihren und sprach den aufrichtigen Wunsch aus , daß meine Gesellschaft sich wirklich als so angenehm für sie erweisen möge , als sie erwartete . » Heute Abend will ich Sie aber nicht lange wach halten , « sagte sie ; » es ist jetzt Schlag zwölf Uhr , und Sie sind den ganzen Tag unterwegs gewesen ; Sie müssen ja todmüde sein . Sobald Ihre Füße ordentlich erwärmt sind , will ich Ihnen Ihr Schlafzimmer zeigen . Ich habe das Gemach , welches an das meine stößt , für Sie herrichten lassen ; es ist nur ein kleines Zimmer , aber ich meinte , daß es Ihnen lieber sein würde , als eins der großen Vorderzimmer ; allerdings haben diese prächtigere Möbeln , aber sie sind so düster und einsam ; ich könnte niemals darin schlafen . « Ich dankte ihr für ihre rücksichtsvolle Wahl , und da ich mich von der langen Reise wirklich ermüdet fühlte , zeigte ich mich bereit , mich auf mein Zimmer zurückzuziehen . Sie nahm ihr Licht , und ich folgte ihr auf den Korridor hinaus . Zuerst ging sie , um sich zu überzeugen , ob die große Hausthür auch wirklich verschlossen sei ; nachdem sie den Schlüssel aus dem Schlosse gezogen , führte sie mich die Treppe hinauf . Stufen und Geländersäulen waren von Eichenholz ; das Treppenfenster war hoch und vergittert ; sowohl dieses , wie die lange Galerie , auf welche die Schlafzimmerthüren hinausgingen , sahen aus als gehörten sie zu einer Kirche und nicht zu einem Hause . Eine feuchte , dumpfige Luft wie in einem Gewölbe herrschte auf der Treppe , wie in der Galerie , – eine Luft , die den Gedanken an trostlos öde Räume und düstere Einsamkeit wachrief , – und ich war froh , als ich endlich in mein Zimmer trat und fand , daß es von kleinen Dimensionen und in gewöhnlich modernem Stil möbliert sei . Als Mrs. Fairfax mir eine herzliche Gutenacht gewünscht , und ich meine Thür sorgsam verschlossen hatte , sah ich mich mit Muße um ; der Anblick meines behaglichen , kleinen Zimmers löschte bis zu einem gewissen Grade den Eindruck aus , welchen die weite Halle , die düstere , große Treppe und jene lange , kalte Galerie auf mich gemacht hatten , und endlich kam es mir zum Bewußtsein , daß ich mich nach ein paar Tagen körperlicher Ermüdung und geistiger Erregung nun endlich in einem sicheren Hafen befinden würde . Der Impuls der Dankbarkeit schwellte mein Herz , ich knieete neben meinem Bette nieder und sandte ein inniges Dankgebet zu dem empor , dem ich Dank schuldete ; und bevor ich mich wieder erhob , vergaß ich nicht , weitere Hilfe für meinen Pfad zu erflehen , und um die Gabe zu bitten , mich der Güte wert machen zu können , welche mir in so reichem Maße zu teil wurde , bevor ich sie noch hatte verdienen können . In dieser Nacht lag ich auf keinem Dornenlager ; mein einsames Zimmer war von Ruhe und Frieden erfüllt . Zugleich müde und zufrieden , schlief ich bald und fest ein . Als ich erwachte , war es bereits heller Tag . In dem Sonnenschein , welcher durch die hellblauen Zitzfenstervorhänge fiel , erschien mir mein Zimmer so freundlich und gemütlich ; ich wurde fast mutig bei dem Anblick der tapezierten Wände und des teppichbelegten Fußbodens , welche den buntfarbigen Kalkwänden und nackten Holzböden in Lowood so unähnlich waren . Äußerlichkeiten üben einen so großen Einfluß auf die Jugend . Mir war , als müsse jetzt eine schönere Lebensära für mich anbrechen , eine Ära , welche neben ihren Dornen und Mühseligkeiten auch ihre Blüten und Freuden haben würde . All meine Seelenkräfte schienen durch die Ortsveränderung , durch das neue Feld , welches sich für meine Hoffnungen öffnete , wieder lebendig geworden . Ich könnte nicht genau definieren , was sie erwarteten , aber es war eben etwas freudiges : nicht vielleicht gerade für einen bestimmten Tag oder Monat , sondern für irgend eine unbestimmte Zeit in der Zukunft . Ich erhob mich . Mit großer Sorgfalt kleidete ich mich an . Wenn ich auch gezwungen war , einfach zu sein – ich hatte kein einziges Kleidungsstück , welches nicht in der einfachsten Weise gemacht wäre – so hatte ich doch von Natur das größte Verlangen , sauber und nett auszusehen . Es war durchaus nicht meine Gewohnheit , achtlos in Bezug auf mein Äußeres oder unbekümmert um den Eindruck zu sein , welchen ich hervorbrachte , – im Gegenteil , ich wünschte stets , so hübsch wie möglich zu sein und so sehr zu gefallen , wie mein gänzlicher Mangel an Schönheit es gestattete . Wie oft bedauerte ich , nicht hübscher zu sein ! Wie innig wünschte ich , rosige Wangen , eine gerade Nase und einen kleinen Kirschenmund zu besitzen ; ich hätte schlank und stattlich , von imposanter Figur sein mögen ; ich empfand es wie ein Unglück , so klein und bleich zu sein , so unregelmäßige , markierte Züge zu haben . Aber weshalb hatte ich diese Wünsche , dies Verlangen ? Dieses Bedauern ? Das wäre schwierig gewesen zu sagen . Damals hätte ich selbst mir keine klare Rechenschaft darüber geben können . Indessen hatte ich einen Grund , und einen logischen , natürlichen noch dazu . – Als ich jedoch mein Haar sehr sorgsam gekämmt und mein schwarzes Kleid angezogen hatte , welches trotz seiner Quäkerhaftigkeit das Verdienst hatte , aufs genauste zu passen , – als ich eine reine , weiße Halskrause umgebunden , glaubte ich sauber und respektabel genug auszusehen , um vor Mrs. Fairfax erscheinen zu können . Von meiner Schülerin hoffte ich , daß sie wenigstens nicht mit Widerwillen vor mir zurückschrecken werde . Nachdem ich das Fenster geöffnet und gesehen hatte , daß ich auf dem Toiletttische alles sauber und ordentlich zurückließ , wagte ich mich hinaus . Nachdem ich die lange , mit Teppichen bedeckte Galerie entlang gegangen war , stieg ich die glänzend blanke Eichentreppe hinunter ; dann kam ich in die Halle ; hier stand ich eine Minute still ;