- Sie sah es . » Lachen Sie nicht , Herr Pernath « , flehte sie . » Glauben Sie mir , ich weiß , daß diese Wunder wachsen werden und daß sie eines Tages - « Ich beruhigte sie : » Aber ich lache doch nicht , Mirjam ! Was denken Sie denn ! Ich bin unendlich glücklich , daß Sie nicht sind wie die andern , die hinter jeder Wirkung die gewohnte Ursache suchen und bocken , wenn ' s - wir rufen in solchen Fallen : Gott sei Dank ! - einmal anders kommt . « Sie streckte mir die Hand hin : » Und nicht wahr , Sie werden nie mehr sagen , Herr Pernath , daß Sie mir - oder uns - helfen wollen ? Jetzt , wo Sie wissen , daß Sie mir die Möglichkeit , ein Wunder zu erleben , rauben würden , wenn Sie es täten ? « Ich versprach es . Aber im Herzen machte ich einen Vorbehalt . Da ging die Tür , und Hillel trat ein . Mirjam umarmte ihn ; und er begrüßte mich . Herzlich und voll Freundschaft , aber wieder mit dem kühlen » Sie « . Auch schien etwas wie leise Müdigkeit oder Unsicherheit auf ihm zu lasten . - Oder irrte ich mich ? Vielleicht kam es nur von der Dämmerung , die in der Stube lag . » Sie sind gewiß hier , mich um Rat zu fragen « , fing er an , als Mirjam uns allein gelassen hatte , » in der Sache , die die fremde Dame betrifft - - ? « Ich wollte ihn verwundert unterbrechen , aber er fiel mir in die Rede : » Ich weiß es von dem Studenten Charousek . Ich sprach ihn auf der Gasse an , weil er mir merkwürdig verändert vorkam . Er hat mir alles erzählt . In der Überfülle seines Herzens . Auch , daß - Sie ihm Geld geschenkt haben . « Er sah mich durchdringend an und betonte jedes seiner Worte auf höchst seltsame Weise , aber ich verstand nicht , was er damit wollte : » Gewiß , es hat dadurch ein paar Tropfen Glück mehr vom Himmel geregnet - und - und in diesem - Fall hat ' s vielleicht auch nicht geschadet , aber - , « er dachte eine Weile nach , - » aber manchmal schafft man sich und anderen nur Leid damit . Gar so leicht ist das Helfen nicht , wie Sie denken , mein lieber Freund ! Da wäre es sehr , sehr einfach , die Welt zu erlösen . - Oder glauben Sie nicht ? « » Geben Sie denn nicht auch den Armen ? Oft alles , was Sie besitzen , Hillel ? « fragte ich . Er schüttelte lächelnd den Kopf : » Mir scheint , Sie sind über Nacht ein Talmudist geworden , daß Sie eine Frage wieder mit einer Frage beantworten . Da ist freilich schwer streiten . « Er hielt inne , als ob ich darauf antworten sollte , aber wiederum verstand ich nicht , worauf er eigentlich wartete . » Übrigens , um zu dem Thema zurückzukommen « , fuhr er in verändertem Tone fort , » ich glaube nicht , daß Ihrem Schützling - ich meine die Dame - augenblicklich Gefahr droht . Lassen Sie die Dinge an sich herantreten . Es heißt zwar : der kluge Mann baut vor , aber der Klügere , scheint mir , wartet ab und ist auf alles gefaßt . Vielleicht ergibt sich die Gelegenheit , daß Aaron Wassertrum mit mir zusammentrifft , aber das muß dann von ihm ausgehen , - ich tue keinen Schritt , er muß herüberkommen . Ob zu Ihnen oder zu mir , ist gleichgültig , - und dann will ich mit ihm reden . An ihm wird ' s sein , sich zu entscheiden , ob er meinen Rat befolgen will oder nicht . Ich wasche meine Hände in Unschuld . « Ich versuchte ängstlich in seinem Gesicht zu lesen . So kalt und eigentümlich drohend hatte er noch nie gesprochen . Aber hinter diesem schwarzen , tiefliegenden Auge schlief ein Abgrund . » Es ist wie eine Glaswand zwischen ihm und uns « , fielen mir Mirjams Worte ein . Ich konnte ihm nur wortlos die Hand drücken und - gehen . Er begleitete mich bis vor die Türe und , als ich die Treppe hinaufging und mich noch einmal umdrehte , sah ich , daß er stehen geblieben war und mir freundlich nachwinkte , aber wie jemand , der noch gern etwas sagen möchte und nicht kann . Angst Ich hatte die Absicht , mir Mantel und Stock zu holen und in die kleine Wirtsstube » Zum alten Ungelt « essen zu gehen , wo allabendlich Zwakh , Vrieslander und Prokop bis spät in die Nacht beisammen saßen und einander verrückte Geschichten erzählten ; aber kaum betrat ich mein Zimmer , da fiel der Vorsatz von mir ab , - wie wenn mir Hände ein Tuch oder sonst etwas , was ich am Leibe getragen , abgerissen hätten . Es lag eine Spannung in der Luft , über die ich mir keine Rechenschaft geben konnte , die aber trotzdem vorhanden war wie etwas Greifbares und sich im Verlauf weniger Sekunden derart heftig auf mich übertrug , daß ich vor Unruhe anfangs kaum wußte , was ich zuerst tun sollte : Licht anzünden , hinter mir abschließen , mich niedersetzen oder auf und ab gehen . Hatte sich jemand in meiner Abwesenheit eingeschlichen und versteckt ? War ' s die Angst eines Menschen vor dem Gesehenwerden , die mich ansteckte ? War Wassertrum vielleicht hier ? Ich griff hinter die Gardinen , öffnete den Schrank , tat einen Blick ins Nebenzimmer : - niemand . Auch die Kassette stand unverrückt an ihrem Platz . Ob es nicht am besten war , ich verbrannte die Briefe kurz entschlossen , um ein für allemal die Sorge um sie los zu sein ? Schon suchte ich nach dem Schlüssel in meiner Westentasche - aber mußte es denn jetzt geschehen ? Es blieb mir doch Zeit genug bis morgen früh . Erst Licht machen ! Ich konnte die Streichhölzer nicht finden . War die Tür abgesperrt ? - Ich ging ein paar Schritte zurück . Blieb wieder stehen . Warum mit einem Male die Angst ? Ich wollte mir Vorwürfe machen , daß ich feig sei : - die Gedanken blieben stecken . Mitten im Satz . Eine wahnwitzige Idee überfiel mich plötzlich : Rasch , rasch auf den Tisch steigen , einen Sessel packen und zu mir hinaufziehen und » dem « den Schädel damit von oben herab einschlagen , das da auf dem Boden herumkroch , - - wenn - wenn es in die Nähe kam . » Es ist doch niemand hier , « sagte ich mir laut und ärgerlich vor , » hast du dich denn je im Leben gefürchtet ? « Es half nichts . Die Luft , die ich einatmete , wurde dünn und schneidend wie Äther . Wenn ich irgend etwas gesehen hätte : das Gräßlichste , was man sich vorstellen kann , - im Nu wäre die Furcht von mir gewichen . Es kam nichts . Ich bohrte meine Augen in alle Winkel : Nichts . Überall lauter wohlbekannte Dinge : Möbel , Truhen , die Lampe , das Bild , die Wanduhr - leblose , alte , treue Freunde . Ich hoffte , sie würden sich vor meinen Blicken verändern und mir Grund geben , eine Sinnestäuschung als Ursache für das würgende Angstgefühl in mir zu finden . Auch das nicht . - Sie blieben ihrer Form starr getreu . Viel zu starr für das herrschende Halbdunkel , als daß es natürlich gewesen wäre . » Sie stehen unter demselben Zwang wie du selbst « , fühlte ich . » Sie trauen sich nicht , auch nur die leiseste Bewegung zu machen . « Warum tickt die Wanduhr nicht ? - Das Lauern ringsum trank jeden Laut . Ich rüttelte am Tisch und wunderte mich , daß ich das Geräusch hören konnte . Wenn doch wenigstens der Wind ums Haus pfiffe ! - Nicht einmal das ! Oder das Holz im Ofen aufknallen wollte : - das Feuer war erloschen . Und immerwährend dasselbe entsetzliche Lauern in der Luft - pausenlos , lückenlos , wie das Rinnen von Wasser . Dieses vergebliche Auf-dem-Sprung-stehen aller meiner Sinne ! Ich verzweifelte daran , es je überdauern zu können . - Der Raum voll Augen , die ich nicht sehen , - voll von planlos wandernden Händen , die ich nicht greifen konnte . » Es ist das Entsetzen , das sich aus sich selbst gebiert , die lähmende Schrecknis des unfaßbaren Nicht-Etwas , das keine Form hat und unserm Denken die Grenzen zerfrißt « , begriff ich dumpf . Ich stellte mich steif hin und wartete . Wartete wohl eine Viertelstunde : vielleicht ließ » es « sich verleiten und schlich von rückwärts an mich heran - und ich konnte es ertappen ? ! Mit einem Ruck fuhr ich herum : wieder nichts . Dasselbe markverzehrende » Nichts « , das nicht war und doch das Zimmer mit seinem grausigen Leben erfüllte . Wenn ich hinausliefe ? Was hinderte mich ? » Es würde mit mir gehen « , wußte ich sofort mit unabweisbarer Sicherheit . Auch , daß es mir nichts nützen könnte , wenn ich Licht machte , sah ich ein , - dennoch suchte ich so lange nach dem Feuerzeug , bis ich es gefunden hatte . Aber der Kerzendocht wollte nicht brennen und kam lang aus dem Glimmen nicht heraus : die kleine Flamme konnte nicht leben und nicht sterben , und als sie sich endlich doch ein schwindsüchtiges Dasein erkämpft hatte , blieb sie glanzlos wie gelbes , schmutziges Blech . Nein , da war die Dunkelheit noch besser . Ich löschte wieder aus und warf mich angezogen übers Bett . Zählte die Schläge meines Herzens : eins , zwei , drei - vier ... bis tausend , und immer von neuem - Stunden , Tage , Wochen , wie mir schien , bis meine Lippen trocken wurden und das Haar sich mir sträubte : keine Sekunde der Erleichterung . Auch nicht eine einzige . Ich fing an , mir Worte vorzusagen , wie sie mir gerade auf die Zunge kamen : » Prinz « , » Baum « , » Kind « , » Buch « - und sie krampfhaft zu wiederholen , bis sie plötzlich als sinnlose , schreckhafte Laute aus barbarischer Vorzeit nackt mir gegenüberstanden , und ich mit aller Kraft nachdenken mußte , in ihre Bedeutung zurückzufinden : P-r-i-n-z ? - B-u-ch ? War ich nicht schon wahnsinnig ? Oder gestorben ? - Ich tastete an mir herum . Aufstehen ! Mich in den Sessel setzen ! Ich ließ mich in den Lehnstuhl fallen . Wenn doch endlich der Tod käme ! Nur dieses blutlose , furchtbare Lauern nicht mehr fühlen ! » Ich - will - nicht - ich will - nicht ! « , schrie ich . » Hört ihr denn nicht ? ! « Kraftlos fiel ich zurück . Konnte es nicht fassen , daß ich immer noch lebte . Unfähig , irgend etwas zu denken oder zu tun , stierte ich geradeaus vor mich hin . - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - » Weshalb er mir nur die Körner so beharrlich hinreicht ? « , ebbte ein Gedanke auf mich zu , zog sich zurück und kam wieder . Zog sich zurück . Kam wieder . Langsam wurde mir endlich klar , daß ein seltsames Wesen vor mir stand - vielleicht schon , seit ich hier saß , dagestanden hatte - und mir die Hand hinstreckte : Ein graues , breitschultriges Geschöpf , in der Größe eines gedrungen gewachsenen Menschen , auf einen spiralförmig gedrehten Knotenstock aus weißem Holz gestützt . Wo der Kopf hätte sitzen müssen , konnte ich nur einen Nebelballen aus fahlem Dunst unterscheiden . Ein trüber Geruch nach Sandelholz und nassem Schiefer ging von der Erscheinung aus . Ein Gefühl vollkommenster Wehrlosigkeit raubte mir fast die Besinnung . Was ich die ganze lange Zeit an nervenzernagender Qual mitgemacht , drängte sich jetzt zu Todesschrecken zusammen und war in diesem Wesen zur Form geronnen . Mein Selbsterhaltungstrieb sagte mir , ich würde wahnsinnig werden vor Entsetzen und Furcht , wenn ich das Gesicht des Phantoms sehen könnte , - warnte mich davor , schrie es mir in die Ohren - und doch zog es mich wie ein Magnet , daß ich den Blick von dem fahlen Nebelballen nicht wenden konnte und darin forschte nach Augen , Nase und Mund . Aber so sehr ich mich auch abmühte : der Dunst blieb unbeweglich . Wohl glückte es mir , Köpfe aller Art auf den Rumpf zu setzen , doch jedesmal wußte ich , daß sie nur meiner Einbildungskraft entstammten . Sie zerrannen auch stets - fast in derselben Sekunde , in der ich sie geschaffen hatte . Nur die Form eines ägyptischen Ibiskopfs blieb noch am längsten bestehen . Die Umrisse des Phantoms schleierten schemenhaft in der Dunkelheit , zogen sich kaum merklich zusammen und dehnten sich wieder aus , wie unter langsamen Atemzügen , die die ganze Gestalt durchliefen , die einzige Bewegung , die zu bemerken war . Statt der Füße berührten Knochenstumpen den Boden , von denen das Fleisch - grau und blutleer - auf Spannenbreite zu wulstigen Rändern emporgezogen war . Regungslos hielt das Geschöpf mir seine Hand hin . Kleine Körner lagen darin . Bohnengroß , von roter Farbe und mit schwarzen Punkten am Rande . Was sollte ich damit ? ! Ich fühlte dumpf : eine ungeheure Verantwortung lag auf mir - eine Verantwortung , die weit hinausging über alles Irdische , - wenn ich jetzt nicht das Richtige tat . Zwei Wagschalen , jede belastet mit dem Gewicht des halben Weltgebäudes , schweben irgendwo im Reich der Ursachen , ahnte ich - auf welche von beiden ich ein Stäubchen warf : die sank zu Boden . Das war das furchtbare Lauern ringsum ! verstand ich . » Keinen Finger rühren ! « riet mir mein Verstand , - » und wenn der Tod in alle Ewigkeit nicht kommen sollte und mich erlösen aus dieser Qual . « - Auch dann hättest du deine Wahl getroffen : du hättest die Körner abgelehnt , raunte es in mir . Hier gibt ' s kein Zurück . Hilfe suchend blickte ich um mich , ob mir denn kein Zeichen wurde , was ich tun sollte . Nichts . Auch in mir kein Rat , kein Einfall , - alles tot , gestorben . Das Leben von Myriaden Menschen wiegt leicht wie eine Feder in diesem furchtbaren Augenblick , erkannte ich . - - Es mußte bereits tiefe Nacht sein , denn ich konnte die Wände meines Zimmers nicht mehr unterscheiden . Nebenan im Atelier stampften Schritte ; ich hörte , daß jemand Schränke rückte , Schubladen aufriß und polternd zu Boden warf , glaubte Wassertrums Stimme zu erkennen , wie er in seinem röchelnden Baß wilde Fluche ausstieß ; ich horchte nicht hin . Es war mir belanglos wie das Rascheln einer Maus . - Ich schloß die Augen : Menschliche Antlitze zogen in langen Reihen an mir vorüber . Die Lider zugedrückt - starre Totenmasken : - - mein eigenes Geschlecht , meine eigenen Vorfahren . Immer dieselbe Schädelbildung , wie auch der Typus zu wechseln schien , so stand es auf aus seinen Grüften , - mit glattem gescheiteltem Haar , gelocktem und kurz geschnittenem , mit Allongeperücken und in Ringe gezwängten Schöpfen - durch Jahrhunderte heran , bis die Züge mir bekannter und bekannter wurden und in ein letztes Gesicht zusammenflossen : - das Gesicht des Golem , mit dem die Kette meiner Ahnen abbrach . Dann löste die Finsternis mein Zimmer in einen unendlichen leeren Raum auf , in dessen Mitte ich mich auf meinem Lehnstuhl sitzen wußte , vor mir der graue Schatten wieder mit dem ausgestreckten Arm . Und als ich die Augen aufschlug , standen in zwei sich schneidenden Kreisen , die einen Achter bildeten , fremdartige Wesen um uns herum : Die des einen Kreises gehüllt in Gewänder mit violettem Schimmer , die des anderen mit rötlich schwarzem . Menschen einer fremden Rasse , von hohem , unnatürlich schmächtigem Wuchs , die Gesichter hinter leuchtenden Tüchern verborgen . Das Herzbeben in meiner Brust sagte mir , daß der Zeitpunkt der Entscheidung gekommen war . Meine Finger zuckten nach den Körnern : - und da sah ich , wie ein Zittern durch die Gestalten des rötlichen Kreises ging . - Sollte ich die Körner zurückweisen ? : Das Zittern ergriff den bläulichen Kreis ; - ich blickte den Mann ohne Kopf scharf an ; er stand da - in derselben Stellung : regungslos wie früher . Sogar sein Atem hatte aufgehört . Ich hob den Arm , wußte noch immer nicht , was ich tun sollte , und - schlug auf die ausgestreckte Hand des Phantoms , daß die Körner über den Boden hinrollten . Einen Moment , so jäh wie ein elektrischer Schlag , entglitt mir das Bewußtsein , und ich glaubte in endlose Tiefen zu stürzen , - dann stand ich fest auf den Füßen . Das graue Geschöpf war verschwunden . Ebenso die Wesen des rötlichen Kreises . Die bläulichen Gestalten hingegen hatten einen Ring um mich gebildet ; sie trugen eine Inschrift aus goldnen Hieroglyphen auf der Brust und hielten stumm - es sah aus wie ein Schwur - zwischen Zeigefinger und Daumen die roten Körner in die Hohe , die ich dem Phantom ohne Kopf aus der Hand geschlagen hatte . Ich hörte , wie draußen Hagelschauer gegen die Fenster tobten und brüllender Donner die Luft zerriß : Ein Wintergewitter in seiner ganzen besinnungslosen Wut raste über die Stadt hinweg . Vom Fluß her dröhnten durch das Heulen des Sturms in rhythmischen Intervallen die dumpfen Kanonenschüsse , die das Brechen der Eisdecke auf der Moldau verkündeten . Die Stube loderte im Licht der ununterbrochen aufeinanderfolgenden Blitze . Ich fühlte mich plötzlich so schwach , daß mir die Knie zitterten und ich mich setzen mußte . » Sei ruhig , « sagte deutlich eine Stimme neben mir , » sei ganz ruhig , es ist heute die Lelschimurim : die Nacht der Beschützung . « - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - Allmählich ließ das Unwetter nach , und der betäubende Lärm ging über in das eintönige Trommeln der Schloßen auf die Dächer . Die Mattigkeit in meinen Gliedern nahm derart zu , daß ich nur mehr mit stumpfen Sinnen und halb im Traum wahrnahm , was um mich her vorging : Jemand aus dem Kreis sagte die Worte : » Den ihr suchet , der ist nicht hier . « Die andern erwiderten etwas in einer fremden Sprache . Hierauf sagte der erste wieder leise einen Satz , darin kam der Name » Henoch « vor , aber ich verstand das übrige nicht : der Wind trug das Stöhnen der berstenden Eisschollen zu laut vom Flusse herüber . - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - Dann löste sich einer aus dem Kreis , trat vor mich hin , deutete auf die Hieroglyphen auf seiner Brust - sie waren dieselben Buchstaben wie die der übrigen - und fragte mich , ob ich sie lesen könne . Und als ich - lallend vor Müdigkeit , - verneinte , streckte er die Handfläche gegen mich aus , und die Schrift erschien leuchtend auf meiner Brust in Lettern , die zuerst lateinisch waren : CHABRAT ZEREH AUR BOCHER - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - und sich langsam in die mir unbekannten verwandelten . - - - Und ich fiel in einen tiefen , traumlosen Schlaf , wie ich ihn seit jener Nacht , in der Hillel mir die Zunge gelöst , nicht mehr gekannt hatte . - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - Trieb Wie im Fluge waren mir die Stunden der letzten Tage vergangen . Kaum , daß ich mir Zeit zu den Mahlzeiten ließ . Ein unwiderstehlicher Drang nach äußerer Tätigkeit hatte mich von früh bis abends an meinen Arbeitstisch gefesselt . Die Gemme war fertig geworden , und Mirjam hatte sich wie ein Kind darüber gefreut . Auch der Buchstabe » I « in dem Buche Ibbur war ausgebessert . Ich lehnte mich zurück und ließ ruhevoll all die kleinen Geschehnisse der heutigen Stunden an mir vorüberziehen : Wie das alte Weib , das mich bediente , am Morgen nach dem Ungewitter zu mir ins Zimmer gestürzt kam mit der Meldung , die steinerne Brücke sei in der Nacht eingestürzt . - Seltsam : - Eingestürzt ! Vielleicht gerade in der Stunde , wo ich die Körner - - - nein , nein , nicht daran denken ; es könnte einen Anstrich von Nüchternheit bekommen , was damals geschehen war , und ich hatte mir vorgenommen , es in meiner Brust begraben sein zu lassen , bis es von selbst wieder erwachte , - nur nicht daran rühren ! Wie lange war ' s her , da ging ich noch über die Brücke , sah die steinernen Statuen - und jetzt lag sie , die Brücke , die Jahrhunderte gestanden , in Trümmern . Es stimmte mich beinahe wehmütig , daß ich nie mehr meinen Fuß auf sie setzen sollte . Wenn man sie auch wieder aufbaute , war es doch nicht mehr die alte , geheimnisvolle , steinerne Brücke . Stundenlang hatte ich , während ich an der Gemme schnitt , darüber nachdenken müssen , und so selbstverständlich , als hätte ich es nie vergessen gehabt , war es lebendig in mir geworden : wie oft ich als Kind und auch in spätern Jahren zu dem Bildnis der heiligen Luitgard und all den andern , die jetzt begraben lagen in den tosenden Wassern , aufgeblickt hatte . Die vielen , kleinen lieben Dinge , die ich in meiner Jugend mein eigen genannt , hatte ich wieder gesehen im Geiste - und meinen Vater und meine Mutter und die Menge Schulkameraden . Nur an das Haus , wo ich gewohnt , konnte ich mich nicht mehr erinnern . Ich wußte , es würde plötzlich , eines Tages , wenn ich es am wenigsten erwartete , wieder vor mir stehen ; und ich freute mich darauf . Die Empfindung , daß sich mit einemmal alles natürlich und einfach in mir abwickelte , war so behaglich . Als ich vorgestern das Buch Ibbur aus der Kassette geholt hatte , - es war so gar nichts Erstaunliches daran gewesen , daß es aussah , nun , wie eben ein altes , mit wertvollen Initialen geschmücktes Pergamentbuch aussieht - schien es mir ganz selbstverständlich . Ich konnte nicht begreifen , daß es jemals gespenstisch auf mich gewirkt hatte ! Es war in hebräischer Sprache geschrieben , vollkommen unverständlich für mich . Wann wohl der Unbekannte es wieder holen kommen würde ? Die Freude am Leben , die während der Arbeit heimlich in mich eingezogen war , erwachte von neuem in ihrer ganzen erquickenden Frische und verscheuchte die Nachtgedanken , die mich hinterrücks wieder überfallen wollten . Rasch nahm ich Angelinas Bild - ich hatte die Widmung , die darunter stand , abgeschnitten - und küßte es . Es war das alles so töricht und widersinnig , aber warum nicht einmal von - Glück träumen , die glitzernde Gegenwart festhalten und sich daran freuen , wie über eine Seifenblase ? Konnte denn nicht vielleicht doch in Erfüllung gehen , was mir da die Sehnsucht meines Herzens vorgaukelte ? War es so ganz und gar unmöglich , daß ich über Nacht ein berühmter Mann wurde ? Ihr ebenbürtig , wenn auch nicht an Herkunft ? Zumindest Dr. Savioli ebenbürtig ? Ich dachte an die Gemme Mirjams : wenn mir noch andere so gelangen wie diese - kein Zweifei , selbst die ersten Künstler aller Zeiten hatten nie etwas Besseres geschaffen . Und nur einen Zufall angenommen : der Gatte Angelinas stürbe plötzlich ? Mir wurde heiß und kalt : ein winziger Zufall - und meine Hoffnung , die verwegenste Hoffnung , gewann Gestalt . An einem dünnen Faden , der stündlich reißen konnte , hing das Glück , das mir dann in den Schoß fallen müßte . War mir denn nicht schon tausendfach Wunderbareres geschehen ? Dinge , von denen die Menschheit gar nicht ahnte , daß sie überhaupt existierten ? War es kein Wunder , daß binnen weniger Wochen künstlerische Fähigkeiten in mir erwacht waren , die mich jetzt schon weit über den Durchschnitt erhoben ? Und ich stand doch erst am Anfang des Weges ! Hatte ich denn kein Anrecht auf Glück ? Ist denn Mystik gleichbedeutend mit Wunschlosigkeit ? Ich übertönte das : » Ja « in mir : - nur noch eine Stunde träumen - eine Minute - ein kurzes Menschendasein ! Und ich träumte mit offenen Augen : Die Edelsteine auf dem Tisch wuchsen und wuchsen und umgaben mich von allen Seiten mit farbigen Wasserfällen . Bäume aus Opal standen in Gruppen beisammen und strahlten die Lichtwellen des Himmels , der blau schillerte wie der Flügel eines gigantischen Tropenschmetterlings , in Funkensprühregen über unabsehbare Wiesen voll heißem Sommerduft . Mich dürstete , und ich kühlte meine Glieder in dem eisigen Gischt der Bäche , die über Felsblöcke rauschten aus schimmerndem Perlmutter . Schwüler Hauch strich über Hänge , übersät mit Blüten und Blumen , und machte mich trunken mit den Gerüchen von Jasmin , Hyazinthen , Narzissen , Seidelbast - - - Unerträglich ! Unerträglich ! Ich verlöschte das Bild . - Mich dürstete . Das waren die Qualen des Paradieses . Ich riß die Fenster auf und ließ den Tauwind an meine Stirne wehen . Es roch nach kommendem Frühling - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - Mirjam ! Ich mußte an Mirjam denken . Wie sie sich vor Erregung an der Wand hatte halten müssen , um nicht umzufallen , als sie mir erzählen gekommen , ein Wunder sei geschehen , ein wirkliches Wunder : sie habe ein Goldstück gefunden in dem Brotlaib , den der Bäcker vom Gang aus durchs Gitter ins Küchenfenster gelegt . - - - Ich griff nach meiner Börse . - Hoffentlich war es heute nicht schon zu spät , und ich kam noch zurecht , ihr wieder einen Dukaten zuzuzaubern ! Täglich hatte sie mich besucht , um mir Gesellschaft zu leisten , wie sie es nannte , dabei aber fast nicht gesprochen , so erfüllt war sie von dem » Wunder « gewesen . Bis in die tiefsten Tiefen hatte das Erlebnis sie aufgewühlt und , wenn ich mir vorstellte , wie sie manchmal plötzlich ohne äußern Grund - nur unter dem Einfluß ihrer Erinnerung - totenblaß geworden war bis in die Lippen , schwindelte mir bei dem bloßen Gedanken , ich könnte in meiner Blindheit Dinge angerichtet haben , deren Tragweite bis ins Grenzenlose ging . Und wenn ich mir die letzten , dunklen Worte Hillels ins Gedächtnis rief und in Zusammenhang damit brachte , überlief es mich eiskalt . Die Reinheit des Motivs war keine Entschuldigung für mich , - der Zweck heiligt die Mittel nicht , das sah ich ein . Und was , wenn überdies das Motiv : » helfen zu wollen « nur scheinbar » rein « war ? Hielt sich nicht vielleicht doch eine heimliche Lüge dahinter verborgen ? : der selbstgefällige , unbewußte Wunsch , in der Rolle des Helfers zu schwelgen ? Ich fing an , irre an mir selbst zu werden . Daß ich Mirjam viel zu oberflächlich beurteilt hatte , war klar . Schon als die Tochter Hillels mußte sie anders sein als andere Mädchen . Wie hatte ich nur so vermessen sein können , auf solch törichte Weise in ein Innenleben einzugreifen , das vielleicht himmelhoch über meinem eigenen stand ! Schon ihr Gesichtsschnitt , der hundertmal eher in die Zeit der sechsten ägyptischen Dynastie paßte und selbst für diese noch viel zu vergeistigt war , als in die unsrige mit ihren Verstandesmenschentypen , hätte mich warnen müssen . » Nur der ganz Dumme mißtraut dem äußern Schein « , hatte ich irgendwo einmal gelesen . - Wie richtig ! Wie richtig ! Mirjam und ich waren jetzt gute Freunde ; sollte ich ihr eingestehen , daß ich es gewesen war , der die Dukaten Tag für Tag ins Brot geschmuggelt hatte ? Der Schlag käme zu plötzlich . Würde sie betäuben . Ich durfte das nicht wagen , mußte behutsamer vorgehen . Das » Wunder « irgendwie abschwächen ? Statt das Geld ins Brot zu stecken , es auf die Treppenstufe zu legen , daß sie es finden mußte , wenn sie die Tür aufmachte , und so weiter , und so weiter ? Etwas Neues , weniger Schroffes würde sich schon ausdenken lassen , irgendein Weg , der sie aus dem Wunderbaren allmählich wieder ins