sie nicht wie eine kleine Leiche ausschaut . « Am Ende der Allee stand ein Kiosk , in dem sich eine Konditorei befand , Stühle und Tische waren davor aufgereiht . » Ich werde hier ein wenig Gefrorenes essen , « sagte Lydia , » und Sie werden mir assistieren . « » Sollte diese Situation besonders ratsam sein ? « versetzte Egloff kühl . Lydia war erstaunt . » Warum nicht ? Daß Sie zusehen , wie ich Gefrorenes esse , dagegen können die Grobiner doch nichts haben . « So setzten sie sich denn . Das Konditorfräulein trat heran , bleich und blond , einen Kneifer auf der Nase , und sagte mit einer Stimme , die in ihrer gleichgültigen Ruhe es zu unterstreichen schien , daß sie an der Situation nichts Auffallendes fand : » Erdbeeren und Vanille . « Lydia bestellte Erdbeeren . » Erdbeergefrorenes , « erzählte sie , » war von Jugend auf mein Lieblingsgefrorenes . Als kleines Mädchen , wenn es im Jahre wieder zum ersten Male Erdbeergefrorenes gab , dann schloß ich beim ersten Löffel die Augen und dachte , ich hatte ganz vergessen , daß dies das Schönste auf der ganzen Welt ist . Ich glaube , es wäre sehr gut , wenn wir alles , was uns Vergnügen macht , von einem auf das andere Mal vergessen würden , dann wäre es immer neu für uns . « Das Gefrorene kam ; Lydia schob ihren Schleier zurück , um ihre Lippen zu befreien , und begann langsam und mit Genuß zu essen . Egloff sah ihr zu , das war die Beschäftigung , die seiner trägen , zerfahrenen Stimmung gerade wohltat . Was sie nur vorhat ? dachte er dabei . Als Lydia mit dem Essen fertig war , lehnte sie sich befriedigt in ihren Stuhl zurück . Sie warf einen flüchtigen Blick zum Konditorfräulein hinüber ; dieses hatte einen Leihbibliothekenband aufgeschlagen und las . Da sagte Lydia leise : » Ich schlafe jetzt auch besser . « » Das freut mich « , erwiderte Egloff und schaute erstaunt auf . » Ja , « fuhr Lydia fort , » ich habe mir ein neues Schlafmittel erdacht . Wenn die Nacht schön ist , gehe ich so um Mitternacht mit meiner Amalie in den Garten hinaus . Ganz wie voriges Jahr schleichen wir leise durch den Wintergarten . Das erinnert mich dann so an voriges Jahr , die Heliotrop und Oleanderbüsche , an denen wir im Dunkeln vorüberkommen , und im Garten sitzen wir auf derselben Bank , auf der ich voriges Jahr saß . Ich sitze da , als ob ich warte , und wenn ich müde werde und ins Haus gehe , um mich zu Bett zu legen , dann kann ich schlafen . « Egloff hörte aufmerksam und lächelnd zu . Die naive Schlauheit dieser Frau überraschte ihn . » Fällt das im Hause nicht auf ? « fragte er . » Es fällt auf , « erwiderte Lydia ruhig , » man hat mich auch darnach gefragt , nun , ich sagte , ich habe Beängstigungen in der Nacht , und ich muß hinaus . Man ist eine Nacht auch hinausgegangen , Amalie und ich standen hinter einem Busch , als er an uns vorüberging . Aber jetzt hat man sich beruhigt . « » Der arme Junge « , murmelte Egloff . Da sprühten kleine böse Lichter in Lydias Augen auf . » Mich bedauert niemand « , sagte sie . Egloff zuckte leicht mit den Schultern , da beruhigte sich Lydia gleich wieder , sie stand auf , legte Geld auf den Tisch , zog ihren Schleier zurecht . » Jetzt muß ich gehen , « sagte sie , » ich werde bei meiner Schwiegermutter erwartet . « Sie reichte Egloff die Hand . » Ich danke Ihnen für Ihre Gesellschaft , besonders unterhaltend waren Sie nicht , aber Sie hörten mir aufmerksam zu , das erkenne ich an . « Sie sah ihm dabei mit der unverhohlenen Koketterie , die ihr eigen war , in die Augen . Als sie gegangen war , setzte Egloff sich wieder . Es tat ihm fast leid , daß sie fort war ; diese kleine Frau hatte ihn unterhalten . Wie sie stark wollen konnte ! Wie unbedenklich und eigensinnig sie festhielt ! Die Anlagen füllten sich jetzt , die Grobiner Bürger mit ihren Frauen und Töchtern machten ihren Abendspaziergang , ließen sich wohlig von der Abendsonne vergolden . Egloff saß noch da und dachte darüber nach , ob er heimfahren oder in den Klub gehen sollte . In den Klub zu gehen war natürlich töricht und widersinnig , dennoch schien es ihm wahrscheinlich , daß er da hingehen würde . Fünfzehntes Kapitel Baron Port und Gertrud machten einen Abendbesuch in Paduren . Langsam ging der Baron Port neben dem Rollstuhle des Barons Warthe hin , und die Herren sprachen von Kreiswahlen . Fastrade und Gertrud folgten ihnen . Sie begaben sich zum kleinen See unten im Park , denn es war die Gewohnheit des Barons Warthe , sobald das Wetter es erlaubte , um Sonnenuntergang dort am kleinen See zu sitzen , um zuzusehen , wie die Wildenten einfielen . Gertrud klagte über ihre Gesundheit : » Der Frühling ist mir zu stark , er regt mich auf und macht mich wieder müde , und die Erinnerungen werden um diese Zeit so laut und deutlich , ich freue mich auf den Sommer ; ich will mich um Mittagszeit ins Heidekraut legen , dort wird es dann still und heiß sein . « An einer geschützten Stelle des Seeufers waren Stühle hingestellt , und man nahm dort Platz . Der Abend war windstill ; regungslos standen die Inseln von Schachtelhalm und Röhricht im dunklen Wasser , und die Abendsonne vergoldete ihre Spitzen ; regungslos umstanden die großen Bäume den See , hie und da blühte schon eine Kastanie in ihrer weißen Feierlichkeit mitten unter den grün verschleierten Birken . Die Amseln sangen ihr Abendlied , die Fische schnalzten im Wasser , und ab und zu begann im Röhricht ein ungeduldiger Frosch zu quarren , der den Sonnenuntergang nicht abwarten mochte . Die alten Herren sprachen jetzt von Rüben , Gertrud war bei ihren Erinnerungen . Sie erzählte von einem jungen Manne in Dresden , dessen ganzes Wesen sozusagen auf den Schmerz gestimmt war und der ein Weib suchte , das ihm nicht Heiterkeit entgegenbrachte , sondern auch Schmerz , aber gesänftigt und verklärt , sozusagen getröstet . Fastrade hörte nicht zu , sie war unruhig . Dieser Besuch hielt sie davon ab , Egloff im Walde zu treffen , und sie wußte , er erwartete sie dort , sie wußte , er hatte sie heute besonders nötig . Seit jenem Abend in Sirow waren sie nicht beisammen gewesen , und sie sah immer wieder sein Gesicht vor sich mit den flackernden Augen und dem fremden Ausdrucke von Erregung und Qual . Sie sehnte sich darnach , bei ihm zu sein , Ordnung in ihm zu schaffen , » die Passion einer ordnungliebenden Dame « hatte er ihre Liebe genannt , ja , das wollte sie und sie glaubte , daß sie das auch konnte . Mit pfeifendem Flügelschlage kamen jetzt die ersten Enten heran und ließen sich klatschend in das Röhricht ein . Die beiden alten Herren sahen sich lächelnd an , und Baron Port setzte auseinander , daß es früher mehr Enten gegeben habe und daß er nicht wisse , woher das komme . » Ja , es war merkwürdig « , bemerkte der Baron Warthe , und dann saßen sie still da und warteten auf die Enten . Gertrud sprach weiter mit ihrer dünnen klagenden Stimme : » Und doch , ohne diese Erinnerungen könnte ich nicht leben . Abends , wenn ich im Saal sitze und durch die geöffnete Tür zusehe , wie es im Garten zu dämmern beginnt , dann kommen die Erinnerungen so stark , daß ich ganz vergesse , wo ich bin , und wenn der Diener kommt und die Lampe bringt und Papa ruft , damit wir Treitschke lesen , dann ist es mir , als ob ich plötzlich in einem stillen dunklen Abgrund versinke . « Die Sonne war untergegangen , sie hatte ein wenig Rot in das dunkle Metall des Wassers gemischt , und es war die klare farblose Dämmerung des Maiabends gekommen . » Du siehst wohl den Dietz Egloff häufig , nicht ? « fragte Baron Port . » Ja , « antwortete Baron Warthe , » er kommt zuweilen her , ich sehe ihn dann zum Tee , aber er gehört zu jenen jungen Leuten , die sich nicht verstehen mit alten Leuten zu unterhalten . « Fastrade hörte das , sie errötete , beugte sich vor und sagte : » Er würde es vielleicht besser verstehen , wenn er mehr ermutigt werden würde . « Der Baron Warthe machte mit der Hand eine abwehrende Bewegung . » Ich bin gegen alle meine Gäste höflich , « erklärte er , » aber meine Freundlichkeit und meine Achtung müssen erworben werden . Du , meine Tochter , hast ja ein gewisses Recht , ihn zu verteidigen . Du hast dich mit ihm verlobt , und so ist ihn zu verteidigen , sozusagen dein Beruf . « Der Baron Port lachte laut darüber , denn er hielt es für einen guten Witz seines alten Freundes . Es war bereits so finster geworden , daß die Enten nur noch wie große schwarze Schatten in das Wasser fielen , und die Frösche begannen ihr Abendlied . Gertrud erzählte langsam und verträumt weiter : » Sylvia hat auch ihre Erinnerungen und sie sagt , sie ist glücklich . Sie hat ihre Kindererinnerungen , sie weiß , wie das erste Musselinkleid mit einer Schleppe aussah , das sie zu ihrem achtzehnten Geburtstag bekam , aber mir würde das nicht mehr genügen . « » Hat Sylvia nie geliebt ? « fragte Fastrade leise . » Der älteste Teschen machte ihr eine Zeitlang den Hof , « erwiderte Gertrud , » und sie redete sich vielleicht ein , ihn zu lieben , aber es wurde nichts draus , er ist ja auch so furchtbar häßlich . « » Es wird feucht « , sagte der Baron Warthe , und man machte sich auf den Heimweg . Der niederrinnende Tau raschelte in dem Laube , ein starker , kühler Duft stieg vom Grase auf . Der Baron Port ging wieder neben dem Rollstuhl des Barons Warthe hin , und die Stimmen der alten Herren sprachen ruhig und laut in die Abendstille hinein . Sie sprachen vom Tau . » Wenn wir den starken Tau nicht hätten , « meinte Baron Port , » so wäre der Mai fast trocken . « » Ja , Ruhke meint das auch , « sagte der Baron Warthe , » aber die Wiesen stehen gut . « Die beiden Mädchen folgten schweigend . Unterdessen ging Dietz Egloff am Waldrande hin und her , schlug mit seinem Stocke die Blätter von den niederhängenden Zweigen und köpfte die Löwenzahnblüten am Wege , er war wütend , weil Fastrade ausblieb . Die Sonne ging schon unter und sie war noch nicht da . Aber so war es immer , sie sprach von Helfen und Beistehen , und jetzt , wo er sie nötig hatte wie das tägliche Brot , jetzt kam sie nicht . Im Walde wurde es dunkel , am Himmel standen schon einzelne Sterne . Es blieb ihm nichts übrig , als heimzugehen . Zu Hause verschloß er sich in seinem Zimmer , er mochte keinen sehen . Er setzte sich an seinen Schreibtisch mit dem Gefühl , daß er zu rechnen oder unangenehme Briefe zu schreiben habe . Er tat jedoch nichts , er lehnte sich in seinen Stuhl zurück und fraß seinen Grimm in sich hinein . Diese letzten Tage waren gewiß nicht darnach angetan , einem besonderen Appetit auf das Leben zu machen . Lauter Widerwärtigkeiten . Nun , und dazu verlobte man sich doch , damit in solchen Zeiten jemand da sei , der in das Leben wieder etwas Hübsches und Reines bringe . Und gerade jetzt mußte sie ausbleiben . Nach Paduren fahren wollte er nicht , er hatte keine Lust , sich mit den Mißbilligungsaugen des alten Warthe ansehen zu lassen . So brütete er vor sich hin , bis es im Hause still wurde und die Uhr elf schlug . Da klingelte er und befahl Klaus , Ali , den Rapphengst , zu satteln . Klaus wunderte sich nicht , alle im Hause waren an die nächtlichen Fahrten und Ritte des Herrn gewöhnt . Als Egloff im Sattel saß , wurde ihm wohler , Ali begann munter zu tänzeln , Egloff streichelte den blanken Hals des Tieres . Der war noch ein Kamerad , der stets gut gelaunt bei allem dabei war . Manches Abenteuer hatten sie zusammen unternommen , ja , Ali war die einzige Gesellschaft , die ihm nie Verdruß bereitet hatte . » Nun vorwärts , mein Junge « , rief Egloff , und der Hengst setzte sich in Trab . Die Wiesen , an denen sie vorüberkamen , hauchten eine köstliche Kühle aus , voller Duft , auf der Weide standen Pferde , große dunkele Gestalten , die in den weißen Nebelstreifen zu waten schienen , die über dem feuchten Klee lagen . Ali begrüßte sie mit lautem Wiehern . In einem Birkenwäldchen schütteten die Zweige den Tau wie ein Duschebad auf sie nieder , irgendwo in den Erlen sang eine Nachtigall , rief wach und erregt ihre Töne in das schlafende Land hinein . Dann ging es an kleinen Dorfgärten vorüber , aus denen es ganz süß nach blühenden Bohnen herausduftete . Auf den Türschwellen der Katen saßen Burschen und spielten Harmonika , die hellen Nächte ließen sie nicht schlafen . Plötzlich hielt Ali still , es war vor dem Kruge , Egloff lachte . » Alter Verführer , « sagte er , » gut , gut , feiern wir Erinnerungen . « Und er stieg ab . Die schwarze Lene trat aus der Tür , sie lachte Egloff mit ihrem breiten Lachen an . » Herr Baron sind wieder unterwegs « , meinte sie . » Ja , Lene , « erwiderte Egloff , » nimm Ali , er will wieder bei dir bleiben . Wer kann in diesen Nächten schlafen , dir läßt das Blut wohl auch keine Ruh ? « Lene hob die Arme empor und streckte sich . » Kurios ist ' s in so einer Nacht « , meinte sie , dann griff sie nach dem Zügel des Pferdes , um es in den Schuppen zu führen . Egloff ging langsam die Landstraße hinab , Barnewitz zu . Er wollte am Gartengitter sehen , ob Lydia wirklich auf der Bank sitzt und wartet , und dann , es war gleich , nach Hause konnte er nicht und etwas mußte in einer solchen Nacht unternommen werden . Die kleine , hintere Pforte des Parkgitters fand er wie voriges Jahr offen . Er trat ein und ging die gewohnten Wege entlang . Da war der kleine Springbrunnen mit seinem dünnen Strahle im Sandsteinbecken , die geschorenen Buchsbaumhecken mit ihrem starken , bitteren Geruch , immer , wenn er den Geruch von Buchsbaum spürte , mußte er an Lydia denken . Er bog in die große Allee ein , und wirklich , auf der Bank unter dem Fliederbusche saß sie . Als er vor sie hintrat , sprang sie auf , hing sich an seinen Hals , umschlang ihn , wie Kinder zu umschlingen pflegen , mit dem ganzen Arm , hing an ihm leicht und zitternd . » Da bist du ja , « flüsterte sie mit einem tiefen Seufzer der Erleichterung , » schon vom Tore ab hörte ich dich kommen , schon als wir herauskamen , wußte ich , daß du kommen würdest . Ich sagte zu Amalie : Heute geschieht etwas , der ganze Garten fiebert . « Egloff hielt die kleine Gestalt so an sich emporgehoben und trug sie zu der Bank , über die der Flieder seine Blüten niederneigte , wie eine weiße , duftige Gardine . Der Garten war so still , daß man deutlich das Plätschern des kleinen Springbrunnens hörte , wie eine flüsternde , eifrig erzählende Stimme . » Was auch geschieht , « sagte Lydia , als Egloff von ihr Abschied nahm , » ich sitze hier und warte . « Egloff ging denselben Weg zurück , den er gekommen war , er ging langsam und bemühte sich , dieses traumhafte Fühlen , das ihn die Zeit über beherrscht hatte , festzuhalten . » Nur nicht ganz wach werden , « sagte er sich , » nur das nicht . « Als er in den von Buchsbaum eingehegten Weg einbog , kam mit schnellen Schritten Dachhausen ihm entgegen . Die beiden Männer standen sich in der Dämmerung einen Augenblick schweigend gegenüber . Egloff überlegte , daß er etwas sagen müsse , als er hörte , wie Dachhausen ihm deutlich und zischend » Schuft ! « zurief . Dann gingen sie aneinander vorüber . Dachhausen lauschte auf die Schritte , die sich entfernten , bis er wußte , daß sie am Tore angelangt waren . Sein erstes Gefühl war das einer großen Befreiung , jetzt hatte er Klarheit , Klarheit nach allem qualvollen Zweifeln , Wachen und Spionieren . Jetzt hatte das Gespenst Fleisch und Blut angenommen , jetzt hatte er einen , an den er sich halten konnte . Fast angenehm war es , wie der Zorn ihm heiß ins Blut fuhr , es war , als mache es ihn größer und breiter . Er richtete sich gerade auf , und seine Schritte wurden hart und fest . Eilig ging er die Allee hinunter , und als er Lydia auf der Bank sitzen sah , überraschte es ihn nicht und ergriff ihn nicht . Als müsse es so sein , trat er vor sie hin , reichte ihr seinen Arm und sagte : » Komm . « Lydia erhob sich und nahm den Arm , so gingen sie schweigend dem Hause zu , stiegen die Treppe hinauf und traten durch die Glastüre in den Saal , der nur von einer einzigen Kerze erhellt wurde . Dachhausen führte Lydia zu einem Sessel , auf den sie niedersank , sie lehnte den Kopf zurück , die Arme lagen schlaff auf den Seitenlehnen des Stuhles . Diese Liebesstunde , nach der sie sich so heiß gesehnt , hatte sie gebrochen , sie begann zu weinen in ihrer stillen , unbewegten Art , nicht aus Schmerz oder Furcht , sondern wie Kinder weinen , weil sie müde sind . Dachhausen stand vor ihr und sah sie an . Wie bleich er ist , dachte Lydia , und wie es in seinem Gesichte zuckt , ob er mich schlagen wird ? Er jedoch wandte sich ab und begann im Zimmer auf und ab zu gehen . Lydia bemerkte noch , daß er seine türkischen Pantoffeln mit den auf gebogenen Spitzen an den Füßen hatte , dann schloß sie die Augen . Jetzt sprach er , anfangs leise und mühsam , Lydia verstand ihn nicht ; allmählich wurde die Stimme lauter , drohender , die Worte überstürzten sich : » Hast du dich je über mich zu beklagen gehabt ? Habe ich je einen anderen Gedanken gehabt als dich , dein Glück , deine Stellung , dein Vergnügen , deine Kleider , was weiß ich ? Und du bringst Schande über unser ganzes Haus , und mit diesem Buben von Egloff ! Das geht wohl schon lange so , jetzt ist mir alles klar , ich sah es nur nicht , weil ich an so viel Gemeinheit nicht glauben konnte . « Lydia öffnete die Augen wieder , Dachhausen ging sehr schnell vor ihr auf und ab , zuweilen fuhr er mit beiden Armen heftig durch die Luft , und neben ihm an der Wand lief sein Schatten hin und her , ein kleiner , breiter Schatten , der die Füße hoch hob , an denen die Pantoffeln mit den aufgebogenen Spitzen seltsam groß erschienen . » Und die anderen , « fuhr Dachhausen fort , » die anderen wissen es wohl schon lange , sie weisen wohl mit den Fingern auf uns . Ich habe mein Leben immer rein und einwandfrei gehalten , und nun kommst du und machst daraus eine Lächerlichkeit und eine Schande . Es ekelt mir vor meinem Leben , vor dir , vor mir , vor diesem ganzen Hause . « Er blieb stehen und stampfte mit dem Fuße auf , und hinter ihm blieb der kleine , breite Schatten stehen und stampfte auch mit dem Fuße auf . Das ist alles schrecklich und traurig , dachte Lydia , aber wenn es nur zu Ende wäre ! Was auch kommen mag , jetzt nur ein wenig Ruhe . Dachhausen hatte eine Weile geschwiegen , nun blieb er vor Lydia stehen und sagte mit einer Stimme , die plötzlich ganz ruhig tief und würdevoll klang : » Ich gebe dir einen Tag Zeit , um deine Angelegenheiten zu ordnen . Ich fahre morgen aus , ich mag dir nicht mehr begegnen . Wenn ich zurückkomme , wirst du das Haus verlassen haben , du wirst zu deiner Mutter reisen und meine Dispositionen abwarten . « Er wollte gehen , aber er wandte sich noch einmal um , in seinem Gesichte zuckte es . Wird er weinen ? dachte Lydia . » Lydia , « sagte er mit zitternder Stimme , » mußte das sein ? « Aber er schämte sich seiner Schwäche und verließ schnell das Zimmer . Lydia blieb in ihrem Sessel mit geschlossenen Augen liegen , die Stille tat ihr wohl , schon begannen ihr die Gedanken zu vergehen , da hörte sie Amaliens sanfte Stimme : » Frau Baronin müssen jetzt schlafen gehen . « » Ja , Amalie , schlafen « , sagte Lydia mit einem tiefen Seufzer der Erleichterung . Sechzehntes Kapitel Fastrade konnte nicht schlafen , sie lag in ihrem Bette und horchte hinaus auf die Töne , die in der nächtlichen Stille durch das Haus irrten , das leise Knacken der Parkette , das Schlagen der Uhren . In einem Neste am Fenstersims zwitscherten die Schwalben leise im Traume . Und die Gedanken wurden eigensinnig bohrend , wie sie es in schlaflosen Nächten zu werden pflegen . Alles , an das sie sich hängten , bekam ein drohendes und feindseliges Gesicht , das Leben schien sehr gefährlich und tückisch , und mitten in ihm stand Dietz Egloff mit seinem leichtsinnigen und hochmütigen Lächeln , und doch lauerten gerade alle Gefahr und alle Feindseligkeit auf ihn . Eine große Angst ergriff Fastrade , eine Angst , wie sie nur in dunkler Nacht und im Traume uns beschleicht und uns atemlos in unseren Kissen auffahren läßt . Gegen Morgen schlief sie ein , allein bald erwachte sie wieder von einem Ton an ihren Fensterscheiben . Sie lauschte , da war er wieder , es war ihr , als würfe jemand etwas gegen ihr Fenster . Sie sprang aus dem Bette , eilte zum Fenster und öffnete es . Es war noch vor Sonnenaufgang , der Garten jedoch war schon ganz hell , und dort vor einem Beete roter Tulpen stand eine Gestalt im grauen Mantel und grauen Schleier , Lydia Dachhausen . Fastrade verstand nicht , aber da winkte Lydia mit ihrem Sonnenschirm und begann zu sprechen . » Ja , ich bin es , o bitte , kommen Sie zu mir herunter , ich muß Sie sprechen , es ist seinetwegen . « » Gut , ich komme « , rief Fastrade hinunter . Nach den Ängsten der Nacht erschien es ihr wie selbstverständlich , daß sie Dietz Egloff meinte , und daß er in Gefahr sei . Schnell hüllte sie sich in ihren elfenbeinfarbenen Morgenrock , warf einen Schal um , ging leise durch das schlafende Haus auf die Veranda hinaus und stieg in den Garten hinunter . Lydia hatte sich auf eine Bank gesetzt , die Hände im Schoße gefaltet , den Oberkörper ein wenig vorgebeugt , starrte sie mit den Augen , die wie feuchte Edelsteine glänzten , Fastrade angstvoll entgegen . Fastrade blieb vor der Bank stehen . » Was ist geschehen ? « fragte sie leise . Lydia begann zu weinen . » Ach Gott , es ist so viel Schreckliches geschehen , « erwiderte sie , » aber das ist ja gleich , deshalb wäre ich nicht zu Ihnen gekommen , aber ihm soll nichts geschehen . Mein Mann wird ihn sicher töten , und das will ich nicht , nur das nicht ! Und Sie können ihn retten , Ihnen gehorcht er , Ihnen glaubt er , Sie kennen ja auch die schrecklichen Gesetze der Herren hier . Ich , was kann ich tun ? « Fastrade war sehr bleich geworden , und sie stützte sich mit einer Hand auf die Rücklehne der Bank . » Ihr Mann will Dietz Egloff töten , warum ? « fragte sie . Lydia rang ihre kleinen sorgsam in lichtgraue Handschuhe geknöpften Hände ineinander und sah flehend zu Fastrade auf . » Wie soll ich Ihnen all die entsetzlichen Dinge erzählen , « rief sie , » aber Fritz wird ihn sicherlich töten . Ich fahre zu meiner Mutter , mein Wagen steht dort vor dem Tore , Fritz - ja , Fritz hat mich aus dem Hause gewiesen , aber was liegt an mir . Sie werden ihm verzeihen , Sie werden ihn retten , ich will nicht , daß er um meinetwillen stirbt . Mein Gott , verstehen Sie doch ! « Fastrade hatte verstanden ; sie errötete , ihre Augen waren weit offen , eine große Qual und zugleich etwas Hartes und Gewaltsames sprach aus ihnen , die Hand auf der Rücklehne der Bank zitterte , am liebsten hätte sie dieses kleine , bleiche Puppengesicht , das zu ihr aufschaute , geschlagen . » Jetzt sind Sie böse , « klagte Lydia , » und auf mich können Sie böse sein , aber ihn müssen Sie retten , ich kann ja nichts tun . Ich glaubte , wenn ich tot wäre , dann brauchte Fritz ihn nicht zu töten . Ich habe auch ein Fläschchen Opium , aber ich kann nicht , ich kann nicht sterben , ich habe so furchtbare Angst . « Sie bedeckte ihr Gesicht mit den Händen , wiegte sich hin und her und jammerte leise vor sich hin . Fastrade war wieder ruhig geworden , sie schaute auf Lydia mit einer seltsamen Mischung von Mitleid und Ekel nieder wie auf ein kleines wimmerndes Tier , dann setzte sie sich zu ihr auf die Bank , legte ihre Hand auf Lydias ruhelose Hände und sprach zu ihr wie zu einem Kinde . » Sie brauchen nicht zu sterben , das verlangt keiner von Ihnen , Sie müssen sich jetzt beruhigen , ich kann da nicht helfen , die Männer haben ihre Gesetze , das muß getragen werden . Aber es muß ja nicht immer das Schrecklichste geschehen , und dann wird er Ihnen ja beistehen , Sie schützen , er hat ja Ihr Leben zerstört , er kann Sie nicht verlassen . « Fastrades Stimme begann zu zittern und dann zu versagen . » Glauben Sie das ? « fragte Lydia , und das bleiche Gesicht begann sich zu beleben , und es war fast ein Lächeln , das um ihre Lippen zuckte . Fastrade zog ihre Hand von Lydias Hand zurück und rückte auf der Bank ein wenig von ihr ab . Es lag so viel Widerwillen in dieser Bewegung , daß Lydia gleich wieder ein erschrockenes Gesicht machte und zu weinen begann . » Sie müssen jetzt fahren , « sagte Fastrade , » wenn Sie zu Ihrem Zuge zurechtkommen wollen . « Gehorsam stand Lydia auf . » Ja , ich will fahren , « meinte sie , » wie gut Sie sind « ; und sie beugte sich über Fastrades Hand , um sie zu küssen , Fastrade jedoch entzog sie ihr so heftig , daß Lydia befangen und eingeschüchtert einen Augenblick dastand . » Ja , dann adieu « , sagte sie leise und ging mit den kleinen , leichten Rebhuhnschritten an den Blumenbeeten entlang dem Parktore zu . Fastrade hatte sich auch von der Bank erhoben und machte einige Schritte , vor dem Tulpenbeete aber blieb sie stehen , ließ die Arme schlaff niederhängen , als fehlte ihr der Mut zu jeder Bewegung . Die Sonne ging auf , der Tau , der grau auf Rasen und Blumen gelegen hatte , sprühte Funken . In der dunklen Fassade des Schlosses leuchteten die Fenster rosenfarben auf , als beginne es hinter ihren Scheiben zu blühen , und rosenfarbenes Licht lag jetzt über dem ganzen Garten ; es beschien die weiße Gestalt am roten Tulpenbeete , das bleiche Gesicht , die lang niederhängenden , blonden Zöpfe . Mit weit offenen , tränenlosen Augen sah Fastrade in die aufgehende Sonne ; weinen konnte sie nicht , aber sie hätte schreien mögen , einen jener Schreie , wie ihn ein wild oder ein Vogel in der Waldesstille erhebt und der das ganze Land zum Zeugen seines Schmerzes aufruft . Dieser Tag erschien Fastrade sehr lang , ein Padurenscher Sommertag mit seinen kleinen Beschäftigungen , dem Sitzen neben dem Lehnsessel des Vaters , den Mahlzeiten , mit gelbem Sonnenschein in der stillen Zimmerflucht , den Gesprächen mit Tante Arabella und den Gängen durch den Garten , von dem sie , die Hände voll weißer Narzissen , heimkehrte , die in die Vasen geordnet werden sollten . Fastrade war bleich und ruhig , ein Entschluß drängte alle Gedanken und Gefühle