waren ja eigens für sie abgeschafft , und wo alle äußersten Folgen aufgehoben schienen , fielen vor den entfesselten Raub- und Mordinstinkten auch die letzten Hemmungen nieder . Wenn Tschun in den Petang kam , unterhielt er sich mit den Geflüchteten , und ein Gruseln überkam ihn bei ihren Schilderungen von den Boxern - ähnlich wie vor Jahren , als er zuerst von der alten Kaiserin hatte erzählen hören . Dasselbe Grauen empfand er , das doch zugleich auch eine unheimliche Anziehung enthielt . - Er streifte jetzt oft in der Stadt umher , in einer seltsamen Stimmung erwartungsvoller Unruhe . Und dies Gefühl nahenden Weltuntergangs , vor dem noch irgendetwas zu beginnen nicht recht lohne , schien viele erfaßt zu haben . Die Straßen waren überfüllter denn je ; um die offenen Garküchen , in den Teehäusern und Läden , überall wurde debattiert ; und alle Menschen hatten etwas Spähendes , Aufhorchendes , als erwarteten sie stündlich Nachricht von irgendeinem ungeheuerlichen Geschehen . Manchmal aber floh Tschun aus dem bedrückenden Gewühl der heißen staubigen Straßen hinauf auf die hohe breite Stadtmauer , wo die seltsamen astronomischen Bronzeinstrumente standen . Dort oben war es still nach dem Lärmen drunten und reinere Lüfte wehten . In der maßlosen Dürre des Jahres waren aber sogar die Dornensträuche und Unkräuter vertrocknet , die sonst hier zwischen den Fugen der Steine wuchsen . Ungestört konnte man da lange Stunden verbringen , um die ganze weitausgedehnte Stadt herumgehen oder , an die Brüstung gelehnt , auf sie hinabstarren und den Schicksalen nachträumen , die in tausendjähriger Geschichte , seit den Zeiten , wo hier einst ein erstes , großes Zeltlager entstand , über diesen Erdenfleck hingegangen sind . Als Tschun wieder eines Nachmittags um die Stunde des Hahns den steilen Aufstieg zur Stadtmauer hinangegangen war , erblickte er oben in der Ferne eine lange , seltsam schlotternde Gestalt , die ihm entgegenschritt . Vertraut kam ihm die Erscheinung mit dem staubfarbenen Turban schon von weitem vor . Etwas Weltfremdes , Entrücktes sprach aus der ganzen Haltung , als wandle da einer , dem alles Sichtbare nur Schein . Näher kommend erkannte Tschun den alten Einsiedler vom Tempel der tiefen Beschaulichkeit . Mit erstauntem Ruf über die unerwartete Begegnung blieb er stehen . Da hielt auch der einsam Wandelnde inne , der offenbar achtlos vorübergegangen wäre , und es war , als kehre sein Geist aus weiter Ferne zurück . » Ei , « sagte er wie ein Erwachender , der sich mühsam besinnt , » Dich sollte ich doch kennen ? Du erinnerst mich an irgend jemand , den ich früher mal gesehen haben muß - richtig , einem Knaben gleichst Du etwas , der mich einst vor Jahren in den Bergen besuchte ! « » Ja , « sagte Tschun , » ich kam einmal zu Euch , als Ihr vor Eurem Tempel saßt . « » Ja , ja , « nickte der hagere Alte , » jetzt entsinne ich mich wieder ganz genau . Aber ganz groß und erwachsen bist Du inzwischen geworden ! Nun , und jene Fremde , bei der Du damals in Dienst warst , hast Du sie verlassen ? « » Nein , heiliger Mann , ich verließ sie nicht , aber sie ist weit fortgereist , « antwortete Tschun traurig . » Nun , wenn dem so ist und Du es gut mit ihr meinst , so freue Dich dessen für sie , « sagte der Einsiedler , » denn « , fuhr er fort und wies dabei mit magerem Arme hinab auf die Stadt in der Richtung des Gesandtschaftsviertels , » über die Handvoll Menschen , die dort wohnen , wird bald ein schlimmes Unwetter niedergehen . « » Das fürchte ich auch , « sagte Tschun , » aber sie sehen es nicht . « » Sie sind blind , wie alle sein müssen , denen das kleine tägliche Tun so wichtig erscheint , daß sie das große stille Nachdenken darüber vergessen , « sagte der Inder . » Dächten sie , so müßten sie wissen , daß die , so aus Gier kommen , früh oder spät Zorn und Kampf begegnen müssen . « Er schwieg eine Weile und starrte ins Leere , als sei er allem Gegenwärtigen entrückt , so daß Tschun ihn nicht anzureden wagte . Dann setzte er hinzu : » Ich kenne die Fremden ja von meiner fernen Heimat her - dort haben vor langen Jahren ihresgleichen , die auch aus Gier gekommen und blind geworden , einmal Aehnliches erlebt , wie was diesen hier jetzt bevorsteht . « » Und wie endete es dort ? « frug Tschun angstvoll . » Ach , « antwortete der Alte kummervoll , » das ist ja gerade das Verhängnis : es endete gar nicht ; es setzte das Rad des Geschehens auf unabsehbare Zeit ins Rollen . Ganz wie es auch hier sein wird . « Und dann , Tschuns bestürzt verwirrten Ausdruck gewahrend , setzte er mit einer gleichgültigen Gebärde hinzu : » Meinst Du aber etwa nur die augenblicklichen äußeren Folgen : nun , damals blieben schließlich die Fremden Sieger - und so wird es vermutlich auch hier bei diesen gehen . « » So glaubt Ihr natürlich auch nicht an die Wunder der I ho Chüan ? « sagte Tschun erfreut über des Alten tröstliche Prophezeiung . » Ich glaube an viel größere Wunder , « antwortete der Einsiedler ernst , » und in meinem Lande könntest Du heilige Männer sehen , die , in tiefer Weltabgeschiedenheit , viel schwierigere und rätselhaftere Dinge zu vollbringen imstande sind - aber zu solchem Tun , wie diese wilden Horden hier vorhaben , leihen die Ueberirdischen nicht ihre Kräfte . « Wieder versank der Alte in träumendes Sinnen . Doch Tschun , den nach Tatsachen dürstete , frug nach einer Weile : » Aber sagt mir , heiliger Mann , wie kommt es , daß Ihr selbst jetzt bei beginnendem Sommer hier in der Stadt seid ? Ich dachte , da wärt Ihr längst draußen in Eurem Tempel ? « » Ich war auch schon hinausgezogen in die Berge , « antwortete der Alte , » aber es ist ja niemand mehr dort , der mir mein bißchen Nahrung brächte . « » Niemand mehr dort ? « wiederholte Tschun erstaunt . » Viele der Mönche und Priester haben die Tempel verlassen , « erzählte der Inder , » sie ziehen mit den Aufrührern und feuern sie an zu ihren schlimmen Taten - ach , was sind das für Zeiten , wo heilige Männer zu solch verruchten Dingen aneifern , statt einzig das Versenken in sündlose Beschaulichkeit zu lehren . « » Ja , aber die Dorfleute ? und vor allem Mahan ? « » Ach siehst Du , die sorgten für mich in den guten Jahren , wo sie genug Regen hatten , weil sie sich eingeredet hatten , den schicke ich ihnen aus den Wolken , die ja so oft mein Tempelchen oben auf der Bergspitze ganz dicht umhüllten . Aber es will ja schon lange gar nicht mehr regnen , und die Dürre dies Jahr ist schlimmer denn je zuvor . Dadurch sind viele Menschen arm geworden , und es gibt sogar solche , die ihre Kinder um ein paar Kupfermünzen verkaufen . All das Elend schieben die Leute auf die Gegenwart der Fremden im Lande . Auch gegen mich richtete sich ihr Zorn und sie begannen zu sagen , wenn meine Gebete so wenig taugten , daß ich die böse Macht der Fremden nicht zu entkräften vermöchte , dann lohne es sich auch nicht , mir noch Essen zu bringen . Da sei es schon besser , alles den I ho Chüan zu geben , die versprächen , die Fremden zu vernichten , und dann würde es auch bestimmt wieder regnen . Niemand kam mehr hinauf zu mir und ich lebte von Wurzeln , die ich ausgrub . Dann hörte ich , Mahan , mein einstmaliger kleiner Ernährer , sei fortgezogen mit den Aufrührern . Schließlich bin ich in die Stadt gewandert , ich dachte , hier würde ich eher mal eine mitleidige Seele finden , die mir etwas gäbe . Aber damit ist es spärlich bestellt , und obschon ich aus Gautamas Land bin , den sie doch hier anzubeten vorgeben , fangen sie an , mich zu vertreiben und » fremden Teufel « zu schimpfen . « Der Einsiedler sah so kümmerlich und verfallen aus , daß es Tschun dauerte , und er sagte : » Ich bete zwar nicht zu Gautama , aber solltet Ihr je in die Gegend der Stadt kommen , wo ich jetzt bei meiner Mutter wohne , so würde es mich freuen , wenn Eure ehrwürdigen Füße unsere Schwelle überschreiten wollten und ich Eurem Alter etwas Nahrung anbieten dürfte . « Er beschrieb dem Alten die Lage seines Häuschens . Dann trennten sie sich . Und während im Westen die Sonne mit blutrotem Scheine in den dichten Staubdunst sank , der über der endlosen Ebene lagerte , stieg Tschun den Weg von der Mauer hinab zu der dämmernden Stadt . Unten in den Straßen drängten sich die Menschen um die offenen Garküchen , deren brodelnde Gerichte einen scharfen Geruch von brenzligem Fett verbreiteten . Herumziehende Verkäufer boten ihre Waren mit weithin hallenden Rufen aus . Tschun aber schob sich eilend durch das Gewühl der Leute , denn er sollte noch zu Sin schen kommen . Als er eintrat , fand er die beiden Aeltesten der Familie , Lin te i und Yang hung , bei dem Vetter . Sin schen erzählte ihnen eben sehr erregt : » Die Dinge schreiten mächtig weiter . Die Peking-Paoting-fu-Bahn ist zerstört , alles dort soll brennen . Und eine Menge I ho Chüan sind schon in der Stadt . Prinz Tuan , sein Bruder der Herzog Lan und viele andere beherbergen sie in ihren Yamen . Große Scharen von ihnen sind aber auch draußen beim Sommerpalast versammelt , wo die Kaiserin jetzt weilt . General Tung fu hsiang , der dort in der Gegend mit seinen wilden Kansutruppen steht und den Sommerpalast bewacht , hat sich offen für die Bewegung erklärt , heute will er der göttlichen Mutter draußen eine Vorstellung durch die I ho Chüan geben lassen , damit sie sich endlich von der Wahrheit ihrer Wunder überzeuge . Li lien ying ist auch hinaus , um es zu sehen . « » Oh , wer das auch könnte ! « riefen die Alten . Sin schen antwortete : » Zur Kaiserin kann ich Euch freilich keinen Eintritt verschaffen , aber das gleiche Schauspiel wie sie könntet Ihr haben . Hier in der Stadt üben die I ho Chüan ja auch , und ich habe die Erlaubnis , heute abend zu einer Vorstellung in eines der Yamen zu kommen und Freunde zum Zuschauen mitzubringen . « Und dann wandte er sich an Tschun : » Dich habe ich eigentlich deswegen rufen lassen , damit Du es siehst und Dich davon überzeugst , daß es mächtigere Geister gibt wie diesen Gott der Fremden , der nichts Besseres vermochte , als sich kreuzigen zu lassen . Es täte mir leid um Dich , wenn Du bei dem kommenden Kampf auf seiner Seite ständest , denn er wird seinen Anhängern nicht gerade viel helfen können . « - Den beiden Alten glänzten die Augen vor Erregung ; sie waren sofort bereit , das wunderbare Schauspiel zu besuchen . Auch Tschun entschloß sich , mitzukommen . Die unheimliche Anziehung war doch größer als das Grauen . Ein Maultierkarren wurde herangeholt , und so fuhren sie schnell davon . Im Hof des Yamen harrte schon eine große Menschenmenge , und all diese Gesichter hatten denselben gespannten Ausdruck . Es waren allerhand hohe Beamte darunter , und Tschun glaubte , etliche wiederzuerkennen , die er im Sommerpalast gesehen . Daneben gab es auch manche verwahrlost aussehende Gestalten . Leute , die , in der Erwartung des Zusammenbruchs aller Dinge , die Arbeit aufgegeben hatten und dadurch offenbar schon sehr herabgekommen waren . Aus den kleinen tückischen Augen aller aber glänzte dieselbe täglich befriedigte und täglich zunehmende Gier nach sich stets steigernden Sensationen . Eine erhöhte Estrade war in dem weiten Hof errichtet . Ein kleiner Altar erhob sich in der Mitte . Räuchergefäße standen darauf und Götzenbilder . An beiden Seiten der Estrade befanden sich die Sitze der besonders bevorzugten Gäste . Die wurden nun hingeleitet . Man stellte rote Laternen auf , denn es fing an zu dunkeln . Tschun mußte plötzlich an die Nacht denken , die er einst im Hof des Sommerpalastes zugebracht hatte . Es war dieselbe schwüle , erwartungsvolle Stimmung . Nur daß damals die Angst vorgeherrscht hatte , während heute eine grausame Gier von all den Menschen ausströmte . Tschun vernahm abgerissene Sätze aus den Gesprächen der immer zahlreicher werdenden Zuschauer . Es waren Beschuldigungen gegen die Fremden , Aufforderungen , an ihnen Rache zu nehmen . Und es wollte ihm dabei scheinen , als schöben sich immerwährend Leute durch die Menge , deren Aufgabe es war , sie noch aufzuhetzen , Männer , die nach Bonzen und Schriftgelehrten aussahen . » Man hätte den fremden Teufeln nie gestatten sollen , sich bei uns niederzulassen . « » Sicher nicht , das war ein großer Fehler . « Wir waren eben viel zu nachsichtig gegen sie , und sie haben diese Nachsicht für Schwäche gehalten und haben sie mißbraucht . « » Und den ärgsten Fehler hat der Kaiser Kangschi begangen , als er ihnen erlaubte , ihre Religion bei uns zu verbreiten . « Wir brauchen sie nicht , diese Barbaren , die die Lehren unserer Weisen nicht kennen und unsere Sitten mißachten . « » Täglich haben sie uns durch ihr ungeschlachtes Wesen verletzt , keine Zeremonie beobachten sie . « » Und dabei bilden sie sich noch ein , alles besser zu wissen ! « » Aber zaubern , das können sie doch ! « » Ja , das Wetter haben sie behext ! « » Sie sind schuld an allem Uebel , das uns seit langem befällt . « » Ja , unsere Götter zürnen , daß wir sie dulden . « » Wenn wir sie vertreiben , wird alles wieder gut werden . « » Und jetzt können wir ' s , jetzt sind wir stärker als sie ! « » Jetzt haben wir die I ho Chüan ! Ihr Zauber ist mächtiger als der der Fremden , die sollen sie ins Meer werfen ! « » Oder besser , gleich verbrennen . « » Brennen , brennen , das ist am sichersten . « » Und nicht nur sie , vor allem auch die Teufel zweiten Grades ! « » Alle , die zu ihnen halten ! « » Alle , alle ! « » Töten ! Töten ! « Doch jetzt öffneten sich die Tore einer großen Halle , die im Hintergrund den Abschluß des Hofes bildete . Man sah , daß es drinnen von Menschen wimmelte . » Da sind sie ! Da kommen die I ho Chüan ! « ging es durch die Menge . Was aber zuerst aus der Halle strömte , erschien Tschun nicht sonderlich beängstigend . Eine Schar halbwüchsiger Knaben war es . In rhythmischer Gangweise schritten sie heran , mit seltsam verschränkten Armen , künstlich verrenkte Stellungen einnehmend , die sie wie ausgeschnittene Silhouettenbilder immer im Profil erscheinen ließen . Und wieder mußte Tschun an den Sommerpalast denken und an die Bewegungen der jugendlichen Bogenschützen des Kriegsgottes , unter denen auch er dort im Theater mitgewirkt hatte . Zuerst war es nur ein allgemeiner Eindruck , eine verschwommene Erinnerung , aber wie die Knaben nun näher herankamen , um durch die Menge zur Estrade zu gelangen , blieben Tschuns Augen wie gebannt auf einem von ihnen haften . Ja , er täuschte sich nicht - das war er wirklich ! Der kleine Mahan von damals ! Länger in die Höhe geschossen , magerer und unkindlicher geworden , aber doch Mahan ! Als er ihm ganz nahe gekommen , versuchte Tschun ihm ein Zeichen zu machen . Aber Mahan erwiderte es nicht , hatte es wohl gar nicht gesehen . Sah er überhaupt , sahen seine Gefährten etwas von dem , was nicht sie selbst war ? Tschun beobachtete sie jetzt genauer ; bei jedem Schritt warfen sie die Oberkörper herum , als seien sie von den Hüften ganz losgelöst . Das hatte etwas Gewaltsames , Krampfhaftes . Und krampfhaft gezogen waren auch die Gesichter , mit den ganz stieren Augen , die nichts zu sehen schienen . Nur die Lippen bewegten sich unablässig in einem beständigen eintönigen Murmeln . Auf den Stirnen standen ihnen große Tropfen . Die Menge , die jetzt ganz lautlos geworden , starrte ihnen nach . » Das sind Geister , « hörte Tschun dicht neben sich einen derer murmeln , die sich beständig durch die Reihen schoben . » Sie bahnen den I ho Chüan den Weg ! Sie wissen , ohne zu sehen , wo große Teufel und Teufel zweiten Grades sich verbergen ! Zu ihren Häusern werden sie durch tiefste Nacht die I ho Chüan führen ! Sie werden die Stellen bezeichnen , wo die Feuer entzündet werden müssen ! « Blutrot wehte es jetzt über den Häuptern der Menge durch die Luft . Das waren die I-ho-Chüan-Banner mit ihren berüchtigten Sprüchen . Dräuend , im tiefsten Schwarz , standen die riesigen Schriftzeichen gegen das flammende Rot . Und dann kamen sie selbst , die Unverwundbaren ! Ganz wie Tschun es nun schon oft hatte beschreiben hören , waren sie gekleidet ; mit roten Gürteln über losen schwarzen Jacken und roten Tüchern um die Köpfe gewickelt . Und wilde Gesichter blickten unter diesen feurigen Umrahmungen hervor , und bei manchen war dieser Ausdruck des Grausigen noch erhöht durch dicke Farbenstriche . So erinnerten sie Tschun an die Bilder phantastischer Raubtiere , mit denen Umfassungsmauern bemalt werden , um böse Geister durch noch Böseres zu verscheuchen . Eine unheimlich gefährliche Rotte bildeten die schaurigen Gestalten , obschon sie als Waffen nur große Messer , Knüppel und einige veraltete Büchsen bei sich führten . Unheimlich durch den grausam-stieren Ausdruck ihrer teuflisch verzerrten Gesichter , gefährlich durch den dem Irrsinn so nahe verwandten fanatischen Glauben an sich selbst . Dumpfe Gongschläge dröhnten , als sie auf der Estrade anlangten . Räucherkerzen glommen und vermischten schwelend ihren benebelnden Duft mit dem Geruch von Staub , Fett , Knoblauch und heißen Menschenleibern , der über dem dichtgefüllten Hof , ja über der ganzen Stadt in beklemmender Dunstschicht lagerte . Und nun warfen sich die I ho Chüan vor dem Altar nieder , dreimal den Boden mit den rotumwundenen Köpfen berührend . Dann sprangen sie auf , und man hörte sie mit rauhen Stimmen ihre Beschwörungsformeln rufen . Tschun horchte angestrengt ; er unterschied einzelne Worte : » A Mi T ' o Fo , ich lade Dich ein ! Heilige Mutter der drei Genien ! Ehrwürdiger Weiser des südlichen Meeres ! Genius der Pfirsichblüten ! General Schildkröte , General Schlange , General mit der diamantenen Krone und Ihr achthundert höchste Geister ! Ihr Millionen Gespenstersoldaten , die Ihr könnt die Hiebe aufhalten und sie könnt versetzen , kommt herbei in Eile , mein Leben zu schützen ! Macht , daß die Wirkung des Zaubers meinen Leib unversehrt bewahre . « Sie wollten noch weiter reden , aber in der Menge entstand ein ungeduldiges Murmeln : » Die Proben ! Die Proben ! « Nun traten einige der Sektierer dicht an den Rand der Estrade , entblößten die mageren Oberkörper , ergriffen bereitliegende Steine und begannen sich damit heftig zu schlagen . Doch das genügte den Schaulustigen nicht , man kannte ja auch die scheinbar wuchtigen , in Wahrheit milden Streiche , die durch Bestechung von den Henkern zu erlangen sind . Ein Rest von Zweifel regte sich noch . » Die Schießprobe , die Schießprobe ! « tönte es gierig . Da schleppte oben ein Krieger eine der alten Flinten herbei , schüttete Pulver in den Lauf , stampfte Baumwolle hinein , dann ließ er alte Nägel und Stücke Blei folgen . Und mit der so geladenen Büchse führte er einen Tanz wilder Sprünge auf , sie heftig hin und her schwingend , während die Entblößten laut schreiend ihre Beschwörungen ausstießen : » Eiserne Götter kommt aus dem eisernen Tempel , der eisernen Höhle ! Gebt eiserne Kleider , eisernen Schutz , daß Eisen meinen Leib nicht zerstören könne . Kommt schnell ! schnell ! schnell ! « Und wie die oben , brüllten nun die Zuschauer unten : » Schnell ! Schnell ! Schießen ! Schießen ! « Sie waren in einen solchen Taumel erwartungsvoller Erregung geraten , daß sie nichts mehr richtig sahen , auch nicht gesehen hatten , daß während der wilden Sprünge des Schützen , bei dem heftigen Schwingen der nach unten gehaltenen Flinte , die durch keine Baumwolle festgestopften Nägel und Bleistücke wieder aus dem Lauf herausgefallen waren . Denn der Zauber war sicherlich gut , aber Vorsicht doch noch besser . Auch Tschun hatte es nicht gesehen . Atemlos starrte er hinauf , wie der Schütze nun auf einen der von den Geistern Gefeiten zuschritt und die Flinte auf ein paar Fuß Entfernung gegen seinen nackten Leib richtete . Mit mächtigem Knall ging der Schuß los . Rauch erfüllte die Bühne . Das Wunder war geschehen . Unversehrt stand der Geisterschützling . Unten verharrten sie zuerst in starrem Schweigen ; dann lief es durch die Menge wie ein Brausen : » Es ist wahr ! « » Es ist wirklich wahr . « Durch die Reihen aber schoben sich die Emissäre und murmelten : » Kein Zweifel , sie sind unverwundbar ! Niemand vermag ihnen zu widerstehen ! Sie können uns von den Fremden befreien , die unser Land stückweise fressen . Sie werden die Barbaren sicher vernichten ! Dann wird der Regen wieder fallen ! Und es kommen gute Zeiten ! Ihr werdet alle reich ! « Und dabei verteilten sie gelbe Zettel mit seltsamen Zeichen : » Das sind starke Zauber ! Tragt sie bei Euch ! Sie schützen ! « Auch Tschun hatte solch einen Talisman erwischt . Bei frühestem Morgengrauen , zur Stunde des Tigers , lief Tschun am nächsten Tag in den Petang . Er hatte die Nacht schlaflos verbracht , und die teuflischen Fratzen , die er abends zuvor gesehen , umtanzten ihn grinsend all die langsam schleichenden Stunden , durch die Finsternis ins Ungeheuerliche gesteigert . Jetzt empfand er es als unabweisliche Pflicht , seine kleine Stimme warnend zu erheben , obschon er sich sagte , daß es sein würde wie leises Säuseln gegen des Sturmwinds Brausen . Der alte Bischof ließ ihn gleich vor , hörte seinem Bericht aufmerksam zu und nickte bisweilen zustimmend . » Deine Erzählung bestätigt , was ich von anderer Seite bereits vernommen , « sagte er zum Schluß . » Die Boxer sind die tatsächlichen Herren des Landes , und wenn auch die Kaiserin ihnen jetzt noch wehren wollte , so würde nur ihre und Kwang Hsüs Vernichtung die Folge sein , und Tuans Sohn , der Ta a ko , würde sofort zum Kaiser proklamiert . Wie die Chinesen selbst über die Aussichten denken , beweist , daß einer meiner chinesischen Freunde , der mich bisher oft besuchte , mich bitten ließ , ihn zu entschuldigen , wenn er in nächster Zeit nicht mehr käme , denn Vernichtung bedrohe alle , die mit Fremden verkehrten . Ein anderer schrieb mir , es bestände bei den I ho Chüan der Plan , alle Fremden zu vertreiben , um dann die ihnen abgetretenen chinesischen Gebiete zurückzuerobern . Er nennt die höchsten Würdenträger als Führer der Bewegung , und an ihrer Spitze den Prinzen Tuan . Ja sogar unseren Nonnen ist durch eine hochgestellte heidnische Chinesin , die sich für ihre Stickereiarbeiten interessiert , die geheime Warnung zugegangen , sie möchten fliehen , solange es noch Zeit sei , denn die Niedermetzelung aller Fremden stehe unmittelbar bevor . « Und dann setzte der Bischof hinzu : » Bisher ist es mir nicht gelungen , die Gesandtschaften von der Dringlichkeit der Gefahr zu überzeugen , aber ich will es sofort noch einmal versuchen . Um diplomatische Noten kann es sich jetzt freilich nicht mehr handeln , sondern darum , Vorbereitungen für den Angriff zu treffen , den ich persönlich für unausbleiblich halte . Die Gesandten müssen sich entschließen , Schutztruppen von den Geschwadern zu verlangen . « Und endlich mußte des Bischofs Stimme oder eigene verspätete Einsicht gewirkt haben . Endlich entschlossen sich die Verblendeten , die bisher des Daseins Aufgabe nur darin gesehen , die in Europa unter ihren Ländern spielenden Eifersüchteleien auch hier draußen möglichst zu vertreten . Gemeinsame Gefahr brachte eine , wenn auch nur scheinbare und momentane Verschmelzung der sonst so entgegengesetzten Interessen . Zwar gab es noch immer solche , die sich nur widerstrebend dem allgemeinen Vorgehen anschlossen , weil sie im stillen meinten , gerade ihr Land sei in China so beliebt , daß sie persönlich , was auch den übrigen etwa drohen möge , nie etwas zu befürchten haben würden - während andere wieder ihrer mit einem fernen , unheilvollen Krieg vollauf beschäftigten Regierung gern neue Verwicklungen und internationale Fragen erspart hätten , und daher vielleicht sogar gegen besseres Wissen die Ansicht vertraten , es handle sich ja nur um vorübergehende Notstandsunruhen , denen einige Tage Regen , mit den damit verbundenen Ernteaussichten sofort ein Ende bereiten würden . Aber trotz alledem erfolgte endlich der längst schon gebotene Schritt . Und durch die weite ausgedörrte Ebene , wo die Boxerscharen sengend und metzelnd schwärmten und die wilden Kansutruppen nach Blut und Beute lechzten , wo in brennenden Kirchen ganze Kongregationen umkamen , Bahnstationen in Flammen aufgingen , und Scharen halbnackter Flüchtlinge erbarmungslosen Verfolgern zu entkommen suchten , - durch diese weite Ebene glitt endlich längs der Telegraphendrähte , von den hohen finstern Mauern der Stadt her , bis hinaus an die Reede , wo Kriegsschiffe aller Flaggen lagen , der Ruf , der von ihnen Hilfe für die dort Bedrohten erbat . Und sie kamen , die also Herbeigerufenen . Vierhundert waren es ungefähr . Um ihr Eintreffen zu sehen , hatten sich viele an den Bahnhof begeben , an diesen Bahnhof , von dem vor wenig Wochen die Taitai lächelnd abgereist war . Auch Tschun war hinausgelaufen . Heiß und verstaubt kamen die vierhundert an , aber im übrigen schienen sie guter Dinge und froh der plötzlichen Gelegenheit , die sagenhafte Stadt Peking auch einmal zu sehen . Ohne Gedanken an Qual und Grab , die ihrer hinter den hohen dräuenden Mauern vielleicht harren mochten , zogen sie ein durch die tiefen unheimlichen Tore , schimpften nur in ihren verschiedenen Sprachen über den » verdammten Staub « . Denn bei solcher Gelegenheit , die einer kleinen internationalen Parade glich , zeigte sich doch ein jeder gern von der besten , adrettesten Seite ! - Vierhundert . Genügend vielleicht für eine nur als Warnung und Einschüchterung gedachte Demonstration gegenüber einer Regierung , die , so weltfremd sie auch sein mochte , doch immerhin einen Begriff haben mußte von den realen Machtvorräten , die hinter diesen gleichsam als Muster Entsandten standen . Aber was bedeutete , falls es zu wirklichem Kampfe kommen sollte , dies Häuflein gegen die schier unermeßlichen Horden fanatisierter Wilden , denen all jene feinen Begriffe von Prestige und Symbolik abgingen , und die in vierhundert eben immer nur vierhundert sehen würden ? - Und Tschun begriff nur zu gut den spöttischen Ausdruck in manchen Gesichtern der dicht gestauten Menge , die dem Einzug der fremden Truppen scheinbar teilnahmlos zuschaute . » Warum hat man noch mehr fremde Teufel hereingelassen ? « hörte er im Gedränge eine Stimme mürrisch fragen , und dann antwortete eine andere in geringschätzigem Tone : » Das ist ja ganz gleichgültig , denn was vermöchte diese Handvoll gegen die I ho Chüan , die wie Heuschreckenschwärme sind ! Kein einziger von diesen kommt aus Peking je lebend hinaus ! « Von den vierhundert wurden vierzig dem alten Bischof zum eventuellen Schutz des Petang gesandt . Das große Missionsgrundstück , mit den vielen weitläufigen Gebäuden , war schon sehr voll . Ein paar tausend Flüchtlinge kampierten jetzt da , und immer noch wuchs ihre Zahl , vermehrt durch solche , die von weither geflohen kamen , wie auch durch andere , die sich sogar in ihren Häusern in Peking selbst nicht mehr sicher fühlten . Denn private Feindschaft hatte begonnen , zu dem einfachen Mittel zu greifen , Mißliebige als Anhänger der Fremden bei den Boxern zu denunzieren . Und den Boxern als verdächtig zu erscheinen , genügte , um des Schlimmsten gewärtig sein zu müssen . Die Boxer geboten über das Geschick aller anderen und standen selbst über jedem Gesetz , wer ihre Kleidung trug , hatte das Recht , zu rauben , zu brennen und morden . Tschun und seine Mutter waren bisher in ihrem Häuschen geblieben , obschon es ihm schien , daß die kränkliche alte Frau bei den Nonnen des Petang besser aufgehoben sein würde . Aber sie konnte sich nicht entschließen , das Häuschen zu verlassen , wo sie seit so vielen Jahren gewohnt . Würde man denn je wiederfinden , was man aufgab ? Nur zu wahrscheinlich erschien es , daß jedes von den Besitzern verlassene Gebäude sofort bis zur Unkenntlichkeit ausgeplündert werden würde , sei es von den Boxern und Soldaten selbst , sei es von den mit ihnen ziehenden Arbeitsscheuen und Arbeitslosen , von all dem Gesindel , das in dieser Zeit der Not und Demoralisation in unheimlichen Mengen auftauchte . - Wirklich verliefen die nächsten Tage ohne besondere Zwischenfälle , und diejenigen , die gesagt , daß das bloße Erscheinen einiger