Bauer . » So ist beschlossen , daß man ' s tut ! « Der Ältestmann ließ sich vom Zaunpfosten herunterheben . » Leut , Leut , Leut ! « rief der Runotter mit hallender Stimme . » Das ist kein andächtiger Bittgang nit ! Das ist Landsverrat ! « Alle hundert Stimmen brüllten gegen den einen . Und Malimmes schrie : » Laß gut sein , Bauer ! Steckt der Karren so tief im Dreck , da müßt man im Dutzend helfen . Einer lupft ihn nimmer . « Doch Runotter , während ein Schwärm von Buben schon nach allen Seiten auseinanderstob , um das Almvieh heimzuholen , faßte den Ältestmann am Kittel , rüttelte ihn und schrie wie von Sinnen : » Mensch ! Was tust denn , Mensch ? Bist der Ältest , solltest der Klügste sein und bist der Dümmst . Und hetzest die Leut ins Verderben ! Und redest zu Landsverrat und Treubruch ! « » So ? « keuchte der Greis . » Und wie heißt denn , was die Herren tun ? « » Wenn einer stiehlt , muß da gleich jeder ein Dieb sein ? Die Treu verlassen , heißt auf den Mist springen , nit auf guten Boden ! Der Fürst tut Unrecht an uns . Ist wahr ! Das werden die Herren einsehen - « » So ? Und bis sie ' s einsehen , liegt ein Häufl von uns beim Seppi Ruechsam oder hängt an den Ulmen . Das Leben ist eh noch alles , vpas der Bauer hat . « Hundert Stimmen schrien das gleiche . » Leut , Leut ! « rief Runotter . » So tut doch Vernunft haben um Herrgottschristi willen ! Ihr stoßt ja die eignen Häuser in Scherben und versauet das eigne Feld ! Wo einer Untreu übt , geht Feuer nieder , daß ihm die Händ verbrennen . Leut , Leut ! Habt ihr nit dem Fürsten geschworen - « Da kreischte eine Frauenstimme aus dem wühlenden Lärm . » Du hast ' s nötig , daß du so für die Herren redest ! Denkst nimmer an dein Weib ? « Über das Gesicht des Runotter fuhr eine kalkige Blässe . Stumm biß er die Zähne übereinander . Dann hob er die Hände und wollte reden . Doch ein wirres , wildes Geschrei , in dem sich Hohn und Grauen mischte , erstickte sein Wort . Einer auf der Straße schrie : » Da kommt des Richtmanns höfische Treu geritten ! « Und wieder jene Frauenstimme : » Guck her , du ! Guck ! Wie ' s die Herren treiben ! Oder ist das ein Gruß von deinem Weib ? « Eine Gasse tat sich auf , die Menschen wichen zurück und Runotter sah den reitenden Tod , der ein verschobenes , bresthaftes Körperchen hatte . Die Augen des verstörten Mannes irrten . War der Tod so ein reicher Herr , daß er eine Fürläuferin besolden konnte ? Und zwei Diener , die ihn stützten ? Einen in staubgrauer Seide und einen mit blutiger Leinenkappe ? Und hinter dem reitenden Tode lief ein Schwärm von Kindern her wie hinter einem Blatterpfeifer mit lockenden Tönen . Ein dumpfer Lärm . Doch für Runotter war alles ein kaltes Schweigen . Er bewegte sich wie ein Erwachender . Dann stieß er die Fäuste vor sich hin . » Jula ? « Das war ein Laut wie das Röcheln eines sterbenden Tieres . » Wer ? « Mühsam atmend , erschöpft , mit steinernem Gesicht sah Jula den Vater an . » Da - schau - jetzt komm ich heim - - mit dem Jakob . « Er krampfte die Fäuste in ihre Schultern und rüttelte sie , daß ihre niedergerissenen Haare rieselten . » Wer ? Wer ? Wer ? « Ihr Gesicht verzerrte sich . » Der Spießknecht , der mich nöten hat wollen . « Runotter fuhr sich langsam mit dem Arm über die Stirne , und sein Rücken krümmte sich . Da sah er , daß der kleine Tod im Sattel sich auf die Seite neigte - Lampert und Heiner hatten die Riemen und den Knoten der Schärpe gelöst - und Runotter sprang unter keuchendem Laut auf den Rappen zu und umklammerte mit den Armen die kalte , starre Mißform , die sein Kind gewesen . Schreiend und schmähend drängten viele Leute gegen Lampert hin , und bei ihren Flüchen hoben sie die Fäuste . Andre kreischten auf den Runotter ein . Wieder hörte man jene Frauenstimme schrillen ; es war die Stimme der Schwarzeckerin , deren seliger Mann so prachtvoll hatte pfeifen können ; sie schrie : » Hast allweil die Jula noch ! Die mußt zum Gaden schicken ! Aber die Herren , weißt , die haben ' s gern linder als auf der Alben . Gib der Jula das Bettzeug mit ! Da bist ein Treuer . « Runotter , den toten Krüppel umklammernd , sah über die Gesichter hin wie ein Irrsinniger . Und da fragte ihn der Ältestmann : » So , Mensch , was tust denn jetzt ? « Runotter nickte : » Ich höre schon , ja ! « » So red ! Was tust ? Gehst mit zum heiligen Zeno ? « Und hundert Stimmen schrien es nach : » Gehst mit ? Gehst mit ? « Er sah das vom schwarzen Haar umwuschelte Gesicht seines kalten Buben an . Dann hob er den Kopf , sein Körper streckte sich , und mit langsam gleitenden Augen sah er über das Gewühl der Leute hin . Wieder schrien viele Stimmen : » Gehst mit ? Gehst mit ? « Er sagte : » Mein Leben ist müd . Ich steh im Elend da . Aber mich niederhocken in den Dreck ? Das tu ich nit . Ich bleib , wo ein sauberes Hausen ist . Geht euren Weg ! Ich such den meinen . « Taumelnd , als wäre der leichte Körper auf seinen Armen eine Last zum Erdrücken , machte Runotter ein paar Schritte , blieb stehen und drehte das entfärbte Gesicht . » Malimmes ! « Der Soldknecht stand schon neben dem Bauer . » Tu mir aufpassen auf den Herren da ! Der hat - « Ein Würgen kam in seine Stimme . » Der hat meinen Buben reiten lassen auf seinem Gaul . « Unter dem tobenden Lärm , der entstand , trat Malimmes mit dem blanken Eisen auf Lampert zu . » Flink , Herr ! Lang kann ich für Ruh nit bürgen . Die Leut sind als wie von Hornaussen gestochen . « Lampert , mit dem Zügel in der Hand , machte rasch einen Schritt vor die Hirtin hin . » Jula ! « Seine Stimme hatte keinen klaren Laut und war wie das Krächzen eines Halskranken . » Jula ! Ich bin nicht , was du mich gescholten hast . « Sie sah ihn an . Tränen fielen ihr über das entstellte Gesicht herunter . Dann wandte sie sich schweigend ab und ging hinter dem Vater her , zum Hag hinauf , vor dessen geschlossenem Tor mit trägem Schellengerassel acht verstaubte Kühe standen , die geduldig auf Einlaß in ihre Heimat warteten . Der graue Reiter , barhäuptig , jagte über die Straße hinaus . Geschrei und Flüche waren hinter ihm her . Und Steine flogen , Einer traf ihn an der linken Schulter , daß der Arm aus dem Gelenk gestoßen wurde und schlaff herunterhing . Es schattete schon im Walde . Doch auf den offenen Wiesen der Strub , da lag die Sonne wieder , goldschön in der leuchtenden Reinheit des Abends . Nicht weit vor den ersten Häusern von Berchtesgaden jagte Lampert an dem träge kriechenden Zug des Marimpfel vorbei . Die Faust des berittenen Spießknechtes blutete nimmer , seit sie in die Leinenbinde des heiligen Zeno gewickelt war . Auch die vier Leichenträger hatten die verprügelten Köpf e mit Flachs umwunden , der zu Reichenhall gewachsen . Und den flüssigen Stärkungen des gütigen Heiligen hatten sie so reichlich zugesprochen , daß Niederlage und Ärger für sie verwandelt waren in einem schmerzlosen Dusel . Lampert fühlte beim Anblick dieses Zuges keine Erschütterung irgendwelcher Art. Im jagenden Vorüberreiten stieß er ein heiseres Lachen vor sich hin . Und sprach dabei zwei alte Worte : » Fiat justitia ! « Als er auf dem Marktplatz an verwundert guckenden Leuten vorbeigaloppierte , klang von einem Erker her der Schrei einer aus Sorge erlösten und doch von Angst bedrückten Mutter . Und es klirrte ein niederfallendes Schubfenster . Im Hausflur trat Herr Someiner dem Sohn entgegen . » Viel Zeitung , Vater ! « krächzte Lampert unter schneidenderb Lachen . » Der Käser auf dem Hängmoos ist niedergebronnen . Der Sohn des Richtmanns ist erwürgt . Vier Ramsauer sind erschlagen , das Dorf ist in Aufruhr . Wo deine siegelwidrigen Kühe und deine rechtsgetreuen Ochsen sind , das weiß ich nicht . Deine Pfändleut bringen zwei tote Buben . « Amtmann Someiner war ein großer , stattlicher Herr . Nun plötzlich erschien er kleiner um einen halben Kopf . Er hatte weit aufgerissene Augen und sagte mit schwerer Zunge : » Recht muß Recht sein ! « » Ein halbes Wort , Vater ! Vergiß nicht die andre Hälfte : Pereat mundus ! « Etwas Weißes kam sehr schnell aus dem dunklen Treppenschacht heraus . » Jesus ! « Dieser Schrei , den Frau Marianne emporschickte zum mildesten aller Menschen , hatte nichts mit den Hängmooser Ochsen , auch nicht das geringste mit den fünf Ramsauern und den zwei Gadnischen Hofleuten zu schaffen , die das Atmen verlernt hatten . Dieser Schrei war nur einer Mutter Sorge um ihren Sohn . Als sie den vor Erschöpfung Wankenden hinaufführte zu seinem Stübchen , sagte er ruhig mit seiner tonlosen Stimme : » Es ist nichts , Mutter ! Nichts ! Mußt nicht Angst haben . Aber den Medikus brauch ich . Mit meinem linken Arm ist , ich weiß nicht was . Nichts , Mutter , nichts ! Bloß heben kann ich ihn nimmer . « Frau Marianne rief mit schriller Stimme nach ihrem Mann . Der kam nicht . Weil er schon auf dem Wege zu seinem gnädigsten Fürsten war , ohne Stock und Hut . Hinter sich vernahm er Hufschlag und Geschrei von Menschen . Er sah sich nicht um . Was man nicht sieht , ist nicht vorhanden . Im inneren Stiftshofe , zwischen blauem Schatten und goldroter Abendsonne , waren die Domizellaren mit Herrn Jettenrösch und ein paar andern , noch jungen Chorherren beim Reifenspiel , an dem sich auch drei schlanke , vergnügte Fräulein beteiligten , die das Haar mit grünen Schleiern umwunden trugen . Der Amtman keuchte die zwei Treppen zum Fürstenzimmer hinauf und befahl dem Diener : » Tu mich melden beim Herren ! Sag , es wär in causa boum hengismosianorum . « Ein großer Raum , vornehm und doch nicht prunkhaft . Fürst Peter Pienzenauer , im weißen Ordenskleide , saß am offenen Fenster , durch das man eine von Gold und Schatten durchwürfelte Ferne , das Haupt des Watzmann mit dem weißen Schneebart und die scharfen Zinken der Watzmannkinder sah . Eine breite Woge der Abendsonne fiel durch das Fenster herein , überleuchtete den Prälaten und warf den Schatten des in tiefer Verbeugung stehenden Amtmanns als schwarzen Kloß auf die rotleuchtende Wand . » Nun , lieber Ruppert ? Was wollen die Ochsen schon wieder ? « » Gnädigster Herr ! Da hat sich jetzt eine schieche Sache ausgesponnen . Genaues weiß ich noch nicht . Aber soviel mein Sohn mir da kundgetan - « Während Herr Someiner weiterredete , zog der Fürst die Brauen immer strenger zusammen . Und der Amtmann hatte noch nicht zu Ende gesprochen , als der Vogt mit dem Spießknecht Marimpfel erschien . » Das ist ein übel Ding ! « sagte Herr Pienzenauer . » So gehen Eigenmächtigkeiten der Unbesonnenen immer aus . Warum hast du diese einfache Sache nicht so geordnet , Ruppert , wie ich es wünschte ? Ich habe dir doch deutlich gesagt , wie es gehalten werden sollte ? « Der Amtmann stotterte : » Aber gnädigster Herr - « » Schweig ! « Der Propst winkte . » Erst soll der andre reden . Wie war ' s ? « Marimpfel beschönigte nichts . Das hatte er nicht nötig . Wie der Älteste der Ramsauer , so blieb auch er als gewissenhafter Mensch und verläßlicher Hofmann streng bei der Wahrheit , die er gesehen hatte und beschwören konnte . Und doch bekam die Begebenheit des Tages nun schon ein drittes Gesicht . Die Pfändung war nach Marimpfels Meinung laut Befehl in strengster Ordnung vollzogen worden . Der Käser geriet in Brand , weil die dürren Schindeln auf den Herd fielen , auf dem noch die siegelwidrigen Kohlen glühten . Ein Hirte , der sich unbotmäßig aufspielte , bekam die verdiente Dachtel . » Ich brauch auch nit verschweigen , Herr , daß ich mit der sauberen Hirtin ein lützel scherzen hätt mögen . Das ist doch Hofmanns recht . Nit , Herr ? « Auf diese Zwischenfrage gab Fürst Peter weder ein Ja noch ein Nein zur Antwort . Bei heiterem Scherzen mit der Hirtin mußte Marimpfel so eine breshafte Krot , die ihm grob an den Hals gesprungen , von sich abbeuteln . » Der Lausbub hat gleich das Messer gezogen , und ich hab mich wehren müssen meines Leibs . « Und in der Ramsau hielt der Runotter , hinter ihm an die zweihundert Leute , meuterisch die rechtlichen Pfänder auf . » Der Runotter ? « fragte der Propst erstaunt . » Der , Herr , ja ! Arg weit hat er den Brotladen aufgerissen . « Weil Fürst Peter den Kopf schüttelte , erschien es dem Amtmann als Pflicht , von der Sehnsucht des Runotter nach einem Trunk aus dem eidgenössischen Freiheitskrug zu sprechen . Doch barmherzig verschwieg er dabei des Richtmanns freigeistiges Wort vom Menschen , der sein muß wie er ist . Und Marimpfel erzählte : » Ist auf mich los und hat mir den Gaul scheu gemacht mit seinem Stecken , daß ich ihn fortschieben hab müssen . Und da haben die Leut ein Schreien angehoben und haben mich einen Lumpenkerl geheißen . Noch allweil hab ich Ruh gehalten . Erst wie der Richtmann auf den Herren geschumpfen hat , da hab ich pflichtmäßig einen Griff nach dem Eisen getan . Hab ' s aber nit gezogen , weil ich doch weiß : Der Herr ist lieber gütig als streng . Aber da verschimpft der Richtmann die Pfändung als ein Unrecht , bietet mir , ich soll die Küh vom Strick tun , und der Albmeister weiset mir einen papierenen Wisch - « » Ruppert ? « fragte Herr Pienzenauer . » Das kann nur der Ochsenbrief gewesen sein ! « beteuerte der Amtmann . » Ein ander Siegelrecht ist in matricula sigillorum nicht registriert . Kann sein , die Bauren haben den Hofmann verdutzen wollen . « » Ja , Herr « , nickte Marimpfel , » so ist mir ' s fürgekommen . Und da hab ich - « In aller Aufrichtigkeit wiederholte er jene symbolische Geste . » Ist schon wahr , ich bin ein lützel zornig gewesen . Auf meinen Fürsten kann ich nit schimpfen hören . Also , ich sag noch : Mir ist Recht , was mein Herr gebietet . Und jählings springt mir der Albmeister an den Bauch . Ich wehr mich mit dem Ellbogen . Der Fußknecht , der jetzt im Hof liegt und nimmer reden kann , will mir helfen und fahrt mit dem Spießholz dazwischen . Da droht der Albmeister mit dem deutschen König . Und weil er geblutet hat , ist dem alten Manndl letzt worden . Und da schreien die Ramsauer Mordio . Und her über uns mit Zaunhölzern und Messern . Und der Richtmann schreit nach einem . Und der springt aus des Albmeisters Haus , mit dem blanken Eisen - « Marimpfel verstummte . » Nun ? « » Mein gütiger Herr Fürst soll mir verstatten , daß ich um Bluts willen den Namen verschwieg . Ich hab ' s nit mögen zu einem schiechen Handel kommen lassen . Und hab Befehl gegeben : Hofleut ! Durch ! Und die Ramsauer hinter uns her , mit Fluchworten und Unflat , mit Holztremmeln und Steinbrocken . Einen Fußknecht und einen Buben haben sie uns totgeschmissen . Jeder von uns hat einen blutigen Wisch abgekriegt . « Marimpfel zeigte die verbundene Faust . » Und derweil wir uns gewehrt haben unsres Leibs und Lebens , sind die Küh zum Teufel . Ein paar aus dem Meuterhaufen sind liegenblieben . Ist schon wahr , Herr , wie die angestochenen Keiler haben wir uns stellen müssen . Aber sechse gegen dritthalb Hundert ! Die Ramsauer hätten uns all erschlagen , wär nit durch Gottes gütige Fürsicht der Reichenhaller mit seinen Reitern des Wegs gekommen . « » Wer ? « fragte der Fürst erstaunt . » Der Propst vom heiligen Zeno . Vor seiner Trumpeten sind die Ramsauer durch . Und Herr Otmar hat uns christlich gesegnet und hat uns in Gütigkeit viel Stärkung und Verbandzeug bieten lassen aus seinem Karren . « » Oh ? « Herr Pienzenauer erhob sich . Bei aller Erregung , die man ihm ansehen konnte , lächelte er seltsam . » Die armen Chorherren von Hall ? Und schenken so reich ? Da wird man ein höfliches Dankschreiben verfassen müssen . « Er blieb vor Marimpfel stehen . » Hast du die Wahrheit gesprochen ? « Der Spießknecht streckte sich . » Bei meinem Eid und Leben , Herr ! « Fürst Peter nickte . » Man wird deinen Sold erhöhen . Jetzt geh und laß dich pflegen ! - Vogt ! Man soll die Chorherren zum Kapitel rufen . Gleich ! « Als Herr Pienzenauer mit dem Amtmann allein war , ging er schweigend durch die Stube . Die rote Sonne war erloschen . Das Fenster leuchtete noch als heller Fleck , doch in allen Winkeln des großen Raumes saß schon die graue Dämmerung . Dem Amtmann begann dieses lange Schweigen höchst unbehaglich zu werden . » Herr - « Da blieb der Fürst vor ihm stehen , mit den Fäusten hinter dem Rücken . » Mag das jetzt sein , wie es will . Die Ochsen sind erledigt . Jetzt sind andre Dinge da . Ein Dorf in Aufruhr . Unrecht und Mord - so oder so . Und hat sich auf der Salzburger Synode nicht ein Fuchs in ein Schäflein verwandelt , so wird noch Übleres nachkommen . Da muß man vorbeugen . Noch heut in der Nacht . Aber das verstehst du nicht , mein guter Ruppert ! Du verstehst nur , daß man jetzt bestrafen und die Exekutierer schicken muß . Und da kann ich dir leider nicht unrecht geben . Ich muß die böse Suppe auslöffeln , die du mir eingebröselt hast . « Someiner verfärbte sich . » Ich hab mich streng nach dem Wort Euer Gnaden ans Recht gehalten . « Der Fürst schien in Zorn zu geraten . Doch er sagte ruhig : » Ans Recht ? Mag sein . Aber mein Wort ? Willst du mich unter die siebzehn einreihen , die nach deiner Meinung statt der siegelwidrigen Kühe auf dem Hängmoos fressen sollten ? Hab ich dir nicht auch gesagt , du sollst verständig handeln ? Sieben Tote ! Ist das Verstand ? Sieben Menschen um einen Schüppel Gras ! Und alle Folgen dazu ! Und so flink hast du das gemacht , daß die junge , gesunde Vernunft , die sich dagegen wehrte , deinen Streich nimmer hindern konnte ! « » Freilich , jetzt « , stammelte der Amtmann , » wo ein unberechenbares Unglück geschehen ist , jetzt kann man leicht - « Herr Pienzenauer hob den Kopf . » Ruppert , du bist ein unfähiger Mensch ! Jetzt hast du es bewiesen . Vermutet hab ich es schon lange . Und weil ich dich im Amte ließ , bin ich heute dein Mitschuldiger . Du hast drei Monate Zeit , um deinen Sohn in die Geschäfte einzuführen . Dann genieße die nötige Ruhe . Deine Bezüge werden dir belassen . Gott befohlen ! « Ein rasch bimmelnder Hall . Auf dem Dach des Stiftes läutete die Kapitelglocke . Und da wußte man im Umkreis einer Stunde , daß Gefahr im Lande war , die schleunigen Rat verlangte . Als Ruppert Someiner mit schwachen Knien über die von Dämmerung umwobene Treppe hinunterstieg , befiel ihn plötzlich die wunderliche Erinnerung , daß er als Knabe einen großen Apfel auf glühender Ofenplatte gebraten hatte . Der Apfel tanzte und sang sehr hübsch , doch plötzlich , mit starkem Knall , zerplatzte er . Und da machte der kleine Ruppert die überraschende Entdeckung , daß der Apfel große , hohle Samengehäuse hatte , in denen keine Spur von einem Kern zu entdecken war . Seit mehr als vierzig Jahren hatte Someiner nicht mehr an diesen Apfel denken müssen . Warum gerade jetzt ? Die Logik dieser absonderlichen Gehirnblase blieb für Ruppert Someiner unenträtselt , weil sich ihm das Bild des leeren Apfels zu schnell verwandelte in vorwurfsvolle Erbitterung über die Ungerechtigkeit der Menschen , insonderheit der Fürsten . Als er den Hof durchschritt , keuchte einer in schwarzem Mantel an ihm vorbei . War das nicht der Ramsauer Pfarrherr ? In der farbigen Dämmerung begannen die Glocken auf drei Türmen den Abendsegen zu läuten . Die schön und sanft ineinanderfließenden Töne schwammen als wundersames Friedenslied durch die leuchtende Luft . Someiner fand sein Haus wie ausgestorben . Das Amt war geschlossen ; der Schreiber Pießböcker hatte Hut und Stock seines Vorgesetzten und die Schlüssel hinaufgetragen in die Wohnstube . Obwohl es schon dunkelte , brannte noch eine Kerze . Und der Abendtisch war nicht gedeckt . Und niemand kam , um die Bitterkeit diese gekränkten Mannes mitzufühlen und ihn zu trösten . Den dumpfen Stimmenklang und die hin und her eilenden Tritte über der Decke droben hörte er nicht , vernahm auch nicht das ruhelose Mahnwort des Pendels im alten Uhrkasten : » Bau ! - Bau ! - Bau ! « Gebeugten Hauptes saß er im Zwielicht des Erkers . Und dicke Zähren tröpfelten ihm über die kalkweiße Nase herunter . Ruppert Someiner war dabei des Glaubens , daß er , als der einzige Weise auf Erden , bittere Tränen vergösse über den Irrsinn des Lebens , in dem , was heiliges Recht war , sich in eine ebenso grausige wie lächerliche Torheit verwandeln konnte . In Wahrheit war die Sache so , daß Herr Someiner heulte , weil er an die schwindende Ehrerbietung seiner Frau , an den unkindlichen , feindseligen Widerstand seines Sohnes und an seine nahe Schande vor den Menschen denken mußte . Drei Monate ? » Gab ' s auf der Welt eine Ungerechtigkeit , so groß , daß man sie in drei Monaten nicht widerlegen und durch ungebeugte Tüchtigkeit ad absurdum führen konnte ? « Bei diesem Gedanken faßte Herr Someiner den mannhaften Entschluß , von seiner Amtsentsetzung zu schweigen , solange Herr Peter Pienzenauer nicht reden würde . Auf der glühenden Ofenplatte seines Kummers briet der kleine Ruppert abermals einen großen Apfel ohne Kern . 7 Über dem Runotterhofe hing die laue Sommernacht mit funkelnden Sternen . Das Rauschen der Ache war wie ein gleichmäßiger Murmelsang im Schweigen der Dunkelheit . Aus den Ställen tönte zuweilen das Klirren einer Kette und der murrende Laut eines Rindes . Sonst kein Zeichen von Leben in der Nacht . Die angrenzenden Höfe lagen wie ausgestorben , und vom nahen Leuthaus klang nicht wie sonst das Schreien und Singen trunkener Knechte . Doch aus Reiter Ferne - von dem nach Reichenhall ziehenden Tal des Schwarzenbaches - war immer wieder ein mattes , wirres , wunderliches Geräusch zu hören . Das klang , wie wenn man Erbsen in einer blechernen Schüssel rüttelt . Es war der ferne Lärm des andächtigen Bittganges , den alle wegfähigen Mannsleute , Weiber und Kinder von der Ramsau , vom Schwarzeck , vom Tauben- und Hintersee zum heiligen Zeno unternahmen , mit Wehr und Eisen , mit Geld und Vieh , mit Karren und Sack . Immer leiser , immer ferner klang dieser wunderliche Lärm . Der regungslose Wächter , der vor dem Hagtor des Runotterhofes auf einem Grasbuckel saß , mit dem Bidenhänder über den Knien , mußte immer schärfer lauschen , um noch einen matten Hall dieses erlöschenden Lärms zu vernehmen . So oft er das leise Gerüttel der Erbsen in der Blechschüssel hörte , war in ihm die Frage : Ist die Mutter mitgezogen , oder hat sie bleiben müssen , und hat man auch bei ihr einen halbwüchsigen Buben zurückgelassen mit einem versteckten Sparpfennig , mit einer milchenden Geiß , mit einer legenden Henne , mit Mehl und Schmalz und Salz ? Lautlos kam ein Mensch von der Straße heraufgesprungen , man sah von ihm in der Dunkelheit nur einen Schimmer des weißen Wundverbandes , der um den Kopf gewickelt war . Eine flüsternde Stimme : » Der Pfarrherr ist nit zu finden . Vor der Widumstür , da liegen die vier erschlagenen Leut . Allweil hab ich gepochet an der Tür . Aber niemand hat aufgetan . Der Pfarrherr - « » Der ist beichten gegangen . Aber nit zum heiligen Zeno ! « Malimmes lachte kurz . » Jetzt wissen die Herren im Gaden , wie andächtig heut in der Nacht die Ramsauer wallfahren . « Einen Augenblick besann er sich . » Geh hinein und sag dem Bauren , daß er auf den Pfarrherrn nit warten braucht . Sag , der Pfarrherr war davongelaufen . Sonst sag kein Wörtl ! Verstehst ? « » Wohl . « » Nachher sag , daß du letz bist und schlafen mußt . Und tu deinen Lederküraß an , und nimm dein Eisen . Und geh hinauf zu dem Schlupf hinter dem Gärtl droben , wo wir am Abend die Gäul hinausgetan haben . Über dem Hag draußen , gleich in den ersten Stauden links , da liegt des Bauren Wehrzeug . Und Gewand und Wehr von des Bauren Bruder liegt dabei , der jung hat sterben müssen . Und ein lederner Waldsack , der ein lützel schwer ist . Das alles mußt du aufnehmen . Und trag ' s hinüber zum Hirscheneck beim Windbach , wo die andern mit den Gäulen sind . Und jetzt leg deine Hand in die meinig ! Willst du treu sein , Heiner ? « » Wohl ! « » So geh ! Und laß den Bauer nit merken , was geschieht ! « Als der Bub in den Hof schlüpfte , knarrte das Hagtor ein bißchen . Malimmes setzte sich wieder auf den Rasenbuckel hin . Er lauschte über die nach Berchtesgaden führende Straße hinaus . Da war nur das dumpfe , hinter dichtem Wald versunkene Rauschen des Windbaches zu hören . Dann lauschte er nach Westen gegen den Schwarzenbach . Und da konnte er von Zeit zu Zeit noch immer dieses ferne Klirren vernehmen , dieses dünne Erbsengerüttel in einer Eisenschüssel . Plötzlich drehte Malimmes das Gesicht gegen den Hag . Er lachte leise . » Du Gänsl , du dummes ! Bist du noch all weil da ? « Keine Antwort . Doch eine Weibsgestalt löste sich grau von dem schwarzen Zaungeflecht . » Maidl , jetzt muß ich grob werden ! « sagte Malimmes ernst . » Bleibst du noch länger , so könnt ein schieches Ding über dich herfallen . Schau , daß du deinen Heimleuten nachkommst ! « Eine zerdrückte Mädchenstimme : » Ich bleib , wo du bist . « Malimmes schien ärgerlich zu werden , wandte das Gesicht und lauschte gegen die Gadnische Straße hinaus . Das Mädel beugte sich zu ihm hinunter . Ein sehnsüchtiges Dürsten war in der leisen Frage : » Tust mich denn gar nit mögen ? « Er lachte ein bißchen und legte den Bidenhänder fort . » So komm halt ! « Mit beiden Händen faßte er das Mädel und zog es auf seinen Schoß . » Wer weiß , ob wir morgen noch warmes Blut im Leib haben . « Sie hatte schon seinen Hals umklammert , und seine Worte erstickten unter ihren gierigen Küssen . » Aber schau , Maidl , ich weiß noch gar nit , wie du heißt ? « » Traudi . « Da mußte er wieder lachen . » Ich trau mich schon . « Ein Stoß des wechselnden Nachtwindes fuhr durch das Bachtal her , die Ulmen an der Straße rauschten , und deutlicher klang der dumpfe Wasserlärm des Windbaches . Dann wieder die Stille mit dem sanften eintönigen Lied der Ache . Und immer waren zwei murmelnde Menschenstimmen zu hören , die wie müdes Summen vom Haus herüberklangen über den Hag - weil der Pfarrherr nicht gekommen war , sprachen Vater und Schwester für den toten Jakob den christlichen Seelentrost . Sie beteten lange . Nun verstummten sie . » Guck Maidl « , sagte Malimmes wie ein Erwachender , leise und heiter , » so schiech ist keine Lebensstund , daß sie nit noch ein Bröselein Süßigkeit haben könnt ! Aber paß auf , jetzt mußt du auch tun , was ich schaff . « » Alles , Bub ! « Sie umklammerte ihn . » Laß luck ein lützel ! « Er suchte in seiner Tasche . » Da hast du fünf güldene Pfennig . Tu ' s nit verlieren , gelt ! Und jetzt lauf die Straß hinaus zum Taubensee ! Wenn du viele Reiter kommen hörst , so tu nit erschrecken . Ich glaub , die reiten zum Schwarzenbach . Eh sie dich einholen , birg dich in den Stauden .