sein Lebtag keinen andern Unterricht gehabt , denn jenen bei dem rauhen , alten Karrner und der guten Pflegmutter ; welches Weistum aber mit ein wenig Rechnen und ein paar frommen Bibelsprüchen sein Bewenden hatte . Mußt also dieser Gesell manchen alten Strauß mit der wilden Katz ausfechten und großen Fleiß brauchen , sie ein wenigs handlicher und manierlicher zu schaffen für das Gewerb , dem er oblag . Bracht sie also dieser Kraxentrager nach vieler Müh am End dahin , daß sie gleich ihm die Kirm auf den Buckel nahm und den Weibsleuten dies und jenes aufschwatzte . Und da sie bald einen guten Begriff von solcher Handelschaft bekam , wußte sie dies Geschäft schließlich zu einem ganz einträglichen zu machen , gab den Weibern allerhand Ratschläge in geheimen Anliegen und spielte nicht selten um klingende Münz die Kupplerin und Vermittlerin in Ehe- und Liebessachen . Am End trennte sie sich von ihrem langjährigen Genossen und zog nun , abenteuerlich gekleidet und herausgeputzt , mit ihrer Kirm durch die Berg , hatte bald diesen , bald jenen Liebhaber , kam wohl auch zu den Schlössern reicher Adliger , bei denen sie als ein fremds Wunder viel beschaut , als bildschöns und kurzweiligs Frauenzimmer wohl auch daselbst etliche Zeit aufgehalten und gar fein gewartet und bedient wurde . Zog endlich als Tiroler Katherl von Schloß zu Schloß , ging auch in Städte und führte ein abenteuerlichs Leben , bis sie schließlich in die Jahr kam , da aus der Buhlerin gemeiniglich eine Beterin wird . Hatte sich im Lauf der Zeit ein schöns Häuflein Gulden erspart und fing also an , dieselben wohl einzuteilen , daß sie , wie sie vermeinte , so ein zwanzig Jährlein davon kunnt zehren , bis sie der Gvatter Sichelmann auf die Totenschragen brächt . Zog also in das bayrische Zell und führte da ein beschaulichs Leben . Nun aber war sie längst ihre hundert Jahr alt ; die Gulden hatten sie alle verlassen , und der Gvatter wollt immer noch keine Freundschaft mit ihr halten ; da suchte sie eine andere , schloß sich an die Totenpackerin von Bayrischzell an und nahm bei dem bleichen , kinderreichen Weib , dessen Ehewirt ein Flickschneider und Säufer war , das armselige Logis , in dem ich sie nun fand . Sie bot mir einen wackligen Hocker an und setzte sich auf das Bänklein neben dem Himmelbett , wickelte den groben , hölzernen Rosenkranz , den sie grad in der Hand hielt , um die Finger und begann , mich des langen und breiten um mein Herkommen , meine Heimat , meine Eltern zu befragen , schwatzte viel über sich und über den Bildlthomas , den sie vor vielen Jahren schon kennen gelernt hatte , als er noch ein gar sauberer Bursch gewesen war , und sagte zu guter Letzt , daß sie gern und mit Freuden den Tag vor Lichtmeß kommen wollt , worauf ich eilig zurücklief und dem alten Vater diesen fröhlichen Bericht gab . Der verwunderte sich zwar immer noch über mein narrets Getue und sagte : » Daß dir nur dein Gaul nit durchbrennt , wennst ' n gar so aufs Rennen schickst ! Hätt nit vermeint , daß d ' dir so schnell ' n Übermacht an meiner Suppen gessen hättst ; aber i will di nit aufhalten , wann ' s di nimmer gfreut bei mir ! « Darnach nahm er ein Stricklein und begann , an mir zu messen ; » denn « , meinte er , » mit so einem einschichtigen Klüftl in d ' Fremd zu gehen , das taugt nit . « Worauf ich ihm erwiderte : » Habs doch gar nit im Sinn , in d ' Fremd z ' gehen ! Bloß so ein etlichs Ortschaften möcht i sehgn , andere Leut möcht i kennen lernen und eine Weil fortwandern möcht i. Darnach geh i ja wieder gern zruck zu Enk ! « Der Alte aber schüttelte immerfort den Kopf , und am End sagte er : » Glaub nix mehr ! - Dös Eichkatzl , was mir selbigsmal auskommen ist , hab i nimmermehr gsehgn ; habs aa schon über fünf Jahr ghabt ! « Ich meinte : » Das ist doch was ganz anderes ! Da wird halt ein Raubvogel drüberkommen sein , oder es hat nimmer heimgfunden aus ' m Holz ! « » Ja , ja « , sagte da der alte Vater seufzend ; » kann scho sein ; dahin is dahin . « Damit nahm er seine Pelzhaube und den Stecken , holte etliche Gulden aus der Truhe , hing den Schafpelz um und ging , mir eine Kluft zu bestellen . Kam also auf den Abend heim und brachte ein schöns Tuch mit , ein oder zwei Ellen , auch etwas zu einem roten Leibstückl , und sagte : » Der Schneiderkaschbar kimmt morgn auf d ' Steer . « Darnach ging er gleich und legte sich schlafen , so daß es mir recht unwirtlich vorkam in der Hütten und ich also auch , ohne ein Bißlein zu essen , in mein Heu kroch . Kunnt auch den andern Tag nicht recht froh werden , obgleich der Schneiderkaschbar , ein gar loser Spaßmacher , bald ein witzigs Wort , bald eine närrische Gebärde fürbrachte , auch keinen Augenblick das Maul hielt und bei jedem Nadelstich ein anders Grimassengesicht machte ; er wußte alle lustigen Schwänk , die man sich im ganzen Umkreis seit undenklichen Zeiten erzählte ; er kannte alle Schelmenlieder , die man in den Tälern und auf den Almen sang , und berichtete alle Lächerlichkeiten der Leut , bei denen er gearbeitet hatte . So wußte er , daß die Strieglerin ihren Ehemann einmal im Schubkarren aus dem Wirtshaus heimgefahren hätt , weil er schon so voll war , daß ihm das Stehen nicht mehr geriet . Er war auch dabeigewesen , wie der Bühlermartl seine Alte bis zum Hals in den Misthaufen eingrub , weil sie das Gicht so plagte . Hatte auch den Strohriegler , jenen Schelmen , noch gekannt , der beim Pfarrer einen raren Schunken aus dem Rauchfang stehlen wollt und dabei in den Backtrog herunterfiel , darin die Köchin den Brotteig auf die Wärm gestellt hatte zum Aufgehen . Durch das Gepolter war diese und auch der Pfarrer erwacht , und sie hatten den Dieb noch brav umgewuzelt in der Mulden und darnach aus dem Haus gejagt , um und um voll Teig . Indes nun der Schneider solche Schwänk auftischte und Kurzweil trieb , saß der alt Thomas hinterm Ofen und rahmte seine Bilder , leimte und nagelte und hielt sich dazu ernst und schweigsam . So gingen also die zwei Tag hin , während der mir der Schneider einen gar ordentlichen Habit zusammengezimmert hatte , darin ich aussah wie ein junger Bauer aus Zell , so daß auch der alt Vater wieder ein Lächeln fand und ein guts Wort , als ich mich dafür bei ihm bedankte . » Ei , tausad , tausad ! « rief er aus ; » jetz bist es aber , der Kronabauer von der Sunnaseitn ! - Jetz wern dir aber d ' Mentscher nachschaugn , wähn i ! « Da fiel mir das Kathreinl ein , das nun schon ein Jahr des Lackenschusters Hausfrau war . Ob sie wohl noch manchesmal an mich dacht ? - Ob es ihr wohl gut erging beim Anderl ? - Und ich wurde still und nachdenklich und hörte kaum auf die Red des alten Thomas , der mich vor den Weiberkitteln warnte und vor zu vieler Kameradschaft . Also kam der Tag vor Maria Reinigung oder Lichtmeß , und ich stand schon in aller Früh vor Taggrauen auf , schmierte meine Schnallenschuh , nahm das feine Haarkettlein der seligen Irscherin aus dem Säcklein , darin ich es verwahrt hielt , legte meine weißen Strümpf an und strählte mir das Haar wie ein Herrischer . Konnte es auch kaum erwarten , bis das Tiroler Katherl angehumpelt kam , und schaute wohl hundertmal nach ihr aus , bis ich endlich ihren roten Kittel hinterm Schneefeld leuchten sah . Der alte Vater betrachtete mit geheimer Freud meine Erregung ; doch sagte er nichts und lächelte nur still in sich hinein , indes er ein Täflein ums ander in die Kirm packte . Indem fielen mir meine Schnitzmesser ein , und ich steckte sie eilends in den neuen Hosensack , obgleich ich keinen Gedanken trug , länger als der Vater Thomas fortzubleiben . Unterdessen war es Zeit geworden zum Gehen , und wir aßen noch jeds einen Weidling voll Milchsuppe , banden uns einen Ranken Speck und einen Scherz Brot ins Tüchl , nahmen den Gehstecken und sagten dem Katherl Pfüa Gott . Trug also der alt Vater seine hochaufgerichtete Bildlkirm am Buckel , indes ich ein leichts Ränzel , darin mein bissel Hab verschlossen war , lustig auf dem Rücken tanzen ließ . Also verließ ich dies geruhige Häuslein , wie ehedem der verlorne Sohn getan und seine gute Heimstatt gegen die fremde Wildnis vertauscht hatte aus reinem Mutwill und Undank . Die Marktreis Da wir durch Bayrischzell wanderten , war es eben um die neunte Morgenstund ; die Glocken des alten Klosterkirchleins läuteten zusammen , und gegen den Gottsacker hin bewegte sich ein langer Leichenzug . Sechs Jungfrauen in weißen Gewändern und hohen , schwarzen Pelzhauben trugen den Sarg , sechs gingen mit brennenden Kerzen nebenher ; dahinter qualmte und duftete der Weihrauch ; ein alter Priester las still in seinem Buch , der Schulmeister schritt gemessen hinter ihm drein , und dann folgten , gedämpft vorbetend , die Männer und Jünglinge : » Und gebenedeit ist die Frucht deines Leibes , Jesus , o Herr , gib ihr die ewig Ruah ! « » Und das ewig Liacht leucht ihr , heilige Maria , bitt für uns arme Sünder ... « , beteten die Weiber und Kinder nach und ließen ihre Rosenkränze durch die Finger gleiten und schauten mitleidig auf das alte Weiblein , welches wohl in der Abgestorbenen ihr Kind so kläglich beweinte ; denn sie tat ganz trostlos und übel . Wir nahmen unsere Hüt ab und blieben stehen , bis der Sarg schwankend durch die Gittertür des Friedhofs getragen war und die Menge dichtgedrängt die offene Grube umstand , indes der Pfarrer mit dem Schulmeister die Grabgebete absang . Dann gingen wir schweigend unsern Weg weiter . Ringsum leuchteten die schneebedeckten Berge in der Sonn , feine Eisstäublein flogen in der kalten , klaren Luft , und der festgefrorne Schnee gurrte und knarzte unter unsern Tritten . Bald lag das Dorf mit seinen niedern Holzhäusern , Schneedächern und leise rauchenden Kaminen weit hinter uns , das Glockengeläute drang nur noch wie ein Hauch im Wind ganz verloren in das Waldtal herüber , und endlich waren wir einsam und weit weg von allem und stiegen langsam empor zum Ursprung der Leizach . Ein kleiner Bergsee lag hier mit einer Fischerhütte am jenseitigen Ufer ; eine dünne Eisdecke spannte sich darüber und knisterte und krachte leise unter der Wärme des Sonnenlichts ; aus der Ferne schallte das Schlagen der Holzfälleraxt , eine Schar Raben flog erschreckt von ihrem Fraß auf , als wir uns näherten , und wir sahen ein tots Reh im Gestrüpp liegen . » Das ist erfroren « , meinte der alt Vater , » ist ein letzer Winter , das ; denk lang kein solchen mehr , der so gach einkommen wär und so gruslat und streng g ' wüat ' t hätt ! « Wir stiegen weiter und waren bald bei der Stockermühl und dem Stockersee , aus dem die Leizach ihre Wasser schöpft . Ein paar Häuslein standen darum , und aus den mit tropfenden Eisblumen überzogenen Fenstern schauten neugierige Gesichter . Grüßend nickte eins oder ' s ander ; aus der Mühl aber lief ein kleins Büblein und rief uns zu : » Wart a bißl ! Zu meiner Muatta kemma ! « Da hielt der Alte lächelnd inne , wandte sich gegen das Haus und meinte : » Ei , tausad , tausad ! Is leicht gar epps Wunderlichs fürkemma bei der Muatta ? « Indem trat die Müllerin aus der Tür und rief : » Grüaß di , Thomas ! A Votiv brauch i auf Birkastoa ! Zwee Buam ham ma ! - Und so guat ganga ! - Ganz ohne Kindlweib ! - Wie der Müller kemman ist mit der Wunsiedlin , bin i scho firti gwen ! - Na , Gott sei Dank und insana liabn Frau ! « Bestellte also ein Täflein , gab dem Vater zwei Gulden dafür und bat ihn , daß er ' s gleich in den nächsten Tagen machte und ihrem Knecht , wann er hinabkäm , mitgäb . Darnach wünschte sie uns noch eine gute Weil und Gottes Hut und ging hinein , indes wir uns wieder auf den Weg machten . Gingen also weiter , vorbei an der Bäckeralp , und gelangten zu einem einsamen Wirtshaus bei Ursprung . Da kehrten wir ein , aßen ein wenigs von unserm Speck , und der alte Vater ließ ein Krüglein roten Wein auftragen , nannte ihn Tiroler und tat , als hätt er süßen Met , dieweil er mir doch schier wie eine Essigbrüh fürkam ; doch wollt ich nicht als ein Schleckermaul gelten und nahm herzhaft etliche Schluck von diesem Schindertrank . Indem kam die Frau Wirtin und setzte sich zum alten Thomas , fragte dies und erzählte das und kam zum End auf ihre beiden Töchter zu reden . » Ach , daß ihnen Gott gnad ! « jammerte sie ; » hast s ' ja leicht gut kennt , alle zwo ! - Habs bei die heilinga Frauen ghabt , z ' Chiemsee . - Ja . - Und hat die erst schon d ' Profeß gmacht , und die ander ist im Noviz gstanden . - Ach , daß ' s Gott erbarm ! Alle zwo hab i s ' da ! - Ach , über den Frevel ! Alle Klöster zuaspirrn , die heilinga Leut vertreibn und das schöne Klostergeld einschiabn ! - Thomas , mi deucht , es is nimmer weit zum Antichrist ! « So klagte die gut Seel ; der Thomas aber schüttelte den Kopf und meinte : » Glaubs nit ! Es glangt no nit ! D ' Welt muß no viel schlechter wern ! « » Ja , was nit gar ! « schrie die Wirtin auf . » No schlechter ! - Gibts leicht no epps Schlechters als wie dös , wann der Küni und der Kaiser schö stad zuaschaugt und sei Pfeiferl raucht , unterdem daß die andern alle Klöster zuaspirrn , d ' Kirchen zuaspirrn , d ' Meßgwander stehln und die allerheiligsten Sachen , und nit amal insan liabn Herrn selm verschonen ! - Is das nit schlecht , wann so a arms Trutscherl , wo nixn kennt hat als wie ihra Klosterzelln , ihrn Herrgott und ihrn Rosenkranz , wann die jetzt aufamal in dera sündhaften Welt heraußt umanandapudln muaß , die heilig Unschuld verliern und eppan gar no Kinder kriegn ! Wann das nit traurig gnua is , und net schlecht gnua is , Thomas , na woaß i nimmer ! « Sie hatte einen brennroten Kopf aufgesetzt , die Wirtin , und stand wild vor dem Vater , der nachdenklich trank , sich ein Pfeiflein stopfte und dazu bedächtig die Achseln schutzte . Da ging die Tür auf , und herein traten zwei liebliche Jungfern in schwarzen Wollgewändern ; die eine mocht ein paar Jährlein älter sein als die ander , die ich auf etwan zwanzig schätzte . Die Ältere hatte ein gar schmals , weißes Gsichtlein , große Augen , die ängstlich und versprengt von einem zum andern sahen ; um die kurzgeschnittenen Haar trug sie ein feins Netz , das über der Stirn mit einer samtnen Schleife geziert war . Die Jüngere aber , ein rotbackigs Maidlein mit lustigen Augen und lachendem Wesen , hatte den Kopf ganz voll dunkler Ringellocken ; sie lief sogleich an den Tisch , begrüßte uns freundlich , indes die ander sich schweigend in eine Ecke setzte , und sagte : » Grüaß enk Good beinand ! -Seids aa scho so weit herobn heut ! - Wo gehts denn zu , wenn d ' Frag verlaubt is ? « » Auf Kufstoa « , erwiderte der Thomas lächelnd , und auch ich brachte ein halblauts Grüaß di Good heraus . Das Maidl gefiel mir so wohl , daß ich in alle Ewigkeit hätt so sitzen mögen und sie anschauen , indes die Wirtin und sie mit dem Vater schwatzten , über den Handel , über die Märkt , über die Leut und über die Zeit . Frisch gab die Jungfer auf alles Bescheid ; und da der alte Thomas sie unversehens fragte , ob sie denn nicht Weillang hätt nach dem Kloster , da lachte sie gar hell und rief : » Naa , Vaterl , gwiß nitta ! - Dunkt mi viel schöner dahoamt bei der Muatta jetzand ; viel schöner wie ehvor ! « Und sie tat so lieblich mit der Wirtin , daß diese ganz stolz sagte : » Ja , mei Rosl hat mi alleweil scho mögn ! - Die halt ' t zu ihrana Muatta , da feit si nixn ! « Dann warf sie einen finstern Blick ins Eck , wo die andere Tochter still in einem Buche las , und fuhr fort : » Die hat si aa glei wieder eingwöhnt dahoamt , mei Rosl ; die hilft mir in allem und hängt nit so brüatat umanand , wie dö legate Henn da hinten , d ' Resl ! - Alls zu seiner Zeit ! - ' s Betn und ' s Faulenzn is ganz schön - im Kloster - ; aber da heraußt in der Welt , da muaß ma si rührn , da muaß ma anpackn und si was anglegn sei lassen ! - Sagst es nit aa , Thomas ? « Der Vater war um die Antwort verlegen ; er richtete unaufhörlich an seiner Pfeif , trank bedächtig und sagte schließlich , indes die bleiche Dirn gedrückt aus der Stube ging : » Sie wird halt nimmer recht taugn für d ' Welt , wähn i. - Muaßt es halt wieder wo einisteckn ins Kloster ! - Werd scho an Orts wo oans sein , wo ' s d ' es einitoa kannst ! « Die Wirtin wollte auffahren , da legte die Rosl ihre Hand vor den Mund der Mutter : » Nit greina , Muatta ! - Der Bildlthomas hat scho recht ; sie sollt halt wieder wo hin in a Kloster ; i bleib ja da bei dir ! « Hätt wohl auch haben mögen , daß mir das Maidl hätt also schön getan ! Aber der alt Thomas warf mir gach einen Stein in mein Glashaus : » Was is mei Schuldigkeit ? « fragte er , zog den ledernen Zugbeutel mit dem Wieselgebiß an der Ziehschnur aus dem Hosensack und legte seine Kreuzer hin , nachdem ihm die Wirtin geantwortet ; » Dös woaßt ja a so , Thomas ; ' s Krüagl an Sechser ! « Hieß mich also der Alte austrinken , klopfte seine Pfeife aus und schob sie ein , nahm seine Kraxe auf den Buckel und sagte den zwei Frauen Pfüa Gott . Nun mußt ich wohl oder übel ein gleiches tun ; tat aber noch mehr und drückte dem saubern Maidl noch gar fest die Hand zum Abschied , dazu sie freundlich lachte , und sagte mit großem Ernst zu ihr : » Mir wern uns wohl amal wieder sehgn ! Pfüa Good derweil ! « Hatte auch einen gar heißen Kopf bekommen bei solchem Abschied ; nun ich aber vor die Tür trat in die frische , kalte Winterluft , da wurd ' s bald wieder kühlig in meiner obern Stuben ; ich tat einen hellen Juchzer und trabte munter hinter dem alten Vater drein , bis wir hinab ins Landl kamen . Nun mag ich auch nicht versäumen , zu melden , daß wir unser Sach durchsuchen lassen und unsre schuldige Zollabgabe entrichten mußten , als wir das österreichisch Land betraten ; da dann der alt Thomas aus dem linken Hosensack einen neuen Lederbeutel zog und dafür den alten hineinsteckte . Denn jetzund hieß es mit anderer Münz zahlen denn daheim im Bayerland . Muß aber sagen , daß mir die Füß nit schwerer wurden im Tirolischen ; ging ja auch allweil bergab auf der Straß ins Landl , da es mir gar wohl gefiel . Stund ein schöns Jagdschlößl auf einem Hügel , ein kleins Kirchlein darunter und etliche Holzhäuser , deren Fachwerk fein geschnitzt und bemalt war , und kunnt man auch eine gar schöne Inschrift lesen über der Tür eines Wirtshauses , die also hieß : Ich leb , weiß nit , wie lang , Ich sterb , weiß nit , wann , Ich fahr , weiß nit , wohin , Mich wundert , daß ich so fröhlich bin . Hat mich wohl ein gelinds Schauern erfaßt beim Lesen , und muß auch heut , da ich annoch schon fast betagt bin , dieser Wort gedenken und manchesmal mein Lachen dämpfen , wenn ich gleich mitten in der Lust bin . Der alt Vater spürte kein G ' lusten , in diesem Ort zu verweilen ; er schnitt sich bloß ein Ränklein von seinem Brot ab und aß es unterm Gehen , indes uns aus den niedern Fenstern die Leut neugierig nachsahen . Nun wars ein gar schöns Wandern zwischen den schneeglänzenden Bergen ; uns zur Seiten rann ein klars Bächlein , das bald hüben , bald drüben mit einem Bergwässerlein zusammenkam , bis es endlich als breite Ach zu unserer Linken hinter den Bergen verschwand , indes wir uns mehr gegen Mittag hielten . Hier wurde das Tal breiter , und wir kamen etwan ums Zwölfuhrläuten an den Schröcksee , dabei wir ein gastlichs Haus fanden , von einer alten Base des Bildlthomas geführt , die uns sogleich mit einem Gericht von Schöpsenfleisch und Rübenkraut bewirtete , einen Krug Wein auf den Tisch brachte und des langen und breiten von der ganzen Sippschaft des Alten schwatzte . Darüber verging die Zeit , und ich wurde in der dunklen , heißen Stube bald müd und schläfrig , legte den Kopf auf den Arm und sunselte schön still dahin , bis mich am End der Alt erweckte und zum Weitergehen mahnte , zumal wir noch ein guts Stück bis Kufstein zu wandern hatten . Da beutelte mich der Frost , und ich klapperte mit den Zähnen , da wir uns auf den verschneiten Weg machten und gegen das Endziel unserer Reis zuhielten . Die Sonne war lang hinter einem dichten , grauen Nebelberg hinabgesunken ; die Mondsichel stand bleich und hoch in einem kleinen klaren Himmelsfleck , und der Nordwind zog beißend und rauh durch mein Gewand . Der alt Vater war nun ganz schweigsam worden , ging gesenkten Haupts dahin und sah nicht mehr nach mir um ; mocht wohl allerhand aus frühern Tagen im Sinn tragen , das die Base wieder ausgegraben hatte aus dem Vergessen . So kamen wir denn ohne viel Lärm und lautes Wesen nach Kufstein , da mir die Mauern und Zinnen der Stadt und die Festung auf dem hohen Felsen gar wunderlich fürkamen in dem Dunkel des Abends . Hab auch mein Verwundern gehabt an den vielen Häuslein , darin überall die Lichter brannten wie bei einer Kirchen ; und es hatten auch die Gassen alle Lichter und glänzten da und dort feine Schilder und Wirtshauszeichen im Schein von roten Laternen . Und indem wir so dahinstapften , kam aus einem alten Torbogen eine gelbe Kutsche gefahren ; zwei feiste Schimmel trabten davor , und ein Postillon saß hoch am Bock und spielte auf seinem Hörndl eine schwermütige Weis und neigte dazu den Kopf bald rechts , bald links , daß der schwarze Buschen auf seinem hohen Hut wie ein Schilfrohr schwankte . Hab ihm eine gute Weil noch nachgeschaut , da er so traurig spielte , indes die Schimmel gemächlich über die steinige Straß trabten ; aber da war das Lied zu End , der Postillon knallte lustig mit der Geißel , und in frischer Fahrt bog der Wagen um die Ecke und rollte dahin und aus der Stadt . Der alt Thomas war derweil immer weitergegangen , ohne nach mir zu schauen , und ich mußte lange Füß machen , ihm nachzukommen . Erwischte ihn auch grad noch , eh er hinter dem Torbogen verschwand , daraus zuvor die Postkutsche gekommen . Nun war es gar seltsam in diesem Städtlein , daß die Weg nicht wie in andern Orten eben dahin gingen zwischen den Häusern , vielmehr stark bergauf führten , so daß wir , da wir auf dem Platz standen , wo den andern Tag der Lichtmeßmarkt sollt gehalten werden , das Horn des Postillons gar weit unter uns im Tal verklingen hörten . Noch eine Weil lauschte ich , indes der Thomas sich unter den aufgeschlagenen Holzständen umsah und nach einem Platz suchte , da er möcht am besten von den Marktbesuchern ersehen werden . Endlich hatte er ein Flecklein gefunden , das ihm günstig schien , und er sagte halblaut zu sich selber : » Alsdann . - Wird schon was gehn . - Das Platzl is nit übel - gar nit übel . « Dann wandte er sich nach mir um , wies nach einem hochgiebeligen Haus , über dessen erleuchteter Tür ein grüner Reifen hing mit einem goldenen Stiefel darin , und sagte : » So , Bubl , jetz wiss ' ma unsern Stand . - Jetz gehn wir in das Wirtshaus und schauen uns zwegn der Schlafstatt um ; wird schon noch epps habn , der Stiefelwirt ! « Und er wandte sich gegen das Haus und stampfte hinein , als hätt er die Schuh voll Schnee . Ich folgte ihm müd und frierend in die rauchige Gaststube , da er dann seine Kirm abnahm , zum Wirt an die Schenke trat und wegen des Quartiers unterhandelte ; darnach schob er mich an einen vollbesetzten Tisch und rief ; » Alsdann ! -Da wärn ma . - Grüaß Good , beinanda ! - Gibts noch a Platzerl oder zwee vielleicht ? « » Ah , der Bildlmacher ! « schrien da die Manner . » Freili gibts Platz ! Freili ! - Sitzts Enk nur eina ! « Und sie rückten ganz eng zusammen und schoben ihre Krüg und Gläser vor sich hin , indem sie sich neugierig über mich , das Baunzerl , hermachten : » Was habts denn da für ein ' dabei , Thomas ? - Wo habts denn dös Baunzerl aufklaubt ? - Is dös schon ein Sohn ? « Bis der alt Vater , der erst eine Weil schmunzelnd hingehört und sich seine Pfeif zugerichtet hatte , unwillig wurde und ihrem Gefrag wehrte : » Nur gmach , Leutln ; nur gmach ! - Nur nit so gach toa ! - Kimmt alls noch mit der Zeit ! « Dann ließ er sich einen Krug Bier bringen , hieß mich antrinken , fragte mich nach meinem Hunger und sagte , da ich nur nach einem Strohsack verlangte aus übergroßer Müdigkeit : » Hat wieder einmal einer d ' Augen größer ghabt wie ' s Maul ! - Mi dunkt , für heunt is dir d ' Welt scho groß gnug gwesen ! - Wirst nit gar z ' weit rumkommen , wann dir d ' Füaß nit länger wachsen , wähn i ! - Da darf unser Herrgott schon an Zaun rumsetzen um dös Fleckl , dös wo ' s du Welt heißst , damit daß d ' nit irr gehst auf deiner Wanderschaft ! - So , und jetzand gehst mit der Stasi auffi , na zoagt s ' dir dei ' Lagerstatt ! « Mußt also diese spöttische Red über mich ergehen lassen , darüber die Manner gar lustig lachten ; ich sagte aber nichts drauf , als : Guat Nacht beinand ! , und ging hinaus , fragte nach der Stasi und ließ mich von der feisten Kucheldirn mit den klappernden Holzpantoffeln und dem fettglänzenden Gesicht hinaufführen unters Dach , wo in einer niedern Kammer mit winzigen Guckfenstern etwan zehn Strohsäck auf dem Boden lagen , auf jedem ein dünner Hauptpolster und eine rauhe Zudeck ohne Federn . Wies mir also die Stasi den letzten Strohsack hinten im Eck an , wünschte mir eine glückhafte Nacht und ging . Da trat ich an eins der vereisten Fenster , öffnete es und tat noch einen Blick hinaus auf die hohen Giebel und schneebedeckten Dächer , schaute noch hinauf zu der hohen , dunklen Festung und zu dem stillen Nachthimmel mit seinen flimmernden Lichtern und legte mich darnach müd und ohne Nachdenken aufs Stroh , da ich alsdann nach wenig Augenblicken entschlief und keinen von den andern Nachtgästen mehr kommen hörte , als sie nach langer oder kurzer Weil ihren Tag endeten und sich hinlegten : der Lebzelter zum Seifensieder , der Leinweber zum Wurzenkramer , und der Holzschuhmacher zum Nagelschmied , ohne Brotneid und ohne Argwohn , auf Treu des Nachbars bauend und sein Handwerk achtend nach rechter Weis ; indes draußen der Nachtwächter durch die Gassen stapfte und sein Stundenlied sang , das ich aber erst vernahm , als er grad vor dem Wirtshaus die vierte Morgenstund anblies und dazu sang : » Hört , ihr Herrn , und laßt euch sagen : Unsre Glock hat vier geschlagen ! Vierfach ist das Ackerfeld , Mensch , wie ist dein Herz bestellt ? Auf ! Ermuntert eure Sinnen , Denn es weicht die Nacht von hinnen ! Danket Gott