komplizierten , gewundenen Kurven deutlich zu machen sein ? Wir sind wohl alle etwas einseitig . Ich will ja das Rechteckige garnicht ausschließen , bevorzuge allerdings auch immer nur die gekrümmte Linie . Doch so halsstarrig wie Peka bin ich nicht . Und deshalb fällt es mir garnicht ein , an der künstlerischen Zukunft der Pallasianer so zu verzweifeln wie der Peka . « Die suchenden Pallasianer fanden nun schließlich die Verschwundenen , als sie grade eifrig an ihrem Modell arbeiteten . Als Labu von Manesis Auflösung hörte , wurde er fast zornig und sagte : » Das ist doch wahrhaftig nicht vernünftig . Ich denke wahrlich nicht daran , zu verzagen . Und um das den Pallasianern zu beweisen , möchte ich mein Modell oben auf der Ampel anbringen - über der Mitte - frei schwebend - nur von Stricken gehalten . Da soll man sehen , daß ich nicht wie Peka und Manesi bin . Ich verzage nicht so leicht . Wenn der Turm fertig ist , kommen auch andre Zeiten . Und da wird man abermals der Kunst , wenn man sie jetzt auch noch immer in die Ecke stellt , ein neues Rückgrat verschaffen . Nun handelt sichs nur darum , das etwas schwere Modell hinaufzutragen . « Die Pallasianer freuten sich über diese Rede des lebensfrohen Labu außerordentlich und wollten gleich ein paar hundert andre Pallasianer veranlassen , das Hinauftragen des Modells nach Kräften zu fördern . Und es kamen auch achtzig hilfsbereite Freunde des Labu unten in seinem großen Atelier an . Man brachte das Modell mit Rädern auf Eisenschienen hinaus , löste ein paar Magnetbahnen auf , knüpfte das Modell an die dadurch frei gewordenen Seile und zog an diesen den kleinen Trichterstern durch das Centralloch durch - so , daß er nicht an die Wände des großen Pallas herankommen konnte . Und dann stieg die schwere Steinmasse - von mehreren Seiten an den Seilen in der Mitte gehalten - nach oben empor , ohne daß man weitere Mühe hatte . Oben auf der Ampel wurde das Modell frei schwebend angebracht - nur durch ein paar Seile gehalten , daß es nicht höher steigen konnte . Das Attraktionscentrum rückte zeitweise immer höher hinauf . Doch dann sank es auch wieder mehr hinunter , sodaß man die Ampel zuweilen wieder hängend sah wie am Anfange , als sie angehängt wurde - in diesem Falle mußte das Modell durch Stangen gestützt werden . Labus Modell machte aber wenig Eindruck auf die oben befindlichen Pallasianer - die dachten fast alle nur an die große Lichtwolke . Die große Lichtwolke veränderte sich , als das nächste Stockwerk der Laterne fertig in die Höhe gerichtet dastand . Jetzt ragte der Turm schon neun Meilen hoch auf . Seine Spitze war von der Wolke nur noch sechstausendundfünfundfünfzig Meter entfernt . Es schien so , als würde die Wolke ganz unruhig , am Tage zeigte sie oft schwarze Flecke , und des Nachts wurde sie immer breiter . Und eines Abends kam sie nicht mehr hinunter wie sonst . Die Wolke wurde dunkel , breitete sich aber plötzlich nach allen Seiten aus - wie ein flacher Teller . Man erschrak . Alle glaubten , jetzt würde gleich etwas Fürchterliches geschehen . Eine Nacht gabs auf dem Pallas , in der alle Sterne zu sehen blieben - grün funkelten sie am violetten Himmel . Die Sonne leuchtete so hell , daß eine Dämmerungsstimmung entstand , in der die vielen elektrischen Lampen und die Lichttürme des Pallas - besonders der große - sehr seltsam und geheimnisvoll wirkten . Eine derartige Zwielichtbeleuchtung war den Pallasianern ganz neu . Um Labus Modell kümmerte sich nun Niemand mehr - selbst Labu selber nicht . Als sich die Wolke dann gegen Morgen wieder zusammenzog , wurde sie allmählich wieder hell und leuchtete wie sonst . Alle Pallasianer hatten in dieser seltsamen Dämmerungsnacht nicht geschlafen . Jetzt aber wurden sie müde und suchten die Pilzwiesen auf - besonders die in den dunkeln Höhlen , wo das Tageslicht nicht hinkonnte . In der nächsten Nacht schwebte neben dem Pallas - ganz in dessen Nähe - ein seltsamer Asteroïd vorüber . Der hatte an der Seite , die er dem Pallas zukehrte , einen zwei Meilen langen , ganz glatten Metallspiegel . In diesem Metallspiegel spiegelte sich der ganze Pallas - und da sah man erst , wie magisch und geheimnisvoll der große Lichtturm mit seiner hohen Laterne wirkte . Alle Pallasianer waren entzückt und gaben dem Spiegelstern Zeichen mit Scheinwerfern . Auf dem Spiegelstern sah man danach plötzlich ebenfalls eine Menge Scheinwerfer hervorbrechen . Und der Spiegel wurde dabei karminrot . Da veränderten die Pallasianer alle Farben in ihren Lichttürmen durch anders gefärbte Hautstreifen . Und gleichzeitig geschah das auch auf dem Spiegelstern . Biba wollte eine Zeichensprache durch Scheinwerfer deutlich machen . Es gelang aber nicht . Der Spiegelstern entfernte sich und zeigte dabei eine andere Seite seines Sternkörpers , die so aussah wie ein Gewirre von unzähligen bunten glitzernden Schlangen . Nun dachte man daran , das nächste Stockwerk anzusetzen . Doch Dex und Nuse wurden ängstlich . Sofanti sagte : » Was dann geschieht , wenn die Stangen mit den Häuten die Wolke oben direkt berühren - das können wir nicht wissen . Ich glaube , die Wolke wird sich dann ganz und gar auseinandertun . Wir stehen jedenfalls von dem größten Ereignis unsres Lebens . « » Es wäre « , fuhr er dann später fort , » doch wichtig , daß wir jetzt hörten , was Lesabéndio zu dem Ganzen sagt . « Lesabéndio aber schwieg . Biba kam nun in Lesabéndios Nähe und sagte leise : » Lesa , Du beunruhigst mich . Warum sprichst Du nicht ? Sollen wir weiterbauen ? Oder sollen wirs vorläufig lassen ? Du mußt Dich doch jetzt äußern . Deinetwegen ist doch der ganze Turm gebaut . Ich verstehe Dein Schweigen nicht . Sprich doch . Was fehlt Dir ? « Da sagte Lesa müde : » Quält mich doch nicht mit Fragen . Baut doch weiter . Es eilt . « Da baute man weiter . Zwanzigstes Kapitel Das letzte Stockwerk wird nach oben gebracht . Die letzten Vorbereitungen zu Lesabéndios Aufstieg werden getroffen . Lesa gibt dem Biba auf dem höchsten Balkon noch besondere Anweisungen . Als Lesa allein ist , beugt er sich noch einmal über den Balkonrand und sieht zum letzten Male lange Zeit hindurch in den Nordtrichter , in dem viele Gesteine sehr heftig funkeln , was am Tage noch niemals beobachtet wurde . Dann spricht Biba mit Lesa über eine spätere Verständigung und über die Zukunft des Asteroïdenrings und über die Vergangenheit des Pallas . Lesa wird wieder mutig und bleibt oben allein . Alle Pallasianer schlafen in dieser Nacht unten . Am nächsten Morgen soll das letzte Stockwerk aufgerichtet werden . Die letzten vierundvierzig Kaddimohnstahlstangen mit dem dazu gehörigen Hautmaterial wurden dann langsam von Stockwerk zu Stockwerk hinaufgezogen . Und man achtete darauf , daß das gleichmäßig geschah . Während aber die Arbeit der Maschinen ganz ruhig vor sich ging , entstand oben in der Laterne eine immer größere Aufregung ; das Durchstoßen der Wolke oben mußte in allernächster Zeit Klarheit schaffen . Alle Pallasianer glaubten , jetzt würde sehr bald das letzte Rätsel ihres Lebens gelöst werden . Ein Gespräch über künstlerische Angelegenheiten kam nicht mehr auf . Selbst Labu sprach nur noch von der Wirkung der letzten Stahlstangen , wenn sie einfach gleichzeitig oben in die leuchtende Wolke hineinstießen . Man wollte am frühen Morgen die große Tat zur Ausführung bringen . Daß Lesabéndio sehr bald nach Aufrichtung des letzten Stockwerkes den Versuch machen wollte , sich oben mit dem Kopfsystem des Pallas zu vereinigen - das war Allen bekannt . Und die meisten Pallasianer hielten diese letzte Tat Lesabéndios für den würdigen Abschluß des Turmbaus und für das Allerwichtigste bei diesem Turmbau . » Wenn dem Lesa das gelingt « , sagte Dex , » so ist die Zukunft unsres Lebens mehr oben im Kopf zu suchen als unten im Rumpf . « » Wenn es « , sagte Nuse , » dem Lesa gelingt , ist es aber noch nicht feststehend , daß es einem zweiten Pallasianer ebenfalls gelingt . « » Darüber brauchen wir noch nicht nachzudenken « , meinte dazu der Sofanti , » zunächst müssen wir wissen , wie wir den Lesa so hoch hinaufführen , daß er das , was er will , auch zur Tat machen kann . Ich habe deswegen an der Innenseite des letzten Stockwerks an allen vierundvierzig Stangen Räderwerke angebracht , die uns gestatten , das ganz oben befindliche , horizontal angebrachte , schützende Hautstück in ein paar Sekunden zur allerhöchsten Spitze des Turms hinaufzuschieben . Es ist alles vorbereitet . Aber es scheint mir vorsichtig zu sein , wenn wir noch ein oder zwei solche Hautstücke dem ersten nachsenden , wenn das erste zerreißen sollte . Hiermit müssen wir rechnen . « Und nach kurzer Beratung beschloß man , noch drei weitere , horizontal abdachende Hautstücke hinter dem ersten aufzuspannen . » Ich habe noch soviel Haut ! « sagte Sofanti . Und die drei Hautstücke wurden bald hinaufgeschafft und hintereinander in einer Entfernung von je dreihundert Metern unter dem obersten aufgespannt . Leicht auflösbare Klapplöcher befanden sich in jedem dieser Dachhautstücke . Als nun die letzten Hautstücke langsam eines Morgens oben an der Laterne höher stiegen , saß Lesabéndio mit Biba zusammen außen am untern Rande des vorletzten Stockwerks auf einem der breiten , weit vorspringenden Balkons . Und die Beiden blickten nachdenklich in den violetten Himmel und in die grünen Sterne . Die Kopfhaut schützte die Beiden wie ein aufgespannter Schirm vor den blendenden Strahlen der Lichtwolke , die oben jetzt immer sehr heftig leuchtete , obschon sie öfters große schwarze Flecke zeigte , als wollte sie demnächst auseinandergehn . Lesa sagte langsam : » Ich traue meinen Kräften nicht so recht . Könntest Du nicht den Sofanti fragen , ob er das vorletzte Dachstück nicht so behandeln könnte , daß es , in der Mitte heruntergezogen und dann nachher losgeschnellt , so wie ein Sprungtuch für mich wirkt ? Ich möchte zwischen den obersten beiden Dachhäuten allein sein und schließlich das oberste in der Mitte aufreißen , rasch auf dem vorletzten ganz hinaufkommen , plötzlich zurückgezogen und dann hinaufgeschnellt werden . Ich denke , daß ich so hoch genug komme . « Biba versprach , den Sofanti zu verständigen , und eilte auf der nächsten Bandbahn davon . Lesa saß allein und sah traurig in die Sternenwelt hinein . Plötzlich durchzuckte ihn ein Gedanke : er wollte noch ein Mal den Nordtrichter sehen . Und er sprang mit einem Satz zum äußersten Rande des Balkons , hielt sich mit dem Saugfuß fest und beugte sich hinüber und blickte hinab in die Tiefe . Er sah , wie die letzten Stangen an der Laterne langsam gleichmäßig hinaufstiegen . Und unten in der Tiefe des Nordtrichters sah er ein Funkeln in den Steinen , das er noch niemals dort gesehen . Aber die Berge des Trichterrandes waren so fern , daß er seine Teleskopaugen ganz weit ausstrecken mußte , um noch ein Mal alles ganz deutlich zu sehen - Pekas Steinfundamente besonders - und auch die Nuse-Türme . Es war da unten alles ganz hell und ganz still ; kein Pallasianer schwebte da unten herum . Fast dreißig Meilen gings bis zum Centrum hinunter . Die Manesi-Ampel konnte Lesa nicht sehen - und er bedauerte das . Und dabei mußte er sehr lebhaft an den Manesi denken , und er sah einige Ranken der Manesi-Ampel langsam unten an den Stricken , die zum Turm führten , hin und her schwanken . » Es wäre wunderbar « , sagte er leise , » wenn an allen Turmstangen solche Manesi-Ranken hin und her schwanken könnten . Vielleicht sind wir doch zu hastig gewesen . Doch wir konnten ja nicht anders . Wir mußten doch erst hinaufkommen . « Da sah der Lesa , daß sich das Funkeln in den Tiefen des Nordtrichters weiter hinaufzog . Und plötzlich funkelte es an so vielen Stellen im ganzen Nordtrichter , daß Lesa seine Teleskopaugen zurückziehen mußte ; er konnte den neuen Glanz nicht ertragen . Als Lesa wieder die Augen langsam vergrößerte , sah er das Funkeln nicht mehr . Alles lag unten in der schauerlichen Tiefe still und feierlich da . Die weißen und blauen Felsen im oberen Teile des Trichters leuchteten ganz hell . » Wie ruhig da unten Alles leuchtet ! « sagte Lesa leise . Als Biba zurückkam , blickte Lesa immer noch weit vorgebeugt am Balkonrande hinunter - in den großen Nordtrichter des Pallasrumpfes hinein . Lesa merkte , daß Biba wieder da war ; Biba lächelte und sagte sanft : » Du nahmst Abschied ! « Lesa kam wieder zur Laternenwand . Und dann saßen die Beiden stumm nebeneinander . Biba sagte : » Sofanti macht alles so , wie Du es wolltest . Die Stangen werden noch vor Einbruch der Dunkelheit oben sein . Und morgen früh können die Stangen mit den Häuten aufgerichtet werden . Die Häute sind jetzt derartig an den Stangen befestigt , daß sie sich oben sofort zusammenschließen , ohne daß weitere Arbeit notwendig ist . « » Ich danke Dir ! « sagte Lesa , » ich fühle mich ganz wohl , obschon so viele Teile meines Körpers durchsichtig werden . Nur sehr kräftig fühlt sich mein Körper nicht . « Biba richtete sich dreißig Meter hoch auf und rief : » Ich glaube : ich fühle , was Du bald fühlen wirst . « Dann wurde er wieder so klein wie Lesa , und dieser sagte langsam : » Wenn ich nun dort oben weiterlebe , so will ich Dir ein Zeichen geben . Sei immer mitten auf der Ampel , wenn der Abend naht . Doch nein ! Es ist ja garnicht wahrscheinlich , daß Nacht und Tag auch weiter auf dem Pallas wechselt wie bisher . Sei in Deinem Atelier - am Außenrande des Pallas - so oft Du kannst . Und ich werde versuchen , Dir meine Nähe anzuzeigen durch leise zitternde Töne . « Biba nickte . » Es ist vielleicht « , fuhr Lesa fort , » alles , was wir von dem Großen da oben gesprochen haben , ganz und gar falsch . Ich habe das Gefühl , daß alles ganz anders aussieht , wenn ich es oben - selbst vollständig verändert - durchschauen kann . Vielleicht ist es mir auch dort noch garnicht möglich , mehr von unserm Planetensystem zu durchschauen als hier . Ich glaube doch , daß die Welt so großartig ist , daß auch die Sterne ihre Großartigkeit noch garnicht erfassen können . Wir kommen wohl immer weiter - und sie , die Größeren , kommen auch immer weiter . Aber auch in der Erkenntnis kommen wir nicht an ein Ende . Die Welt , in der wir leben , ist in allen Beziehungen so , daß alles ins Unendliche führt und nicht zu einem Schluß . Das darf uns ja nicht traurig machen . Im Gegenteil ! Gäbe es eine endgültige Lösung aller Rätsel , so könnten wir ja nicht mehr weiter . « » Ja « , erwiderte Biba , » glaubst Du nun aber , daß ein Zusammenschluß der vielen Asteroïden möglich ist ? Sie sind ja alle so verschieden voneinander , daß man daran wohl zweifeln kann . « » Das « , erwiderte der Lesa , » habe ich mir auch schon öfters gesagt . Aber warum sollen denn nicht die Verschiedenartigsten zusammenkommen ? Wenn ich bedenke , daß ich mit einem großen Kometensystem zusammenkommen kann - so können doch auch die vielen Asteroïden sehr wohl zusammenkommen , denn sie sind voneinander lange nicht so verschieden - wie ich von dem großen Kometensystem oben verschieden bin . Ich muß Dir allerdings gestehen , daß diese kolossale Verschiedenartigkeit zwischen mir und dem Großen da oben mich doch immer wieder mutlos macht . Ich wage beinahe nicht mehr , das zu tun , was ich wollte - und was Ihr jetzt alle auch von mir wollt . « » Was ist kühn ? « versetzte Biba hart , » ich möchte mich mit der Sonne vereinigen . Ist das nicht noch kühner als das , was Du vorhast ? Allerdings - heute und morgen will ich das noch nicht . Ich denke nur , daß ich allmählich immer reifer werden könnte . Ich habe Dich bisher Deines Mutes wegen so viele Male bewundert . Ich glaube , daß der Mutigste das größte Glück haben wird . Bleibe Dir treu , damit ich Dir auch treu bleiben kann . « » Aber « , sagte nun Lesa , » ich will garnicht mehr das größte Glück . Es gibt ja doch noch immer ein größeres . Ich denke garnicht mehr daran , daß ich selbst etwas will . Ich werde von einem starken Luftzuge weitergetragen . Ich kann garnicht mehr so , wie ich selber will . Ich muß so tun , wie der Luftzug es will . Aber ich frage mich , ob ich auch würdig bin , so von dem großen Luftzuge mit fortgerissen zu werden . Ich komme mir nicht so groß vor . Das ist es . Und ich bin traurig , daß ich nicht mehr so stürmisch weiterkann wie einst . Und ich fürchte , daß ich meine Schwäche verschuldet haben könnte durch nicht genügende Konzentration meines ganzen Wesens . Wie oft schweiften meine Gedanken ab und nahmen einen ganz gewöhnlichen Flug - dachten an Kleinigkeiten und unbedeutende Verhältnisse . Das macht mich traurig . Ich war nicht immer so ganz von Ehrfurcht vor dem Großen angefüllt - wie ichs stets hätte sein sollen . « » Es soll « , sagte Biba , » doch wohl auch Ruhepausen geben . Wir dürfen uns nicht zu heftig anstrengen . Wir müssen doch auch mit unsern Kräften Maß halten . « » Vielleicht « , versetzte Lesa rasch , » ging es dem Stern , den wir Pallasrumpf nennen , mal auch so . Und vielleicht kam dann das kometarische Kopfsystem und erweckte langsam wieder den sogenannten Sternenrumpf . Und darum mußten wir den Turm bauen . « » Ich glaube « , versetzte Biba rasch , » daß es wirklich so ist . Und deshalb kannst Du ruhig wieder Mut fassen . « » Ich wills versuchen « , sagte Lesa . Und dann saßen die Beiden still da , und Biba legte seine rechte Hand in Lesas Linke und drückte die Hand . Als es Nacht wurde , waren die letzten vierundvierzig Stangen allesamt ganz hoch oben . Und die große Laterne leuchtete in die Nacht hinein . Und Lesa bat den Biba , dafür zu sorgen , daß alle Pallasianer unten in dieser Nacht schliefen - damit sie frisch sein könnten am großen Morgen . Und man tat , wie Lesa wollte . Nur Sofanti blieb bei dem Lesa und öffnete ihm die Klapptüren , sodaß er in die oberste Kammer kommen konnte . » Darf ich nicht bei Dir bleiben ? « fragte der Sofanti darauf . Aber Lesa sagte still : » Laß mich jetzt allein . Und morgen früh leiste mir den letzten Dienst . Ich muß mich sammeln . Ihr werdet hören von mir - durch Biba - wenn ich mich hörbar machen kann . Das weiß ich ja noch nicht . « Da strich Sofanti sanft über Lesas Kopfhaut und ließ ihn allein und begab sich auch nach unten auf die große Ampel , wo er bald einschlief - denn er hatte in der letzten Zeit mehr gearbeitet als alle andern Pallasianer . Einundzwanzigstes Kapitel Lesabéndio ist oben in seiner einsamen Kammer und bereitet sich auf das Kommende vor . Er verliert schließlich alle Furcht und findet alles , wies auch kommen mag , nicht mehr furchtbar - auch die gänzliche Vernichtung nicht . Dann wird das letzte Stockwerk am nächsten Morgen aufgerichtet , während alle Pallasianer lautlos zusehen . Mit der Lichtwolke gehen die kolossalsten Veränderungen vor . Sie zerreißt schließlich in der Mitte , und gelbe Lichtschlangen werden sichtbar , in denen Lesabéndio verschwindet . In einer seltsamen Kammer war der Lesa . Hundert Meter war sie hoch . Von vierundvierzig Wänden war sie fast kreisförmig umschlossen - ganz regelmäßig . Boden und Decke waren ganz glatt . Und alles bestand aus bunten Häuten . Vor den vierundvierzig Wänden sah man Tausende von elektrischen Lichtern in die Nacht hinausstrahlen . Auch nach innen waren sie von bunten Häuten verdeckt , sodaß auch innen alles ganz bunt leuchtete . Aber ganz kahl sah der große bunte Raum aus . Und es war einsam hier . Lesa saß auf dem Boden in der Mitte - vornüber gebeugt und ganz klein . Er blickte scheu umher und empfand das Kahle und Einsame des Raumes und wollte sich zerstreuen ; er wollte lesen und tastete nervös mit den Fingern seiner feinen rechten Hand an seinem Halse herum - und er fand sein Halsband nicht . » Ach so ! « sagte er leise nach einer guten Weile , » das Halsband hab ich ja nicht mehr , das hab ich ja dem Biba geschenkt . Es ist das Einzige , was ich unten auf dem sogenannten Pallas-Rumpf zurücklasse . Peka ließ mehr zurück - große Ateliers und große Fundamente und ein großes Modell . « Und nun war dem Lesa plötzlich , als wäre er nicht mehr allein ; es ging ein so feines Surren durch den Raum . » Bist Du es , Peka ? « fragte er laut . Und ihm war dabei so , als würde er etwas höher gehoben ; er fühlte an seinem Saugfuß den Boden nicht mehr . Und an seiner Kopfhaut fühlte er prickelnde Zweige , und er rief plötzlich : » Bist Du auch da , Manesi ? « Doch da ward es ganz still . Die vielen elektrischen Lampen leuchteten wie vordem , und er fühlte wieder die Bodenhaut unter seinem Saugfuß . » Die Rätsel des Lebens « , sagte er mit harter Stimme und nach oben gerichtetem Gesicht , » kann man wohl sehr ernst nehmen . Es ist aber wohl nicht nötig , wenn man sie immerzu sehr ernst nimmt . Man kann sie auch mal sehr lustig nehmen . Dadurch werden sie ganz bestimmt nicht unbedeutender . Es ist wohl nicht nötig , immer sehr ernst zu sein . Und grade , wenn man Abschied nimmt von alten Zuständen , dann könnte man wohl ganz besonders lustig sein . Jedenfalls wird die Veränderung der Lebensform doch einige Rätsel lösen . Und das kann uns doch ganz heiter stimmen . Man könnte sogar lachen , daß man so voll Bangen ist - da man nicht weiß , wie es kommen wird - ob es enden wird oder nicht . Daß man das nicht weiß - das ist doch nicht traurig . Man könnte darüber auch lachen . « Er lachte aber nicht . Er befühlte seine durchsichtigen Hände . Er dachte an die große Sonne und an das gewaltige Planetensystem und an den Asteroïdenring . » Wenn ich das könnte ! « rief er plötzlich begeistert , » die vielen Asteroïden , die so verschieden voneinander sind , einander zu nähern ! Wenn ich das könnte ! Oben ! Aber - weiß ich , ob ich oben noch weiß , daß ich jemals etwas wollte ? Wenn nun oben Alles zu Ende geht mit mir - dann lebe ich nicht mehr - empfinde nichts mehr von der Sonne und ihren Bewunderern . Dann ist Alles aus . Ist das traurig ? Ist das zu beklagen , wenns mit mir kleinem Wurm für immer zu Ende ist ? Muß ich nicht froh sein , daß es mir mal vergönnt war , hineinzublicken in ein großes Weltgetriebe , das viel größer ist als alles Andere , das mir nahe kam ? Und - kanns mir nicht gleich sein , wies kommt ? Wenn in ein paar Stunden alles aus ist - so kann doch ich nicht dafür . Warum bin ich traurig , wenn ich denke , daß alles aus sein könnte - da oben ? « Er breitete beide Arme weit aus und reckte sich hoch auf - so hoch er konnte - vierzig Meter hoch . Und er blickte hinauf zur Decke und schrie : » Ich weiß nicht , ob ich noch etwas erleben werde . Aber darum bin ich nicht traurig . Ich will lachen . « Er lachte aber abermals nicht . Langsam wurde Lesa wieder kleiner . Und als er ganz klein geworden , lächelte er und sagte : » Daß ich wieder klein wurde , finde ich so lustig . Vielleicht werde ich so klein oben wie ein Quikkoïaner . Und die sind immer lustig . Sie freuen sich , solange sie sich freuen können . Warum soll ich mich nicht auch freuen ? Und wenn ich noch viel kleiner würde , - ich würde mich auch freuen . Wenn nur das Große groß bleibt . Und das bleibt doch groß . Der unendliche Raum kann nicht so klein werden wie ein Punkt . Ich aber kanns . Und daß ich das kann , ist auch etwas Großes . Jetzt muß ich doch lachen . « Und er lachte ganz leise ein wenig . Und dann lachte er immer mehr und immer lauter . Und er lachte so laut , daß die vierundvierzig Wände zitterten . Und er bemerkte das . Und er lachte noch einmal laut auf und war dann ganz still . Da wars ihm so , als hörte er an allen Ecken und Enden immerzu leise lachen und kichern , und er rief : » Warum lacht Ihr auch ? Lacht Ihr über mich ? « Er horchte . Doch jetzt hörte er nichts mehr . Schon lange vor Anbruch des großen Morgens waren alle Pallasianer wieder hoch oben in der Turmlaterne . Und alle hatten dunkle durchsichtige Hautlappen oben an der Kopfhaut befestigt , sodaß sie die Teleskopaugen vor dem Glanz der Lichtwolke schützen konnten ; während die Kopfhaut die Augen seitlich schützte , verdunkelten vorn angeheftete dunkle durchsichtige Hautstücke das grelle Licht der Wolke . Als nun die Wolke sich nach oben zog und oben wieder zu blenden begann , begaben sich alle auf die obersten Balkons des Turms , und die Stangen des letzten Stockwerks drehten sich langsam mit ihren Hautstücken ganz gleichförmig nach oben , sodaß die Stangenspitzen einen Halbkreis beschrieben . Nur Sofanti befand sich mit einigen Freunden im Innern der Laterne , um die Haut , auf der Lesabéndio saß , in der Mitte rechtzeitig zurückziehen zu können . Das ganze oberste Stockwerk mußte auch im Innern nach oben befördert werden . Sobald es oben angekommen war , riß durch einen einfachen Mechanismus die Decke in dem Raume , in dem der Lesa saß , auseinander , sodaß dieser von seiner Bodenhaut aus wie von einem Sprungtuch aus in die Höhe geschnellt werden konnte . Alles war sorgfältig vorbereitet . Das Funktionieren der mechanisch arbeitenden Wandrollen hatte man schon in den unteren Stockwerken ausgeprüft , sodaß alles im richtigen Momente klappen mußte . Keiner sprach oben ein Wort . Draußen sah man lautlos zu , wie sich die Stangen langsam und bedächtig gleichmäßig nach oben drehten . Auch Sofanti mit seinen Leuten im Innern schwieg . Und von Lesa war nichts zu hören . Als nun die Stangen immer höher kamen , sah man , daß die Wolke immer unruhiger wurde ; große schwarze und graue Flecke bildeten sich in der leuchtenden Masse , und sie wurde am Rande , der sonst kreisförmig wirkte , unregelmäßig . Dann bildeten sich elektrische Wirbel in den schwarzen und grauen Flecken . Die Wirbel rollten sich spiralförmig zusammen und sandten zuckende Wirbelblitze herum . Danach erschienen am Rande große blaue , rote und grüne Kugeln , die sich fabelhaft schnell drehten und sich oben abplatteten , sodaß viele fast zu Scheiben wurden . Die Erregung der Pallasianer stieg von Sekunde zu Sekunde . Und die Stangen kamen immer höher . Die schwarzen Flecke in der Lichtscheibe wurden plötzlich dunkelviolett , und die grauen Flecke wurden hellbraun . Und nun wurden die Flecke immer größer , sodaß die Wolke schließlich nur noch ein seltsames Licht ausströmte , das sich aus Hellbraun und Dunkelviolett zusammenmischte . Violette zitternde Scheinwerfer - wie Kometenschweife - schlugen nach unten und umzitterten die Spitzen der Stangen , die immer höher kamen . Lesabéndio sah von alledem nichts . Er saß ganz still . Und es wurde ganz finster in seiner Kammer . Er versuchte mehrmals , sich aufzurecken . Aber er fiel immer wieder kraftlos zurück . Er blickte jetzt nach oben und sah , daß die Decke seiner Kammer dunkelviolett leuchtete - bald heller und bald dunkler . Dann entstand draußen ein furchtbares Geschrei . Die Spitzen der Stangen berührten die Wolke , und die Wolke begann zu zittern . Ein furchtbarer Donner wurde hörbar . Und die ganze Wolke begann , an den Rändern zu blitzen . Danach gab es einen Knall . Und die Mitte der Wolke , die ganz dunkelviolett leuchtete , bekam plötzlich einen Riß , der gelb aussah und unregelmäßig wurde . Gleichzeitig berührten die Spitzen der Stangen den violetten Teil der Wolke , und diese fing an , sich zu heben und zu senken - und dann immerzu auf und ab zu flattern . Lesa fühlte plötzlich , daß neue Kräfte in ihm wuchsen - er konnte sich aufrecken - immer wieder noch ein Mal - und schließlich ganz hoch - fast fünfzig Meter hoch . Und er wollte springen . Dann entstanden in der Mitte der Wolke immer mehr Risse . Das Gelbe sandte mächtig glänzende Strahlen aus . Und