halten , wollte mal eine Runde für allemann ausgeben , wollte mal mit den Mädchen linksum tanzen und sie in der Nacht nach Hause bringen , die erdbeerseuten Deerns , und nun wurde wieder nichts daraus . Er mochte es Klaus Mewes nur nicht antun , der einen so treuen und fixen Jungen nicht wieder bekäme : sonst hätte er sich mit Trommeln und Pfeifen aufgesagt , jawoll , Klaus Mewes ! Gesa war ruhiger geworden : sie konnte den beiden lachenden Klaus Mewes auf die Dauer doch nicht grollen , wenn sich ihr Herz auch zusammenzog und sie mit Grauen an die einsame Zeit dachte , die vor ihr lag . Auch wollte sie vor ihrem sonnensicheren Mann nicht mehr klein und verzagt stehen . So half sie eifrig bei der Ausrüstung des Fahrzeuges und suchte die Sachen für den Jungen her , wobei sie sogar wieder zu ihrer angeborenen Heiterkeit kam . Was packte sie nicht alles ein , was machte sie nicht alles zurecht , was suchte sie nicht alles her ! Es war , wie Klaus scherzend sagte : als wenn Störtebeker auf Lebenszeit nach Amerika auswandern oder als wenn er eine Nordpolexpedition mitmachen wolle . Strümpfe und Socken , wollene Jacken , Rümpfe und Buscherumpen , Halstücher , Handschuhe und Taschentücher , Mützen und Hüte , Unterhosen und Pulswärmer : ganze Beutel voll standen auf der Diele in der Reihe , rein gefährlich anzusehen ! Gesa ging dabei nach dem Grundsatz der Fischerfrauen , der da hieß : Upt Woter ist jümmer kold - und kehrte alle Schiebladen um . Seife und Kamm , Heftpflaster und Hamburger Tropfen , Scharpie und Verbandsleinen , alles gehörte dazu . Klaus Mewes überholte unterdessen die Räucherkammer und musterte einen Schinken , eine Seite Specks und eine erkleckliche Anzahl von Mettwürsten an , indem er sie von der Leine schnitt . Störtebeker barg das Hütfaß und stellte die Bungen auf den Schauerboden , die er den Bauernknechten wieder weggeholt hatte . Dann schleppte er den Kaninchenkoben auf den Deich , denn er wollte sein Viehwerk mit an Bord haben , auch seine Krähe , aber da kam Kap Horn und redete es ihm aus : sie hätten für die Munkis kein Futter , und Kluß könne sich ja doch nicht mit Seemann vertragen . Störtebeker sah es ein und kantete den Stall wieder über die Wurt , er konnte sich aber nicht enthalten , vorwurfsvoll zu sagen : » Du hest mi ober sülben seggt , wat ji up grote Scheep Swien un Kninken an Burd hatt hebbt . « » Jo , op grote Scheep « , sagte Kap Horn , » dat is ok wat anners ! « » So ? Fischereber is ok een grot Schipp « , rief Störtebeker patzig . Nach Mittag mußte er mit Hein den Deich entlang , mit der Karre , und Brot und Mehl holen , Pflaumen und Erbsen , Graupen und Bohnen , Zucker und Kaffee . Er hatte seine Siebenmeilenstiefel an und konnte nur langsam vorwärts kommen , dennoch erregte er Aufsehen genug am Deich und wurde von allen Seiten gefragt , ob er nun mit an Bord komme . Und wenn er bejaht hatte , dann sagten sie , er solle bloß nicht seekrank werden , solle kein Heimweh kriegen und solle aufpassen , daß er nicht über Bord falle . War er aber vorbei , so hieß es bei den Alten : » Sien Vadder is verrückt : wat schall dat Gör all up See ? « Der Krämer , ein Schelm , schenkte ihm einen langen Bindfaden . » Wat schall dat denn ? « fragte Störtebeker verwundert . » Och , nehm man mit ! Is god för de Fohrt ! « » Neem to ? « » Kumm , dat segg ik di int Uhr « , raunte der Krämer und flüsterte : » Dor bindst du di de Been mit to , Störtebeker : du deist de Büx jo doch vull , wenn ji up See sünd . « Da warf der Junge den Bindfaden auf die Toonbank und sagte , ihm könne sowas nicht passieren . Sie wurden bis Hochwasser doch noch nicht ganz fertig und verschoben die Abfahrt deshalb auf den andern Tag . Störtebeker mißtraute der Sache , er fürchtete , daß sein Vater ihm auskneifen wolle , und horchte in der Nacht alle Augenblicke , ob sich in der Schlafkammer auch etwas rege . Als er schließlich die Augen nicht mehr offen halten konnte , zog er leise seines Vaters Strümpfe vom Stuhl und steckte sie bei sich unter die Decke mit dem Gedanken : Nu will ik ' t woll hürn , wenn du upsteihst ! Der andere Morgen verging rasch . Störtebeker fuhr ununterbrochen zwischen Bollwerk und Ewer hin und her und brachte alle Beutel und Packen , alle Brote und Würste , alle Kruken mit Weißsauer und Schwarzsauer sicher an Bord . Es war zu verwundern , daß er sich nicht in Brand lief . Als der Flutstrom nachließ , war es soweit , daß sie an Bord mußten . Der Abschied nahte . Gesa mußte ihrem Jungen die Hand geben : sie tat es scheinbar ruhig ! Er sprang vor Freude , daß es nun wirklich und dreihaftig losgehen sollte , und versprach alles , was sie von ihm verlangte : sich nicht zu erkälten , nicht seekrank zu werden , nicht zu weinen , nicht über Bord zu fallen , nicht in die Wanten zu klettern , sich nicht von den Fischen beißen zu lassen und gesund zu bleiben . Er hätte in diesem Augenblick noch viel mehr versprochen , dann aber drängte er zur Abfahrt , stiefelte den Deich hinunter und rief seinen Vater , der in der Stube lachenden Mundes Adjüst sagte und seine schöne Frau küßte , bis sie sich ihm verwirrt entzog . Der Kahn mußte mit , Störtebeker sagte , sonst gingen die Jungens ihm damit durch die Binsen , und Klaus Mewes war es zufrieden , denn der leichte Kahn war eher vom Deck zu werfen als das schwere Boot und mochte ihnen in den Häfen ganz gut zu paß kommen . Adjüst ! Adjüst ! Adjüst ! Sie winkten und stießen vom Bollwerk ab . Seemann stand auf der Ducht und bellte zu Gesa hinüber , die auf dem Deich stand , als wenn auch er Adjüst sagen wolle . Der Ewer entfaltete seine Segel , wie ein Schmetterling seine Flügel , der Anker wurde aufgehievt , wobei Kap Horn nach Matrosenbrauch sang , dann schwoite das Fahrzeug herum , die Lappen fielen voll , - langsam zog es davon und segelte in einem großen Gange westwärts . Gesa winkte noch mal , Klaus Mewes und Störtebeker winkten vom Ruder , Seemann bellte . Da holte Kap Horn schnell seine Harmonika , die geliebte , aus der Koje und spielte : Auf , Matrosen , die Anker gelichtet ... Hell klang es nach dem Deich hinüber , aber Gesa stimmte es doch so wehmütig , daß sie , die sich bisher tapfer gehalten hatte , ins Haus gehen und weinen mußte . So trat Störtebeker seine Seefahrt an , mit seinem Vater am Ruder und bei Sonnenschein auf dem Wasser , unter dem Harmonikaspiel von Kap Horn und dem Gebell von Seemann . Fahr wohl , Störtebeker ! Zehnter Stremel . Nun wölbt euch , große , braune Segel , nun knarrt , ihr Gaffeln , schlagt , ihr Schoten , tanz , Flögel ! Wind mußt wehen , du Sonne mußt lachen , du Wasser mußt blinken , auf daß die Freude in Klaus Störtebekers Herz komme und er die Fahrt lieb gewinne , auf daß er ein Fahrensmann werde ! Daß er sich dem Kampf mit der See zuschwöre wie der Knabe Hannibal dem Kampf mit Rom , daß er auch dann zur See gehe , wenn sein Vater etwa vorzeitig bleiben sollte und seine Mutter einen Landmann aus ihm zu machen gedächte ! Denn navigare necesse est - Seefahrt ist not , und bitter not ist es , daß das Lachen von Klaus Mewes nicht von der See gehe ! * * * Sie hatten Nordwestwind und mußten kreuzen . Hinter dem Schweinesand , dwars von Wittenbergen , füllten sie das Wasserfaß mit frischem Elbwasser , wobei Störtebeker fleißig half , denn er konnte auch schon eine Pütze tragen . Bisher hatten sie nur die drei großen Segel stehen gehabt , nun setzten sie noch den Klüver , das Toppsegel und den Nackenhut auf , um bessere Fahrt zu machen . Dann nahmen sie das Boot aus dem Wasser und setzten es auf die Luken unter den Giekbaum . Auch Störtebekers Kahn wurde aufgehievt : der bekam seinen Platz unter den Luken an Backbord . Hein Mück verstaute den Proviant in die verschiedenen Schappen . Es gab Enden aufzuschießen , sie hatten zu pumpen , das Deck zu schrubben und zu dweilen . Schließlich aber war alles getan bis auf die Fahrt , bis auf das Segeln , bis auf das Kreuzen . Kap Horn legte sich zu Koje , weil er die Nachtwache bekommen sollte . Da stand denn Klaus Mewes am Ruder , und Hein Mück hockte vorn auf Deck , putzte den Kessel und die Gabeln und Messer und bediente die Fock , wenn der Ewer über Stag ging . Störtebeker saß auf den Luken . Seemann hatte den struppigen Kopf auf seinen Schoß gelegt und schlief . Er guckte nach dem Großsegel hinauf , das ihm so hoch , so hoch vorkam , daß er sich immer wieder wundern mußte . » Dat reckt bit inne Wulken , Vadder « , sagte er , » uns Karkturn is nix dorgegen . « » Ree « , rief sein Vater , wenn sie die Grenze des Fahrwassers erreicht hatten , und warf das Ruder herum , daß der Ewer gewaltig aufluvte und in den Wind schoß . Dann sprang Hein Mück auf und hielt die heftig schlagende , rein wild werdende Fock luvwärts fest . Das Großsegel schüttelte sich wie unwillig und haute erregt mit den Schotenblöcken , daß das Deck erzitterte , dann aber war der Ewer herum , die Segel fielen von der andern Seite voll , und der neue Streek begann . » Gohn ! « scholl es über Deck , Hein Mück löste das Tau und gab dem Block einen Fußtritt , daß die Fock nach Lee schlug , wo sie wieder festgebunden wurde . So ging es die ganze Tide . Hinter und vor ihnen waren viele Finkenwärder und Blankeneser unter Segeln , aber der Laertes , der gut kreuzte , blieb doch vorn und ließ sich nicht überholen . So kreuzten sie gegen den allmählich stärker werdenden Nordwest , und Klaus Mewes wies seinem Jungen die Schiffe und Baken , die Tonnen und Feuertürme , die Deiche und Kirchtürme , er erklärte ihm Flaggen und Segel , er zeigte ihm wieder die Windmühlen des alten Landes , die Berghäuser von Blankenese ( » dat de dor ne dolpurzelt ! « sagte der Junge , als er sie in der Nähe sah ) , den Hahnöfersand mit den Krähennestern , den Lühdeich mit den vielen Kirschbäumen , die roten Dächer von Wedel , das Schulauer Feuerschiff , das Wrack beim Hungrigen Wolf , von dem nur noch die Masten und ein Stück vom Steven aus dem Wasser guckten , Juels mit der weißen Bake , Brunshausen mit einem löschenden Neuyorker Dampfer und die Türme von Stade . Störtebeker nahm alles auf und fragte nach allem , aber das Beste war ihm doch der große Ewer in seiner Fahrt . Wie er dahinsauste , wie er in die Seen schoß , und wie dabei das Toppsegel unbeweglich in den Wolken stand , darüber mußte er sich immer wieder wundern . Auch seinen Vater sah er mitunter von der Seite an : obgleich der noch lachte und sprach , schien es ihm doch ein andres Lachen und Sprechen zu sein , als am Deich und in der Dönß . Und die Augen sahen auch ganz anders aus . Finkenwärder war aus Sicht gekommen und scheinbar auch schon aus dem Sinn , denn als Hein Mück einmal spöttisch fragte : » Hest ok all Heimweh ? « , da guckte Störtebeker ihn verwundert an , als wenn er ihn gar nicht verstanden hätte . Auch als sein Vater einmal meinte : » Muchst ok all wedder no Hus hin , no Mudder ? « - da schüttelte er nur den Kopf wie im Traum und blickte nach den Segeln hinauf . » Jä , ans müßt seggen , denn geeft wi di an een Jill af , denn büst morgen wedder annen Diek ! « setzte Klaus Mewes lauernd hinzu . Da fragte der Junge nach dem Feuerturm im Süden , um damit anzudeuten , daß er von solchem Schnack nichts wissen wollte . Bis vor den Pagensand kamen sie mit dem Ebbstrom : dort aber wogte und schäumte ihnen die Flut unwiderstehlich entgegen und zwang sie , zu Anker zu gehen . Das war in der Dämmerung . Sie ließen die Segel fallen , steckten das Staglicht an und aßen Abendbrot in der Kajüte . Als sie nachher noch mal überguckten , Störtebeker und sein Vater , sahen sie , daß sich viele Ewer zu ihnen gesellt hatten : eine Schar von ebberwartender Fahrzeugen lag bei ihnen hinter den niedrigen Büschen des ungedeichten Eilandes , und die Lichter liefen auf dem Wasser spielend durcheinander . Der Heben war von übereinandergetürmten Wolken umlagert wie von Alpen , und der kalte Nachtwind strich tauend um die Wanten . Dann kletterten die beiden Mewes in eine Koje und ließen sich von den gluckenden und klopfenden Seen so lange etwas erzählen , bis sie es nicht mehr hören konnten . » Büst ok all bang , Störtebeker ? « fragte Klaus Mewes , schon halb im Traum , aber der Junge antwortete nicht mehr : er schlief schon . Bald wachte nur noch die niedrig geschrobene Lampe in der Kajüte . * * * Mitternacht war vorüber , als der Wecker surrend ablief . Da rief Klaus Mewes : » Seilen ! « und schwang sich aus der Koje , um die Seestiefel anzuziehen . Knecht und Junge entstiegen den seitlichen Kojen und suchten mit kleinen Augen nach ihren Sachen . Störtebeker sollte liegen bleiben wie Seemann , der sich auf der Bank nur umgedreht hatte , aber er stand doch mit auf und half beim Anstecken der Seitenlaternen , er zog die Fock mit auf und drückte beim Hieven des Draggens mit auf die Spaken , denn es war kalt und ihn fror wie einen Schneiderlehrling . Das Großsegel stieg auf , die Besan folgte , dann der große Klüver . Auch auf den andern Fahrzeugen regte es sich , überall erglommen die bunten Lichter , erscholl der Lärm der Winschen ; das Rufen der Fahrensleute wehte mit dem Winde herüber , die Gaffeln knarrten , und die Schoten hauten . Der Wind war südlich gelaufen , so daß sie dalsegeln konnten , schier dolseilen , und nicht mehr zu kreuzen brauchten . Die Segel fielen voll , und der Ewer , ein großer , schwarzer Walfisch in der Nacht , schwamm nach dem Fahrwasser zurück . Kap Horn ging ans Ruder und übernahm die Wache . Er hatte sich ein dickes , wollenes Tuch um den Hals gebunden und sah aus , als wenn er es im Halse hätte . Störtebeker guckte eine Zeitlang auf den hellbeleuchteten Kompaß und fragte , ob er auch in der Nacht richtig hielte , er ermahnte den alten Knecht , keine Havarei zu machen , und ging mit seinem Vater wieder zur Koje . Er zog aber die Decke bis an die Nase und schmiegte sich dicht an ihn , denn er zitterte vor Kälte . Als er am andern Morgen mit seiner Kaffeemuck und seinem Knöbel Roggenbrot aus der Kapp kam , um seinen Vater auszuschelten , daß er aufgestanden war , ohne ihn zu rufen , und um zu sehen , wie weit sie schon gekommen wären : da schäumte der Ewer mächtig durch bewegtes , graugrünes , schmutziges Wasser und lief , was er konnte . » Vadder , neem sünd wi all ? « » To Freeborg , Störtebeker « , rief Klaus Mewes und wies ihm den Turm von Freiburg an der Elbe . » Neem is de See denn ? « » Dor achter ! Wi kommt dor vundog noch hin ! Sultwoter hebbt wi all fot ! « » Ne , dat gläuf ik ne « , rief Störtebeker , aber Hein Mück sprang wie ein Luchs auf , schalt ihn einen Dummbart , schlug eine Pütze voll Wasser auf und hieß ihn kosten . Störtebeker steckte den Finger hinein : das Wasser war wirklich salzig und bitter . Er schmeckte noch einmal , aber der Geschmack änderte sich nicht . Wie das angehen könne , rief er kopfschüttelnd aus , das könne er nicht begreifen ! Daß Fische darin leben könnten , wollte ihm noch weniger in den Kopf . Nun wurde die Fahrt noch geheimnisvoller für ihn . Der Wind wurde nach und nach so stark , daß Klüver und Toppsegel weggenommen werden mußten . Der Ewer lag sehr schief , die Segel standen bukt voll Wind , und die groben Seen spritzten schon einmal über Deck , wenn der Ewer tauchte . Am Heben standen » Ziegenhaare « , zerzauste Wolkenbüschel , die auf stürmische Witterung deuteten . Solche Fahrt war Klür für den Ewer und erst recht für Klaus Mewes , der vergnügt steuerte und sang ! Ein Vers aus der Dänenzeit war es , den er beim Wickel hatte , vererbt vom Großvater her : » Kridderwidderwitt , den dänschen Keunig , kridderwidderwitt , den deen ik ne ! Den sien Lohn is mi to wenig , Pillkantüffeln mag ik ne ! « Störtebeker , der das Lied kannte , stimmte mit ein und versang die Bangigkeit , die ihn ankommen wollte . Sein Vater war ja bei ihm : was sollte ihm da die See tun können ? Scheelenkuhlen und die Bösch passierten sie gegen Mittag schon , so rasch zog der Laertes davon . Bei Brunsbüttel füllte Hein Mück das Essen aus und übernahm das Ruder , während die andern sich die Klüten und Plummen schmecken ließen . Als sie wieder an Deck kamen , waren sie so weit , daß Klaus Mewes seinem Jungen die See zeigen konnte , denn im Norden trat das Ufer zurück , dort blinkte die See , die See , nach der er sich am Deich gesehnt hatte , der kleine Störtebeker , als wenn sein Leben damit vermacht wäre . Nun stand er bei seinem Vater hinter dem Kompaß und sagte : ja , er könne sie sehen , aber weiter sagte er nichts , denn eigentlich war es eine große Enttäuschung für ihn , dies erste Schauen ; er hatte auf der Zunge zu sagen : » Dat is ok jo wieder nix as Woter ! « - aber er verbiß es , denn er dachte : Erst ganz hin sein ! » Vadder , neem fischt wi nu ? « » Och , mien Jung , dat is noch wiet weg ! Ganz buten , kannst nu noch gor ne sehn ! « Das war Störtebeker recht , denn es mußte auch noch anders kommen , wenn es mehr sein sollte als die Elbe . Es gab noch das Osterfeuerschiff zu sehen , das an seinen Ketten riß , die Türme von Altenbruch ; dann kam Cuxhaven in Sicht , der dicke Leuchtturm , die Kugelbake . Da sah Störtebeker zum ersten Mal ein großes Schiff , eine Bark , unter Rahsegeln . Sein Vater wies ihm den alten und den neuen Hafen , die großen Seeschlepper , die mächtigen Anker , die am Deich standen , das Schloß Ritzebüttel , das klug und geborgen aus den Bäumen guckte , er zeigte ihm einen Seehund , der hinter dem Ewer auftauchte , und drei Masten , die im Norden kahl und verlassen aus der See guckten . Störtebeker wurde doch stiller , als er das Land kleiner und die See größer werden sah , als er wahrnahm , daß der Ewer ungestümer auf und ab tauchte und sich schräger als vorher warf , aber er hielt tapfer aus und ließ sich nichts merken . Es gab kein Halten mehr für den großen Ewer : mit dem flagigen , starken Südwestwind in den Segeln brauste er mächtig einher und schnitt eine breite , schaumige Furche wie ein rechter Pflüger . Noch trug er die Segel ohne Reffe , aber die Luft schmierte zu , dunkle Wolken beschatteten die See , und auf den Watten räucherte die Brandung . Mit breiten , langen Kämmen kam die Flut ihnen entgegen , aber diesmal wurde der Ewer Baas über sie , denn er hatte Wind , und ließ sich von ihr nicht mehr aufhalten . Sie segelten an der Kugelbake vorbei , der großen Frau der Elbmündung , die immerfort nach ihrem Mann sucht , der doch längst geblieben ist , - und nahmen den Kurs nach dem vierten Feuerschiff , N.z.W. Bald verlangte den Südwest nach Südwestern ; er brachte Regen und jagte die Seefischer ins Ölzeug . Auch Störtebeker mußte hinein . Als sein Vater ihm den Rock zuknöpfte , sah er ihn forschend an und bemerkte , daß das Gesicht schon etwas blasser geworden war : er tat aber , als hätte er nichts bemerkte . Dem Knecht und dem Jungen hatte er untersagt , mit der Seekrankheit zu drohen und Störtebeker bange zu machen : so dachte er ihn am ersten davor zu bewahren . Heiter wies er ihm den dicken Turm von Neuwerk und erzählte , daß Störtebeker von dort einen Gang unterm Wasser bis nach Cuxhaven gehabt hätte . Hinter Scharhörn sichteten sie die ersten fischenden Fischerewer : da vergaß der Junge das fremde Gefühl und wurde lebhafter , er holte sich den Kieker aus dem Nachthaus und betrachtete Ewer für Ewer : er las die Nummern und ließ sich die Schiffer dazu sagen . » 94 , Vadder ? « » Jakob Fock , dat weeß du doch ! « » 138 ? « » Jakob Mees . « - » 3 ? « » Friedrichson van de Au , de Störnfischer . « » 107 ? « » Ornd Fock ! « Er lernte erkennen , wann einer einzog : dann fiel die Fock nieder , und die Möwen flogen um die Masten , wann er kurrte , wann er segelte , wann er aussetzte . Von da an kümmerte er sich nicht viel mehr um Gallioten und Feuerschiffe , Lotsenschoner und Frachtdampfer , sondern nahm sich der Fischerei an . Er drängte , daß sie doch auch schon aussetzten , und war gar nicht erbaut , als er hörte , daß sie noch einen ganzen Tag zu segeln hätten . Wenn ein Ewer nahe kam , rief sein Vater den Schiffer an und fragte nach dem Fang , der Schiffer aber fragte nach dem Markt . Das war immer ein nachbarliches Gespräch wie am Deich und schloß mit einem Gedankenaustausch über das Wetter . Die See wurde düniger , und der Ewer tauchte tiefer . Bei der Lotsengalliot nahm eine hohe See den Ewer auf den Rücken und warf ihn dwars weg , daß Störtebeker das Gleichgewicht verlor und gegen das Boot flog . Er stand ruhig wieder auf und hielt sich am Dollbaum fest , aber die Düsigkeit im Kopf nahm immer mehr zu , und den schlechten Geschmack im Munde wurde er nicht wieder los : er fühlte , daß seine Stunde kam , daß er seekrank wurde und sich brechen mußte . Er wollte es nicht , er wollte es nicht ! Nur das nicht , nur das nicht ! Er wollte seefest sein ! Wie sie wohl lauerten , Kap Horn und Hein Mück , daß sie ihn auslachen konnten ! Nein , er wollte es nicht ! Fest biß er die Zähne zusammen und hielt den Mund zu . Er beneidete Seemann , der ruhig und behaglich auf den Handschuhen im Nachthaus lag und sorglos seine Pfoten ableckte , während er es kaum noch aushalten konnte . Wie eine Möwe schluckt und würgt , wenn sie einen großen Hering in der Kehle stecken hat , so schluckte und würgte Störtebeker auf dem heftig dümpelnden Fahrzeuge und wehrte sich gegen die Seekrankheit . Kap Horn sagte beiläufig zu Hein Mück : wer hier schon seekrank würde , sei ein Schietinnebüx , denn sie seien ja noch in der Elbe , die See finge erst beim ersten Feuerschiff an ! Störtebeker hörte es und wehrte sich noch mehr , denn er wollte doch nicht auf der Elbe schon seekrank werden . Sie lachten ihn aus , das war gewiß ! Wenn er doch mit seinem Vater allein auf Deck wäre ! Da hatte also all das Dümpeln in seinem Kahn , all das Scheistern nichts geholfen ! Junge , Junge , Junge , was für ein Zustand ! Er wollte und wollte sich aber vor dem äußersten Feuerschiff , vor der richtigen See , nicht geben ! Als sie daran vorbeigeschäumt waren , konnte Klaus Mewes seinen Jungen mit einem Male nicht mehr sehen und dachte schon , er wäre über Bord gefallen , aber da nahm Kap Horn das Ruder und wies nach dem Boot . Der Seefischer ging nach vorn , - da lag Störtebeker im Boot zusammengekrümmt unter den Duchten und erbrach heftig . Hein Mück steckte einen Grientje auf und wollte etwas sagen , aber Klaus Mewes sah ihn an , daß er ihn schnell wieder sacken ließ . Seinen Jungen ließ er gewähren - schließlich , als das Spucken nachließ , legte er ihm die Hand auf die Schulter . Der Junge fuhr zusammen und sah auf , - kreidebleich im Gesicht ! - Dann lächelte er unter Tränen und sagte : » Nu lach mi man fix wat ut , Vadder , wat ik seekrank bün ! « Urch , - da ging es wieder los : Klaus Mewes , Dollbaum , Luken und der neugierig herbeigekommene Seemann bekamen etwas ab . Da lachte Klaus Mewes doch , und Kap Horn lachte am Ruder und sagte , das wäre gerade so wie bei einem Albatros , der auf Deck sei , und Hein Mück lachte , weil sie ihn die ersten Reisen auch ausgelacht hatten . Störtebeker lachte auch mit , wenn auch verzerrten Gesichts , dann aber mußte er sich geben . » Gliek ist all rut « , tröstete er , » denn wardt beter ! « Aber das stimmte nicht , denn es wurde immer ärger , je leerer der Magen wurde , zuletzt spuckte er die Galle aus und lag dann regungslos auf der Ducht . » Bang bün ik ober ne , Vadder « , sagte er matt , » bloß seekrank ! « » Schall ik di wedder an Land setten ? « Störtebeker schüttelte den Kopf . Auch unter Deck wollte er nicht , denn er sagte , es ginge bald vorüber . Da deckte sein Vater ihn mit einem alten Segel zu und ließ ihn im Boot liegen , weil die Seeluft besser war als die Luft in der Koje . Als Klaus Mewes wieder am Ruder stand , dachte er an seine erste Reise und an seine Seekrankheit : er war auch nicht frei geblieben . Noch jetzt wurde er etwas seekrank , wenn er nach dem winterlichen Aufliegen wieder nach See kam - wie viele alte Fahrensleute . Der Wind krempte nach Westen um und nahm an Stärke zu . Es wurde stur . Einzelne Ewer und Kutter fischten noch mit einem Reff im Segel , die meisten aber hatten das Kurren aufgegeben und trieben . Die See hatte Mützen aufgesetzt . Klaus Mewes , der seine alte Stelle zwischen Norderney und Juist suchte , gab das Klabatzen und Kreuzen auf , weil er die Segel nicht zerreißen wollte . Er hielt auf Helgoland zu , dessen Feuer hell im Norden blinkte . Bidewind ! Der Ewer schoß und kletterte , stampfte und rollte , während die düstere Nacht hereinbrach . Viele Segel und Lichter waren bei ihnen , und der dunkle Felsen stieg immer höher aus der See . Als sie um Mitternacht zwischen dem kleinen Land und dem großen Land , d.h. zwischen der Düne und Helgoland zu Anker gingen , war der Wind nordwestlich gelaufen und zum Sturm angewachsen , so daß sie froh sein konnten , eine Reede zu haben . Sie setzten noch den zweiten Anker aus , dann nahm Klaus Mewes den kleinen Seekranken auf den Arm und trug ihn nach unten , - und weil er nichts essen wollte , packte er ihn gleich in die Koje . Hein Mück wagte , nochmals zu lachen ; dafür bekam er eine nasse Hansch in den Nacken . » Wi sünd ok mol seekrank worden « , sagte Klaus Mewes , » dorüm kann he doch een fixen Fischermann wardn ! Lot em man tofreeden . « Die ganze Nacht aber riß der Ewer gewaltig an seinen Ketten und klüste wie nichts Gutes hinter Helgoland . * * * In der Morgendämmerung legte der Wind sich etwas , aber die Luft sah noch nicht nach Aufklaren aus . Draußen stand eine hohe See , so daß an Fischen nicht zu denken war . Sie blieben deshalb noch liegen . Als Störtebeker aufwachte und aus der Koje lugte , war die ganze Besatzung schon auf den Beinen : Hein Mück saß auf der Treppe und schälte Kartoffeln , Kap Horn war mit