Keim schon sein Todesbewußtsein in sich . Und doch - eine Tat ? Aber Sie verdienen Freundesvertrauen . Und so hören Sie denn das Bekenntnis meines frömmsten Glaubens : Ich glaube , daß es eine Stunde geben kann , die das Ich , - dieses tausendfältig gebundene und einsame , - aller seiner Bande entbindet , - die es frei macht , für immer . Das ist die Stunde , in der es dem einzigen Genossen begegnet - dem Zugedachten - und ihn erkennt , in voller Deutlichkeit . Aber ich glaube nicht , daß zu dieser Stunde und über diese Stunde ein ebener , grader Weg führt , - das mit dieser Begegnung und mit dieser Erkenntnis auch ein Besitz verbunden sein müsse , der aus zweien wahrlich eines macht ... Wäre ich theosophisch veranlagt , - ich hoffte auf die immer wiederkehrende Begegnung , bis , auf höherer Bahn , die Wege sich so einen , daß es kein Verlieren mehr gibt . Aber ich hoffe nicht - in diesem Sinne . Nur daß Begegnung möglich sei , - wenn auch ohne Erfüllung - das ist mein Glaube . Und ich weiß auch , - das andere , - das Allzuirdische : daß Hunger und Wegemüdigkeit ihre Rechte verlangen ... und Kompakte schließen heißen . Dies , was ich Ihnen zu sagen habe . Ich lese die Gedichte der Baronin ; verweile gern auf den Worten , solange ich die Blätter vor mir habe . Leben Sie wohl und ruhig . Olga Diamant . « Darauf kam noch ein Brief : » Ich bin froh , wenn ich an Sie denke ! Nicht wie in die rote Glut , nicht wie in ein Chaos zuckender Blitze , - nein , - wie in ein helles , weites , edles Gemach , so blicke ich in Ihre Seele . Vielleicht werde ich bald schuldig werden an Ihnen . Verlassen Sie mich nicht - wie immer es sein wird zwischen uns ! Ich mag Sie nicht verlieren , - wie immer es sein mag zwischen uns . Sie dürfen mich nicht verlassen , - denn ich bin ein Unglücklicher , einer der am Lichte der Sonne und an den Freuden des Weibes schuldig wird , schuldig an seinen Liedern , schuldig an seinen Küssen . Aber meine Wünsche sagen ja . Und meine Wünsche küssen Sie . Und bald werde ich sagen : hier bin ich . Ich bin nicht die Begegnung , - nein . Aber ich bin ich , und ich bin hier - werde ich sagen . Leben Sie mir wohl , Liebe , Schöne . Ich komme bald , denn ich sehne mich nach Ihnen . Meine Leiden haben mich demütig gemacht , darum küssen meine Wünsche nur scheu Ihre edlen Hände . Werner Hoffmann . P.S. Die Gedichte der Baronin senden Sie , wenn Sie damit fertig sind , bitte direkt an den Verlag ; ich habe die Annahme veranlaßt . « So war sie , wie es ihr Geschick schien , die Freundin der Umhergetriebenen , der Unbehausten , derer , die , wenn auch nur im Schatten eines fremden Daches , rasten möchten . War es die Wirkung ihres eigenen Schreitens , ihrer gebändigten Kraft , die diese Zusammengebrochenen anzog , die die Entgleisten und Ausgesprungenen mit wärmendem Frieden füllte ? Sie fühlte sich ihnen gegenüber bettelarm . Was konnte sie ihnen geben , - was wollten sie von ihr ? ! Eine schmerzliche Neigung , gemischt mit einem herben Verzicht , verband sie mit diesen Zerstörten . Einem Heilen , einem Ganzen , einem glücklichen Starken begegnen und sich ihm verbünden dürfen , - das war die Sehnsucht , von der ihre stillste Stimme sprach . Und dieser Stimme galt ihr bewußter Verzicht . Koszinsky besuchte sie . Es schien ihr , als wäre sie für ihn die Repräsentantin einer Schicht , für die er verloren war , zu der durchzudringen es ihm an genügend unnachgiebigen Antrieben mangelte . Während seiner Zigeunerfahrten waren sie gebrochen worden . Mit dem selbständigen Spürsinn des weiblichen Gemütes fühlte sie das sehr bald deutlich ; sie fühlte , ohne daß er es aussprach , daß er von ihrer Weiblichkeit nichts mehr für sich erwartete , noch begehrte . Ihre einstige nahe Begegnung lag zwischen ihnen wie eine Brücke , die um eines lebhaften Gewässers willen geschlagen worden war ; der Fluß aber war versiegt , seine Quellen waren verschüttet , - nur die Brücke war noch da . Und sie führte immerhin über die Niveauhöhe des gemeinen Tages und wölbte sich gangbar über die trockene Erdfläche , die das einstige Flüßlein ihrer Liebe mit lebendigem Geplätscher erfüllt hatte . Sie wußte , daß die wenigen Stunden , die er bei ihr zubrachte , für ihn friedvoll waren , und sie gönnte sie ihm . Aber nur , wenn ihn während dieser Rast nichts an sein eigenes , dunkles Dasein mahnte , bewahrte sie für ihn den Frieden . Er kam wie einer , der sich von einer ihm nicht zugänglichen Welt erzählen lassen will , - der der beste Hörer und ein kluger Versteher ist , ohne von sich selbst auch nur ein Geringes preiszugeben . So war er das gerade Widerspiel zu Hoffmann , der , von sich selbst übermächtig erfüllt , formende Aufnahme suchte . - Wäre ein anderer vor jeder Berührung seines Schicksals so zurückgewichen , wie Koszinsky es tat , - es hätte ihr Mißtrauen erregt und sie zu gleicher Verschanzung gemahnt . Hier aber wußte sie , daß es das Hoffnungslose war , das sich scheu vor Berührung barg . Seine Augen , deren Flackern stiller wurde , wenn er längere Zeit bei ihr saß , entzündeten sofort , wenn sie an das gefährliche Thema seiner Existenz auch nur rührte , ihre unruhig tanzenden Funken . Das gefaßte Lächeln verschwand , der Mund wurde hilflos und eckig . Sie solle ihn nicht verscheuchen , - indem sie ihm » helfen « wolle , - um Gottes willen nicht ! Er sprang auf und begann in dem kleinen Stübchen , daß er mit seinen langen Schritten schnell durchmaß , hilflos , wie ein gefangenes Tier , auf und nieder zu gehen . So war es gewesen , als sie ihm einmal , mit gutbedachten Worten , zuzureden begann , daß er versuchen möge , seine musikalische Kaffeehausexistenz durch eine andere abzulösen . » Was soll ich Ihnen darauf antworten ? « fuhr er gequält auf . » Warum Ihnen das so unmöglich scheint . Sie sprechen mehrere Sprachen , Sie könnten eine Stellung suchen , wo Sie die verwerten können , - vielleicht vorher noch etwas Kaufmännisches dazu lernen - « » Buchhaltung , Stenographie , - wie Ihre famose , davongerannte Erika , wie ? « Sie hatte ihm von ihr erzählt . - » Den Kontorstuhl drücken , - daß wäre ein Heil , - was ? « Sie schwieg , traurig . Und sie brachte es fertig , ihm unter der schwersten Bedingung , die einem Weibe gestellt ist , ihre Güte zu wahren : wissend , daß sie sie einem gab , über den sie jede Macht verloren , zu dem weder Wunsch noch Rat von ihr einen Weg hatten . - » Meine Liebe und Verehrte ! Haben Sie die Güte und lassen Sie mich auf einliegendem Bogen wissen , ob ich den morgigen Nachmittag mit Ihnen verleben kann . Es würde mich über die Maßen freuen , dies im Anschluß an ein interessantes , wenn auch nicht schmerzloses Ergebnis tun zu dürfen . Morgen ist nämlich mein letzter Scheidungstermin . Außerdem trifft es sich glücklich , daß ich im Kündigungsmonat bin und gleichzeitig eines rheumatischen Anfalls halber Krankenurlaub genieße . So habe ich sattsam Zeit , erstens für meine Privatangelegenheit , und zweitens für Sie , meine sehr Verehrte ! Meine neue Stellung , die ich auf Grund von neunundsechzig beantworteten Annoncen errungen habe , scheint leidlich zu sein . Vielleicht ist sie sogar angenehm . Nur zu lange Bureauzeit , - von morgens 1 / 2 8 bis abends 1 / 2 8 , in einer Orgelfabrik in Lichtenberg . ( Kennen Sie es ? In der Richtung Hoppegarten - Osten ! ) Mein Wohnungsumzug dahin wurde opportun . Und so kam es , daß ich nicht eher Zeit fand , mich hier bei Ihnen zu präsentieren ; die Stellungsuche , dann der Umzug , dazwischen die Verhandlungen mit Herrn Dr. Bergmann belegten mich mit Beschlag . Sogar meine Passion litt unter diesen turbulenten Störungen , - mißverstehen Sie mich nicht , ma chérie , nicht die große Passion , jamais de la vie , - die kleine , ich meine mein Geklimper . Mein Handgelenk war steif vom Schreiben der Offerten , und meine Füße waren wund gelaufen . So wurden sogar meine allmittäglichen und allabendlichen Etüden vernachlässigt . Sollte ich Sie morgen , gegen 4 Uhr nachmittags , nicht antreffen , so bin ich , nach wie vor - mit herzlichsten Grüßen von Haus zu Haus Ihre allerergebenste Erika Bergmann . P.S. Rückporto einliegend . - Est-ce que je pourrais venir vous prendre , sinon demain , - - dimanche prochain ? Toute à vous . E.B. « Wenn Koszinsky von Olgas neuer Freundin hörte , so murmelte er immer , mit spöttischem Gesicht , vor sich hin : » Die Äffin halb , halb Heldin war . « Und indem er sie auf diese Art boshaft zu einer neuartigen , mythologischen Erscheinung machte , traf er beinahe das Richtige . » Es ist das große , lemurische Zwischenreich , dem sie angehört « , warf Olga hin , in Erinnerung an jenes letzte Gespräch mit dem Wiener Cousin . Und , da er eine Erklärung forderte , gab sie sie : » Es fehlt irgendwo - an entscheidender Stelle - ein entscheidendes Etwas . Irgendeine Kraft , die zur vollen Bewältigung einer höheren Lebensform unbedingt nötig ist , ist nicht da , oder nicht genügend entwickelt ; darum ein Versagen an wichtigen Stellen ; dabei eine absolute Auflehnung gegen primitivere - gewöhnlichere - Daseinsformen , die als überwunden empfunden werden . - - - So ungefähr verstand mein Cousin Art und Schicksal jener Schicht , die er lemurisch , gespenstig , halbäffisch nannte . « » Also eine Rückbildung - bis in die Nähe vom Gorilla ? « » Falsch verstanden . Unter den Ganzaffen , die noch hinter den Lemuren zu denken sind , meinte er natürlich nicht unsere braven , zoologischen Ahnen . « » Sondern ? « » Sondern die überwundene Bürgerschicht , - deren nächste Fortsetzung , jene intellektuell Gesteigerten sind , bei denen aber die wichtigsten Impulse , die zur Orientierung der ganzen Art unentbehrlich sind , - noch nicht im gleichen Grade mit gesteigert sind . « » Und was würde das alles bedeuten ? Denn kein Sein ist ohne Bedeutung . « » Vorderhand : ein Sichaufbrauchen zwischen zwei Existenzstadien . « » Und nachher ? « Sie sah gedankenverwoben vor sich . Ihre Augen bekamen einen nebligen Schleier . » Es muß einen Weg geben aus diesem - Zwischenreich , « sagte sie suchend , » einen Weg , der wahrhaftig - ja wahrhaftig - hinausführt . « » Und wohin sollte dieser Weg wohl führen ? « Erstaunt sah sie ihn an . » Wohin anders als zum Menschen ? - Zum gesteigerten Menschen ? - - - Wohin anders ? ! « - - - Und der neblige Schleier über ihrem Blick zerteilte sich , und ihr Auge strahlte klar . Erika war als junges Mädchen bei einem älteren Arzt und Witwer als Erzieherin seiner Kinder im Hause gewesen . Nach kaum einem Jahr hatte ihr der stattliche Herr , der sich den Sechzig näherte , Herz und Namen geboten . Stabsarzt Dr. Bergmann war eine echt militärische Erscheinung , groß und massig , mit vollem fleischigen Gesicht , das die etwas ins Bläuliche spielende Röte des Zechers zeigte , weißen Bartkoteletten , schwer und stapfend im Tritt , mit einer Atmosphäre um sich , die an einen leichten Dampf und an den Geruch von Juchten erinnerte . Überzeugt , daß sie seinen Antrag als unverhofft glückliche Wendung ihres Gouvernantendaseins betrachte , hatte er ihre Antwort kaum abgewartet und sie gleich bei seiner Werbung kräftig an sich gezogen . Während der folgenden Monate , in denen die junge Frau Stabsarzt ihr Kind erwartete , glaubte auch sie an das unverhoffte Glück . Zwar entsprach der massige , ältliche Herr nicht ganz den Träumen , die ihr in ihrer Mädchenzeit das Bild des künftigen Gatten umwoben hatten . Daß er um 35 Jahre älter war , als sie , beängstigte sie ein wenig . Aber sie war schon bange gewesen , ihr Frauenschicksal zu versäumen ... Mit all ihrer Begier nach dem » Wunderbaren « erwartete sie nun das Kind . Es kam , - und kam zu früh und starb , nachdem es wenige Tage in künstlicher Wärme vom rauhen Leben abgesperrt gehalten wurde , an den Folgen eines Luftzuges . Eine zweite Schwangerschaft endete mit einer Fehlgeburt , eine dritte brachte ein dürftiges Geschöpfchen , das drei Jahre seine Mutter in Atem hielt , bis es seinen Geschwistern folgte . Dann kam noch ein viertes Kind , ein kleines Mädchen . Es wurde mit Widerwillen empfangen und ausgetragen und in Erbitterung geboren . Aber es fristete sich am Busen einer kernigen Amme weiter und blieb am Leben , ohne daß seine Mutter sich wesentlich um seine Existenz mühte . Indessen begehrte der Fünfundsechzigjährige noch immer Zutritt zur Tür seiner Frau . Aber während sie sich seiner greisen Begier überließ , arbeitete die mißhandelte , schwer vergewaltigte Phantasie mit krankhafter Hartnäckigkeit ein Bild aus , daß der maßlos gereizte Glückshunger gewalttätig ins tatsächliche Schicksal seiner Trägerin projizierte . Zug für Zug erweiterte sie dieses Tableau , schweifte dabei umher , glücksbegierig , lebenshungrig - und suchte das Modell für die Hauptgestalt . Einen jungen Arzt , der auf der Fläche ihres Lebens irgendwo auftauchte , erwählte sie sich endlich . Sie stellte ihn an den großen , freien Platz in ihrem Bild - und sich selbst , in entsprechender Pose , daneben . Ganz im Bann ihrer Manie , begann sie jetzt die Aktion . Aus der Welt des Wahnes ging es nun heraus in die der harten Tatsachen , - zum gewaltsamsten Zusammenstoß mit der Wirklichkeit . Er begann damit , daß sie plötzlich jeden Zusammenhang mit der Familie unerträglich fand . Sie sperrte sich stundenlang ein , ließ sich ihr Essen auf ihr Zimmer bringen . Die bloße Nähe ihres Mannes verursachte ihr physische Störungen , - sie konnte , wie sie sich ausdrückte , das Essen , das sie in seiner Gegenwart einnahm , nicht mehr verdauen . Eines Tages war sie entschlossen . Unter Mitnahme ihrer geringen Ersparnisse verließ sie das Haus . Dann trat sie vor den unfreiwilligen Helden ihrer Träume und sagte ihm unverzagt : » Ich liiiebe Sie ! « Daß der Erwählte sich gegen jede Beziehung zu ihr verwahrte , störte nicht den Ablauf ihres Wahns . Frohlockend erzählte sie Olga , an die sie sich mit derselben Energie anschloß , mit der sie ihre Liebe gegen alle Bedenken verteidigte , - wie » seine « Boten und Späher jeden ihrer Schritte bewachten . Der Geliebte sorge auch dafür , daß sie ihn nicht vergesse . - Wie er denn das mache ? fragte Olga . Nun , - sie wurde ernst und geheimnisvoll - heute sei ihr ein Mann gefolgt , der ihm entschieden ähnlich sah . - Was sie denn damit sagen wolle ? - Nun , das sei doch klar zu durchblicken . Er sei reich , für Geld sei alles zu haben , und so habe er Sorge getragen , einen Detektiv ausfindig zu machen , der ihm ähnlich sei , - damit sie sich seiner erinnere , wenn sie jenem begegnete .... Ein andermal zeigte sie einen Brief vor , den sie an den Geliebten geschrieben und der mit dem Vermerk » Retour , nicht angenommen « an sie zurückgelangte . » Sehen Sie , « sagte sie leuchtenden Auges , - » das hat er selbst geschrieben , - damit ich seine Handschrift sehen soll ... « Und diese Frau war nicht wahnsinnig , wie Olga zuerst glaubte ; ihr Geist war - bis auf dises eine , geheimnisvolle Gespinst , das ihr verfehltes , schwer lädiertes Frauenschicksal in ihrem Hirn erzeugt hatte , - nicht umnachtet , ihr Orientierungsvermögen nicht gestört . Wunderbar aber war , was aus dem erschütterten Boden dieser Seele , aus der undämmbaren Lava ihres Wahnes , die sich aus den Tiefen undurchdringlich und schwarz über sie gebreitet hatte , - an Tatkraft erwuchs . Gerade jenes Kampfes , in dem sie sich als Heldin bewährte , schien sich Erika am wenigsten bewußt . Es war ihr Kampf um Brot , von dem sie Olga zwar mit der gewohnten , freundlichen Bereitwilligkeit auf ihr Befragen berichtete , den sie selbst aber nur als nebensächlich , - als eine kleine Schwierigkeit , die eben zu bewältigen war , - betrachtete . An jenem Nachmittag , zu dem sie sich angesagt hatte , - an dem sie vor ihrem letzten Scheidungstermin kam , beide Arme mit Blumen für Olga beladen , die die Freude über ihre » Freiheit « ausdrücken sollten , - berichtete sie , in bester Laune , und in einer Darstellung , die die scharfe Beobachtung nicht verkennen ließ , von den » kleinen Plackereien « , mit denen sie zu schaffen hatte , seit sie dem Gehege der versorgten Ehefrau , vollkommen ungerüstet , entsprungen war . Ganz unvermittelt begann sie , nachdem sie sich an einer Tasse Tee gelabt hatte , von der Anomalie ihrer linken Gesichtshälfte zu sprechen . » So wurden die Hexen dargestellt , « bemerkte sie , nicht ohne Stolz , - » auch große Künstlerinnen zeigen zuweilen solche Unregelmäßigkeiten . - Haben Sie mal ein Bild der Lagerlöf gesehen ? Nun , da finden Sie das eine Auge in derselben Art , wie bei mir , ein wenig höhergestellt . « Und dabei lugte sie in den Spiegel und funkelte ihr eigenes , pikantes Hexengesichtchen herausfordernd an . » Aber ich bin auch linkshändig , « fuhr sie fort und verrührte mit der Linken den Zucker in der Teetasse , - » wie die meisten künstlerisch begabten Menschen oder doch solche , die - mit künstlerischen Anfechtungen « - sie zögerte und schloß dann , mit munterer Entschiedenheit , - » sagen wir belastet sind . « » Und Ihre - Belastung ? « » Ich habe eine unglückliche Liebe zum Klavier , - das ist meine kleine Passion « ; und sie berichtete , daß sie , trotz ihres Mangels an Zeit , regelmäßig in den zwei Stunden ihrer Mittagspause und jeden Abend von 9 bis 10 Uhr auf einem gemieteten Pianino übe . » Wann treten Sie Ihre neue Stellung an ? « » Zum Ersten natürlich , und bis dahin genieße ich meinen Kündigungsurlaub . « Was denn das für ein Urlaub wäre . » Das ist eine Freiheit von zwei Stunden täglich , die jedem Angestellten im Kündigungsmonat gewahrt werden muß , damit er sich eine neue Stellung suchen kann . Außerdem habe ich mir meine Neuralgie mal ausnahmsweise nicht verkniffen und habe mich für ein paar Tage krank gemeldet . Scheidung und Offertenschreiben - das nahm viel Zeit weg . « Und als Olga Näheres über die Art , wie sie sich ernähre , wissen wollte , erfuhr sie von einer seltsamen Odyssee , die wohl geeignet war , ihr Schauer einzuflößen . Als Gouvernante , wie zu ihrer Mädchenzeit , mochte sie nicht ihr Brot suchen . Die vollkommene Abhängigkeit im Hause einer fremden Familie wäre ihr jetzt unerträglich gewesen , auch hätte sie in ihrer Lage einer in Scheidung befindlichen Frau kaum eine solche Stellung gefunden . Sie hatte sich also , nachdem sie ihr Haus verließ , mit ihren Ersparnissen in eine einfache Pension eingemietet ; hier bezog sie das billigste Zimmer - die Mädchenkammer . Wenn man hier auch von dem Brausen der Wasserleitung und anderen unangenehmen Geräuschen des benachbarten Raumes gestört wurde , so konnten einem solche Kleinigkeiten , - wenn man sie für eine große Liebe erlitt , - nichts anhaben ... Hals über Kopf stürzte sie sich in einen Kursus für Buchhaltung , Stenographie und Schreibmaschine . Daneben trieb sie , allein , an der Hand kaufmännischer Sprachbücher , französische und englische Handelskorrespondenz . Sie hatte berechnet , daß ihre Mittel für ein Vierteljahr reichten . Nach sechs Wochen war der » Handelskursus « beendet , und sie ging auf die Stellungssuche . Sie schrieb , lief , annoncierte . Bei einer neugegründeten Zeitung » zur Verbesserung des Wohnungswesens « fand sie ihre erste Stellung . Hier sollte sie die Bücher einrichten . Nachdem sie dies mit Hilfe ihrer jungfräulichen Kenntnisse getan , wurde ihr vom Fünfzehnten zum Ersten gekündigt . Mit großer Freundlichkeit erklärte ihr der Chef , ein blutjunges , korpulentes Herrchen , daß der noch kleine Betrieb es ihm ermögliche , die Bücher nun selbst weiter zu führen . Aber er werde auf sie » zurückkommen « , wenn er ihrer bedürfen sollte . Bei der » Deutschen Stahlzentrale für die gesamte Metallwaren-Industrie « war ihr nächster Posten . In einem kleinen , schmalen Zimmerchen eines Hinterhauses wurde der stolz betitelte Betrieb geführt . Die Zentrale der Metallwaren-Industrie lieferte während ihres Dortseins einige Roststäbe für eine Gasanstalt . Nach kurzer Zeit erklärte der Chef , er habe sie unter der stillen Voraussetzung engagiert , daß sie sich mit etwas Betriebskapital beteiligen werde ; Heirat nicht ausgeschlossen . - Sie ging . Ein neuer Posten fand sich in einer » Fabrik zur Verwertung von Sägespänen « . Eine neuerfundene Maschine , die den märkischen Sand und die Sägespäne zusammen zu Bausteinen preßte , sollte hier verwertet und vertrieben werden . Die märkischen Gutsbesitzer sollten die Maschine kaufen , weil sie sowohl Sand als Sägespäne hatten . Der Chef hatte Verbindungen in aristokratischen Kreisen , besonders in denen des Landadels . Er sah sehr stattlich aus , glich einem Offizier in Zivil , war groß und kräftig , trug ein feines , englisches Bärtchen , einen sorgfältig geglätteten Offizierscheitel , eine diskrete Perle in einfarbiger Krawatte , hatte ein schneidig schnarrendes Organ und besaß einen kapitalen , echt russischen Windhund » Barseu « - dessen Leben auf 5000 Mark versichert war und mit dem er täglich mittags und abends persönlich auf den belebtesten Korsostraßen des feinen Westens spazieren ging , um auf diese Art für den » Barseu « eine seiner Rasse würdige Gefährtin zu finden . - Es waren noble , große Räume in einer Prachtstraße , die er gemietet hatte . Das Direktionsbureau sollte romanisch eingerichtet werden ; vorderhand war es allerdings noch fast leer , - ein alter Tisch , zwei Hocker , eine Kiste und eine Matratze für den » Barseu « bildeten das Inventar ... Erikas Kündigung erfolgte hier , weil sie angeblich zu langsam stenographierte und ungenügend die Schreibmaschine beherrschte . Die letzten vierzehn Tage peinigte sie der Chef , so erzählte sie , mit Vorsatz . Er diktierte viel zu schnell , zankte mit ihr , wenn sie die Sätze mit dem richtigen Kasus schrieb , während er Akkusativ und Dativ manchmal verwechselte . Zum Schluß kam es zu einer heftigen Szene . Als sie einem galoppierenden Diktat seiner schnarrenden Stimme nicht folgen konnte und er sie auf der Stelle zu entlassen drohte , empfahl sie ihm , sich einen Reichstagsstenographen zu engagieren . Der schneidige Chef erklärte ihr wütend , die Geschichte mit ihr sei » mau « , - worauf sie ihm erwiderte , sein Geschäft sei mau . Er wies ihr auf der Stelle die Tür . Sie klagte vor dem Kaufmannsgericht um den Restgehalt und » verglich « sich mit ihm auf zwanzig Mark . Damit stand sie im Monat Juli auf der Straße . Eine neue kaufmännische Stellung konnte um diese Zeit nicht gefunden werden , trotzdem sie täglich im Zigarrenladen , an der Ecke , die Zeitung durchsah und Annoncen herausschrieb , was ihr der Besitzer des Ladens gutmütig gestattete . Natürlich befragte er sie um den Zweck dieses Tuns , und sie klagte ihm ihr Leid . Nachdem sie immer elender aussah und schließlich auf seine Frage gestand , daß sie hungerte , bot er ihr einen Ausweg aus ihrer Lage . Seine Familie sei auf dem Lande , er sei Strohwitwer und entbehre » seine Ordnung « , besonders aber die gewohnte » Hausmannsküche « . Ob sie denn kochen könnte ? - Nun , wenn man acht Jahre Hausfrau gewesen war , so sei das wohl selbstverständlich . - Ob sie täglich zu ihm kommen wolle , für ihn und sich zu kochen ? Natürlich müßte sie gleichzeitig das Aufräumen der Wohnung besorgen , denn » zwei zu halten « , würde nicht lohnen . Dafür wolle er ihr die Kost und drei Mark wöchentlich geben . - - - Als sie das erstemal mit dem Mülleimer in den Hof ging , begegnete ihr die Portierfrau und sah ihr mißtrauisch nach . Am anderen Tag , als sie früh in den Hausflur des Vorderhauses trat und eben die Treppen hinaufgehen wollte , vertrat ihr die Portierfrau den Weg : » Wenn Se hier oben Aufwartefrau sind , denn jehen Se man hintenrum ! « Und sie ging hintenrum . - - - Der neue Herr erzählte ihr , während der Mahlzeiten , die sie mit ihm zusammen einnahm , vertrauensvoll seine Geschichte . Er hätte einmal studieren wollen , für die Gewerbeakademie . Leider habe er seine Kariere durch Heirat zerstört . Seine Geliebte , eine Blusennäherin , sei in andere Umstände gekommen , und da habe er als » Schentelmann « gehandelt , als » Kavalier « und sie geheiratet . » Ein Kavalier ist kess « , schloß er . - Sein Äußeres schilderte Erika als das eines Menschen von » zwerghaftem Typ « mit O-Beinen , einer » Stubsnase « , in die es hineinregnen konnte und bürstenartig geschorenem Haar . Eines Abends , als sie sich nach dem Abendbrot anschickte , nachhause zu gehen , und ihm vorher noch das Bett abdeckte , begann er , wie sie sich ausdrückte , - » sexuelle Gespräche zu führen « . Wie eine Frau in ihren Jahren denn ohne Mann leben könne , - was ihn betreffe , so leide er unter der Abwesenheit seiner Frau schon so , » daß es nicht mehr schön sei « usw. Sie , mit ihrer naiven Art , alles buchstäblich und ernst zu nehmen , antwortete ihm in wohlwollend aufklärender Weise » wissenschaftlich « und hielt eine Abhandlung über die Phänomene geschwächter Willenskraft , die dazu angetan wären , Libido zu steigern . Die Stubsnase blieb verblüfft und behandelte sie aus Verlegenheit grob . Mitten in diese Situation , an der sie täglich immer schwerer schleppte , kam eine Wendung , die sie als das » Wunderbare « empfinden mußte . » Zum Ordnen der Bibliothek wird gebildete Dame gesucht . « Sie ging an die Adresse . Es war ein vornehmes Grundstück im Grunewald , das sie betrat . In einem weiten Park , in dem ein kleiner See eingeschlossen war , auf welchem Schwäne und wilde Enten schwammen , und an dessen Ufern graue und rosenrote Flamingos spazierten , - inmitten eines kleinen Haines herrlicher Kiefer mit pinienartigen Kronen , zwischen denen vereinzelte Buchen rauschten , - lag ein schloßartiges , altes Landhaus . Hier wohnte die Herrschaft , die eine gebildete Dame zum Ordnen der Bibliothek suchte . Sie war in ungewöhnlich zeitiger Morgenstunde gekommen , um die erste der Bewerberinnen zu sein . Betaut lag der Park , und zart und morgenfrisch wölbte sich der Himmel über dem märkischen Walde . Der frische , leichte Wind spielte mit dem Kiefernduft , trug ihn bald stärker vorwärts und wehte ihn dann wieder zurück . Auf dem Wasser kräuselten sich kleine , silbrige Wellen ... Während sie in der Halle wartete , fürchtete sie schon , zu so früher Stunde nicht angenommen zu werden . Aber da kam der Diener zurück und forderte sie auf , ihm zu folgen . Sie wurde in einen weiten Bibliothekssaal geführt . Während sie mit vor Erwartung gespannten Nerven um sich blickte , trat aus der Portiere des Nebenzimmers eine alte Frau , im dunklen Morgenkleid , mit geradem , strengen Faltenwurf , - mit weißen Locken , die silbrig schimmernd bis zur Schulter fielen und leuchtenden Blauaugen , die sie auf Erika ruhen ließ , - der unter diesen Blicken leichter zumute wurde . Und Frau Dr. Wallentin fand Gefallen an Erika und behielt sie zum Ordnen der Bibliothek ... Einen ganzen Monat lang durfte sie ihr neues Amt versehen . Es galt , den Inhalt der großen Bücherkisten , welche die beiden Söhne von Frau Dr. Wallentin nach Hause sandten , zu ordnen . Weit über Meere und Länder kamen diese Kisten ; und sie brachten nicht nur Bücher , sondern Aufzeichnungen , Aktenmaterial , photographische Aufnahmen , Sammlungen aller Art. Manfreds Material sammelte Tatsachen der sozialen Kultur in Indien , Japan , Amerika , Neuseeland , - Florian , der Jüngere , sandte neue Kundschaft aus den dunklen Gegenden der Erde , berichtete über unzivilisierte und halbzivilisierte Völkerstämme . Die beiden Brüder , der älteste und der jüngste , waren auf Weltreisen , - jeder auf einer anderen Tour . Der eine durchforschte an den Rändern der Erdteile fremde Kulturen , der andere drang mit einer Expedition ins Innere zu Naturvölkern . Der mittlere Sohn , Justus , war zu Hause , als Rechtsanwalt in Berlin