Abendhimmel entgegen und die Strahlen der untergehenden Sonne funkeln in den großen Hörnern . Die kleine Doralice steht am Gartengitter und schaut ihnen mit schwerem Herzen nach . Ungeduldig wandte sich Doralice vom Fenster ab und kleidete sich an . Etwas Schweres und Wichtiges mußte sich heute noch begeben , sie mußte Hans begegnen . Unruhig schritt sie im Wohnzimmer auf und ab , allein es schien ihr , als sei es hier kalt . Sie wollte sich erwärmen . Sie ging hinaus und setzte sich auf die Bank , auf der die Wardeins am Abend zu sitzen pflegten . Jetzt saß nur die alte Mutter Wardein da , sonnte sich und schaute auf das Meer hinaus . Sie rückte ein wenig , um Doralice Platz zu machen , und murmelte nur ein » Warm « . So saßen sie nebeneinander und Doralice wartete . Sie tat nichts als warten , denn es gibt Ereignisse , die erst gekommen sein müssen , damit wir weiter denken können . Endlich kam Hans die Landstraße herauf . Er ging langsam und sah müde und angegriffen aus , als hätte er einen weiten Weg gemacht . Als er an der Bank vorüberging , nickte er : » Guten Morgen , Mutter ! Guten Morgen , Doralice ! « und ging gerade in das Haus . Doralice folgte ihm . Im Wohnzimmer lehnte sie sich mit dem Rücken gegen die Wand , legte auch die Flächen der Hände an die Wand , als ob sie sie kühlen wollte . Hans war zu seinen Malgeräten gegangen und beschäftigte sich mit den Pinseln . Beide schwiegen eine Weile , bis es wie ein Stöhnen aus Doralice hervorbrach : » Mein Gott , so sprich ! so sage doch etwas . « Hans wandte sich ihr zu , er steckte beide Hände in die Rocktaschen , stand ein wenig gebeugt da . Wenn ihn etwas drückte oder stark hinnahm , dann konnte seine schöne Gestalt zuweilen das Schwere , Ungelenke eines Dorfburschen bekommen , der müde von der Feldarbeit ist . » Was kann ich sagen « , versetzte er , » was habe ich für ein Recht ? Das Recht , das du mir gegeben hast , kannst du mir nehmen und dem anderen geben . Wie du es dem alten Herrn genommen und es mir gegeben hast , anders ist es nicht . Wir Bauern können gut rechnen . « Doralice hob die Arme empor und legte die ineinander gerungenen Hände auf ihren Scheitel : » Du bist sehr gerecht « , stieß sie hervor und es klang wie Zorn , » aber so ist es nicht . Da ist kein anderer . Er ist fort , ganz fort . Er hat kein Recht . Ich brauche keinen , der vor mir kniet « , sie brach ab und die aufsteigenden Tränen machten ihre Stimme unsicher und leise , als sie hinzufügte : » Was hilft das ? Was soll ich jetzt tun ? « Hans wandte sich ab und sah zum Fenster hinaus . Einen Augenblick war es wieder ganz still im Zimmer . Draußen auf dem Zaune sangen noch immer die Kinder ihr : » henne , henne , helle , helle , ho , ho ! « in den Wind hinein . Endlich wandte er sich um , ging langsam zu Doralice hin , strich vorsichtig mit der Hand über ihr Haar und sagte : » Was kannst du tun ? Jetzt wird es hier wohl einsam werden . Wir können ja eine Weile still nebeneinander hergehen . Hier tut keiner dir was . Und dann vielleicht besinnen wir uns wieder aufeinander . « Doralice antwortete nicht , stumm und verschüchtert stand sie da . Das » stille Einhergehen « neben diesem starken , sanften Manne erschien ihr jetzt wie Geborgenheit und in der Angst ihrer Seele , in der Angst vor sich und den anderen glaubte sie , Geborgenheit sei es , was ihr nottat . Vierzehntes Kapitel Die Septembertage waren hell , dabei wehte ein frischer Nordost . Die Wolken ballten sich zu großen weißen Inseln zusammen und zogen schnell über den Himmel und ihre Schatten liefen dunkelgrün über das grüngraue Meer . Am Ufer war alles in beständiger Bewegung , die harten Halme auf den Dünen zitterten , die zum Trocknen aufgehängten Netze und Fische wiegten sich und die Röcke und Tücher der Fischersfrauen flatterten . » Ich habe , wie Sie wissen , meinen Abschied genommen « , sagte der Geheimrat Knospelius zu Hans , während sie langsam dem Winde entgegen am Meere spazierengingen , » ich habe genug gerechnet , und ich finde , daß meine Tage vollkommen befriedigend mit dem Kämpfen gegen den Wind ausgefüllt werden . « » Mich ärgert dieser Wind « , meinte Hans . » Sie wissen , ich male das Meer , ich male es den ganzen Tag , wenn ich es nicht gerade studiere . Nun , bei diesem Winde sitzt das Meer schlecht , es hat alle fünf Minuten ein anderes Gesicht . « » Das kann ich mir denken « , bemerkte Knospelius . » Die Mutter Wardein ist bequemer , die sitzt da wie eine aus Holz geschnittene heilige Anna . « Hans , von seinen Gedanken hingenommen , fuhr eifrig fort : » Überhaupt eine verteufelte Geschichte mit diesem Meere , es läßt sich nicht fassen , ich kriege die Logik seiner Linien und Bewegungen nicht heraus , sein Durchschnittsgesicht , wissen Sie , denn bei dem Porträt muß ich mir in dem Modell ein Durchschnittsgesicht konstruieren , das die Möglichkeit aller Augenblicksgesichter in sich schließt . Nun , bei dem Meere bringe ich es nicht fertig , und ich studiere es doch in- und auswendig . Ich schwimme Stunden in ihm herum , ich fahre auf ihm bei Tag und bei Nacht , ich beschleiche es zu allen Tageszeiten . Wahrhaftig , es wird für mich zu einer Art Besessenheit . « » So , so « , murmelte Knospelius und sah Hans schlau von der Seite an , » das also ist jetzt Ihre Besessenheit . Na ja , es ist ganz bequem , eine Besessenheit zu haben . Man braucht da nicht nachzudenken , was man tun soll , man muß etwas tun , ob man will oder nicht . Das ist so wie bei einer Staatsanstellung , man muß in das Bureau , ob man will oder nicht . Ich habe meiner Besessenheit jetzt den Abschied gegeben . « Sie mußten stehen bleiben und nach ihren Hüten greifen , die ein Windstoß ihnen vom Kopfe reißen wollte . Dann wies Knospelius zur Düne hinüber und sagte : » Ihre Frau Gemahlin sitzt dort oben schon neben der Staffelei und näht , glaube ich . « » Ja , sie näht Hemden für Fischerkinder « , erwiderte Hans zerstreut . Aber Knospelius ' großes , bleiches Knabengesicht schaute forschend und aufmerksam zu ihm auf : » So , das ist neu . « » Ja , das ist neu « , bestätigte Hans obenhin . » Übrigens gehe ich auch jetzt arbeiten ; auf Wiedersehen « , und er stieg die Dünen hinauf . Knospelius stand noch da , schaute zu Doralice hinüber und murmelte : » Ja , das ist neu . « - Doralice saß da und nähte . Das tat sie jetzt gern , denn es sah beruhigt aus , sah aus , als sei alles in Ordnung . Nur hielt sie es nicht lange aus , das Säumen der Leinwand machte ihre Finger nervös . Bald warf sie die Arbeit fort und streckte sich auf ihrer Decke aus , um zu den Wolken hinaufzustarren . Sie hörte Hans zuweilen zu seiner Malerei sprechen . » Was ist denn das ? « rief er plötzlich , » etwas ganz Neues . « - » Was denn ? « fragte Doralice . - » Sehr merkwürdig « , sagte Hans , » mit einem Male auf jeder Welle ein kleiner Heiligenschein . Es sieht aus , als ob jeder Wellenkamm mit einem Lichtstifte übergangen worden wäre . « » Ja , da kommt alles Mögliche vor « , bemerkte Doralice , ohne sich aufzurichten . » Sehr merkwürdig « , fuhr Hans fort , » einmal habe ich schon etwas Ähnliches gesehen , als ich als Knabe einmal die Schafe hütete , da hatten all die kleinen Hügel plötzlich diese Heiligenscheine . « Ach , dachte Doralice , jetzt hat er noch die Schafe gehütet . In letzter Zeit kamen in Hansens Bemerkungen immer wieder das Dorf und das Bauernblut und die Feldarbeit vor . Das klang fast wie ein Vorwurf gegen sie und als Hans hinzufügte : » Ja , auf der Schafweide lernt man manches « , konnte sie sich nicht enthalten , gereizt zu antworten : » Ich kann doch nichts dafür , daß ich nicht die Schafe gehütet habe . « Hans machte sofort sein förmlich freundliches Gesicht , mit dem er in letzter Zeit ihr zu begegnen pflegte , und sagte höflich : » Gewiß , das verlangt niemand von dir . Du hast auch sicherlich in deinen Verhältnissen manches Wertvolle gelernt , das man auf der Schafweide nicht lernen kann . « Doralice seufzte , und es entstand wieder eines dieser langen Schweigen , das jetzt häufig zwischen ihnen herrschte . Sie hatte nicht gewußt , daß zwei Menschen so viel miteinander schweigen könnten , wie Hans und sie es taten . Plötzlich warf Hans seinen Pinsel fort und meinte , diese Erscheinung müsse er näher beobachten , er wolle auf das Meer hinausfahren . Dann lief er zum Meere hinab . Doralice blieb ruhig liegen , bei diesem Winde nahm er sie ja doch nicht mit . Das war also das stille Nebeneinanderhergehen . Anfangs war es Doralice wie Friede und Sicherheit erschienen . Sie war ja ganz verlassen inmitten einer feindlichen , unheimlichen Welt , nun aber wurde es zu einer sehr erregenden Sache . Wenn Hans da schweigend vor seiner Staffelei stand , dann wußte Doralice doch , daß er innerlich mit ihr sprach , daß er ihr Vorwürfe machte , daß seine stolze und verwundete Liebe sich mit der ganzen heißen Beredsamkeit über sie ergoß , die Hans eigen war . Sie war dessen so gewiß , als sähe sie , wie einer zu ihr sprach , nur daß er noch zu fern war , daß sie ihn hörte . Sie sprach ja auch beständig in Gedanken zu Hans , rechtfertigte sich , beschuldigte ihn , demütigte sich . Einmal jedoch mußte der Augenblick kommen , daß sie beide zu voll von dem , das sie einander zu sagen hatten , waren , und es heraussagten , dann kam die Stunde der großen Aussprache , der Versöhnung . Das gab es doch , das stand doch in allen Büchern , das sah man auf allen Theatern , das mußte kommen . Auf diese Stunde zu warten war Doralices Beschäftigung in den langen ereignislosen Tagen . So viel sie konnte , war sie bei Hans , um den richtigen Augenblick nicht zu versäumen , bei jedem seiner Worte horchte sie auf , ob es nicht der Beginn der Aussprache sei . Genau wußte sie , was sie dann sagen würde , und fühlte schon im voraus den Schmerz und die Wonne des unendlich starken Empfindens . Aber auch Ungeduld quälte sie dann , warum kam es nicht ? Wie lange sollte es noch dauern ? Sie konnte nicht mehr ruhig auf der Düne liegen , sie wollte hinuntergehen und vor dem Hause sitzen , auf das Meer hinaussehen und sich vorstellen , was Hans dort in dem Boot zu ihr sprach . Heiß schien die Sonne auf die Bank . Die Mutter Wardein nickte und rückte zur Seite , als Doralice sich zu ihr setzte . Vor ihnen auf dem Sande trieben sich magere Hennen umher und piepten freudlos und ergeben . Durch das geöffnete Fenster hörte man das Klappern von Löffeln , die Familie Wardein saß dort schweigend bei ihrem Mittagsmahl . Auch aus den Schornsteinen der anderen kleinen Katen stieg der Rauch und auch dort wurde geschwiegen . Diese Häuschen standen ja meist schwarz und still da , höchstens daß sich einmal bei Steeges eine gellende Frauenstimme vernehmen ließ , wenn Steege betrunken nach Hause kam , oder daß oben beim Strandwächter Lärm entstand , wenn der Strandwächter seine Frau schlug . » Die schlagen sich « , hätte der Geheimrat gesagt , » weil sie ineinander verliebt sind . « Nun , dachte Doralice , das mochte ja eine bequeme Art sein , eine Aussprache herbeizuführen , allein Hans und sie verstanden das nicht . Doralice schaute auf das Meer hinaus , um Hansens Boot zu entdecken . Sie liebte das Meer nicht mit seinem stetigen , schläfrigen Glitzern . Immer war es da , von überall her sah man es , überall hörte man es , ein jeder sprach von ihm ; die einsilbigen Fischer , wenn sie sprachen , sprachen sie vom Meere , der einsilbige Hans , wenn er sprach , sprach er vom Meere . Für sie aber schien es eine unendliche , erdrückende Einsamkeit auszuatmen . Und unten am Strande ging noch immer in seinem grauen Paletot mit seinem grauen Hut der Geheimrat Knospelius auf und ab wie das kleine Gespenst der Einsamkeit . Das alles war freudlos , schläfrig und alltäglich und dennoch , wenn Hans jetzt nach Hause käme , konnte es ja geschehen , konnte es plötzlich alles anders werden und das legte für Doralice in alle Schläfrigkeit und Alltäglichkeit etwas wie das geheime Fieber einer Erwartung . Zum Mittagessen kehrte Hans nach Hause zurück . Bei Tische sprach er wieder vom Meere , sprach von Zibbe Waldhüter , der von einem Wilddiebe einen Schrotschuß in das Bein bekommen hatte , und vom Bilde der Mutter Wardein , das zu einer Ausstellung geschickt werden sollte . Sobald er mit dem Essen fertig war , stand er auf , er behauptete , viel zu tun zu haben , die Bilderkiste mußte zugenagelt werden und dann wollte er mit einer Anweisung zur Post gehen . » Hast du Bilder verkauft ? « fragte Doralice . Ja , er hatte Bilder verkauft , das Geschäft ging gut . In der Tür wandte er sich noch einmal um und fügte hinzu : » Wenn du etwas nötig hast , brauchst du es nur zu sagen , ich komme schon dafür auf . « Damit ging er . Er kam dafür auf . Immer gerecht und billig , allein Doralice fand , daß mit dieser Gerechtigkeit und Billigkeit sie noch sehr weit vom großen Gespräche entfernt war , welches sie so sehnsüchtig erwartete . Jetzt hallte das Haus von lauten Hammerschlägen wider . Hans schien den Hammer mit rechter Begeisterung zu führen . Doralice glaubte aus diesen Schlägen etwas wie Zorn und Leidenschaft herauszuhören , sie sprachen mit ihr , sie machten ihr Vorwürfe , sie schienen ihr zu verraten , was in Hansens Seele vorging , und sie war enttäuscht , als es plötzlich stille wurde und Hans fort war . Sie nahm den englischen Roman und eine Zigarette und beschloß zu ruhen , wirklich zu ruhen , wie sie es einst im Schlosse konnte , wenn die Zimmerflucht still wurde , die Düfte des Gartens heiß und süß durchs Fenster hereinströmten und sie sich in dem großen Voltairesessel zusammenkauerte und gedankenlos und wunschlos dort verharrte . Glücklich war sie damals nicht gewesen , aber zu Hause . Warum kam dieses Gefühl nie mehr über sie ? Vielleicht wenn alles klar zwischen ihr und Hans sein wird , wenn Hans gesprochen haben wird , vielleicht wird sie dann wieder zu Hause sein . Ungeduldig warf sie das Buch und die Zigarette fort und lief zum Meere hinab . Sie konnte Hans ja entgegengehen und im Gehen arbeiteten ihre Gedanken wieder an der großen Szene der Rechtfertigung , der Demütigung und der Versöhnung ; ohne daß sie es wußte , sprach sie laut , redete die Wellen an , welche weiß und zischend den Strand hinaufliefen bis zu Doralicens Füßen : » Ich dachte , du wirst mir tragen helfen an der Verantwortung , aber du wolltest immer nur gerecht und abgeklärt sein . Ich war allein in meiner Not , und dann diese Freiheit , das mit der Freiheit klingt so schrecklich nach Alleinsein . « Im Sprechen war sie an die Stelle gelangt , wo die Düne in scharfer Spitze nah an das Meer heranrückt , hinter ihr führte der Weg zum Dorf hinauf und dort , vom Dünenvorsprung verdeckt , hörte Doralice eine Männerstimme , die laut und eifrig etwas sprach . Es war Hansens Stimme . Doralice blieb stehen und lauschte , da bog er schon um die Ecke . » Oh , du bist es « , sagte Hans . Doralice errötete : » Ja , ich wollte dir entgegengehen « , erwiderte sie , » mit wem sprachst du eben ? « Hans zuckte die Achseln : » Mit niemand ; ich rezitierte nur so für mich den Homer . « Das war natürlich gelogen , dachte Doralice , sie glaubte wohl zu wissen , was und zu wem er da gesprochen hatte . » Machen wir noch einen Spaziergang ? « fragte sie . Sie bogen um die Dünenspitze die Dorfstraße hinauf , gingen an den Kartoffelfeldern und Stoppelfeldern entlang und gelangten endlich auf die geraden Wege der Föhrenschonung . Hans sprach wieder von Farben und von Licht , behauptete , daß die jungen Föhren in den rötlichen Sonnenstrahlen violett würden . Das alles war Doralice unendlich gleichgültig , sie wünschte einen Gesprächsstoff , in dem sie vorkam , sie und Hans . Der beste Ausweg waren dann in letzter Zeit gemeinsame Reiseerinnerungen gewesen . » Erinnerst du dich « , fragte sie , » der Engländerin in den Uffizien , die zwei Kneifer auf der Nase hatte , einen hinter dem anderen ? « Ja , Hans erinnerte sich ihrer , » und , « meinte er , » war es nicht der Tag , an dem wir nach Fiesole hinaufstiegen , und auf den Ziegelstufen saßen , die zu dem antiken Theater hinabführen ? Ich glaube , es war der heißeste Sitz , auf dem ich je gesessen habe . « » O nein « , sagte Doralice , » wir haben einmal noch heißer gesessen . Das war in Padua auf dem Rasenplatz vor der Arena-Kirche ; wir aßen Kirschen , der Rasen war heiß wie ein Bügeleisen , du fingst einen Zitronenfalter und behauptetest , seine Flügel seien warm wie frische Semmeln . « Hans lachte , diese Erinnerungen erheiterten ihn stets . » Ach ja , und ich übte mich , ein Gesicht zu machen wie Giottos Verzweiflung drinnen in der Kirche . « Mit Sonnenuntergang traten sie den Rückweg an und an einem geschützten Plätzchen an der Düne erwarteten sie die Dunkelheit . Hans schwieg und Doralice dachte über Hansens Schweigen nach . Dann tauchte wohl in der Finsternis der rote Punkt einer brennenden Zigarre nicht eben hoch über dem Erdboden auf und Knospelius ' tiefe Stimme sagte : » Guten Abend . « Der Geheimrat setzte sich zu den beiden und sprach in seiner langsamen Weise von fernen beruhigenden Dingen . Er sprach von alten Ministern , die lächerliche Angewohnheiten gehabt hatten , oder von einem stillen Café in Konstantinopel , in dem er mit schweigenden Türken gesessen hatte und geraucht , während sie durch die geöffnete Tür alle die weißen turbangeschmückten Grabsteine eines kleinen türkischen Friedhofes nachdenklich betrachteten . Oder er sprach von einer ganz rosa Wüste und von Arabern , die alle geistvolle , ernste Gesichter hatten und doch Dummköpfe waren . Wenn das Licht des fernen Leuchtturmes deutlich zu sehen war , trennte man sich . Da der Nordostwind das Hinausfahren zum Fischfang verhinderte , mußte Hans zu Hause bleiben , Doralice und er saßen bei der Lampe , sie versuchte zu nähen , er las . » Willst du nicht laut lesen ? « fragte Doralice . » O gewiß , wenn dir das angenehm ist « , erwiderte Hans höflich , » aber es ist Homer . « » Das tut nichts « , meinte Doralice . Hans las die Beschreibung von Alkinoos ' Garten : » Birnen reifen auf Birnen , auf Äpfel röten sich Äpfel , Trauben auf Trauben erdunkeln , und Feigen schrumpfen auf Feigen . « Er gab dem Klang der Verse ein eintöniges Rollen , ein wellenhaftes Auf- und Abschwellen , das Doralice in eine köstliche Ruhe wiegte . Sie warf ihre Arbeit fort , lehnte sich in den Sessel zurück und schloß die Augen . Sie erwachte davon , daß Hans ihr leicht über das Haar strich . » Du bist müde , Kind , du mußt schlafen « , sagte er . Seine Stimme klang seltsam weich und ergriff Doralice so stark , daß ihre Augen sich mit Tränen füllten . Hans bemerkte es nicht , er zündete die Kerzen an , löschte die Lampe aus und sagte gute Nacht . Doralicens Nächte waren in letzter Zeit unruhig . Sie lag lange wach und horchte auf all die Töne , die durch das Haus liefen , und wenn dann eine Tür knarrte , wenn sie Schritte vernahm , dann wußte sie , daß Hans hinausging an das Meer . Er tat das jetzt öfters des Nachts , er wollte das Meer studieren , allein Doralice wußte es wohl , auch er konnte nicht schlafen , auch er litt und darin lag etwas , das sie ganz heiß und unruhig vor Freude machte . Fünfzehntes Kapitel Am Morgen flaute der Nordostwind ab und um die Mittagzeit legte er sich ganz . Gegen Abend frischte ein leichter Westwind auf , der große weiße Wolken herantrieb . Hans und Doralice kehrten von ihrem Abendspaziergange zurück und sahen am Horizonte riesige , kupferfarbene Wolkenberge sich aufbauen . Das Meer war voll roter und violetter Wellen . Hans und Doralice setzten sich auf ihren gewohnten Platz auf der Düne und starrten in das Flackern und Verlöschen der Farben hinein . Die bunten Wolkenberge wurden allmählich grau , über dem Lande dunkelte es und das Meer glich endlich nur noch einer bewegten Dämmerung . Am Himmel hing ein Stück Mond weiß und strahlenlos . Vor der Hütte des Fischers Stibbe saßen Frauen , reinigten Fische und sangen eine träg sich wiegende Melodie : » Sonnchen wollt im Meere schlafen , Schwarze Wasser sind die Decken , Hecht , du grüner Offizier , Laufe schnell , es aufzuwecken . Raderi , raderi , raderidira . « Der Geheimrat Knospelius erschien auch wie gewöhnlich , klein und grau , die große Zigarre zwischen den Lippen . » Guten Abend « , sagte er , » also wir kriegen ein Gewitter . « Hans protestierte eifrig : » Nicht vor morgen früh . Stibbe weiß das ganz genau , er fährt daher heute nacht hinaus . Ich fahre mit Steege ; weit da draußen soll es eine Stelle geben , an der bei solchem Wetter die Butten so fest liegen , daß man sie im Netz wie Kartoffeln aus dem Sande pflügen kann . « » So , so « , meinte Knospelius , » also Tatendurst , Tatendurst . « Sie schwiegen eine Weile und hörten dem klagenden Gesange der Fischersfrauen zu : » Hecht , du grüner Offizier , Laufe schnell , es aufzuwecken . « » Wie diese Melodie sich Zeit nimmt « , bemerkte Doralice . » Wer nimmt sich hier nicht Zeit ? « sagte Knospelius . Er liebte es , langsam und sinnend in die Dunkelheit hineinzusprechen , mit seiner tiefen Stimme die Worte klingen zu lassen ; » aber die Zeit ist hier auch sozusagen langsamer , die Tage und die Stunden und die Minuten sind hier länger . Wie fern erscheint es mir , daß ich heute morgen geweckt wurde von dem Gesangbuchvers , den mein Wiedertäufer jeden Morgen im Nebenzimmer zu singen pflegt . « » Ach ja « , seufzte Doralice , » hier geht alles langsam , langsam . « » Dafür werden wir gründlich , meine Gnädige « , meinte Knospelius . » In der Stadt , da lebte ich von zerhackten Erlebnissen , von zerhackten Geschichten und Gedanken , hier erzählt man jede Geschichte ganz bis zu Ende , denkt jeden Gedanken bis in seine letzten Tiefen . « » Und wird nie mit ihm fertig « , warf Hans ein . » Das kommt vor « , bestätigte Knospelius , » sehen Sie unsere Liebespaare , die da im Dunkeln so still nebeneinander hergehen ; sie sprechen am Abend vielleicht drei Worte miteinander ; sie haben eben Zeit , sich auszusprechen . Temposachen . Der Inhalt der Liebesgeschichten ist ja immer derselbe , sie verteilen ihn auf einige Jahre , andere müssen in wenig Tagen fertig werden . Temposache , nichts weiter . Da gibt es so ein indisches Märchen von einer seligen Insel ; den Leuten dort geht es gut , wie das auf solchen Inseln zu sein pflegt ; sie haben alles , was sie wünschen können . Charakteristisch für die Natur dieser schönen Insel ist es , daß die Bäume Mädchen tragen , schöne Mädchen , die am Morgen erblühen und am Abend welken und sterben . Jetzt sage ich mir , pflückt ein Insulaner sich am Morgen solch eine schöne Frucht , so hat er für seine Liebesgeschichte bis zum Abend Zeit , und doch glaube ich , daß diese Liebesgeschichte ebenso reich sein wird , wie zum Beispiel die Liebesgeschichte des Zibbelsohnes mit der Stibbetochter , die bereits sieben Jahre jeden Abend am Strande schweigend nebeneinander hergehen . Und dabei wird mein Inselliebespaar kaum das Gefühl haben , als würde es zu besonderer Hast getrieben . Temposache . « Der Geheimrat hielt inne und sog stark an seiner Zigarre . Da ließ Doralice sich vernehmen , klagend und zugleich gereizt , als stritte sie mit jemand : » Ach ja , die Mädchen , die werden es ja wohl verstehen , ihre ganze Liebe in einen Tag zu legen , aber die Männer verstehen so schrecklich langsam . Wenn da am Morgen etwas vorkommt zwischen ihnen , dann werden diese armen Mädchen sterben müssen , ohne daß die Männer sich ausgesprochen haben . « Knospelius kicherte und Hans meinte : » Auf seligen Inseln kommt vielleicht nie etwas zwischen Liebenden vor . « » Doch , doch « , widersprach Knospelius , » das ist unvermeidlich . Ich bin zwar in diesen Sachen keine Autorität , in mich hat sich nie jemand verliebt . Ich meine aber , das muß eine verantwortungsvolle Lebenslage sein . Jemand also verliebt sich in mich , sieht in mir sein Ideal und ich bin gleichsam das Depot für diesen idealen , herrlichen Knospelius , ich verwalte ihn . Da ist es dann natürlich , daß beständig Mißgriffe vorkommen . Ich würde ein Gefühl haben , als hätte mir jemand einen selten kostbaren Prachtband geliehen , und ich müßte in steter Sorge leben , daß dem wertvollen Buche nicht etwas passiert . Aber es ist immerhin möglich , daß die Männer auf der seligen Insel schneller von Begriff sind und die Mädchen weniger durstig nach Aussprachen . Das wäre dann , was man ein abgekürztes Verfahren nennt . « Das Licht des Leuchtturms war in der Ferne schon deutlich zu sehen und Hans trieb zum Heimgehen , da er ja noch mit Steege hinausfahren wollte . Zu Hause hatte Agnes schon die Mahlzeit bereitgestellt . Hans nahm sich kaum die Zeit zum Essen und eilte in sein Zimmer , um sich umzukleiden . Doralice stand am Fenster und schaute in das weiße Aufdämmern des Mondes hinaus . Sie hörte , daß Hans wieder in das Zimmer kam ; er trat an sie heran , umfaßte mit seinen Händen ihre beiden Schultern : » Verstehe ich so langsam ? « fragte er . Das klang weich , fast schüchtern . Doralice bog ihren Kopf zurück , so daß er sich gegen Hansens Brust lehnte . Ihr Herz klopfte sehr stark und die Augen wurden ihr heiß von Tränen . » Du verstehst nicht « , sagte sie kummervoll , » du sprichst nicht , du sagst nicht . « » Ach Kind « , erwiderte Hans , » mit dem Sprechen ist es so eine Sache , man spricht und es klingt hart und sauer und häßlich und ist ungerecht und rücksichtslos und ist doch nicht das , was man sagen wollte . « » Es kann hart sein , es kann ungerecht und rücksichtslos sein « , rief Doralice leidenschaftlich , » nur nicht so , nur nicht so ! An dieser Gerechtigkeit und an dieser Rücksicht stirbt man . « Hans beugte sich über sie und küßte sie fest auf die Lippen : » Gut , gut « , sagte er in seinem gewohnten freundlichen , eifrigen Ton , » so wollen wir uns denn morgen alles sagen , was wir heute dem Meere zugeschrien haben . Für heute gute Nacht . « Doralice stand noch lange am Fenster und die Tränen , die warm über ihre Wangen niederrannen , taten ihr wohl wie eine gütige Liebkosung . Endlich beschloß sie schlafen zu gehen ; sie freute sich auf den Schlaf , sie war müde , als läge eine schwere , glücklich vollbrachte Arbeit hinter ihr . Um Mitternacht erwachte Doralice von einem starken Geräusch , das im Zimmer um sie her sich vernehmen ließ . Das Meer rauschte stark , so stark , als stünde das Häuschen mitten in den Wellen . Dazu war es , als ob alle Gegenstände im Zimmer sich bewegten , die Sachen auf der Toilette klirrten , der