mit aller Kraft in das dicke Gesicht , damit es nicht stürbe . Damals fürchtete ich mich . Aber ich fürchtete mich auch schon früher . Zum Beispiel , als mein Hund starb . Derselbe , der mich ein- für allemal beschuldigte . Er war sehr krank . Ich kniete bei ihm schon den ganzen Tag , da plötzlich bellte er auf , ruckweise und kurz , wie er zu tun pflegte , wenn ein Fremder ins Zimmer trat . Ein solches Bellen war für diesen Fall zwischen uns gleichsam verabredet worden , und ich sah unwillkürlich nach der Tür . Aber es war schon in ihm . Beunruhigt suchte ich seinen Blick , und auch er suchte den meinen ; aber nicht um Abschied zu nehmen . Er sah mich hart und befremdet an . Er warf mir vor , daß ich es hereingelassen hatte . Er war überzeugt , ich hätte es hindern können . Nun zeigte es sich , daß er mich immer überschätzt hatte . Und es war keine Zeit mehr , ihn aufzuklären . Er sah mich befremdet und einsam an , bis es zu Ende war . Oder ich fürchtete mich , wenn im Herbst nach den ersten Nachtfrösten die Fliegen in die Stuben kamen und sich noch einmal in der Wärme erholten . Sie waren merkwürdig vertrocknet und erschraken bei ihrem eigenen Summen ; man konnte sehen , daß sie nicht mehr recht wußten , was sie taten . Sie saßen stundenlang da und ließen sich gehen , bis es ihnen einfiel , daß sie noch lebten ; dann warfen sie sich blindlings irgendwohin und begriffen nicht , was sie dort sollten , und man hörte sie weiterhin niederfallen und drüben und anderswo . Und endlich krochen sie überall und bestarben langsam das ganze Zimmer . Aber sogar wenn ich allein war , konnte ich mich fürchten . Warum soll ich tun , als wären jene Nächte nicht gewesen , da ich aufsaß vor Todesangst und mich daran klammerte , daß das Sitzen wenigstens noch etwas Lebendiges sei : daß Tote nicht saßen . Das war immer in einem von diesen zufälligen Zimmern , die mich sofort im Stich ließen , wenn es mir schlecht ging , als fürchteten sie , verhört und in meine argen Sachen verwickelt zu werden . Da saß ich , und wahrscheinlich sah ich so schrecklich aus , daß nichts den Mut hatte , sich zu mir zu bekennen . Nicht einmal das Licht , dem ich doch eben den Dienst erwiesen hatte , es anzuzünden , wollte von mir wissen . Es brannte so vor sich hin , wie in einem leeren Zimmer . Meine letzte Hoffnung war dann immer das Fenster . Ich bildete mir ein , dort draußen könnte noch etwas sein , was zu mir gehörte , auch jetzt , auch in dieser plötzlichen Armut des Sterbens . Aber kaum hatte ich hingesehen , so wünschte ich , das Fenster wäre verrammelt gewesen , zu , wie die Wand . Denn nun wußte ich , daß es dort hinaus immer gleich teilnahmslos weiterging , daß auch draußen nichts als meine Einsamkeit war . Die Einsamkeit , die ich über mich gebracht hatte und zu deren Größe mein Herz in keinem Verhältnis mehr stand . Menschen fielen mir ein , von denen ich einmal fortgegangen war , und ich begriff nicht , wie man Menschen verlassen konnte . Mein Gott , mein Gott , wenn mir noch solche Nächte bevorstehen , laß mir doch wenigstens einen von den Gedanken , die ich zuweilen denken konnte . Es ist nicht so unvernünftig , was ich da verlange ; denn ich weiß , daß sie gerade aus der Furcht gekommen sind , weil meine Furcht so groß war . Da ich ein Knabe war , schlugen sie mich ins Gesicht und sagten mir , daß ich feige sei . Das war , weil ich mich noch schlecht fürchtete . Aber seitdem habe ich mich fürchten gelernt mit der wirklichen Furcht , die nur zunimmt , wenn die Kraft zunimmt , die sie erzeugt . Wir haben keine Vorstellung von dieser Kraft , außer in unserer Furcht . Denn so ganz unbegreiflich ist sie , so völlig gegen uns , daß unser Gehirn sich zersetzt an der Stelle , wo wir uns anstrengen , sie zu denken . Und dennoch , seit einer Weile glaube ich , daß es unsere Kraft ist , alle unsere Kraft , die noch zu stark ist für uns . Es ist wahr , wir kennen sie nicht , aber ist es nicht gerade unser Eigenstes , wovon wir am wenigsten wissen ? Manchmal denke ich mir , wie der Himmel entstanden ist und der Tod : dadurch , daß wir unser Kostbarstes von uns fortgerückt haben , weil noch so viel anderes zu tun war vorher und weil es bei uns Beschäftigten nicht in Sicherheit war . Nun sind Zeiten darüber vergangen , und wir haben uns an Geringeres gewöhnt . Wir erkennen unser Eigentum nicht mehr und entsetzen uns vor seiner äußersten Großheit . Kann das nicht sein ? Ich begreife übrigens jetzt gut , daß man ganz innen in der Brieftasche die Beschreibung einer Sterbestunde bei sich trägt durch alle die Jahre . Es müßte nicht einmal eine besonders gesuchte sein ; sie haben alle etwas fast Seltenes . Kann man sich zum Beispiel nicht jemanden vorstellen , der sich abschreibt , wie Felix Arvers gestorben ist . Es war im Hospital . Er starb auf eine sanfte und gelassene Weise , und die Nonne meinte vielleicht , daß er damit schon weiter sei , als er in Wirklichkeit war . Sie rief ganz laut irgend eine Weisung hinaus , wo das und das zu finden wäre . Es war eine ziemlich ungebildete Nonne ; sie hatte das Wort Korridor , das im Augenblick nicht zu vermeiden war , nie geschrieben gesehen ; so konnte es geschehen , daß sie » Kollidor « sagte in der Meinung , es hieße so . Da schob Arvers das Sterben hinaus . Es schien ihm nötig , dieses erst aufzuklären . Er wurde ganz klar und setzte ihr auseinander , daß es » Korridor « hieße . Dann starb er . Er war ein Dichter und haßte das Ungefähre ; oder vielleicht war es ihm nur um die Wahrheit zu tun ; oder es störte ihn , als letzten Eindruck mitzunehmen , daß die Welt so nachlässig weiterginge . Das wird nicht mehr zu entscheiden sein . Nur soll man nicht glauben , daß es Pedanterie war . Sonst träfe derselbe Vorwurf den heiligen Jean de Dieu , der in seinem Sterben aufsprang und gerade noch zurechtkam , im Garten den eben Erhängten abzuschneiden , von dem auf wunderbare Art Kunde in die verschlossene Spannung seiner Agonie gedrungen war . Auch ihm war es nur um die Wahrheit zu tun . Es giebt ein Wesen , das vollkommen unschädlich ist , wenn es dir in die Augen kommt , du merkst es kaum und hast es gleich wieder vergessen . Sobald es dir aber unsichtbar auf irgendeine Weise ins Gehör gerät , so entwickelt es sich dort , es kriecht gleichsam aus , und man hat Fälle gesehen , wo es bis ins Gehirn vordrang und in diesem Organ verheerend gedieh , ähnlich den Pneumokocken des Hundes , die durch die Nase eindringen . Dieses Wesen ist der Nachbar . Nun , ich habe , seit ich so vereinzelt herumkomme , unzählige Nachbaren gehabt ; obere und untere , rechte und linke , manchmal alle vier Arten zugleich . Ich könnte einfach die Geschichte meiner Nachbaren schreiben ; das wäre ein Lebenswerk . Es wäre freilich mehr die Geschichte der Krankheitserscheinungen , die sie in mir erzeugt haben ; aber das teilen sie mit allen derartigen Wesen , daß sie nur in den Störungen nachzuweisen sind , die sie in gewissen Geweben hervorrufen . Ich habe unberechenbare Nachbaren gehabt und sehr regelmäßige . Ich habe gesessen und das Gesetz der ersten herauszufinden versucht ; denn es war klar , daß auch sie eines hatten . Und wenn die pünktlichen einmal am Abend ausblieben , so hab ich mir ausgemalt , was ihnen könnte zugestoßen sein , und habe mein Licht brennen lassen und mich geängstigt wie eine junge Frau . Ich habe Nachbaren gehabt , die gerade haßten , und Nachbaren , die in eine heftige Liebe verwickelt waren ; oder ich erlebte es , daß bei ihnen eines in das andere umsprang mitten in der Nacht , und dann war natürlich an Schlafen nicht zu denken . Da konnte man überhaupt beobachten , daß der Schlaf durchaus nicht so häufig ist , wie man meint . Meine beiden Petersburger Nachbaren zum Beispiel gaben nicht viel auf Schlaf . Der eine stand und spielte die Geige , und ich bin sicher , daß er dabei hinübersah in die überwachen Häuser , die nicht aufhörten hell zu sein in den unwahrscheinlichen Augustnächten . Von dem anderen zur Rechten weiß ich allerdings , daß er lag ; er stand zu meiner Zeit überhaupt nicht mehr auf . Er hatte sogar die Augen geschlossen ; aber man konnte nicht sagen , daß er schlief . Er lag und sagte lange Gedichte her , Gedichte von Puschkin und Nekrassow , in dem Tonfall , in dem Kinder Gedichte hersagen , wenn man es von ihnen verlangt . Und trotz der Musik meines linken Nachbars , war es dieser mit seinen Gedichten , der sich in meinem Kopfe einpuppte , und Gott weiß , was da ausgekrochen wäre , wenn nicht der Student , der ihn zuweilen besuchte , sich eines Tages in der Tür geirrt hätte . Er erzählte mir die Geschichte seines Bekannten , und es ergab sich , daß sie gewissermaßen beruhigend war . Jedenfalls war es eine wörtliche , eindeutige Geschichte , an der die vielen Würmer meiner Vermutungen zugrunde gingen . Dieser kleine Beamte da nebenan war eines Sonntags auf die Idee gekommen , eine merkwürdige Aufgabe zu lösen . Er nahm an , daß er recht lange leben würde , sagen wir noch fünfzig Jahre . Die Großmütigkeit , die er sich damit erwies , versetzte ihn in eine glänzende Stimmung . Aber nun wollte er sich selber übertreffen . Er überlegte , daß man diese Jahre in Tage , in Stunden , in Minuten , ja , wenn man es aushielt , in Sekunden umwechseln könne , und er rechnete und rechnete , und es kam eine Summe heraus , wie er noch nie eine gesehen hatte . Ihn schwindelte . Er mußte sich ein wenig erholen . Zeit war kostbar , hatte er immer sagen hören , und es wunderte ihn , daß man einen Menschen , der eine solche Menge Zeit besaß , nicht geradezu bewachte . Wie leicht konnte er bestohlen werden . Dann aber kam seine gute , beinah ausgelassene Laune wieder , er zog seinen Pelz an , um etwas breiter und stattlicher auszusehen , und machte sich das ganze fabelhafte Kapital zum Geschenk , indem er sich ein bißchen herablassend anredete : » Nikolaj Kusmitsch « , sagte er wohlwollend und stellte sich vor , daß er außerdem noch , ohne Pelz , dünn und dürftig auf dem Roßhaarsofa säße , » ich hoffe , Nikolaj Kusmitsch « , sagte er , » Sie werden sich nichts auf Ihren Reichtum einbilden . Bedenken Sie immer , daß das nicht die Hauptsache ist , es giebt arme Leute , die durchaus respektabel sind ; es giebt sogar verarmte Edelleute und Generalstöchter , die auf der Straße herumgehen und etwas verkaufen . « Und der Wohltäter führte noch allerlei in der ganzen Stadt bekannte Beispiele an . Der andere Nikolaj Kusmitsch , der auf dem Roßhaarsofa , der Beschenkte , sah durchaus noch nicht übermütig aus , man durfte annehmen , daß er vernünftig sein würde . Er änderte in der Tat nichts an seiner bescheidenen , regelmäßigen Lebensführung , und die Sonntage brachte er nun damit zu , seine Rechnung in Ordnung zu bringen . Aber schon nach ein paar Wochen fiel es ihm auf , daß er unglaublich viel ausgäbe . Ich werde mich einschränken , dachte er . Er stand früher auf , er wusch sich weniger ausführlich , er trank stehend seinen Tee , er lief ins Bureau und kam viel zu früh . Er ersparte überall ein bißchen Zeit . Aber am Sonntag war nichts Erspartes da . Da begriff er , daß er betrogen sei . Ich hätte nicht wechseln dürfen , sagte er sich . Wie lange hat man an so einem Jahr . Aber da , dieses infame Kleingeld , das geht hin , man weiß nicht wie . Und es wurde ein häßlicher Nachmittag , als er in der Sofaecke saß und auf den Herrn im Pelz wartete , von dem er seine Zeit zurückverlangen wollte . Er wollte die Tür verriegeln und ihn nicht fortlassen , bevor er nicht damit herausgerückt war . » In Scheinen « , wollte er sagen , » meinetwegen zu zehn Jahren . « Vier Scheine zu zehn und einer zu fünf , und den Rest sollte er behalten , in des Teufels Namen . Ja , er war bereit , ihm den Rest zu schenken , nur damit keine Schwierigkeiten entstünden . Gereizt saß er im Roßhaarsofa und wartete , aber der Herr kam nicht . Und er , Nikolaj Kusmitsch , der sich vor ein paar Wochen mit Leichtigkeit so hatte dasitzen sehen , er konnte sich jetzt , da er wirklich saß , den andern Nikolaj Kusmitsch , den im Pelz , den Großmütigen , nicht vorstellen . Weiß der Himmel , was aus ihm geworden war , wahrscheinlich war man seinen Betrügereien auf die Spur gekommen , und er saß nun schon irgendwo fest . Sicher hatte er nicht ihn allein ins Unglück gebracht . Solche Hochstapler arbeiten immer im großen . Es fiel ihm ein , daß es eine staatliche Behörde geben müsse , eine Art Zeitbank , wo er wenigstens einen Teil seiner lumpigen Sekunden umwechseln könne . Echt waren sie doch schließlich . Er hatte nie von einer solchen Anstalt gehört , aber im Adreßbuch würde gewiß etwas Derartiges zu finden sein , unter Z , oder vielleicht auch hieß es » Bank für Zeit « ; man konnte leicht unter B nachsehen . Eventuell war auch der Buchstabe K zu berücksichtigen , denn es war anzunehmen , daß es ein kaiserliches Institut war ; das entsprach seiner Wichtigkeit . Später versicherte Nikolaj Kusmitsch immer , daß er an jenem Sonntag Abend , obwohl er sich begreiflicherweise in recht gedrückter Stimmung befand , nichts getrunken habe . Er war also völlig nüchtern , als das Folgende passierte , soweit man überhaupt sagen kann , was da geschah . Vielleicht , daß er ein bißchen in seiner Ecke eingeschlummert war , das ließe sich immerhin denken . Dieser kleine Schlaf verschaffte ihm zunächst lauter Erleichterung . Ich habe mich mit den Zahlen eingelassen , redete er sich zu . Nun , ich verstehe nichts von Zahlen . Aber es ist klar , daß man ihnen keine zu große Bedeutung einräumen darf ; sie sind doch sozusagen nur eine Einrichtung von Staats wegen , um der Ordnung willen . Niemand hatte doch je anderswo als auf dem Papier eine gesehen . Es war ausgeschlossen , daß einem zum Beispiel in einer Gesellschaft eine Sieben oder eine Fünfundzwanzig begegnete . Da gab es die einfach nicht . Und dann war da diese kleine Verwechslung vorgefallen , aus purer Zerstreutheit : Zeit und Geld , als ob sich das nicht auseinanderhalten ließe . Nikolaj Kusmitsch lachte beinah . Es war doch gut , wenn man sich so auf die Schliche kam , und rechtzeitig , das war das Wichtige , rechtzeitig . Nun sollte es anders werden . Die Zeit , ja , das war eine peinliche Sache . Aber betraf es etwa ihn allein , ging sie nicht auch den andern so , wie er es herausgefunden hatte , in Sekunden , auch wenn sie es nicht wußten ? Nikolaj Kusmitsch war nicht ganz frei von Schadenfreude : Mag sie immerhin - , wollte er eben denken , aber da geschah etwas Eigentümliches . Es wehte plötzlich an seinem Gesicht , es zog ihm an den Ohren vorbei , er fühlte es an den Händen . Er riß die Augen auf . Das Fenster war fest verschlossen . Und wie er da so mit weiten Augen im dunkeln Zimmer saß , da begann er zu verstehen , daß das , was er nun verspürte , die wirkliche Zeit sei , die vorüberzog . Er erkannte sie förmlich , alle diese Sekündchen , gleich lau , eine wie die andere , aber schnell , aber schnell . Weiß der Himmel , was sie noch vorhatten . Daß gerade ihm das widerfahren mußte , der jede Art von Wind als Beleidigung empfand . Nun würde man dasitzen , und es würde immer so weiterziehen , das ganze Leben lang . Er sah alle die Neuralgien voraus , die man sich dabei holen würde , er war außer sich vor Wut . Er sprang auf , aber die Überraschungen waren noch nicht zu Ende . Auch unter seinen Füßen war etwas wie eine Bewegung , nicht nur eine , mehrere , merkwürdig durcheinanderschwankende Bewegungen . Er erstarrte vor Entsetzen : konnte das die Erde sein ? Gewiß , das war die Erde . Sie bewegte sich ja doch . In der Schule war davon gesprochen worden , man war etwas eilig darüber weggegangen , und später wurde es gern vertuscht ; es galt nicht für passend , davon zu sprechen . Aber nun , da er einmal empfindlich geworden war , bekam er auch das zu fühlen . Ob die anderen es fühlten ? Vielleicht , aber sie zeigten es nicht . Wahrscheinlich machte es ihnen nichts aus , diesen Seeleuten . Nikolaj Kusmitsch aber war ausgerechnet in diesem Punkt etwas delikat , er vermied sogar die Straßenbahnen . Er taumelte im Zimmer umher wie auf Deck und mußte sich rechts und links halten . Zum Unglück fiel ihm noch etwas von der schiefen Stellung der Erdachse ein . Nein , er konnte alle diese Bewegungen nicht vertragen . Er fühlte sich elend . Liegen und ruhig halten , hatte er einmal irgendwo gelesen . Und seither lag Nikolaj Kusmitsch . Er lag und hatte die Augen geschlossen . Und es gab Zeiten , weniger bewegte Tage sozusagen , wo es ganz erträglich war . Und dann hatte er sich das ausgedacht mit den Gedichten . Man sollte nicht glauben , wie das half . Wenn man so ein Gedicht langsam hersagte , mit gleichmäßiger Betonung der Endreime , dann war gewissermaßen etwas Stabiles da , worauf man sehen konnte , innerlich versteht sich . Ein Glück , daß er alle diese Gedichte wußte . Aber er hatte sich immer ganz besonders für Literatur interessiert . Er beklagte sich nicht über seinen Zustand , versicherte mir der Student , der ihn lange kannte . Nur hatte sich mit der Zeit eine übertriebene Bewunderung für die in ihm herausgebildet , die , wie der Student , herumgingen und die Bewegung der Erde vertrugen . Ich erinnere mich dieser Geschichte so genau , weil sie mich ungemein beruhigte . Ich kann wohl sagen , ich habe nie wieder einen so angenehmen Nachbar gehabt , wie diesen Nikolaj Kusmitsch , der sicher auch mich bewundert hätte . Ich nahm mir nach dieser Erfahrung vor , in ähnlichen Fällen immer gleich auf die Tatsachen loszugehen . Ich merkte , wie einfach und erleichternd sie waren , den Vermutungen gegenüber . Als ob ich nicht gewußt hätte , daß alle unsere Einsichten nachträglich sind , Abschlüsse , nichts weiter . Gleich dahinter fängt eine neue Seite an mit etwas ganz anderem , ohne Übertrag . Was halfen mir jetzt im gegenwärtigen Falle die paar Tatsachen , die sich spielend feststellen ließen . Ich will sie gleich aufzählen , wenn ich gesagt haben werde , was mich augenblicklich beschäftigt : daß sie eher dazu beigetragen haben , meine Lage , die ( wie ich jetzt eingestehe ) recht schwierig war , noch lästiger zu gestalten . Es sei zu meiner Ehre gesagt , daß ich viel geschrieben habe in diesen Tagen ; ich habe krampfhaft geschrieben . Allerdings , wenn ich ausgegangen war , so dachte ich nicht gerne an das Nachhausekommen . Ich machte sogar kleine Umwege und verlor auf diese Art eine halbe Stunde , während welcher ich hätte schreiben können . Ich gebe zu , daß dies eine Schwäche war . War ich aber einmal in meinem Zimmer , so hatte ich mir nichts vorzuwerfen . Ich schrieb , ich hatte mein Leben , und das da nebenan war ein ganz anderes Leben , mit dem ich nichts teilte : das Leben eines Studenten der Medizin , der für sein Examen studierte . Ich hatte nichts Ähnliches vor mir , schon das war ein entscheidender Unterschied . Und auch sonst waren unsere Umstände so verschieden wie möglich . Das alles leuchtete mir ein . Bis zu dem Moment , da ich wußte , daß es kommen würde ; da vergaß ich , daß es zwischen uns keine Gemeinsamkeit gab . Ich horchte so , daß mein Herz ganz laut wurde . Ich ließ alles und horchte . Und dann kam es : ich habe mich nie geirrt . Beinah jeder kennt den Lärm , den irgendein blechernes , rundes Ding , nehmen wir an , der Deckel einer Blechbüchse , verursacht , wenn er einem entglitten ist . Gewöhnlich kommt er gar nicht einmal sehr laut unten an , er fällt kurz auf , rollt auf dem Rande weiter und wird eigentlich erst unangenehm , wenn der Schwung zu Ende geht und er nach allen Seiten taumelnd aufschlägt , eh er ins Liegen kommt . Nun also : das ist das Ganze ; so ein blecherner Gegenstand fiel nebenan , rollte , blieb liegen , und dazwischen , in gewissen Abständen , stampfte es . Wie alle Geräusche , die sich wiederholt durchsetzen , hatte auch dieses sich innerlich organisiert ; es wandelte sich ab , es war niemals genau dasselbe . Aber gerade das sprach für seine Gesetzmäßigkeit . Es konnte heftig sein oder milde oder melancholisch ; es konnte gleichsam überstürzt vorübergehen oder unendlich lange hingleiten , eh es zu Ruhe kam . Und das letzte Schwanken war immer überraschend . Dagegen hatte das Aufstampfen , das hinzukam , etwas fast Mechanisches . Aber es teilte den Lärm immer anders ab , das schien seine Aufgabe zu sein . Ich kann diese Einzelheiten jetzt viel besser übersehen ; das Zimmer neben mir ist leer . Er ist nach Hause gereist , in die Provinz . Er sollte sich erholen . Ich wohne im obersten Stockwerk . Rechts ist ein anderes Haus , unter mir ist noch niemand eingezogen : ich bin ohne Nachbar . In dieser Verfassung wundert es mich beinah , daß ich die Sache nicht leichter nahm . Obwohl ich doch jedesmal im voraus gewarnt war durch mein Gefühl . Das wäre auszunutzen gewesen . Erschrick nicht , hätte ich mir sagen müssen , jetzt kommt es ; ich wußte ja , daß ich mich niemals täuschte . Aber das lag vielleicht gerade an den Tatsachen , die ich mir hatte sagen lassen ; seit ich sie wußte , war ich noch schreckhafter geworden . Es berührte mich fast gespenstisch , daß das , was diesen Lärm auslöste , jene kleine , langsame , lautlose Bewegung war , mit der sein Augenlid sich eigenmächtig über sein rechtes Auge senkte und schloß , während er las . Dies war das Wesentliche an seiner Geschichte , eine Kleinigkeit . Er hatte schon ein paar Mal die Examen vorbeigehen lassen müssen , sein Ehrgeiz war empfindlich geworden , und die Leute daheim drängten wahrscheinlich , sooft sie schrieben . Was blieb also übrig , als sich zusammenzunehmen . Aber da hatte sich , ein paar Monate vor der Entscheidung , diese Schwäche eingestellt ; diese kleine , unmögliche Ermüdung , die so lächerlich war , wie wenn ein Fenstervorhang nicht oben bleiben will . Ich bin sicher , daß er wochenlang der Meinung war , man müßte das beherrschen können . Sonst wäre ich nicht auf die Idee verfallen , ihm meinen Willen anzubieten . Eines Tages begriff ich nämlich , daß der seine zu Ende sei . Und seither , wenn ich es kommen fühlte , stand ich da auf meiner Seite der Wand und bat ihn , sich zu bedienen . Und mit der Zeit wurde mir klar , daß er darauf einging . Vielleicht hätte er das nicht tun dürfen , besonders wenn man bedenkt , daß es eigentlich nichts half . Angenommen sogar , daß wir die Sache ein wenig hinhielten , so bleibt es doch fraglich , ob er wirklich imstande war , die Augenblicke , die wir so gewannen , auszunutzen . Und was meine Ausgaben betrifft , so begann ich sie zu fühlen . Ich weiß , ich fragte mich , ob das so weitergehen dürfe , gerade an dem Nachmittag , als jemand in unserer Etage ankam . Dies ergab bei dem engen Aufgang immer viel Unruhe in dem kleinen Hotel . Eine Weile später schien es mir , als trete man bei meinem Nachbar ein . Unsere Türen waren die letzten im Gang , die seine quer und dicht neben der meinen . Ich wußte indessen , daß er zuweilen Freunde bei sich sah , und , wie gesagt , ich interessierte mich durchaus nicht für seine Verhältnisse . Es ist möglich , daß seine Tür noch mehrmals geöffnet wurde , daß man draußen kam und ging . Dafür war ich wirklich nicht verantwortlich . Nun an diesem selben Abend war es ärger denn je . Es war noch nicht sehr spät , aber ich war aus Müdigkeit schon zu Bett gegangen ; ich hielt es für wahrscheinlich , daß ich schlafen würde . Da fuhr ich auf , als hätte man mich berührt . Gleich darauf brach es los . Es sprang und rollte und rannte irgendwo an und schwankte und klappte . Das Stampfen war fürchterlich . Dazwischen klopfte man unten , einen Stock tiefer , deutlich und böse gegen die Decke . Auch der neue Mieter war natürlich gestört . Jetzt : das mußte seine Türe sein . Ich war so wach , daß ich seine Türe zu hören meinte , obwohl er erstaunlich vorsichtig damit umging . Es kam mir vor , als nähere er sich . Sicher wollte er wissen , in welchem Zimmer es sei . Was mich befremdete , war seine wirklich übertriebene Rücksicht . Er hatte doch eben bemerken können , daß es auf Ruhe nicht ankam in diesem Hause . Warum in aller Welt unterdrückte er seinen Schritt ? Eine Weile glaubte ich ihn an meiner Tür ; und dann vernahm ich , darüber war kein Zweifel , daß er nebenan eintrat . Er trat ohne weiters nebenan ein . Und nun ( ja , wie soll ich das beschreiben ? ) , nun wurde es still . Still , wie wenn ein Schmerz aufhört . Eine eigentümlich fühlbare , prickelnde Stille , als ob eine Wunde heilte . Ich hätte sofort schlafen können ; ich hätte Atem holen können und einschlafen . Nur mein Erstaunen hielt mich wach . Jemand sprach nebenan , aber auch das gehörte mit in die Stille . Das muß man erlebt haben , wie diese Stille war , wiedergeben läßt es sich nicht . Auch draußen war alles wie ausgeglichen . Ich saß auf , ich horchte , es war wie auf dem Lande . Lieber Gott , dachte ich , seine Mutter ist da . Sie saß neben dem Licht , sie redete ihm zu , vielleicht hatte er den Kopf ein wenig gegen ihre Schulter gelegt . Gleich würde sie ihn zu Bett bringen . Nun begriff ich das leise Gehen draußen auf dem Gang . Ach , daß es das gab . So ein Wesen , vor dem die Türen ganz anders nachgeben als vor uns . Ja , nun konnten wir schlafen . Ich habe meinen Nachbar fast schon vergessen . Ich sehe wohl , daß es keine richtige Teilnahme war , was ich für ihn hatte . Unten frage ich zwar zuweilen im Vorüber gehen , ob Nachrichten von ihm da sind und welche . Und ich freue mich , wenn sie gut sind . Aber ich übertreibe . Ich habe eigentlich nicht nötig , das zu wissen . Das hängt gar nicht mehr mit ihm zusammen , daß ich manchmal einen plötzlichen Reiz verspüre , nebenan einzutreten . Es ist nur ein Schritt von meiner Tür zu der anderen , und das Zimmer ist nicht verschlossen . Es würde mich interessieren , wie dieses Zimmer eigentlich beschaffen ist . Man kann sich mit Leichtigkeit ein beliebiges Zimmer vorstellen , und oft stimmt es dann ungefähr . Nur das Zimmer , das man neben sich hat , ist immer ganz anders , als man es sich denkt . Ich sage mir , daß es dieser Umstand ist , der mich reizt . Aber ich weiß ganz gut , daß es ein gewisser blecherner Gegenstand ist , der auf mich wartet . Ich habe angenommen , daß es sich wirklich um einen Büchsendeckel handelt , obwohl ich mich natürlich irren kann . Das beunruhigt mich nicht . Es entspricht nun einmal meiner Anlage , die Sache auf einen Büchsendeckel zu schieben . Man kann denken , daß er ihn nicht mitgenommen hat . Wahrscheinlich hat