notwendig , sondern auch schicklich . Ich habe mir sagen lassen , daß alle diese Gebräuche einen tiefer liegenden Grund und ihre eigene Bedeutung haben . Vater und Mutter haben ihr Kind , ihre Tochter erzogen , unter tausend schlaflosen Nächten , unter noch mehr Sorgen und Opfern . Da kommt ein fremder Mensch und nimmt sie von ihnen weg . Er raubt den Eltern den größten Teil des Herzens ihres Kindes , und dieses folgt ihm gern , ohne zu fragen , ob er es auch verdient . Diese innern Vorgänge sollen durch die indianischen Verlobungsgebräuche äußerlich dargestellt werden . Die Tochter ist bereit , sich rauben zu lassen ; aber die Eltern geben sich alle Mühe , dies zu verhüten . Sie wird eingesperrt , sehr wohl versteckt und scharf bewacht . Der Geliebte gibt sich ebenso große Mühe , die Eltern zu überlisten , und hilft das nicht , so greift er gar auch zur Gewalt . Es gibt da einen hochinteressanten Kampf zwischen dem gegenseitigen Scharfsinn , und der ganze Stamm befindet sich in Spannung , die einzelnen Phasen dieses Kampfes zu erfahren oder wohl gar daran teilzunehmen . Man hilft der einen oder der andern Partei . Es kommt dabei zu Taten der Schlauheit und des persönlichen Mutes , durch welche der Werbende zeigt , was der Stamm dann später im öffentlichen Leben , in Krieg oder Frieden von ihm erwarten darf . « » Als ich diese Neuigkeit von Tom Muddy erfuhr , war es mir , als ob ich von ihm einen schweren Faustschlag gegen die Stirn bekommen hätte . Das Gehirn begann mir zu brummen . Ich fühlte mich zunächst ganz dumm im Kopfe . Tom Muddy aber war wütend . Er schwor das Blaue vom Himmel herunter , daß der Siou das Mädchen nicht entführen werde ; es sei dafür gesorgt , daß ihm das nicht gelingen könne . Als ich ihn fragte , wodurch er das zu verhindern gedenke , verlangte er von mir einen Schwur , seinen Plan nicht zu verraten ; dann solle ich ihn erfahren . Ich leistete den Schwur , doch natürlich nur , um die Ausführung dieses Planes zu verhüten . Da zeigte er mir seine Pistole . Sie war bis oben herauf mit Pulver geladen . Dieses Pulver sollte dem Siou in die Augen geschossen werden , um sein Gesicht zu entstellen und ihn zu blenden , für immer blind zu machen . Dann fällt es ihr gewiß nicht ein , seine Squaw zu werden ! fügte er hinzu , bevor er sich entfernte . Aber noch ehe er ging , erinnerte er mich an meinen Schwur . Sollte ich ihn etwa verraten , so werde er nicht nur den Siou blenden , sondern auch mich . « » Der ist ja gar kein Mensch gewesen , sondern ein Teufel ! « rief das Herzle aus . » Wenn kein Teufel , so aber doch ein Schurke , dem nichts und nichts zu schlecht war , wenn es nur zum Ziele führte , « antwortete Pappermann . » Ich hielt es natürlich für meine Pflicht , die Missetat zu verhüten . Freilich , verraten durfte ich nichts . Doch hätten einige andeutende Worte gewiß genügt , den Siou die Gefahr , in der er sich befand , wenigstens ahnen zu lassen . Aber er war ja weder zu sehen noch zu sprechen . Von dem Augenblicke an , an dem er die Erlaubnis erhalten hatte , Aschta zu rauben , hatte er sich in die tiefste Heimlichkeit zu hüllen und sich so vorsichtig anzuschleichen , als ob es sein Leben gelte . Da verstand es sich ganz von selbst , daß er nicht am Tage kommen konnte und daß ich mir die Nächte hindurch alle Mühe gab , ihn irgendwo zu erwischen . Das war gar nicht ungefährlich für mich , denn ich wußte , daß Tom Muddy genau dieselben Anstrengungen machte , an ihn heranzukommen . Ich hatte also die Doppelaufgabe , den einen zu vermeiden , den andern aber zu entdecken , und ich sage Euch , daß es gar nicht so leicht war , die nötige Vorsicht zu entwickeln . Es gehörte Uebung dazu . So ging es über eine Woche lang , ohne daß meine Anstrengungen das geringste Ergebnis hatten . Dann kam eine mond- und sternenlose , feuchte Nacht , in der es zwar nicht regnete , aber es nässelte in Einem fort . Trotzdem blieb ich nicht auf meinem warmen Lager , sondern kroch draußen herum , denn es war , als ob mir Jemand sage , daß grad in dieser höchst ungemütlichen Nacht Etwas geschehen werde , was ich nicht versäumen dürfe . Ich kroch leise , leise an der Hinterseite des Hauses bis zur Ecke hin . Dort wollte ich liegen bleiben , um nach beiden Seiten hin lauschen zu können . Ich schob mich also , als ich die Ecke erreicht hatte , ein wenig vor und - - - Herrgott ! Da lag schon Einer ! Drüben auf der andern Seite ! Wir stießen fast zusammen . Er sah mich ebenso wie ich ihn , trotz der Dunkelheit und trotz der dicken , feuchten Luft . Aber wie ich ihn nicht erkannte , so konnte er auch mich nicht erkennen . Wer war es ? Der Siou oder Tom Muddy ? Schon öffnete ich den Mund , um ein leises , leises Wort zu sagen ; da erhob der da drüben den Arm . Er hatte Etwas in der Hand . Ich konnte nur schnell das Gesicht zur Seite wenden , da krachte auch schon der Schuß . Ich bekam die ganze Ladung . Es ging kein Körnchen verloren . Doch glücklicherweise nicht in die Augen , sondern in die durch meine schnelle Bewegung dem Schurken zugewendete linke Seite des Gesichtes . Ich hatte ihm zurufen wollen : Schieß nicht , schieß nicht ! war aber nicht dazu gekommen und gab auch jetzt keinen Laut von mir , weil ich die Besinnung verloren hatte . Es war zwar nur ein armseliger , lumpiger Pistolenschuß und zwar ohne Blei oder Kugel , aber doch so ganz und gar nahe abgeschossen , daß ich aus meiner kauernden Lage niederfiel wie ein Sack , den man umgestoßen hat , und leblos liegen blieb , bis man mich fand und in das Innere des Hauses trug , um mich in das Leben zurückzubringen . « » Man hatte nämlich den Schuß gehört und war herausgeeilt , um seiner Ursache nachzuforschen . Der Medizinmann kam ; seine Frau kam ; Aschta , seine Tochter , kam , und Andere kamen auch . Während sie alle um mich beschäftigt waren , kam noch ein Anderer , nämlich der Siou Ogallallah . Er kam geschlichen wie ein unhörbarer Windeshauch und war klug genug , die Situation sofort für sich auszunutzen . Als man mich in das Haus gebracht und dort niedergelegt hatte , erscholl draußen der laute Siegesruf der Ogallallah . Man horchte auf . Man vermißte die Tochter . Man wußte , woran man war : die Entführung war gelungen . Der Siou brauchte sich nur mit Aschta zu entfernen , so war sie sein . Aber das tat er nicht ; er hatte es nicht nötig . Er hatte sie geholt , und sie war ihm gefolgt , aus der Aufsicht der Eltern hinaus . Das genügte ! Er brachte sie wieder herein und wurde von den Eltern als Sohn empfangen . So war durch den Schuß Tom Muddys also grad das begünstigt und herbeigeführt worden , was er hatte verhüten sollen . Ich aber lag lange Zeit im Delirium und habe vor Schmerzen gepfiffen wie ein Hund , den irgend ein Vivi lebendig zu Tode schindet . Dann habe ich mich , sobald ich wieder auf den Beinen war , aus dem Staub gemacht , ohne Etwas zu verraten . Kein Mensch , als nur ich und Tom Muddy , kannte den Täter und den eigentlichen Grund des Schusses . Und dieser Schuft ist seit jener Nacht verschwunden , spurlos verschwunden , so heiß auch mein Verlangen gewesen ist , ihm wieder zu begegnen . Als ich dann nach einigen Jahren zum ersten Male wieder nach dem Kanubisee kam , fand ich die Häuser leer ; sie waren verlassen . Die Seneca waren von einer Bande weißer Buschklepper überfallen und getötet worden bis auf den letzten Mann . Von ihnen allen lebte nur noch Aschta , weil sie den See verlassen hatte , um dem Siou Ogallallah zu seinem Stamme zu folgen . « » Habt Ihr sie wiedergesehen ? « fragte meine Frau . » Nein , nie ! Ich habe die Ogallallah stets als Feinde der Weißen betrachtet und mich gehütet , viel mit ihnen in Berührung zu kommen . Erkundigt habe ich mich freilich einige Male . Da erfuhr ich , daß die schöne Senecasquaw des Medizinmannes sehr glücklich sei . Er habe droben am Niobrara für sich und seine Schüler eine eigene Reservation gegründet und lebe dort nur für alte Totems und Wampums , die er sammle und für die Bücher , die er sich von den Bleichgesichtern schicken lasse . Er sei sogar unter den Weißen ein sehr geehrter und sehr berühmter Mann . « Bei diesen letzten Worten Pappermanns fragte ich ihn schnell : » Ihr kennt natürlich den Namen dieses Indianers ? « » Ja , « nickte er . » Heißt er Wakon ? « » Ja , nur Wakon . « » Es steht kein anderes Wort , kein anderer Name dabei ? « » Nur Wakon ! « wiederholte er . » So kenne ich ihn , obgleich ich ihn noch nie gesehen habe . Er hat sein ganzes Leben und seine ganze Kraft dem Studium der Geschichte der roten Rasse gewidmet und Werke über sie geschrieben , die leider noch nicht erschienen sind , weil er sie erst dann veröffentlichen will , wenn auch der letzte Band vollständig vollendet ist . Man ist auf dieses sein Lebenswerk mit Recht ungewöhnlich gespannt . « » Wie alt ist er jetzt ? « fragte das Herzle . » Das ist Nebensache , « antwortete ich . » Wahrhaft große Männer pflegen nicht eher zu sterben , als bis sie wenigstens innerlich das erreicht haben , was sie erreichen wollten oder sollten . Die sogenannten Helden des Krieges und der Schlachtfelder sind hiervon natürlich ausgenommen . Seid Ihr müd ? « Diese letztere Frage richtete ich an Pappermann , der sich in seine Decke zu wickeln begann , als wolle er sich niederlegen . » Müd eigentlich nicht , « antwortete er ; » aber fast wie wieder von dem Schusse Tom Muddys getroffen . Das ist die Erinnerung ! Ich habe sie sehr lieb gehabt , diese Indianerin , sehr ! Ich habe niemals , niemals wieder ein Frauenzimmer daraufhin angesehen , ob ich sie zum Weibe haben möchte . Ich bin ein einsamer Mensch geblieben und werde wohl , wenn meine Stunde kommt , auch ebenso einsam sterben - - - . Ich will versuchen , zu schlafen . Gute Nacht ! « Wir erwiderten seinen Wunsch » gute Nacht « , doch ging er nicht in Erfüllung , weder bei ihm noch bei uns . Er wälzte sich wohl zwei Stunden lang von einer Seite auf die andere ; dann wickelte er sich wieder aus seiner Decke , stand auf und ging fort , um sich durch eine Wanderung zu beruhigen . Er war um Mitternacht noch nicht wieder da ; da schlief ich ein . Aber schon vielleicht nach zwei Stunden wachte ich wieder auf . Da saß er an seiner Stelle ; er war zurückgekehrt , hatte sich aber nicht niedergelegt . So setzte ich mich also auch auf . Und kaum hatte ich das getan , so richtete sich der » junge Adler « in die Höhe . Da erklang vom Zelte her die Stimme meiner Frau : » Auch ich schlafe nicht ! - Darf ich einen Vorschlag machen ? « » Welchen ? « fragte ich . Sie öffnete die Leinwandspalte , an der sie gestanden hatte , noch weiter , trat ganz hervor und antwortete : » Wollen aufbrechen ! Fort ! Hinunter nach dem See ! Wir schlafen doch nicht wieder ein ! Das sind die Folgen so alter Geschichten ! « Da sprang Pappermann auf und stimmte bei : » Well ! Aufbrechen ! Fort ! Dann kommen wir genau zum Sonnenaufgang an , wie damals ich ! Seid Ihr es zufrieden ? « Ich stimmte bei , und der » junge Adler « natürlich auch . Das Zelt wurde abgebrochen . Dann ritten wir den breiten , bequemen Terrainabfall nach der Hochebene des Sees hinunter . Der Morgen begann leise zu grauen . Wir hatten grad genug Dämmerlicht für die Augen unserer Pferde , daß sie sahen , wohin sie traten . Dann wurde es heller und heller . War es wirklich nur die Folge der Erzählung Pappermanns , daß wir nicht hatten schlafen können ? Oder gab es irgend eine Bestimmung , die uns veranlaßt hatte , um so viel früher aufzubrechen , als erst in unserer Absicht gelegen hatte ? Sonderbar ! Wir ritten still neben einander her . Wir erreichten die Ebene , auf der wir schneller vorwärts kamen . Der Morgen nahte . Es wurde Tag . Und grad als die Sonne aufging , erreichten wir den äußern Rand des grünen Laub- und Blätterwaldes , der den See von allen Seiten umsäumte . Eine schmale , wiesenartige Lichtung führte in diesen Wald hinein . Sie wurde immer schmaler und bildete schließlich einen Weg von nur fünf oder sechs Meter Breite . » Das ist derselbe Weg , den ich damals kam , « sagte Pappermann . » Nur ist der Wald jetzt höher und dichter geworden . Hier fand ich die Spuren . Und nur eine kurze Strecke weiter sehen wir das Wasser des Sees . « Er ritt diese Strecke voran . Dann wendete er sich nach uns um , deutete aber vorwärts und sagte : » Da sind die letzten Büsche . Und nun kommt der See und der hohe Stein , auf dem Aschta damals saß - - - mein Himmel ! « Er war um die erwähnten letzten Büsche gebogen , ritt aber nicht weiter , sondern blieb halten , stieß diesen Ausruf der Ueberraschung , des Erstaunens aus und starrte nach einem Punkte , der uns noch hinter dem Gesträuch verborgen war . Wir ritten schnell hin . Da sahen wir nun freilich , daß er sehr wohl Veranlassung hatte , zu erstaunen . Ja , unser Erstaunen war ebenso groß wie das seinige . Wir hatten den See erreicht . Wir befanden uns an seinem östlichen Rande . Ja , er war es wert , mit dem gleichnamigen Kanubisee in Massachusetts verglichen zu werden . Doch hatten wir jetzt nicht Zeit , uns mit seiner Schönheit zu beschäftigen . Rechts von uns lagen die Ueberreste der einstigen Senecahäuser , von dem ersten Gruße der Sonne überflutet . Vor uns die vom leisen Morgenhauche bewegte , durchsichtig grünblaue Wasserfläche , deren reich eingebuchtete Ufer sich wie Kulissen aus- und ineinander schoben , von üppigem Grün bewachsen , dessen Blätter wie eingetaucht in flüssiges Metall erschienen . Und links von uns , wo die Büsche bis ganz nahe an das Ufer traten , der hohe , weiße , glattgewaschene Stein , und auf ihm stehend - - - eine junge Indianerin , genau , ganz genau so , wie Pappermann sie uns gestern am Abend beschrieben hatte : Sie war in weiche , weißgegerbte Tierhaut , mit roten Fransen verziert , gekleidet , und ihr langes , dunkles Haar hing , mit Blumen und Kolibris geschmückt , weit über den Rücken herunter . Die Kolibris funkelten im Sonnenstrahle in allen Farben leuchtender Edelsteine ; aber das Mädchen schaute nicht , wie damals , der Sonne entgegen , sondern ihr Angesicht war nach der Stelle gerichtet , an der wir ihr jetzt erschienen . Und dieses Mädchen war schön , sehr schön , sowohl von Angesicht , als auch von Gestalt . Sie bewegte kein Glied . Sie sagte kein Wort . Sie sah uns still und erwartungsvoll aus ihren großen , dunklen Augen entgegen . Und , sonderbar ! Pappermann glitt langsam von seinem Maultiere herab , schritt ebenso langsam , ganz wie mechanisch auf sie zu , als ob ihn eine tiefe , heilige Scheu umfange , und fragte : » Wie heißest du ? « » Ich heiße Aschta , « antwortete sie , genau wie ihm damals geantwortet worden war . » Und wie alt bist du ? « » Achtzehn Sommer . « Da strich er sich mit der Hand über das Gesicht und sagte , als ob er träume : » Also nein ! Das konnte ja gar nicht sein ! Sie ist eine Andere , wenn auch ihr ähnlich , so ganz außerordentlich ähnlich ! « » Sprichst du von meiner Mutter ? « fragte nun sie . » Man sagt , daß ich ihr überaus ähnlich sehe . « » Du hast eine Mutter ? « » Ja . « » Wie heißt sie ? « » Aschta , wie ich . « » Und dein Vater ? « » Heißt Wakon . Wir wohnen weit im Norden von hier , am Niobraraflusse . « Da schlug er die Hände zusammen und rief : » Sie ist eine Tochter von ihr - eine Tochter ! « Da bog sie ihren Oberkörper weiter vor , als ob sie vom Steine herunterspringen wolle , und sagte : » Du kennst meinen Vater und meine Mutter ? Und die Hälfte deines Gesichtes ist vom Pulver verbrannt ! Heißest du vielleicht Pappermann ? « » Ja , so heiße ich . « » Du warst zu derselben Zeit hier am Kanubisee , als Vater und Mutter einander kennen lernten ? « » Ja , zu derselben Zeit . « Da stieg sie vom Steine herab und bat : » Reiche mir deine Hände ! « Er tat es . Sie ergriff sie , küßte sie ihm einmal , zweimal , zog dann seinen Kopf zu sich heran , küßte ihn einmal , zweimal auch auf die dunkle Wange und sprach : » Du bist der Retter meines Vaters ! Hast dich für ihn geopfert ! Warum kamst du nie zu uns ? Vater und Mutter haben niemals aufgehört , sich nach dir zu erkundigen , doch ohne zu erfahren , wo du bist ! « Der alte Westmann zitterte vor Aufregung und Rührung . Er weinte . » Woher weiß dein Vater , daß jener Schuß nicht mir , sondern ihm gegolten hat ? « fragte er . » Ich habe es nie verraten ! « » O doch ! Aber ohne daß du es wolltest . Du hast es im Fieber erzählt . Vater hat jenen Menschen zweimal wieder gesehen , doch ohne ihn fassen zu können . Sein richtiger Name war nicht Tom Muddy , sondern Sander . Als gestern Abend Euer Feuer wie ein ganz , ganz kleiner , flackernder Stern vom Berge leuchtete , sagte Mutter zu mir : So leuchtete damals das Lagerfeuer unseres weißen Retters von genau da oben herab , am Abend , bevor ich ihn zum ersten Male sah . « » Deine Mutter ist hier ? « erkundigte er sich schnell . » Sie war hier , ist es aber nicht mehr , « antwortete sie . » Es waren viele Frauen und Töchter hier , die aber mit dem Morgengrauen fortgeritten sind . Ich blieb allein zurück - - - als Wache , als Kundschafterin . « » Als Kundschafterin ? « fragte er lächelnd . » Wenn wir nun Feinde wären ? « » So hättet ihr mich nicht zu sehen bekommen . « » So hast du wissen wollen , wer wir sind ? « » Weil wir Euer Feuer gesehen hatten , ja . « » Und woraus erkanntest du , daß wir nicht gefährlich seien ? « » Weil eine Squaw sich bei euch befand . « » Ah ! Ganz richtig , ganz richtig ! Nun mußt du wohl schnell von hier fort ? « » Ja , um die Andern einzuholen . Doch werde ich diesen Ort nicht mehr verlassen , ohne von dir erfahren zu haben , wann und wo wir dich sehen und treffen können . « » Wohin reitet ihr ? « » Das darf ich nicht sagen . « Da stieg der » junge Adler « vom Pferde , trat hinzu und sagte : » Du darfst ! - Schau her ! Ich bin dein Bruder . « Er trug den neuen Lederanzug , den Pappermann ihm aufgehoben hatte ; den alten hatte er weggeworfen . In diesem neuen Anzuge nahm er sich sehr stattlich aus . Er deutete auf die rechte Seite der Brust , wo ein kleiner , zwölfstrahliger Stern aus Perlen eingestickt war . Ich sah an ihrem Gewande an derselben Stelle ganz denselben Stern . » Du bist ein Winnetou ? « fragte sie , ihn jetzt genauer betrachtend . » Ja . « » Und ich bin eine Winnetah . Wir tragen also beide den Stern des großen Winnetou und sind also Bruder und Schwester . Ich bin eine Siou Ogallallah . Und du ? « » Ein Apatsche vom Stamme der Mescaleros . « » Also von Winnetous Stamm . Ich bitte dich , mir deinen Namen zu sagen . Oder hast du noch keinen ? « » Ich habe einen , « lächelte er . » Man nennt mich den jungen Adler . « Da machte sie eine Bewegung der Ueberraschung . » Man weiß , daß ein Lieblingsschüler des berühmten Tatellah-Satah diesen Namen trägt . Er bekam ihn schon in früher Jugend , wo Andere noch lange Zeit ohne Namen sind . Kennst du ihn ? « » Ja . « » Er war der Allererste , dem Tatellah-Satah erlaubte , den Stern unsers Winnetou zu tragen . Weißt du , wo er sich jetzt befindet ? « » Ja . « » Darfst du es mir sagen ? « » Niemand verbietet es mir . Er steht vor dir . « » Du , du bist es ? Du selbst , du selbst ? « fragte sie , indem ein Glanz aufrichtiger Freude ihre Wangen überflog . » Man sagte , du seiest verschwunden ? « » Man sagte die Wahrheit , « antwortete er . » Um den heiligen Ton der Friedenspfeife zu holen ? « » Ja . Und noch Schwereres dazu . « » Man erzählte , du habest dir selbst dabei eine schwere , sehr schwere Aufgabe gestellt ? « » Auch das ist wahr . « » Ist dir die Lösung gelungen ? « » Sie gelang . Unser großer , guter Manitou hat mich geführt und beschützt . Seit ich den Mount Winnetou verließ , sind über vier Jahre vergangen . Nun kehre ich zurück . Du hast denselben Weg ? « » Ja . « » So will ich nicht fragen , wohin ihr heute reitet , denn ich weiß , daß ich dich wiedersehen werde . « » Wünschest du das ? « » Ja . Und du ? « » Ich auch . « » So bitte , gib mir deine Hand ! « » Ich gebe dir beide ! « Sie reichte sie ihm und schaute ihm mit großen , offenen Augen in das männlich schön gezeichnete , ernste Gesicht . Er aber sah über den See hinüber , wie in eine weite , weite Ferne hinein . Es gab eine kurze Zeit des Schweigens . Dann sagte er : » Die Enkelin des größten Medizinmannes der Seneca , welche die Tochter Wakons ist , des Forschenden und Wissenden , und der Schüler des unerreichbaren Tatellah-Satah , bei dem die zertretene Seele der roten Rasse ihre einzige und letzte Zuflucht fand : das bist du , und das bin ich . Manitou ist es , der uns hier zusammenführte . Wir trennen uns nur zum Scheine . Es soll ein Segen , ein großer Segen ausgehen von dem Orte , an dem wir uns wiederfinden . Sei gesegnet , du liebe , liebe , du schöne Winnetah ! « Er küßte ihr beide Hände und fragte dann : » Wann verlässest du diesen See ? « » Sofort , « antwortete sie . » Aber ehe ich gehe , muß ich dich fragen , wohin euer Ritt von hier aus zunächst gerichtet ist . « » Nach der Devils pulpit . Kennst du sie ? « » Ja . Wie gut , daß ich dich fragte . Ich warne dich ! « » Vor wem ? « » Vor Kiktahan Schonka , dem alten Kriegshäuptling der Sioux Ogallallah . « » Vor deinem eigenen Häuptling ? ! « » Pshaw ! « rief sie stolz aus . » Aschta kennt keinen Häuptling über sich . Es geht ein tiefer , tiefer Riß durch die Dakotahstämme . Die jungen Krieger sind für Winnetou , die alten aber gegen ihn . Nimm dich in Acht ! Ich weiß , daß Kiktahan Schonka nach der Devils pulpit kommt , um sich dort mit den Häuptlingen der Utah zu treffen und zu beraten . Hüte dich , ihnen in die Hände zu fallen ! Weißt du , daß man sagt , Old Shatterhand werde kommen ? « » Ich weiß es . « » Und glaubst du , daß dieses Gerücht begründet ist ? « » Ich glaube es . « » So werden wir ihn sehen , wenn es ihm gelingt , den Gefahren zu entgehen , die auf ihn lauern . « » Kennst du sie , diese Gefahren ? « » Nein . Ich weiß nur , daß man hofft , ihn , wenn er wirklich kommen sollte , zu ergreifen . Ihn am Marterpfahle sterben zu lassen , war der glühende Wunsch aller Feinde seines Bruders Winnetou . Man sagt , er sei sehr alt und grau geworden . Im Alter kommt die Kraft dem Körper und die Energie der Seele abhanden . Wie würde man jubeln , wenn dem Hochbetagten jetzt nun geschähe , was er in der Jugend so oft vereitelt hat ! Wenn ich wüßte , wann und wo er kommt , so stellte ich Späher aus , um ihn warnen zu lassen . « » Sorge dich nicht um ihn , Aschta ! Denn was deine Späher ihm sagen würden , das wurde ihm bereits gesagt . « » So ist er gewarnt ? « » Ja . « » Dem Manitou sei Dank ! Nun kann ich gehen . Warte ! Nur einen Augenblick ! « Sie entfernte sich nach der Ruine des nächsten Hauses , hinter welcher , wie wir dann sahen , ihr Pferd verborgen war . Sie stieg dort auf , kam herbeigeritten und blieb bei uns halten , um dem » jungen Adler « die Hand zu reichen . » Leb wohl ! « sagte sie . » Wir sehen uns wieder ! « Dann fragte sie Pappermann : » Weißt du auch , daß ich diesen Ort nicht eher verlassen werde , als bis ich weiß , wo wir dich treffen werden ? Sag mir einen Ort , der dir beliebt . Wir kommen ! « Pappermann wußte nicht , was er antworten sollte , darum erwiderte er : » Ich reite mit dem jungen Adler wohin , das weiß ich jetzt noch nicht . « » Du wirst bei ihm bleiben ? « » Ja . « » Wie lange ? « » So lange es ihm gefällt . « » So bin ich zufrieden ! Ich weiß , daß ich dich ganz bestimmt wiedersehen werde . « Hierauf wendete sie sich zu meiner Frau und mir . Sie reichte auch uns beiden die Hand und sprach : » Es wurde mir nicht gesagt , wer ihr seid ; darum ist es verboten , zu fragen . Lebt wohl ! « Dann ritt sie davon , an den Ruinen vorüber , um nach den Büschen einzubiegen , hinter denen sie verschwand . Pappermann und der » junge Adler « schauten hinter ihr drein , bis sie fort war ; dann ging der Erstere ihr langsam , wie ein Träumender nach . Der junge Indianer blieb noch eine Weile an derselben Stelle stehen ; dann wendete er sich mit einem Rucke um , als ob es ihm Anstrengung verursache , sich von dem Eindrucke ihrer Persönlichkeit loszureißen . Wir beide aber stiegen nun auch von den Pferden , und ich machte mich darüber , die Spuren derer , welche hier gewesen waren , zu untersuchen . Das Herzle ging indessen an die Zubereitung des Morgenkaffees . Früher hatten wir uns diesen Ritt natürlich ohne Kaffee und sonstige ähnliche Genüsse gedacht ; aber da wir in Trinidad so ganz unerwartet zu Maultieren und einem sehr guten Zelte gekommen waren , so hatten wir uns vor unserer Abreise von dort mit einigen jener angenehmen und nützlichen Dinge versehen , welche dem sogenannten zivilisierten Menschen sogar im » wilden Westen « beinahe unentbehrlich sind . Daß hierzu auch der Kaffee gehörte , versteht sich ganz von selbst . Ich ersah aus den Spuren , daß ungefähr vierzig Personen hier gewesen waren , unter ihnen nur zwei männliche , in denen ich die Führer vermutete . So etwas hätte früher nie stattfinden können ; sie wären alle verloren gewesen . Allerdings waren sie lauter Indianerinnen und also , wenn auch nicht persönlich , so doch durch die Tradition mit den Eigenheiten und den Anforderungen der Wildnis vertraut . Als Pappermann wiederkam ,