versilberte der Jungfer Hände , die hurtig und zart über klingende Saiten glitten . Wie gern hätte ich sie erhascht und an mein Herz gedrückt , das sich stürmisch nach Zärtlichkeit sehnte und zum Zerspringen klopfte . Doch eine Hoheit war dem Fräulein eigen , die mich in Schüchternheit hielt . Um so reiner aber war mein Glück , um so zauberhafter mein Träumen . Zu sanftem Schall , zu Mondenschein und Schattenspiel , zu süßbangem Zittern , Schaukeln und Schweben ward alles , was mich umgab . Ich gedachte der letzten Nacht , die ich bei Waldhäuser verbracht , und wie an des Knäbleins Leiche mir das Geheimnis aufging : » Der wahre Alchymist sucht Herzensqualitäten zu adligen und in des Herzens Gold zu transmutieren . « Und in mir jubelte es : » Bist auf einmal ein echter Goldmacher worden , Johannes ! « Doch vorüber ging das selige Stündchen ; ich mußte in mein Gefängnis zurück , und wir sorgten uns , weil der Strick im Schornstein sich nicht mehr erreichen ließ . Schließlich gelang es mir , den Feuerhaken in des Strickes Knotung zu bohren , und nun konnte ich mich emporziehen . Auf dem Dache angelangt , raunte ich durch den Schlot ein Valet und rutschte auf dem Firste zum Schornstein meines Laboratorii . Beim Schein der Laterne , so noch immer im Schmelzofen brannte , kletterte ich hinunter und kam wohlbehalten in meinem Gemache an . Ich verbarg meine rußige Gewandung und wusch mir die Schwärze ab . Aufs Bett gestreckt , fand ich bis zum Morgengrauen keinen Schlaf , denn mein Kopf schmerzete , und die Abenteuer dieser Nacht gingen durch meinen Sinn . Andern Tages untersuchte ich die Buchstaben auf dem Schmelzofen . Das A auf der Schnauze war mit schwarzer Farbe hingemalt . Ich kratzte daran , fand aber nichts Sonderbares . Wie ich dann den Buchstaben Z beklopfte , klang die Stelle hohl . Ich lockerte die Kacheln , bis eine herausging , und siehe , da war eine Höhlung . Einen Lederbeutel zog ich herfür , der war mit Goldstücken , über dreihundert an Zahl , angefüllt . Wie ein Blitz kam mir nun die Einsicht , Graf Schlick habe durch seine Gebärde andeuten wollen , daß überall , wo sich auf seiner Burg das Z befinde , eine Barschaft verborgen sei . Dem Scharfsinn seiner Kinder mußte er es anheimgeben , die Deutung herauszufinden , da ihm ja verwehrt war , in anderer Weise als mit stummer Geberde zu seinen Erben zu sprechen . Kaum konnte ich die Nacht erwarten , die mich wieder zur Jungfer Gräfin bringen sollte . Nachdem es mir gelungen war , meinen Strick zu verbessern , zog ich meinen rußigen Kittel über und verrichtete unschwer die Reise durch die Schornsteine zu den Gefährtinnen , die mich froh empfingen und Leckereien von ihrer Mahlzeit für mich aufbewahrt hatten . Gleich nach dem Willkomm brachte ich fliegenden Odems meine Entdeckung vor und überreichte dem Fräulein den Beutel mit Golde . Marianka meinte jubelnd : » Dieser Schatz kann uns befreien ! « Die Jungfer freilich bezweifelte , daß es gelingen werde , unsere Hüter zu bestechen . Nach etlichem Sinnen warf ich hin : » Vielleicht ist außerhalb der Burg jemand , der uns den Käfig auftut . « Marianka meinte : » Ja , einer , der auch mächtig genung ist , dem Grafen Slawata die Spitze zu bieten . « » Ich wüßte nur einen , « sprach die Jungfer ; » das wäre Herzog Wallenstein , der mächtigste Herr in Böheim . Aber mit unsern dreihundert Goldstücken können wir diesen Fürsten nicht anlocken . « Da ward der guten Marianka eine Erleuchtung : » Man könnte den Anschein erwecken , als wäre allhie ein viel größerer Schatz zu ergattern . Herr Johannes könnte ja so tun , als sei er wirklich ein Goldmacher . Würde er von den vorhandenen Münzen etliche einschmelzen und für selbstbereitetes Gold ausgeben , so ließe sich dem Wallenstein vielleicht der Mund wässrig machen , daß er Hunger bekäme nach den Reichtümern , die solch ein Goldmacher herfürzaubern kann . « Wir stutzten . Jungfer Thekla wandte ein : » Der Wallenstein hält nichts von Goldmacherei ; wie ich von meinem Vater vernommen , hat er die Alchymisten für betrogene Betrüger erklärt . Sein Steckenpferd ist die Sterndeuterei . Doch ich habe vor drei Jahren von der alten Gräfin Wresowitz gehört , Wallensteins Faktotum , ein italienischer Sterndeuter , Seno mit Namen , halte zu den Alchymisten und sei goldgierig . Vielleicht könnten wir diesen Seno durch Vorspiegelungen wild machen und darauf bringen , daß er dem Grafen Slawata den Goldmacher entwendet und hiezu die Macht seines Herrn Wallenstein in Anspruch nimmt . « Marianka griff sich an den Kopf : » Aber wie ließe sich ein Brief an Seno aus der Burg hinausbringen ? Der einzige , der etwas nach außen senden darf , ist Herr Johannes , und an den Pater Aloisius geht jedes seiner Schreiben . « Jungfer Thekla erhub sich hastig : » Mein Vater hat versucht , sich auf andere Weise mitzuteilen als durch die Schrift . Durch ein Symbolum wollte er zu seinen Kindern reden . Vielleicht können wir ihn nachahmen und ein Schreiben herausbringen , das dem Auge des Pfaffen unverfänglich erscheint , während Seno den geheimen Sinn herausfindet . « Ich sprang auf und ging im Gemache umher : » Ich hab ' s , ich weiß ein Mittel . Bei meinen alchymistischen Experimenten hab ich eine Tinte erfunden , ist farblos wie Wasser , daß man zuerst nichts lieset . Doch wenn die Schrift drei Wochen alt , wird sie gelb und lesbar . Es wäre also ein Brief mit gewöhnlicher Tinte zu schreiben , der über Aloisius an Seno gelangen muß , eine Nachschrift aber mit meiner erfundenen Tinte , nur für Seno lesbar , beizufügen . Pater Aloisius müßte den Brief zur Beförderung recht schnell erhalten , solange die Geheimschrift noch unsichtbar . « Mariankas Angesicht war sorgenvoll , und sie meinte zögernd : » Gesetzt aber , es käme so weit , daß Seno den Herrn Johannes von hier wegnimmt , was haben wir davon ? Und was hat Herr Johannes davon ? Wird nicht Seno den kostbaren Goldmacher aufs neue hinter Schloß und Riegel bringen ? « Dieser Einwand war nun zwar berechtigt . Doch hofften wir , der Zufall , der ja in allen Geschicken eine Rolle spielt , werde uns irgendwie begünstigen . Schließlich überwand unser leichter Jugendsinn die Bedenken , so daß wir uns allbereits in Freiheit sahen und ausmalten , in welcher Weise unser Leben fürder verlaufen solle . Thekla sprach davon , ihre Schwester aufzusuchen , die an einen hessischen Edelmann in schwedischen Diensten verheiratet sei . » Unser Johannes mag mich dann begleiten und desgleichen bei Schwedens Krone Dienste nehmen , da ich ihn außerhalb dieser Mauern ebensowenig entbehren möchte , wie jetzo . « Das war nun ein Trost zum Abschied , und in mein Gefängnis zurückgekehrt , zehrte ich von der empfangenen Süßigkeit . Die Jungfer Gräfin hatte derart mein Herz eingenommen , daß ich ohne sie mich verzehrte in seufzender Ungeduld . In meinem Gefängnis kam mir dann die Frage , ob nicht eine Seele durch Sammlung und Aufmerken in solche Verbindung mit der geliebten Seele treten könne , daß des einen Gedanken auf den andern übergingen . Einmal als Marianka leicht erkrankt im Nebenzimmer lag und ich also mit Thekla allein war , tat ich das Geständnis , wie hart mich die Trennung von meinem angebeteten Sterne ankomme , und daß ich durch gesammeltes Denken ein geheimes Band der Sympathie knüpfen möchte . Da nun die Holde merken ließ , daß sie wegen solcher Keckheit mir nicht grolle , so wagte ich die Bitte : » Wolle mir mein Stern die Gnade erweisen , in jeder Nacht , wann die zehnte Stunde schlägt , des entfernten Johannes zu gedenken . Meine Seele hingegen soll genau zur selbigen Zeit entgegen wirken , und wenn wir so inniglich aneinander denken , mag es uns gelingen , durch den Raum hindurch Grüße zu tauschen und einer des andern Trost zu sein . « Sie sahe mich mit langem Blicke an , und daraus sprach so viel Vertrauen und Zuneigung , daß ich entzückt fortfuhr : » Welch ein kostbar Angedenken nehme ich für die Zeit der Trennung mit mir , so ich diesen Blick gleichsam wie ein blühend Kräutlein recht in mein Herze hineinpflanzen darf . « Da ward mir die Wonne noch einmal , und zwar nach Herzenslust , den Zauber ihres Auges zu trinken . Und dieser Blick , eine stumme Verlobung zweier Seelen , ist mir also lebendig im Gedächtnis geblieben , daß es mir seitdem oft gelang , die süßen Vergißmeinnichtblüten wie körperlich vor mir zu haben . Vorausfühlend , welchen Schatz mir dieser Augenblick bescherte , neigte ich mich zu der edeln Jungfer Hand und küßte mit heißer Dankbarkeit die seinen Finger . Sie aber drückte die Finger an meine Lippen und raunete kaum vernehmlich : » Wag ' s , Knab ! « Nun war ich versucht , die Arme um sie zu schlingen , doch Ehrfurcht hielt mich zurück , ich atmete tief . » Was soll ich wagen ? « fragte ich schüchtern . Sie lächelte : » Ich sag ' s Ihm später einmal . « Und zu Marianka ging sie . Der Winter nahte , und wenn ich übers Dach kletterte , war es mit Reise bedeckt . Als ich der Jungfer davon Mitteilung machte , geriet sie in Sorge und bat mich , beim Klettern übers Dach alle Fürsicht anzuwenden , daß ich ja nicht ausgleite . Besonders riet sie mir an , ein für allemal die beiden Schornsteine durch einen straffgespannten Strick zu verbinden . Schließlich bat sie inständig , ich solle - so leid es ihr tun werde - lieber auf Besuche verzichten , wann Schnee auf dem Dache liege . Gleich andern Tages tobte ein Schneesturm , der alles mit dichten Flocken überschüttete . Eingedenk des Versprechens , das mir die Jungfer Gräfin abgenommen hatte , unterließ ich die Wanderung übers Dach . Zu meinem Bedauern hielt das Flockenwetter an . Hochverschneit lag das Dach , und wenn einmal ein Tag ohne Gestöber anbrach , brachte der Abend gleich wieder Schnee . Wochenlang mußte ich darauf verzichten , Thekla zu besuchen , und kämpfte mehr als einmal mit der Versuchung , ihr Gebot zu übertreten . Während dieser einsamen Zeit hatte ich sämtliche Teile des Fluchtplans ausgearbeitet . Neu war dabei folgendes Rezept , Seno zu gewinnen . Ich wollte ihn einladen , sich mit eigenen Augen davon zu überzeugen , daß ich gemeines Metall transmutieren könne ; wollte dabei eine Gaukelei anwenden . Zween Schmelztiegel von ganz gleichem Aussehen hatte ich nötig . Den Boden des einen wollte ich mit Golde begießen , jedoch so , daß es versteckt war durch eine dünne Eisenschicht . Der andere Tiegel sollte ohne Gold bleiben , und ihn sollte Seno vor begonnener Schmelzung besichtigen . Hinterher aber wollte ich ihn mit dem andern heimlich vertauschen . So gedachte ich , den Anschein zu erwecken , es habe sich ein Teil des Bleies zu Golde umgewandelt . Weil nun aber zu besorgen war , daß ich , von Seno weggeführt , gleichsam vom Regen in die Traufe kommen , nämlich bloß den Tyrannen wechseln werde , so galt es auch , dem neuen Gefängnis zu entrinnen . Zu diesem Zwecke wollte ich erklären , der Vorrat meiner Tinktur sei erschöpft , und um ihn zu erneuern , bedürfe ich der Mondblume , so im Schlesischen Gebirg in der Schneegrube wachse . Vielleicht , daß ich beim Kräutersuchen meinen Aufpassern entwischen konnte . Einmal draußen , hoffte ich , Mittel zu finden , auch die Jungfer Gräfin zu befreien . Da ich zu meinen Arbeiten im Laboratorio vom Burgvogte alle Gerätschaften und Stoffe erhielt , die ich verlangte , so brachte ich es bald fertig , die beiden gleich aussehenden Schmelztiegel zu beschaffen und herzurichten . Zur Verbesserung meines Plans erfand ich ein Mittel , um Senos Aufmerksamkeit abzulenken , derweilen die beiden Tiegel zu vertauschen waren . Ich wollte im entscheidenden Augenblicke das glühende Schüreisen vor Senos Füße fallen lassen . Proben , die ich mit den Geräten und allen nötigen Hantierungen vornahm , gelangen aufs beste , und es galt nur noch , den Wortlaut der Briefe festzustellen . Ich machte mehrere Entwürfe und beschloß , gemeinsam mit den Frauen die Entscheidung zu treffen . Endlich war das Dach schneefrei genung , eine Wanderung zu gestatten . Wie innig ich mit Thekla verbunden war , verriet mein Herz durch seinen Jubel . Marianka verhehlte nicht , wie sehnlich die Jungfer Gräfin nach mir verlangt habe , wie schon manche Nacht das Feuer im Kamin ausgegossen , und wie gehorcht worden sei , ob ich nicht endlich komme . Groß war die Freude , als ich meinen Plan in allen seinen Teilen darlegte . Nach sorgfältiger Beratung gaben wir den Briefen folgenden Wortlaut : » Der hochwürdige Pater wolle mir eine Bitte erfüllen . Ich habe endlich herausgebracht , wie die Mondblume aussiehet , deren ich zur Goldtinktur bedarf . Mein Oheim , Tobias Tilesius , im Isergebirge zu Schreiberhau unweit der Stadt Hirschberg wohnhaft , ist seines Zeichens ein Laborant . Wenn irgend einer die Mondblume beschaffen kann , so ist er es , zumal diese in den Klüften des höchsten Schneegebirges vorkommet . Wenn nun Hochwürden beiliegendes Briefel recht schnell an meinen Oheim befördern und ihm Belohnung in Aussicht stellen möchten , so würde Tobias Tilesius durch Euren Boten das mir erwünschte Kraut senden . Sollte aber mein Oheim die Mondblume nicht getrocknet vorrätig haben , so könnte er sie nach eingetretenem Frühling beschaffen . Mit aller Zuversicht stelle ich in Aussicht , Gold zu machen , wofern die Mondblume in meine Hand gelangt . Wolle dann der Herr so gewogen sein mir die Freiheit zu geben . Um sein zuverlässiger Diener zu bleiben , tut mir keine Gefangenschaft not . Seid zu Gnaden Eurem Diener : Johannes Tilesius . « Der beizulegende Brief , soweit er mit schwarzer Tinte zu schreiben war , erhielt den Wortlaut : » Lieber Oheim , in Prag ergehet es mir immer noch gut , und ich bin mit großem Eifer der chymistischen Kunst beflissen . Darfst erwarten , daß mir auch fürder die Goldbereitung gelinge , nachdem ich endlich herausbekommen , welch Kraut zur Tinktur nötig ; man heißet es die Mondblume , und so Du sie mir beschaffest , werde ich so viel Gold machen , als das Quantum meiner Tinktur gestattet . Die Mondblume , so benamset , weil ihre Blättlein rund wie Vollmond , wächset bei Schreiberhau in der Großen Schneegrube , wo sich eine Basalt-Ader durch den Granit ziehet . Kreucht unter Knieholz am Boden dahin , vergleichbar dem Bärlapp und trägt im Sommer rosenfarbene Glöcklein , würzig duftende . Lieber Oheim ! Sollte die beschriebene Blume sich unter Deinen getrockneten Kräutern befinden , so sende mir den ganzen Vorrat . Der Überbringer dieses Briefes , ein Diener des Herrn Grafen Slawata , wird Dir guten Preis dafür zahlen . Falls Du aber die Mondblume noch nicht hast , so siehe zu , daß Du sie findest , sobald der Sommer auf die Berge steigt . Derohalben sollst Du diese Beschreibung der Mondblume aufbewahren und wiederholt lesen . Nun Gott befohlen , guter Oheim , und grüße die alte Beate . Dein Johannes . « Der nächste Teil des Schreibens , so mit meiner erfundenen Tinte geschrieben werden sollte , erhielt diese Fassung : » Ach Oheim ! Diese Nachschrift ist mit einer Tinte geschrieben , so in den ersten beiden Wochen blaß wie Wasser , erst später dunkel wird . Geheime Schrift hab ich erwählt , weil das , was ich Dir jetzo mitteile , nicht für die Augen derer ist , so den Brief an Dich gelangen lassen . Diese Menschen sind meine bösesten Feinde . Der Graf Slawata zu Prag und sein Helfershelfer , Pater Aloisius , ein Dominikaner , haben mich in die böheimische Burg Wasenstein eingesperrt , soll da Gold für sie machen . Das kann ich nun freilich , und Du sollst wissen , lieber Oheim , dieselbe Tinktur , so mir durch Zufalls Hilfe einmal in Prag gelungen ist und Blei zu Golde tingieret hat , verstehe ich jetzo beliebig zu bereiten . Die Mondblume ist bereits in meine Hände gelangt , wiewohl in so geringer Quantität , daß ich nur ein winzig Fläschlein Tinktur gewinnen konnte . Unter diesen Umständen erflehe ich von Dir zween Dienste . Erstens sende mir durch den Grafen Slawata ein reichlich Quantum der Mondblume , zum andern aber sollst Du mich befreien aus meiner Gefangenschaft . Wirst nun fragen : wie vermag ein schlichter Kräutermann eine gewappnete Burg zu öffnen ? Wohlan , höre : Begib Dich unverzüglich nach Empfang dieses Schreibens zum Herrn Wallenstein , Herzog zu Friedland . Brauchst aber nicht den Herzog selber zu sprechen , da er sich vielleicht mit meiner Sache nicht befassen mag , wiewohl sie für ihn so wichtig wie ein Königreich . Frage nur nach Doktor Seno , einem italienischen Herrn , als Astrologus in herzoglichen Diensten . Dem sage alles , was Dir von mir bewußt . Magst ihm auch meinen ganzen Brief weisen . Beschwöre ihn , daß er mit seines Herzogs Beistand mich befreie . Ich verspreche ihm , dafür Gold zu bereiten , soviel er haben will . Wofern aber Herr Seno nicht gläubet , daß mir die Goldbereitung möglich , will ich sie vor seinen Augen vollbringen . Habe von meiner Tinktur einen Rest übrig , der Gold für zehn Dukaten im Beisein des Herrn tingieren wird . Im übrigen magst Du dem Herrn , der etwas auf prophetische Vorhersagen gibt , zu wissen tun , was mir die zigeunerische Wahrsagerin zu Hirschberg prophezeit hat : ich werde einen großen Schatz gewinnen und reich wie König Salomo werden . Item ist mir von einem Sterndeuter im Hause des Herrn Medikus Schmirsel eine Vorhersage gemacht . Nachdem dieser astrologische Adepte vernommen , ich sei am Johannistage des Jahres 1606 zu Magdeburg ans Licht gekommen , brachte er heraus , ich werde großen Reichtum zusammenbringen und eines Fürsten getreuer Diener werden . Da ich nun die Frage tat , wer wohl dieser Fürst sei , entgegnete der Sterndeuter : Kein andrer als der künftige Böhmerkönig ! Aber nicht bloß zu meinen Gunsten sollst Du Herrn Seno bekehren ; noch eines andern Menschenkindes Wohlfahrt liegt mir derart am Herzen , daß ich den Herrn in aller Inständigkeit um Hilfe bitte . Burg Wasenstein , mein Gefängnis , birgt auch eine schuldlose Jungfer , die Tochter jenes Grafen Schlick , so zu Prag wegen Rebellion enthauptet worden . Nicht genung , daß Fräulein Thekla von ihrem Oheim , dem Grafen Slawata , ihres väterlichen Erbes beraubt worden , ist sie gar seine Gefangene , ohne Richterspruch . Ein Klosterfräulein möchte der Slawata aus seiner Nichte machen und , maßen sie sich weigert , den Schleier zu nehmen , sie hinter Schloß und Riegel kirren . Die arme Jungfer verbindet ihr Flehen mit dem meinigen , Herr Seno möge doch Seiner Hoheit , dem Herzog zu Friedland , das Herz zu Gnaden wenden , daß Fräulein Thekla nebst ihrer Kammerfrau zur Freiheit gelange . Um Herrn Seno in Stand zu setzen , seinem Herzog dies alles darzustellen , magst Du meinen Brief , nachdem Du Copiam genommen , in seiner Hand lassen . Nun federe Dich , lieber Oheim , und tue alles genau nach meinem Plane . Lege Herrn Seno meine Ehrfurcht zu Füßen und sei ein zweiter Vater Deinem armen Johannes . « Diese Briefe wurden von mir geschrieben und in einer Hülle durch einen Courier dem Pater Aloisio übersandt . Kaum war der Courier fort , so zeigte mir Fortuna , wie wenig ihrem Lächeln zu trauen , und wie ihre Gunst an einem Spinnenfaden hängt , leicht zerreißbar . Es begab sich nämlich , daß beim Experimentieren mit Salpeter und anderen entzündlichen Stoffen das im Schmelztiegel befindliche Gemenge sich entzündete und unter dumpfem Knall den ganzen Schmelzofen zersprengete , so daß die Mündung in den Schornstein sichtbar ward . Vom Getöse herbeigerufen , kam der Vogt und besah den Schaden . Wiewohl ich bemüht war , sein Aufmerken vom Schornstein abzulenken , erkannte er doch , daß hier ein Ausweg aus meinem Gefängnisse sei , und ließ sogleich den Schmied holen , der vor die Höhlung des Schornsteins schwere Eisenstangen ins Gemäuer einfügen mußte . Hierauf erst ward mein Schmelzofen durch Mauern und Kitten wiederhergestellt . Das war nun für mich ein harter Schlag , denn es schien mir kaum möglich , die Eisenstäbe zu beseitigen . Dabei mußte ich noch froh sein , daß ich alles Wichtige mit dem Fräulein verabredet hatte . Von Tag zu Tag wuchs meine Beklommenheit und Ungeduld . So waren bereits die Frühlingsstürme verrauscht und milde Tage gekommen . Nach meiner Berechnung hätte Seno schon vor sechs Wochen eintreffen können . Pater Aloisius schwieg , und ich wußte nicht einmal , ob mein Schreiben in seine Hand gelangt sei . Seit die ersten Stare im Burghofe gezwitschert hatten , war nun schon zweimal Vollmond gewesen , aber kein Zeichen der Außenwelt versprach mir Hilfe . Die Hoffnung auf Seno hatte ich bereits aufgegeben , und in tiefer Betrübnis grüßte ich den Tag , an welchem meine Gefangenschaft sich jährte . Um die Mittagszeit erscholl auf dem Hofe ein Lärmen und Hundekläffen , als ob eine Jagdgesellschaft einziehe . In der Tat sah ich durchs Fenster Grünröcke , über der Schulter das Waldhorn , eine Koppel Hunde und Reiter mit Feuerrohren . Froher Schrecken fuhr mir durch die Glieder , als Schritte sich meinem Gemache näherten und ein fremder Herr eintrat , gefolgt vom Vogte und von Soldaten . Der Herr , von kleiner Gestalt , hatte ein fahles , durchfurchtes Angesicht , Haupthaar und Bart ergraut ; er trug fürnehme Kleidung , wiewohl nicht nach Art der Kavaliere . Sein stechend schwarzes Auge ruhte forschend auf mir , und dieser Blick , der mein ganzes Wesen und Schicksal ausspähen wollte , verriet mir : Seno muß das sein ! Hierauf wandte sich der Herr zum Vogte : » Ich will mit diesem Goldmacher allein sein . « Der Vogt stutzte und tat den Einwand : » Wolle der gnädige Herr verzeihen . Habe von meinem Herrn , dem Grafen Slawata , strengsten Befehl , diesen alchymistischen Zauberer mit niemand verkehren zu lassen , und wenn ich ... « Mit gerunzelter Stirne schnitt Seno ihm die Rede ab : » Ich weiß wohl , daß der Graf Slawata Oberstkanzler von Böheim ist ; aber einstweilen hat er auf Wasenstein noch nicht zu gebieten , während ich hier stehe im Namen seiner Altezza , des Herzogs zu Friedland . Wolle er das beachten , Vogt , widrigenfalls ich ihm durch meine Leute demonstrieren lasse , wer allhie gebeut . « Der Vogt rollte die Augen und tat gar einen Griff nach seinem Degen , doch die zupackenden Soldaten machten ihn rasch gefügig . Und Seno befahl : » Haltet den Vogt in eurer Mitte und harret draußen vor der Tür . Ich habe mit dem Goldmacher ein Stündlein zu reden . « Nach einem Blick ins offene Laboratorium meinte Seno : » Ist das Eure Werkstatt ? Treten wir ein ! « Wie ein Kundiger betrachtete er den Schmelzofen , trat zu den Gestellen , auf denen die Gefäße mit allerlei Stoffen geordnet stunden , und las etliche Aufschriften . Das Antlitz zu mir wendend , sprach er mit einem forschenden Blick : » Will Er sich nun wirklich unterstehen , vor meinen Augen Gold zu machen , dessen Er sich ja vermessen hat ? Sein Oheim , der Kräutermann , ist mit dem Briefe zu mir gekommen . Ich bin der Doktor Seno , ein Berater seiner Altezza , des Herzogs zu Friedland . Will sehen , ob Er in seinem Briefe Possen getrieben hat , oder ob Er wirklich tingieren kann . « Mein Herz pochte , ich atmete tief . Eine Verneigung tat ich und sprach mit erheuchelter Ruhe : » So der Herr befiehlt , bin ich auf der Stelle bereit . Wolle der Herr in diesem Sessel harren , bis ich Feuer gemacht habe . « » Will Ihm doch lieber auf die Finger sehen « , erwiderte Seno spöttisch und blieb an meiner Seite , während ich mit der Schaufel die Feuerstätte säuberte , das Brennholz kunstgerecht schichtete , in Brand setzte und mit dem Blasebalg die Glut anfachte . Hierauf nahm ich den Feuerhaken , schürte und ließ ihn in der Glut stecken , während der hölzerne Griff aus dem Ofen ragte . Je näher der Augenblick kam , der über mein Schicksal entscheiden sollte , desto ungestümer jagte mir das Blut durch die Adern , aber auch desto gewaltiger nahm ich mich zusammen , um nichts zu verfehlen . Hiebei kam mir zustatten , daß die benötigten Geräte und Stoffe längst in Bereitschaft , und sämtliche Hantierungen mehrfach durchgeprobt waren . Ich ergriff zunächst den Schmelztiegel , in dem nichts war , und machte Miene , ihn auf die Glut zu setzen . Mißtrauisch verfolgte Seno alle meine Bewegungen . Und was ich im Stillen erhofft , trat ein : » Halt , « sprach er , » erst laß Er mich den Schmelztiegel besichtigen ! « Ruhig reichte ich ihm den Tiegel , worauf er aus Fenster trat und das Gerät durch genaues Beäugeln , auch durch Beklopfen und Bekratzen untersuchte . Da nichts verdächtig war , kam er wieder zum Ofen und gab den Tiegel zurück : » Gut , fahr Er fort ! « Ich stellte den Tiegel auf die Anrichte neben der Ofentür , wo ich unter einem Tuche den andern , mit Gold ausgegossenen Schmelztiegel bereit hielt . Holte vom Gestell ein Fläschlein , das meine Wundertinktur fürstellte , und reichte es Seno : » Wolle der Herr mir ein wenig beistehen und eigenhändig die Tingierung ausführen . « Seno hielt das Fläschlein aus Licht , zog den Pfropfen heraus und roch an der Flüssigkeit , die nichts war als ein wertloser Absud . Am Ofen vorbeischreitend , stieß ich mit dem Knie derart an den Feuerhaken , daß er heraussprang und zu Senos Füßen fiel , der vor dem glühenden Eisen hastig zurückwich und dabei das Fläschlein fallen ließ , daß es zerbrach . Wohl hatte ich diesen Augenblick genutzt und rasch den in meiner Hand befindlichen Tiegel mit jenem andern vertauscht , den das Tuch verborgen hatte . Aber das Zerbrechen der Flasche brachte mich für eine Weile außer Fassung . Mir ins Gesicht spähend , gläubete Seno , mein Schreck rühre davon her , daß die kostbare Tinktur vergeudet sei , und sprach achselzuckend : » Da werden wir wohl auf die Probe verzichten müssen ; der Rest seiner Tinktur ist ja nun verschüttet . « Diese Wendung der Dinge durfte ich keineswegs zulassen . Allerlei Gedanken wirbelten durch meinen Sinn , bis mir auf einmal eine Ausrede beifiel . Nahm mich zusammen und sprach : » Ei nicht doch , gnädiger Herr ! In dem Fläschlein war ja nicht die Tinktur , sondern ein Kräuterabsud , der zwar gleichfalls zur Goldbereitung dienet , von dem ich aber noch einen Vorrat habe . Bloß deshalb fuhr ich zusammen , weil der glühende Haken den Herrn hätte verletzen können . Verzeihe der Herr meine Ungeschicklichkeit . « Nach dieser Ausrede trat ich ruhig zum Gestell , nahm eine große Phiole mit Kräuterabsud und kehrte zu Seno zurück . Gab ihm hierauf jenen Schmelztiegel zu halten , der in versteckter Weise das Gold enthielt , legte Blei in diesen Tiegel und goß etliches aus der Phiole hinzu . Ein rascher Blick in Senos Antlitz überzeugte mich davon , daß ihm die Verwechslung der Tiegel entgangen war . Ich triumphierte heimlich , holte nun ein ander Fläschlein und hielt es entstöpselt vor Senos Nase : » Der Herr wird vermeinen , Baldrian zu riechen . Ist auch wirklich Baldrian darin . Indessen hab ich Absud der Mondblume beigemengt . Pater Aloysius hätte mein Laboratorium durchforschen können , und mir mußte daran gelegen sein , die Mondblumentinktur nicht in seine Hände geraten zu lassen . Da hab ich sie kurzer Hand zum Baldrian getan , der die Wirkung der Mondblume nicht stört . Gebe nun mein Herr Obacht , hier gieß ich meine Tinktur in den Tiegel und werde gleich das Blei zu Golde tingieren . « Nachdem ich den Inhalt des Fläschleins hineingetan , nahm ich den Tiegel aus Senos Hand und setzte ihn auf die Glut , die ich mit dem Blasebalg anfachte . Seno starrte in den Ofen und beobachtete , wie die Flüssigkeit verdampfte , und wie das im Tiegel befindliche Blei zu schmelzen begunnte . Sobald ich die Gewißheit hatte , auch das Gold sei geschmolzen , sagte ich feierlich : » Die Tingierung ist gelungen , und neben dem Blei , das übrig blieb , weil ich zu wenig Tinktur anwandte , haben wir ein klein Quantum Gold gewonnen . Beliebe der Herr , das flüssige Metall in diesen Eimer zu gießen . « Seno ergriff den Schmelztiegel beim hölzernen Stiele , während ich den Eimer hinhielt , und zischend floß die glühende Massa ins Wasser . Eigenhändig fischte Seno das erstarrte Metall heraus und betrachtete es . Staunend sprach er : » Wahrhaftig , Gold ist dabei , das Experimentum ist gelungen . Werde derohalben seine Bitte erfüllen und Ihn mit mir nehmen . Und zwar soll Er gleich ins Schneegebirge gebracht werden , einen guten