wieder licht im Zimmer wurde , waren sie sehr vergnügt , pflückten von den Ästen des kleinen Weihnachtsbaumes die letzten vergessenen Zuckersachen , freuten sich auf das Wiedersehen unter lauter gleichgültigen Menschen , das ihnen bevorstand , wie auf ein heiteres Abenteuer , lachten und redeten lustigen Unsinn . Sobald Anna fortgegangen war , versperrte Georg die Notenblätter in der Tischlade , löschte die Lampe aus und öffnete ein Fenster . Leicht und dünn fiel der Schnee . Über die Stiege aus dem Dunkel kam ein alter Mann , und sein mühseliges Atmen tönte durch die unbewegte Luft herauf . Grau ragte die stumme Kirche gegenüber ... Georg blieb eine Weile am Fenster stehen . Er war in diesem Augenblick beinahe überzeugt , daß Anna sich in ihrer Annahme täuschte . Wie eine Beruhigung fiel ihm jene Äußerung Leo Golowskis ein , daß Anna bestimmt wäre im Bürgerlichen zu enden . Wahrhaftig es konnte nicht in der » Linie ihres Schicksals « liegen , von einem Liebhaber ein Kind zu bekommen . Und nicht in der Linie des seinen lag es , Verpflichtungen ernster Art zu tragen , heute schon und vielleicht für alle Zeit an ein weibliches Wesen festgebunden zu sein ; Vater zu werden in so jungen Jahren . Vater ! ... Schwer , beinahe düster sank das Wort in seine Seele . Um acht Uhr abends trat er in den Ehrenbergschen Salon . Walzerklänge tönten ihm entgegen . Am Klavier saß der alte Eißler , dem der lange graue Vollbart fast bis auf die Tasten herabsank . Georg , der , um nicht zu stören , am Eingang stehenblieb , wurde von allen Seiten durch Blicke begrüßt . Der alte Eißler spielte mit weichem Anschlag und kräftigem Rhythmus seine berühmten Wiener Tänze und Lieder , und Georg hatte wie immer viel Freude an den süßen , wiegenden Melodien . » Herrlich « , sagte Frau Ehrenberg , als der Alte sich erhob . » Bewahren Sie sich die großen Worte für größere Gelegenheiten , Leonie « , erwiderte Eißler , dessen altes Vorrecht es war , alle Frauen und Mädchen bei ihren Vornamen zu nennen . Und es schien jeder wohl zu tun , ihn von diesem schönen alten Mann , mit der tiefen , klingenden Stimme aussprechen zu hören , in der es manchmal bebte wie ein sentimentales Echo aus bewegten Jugendtagen . Georg fragte ihn , ob alle seine Kompositionen im Druck erschienen wären . » Die wenigsten , lieber Baron ; ich selbst kann leider keine Noten schreiben . « » Es wäre aber wirklich jammerschade , wenn diese charmanten Melodien ganz verloren gehen sollten . « » Ja , das hab ich ihm auch oft gesagt « , nahm Frau Ehrenberg das Wort . » Aber er gehört leider zu den Menschen , die sich selber nie ganz ernst genommen haben . « » O , das ist ein Irrtum , Leonie . Wissen Sie denn , wie ich meine musikalische Karriere begonnen habe ? Eine große Oper hab ich komponieren wollen . Allerdings war ich damals siebzehn Jahre alt und in eine Sängerin rasend verliebt . « Die Stimme der Frau Oberberger tönte vom Tische in der Ecke her : » Es wird eine Choristin gewesen sein . « » Sie irren sich , Katharina « , erwiderte Eißler . » Choristinnen waren nie mein Fall . Es war sogar eine platonische Liebe , wie die meisten großen Leidenschaften meines Lebens . « » Waren Sie so ungeschickt ? « fragte Frau Oberberger . » Manchmal wohl auch das « , erwiderte Eißler sonor und mit Anstand ; » denn wahrscheinlich hätte ich gerade soviel Glück haben können wie ein Husarenrittmeister . Aber ich bedaure es nicht , ungeschickt gewesen zu sein . Ungetrübte Erinnerungen bewahren wir doch nur an versäumte Gelegenheiten . « Frau Ehrenberg nickte beifällig . » Man dürfte also nicht fehlgehen , Herr Eißler « , bemerkte Nürnberger , » wenn man in Ihrer Lebensgeschichte den getrübten Erinnerungen die größere Rolle zuweist . « Wieder nickte Frau Ehrenberg . Sie war entzückt , wenn man in ihrem Salon geistreich war . » Warum sagten Sie « , fragte Frau Oberberger , » Sie hätten so viel Glück haben können wie ein Husarenrittmeister ? Es ist gar nicht wahr , daß Offiziere besonders viel Glück bei den Frauen haben . Wenn meine Schwägerin auch einmal ein Verhältnis mit einem Oberleutnant gehabt hat ... « » Ich glaube nicht an platonische Liebe « , sagte Sissy und leuchtete durch den Saal . Frau Wyner schrie leise auf . » Fräulein Sissy hat wahrscheinlich recht « , sagte Nürnberger . » Wenigstens bin ich überzeugt , daß die meisten Frauen platonische Liebe entweder als Beleidigung auffassen oder als Ausrede . « » Es sind junge Mädchen da « , erinnerte Frau Ehrenberg mild . » Das merkt man schon daraus « , sagte Nürnberger , » daß sie mitreden . « » Trotzdem möchte ich mir erlauben , zu dem Kapitel platonische Liebe eine kleine Anekdote zu erzählen « , sagte Heinrich . » Nur keine jüdische « , warf Else ein . » Gewiß nicht . Hören Sie nur . Ein kleines blondes Mädel ... « » Das beweist nichts « , unterbrach Else . » Laß doch zu Ende erzählen , « mahnte Frau Ehrenberg . » Also : ein kleines , blondes Mädel « , begann Heinrich von neuem , » hat einmal , im Gegensatz zu Fräulein Sissy , mir gegenüber die Überzeugung ausgesprochen , daß platonische Liebe tatsächlich existiere . Und wissen Sie , was sie mir als Beweis dafür angeführt hat ... ? Ein eigenes Erlebnis . Sie hat nämlich einmal eine Stunde , wie sie mir erzählte , ganz allein in einem Zimmer mit einem Leutnant verbracht und ... « » Es ist genug « , rief Frau Ehrenberg angstvoll . » Und « , schloß Heinrich unbeirrt und beruhigend , » es ist in dieser Stunde nicht das geringste vorgefallen . « » Sagt das blonde Mädel « , ergänzte Else . Die Tür öffnete sich , Georg sah eine fremde Dame eintreten , in einem hellblauen , viereckig ausgeschnittenen Kleid , blaß , einfach und vornehm . Erst als sie lächelte , ward ihm bewußt , daß die Dame Anna Rosner war , und er empfand irgend etwas wie Stolz auf sie . Als er der Geliebten die Hand reichte , fühlte er den Blick Elses auf sich gerichtet . Man begab sich ins Nebenzimmer , wo der Tisch mit bescheidener Festlichkeit gedeckt war . Der Sohn des Hauses fehlte . Er befand sich in Neuhaus , in der väterlichen Fabrik . Herr Ehrenberg selbst aber saß plötzlich bei Tisch , als das Souper aufgetragen war . Erst kürzlich war er von seiner Reise heimgekehrt , die ihn tatsächlich bis Palästina geführt hatte . Als er von Hofrat Wilt nach seinen Erlebnissen gefragt wurde , wollte er zuerst nicht recht mit der Sprache heraus . Endlich ergab sich , daß ihn die Landschaft enttäuscht , die Strapazen der Reisen verstimmt , und daß er von den jüdischen Ansiedlungen , die sicherm Vernehmen nach im Entstehen waren , so gut wie nichts gesehen hatte . » Also wir haben begründete Hoffnung « , bemerkte Nürnberger , » Sie hier zu behalten , selbst für den Fall , daß der Judenstaat im Laufe der nächsten Zeit gegründet werden sollte ? « Unwirsch erwiderte Ehrenberg : » Hab ich Ihnen je gesagt , daß ich die Absicht habe auszuwandern ? Ich bin zu alt dazu . « » Ach so « , sagte Nürnberger , » ich wußte nicht , daß Sie sich die Gegend drüben nur Fräulein Else und Herrn Oskar zuliebe angesehen haben . « » Lieber Nürnberger , ich werd mich da nicht mit Ihnen streiten . Der Zionismus ist auch wahrhaftig zu gut für ein Tischgespräch . « » Ob zu gut « , sagte Hofrat Wilt , » wollen wir dahingestellt sein lassen , jedenfalls zu kompliziert , schon darum weil jeder was anderes darunter versteht . « » Oder verstehen will « , fügte Nürnberger hinzu , » wie es übrigens mit den meisten Schlagworten und nicht nur in der Politik der Fall ist . Darum wird ja auf Erden so viel geschwätzt . « Heinrich erklärte , daß ihm unter allen menschlichen Geschöpfen der Politiker gewissermaßen die rätselhafteste Erscheinung bedeute . » Ich begreife Taschendiebe « , sagte er , » Akrobaten , Bankdirektoren , Hoteliers , Könige ... das heißt , ohne besondere Mühe gelingt es mir , mich in die Seelen aller dieser Leute hineinzuversetzen . Daraus folgt offenbar , daß es nur gewisser quantitativer , wenn auch ungeheurer Veränderungen meines Wesens bedürfte , um mich zu befähigen , in der Welt eine Akrobaten- , eine Königs- , eine Bankdirektorsrolle zu spielen . Dagegen fühl ich untrüglich : ich könnte mein Wesen ins Ungemessene steigern , und es würde doch nie das aus mir , was man einen Politiker nennt : ein Parteiführer , ein Genosse , ein Minister . « Nürnberger lächelte über die Auffassung Heinrichs , nach der der Politiker eine besondere Menschenart bedeuten sollte , während es doch nur zu den äußern , nicht einmal unumgänglichen Erfordernissen seines Berufes gehörte , sich als besondere Menschenart aufzuspielen , seine Größe oder seine Nichtigkeit , seine Taten oder seine Trägheit hinter Titeln , Abstrakten , Symbolen zu verstecken . Was die Unbeträchtlichen oder Schwindelhaften unter ihnen vorstellten , das lag ja auf der Hand : es waren einfach Geschäftsleute , oder Hochstapler , oder Schönredner . Die Bedeutenden aber , die Tätigen , die Genialen ganz gewiß , die waren in der Tiefe ihrer Seele nichts anderes als Künstler . Auch sie versuchten ein Werk zu schaffen und eines , das in der Idee geradeso Anspruch auf Unvergänglichkeit und Endgültigkeit erhob , wie irgendein anderes Kunstwerk . Nur , daß eben das Material , aus dem sie bildeten , kein starres , kein relativ bleibendes war , wie Töne oder Worte sind , sondern daß es nach lebendiger Menschen Art , sich ununterbrochen in Fluß und Bewegung befand . Willy Eißler erschien , entschuldigte sich bei der Hausfrau , daß er sich verspätet hatte , nahm zwischen Sissy und Frau Oberberger Platz und grüßte seinen Vater wie einen lieben , alten Freund nach langer Trennung . Es stellte sich heraus , daß die beiden , trotzdem sie zusammen wohnten , sich seit mehreren Tagen nicht gesehen hatten . Willy erhielt Komplimente zu seinem Erfolg in der Aristokratenvorstellung , wo er mit der Gräfin Liebenberg-Rathony in einem französischen Proverbe einen Marquis gespielt hatte . Frau Oberberger fragte ihn , immerhin laut genug , daß es die Nächstsitzenden verstehen konnten , wo seine Rendezvous mit der Gräfin stattfänden und ob er sie im gleichen Absteigquartier empfinge wie seine bürgerlichen Flammen . Die Unterhaltung wurde lebhafter , Gespräche gingen hin und her und verschlangen sich da und dort . Georg aber fing abgerissene Worte auf , auch aus einer Unterhaltung zwischen Anna und Heinrich , in der von Therese Golowski die Rede war . Dabei sah er , wie Anna zuweilen einen neugierig dunkeln Blick zu Demeter Stanzides herüberwarf , der heute im Frack mit einer Gardenia im Knopfloch erschienen war ; und ohne eigentliche Eifersucht zu verspüren , fühlte er sich sonderbar bewegt . Ob sie in diesem Augenblick wohl daran dachte , daß sie vielleicht ein Kind von ihm unter dem Herzen trug ? » Die Untiefen ... « fiel ihm wieder ein . Plötzlich sah sie zu ihm herüber , mit einem Lächeln , als käme sie von einer Reise heim . Er war innerlich wie befreit und spürte mit einem leisen Schrecken , wie sehr er sie liebte . Dann führte er sein Glas an die Lippen und trank ihr zu . Else , die bisher mit ihrem andern Nachbar , Demeter , geplaudert hatte , wandte sich nun an Georg ; in ihrer absichtlich beiläufigen Art mit einem Blick auf Anna bemerkte sie : » Hübsch sieht sie aus . So frauenhaft . Das hat sie übrigens immer an sich gehabt . Musizieren Sie noch mit ihr ? « » Manchmal « , entgegnete Georg kühl . » Vielleicht bitt ich sie , vom neuen Jahr an wieder mit mir zu korrepetieren . Ich weiß nicht , wieso es bis jetzt nicht dazu gekommen ist . « Georg schwieg . » Und wie steht es denn eigentlich « sie wies mit einem Blick auf Heinrich » mit Eurer Oper ? « » Mit unsrer Oper ? Noch gar nichts steht ' s damit . Wer weiß , ob was draus wird . « » Natürlich wird nichts draus werden . « Georg lächelte . » Warum sind Sie denn heut gar so streng mit mir ? « » Ich ärgere mich halt über Sie . « » Über mich ? Warum denn ... ? « » Daß Sie den Leuten immer wieder Anlaß geben , Sie als Dilettanten zu betrachten . « Georg war ins Herz getroffen , verspürte sogar einen leisen Groll gegen Else , faßte sich aber rasch und erwiderte : » Ich bin ja vielleicht nichts anderes . Und wenn man kein Genie ist , so ist es schon besser , man ist ein ehrlicher Dilettant , als ... als ein aufgeblasener Künstler . « » Wer verlangt denn , daß Sie gleich das Größte leisten ? Aber deswegen muß man sich doch nicht so gehen lassen , wie Sie ' s tun , innerlich und äußerlich . « » Ich versteh Sie wirklich nicht , Else . Wie können Sie behaupten ... Wissen Sie denn auch , daß ich im Herbst nach Deutschland gehe , als Kapellmeister ? « » Die Karriere wird daran scheitern , daß Sie nicht um zehn Uhr früh bei den Proben sein werden . « In Georg wühlte es noch immer . » Wer hat mich denn übrigens einen Dilettanten genannt , wenn ich fragen darf ? « » Wer ? Gott , es ist doch schon in der Zeitung gestanden . « » Ach so « , sagte Georg beruhigt , denn er erinnerte sich jetzt , daß ein Kritiker ihn nach dem Konzert , in dem Fräulein Bellini seine Lieder gesungen , als » dilettierenden Aristokraten « bezeichnet hatte . Georgs Freunde hatten damals erklärt , diese animose Besprechung habe ihren Grund darin , daß er dem betreffenden Herrn , der als sehr eitel bekannt war , keinen Besuch gemacht hätte . So war es nun einmal ! Immer waren äußere Gründe dran schuld , wenn die Leute einen ungünstig beurteilten . Auch die Gereiztheit Elsens heute , was war sie im Grunde anderes , als Eifersucht ... Die Tafel wurde aufgehoben . Man begab sich in den Salon . Georg trat zu Anna , die am Klavier lehnte und sagte leise zu ihr : » Schön siehst du aus . « Sie nickte befriedigt . Dann fragte er weiter : » Hast du dich mit Heinrich gut unterhalten ? Worüber habt ihr denn gesprochen ? Über Therese ? Nicht wahr ? « Sie antwortete nicht , und Georg merkte mit Befremden , wie ihr plötzlich die Augenlider zufielen , und sie zu wanken begann . » Was ... was haben Sie denn ? « fragte er erschrocken . Sie hörte ihn nicht und wäre niedergesunken , wenn er sie nicht rasch bei den Handgelenken gefaßt hätte . Frau Ehrenberg und Else waren im selben Augenblick bei ihr . Haben sie uns beobachtet ? dachte Georg . Schon hatte Anna die Augen wieder offen , zwang sich zu einem Lächeln und flüsterte : » O es ist nichts , ich vertrage die Hitze manchmal so schlecht . « » Kommen Sie « , sagte Frau Ehrenberg mütterlich , » vielleicht legen Sie sich einen Augenblick hin . « Anna schien verwirrt , erwiderte nichts , und die Damen des Hauses geleiteten sie ins Nebenzimmer . Georg sah um sich . Den Gästen schien nichts aufgefallen zu sein . Der Kaffee wurde herumgereicht . Georg nahm eine Tasse und rührte zerstreut mit dem Löffel herum . Am Ende , dachte er , wird sie doch nicht im Bürgerlichen enden . Aber zugleich fühlte er sich innerlich so entfernt von ihr , als ginge ihn persönlich die Sache nichts an . Frau Oberberger stand neben ihm . » Also wie denken Sie eigentlich über platonische Liebe , Sie sind ja Fachmann ? « Er erwiderte zerstreut , sie redete weiter , in ihrer Art ; ohne sich zu kümmern , ob er zuhörte , ob er antwortete . Plötzlich war Else wieder da . Georg erkundigte sich nach Annas Befinden , teilnehmend und höflich . » Eine schwere Erkrankung dürfte es wohl nicht sein « , sagte Else und sah ihm fremd ins Gesicht . Demeter Stanzides trat heran und bat sie zu singen . » Wollen Sie mich begleiten ? « wandte sie sich an Georg . Er verneigte sich und setzte sich ans Klavier . » Also was denn ? « fragte Else . » Was Sie wollen « , erwiderte Wilt , » nur nichts Modernes . « Nach dem Souper liebte er es , wenigstens in künstlerischen Dingen , den Reaktionär zu spielen . » Justament « , sagte Else und reichte Georg ein Heft . Sie sang » Das alte Bild « von Hugo Wolf , mit ihrer kleinen , wohlgebildeten und etwas rührenden Stimme . Georg begleitete mit Geschmack , doch ziemlich zerstreut . Er war ein wenig ärgerlich über Anna , so sehr er sich dagegen wehrte . Im übrigen schien wirklich niemand den Vorfall bemerkt zu haben , als Frau Ehrenberg und Else . Ach , was lag am Ende daran ... Wenn sie ' s auch alle wußten ... Wen ging es an ... Ja , wer kümmerte sich nur darum ... Nun hören sie alle Else zu , dachte er weiter , und empfinden die Schönheit dieses Liedes . Sogar Frau Oberberger , die gar nicht musikalisch ist , vergißt auf einige Minuten , daß sie ein Weib ist , und hat ein stilles , geschlechtsloses Gesicht . Auch Heinrich hört gebannt zu , denkt in diesem Moment vielleicht nicht an seine Werke , nicht an das Los der Juden , nicht an die ferne Geliebte , und nicht einmal an die nahe , die kleine Blondine , der zuliebe er in der letzten Zeit geradezu elegant geworden ist . Wahrhaftig , der Frack sitzt ihm nicht übel , und die Krawatte ist keine von den fertig gekauften , wie er sie sonst trägt , sondern sorgsam geknüpft ... Wer steht denn so nah hinter mir , dachte Georg weiter , daß ich den Atem über dem Haar spüre ? ... Sissy vielleicht ... ? Wenn morgen früh die Welt unterginge , Sissy wäre es , die ich mir für heute Nacht erwählte . Ja das ist sicher . Ah , da kommt Anna mit Frau Ehrenberg ... Es scheint , ich bin der einzige , der es merkt , obwohl ich doch zugleich auf mein Spiel und auf Elses Gesang aufpassen muß . Ich grüße sie mit den Augen ... Ja , ich grüße dich , Mutter meines Kindes ... Wie sonderbar ist das Leben ... Das Lied war zu Ende . Man applaudierte , verlangte nach mehr . Georg begleitete Else zu einigen anderen Liedern , von Schumann , von Brahms , zum Schluß auf allgemeinen Wunsch zu zwei eigenen , die ihm persönlich zuwider geworden waren , seit irgendwer behauptet hatte , sie erinnerten an Mendelssohn . Während er begleitete , glaubte er jeden Zusammenhang mit Else zu verlieren und gab sich durch sein Spiel Mühe , sie wiederzugewinnen . Er spielte mit übertriebener Empfindung , er warb geradezu um sie und fühlte , daß es vergebens war . Zum erstenmal in seinem Leben war er unglücklich verliebt in sie . Der Beifall nach Georgs Liedern war stark . » Das war Ihre beste Zeit « , sagte Else leise zu ihm , während sie die Noten weglegte . » So vor zwei , drei Jahren . « Die andern sagten ihm Freundliches , ohne Epochen in seiner künstlerischen Entwicklung zu unterscheiden . Nürnberger erklärte , durch die Lieder Georgs aufs angenehmste enttäuscht worden zu sein . » Ich will Ihnen nämlich nicht verhehlen « , bemerkte er , » daß ich sie mir nach den Ansichten , die ich manchmal von Ihnen vertreten höre , lieber Baron , beträchtlich unverständlicher vorgestellt hätte . « » Wirklich charmant « , sagte Wilt . » Alles so melodiös , und einfach , ohne Affektion und Schwulst . « Er ist es , dachte Georg grimmig , der mich einen Dilettanten geheißen hat . Willy war herzugetreten . » Jetzt sagen S ' nur noch Herr Hofrat , daß Sie sie nachpfeifen können , und wenn ich mich auf Physiognomien verstehe , so schickt Ihnen der Baron morgen früh zwei Herren . « » O nein « , sagte Georg , sich auf sich besinnend und lächelte . » Die Lieder stammen glücklicherweise aus einer längst überwundenen Zeit . Ich fühle mich also durch keinerlei Tadel und keinerlei Lob verletzt . « Ein Diener brachte Eis , die Gruppen lösten sich , und Anna stand mit Georg allein am Klavier . Er fragte sie rasch : » Was hat denn das zu bedeuten gehabt ? « » Ja ich weiß nicht « , erwiderte sie und sah ihn mit großen Augen an . » Ist dir denn auch schon ganz wohl ? « » Aber vollkommen « , antwortete sie . » Und ist dir das heute zum erstenmal passiert ? « fragte Georg etwas zögernd . Sie erwiderte : » Gestern Abend zu Haus hab ich was ähnliches gehabt . So eine Art von Ohnmacht . Es hat sogar noch etwas länger gedauert . Während wir noch beim Nachtmahl gesessen sind . Es hat ' s aber niemand bemerkt . « » Warum hast du mir denn gar nichts davon gesagt ? « Sie zuckte leicht die Achseln . » Du Anna « , sagte er lebhaft und etwas schuldbewußt , » ich möcht dich jedenfalls noch sprechen . Gib mir ein Zeichen , wenn du fortgehen willst . Ich verschwind ' ein paar Minuten vor dir und wart ' am Schwarzenbergplatz , bis du im Wagen kommst . Dann steig ich zu dir ein , und wir fahren noch ein bißchen spazieren . Ist es dir recht ? « Sie nickte . Er sagte : » Auf Wiedersehen , Schatz « und begab sich ins Rauchzimmer . An einem grünen Tischchen hatten sich der alte Ehrenberg , Nürnberger und Wilt zum Tarockspiel niedergelassen . Auf zwei riesigen , grünen Lederfauteuils , nebeneinander , saßen der alte Eißler und sein Sohn und benützten die Gelegenheit , sich endlich einmal ordentlich miteinander auszuplaudern . Georg nahm eine Zigarre aus einem Kistchen , steckte sie sich an und betrachtete ohne besondere Anteilnahme die Bilder an der Wand . Auf einem grotesk gehaltenen Aquarell , das ein von rot befrackten Herren gerittenes Hürdenrennen vorstellte , sah er unten in der Ecke mit blaßroten Buchstaben auf die grüne Wiese gezeichnet Willys Namen . Unwillkürlich wandte er sich nach dem jungen Mann um und sagte : » Das hab ich noch gar nicht gekannt . « » Es ist ziemlich neu « , bemerkte Willy beiläufig . » Ein fesches Bild , was ? « sagte der alte Eißler . » Ah , schon etwas mehr als das « , erwiderte Georg . » Na , hoffentlich werde ich bald mit etwas Besserem aufwarten können « , sagte Willy . » Er geht nach Afrika auf die Löwenjagd « , erläuterte der alte Eißler , » mit dem Fürsten Wangenheim . « » So ? « sagte Georg , » Felician soll auch von der Partie sein . Aber er hat sich noch nicht entschlossen . « » Warum denn ? « fragte Willy . » Er will im Frühjahr seine Diplomatenprüfung machen . « » Aber das kann er doch verschieben « , sagte Willy . » Die Löwen sind ja im Aussterben , was man von den Professoren leider nicht behaupten kann . « » Ich pränumerier mich auf ein Bild , Willy « , rief Ehrenberg vom Kartentisch herüber . » Seien Sie später Mäcen , Vater Ehrenberg « , sagte Wilt , » ich hab einen Dreier angesagt . « » Einen Untern « , replizierte Ehrenberg und fuhr fort : » Wenn ich mir was anschaffen darf , Willy , so malen Sie mir eine Wüstenlandschaft , in der der Fürst Wangenheim von den Löwen aufgefressen wird ... aber womöglich nach der Natur . « » Sie irren sich in der Person , Herr Ehrenberg « , sagte Willy . » Der berühmte Antisemit , den Sie meinen , ist der Cousin von meinem Wangenheim . « » Von mir aus « , erwiderte Ehrenberg , » können sich die Löwen auch irren , es muß ja nicht jeder Antisemit berühmt sein . « » Sie werden die Partie verlieren , wenn Sie nicht aufpassen « , mahnte Nürnberger . » Sie hätten sich doch in Palästina ankaufen sollen « , sagte Hofrat Witt . » Gott soll mich davor behüten « , erwiderte Ehrenberg . » Nun , da er das bis jetzt in allen Dingen getan hat ... « , sagte Nürnberger und spielte sein Blatt aus . » Mir scheint , Nürnberger , Sie werfen mir schon wieder vor , daß ich nicht mit alten Kleidern handeln geh . « » Dann hätten Sie wenigstens das Recht , sich über den Antisemitismus zu beklagen « , sagte Nürnberger . » Denn wer spürt in Österreich etwas davon , als die Hausierer ... leider Gottes nur die , könnte man sagen . « » Und einige Leute mit Ehrgefühl « , entgegnete Ehrenberg . » Siebenundzwanzig ... einunddreißig ... achtunddreißig ... nu , wer hat die Partie gewonnen ? « Willy hatte sich wieder in den Salon begeben , Georg saß rauchend auf der Lehne eines Fauteuils , sah plötzlich den Blick des alten Eißler auf sich gerichtet , in einer sonderbar wohlwollenden Weise , und fühlte sich an irgend etwas erinnert , ohne zu wissen woran . » Neulich « , sagte der alte Herr , » hab ich Ihren Bruder Felician flüchtig gesprochen , bei Schönsteins . Es ist frappant , wie er Ihrem seligen Papa ähnlich sieht . Besonders , wenn man Ihren Papa als ganz jungen Menschen gekannt hat , wie ich . « Jetzt wußte Georg mit einemmal , woran der Blick des alten Eißler ihn erinnerte : mit dem gleichen , väterlichen Ausdruck hatten des alten Doktor Stauber Augen bei Rosners auf ihm geruht . Diese alten Juden ! dachte er spöttisch , aber in einem entlegenen Winkel seiner Seele war er ein wenig gerührt . Es fiel ihm ein , daß sein Vater mit Eißler , vor dessen Kunstverständnis er großen Respekt gehabt hatte , manchmal des Morgens im Prater spazierengegangen war . Der alte Eißler sprach weiter : » Sie Georg , geraten wohl mehr Ihrer Mutter nach , denk ich mir . « » Es behaupten ' s manche . Selbst kann man das ja schwer beurteilen . « » Ihre Mutter soll eine so schöne Stimme gehabt haben . « » Ja , in ihrer frühen Jugend . Ich selbst habe sie ja nie wirklich singen gehört . Zuweilen hat sie ' s wohl versucht . Drei oder vier Jahre vor ihrem Tod , da hat ihr ein Arzt in Meran sogar den Rat gegeben , ihre Singstimme zu üben . Eine Lungengymnastik sollte es sein . Aber es hat leider nicht viel Erfolg gehabt . « Der alte Eißler nickte und sah vor sich hin . » Daran werden Sie sich wahrscheinlich nicht mehr erinnern können , daß damals meine arme Frau mit Ihrer verstorbenen Mutter zugleich in Meran gewesen ist . « Georg suchte in seinem Gedächtnis . Es war ihm entfallen . » Einmal « , sagte der alte Eißler , » bin ich mit Ihrem Vater im selben Kupee hinuntergefahren . In der Nacht , wir haben beide nicht schlafen können , hat er mir sehr viel von euch zweien erzählt . Von Ihnen und Felician mein ich . « » So ... « » Zum Beispiel , daß Sie in Rom als Bub irgendeinem italienischen Virtuosen eine eigne Komposition vorgespielt haben , und daß er Ihnen eine große Zukunft prophezeit hat . « » Große Zukunft ... ach Gott ! Es war aber kein Virtuose , Herr Eißler , es war ein Geistlicher , bei dem ich dann übrigens Orgelspielen gelernt hab . « Eißler fuhr fort : » Und abends , wenn Ihre Mutter schon zu Bett gegangen war , haben Sie ihr manchmal stundenlang im Zimmer nebenan vorphantasiert . « Georg nickte und seufzte im stillen . Es war ihm , als hätte er zu jener Zeit viel mehr Talent gehabt als jetzt . Arbeiten , dachte er mit Inbrunst , arbeiten ... Er blickte wieder auf . » Ja « , sagte er wie humoristisch , » das ist halt das Malheur , daß aus Wunderkindern so selten was wird . « » Ich höre ja , Sie wollen Kapellmeister werden , Baron ? « » Ja « , erwiderte Georg mit Entschiedenheit . » Nächsten Herbst geh ich nach Deutschland , vielleicht zuerst als Korrepetitor an irgendein kleines Stadttheater , wie es sich eben trifft . « » Aber gegen ein Hoftheater hätten Sie auch nichts einzuwenden ? « » Gewiß nicht . Aber wie kommen Sie darauf , Herr Eißler