. Hippolyt schlug ein tolles Gelächter auf und verlangte unanständig , man solle seinen Vater nicht verunglimpfen , der ein Mauleseltreiber in Katalonien sei . Valerius lachte ebenfalls und erklärte mit liebenswürdiger Offenheit , daß sein Vater ein schlichter Landgeistlicher mit vierhundert Taler Gehalt wäre und noch sechs Prinzen außer ihm und zwei Prinzessinnen auferzogen habe . Die Gesellschaft war durch diese Erklärungen verstimmt , und die Fürstin fragte pikiert Valerius , ob es ihm so unangenehm sei , für einen Prinzen gehalten zu werden . Der abscheuliche Mensch antwortete sehr ernsthaft » ja . « Auf William riet wunderlich genug niemand , und obwohl man die Vermutung bei Hippolyt und Valerius noch keineswegs aufgab , so ging doch nun alles auf den sogenannten Provenzalen Herrn Leopold über . Dieser kleine hübsche Mann ist sehr wenig auf dem Schlosse zu sehen , er streift in der Umgegend umher und soll lauter demokratische Liebschaften anknüpfen . Seine Freunde wußten nichts über sein Herkommen , und dem einfältigen Valerius fiel es erst jetzt ein , daß er schon früher einmal von Leopold selbst etwas Ähnliches gehört , es aber vergessen habe . - - - - Wir saßen eben nachmittags im Garten , als der Kleine von seinen Streifereien ankam . Er hat wirklich so etwas Apartes an sich , und ist so fein und niedlich , als sei er in Purpurwindeln gewickelt gewesen . Man fragte ihn ; er tat verlegen , leugnete nicht direkt , gab nicht eben zu - kurz bestätigte alle in dem vorgefaßten Glauben , und hat nun den immerwährenden Spott von Hippolyt , den Scherz von Valer zu erdulden . Jener nennt ihn nicht mehr anders als » Kleine Exzellenz ! « Was mich anbetrifft , ich glaube , der Prinz steckt anderswo . O Mutter , rat ' mir , hilf ; Hippolyt überströmt mich mit feuriger Liebe ; zuweilen komme ich mir wie die glückliche Omphale vor , zu deren Füßen Herkules ruht , und zuweilen wieder wie die unglückliche Proserpina , welche der Gott der Unterwelt bedroht und vom Lichte der Sonne hinwegreißen will . O wie schmerzhaft ist mir diese Unsicherheit , diese Verwirrung , welche die Männer anrichten ! Unsere fröhliche , muntere Kamilla ist - der Himmel weiß wodurch - vollständig umgewandelt . Sie ist still wie das Grab , und ist wenig unter uns . Eben erhalte ich einen Brief vom Vater aus Paris - ich werde Dir ihn beilegen - Adieu , tausendmal Adieu , meine liebe zärtliche Mutter . 23. Valerius an Konstantin . Also wirklich krank bist Du , gemütskrank ? Krank an Deinem neuen Frankreich - ich glaube , Du hast recht mit Deiner Krankheit ; sie wollen Euer heißes Juliblut konfiszieren . Schreib ' mir nur nicht so karg darüber - mehr , mehr , auch wenn es Wermut ist . Heut abend ist plötzlich mein Gegner hier angekommen ; er kennt den Grafen und hat ihn unterrichtet . Eben war dieser bei mir , sehr ernsthaft und feierlich gestimmt ; von seiner sonstigen Wärme gegen mich keine Spur . Was muß der Mensch für Dinge ihm gesagt haben ! Ich ging mein Leben durch und fand durchaus keinen Anhaltspunkt . Deshalb versicherte ich dem Grafen , es müßte notwendig ein Irrtum sein . Mit wunderlicher Bestimmtheit versicherte mir dieser , es sei keiner , und der Fremde habe den triftigsten Grund mich zu fordern . Natürlich erklärte ich , daß vom Duell keine Rede sein könne , bevor ich von der Ursache unterrichtet und mit dem Narren , der Person , welche mich durchaus totschießen wolle , bekanntgemacht sei . - Auf des Grafen Bitte , nicht danach zu fragen , auf seine heilige Versicherung , daß alles in vollgültiger Richtigkeit sei , habe ich mich zu der wunderlichen Farce entschließen müssen , ein Duell mit jemand einzugehen , den ich nicht kenne , dessen Vorwürfe und Zornesgründe mir unbekannt sind . Morgen früh werden sich zwei Leute im Park schießen . Der eine tritt wie eine Sache , wie ein Pfahl ans Ziel hin , der andere aber wird , Gott weiß , wessen Ehre durch einen Schuß auf diesen Pfahl reinigen . O Welt , mit wieviel Fratzenbildern bist du eingezäunt ! Begegnet mir etwas Menschliches , so bedaure die Enkel , daß ihnen ein Kämpfer für ihre Freiheit gefallen ist , beneide die jetzt Herrschenden , daß sie einen unversöhnlichen Feind ihrer Herrschaft weniger haben . Ich habe nur ein großes Interesse auf dieser Welt , das ist die Freiheit , nur weil ich noch für sie sterben kann , würd ' ich ungern im Fratzenkampfe untergehen . - - Eben höre ich mit tiefem Schmerz , daß Kamilla bei Ankunft des Fremden außer sich geraten ist , sich eingeschlossen , gepackt und soeben den Reisewagen bestellt hat . Der Wagen rollt vor das Schloß - lautes Geräusch auf der Flur , der Treppe . - - Ich ging an die Tür und hörte eine fremde Stimme neben Kamillas ; ich durfte nicht hin ; es war offenbar der Fremde , und dem Grafen hatte ich versprechen müssen , ihm auszuweichen . - Alberta sprach weinend dazwischen ; sie waren im Hausflur , ich eilte an mein Fenster , Lichter und Laternen erhellten den Raum vor dem Schlosse , Kamilla ging eilig auf den Wagen zu , wehrte mit der Hand alle zurück , sprang in den Wagen und flog davon . Das Schloß ist einsam für mich , ich bin dem Mädchen sehr gut gewesen . Die Lösung der Rätsel muß ich erwarten . 24. Hippolyt an Konstantin . Der Teufel ist los , und es gilt den ernsthaften Versuch , ob wir ihn nicht besiegen können . Ein Weib , das ich nicht gewinnen kann , ein Freund , dessen Herzblut unnützerweise strömt . Valerius schoß sich heut morgen mit einem Fremden , der verlarvt auf der Mensur erschien , und dem Graf Topf sehr ernsthaft sekundierte . Sie schossen sich auf Barriere . Valer war vollkommen passiv dabei , blieb unverrückt auf seinem Platze stehen und machte keine Miene anzugreifen . Desto eiliger avancierte der Gegner . Als Valer die blutigste Absicht nicht mehr verkennen mochte , regte sich ihm die Galle auch , er trat einen Schritt vor und drückte ab , im nämlichen Augenblick tat ' s der Gegner auch - Blitz und Knall von beiden Seiten , beide stürzen zusammen . Kaum fing ich meinen armen Freund noch in den Armen auf . Das Blut stürzte aus der oberen rechten Brust . Eh ' ich ihn noch ins Haus bringen konnte , hatte sich der Gegner aufgerafft , er war nur von einem Streifschuß am Schlaf betäubt gewesen und kam ohne Maske zu uns heran . Valer , der nicht einen Augenblick die Besinnung verlor , schien ihn sogleich zu erkennen und machte - sprechen konnte er nicht - eine unwillige Bewegung mit der Hand zum Zeichen , daß er ihm aus den Augen gehen möge . Der Narr konnte aber sein Komödienspiel nicht lassen und fing an zu deklamieren , er sei Klaras Bruder , und Valer habe seine Schwester unglücklich gemacht , ein Brief , den er bei seiner Schwester gefunden , habe es ihm verraten . - - Es wurde mir zuviel , und ich drängte ihn mit Schulter und Arm von meinem Freunde weg , ihm bedeutend , daß Epiloge vor einem Schwerverwundeten überflüssig seien , und daß ich ihm mit meiner Sekundantenkugel den Weg zeigen würde , wenn er sich nicht schleunig davon mache . Dem Grafen sagte ich einige harte Worte wegen dieses unziemlichen Betragens , er zog den Mann mit dem gelben Italienergesicht fort . Ich trug Valer auf sein Zimmer ; es war sehr früh am Tage . Niemand störte mich . Der Graf hatte schon den Abend vorher nach einem Arzte geschickt , der ward herbeigeholt und untersuchte die Wunde . Die Kugel war dicht unter der Schulter hineingegangen und saß noch drin . Der maliziöse Schuft hatte wenig Pulver genommen . Valer hatte noch kein Wort gesprochen ; wir legten ihn so , daß er es bequemer hatte , und er forderte plötzlich den zögernden Arzt auf , rasch ans Werk zu gehen , die Kugel herauszuziehen und ihm rund und bar zu sagen , ob es das Leben koste , und wie lang es dauern könne . Der Arzt schien ein Tölpel zu sein , machte dem armen Valer unsägliche Schmerzen , eh ' er die Kugel fassen und herausbringen konnte , und zuckte dann , nochmals befragt , unsicher die Achseln . Ich stieß den Narren weg , nahm die Untersuchungswerkzeuge , und forschte sorgfältig , wie weit die Kugel gedrungen . Ich habe ja doch nicht umsonst mit Cuvier am menschlichen Körper die Lebensströmungen aufgesucht . Mein Bescheid war etwas tröstlicher . » Es ist Gefahr da , Valer , sie kann aber abgewendet werden , wenn du mehrere Tage ohne äußerliche und innere Bewegung still ruhest . « - » Ich danke Dir , - sagte er - berichte dem Manne noch , daß er seine fanatische Wut aufgeben und versichert sein möge , er sei im Irrtum über mich und seine Schwester . « - » Ich will lieber dem Hanswurst den Hals brechen . « - Valer machte lächelnd eine mißbilligende Bewegung ; ich ging zum Grafen . Das ganze Haus war aufgeweckt und voll Besorgnis ; die arme Alberta , das gutmütige Kind , hatte verweinte Augen , auch Gräfin Julia war da , und das schlimme Weib hat mich noch nie so angelegentlich um etwas gebeten als hier um Nachricht über Valer ; selbst die Fürstin hatte sich eingefunden und stellte sich besorgt um unsern Freund . Der Graf begegnete mir und war auf dem Wege zu uns ; der gute alte Mann haste geweint , und war in Todesangst um seinen Liebling , dem er bereits im Herzen alles Mißtrauen abgebeten , das etwa die Anklage des Fremden erregt haben mochte . Ich teilte ihm Valers Auftrag mit ; der Fremde war schon fort , er ist Kamillas Verlobter , und ist seiner entflohenen Braut nachgeeilt . Gott weiß , was der flüchtigen Kamilla durch den Sinn gegangen ist . Es hat mich gerührt , wie alle Domestiken schluchzend herankamen , um zu fragen , ob der gute Herr Valerius auch am Leben bleiben werde . Es ist mir immer bewundernswert an Valers eigentlich so vornehmem Wesen geblieben , wie demokratisch er die unter ihm Stehenden zu behandeln und dadurch zu fesseln weiß . Es ist nicht die niedrige Volksschmeichelei , die ich ebenso hasse wie das Speichellecken eines Hofrats , es ist das vertrauliche Zugeständnis , der andere habe dieselben Ansprüche wie er , und nur die Mittel , selbige geltend zu machen , seien verschieden , was dem Valerius soviel Herzen unter der Volksmasse gewinnt . Es wäre entsetzlich , wenn der Tod seine Krallen in das schöne Herz schlüge . Ich habe Valer sehr lieb . Selbst ein allzu sanguinischer Mensch brauche ich wechselnde Wogen und Stürme , aber mein Auge ruht aus auf meines Freundes Spiegelfläche des inneren Meeres . Ich bin gewiß , daß es ihm unsäglich viel kosten mag , so ruhig und geordnet zu sein , die Gedanken , die oft so wild und toll sind gleich den blutdürstigen Tieren der Wüste , also gezähmt zu haben , daß sie wie stolze zivilisierte Löwen und Panther vor seinem Wagen einhergehen , ich bin überzeugt , daß es seine besten Kräfte verzehrt , die umfassendste Revolution im Busen zu tragen und doch der Humanität keinen Augenblick zu vergessen . - Seine Gefahr hat das Unglaubliche vermocht : sie hat eine Pause in meiner Leidenschaft zu Julia hervorgebracht , ich darf und will jetzt nicht an das Weib denken , nach dem mein ganzes Wesen sich breitet , wie der Sturmwind über die Fläche , die er bedecken , durchdringen , mit sich fortreißen möchte . Es ist nicht die gewöhnliche Koketterie in mir , daß mich ihr Widerstand doppelt reize ; ich habe immer despotisch geliebt und nie danach gefragt , wie der Gegenstand meiner jedesmaligen Neigung mein Ich in sich aufnahm , wenn ich mich ihm näherte , ich weiß , daß Valerius recht hat , wenn er mich den fürchterlichsten Egoisten der Liebe und darum unmoralisch nennt - aber ich weiß auch , daß ich diese schöne Julia mit den schwimmenden Herzensaugen , mit der ganzen im Morgentau der Jugend lüstern hin und her schwankenden Gestalt verfolgen werde durch alle Zonen , bis dies weiche Wesen meinen straffen Gliedern sich anschmiegt in Begegnung und Wollust . Ich werde - - nicht doch , ich werde nichts tun , bis Valers Gefahr abgewendet oder - oder beendet ist . Es würde mich ein Totenfieber schütteln , wenn mir der liebe Mann von meinem Feinde , dem Tode , entrissen würde . Ihr seid alle Trabanten , er ist ein Planet mit eigenem Lichte ; ich bin sein Komet . Sein Anblick , ein Wort aus seinem Munde , eine Zeile von seiner Hand sind mein Polarstern auf meiner großen Seereise , ich würde mich den Wogen überlassen , ginge mir dieser Stern unter . - - - Er liegt still wie ein griechischer Philosoph mit seinen Schmerzen da . William liest ihm des Äschylus Prometheus vor ; sein Zustand ist sehr bedenklich ; wenn ich der Furcht in meinem Herzen den Zugang gestatten wollte , lieber Konstantin , so würd ' ich fürchten , das schöne Herz Valers werde heut nacht still stehen . - - Leopold weint an seinem Bett still in sich hinein , Valers Hand ruht auf des Kleinen Lockenkopf , er sieht nichts von den Tränen . Ich war eben unten im Gesellschaftssaale - es war alles versammelt ; außer der Fürstin sprach man nur leise , es war wie in der Kirche . Zum ersten Male seit Julias Ankunft , wo ich sie nicht mehr küssen konnte , kam heute Alberta zu mir , als ich eintrat ; das arme Kind sah recht blaß aus ; ich konnte ihr nicht helfen , ich konnte ihr auch nichts Tröstliches von Valer sagen . Auch Julia forschte ängstlich , und in der Hast des Fragens ergriff sie zum ersten Male meine Hand ! Aber Valer rann durch alle meine Adern , ich fühlte nichts im ersten Augenblicke - der Augenblick war kurz , das Blut ward wieder mein ; da floh die Hand feig aus dem Kampfe . Die Fürstin tut verständig teilnehmend , das ist mir sehr widerwärtig . Graf Fips , der wie ein Stück Holz dabei steht , ist mir angenehmer . Alberta hatte die Kühnheit , ihren Vater um die Erlaubnis zu bitten , mit ihm den Kranken besuchen zu dürfen . Er hat es ihr zum Abende zugesagt . Ich habe es nicht verweigert , weil ich nicht glaube , daß es den Valerius aufregen werde ; seine Klara würd ' ich nicht zu ihm lassen . » Des Abends sieht ein Sterbender besser aus als beim Sonnenschein - das helle Leben des Tages kontrastiert zu grauenhaft mit dem heranziehenden Tode ; es ist natürlicher des Nachts zu sterben . « - Diese Worte des Grafen fielen wie Grabgeläut in unsere Herzen - wir waren erstarrt . Ich hasse das Glockengeläut , ich hasse die Raben , ich hasse den Tod . Es wär ' eine Dummheit der Natur , wenn sie den Valerius sterben ließe . 25. Konstantin an Valerius . Ich weiß es , Freund , Du wirst außer Dir sein über meinen Brief , Du wirst mich dumm , albern , verrückt nennen . Vergib mir meine Albernheit , ich will wenigstens wahr sein und Dir alles geben , was sich mir durch den Kopf bewegt . Ich fühl ' es , daß ich auf einer Grenzlinie angekommen bin und plötzlich ein anderer Mensch werde ; ich fühl ' es , daß Dir dieser neue Mensch weniger behagen wird als der alte mit seinen Fehlern . Aber gestatte mir , daß ich Euch allmählich alles , was sich in mir bewegt , darlege . Daß ich vielleicht mehrere Monate nur rhapsodisch zu schreiben imstande bin , kann Euch nicht wundern , wo soll ich die Ordnung hernehmen , da ich eben in eine Krisis trete , die nach Ordnung lechzt . Die Welt mit ihrer Unordnung ist mir plötzlich auf die Brust gefallen , ich will sie allmählich herunterwerfen , Gott weiß , was mir dann übrig bleibt . Ob ich reicher oder ärmer werde ! Wenn auch ärmer , ich will aufräumen . Ich glaube Dir schon einmal etwas Ähnliches geschrieben zu haben , es ist nicht dasselbe gewesen , was ich jetzt denke , vielleicht ist das jetzige gerade der Antipode von dem früheren , vielleicht war jenes Abenddämmerung , vielleicht ist dies Reaktion und jenes war Revolution . Beide müssen Schutt wegschaffen , aber wahr bin ich immer , bei meiner armen Seele . Über der Menschheit vergißt man jetzt gewöhnlich die Menschen , und in dieser Zeit der Brände , Kanonen und glühenden Reden ist es doch erbärmlich kalt . Die Idee ist eine ganz schöne Sache , für fast alle zu groß , und sie bleibt immer nur Idee . Vermählt sie sich nicht mit dem Individuum , mit der Gestalt , so ist sie so gut wie nicht dagewesen . Ach und das traurige erbärmliche Pathos . Da bestrafen nun die Franzosen den Meineid ihres Königs - gut , obgleich schlimm , sie betragen sich eine Weile vernünftig - sehr gut . Nun kommen die allgemeinen Redensarten liberté , gloire usw. heran . Wer für diese hundsföttische gloire Leben und Glück von Generationen opfert , jeder noch so ruhmgekrönte Eroberer ist als solcher ( unbeschadet seiner übrigen Größe ) gebrandmarkt und ehrlos . Ich will nicht hitzig werden , darum hör ' ich auf , ich will nicht gemein und wütend werden , darum schweig ' ich von der Journalistik . Gott , wenn sie doch erst so schlecht wäre , daß keiner mehr von ihr wissen wollte ; aber nein , dazu müßte sie sehr gut werden . Ja , in den ersten Tagen des August war ich noch außer mir , als die Lafittesche Partei für den Herzog von Orleans warb , ich habe mit den Volksmassen das Stadthaus umlagert und mich heiser nach der Republik geschrien , ich habe neben Dubourg gestanden , als er dem neuen Könige drohte , es werde ihm ebenso gehen wie dem schlechten zehnten Karl , wenn er seinen Eid breche , ich habe die geballte Faust in dem Augenblicke gegen Ludwig Philipp erhoben , ich habe mit Dir durch die Straßen geschrien : » Man hat unsere Revolution konfisziert , « ich habe mich und die Welt ermorden , in die Luft sprengen wollen , hätt ' ich nur Pulver genug gehabt . - Darauf verfiel ich in ein hitziges Fieber , und nach mehreren Wochen fand ich meine Besinnung und mich im Hôtel Dieu wieder . Als ich wieder auf den Beinen war , fand ich Paris in Ordnung . Ich dachte viel über die Ordnung nach und bin lange Zeit sehr kleinlaut gewesen . Es ist wirklich ein großes Ding um die Ordnung , mein Freund . Als kleiner Bube hatte ich einen Holzkasten , wo kleine Quadrate und Dreiecke geschickt ineinander gepaßt waren ; mein größerer Bruder verstand das Zusammensetzen , aber er ging immer sehr vorsichtig zu Werke , wenn er die Teile auseinander nahm , ich wollte es ihm nachmachen und stürzte den Kasten um , aber ich kam nicht zustande und mußte ihn zu Hilfe rufen ; allein da alles durcheinander geworfen war , kostete es ihn viel Zeit und Mühe , und er schalt mich sehr aus . Mit dem Umstürzen des Holzkastens ist man sehr eilig . Ich befinde mich übrigens im ganzen hier recht wohl - in einem fremden Orte erträgt man seinen Jammer leichter als in dem , der die historische Entwicklung dieses Jammers mit angesehen hat . Man kann in einem neuen Rocke nicht so traurig sein wie in einem alten . Ich habe meinen alten , blutigen Kittel ausgezogen und fühle mich viel leichter und freier . Die Welt spricht von ihrer Universalrevolution , und daß die Lutherische Revolution ihren Wendepunkt erreicht habe , und ich habe indes meine Spezialumwälzung vollendet ; ich glaube , Ihr werdet nicht ermangeln , aus diesem äußeren Wechsel vielerlei zu schließen . Hört , seit Monaten bin ich in die Nähe keines Weibes mehr gekommen , die Haare werden nicht mehr à la Caracalla gestrichen , seit langer Zeit bin ich nicht mehr trunken gewesen . Jetzt habe ich sogar das Wassertrinken gelernt , seit kurzer Zeit rauche ich keinen Tabak mehr . Demnach ist die Titulatur Falstaff antiquiert und gänzlich unpassend geworden . Mit diesen alten Gewohnheiten ist auch das vollblütige Phlegma von mir gewichen , und mir ist viel leichter dabei . Es ist wirklich ein großer Unterschied , ob einem Bier und Wein oder Blut in den Adern fließt . Ich tummle mich jetzt mitunter in den wahnsinnigsten Reimereien und nicht bloß der Reimerei wegen ; mein früheres Schimpfen auf die bloße Form kommt mir jetzt platt vor , auch die bloße Form ist ein Leben , und ihre Seelenfäden sind dem geübtesten Auge sichtbar . Man muß das Auge üben . Ich höre jetzt viel Musik . Das Werdende , sich Bewegende ist das Musikalische in uns , weil man es in seinem Zusammenhange nicht überblicken kann ; darum , Freund , sind Revolutionen etwas so sehr Gewagtes , dem man sich nur in äußerster Notwendigkeit hingeben darf ; das Gewordene , Abgemachte , Plastische ist als ein außer uns Liegendes immer in der Vergangenheit . Man übersieht es und kann leichter der Sache Herr werden . So bin ich auch mit meinen religiösen Ansichten jetzt unzufrieden . Man sieht es solchen Byron-rationalistischen Ansichten auf hundert Meilen an , in welcher Unbehaglichkeit sie empfangen worden sind . Ich habe mich nun lange genug mit solchem Zeuge gequält : aber was ist das Ende vom Liede ? Man kann nun einmal alles Religiöse und dahin Gehörige nicht ins reine bringen , und was hätte man auch davon , wenn man es könnte ? Eine Wissenschaft mehr und eine Welt von Gefühlen weniger . Ich habe den festen Entschluß gefaßt , das Leben schön zu finden , und schon gibt es Stunden , wo ich es ganz erträglich finde . - Manche Stunden gibt es indes noch , Freund , wo ich mir selbst mit meinen überaus vernünftigen Ansichten wie ein bei der Gewerbeschule angestellter Regierungsrat vorkomme . Ich habe an meinen Vater um Versöhnung und Vergebung geschrieben , und denke meine juristische Karriere wieder aufzunehmen . Meine Tollheiten in Paris kennt bei mir zulande niemand . Was einem wohl das stete Ringen , Lesen , Denken , Rezensieren , Rezensiertwerden nützt ? - Eben daß man ringt , denkt , liest usw. - daß man etwas zu tun hat , so wie das gemähte Gras wieder wächst , um wieder gemäht zu werden . Was verstehst Du unter einer zeitgemäßen Religion ? Die Religion einer jeden Zeit ist die zeitgemäße . Du räsonierst über die Pfaffen , die sich so gemächlich in ihrem alten Dachsbau bewegen , und willst doch am Ende einen neuen detto anlegen . Sowie man über Religion spricht und schreibt , kommt gewiß etwas Verkehrtes heraus , was dem Sprechenden oder Schreibenden fremd ist ; die Worte werden im Munde verdreht . Es ist , als sollte man dergleichen nicht besprechen wie die nächste Wollschur oder Weinlese . Lieber Katholik als in der Religion Rationalist . Laß mir nur etwas Zeit , ich werd ' mich schon finden ; der alte und neue Mensch wirtschaften noch heftig in mir . Du achtest ja jede Individualität , achte auch vorderhand meine tastende . Und bildet sich am Ende auch eine Dir entgegengesetzte heraus , gewähr ' mir nicht nur Gerechtigkeit , ich weiß , das wirst Du immer , sondern auch Teilnahme . Ich werde bald nach Deutschland kommen . 26. Kamilla an Alberta . Um Gottes willen ist es wahr , ist es wirklich , was ich eben im Hause der Fürstin vernommen - Ludoviko hat den Valerius erschossen ? O ich beschwöre Dich , fertige den Boten sogleich wieder ab , damit ich heut noch Nachricht habe . Ich stehe zwischen lauter Gräbern und will doch wissen , in welches ich springen soll . O Gott , meine Gute , ich kann nicht schreiben , weil ich nicht sehen kann vor dem Tränenstrome . Nein , nein , Gott wird seinen Liebling doch nicht von einem heißblütigen Tölpel ermorden lassen , dessen einzig Verdienst das heiße Blut ist . Armes Mädchen , was magst Du leiden . Ach es ist Unsinn ! Der Mann , der noch soviel in der Welt zu tun hat , kann nicht erschossen sein von einem nutzlosen Menschen . Ist dieser Narr doch gar verrückt genug , mich hier auszukundschaften und meine Hand zu verlangen , während er mir auf die nächste Frage eingestehen muß , daß er Valerius niedergeschossen , und nicht wisse , ob er noch lebe . Und jenes Herz sollte still stehen - o wozu klappern die tausend unnützen dann noch weiter ? ! O Liebe , schreibe mir sogleich ! Ludoviko ist schon auf dem Wege nach Berlin , um mich einzuholen - der Übeltäter soll in den Wind fahren , ich bleibe vorderhand hier - und meine gute Alberta , nicht wahr , Du schreibst sogleich - ach Gott , ich weiß nicht was ich sage , was ich will - ja , ja , Gewißheit nur , nichts weiter . - 27. Hippolyt an Konstantin . Warum hat die Natur den Menschen nicht größer und stärker geschaffen ? Über Berge mag er stolpern können , aber es ist ein Jammer , daß er über jeden Maulwurfshaufen fällt . Solch ein Wicht kann doch eigentlich auch nicht schön sein ! Man sollte keine Statuen mehr machen , keine menschlichen Figuren malen , keine Heldengedichte und Dramata schreiben . Die ganze Natur allein verdient so etwas , der einzelne Mensch aber nicht . Nicht das kleine Herz dieses Mädchens kann ich erobern - o , der Mensch ist ein Wicht und nichts weiter . Valerius scheint die Hauptgefahr überstanden zu haben , indessen ist er noch keineswegs gerettet . Ist so was in Arabien erhört worden ? Wie barmherzige Samaritanerinnen sitzen die Weiber um sein Lager herum und sprechen und lesen ihm vor . Selbst die stolze Konstantie fehlt nicht . Der Graf hat dem armen Kranken einen weichen seidenen Patientenanzug geschenkt , in diesem nun liegt Valer wie ein verwundeter Emir , dem die verrückten Kreuzfahrer hart zugesetzt , auf seiner Ottomane und läßt die Houris um sich tändeln . Ihm zunächst sitzt immer die sensitive Alberta , die meine Untreu in seine schönen Augen versenken zu wollen scheint . Meinethalben , das weiche , weiße Kind kann mich nicht ansehen , und nur Valers Nähe scheint sie zu stärken . Die Fürstin übertrifft mich ; so groß hab ' ich die Geschicklichkeit noch nicht gesehen , kein Gedächtnis zu besitzen . Nach jenem kurzen Wortwechsel über Desdemona schien sie lange Zeit sehr bewegt zu sein . Sie hat lauter stolze Laster , aber auch ihre ebenbürtigen Gegner : stolze Tugenden . Sie schien durch jene Nachricht von Desdemona sehr zu leiden , und von William , dessen Unterwürfigkeit ihrem gesellschaftlichen Sinne am bereitwilligsten entgegenkam , erfuhr ich , daß sie durch ihn die lebhaftesten Anstalten in Wien treffe , Desdemonas Wohl zu befördern . Der junge Pfaff sagte mir das triumphierend und mit scharfen Andeutungen mich anklagend . Ich wehrte ihm diesmal nicht : war ich ein guter Mensch , so ließ ich jene heiße liebedurstige Seele nicht verschmachten und allein ziehen . Aber ich bin nur ein Mensch . Konstantie läßt sich oft stundenlang von William christliche Moral auseinandersetzen und scheint sehr aufmerksam zuzuhören ; sie stellt eine Art Examinatorium mit ihm an , und legt ihm schwierige Fälle vor . William ist natürlich entzückt , seinen Kram so anzubringen und wird lächerlich hochmütig ; solche Geduld ist ihm lange Zeit von verständigen Leuten nicht geworden . Die Fürstin schloß meist die Gespräche damit , daß sie plötzlich kopfschüttelnd und lächelnd aufstand , vor sich hinsprach : » Ja , ja , das sind schlimme Dinge . « Nur das Lächeln sah William nie , und er fiel natürlich heut aus seines Himmels Wolken , als Konstantie die Sitzung mit den Worten aufhob : » Mein lieber Herr William , das ist lauter Büchermoral , die bestaubt aussieht in dem Sonnenschein , welcher in unseren modernen Zimmern lagert . Unsere Menschen sind nicht mehr die Vordersätze zu Ihren Schlüssen , die Dinge können also unmöglich zueinander passen . Es gibt eine Moral , die in die Poren des leichtsinnigen Burschen dringt ; aber die holt man nicht aus dem Grunde eines alten abgestandenen Gewässers , man greift in die Fluten , in welchen jener leichtsinnige Bursch eben treibt ; nicht in Syrien heilen kluge Leute den Pariser , sondern in Paris . Ihr Zeug ist langweilig wie alles Unzeitige . « - Beim Zeus , es ist ein verständig Weib , und der Blick , der mich in diesem Augenblicke aus ihren blitzenden Augen traf , erinnerte mich an jene Nächte neben der Bibliothek , an jene Herrscherblicke , mit denen sie mich regierte . Sie sah , was in mir vorging , und wie ein schneller Windstoß flog jene nächtliche Liebe über unsere Augen und Lippen . Wir hätten uns umarmt , wären wir allein gewesen . William stand so zerschmettert da