machte diese Eigenschaften nur um so hintergründiger . Wer sie so nahm , wie sie sich gab , war im voraus betrogen . Was Caspar betrifft , so sah sie ihn zunächst bloß humoristisch und am meisten dann , wenn er ernst und nachdenklich war . » Nein , was er heute wieder Komisches gesagt hat « , war ihre beständige Phrase . Es hatte oft den Anschein , als habe sie einen kleinen Hofnarren in Dienst genommen . » Also , mein liebes Mondkälbchen , sprich « , forderte sie ihn vor den Gästen auf . Wenn sie ihn gar eifrig beflissen sah , lateinische Vokabeln auswendig zu lernen , lachte sie aus vollem Hals . » Wie gelehrt wie gelehrt ! ! « rief sie und fuhr ihm mit der Hand wüst durch das Lockenhaar . » Laß es sein , laß es sein , « tröstete sie ihn , wenn er über die Schwierigkeit einer Rechnung klagte , » bringsts ja doch zu nichts , ist genau so , wie wenn ich seiltanzen wollte . « Indes erregte er auf andre Weise bald eine wunderliche Neugierde in ihr . Eines Morgens kam sie dazu , als er in der Küche stand und Zeuge war , wie der Metzgerbursche das rohe und noch blutige Fleisch aus dem Korb nahm und auf die Anrichte legte . Eine unendliche Wehmut malte sich in Caspars Zügen , er wich zurück , zitterte und war keines Lautes fähig , dann floh er mit bedrängten Schritten . Frau Behold war betroffen und wollte ihrer Rührung nicht nachgeben . Was ist das ? dachte sie ; er verstellt sich wohl ; was ist ihm das Blut der Tiere ? Um ihm gefällig zu sein , tat sie mehr , als ihre Bequemlichkeit ihr sonst verstattet hätte . Trotzdem schien er sich nicht wohl im Haus zu fühlen . » Sapperment , was ist dir übers Leberlein gekrochen ? « fuhr sie ihn an , wenn sie ein trauriges Gesicht an ihm bemerkte . » Wenn du nicht lustig bist , führ ich dich in die Schlachtbank , und du mußt zuschauen , wie man den Kälbern den Hals abschneidet « , drohte sie ihm einmal und wollte sich ausschütten vor Lachen über die Miene des Entsetzens , die er darüber zeigte . Nein , Caspar fühlte sich keineswegs wohl . Frau Behold war ihm ganz und gar unverständlich , ihr Blick , ihre Rede , ihr Gehaben , alles das stieß ihn aufs äußerste ab . Es kostete ihn nicht wenig Kunst und Nachdenken , um seinen Widerwillen nicht merken zu lassen , gleichwohl war er krank und elend , wenn er nur eine Stunde mit Frau Behold verbracht hatte . Es fehlte ihm dann jegliche Arbeitslust , und die Schule zu besuchen , die ihm ohnehin verhaßt war , unterließ er ganz . Die Lehrer beschwerten sich beim Magistrat ; Herr von Tucher , der jetzt wieder in der Stadt weilte und der vom Gericht zu Caspars Vormund ernannt worden war , stellte ihn zur Rede . Caspar wollte nicht mit der Sprache heraus , ein Betragen , das Herr von Tucher als Verstocktheit auffaßte und das ihm zu schlimmen Befürchtungen Anlaß bot . Und da war noch eines , was Caspar zu denken gab . Manchmal begegnete ihm auf der Stiege oder im Flur oder in einem entlegenen Zimmer Frau Beholds Tochter , ein Mädchen , halb erwachsen und bleich von Gesicht . Ihre Augen waren feindselig auf ihn gerichtet . Wenn er sie anreden wollte , lief sie davon . Einmal schaute er von der Galerie in den Hof und sah sie am Brunnen stehen , hinter dessen eisernem Rohr ein Brett weggeschoben war , so daß der Blick in die Tiefe offen lag . Das Mädchen stand unbeweglich und starrte mindestens eine Viertelstunde lang in das schwarze Loch . Caspar verließ leise die Galerie und schlich hinunter ; er betrat jedoch kaum den Hof , so flüchtete das Mädchen mit bösem Gesicht an ihm vorüber . Als Caspar ihr zaudernd folgte , begegnete ihm der Herr Rat , und Caspar erzählte voll Eifer , was er mitangeschaut . Herr Behold zog die Stirn kraus und sagte beschwichtigend : » Ja , ja , gewiß ; das Kind ist nicht gesund . Kümmer Er sich nicht darum , Caspar , kümmer Er sich nicht darum . « Caspar kümmerte sich aber doch darum . Er fragte die Mägde , was mit dem Kind sei , und eine von ihnen erwiderte bissig : » Sie kriegt nichts zu essen , der Findling frißt ihr alles weg ! « Darauf eilte er spornstreichs zu Frau Behold , wiederholte ihr die Worte der Magd und fragte , ob das wahr sei . Frau Behold bekam einen Wutanfall und jagte die Magd auf der Stelle davon . Als jedoch Caspar sie auch dann noch in seiner ungeschickten und altklugen Weise ermahnte , daß sie mehr auf ihre Tochter achten möge als auf ihn und daß er sonst fortgehen werde , schnitt sie ihm das Wort ab und verwies ihm den Vorwitz . » Wie willst du denn fortgehen ? « fuhr sie auf . » Wohin denn ? Wo bist du denn daheim , wenn man fragen darf ? « Es entstand jetzt in Frau Behold die Meinung , daß Caspar in ihre Tochter verliebt sei . Sie legte es darauf an , ihn über den Punkt auszuholen . Auf ihre Fragen antwortete er jedoch so blöde , daß sie sich beinahe ihres Verdachts geschämt hätte . » Grand Dieu « , sagte sie laut vor sich hin , » mir scheint , der Einfaltspinsel weiß nicht einmal , was Liebe ist « . Ja , noch mehr , sie spürte , daß er sich nicht einmal im entferntesten einen Gedanken darüber machte . Das war der guten Dame doch überaus seltsam , ihr , deren Begierden und Gelüste immer im trüben Gewässer halb romanhafter , halb schlüpfriger Leidenschaften plätscherten , so tugendhaft sie auch vor ihren Mitbürgern sich halten mußte . Er ist doch aus Fleisch und Blut , kalkulierte sie , und wenn schon der närrische Daumer in allen Tönen von seiner Engelsunschuld schwärmt , als erwachsener Mensch weiß man , was der Hahn mit den Hühnern treibt . Er heuchelt , er hält mich zum besten ; warte , Kerl , ich will dir den Gaumen trocken machen . Auf dem Markt , zur Rechten vor dem Beholdschen Haus , stand der sogenannte schöne Brunnen , ein Meisterwerk mittelalterlich-nürnberger Kunst . Seit grauen Zeiten erzählte man den Kindern , daß der Storch die Neugeborenen aus der Tiefe des Brunnens hole . Frau Behold fragte Caspar , ob er davon vernommen habe , und als er verneinte , sah sie ihn mit schlauem Augenzwinkern an und wollte , wissen , ob er daran glaube . » Ich seh nur nicht , wo der Storch da hinunterfliegen kann , « antwortete er harmlos , » es ist ja alles mit Gittern vermacht . « Frau Behold staunte . » Ei du Tropf ! « rief sie aus , » schau mich einmal aufrichtig an ! « Er schaute sie an . Da mußte sie die Augen senken . Und plötzlich erhob sie sich , eilte zur Kredenz , riß eine Lade auf , schenkte sich ein Glas Wein voll und trank es auf einen Zug leer . Sodann ging sie ans Fenster , faltete die Hände und murmelte mit einem Ausdruck von Stumpfsinn : » Jesus Christus , bewahre mich vor Sünde und führe mich nicht in Versuchung . « Es bedarf kaum der Erwähnung , daß sie sonst eine höchst aufgeklärte Dame war , die sich das ganze Jahr nicht in der Kirche sehen ließ . Es war schon Mitte August , und große Hitze herrschte . An einem Sonntag veranstaltete der Bürgermeister ein Waldfest im Schmausenbuk ; Caspar war am Morgen mit dem Stallmeister Rumpler und einigen jungen Leuten bis Buch geritten und war so müde , daß er nach Tisch in seinem Zimmer einschlief . Frau Behold weckte ihn selbst und hieß ihn sich ankleiden , da der Wagen warte , der sie zum Festplatz bringen sollte . Auf Caspars Frage , ob noch wer mitgehe , erwiderte sie , zwei Knaben führen mit hinaus , die Söhne des Generals Hartung . Da sagte Caspar enttäuscht , er wünschte , daß Frau Behold ihre Tochter mitgehen lasse , denn die werde sich grämen , wenn sie zu Hause bleiben müsse . Frau Behold stutzte und wollte zornig werden , nahm sich aber zusammen . Sie beugte sich vor , ergriff mit der Hand einen Bündel Locken auf Caspars Kopf und sagte boshaft : » Ich schneide dir die Haare ab , wenn du wieder davon anfängst . « Caspar entwand sich ihr . » Nicht so nahe , « flehte er mit aufgerissenen Augen , » und nicht schneiden , bitte ! « » Hab ich dich ! « drohte Frau Behold , gezwungen scherzend . » Hab ich dich , furchtsames Menschlein ? Noch ein Widerpart , und ich komme mit der Schere ! « Während der Fahrt blieb Caspar schweigsam . Die beiden Knaben , die vierzehn und fünfzehn Jahre alt waren , neckten ihn und suchten etwas aus ihm herauszulocken , da sie stets wie über eine Art Wundertier über ihn hatten sprechen gehört . Nach Schuljungengewohnheit fingen sie an , prahlerische Reden zu führen , als ob es keine gelehrteren und scharfsinnigeren Menschen gäbe . Weit auf der Landstraße draußen rief der eine , er höre schon die Musik aus dem Wald , da entgegnete Caspar , ärgerlich über das Wesen , das die beiden von sich machten , das wundre ihn , er höre nichts , dagegen sehe er auf einer hohen Stange fern über den Bäumen eine kleine Fahne . » O die Fahne , « meinten jene geringschätzig , » die sehen wir schon lang ! « Auch hierüber wunderte sich Caspar , denn er hatte sie erst im Augenblick wahrgenommen , ein schmales Streifchen , das nur im Wehen des Windes sichtbar war . » Gut , « sagte er , » wenn sie wieder weht , will ich euch fragen , ob ihr es bemerkt . « Er wartete eine Weile und stellte dann , während die Fahne ruhig war , die irreführende Frage : » Also , weht sie jetzt oder nicht ? « » Sie weht ! « antworteten die Knaben wie aus einem Mund , doch Caspar versetzte ruhig : » Ich sehe daraus , daß ihr nichts seht . « » Oho ! « riefen jene , » dann lügst du ! « » So sagt mir doch , « fuhr Caspar unbekümmert fort , » was für eine Farbe sie hat . « Die Knaben schwiegen und guckten , dann riet der eine ziemlich kleinlaut : » rot « , der andre , etwas kühner : » blau . « Caspar schüttelte den Kopf und wiederholte : » Ich sehe , daß ihr nichts seht ; weiß und grün ist sie . « Daran war schwer zu mäkeln , eine Viertelstunde später konnten sich alle von der Wahrheit überzeugen . Aber die Knaben blickten Caspar voll Haß ins Gesicht ; sie hätten gern vor Frau Behold geglänzt , die die ganze Unterhaltung wortlos mitangehört hatte . Caspars Gegenwart beim Fest zog , wie immer , eine Anzahl Gaffer herbei , darunter waren einige Bekannte , junge Leute , die sich seiner annehmen zu sollen glaubten und ihn Frau Behold unerachtet ihres Widerspruchs entrissen . Es war anfangs nur eine kleine Gesellschaft , die sich aber allgemach vergrößerte und , indem einer den andern anfeuerte , lauter Tollheiten beging . Sie warfen Tische und Bänke um , schreckten die Mädchen , kauften die Krämerbuden leer , verübten ein wüstes Geschrei und stellten sich dabei an , als ob Caspar ihr Gebieter sei und sie kommandiere . Das Treiben wurde immer ausgelassener ; als es Abend geworden war , rissen sie die Lampions von den Bäumen und zwangen ein paar Musikanten , ihnen vorauszuziehen , um den Tumult mit ihren Trompeten zu begleiten . Zwei junge Kaufleute hoben Caspar auf ihre Schultern , und er , dem schon Hören und Sehen verging , wünschte sich weit weg und kauerte mit dem unglücklichsten Gesicht von der Welt auf seinem lebendigen Sitz . Unter Gesang und Gelächter kam die entfesselte Schar vor die Estrade , wo der Tanz begonnen hatte ; hier konnte sie nicht weiter , die angesammelte Menge versperrte den Weg nach rückwärts und seitwärts . Plötzlich sah Caspar ganz nahe die beiden Knaben , die in Frau Beholds Kutsche mitgefahren waren ; sie standen auf der Treppe zum Tanzpodium und trugen einen langen Baumzweig mit einem weißen Pappendeckel an der Spitze , worauf in großen Lettern die Worte gemalt waren : » Hier ist zu sehen Seine Majestät Casperle , König von Schwindelheim . « Sie hielten die Tafel so , daß die Aufschrift Caspar zugekehrt war , auch alle Umstehenden gewahrten sie alsbald , und es erhob sich ein schallendes Gelächter . Die Trompeter gaben einen Tusch , und der Zug setzte sich wieder , am Wirtshaus vorbei , gegen den illuminierten Wald in Bewegung . Caspar rief , man solle ihn herunterlassen , aber niemand achtete darauf . Nun zog er mit der einen Hand am Ohr des einen , mit der andern an den Haaren des zweiten seiner Träger . » Au , was zwickst du mich ! « schrie dieser und der andre : » Au , mich zebelt er ! « Wütend traten sie beiseite , wodurch Caspar herunterglitt . Die beiden Schildträger standen vor ihm und grinsten höhnisch . » Wir haben auch ein Fähnlein für dich , « sagte der ältere , » sieh mal zu , ob es weht . « Im selben Augenblick schraken sie zusammen , denn eine gebieterische Stimme schrie dröhnend ihren Namen . Es war der Vater der beiden , der General , der mit einigen andern Herren und mit Frau Behold in geringer Entfernung an einem abseits stehenden Tisch saß . Diese alle erhoben sich , denn am Himmel waren schwere Wolken aufgezogen , und man hörte schon den Donner grollen . Frau Behold empfing Caspar mit den Worten : » Du machst ja schöne Streiche , schämst dich nicht ? Allons ! Wir fahren heim . « Mit überlautem Wesen verabschiedete sie sich von den Herren und eilte zum Ausgang des Festplatzes , wo sie mit kreischender Stimme ihren Kutscher rief . » Setz dich ! « herrschte sie Caspar an , als sie den Wagen erreicht hatten . Sie selbst stieg zum Kutscher auf den Bock , ergriff die Zügel , und nun begann ein tolles Fahren , erst durch den Wald , dann die staubschäumende Chaussee entlang . Sie trieb die Tiere an , daß sie nur so hüpften und von jedem Kieselstein , den ihr Huf traf , Funken spritzten . Kein Stern war zu sehen , die Landschaft breitete sich düster hin , häufig zuckten Blitze auf , und der Donner rollte näher . In wenig mehr denn einer halben Stunde waren sie in der Stadt , und als die Pferde am Marktplatz hielten , dampfte der Schweiß von ihren Flanken . Frau Behold sperrte das Haustor auf und ließ Caspar vorangehen . Er tastete sich in der Dunkelheit bis zu seiner Zimmertür , doch die Frau ergriff ihn am Arm , zog ihn weiter und trat mit ihm in den sogenannten grünen Salon , einen großen Raum , wo die Fenster geschlossen waren und eine muffige Luft herrschte . Frau Behold zündete eine Kerze an , warf Hut und Mantille auf das Sofa und setzte sich in einen Ledersessel . Sie summte leise vor sich hin , plötzlich unterbrach sie sich und sagte in derselben singenden Weise : » Komm einmal her zu mir , du unschuldiger Sünder . « Caspar gehorchte . » Knie nieder ! « gebot die Frau . Zögernd kniete er auf den Boden und sah Frau Behold ängstlich an . Wie am Nachmittag näherte sie wieder ihr Gesicht dem seinen . Ihr schmales , langes Kinn zitterte ein wenig , und ihre Augen lachten sonderbar . » Was sträubst du dich denn so ? « gurrte sie , da er den Kopf zurückbäumte . » Ma foi , er sträubt sich , der Jüngling ! Hast wohl noch kein lebendiges Fleisch gerochen ? He , du Strick , wers glaubt ! Was Teufel , fürchtest dich am Ende ? Hab ich dir nicht die besten Bissen auftragen lassen ? Hab ich dir nicht gestern erst eine schöne Amsel geschenkt ? Ich hab ein gutes Herz , Caspar , da horch , wies schlägt , wies tickt ... « Mit großer Kraft zog sie seinen Kopf gegen ihre Brust . Er dachte , sie wolle ihm ein Leids tun , und schrie , da drückte sie die Lippen auf seinen Mund . Ihm wurde eiskalt vor Grauen , sein Körper sank zusammen , wie wenn die Knochen aus den Gelenken gelöst wären , und als Frau Behold dieser jähen Erschlaffung inne ward , erschrak sie und sprang auf . Ihr Haar hatte sich gelockert , und ein dicker Zopf lag wie eine Schlange auf der Schulter . Caspar hockte auf dem Boden , krampfhaft umklammerte seine Linke die Rücklehne . Frau Behold beugte sich noch einmal zu ihm und schnupperte seltsam , denn sie liebte den Geruch seines Leibes , der sie an Honig erinnerte . Aber kaum spürte Caspar ihre abermalige Nähe , als er emportaumelte und ans andre Ende des Zimmers floh . Die Seite gegen die Tür geschmiegt , den Kopf vorgeduckt , die Arme halb ausgestreckt , so blieb er stehen . Die ferne Ahnung von etwas Ungeheuerm dämmerte in ihm auf . Kein jemals gehörtes Wort gab einen Hinweis , doch er ahnte es , wie man auf eine Feuersbrunst , die hinter den Bergen wütet , aus der Röte des Himmels schließt . Schändlich war ihm zumut , insgeheim fühlte er sich an , ob er denn auch seine Kleider am Körper trüge , und dann schaute er auf seine Hände nieder , ob sie nicht voll Schmutz seien . Er schämte sich , er schämte sich , vor den Wänden , vor dem Sessel , vor der brennenden Kerze schämte er sich ; er wünschte , die Tür möchte von selber sich öffnen , damit er unhörbar verschwinden könne . Es war wie das entsetzliche Aufleuchten von Augen , als ein rosiger Blitzstrahl ins Zimmer fuhr ; der Donner folgte wie ein enormer Schrei . Caspar drückte die Schultern zusammen und fing an zu zittern . Mittlerweile ging Frau Behold mit wahren Mannesschritten auf und ab , lachte ein paarmal kurz vor sich hin , plötzlich ergriff sie die Kerze und trat auf Caspar zu . » Du Aas , du verdorbenes , was hast du denn geglaubt , « sagte sie erbittert , » glaubst du vielleicht , mir liegt etwas an dir ? Ja , einen alten Stiefel ! Mach , daß du weiterkommst , und untersteh dich nicht , darüber zu sprechen , sonst massakrier ich dich ! « Sie lachte dabei , als solle es im Grunde doch nur Scherz sein , aber Caspar erschien sie übergroß , ihr schwarzer Schatten erfüllte den ganzen Raum , außer sich vor Furcht rannte er hinaus , die Frau hinter ihm her , er , die Treppe hinab zum Tor , rüttelte an der Klinke ; es war zugesperrt . Er hörte draußen den Regen aufs Pflaster prasseln , zugleich vernahm er hastig trippelnde Schritte , ein Schlüssel drehte sich im Schloß , und der Magistratsrat erschien auf der Schwelle . Die unaufhörlichen Blitze beleuchteten Caspars schlotternde Gestalt , und das Donnergeschmetter verschlang die Fragen des bestürzten Mannes . Oben an der Stiege stand Frau Behold , der nahe Kerzenschein durchfurchte ihr Gesicht mit verwildernden Lichtern und ihre Stimme übertönte den Donner , als sie ihrem Manne zuschrie : » Er hat sich betrunken , der Kerl ! Auf dem Schmausenbuk haben sie ihn betrunken gemacht ! Laß Er sich heute nur nicht mehr blicken ! Marsch , ins Bett mit ihm . « Der Magistratsrat schloß das Tor und klappte den triefenden Parapluie zu . » Nun , nun ... aber , aber , « machte er , » so schlimm wirds doch nicht gleich sein . « Frau Behold antwortete nicht . Sie schlug eine Tür zu , dann war es still und finster . » Komm Er nur mit , Caspar , « sagte der Rat , » wir wollen mal Licht anzünden und nachsehen , was es denn da gibt . Reich Er mir den Arm , so . « Er geleitete Caspar in dessen Zimmer , machte Licht und murmelte fortwährend kleine , beschwichtigende Sätzchen vor sich hin . Dann beroch er Caspars Atem , um zu sehen , ob er wirklich getrunken habe , schüttelte den Kopf und meinte verwundert : » Nichts dergleichen . Die Rätin ist da sicherlich im Irrtum . Aber mach Er sich nichts draus , Caspar , empfehl Er Seine Sache dem Herrn , und es wird wohl enden . Gute Nacht ! « Als Caspar allein war , irrte sein scheues Auge von Blitz zu Blitz . Bei jedem Aufflammen hatte er unter den Lidern Schmerzen wie von Nadelstichen , bei jedem Donnerschlag war ihm , als ob alles in seinem Leibe locker sei . Hände und Füße waren ihm eiskalt . Er wagte sich nicht ins Bett zu begeben , sondern blieb wie angewurzelt stehen , wo er stand . Er erinnerte sich mit Grauen des ersten Gewitters , das er im Turm auf der Burg erlebt hatte . Er war in einen Mauerwinkel gekrochen , und die Frau des Wärters war gekommen , ihn zu trösten . Sie sagte : » Man darf nicht hinausgehen , es ist ein großer Mann draußen , der zankt . « Immer , wenn es donnerte , bückte er sich ganz zur Erde , und die Frau sagte : » Hab keine Angst , Caspar , ich bleib bei dir . « Auch jetzt war es ihm , als sei ein großer Mann draußen , der zankte . Aber es war niemand da , um ihn zu trösten . Die Amsel , die in einem Käfig beim Fenster geduckt auf dem Holzstäbchen hockte , ließ bisweilen piepsende kleine Laute hören . Er hätte sie schon längst freigelassen , weil ihn das Tier erbarmte , doch fürchtete er Frau Beholds Zorn . Als das Gewitter im Wegziehen war , entledigte er sich schnell der Kleider , kroch ins Bett und deckte sich bis zur Stirn hinauf zu , um das Blitzen nicht sehen zu müssen . In der Eile vergaß er sogar , die Türe abzuriegeln , und dieser Umstand hatte ein gar sonderbares Geschehnis zur Folge . Am Morgen beim Aufwachen spürte er einen durchdringenden Geruch . Ja , es roch nach Blut im Zimmer . Schaudernd blickte er sich um , und das erste , was er sah , war , daß der Vogelbauer am Fenster leer war . Caspar suchte nach dem Tierchen und gewahrte , daß die Amsel auf dem Tisch lag , tot , mit ausgebreiteten Flügeln , in einem Blutgerinnsel . Und daneben , auf einem weißen Teller , lag das blutige kleine Herz . Was mochte dies bedeuten ? Caspar verzog das Gesicht , und sein Mund zuckte wie bei einem Kind , bevor es weint . Er kleidete sich an , um in die Küche zu gehen und die Leute zu fragen , doch als er das Zimmer verließ , erschrak er , denn Frau Behold stand im Flur neben der Tür . Sie hatte einen Kehrbesen in der Hand und sah unordentlich aus . Caspar schaute in ihr fahles Gesicht , er sah sie lange an , fast so matt und bewegt , wie er den toten Vogel angesehen . Botschaft aus der Ferne Es war aber von da an nicht mehr auszuhalten mit Frau Behold . Wahrscheinlich bereitete sich in dieser Zeit schon der furchtbare Gemütszustand vor , der späterhin ihr Schicksal verhängnisvoll beschloß . Jedermann scheute sich , mit ihr zu tun zu haben . Kaum hatte sie sich irgendwo hingesetzt , so sprang sie auch schon wieder auf , um fünf Uhr früh war sie schon munter , lärmte in den Zimmern und auf den Stiegen und klopfte Caspar aus dem Schlaf , wobei sie ein solches Gepolter an seiner Tür machte , daß er mit wehem Kopfe erwachte und den ganzen Tag zu keiner Arbeit fähig war . Bei Tisch sollte er nicht reden , und wenn er einmal Widerspruch hielt , drohte sie , ihn beim Gesinde in der Küche essen zu lassen . Kam ein Fremder und Caspar wurde gerufen , so erging sie sich in bissigen Wendungen . » Ich bin neugierig , ob Sie aus dem Stockfisch was herausbringen « , sagte sie etwa ; » man hat Ihnen sicherlich weisgemacht , daß Sie ein Unikum von Klugheit an ihm finden werden . Überzeugen Sie sich doch ; sehen Sie zu , ob die arme Seele ein vernünftiges Wort hergibt . « Solches machte den Gast , wer er auch war , verlegen , und Caspar stand da und wußte nicht , wohin er schauen sollte . Wie früher mußten Menschen her , um die Räume des Hauses zu füllen , Gelächter sollte über die morschen Stiegen hallen und knisternde Schleppen den Staub der Jahrzehnte abfegen . Aber die Tage waren von den Nächten so verschieden wie der Ballsaal , wenn die Lichter brennen und dann , wenn die Leute gegangen sind , der Pförtner die Kerzen auslöscht und Mäuse über die befleckten Teppiche huschen . In einem solchen Dasein wächst Schuld wie das Unkraut auf nicht gepflügtem Acker . Große Schuld kann reinigen in Buße oder Leiden ; die kleinen Versäumnisse und unnennbaren Missetaten , die an vielen Stunden vieler Tage hängen , zermürben die Seele und fressen das Mark des Lebens auf . Jedenfalls war Frau Behold eine sehr moralische Natur , weil sie dem Menschen nicht verzeihen konnte , der ihre Tugend ins Wanken gebracht hatte , wenngleich nur für eine schwüle Gewitterstunde . Aber lag es bloß daran ? War ihr nicht vielmehr die ganze Welt auf den Kopf gestellt durch das unerwartete Bild der Unschuld , das ihr der Jüngling dargeboten hatte ? Eine solche umgedrehte Welt war ihr nicht erträglich , um darin zu leben . Es war ein Raub an ihr geschehen , und sie verlangte nach Rache . Den Freunden Caspars blieb der veränderte Zustand im Hause Behold nicht verborgen . Bürgermeister Binder war der erste , der mit Nachdruck erklärte , Caspar dürfe nicht länger dort verbleiben . Daumer unterstützte diese Meinung lebhaft , und der Redakteur Pfisterle , hitzig und unbequem wie immer , beschimpfte in seiner Zeitung den Magistratsrat und äußerte den Verdacht , man wünsche den Findling unschädlich zu machen und die Stimmen mit Gewalt zum Schweigen zu bringen , welche die Anrechte seiner geheimnisvollen Geburt durchsetzen wollten . » Da lebt er , der rätselhafte Knabe , dem ein unsichtbares Diadem auf der Stirn glänzt , wie ein einsames Tier , das sich nur mit ein paar schüchternen Sprüngen ans Licht getraut und während es über den Acker hüpft possierlich mit Schwanz und Ohren wackelt , um seine Feinde zu ergötzen , dabei aber ängstlich nach allen Seiten spitzt , um bald wieder ins erste beste Loch zu kriechen . « So der aufgeregte Schreibersmann . Danach entschlossen sich die Stadtväter nach mancherlei Beratungen , wie vordem einen Erziehungs- und Kostbeitrag aus der Gemeindekasse auszusetzen , und weil niemand so wie Herr von Tucher geeignet schien , dem Elternlosen ein Obdach zu bieten , legte man ihm die Sache beweglicherweise ans Herz , appellierte an seine Großmut und an die ausgezeichnete Stellung seiner Familie , deren Name allein genügen würde , den Jüngling vor gemeinen Verfolgungen zu schützen . Herr von Tucher hatte jedoch Bedenken . Das plötzliche Gezeter gegen die Beholdschen verdroß ihn . » Erst seid ihr froh gewesen , für den jungen Menschen einen Unterschlupf zu finden , und auf einmal wird hohes Kammergericht gespielt , « sagte er ; » soll ich annehmen , daß es mir besser ergeht ? Ich will nicht Gefahr laufen , daß mein Privatleben von oben bis unten beschnüffelt wird , ich will nicht jedem müßigen Hahn erlauben , sein Kikeriki in meinen Frieden zu krähen . « Auch die Familie , besonders seine Mutter , erhob Einspruch und warnte ihn , sich . in Abenteuer zu begeben . Es hieß sogar , die alte Freifrau habe dem Sohn einen unangenehmen Auftritt bereitet und ihm gesagt , wenn er den Hauser zu sich nehmen wolle , möge er nur dessen Unterhalt aus Gemeindekosten bestreiten , sie gebe keinen Groschen dafür her . Aber Herr von Tucher war ein Pflichtmensch . Er fand , daß es seine Pflicht sei , Caspar aufzunehmen . Da er in ihm schon einen halb Verlorenen sah , stellte er sich vor , daß er damit einen unglücklich Irrenden wieder auf die gebahnten Wege des Lebens führen könne . Der gute Caspar ermangelt vielleicht nur einer männlichkräftigen Hand , sagte er sich ; die Faseleien von Übernatur und Ausnahmswesen , das beständige Bestarrt- und Bewundertwerden , alles das war ihm verderblich ; Einfachheit , Ordnung , überlegte Strenge , kurz , die Prinzipien einer gesunden Zucht werden ihm heilsam sein . Probieren wirs ! Herr von Tucher hatte sich also hier eine Aufgabe gestellt , und das war das wichtigste . Er erklärte : »