Frau Rehorst begann Einhart zu quälen und nicht loszulassen . Er überraschte sich selber viele Male am Abend , wie seine Augen ganz in der schlanken , still und bestimmt belebenden Rätselgestalt dieser Herrin ruhten und suchten . Er hatte auch Herrn Rehorst gesehen . Herr Rehorst war fast so scheu , wie er . Ein kleiner Mann mit einfacher Rede . Ein ganz schlichter Mensch , der in die Räume voll Bilder , Duft , Statuen , Mädchen- und Künstlerköpfen , in den Rausch und Zusammenklang der Künste schüchtern eintrat und sich zurückhaltend bewegte . Von ihm hörte er keinen Grundton ausgehen . » Dieser Herr wird draußen in seinen lärmenden Werken unter seinen tausend Arbeitsmännern ein sicherer Brot- und Ordnunggeber sein , und hier weiß er nichts zu tun , als sich nicht zu fühlen , « so dachte es Einhart . Aber wie ein starker , voller Akkord klang ihm allmählig durch alles durch diese seltsame , melancholisch bleiche , dunkle , hoheitsvolle Frau , die in dem Durchfluten und Durchbluten der Räume und der Menschen mit Zutraulichkeit zueinander den Sinn und Atem zu geben schien , also daß es Einhart fast jetzt mit Zwange dünkte , als wenn heimlich nur von ihr das Leben , Lachen , Bewegen und Umwirbeln , aber auch ein geheimes Wehen von Nichtigem und von Trauer und vom Verhall und Verfall und Nichtsein der Dinge in aller Augenglanz ausginge . Einhart war jetzt angefüllt mit fast schmerzhafter Gier , nur Frau Rehorst zuzusehen und zuzuhorchen , ganz nur von ferne , und ohne daß es jemand bemerken konnte , weil er jedem Zuspruch immer mit kindlichem Lächeln begegnete . Wie Einhart auf dem Heimwege mit Grottfuß ging , und der immer nur in die Sterne schwärmte nach Margit , weil er auch genug Bowle hinuntergegossen , redete Einhart dunkles Gerede von Schicksalsfrauen , die ein Leben geben und Lebensfäden in Paradiese spinnen , und die auch Lebensfäden abschneiden . 7 Der Wind blies eine Husche Schnee eiskalt zum Fenster herein , als Einhart in sein Atelier trat , wo hinter einem Wandschirm sein Bett stand . Die Aufwärterin hatte es aus Vergeßlichkeit offen gelassen . Obwohl Einhart es im Unwillen zuwarf und die Gardinenlumpen noch zu Seiten einklemmte , war die Luft nicht zu atmen , und der Dampf ging aus seinem Munde wie den Stieren des Jason der Feueratem . Einhart war in einer ihm fremden Erregung . Der ganze Abend bei Rehorsts ging ihm im Blute um . Die Lieder , die er gehört , kamen in Fetzen wieder und leierten sich ab . Er ertappte sich immer auf einer Melodie , die er sich dann erinnerte , ewig im Geiste gesummt zu haben . Und fortwährend sah er Gesichter huschen . Wen nicht alles ? Er hatte sich eine Zigarette angebrannt und das kleine Kerzenflämmchen flackerte im einsamen Dunkelraume und beleuchtete schemenhaft einige Lackflaschen und die Dachsparren und den Fensterschlitz . Einhart hatte sich in Hut und Mantel , wie er war , in einen Stuhl geworfen und sann dem Abend bei Rehorsts nach , indessen in neckischen Prozessionen bald das , bald jenes , bunt oder wie aussetzende Weisen , deren Takt allein übrig bleibt , in ihm hineilten . Es war ein Spiel der inneren Traumgeberden , müde und übermäßig erregt , wie ihn die guten Speisen und der feine Wein , und zum Schluß viele Tassen des in kleinen Schalen präsentierten Kaffees zurückgelassen . Einhart war bleich im Gesicht , und die Augen lagen glänzend und groß und wie geisterhaft erfüllt in den mageren , fast geschwundenen Zügen . Die Kälte des Dachraumes war so arg , daß die Balken knackten und Einharts Sinnen ein paarmal zerrissen . Aber Einhart konnte nicht von der Stelle . Er mochte keine Hand rühren . Er war wie gelähmt . Das war ganz Einhart . Er trug seine ganze Seele und sein lächerliches Sein und Wesen jetzt wie auf einer heimlichen Tafel vor sich hin . Da kamen Einhart Selle und Grottfuß gerade ins Haus . » Diese beiden komischen Knaben , « dachte Einhart und sah sie eben im Hausflur bei Rehorsts vom Diener bedient . Und er hörte gar nicht auf zu knicksen , dieser ergebene Herr Einhart , der sogar vor einem Diener fortwährend seinen Hut bis auf die Erde riß ... wie ein Hampelmann . Wie ein Narrenspiel taumelte und hüpfte er vor sich selber . Er lachte in sich so heftig , bis fast zum Weinen , und konnte sich gar nicht zur Ruhe bringen . Er hätte am liebsten vor Unbehagen plötzlich um sich geschlagen . Da besann er sich , weil eine unerhörte Stille im Raume herrschte , und seine Gedanken bekamen eine andere Richtung . Eine heiße Welle ging in ihm vom Herzen aus . Sein Gesicht begann zu glühen . Er saß mit geschlossenen Augen jetzt . Er hatte die ganze Welt um sich vergessen , obwohl er wach war , und neue Erinnerungen in seinem Kopfe ihr Wesen trieben . Das , was ihn jetzt anwandelte , gewann für ihn selbst keine Klarheit . Es war eine hohe Dame zu ihm getreten . Er mußte ewig hinlauschen . Der Mund dieser Dame war feinbogig mit einem kleinen Spitzchen , und die Oberlippe war wie ein Flaum . Dieser Mund däuchte ihm zart , wie ein Blatt . Auf diesen Mund mußte er fortwährend hinstarren . Es gingen Worte und ging sanftes Zutrauen aus diesem Munde . Aber es kamen gar keine Töne . Er hungerte fast . Es quälte ihn . Der ganze , schöne , volle Kopf schwamm allein wie in einer fernen Welt . Der Kopf sah traurig aus . Er hatte etwas Erhabenes . Dunkle Scheitel umhingen ihn . Dunkle Agraffen lagen auf den Scheiteln . Es hingen Perlen über den Agraffen und blitzende Tropfen . Und auch die Augen schienen Tränen zu weinen , die blinkten . Ganze Kettchen Tränen oder Perlen hingen irgendwo . Der Kopf war ihm , wie das Gesicht auf dem Schweißtüchlein der heiligen Veronika . Die Augen sahen ihn mit einer Frage an . Wie ein Dolchstoß ein Strahl daraus . Und Einharts Seele lag offen wie in Blut und Flammen . Er empfand ein seltsames Gefühl , als wenn seine Pulse jagten und jagten . Der Kopf im Raume ragte immer kleiner und immer ferner . Wie eine ferne , süße Weise schien er hinzuschweben . Wie eine nie erhörte Sehnsucht schien er zu rufen . Und Einharts Herz lag wie ein Blutschwall , den er empfand , als wäre er von einem Dolche getroffen , und das Leben ginge aus . Einhart fühlte jetzt deutlicher , daß das Herz ihm in sinnloser Unruhe pochte bis in Hals und Hirn . Aber er konnte sich gar nicht ermannen . Es geriet immer sinnloser . Die Traumgrimassen spielten toller und toller . Wie im Jagen kamen ganze Reihen Männer und Weiber . Grottfuß im Frack und mit dem Zylinder im Nacken im Ringelreigen mit Margit . Die Schöße flogen . Die Hände verschlangen sich . Alle nickten und warfen die Beine wie eine Bachantenschar , Frau Rehorst umrasend , die wie ratlos in der Mitte stand : in langen , fließenden Gewändern priesterlich opfernd . Und Flammen schlugen empor und schlugen empor , immer höher und immer rasender umtollt . Meister Teodor lachte und schrie in die Welt mit großem , offenen Munde . Und Meister Soukoup schrie in die Welt . Die Münder waren Höhlen geworden . Die Flammen erfüllten alles . Die Menschen waren in Rauch und Flammen . In der Ferne schwand , wie eine Seele hinter Flammen und lohenden Bränden , die weiße , stille Priesterin und lächelte zu Einhart und lächelte und regte die sanfte Hand mit zärtlicher Geberde . Und ging dann hin in Rauch und Nebel , sausend , stumm - leise - schwebend - einzig-fern - ahnend - wie Flammen singen - schmerzlich - zerwehend die Jagd und den Wirbel , der gegenstandslos wurde . Daß nur eine quälende , nagende Empfindung wie ein brennender Durst Einhart endlich aus seinen Träumen auftrieb . Er nahm die Lippen zusammen . Er nahm die Mantelfalten zusammen . Er öffnete endlich die Augen . Er sah , daß der Morgen zum Fenster hereinschien , blaudunkel und kalt . Daß der Himmel sich gelichtet . Da besann er sich , trank Wasser aus dem Waschkrug , der halbvoll am Boden stand und suchte nach Holzspänen , um Feuer im Eisenofen anzuzünden . Dann brannte es und krachte es bald . Die Nacht war mit ihrem sinnlosen Gespensterreigen im Nüchternen ertrunken . Einhart ging ohne sich zu besinnen an seine Arbeit . 8 Einhart hatte sich tagelang eingeschlossen und allen Versuchen , an seiner Tür zu rütteln und Einlaß zu gewinnen , hatte er ein unaufweckbares Schweigen entgegengesetzt , daß es ihm gelungen war , leidenschaftlich in die Arbeit zu versinken . Auch Grottfuß hatte vor Einharts Tür gestanden . Aber gerade Grottfuß wäre er am wenigsten geneigt gewesen , Einlaß zu gewähren . Auch wenn er mit Margit gekommen . Einhart hatte sich hinter seiner Tür nicht geregt . Er hatte nicht daran gedacht , zu öffnen . Grottfuß hatte schließlich mit ein paar sinnlos derben Schlägen an die Täfelung der Tür geschlagen und war mit Flüchen die Treppe hinuntergegangen , im Zorn die Beine nicht hebend und recht achtlos hinabpolternd . Einhart stand und malte . Er hatte die Tafeln zur heiligen Geschichte einfach an dem Morgen nach der Gesellschaft bei Rehorsts beiseite geschoben . Ihn beherrschten jetzt andere Dinge . Der Abend hatte ihn in einer unbestimmten Aufregung zurückgelassen . Die Aufregung war noch nach Tagen nicht gewichen . Er hatte gleich am Morgen Skizzen zu einem großen Bilde zu machen versucht . Wie in allem bei Einhart , lief Traum und Wirklichkeit zusammen im Werke . Und seltsam auch , daß sich die Träume , die sich in langen Verwebungen immer um irgendein Frauenbild gesponnen gleich in der ersten Nacht , sich in den Nächten nach der Arbeit in allerlei sinnlosen Varianten wiederholten . Es war Einhart klar geworden , daß es immer Frau Rehorst war . Etwas wie die freie , schwermütige , edle Hüterin im Reigen stand überall auch in seinen Skizzen auf . Wachen und Traum ging durchaus ineinander . In Einhart waren auch allerlei Gefühle wie Peinigungen aufgewacht . Das war , weil er nie im Leben bisher in solche festliche Schönheit eingetreten , wie sie ihn bei Rehorsts umgeben . Auch nie unter eine solche Fülle eigentümlicher Unterschiede und Gegensätze der Menschen . Er mußte aus der widerstreitenden , chaotischen Menge , die man eine Gesellschaft hieß , den Faden finden , um endlich wieder zu sich zu kommen . So malte er . Und er hatte nach seinen Skizzen eine große Tafel gleich begonnen . Es wäre ihm einfach wie der Tod seiner Ideen erschienen , wenn jetzt ein profanes Auge Aufklärung über das verlangt , was auf seine Leinwand kam . Der Gedanke , daß er auch nur einem dieser Köpfe sollte ein Etikette ankleben , war ihm wie ein Schmerz . Aber seltsamer noch , wie Einhart beim Malen erst sozusagen hinter das Leben kam , was sich dort im reichen Hause und unter all den gleichgültigen oder jungheiteren Menschen abgespielt . Da begriff er immer neu , daß man über das Leben viel träumen müsse , um es ganz zu umfassen und aufzusaugen . Da ging es wie eine Ahnung in ihm , daß Träume oft das Licht der Tiefe sind , das sich sanft scheinend über Dinge und Taten breitet , wie Deutungen , wenn die Anspannungen und Vergewaltigungen der Notdurft und der Oberfläche schweigen , die wie ein irrer Wind nur zu leicht die Leuchte wahrer Erkennung verlöschen . Da kamen auf die Tafel nun aller Augen mit einem Sonderglanze aus dieser Erkennung . Jedem Kopfe wußte er seine Laune und heimliche Leidenschaft einzuhauchen , die ihn in dieser buntbeflitterten Festmenge gebunden hielt . Auf jeder Lippe schwebte wie ein Lässiges oder Verächtliches oder ein Neidwort oder ein Wort der Sehnsucht . Auf jeder Gebärde lag eine Müdigkeit oder ein Sichhinwegheben . Oder man erkannte auch unter den Jungen , wie sie einander heimlich mit ihren Armen suchten , als wenn sie sich entgegenwüchsen in jugendlichen Begehrungen . Und manche auch , die zuhörten , ohne daß das Fest ihre Seele erhellte , nur dabei wie von der Straße geladen , Leute , die kein festlich Gewand der Seele kannten . Und solche , die Feste nicht begreifen , als nur von ferne , wie einen schönen Vorklang , der einmal ein wahres Fest einleiten könnte . Weshalb sie jetzt den einsamen Klang nur voller erlauschen möchten mit ungläubigen Augen . Inmitten all dieser standen ihre Augen und stand ihre Sehnsucht und Trauer . Ihre Augen waren wie eine große , einzige Melodie über den durcheinanderirrenden Gestalten und Launen , die rings im Festkleide hinwallten . Diese einzige Melodie einte das ganze große Bild , das nun von Einharts Pinselstrichen aufwachte . Und aus der Menge dieser Gestalten und Launen blickte er selber , Einhart Selle , hin nach jener , die seine Tage und Nächte jetzt in eine heiße Kunstbegierde erweckte , daß er nicht Ruhe fand . Er hatte Tage gemalt und hatte weder recht gegessen , noch getrunken . Außer Kaffee , und was er an Resten noch in seinem Schube gefunden . Er sah bleich und von heiterer Hast verzehrt aus mitten in solcher Leidenschaft des Tuns und der gänzlichen Versunkenheit . Eines Tages wurden Tritte draußen auf der Treppe hörbar , die ihm unbekannt schienen . Was er sonst nie tat , daß er den Pinsel beiseite legte , und wie in einer unbestimmten Empfindung von Klarheit lauschend an die Tür trat , das tat er jetzt . Draußen stand jemand , der sich nicht bekannt hier zu fühlen schien . Die Bewegungen draußen schienen unentschlossen . Jemand las erst die Karten , die an einigen Türen der Bodenräume prangten , ehe er an Einharts Tür sich regte . Einhart erwachte gleich . Es kam ihm jetzt auch gleich so vor , als wenn er diese ganzen Tage nur darauf gewartet . Der wahnwitzigste Gedanke . Es kam ihm so vor , als wenn er überhaupt nur um dieses Besuches willen seine Bilder gemalt . Er lauschte . Er hörte jetzt bestimmt , daß Frauenkleider rauschten und an seiner Tür strichen . Er dachte auch gar nicht daran , irgendetwas von seinen Malereien und Skizzen beiseite zu bringen . Auch nicht daran , etwa ewig hinter der Tür zu stehen , zu schweigen und sich zu verleugnen . Eine wahre Freude , wie in einem Kinde , ging in Einhart . Es kam ihm plötzlich wie eine Erfüllung vor . Als wenn ihm irgendwo ein Weihnachtsglück angezündet . Die Augen Einharts hatten hinter der Tür schon sein zärtlichstes Lächeln . Weil er jetzt auch die Stimme noch hörte . » Also ! gut ! « sagte er vor sich hin , als er gar nicht Zeit ließ , um nur gleich weit aufzutun . So daß Frau Rehorst endlich vor ihm stand . Wer Einhart kannte , mußte wissen , daß er jetzt wie ein sanftes Kind sein würde . Er nahm Frau Rehorst richtig an der Hand und führte sie in seinen Arbeitsraum . Frau Rehorst sagte nicht viel mehr , als einen Gruß mit Lächeln und mit hastigem Atem noch , weil Einhart hoch wohnte . Sie sah wie eine große Dame aus . Das Gesicht hatte dieselbe welke Trauer , die unter dem Lächeln sehr lieblich dünkte . Der große Hut war ähnlich denen , wie er sie von den Schwestern daheim noch im Sinne hatte . Aber er machte sich jetzt gar nicht lustig . » Ich habe hier einmal ein Gruppenbild versucht , « sagte er hastig . » Oh ja , « sagte Frau Rehorst und ließ sich auf den einzigen Stuhl nieder , der im ärmlichen Raume stand . » Es ist eine Tollheit , die mir durch den Sinn fuhr . Sonst malte ich immer nur jetzt aus der heiligen Geschichte . Aber mich dünkt aus dem Füllhorn der Zeit - - - « sagte er etwas gedunsen . Frau Rehorst sah alles sehr genau . » Ich wollte Sie einmal wieder sehen , und sehen , wie es in Ihrem Herzen aussieht , « sagte Frau Rehorst , mit den Augen auf dem Bilde . Aber sie war dann doch ein wenig still . Daß beide lange auf die Tafel sahen . Frau Rehorst trug einen grauen , vollen Pelz in schlanker Façon . Sie saß auf dem Stuhle in der Mitte des Ateliers , dem großen Bilde gegenüber . Sie hatte ihren Hut abgelegt und saß mit den vollen Scheiteln und dem sanften , langen Oval ihrer bleichen Züge . Ihre Augen schwammen . Einhart geriet derart ins Bodenlose , als er sie im Spiegel angesehen , daß er fast nicht fühlte , wie Minuten hinrasten . Auch Frau Rehorst war in einer seltsamen Dämmerempfindung . » Sie müssen nicht denken , daß ich erschrecke , « sagte sie nur . Sie war durch den Anblick nicht ruhiger geworden . Sie erkannte sich sehr genau und sah in dem Bilde eine ganz eigentümliche Erklärung , wie aus einem tieferen Leben genommen . Und eine rechte Verklärung . Einhart versuchte einiges dazu zu sagen . Alles geriet nur wenig . Aber Frau Rehorst begann sich aufzurichten , warf ihre Stummheit ab , sah Einhart lange bestimmt und freundlich an und sagte : » Es ist zu viel Hoheit drin . In mir sieht ein wenig anders aus , was Ihnen so scheinen mag , « sagte sie . » Es kommt mir so vor , als wenn Sie mir vielerlei Dinge zu sagen hätten . Vielerlei Dinge aus meiner Welt und aus Ihrer . « » Dünkt es Sie so ? « sagte Einhart beglückt lächelnd . » Ja , nämlich lachen Sie nur nicht ! Aber alle Dinge sind so stumm , und nur ein Deuter kann sie zum Reden zwingen , « sagte Frau Rehorst , in den Anblick des Bildes neu versunken . » Dann kann es manchmal eine wundervolle Melodie sein , das Leben , « sagte Einhart , indes er Frau Rehorst verstohlen von der Seite ansah . » Und es gibt Menschen , die brauchen nur da zu sein , da sieht man mit ihren Augen und hört mit ihren Ohren , « sagte Frau Rehorst und sah Einhart mit ein wenig Schwermut an , vollendete nicht und sah auf die Skizzen , die Einhart aus Ecken und Winkeln nun vor sie trug , und dann und wann immer wieder auf das große Bild zurück . So waren sie lange stumm , Zeichnungen und Entwürfe betrachtend , dann und wann einmal mit dem Finger hinweisend und dazu lächelnd , oder , wie es Frau Rehorst tat , ein flüchtiges Urteilswort hinmurmelnd . » Seit Sie bei uns waren , « sagte sie endlich . Aber sie vollendete wieder nicht . Sie lachte Einhart jetzt nur freundlich an . Danach nahm sie ihren Hut , den sie sich sorgfältig vor dem Spiegel auf ihr volles Scheitelhaar steckte , und sagte dabei in ganz anderem Tone : » Ja , ja ! darüber können wir dann reden , wenn wir einmal vertrauter geworden sind und uns die Worte , die ein jeder redet , noch deutlicher und persönlicher auf uns selber hinweisen . Einstweilen genügt , daß Sie es wissen . « » Was wissen ? « fragte Einhart , » meine verehrte Frau Rehorst ? « Einhart war fast wie eingeschüchtert vor ihr . » Nun nichts , als daß ich Sie oft bei uns erwarte . « Einhart machte ein glückliches Gesicht . » Kommen Sie in der Dämmerung , wenn Sie nicht malen können . Kommen Sie , wenn es Ihnen paßt , Herr Selle ! « - - - » Herr Einhart Selle ! « - - - » Herr Einhart Selle « sagte sie noch einmal vor sich hin , als wenn sie den Namen schmecken wollte . » Ich habe eben erst Ihren Vornamen gelesen . Also muß ich ihn mir zweimal sagen , « redete sie launig . » Was für eine sehr , sehr feine Anschauung , und ist doch gar nicht unrichtig gesehen . Also aus unsrer Gesellschaft brachten Sie das mit heim ? « sagte sie noch einmal sinnend auf das Bild gewandt . » Und hatten also eine Erinnerung . Wie schön mir das däucht ! « sagte sie hastig . » Also Sie kommen , Herr Einhart Selle ! nicht ? « Einhart war ganz müde plötzlich , wie sie draußen seine Hand genommen in ihre weiche , weiße Hand , die noch ohne Handschuh war , und er dann diese zarte Hand heiß in der seinen gefühlt und sie geküßt hatte , was er noch nie im Leben getan . 9 Frau Rehorst lebte ein Leben voll Entsagung . Das kam , weil sie eine Jugend voller Träume in großem Reichtum genossen , und nun die Dinge um und um , über die sie Macht hatte , sich nicht tiefer enthüllen wollten , als bis zu ihren herkömmlichen Zwecken . Und dann kam es daher , daß sie jung war , und daß ihre Kinder , insonderheit Margit , sie vor sich selber alt machten , weil sie mit völlig eigenen Begehrungen herangewachsen waren , und das Gefühl ihrer Mütterlichkeit immer mehr zu Würde und Bürde erhoben . Aber noch mehr : Frau Rehorst hatte lange im Leben nur so hingelebt , Erfüllungen hingenommen , und Preise des Lebens genossen , und nirgends war doch bisher ein Sieg und ein Erringen aus der Fülle und Tiefe gewesen , nirgend auch aus der eigenen Seele die Feuerflut der wahren Beglückung hervorgebrochen . Nirgend . Denn weder als Jungkind , noch wie sie ihres Mannes Geliebte gewesen , hatten sich die Wunder des Lebens ihrem Auge aufgetan . Liebe war ein Rätsel geblieben . Die Kinder , die diesem Rätsel entreiften , sah sie mit der pflegenden Sucht der fast leidenden Mutter zu Menschen werden oder in Margit schon geworden , die von der Mutter Lebensträumen gar nichts wußten . Alles umgab sie , daß ihr Fuß sich nie an einen Stein stoße . Herr Rehorst war Güte und Rücksicht und liebte die rastlosen Taten ihrer Fürsorge . Er empfand , als wenn sein Reichtum erst in ihr einen Sinn gewonnen . Als wenn die großen Werke seiner Unternehmungen erst gewissermaßen unter ihren Händen die einzige , wahre Blüte trieben , jene große , menschliche Wohltätigkeit , die die Unzahl Menschenseelen liebend und pflegend einte , deren Leiber man in dem rastlosen Tun der Maschinen nicht ruhen ließ . Herr Rehorst konnte nicht die schlanke Erscheinung Frau Rehorsts und ihre sanfte , schwermutsvolle Stimme oder ihren versunkenen Trauerblick bemerken , ohne nicht heimlich wie eine Weihe zu fühlen über sein Tun . Und er ging durch seine Arbeiterhäuser und die Badeanstalten und Unterhaltungs- und Leseräume nicht anders , als daß er den Genius der Liebe pries , der hier zu inniger Menschlichkeit zusammenband , was die Industrie ohne Acht auf das hohe Gesetz des persönlichen Lebens in tausend kleinliche Erniedrigungen zerriß . Herr Rehorst war in dem Sinne geradezu ein Schüler dieser Frau . Er sagte viele Male , daß , wenn die Industrie auch unsäglich unbarmherzig vorwärts ginge , sie eben nur mit solcher Grausamkeit ihr Werk erzwänge , daß in den Wohlfahrtseinrichtungen die ersten Knospenkeime sozialer Menschlichkeit aufblühten . Diese Einrichtungen für den Menschen im Arbeiter wären der ganze Sinn . Frau Rehorst hatte das gleich gesagt , wie sie in die Ehe getreten . Und hatte Mittel genug gefunden , darnach zu tun . Mitleiden und Güte kann auch die Trauer ausströmen . Frau Rehorst hatte sie ausgeströmt nach allen Seiten . In den Fabrikhöfen sah man in ihr eine Trösterin des Leidens . Sie kam , wo auf der ärmlichen Schwelle nur noch Engel helfen konnten . Aber die sanfte Anbetung und der Kuß auf den Saum ihres Kleides machte sie für sich manchmal nach den heimlichen Geschenken des eigenen Lebens weinen . In den langen Jahren rastlosen Tuns war das nicht seltener geworden . Und Herr Rehorst hatte nicht trösten können , als nur mit mehr Darreichungen zu neuem Liebeswerk . Und die Kinder lebten und lachten , und wußten nicht groß , warum in Mutters Gesicht sich ein stiller , hoheitsvoller Gram zeichnete . Im Grunde war jetzt Frau Rehorst völlig ruhelos . Auch die Künste hatte sie immer gesucht . Aber recht eigentlich können auch Künste nur der Seele eine wahre Lebensflamme sein , deren eigene , heiße Flamme sie lodern machen . Die Künste sind auch nur ein Ding draußen , das seinen Zauber in der eigenen Tiefe erweisen muß . Und niemand hatte noch zu hoher , heller Flamme die Brände dieser einsamen , verschlossenen , tätigen Frau angeschlagen . Das war es auch , warum Frau Rehorst in ihren weiten , durchdufteten , der stummen Schönheit geweihten Räumen immer stand , wie eine , die es sehnsüchtig erlauschen möchte , die eigentliche Herrin der reichen , äußeren Dinge , die ihr dienten , und die sie nur achtlos wie tote Dinge empfand . Das war es , daß sie in dem Rehorstschen Hause über der heiteren Lust der Jungen wie eine stille Hoheit thronte ohne Absicht , wie ein Rätsel , wie eine ewige Erwartung , wie eine weite , grenzenlose Seele , in der alles gesellige , volle Treiben in eine heimliche Klage und einen wesenlosen Ruf verhallte . Aber auch die Seele , die krank an der Äußerlichkeit des Lebens , sich das Wesenhafte aller Dinge , auch des Dinges , das sie selber ist , erhören und erschauen will , hat eine heimliche Macht . Wer könnte das Mysterium begreifen , worum auch Einhart jetzt seine Träume gesponnen ? Frau Rehorst fand zum ersten Male in Einharts Augen und Bilde ein Lied ihrer Seele . Wer Frau Rehorst hätte sehen können , als sie aus Einharts Atelier und dann aus dem Hause auf die Straße trat , hätte am Gange und an der Haltung allein erkennen müssen , daß sie dieses Lied zum ersten Male im Ohre hatte . Sie summte eine glückliche Melodie auf ihren feinen Lippen . Ihre Augen unter schwermutsvollen , langen Lidern mit dem reichen Dunkelsaume lagen lachend , ohne daß sie es wußte . Sie hatte den Kutscher sofort angewiesen , heimzufahren , weil sie Lust hatte , allein in den Straßen zu wandern , und war dann auf Umwegen erst heimgelaufen . Und es war eine große Freude in Rehorsts Hause gewesen . Tage noch immer tat Frau Rehorst alle ihre Arbeiten und Verfügungen mit einer ihr fremden Heiterkeit , als wenn eine Last von ihr genommen . Sie ließ ihre Schneiderin kommen , und ordnete seltsame Jugendlichkeiten an ihren neuen Kostümen an . » Wir werden einen Fastnachtsball im Hause arrangieren , « sagte sie schon vor Weihnacht lachend zu Margit , die über Mutter wahrhaft ausgelassen war . » Nun , einer Braut zu Liebe muß ich wohl eine festliche Seele haben , « sagte Frau Rehorst . Herr Rehorst lachte immer , wenn Frau Rehorst es tun konnte . Wie er gleich ernst war , und heimlich die Kinder mahnte , wenn Mama in stillen Schmerzen saß . Jetzt kam er und preßte die Hand seines Weibes mit lachender Inbrunst . Eine volle Verwandlung war im Hause , ohne daß es jemand hätte sagen können , in welcher Region Leben da plötzlich ein neuer Quell ergraben . Und Grottfuß genoß es mit . Ihm lag Lebenslust . Den Harm spottete er schon früher weg . » Es lohnt sich nicht , « sagte er damals . Jetzt hatte er keinen Grund mehr dazu , weil es ihm nur zu wohl ging . Jetzt war er ein noch vornehmerer Herr geworden , und wußte alles im voraus , was sonst der Harm erhärmen will . Und Margit war in dem Alter der frischen Sinne und hatte die nüchternen Triebe des Vaters geerbt , jung und voll Anmut , wie sie war . Sie genoß jetzt das Glück der heimlichen , brünstigen Küsse , und däuchte sich ewig mit einem Blumenkranze geschmückt und als das Sonntagskind im Hause , das die reine Lust hereingetragen . Alles war in der Tat im schönen Marmorhause , das sonst unter Frau Rehorsts Wesen , wie eine Frühlingswiese unter einer Regenwolke stand , heller geworden . Und Frau Rehorst konnte manchmal jetzt in ihrem Wintergarten heimlich in einen Blumenkelch hineinstarren und glücklich lachen . 10 Einhart war unglaublich neugierig auf seine Zustände , auch wenn es Schmerzen waren , oder er sie sich nicht gleich zu deuten wußte . Und er ging allem , was ihn angriff , mit Leidenschaft nach . Zumal wenn , wie es oft war , seine Malweisen ihn ins Stocken brachten , weil er in gewissen Stadien zu experimentieren begann und dann seinen Wünschen von Duft und Vision nicht endgültig nahe kam . Einhart ging jetzt oft zu Frau Rehorst und war im Hause bald so vertraut , wie Grottfuß . Er mußte jedesmal lachen , wenn er die Diener nun schon mit ganzer Gleichgültigkeit grüßte , ein wenig von oben . Und wenn er Frau Rehorst die Hand küßte , genau wie ein Kavalier . Auch darüber , daß er jetzt in einem Gehrock ging , den er sich einfach aus Zwang hatte anschaffen müssen , weil Grottfuß ausdrücklich dazu ihm einiges Geld gegeben hatte . Auch hatte ihm Frau Rehorst eins seiner Bilder abgekauft . Und Einhart kam sich