gräbt die Kluft zwischen ihm und ihr tiefer , schürzt das Band mit jenem enger . Die Angewöhnung , das Verständnis , die gemeinschaftlichen Erinnerungen , die gegenseitigem Dankverpflichtungen , das nimmt ja doch nicht ab ; im Gegenteil , das mehrt sich , das häuft sich . Das Kind , das beide vereint , wird je länger , desto mehr ihre Sorge und Teilnahme beanspruchen , mithin die Eltern noch inniger befreunden ; es ist ja auch nicht gesagt , daß es das einzige bleibe , es kann möglicherweise ein Brüderchen oder ein Schwesterchen erhalten ; warum nicht ? wer wills ihnen wehren ? Ach , hatte er sie unterschätzt , die Macht der Ehe , als er sie für eine Art Statthalterei betrachtete , meinend , es ließe sich billig teilen : jenem , dem Statthalter , der Leib und ihm die Seele ! So scharf er auch sah , eines hatte er bei seiner Unerfahrenheit doch übersehen , die Hauptsache : das Mysterium des Fleisches , die tierische Gewalt des Naturtriebes , der die Mutter nötigt , Himmel und Erde um eine Kraftbrühe für ihr Kind herzugeben , der die Frau zwingt , das Herz dem Leibe nachzuwerfen , mit allen Fibern dem Manne angehörend , der sie körperlich geprägt , der sie aus der Jungfrau zur Frau und Mutter umgewandelt hat , verurteilt , diesen einen zu lieben , auch wenn sie ihn verachtete . Puppe , Bebé und Papa , diese drei Worte erschöpfen den Lebensinhalt des Weibes . O ihr Toren , die ihr euch darum kümmert , ob euch jene liebt , die ihr zur Frau begehrt ! Herzhaft ! lache ihres Abscheus , schleppe sie zum Altar ; denn die Ehe ist stärker als der Haß , dauerhafter als die Liebe . Eine Jungfrau wankt mit dem Verhaßten zur Kirche wie zum Schlachthof , leichenfahl , den Tod im Herzen , das einem andern gehört ; frag nach zwanzig Jahren nach : » Kinder , freut euch , der Papa kommt morgen heim . « » Wenn nur dem Papa kein Unglück zustößt ! « Der andere dagegen , der einst Heißgeliebte , wenn der stirbt , so erhält er bei der Todesnachricht ein kleines Wehmütchen , wenns hoch kommt ein mühsam erquetschtes Tränelein ; nachher heißt es wieder Papa . Das ist die Macht der Ehe . Nein , keine Hoffnung . Einen Naturtrieb bekämpfen ? Narrheit . Gegen die Weltgesetze streiten ? Wahnsinn . Die Wahrheit sprach zu ihm : » verdammt auf ewig « , und sein Gram gestand : » so ist es . « Da ward er inne , daß , wer einen Menschen zu seinem Gott macht , sich einen Fluch pflanzt . Sind sie zu beneiden , die einen überweltlichen Gott haben , einerlei , was für einen ; wäre er ein Zornbold wie Jehova , ein Ungeheuer wie Moloch ; denn kein Gott keiner Religion ist unerbittlich , keiner verstößt in die Hölle , wer ihm liebend naht , keiner spricht zum Verzweifelnden : » ich kenne dich nicht . « Und wäre selbst einer der Himmlischen fühllos wie Stein , eines ist er jedenfalls nicht : er ist nicht kleinlich . Man stößt auf keinen Direktor Wyß zwischen sich und ihm , man hängt nicht von der Gewogenheit eines Kurt ab , die Madonna der Christen gebärt kein Rudel von Buben , um deretwillen sie Himmel und Erde vergäße . Einen Menschen anbeten : nicht viel gescheiter als einen Wurm anbeten . Mit hellem Geiste sah er das ein ; allein Einsicht heilt keine Entzündung . Sieh ein , daß das Gift , das dein Blut zu Eiter zersetzt , nur ein verächtliches Körnlein Schmutz ist , der Brand frißt trotzdem weiter . Eben darum aber , weil seine Liebe Religion war , weil ihm in Theuda-Imagos symbolischem Antlitz alles Leben der Welt mitklang wie im Mutterangesicht die Heimat , verspürte er sein Leiden am schmerzlichsten in den edelsten Teilen der Seele . All die Andeutungen und Bedeutungen , all die Lichter , Gesichter und Gedichter , die da über die Brücke gewandelt kommen , welche die Wirklichkeit mit der Geisteswelt verbindet , langten wund an , mit einem blutigen Stich ; sein gesamtes Lebensgefühl erkrankte zu einem sehnsüchtigen Heimweh ; Heimweh nach ihr , Heimweh nach der gemeinsamen Heimat aller Geschöpfe , Heimweh nach sich selber . Denn er war ja sie ; aber - o Höllenwunder der Unmöglichkeit ! - sie war nicht er . Und da er ein Mensch von Geist war , gezwungen , wenn er gebissen wurde , wissen zu wollen , was für eine Schlange ihn biß , mochte er sich mit seiner Vernunft über das Wunder der Lieblosigkeit unterhalten ; zwecklos , wohl wissend , daß ihm die Erkenntnis nichts nützen würde , nur weil er als Denker nicht anders konnte als denken . Herzeleid aber stellt nicht das Denken still , im Gegenteil , es nötigt die Gedanken zu nagen . » Bist du wach ? hast du Zeit ? kannst du mir das Rätsel lösen , wie es seelenmöglich ist , daß ein Mensch , dem man das höchste Gut , den einzigen Trost auf Erden , also die Liebe schenkt , einem nicht mit Gegenliebe vergilt ? « Die Vernunft antwortete : » Sammle und vergleiche : Wenn du den lieben Gott liebst , liebt er dich wieder ? « » Ohne Zweifel . « » Wenn du den Papst liebst , liebt er dich wieder ? « » Mäßig . « » Wenn du die Herzogin von Aragonien und Kastilien liebst , liebt sie dich wieder ? « » Wird ihr schwerlich einfallen . « » Wenn du eine Schnecke liebst , liebt sie dich wieder ? « » Könnte sie schon gar nicht . « » Nun also , da hast dus . Je tiefer hinunter mit der Seele , desto weniger Liebe . Liebe bedingt Seelenfülle , Lieblosigkeit verrät Stumpfheit . Punktum . « » Und das alles klar zu wissen , haarscharf einzusehen , es ist nur dein eigenes Phantasie-Ei , das dir aus dem Gläslein dieses kleinen Weibleins entgegenguckt , und trotzdem verdammt zu sein , dieses kleine Weiblein , das du weit überschaust , überfühlst und überdenkst , wie den Heiligen Gral zu begehren , nach ihr zu lechzen wie ein Verdurstender nach dem rettenden Quell ! Wie erklärst du das ? « » Torheit , Torheit , mein Lieber ! « lachte die Vernunft . » Doch üb du nur ruhig deine Torheiten weiter ; das verspricht mir , daß dereinst noch etwas Vernünftiges aus dir wird . « So unterhielt er sich mit der Vernunft über seinen Fall . Deswegen wurde ihm nicht um den geringsten Grad besser ; im Gegenteil . Es ging ihm wie mit den Zahnschmerzen : je mehr man daran denkt , desto ärger wird es ; und wenn man versucht , nicht daran zu denken , so zwingt einen der Schmerz , an den Schmerz zu denken . Wohin sollte er aber auch seine Gedanken retten , daß sie nicht den Schmerz vorfänden ? Ob er jenseits des gestirnten Himmels in die Religion , ob er in den strahlenden Schöpfungsäther der Poesie flüchtete , immer stieß er auf seine Verdammnis , immer begegnete er diesem einen unseligen lieben Menschengesicht , das ihn überall hin verfolgte , um ihn von überall her mit seinem schönen kalten Blick zu vernichten . O ihr Gedankenlosen , die ihr über das Leid unerwiderter Liebe lächelt ! Nehmt , eine Mutter sähe ihr verstorbenes Kind , ihr einziges , aus dem Grabe steigen , lieblich und schön , von Himmelsglanz verklärt ; sehnsuchtschreiend stürzte sie ihm entgegen ; das Kind jedoch kehrte sich von ihr ab , fremden Blickes , mit verächtlichem Lippenrümpfen : Was will mir die dort ? Würdet ihr da lächeln ? Genau so war ihm zumute ; das teuerste Stück seiner selbst aus ihm herausgerissen , gesondert umherwandelnd und ihn verleugnend . Und das tat so grausam , so unleidlich weh , daß er manchmal meinte , es dürfe einfach nicht sein , weil er es nicht ertragen könne . Allein er war kein Schwächling , vielmehr standhaft und zäh . Darum rief er seinen Verstand zu Hilfe . » Da ! so stehts . Leben muß ich ; ertragen kann ichs nicht . Also was ? « Ihm antwortete der Verstand : » Komm , ich will dir etwas zeigen . « Und führte ihn vors Schlachthaus . » So , jetzt , denk ich , kannst dus ertragen . « Hierauf , nachdem sie wieder zu Hause angelangt waren , fuhr er fort : » Siehst du , die ganze Kunst besteht darin , nichts Unheilvolles zu tun ; tu lieber gar nichts . Beiß die Zähne zusammen , oder schrei meinetwegen , wenns nicht anders geht ; nur schrei nicht mit den Händen . Die Stunde besiegen ist alles ; wer die Stunde besiegt , besiegt den Tag ; wer den Tag besiegt , besiegt das Jahr ; nur immer gerade jetzt nichts Verderbliches begehen . Die Stunde aber besiegt ein Mann - und du bist ja ein Mann - vorausgesetzt , daß er gesund ist - und du bist ja gesund - mit Arbeit . Darum laß die Schmerzen machen , das ist ihre Sache , sie könnens allein ; du arbeite ; du weißt , was . « Er wußte , was . Und da die Arbeit im Dienste seiner Strengen Herrin geschah , die da eine mächtige Göttin ist , flohen vor ihrem Odem die Quälgeister hinter den Vorhang , von wo sie allerdings dann und wann heimtückisch hervorschossen , um ihm einen raschen Stich zu versetzen , doch sich ebenso schnell wieder versteckten . Freilich , selbst die schärfste Arbeit bringt Pausen ; oder sie hört auch einfach auf , abends in müdem Zustande . In solchen Stunden kamen die Überfälle zahlreicher und gefährlicher . Auf der Bibliothek standen , ordentlich gereiht , sämtliche Jahrgänge einer Monatsschrift ; während er sorglos darin blätterte , schreckte er plötzlich zurück , wie von einer Schlange gebissen : einer der Bände trug nämlich die Jahreszahl der Parusie ; so daß er künftig jeder Zeitschriftensammlung in weitem Bogen auswich . Er kam an einer Frauenkleiderhandlung vorüber . Im Schaufenster prangte ein weißer Rock mit grünen Knöpfen . O sengender Sonnenstich der Erinnerung ! Sie hatte in der Parusie einen weißen Rock und einen weißen Gürtel , mit grünen und goldenen Fäden gewirkt . Und ähnliches . Unter den scheinbar harmlosesten Gegenständen lauerten Skorpione . Dieser Kamm scheint doch unschuldig , nicht wahr ? und dieses Papiermesser auch ? Eitel Tücke und Gleisnerei ! denn diesen Kamm hatte er sich zwei Wochen vor der Parusie gekauft ! das Papiermesser das Jahr darauf während der fliegenden Hochzeit . Und jedesmal schrie das getroffene Herz auf : » Es kann , es darf ja nicht sein ; es ist ja ganz und gar unmöglich . « » Tatata ! « mahnte der Verstand , » keine Gaukeleien ! Es ist ; folglich wird es wohl möglich sein . « Und schleunig duckte er die winselnde Hoffnung . Immerhin , von Stunde zu Stunde tapfer kämpfend , kam er über die Tage leidlich hinweg ; meistens siegreich , zuweilen unentschieden , niemals geschlagen . Aber die Nächte ! Wo im Traum das tagsüber unterdrückte , doch keineswegs vernichtete Heimweh seiner Seele , nun nicht mehr von Arbeit , Wille und Verstand gebändigt , freiledig emporstieg , wie die Dampfsäule aus einem siedenden Kessel , nachdem der Deckel abgehoben worden ! Keine Nacht ohne Traum , und kein Traum ohne sie . Und unfehlbar vermählte ihn der Traum mit ihr , behauptend : » Ich bin die Wahrheit , das Gegenteil ist Trug und Täuschung . « Und nicht vereinzelt dichteten die Träume , jeder für sich ein besonderes Ganzes darstellend , heute dieser Traum , morgen ein anderer ; nein , der Traum der jeweiligen Nacht bezog sich rückwärts auf die Träume der vorangegangenen Nächte wie eine Romanerzählung auf die früheren Kapitel ; seine Träume bildeten Kette . So daß er ein förmliches Doppelleben führte : nachts , herzlich mit ihr vereint , von ihrem Lächeln beleuchtet , von ihrem Liebesblick besonnt , mit ihr plaudernd und kosend , ein Leben voll süßer , goldener Seligkeit ; tags ein hoffnungsloses Schmerzensdasein in der Trübsal uferloser Verdammnis . Oh , wozu erwachen ! Daß doch niemals die Enttäuschung einsetzte ! daß der wonnige Traumwahn auch den Tag tröstete ! » Wenns nur das ist « , meinte die Phantasie , » dem ist bald abgeholfen . « Und eins , zwei , ohne seine Einwilligung abzuwarten , hatte sie den Guckkasten aufgerichtet und die Vorstellung begonnen : Unmöglichkeiten , auf Lügenfüßen stehend , immerhin denkbare Unmöglichkeiten , wofern man von den Lügenfüßen absah . Eine demütige Greisin hielt auf seiner Schwelle ; dahin die Schönheit , zerstoben die Freunde und Anbeter , das erloschene Auge um ein Liebesalmosen bettelnd . » Auch du , natürlich « , klagte ihr Blick , » nun ich alt und häßlich bin , kennst mich nicht mehr . « Er aber rief . » Theuda , meine Braut , umsonst , daß du dich bemühst , die ewige Jugend deiner Schönheit unter der entliehenen Maske des Alters zu verhehlen ; denn sie verrät der Glanz der Parusie , der dich umstrahlt . Doch warum stehst du demütigen Blickes auf der Schwelle ? Sieh , ich beuge vor deiner Hoheit ehrfürchtig die Knie . « Ihm antwortete Theuda : » O Wunder der Gnade ! Heute , da ich alt und häßlich bin , wird mir aus einem einzigen Herzen der Liebe mehr , als mir von allen Menschen zusammen in meinem ganzen Leben geworden . « » Gelt ? « lachte die Phantasie , » das gefällt dir ? « Und fuhr fort zu spielen . Im Krankenbett sah er sie liegen , von Beulen entstellt , von den Nächsten verlassen , ein Ekel den Menschen . Er aber nahte ihr andächtig wie einem Altar . » Das ist hingegen kein schönes Bild « , tadelte er die Phantasie . » Soll auch keines sein , denn das ist ja eben das Schöne daran , daß deine Liebe sogar den Ekel übermag . Doch wart , ich habe noch etwas . « Und fuhr fort zu spielen . Eine Lasterhafte schaute er , von der Welt verurteilt , verstoßen , verspien ; dem Trunk ergeben , im Rausch auf dem Boden sich wälzend . » Pfui ! « schalt Viktor entrüstet , » pack auf ! was für eine sträfliche , hirntolle Vorstellung ! Sie , die Züchtige , die Reine , die Hohe ! « » Aber wenn ? « zischelte die Phantasie , » wenn ? Sag ehrlich , was würdest du in diesem Falle tun ? Würdest du , würdest du sie mit dem Fuß fortstoßen ? würdest du das ? Du schweigst ? Schon gut , ich weiß jetzt genug . Übrigens hab ich auch allerlei in anderm Stil . Vielleicht ein durchsichtiges Kartenspiel gefällig ? Nicht ? Schade , da hast du unrecht , es sind wunderhübsche Sächelein darunter . Dann also vermutlich lieber etwas Ernstes ? Ja ? im Augenblick . « Und zeigte sie ihm als Witwe im Trauerkleide . Da warf er ihr in jähem Zorn den Guckkasten über den Kopf Mußte er sie indessen wahnwitzig lieben , daß seine Phantasie sich getraute , ihm solche Unbilder zu bieten ! Die Erinnerung , daß es einst seiner Willkür anheimgestellt gewesen , statt der gegenwärtigen Hölle den Himmel einzutauschen , daß sechs lange Monate das Glück geduldig vor seiner Tür auf- und abwandelte , seiner Erlaubnis gewärtig , die Erwägung , daß er nicht allein ihre huldreiche Gewogenheit , die ihm jetzt als der unerreichbare Gipfel der Gnade erschien , sondern in atemstickendem Reichtum ihre gesamte Person , Leib , Liebe und Leben mit einem einzigen Wort hätte erwerben können , prägte seine Qual mit tragischem Stempel . Hart an der Reue streifte die Erinnerung vorbei , berührte sie jedoch nicht , auch nicht einen Augenblick . Wohl ihm ! denn bereute er , so rettete ihn nichts vor Verzweiflung . Nein , er bereute nicht , ob ihm schon die Sehnsucht das Herz wie mit Zangen zerrte . Deshalb fühlte er sich auch beim kläglichsten Geschrei seines Herzens gar nicht einmal unglücklich . Es glänzte etwas wie Glorie um sein Weh ; ähnlich der Glorie des Märtyrers , dessen Mund zwar während der Folter jammert , dessen Glieder sich gegen den Henker sträuben , der aber selber zur nämlichen Zeit freudig seinen Gott bekennt . Darob erhöhte sich sein Gefühl zur Passion ; seine Seele schritt auf dem Kothurn , sein Geist wogte rhythmisch ; der Blick seines Auges , dem der tragische Schmerz jede Träne verweigerte , ward ekstatisch , in solchem Grade , daß eines Tages ein Augenarzt ihn auf offener Straße anhielt , mit dem Gesuch , die erstaunliche Merkwürdigkeit beglaubigen zu dürfen . Allein , wo Ekstase gedeiht , wächst auch die Anfechtung . Auch ihm widerfuhr sie , die Stunde der Anfechtung . Direktors feierten in diesen Tagen den Geburtstag ihres Bübleins , des kleinen Kurt ; und Viktor , ob er schon sonst zu keinem Menschen mehr zu bewegen war ( » ein komischer Mensch ! kaum , daß man gemeint hatte , es wäre alles gut , spielt er wieder den Einsiedler ! « ) , erachtete es für richtig , bei diesem Anlaß nicht zu fehlen ; aus Geschmacksgründen . Irgendein allegorisches Anspiel , vom andern Kurt , dem Ohm und Paten des Geburtstagkindes , ersonnen ( dieser geniale Mensch nämlich schüttelte nur so aus dem Ärmel , wozu andere Wochen und Monate brauchen ) , wurde aufgeführt , worin der Mutter , also der Frau Direktor , die Rolle einer Fee zukam , so daß sie ihre nichtsnutzigen Verslein im weißen Gewande sprach , mit zwei mächtigen Flügeln behaftet , die schwarzen Locken aufgelöst , auf dem Scheitel ein flittergoldnes Krönlein . Schon während der Aufführung , angesichts der hehren Erscheinung im Himmelsgewande , nahm sich sein Herz meuterische Bemerkungen heraus : » Da sieh , du Tropf , du Ehefeigling , was du verscherzt hast . « Wie dann nach Beendigung des Stückes Theuda im Feenkleide verbleiben mochte , also daß Göttin und Menschenweib , Rolle und Wirklichkeit , durcheinanderspielten und das Kind herumgereicht wurde und weihevoller Friede von der Stirn der beglückten Mutter leuchtete , Ort und Stunde und alle Anwesenheit mit Huld und Güte segnend , da begann sein Herz einen solchen unsinnigen , unbändigen Aufruhr wie nie zuvor in seinem ganzen Leben : » Und wenn alle Götter des Himmels und alle Religionen der Erde und sämtliche Pflichten , Erhabenheiten und Weisheiten vereint auf mich einschrien , ich behaupte ihnen ins Gesicht : es gibt im Weltall keinen Wert , der den Besitz der Geliebten aufwöge , und keinen Lohn im Himmel und auf Erden , der für den Verlust dieses Kleinods entschädigte . Wer diesen Preis hätte haben können und hat ihn verschmäht , und wäre es auf Geheiß des allmächtigen Gottes in Person , der ist kein Märtyrer , kein Held , sondern er ist einfach ein Narr . Recht und billig , daß dich der Fluch der Verdammnis zermalmt . « Da eilte er heim auf sein Zimmer und rief in seiner Not seine Strenge Frau an , nicht anders als wie der Gläubige seinen Gott . » Hilfe ! « stöhnte er , » ich vermags nicht mehr allein . Die Freundin , die du mir verlobtest , deine Tochter , die du mir vermähltest , mit feierlichem Spruch uns ewiglich verbindend , Imago , meine eheliche Braut und Gattin , sie kennt mich nicht , Imago sieht an mir vorbei . O mißverstehe nicht den Schrei meines gefolterten Herzens . Keine Reue befleckt den zuckenden Wunsch meiner blutenden Seele . Flösse die Zeit rückwärts , zum zweiten Mal mir die Entscheidung vor die Füße spielend , ich würde zum zweiten Male entsagen ; ja , das würde ich . Auch will ich ja gerne leiden und entbehren , wehmütig , doch gläubig und freudig . Aber warum denn so gräßlich , warum so unmenschlich ? Ist es denn ein so unerhörtes Verbrechen , groß zu sein , daß ich dafür über Menschenkraft bestraft werde ? Wenn es sein darf , so mildere den Spruch meiner Verdammnis . Öffne deiner Tochter Augen , daß sie mich nicht ganz und gar verleugne ; sprich ihr zu , daß sie mich ihren edlen Freund nenne , daß sie mir wenigstens einen Blick der Erinnerung , einen einzigen , gewähre . Leg ihr das ans Herz , befiehl ihr das . Darf es nicht sein , so leihe mir deinen Beistand , damit ich nicht unterliege . « Da war ihm , als schwebte der Schatten der Strengen Frau durch das Zimmer . Gestärkt stand er auf und litt , was zu leiden war . Konvulsionen und Illusionen Inzwischen waren die Winterfeiertage angekommen , Weihnacht mit ihrem schnellen Sprung , hernach der langsam daherkriechende Silvester . Selbstverständlich hielt er sich überall fern ; denn ohnehin kein Freund von Familienrührseligkeiten und Kalenderhumanitäten ( » muhen das ganze Jahr fühllos aneinander vorbei und bimmeln in der Neujahrsnacht Bruder Lieblich « ) , brauchte er gegenwärtig wahrlich keine Wachskerzen , um zu wissen , was Wehmut ist . Dagegen die üblichen Höflichkeitsbesuche am Neujahrsmorgen durfte er anständigerweise nicht unterlassen . So machte er denn geziemlich die Runde , wobei er die schwierigsten Gänge , den zu Frau Steinbach und den zu Direktors , ans Ende schob . Nicht wohl war ihm zumut , wie er in dem trauten Gartenhaus der Frau Steinbach die Treppe hinaufstieg . » Ohne Anzüglichkeiten « , mußte er sich sagen , » oder zum mindesten vorwurfsvolle Mienen werde ich schwerlich abkommen . « Allein nichts von alledem ; mit unbefangener Freundlichkeit , als wäre er gestern hier gewesen und nicht ein Vierteljahr weggeblieben , empfing sie ihn , höchstens etwas zurückhaltender als früher . » Ich habe in der Silvesternacht « , berichtete sie lächelnd , » Ihre Zukunft ausgekundschaftet ; Sie wissen , mit geschmolzenem Blei im Wasser . Aberglaube , zugegeben ; immerhin , wenn das Orakel günstig lautet , so mag man ihm gerne Glauben schenken . Und was das Orakel mir von Ihnen erzählt hat , das glaube ich wirklich . Nämlich Sie werden einmal eine liebe , treue Frau bekommen , anspruchslos und selbstlos , jung und anmutig , die Ihnen von ganzem Herzen zugetan ist und Ihnen das Leben zur Freude macht ; dazu ein paar liebe , gute , schnupperige , kußliche Kinder - kurz , Sie werden glücklich sein . « » Ich ? glücklich sein ? « wiederholte er , tieftraurig . » Ja , glücklich . Und zwar so glücklich , wie ein Mensch auf Erden nur sein kann , ob Sie es schon vielleicht in diesem Augenblick nicht glauben ; ich fühle es , ich weiß es , Sie werden glücklich sein , denn Sie haben das Talent zum Glück . Und wissen Sie , was ich tue ? Ich liebe Ihre künftige Frau schon jetzt , ohne sie zu kennen . Ob ichs erlebe , kann ich nicht wissen ; ich hoffe es , es wäre meine schönste Stunde . Sollte es nicht sein dürfen , so grüßen Sie mir Ihre liebe Braut herzlich von mir , und sagen Sie ihr , daß ich sie innig segne für alles Zarte und Gute , das sie Ihnen antun wird . « » Seine Frau , seine Braut « , was für Worte , was für Vorstellungen ! Und mit Traurigkeit getränkt , zog er verstört weiter , zu Direktors . Er traf sie im Empfangszimmer , das Kind auf dem Schoß , freudig erregt von Festtagen , Geschenken und Besuchern . Treuherzig , ein bißchen nachlässig , bot sie ihm die Hand mit dem üblichen Neujahrsgruß : » Ich wünsche Ihnen recht viel Glück und Gesundheit zum neuen Jahr und alles Gute . « Das sagte sie ! sie wünschte ihm Glück ! Von einem jähen Schwall von trostlosem Weh überwältigt , verließ er ohne Gegengruß noch Abschied das Zimmer ( » entschieden ein komischer Mensch , der Viktor « ) , stürzte durch die Seitengassen , hernach durch die Vorstadt - o die unendliche Stadt , die zahllosen Menschen , die neugierigen Blicke ! - dem rettenden Walde zu . Doch er gelangte nicht bis zum Walde ; denn kaum daß er von ferne den Saum der gastlichen Tannen gewahrte , riß es ihn zu Boden , mitten in den Schnee , eine Beute unsinniger Schluchzer . Da galt keine Überwindung , keine Scham ; so wie einer , der Arsenik im Leibe hat , im dichtesten Menschengewühl hinstürzt und sich in Krämpfen windet , ob er schon weiß , das schickt sich nicht , so mußte er die Schluchzer geschehen lassen . » Ich bin nämlich auch noch da « , erwiderte sein Körper . » Dem ist jemand gestorben « , hörte er eine vorübergehende Bauernfrau mitleidig sagen . Seit diesem Augenblick war es , als ob ein Strom einen Dammbruch entdeckt hätte und schösse fortan seine Wogen durch die Bresche . Sein ganzes Sehnsuchtweh flutete ihm nunmehr durch die Augen , er lebte nur noch in Tränen oder in Furcht vor den Tränen . Denn in jähen Anfällen übernahm ihn der Tränenkrampf , ohne jede Warnung ; und der mindeste Reiz genügte ihm : ein Glockenklang , ein Ton Musik , der Anblick eines Weges , den sie einmal geschritten , der Zug einer Wolke , welche von Kindheit und Heimat erzählte ; ähnlich wie das bloße Summen einer Fliege hinreicht , um den Starrkrampf des Tetanuskranken auszulösen . Oh , wo ist eine Stelle , dahin ein Mensch flüchtet , um unbeobachtet und ungetröstet zu weinen ? Warum umfriedigt der Staat nicht heilige Stätten für die Traurigen , unnahbar der Neugier ? Man besitzt so viele unnütze Rechte , warum nicht das Recht auf Tränen ? In den Pausen der Anfälle fühlte er sich weich gemütet wie ein Genesender ; nach guten Menschengesichtern verlangend , aber nach fremden , die ihm noch keinerlei Leid zugefügt ; dankbar für einen Gruß , für ein gleichgültiges Wort , dankbar schon dafür , daß jemand an ihm vorüberzog , ohne ihm wehe zu tun . Deshalb mied er seine Bekannten , suchte dagegen Versammlungen , also zum Beispiel Wirtshäuser auf , denn der Anblick volkstümlicher Bewegung , die seiner nicht achtete , das Geräusch menschlicher Reden , die ihm nicht galten , tat ihm wohl . Freilich verrechnete er sich dabei etwas , indem er dort , wo er Hinterdörfler suchte , auf einen Bekannten stieß . So tauchte einmal in der Bierhalle Dreher plötzlich der Statthalter vor ihm auf , nötigte ihn neben sich und stellte ihm einen fremden Herrn vor , » Doktor Eduard Weber , Ethiker « . Kaum hatte der Statthalter das Wort Ethiker ausgesprochen , so geschah dem Viktor eine neue Nervenüberraschung : ein Lachkrampf . So gewaltsam , so unwiderstehlich überfiel er ihn , daß er vor Lachen laut aufjauchzen mußte , mitten unter den vielen Leuten . Und statt sich zu beruhigen , kamen die Stöße immer heftiger . » Und Eduard heißt er auch noch . « » Und hast du das harmonische Weltbesänftigungsgesicht gesehen ? « Es blieb ihm nichts übrig , als lachschreiend auf die Straße zu fliehen , während auf seiner Spur alle Welt , vom Gelächter angesteckt , fröhliche Gesichter zog . » Der ist aber lustig . « Und als er am nächsten Tage sich reumütig aufmachte , um dem Herrn sein aufrichtiges Bedauern auszusprechen , und bereits die Klingel ziehen wollte , geschah ihm , nur weil ihm auf dem Namensschild wieder das unglückliche Wort Ethiker entgegenjauchzte , der Anfall von neuem . Dreimal flüchtete er , dreimal zwang er sich ernst und entschlossen zurück ; es half nichts , das fatale Zauberwort ließ ihn nicht über die Schwelle . Und einmal angefangen , ging es ihm mit den Lachkrämpfen wie mit den Tränenkrämpfen ; sie hatten den Weg gefunden , darum benutzten sie ihn . Und auch ihnen war der nichtsnutzigste Vorwand recht . Er sah ein Huhn Wasser trinken ; dabei schob dieses die untern Augenlider hinauf und warf den Kopf zurück ; Ergebnis : ein laut aufstöhnendes Gelächter . Er las in einem Buche , an einem Wirtstische wären drei Müller gewesen ; darüber jubelndes Lachschluchzen ; man denke doch : drei weiße Müller nebeneinander ! » Ach Konrad , wie springst du mit deinem Viktor um ! « » Ja , aber was hast du mir auch seit vier Monaten alles zugemutet ! « Eines Morgens , es war etwas vor elf Uhr , schoß ein leuchtender Gedanke vor seinen Augen auf , steil wie eine Rakete . » Da doch Güte deinem Herzen so wohl tut , warum begibst du dich nicht einfach zu ihr , dem Quell der Güte ? Der Arzt , der dir wehe getan hat , wird dich heilen . - Tu nicht so ungebärdig ! Was besorgst du ? wen fürchtest du ? Sie ? Von guten Menschen geschieht einem nichts Böses . Dich ? Ach Gott , du bist jetzt so gering , so anspruchslos geworden ! Versuchs ; es ist doch kein so gefährliches Wagnis , einer Dame , mit welcher man befreundet ist , einen Besuch abzustatten ; du bist ja schon oft dort gewesen , ohne daß sie dir den Kopf abgebissen hat . Und warum nicht ebensogut heute als morgen ?