auch vorhanden bin ! « Wer sich in dieser Weise mit einer so hohen Mauer umgibt , daß er sie selbst nicht übersteigen kann , der darf nicht erwarten , daß Andere sich die Mühe machen werden , über sie hinweg zu ihm zu kommen . Wer sich mit solcher Ostentation abschließt , wird abgeschlossen bleiben ! Nun wußte ich , wie das Notizbuch auf die Straße des Pettah gekommen war . Es hatte in der Brusttasche gesteckt und war während seines Sturzes von der Rickschah herausgerutscht . Wie bequem für mich , daß er gerade neben mir wohnte ! Ich konnte es ihm unbemerkt wieder in die Tasche stecken und hatte gar nicht nötig , zu diesem Zwecke zu versuchen , über den Söller in sein Zimmer zu gelangen . Die Dienerschaft pflegte nämlich , sobald ein Gast seinen Raum verlassen hatte , die Korridortür desselben mit Hilfe einer besondern Vorrichtung so halboffen einzuhaken , daß die Luft hindurchstrich und das Zimmer kühlte . Auf diesen Umstand rechnete ich . Ich wartete , bis er mit seinem Besuche zum Essen hinuntergegangen war ; dann klingelte ich , um mir das Diner heraufbringen zu lassen . Meine Singhalesen rannten alle beide fort , um für gleichen Dienst dann gleiches Trinkgeld zu bekommen , und ich war also nun unbeobachtet . Ich trat hinaus auf den Korridor , auf dem sich jetzt Niemand befand , hakte die Nachbartür aus und sah beim Scheine des in dem Hotel gebräuchlichen , im Zimmer brennenden Windlichtes das weiße Jackett am Nagel hängen . Es genügten drei Schritte ; ich steckte das Notizbuch in die Brusttasche , eilte hinaus , hakte die Tür wieder ein und kehrte in meine Stube zurück . Niemand hatte Etwas gesehen . Als der Professor nach Tische wieder heraufkam , war er allein . Er ging einige Male hin und her ; dann wurde es still . Er schrieb wahrscheinlich . Ich vermied jedes Geräusch , damit er glauben möge , daß er unbeobachtet sei . Am nächsten Vormittage hörte ich ihn abreisen . Ich ließ mir die Zimmerliste geben und las : Garden , Professor , Amerika . Es war so eigentümlich , fast als sei ein lieber Bekannter von mir fortgegangen . Seine Ansichten waren zwar nicht ganz die meinigen gewesen , ihnen aber doch sehr nahe verwandt , und geistige oder seelische Verwandtschaft ist ein Band , welches nie zerreißt , auch wenn man es nicht pflegt . In den nächsten Tagen unternahm ich Ausflüge zu Land und zu Wasser , teils um Erinnerungen aufzufrischen , teils auch um neue hinzuzufügen . Sie waren alle hochinteressant ; hier aber habe ich nur einen von ihnen zu erwähnen : Ich fuhr mit Sejjid Omar mit der Bahn nach Point de Galle , dem mir unvergeßlichen Schauplatze einer meiner früheren Reiseerzählungen , in welcher ich auch das dortige Hotel Madras erwähne . Die Bahn geht längs des Meeres , oft auf einem im Wasser liegenden Damme hin , welcher durch Korallenklippen vor Ueberflutung und Zerstörung geschützt wird . Rechts hinaus liegt die entweder blau träumende oder beweglich funkelnde See , die ich hier nie in Erregung gesehen habe , und links die Küste mit dem tiefen Grün ihrer herrlichen Vegetation , aus welcher einzelne Häuser oder zusammenhängende Dorfschaften mit fremdblickenden , verwunderten Augen auf den vorüberrollenden Zug schauen . Die Pflanzenwelt prangt hier in fast noch größerer Ueppigkeit , als drüben auf dem ostindischen Festlande . Bambusgruppen , Jack- und Brotfruchtbäume , riesige Bananen und volltragende Feigen , gelblich leuchtende Pisonien , Borassus- , Caryota- , Corypha- , Calamus- und Arecapalmen bilden die Unterbrechung von Kokospflanzungen , welche kein Ende nehmen . Die dazwischen liegenden Häuser der Wohlhabenden sind mit blumengeschmückten Veranden versehen ; der Aermere lebt in einfachen Ziegel- oder Lehmhäusern , deren Dächer meist aus Palmblättern bestehen . Auch diese Wohnungen sind von Gärten umgeben und machen den Eindruck der Sauberkeit , welcher für Jeden , der aus mit Arabern bevölkerten Gegenden kommt , doppelt angenehme Wirkung hat . Die Eingeborenenstadt von Point de Galle liegt im Niveau der See ; die Europäerstadt zieht sich über die hohe , luftige Klippe nach dem wieder tiefer stehenden Leuchtturm hin . Von dem noch oberhalb der Kirche liegenden Hotel aus konnte ich den ganzen Hafen mit den hier ankernden Schiffen fast aller seefahrenden Nationen überblicken . Ich habe Point de Galle und seinen Hafen schon wiederholt beschrieben und will hier nur sagen , daß sich eine Fahrt von Colombo nach diesem Ort und Matara fast überreich belohnt . Mein diesmaliger Aufenthalt währte nicht länger als von heute früh bis morgen abend , also nur eine Nacht , und diese Nacht war keine angenehme . Da ich gern hoch , frei und licht wohne , wählte ich ein Zimmer in der zweiten Etage , während ich Sejjid Omar in der ersten unterbringen ließ . Die Räume hier oben hatten die Eigentümlichkeit , daß ihnen die Decken fehlten ; das Hausdach , welches noch hoch über sie emporstieg , schützte sie gemeinschaftlich vor dem Regen , und da die Zwischenwände diesem Dach nicht folgten , sondern in etwas über Manneshöhe aufhörten , so konnten sich die Bewohner dieser Etage zwar nicht sehen , aber Alles , was in dem einen Zimmer gesprochen wurde und ebenso jedes Geräusch und jeder andere Schall fiel von dem hohen Dache mit verdoppelter Stärke in die andern Räume zurück , so daß es fast nicht möglich war , ein lautes Wort zu sagen oder irgend etwas Hörbares zu tun , was Niemand wissen sollte . Man wohnte da , wenigstens in Beziehung auf das Ohr , in vollster Oeffentlichkeit . Ich aß auch hier , wie fast stets im Hotel , auf meinem Zimmer , bekümmerte mich um Niemand und wußte also nicht , was für Gäste noch vorhanden waren . Doch erfuhr ich von Omar , daß eine Anzahl von Europäern per Segelschiff von Pondichery angekommen seien , welche mit der Bahn nach Colombo wollten . » Das sind keine höflichen Leute , « urteilte er . » Ich habe sie gegrüßt , aber sie dankten nicht , sondern lachten mich aus . Muhammed hat den Gruß geboten , und so grüße ich alle Menschen , auch die , welche nicht Muhammedaner sind , denn gerade weil ich einer bin , muß ich zeigen , daß wir höflich sind . Wenn diesen Leuten ihr Christentum befiehlt , mich auszulachen , anstatt mir zu danken , so sollten sie daheimbleiben und nicht dahin gehen , wo der Gruß geachtet wird . « Ich sagte nichts dazu , denn er liebte gewisse Leute nicht , und ich fühlte mich nicht berufen , über diese seine Abneigung mit ihm zu streiten . » Sihdi , was heißt im Englischen tail ? « fuhr er fort . » Schwanz und auch Zopf . « » Ape und monkey ? « » Affe . « » So haben sie einem Chinesen nachgerufen , welcher hier wohnt und auch höflich grüßte , als er an ihnen vorüber und nach seinem Tische ging . Wenn sie mich oder einen Andern beleidigen , so bin ich still , weil ich eben Sejjid Omar bin ; aber hätten sie das dir getan , so dürften meine Fäuste wohl gute Arbeit bekommen haben ! « Was diese seine Fäuste betraf , so mußte man Respekt haben . Er war nichts weniger als ein Losschläger , aber ein riesenstarker Kerl und kannte keine Furcht . Wo es Krakehl gab , da entfernte er sich stolz ; aber es war auch vorgekommen , daß man ihn nicht gehen ließ , und da hatte er sich , ohne die Gegner zu zählen , mit einigen guten Hieben prächtig Luft gemacht . » Es muß ein Mann hier wohnen , welcher Kun-Yen22 heißt , « sprach er weiter . » Auch ein gewisser Tuan23 und ein Anderer , dessen Name Yung-lu24 ist . Es ist eine große Prügelei , welche beginnen soll . Sie sprechen davon ; sie lachen ; sie freuen sich und trinken Wein und Schnaps dazu . Es geht mich nichts an , gar nichts ; aber meinst du nicht , Sihdi , daß ich diesen Kun-Yen aufsuchen und warnen soll ? « » Er wohnt nicht hier . Du hast diese Leute nicht richtig verstanden . Gehe ihnen aus dem Wege ! Das ist das Beste , was du tun kannst , « belehrte ich ihn lächelnd . Da ich früh einen Ritt nach Paragoda machen wollte , so legte ich mich zeitig schlafen . Aber ich hatte kaum die Augen geschlossen , so kam es die Treppe herauf gepoltert und gebrüllt , als ob die Stiegen lauter Tamtams wären . Es hatte den Leuten unten nicht mehr gefallen ; sie kamen herauf in meine Etage , wo sie zusammen zwei Zimmer mit je drei Betten hatten . In dem , welches neben dem meinigen lag , setzten sie sich fest . Sie feierten irgend ein Ereignis , über welches sie in Wonne geraten waren . Der Wirt mußte Champagner und Cognac bringen und sie selbst bedienen , denn sie seien Gentlemen , für welche die singhalesischen oder tamilischen Kellner nicht hoch genug ständen ; aus solchen Händen könne man nichts genießen . Ich weiß gar wohl , daß die sogenannten » Pioneers der Civilisation « nicht immer zur Elite der Gesellschaft gehören , und daß man besonders in den Hafenstädten des Orients nicht erwarten darf , nur auf geistige Nachkommen von Knigge zu stoßen ; es flegelt sich sogar in den Salons und auf den Promenadendecks erster Klasse unserer Lloyddampfer so mancher Passagier herum , der seinem rücksichtslosen Benehmen nach eigentlich auf das Zwischendeck gehört , und es kann vorkommen , daß , während ich ein vorüberrauschendes Schiff betrachte , eine Dame sich gerade so und in der Weise vor mich hinstellt , daß sie mich auf beide Füße tritt , obgleich mehr als genug Platz zu beiden Seiten ist ; auch weiß ich gar wohl , daß die meisten dieser gesellschaftlichen oder ungesellschaftlichen Gepflogenheiten aus einer ganz bestimmten Gegend stammen und dort großgezogen werden ; aber es kann mir doch nicht einfallen , aus dem Grunde , daß einzelne Personen sich für Uebermenschen halten , deren ganzes Volk als Uebernation zu betrachten , sondern ich weiß , daß sie wie jede andere und auch die unserige ein Recht auf Nachsicht und Verzeihung hat , und pflege diese Milde besonders gern an ihren Uebermenschen auszuüben , weil sie ihrer am bedürftigsten sind . Darum war ich auch jetzt entschlossen , den Lärm im Nebenzimmer , welcher immer mehr in Radau ausartete , ohne Gegenwehr über mich ergehen zu lassen . Aber es wurde mir außerordentlich schwer gemacht , diesem Vorsatze treu zu bleiben . Der Wein heizte , und der Kognak brannte . Die Hilfsgeister eines falschen Patriotismus wuchsen riesengroß ; das laute Sprechen , welches vom Dache über uns mit doppelter Stärke zurück und in alle Zimmer geworfen wurde , steigerte sich zum Lärm und drohte zum Skandal zu werden . Man schrie , man schimpfte , man lachte , man sang Trutzlieder ; man gröhlte und johlte ; man warf Flaschen und Gläser an die Wand , und zwar zu Ehren dieses oder jenes Ministers oder Diplomaten . Da stand ich denn doch auf , zog mich an und ging hinaus , um mir von dem Wirte ein anderes Zimmer geben zu lassen . Er stand in der ersten Etage und sprach mit Sejjid Omar , welcher wegen des wüsten Gebrülls sehr besorgt um mich war und ihn interpelliert hatte . Es gab kein anderes Zimmer . Ein vor kurzem eingelaufener Dampfer hatte neue Gäste gebracht , welche nur mit Mühe unterzubringen gewesen waren . Man fühlte sich im ganzen Hause über das Benehmen dieser Menschen empört , und als ich ihm drohte , nach einem andern Hotel zu gehen , welchem Beispiele wohl auch die andern Gäste folgen würden , entschloß er sich endlich , um Ruhe zu bitten . Er war einer der vielen orientalischen Wirte , auf welche das Wort Gentleman von faszinierender Wirkung ist . Wir gingen hinauf , Sejjid Omar mit . Er wollte sich persönlich überzeugen , ob sein geliebter Sihdi auch wirklich nun die erwünschte Ruhe finden werde . Der Lärm schwieg soeben . Es war nur eine einzelne Stimme zu hören , und der welcher sprach , war kein Europäer , denn er bediente sich des in Südchina und besonders in der Gegend von Kanton gebräuchlichen Pitchenenglisch . » Der Chinese , welcher auf der andern Seite neben ihnen wohnt , « erklärte mir der Wirt . Ich hörte , daß dieser Chinese in sehr höflichen Ausdrücken bat , doch nun endlich ruhig zu sein , da es außer ihnen auch noch andere Gäste im Hause gebe und die Zeit zum Schlafen jetzt , nach Mitternacht , ja wohl gekommen sei . Ein schallendes Gelächter war die Antwort ; man trommelte mit Fäusten auf den Tisch und an seine Zwischenwand und brüllte ihm die beleidigendsten Titel zu . Da ging der Wirt hinein und bat , den Wunsch des Chinesen zu erfüllen . » Erfüllen ? « schrie einer . » Wir , die wir jetzt nach China gehen , um diese Zopfaffen zu zivilisieren , um ihnen Bildung und Klugheit zu bringen , wir sollen hier diesem Kerle Gehorsam leisten ? Das ist stark ! Das ist beleidigend ! Das lassen wir uns nicht gefallen ! « » Das ist stark ! Das ist beleidigend ! Das lassen wir uns nicht gefallen ! « stimmten ihm die Andern drohend bei . » Und hier nebenan wohnt ein Deutscher , der auch schon Beschwerde geführt hat ! « fuhr der Wirt fort . » Ein Deutscher ? Ah der hat vielleicht verstanden , was wir von den Deutschen gesagt haben ! Er mag nur warten , denn er wird noch mehr , viel mehr zu hören bekommen ! Wenn dieser Mensch schlafen will , so mag er - - - « » Halt ! Der Chinese ! « schrie ein Anderer dazwischen . » Holt ihn herein ! Er muß Kognak trinken und uns Abbitte tun ! « Der sich ebenso wie ich vergeblich nach Ruhe sehnende » Sohn der Mitte « war nämlich jetzt auch aus seinem Zimmer getreten . Als er uns sah , kam er auf uns zu . Er mußte da an der Tür der Leute vorüber . Der Wirt hatte sie offenstehen lassen , und so kam es , daß der Chinese bemerkt worden war . Die Gentlemen jubelten über den Vorschlag ; sie kamen heraus und umringten ihn , um ihn in das Zimmer zu schaffen . Er war ein kleiner , schmächtiger Mann von wahrscheinlich geringer Körperkraft , und sein weites , chinesisches Gewand hinderte ihn , selbst diese ganz in Anwendung zu bringen . Zwei faßten ihn am Zopfe , um zu ziehen ; die Andern schoben . Das konnte ich nicht mit ansehen , nicht geschehen lassen ! Der Wirt ließ kein weiteres Wort hören ; er fürchtete sich ; darum sagte ich in ernstem , doch nicht unhöflichem Tone , daß es wahrscheinlich eines Gentlemen würdiger sei , den Chinesen nicht seiner personlichen Freiheit zu berauben . » Wer ist dieser freche Mensch ? « fragte der , welcher vorhin den Vorschlag gemacht hatte , den Wirt . » Der Deutsche , « antwortete der Gefragte . » Muß auch mit herein , um Abbitte zu tun ! « Er faßte mich am Arme . Ich hatte es keineswegs mit Betrunkenen , sondern nur mit Aufgeregten zu tun ; es ist fast unglaublich , welche Mengen von Alkohol dazu gehören , derartige Menschen wirklich betrunken zu machen . » Nicht anrühren ! « warnte ich . » Laßt mich los , Sir ! « Da packte mich ein zweiter am Halse . Wir standen unweit der Treppe , welche eine gebrochene war und also nicht in gerader Linie aufwärts , beziehendlich abwärts führte . Ich stieß ihm die Faust in die Magengegend , daß er von mir weg und an die Wand flog , und riß mich von dem , der mich am Arme hielt , los . Da brüllten die anderen Vier , denn es waren ihrer sechs , wütend auf und drangen auf mich ein . Ich versuchte , sie mit den Fäusten von mir abzuhalten . Da ertönte hinter mir Sejjid Omars Stimme arabisch : » Soll ich , Sihdi ? Erlaubst du es ? « » Ja , « antwortete ich . » Wir werfen sie die Treppe hinunter , alle Sechs . Dann wird hier oben Ruhe ! « Indem ich das sagte , unterlief ich den mir am nächsten Gekommenen . Er hatte das nicht erwartet , und ehe er daran denken konnte , sich von meinem Griffe , mit dem ich ihn über den Hüften packte und emporhob , loszumachen , flog er die Treppe hinab . Und nun war es eine Lust , meinen Sejjid arbeiten zu sehen ! Er sprang um die Kerle herum , so daß sie zwischen ihn und die Treppe zu stehen kamen , und packte den ersten Besten am Schenkel und an der Brust . Ein Ruck , ein Schwung , und der Mann flog dem von mir Expedierten nach . Ihm folgte sofort eine zweite Lieferung aus meiner und eine ebensolche aus Omars Hand . Die zwei noch übrigen Gentlemen schlugen auf uns ein . Wir wurden von einigen unschädlichen Fausthieben getroffen , auf die wir gar nicht achteten ; dann ging es mit den Beiden ebenso treppab wie mit den andern Vier vorher . » Das war die Arbeit , von welcher ich heut Abend gesprochen habe , « lachte Sejjid Omar . » Du bist fertig , Sihdi ; du sollst sie gar nicht mehr anzufassen haben , denn ich nehme sie auf mich . Ich stelle mich hier an die Treppe , und wehe dem von ihnen , der es wagt , zurückzukehren ! « Sonderbarerweise fiel es ihnen gar nicht ein , auch nur den Versuch dazu zu machen . War das eine Bestätigung der alten Erfahrung , daß Menschen , welche gerne rodomontieren , keinen eigentlichen Mut besitzen , oder hatte die ihnen von uns so kräftig erteilte Lehre in ihnen die Ueberzeugung geweckt , daß es klüger sei , sich fortzuschleichen , als noch einmal mit zwei solchen Desperados , wie wir waren , anzubinden ? Wir hörten , daß sie unten auf der ersten Etage noch mit einigen großen , drohenden Worten um sich warfen ; dann gingen sie hinab nach dem Salon , wo sie sich auf die Möbel legten , um ihre Niederlage zu beschlafen . Diese Zivilisatoren Chinas waren also abgetan ! » Deutsche Fäuste und arabische Fäuste , denen soll einmal so Einer widerstehen ! « meinte mein Sejjid Omar , dessen ganzes Gesicht ein einziges Freudenlächeln war . Der Wirt hatte still und staunend dagestanden . » Wie schnell Ihr das fertig gebracht habt ! Und was habt Ihr gewagt ! « sagte er . » Fürchtet Ihr denn nicht , daß die Gentlemen Euch persönlich oder gerichtlich belangen werden ? « » Hoffentlich tun sie das ! « antwortete ich . » Ich bin herzlich gern bereit , sie sowohl persönlich als auch gerichtlich zu belehren , daß kein anständiger Mann jemals so handeln würde , wie sie gehandelt haben . Der wirkliche , echte Gentleman ist ein ganz anderer Mann , und Ihr beleidigt ihn , wenn Ihr solchen Radaubrüdern dieselbe Achtung zollt , auf welche nur er allein berechtigten Anspruch hat ! « Der Chinese stand von fern und winkte meinen Diener zu sich heran , um ihm Etwas zu sagen . Dann verneigte er sich sehr zeremoniell und sehr tief vor mir und kehrte in sein Zimmer zurück . » Er läßt dich um die Erlaubnis bitten , dir morgen früh seine Karte schicken zu dürfen , « erklärte mir Omar . » Mehr konnte ich nicht verstehen , weil seine englische Sprache gar keine Sprache ist . Es gibt überhaupt nur zwei Sprachen , welche wahre und wirkliche Sprachen sind , nämlich die arabische und die deutsche . Die andern sind nur Redensarten , die man wohl sprechen lernen , aber nicht liebgewinnen kann ! Was tun wir jetzt ? « » Schlafen , « antwortete ich . » Gut ! Und wenn die lärmenden Kerle wiederkommen sollten , so komme ich auch wieder , und wir werfen sie abermals die Treppe hinunter . Leletak sa ' ide - deine Nacht sei gesegnet ! « Er ging , und ich war doppelt zufrieden mit ihm , einmal , weil er seine Fäuste so wacker gebraucht hatte , das andere Mal , weil es für ihn jetzt zwei » wahre und wirkliche « Sprachen gab und nicht wie früher nur eine , die arabische . Er wußte freilich nicht , was Alles in diesem seinem Geständnisse lag . Nun , da der Chinese mir früh seine Karte schicken wollte , konnte ich freilich den beabsichtigten Ritt nach Paragoda nicht machen , denn es stand nach dem Geschehenen zu erwarten , daß er heut länger als gewöhnlich schlafen und sein Besuch also erst spät erfolgen würde . Ich hingegen war schon zeitig wieder munter und machte einen Spaziergang nach dem Leuchtturme . Es führt dort eine Treppe zu den von der Brandung umrauschten Trümmern des Küstenfelsens hinab , zwischen denen allerlei interessante Muscheln , Korallen und andere » Früchte des Meeres « zu finden sind . Von da zurückgekehrt , erfuhr ich vom Wirte , daß die sechs Europäer ihre Zeche bezahlt und das Hotel ohne Sang und Klang verlassen hatten , um nach dem Bahnhofe zu gehen und dort den Zug nach Colombo zu erwarten . Die Zeit bis dahin an dem Orte ihrer Heldentaten zu bleiben , hatten sie also keine Lust gehabt . Es ist ja auch der Fanfaron nicht ohne Ehrgefühl . Während ich den Kaffee trank , den ich selbst in Indien dem Tee vorziehe , obgleich er dort durchschnittlich sehr schlecht zubereitet wird , schrieb ich Postkarten nach Deutschland . Nach einiger Zeit brachte Sejjid Omar die Visitenkarte des Chinesen , einen langen , schmalen Streifen scharlachroten Papieres , auf welchem mittelst Stempel der Name Fang angebracht war . Es war eine uralte , berühmte Familie , welcher der Besitzer dieses Namens angehörte . Wahrscheinlich existierte sie schon zur Zeit des Kaisers Huang-ti , welcher vor nun fast viertausendsechshundert Jahren die Familiennamen in China einführte . Unter diesem Stempel standen die übrigen Personalien , welche mit Tusche und Pinsel geschrieben waren . Er hatte sich mit dem Titel Tschin Schi25 die höchste literarische Würde erworben , und aus der Beifügung Tschuan Yüan26 ersah ich , daß er von sechstausend Examinanden und dreihundertfünfzig Graduierten die Prüfung am besten bestanden hatte . Außerdem laß ich , daß er Beamter des Han Lin Yan27 war , aus welchem der Kaiser die Beamten für die verantwortlichsten Stellen wählt . Hierzu führte er noch den Titel eines Beisitzers im Kuoh Tse Kien , der chinesischen Nationalakademie der Gelehrsamkeit . Und diesen gewiß hervorragenden Mann hatten die » Gentlemen « am Zopfe maltraitiert ! Diese Worte waren alle mit chinesischen Zeichen geschrieben . Hierunter stand in englischer Schrift , doch chinesischer Höflichkeit : » Der von der Sonne erleuchtete , hoch erhabene und vor Güte strahlende Beschützer aus dem deutschen Lande der edelsten Bewohner möge gnädigst gestatten , daß Fang , der ärmste , geringste und unwürdigste der Chinesen , zu ihm komme , um ihm seinen Dank zu sagen . Es wird dem schon vor zehntausend Jahren in seinen Ahnen lebenden Herrn nicht zugemutet , dem niedrigen Bittsteller eine Karte zu schreiben . Das Wort des Dieners ist genügend . « Ich beauftragte Omar , mir schnell zwei Tassen Tee zu holen und dann dem Chinesen zu sagen , daß er sofort kommen solle . Die Herren Fu und Tsi in Kairo hatten nach abendländischer Weise gelebt und kein Eingehen auf ihre heimatlichen Gewohnheiten erwartet ; hier aber war mir eine Karte geschickt worden , und so wünschte ich nicht , ganz und gar als » westlicher Barbar « zu gelten . Der Tee wurde von der Etikette vorgeschrieben . Man pflegt ihn zwar nicht zu trinken , aber sobald der Besuchte oder der Besucher die Tasse an den Mund führt , ist dies das Zeichen , daß er die Visite zu beenden wünscht . Der Tee wurde gebracht , aber der Chinese kam nicht . Wollte er mich etwa probieren ? Ich schickte ihm Omar noch einmal , und als er auch dann noch nicht kam , so mußte der Sejjid zum dritten Male hin , und ich ging selbst mit , doch nur die Hälfte des Weges . Dort blieb ich stehen , um meinen Besuch zu erwarten . Nun trat er endlich aus dem Zimmer und näherte sich mir mit fortgesetzten , tiefen Verbeugungen . Ich verneigte mich ebenso und führte ihn nach meiner Tür , an welcher ich mich so stellte , daß er auf ihrer linken Seite , der » Seite der Höflichkeit « , eintreten mußte . Dann folgten wiederholte Verbeugungen , ehe ich ihn dazu brachte , sich eher als ich niederzusetzen , worauf dann auch ich Platz nahm , und zwar zu seiner rechten Hand , denn in China ist links der Ehrenplatz . Omar stellte die Tassen vor uns hin und ging dann hinaus . Bisher war kein Wort gesprochen worden , und ich verhielt mich auch jetzt noch still , weil der Höherstehende das Gespräch zu beginnen hat . Es gab nun einen schweigsamen Wortstreit zwischen der morgen-und der abendländischen Höflichkeit , und ich war fest entschlossen , Sieger zu sein . Es vergingen drei , vier , fünf Minuten , welche unter anderen Verhältnissen höchst peinlich gewesen wären ; hier aber machten sie mir Spaß . Er schien ebenso wie ich sich fest vorgenommen zu haben , der Höflichere zu bleiben , und so könnten wir als charakterstarke Männer noch heute miteinander dort in Point de Galle sitzen , ohne den Mund aufgetan zu haben , wenn ich nicht unwillkürlich mit der Hand nach der vor mir stehenden Tasse gegriffen hätte . Das geschah , wie gesagt , ganz ohne Absicht , nur um irgend Etwas zu tun . Aber er sah mich an , ob ich wohl trinken würde . Als ich das nicht tat , legte er die Hand auch an seine Tasse und trank aber auch nicht . Da kam mir ein köstlicher Gedanke . Wer den Andern sprechen läßt und selbst aber schweigt , ist der Höflichere . Wie nun , wenn ich diese Visite beendete , ohne überhaupt gesprochen zu haben ? ! Aber da mußte ich trinken , um den Besuch zu beenden , und das war doch wohl nicht höflich ! Jedoch , er hatte auch schon die Hand an seiner Tasse . Wollte etwa er der Unhöfliche sein ? Jedenfalls nicht . Oder aber hatte er etwa meine Bewegung nachgemacht , um mit mir zu gleicher Zeit zu trinken ? Wenn er das beabsichtigte , so ging diese Visite ohne irgend ein Wort zu Ende , und da Keiner das Zeichen des Aufbruches allein gegeben hatte , so war jeder von uns Beiden ein wahrer Ausbund der allergrößten chinesischen Höflichkeit ! Ich versuchte es , indem ich die Tasse ein Wenig hob ; er tat sogleich dasselbe . Ich führte sie zum Mund , er auch . Ich trank , er ebenso , mit mir zu gleicher Zeit . Dann stand ich auf , und er in demselben Tempo mit mir . Dann verneigten wir uns gegenseitig so lange , bis er , der sich nach rückwärts » dienerte « , das Zimmer verlassen hatte . Ich bekam ihn dann während des Vormittages nicht wieder zu sehen . Am Nachmittage kam er mir da , wo die breite Hauptstraße der Eingeborenenstadt sich in zwei schmälere spaltet , in einer Rickschah entgegen . Als er mich sah , ließ er halten , stieg aus und verneigte sich , indem ich an ihm vorüberfuhr , so tief , daß ihm sein kleines , schwarzes Käppchen vom Kopfe fiel . Hier , außerhalb der Heimat , trug er weder Hut noch Mandarinenknopf . Ein Glück für sein gesellschaftliches Gewissen , daß ich kein Chinese war , weil sonst in dieser , wenn auch unverschuldeten Entblößung seines Hauptes eine schier unverzeihliche Beleidigung für mich gelegen hätte ! Warum aber diese Höflichkeit gegen mich , die nach europäischen Begriffen fast als übertrieben bezeichnet werden konnte ? Warum vor mir extra aus dem Wagen steigen ? Der Aufschluß hierüber sollte mir später werden . Es war ihm und mir ein schnelleres Wiedersehen bestimmt , als er wohl ebenso wie ich gedacht hatte . Nämlich als ich dann am Abend in Colombo auf mein Zimmer kam , lagen die inzwischen eingegangenen Briefe da , unter ihnen einer , dessen Inhalt mich bestimmte , die von mir geplante Reiseroute dadurch zu verlängern , daß ich ihr die Strecke Ceylon-Sumatra einfügte , und diese Fahrt mußte möglichst sofort , mit dem nächsten Schiffe , unternommen werden . Auf Befragen erfuhr ich , daß heute ein deutscher Lloyddampfer nach Singapore abgegangen , übermorgen aber ein Oesterreicher fällig sei , welcher auch in Penang anlege . Ich beschloß , auf diesem Passage zu nehmen . Am nächsten Tage teilte ich meinem Sejjid Omar diesen Entschluß mit , sagte ihm , wie weit Sumatra von Ceylon liege und um welche Zeit unsere Reise verlängert werde , und fragte ihn , ob er mitfahren wolle ; wenn nicht , so könne er heimkehren ; die Seereise nach Suez würde ich ihm natürlich bezahlen und auch das Gehalt für die Zeit bis zu seiner Ankunft in Kairo . Da