sich immer gewünscht , wenigstens einen Hund möchte er halten , damit ihn doch ein lebendes Wesen erwarte bei seiner Heimkunft , indessen seine Wirtsleute hätten ihm das nicht zugegeben . So habe er sich denn ein Glas mit zwei Goldfischen gekauft , aber die seien ihm langweilig . Hans fühlte , wie aus dem andern ein Haß gegen ihn strömte , und in ihm erhob sich ein Widerwille , wie vorher gegen den Menschen auf der Straße . Indessen erklärte Krechting sein Wesen , daß er einen Jugendfreund gehabt , mit dem habe er alle Gedanken geteilt , und seit der tot sei , bleibe für ihn die Welt leer und kalt , denn er brauche einen Menschen , von dem er zehren könne , und für sich allein sei er nur ein Schemen . Hans solle das nicht für Eitelkeit halten , wenn er ihm solche Geständnisse mache , denn ihm sei es gleich , daß er gerade zuhöre , nur habe er ein Bedürfnis , zu irgendeinem Menschen zu sprechen . Ein Mädchen setzte sich an den Tisch der beiden , indem sie ihnen den Rücken drehte , und es fiel Hansen auf , wie durch die dünne Seidenbluse sich die Bewegungen ihrer Schulterblätter bemerkbar machten bei den Gesten , durch die sie einen Eindruck in einem verschlafenen jungen Menschen erwecken wollte , der in ihrer Nähe saß . Krechtings Augen waren wunderlich trübe geworden , wie er sie auf den Rücken des Mädchens geheftet hielt ; und indem sein Gesicht eine große Anstrengung des Überlegens aufwies , fuhr er fort , daß er den Russen beneide , trotzdem der ein unreinlicher Mensch sei , ein Stück Heiliger , ein Stück Narr und ein Stück Schuft ; aber dem sei es doch möglich geworden , sich die letzten Zwecke zu verschleiern durch seine sozialistischen Banalitäten , und dadurch sei der glücklich ; er jedoch , Krechting , könne sich nicht blind machen , denn er wisse , daß es ein Ziel geben müsse jenseits des banalen Glückes für sich selbst oder für andre ; aber er vermöge nicht zu erkunden , welcher Art und Natur dieses Ziel sei , denn er sei kein vollständiger Mensch , und ihm fehle irgendetwas , das sein Jugendfreund gehabt , und den habe er verzehren müssen . Indem fühlte das Mädchen die Augen Krechtings im Rücken , drehte sich um und lächelte den beiden zu . Über Hansen kam ein Schauer als vor etwas Grausigem und Gespensterhaftem ; eilig stand er auf , entschuldigte sich verwirrt und ging fort , denn es war ihm plötzlich gewesen , als sehe er zwei leblose Masken und als sei Vernichtung und Nichtsein hinter dem gedankenlosen Lächeln der Dirne und hinter den trüben Augen und den gespannten Zügen Krechtings . Lange irrte er noch durch die Straßen , die bereits wieder lebendig wurden durch die Menschen , welche in der Frühe ihre Geschäfte betreiben müssen , bis er endlich todmüde war , und seine Gedanken waren gänzlich verschwunden ; so ging er nach Hause und legte sich zu unruhigem Schlaf . Aus dem erweckte ihn am andern Morgen Heller , der unerwartet zu ihm kam ; und indem er auch im Schlummer noch unter dem Eindruck des Abends gestanden , fuhr er erschreckt in die Höhe durch den Anruf des Besuchers . Heller begann damit , daß man vor wichtigen Entscheidungen des Lebens das Bedürfnis habe , sich einem Freunde mitzuteilen , weniger , um dessen Rat einzuholen , denn ein jeder tue ja doch , was er schon vorher gewollt habe , als um selbst zur Klarheit des Willens zu kommen durch die Aussprache . Nach dieser Einleitung erzählte er , daß Helene , die er gestern zum ersten Male gesehen , einen sehr starken Eindruck auf ihn gemacht habe , vornehmlich durch eine gewisse Kühnheit und Überlegenheit des Willens , die er in ihren Zügen bemerkt , wozu dann noch der Gedanke gekommen sei , daß sie sich dieselben Gedanken errungen habe , die er selbst vertrete und voraussichtlich , denn ganz sicher könne man ja nie wissen , ob man seine Meinungen nicht ändern werde mit den älter werdenden Jahren , auch immer vertreten werde ; und sei sein Geist so sehr mit diesem allen beschäftigt gewesen , daß er wohl gemerkt , dieses seien die Anfänge der Liebe . Nun halte er es für eine große Verschwendung von Kraft , wenn sich jemand einem solchen Gefühl hingebe , das durch die Zeit und die Hoffnung immer stärker werde , und dann vielleicht am Ende erfahre , daß die geliebte Dame seine Gefühle gar nicht erwidern könne oder möge ; denn nicht nur die Zeit , die in der Hoffnung verbracht , sei alsdann für eine andere Tätigkeit verloren , die vielleicht mehr beglückt hätte , und wir sollten doch immer in unserm Leben das größte Glück zu erringen suchen , das uns möglich sei , ohne unsern Mitmenschen zu schädigen ; sondern auch nachher , wenn er die Enttäuschung gehabt , komme eine verlorene Zeit , die je nach der Persönlichkeit des Betreffenden länger oder kürzer sei , in der einer sich nicht glücklich fühle und für alles andre unzugänglich bleibe . Aus diesen Gründen habe er sich entschlossen , schon jetzt dem Fräulein seine Gefühle zu entdecken , obgleich dieselben noch gar nicht bis zur Liebe gediehen seien , sondern nur die Möglichkeit böten , daß sich aus ihnen Liebe entwickle , welches er ihr genau und psychologisch auseinandersetzen werde , und sie dann nur fragen , ob sie meine , daß unter Umständen , wenn nämlich er sich so entwickle , wie er denke , auch sie sich so entwickeln werde , daß sie seine Liebe erwidern könne ; über das sie ihm ja wohl keine ganz sichere Antwort geben werde , denn durchaus Gewisses vermöge in psychologischen Dingen kein Mensch zu sagen ; aber einen ungefähren Anhalt könne sie ihm wohl bieten . Sollte alsdann die Antwort so ausfallen , wie er annehme , so wolle er ihr vorschlagen , daß sie öfters zusammenkämen , vielleicht eine Stunde täglich , und in dieser Zeit wollten sie über Literatur , Psychologie oder Sozialismus sprechen , wobei sie sich dann genauer kennen lernen würden , und so werde sich ihre Liebe nicht in phantastischer Weise entwickeln , sondern in genauem Zusammenhang mit der Wirklichkeit und den beiderseitigen psychologischen Tatsachen . Dieser Plan erschien Hansen sehr schön und würdig solcher neuen und vollkommenen Menschen , wie Heller und Helene waren , deshalb lobte er ihn sehr und wunderte sich viel im Innern über die Menschenkenntnis und Klugheit seines Freundes . Da er aber durch seine häusliche Erziehung gewöhnt war , immer an die notwendigen Unterlagen des Lebens zu denken , so fragte er , wie der Freund sich nun seine Absichten weiter ausgedacht habe , wenn alles so eintreffe , nämlich er zu Helene und Helene zu ihm eine Zuneigung fasse . Hierauf erwiderte Heller , daß allerdings an eine bürgerliche Ehe nicht zu denken sei , indessen könnten sie beide als gleichberechtigte und freie Menschen einen Vertrag abschließen , da sie ja ihre Gesinnungen hätten , und er selbst verdiene durch Stunden , die er Gymnasiasten gebe , so viel , daß er seinen eigenen Lebensunterhalt bestreite , und Helene habe gleichfalls ihr Auskommen , da sie einen Beruf und eine Stellung habe ; indem sie aber zusammenlebten , würden sie in manchem noch sparsamer wirtschaften wie jetzt jeder einzelne , wie sich ja im kleinsten schon der Vorteil des Großbetriebes erweise ; so wurden sie zum Beispiel das Mittagessen zwar wie vorher in einer Gastwirtschaft zu sich nehmen , aber das Abendessen würden sie sich zu Hause bereiten , wobei sie nicht nur mehr Glücksempfindungen in sich auslösen könnten , sondern auch sehr viel sparen . Nach diesem fuhr er fort , was Hans in seiner Antwort noch gar nicht beachtet habe , das sei , daß hier einmal eine der seltenen Gelegenheiten gegeben werde , wo zwei Menschen verschiedenen Geschlechtes in durchaus sittlicher Weise zusammenleben könnten . Denn in der auf Unterdrückung und Ausbeutung beruhenden bürgerlichen Ehe , wie wir wissen , ist ein wirtschaftlicher Zwang da für die Frau , daß sie beim Manne bleibt , auch wenn sie aufgehört hat , ihn zu lieben , denn sie würde ohne Unterhalt sein , wenn sie von ihm ginge . Dagegen in dem vorliegenden Falle halte nur die Liebe die beiden Gatten zusammen , und wenn bei dem einen das Gefühl erlösche , das doch das Natürliche sei , weil alle unsere Gefühle eine Kurve beschreiben bis zu einer Höhe und von da wieder bis zum Nullpunkt , so könne dieser dem andern ruhig seinen Zustand enthüllen , und die Trennung des Verhältnisses , das alsdann ja unsittlich sein werde , sei sehr leicht . Nachdem Heller sich durch seine Erzählung und Darlegung Klarheit über seine Absichten verschafft , machte er sich gleich ans Werk , seinen Plan durchzusetzen , ging zu der Speisewirtschaft , wo Helene in ihrer Mittagspause ihr Essen einnahm , und traf sie dort allein an einem Tische sitzend . Es war eine Wirtschaft , wo man für billiges Geld ißt , und die Tischtücher hatten viele Flecken , und ein häßlicher Geruch war in der Luft , und eilfertige Kellner liefen hin und her , indem sie ein großes Klappern mit den Tellern machten . Wie Heller seine Rede ungefähr in der Art vortrug , mit der er zu Hansen gesprochen hatte , wurde Helene ziemlich verlegen , denn in Wirklichkeit wußte sie gar nichts von den Ansichten , die er bei ihr voraussetzte , und hatte nur öfters über manche Reden ihres Bruders lustig gelacht , der jetzt im Gefängnis war , denn sie hielt den für etwas töricht . Nun verstand sie zwar nicht alles von dem , was Heller ihr erklärte , und wußte auch nicht recht , welche Absichten er ihr ausdrücken wollte , weil sie aber sich nie anders gedacht hatte , als daß sie einmal nach ihres Kreises Sitte heiraten werde , etwa einen elegant gekleideten Geschäftsreisenden , der ihr jeden Sonntagvormittag einen Blumenstrauß schickte , solange sie mit ihm verlobt war , so fand sie doch aus der Verwirrung heraus , daß Heller sich mit ihr verloben wolle , aber das solle noch eine Weile geheim bleiben . Deshalb sagte sie unter häufigem Stocken ihrer Rede , sie könne ihm auf seinen Antrag nicht recht antworten und wolle sich das überlegen , was er gesagt habe ; denn da er ein Student war und ihr feiner erschien wie ein Kaufmann , so hatte sie wohl eine gewisse Zuneigung zu ihm . Auf diese Worte erwiderte Heller , daß er keinen andern Bescheid gehofft habe , und sehr zufrieden mit diesem sei ; nur bitte er sie alsdann , daß er sie nun täglich zu einer bestimmten Stunde besuchen dürfe . Auf dieses antwortete Helene , daß ihr Bruder , mit dem sie zusammenlebte , augenblicklich nicht auf einer Geschäftsreise war , und sie verbrächten die Abende immer zusammen in ihrer Stube , und wenn es ihm recht sei , so würden sie beide sich sehr freuen , wenn er sie da besuche ; sobald ihr Bruder aber reise , was in etwa zwei Wochen geschehe , weil da die Saison für den Einkauf der Schweineborsten anfange , so dürfe er nicht mehr kommen , weil sie alsdann allein bleibe , und die Leute würden ihr Übles nachreden , wenn sie ohne Beschützer seinen Besuch empfinge , obwohl er ja ein gebildeter Mann sei . Zwar schien diese Rede Heller nicht ganz das zu sein , was er gemeint hatte , trotzdem aber war er voller Freude und Hoffnung , verabschiedete sich von ihr mit Liebe und erwartete mit Zuversicht den Abend . Unterdessen besuchte Hans den Bruder Helenens , der Kurt hieß , und tat das nicht aus einer besonderen Zuneigung , sondern aus Bescheidenheit , weil er gern die andern näher kennen wollte und doch nicht wagte , an sie heranzutreten , mit Kurt aber hatte er an dem Abend manches besprochen . Er traf ihn im Geschäft in einem kleinen Stübchen , wo er einem Arbeitsgenossen gegenüber an einem Schreibpult stand und an Geschäftsbriefen schrieb . Im Zimmer war nur noch der Telephonkasten und ein großer Geldschrank , in dessen offener Tür steckte der Schlüssel , und an dem Bund hingen noch andre Schlüssel . Es war die Zeit der Mittagspause , und wie Kurt Hansen begrüßte , richtete sich auch der andre Herr von seiner Arbeit auf , schloß den Geldschrank ab und steckte die Schlüssel in die Tasche und bereitete sich zum Essen . Kurt sagte ihm , er werde noch einmal ein Unglück erleben , wenn er die sämtlichen Geschäftsschlüssel , von der Haustür angefangen bis zum Geldschrank , so leichtsinnig behandle . Inzwischen machte auch er sich straßenfertig und wanderte mit Hans zu der Wirtschaft , wo die beiden zusammen Mittag essen wollten . Wiewohl Hans zu Kurt keinerlei geistige Verwandtschaft spürte , wurde er in der Folge doch weiter mit ihm bekannt , und weil seine Wohnung nicht weitab vom Geschäft des andern lag , so machte es sich wie von selbst , daß er ihn öfters zum Mittagessen abholte , bei dem sie dann über allerhand gleichgültige Dinge mit einer gewissen Behaglichkeit redeten . Auch den Besitzer des Geschäftes lernte Hans kennen , der ein recht wunderlicher und altväterischer Mann jüdischer Abkunft war , welcher zu Hause unterdrückt wurde durch seine Frau ; die hatte allerhand Bildungsinteressen und ließ ein verstiegenes Wesen schauen . Diese traf Hansen einmal im Geschäft , redete ihn an , und nachdem sie schnell allerhand aus ihm herausgefragt , lud sie ihn zu sich ein , weil er ihren Kindern Freude machen werde . Sie hatte eine hohe Haarfrisur und rauschte stattlich mit einem schwarzseidenen Kleide in dem engen Raume . Unterdessen nahm Hellers Liebschaft ihren weiteren Verlauf . Er war mit Zolas Buch über den Experimentalroman angekommen und hatte den Geschwistern vorgelesen und erklärt , was für Kurt zwar recht langweilig war , aber Helene faßte eine stärkere Zuneigung zu ihm , wiewohl auch sie nur wenig von dem begriff , was er vortrug ; und da einem Verliebten solche Zuneigung nicht verborgen bleiben kann , so kamen die beiden bald zu einer Aussprache , wobei Helene jedoch immer noch in ihrem Irrtum verharrte , daß es sich bei Heller um regelmäßige und bürgerliche Absichten handle . Unter solchen Umständen , und da ihr schien , als wolle Heller aus Zartgefühl nicht mit ihren Eltern reden wegen der Handlungsweise ihres Vaters , ging sie zu ihrer Mutter , um der ihr Herz auszuschütten und ihren Rat einzuholen , und die , welche niemand aus dem ganzen Kreise kannte und sich keine rechte Vorstellung von allem machen konnte , teilte alles dem Vater mit . Dieser war zwar im Grunde einverstanden mit Helenens Wahl , weil er dachte , daß ein Studierter , wenn er erst angestellt sei , ein angesehenes Amt und sicheres Einkommen habe ; aber weil er über Hellers Studien und Aussichten nichts wußte , so beschloß er , seine Zustimmung erst noch zurückzuhalten und vorerst den Bewerber um alles zu fragen , was ihm nötig erschien . Er kam deshalb am Sonntagvormittag im Besuchsanzug und mit dem Zylinder , der von sehr alter Form war , in Hellers Wohnung und begann in freundlicher Weise mit dem zu reden , indem er Helene lobte und erzählte , daß er selbst immer sehr viel Sinn für Bildung gehabt habe und auch das Konservationslexikon in Lieferungen beziehe , und für eine Ehe sei natürlich das Wesentliche gegenseitige Liebe und Hochachtung , er aber als Vater habe doch die Verpflichtung , außerdem noch einen Punkt zu bedenken ; und bei diesen Worten machte er die Gebärde des Geldzählens und sah Heller erwartungsvoll an . Der war recht verlegen über das Mißverständnis und schwieg , denn es fiel ihm nichts ein , was er hätte sagen können . Der Alte schob sein Schweigen auf die natürliche Schüchternheit eines jungen Mannes , der vor dem Vater seiner Braut steht , wollte ihn zutraulich machen und sprach deshalb weiter , indem er die Macht der Bildung rühmte und die Neuzeit lobte , welche die Bildung auch dem Volke zugänglich mache , wodurch Aberglaube und schlechte Sitten ausgerottet würden . Wie er sich bei dieser Gelegenheit erkundigte , welchem Studium sich Heller im besonderen zugewendet habe , fand der eine Möglichkeit , aus seinem peinlichen Schweigen herauszukommen , indem er ausführlich erklärte , daß er ursprünglich Theologe gewesen sei , aber nachdem er sich aus seinen ersten Ansichten heraus entwickelt habe , so verzichte er jetzt auf das theologische Studium und wolle zunächst seine Persönlichkeit bilden dadurch , daß er die verschiedensten Dinge auf sich wirken lasse . Hierüber wiegte der Alte den Kopf und hielt ihm entgegen , daß doch die theologische Laufbahn sehr viele Vorteile biete , besonders indem ein junger Mann in ihr rasch zu Brot komme , was eine sehr wichtige Sache sei , zumal wenn einer daran denke , einen Hausstand zu gründen . Hierauf sprach Heller wieder von seinen Überzeugungen , und der Vater im schwarzen Rock wurde hingegen noch dringender mit den Anspielungen auf die künftigen Erwerbsverhältnisse ; da erschien es Heller plötzlich als eine Rettung , wenn er diese als recht schlecht hinstellte , und so erzählte er , daß er nicht gesonnen sei , einen bestimmten Beruf zu ergreifen , sondern er gedenke vornehmlich für seine Ansichten zu wirken . Nachdem der Streich mit der Übergabe der verbotenen Schriften so übel abgelaufen war , hatte der Alte seine Sicherheit verloren , und deshalb , wiewohl er aus allem verspürte , daß Hellers Absichten und Verhältnisse ganz anderer Art waren , wie er gedacht , wurde er doch nicht ärgerlich , wie ihm wohl sonst geschehen wäre , sondern er machte ein bekümmertes Gesicht , seufzte und gab Heller die Hand zum Abschied , indem er sagte , die Welt sei heute anders wie früher , und ein Vater mit erwachsenen Kindern habe viele Sorgen ; er vertraue aber Heller , daß er nicht schlecht an seiner Tochter handeln werde ; darauf ging das alte Männchen unter vielem Dienern aus der Tür . Nach diesem Besuch dachte Heller in einer neuen Gesinnung über seine Liebe nach und kam zu dem Schluß , daß bei dem Verhältnis doch auf beiden Seiten ein Irrtum gewaltet habe , indem Helene eigentlich noch gänzlich in den bürgerlichen Anschauungen befangen war und sich nicht , wie er vorher gemeint , zu den modernen Ideen durchgerungen hatte und ihn auch nicht richtig verstanden hatte , und auch sie hatte sich etwas andres von ihm gedacht . Dazu kamen psychologische Erwägungen , denn es war ihm nicht entgangen , daß sie in ihrem Anzuge sehr ordentlich , aber recht einfach war und keinerlei Reiz entfaltete , wo doch offenbar ein Mädchen , wenn es liebt , den Wunsch hat , dem Mann auf jede mögliche Weise , namentlich aber durch den Anzug , zu gefallen ; deshalb , wenn sie in Wahrheit eine Neigung für ihn hätte , so müßte sich ihr Gefühl irgendwie in kleinen Koketterien der Haartracht , oder eines einfachen Schmuckes , oder einer gefälligen Bluse , oder sonstwie äußern , aber weil nichts dergleichen geschehen , so mußte er zu dem Schluß kommen , daß ihre Zuneigung zu ihm nur auf einem Irrtum beruhte , der ja erklärlich war , daß sie unter ihren eigentümlichen Umständen sich das einreden konnte , sie liebe ihn , während sie vielleicht nur Achtung empfand . Wie Heller sich das klar gemacht , beschloß er ohne Zögern so zu handeln , wie es die Umstände forderten , denn für sie beide schien es ihm das beste , wenn sie nunmehr , nachdem sie diese Einsicht gewonnen , in den gewöhnlichen Zustand zurückkehrten , in dem sie sonst gelebt hätten ; deshalb schrieb er gleich in diesem Sinne an Helene einen Brief . Diese aber war sehr traurig , als sie Hellers Meinung erfuhr , und weinte heftig , denn sie dachte , daß sie durch irgend etwas seine Zuneigung verscherzt habe , prüfte alle ihre Handlungen und fand endlich als einzigen Grund , der möglich war , daß sie die Angelegenheit ihrer Mutter erzählt , und daß vielleicht von ihrem Vater Schritte geschehen seien , die ihn verletzt hatten . So ging sie zu ihren Eltern , um sich zu erkundigen , und wie sie alles gehört , machte sie unter vielen Tränen ihrem Vater heftige Vorwürfe und sagte , er habe gegen sie ebenso gehandelt wie gegen ihren Bruder , und der alte Mann geriet in große Not und versuchte sie mit allerhand Versprechungen und Liebkosungen zu beruhigen , aber sie sagte immer , ihr Leben sei zerstört , und keinerlei Trost wollte helfen . Es mußte aber in solchen Fällen auf einen immer alle Schuld geworfen werden , und so vereinigte sich bald die Mutter mit der Tochter gegen den Vater , und am Ende kam Helene derart zu einer gewissen Beruhigung , weil sie beides , Vorwürfe machen und Klagen auslassen konnte . Wie Heller den üblen Erfolg seines Planes vernommen hatte , geriet er in große Verlegenheit und beschloß , daß er Helene weiterhin besuchen und scheinbar ganz in der früheren Weise mit ihr verkehren wollte , dabei aber sollte sein Zweck sein , sie sowohl durch Gründe wie durch Erregung von Stimmungen zu andern Gefühlen zu bringen , so daß sie ihre gefaßte Liebe vergäße . Indem er nach diesem neuen Plan handelte , geschah es indessen , daß die beiden als zwei junge und harmlose Leute sich immer weiter in dem Netz der Liebe verstrickten ; und wie es öfter geschieht , so kam es auch hier dazu , daß der weibliche Teil schnell ein Übergewicht erhielt , nachdem erst einmal eine gewisse Klarheit in den Beziehungen eingetreten war , und da Helene als ein braves und ordentliches Wesen keine Neigungen für Hellers neue Theorien aufwies , so endeten die beiden zuletzt mit einer gewöhnlichen und bürgerlichen Verlobung . Und dieses Ende machte zwar Heller manche Unruhe , denn er vermochte nur schwer seine Gedanken auf solche unerwartete Handlungsweise einzurichten , im Grunde aber hatte er doch ein großes Glück durch diesen Ausgang , denn nun wurde seinem Bedenken und Reden ein Schluß gemacht , und er mußte sich auf einen Broterwerb einrichten , was für einen solchen Mann doch nötig ist , sonst wird er mit den Jahren anstatt klüger , immer läppischer , und zuletzt gelangt er vielleicht sogar zu Bösartigkeit . Diese geschilderte Entwicklung von Hellers Liebe ging naturgemäß in einem längeren Zeitraum vor sich , währenddessen unser Held Hans verschiedenes kennen lernte , von dem er vieles noch nicht gewußt . Die Berichte Hellers vom Fortgang seiner Geschichte hörte er zuletzt mit Kopfschütteln an , denn wiewohl der andre älter war wie er , kamen ihm doch jetzt Bedenken über ihn , und er schätzte ihn nicht mehr so sehr hoch wie anfangs . Da sich eine solche Wandlung aus der größten Hochachtung nicht verbergen läßt , so verspürte sie Heller wohl , und indem er durch sie an einer Stelle getroffen wurde , wo er am leichtesten verwundbar war , nämlich in der besonderen Achtung , die er vor sich selbst hatte , so wurde er merklich kühler . Hans aber wurde inzwischen durch die Zufälle solcher unbestimmten Situationen des Lebens , wie er sich jetzt befand , zu einem weiteren Verkehr mit Krechting getrieben und zu einer Bekanntschaft in der Familie von Kurts Herrn . Über diesen Geschäftsmann und seine Frau ist nichts Wichtiges zu sagen , denn sie sind ganz gleichgültige bürgerliche Personen gewesen . Der Mann hatte sich von unten in die Höhe gearbeitet , und weil er nicht Zeit gehabt , bei steigendem Wohlstand sich geistig weiterzuentwickeln , so hatte er nun immer ein Gefühl der Scheu und Befangenheit in seinem neuen gesellschaftlichen Leben ; dazu hatte er seine alten Gewohnheiten zum Teil beibehalten , die er als ganz armer Mensch gehabt , und hielt viel von dem alten Aberglauben fest , der sich bei den Juden aus dem Osten untrennbar mit ihrer Religion gemischt hat . Dergestalt trat er in seinem Hause nicht hervor , denn die Frau , die er geheiratet , als er schon wohlhabend war , mochte im Grunde wohl auch nicht mehr Bildung besitzen wie er , hatte sich aber die äußeren Formen angeeignet und zeigte eine verwirrte Freundschaft zu vielen unzusammenhängenden Dingen , mit denen man sich in der gebildeten Gesellschaft beschäftigt , und leitete nach diesen Wünschen das Haus . Unter solchen Verhältnissen waren zwei gute und brave Kinder aufgewachsen , ein Sohn und eine Tochter , und hatte der Sohn , der jetzt ein junger Student war wie Hans , schon von Kindheit an eine sonderbare Neigung für ganz entlegene Gelehrsamkeit gehabt und vermochte es durchzusetzen bei dem bekümmerten Vater , der in seines Herzens Grunde alle Leute , die nicht viel Geld verdienen , trotz vieler Mühe zum Gegenteil für dumm halten mußte , daß er Vorlesungen über orientalische Sprachen hören durfte ; die Tochter aber , die vor Fremden Luise genannt wurde , war ein fünfzehnjähriges Mädchen von früher Entwicklung , die eine große Liebe für die Dichtung aufwies . Bei diesen Leuten war Krechting sehr bekannt , und als Hans hier das erstemal einen Besuch machte , mit großer Schüchternheit , und empfangen von einem erstickten Lachen der lustigen Luise , da traf er den dort an . Krechting war gleichfalls jüdischer Abkunft und mochte damals achtundzwanzig Jahre zählen . Vor etwa zehn Jahren war er als Student nach Berlin gekommen und hatte sich einer Gesellschaft gleichalteriger Schriftsteller angeschlossen , in der er nach kurzem berühmt geworden als Dichter von ganz besonderer Begabung , indem er auf eine neue und unerhörte Art sah und darstellte . Dann hatte er ein Büchlein drucken lassen , und weil dieses gerade in die Zeit kam , wo immer Neues sich ablöste , und die Kunstrichter , einmal aus ihrer alten Ruhe geschreckt , gegen sich mißtrauisch geworden waren und begannen , alles Neue und Unerhörte ebenso hoch zu preisen , wie sie es bis vor kurzem verhöhnt hatten , so fehlte es ihm nicht , und der verwachsene junge Mann wurde als der Begründer einer besonderen Richtung gepriesen und als ein solcher sogleich den übrigen jungen Größen der Dichtkunst beigezählt . Seit dieser Zeit aber hatte er kein weiteres Buch geschrieben ; und zwar folgten ihm nun andere Neutöner und wurden neben ihn gestellt , aber sein Name war befestigt und blieb , gerade durch sein Schweigen , indem die Leute zwar mehr und mehr vergaßen , was er eigentlich damals gesagt hatte . Dann sammelte von den jüngeren Kunstrichtern , die zu jener Zeit den Ton angegeben , allmählich einer nach dem andern seine Aufsätze , und in jeder solcher Sammlung war auch ein Aufsatz über ihn , darauf erschienen zusammenhängende Bücher über die geistige Bewegung jener Zeit , und in jedem hatte er eine besondere Stelle ; und so bekam sein Ruhm bereits eine gewisse geschichtliche Art , und war anzunehmen , daß man auch weiterhin über ihn schreiben werde wie bis jetzt , und nach langer Zeit , etwa einige fünfzig Jahre später , würde dann ein jüngerer Gelehrter Quellenstudien über sein Leben machen , seine Briefe herausgeben und auch sein alsdann sehr selten gewordenes Buch ( denn nur wenige Abzüge waren verkauft ) neu drucken lassen . Seine Eltern hatten ihn nach Berlin geschickt , damit er Rechtswissenschaft studiere und dann Anwalt werde und als solcher einen großen Namen bekomme und viel Geld verdiene , er aber hatte das Berufsstudium bald aufgegeben und allerlei anderes getrieben , um seine Persönlichkeit auszubilden . Da er von ärmlichem Herkommen war , so blieben endlich die Zuschüsse von zu Hause aus , und indem er trotz seiner Berühmtheit und seiner vielen und verschiedenen Kenntnisse und Fähigkeiten doch nicht viel verdienen konnte , außer etwas Geringes durch Musikstunden , so gelangte er zu der Meinung über sein Schicksal , die er mit der Redewendung ausdrückte , er sei unter den Frachtwagen gekommen . Den meisten Menschen war es wunderbar , wie er sich zu ernähren vermochte , indessen hatte er sich doch immer durchgeschlagen bis jetzt , vornehmlich durch Bekanntschaft in wohlhabenden Kaufmannsfamilien , dann durch Unterstützungen , die er sich so geschickt zu verschaffen wußte , daß sie nicht kleinlicher Art waren und von vielen kamen , denn geringe Summen , die er geliehen , zahlte er pünktlich zurück . Unter solchen Umständen hatte er jene zehn Jahre verbracht , die in eine wichtige Lebenszeit fielen , wo sich Wesentliches im Menschen bildet . Als er noch Kind war , machte einmal auf ihn eine Stelle aus dem Talmud einen besonderen Eindruck , wo geschrieben stand : Wer eine gerechte Handlung tut , ist ein Geselle Gottes in der Weltschöpfung . Solange er an Gott glaubte , hatte er diesen Gedanken als seinen Mittelpunkt , und seinetwegen glaubte er später nicht mehr an Gott , denn solches Wort ist ja nur ein mythischer Ausdruck der Gottlosigkeit , die aus dem Hochmut kommt . Deshalb hatte er nachher überhaupt keinen Mittelpunkt mehr für sein Selbst , und das einzige Feste in ihm war der Hochmut . Seiner Eltern schämte er sich bald , die ordentliche Leute waren nach ihres Volkes Art , denn er schämte sich auch seines Volkes , ja er legte den Namen seiner Eltern ab und nahm einen fremden an . Dabei fühlte er aber wohl , daß er immer mit sich tragen mußte , was er hierdurch fliehen wollte , nämlich das Erbteil der Schlechtesten unter ihm , den Sinn eines frechen Knechtes . Dem hatte das Schmarotzerleben seine