davon , ein großes helles Dachzimmer , freundliche alte Wirtsleute . Die Luft hat beinah etwas Südliches in diesen heißen Tagen , die Straßen ganz weiß von dem flimmernden Kalkstaub . - Und das Arbeiten in unserm großen kühlen Atelier , und dann wieder in die Sonne hinaus , den ganzen Tag sein eigner Herr sein , keinen Moment des Tages sich nach anderen richten zu müssen ! So habe ich mir ' s geträumt , das ist endlich die Luft , in der ich leben kann . Mein Gott , und jetzt muß ich arbeiten , arbeiten bis aufs Blut , und dann faßt mich der Jammer an um all die verlorene Zeit , was für Jahre hätte ich jetzt schon arbeiten können . Und die Angst , ob meine Kraft doch noch voll ist - manchmal jubelt es in mir , und ich möchte alle Himmel stürmen , aber dann kommt wieder dies sonderbare Gefühl , als ob irgend etwas fehlte - als ob da irgendein toter Punkt wäre , über den ich nicht wegkam . Da habe ich nun , seit ich halbwegs selbständig denken kann , diesen Heißhunger nach der Kunst gehabt - wie man sich mit allen Gedanken nach einem geliebten Menschen sehnt . Aber in dem Augenblick , wo er da ist und man mit ihm zusammenschmelzen möchte in jeder Empfindung , da versagt wieder die innere Glut und man tut nur so , als wäre es , was es sein sollte . Manchmal glaube ich überhaupt , ich bin wirklich mit dem verkehrten Fuß auf die Welt gekommen und werde mich nie zurechtfinden . 5. September Allmählich lerne ich meine Kolleginnen kennen ; sie sind im ganzen ziemlich langweilig , nur mit der Dalwendt freunde ich mich immer mehr an . Sie ist aus meiner Heimat , sieht aus wie eine Germania , groß , mit schwerem blonden Haar . Wir gehen nachmittags zusammen ins Café und dann spazieren . München ist wundervoll in dieser Sommer-Herbststimmung mit dem blauen Duft . Gestern lud sie mich den Abend zu sich ein . Sie lebt mit ihrer Mutter , die den ganzen Tag arbeitet , um ihr das Studium zu ermöglichen . So etwas greift mich an meiner sentimentalen Seite an . - Die Erinnerungen sind mir noch zu nah , ich darf nicht daran denken , - an nichts , als daß ich jetzt weiterkomme . Nach Tisch ließ sie mich ihre Sachen sehen , Federzeichnungen , alle möglichen Kompositionen . Ich bin ganz in mich zusammengesunken . Was hat die für ein Können und ist kaum älter wie ich . Wir gingen noch spät im Mondschein an die Isar hinunter , standen lange auf der Brücke und sprachen von unserm Leben und von der Kunst . Jetzt ist es nach Mitternacht , ich bin eben erst heraufgekommen , habe die Fenster weit aufgemacht , Mondlicht und Nacht kommen von draußen herein . Heute hab ' ich einen Einblick in das ganze , bewußte Schaffen eines andern Menschen getan und ringe nun darum , das auch in mir zu finden . Es ist wie Gebetsstimmung in mir . 9. September Früh an der Akademie , um ein Modell zu suchen . Ich war schlecht angezogen - wie immer , denn ich habe überhaupt fast nichts mehr anzuziehen - und wurde selbst für ein Modell gehalten . Ein Maler wollte mich mitnehmen , ich hatte die größte Lust , aber ich darf jetzt nur für meine Arbeit leben und keine Kindereien treiben . 14. September In den Bergen gewesen , und da bekam ich Heimweh nach dem Meer , nach dem Freien , Weiten . Die andern lachten mich aus , weil ich mir die Berge höher vorgestellt hatte . Überhaupt bin ich fast immer enttäuscht , wenn ich etwas sehe , das ich mir irgendwie vorgestellt habe . Es ist nie so überwältigend , wie ich es haben wollte . Zu Hause Briefe von Reinhard vorgefunden . Er freut sich über meine jetzige Lebenslust . - Es kommt mir fast wie Ironie vor - denn ich bin gar nicht lustig - mir ist , als ob mein Leben in einer Krisis wäre , die vielleicht alles verschlingt . Ich denke viel über Reinhard und über unser Verhältnis nach . Wie waren wir glücklich zusammen diesen Sommer - ich war also doch einmal wirklich glücklich und glaubte selbst daran . Aber mitten im Glück dachte ich wieder an einen anderen - Leon - , es zuckt immer noch etwas in mir nach , wenn ich seine Karte lese , und ich möchte ihn wiedersehen . Das war noch bei allen meinen Lieben so . Vielleicht kann ich überhaupt nicht ganz und ungeteilt lieben - das habe ich mir schon oft gesagt - oder wenigstens nicht einen allein . Wie oft haben Reinhard und ich darüber gesprochen - er glaubt selbst , daß er sehr frei denkt - aber nur da , wo es nicht unser Verhältnis zueinander angeht . Er ist im Grunde doch ein moralischer Mensch und ich bin es nicht , das ist die ganze Geschichte . Hätte ich ihm von Leon erzählt , so wäre alles zwischen uns aus gewesen . Gestern sprach ich mit der Dalwendt darüber - sie ist auch verlobt ; aber noch ganz unschuldig - aus Überzeugung , weil sie es so will . Bei mir ist es immer nur , daß ich gezwungen bin oder mich zwingen lasse , nach dem Empfinden eines andern zu handeln . Mir selbst gegenüber habe ich nie das Gefühl , etwas einzubüßen - im Gegenteil , mich drückt oft nur meine Tugend nieder , dies ewige Vorbeigehen am Leben , und manchmal verlangt mich danach , mich besinnungslos in den Strudel zu stürzen . 20. September Heut haben wir den ganzen Abend in einer Schnapsschenke gezeichnet - eine niedrige , verräucherte Gaststube , wo wahre Banditengestalten an langen Tischen saßen , mit kleinen Schnapskelchen aus dickem gelben oder rotem Glas vor sich . Die Strolche fühlten sich sehr geschmeichelt und sagten , wir sollten nur bald wiederkommen . Nachher an der Isarbrücke bis Mitternacht , dann allein an meinem Fenster . Wie gut ist es , so allein zu leben - ob ich es wohl jemals aushalte , mit jemand anderm immer zusammen zu sein ? - Wie soll das später werden ? Auf alle Fälle bin ich entschlossen , erst in mehreren Jahren zu heiraten , wenn wir denn durchaus heiraten müssen . Nach meinem Gefühl wäre es viel schöner , nur hier und da eine Zeit zusammenleben und dann jeder wieder seinen eignen Weg gehen . Ich möchte es immer so haben wie jetzt , nur ans Malen denken und alles tun , was mir einfällt . 30. September Morgen fängt die Malschule an , ich bin in dieselbe eingetreten wie die Dalwendt - für den Nachmittag gehen wir in eine andre zum Modellieren . Der Auszug aus unserm Atelier ging mit Hindernissen vor sich ; die andern hatten schon tags vorher ihre Sachen holen lassen , und die Dalwendt und ich standen ratlos vor einer Horde von Dienstmännern und Modellen , die alle Geld haben wollten . Schließlich luden wir unsre Staffeleien und Modellierböcke selbst auf und trugen sie fort . Wie es mit dem Geld gehen soll , weiß ich überhaupt noch nicht . Bei all den Anschaffungen und dem doppelten Schulgeld bleibt mir zum Leben fast nichts übrig . Ich habe heute alles ausgerechnet , für Kleider , Schuhe , Essen , Trinken und was sonst zum täglichen Leben gehört . Es ist nicht viel . 4. Oktober Unser jetziges Atelier ist ein » gemischtes « , Maler und Malerinnen zusammen . Außer uns noch einige Amerikaner , Polen und ein früherer Offizier , von Baldern . Der , die Dalwendt und ich finden uns in den Pausen als Rauchkollegium zusammen . - Von acht bis elf Uhr arbeiten wir in der Zeichenschule , dann bis eins modellieren , nachmittags noch zwei Stunden zeichnen und dann der Abendakt . Außerdem skizzieren , soviel es geht . Gut , daß ich eine solche Gesundheit habe - was andre Leute angegriffen sein nennen , kenne ich überhaupt nicht . 9. Oktober Natürlich mußte wieder etwas kommen - ich wußte es ja . Die Ruhe konnte nicht dauern , für mich kommt niemals Ruhe . - Wo war mein Verstand , daß ich eine Zeitlang daran glaubte - an ein volles Glück zu Zweien , » mit Weinlaub im Haar « , wie wir in alten Zeiten sagten , in voller Freiheit , schrankenlosem Verstehen bis ins Letzte hinein - an all das , was es nie für Menschen gegeben hat und nie geben wird . Ich hatte vergessen und vergessen wollen , daß es unmöglich ist . - Ich hätte mit allem brechen sollen und für mich allein bleiben . Weil Allersen nach München gekommen ist , um hier weiter zu studieren , verlangt Reinhard von mir , ich sollte nach Berlin zu seinen Verwandten gehen und dort arbeiten . Wir wechseln endlose Briefe darüber , und diesmal gebe ich nicht nach . Von München fort , nachdem ich zum erstenmal die Atmosphäre gefunden , in der ich atmen kann , von der ich alles erwarte . - Unser Glück muß allem andern vorangehen - da liegt es eben - darin fühle ich ganz anders . Ich kann nicht an Zusammenleben und Glück denken , ehe ich mich selbst gefunden habe , und endlich bin ich auf dem Wege dazu ; aber es ist noch alles so unklar und verworren in mir . Man soll mich in Ruhe lassen . - Auf die Höhe hinaufkommen oder daran kaputt gehen , - aber diese beiden Möglichkeiten soll man mir lassen . Wie kann ich da jetzt nach Glück fragen ? Und wenn er soweit nicht mit mir gehen kann , müssen sich unsre Wege trennen . Ich brauche gerade diese Zwanglosigkeit - meine Mutter würde sagen Zügellosigkeit - meines hiesigen Lebens . Und vielleicht ist das auch das richtigere Wort - ich kann keine Zügel vertragen . Wenn ich ihm nur begreiflich machen könnte , daß das alles furchtbarer Ernst ist - vielleicht ist es auch meine Schuld , daß mich niemand ernst nimmt . Sie nehmen mich alle nur von meiner Clownseite , die andre kennt selbst Reinhard nicht - nur ich selbst . Im Grunde bin ich halb gleichgültig dagegen , was nun werden mag . Ich stürze mich nur in die Arbeit . Beim Aufwachen kommt alle Morgen so ein Gefühl , daß irgend etwas Bedrückendes da ist . Im Bett beim Kaffeetrinken denke ich darüber nach , aber dann wird es abgeschüttelt , mit einem Sprung ins kalte Wasser , und für den ganzen Tag vergessen . 20. Oktober Eine ganze Woche briefliche Auseinandersetzungen . Er wirft mir rücksichtslosen Egoismus vor - ja , den habe ich auch , wo es sich um dies eine handelt . » Unser Glück « , immer wieder unser Glück - was einmal auch für mich so schöne volle Worte waren , kommt mir jetzt fast wie eine Redensart vor , wie wenn man bei einem Gottesdienst sitzt , nachdem man längst den Kinderglauben verloren hat . Und ich bleibe bei meinem Nein . - 22. Oktober Wirklich , ich bin ganz verwandelt , mich erregt nichts , macht nichts mehr traurig , mich läßt alles kalt außer dem Arbeitsfieber , das in mir brennt . Ich kann mich nicht mehr teilen - aber ich bin froh , daß das endlich gekommen ist . Durch die Dalwendt lernte ich noch zur Zeit unsres alten Ateliers ein junges Mädchen kennen , sie heißt Marie-Luise und ist sehr eigentümlich und schön mit ihrem gradlinig geschnittenen Gesicht und dem dichten , goldenen Haar . Sie lebt mit ihrem Bruder zusammen , er hat dieselben Züge , nur schärfer und etwas Leidendes drin . Beide leben ganz in Büchern und Gedanken - - ich bin oft abends da und kann sie mir nur in diesem halbdunklen Zimmer mit der umschleierten Lampe und den vielen alten Sachen denken . Es kommen noch allerhand Menschen hin , die auch nicht zur übrigen Welt zu gehören scheinen und von denen man nie recht begreift , wer sie sind und was sie tun . Alle kommen spät abends , gegen elf Uhr , und meist gehen wir dann noch in der Nacht durch den Englischen Garten . Manchmal besuchen wir auch einen alten , verwachsenen Pfarrer , der in einer Dachstube wohnt und aussieht wie ein Waldmensch in seinem graugrünen kuttenartigen Schlafrock und dem mächtigen Bart. Er gibt uns schlechten Wein zu trinken - Maria-Luises Bruder ließt » Zarathustra « vor und gibt es für ein apokryphes Buch der Bibel aus . Zuweilen fällt es dem Alten ein , eine Andacht zu halten , er kriecht in eine Ecke und brüllt zu dem verstimmten Klavier mit furchtbarer Stimme Choräle . « 29. Oktober Neulich abend wollten wir etwas erleben und gingen in möglichst verdächtige Gesindelkneipen , hatten Revolver mit , aber es passierte gar nichts . Es waren nur die beiden Geschwister und ich , wir gingen nachher noch zu ihnen hinauf und sprachen die ganze Nacht durch , ich erzählte ihnen von meinem Leben . » Und Sie glauben noch an Glück « , sagte der Bruder . - Ich dachte an den Sommer und sagte ja - aber ich fühlte wohl , daß er weiß , wie es in mir aussieht . In der Morgenfrühe brachten sie mich nach Hause , und ich lag den ganzen nächsten Tag mit furchtbarem Kopfweh da . Es ist ein eignes Gefühl , so einen langen , hellen Tag im Bett zu liegen und sich nicht recht besinnen zu können . Ich wußte kaum , ob es Morgen oder Nachmittag wäre . Dann kam jemand herein , ich sah Marie-Luise neben mir stehen und konnte mir nicht recht klar werden . Sie beugte sich zu mir nieder , sagte irgend etwas , dann küßte sie - mich auf die Stirn und war wieder fort . Gegen Abend wachte ich auf und merkte , daß ich etwas in der Hand hatte - ein Zehnmarkstück . Es fuhr mir förmlich durch die Glieder . Woher weiß sie , wie schlecht es mir geht . Vielleicht habe ich gestern abend selbst davon gesprochen , aber ohne an so etwas zu denken . Von andern würde ich nie etwas annehmen , aber hier lag etwas darin , was mich tief bewegte . - Jetzt weiß ich auch , was mir gefehlt hat - sowie ich etwas Vernünftiges zu mir genommen hatte , war ich wieder gesund . Und ich war so stolz darauf gewesen , daß man ebensogut ohne Mittagessen leben könne . Und was nun ? Nach Berlin gehen und mich füttern lassen - meine schöne Freiheit verkaufen ? - Reinhard darf nichts davon wissen , ich schreibe ihm nur , daß ich ganz gut auskäme . 5. November Das Modellieren aufgegeben - wir sollten diese Woche Halbaktreliefs in Lebensgröße machen , aber ich habe kein Geld , um Modell zu nehmen . Darüber geriet ich gestern so in Wut , daß ich den Ton herunterriß , die Modellierhölzer in alle Ecken warf und tobend abging . Die Dalwendt sagte mir nachher , daß unser Lehrer sehr erstaunt gewesen sei . So habe ich mich jetzt ganz aufs Zeichnen geworfen . Nachmittags stehe ich der Dalwendt Modell , weil sie auch keins mehr halten kann , und sie muß mir dafür einen Kaffee zahlen . « 8. November Oben im Haus , wo unsere Schule ist , wohnt ein polnischer Maler , mit dem Baldern befreundet ist . Er nahm mich gestern mit hinauf . Ein junger Mensch , der Maxl genannt wurde , saß auf der Erde ; Zarek , der Pole , lag im Bett , und sie stritten wütend über Shakespeare . » Entschuldigen Sie , daß ich liege in Bett , ich bin schrecklich krank , aber sind Sie ja freies Weib . « Dann meinte er , ich sähe noch zu jung aus für ein Bewegungsweib , und ich bestritt auch , daß ich eines wäre . » Aber die kurzen Haare ? « Ich sagte , daß ich mir die noch zu Hause hätte schneiden lassen , um nicht immer so verrauft von meinen Rendezvous heimzukommen . Das war noch in der letzten Seminarzeit . » Sie haben Schatz gehabt , Fräulein ? « - worauf ich ihnen erklärte , daß ich jetzt verlobt wäre , und das erregte einen förmlichen Sturm von Empörung . 12. November Jetzt bin ich alle Tage droben , in den Pausen und oft auch abends . Da kommen viele Maler hin , meist Polen und Russen . - Walkoff hat meine Studien in die Hand genommen , und ich lerne viel durch ihn , muß ihm alle meine Zeichnungen bringen . Es scheint , daß sie sämtlich nichts zu essen haben - wenn einer etwas Käse mitbringt , gibt es einen Aufruhr . Aber so habe ich noch nie über Kunst sprechen hören , sie sind alle wie toll , wenn sie davon anfangen . Bei Zarek hatte sich abends eine Gesellschaft versammelt , die viel zu groß für das enge Atelier war . Dazu ein kalter Novemberabend , und man fror erbärmlich . Ellen versuchte , das Feuer in Gang zu bringen , und warf dabei ein paar Holzscheite auf den Boden . » Kind , bist du ungeschickt « , sagte Zarek , » hast du Hände , wo alles fallt heraus . Wirst du miserable Hausfrau . « » Laß mich in Ruh ' , dummer Onkel , dein Ofen taugt nichts . Außerdem bin ich noch lange nicht Hausfrau . « Sie konnte es nicht leiden , wenn immer auf ihr Verlobtsein angespielt wurde , und sah unwillkürlich zu Walkoff hinüber . » Nennt sie mich immer Onkel « , sagte Zarek und ging an den Spiegel . » Schau ' ich wirklich aus wie alter Onkel ? « Er hatte eine rote wattierte Jacke an , eine Riesennase und struppiges Haar . » Geben Sie Obacht , der Spiegel zerspringt , wenn Sie hineinsehen « , rief eine russische Studentin , die neben Baldern auf einer Matratze saß . - Außer den beiden war noch ein Bildhauer da mit einem rotblonden Mädel . Der Maxl schlug vor , man sollte Glühwein machen , um endlich warm zu werden . So legten sie alle zusammen , und er ging zur Krämerin hinüber , um Wein zu holen . Dann gab es ein lautes Durcheinander , bis jeder sein Glas oder seine Tasse hatte . Zarek schnitt mit einem großen Messer Holzspäne , die als Löffel dienen mußten . Nun wurde es endlich gemütlich ; weil nicht genug Platz war , zogen sie Polster und Kissen aus dem Bett und legten sich damit auf den Boden . Die Luft füllte sich mit Zigarettenrauch , und es war ein solcher Lärm , daß man sich kaum verstehen konnte . Baldern und die Russin hatten sich auf dem Bett niedergelassen , er spielte Gitarre und sie sang ein Lied nach dem andern . Der Maxl , der einzige , der immer nüchtern blieb , saß auf einem Stuhl , die Beine weit von sich gestreckt , und sprach über Rembrandt , Ellen neben Walkoff an der Erde und hörte zu . Sie hatte den Kopf an ihn gelegt , seine Hand glitt über ihre Haare und ihren Hals - zwischendurch sahen sie sich an und tranken aus demselben Glas . Das andre Paar flüsterte und küßte sich in der entferntesten Ecke . Dazwischen wanderte der Onkel unruhig umher und stolperte jeden Augenblick über ein paar Füße - er hatte ein künstliches Bein und hinkte stark ; das machte seine schwerfällige , breite Gestalt noch unbeholfener . » Seid ihr alle besoffen , pfui , liebe ich nicht Bacchanal . « » Hab ' ich kein Weib « , parodierte ihn Baldern , » komm her , du kannst abwechselnd bei uns hospitieren . « » Nicht gemein werden « , sagte die Russin . » Warum ist die Dalwendt nicht hier , dann seid ihr immer so anständig . « Zarek setzte sich neben sie und strich ihr eine schwarze Locke aus der Stirn . » Fräulein , schauen Sie mich an mit glühenden Augenach , sind Sie schön , sind Sie wie Schmetterling . « Dann wollte er sie fangen und küssen , irgend jemand löschte die Lampe aus , und nun kam eine verworrene Rauferei im Dunkeln - die Studentin schrie , der Onkel grollte mit seiner tiefsten Stimme , und das Paar in der Ecke lachte laut . Walkoff beugte sich zu Ellen nieder und küßte sie auf den Hals , auf den Mund , bei jeder Bewegung durchrieselte sie ein heißer Schauer . Der Maxl sah ruhig zu , sein schmales Gesicht mit dem blonden , kurz emporgesträubten Haar blieb unbeweglich , während er immer weiter sprach . Da wurde stark an die Tür geklopft , alle fuhren zusammen , blieben dann aber ruhig in ihrer vorigen Stellung , als eine lange Gestalt , die man nicht deutlich erkennen konnte , in der Tür erschien . Nur Zarek polterte dem Angekommenen entgegen : » Ach , Fritz ! Grüß Gott , Fritz . « » Grüß Gott , Fritz « , schrien nun alle im Chor , niemand wußte , wer er war . - Zarek versuchte vorzustellen : » Herr Bruhnert - Fräulein ... « Der neue Gast verbeugte sich aufs Geratewohl ins Dunkel hinein , er war namenlos verlegen und wußte sich nicht hineinzufinden ; obendrein konnte er niemand erkennen , und immer mehr Stimmen kamen aus dem Hintergrund . » Mach ' doch Licht , Zarek , man kann ja nichts sehen . « » Ist auch besser , du siehst nicht . - Ist der Fritz noch sehr unverdorben « , erklärte er dann . Der setzte sich ergeben auf einen Stuhl und schien peinlich berührt . Die andern kümmerten sich nicht viel um seine Gegenwart , schließlich wurde auch die Lampe wieder angezündet . Etwas mißtrauisch und halb amüsiert sah der Fritz über seinen Klemmer weg . - Er war sehr gut angezogen und machte einen wohlhabenden Eindruck . » Du mußt etwas zu trinken haben , Fritzl « , sagte Ellen , » dann wird dir schon besser werden « , worauf er sie mit unbegrenztem Erstaunen ansah . » Ja , wenn Sie so freundlich sein wollen . « Sie goß den Rest in die Gläser , während Zarek es noch einmal mit dem Vorstellen versuchte , aber es war umsonst , und er gab es auf . Dann schlug er mit dem großen Küchenmesser an sein Glas und brüllte : » Ruhe ! - Sind wir alle Menschen , sind wir alle Brüder - sind wir alle Künstler - haben wir alle Rausch - wollen wir Brüderschaft trinken in Kunst ! « » Na , dann komm ich mal doch auch zu einem Kuß « , sagte der stoische Maxl , und das Bruderschaftstrinken begann ; sie waren alle aufgestanden , legten die Arme ineinander , schwenkten sich im Kreise herum und küßten sich . Der Fritz küßte den Damen nur die Hand . » Gehen wir jetzt ins Café , Fritz hat Geld . « Im Café ließen sie sich an ihrem gewohnten Tisch nieder ; man kannte sie dort schon und erschrak etwas , wenn sie kamen , denn für die andern Gäste war es dann unmöglich , noch ein Wort zu reden . - Ellen saß dem Fritz gegenüber und war in ihrer seligsten Laune . » Schaut sie aus wie ein Kind « , sagte Zarek zärtlich . » Walkoff , nimm dich in acht vor Zuchthaus . « » Nimm dich selber in acht « , ließ die ruhige Stimme des Maxl sich vernehmen . » Kuppelei ist auch strafbar . « Der Fritz hatte bisher nur stumm in sich hineingelächelt , allmählich fing er nun an , etwas berauscht zu werden , sah plötzlich auf und nahm sein Glas . » Still , still , will der Fritz Rede halten ! « Er lächelte noch mehr : » Ich glaube allerdings - nachdem - Sie werden mich nach dem heutigen Abend wohl alle für etwas - « » Sie ? - Wir haben doch auf du getrunken ? « » Ja , du hast recht - das wollte ich ja gerade sagen - also da Sie mich so in Ihren Kreis - aber es ist doch nicht so leicht , sich gleich - ich glaube , ich bin heute abend etwas aus der Rolle gefallen ... « Das wurde mit einem so schallenden Gelächter beantwortet , daß er alle der Reihe nach verzweifelt anlächelte . » Sie brauchen mich aber deshalb nicht - ich wußte nur nicht recht , ob es Spaß oder Ernst wäre - « er sah Ellen mit einem tiefen Blick an - , » also nachdem auch diese liebenswürdigen jungen Damen - na , zum Teufel , ich finde nämlich , wenn du Fritz sagst , kann ich auch Ellen sagen . - Dein Wohl , Ellen . « Er sank ganz erschöpft wieder auf seinen Stuhl und wurde fast zerrissen vor Beifall und Händeschütteln . Baldern und die Russin stimmten einen Gesang an , Ellen hielt sich an Zarek fest und war nahe daran , vor Lachen ohnmächtig zu werden . - Aber nun mahnte der Wirt mit nachsichtigem Lächeln zum Aufbruch . Sie nahmen noch einige Bierflaschen mit , tranken sie draußen vor der Tür aus und warfen sie auf der leeren Straße in Scherben , daß es weithin klirrte . Zarek ging voran , sein Stock stieß dröhnend gegen das Pflaster , und er sang laut in die Nacht hinaus , während die andern das Trottoir entlang Galopp tanzten . Bald darauf kam Zarek eines Abends , um Ellen abzuholen . Er war auffallend ordentlich angezogen und machte ein geheimnisvolles Gesicht . » Hat der Fritz uns eingeladen in Ratskeller , mach ' dich ein bißchen schön , Kind - Ratskeller ist nobel . « Sie musterten Ellens ganze Garderobe durch und stellten mit vieler Mühe ein Kostüm zusammen , in dem sie zur Not auftreten konnte . » Schenk ' ich dir ein Kleid , wenn ich mein Bild verkauft hab ' « , sagte Zarek , während er prüfend um sie herumging . » Sapristi ! - kannst du nicht in alten Tanzschuhen gehen - wird der Fritz dir immer auf Füße schauen . « » Der Fritz soll schauen , so viel er will « , und Ellen wurde ganz ungeduldig , » meine Stiefel sind entzwei , und ich kann sie mir diesen Monat nicht mehr machen lassen . « Endlich waren sie fertig , und Zarek polterte an ihrer Seite die vier Treppen hinunter . - Im Ratskeller wartete Fritz , vornehm angetan und mit einer Blume im Knopfloch . » Na , Zarek , das sieht dir ähnlich , so spät zu kommen . « » Ach , der Onkel mußte mich ja erst anziehen « , sagte Ellen , während sie sich setzten . Fritz warf aus seinen tiefliegenden Augen einen mißtrauischen Blick auf den Onkel . » Hab ' ich noch nie solche Garderobe gesehen bei junger Dame . Sag ' ich : zieh an blaue Bluse - ist halber Ärmel abgerissen . Hat sie nur weiße und reibt mit Kreide , daß man Flecken nicht sieht . Gürtel gibt ' s nicht , muß man Plaidriemen nehmen . « Über des Fritz Gesicht glitt ein langsames Lächeln : » Mir bist du in jedem Anzug schön genug , Ellen . « Dann stellte er ein auserlesenes Souper zusammen und ließ Wein kommen . Die Unterhaltung war anfangs etwas einsilbig und geriet mehrfach ins Stocken . Erst nach dem Essen , als sie beim Sekt angelangt waren , begann der Gastgeber allmählich aus seiner Korrektheit aufzutauen . Schließlich setzte er sich neben Ellen und sprach von Liebe , erst im allgemeinen - dann wollte er durchaus wissen , ob sie Henryk Walkoff liebte . » Ach , keine Spur . « » Aber warum bist du dann neulich abend so zärtlich mit ihm gewesen ? « » Das ist man bei uns immer , wenn wir alle einen Schwips haben . - Die andern waren doch auch zärtlich zusammen . « » Ja , und dem Maxl hast du auch einen Kuß gegeben beim Schmollistrinken und Baldern . Gibt es denn bei euch gar keine Grenzen ? « » Doch , dir hab ' ich ja keinen gegeben , Fritzl . « » Ach , du bist schlecht , Ellen - bitte , sei einmal ernsthaft - wen liebst du denn eigentlich - deinen Verlobten ? « » Will ich dir Problem lösen , Fritz « , warf Zarek dazwischen , » mir liebt sie . Haben wir uns schon manchmal geküßt - sapristi ! Denkst du noch , Ellen ? « » Ist das wahr ? « Sie nickte und der Onkel brach in ein unbändiges Gelächter aus : » Schau den Fritz , wie er ist unglücklich ! « Aber der schüttelte den Kopf und starrte eine Zeitlang in sein Glas : » Ihr seid doch sonderbare Leute . - Wollen wir jetzt ins Café ? « Im Café kam ein Blumenmädchen an den Tisch und Fritz kaufte Rosen für Ellen . Eine behielt er in der Hand und drehte sie nachdenklich hin und her , dann rückte er seinen Stuhl etwas vor : » Siehst du , Ellen , die ist noch nicht ganz aufgeblüht - gerade das liebe ich so - halberblühte Rosen , und so kommst du mir auch immer vor