mit leisem Vampyrflügelschlage . Und wo sie sich aufs Volk herniederlassen , da saugen sie ihm bald die vollen Adern leer . Dann sieht man nicht mehr frohe Menschenkinder , die sich in Gottes reinem Lichte sonnen . Der Blick fällt nur auf geistge Mummelgreise , und alles ringsum wird zum - - - Schattenland ! « » So war es hier ; so war es , wie du sagst ! « stimmte der Ustad bei . » Es war die Geisteswüste , genau wie jenes Paradies , von dem ich dir erzählte , ein flaches , ödes , wüstes Schemenland ! Der Stumpfsinn kroch im tiefen Bodenstaube . Der Groll schlich zähneknirschend nachts umher . Der arbeitsscheue Müßiggang schlug frömmelnd sich die Brust und schnappte gierig nach der Dummheit Brocken . Stumm lag der ausgenutzte Fleiß in dürrem Sande . Und über diesen und noch tausend andern Schatten gab es ein unhörbares Flattern dunkler Flederhäuter , für welche du den rechten Namen , Vampyr , hattest . - - So , so war es um die Bewohner dieses traurigen Gebietes und also auch um meine jetzigen Dschamikun beschaffen , als ich zu ihnen kam . Ich hatte zwar schon oft von Menschheitsjammer sprechen gehört und manches Erdenleid an andern und auch an mir selbst erfahren , doch daß dies Elend nicht von dem Geschick bestimmt , sondern nur der Sauggier dieser Flügelhäuter zuzuschreiben sei , das war mir völlig unbekannt gewesen . Ich fragte mich , ob wohl noch Hilfe möglich sei . Wenn ich die unzählbaren Scharen sah , die es von ihnen gab , da hörte ich zu meinen eigenen Füßen die Verzagtheit stöhnen . Ich schob sie fort von mir und dachte nach . Ein Mensch , ein einzelner , war nicht zu helfen fähig , auch viele Tausend nicht . Dies nächtliche Getier stand unter einem Schutze , der mächtiger als Menschenschwachheit ist , dem Schutz der Dunkelheit . Jedoch noch mächtiger als diese ist das Licht . Gelang es mir , es dort hinüber in den Bau zu tragen , der ihm seit langer Zeit fast ganz verschlossen war , so mußten diese Sauger an die Helligkeit des Tages fliehen , wo sie von jedermann erkannt und dann gemieden werden konnten . « Als der Ustad hier eine Pause machte , nahm der Pedehr das Wort . » Was du jetzt sagtest , führtest du auch aus . Wir kannten dich noch nicht ; du hattest keine Hilfe und wagtest dich allein in die Ruinen . Jedoch grad diese Kühnheit hat uns für dich gewonnen ! « » Es war viel leichter , als man denken sollte ! « lächelte der Ustad . » Ich habe mich nicht etwa eingeschlichen . Ich kam im vollen , hellen Licht des Tages und sagte ehrlich , wer und was ich sei . Da hielt man mich erst recht für einen Schatten , der aus der Welt des Lichtes hierher in ihre Dunkelheit geworfen worden sei . Auch dies vermochte nicht , zum Trug mich zu bewegen . Ich nahm mein Licht heraus und zündete es an . Sie hatten nichts dagegen . Das kleine Flämmchen schien sogar hier Freude zu bereiten . Es konnte diese große Finsternis ja doch nur tiefer machen , und für die Menschen draußen brauchte man es als Beweis , daß man in den Ruinen das Licht zu schätzen wisse . « Da fiel der Pedehr ein : » Wir sahen dieses Licht . Es zog uns an . Wir kamen nach dem Bau . Erst einzeln nur , doch bald in größern Scharen . Wir drangen in den Bau . Es wurde hell in ihm , weil wir nicht ohne unsere Lichter kamen . Da ging ein schrillendes Gekreisch durch alle seine Gänge . Es flatterte und huschte überall . Wir leuchteten in alle Ecken und stöberten die Flederwesen auf . Sie flohen vor uns her , auf jede Oeffnung zu . Und wer da draußen stand , der sah sie wie verscheuchte Irrgedanken aus dem Gemäuer kommen und , um die Ecken biegend , schnell verschwinden . Ob vielleicht welche , tief versteckt , sich noch im Bau befanden , das kümmerte uns nicht , weil wir doch nicht die Absicht haben konnten , ihn für uns zu benutzen . Wir bauten uns im Sonnenlichte an und haben bis zum heutigen Tag noch keinen Grund gehabt , es zu bereuen . « » Ihr werdet auch fernerhin keinen solchen Grund finden , « sagte ich . » Für jetzt scheint es mir beachtenswert , daß du nicht genau weißt , ob damals vielleicht welche von den Massaban unentdeckt geblieben sind . Habt ihr denn die Ruinen nicht genau untersucht ? « » Doch ! So weit sie nämlich zugängig waren . Es giebt auch alte , ganz oder halbverschüttete Gänge , in welche wir nicht vorgedrungen sind , weil wir keine zwingenden Gründe dazu hatten . Der Bau des Duar nahm uns so in Anspruch , daß wir keine Zeit fanden , alte Löcher neu auszugraben . « » Wohl ! Lassen wir da einstweilen ruhen ! Wir haben es mit dem Aemir-i-Sillan zu thun . Er brüstete sich schamlos damit , daß die Massaban seine Beschützten seien . Er hat gesagt , daß es in seiner Macht stehe , euch das frühere Gebiet dieser Leute mit der Hilfe von Soldaten wieder abzunehmen . Er will dies aber nicht thun , falls ihr euch bewegen lasset , ihm einen bestimmenden Einfluß über euch einzuräumen . Warum das ? Er muß doch Gründe haben ! Sollten diese auf den Umstand deuten , daß ihr gewisse Teile der Ruinen noch nicht kennt ? Wir werden diese Frage weiter verfolgen , sobald wir Zeit dazu finden . Es giebt für ihn noch eine andere , allgemeinere und noch wichtigere Ursache , euch zu stören . Ich habe sie bereits angedeutet . Er haßt die Kultur , weil sie ihn seiner Macht beraubt . Es liegt in seinem Interesse , sie zu vernichten und nicht wieder aufkommen zu lassen . Das ist ganz derselbe Geist , welcher Etage um Etage eurer Steinpyramide ihrem ursprünglichen Zwecke entzog , um sie schließlich mit gesindelhaften Menschen zu bevölkern . Grad eben , als er dies erreicht hatte und nun damit beginnen konnte , das , was ich vermute , in das Werk zu setzen , kam der Ustad , um mit Hilfe seiner Dschamikun dieses Gesindel wieder zu vertreiben - - - . « » Was vermutest du ? « fragte mich der Ustad . » Davon später ! « antwortete ich . » Für meinen jetzigen Gedankengang genügt die Bemerkung , daß der Aemir-i-Sillan euer Gebiet als Stützpunkt seiner Pläne nicht nur betrachtet hat , sondern selbst auch heute noch betrachtet . Es ist sogar möglich , daß eure Ruinen für ihn von noch größerer Bedeutung als diejenigen des Birs Nimrud sind . Seine Pläne scheinen ihrer Ausführung entgegen zu treiben . Wäre dies nicht der Fall , so wäre er nicht in eigener Person und öffentlich gekommen und hätte es noch viel weniger gewagt , mit seinen Reden und Forderungen so aus sich herauszutreten . « » Vielleicht giebst du dem allem eine größere Bedeutung , als es verdient , « warf der Ustad ein . » Das glaube ich nicht . Ich überlege kalt und objektiv . Der Mirza hat heut Dinge gesagt , von denen man nur dann so deutlich redet , wenn man sie als letzte und höchste Trümpfe ausspielen will . Warum zum Beispiele dieses auffällige Eingehen auf das Wettrennen ? Welchen Zweck hat dieses Rennen für ihn ? Etwa euch einige Pferde oder Kamele abzugewinnen ? Wirst du ihm das glauben ? Ist es vielleicht deshalb , weil er dadurch eine unauffällige Gelegenheit findet , sich für einige Zeit hier aufzuhalten und herumzutreiben ? Wir werden aufpassen , und ich hoffe , daß es uns gelingt , seinen Absichten auf die Spur zu kommen ! Du glaubtest , Ustad , daß ich übertreibe . Bedenke doch , um was für einen Mann es sich handelt ! Es ist ein großer Unterschied , ob ein gewöhnlicher Soldat oder ein hoher General geheime Pläne hegt . Wenn ein Prinz von der Bedeutung Ahriman Mirza ' s euch hinter dem Rücken des Schah-in-Schah mit Vernichtung droht , mit seinen geheimen Gewalten prahlt und es unternimmt , euch verrückt klingende Anschläge zu machen , die kein vernünftiger Mensch begreifen kann , so kann es sich nicht um die bedeutungslose Subordination eines Soldaten gegen sein Korporälchen handeln , sondern die Angelegenheit muß eine höchst wichtige sein , und zwar nicht nur für dich und deine Dschamikun ! « » Willst du mich bange machen , Effendi ? « fragte er besorgt . » Nein ! Ich will nur beweisen , daß wir vorsichtig zu sein haben . Wenn der Mirza fortfährt , so schwatzhaft zu sein , wie er heut gewesen ist , so denke wenigstens ich an keine Bangigkeit . Nur darf er nicht vermuten , daß wir ihn zu durchschauen beginnen . Darum dürfen wir ihn in seinem Anschlage gegen Dschafar Mirza nicht eher stören , als bis die rechte Zeit dazu gekommen ist . Wir machen also seinen Brief an den Henker wieder zu . Der Multasim muß ihn auf jeden Fall bekommen . « » Aber wie ? « » Auf irgend eine Weise , die ihn im Zweifel darüber läßt , wer der Bote gewesen ist . « » Das kann ich jetzt in Isphahan sehr leicht besorgen . Er wohnt ja da ! « » Ja ; thue das ! Ich aber werde mir den Brief sofort abschreiben , und auch das Alphabet . Es kann später von großem Vorteile sein , eine Kopie zu besitzen . « Ich machte die beiden Abschriften in mein Taschenbuch . Als ich damit fertig war , erkundigte sich der Ustad : » Es ist möglich , daß ich Dschafar Mirza in Isphahan treffe . Ich soll ihm also nichts sagen ? « » Nein . Ich wünsche , daß er vollständig unbefangen sei , damit Ahriman Mirza gar nichts merke . Dieser wird ihn auf irgend eine Weise veranlassen , mit hierher zu reiten . Das giebt eine vortreffliche Gelegenheit , den Mord dann auf uns zu schieben , welche Ahriman sich ganz gewiß nicht wird entgehen lassen wollen . Du sagst Dschafar nur das eine , daß ich hier bin . Wenn er das hört , wird er sicher kommen . Dann sind wir wahrscheinlich genauer unterrichtet als jetzt und können ihm gleich Bestimmtes mitteilen , während er jetzt fast nur Vermutungen hören würde . « » Durch die Erwähnung , daß man versuchen wird , Dschafar zum Wettrennen herbeizulocken , erinnerst du mich daran , daß er das edelste und beste Pferd in ganz Persien besitzt . « » Das ist viel gesagt , sehr viel ! « bemerkte ich . » Es ist aber wahr ! « » Jedenfalls hat er es nicht selbst gezüchtet ? « » Nein . Es ist ein Geschenk des Schah-in-Schah . « » So wird es bei Dschafar verdorben . Er ist kein Reiter und wird es auch nie werden . Das habe ich gesehen , als ich ihn kennen lernte . « » Du bist Kenner , und doch hast du Unrecht . Dieses Pferd ist bisher weder von Dschafar selbst , noch von irgend einem andern verdorben worden . Niemand hat es noch je geritten . « » Warum ? « » Der Grund ist eben so einfach wie unglaublich . Dieses herrlichste aller Vollblute läßt sich nämlich nicht reiten , absolut nicht ! « » Das wäre ! « rief ich ungläubig aus . » Persien hat doch Reiter ! « » Allerdings ! Aber die besten , die kühnsten und auch die geduldigsten haben es vergeblich versucht . « » Läßt es niemand aufsteigen , oder wirft es jeden ab ? « » Keines von beiden . Es läßt jeden hinauf und wirft keinen herunter . Es steht wie ein Lamm ; aber es bleibt eben stehen . Es thut keinen Schritt , keinen , einzigen ! Es ist durch keine Lockung und aber auch durch keine Peitsche zu bewegen , sich von der Stelle zu rühren . « » Aber wenn man es führt , während jemand daraufsitzt ? « » So thut es grad soviel Schritte , wie es geführt wird , doch keinen einzigen weiter . Ich habe mich schon gefragt , ob das Natur oder Dressur ist . « » Natur - - Dressur ? Es kann durch keine Dressur erzwungen werden , was die Natur überhaupt verbietet . Es ist dem , was man Dressur nennt , möglich , die Grenzen des Wollens und Könnens um ein weniges zu verrücken ; weiter kann sie nichts . Wenn das Tier aus Liebe zu seinem Herrn etwas thut , was gegen seine sogenannte Natur verstößt , oder wenn es sogar nach und nach selbst Freude an einem ihm angewöhnten Vorgang findet , der keine Folge seiner ursprünglichen Instinkte ist , so kann man doch wohl nicht mehr von Dressur sprechen . Es ist ein Unterschied , ob der Dresseur mit der Peitsche dasteht , oder ob das Tier etwas früher Gelerntes später ganz aus freiem Willen thut . Bei Dschafars Pferd steht niemand , der es durch heimliche Winke oder offene Drohungen zwingt , etwas zu leisten , was ihm eigentlich widerstrebt . Es denkt ; es will ; es folgt einem eigenen Entschlusse und führt ihn sogar mit einer so ausdauernden Energie aus , daß sich mancher Mensch ein Beispiel an ihm nehmen könnte . Es läßt sich weder durch freundliche Verführung noch durch Drohung oder gar Roheit irre machen . Das ist höchster Pferdeadel ! Ein gewöhnlicher Gaul würde nur aus Angst gehorchen , so lange er die Peitsche sieht . Was der Schah-in-Schah in dieses Pferd gelegt hat , ist keine tote Angewöhnung , keine stumpfsinnige Zwangesgehorsamkeit . Es ist eine sehr liebe und sehr gütige Hand gewesen , von welcher das edle Tier dieses Syrr empfangen hat , und es wird auch nur derselben Gesinnung gelingen , es zu lösen . « » Syrr , hast du gesagt ? - Sonderbar ! « rief er aus . » Warum ? « fragte ich . » Das ist der Name des Pferdes . Es heißt Syrr . Hast du vielleicht schon von ihm gehört , oder war es Zufall , daß du dieses Wort brauchtest ? « » Zufall ? Du weißt doch , daß es für mich keinen Zufall giebt ! Ich wußte übrigens nichts von diesem Pferde . « » Aber du wirst doch nicht etwa behaupten wollen , diesen Namen infolge einer Fügung oder Schickung gefunden zu haben ! Das wäre doch wohl lächerlich ! Verzeihe mir dieses Wort ! « » Ich behaupte nichts , und ich vermute und ich folgere nichts . Ich wiederhole nur , daß es für mich diesen Freund der Oberflächlichkeit , den Zufall , nicht mehr giebt . Man nennt ihn auch das blinde Ungefähr . Es scheint nur ungefähr zu sein , und ist auch keineswegs blind . Wer ruhig wartet und die Augen offen hält , der lernt dann ganz gewiß die verborgenen Fäden kennen . « » Verborgene Fäden zwischen dir und diesem Syrr ? « lachte er . » Effendi , Effendi , welcher Wunderglaube ! « » Wer hat sie angeknüpft ? Du selbst ? « antwortete ich ebenso heiter . » Du hast ein Wort betont , bei dem ich mir gar nichts dachte . Ob dieser Ton nur von dir stammt und also bedeutungslos ist , das wird sich finden . Hat denn Dschafar nicht irgend einmal wegen dieses Geheimnisses mit dem Schah-in-Schah gesprochen ? « » Doch ! Er erzählte es mir . Der Beherrscher erkundigte sich einst bei ihm , wie sich das Pferd befinde . Da klagte er ihm seine Not und erzählte von den vielen vergeblichen Versuchen , welche angestellt worden waren . Hierauf lächelte der Schah wie in stiller Freude vor sich hin und sagte : Sobald der Rechte kommt , wird es sofort und stets gehorchen , aber nur ihm allein . Es ist mein Syrr . Kein Mensch wird es ergründen ! Dschafar verstand diese Worte nicht . Auch mir sind sie dunkel . Was denkst du dir wohl dabei , Effendi ? « » Nichts ! Syrr heißt Geheimnis , sogar Mysterium . Achten wir es , indem wir nicht versuchen , an ihm herumzutasten . Das ist der Wille des Beherrschers ! « » So wollen wir für jetzt schließen . Ich bitte um die Erlaubnis , dich hinauf in deine Wohnung führen zu dürfen . « Und indem er sich an den Pedehr wendete , fügte er für ihn hinzu : » Bereite es vor , daß , sobald der Brief an den Offizier fertig ist , einige Boten sofort nach Bagdad reiten , um ihn und seinen Diener zu holen . Er wird sich nicht entschließen können , ohne diesen zu reisen . Für Kepek , den Gewichtigen , werden sie eine Kamelsänfte mitnehmen müssen , weil ein anderes Transportmittel für ihn gewiß zur Marter werden würde . « Nun trennten wir uns vom Scheik . Dieser stieg in das Erdgeschoß hinab . Der Ustad aber nahm eines der beiden Lichter , um mit mir nach oben zu gehen . Als wir aus seiner Stube traten und die Thür der Rumpelkammer vor uns hatten , machte er sie zu meiner Verwunderung auf und ging hinein . » Komm , Effendi ! « sagte er . » Tritt näher ! « » Warum ? « fragte ich . » Du hast diese Sachen mir geschenkt ; aber du weißt gar wohl : Was mein ist , ist auch dein ! Ich hatte vielleicht kein Recht dazu , doch folgte ich der Regung , dich zu prüfen . Du hast bestanden ! Besser , viel besser , als ich erwarten konnte ! Indem du mir diese Dinge alle schenktest , hast du etwas abgelegt . Was es ist , das überlege dir ! Und indem ich , so bald und so oft du willst , sie dir alle wieder zur Verfügung stelle , thue ich etwas , was dich unendlich freuen muß . Was es ist , überlege dir auch das ! Kamst du zu mir aus einem Land , auf dem es keine festen Wege giebt ? Willst du dein Ziel von hier nur noch im Flug erreichen ? Ich weiß , dir ist die Angst vollständig unbekannt . Du fühlst dich an der Hand , die keinen je verläßt , der sich ihr anvertraut . Doch , hebe deinen Fuß nicht von dem sichern Boden ! Noch bist du nicht daheim ! Kannst Waffen nicht entbehren ! Nimm diese Warnung an ! Nachdem ich dich geprüft , hab ich das Recht erworben und auch die Pflicht dazu , in diesem ernsten Ton mit dir zu reden ! « Er hob die Hand und drohte mir in liebevoller Weise mit dem Finger . Da kam es wie ein plötzliches Glück über mich , aber nicht wie ein unverstandenes , sondern wie eins , welches klar und deutlich vor einem steht und voll begriffen wird . Ich nahm ihn bei der erhobenen Hand , zog ihn heraus , machte die Thür zu und sagte : » Komm hervor aus dieser unserer Kammer und schnell herauf zu mir ! Ich muß dir etwas sagen ! « » Was ? « fragte er . » Ein Geständnis . Komm nur , komm ! Ich freue mich so sehr ! « » Ein Geständnis ? Und doch Freude ? « » Ja ! Es ist ein Sieg , ein innerlicher Sieg , den du soeben über dich und mich , über uns beide also , errungen hast ! « Er folgte mir so schnell , wie ich ihm voranstieg . Oben bei mir angekommen , nahm ich ihm das Licht aus der Hand und brannte zunächst die Lampe wieder an , welche er der Perser wegen hatte auslöschen müssen . Als dies geschehen war , bat ich ihn , sich aufrecht vor mich hinzustellen . Ich nahm ihn mit frohem Blicke von oben bis unten in die Augen und sagte dann : » Es ist mir mit dir grad so ergangen , wie es so manchem Menschenkind mit seinem Geist ergeht . Es kennt ihn nicht , bis ihn der Feind ihm zeigt . Ich wußte nichts von dir , bis mich die Massaban auf jene Spuren führten , an denen ich zum erstenmal den Namen Ustad hörte . Man sprach von dir als dem Geheimnisvollen , von dem man ja nichts Schlechtes sagen dürfe . Sie schienen dich nicht bloß zu achten , sondern auch zu fürchten , und dennoch aber hegten sie nur Feindschaft gegen dich , weil sie als Unglückselige dich ja doch hassen mußten . Dann traf ich den Pedehr , der mir nicht trauen wollte . Er nahm die Flucht vor mir , doch holte ich auf meinem Pferd das deinige schnell ein . Es war fast wie bei jenem Morgenritt im Märchen Danyseh , wo das schnellste Pferd des Menschengeistes von dem silberweißen Roß der Menschenseele überholt wird . Als ich hierauf mit ihm sprach , hörte ich zum zweitenmal von dir . Ich begann , in meiner Phantasie nach einem Bild von dir zu suchen . Dann warf mich jene schwere Krankheit nieder , von der ich hier bei dir erstanden bin . Ich lag bewußtlos , ohne Thätigkeit des Geistes . Da begann ich , zu erwachen . Es legte sich eine Hand auf meine Stirn , und dabei war es mir , als ob von ihr eine gütig reine , immaterielle Kraft ausströme und dann durch mein ganzes Wesen gehe . Und eine tiefe Stimme sprach die Worte : Der Herr behüte deinen Eingang und deinen Ausgang von nun an bis in Ewigkeit . Amen ! « » Das war ich , « sagte der Ustad . » Ja , du warst es . Du kamst noch oft , wenn ich nicht wachte . Dann hatte ich einen Traum . Oder war es ein Gesicht ? Ich befand mich im Haine Mamre , bei der Eiche Abrahams . Da trat die hohe Gestalt des Erzvaters leuchtenden Auges vor mich hin und grüßte mich : Friede sei mit dir ! Und als ich das meinige öffnete , standest du vor mir , breitetest deine Hand wie segnend über mich aus und sprachst ganz dieselben Worte . Darum wuchsest du in meinen Fieber- und dann auch in den Genesungsträumen dich in mir zum Ebenbilde jenes ausgewanderten Chaldäers aus , welchem der Herr einst die Verheißung gab : Ich werde dich zum großen Volke machen ! Als ich mich dann so weit erholt hatte , daß ich mich erheben und draußen vor der Halle sitzen konnte , da kamst du zu mir , und was und wie du da sprachst , das war im Geist des ersten Testaments gesprochen , der sich im zweiten die Verklärung holte . Nun kam das Heut , der Dankestag . Hättest du in mir noch höher wachsen können , so wäre das da drüben bei eurem Gotteshaus gewiß geschehen . Du zeigtest dich dort Ahriman nicht nur gewachsen , sondern überlegen . Ich schaute zu dir auf , fast staunend , möcht ich sagen ! Es stieg der Wunsch in meinem Herzen auf , so groß zu sein und auch so rein wie du . Das war wohl auch der mir nicht klar bewußte Grund , daß ich dann jene Beichte sprach , die mich befreien sollte . Ich wollte deiner würdig sein , ganz still , in meinem Innern ! « » Mein Freund , mein lieber , lieber Freund ! « rief er gerührt aus . » Warte , « bat ich , » und höre weiter ! Es wurde Abend . Da stellten sich die finstern Schatten ein . Du zogst sie aus der früheren Zeit herbei und warfst sie leider über deine Gegenwart . Das Licht verschwand . Du wurdest mir fast dunkel . Du ließest diese deine Schatten wachsen . Sie nahmen jene Riesengröße an , von welcher du bei deinem Sonnentage sprachst ! Du aber wurdest kleiner , in meinen Augen immer , immer kleiner ! Ich sträubte mich dagegen , doch vergeblich . Ich wollte dich , die Hochgestalt , nicht lassen . Und dennoch thatst und sprachst du alles , was dich gering und winzig machen mußte . Du warst für mich nicht mehr der Abraham von Erz , an dem kein Schatten fressen , kein Schemen rütteln kann . Du hattest dich in jenen schnellen Hasenfuß verwandelt , der , wenn das dunkle Abbild eines Baumes , die Sonne fliehend , auf sein Lager fällt , rasch auch die Flucht ergreift und , blind vor Angst , im allerschnellsten Lauf von dannen jagt , um seine Feigheit in den Busch zu retten . « » Maschallah ! « verwunderte er sich jetzt . » Diesen Eindruck habe ich auf dich gemacht , nur diesen ? « » Ja ! « antwortete ich . » Wie war das möglich ? ! « » Möglich ? Sag unvermeidlich ! Du sprachst soeben davon , daß ich die Angst nicht kenne . Sie ist mir fast verächtlich . Ich kann sie nicht begreifen . Da plötzlich seh ich die Gestalt , die ehern mir erscheint , als sei sie von des Schicksals eigener Hand gegossen und auf den rechten Platz auf festestem Granit gestellt , von diesem sichern Felsen niederspringen und wie besinnungslos die Flucht ergreifen ! Vor wem ? Vor nichts , als nur vor ihrem eigenen Schatten ! Fühlst du mir denn nicht nach , was ich empfinden mußte ? Ahnst du denn nicht , daß du dich da in mir zerstören mußtest ? Der Ritt durch dein Gedankenparadies , wie war er doch so traurig ! Nicht dieser Thoren wegen , die es verfallen ließen , nein , deiner heiligen Einfalt wegen , in welcher du aus der Erhabenheit der Berge niederstiegst , um dich in Wüsteneien durchzuhungern und dann sogar den Baum des Schwatzes zu beachten ! Du warst mir fast so ideal geworden wie jenes Bild von Akhal , den Durchschauenden , den nie ein Mensch bethört . Was aber war aus diesem Geiste der Untrüglichkeit geworden , als ich ihn , blind vor Angst , die Flucht ergreifen sah , gehetzt von den Phantomen , die ihn auch heut noch nicht verlassen haben ! « Da ließ er den Kopf sinken und war eine kleine Weile still . Dann warf er ihn mit einer energischen Bewegung wieder empor und sagte : » Das war eine böse , böse Sonde , Effendi ! Aber du weißt nicht , wie ich dir dafür danke ! Ich fühle , daß es in mir licht werden will . Siehst du die Schatten , welche von mir weichen und da , zur Thür hinaus , die Flucht ergreifen ? Nicht ? Ich auch nicht . Aber ich fühle , daß sie es thun , daß sie von dir aufgestöbert worden sind und mich verlassen müssen . Du hast mir nichts gesagt , als nur die Wahrheit . Nun sage mir noch eins : Glaubst du , daß ich die innere Kraft besitze , dir wieder das zu werden , was ich dir vor dem heutigen Abend war ? « » Ja ! Fast bist du es schon wieder ! Ich sprach von dem Geständnis und auch zugleich von meiner Freude , bevor wir hier heraufgegangen sind . Das erstere hab ich dir nun gemacht . Die letztere sollst du jetzt mit mir teilen . « » Freude ? Worüber ? « » Ueber dich ! Erinnere dich der Strenge , mit welcher du da unten in der Kammer zu mir sprachst ! Das war der Mann von Erz ! Nicht mehr der Schattenflüchtling ! Du wuchsest plötzlich wieder empor . Du setztest deinen Fuß zurück auf den Granit . Ich bitte dich : Steig wieder auf die alte , gute Stelle ! Ich gebe dir mein Wort : Kein Schatten ist es wert , und wenn es selbst der allergrößte wäre , daß man um seinetwillen auch nur in einzig Mal den Kopf nach hinten wendet ! « » Nach hinten wendet ! « wiederholte er . » Nach hinten ! In die Vergangenheiten ! Und grad dir , dir , der du es nicht einmal der Mühe für wert hältst , auch nur den Kopf zu wenden , dir wollte ich jetzt alle , alle meine Schatten bringen ! Komm heraus ! Ich will dir zeigen , wo sie stecken ! Ich sehe es dir an : du ahnest , was ich will . Du bist glücklich darüber . Dein Auge leuchtet ! Du hast von einem Sieg gesprochen , den ich über dich und mich errungen habe . Jetzt aber ist dir ein noch viel , viel größerer gelungen : Der Sieg über die , denen ich einst unterlag , über sie alle , alle , alle ! Ich bitte dich noch einmal : Komm heraus ! « Er nahm die Lampe und führte mich hinaus in seine Bücherei . Dort stellte er sie auf den Tisch . » Hier wollte ich dir erzählen , wohl stunden- , stundenlang , « sagte er . » Vielleicht wäre ich am Morgen noch nicht zu Ende damit gewesen . Nun aber wird es kurz gemacht , so kurz , wie diese Schatten es verdienen ! « Er deutete auf eine Reihe von Büchern , welche ganz gleich eingebunden waren , und sprach weiter : » Hier steht mein Geist , in Bände