ich Sie mir schräg gegenüber erblicken . Immer wieder fragte ich mich » Wann ? Wo ? « Ein paarmal gelang es mir auch in dem Schwirren und Summen der allgemeinen Konversation den Ton Ihrer Stimme zu vernehmen , und der klang mir so wohlbekannt , als hätte ich ihn jahrelang gehört . Nach Tisch sprachen wir lange zusammen , und mit jedem Augenblick erschienen Sie mir bekannter und vertrauter und es dünkte mich , als läse ich auch in Ihren Augen ein staunendes Wiedererkennen . Ich hatte ja seit unserer Ankunft in Peking viel von Ihnen gehört , von Ihren merkwürdigen , abenteuerlichen Reisen in Teilen Chinas , die kaum je von Europäern betreten werden , von Ihren wunderbaren Sammlungen , von Ihren Freundschaften mit den Lamahs entlegener Klöster , die nie mit andern Fremden sprechen , Sie aber dank Ihren buddhistischen Studien beinahe als einen der Ihrigen ansahen . Ich war natürlich sehr gespannt gewesen , Sie kennen zu lernen , aber was ich empfand , als ich Sie nun wirklich sah , hatte nichts mit dem zu tun , was ich von den Umständen Ihres jetzigen Lebens gehört - die Wurzeln dieses Gefühls des Wiederfindens mussten weit zurückgreifen in die grauen Fernen längst vergessener Zeiten . Auf dem Heimweg in dem blauen zweirädrigen Karren , der auf der holprigen Strasse wie ein Schiff im Sturme schwankte und den das Maultier oft nur mit äusserster Anstrengung aus den fusstiefen Löchern herausziehen konnte , und später in meinem kleinen schmucklosen Zimmer des Hotel de Pékin - immer wieder fragte ich mich : » Wann ? Wo ? « Aber an jenem Abend fand ich keine Antwort . 45 New York , den 23. Juni 1900 . Wie ich die Antwort fand , will ich Ihnen heute schreiben ! Ihnen schreiben ? und weiss doch nicht , wo Sie sind , ob dieser Brief je vor Ihnen liegen wird , ob es für uns noch eine Zukunft geben kann , oder ob das ganze weitere Leben nicht wehes Erinnern sein muss an vergangene Tage . Und doch ist mir , als umgäben mich Ihre Gedanken , als lauschten Sie irgendwo in weiter Ferne ob nicht ein Wort von mir zu Ihnen dringe . Sie in der Weite zu suchen , sende ich diese kleine Geschichte aus ; halb vergessen , nie wieder berührt , hat sie seitdem verborgen in mir geruht ; wie sie nun wieder lebendig vor mir ersteht , fühle ich , dass mit ihr auch das nie ausgesprochene Hoffen in mir schlummerte , sie Ihnen doch noch einstmals am Abend eines schönen künftigen Sommertages ganz leise zuflüstern zu können ! Es war am Morgen nach dem Diner des alten Gesandten . Lautlos trat meine filzbesohlte Amah in das Zimmer . Ihr schwarzes Haar war glatt zurückgestrichen und am Hinterkopf künstlich zu einem Horn gedreht . Sie trug jahraus , jahrein lange indigoblaue Baumwollgewänder ; Winters waren sie dick wattiert und mit zunehmendem Froste zog die Amah eines über das andere , bis dass sie wie eine Tonne aussah und ihre Arme wie riesige Würste von ihr abstanden . Sommers dagegen , wenn all die wattierten Mäntel auf dem Pfandhaus ruhten , erschien sie ganz schlank . Die Amah war Christin und in der Klosterschule des Petang von den französischen Nonnen erzogen . Sie hatte dort einige Worte Französisch aufgeschnappt , was den Verkehr entschieden erleichterte , wenn man erst mit ihr übereingekommen war , was jedes Wort in ihrer Gebrauchsweise eigentlich bedeuten sollte . An jenem Morgen sah sie strahlend aus und sagte mir : » Joli Monsieur hat ein Geschenk für Madame geschickt . « Wer Geschenke machte war nach der Amahs französischem Sprachgebrauch immer joli ; sie urteilte offenbar nach dem Grundsatz » handsome is who handsome does . « In den schmalen gelblichen Händen hielt sie eine grüne Nephrit-Schale , die mit rosa Magnoliablüten gefüllt war . Zwischen den Blumen aber lag Ihre Karte . Ich beugte mich über die Blüten und wie ich ihren süssen Duft einsog , überkam mich ein seltsames Gefühl des Schonerlebten . Es war mir , als träume ich , als müsse ich nun handeln , wie es mir eine geheimnisvolle , unsichtbare Macht eingab . Mechanisch ergriff ich einen der braunen Zweige , an dem zwischen gelben , pelzigen Schutzblättchen zwei schöne rosa Knospen sich öffneten . Mechanisch trat ich vor den ziemlich blinden , zersprungenen Hotelspiegel und , wie fremdem Willen gehorchend , hob ich den Blütenzweig über mir in die Höhe , schlang eine Strähne meines Haares mehrmals zwischen den beiden Blumen durch und befestigte sie so auf meinem Kopfe . Im Augenblick aber , als ich dies getan und mich vorbeugte , um besser in dem blinden Spiegel zu sehen , verschwanden plötzlich die Wände des kleinen Hotelzimmers und mit ihnen die Möbel , die Amah und alles , was noch vor einer Sekunde um mich gestanden hatte . Ich selbst war verschwunden und doch sah ich . Ich sah ein spiegelglattes Meer , über dem der wolkenlose Himmel in endlosen Höhen blaute . Manchmal hob sich die schimmernde Fläche , als seufze die See im Traume ; dann kräuselte sich ein kleines Wellchen am goldig flimmernden Strand entlang und versank wieder in das lautlose ewige Blau . Am Ufer sassen zwei Menschen . Sie waren beide hoch und kräftig gewachsen und mit weichen Fellen unbekannter Tiere bekleidet ; goldblondes Haar hing beiden über die Schultern herab und ihre Augen waren blau und klar und doch so unergründlich tief wie das weite Meer vor ihnen . Über beiden lag ein unendlicher Zauber von Jugend , von Frühmorgen , von Weltenbeginn . Der Mann beugte sich zum Meere und griff nach einer grossen , offenen rosa Doppelmuschel , die von einer Welle leise herangespült wurde . Er reichte sie der Frau . Die nahm sie , hob sie über sich in die Höhe , schlang eine Strähne ihres Haares mehrmals zwischen den beiden rosa schimmernden Muschelhälften hindurch und befestigte sie so auf ihrem Kopfe . Dann wandte sie sich lächelnd zu dem Manne . - - Der aber hatte Ihre Züge angenommen , und das Bild der Frau , das sich in seinen Augen spiegelte - war mein eigenes ! Ich wollte mehr und tiefer schauen - doch die Vision entschwand - das blaue Meer ward grau und trübe - die beiden Gestalten versanken . Ich befand mich wieder in dem dürftigen Pekinger Hotel-Zimmer ; vor mir hing der kleine gesprungene Spiegel ; die Amah stand neben mir , als sei nichts vorgefallen . Aber meine Frage : » Wann ? Wo ? « war beantwortet . In Uranfangszeiten haben wir beide zusammen an sonnigem Strande gesessen - vielleicht war ich einstmals das erste Wesen , das sich schmückte - einem anderen zu gefallen . Die grüne Nephrit-Schale , die Sie mir mit den Magnolienblüten sandten , hat mich nie verlassen . Sie steht auch heute vor mir , und ich starre auf die seltsamen , fremden Schriftzeichen , die in den harten grünen Stein gemeisselt sind und die da bedeuten : was einmal auf dem ewigen Rade der Zeiten gewesen , muss stets von neuem wiederkehren . Wirres Vergangenheitserinnern , banges Zukunftsahnen durchschauert mich . Im Dunkeln tasten wir umher , bis wir in völliger Nacht versinken - wissen nicht , woher wir kommen , noch wohin wir gehen . 46 New York , den 24. Juni 1900 . Immer dieselben widersprechenden Nachrichten in den Zeitungen . Die Schilderungen entsetzlicher Metzeleien , daneben die Versicherungen chinesischer Gesandten , das die Fremden in Peking noch am Leben seien , dass ihnen irgend ein chinesischer General beistände . Was soll man glauben ? Ach , man glaubt ja bis zuletzt immer , was des Herzens heissester Wunsch ist . Ich habe angefangen mein Pekinger Tagebuch wieder durchzulesen . Auf jeder Seite steht Ihr Name , lieber Freund , und daneben irgend eine neue Freude , die Sie sich für mich ausgedacht ! Damals nahm ich es alles so hin - als könne es nicht anders sein . Jetzt erst beim Lesen ist es mir , als spräche aus den vergilbten Blättern eine ferne Stimme zu mir und erzählte mir leise von Dingen , die ich nur dunkel geahnt . Jetzt versteh ich - jetzt , wo vielleicht ... Aber ich will das Entsetzliche nicht denken - es darf nicht so enden ! Ich habe ja auch gar keinen sicheren Anhaltspunkt dafür , dass Sie mit in Peking eingeschlossen sind - nur dass es so ungefähr die Zeit ist , in der Sie von Ihrer Reise zurück sein sollten . Aber wie oft dehnen sich solche Reisen im Innern länger aus , als man zuerst berechnet , und wenn Sie unterwegs von den Unruhen hörten , werden Sie doch sicher nicht den gefahrvollen Weg nach der Küste eingeschlagen haben , sondern werden wohlgeborgen bei einem Ihrer Freunde geblieben sein . Denn Sie hatten deren ja so viele unter den Eingeborenen und sind mir immer als der eine Fremde erschienen , der wirklich Fühlung mit den Chinesen hatte . Sie kannten Palastbeamte , Zensoren , Gildenhäupter . Literaten , während so manche andere Europäer beinah einen gewissen Stolz hineinsetzten , von den Kindern des Landes möglichst wenig zu wissen . Jetzt ist es mir ein Trost , mich daran zu erinnern , dass Sie auch unter den Mongolen , die jeden Herbst nach Peking ziehen , Freunde hatten , und unter den Händlern , die die fernen Provinzen durchstreifen , um für reiche Sammler berühmten alten Vasen nachzuspüren . Von all diesen Leuten erhielten Sie stets Nachricht von Dingen , die anderen verborgen blieben , und Sie haben gewiss die Ursachen und das Entstehen dieser neuesten Begebenheiten , die uns als plötzliche Erscheinungen überraschen , lange im voraus gekannt . Sie sind ja vielleicht der einzige Europäer , der China so gut kennt , dass Sie spurlos in den Volksmassen untertauchen könnten - den Strickland Chinas hatten Kipling-Schwärmer Sie einstmals genannt . Wenn irgend einer , mussten Sie sich retten können . Wenn ich doch aber nur eine Silbe von Ihnen hörte ! Ach , dies fortwährende Grübeln und Sehnen - dies Wissenwollen und doch Zittern vor dem Wissen . Beständig schweifen die Gedanken zurück zu den verflossenen Jahren . Das Pekinger Häuschen , das Sie uns zu mieten und einzurichten halfen , sehe ich immer wieder vor mir . Mit Mauern umfriedet lag es in der Strasse hinter den Gesandtschaften nahe am Hatamen , dort , wo die grossen Bäume stehen . Des kleinen Hofes mit der riesigen , verwitterten Steinschildkröte , und der Wistaria mit den hell lila Blütendolden gedenke ich und der vielen Abende , die wir unter dem alten Baume sitzend dort verbrachten . Der Wind spielte in den Zweigen und leise fielen die blassen Blüten auf uns herab . Eine verspätete Biene flog summend durch den Hof . Von jenseits der Mauer drangen die seltsamen , abendlichen Rufe der Verkäufer , die durch die Strassen zogen , aus der grossen , grauen Stadt zu uns - Töne aus einer Welt , von der wir allmählich einige kleine Äusserlichkeiten zu unterscheiden lernten , deren Geist und innerstes Wesen uns doch ewig fremd und rätselhaft bleiben werden . Und beklemmend wurde in solchen Stunden das Gefühl unendlicher Ferne und Weite . Einer Last gleich legte es sich auf das Herz . Ein traumhaftes Empfinden der Angst , im Raum verloren , durch unabsehbare Entfernung und unendliche Zeiten von allem getrennt zu sein , das früher einmal unsere Welt gewesen . Was mag aus unserem Häuschen geworden sein ? Was aus den Menschen allen , die ich dort gekannt , die inmitten Tausender fremder und feindlicher Wesen so ahnungslos sicher dahinlebten ? Es ist , als seien sie alle weggezaubert , versunken in eine Nacht , die unser Blick nicht zu durchdringen vermag . Immer wieder sehe ich sie alle vor mir , wie sie sich am Morgen unserer Abreise in unserem kleinen Hofe versammelt hatten , um uns Lebewohl zu sagen . Öde und ausgeräumt war alles und Ta dirigierte die Kulis , die sich die letzten Koffer und Kisten aufluden . Man sass auf den Treppenstufen und auf dem Rücken der alten Steinschildkröte herum , und alle Sprachen schwirrten durcheinander . Abschied wurde genommen und Rendez-vous in der Pariser Ausstellung verabredet : Auf Wiedersehen ! auf Wiedersehen ! tönt es mir immer wieder in den Ohren . Wie oft und ahnungslos haben wir doch alle an jenem Morgen das Wörtchen wiederholt ! Und dazu knatterten die Feuerwerke , mit denen die Chinesen alle Abreisen begleiten , um die bösen Geister zu verscheuchen . Aber die füllten wohl schon damals das ganze Land , unsichtbar lauernd harrten sie ihrer Stunde und keiner von jenen , die da standen , fühlte ihre Gegenwart . Denn das Schicksal schlägt mit Blindheit , die es zu verderben gewillt ist . Und Sie , der Sie vielleicht der Einzige waren , der ahnend vorausschaute , wo sind Sie , lieber Freund ? - das ist die quälendste , unerträglichste Frage . In immer neuen Gefahren glaube ich Sie zu sehen . Wann werden wir wissen ? oder ... werden wir nie wissen ? ... 47 New York , den 25. Juni 1900 . Mein Tagebuch ist mein einer grosser Trost . Ich vertiefe mich ganz in seine Lektüre . In ihm erlebe ich Vergangenes immer von neuem und vergesse zeitweise die qualvolle Gegenwart . Ich kann verstehen , was ganz alte Leute meinen , wenn sie von der grossen Freude sprechen , die es gewährt , einen Menschen zu treffen , der uns kannte , als wir jung waren . Mein Tagebuch ist mir wie jemand , der mich schon lange kennt , in dem ich mich wiederfinde , und vor allem ist es mir jemand , der Sie gekannt hat . Wie lang verweil ich doch bei den Seiten , in denen ich etwas von Ihnen wiederfinde ! Heute las ich von einem Morgen , an dem Sie mich abholten , um mir in chinesischen Läden bei Besorgungen für das Häuschen zu helfen . Nur wenige Worte enthält mein Tagebuch darüber , aber die rufen mir alles wieder lebhaft vor Augen . Ob Sie sich wohl auch noch daran erinnern ? Es war Winter . Wir gingen durch das finstre Tor der Tatarenstadt und dann über die Bettlerbrücke , uns mühsam einen Weg bahnend zwischen langen Zügen mongolischer Kamele , zahllosen wirr durcheinanderfahrenden blauen Karren und einem Gewühl seltsam fremdartiger Menschen : Mongolen , in breitabstehenden Pelzmützen und dicken ockergelben und kupfrig roten Röcken ; Chinesen , fröstelnd trotz ihrer vielen wattierten Gewänder , die Hände unter den lang überhängenden Ärmeln verborgen , auf dem Kopf einen spitz in die Höhe stehenden roten Baschlick , der fest um den Hals zugebunden war . Andere trugen über den Ohren kleine Pelzfutterale ; man konnte sie oft mehrmals anrufen , sie hörten gar nichts und wurden beständig von Karren und Reitern angerannt . Das waren die Wohlhabenden , die sich gegen die Kälte zu schützen vermochten , aber auf der Bettlerbrücke , zwischen den kleinen offenen Buden und Garküchen , drängte sich eine Menge grausiger Gestalten ; halb nackt waren manche und die abgemagerten Körper zitterten vor Kälte ; wir sahen eingefallene Gesichter , blaue Lippen , violette , halb erfrorene Glieder , Wunden und Gebrechen aller Art , Haare struppig verfilzt , Augen , die wie im Wahnsinn starrten . Kaum menschliche Wesen waren sie zu nennen in ihrem Schmutz und ihrer namenlosen Verkommenheit . Und viele waren noch sehr jung , noch Kinder , und mussten doch auch mal eine Mutter gehabt haben ! Und der Jammer dieser vielen , besser nie gelebten Leben erschien deshalb so entsetzlich , weil seine völlige Hoffnungslosigkeit so klar vor Augen lag . Umringt von den Bettlern blieben wir an einer der kleinen Garküchen stehen , wo in alten , hundertfach gesprungenen und mit Draht kunstvoll geflickten Porzellannäpfen , namenlose , seltsam duftende Speisen feil geboten wurden . Heisshungrig schauten die Bettler nach der grossen Pfanne über dem offenen Feuer , auf der Fleischabfälle , zu Bällen geformt , in siedendem Fett gebraten wurden . Bläulich stieg der heisse Dunst auf in der kalten Winterluft und gierig sogen die Armen den Geruch brozelnden Fettes ein und drängten sich möglichst nahe an das Feuer . In ihres Daseins Hölle war eine warme Mahlzeit am Feuer einer Garküche wohl das Höchste , was die Erde zu bieten vermag - und Sie liessen allen zu essen geben und blieben dabei , damit auch jeder wirklich sein Teil bekam ; denn die Bettler Pekings waren Ihre besonderen Schutzbefohlenen . Wie oft habe ich Sie von dieser merkwürdigen Schar umringt gesehen , die wir Ihre Garde nannten ! Ich fragte Sie nach einigen der seltsamsten Gestalten , Sie kannten sie alle und sagten : » Auch unter diesen rechtlosesten aller Menschen bestehen noch Rechtsstreitigkeiten : Jeder darf nur in bestimmten Strassen betteln ; alle zusammen bilden sie eine Gilde , an deren Spitze ein kaiserlicher Prinz steht , dem sie einen jährlichen Tribut entrichten müssen - denn nichts auf Erden wird mehr ausgebeutet , als das Elend , das sich nicht zu wehren vermag . « Von der Bettlerbrücke bogen wir rechts in kleine Strassen ein . Ich weiss nicht , ob der Anblick all des Jammers um uns her uns darauf gebracht hatte , aber ich entsinne mich , dass wir auf dem Weg von dem geringen Mass an Glück sprachen , das auf Erden zu finden ist , und dass ich sagte : » und diesem bisschen Glück vermögen wir auch nicht mal voll ins Gesicht zu schauen , immer erscheint es uns im Profil , zurück in die Vergangenheit , oder hinaus in die Zukunft schauend . « » Wär es denn wirklich gar nicht möglich , dem Glück in der Gegenwart kühn und entschlossen , voll ins Antlitz zu schauen ? « sagten Sie leise vor sich hin , und der Klang Ihrer Stimme erschien mir plötzlich beinah fremd , bebend , als benähme Ihnen die eisige Luft den Atem . Ihre leisen Worte enthielten eine Frage . Aber ich vermochte nicht zu antworten - fürchtete das Zittern der eigenen Stimme . Fühlte Ihre Augen auf mir ruhen und wagte nicht aufzuschauen . Ich schüttelte nur schweigend den Kopf . Der Wind pfiff eisig um die Ecken . Der Boden war hart gefroren . Der Winterhimmel hing schneeschwer herab . Es war , als laste uraltes Unheil auf der ganzen Welt . Fröstelnd empfand ich plötzlich die grosse Kälte . Eilend , wie vor Gespenstern fliehend , schritten wir weiter . Wir sprachen beide nicht mehr . 48 New York , den 26. Juni 1900 . Vor einigen Tagen lasen wir , dass der Provikar Hofer , dessen Warnungen niemand in Europa glauben wollte , und der nach China zurückgekehrt ist , sich in Schanghai befindet . Ich telegraphierte ihm , ob er wisse , wo Sie sind , denn ich konnte die Ungewissheit nicht mehr länger ertragen . Und soeben kommt die Antwort : » Muss nach letzten Nachrichten unmittelbar vor Beginn Belagerung Peking eingetroffen sein . « Also nicht mal mehr die eine schwache Hoffnung , dass Sie vielleicht irgendwo im Innern Chinas sicher und verborgen seien ! Daran hatte ich mich während der letzten Tage geklammert . Je schlimmer die Nachrichten über Peking lauteten , desto sicherer und bestimmter nahm ich an , dass Sie nicht dort seien , suchte mir zu beweisen , dass Sie gar nicht dort sein könnten , wollte es nicht zugeben . Und nun sind Sie doch dort ! - All die entsetzlichen Nachrichten , die wir seit Tagen mit Grauen gelesen , sie sind zu lebenden Wirklichkeiten , zu Bildern geworden , die mich unablässig verfolgen , seit ich weiss , dass Sie mit eingeschlossen sind in der Stadt des Leidens . Jeder einzelne , der dort hinter den finsteren Mauern der Erlösung harrt , muss ja den fremdesten Menschen Mitleid einflössen - aber was ist das neben der Angst und Verzweiflung , die mir das Herz zerreissen um Sie - um Sie , liebster Freund ! Und jetzt gar nichts tun zu können , wo man so gern das eigene Leben gäbe , wo es schon Glück wäre , auch nur mit leiden zu dürfen ! Und inmitten all der Marter plötzlich vor dem eigenen Herzen wie vor einer Offenbarung stehen und sich staunend fragen : Kann das denn sein ? Bin ich es denn wirklich ? 49 New York , den 27. Juni 1900 . Seit wann weiss ich eigentlich , was Sie meinem armen , in frühem Morgensturm entwurzelten Leben geworden sind ? Hab ich es dort in Peking schon geahnt ? Hab ich es jetzt erst allmählich entdeckt ? Ich weiss es nicht mehr . Mir ist , als hätte es nie anders sein können . - Wir haben es uns nie so ganz gesagt - aber wir beide wussten es doch wohl immer . So vieles lag zwischen uns , hemmend und trennend . - Wozu da reden ? Und sind wir nordische Menschen nicht alle etwas Stumme des Himmels ? Es ist , als hindere uns eine gewisse Scheu , unsere tiefsten Gefühle auszusprechen . Mit der Feder sind wir viel beredter , da fühlen wir uns allein und frei , als könne niemand hören , was wir lautlos dem Papier anvertrauen . Äusseren Schicksalszwanges hat es bedurft , um klar zu sehen , der Angst , die die Schleier zerriss . Wenn ich an meine jungen Jahre denke , die des Lebens schönste sein sollten , so habe ich immer nur die eine Erinnerung an eine Last , die über meine Kräfte ging , die ich weiter trug , weil ich mir nicht zu helfen wusste , weil ich im Ertragen nicht schwach war , aber wohl viel zu schwach und öffentlichkeitsscheu , um selbst mein Schicksal in die Hände zu nehmen und es nach eigenem Willen umzuwandeln . Ich trug es wie es nun einmal war . Ich habe einige Frauen vom Übermenschtypus gesehen , die dasjenige einfach abschüttelten , was sie in der freien Entfaltung ihres Ichs hinderte ; die schicksalsstark waren und selbstgestaltend in ihr Leben eingegriffen ; denen die eigene Person das Idol war , vor dem sich alles beugen musste . Ich habe auch Frauen gekannt , die zwei getrennte Leben führten , ein Leben vor aller Augen offen , kalt , grau , von unendlicher Langeweile ; und daneben ein anderes , verstecktes , voll süsser Geheimnisse , voll erstohlenen Glücks , das die Leere und Öde des ersteren ersetzen musste . Beide Arten von Frauen habe ich angestaunt , vielleicht auch etwas beneidet , aber ich hätte keine je nachahmen können - es wäre allzusehr meiner innersten Natur zuwider gewesen . Ich habe gewartet . Gleich vielen Frauen , die ihr Leben lang nichts tun als warten . Die Wandlungen in meinem Leben sind immer von aussen gekommen . Nach Jahren , in denen die goldene Jugend schwand , ward mir die allzu schwere Last , ohne mein Dazutun , wenigstens teilweise abgenommen . Aber sie hatte mir ihren Stempel gelassen . Das Gebücktsein war mir geblieben , wie den Bäumen , die sich jahrelang vor dem Nordsturm beugen mussten . Alle Schwungkraft hatte ich verloren . Hoffnungslos schaute ich um mich . Was konnte das Leben noch enthalten ? Wanderjahre folgten und brachten etwas äussere Zerstreuung . In mir war es ganz still geworden . Ich hielt es für Todesstille , die ja für so viele lange vor dem Tode kommt . So kam ich nach Peking . Damals wähnte ich , des Lebens Kampf sei überwunden , und wunschlos lebte ich hin in wachem Traume . Wie blasse Nebelbilder glitten die Tage an mir vorüber . Müde , müde war ich , gleich allen , die nur noch des Endes harren . Da kamen Sie . Wie soll ich das schildern , was unbewusst , ungesucht geworden , woran ich nie rührte , was ich nicht sehen wollte . Die wir viel gelitten , wir scheuen uns davor , die dunkelsten , verborgensten Tiefen des eigenen Herzens zu durchleuchten , wir gehen rasch an diesen Schlupfwinkeln alter und neuer Leiden vorbei , wie Kinder schnell durch ein finsteres Zimmer laufen . Das Leben hat uns Angst vor dem Unbekannten gelehrt , wir wissen , dass es meist neues Weh bedeutet , drum rühren wir nicht daran , schreiten vorsichtig und reden leise . Mutlos war ich geworden . Wollte nicht sehen , dass wir nach allem Erlebten , doch immer noch Träger vieler Möglichkeiten sind , die verborgen in uns ruhen , harrend nur einer gewaltigen Kraft , die sie unter Schmerzen ins Leben rufe . Ich wähnte , mein Tag ginge schon zur Neige , und es ward noch einmal Licht . Ist es eine gütige , wärmende Sonne , die den Abend reicher und goldener bescheinen wird als es der ganze müde Tag je gewesen ? Ist es ein grell sengender Blitz , der aus dunklem Gewölk niederfährt und das verwüstete Land noch einmal fahl bescheint ? Ich weiss es nicht . Weiss nicht , welch Himmelszeichen über uns steht . Kann nicht der Zukunft Schleier durchdringen . Aber die gewaltige Kraft , die Verborgenes , Schlummerndes ins Leben ruft , sie ist gekommen in Sorgen und Bangen ; sie drückt mir die Feder in die Hand zu Worten , die ewig ungeschrieben geblieben wären , ohne diese Angst um Sie ! Äusseren Schicksalszwanges hat es bedurft , der Not dieser Tage , die mich in mir sehen lehrten . Heute weiss ich , was Sie mir geworden . 50 New York , den 29. Juni 1900 . Die Seymoursche Kolonne ist nach Tientsin zurückgekehrt - und sie ist nie nach Peking gekommen ! Alles Hoffen , dass sie doch dahin gelangt sei , war vergeblich . Nichts , nichts über Peking ist bekannt - und ich weiss nur , dass Sie dort sind . Es heisst , chinesische Vizekönige im Süden hätten Telegramme erhalten , dass die Gesandtschaften sich am 25. Juni noch hielten . Und die ganze Welt lässt sich das bieten , dass den chinesischen Beamten in Schanghai andauernd Nachrichten zugehen über das , was in Peking geschieht , dass die Fremden aber kein Telegramm von dort erhalten können ! Warum bemächtigt man sich denn nicht des Telegraphen-Taotais Sheng in Schanghai und sagt ihm : Binnen vier Tagen erhalten sämtliche Regierungen Chiffre-Telegramme ihrer Gesandten , oder du wirst geköpft ! Das würde wirken . Aber gegen grosse Mandarine ist man ja noch nie scharf aufgetreten ! 51 New York , den 3. Juli 1900 . Heute sagt ein Telegramm , in Tientsin sei ein Bote Sir Robert Harts aus Peking eingetroffen , der einen vom 25. Juni datierten Zettel gebracht habe , die Lage sei verzweifelt , die Fremden in der englischen Gesandtschaft vereinigt , wo sie beschossen würden . O Gott und zu wissen , dass Sie dort sind ! Ob es noch andere Menschen gibt , die dieselbe Verzweiflung empfinden können wie ich ? Und die Empörung , wenn man dann in derselben Zeitung , wo dieser Notschrei steht , spitzfindige Erörterungen darüber liest , ob eigentlich ein Krieg mit China bestände oder nicht , sowie Äusserungen des langjährigen Bewohners und Kenners Pekings , Herrn von Soundso , der erkläre : Prinz Tuan könne unmöglich so gehandelt haben , wie erzählt werde , er sei zwar rauh , aber ehrlich und gutmütig . Ich glaube wahrhaftig , es gibt noch Leute , die sich was darauf einbilden , so einen chinesischen Prinzen gekannt zu haben . Oh über den unvertilgbaren Snobismus der Welt ! 52 New York , den 6. Juli 1900 . Diese entsetzlichen Nachrichten in den Zeitungen - ein Martyrium , sie lesen zu müssen . Die schauerlichsten Einzelheiten , die auf dunklen Wegen über die letzten Kämpfe in Peking bekannt geworden , werden herausgegriffen und dann in riesigen Lettern fett gedruckt als Überschriften , die Leiden all der Unglücklichen zur geschäftlichen Spekulation ausgenutzt , die auf das Sensationsbedürfnis der Menge rechnet . Und nicht nur die Gleichgültigen lesen das , nein auch die , denen es an die innersten Wurzeln alles Lebens und Empfindens greift . Sie sehen all die furchtbaren Bilder vor den inneren Augen , Tag und Nacht ! Wird nichts sie je mehr verwischen ? Und sie müssen auch lesen , dass man die Gesandtschaften als verloren aufgegeben und sich damit abgefunden hat . Es sei überflüssig , heisst es , nochmals Leben zu riskieren , um ihnen zu Hilfe zu eilen , da doch alles längst vorbei sein müsse . Man spricht sogar davon , Tientsin zu räumen . Im Herbst , wenn Hitze und Regenzeiten vorüber , solle dann ein schöner , grosser Strafzug ausgeführt werden . Was liegt uns an Strafe , die wir um unsere Liebsten bangen ! wir wollen Rettung ! 53 New York , den 12. Juli 1900 . Heute besuchten mich ganz fremde Leute , ein alter Mann und eine alte Frau . Sie sagten , sie hätten einen Sohn in Peking gehabt - und das genügte mir ; die fremden Leute standen mir mit einemmal ganz nah . Aber sie sagten , sie hätten ihn gehabt , nicht , dass sie ihn hätten . Sie sind ganz überzeugt davon , dass dort hinter den hohen Mauern alles zu Ende ist , dass keiner mehr lebt . Beide hatten etwas Resigniertes , wie alte Leute , denen ihre Liebsten einer nach dem andern weggestorben sind , bis Unglück schliesslich als das allein Selbstverständliche erscheint . Die alte Frau hatte etwas frischen Krepp auf ein schäbiges schwarzes Kleid gesetzt , das aussah , als sei es in einer Reihe von